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KURD LASSWITZ

AUF ZWEI PLANETEN
ERSTER TEIL

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RGL e-Book Cover 2016©

First published by Emil Felber-Verlag, Weimar, 1897
This e-book edition: Roy Glashan's Library, 2016
Produced by Roy Glashan

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"Auf zwei Planeten," Emil Felber-Verlag, Weimar, Ausgabe von 1898



HANDLUNG

Ende des 19. Jahrhunderts entdecken der Direktor der Abteilung für wissenschaftliche Luftschiffahrt Hugo Torm, der Naturforscher Josef Saltner und der Astronom Grunthe in einem Heißluftballon den Nordpol. An dem Ort, an dem laut ihren Berechnungen der Pol liegen sollte, finden Sie eine offenbar künstliche Insel, die auf ihrer Oberfläche eine unvollständige Karte der Erde aufweist. Nach einer kurzen Unterredung entscheiden die drei Männer, dass es sich hier offensichtlich um Bewohner nicht menschlicher Natur handelt. Nachdem Saltner die Karte fotografiert und Torm eine Brieftaube mit dem Film losschickt, versuchen die Männer, der unbekannten Macht zu entfliehen. Dieses Vorhaben wird durch einen unerklärlichen, immer stärker werdenden Sog über der Insel in die Höhe zum Scheitern verurteilt. Schnell wird klar, dass hinter diesem Phänomen die Bewohner der Insel, Lebewesen vom Mars, Martianer, verantwortlich sind. Der Sog wurde aber nicht willentlich aufgrund des Ballons aktiviert, sondern weil gerade ein Transport eines Schiffes von der Insel zur Weltraumstation über dem Pol stattfindet. In diesen, von der Insel aus gesteuerten, Sog wurden die Wissenschaftler gezogen. Nachdem das Schiff die Weltraumstation erreicht, wird der Sog abgeschaltet und der Ballon fällt in das Wasser nahe der Insel. Die Martianer verlassen Ihre Basis, um in der dreifachen Schwerkraft der Erde die Männer zu bergen.

Als Grunthe und Saltner erwachen, finden sie sich wohlumsorgt, Torm hingegen scheint verloren, denn er wurde nicht gefunden. Zwei Martianer-Frauen, La und Se, kümmern sich um die beiden. Saltner sagt diese Behandlung sehr zu, Grunthe hingegen verhält sich distanziert. Nach kurzen Konversationsschwierigkeiten (die Martianer hatten bis jetzt nur Inuit kennen gelernt) erhalten die Menschen von ihren Gastgebern alle Gegenstände, die aus der Absturzstelle geborgen werden konnten, darunter ein Buch, von dessen Besitz sie kein Wissen hatten, das ein Wörterbuch Deutsch-Martian darstellt. Dass dieses Buch die Handschrift von Friedrich Ell, ein Freund Torms, trägt, schürt den Verdacht, dass dieser bereits Kontakt mit den Martianern aufnehmen konnte. In seinen Gedanken erinnert sich Grunthe, dass Ell die treibende Kraft hinter der Expedition war, also erwarten konnte, dass sie die Martianer treffen werden.

Über die Beweggründe der Martianer ist sich zu diesem Zeitpunkt noch keiner der beiden klar. Sie zeigen sich sehr freundlich und hilfsbereit. Sie erzählen von ihrem Heimatplaneten, der seit Jahrhunderten keinen Krieg kennt, und rühmen sich der Martianheit – ihres Zeichens die Vernunft und Kultur der Martianer. Sie werden als hochintelligentes Volk beschrieben, das alle Techniken gemeistert hat, um sich voll und ganz auf ihre Bildung zu konzentrieren. Jedoch sind die Martianer fasziniert von der Sonnenenergie, die die Erde aufweist – ein Vielfaches wie auf ihrem Heimatplaneten.

Saltner und Grunthe hegen den Wunsch, in ihre Heimatländer zu gehen, was aber von den Martianern abgetan, jedoch nicht verneint wird. Grund dahinter ist, dass die Martianer auf die Ankunft eines martianischen Botschafters warten, der die Menschen offiziell begrüßen möchte. Von ihm erwarten sie neue Befehle. Während sie auf den Botschafter warten, entwickelt sich zwischen Saltner und La eine liebevolle Beziehung. Dass die Martianer die Menschen jedoch ein wenig herablassend ansehen und Liebesbeziehungen unter Martianern nicht exklusiver Natur zu sein scheinen, wird die Tragkraft dieser Entwicklung entschärft. Bei einem Ausflug entdecken die Martianer, dass Torn den Fallschirm benutzte, bevor der Ballon aufschlug. Er könnte also noch leben.

Die beiden Menschen werden auf die Raumstation eingeladen, um den Abflug eines Schiffes zum Mars zu beobachten, dabei erkennen sie die weit höher stehende Technologie der Martianer, allen voran die Veränderung der Schwerkraft jedes Objektes, worin auch ihre Hauptantriebsenergie ihrer Raumschiffe liegt.

Nach einigen Wochen erscheint nun Ill, eine Führungspersönlichkeit der Martianer, und lädt die beiden Menschen ein, zum Mars zu kommen. Die Nordpol-Insel wird aufgrund der harten Wetterbedingungen zu dieser Zeit jedenfalls verlassen sein – den beiden Menschen bleibt also faktisch keine Wahl. Nach einem Streitgespräch mit Grunthe, in dem dieser trotz seiner hohen Intelligenz dem Martianer unterliegt, wird ein Kompromiss gefunden: Grunthe wird in einem fliegenden Schiff nach Deutschland gebracht, Saltner wird mit zum Mars gehen.

Zur gleichen Zeit wird das Geschehen um Friedrich Ell, der Autor des Wörterbuches, und Isma Torm, Ehefrau des scheinbar verlorenen Hugo Torm, im deutschen Städtchen Fridau beleuchtet. Ell, dessen Vater All der einzige Überlebende einer der ersten martianischen Erdlandungen war, hält seine Identität als Halb-Martianer bedeckt. Schnell wird klar, dass er Isma liebt, die Beziehung zwischen ihr und Hugo jedoch respektiert.

Bei einem Treffen der zwei Freunde wird das Telegramm der Brieftaube geliefert. Die beiden wissen nun, dass die Expeditionsgruppe auf die Insel traf.

Einige Tage darauf erscheint Grunthe sowie Ill in Fridau – Ill klärt Ell über seine Abstammung auf und weiters, dass All der Bruder Ills war. Ill ist somit Ells Onkel.

Isma möchte Torn finden, Ell geht mit ihr, Grunthe bleibt. Kurz vor dem Nordpol gibt es einen Unfall mit einem englischen Kriegsschiff, das Flugschiff der Martianer kann nicht mehr nach Deutschland zurück – Ell als auch Irma müssen nun den Mars besuchen.

Torn überlebt, da er von Inuits aufgenommen wird. Durch einen martianischen Apparat, der in die Zeit zurückblicken kann, sehen die Protagonisten, dass er von einem englischen Kriegsschiff gefunden wird.

Es vergehen einige Monate, bis die Nordpol-Station wieder angeflogen wird. Die Beziehung zwischen La und Saltner wird intensiver. Sie meint jedoch, dass sie durch ihre Abstammung nicht mit ihm vereint sein kann. Isma wird krank und kann nicht gleich mit dem ersten Schiff zur Erde reisen. Torn probiert daraufhin, durch Ell selber auf den Mars zu kommen, um seine Frau nach nunmehr über einem Jahr endlich zu sehen.

Daraufhin entsenden die Martianer Botschafter in jede europäische Stadt, um sich vorzustellen. Mehrere Bedingungen werden für eine Allianz zwischen Martianern und Menschen von den Martianern aufgestellt, die, allen voran von England, nicht angenommen werden.

Die Martianer besitzen Schiffe, mit denen sie sich unverwundbar gegen herkömmliche Geschosse machen – dadurch besiegen sie die Engländer ohne eigene Verluste. Die Welt schließt eine Allianz mit den Martianern.

Der anfängliche Friede mit den europäischen Ländern wird dadurch zerstört, dass sie sich über die Kolonien von England den Krieg erklären. Die Martianer nehmen nun die Politik der Welt in ihre Hand.

Ein Jahr später kommt Torn in Deutschland an und findet sein Land von den Martianern verändert. Er wagt es jedoch nicht, seine Frau aufzusuchen, da er nicht weiß, in welchem Verhältnis sie jetzt zu ihm steht. Die anfänglichen friedlichen Versuche der Martianer sind durch eine politische Veränderung auf ihrem Heimatplaneten umgeschwenkt und der Widerstand unter den Menschen verhärtet sich.

Nachdem Saltner einer Gefangennahme entgehen kann, indem La ihn rettet, heiratet er sie. La änderte ihre Meinung, da sie einsah, dass sie ohne ihn nicht sein konnte.

Der Widerstand der Menschheit ist schlussendlich erfolgreich. Die Martianer werden verjagt. Die Politik auf dem Mars ändert sich, ein neues umfassendes Friedensangebot ohne Einmischung der Martianer wird entsendet. Ell stirbt bei der Anreise, jedoch wohlwissend, dass die Menschen und die Martianer endlich, seinem Wunsch entsprechend, in echtem Frieden leben werden. —Wikipedia.



INHALTSVERZEICHNIS



1. Kapitel. Am Nordpol

Eine Schlange jagt über das Eis. In riesiger Länge ausgestreckt schleppt sie ihren dünnen Leib wie rasend dahin. Mit Schnellzugsgeschwindigkeit springt sie von Scholle zu Scholle, die gähnende Spalte hält sie nicht auf, jetzt schwimmt sie über das offene Wasser eines Meeresarms und schlüpft gewandt über die hier und da sich schaukelnden Eisberge. Sie gleitet auf das Ufer, unaufhaltsam in gerader Richtung, direkt nach Norden, dem Gebirge entgegen, das am Horizont sich hebt. Es geht über die Gletscher hin nach dem dunklen Felsgestein, das mit weiten Flecken bräunlicher Flechten bedeckt mitten unter den Eismassen sich emporbäumt. Wieder schießt die Schlange in ein Tal hinab. Zwischen den Felsbrocken sproßt es grün und gelblich, Sauerampfer und Saxifragen schmücken den Boden, die spärlichen Blätter eines Weidenbuschs zerstieben unter dem Schlag des mit rasender Geschwindigkeit hindurchfahrenden Schlangenleibes. Eilend entflieht eine einsame Schneeammer, erschrocken und brummend erhebt sich aus seinem Schlummer der Eisbär, dem soeben die Schlange das zottige Fell gestreift hat.

Die Schlange kümmert sich nicht darum; während ihr Schweif über die nordische Sommerlandschaft hinjagt, hebt sie ihr Haupt hoch empor in die Luft, der Sonne entgegen. Es ist kurz nach Mitternacht, eben hat der neunzehnte August begonnen.

Schräg fallen die Strahlen des Sonnenballs auf die Abhänge des Gebirges, das unter der Einwirkung des schon monatelang dauernden Tages sich mit reichlichem Pflanzenwuchs bedeckt hat. Hinter jenen Höhen liegt der Nordpol des Erdballs. Ihm entgegen stürmt die Schlange. Wo aber ist der Kopf des eilenden Ungetüms? Man sieht ihn nicht. Ihr dünner Leib verfließt in der Luft, die klar und durchsichtig über der Polarlandschaft liegt. Doch welch seltsame Erscheinung? Der Schlange stets voran schwebt, von der Sonne vergoldet, ein rundlicher Körper. Es ist ein großer Ballon. Straff schwillt die feine Seide unter dem Druck des Wasserstoffgases, das sie erfüllt. In der Höhe von dreihundert Meter über dem Boden treibt ein starker, gleichmäßig wehender Südwind den Ballon dem Norden zu. Die Schlange aber ist das Schlepptau dieses Luftballons, der in günstiger Fahrt dem langersehnten Ziel menschlicher Wißbegier sich nähert, dem Nordpol der Erde. Auf dem Boden nachschleppend reguliert es den Flug des Ballons. Wenn er höher steigt, hemmt es ihn durch sein Gewicht, das er mit aufheben muß; wenn er sinkt, erleichtert es ihn, indem es in größerer Länge auf der Erde sich ausstreckt. Seine Reibung auf dem Boden bietet einen Widerstand und ermöglicht es damit den Luftschiffern, durch Stellung eines Segels bis zu einem gewissen Grade von der Windrichtung abzuweichen.

Aber das Segel ist jetzt eingezogen. Der Wind weht so günstig unmittelbar von Süden her, wie es die kühnen Nordpolfahrer nur wünschen können. Lange hatten sie an der Nordküste von Spitzbergen auf das Eintreten des Südwinds gewartet. Schon neigte sich der Polarsommer seinem Ende zu, und sie fürchteten unverrichteter Sache umkehren zu müssen, wie der kühne Schwede Andrée bei seinem ersten Versuche. Da endlich, am 17. August, setzte der Südwind ein. Der gefüllte Ballon erhob sich in die Lüfte; binnen zwei Tagen hatten sie tausend Kilometer in direkt nördlicher Richtung zurückgelegt. Der von Nansen entdeckte nordische Ozean war überflogen und neues Land erreicht, das sich ganz gegen Erwartung der Geographen hier vorfand. Schon entschwand das Supan-Kap auf Andrée-Land im Süden ihren Blicken. Bald mußte es sich entscheiden, ob die beiden Expeditionen, die eine im Ballon, die andere mit Schlitten unternommen, wirklich, wie ihre Führer meinten, den Pol selbst erreicht hätten. Bei der Unsicherheit der Ortsbestimmung in diesen Breiten waren Zweifel darüber entstanden, die Aussicht vom Ballon war durch Nebel getrübt gewesen, der Schlittenexpedition fehlte ein weiterer Überblick. Jetzt war durch die Mittel eines reichen Privatmanns, des Astronomen Friedrich Ell, eine deutsche Expedition ausgerüstet worden, die noch einmal mittels des Ballons den Pol untersuchen sollte.

Natürlich hatte man sich die Erfahrungen der früheren Expeditionen zunutze gemacht. Durch die internationale Vereinigung für Polarforschung war eine eigene Abteilung für wissenschaftliche Luftschiffahrt ins Leben gerufen worden. Namentlich hatte man die Benutzung des Schleppseils ausgebildet und damit für die Leitung des Ballons wenigstens annähernd ein Mittel zur Lenkung gefunden, wie es das Segelschiff im Widerstand des Wassers besitzt. Man hatte Metallzylinder konstruiert, in denen man bis auf 250 Atmosphären Druck zusammengepreßten Wasserstoff mit sich führte, um bei Dauerfahrten einen eingetretenen Gasverlust zu ersetzen. Man hatte dem Korb eine Form gegeben, die es gestattete, ihn nach Bedarf gegen die äußere Luft abzuschließen. Der neue Ballon ›Pol‹ war mit allen diesen fortgeschrittenen Einrichtungen ausgerüstet. Außerdem hing unterhalb des Korbes zur Rettung im äußersten Notfall ein großer Fallschirm. Unter einer Art Sattel, der einen sicheren Sitz gewährte, war an demselben für alle Fälle ein Proviantkorb befestigt.

Der Direktor der Abteilung für wissenschaftliche Luftschiffahrt, Hugo Torm, hatte selbst die Leitung der Expedition unternommen. Ihn begleiteten der Astronom Grunthe und der Naturforscher Josef Saltner. Saltner warf einen Blick auf Uhr und Barometer, drückte auf den Momentverschluß des photographischen Apparats und notierte die Zeit und den Luftdruck.

»Diese Gegend hätten wir glücklich in der Tasche«, murmelte er. Dann streckte er die in hohen Filzstiefeln steckenden Füße so weit aus, als es der beschränkte Raum des Korbes zuließ, zwinkerte mit den lustigen Augen und sagte: »Meine Herren, ich bin schauderhaft müde. Könnte man nicht jetzt ein kleines Schläfchen machen? Was meinen Sie, Kapitän?«

»Tun Sie das«, antwortete Torm, »Sie sind an der Reihe. Aber beeilen Sie sich. Wenn wir diesen Wind noch drei Stunden behalten –«

Er unterbrach sich, um die nötigen Ablesungen zu machen.

»Wecken Sie mich gefälligst, sobald wir – am Pol sind –«

Saltner sprach mit geschlossenen Augen, und beim letzten Wort war er schon sanft entschlummert.

»Es ist ein unheimliches Glück, das wir haben«, begann Torm. »Wir fliegen im wahren Sinn des Worts auf das Ziel zu. Ich habe für die letzten fünf Minuten wieder 3,9 Kilometer notiert. Könnten Sie eine genauere Bestimmung versuchen, wo wir sind?«

»Es wird sich machen lassen«, antwortete Grunthe, indem er nach dem Sextanten griff. »Der Ballon geht sehr ruhig, und wir haben die Ortszeit ziemlich sicher. Wir hatten den tiefsten Sonnenstand vor einer Stunde und 26 Minuten.« Er nahm die Sonnenhöhe mit größter Sorgfalt. Dann rechnete er einige Zeit lang.

In vollkommener Stille lag die Landschaft, über welche die Luftschiffer eilten. Ein weites Hochplateau, mit Moos und Flechten bedeckt, hier und da von Wasserlachen durchsetzt, bildete den Fuß des Gebirges, dem sich der Ballon schnell näherte. Man hörte nichts als das Ticken der Uhrwerke, von Zeit zu Zeit das regelmäßige Abschnurren des Aspirationsthermometers, dazwischen die behaglichen Atemzüge des schlummernden Saltner. Es war freilich eine angenehmere Polarfahrt, als mit halbverhungerten Hunden die langsamen Schlitten über die Eistrümmer zu schleppen. Grunthe sah von seiner Rechnung auf.

»Welche Breite haben Sie aus der Berechnung des zurückgelegten Weges?« fragte er Torm.

»Achtundachtzig Grad fünfzig – einundfünfzig Minuten«, erwiderte dieser.

»Wir sind weiter.«

Grunthe machte eine Pause, indem er noch einmal kurz die Rechnung prüfte. Dann sagte er bedachtsam, aber mit derselben Gleichmäßigkeit der Stimme:

»Neunundachtzig Grad 12 Minuten.«

»Nicht möglich!«

»Ganz sicher«, erwiderte Grunthe ruhig und zog die Lippen ein, so daß sein Mund unter dem dünnen Schnurrbart wie ein Gedankenstrich erschien. Das war das Zeichen, daß keine Gewalt mehr imstande sei, an Grunthes unerschütterlichem Ausspruch etwas zu ändern.

»Dann haben wir keine 90 Kilometer mehr bis zum Pol«, rief Torm lebhaft.

»Neunundachtzigeinhalb«, sprach Grunthe.

»Dann sind wir in zwei Stunden dort.«

»In einer Stunde und 52 Minuten«, verbesserte Grunthe unerschütterlich, »wenn nämlich der Wind mit derselben Geschwindigkeit anhält.«

»Ja – wenn«, so rief Torm lebhaft. »Nur noch zwei Stunden, Gott gebe es!«

»Sobald wir über jenen Bergrücken sind, werden wir den Pol sehen.«

»Sie haben recht, Doktor! Sehen werden wir den Pol – ob auch erreichen?«

»Warum nicht?« fragte Grunthe.

»Hinter den Bergen, der Himmel gefällt mir nicht – auf der Nordseite liegt jetzt seit Stunden die Sonne, es ist dort ein aufsteigender Luftstrom vorhanden –«

»Wir müssen abwarten.«

»Da – da – sehen Sie – den herrlichen Absturz des Gletschers«, rief Torm.

»Wir fliegen gerade auf ihn zu; müssen wir nicht steigen?« fragte Grunthe.

»Gewiß, dort müssen wir hinüber. Aufgepaßt! Schneiden Sie ab!«

Zwei Säcke Ballast klappten herab. Der Ballon schoß in die Höhe.

»Wie die Entfernung täuscht«, sagte Torm. »Ich hätte die Wand für entfernter gehalten – es reicht noch nicht. Wir müssen noch mehr opfern.«

Er schnitt noch einen Sack ab.

»Wir dürfen nicht in die Schlucht geraten«, erklärte er, »kein Mensch weiß, in was für Wirbel wir da kommen. Aber was ist das? Der Ballon steigt nicht? Es hilft nichts – noch mehr hinaus!«

Eine schwarze Felswand, welche den Gletscher in zwei Teile spaltete, erhob sich unmittelbar vor ihnen. Der Ballon schwebte in unheimlicher Nähe. Mit ängstlicher Erwartung verfolgten die beiden Männer den Flug ihres Aërostaten. Der Südwind war jetzt, zu ihrem Glück, hier in der unmittelbaren Nähe der Berge schwächer, sonst wären sie schon an die Felsen geschleudert worden. Der Ballon befand sich nunmehr im Schatten der Berge; das Gas kühlte sich ab. Die Temperatur sank schnell tief unter den Gefrierpunkt. Torm überlegte, ob er noch mehr Ballast auswerfen dürfe. Was er jetzt an Ballast verlor, das mußte er dann an Gas aufopfern, um den Ballon wieder zum Sinken zu bringen, und das Gas war sein größter Schatz, das Mittel, das ihn wieder aus dem Bereich des furchtbaren Nordens bringen sollte. Er wußte ja nicht, was ihn hinter den Bergen erwarte. Aber der Ballon stieg zu langsam. Da – eine seitliche Strömung bewegt ihn – die Strahlen der Sonne, welche über den Sattel des Gletschers herüberlugt, treffen ihn wieder – das Gas dehnt sich aus, der Ballon steigt – tiefer und tiefer sinken die Eismassen unter ihm. –

»Hurrah!« rufen die beiden Luftschiffer wie aus einem Munde.

»Was gibt's?« fährt Saltner aus seinem Schlummer empor. »Sind wir da?«

»Wollen Sie den Nordpol sehen?«

»Wo? Wo?« Im Augenblick war Saltner in die Höhe gefahren.

»Sakri, das ist kalt«, rief er.

»Wir sind über 500 Meter gestiegen«, antwortete Torm.

Saltner hüllte sich in seinen Pelz, was die andern schon vorher getan hatten.

»Wir sind jetzt fast in gleicher Höhe mit dem Kamm des Gebirges. Sobald wir darüber hinwegsehen können, muß vor uns, etwa 50 Kilometer nach Norden, die Stelle liegen –«

»Wo die Erdachse geschmiert wird!« rief Saltner. »Ich bin verteufelt neugierig. Na, den Champagner brauchen wir nicht erst kalt zu stellen.«

Die drei Männer standen, am Tauwerk sich haltend, in der Gondel. Mit gespannten Blicken schauten sie jeden Augenblick, den ihnen die Bedienung des Ballons und die Beobachtung der Instrumente freiließ, durch ihre Feldstecher nach Norden, der Sonne entgegen, die erst wenig nach Osten hin beiseite getreten war. Allmählich versanken die Berggipfel unter ihnen – noch ein breiterer Rücken hemmte ihnen die Aussicht – der Ballon glitt jetzt wieder in der Höhe des Kammes dahin, das Schlepptau schleifte –, noch eine breite Mulde war zu überfliegen, dann mußte das ersehnte Ziel vor ihnen liegen. Der Ballon befand sich etwa in der Mitte der Mulde, höchstens 100 Meter über ihrem Boden, und die gegenüberliegende Talwand verdeckte noch die Aussicht. Der Wind war etwas weniger lebhaft, aber immer noch südlich, und der Ballon stieg an der flachen Erhebung des Eisfeldes hinan.

Jetzt wurden einzelne weiße Bergkuppen in großer Entfernung hinter dem nahen Horizont der gegenüberliegenden Eiswand sichtbar, die Luftschiffer befanden sich in gleicher Höhe mit dem letzten Hindernis, das ihren Blick beschränkte. Die Gipfel mehrten sich, sie bildeten eine Bergkette.

»Diese Berge liegen schon hinter dem Pol«, sagte Grunthe, und diesmal bebte seine Stimme doch ein wenig vor Aufregung. Fest preßte er seine Lippen zur geraden Linie zusammen.

Weiter stieg der Ballon – dunkel gefärbte Bergzüge erschienen unter den Schneegipfeln, rötlich und bräunlich schimmernd – jetzt erreichte der Ballon die Höhe und schwebte über einem tiefen Abgrund – das Schleppseil schnellte hinab, und der Ballon sank sofort einige hundert Meter tief – dann pendelte er noch einmal auf und ab – diese plötzliche Schwankung des Ballons hatte die Aufmerksamkeit der Luftschiffer voll in Anspruch genommen – sie sahen unter sich, tief unten ein wildes Gewirr von Klippen, Felstrümmern und Eisblöcken, hinter sich die steil abgebrochene Wand, an welcher der verzerrte Schatten des Ballons auf- und niederschwankte – die Instrumente mußten beobachtet werden, und erst jetzt konnten sie den Blick nach vorwärts lenken, vorwärts und nordwärts – oder war es vielleicht schon südwärts?

Saltner war der erste, der nach vorn blickte. Aber er sprach nichts, in einem langgedehnten Pfiff blies er den Atem aus seinen gespitzten Lippen.

»Das Meer!« rief Torm.

»Grüß Gott!« sagte jetzt Saltner. »Da hat halt der alte Petermann doch recht behalten, aber bloß ein bissel. Ein offenes Polarmeer ist es schon, man muß sich nur nicht zuviel drauf einbilden.«

»Ein Binnenmeer, ein Bassin, immerhin, gegen tausend Quadratkilometer schätze ich«, sagte Grunthe. »Etwa so groß wie der Bodensee. Aber wer kann wissen, was sich dort hinten noch an Fjords und Kanälen abzweigt. Und auch das Bassin selbst ist durch verschiedene Inseln in Arme geteilt.«

»Wer da unten zu Fuß oder zu Schiff ankommt, muß Mühe haben zu entscheiden, ob das Meer im Land liegt oder das Land im Meer«, sagte Saltner. »Gut, daß wir's bequemer haben.«

»Gewiß«, meinte Torm, »es ist möglich, daß wir ein Stück des offenen Meeres vor uns haben, obwohl es von hier den Anschein hat, als schlössen die Berge das Wasser von allen Seiten ein. Wir werden ja sehen. Aber vor allen Dingen, was sollen wir tun? Wir haben wider Erwarten so hoch steigen müssen, daß wir jetzt sehr viel Gas verlieren würden, wenn wir hinabwollten, und andrerseits werden wir wieder drüben über die Berge hinaufmüssen. Es ist eine schwierige Frage. Aber wir haben noch Zeit, darüber nachzudenken, denn der Ballon bewegt sich jetzt nur langsam.«

»Und diese Gelegenheit wollen wir benutzen, um dem Nordpol unsern wohlverdienten Gruß zu bringen«, rief Saltner. Mit diesen Worten zog er ein Futteral hervor, aus welchem drei Flaschen Champagner ihre silbernen Hälse einladend hervorstreckten.

»Davon weiß ich ja gar nichts«, sagte Torm fragend.

»Das ist eine Stiftung von Frau Isma. Sehen Sie, es steht darauf: ›Am Pol zu öffnen. Gewicht vier Kilogramm.‹«

Torm lachte. »Dachte ich mir doch«, sagte er, »daß meine Frau irgend etwas einschmuggeln würde, was das Expeditionsreglement durchbricht.«

»Es ist doch aber auch ein herrlicher Gedanke von Ihrer Frau, sich am Nordpol in Champagner hochleben zu lassen«, erwiderte Saltner. »Erstens für sich selbst, denn das ist etwas, was noch nicht dagewesen ist; das müssen Sie zugeben, Damen sind hier noch niemals leben gelassen worden. Und zweitens für uns, das müssen Sie auch zugeben; es ist sehr wonnig, in dieser Kälte den Schaumwein zu trinken auf das Wohl unserer Kommandeuse. Und drittens, ist es nicht einfach bejauchzbar, das tragische Antlitz unseres Astronomen zu sehen? Denn Champagner trinkt er prinzipiell nicht, und auf weibliche Wesen stößt er prinzipiell nicht an; da er aber auf dem Nordpol prinzipiell in ein Hoch einstimmen muß und will, so findet er sich in einem Widerstreit der Prinzipien, aus dem herauszukommen ihm verteufelt schwerfallen wird.«

»Darauf könnte ich sehr viel erwidern«, sagte Grunthe. »Zum Beispiel, daß wir noch gar nicht wissen, wo der Nordpol eigentlich liegt.«

»Schon wahr«, unterbrach ihn Torm, »aber eben darum müssen wir den Moment feiern, in welchem wir sicher sind, ihn zum erstenmal in unserm Gesichtsfeld zu haben. Das werden Sie zugeben?«

»Hm, ja«, sagte Grunthe, und ein leichtes Schmunzeln glitt über seine Züge. »Ich nehme an, wir wären am Pol. So kann ich mit Ihnen anstoßen, oder auch nicht, ganz wie ich will, ohne mit irgendwelchen Prinzipien in Widerspruch zu geraten.«

»Wieso?« fragte Saltner.

»Der Pol ist ein Unstetigkeitspunkt. Prinzipien sind Grundsätze, die unter der Voraussetzung gelten, daß die Bedingungen bestehen, für welche sie aufgestellt sind, vor allem die Stetigkeit der Raum- und Zeitbestimmungen. Am Pol sind alle Bedingungen aufgehoben. Hier gibt es keine Himmelsrichtungen mehr, jede Richtung kann als Nord, Süd, Ost oder West bezeichnet werden. Hier gibt es auch keine Tageszeit; alle Zeiten, Nacht, Morgen, Mittag und Abend, sind gleichzeitig vorhanden. Hier gelten also auch alle Grundsätze zusammen oder gar keine. Es ist der vollständige Indifferenzpunkt aller Bestimmungen erreicht, das Ideal der Parteilosigkeit.«

»Bravo«, rief Saltner, der inzwischen die Trinkbecher von Aluminium mit dem perlenden Wein gefüllt hatte. »Es lebe Frau Isma Torm, unsere gnädige Spenderin!«

Saltner und Torm erhoben ihre Becher. Grunthe kniff die Lippen zusammen und hielt, geradeaus starrend, sein Trinkgefäß unbeweglich vor sich hin, indem er es passiv geschehen ließ, daß die andern mit ihren Bechern daran stießen. Nun rief Torm:

»Es lebe der Nordpol!«

Da stieß auch Grunthe seinen Becher lebhaft mit den andern zusammen und setzte hinzu:

»Es lebe die Menschheit!«

Sie tranken und Saltner rief:

»Grunthes Toast ist so allgemein, daß ein Becher nicht reichen kann.« Und er schenkte noch einmal ein.

Inzwischen war der Ballon langsam dem Binnenmeer entgegengetrieben, das sich nun immer deutlicher den staunenden Blicken der Reisenden enthüllte. Vom Fuß der steil abfallenden Felsenwand des Gebirges ab senkte sich das Gelände allmählich, wohl noch eine Strecke von einigen zwanzig Kilometern weit, nach dem Ufer hin. Aber die Landschaft zeigte jetzt ein vollständig anderes Gepräge. Die wilde Gletschernatur war verschwunden, grüne Matten zogen sich, nur noch mit einzelnen Gesteinstrümmern hier und da bedeckt, in sanfter Senkung dem Wasser zu. Man glaubte in ein herrliches Alpental zu schauen, in dessen Mitte ein blauer Bergsee sich ausbreitete. An dem jenseitigen, entfernten Ufer, das freilich in undeutlichem Dämmer verschwamm, schien dagegen wieder ein Steilabfall von Fels und Eis zu herrschen, doch zog sich über den Bergen dort eine Wolkenwand empor. Das Auffallendste in der ganzen Szenerie aber bot der Anblick einer der Inseln, die zahlreich und in unregelmäßiger Gestaltung in dem Bassin lagen, bis an dessen Ufer der Ballon jetzt herangeschwebt war. Sie war kleiner als die Mehrzahl der übrigen Inseln. Aber ihre Formen waren so vollkommen regelmäßig, daß es zweifelhaft schien, ob man eine Gestaltung der Natur vor sich habe. Die mit Flechten bekleideten Felstrümmer, welche die andern Inseln bedeckten, fehlten hier vollständig.

Die Forscher mochten sich etwa noch zwölf Kilometer von der rätselhaften Insel entfernt befinden, die sie mit ihren Ferngläsern musterten, als Torm sich an Grunthe wandte.

»Sagen Sie uns, bitte, Ihre Meinung. Können wir eigentlich bestimmen, wo wir uns befinden? Ich muß gestehen, daß ich beim Überschreiten des Gebirges und dem raschen Höhenwechsel nicht mehr imstande war, die einzelnen Landmarken zu verfolgen.«

»Ich habe«, erwiderte Grunthe, »einige Peilungen gemacht, aber zu einer sicheren Bestimmung reichen sie nicht mehr aus. Auch die Methode aus der Messung der Sonnenhöhe ist jetzt nicht anwendbar, da wir nicht mehr imstande sind, die Tageszeit auch nur mit einiger Sicherheit anzugeben. Wir haben die Himmelsrichtung vollständig verloren. Der Kompaß ist ja hier im Norden sehr unzuverlässig. Auf alle Fälle sind wir ganz nahe am Pol, wo alle Meridiane so nah zusammenlaufen, daß eine Abweichung von einem Kilometer nach rechts oder links einen Zeitunterschied von einer Stunde oder mehr ausmacht. Wenn unser Ballon aus der Nord-Süd-Richtung vielleicht seit der Überschreitung des Gebirges um fünf oder sechs Kilometer abgewichen ist, was sehr leicht sein kann, so haben wir jetzt nicht, wie wir vermuten, drei Uhr morgens am 19. August, sondern vielleicht schon Mittag, oder, wenn wir nach Westen abgewichen sind, so sind wir sogar in den gestrigen Tag zurückgeraten und haben vielleicht erst den 18. August abends.«

»Das wäre der Teufel«, rief Saltner. »Das kommt von diesem ewigen Sonnenschein am Pol! Nun kann ich an meinem Abreißkalender das Blatt von gestern wieder ankleben.«

»Schon möglich!« lächelte Grunthe. »Nehmen Sie an, Sie machen einen Spaziergang um den Nordpol in der Entfernung von hundert Metern vom Pol, so sind Sie in fünf Minuten bequem um den Pol herumgegangen und haben sämtliche 360 Meridiane überschritten; Sie haben also in fünf Minuten alle Tageszeiten abgelaufen. Gehen Sie nach Westen herum, und wollen Sie die richtige Zeit jedes Meridians haben, so müßten Sie auf jedem Meridian Ihre Uhr um 4 Minuten zurückstellen, so daß Sie nach besagten fünf Minuten um einen vollen Tag zurück sind, und wenn Sie in dieser Art eine Stunde lang um den Pol herumgegangen sind, so muß Ihre Uhr, wenn sie einen Datumzeiger besitzt, den 7. August anzeigen.«

»Da muß ich mir halt einen Anklebekalender anschaffen«, meinte Saltner.

»Ja, aber wenn Sie nach Osten herumgehen, kommen Sie um ebensoviel in der Zeit voran, Sie hätten dann nach zwölfmaligem Spaziergang um den Pol den 31. August erreicht, wenn Sie bei jedem Umgehen des Pols ein Blatt in ihrem Kalender abrissen. In beiden Fällen würden sie sich indessen tatsächlich noch am 19. August befinden. Sie müßten also, wie die Seefahrer beim Überschreiten des 180. Meridians, ihren Datumzeiger entsprechend regulieren.«

»Und wenn wir nun gerade über den Pol wegfliegen?«

»Dann springen wir in einem Moment um zwölf Stunden in der Zeit. Der Pol ist eben ein Unstetigkeitspunkt.«

»Sackerment, da weiß man ja gar nicht, wo man ist.«

»Ja«, sagte Torm, »das ist eben das Fatale. Wir haben uns von Anfang an darauf verlassen müssen, daß wir unsere Lage aus dem zurückgelegten Wege bestimmen. Läßt sich denn gar nichts tun?«

»Nur wenn wir landen und unsere Instrumente so fest aufstellen, daß wir einige Sterne anvisieren können.«

»Daran können wir auf keinen Fall eher denken, bis wir den See überflogen haben und das jenseitige Gebirge überschauen. Hier zwischen den Inseln dürfen wir uns nicht hinabwagen. Wir sind also wirklich nicht besser daran als unsere Vorgänger, und der wahre Pol bleibt wieder unbestimmt.«

»Zu verflixt«, brummte Saltner, »da sind wir vielleicht gerade am Nordpol und wissen es nicht.«


2. Kapitel. Das Geheimnis des Pols

Langsam zog der Ballon weiter, doch bewegte er sich nicht direkt auf die auffallende kleine Insel zu, sondern sie blieb rechts von seiner Fahrtrichtung liegen.

Während Grunthe die Landmarken aufnahm und Torm die Instrumente ablas, suchte Saltner, dem die photographische Festhaltung des Terrains oblag, die Gegend mit seinem vorzüglichen Abbéschen Relieffernrohr ab. Dasselbe gab eine sechzehnfache Vergrößerung und ließ, da es die Augendistanz verzehnfachte, die Gegenstände in stereoskopischer Körperlichkeit erscheinen. Sie hatten sich jetzt der Insel soweit genähert, daß es möglich gewesen wäre, Menschen, falls sich solche dort hätten befinden können, mit Hilfe des Fernrohrs wahrzunehmen.

Saltner schüttelte den Kopf, sah wieder durch das Fernrohr, setzte es ab und schüttelte wieder den Kopf.

»Meine Herren«, sagte er jetzt, »entweder ist mir der Champagner in den Kopf gestiegen –«

»Die zwei Glas, Ihnen?« fragte Torm lächelnd.

»Ich glaub es auch nicht, also – oder –«

»Oder? Was sehen Sie denn?«

»Es sind schon andere vor uns hier gewesen.«

»Unmöglich!« riefen Torm und Grunthe wie aus einem Munde.

»Die bisherigen Berichte wissen nichts von einer derartigen Insel – unsere Vorgänger sind offenbar gar nicht über das Gebirge gekommen«, fügte Torm hinzu.

»Sehen Sie selbst«, sagte Saltner und gab das Fernrohr an Torm. Er selbst und Grunthe benutzten ihre kleineren Feldstecher. Torm blickte gespannt nach der Insel, dann wollte er etwas sagen, zuckte aber nur mit den Lippen und blieb völlig stumm.

Saltner begann wieder: »Die Insel ist genau kreisförmig – das haben wir schon bemerkt. Aber jetzt sehen Sie, daß gerade im Zentrum sich wieder ein dunkler Kreis von – sagen wir – vielleicht hundert Metern Durchmesser befindet.«

»Allerdings«, sagte Grunthe, »aber es ist nicht nur ein Kreis, sondern eine zylindrische Öffnung, wie man jetzt deutlich sehen kann. Und um den Rand derselben führt eine Art Brüstung.«

»Und nun suchen Sie einmal den Rand der Insel ab. Was sehen Sie?«

»Mein Glas ist zu schwach, um Einzelheiten zu erkennen.«

»Ich habe gesehen, was Sie wahrscheinlich meinen«, sagte Torm.

»Aber was ist das«, unterbrach er sich, »der Ballon ändert seine Richtung?«

Er gab das Glas an Grunthe und wandte seine Aufmerksamkeit dem Ballon zu. Dieser wich nach rechts von seinem bisherigen Kurse ab. Er bewegte sich parallel mit dem Ufer der Insel, diese in sich gleichbleibender Entfernung umkreisend.

»Wir wollen uns überzeugen, daß wir dasselbe meinen«, sagte Grunthe. »Rings um die Insel zieht sich ein Kreis von pfeiler- oder säulenartigen Erhöhungen in gleichen Abständen.«

»Es stimmt«, sagten die andern.

»Ich habe sie gezählt«, bemerkte Torm, »es sind zwölf große, dazwischen je elf kleinere, im ganzen hundertvierundvierzig.«

»Und der seltsame Reflex über der ganzen Insel?«

»Wissen Sie, es sieht aus, als wäre die ganze Insel mit einem Netz von spiegelnden metallischen Drähten oder Schienen überzogen, die wie die Speichen eines Rades vom Zentrum nach der Peripherie laufen.«

»Ja«, sagte Torm, indem er sich einen Augenblick erschöpft niedersetzte, »und Sie werden gleich noch mehr sehen, wenn Sie länger hinschauen. Ich will es Ihnen sagen.« Seine Stimme klang rauh und heiser. »Was Sie dort sehen, ist der Nordpol der Erde – aber, wir haben ihn nicht entdeckt.«

»Das fehlte gerade«, fuhr Saltner auf. »Dafür sollten wir uns in diesen pendelnden Frierkasten gesetzt haben? Nein, Kapitän, entdeckt haben wir ihn, und was wir da sehen, ist kein Menschenwerk. So verrückt wäre doch kein Mensch, hier Drähte zu spannen! Eher will ich glauben, daß die Erdachse in ein großes Velozipedrad ausläuft, und daß wir wahrhaftig berufen sind, sie zu schmieren! Nur nicht den Mut verlieren!«

»Wenn es nicht Menschen sind«, sagte Torm tonlos, »und ich weiß auch nicht, wie Menschen dergleichen machen sollten, und warum, und wo sie herkämen – das hätte man doch erfahren – so – eine Täuschung ist es doch nicht – so steht mir der Verstand still.«

»Na«, sagte Saltner, »Eisbären werden's nicht gemacht haben, obgleich ich mich jetzt über nichts mehr wundern würde, und wenn gleich ein geflügelter Seehund käme und ›Station Nordpol‹ ausriefe. Aber es könnte doch vielleicht eine Naturerscheinung sein, ein merkwürdiger Kristallisationsprozeß – – Sakri! Jetzt hab ich's. Das ist ein Geysir! Ein riesiger Geysir!«

»Nein, Saltner«, erwiderte Torm, »das habe ich auch schon gedacht – ein Schlammvulkan könnte etwa eine ähnliche Bildung zeigen. Aber – Sie haben wohl das Eigentliche, die Hauptsache, das – Unerklärliche noch nicht gesehen –«

»Was meinen Sie?«

»Ich hab' es gesehen«, sagte jetzt Grunthe. Er setzte das Fernrohr ab. Dann lehnte er sich zurück und runzelte die Stirn. Auch um die fest zusammengezogenen Lippen bildeten sich Falten, daß sein Mund aussah wie ein in Klammern gesetztes Minuszeichen. Er versank in tiefes, sorgenvolles Nachdenken.

Saltner ergriff das Glas.

»Achten Sie auf die Färbungen am Boden der ganzen Insel!« sagte Torm zu ihm.

»Es sind Figuren!« rief Saltner.

»Ja«, sagte Torm. »Und diese Figuren stellen nichts anderes dar als ein genaues Kartenbild eines großen Teils der nördlichen Halbkugel der Erde in perspektivischer Polarprojektion. Sie sehen deutlich den Verlauf der grönländischen Küste, Nordamerika, die Beringstraße, Sibirien, ganz Europa – mit seinen unverkennbaren Inseln und Halbinseln, das Mittelmeer bis zum Nordrand von Afrika, wenn auch stark verkürzt.«

»Es ist kein Zweifel«, sagte Saltner. »Die ganze Umgebung des Pols ist in einem deutlichen Kartenbild in kolossalem Maßstab hier abgezeichnet, und zwar bis gegen den 30. Breitengrad.«

»Und wie ist das möglich?«

Die Frage fand keine Antwort. Alle schwiegen.

Inzwischen hatte der Ballon eine fast vollständige Umkreisung der Insel vollzogen. Aber er hatte sich derselben auch noch um ein Stück genähert. Es war klar, daß er durch eine unbekannte Kraft, wohl durch eine wirbelförmige Bewegung der Luft, um die Insel herumgeführt und zugleich nach der Achse des Wirbels, die von der Mitte der Insel ausgehen mochte, zu ihr hingezogen wurde.

Torm unterbrach das Schweigen. »Wir müssen einen Entschluß fassen«, sagte er. »Wollen die Herren sich äußern.«

»Ich will zunächst einmal«, begann Saltner, »diese merkwürdige Erdkarte photographieren. Sie scheint ziemlich richtig selbst in Details zu sein. Daß sie nicht von Menschenhand herrühren kann, sehen wir daraus daß auch die noch unbekannten Gegenden des Polargebietes dargestellt sind. Die innere Öffnung, bei welcher die Karte abbricht, entspricht in ihrem Umfange etwa dem 86. Breitengrade; es fehlen also – für uns leider – die nächsten vier Grade um den Pol herum.«

»Selbstverständlich«, sagte Torm, »müssen Sie die Karte photographieren. Wir dürfen nicht mehr zweifeln, ein Werk intelligenter Wesen vor uns zu haben, wenn ich mir auch nicht erklären kann, wer diese sein mögen. Aber wenn das richtig ist, was wir kontrollieren können, so müssen wir schließen, daß auch die Teile des Polargebietes nach den Nordküsten von Amerika und Sibirien hin zuverlässig dargestellt sind. Und dann hätten wir mit einem Schlage eine vollständige Karte dieses bisher unerforschten Polargebietes.«

»Nun, ich denke, wir können mit diesem Erfolg schon zufrieden sein. Und bedenken Sie, wie nützlich die Karte für unsere Rückkehr werden kann. So –«, damit brachte Saltner die photographische Kammer wieder an ihren Platz, »ich habe drei sichere Aufnahmen. Aber der Ballon bewegt sich ja schneller?«

»Ich glaube auch«, sagte Torm. »Ich bitte nun um die Meinung der Herren, sollen wir eine Landung auf der Insel wagen, um dieses Geheimnis zu erforschen?«

»Ich meine«, äußerte sich Saltner, »wir müssen es versuchen. Wir müssen zusehen, mit wem wir es hier zu tun haben.«

»Gewiß«, sagte Torm, »die Aufgabe ist verlockend. Aber es ist zu befürchten, daß wir zuviel Gas verlieren, daß wir vielleicht die Möglichkeit aufgeben, den Ballon weiter zu benutzen. Was meinen Sie, Dr. Grunthe?«

Grunthe richtete sich aus seinem Nachsinnen auf. Er sprach sehr ernst: »Unter keinen Umständen dürfen wir landen. Ich bin sogar der Ansicht, daß wir alle Anstrengungen machen müssen, um uns so schnell wie möglich von diesem gefährlichen Punkt zu entfernen.«

»Worin sehen Sie die Gefahr?«

»Nachdem wir die eigentümliche Ausrüstung des Pols und die Abbildung der Erdoberfläche gesehen haben, ist doch kein Zweifel, daß wir einer gänzlich unbekannten Macht gegenüberstehen. Wir müssen annehmen, daß wir es mit Wesen zu tun bekommen, deren Fähigkeiten und Kräften wir nicht gewachsen sind. Wer diesen Riesenapparat hier in der unzugänglichen Eiswüste des Polargebiets aufstellen konnte, der würde ohne Zweifel über uns nach Gutdünken verfügen können.«

»Nun, nun«, sagte Torm, »wir wollen uns darum nicht fürchten.«

»Das nicht«, erwiderte Grunthe, »aber wir dürfen den Erfolg unserer Expedition nicht aufs Spiel setzen. Vielleicht liegt es im Interesse dieser Polbewohner, den Kulturländern keine Nachricht von ihrer Existenz zukommen zu lassen. Wir würden dann ohne Zweifel unsere Freiheit verlieren. Ich meine, wir müssen alles daransetzen, das, was wir beobachtet haben, der Wissenschaft zu übermitteln und es dann späteren Erwägungen überlassen, ob es geraten scheint und mit welchen Mitteln es möglich sei, das unerwartete Geheimnis des Pols aufzulösen. Wir dürfen uns nicht als Eroberer betrachten, sondern nur als Kundschafter.«

Die andern schwiegen nachdenklich. Dann sagte Torm:

»Ich muß Ihnen recht geben. Unsere Instruktion lautet allerdings dahin, eine Landung nach Möglichkeit zu vermeiden. Wir sollen mit möglichstes Eile in bewohnte Gegenden zu gelangen suchen, nachdem wir uns dem Pol soweit wie angänglich genähert und seine Lage festgestellt haben, und wir sollen versuchen, einen Überblick über die Verteilung von Land und Wasser vom Ballon aus zu gewinnen. Dieser Gesichtspunkt muß entscheidend sein. Wir wollen also versuchen, von hier fortzukommen.«

»Aber nach welcher Richtung?« fragte Saltner. »Darüber könnte uns die Polarkarte der Insel Auskunft geben.«

»Ich fürchte«, entgegnete Torm, »von unserm guten Willen wird dabei sehr wenig abhängen. Wir müssen abwarten, was der Wind über uns beschließen wird. Zunächst lassen Sie uns versuchen, diesem Wirbel zu entfliehen.«

Inzwischen hatte sich der Ballon noch mehr der Insel genähert, und seine Geschwindigkeit begann zu wachsen. Zugleich aber erhob er sich weiter über den Erdboden.

Die Luftschiffer spannten nun das Segel auf und gaben ihm eine solche Stellung, daß der Widerstand der Luft sie nach der Peripherie des Wirbels treiben mußte. Da aber der Ballon viel zu hoch schwebte, als daß das Schleppseil seine hemmende Wirkung hätte ausüben können, so mußte das Manöver zuerst versagen. In immer engeren Spirallinien aufsteigend näherte sich der Ballon dem Zentrum des Wirbels und vermehrte seine Geschwindigkeit. In großer Besorgnis verfolgten die Luftschiffer den Vorgang. Sie beeilten sich, die Länge des Schlepptaus zu vergrößern. Ihre vorzügliche Ausrüstung gestattete ihnen, ein Schlepptau von tausend Metern Länge zu verwenden, an welches noch ein hundertundfünfzig Meter langer Schleppgurt mit Schwimmern kam. Aber auch diese stattliche Ausdehnung des Seiles reichte nicht bis auf die Oberfläche des Wassers.

»Es bleibt nichts übrig«, rief Torm endlich, »wir müssen weiter niedersteigen.«

Er öffnete das Manöverventil. Das Gas strömte aus. Der Ballon begann zu sinken.

»Wir wollen aber«, sagte Torm, »da wir nicht wissen, wie wir hier davonkommen, doch versuchen, eine Nachricht nach Hause zu geben. Lassen Sie uns einige unserer Brieftauben absenden. Jetzt ist der geeignete Moment. Was wir gesehen haben, muß man in Europa erfahren.«

Eilends schrieb er die nötigen Notizen auf den schmalen Streifen Papier, den er zusammenrollte und in der Federpose versiegelte, welche den Brieftauben angeheftet wurde.

Saltner gab den Tierchen die Freiheit. Sie umkreisten wiederholt den Ballon und entfernten sich dann in einer Richtung, die von der Insel fortführte.

Torm schloß das Ventil wieder. Sie mußten jetzt jeden Augenblick erwarten, daß das Ende des Schlepptaus die Oberfläche des Wassers berühre. Der Ballon näherte sich seiner Gleichgewichtslage.

Grunthe blickte durch das Relieffernrohr direkt nach unten, da es durch dieses Instrument möglich war, den breiten Sackanker am Ende des Schleppgurts zu sehen und den Abstand desselben vom Boden zu schätzen. Plötzlich griff er mit größter Hast zur Seite, erfaßte den nächsten Gegenstand, der ihm zur Hand war – es war das Futteral mit den beiden noch gefüllten Champagnerflaschen – und schleuderte es in großem Bogen zum Korbe hinaus.

»Sakri, was fällt ihnen ein«, rief Saltner entrüstet, »werfen da unsern saubern Wein ins Wasser.«

»Entschuldigen Sie«, sagte Grunthe, indem er sich aus seiner gebückten Stellung aufrichtete, da er an der Bewegung der Wimpel bemerkte, daß der Ballon wieder im Steigen begriffen war. »Entschuldigen Sie, aber das Fernrohr konnte ich doch nicht hinauswerfen, und es war keine halbe Sekunde zu verlieren – wir wären wahrscheinlich verloren gewesen.«

»Was gab es denn?« fragte Torm besorgt.

»Wir sind nicht mehr über dem Wasser, sondern bereits am Rande der Insel. Das Ende des Seils war wohl kaum weiter als zehn Meter von der Oberfläche der Insel entfernt. Wir hätten sie berührt, wenn nicht das Sinken des Ballons momentan aufgehört hätte. Glücklicherweise genügten die Flaschen, unsern Fall aufzuhalten.«

»Und glauben Sie denn, daß wir die Insel nicht berühren dürfen?«

»Ich glaube es nicht, ich weiß es.«

»Wieso?«

»Wir wären hinabgezogen worden.«

»Ich kann noch nicht einsehen, woraus Sie das schließen.«

»Sie haben mir doch beigestimmt«, sagte Grunthe, »daß wir es nicht darauf ankommen lassen dürfen, in die Macht der unbekannten Wesen – sie mögen nun sein, wer sie wollen – zu geraten, welche diesen unerklärlichen Apparat und diese Kolossalkarte am Nordpol hergestellt haben. Es ist aber wohl keine Frage, daß dieser Apparat, an den wir mehr und mehr herangezogen werden, nicht sich selbst überlassen hier stehen wird. Sicherlich ist die Insel bewohnt, es befinden sich die geheimnisvollen Erbauer wahrscheinlich in oder unter jenen Dächern und Pfeilern, die wir mit unsern Fernrohren nicht durchdringen können. Es ist anzunehmen, daß sie unsern Ballon längst bemerkt haben, und so schließe ich denn, daß sie denselben sofort zu sich hinabziehen würden, sobald unser Schleppseil in das Bereich ihrer Arme gelangt.«

»Gott sei Dank«, rief Saltner, »daß Sie den dunkeln Polgästen wenigstens Arme zusprechen; es ist doch schon ein menschlicher Gedanke, daß man ihnen zur Not in die Arme fallen kann.«

Torm unterbrach ihn. »Ich kann mich immer noch nicht recht dazu verstehen«, sagte er, »an eine solche überlegene Macht zu glauben. Das widerspräche ja doch allem, was bisher in der Geschichte der Polarforschung, ja der Entdeckungsreisen überhaupt vorgekommen ist. Freilich die Karte –, aber was denken Sie überhaupt über diese Insel? Sie sprachen von einem Apparat, so ein Apparat müßte doch einen Zweck haben –«

»Den wird er ohne Zweifel haben, wir sind nur nicht in der Lage, ihn zu kennen oder zu begreifen. Denken Sie, daß Sie einen Eskimo vor die Dynamomaschine eines Elektrizitätswerks stellen; daß das Ding einen Zweck hat, wird er sich sagen, aber was für einen, das wird er nie erraten. Wie soll er begreifen, daß die Drähte, die von hier ausgehen, ungeheure Energiemengen auf weite Strecken verteilen, daß sie dort Tageshelle erzeugen, dort schwere Wagen mit Hunderten von Menschen mit Leichtigkeit hingleiten lassen? Wenn der Eskimo sich über die Dynamomaschine äußert, so wird es jedenfalls eine so kindische Ansicht sein, daß wir sie belächeln. Und um nicht diesem unbekannten Apparat gegenüber die Rolle des Eskimo zu spielen, will ich mich lieber gar nicht äußern.«

Torm schwieg nachdenklich. Dann sagte er:

»Was mich am meisten beunruhigt, ist diese unerklärliche Anziehungskraft, die die Achse der Insel auf unsern Ballon ausübt. Und sehen Sie, seitdem wir kein Gas mehr ausströmen lassen, beginnt der Ballon wieder rapid zu steigen. Dabei wird er fortwährend um das Zentrum der Insel herumgetrieben.«

»Und wer sagt Ihnen, was geschieht, wenn wir in die Achse selbst geraten? Ich halte unsere Situation für geradezu verzweifelt, aus dem Wirbel können wir nur heraus, wenn wir uns sinken lassen. Dann aber geraten wir in die Macht der unbekannten Insulaner.«

»Und dennoch«, sagte Torm, »werden wir uns entschließen müssen.«

Alle drei schwiegen. Mit düsteren Blicken beobachteten Torm und Grunthe die Bewegungen des Ballons, während Saltner die Insel mit dem Fernrohr untersuchte. Mehr und mehr verschwanden die Details, die vorher deutlich sichtbar waren, ein Zeichen, daß der Ballon mit großer Geschwindigkeit stieg, auch wenn die Instrumente, ja selbst die zunehmende Kälte, dies nicht angezeigt hätten.

Da – was war das? – auf der Insel zeigte sich eine Bewegung, ein eigentümliches Leuchten. Saltner rief die Gefährten an. Sie blickten hinab, konnten aber mit ihren schwächeren Instrumenten nur bemerken, daß sich helle Punkte vom Zentrum nach der Peripherie hin bewegten. Saltner schien es durch sein starkes Glas, als wenn eine Reihe von Gestalten mit weißen Tüchern winkende Bewegungen ausführte, die alle vom Innern der Insel nach außen hin wiesen.

»Man gibt uns Zeichen«, sagte er. »Sehen Sie hier durch das starke Glas!«

»Das kann nichts anderes bedeuten«, rief Torm, »als daß wir uns von der Achse entfernen sollen. Aber so klug sind wir selbst – wir wissen nur nicht wie.«

»Wir müssen das Entleerungs-Ventil öffnen«, sagte Saltner.

»Dann ergeben wir uns auf Gnade und Ungnade«, rief Grunthe.

»Und doch wird uns nichts übrig bleiben«, bemerkte Torm.

»Und was schadet es?« fragte Saltner. »Vielleicht wollen jene Wesen nur unser Bestes. Würden sie uns sonst warnen?«

»Wie dem auch sei – wir dürfen nicht höher steigen«, sagte Torm. »Wir werden ja geradezu in die Höhe gerissen.«

Schon hatten sich alle dicht in ihre Pelze gewickelt.

»Warten wir noch«, sagte Grunthe, »wir sind immer noch gegen hundert Meter von der Achse der Insel entfernt. Die Trübung hat sich genähert, wir kommen in eine Wolkenschicht. Vielleicht gelangt doch der Ballon endlich ins Gleichgewicht.«

»Unmöglich«, entgegnete Torm. »Wir haben bereits gegen 4000 Meter erreicht. Der Ballon war im Gleichgewicht, als das Gewicht des Futterals mit den Champagnerflaschen seine Bewegung zu ändern vermochte. Wenn er jetzt mit solcher Geschwindigkeit steigt, so ist das ein Zeichen, daß uns eine äußere Kraft in die Höhe führt, die um so stärker wird, je mehr wir uns dem Zentrum nähern.«

»Ich muß es zugeben«, sagte Grunthe. »Es ist gerade, als wenn wir uns in einem Kraftfeld befänden, das uns direkt von der Erde abstößt. Sollen wir einen Versuchsballon ablassen?«

»Kann uns nichts Neues mehr sagen – es ist zu spät. Da – wir sind in den Wolken.«

»Also hinunter!« rief Saltner.

Torm riß das Landungsventil auf.

Der Ballon mäßigte seine aufsteigende Bewegung, aber zu sinken begann er nicht.

Die Blicke der Luftschiffer hingen an den Instrumenten. Wenige Minuten mußten ihr Schicksal entscheiden. Das Gas strömte in die verdünnte Luft mit großer Gewalt aus. Brachte dies den Ballon nicht bald zum Sinken, so war es klar, daß sie die Herrschaft über das Luftmeer verloren hatten. Sie befanden sich dann einer Gewalt gegenüber, die sie, unabhängig von dem Gleichgewicht ihres Ballons in der Atmosphäre, von der Erde forttrieb.

Und der Ballon sank nicht. Eine Zeitlang schien es, als wollte er sich auf gleicher Höhe halten, aber die wirbelnde Bewegung hörte nicht auf, die ihn der Achse der Insel entgegentrieb. Diese Achse, daran war ja kein Zweifel, war nichts anderes als die Erdachse selbst, jene mathematische Linie, um welche die Rotation der Erde erfolgt. Immer stärker wurden sie zu ihr hingezogen. Aber je näher sie ihr kamen, um so heftiger wurde der Ballon noch oben gedrängt. Schon begannen sich die körperlichen Beschwerden einzustellen, welche die Erhebung in die verdünnten Luftschichten begleiten. Alle klagten über Herzklopfen. Saltner mußte das Fernrohr hinlegen, vor seinen Augen verschwammen die Gegenstände. Atemnot stellte sich ein.

»Es bleibt nichts andres übrig«, rief Torm. »Die Reißleine!«

Grunthe ergriff die Reißleine. Die Zerreißvorrichtung dient dazu, einen Streifen der Ballonhülle in der Länge des sechsten Teils des Ballonumfangs aufzureißen, um den Ballon im Notfall binnen wenigen Minuten des Gases zu entleeren. Aber – die Vorrichtung versagte! Er zerrte an der Leine – sie gab nicht nach. Sie mußte sich am Netzwerk des Ballons verfangen haben. Es war jetzt unmöglich, den Schaden zu reparieren. Der Ballon stieg weiter. Von der Erde war nichts mehr zu sehen, man blickte auf Wolken.

»Die Sauerstoffapparate!« kommandierte Torm.

Obwohl man die Absicht hatte, sich stets in geringer Höhe zu halten, konnte man doch nicht wissen, ob nicht die Umstände ein Aufsteigen in die höchsten Regionen mit sich bringen wurden. Für diesen Fall hatte man sich mit komprimiertem Sauerstoff zur Atmung versehen. Es war jetzt notwendig, die künstliche Atmung anzuwenden.

Die Forscher fühlten sich neu gestärkt; aber immer furchtbarer wurde die Kälte. Sie merkten, wie ihre Gliedmaßen zu erstarren drohten. Die Nase, die Finger wurden gefühllos, sie versuchten ihnen durch Reiben den Blutzufluß wieder zuzuführen. Der Ballon stieg rettungslos weiter, und zwar immer schneller, je mehr er sich dem Zentrum näherte. Siebentausend – achttausend – neuntausend Meter zeigte das Barometer im Verlauf einer Viertelstunde an. Die größte Höhe, welche je von Menschen erreicht worden war, wurde nun überschritten.

Untätig saßen die Männer zusammengedrängt – sie hatten den künstlichen Verschluß der Gondel hergestellt, da sie nichts mehr am Ballon ändern konnten. Sie vermochten nichts zu tun, als sich gegen die Kälte zu schützen. Kein Mittel der Rettung zeigte sich – ihre Tatkraft begann unter dem Einfluß der vernichtenden Kälte zu erlahmen. Der Flug in die Höhe war unhemmbar – nichts mehr konnte sie retten vor dem Erfrieren – oder vor dem Ersticken. – Was würde geschehen? Es war ja gleichgültig.

Und doch, immer wieder raffte sich der eine oder andere mit Anstrengung aller Willenskräfte auf – noch ein Blick auf die Instrumente – die Thermometer waren längst eingefroren – und – kaum glaublich – das Barometer zeigte einen Druck von nur noch 50 Millimeter, das heißt, sie befanden sich zwanzig Kilometer über der Erdoberfläche. Und jetzt – schien es nicht, als käme der Ballon zu ihnen herab? Die entleerte Seidenhülle senkte sich über die Gondel – die Gondel flog schneller als der Ballon – wie aus einer Kanone geschossen fuhr sie in die Seide des Ballons hinein, die Insassen der Gondel waren verstrickt in das Gewirr von Stoff und Seilen – halb schon bewußtlos bemerkten sie kaum noch den Stoß der sie traf – sie waren in die Achse des von der Insel ausgehenden Wirbels geraten. – –

Sie befanden sich senkrecht über dem Pol der Erde – das Ziel war erreicht, dem sie so hoffnungsfroh entgegengestrebt hatten. Weit unter ihnen im hellen Sonnenscheine lagen die glänzenden Wolkenstreifen und fern im Süden das grünlich schimmernde Land ausgebreitet, die kühnen Forscher aber sahen nichts mehr davon. Ohnmächtig, erstickt – erdrückt von der Last des Ballons, flogen sie, eine formlose Masse bildend, in der Richtung der Erdachse den Grenzen der Atmosphäre entgegen.


3. Kapitel. Die Bewohner des Mars

Unter dem Einfluß der geheimnisvollen Kraft, welche die Trümmer der verunglückten Expedition in der Richtung der Erdachse vom Nordpol forttrieb, hatten sie eine ungeheure Beschleunigung erlangt. Der in die Falten des Ballons hineingetriebene Korb bewegte sich jetzt mit rasender Geschwindigkeit nach oben. Wenige Minuten mußten genügen, den Tod der Insassen zu bewirken, da der Verschluß der Gondel sie nicht hinreichend zu schützen vermochte.

Nicht mehr von der Erde aus erkennbar schien das seltsame Geschoß einsam und verlassen den Weltraum zu durcheilen, jeder menschlichen Macht entrückt, ein Spielball kosmischer Kräfte – –

Und dennoch war der Ballon der Gegenstand gespanntester Aufmerksamkeit.

Die Beobachter desselben befanden sich auf einer Stelle, wo kein Mensch lebende Wesen vermutet, ja nur eine solche Möglichkeit hätte verstehen können. Daß der Nordpol von unbekannten Bewohnern besetzt sei, war ja äußerst seltsam und überraschend; aber er war doch ein Punkt der Erde, auf welchem lebende Wesen sich aufzuhalten und zu atmen vermochten. Der Ort dagegen, von welchem aus man jetzt auf den verunglückten Ballon aufmerksam wurde, befand sich bereits außerhalb der Erdatmosphäre. Genau in der Richtung der Erdachse und auf dieser genau so weit von der Oberfläche der Erde entfernt wie der Mittelpunkt der Erde unterhalb, also in einer Höhe von 6356 Kilometer, befand sich frei im Raume schwebend ein merkwürdiges Kunstwerk, ein ringförmiger Körper, etwa von der Gestalt eines riesigen Rades, dessen Ebene parallel dem Horizont des Poles lag.

Dieser Ring besaß eine Breite von etwa fünfzig Metern und einen inneren Durchmesser von zwanzig, im ganzen also einen Durchmesser von 120 Metern. Rings um denselben erstreckten sich außerdem, ähnlich wie die Ringe um den Saturn, dünne, aber sehr breite Scheiben, deren Durchmesser bis auf weitere zweihundert Meter anstieg. Sie bildeten ein System von Schwungrädern, das ohne Reibung mit großer Geschwindigkeit um den inneren Ring herumlief und denselben in seiner Ebene stets senkrecht zur Erdachse hielt. Der innere Ring glich einer großen kreisförmigen Halle, die sich in drei Stockwerken von zusammen etwa fünfzehn Metern Höhe aufbaute. Das gesamte Material dieses Gebäudes wie das der Schwungräder bestand aus einem völlig durchsichtigen Stoffe. Dieser war jedoch von außerordentlicher Festigkeit und schloß das Innere der Halle vollständig luft- und wärmedicht gegen den leeren Weltraum ab. Obwohl die Temperatur im Weltraum rings um den Ring fast zweihundert Grad unter dem Gefrierpunkt des Wassers lag, herrschte innerhalb der ringförmigen Halle eine angenehme Wärme und eine zwar etwas stark verdünnte, aber doch atembare Luft. In dem mittleren Stockwerk, durch welches sich ein Gewirr von Drähten, Gittern und vibrierenden Spiegeln zog, hielten sich auf der inneren Seite des Rings zwei Personen auf, die sich damit beschäftigten, eine Reihe von Apparaten zu beobachten und zu kontrollieren.

Wie aber war es möglich, daß dieser Ring in der Höhe von 6356 Kilometern sich freischwebend über der Erde erhielt? Eine tiefreichende Erkenntnis der Natur und eine äußerst scharfsinnige Ausbildung der Technik hatten es verstanden, dieses Wunderwerk herzustellen.

Der Ring unterlag natürlich der Anziehungskraft der Erde und wäre, sich selbst überlassen, auf die Insel am Pol gestürzt. Gerade von dieser Insel aus aber wirkte auf ihn eine abstoßende Kraft, welche ihn in der Entfernung im Gleichgewicht hielt, die genau dem Halbmesser der Erde gleichkam. Diese Kraft hatte ihre Quelle in nichts anderem als in der Sonne selbst, und die Kraft der Sonnenstrahlung so umzuformen, daß sie jenen Ring der Erde gegenüber in Gleichgewichtslage hielt, das eben hatte die Kunst einer glänzend vorgeschrittenen Wissenschaft und Technik zustande gebracht.

In jener Höhe, einen Erdhalbmesser über dem Pol, war der Ring ohne Unterbrechung der Sonnenstrahlung ausgesetzt. Die von der Sonne ausgestrahlte Energie wurde nun von einer ungeheuren Anzahl von Flächenelementen, die sich in dem Ringe und auf der Oberfläche der Schwungräder befanden, aufgenommen und gesammelt. Die Menschen verwenden auf der Erdoberfläche von der Sonnenenergie hauptsächlich nur Wärme und Licht. Hier im leeren Weltraum aber zeigte sich, daß die Sonne noch ungleich größere Energiemengen aussendet, insbesondere Strahlen von sehr großer Wellenlänge, wie die elektrischen, als auch solche von noch viel kleinerer als die der Lichtwellen. Wir merken nichts davon, weil sie zum größten Teile schon von den äußersten Schichten der Atmosphäre absorbiert oder wieder in den Weltraum ausgestrahlt werden. Hier aber wurden alle diese sonst verlorenen Energiemengen gesammelt, transformiert und in geeigneter Gestalt nach der Insel am Nordpol reflektiert. Auf der Insel wurden sie, in Verbindung mit der von der Insel direkt aufgenommenen Strahlung, zu einer Reihe großartiger Leistungen verwendet; denn man hatte auf diese Weise eine ganz enorme Energiemenge zur Verfügung.

Ein Teil dieser Arbeitskraft wurde nun zunächst dazu gebraucht, ein elektromagnetisches Feld von gewaltigster Stärke und Ausdehnung zu erzeugen. Die ganze Insel mit ihren hundertvierundvierzig Rundbastionen stellte gewissermaßen einen riesigen Elektromagneten vor, der von der Sonnenenergie selbst gespeist wurde. Die Konstruktion war so angelegt, daß die Kraftlinien sich um den Ring konzentrierten und dieser, der Schwerkraft entgegen schwebend gehalten wurde. Daß dies genau in der Entfernung des Erdhalbmessers vom Pole geschah, hing mit einer Beziehung zwischen Elektromagnetismus und Schwere zusammen, infolge deren sich gerade an dieser Stelle eine Art Knotenpunkt für die Wellenbewegung beider Kräfte zu bilden vermochte und das Gleichgewicht ermöglichte.

Allerdings wurde durch eine Reihe komplizierter und höchst scharfsinnig ausgedachter Kontrollapparate dafür gesorgt, daß alle Schwankungen der Energiemengen zur rechten Zeit ausgeglichen wurden. Einen solchen Apparat aufzustellen wäre indessen an keinem anderen Punkte der Erde möglich gewesen als in der Verlängerung ihrer Rotationsachse, also über dem Nordpol oder über dem Südpol. Denn an jeder andern Stelle hätte, abgesehen von tieferliegenden Schwierigkeiten, die Verschiebung der Erdoberfläche infolge der täglichen Umdrehung der Erde unüberwindbare Hindernisse für die Herstellung des Gleichgewichts zwischen der Schwerkraft und dem Elektromagneten geboten; auch hätte die gleichmäßige Sonnenstrahlung gefehlt. Der Pol bietet aber in jeder Hinsicht die einfachsten Verhältnisse wenn es gelingt, bis zu ihm zu gelangen.

Nun, die unübertroffenen Ingenieure der Insel und des Ringes waren einmal da. Aber wo kamen sie her? Wie waren sie dorthin gelangt, ohne daß die internationale Kommission für Polarforschung die geringste Ahnung davon hatte? Und vor allem – wenn sie einmal da waren –, was hatte es für einen Zweck, jenen freischwebenden Ring über dem Pol zu balancieren? Und wenn einmal jener Ring da war, wie konnte man hinauf- und hinabkommen?

Jener Ring war überhaupt nur ein Mittel, um einen ganz andern Zweck zu erreichen. Er diente dazu, einen Standpunkt außerhalb der Atmosphäre der Erde zu gewinnen, eine Station, um zwischen dieser und der Erde nichts Geringeres auszuführen, als – eine zeitweilige Aufhebung der Schwerkraft. Der Raum zwischen der inneren Öffnung des Ringes von zwanzig Metern Durchmesser und der auf der Insel sich befindenden Vertiefung, also ein Zylinder, dessen Achse genau mit der Erdachse zusammenfiel, war ein ›abarisches Feld‹. Dies bedeutet, ein Gebiet ohne Schwere. Körper, welche in diesen zylindrischen Raum gerieten, wurden von der Erde nicht mehr angezogen. Dieses abarische Feld bewirkte, daß in der ganzen Umgebung des Feldes Spannungen im Raum vorhanden waren, wodurch etwa sich nähernde Körper in das Feld getrieben wurden. Daher war es gekommen, daß der Ballon der Luftschiffer allmählich der Insel und damit dem abarischen Felde unentrinnbar zugeführt worden war.

Die Erzeugung jenes Feldes, in welchem die Schwerkraft aufgehoben war für den inneren Raum zwischen Insel und Ring, war dadurch möglich gemacht worden, daß man eine der Erdschwere entgegengesetzt gerichtete Gravitationskraft herstellte. Es war jenen Polbewohnern bekannt, wie man diejenigen Strahlen, welche hauptsächlich chemische Wirkung, Wärme und Licht liefern, in Gravitation überführen kann. Sie wurden zu diesem Zweck bis in den inneren Teil des Ringes geleitet und traten hier in den ›Gravitationsgenerator‹. Dies war ein Apparat, durch welchen man Wärme in Gravitation umwandelte. Ein zweiter, ebenso eingerichteter Gravitationserzeuger befand sich in der zentralen Vertiefung im Inneren der Insel. Beide Apparate wirkten derartig zusammen, daß die Beschleunigung der Schwerkraft im Inneren zwischen Insel und Ring beliebig reguliert werden konnte. Man konnte sie entweder nur verringern, oder ganz aufheben – dann war das abarische Feld im eigentlichen Sinne hergestellt –, oder man konnte die Gegenschwerkraft so verstärken, daß die Körper innerhalb des abarischen Feldes ›nach oben fielen‹, das heißt, eine beliebig starke Beschleunigung entgegengesetzt der Erdschwere, also von der Erde fort, erhielten. Auf diese Weise war es möglich, mit jeder gewünschten Geschwindigkeit Körper zwischen der Insel und dem Ringe sowohl von unten nach oben als von oben nach unten in Bewegung zu setzen, indem man sie in einen zu diesem Zweck konstruierten Flugwagen einschloß.

Es war nun die schwierige Aufgabe der Ingenieure an den beiden Endstationen, den Betrieb so zu regulieren, daß jedesmal das abarische Feld die nötige Stärke besaß, um den Wagen nach oben zu treiben oder in seiner Bewegung aufzuhalten.

Als der Ballon der Polarforscher in das abarische Feld geriet, war dasselbe gerade auf ›Gegenschwere‹ gestellt, weil sich ein Flugwagen auf dem Wege von der Insel nach dem Ringe befand. Infolgedessen wurde der nach dem abarischen Felde hingedrängte Ballon, sobald er in die Achse desselben geraten war, mit großer Geschwindigkeit in die Höhe gerissen.

Äußerlich unterschied sich das Feld von der umgebenden Luft in gar nichts. Nur ein starker aufsteigender Luftstrom und infolgedessen ein seitliches Zuströmen der Luft war natürlich vorhanden. Aber bei dem geringen Durchmesser des Feldes von zwanzig Metern war die in die Höhe getriebene Luftmasse so gering, daß es dadurch nicht zu einer merklichen Nebel- oder Wolkenbildung kam, zumal vom Ringe wie von der Insel aus eine so starke Bestrahlung stattfand, daß der sich etwa kondensierende Wasserdampf sofort wieder in Gasform aufgelöst wurde.

Solange der Ballon sich noch in den Luftschichten bis ein oder zwei Kilometer befand, konnte das Ausströmen des Gases sein Aufsteigen einigermaßen verzögern. Dann aber wurde die Beschleunigung zu groß. Die Gondel, welche sich im Zentrum des Feldes befand, erfuhr dabei eine größere Beschleunigung nach oben als der an Masse zwar geringere, an Ausdehnung aber soviel größere Ballon. Denn da der Durchmesser des Ballons zwanzig Meter übertraf, so ragte er zum Teil über das abarische Feld hinaus. Erst als er durch den Verlust an Gas zusammengesunken war, geriet er ganz in das abarische Feld, und nun begann jener kolossal beschleunigte ›Fall nach oben‹, der den Ballon binnen einer Viertelstunde auf tausend Kilometer emporgerissen hätte, wenn er nicht zum Glück nach kaum einer Minute aufgehalten worden wäre.

Als die Ingenieure der Insel den Ballon bemerkten, hatten sie zunächst versucht, ihn durch Ergreifung des Schleppgurts festzuhalten. Dies hatte Grunthe durch das Hinauswerfen der Champagnerflaschen verhindert, da er jede Berührung der Insel vermeiden wollte. So war der Ballon so weit gestiegen, daß er nicht mehr ergriffen werden konnte, aber er war dadurch dem abarischen Felde unrettbar überliefert. Hier hätten ihn nun die Bewohner der Insel freilich sogleich aufhalten und zurückführen können, wenn sie die ›Gegenschwere‹ im Felde abgestellt hätten. Dies war ihnen jedoch darum nicht möglich, weil sich oberhalb des Ballons, längst nicht mehr sichtbar, ihr eigener Flugwagen befand. Sie konnten also nicht eher eine Veränderung am Feld vornehmen, als bis ihr Wagen an der Station des Ringes angekommen war. Zum Glück für die Insassen des Ballons mußte dies in kürzester Zeit geschehen.

Inzwischen hatten aber auch die Ingenieure auf dem Ring, obwohl sie den Ballon nicht sehen konnten, doch an ihren Gravitationsmessern eine Störung im abarischen Felde wahrgenommen. Sie sandten daher vom Ring eine Depesche nach der Insel.

Diese Übermittlung bot keine Schwierigkeit, denn sie verstanden es, die Lichtstrahlen selbst als Träger für ihre Depeschen zu benutzen. Der Raum zwischen Ring und Insel gestattete dies infolge der intensiven Bestrahlung auch beim feuchtesten Wetter.

Sie telegraphierten nicht nur, sie telefonierten vermöge des Lichtstrahls. Die elektromagnetischen Schwingungen des Telephons setzten sich in photochemische um und wurden auf der andern Station sofort am Apparat abgelesen. Während die unglücklichen Luftschiffer, von der Seide des Ballons eingehüllt, ihre blitzschnelle Fahrt auf der Erdachse vollführten, ging an ihnen eine Depesche vom Ring nach der Insel vorüber, welche lautete:

»E najoh. Ke.«

Und von der Insel wurde zurückdepeschiert:

»Bate li war. Tak a fil.«

Man hätte freilich alle bekannten Sprachen der Erde durchgehen können, ohne in irgendeiner diese Sätze zu finden. Sie bedeuten:

»Achtung! Störung! Was ist vorgefallen?«

Und die Antwort lautete:

»Menschen im abarischen Feld. Abstellen sobald als möglich.«

Der Empfänger dieser Depesche stand in der Beobachtungsabteilung des schwebenden Ringes und kontrollierte die Apparate, welche daselbst an einem großen Schaltbrett angebracht waren. Der Zeiger am Differenzialbaroskop wies ihm genau die Stelle, wo sich der Flugwagen im Augenblick befand. Schon war dieser nahe herangekommen. Einige Handgriffe des Beamten regulierten die Geschwindigkeit des Wagens, der nach wenigen Minuten auf der Endstation erschien. Das vorspringende Fangnetz hielt ihn auf, er ruhte an seinem Ziel.

Der Beamte – es war der Vorsteher der Außenstation selbst – namens Fru, hatte bis jetzt keinen Blick von den Apparaten verwandt. Man hätte ihn für einen alten Mann halten mögen, denn langes, fast weißes Haar flatterte um seine Schläfe. Eine ungewöhnlich hohe Stirn wölbte sich über den großen Augen, deren Pupillen einen tiefen Glanz zeigten. Die Haltung des Körpers aber war frei und leicht. Gewandt bewegte er sich an dem langen Schaltbrett entlang von einem Apparat zum andern, seine Schritte glichen fast einem Gleiten über den Boden. Er war offenbar daran gewöhnt, daß die Schwerkraft eine viel geringere war als auf der Erde. Denn hier, in der doppelten Entfernung vom Mittelpunkt der Erde als deren Oberfläche, betrug die Schwere nur ein Viertel von der uns gewohnten.

Die Tür des Flugwagens wurde jetzt geöffnet. Der Vorsteher der Ringstation warf nur einen flüchtigen Blick dorthin und wandte sich dann wieder den Apparaten zu, um nach dem Pol zu telegraphieren, daß das abarische Feld frei sei.

Die Fahrgäste verließen den Wagen und betraten die Galerie. Es mochten achtzehn Personen sein, in seltsamer Tracht, mit eng anliegenden Kleidern. Ihre bedeutenden Köpfe zeichneten sich meist durch sehr helles, fast weißes Haar und glänzende, durchdringende Augen aus, die aber jetzt durch dunkle Brillen geschützt waren. Sie durchschritten die Galerie, deren Überschrift in jener fremden Sprache besagte, daß man sich auf der ›Außenstation der Erde‹ befinde, und wandten sich über eine Treppe der Ausgangstür nach der oberen Galerie zu. Über der Tür stand in großen Buchstaben: ›Vel lo nu‹, das bedeutet: ›Zum Raumschiff nach dem Mars.‹

Jener schwebende Ring war nichts anderes als der Marsbahnhof der Erde. Er war eine Station in der Nähe der Erde, durch deren Erbauung es den Bewohnern des Planeten Mars möglich geworden war, zwischen ihrem Planeten und der Erde eine regelmäßige Verbindung herzustellen. Die Fahrgäste des Flugwagens waren Martier, die nach ihrer Heimat zurückkehren wollten.


4. Kapitel. Der Sturz des Ballons

Die Regulierung des abarischen Feldes hatte von der Ringstation aus stattgefunden, um den emporsteigenden Flugwagen mit der nötigen Geschwindigkeit zu leiten. Der Wechsel von Gegenschwere und Erdschwere erstreckte sich aber auf das ganze Feld und hatte natürlich zur Folge, daß auch der verunglückte Ballon den Schwankungen der Schwere unterlag. So wurde er zuerst in seinem Fluge nach oben gemäßigt, durchlief dann eine kurze Strecke mit unveränderter Geschwindigkeit, und von dem Augenblicke an, in welchem der Flugwagen den Ring erreicht hatte, begann der Ballon wieder mit immer zunehmender Geschwindigkeit zu fallen. Da in diesen Höhen von einem Widerstand der Luft nicht die Rede war, so fielen auch jetzt Ballon und Gondel mit gleicher Geschwindigkeit. Der stark zusammengesunkene Ballon, der einen großen Teil seiner Gasmenge verloren hatte, bedeckte in dichten Falten den Korb.

Dieser Umstand hatte die Luftschiffer vor einem sofortigen Tod bewahrt. Zunächst schützte sie die Einhüllung in den Ballon vor dem Erfrieren; ja merkwürdigerweise stieg die Temperatur im Inneren des Korbes wieder, als die Atmosphäre der Erde durchflogen war. Dies rührte von der Sonnenstrahlung her, welche jetzt in voller Stärke, durch die Luft nicht mehr aufgehalten, den Ballon traf. Sie wurde durch die Hülle des Ballons absorbiert und erwärmte alles, was sich in derselben befand.

Ein glücklicher Zufall hatte es aber auch so gefügt, daß sich noch ein Teil des Gases im Ballon hielt, dessen Stoff von so vorzüglicher Beschaffenheit war, daß er die Diffusion des Wasserstoffs selbst gegenüber dem leeren Raume fast völlig aufhob. Das Gas konnte nur durch das Landungsventil entströmen. Das Versagen der Zerreißvorrichtung, das ihr Verderben schien, wurde jetzt die Rettung der Luftschiffer.

Durch die Einstülpung, welche der Ballon im abarischen Felde erfahren hatte, war der untere Teil des Ballons so in den oberen hineingetrieben worden, daß das Ventil zwischen den Falten zusammengepreßt lag und ein weiteres Ausströmen des Gases verhindert wurde. Freilich hätte auch dies nicht lange vorgehalten, aber der ganze Vorgang, von dem Augenblick, in welchem Grunthe die Reißleine ergriff, bis zum Zusammenklappen des Ballons und dann zum Abstellen des abarischen Feldes durch die Martier hatte nur wenige Minuten betragen.

Da es sich bei dem Niedergang des Ballons im abarischen Feld um einen herabsteigenden Körper handelte, hatten die Ingenieure der Insel die Regulierung der Bewegung zu besorgen. Sie konnten denselben zwar der eingetretenen Bewölkung wegen nicht sehen, aber ihre Instrumente zeigten ihnen genau die Stelle, an welcher er sich befand, und die Geschwindigkeit, mit welcher er fiel. Sie gaben nun im geeigneten Moment dem Feld eine so starke Gegenbeschleunigung, daß der Ballon in der Höhe von etwa dreitausend Meter über der Erde zur Ruhe kam, gerade in dem Augenblick, in welchem er die Wolkendecke durchbrochen hatte und der Beobachtung durch das Fernrohr zugänglich geworden war. Der Ballon war jetzt den gewöhnlichen Verhältnissen der Atmosphäre überlassen. Das abarische Feld wurde nun gänzlich abgestellt, so daß es sich in nichts von den übrigen Teilen der Atmosphäre unterschied. Allerdings hatte der Ballon so viel Gas verloren, daß er sich nicht in der Höhe halten konnte. Aber wenn die Luftschiffer noch am Leben waren, durften die Martier annehmen, daß sie durch Auswerfen von Ballast ihren Abstieg nunmehr verlangsamen und selbständig regulieren konnten.

Doch was sahen die Martier der Insel durch ihre Fernrohre? Der Ballon hatte sich allerdings über dem Korb wieder erhoben. Dieser selbst aber war gegen den Ring gepreßt und in das Gewirr der ihn tragenden Seile geraten und lag nun vollständig schief zur Seite. Das Schleppseil hing nicht herab, sondern hatte sich um den Ballon herumgeschlungen. Der Verschluß des Korbes war geöffnet. Ein großer Teil des Inhalts der Gondel schien dabei herausgestürzt. Die Last des Ballons war dadurch so stark erleichtert worden, daß die übriggebliebene Gasmenge, so gering sie auch war, sie doch noch zu tragen vermochte. Der Ballon sank nur ganz allmählich und wurde, da das abarische Feld außer Tätigkeit gesetzt war, vom Wind ergriffen. So trieb der Ballon von der Insel fort über das Binnenmeer hin, nahezu in der entgegengesetzten Richtung als in derjenigen, aus welcher die Luftfahrer gekommen waren.

Die Martier erkannten nun wohl, daß die Insassen des Ballons die Kontrolle über ihn verloren hatten. Was konnten sie aber zu ihrer Rettung tun? Sie hätten zwar durch Herstellung des abarischen Feldes bewirken können, daß sich der Ballon dem Zentrum wieder nähern mußte, doch sie wollten ihn ja gerade von der Insel entfernen. Denn sie durften durch diesen fremden Körper nicht länger ihren Verkehr mit der Ringstation stören lassen.

Während die Martier sich berieten, hatte der Ballon bereits die Insel überflogen und befand sich über dem Meer. Zugleich war er auf etwa zweitausend Meter gesunken. Würde er das gegenüberliegende Ufer erreichen? Würde er in das Meer stürzen? Oder würde er an der Felswand des steil abfallenden Ufers zerschellen? Das letzte schien das Wahrscheinlichste, wenn es nicht gelang, den Ballon entweder zu heben oder zu schnellem Sinken zu bringen.

In der halb umgestürzten Gondel des Ballons sah es wüst aus. Die Instrumente zum Teil zertrümmert, die Körbe und Kisten zerbrochen, Vorräte und Menschen in einem wirren Knäuel, nur durch das Netz der vielfach verschlungenen Stricke am Herausstürzen verhindert.

Von einem stechenden Schmerz im rechten Fuß erweckt, öffnete Grunthe die Augen. Er sah sich zu seinem Erstaunen am Rande des Korbes, der sich auf der einen Seite mit dem Ringe verfangen hatte, zwischen dem Geflecht desselben und einem der Anker des Ballons eingeklemmt. Dieser hatte ihn am Fuß verletzt. Schnell kam Grunthe wieder zu vollem Bewußtsein. Er konnte nur seinen Oberkörper und die Arme bewegen. Ein Blick auf den Zustand des Ballons ließ ihn befürchten, daß es unmöglich sein würde, die Höhe des Gebirges jenseits des Sees zu gewinnen. Unter ihm aber lag die Fläche des Meeres. Besorgt blickte er sich nach seinen Gefährten um. Torm vermochte er nirgends zu entdecken. Aber nun sah er, wie unter einem zerbrochenen Korb und einem Haufen von Decken sich etwas bewegte und ein Kopf mit dunkelbraunem, lockigem Haar zum Vorschein kam. Es war Saltner, der ebenfalls aus seiner Ohnmacht erwachte. Saltner, der keine Ahnung von dem Zustand des Ballons hatte, suchte sich aus seiner unbequemen Lage zu befreien. Grunthe aber erkannte, in welcher Gefahr der Reisegenosse schwebte. Jede weitere Bewegung konnte ihn aus dem Korbe herausschleudern und hinabstürzen lassen.

»Liegen Sie still«, rief er ihm zu, »verhalten Sie sich ganz ruhig – der Korb ist gekentert – halten Sie sich fest!«

»Sackerment«, brummte Saltner unter der Decke, »liegen Sie doch einmal still, wenn Sie auf einer zerbrochenen Champagnerflasche sitzen! Hätten wir nur das ganze Zeug gleich ausgetrunken und die leere Flasche hinausgeworfen!«

Dabei warf er sich mit einem Gewaltruck zur Seite, zugleich aber geriet er ins Rollen –

Grunthe stieß einen Schrei des Schreckens aus. Er sah den Gefährten am äußersten Rande der Gondel schweben – Saltner fuhr mit den Armen in die Luft, jedoch er fand keinen Halt – der Körper stürzte hinaus – seine Knie hingen in der Schlinge eines Seiles – in dieser furchtbaren Lage, den Kopf nach unten, schwebte Saltner mehr als tausend Meter über dem Spiegel des Polarmeeres.

In der Aufregung des Augenblicks wandte Grunthe, mit beiden Händen sich festhaltend, seinen Körper so gewaltsam, daß es ihm gelang, den Fuß unter dem Anker herauszureißen. Er achtete den Schmerz nicht; so schnell wie möglich, obwohl mit großer Vorsicht, kletterte er an den Tauen des Korbes nach Saltner hin. Er suchte nach einem Seil, das er ihm zuwerfen konnte, um ihn wieder in die Gondel zu ziehen. Aber wo war in diesem Gewirr von Stricken sogleich ein passendes Tau zu finden? Hier hing eine weite Schlinge herab. Er versetzte sie in Schwingungen, er zerrte daran, und jetzt gelang es ihm, das Tau bis in Saltners Nähe zu bringen.

Zum Glück hatte dieser keinen Augenblick seine Geistesgegenwart verloren. Als er das Tau im Bereich seiner Hände sah, griff er danach. Es gelang ihm sich festzuhalten, und nun versuchte er an dem Tau sich wieder zur Gondel emporzuarbeiten. Schon befand er sich wieder in aufrechter Stellung. Mit den Händen am Seil höher greifend, zog er seine Füße aus der Schlinge, in welcher er hängengeblieben war, und setzte sie auf den Rand des Korbes. Plötzlich entstand über ihm ein Rauschen und Krachen. Das Seil, an welchem er sich hielt, war ein Teil des über den Ballon gefallenen Schlepptaus. Es löste sich jetzt mit seinem freien Ende vom Ballon und glitt abwärts. Kaum hatte Saltner noch Zeit, sich an der Gondel festzuklammern, als das Seil in seiner ganzen Länge hinabsauste. Aber indem es über den Ballon hinwegglitt, verfing es sich mit der Reißleine und zog dieselbe mit voller Gewalt mit sich. Jetzt trat die Zerreißvorrichtung in Funktion. Die Ballonhülle klaffte auseinander. Das Gas strömte mit Zischen aus. Der Ballon drehte sich um seine Achse und begann mit rasender Geschwindigkeit zu fallen.

»Hinauf in den Ring«, rief Grunthe. »Wir müssen sehen, die Gondel abzuschneiden.«

»Aber wo ist Torm?« rief Saltner.

Sie riefen, sie schrieen, sie suchten – Torm war nicht zu finden. Dennoch war es möglich, daß er sich noch im Korb befand – sie durften diesen also nicht vom Ballon trennen, sie konnten ihn auch nicht länger durchsuchen –

»Den Fallschirm, den Fallschirm!« rief Grunthe wieder.

»Er ist fort!«

Der Ballon wirbelte abwärts –

Ein Schlag, ein Schäumen und Aufspritzen – das Meer schlug über der Gondel und ihren Insassen zusammen – –

Wie eine riesige Schildkröte schwamm die Hülle des Ballons, sich aufblähend, auf dem Wasser, die Expedition unter sich begrabend.


5. Kapitel. Auf der künstlichen Insel

Das milde Licht des Polartages schien durch die breiten Fenster eines hohen Gemaches, das im Stile der Marsbewohner ausgestattet war. An der Decke zogen sich eine große Anzahl metallischer Streifen entlang, die in ihrer Gesamtheit ein geschmackvolles Muster darstellten. In der Mitte schlossen sie sich zu einer Rosette zusammen, von welcher zahlreiche Drähte herabführten und in einem schrankartigen Aufsatz endigten. Dieser Aufsatz befand sich auf einem großen runden Tisch und trug an seiner Außenseite ringsum eine Reihe von Wirbeln oder Handgriffen; Aufschriften über ihnen bezeichneten ihre Bestimmung. Die den Fenstern gegenüberliegende Wand war zu beiden Seiten der breiten Mitteltür von geschnitzten Regalen bedeckt, die zur Aufbewahrung einer reichhaltigen Bibliothek dienten. Den darüber freibleibenden Raum schmückten Gemälde; sie stellten Ansichten vom Mars dar. Doch hätte man glauben mögen, durch eine Reihe von Öffnungen plastische Darstellungen, oder vielmehr die Natur selbst zu sehen. Denn die Abstufungen der Farben waren so intensiv, daß sie den Eindruck vollständiger Wirklichkeit machten. Da sah man in einer Landschaft die Reflexe der Sonnenstrahlen auf dem sumpfigen Boden wie leuchtende Sterne, und dennoch vermochte man in dem tiefen Schatten der riesigen Bäume die feinsten Nuancen deutlich zu unterscheiden. Über der Tür leuchtete die lebensgroße Büste Imms, des unsterblichen Philosophen der Martier, der ihnen die Lehre von der Numenheit enthüllt hatte.

Auf der Fensterseite blühten in Näpfen seltsame Gewächse. Am merkwürdigsten war darunter die tanzende Blüte ›Ro-Wa‹, eine lilienartige Pflanze, deren lange Blütenstengel sich schlangengleich hin- und herbewegten und mit ihren zierlichen Knospen fortwährend anmutige Bewegungen ausführten, indem sie zugleich ein leises Zwitschern wie von Vogelstimmen hören ließen. Zwischen den Blumentischen stand auf der einen Seite eine Schreibmaschine, auf der andern ein Apparat, der nichts anderes vorstellte als eine Maschine zur Ausführung schwieriger mathematischer Rechnungen.

Die Fenster reichten bis zum Boden des Zimmers. Dennoch schien es, als liefe an denselben etwa bis zur Höhe von einem Meter eine Bekleidung entlang. Aber seltsam, diese Bekleidung schimmerte in einem dunkeln Grün und wogte leise auf und ab; und mitunter leuchteten kleinere und größere Fische darin auf und stießen ihre Köpfe an die Scheiben. Es war das Meer, das bis zu Meterhöhe über den Boden des Zimmers hereinblickte. Denn jenes Zimmer befand sich auf der Außenseite der Insel, welche Torms verunglückte Expedition am Nordpol der Erde gesehen hatte.

Eine natürliche Insel war jedoch diese Anlage der Martier nicht. Sie hatten vielmehr in den Binnensee, der am Nordpol sich vorfand, eine künstliche Insel, richtiger ein schwimmendes Floß von großer Ausdehnung, hineingebaut, das ihr Feld von riesigen Elektromagneten zu tragen hatte. Denn diese Elektromagnete brauchten sie zur Balancierung ihrer Außenstation und dadurch zur Errichtung des abarischen Feldes. Auf der inneren Seite des ringförmig erbauten Riesenfloßes befanden sich die Arbeitsmaschinen und Apparate, während die Außenseite zu Wohnräumen diente sowie zum Stapelplatz aller der Vorräte und Werkzeuge, welche die Martier hier allmählich ansammelten, um die Eroberung der Erde vom Nordpol aus vorzubereiten.

Über die Treppe, die von dem Dach der Insel nach dem Korridor und den angrenzenden Wohnzimmern führte, stieg eine weibliche Gestalt herab. Auf das Geländer gestützt bewegte sie sich mühsam, wie durch eine schwere Last niedergebeugt. Sie zuckte schmerzlich zusammen, sooft ihr Fuß mit einem krampfhaften Aufschlag die nächst niedere Stufe berührte. Darauf durchschritt sie ebenso schwer und mühevoll den Korridor, indem sie sich gleichfalls mit den Händen an einem der Geländer unterstützte, die sich den Korridor entlangzogen. Jetzt berührte sie die Tür des Zimmers, die sich geräuschlos in sich selbst zusammenrollte, und trat ein. Die Tür schloß sich hinter ihr von selbst.

Mit einem Schlag war die Haltung der Gestalt verändert. Leicht und kräftig richtete sie sich empor. In einer anmutigen Bewegung warf sie den Kopf zurück und atmete einige Male tief auf. Sie glitt einige Schritte durch das Zimmer; nicht mehr gebeugt und mühsam, sondern wie schwebend durchmaß sie in graziöser Haltung den Raum und blickte auf dem Tisch nach dem Zifferblatt, das den Stand des Schweredrucks im Zimmer angab. Ein helles Aufleuchten ihrer großen, glänzenden Augen mochte ihre Zufriedenheit andeuten, denn sie korrigierte kaum merklich die Stellung des Handgriffs, durch den sie die im Zimmer herrschende Schwerkraft regulieren konnte. Eine Abzweigung des abarischen Feldes gestattete den Bewohnern der Insel, ihre Wohnräume den Schwereverhältnissen anzupassen, welche ihre Konstitution erforderte. Denn die Schwerkraft auf dem Mars beträgt nur ein Drittel von derjenigen auf der Erde.

Jetzt streifte sie mit einer leichten Bewegung die warme Hülle ab, die ihre Schultern bedeckte, und ohne sich umzublicken warf sie dieselbe, wo sie gerade stand, achtlos in die Höhe. Von ihrem Kopf löste sie die Kapotte, die sie draußen getragen hatte, und stieß sie ebenfalls ziellos in die Luft. An ihren Handschuhen drückte sie auf ein Knöpfchen und streckte dann ihre Hände mit gespreizten Fingern leicht in die Höhe, worauf sich die Handschuhe von selbst abstreiften und emporstiegen. Alle die nach oben geworfenen Gegenstände flogen von selbst einer Ecke des Zimmers zu, schlugen eine dort befindliche Klappe zurück und glitten hinter der Wand auf die ihnen bestimmten Plätze, während die Klappe sich wieder schloß. Sie waren sämtlich mit einem von den Martiern entdeckten Stoff gefüttert, der sich nach Art der Pflanzenfaser behandeln ließ, aber in äußerst kräftiger Weise, so wie das Eisen vom Magnet, von einem dazu eingerichteten Apparat angezogen wurde. Die anziehende Kraft trat in Tätigkeit, sobald der Schluß gelöst wurde, der die Gegenstände am Körper befestigte. Bei der im Zimmer herrschenden geringen Schwere genügte es, die Sachen einfach mit einem leichten Ruck nach oben zu werfen; die selbsttätige Garderobe besorgte das übrige. So war es den Martiern sehr leicht gemacht, ihre Sachen in Ordnung zu halten. Denn durch die Konstruktion der verschiedenen Öffnungen, welche die Garderobenstücke zu passieren hatten, während sie im Inneren des Garderobenschranks wieder herabfielen, wurden sie automatisch sortiert, gereinigt und in die ihnen bestimmten Fächer eingefügt, so daß sie sofort wieder zu bequemem Gebrauch bei der Hand waren.

Ohne sich um die abgelegten Kleidungsstücke weiter zu kümmern, näherte sich die Dame dem Bücherregal und zog eines der dort stehenden Bücher hervor, indem sie es an einem daran befindlichen Handgriff erfaßte. Sie begab sich damit nach dem Sofa und streckte sich in bequemer Lage hin.

La war die Tochter des Ingenieurs Fru, des Vorstehers der Außenstation. Hätte sie auf der Erde gelebt, so wäre ihre Lebenszeit auf mehr als vierzig Jahre zu berechnen gewesen. Als Bewohnerin des Mars aber, dessen Jahre doppelt so lang sind wie die der Erde, zählte sie erst einige zwanzig Sommer und stand in der Blüte ihrer Jugend. Ihr volles Haar, das sie in einen Knoten geschlungen trug, hatte eine auf Erden wohl nicht leicht zu findende Farbe, ein helles, etwas ins Rötliche schimmerndes Blond, einigermaßen der Teerose vergleichbar; in bezaubernder Zartheit erhob es sich wie eine Krone über dem weißen, reinen Teint ihres feingebildeten Antlitzes. Die großen Augen, die allen Martiern eigentümlich sind, wechselten je nach der Beleuchtung von einem lichten Braun bis zum tiefsten Schwarz. Denn entsprechend den starken Helligkeitsunterschieden, welche auf dem Mars herrschen, besitzen die Bewohner desselben ein sehr weitreichendes Akkomodationsvermögen, und bei schwachem Licht erweitern sich ihre dunklen Pupillen bis an den Rand der Augenlider. Das Mienenspiel gewinnt dadurch eine überraschende Lebhaftigkeit, und nichts pflegte die Menschen mehr an den Marsbewohnern, nachdem sie sie kennengelernt hatten, zu fesseln als der ausdrucksvolle Blick ihrer mächtigen Augen. In ihnen zeigte sich die gewaltige Überlegenheit des Geistes dieser einer höheren Kultur sich erfreuenden Wesen.

Wie eine leichte Wolke umhüllte ein faltenreicher weißer Schleier die ganze Gestalt und ließ nur den edel geformten Hals und den unteren Teil der Arme unbedeckt. Darunter aber schimmerten die Formen des Körpers wie in einen glänzenden Harnisch gekleidet; denn in der Tat bestand das eng anschließende Kleid aus einem metallischen Gewebe, das, obgleich es sich jeder Bewegung auf das bequemste anpaßte und dem leichtesten Drucke nachgab, doch einen Panzer von größter Widerstandsfähigkeit bildete.

Das Buch, welches La der Bibliothek entnommen hatte, besaß wie alle Bücher der Martier die Form einer großen Schiefertafel und wurde an einem Handgriff ähnlich wie ein Fächer gehalten, so daß die längere Seite der Tafel nach unten lag. Ein Druck mit dem Finger auf diesen Griff bewirkte, daß das Buch nach oben aufklappte, und auf jeden weiteren Druck legte sich Seite auf Seite von unten nach oben um. Man bedurfte auf diese Weise nur einer Hand, um das Buch zu halten, umzublättern und jede beliebige Seite festzulegen.

La schien es mit ihrem Studium nicht eilig zu haben. Sie hielt das Buch geschlossen in der nachlässig herabhängenden Hand und gab sich ihren Gedanken hin. Nach einiger Zeit begann sie die Lippen zu bewegen und Laute vor sich hin zu sagen, die ihr offenbar nicht geringe Mühe machten. Mitunter lachte sie leise vor sich hin, wenn ihr eines der ungewohnten Worte nicht über die Lippen wollte, oder es lief momentan ein Ausdruck der Ungeduld über ihre Züge. Sie repetierte ein Pensum, das sie für sich erlernt hatte. Aber nun blieb sie ganz stecken und sann eine Weile nach. Dann sagte sie für sich:

»Es ist doch ein närrisches Kauderwelsch, das diese Kalaleks sprechen!«

Jetzt erst erhob sie das Buch und ließ die Blätter mit großer Geschwindigkeit sich herumschlagen, bis sie die gewünschte Stelle gefunden hatte.

Das Buch enthielt eine Zusammenstellung alles dessen, was die Martier bisher über die Lebensweise und Sprache der Eskimos hatten in Erfahrung bringen können. Durch die Eskimofamilie, welche sie aufgefunden hatten und auf ihrer Station ernährten, war es ihnen gelungen, die Sprache der Eskimos zu erforschen. Ja sie kannten sogar von einer Anzahl Worte ihre Darstellung in lateinischer Druckschrift; denn der jüngere der beiden Eskimos hatte sich eine Zeitlang auf einer Missionsstation in Grönland aufgehalten und war im Besitz einer grönländischen Übersetzung des Neuen Testaments, in welcher er zu buchstabieren vermochte. La studierte Grammatik und Wörterbuch der Eskimos oder ›Kalalek‹.

Nachdem sie wieder eine Reihe von Worten und Redensarten vor sich hingesagt hatte, fiel ihr ein, ob sie wohl auch die richtige Aussprache getroffen habe. Die Prüfung war leicht; sie brauchte nur die Empfangsplatte des Grammophons auf die betreffende Stelle des Buches zu legen, um den Laut selbst zu hören; denn das Buch enthielt auch die Phonogramme der direkt vom Mund der Eskimos aufgenommenen Worte. Aber das Grammophon, welches die Phonogramme hörbar machte, befand sich in dem Schrankaufsatz des Tisches, und sie hätte sich zu diesem Zweck vom Sofa erheben müssen; das war ihr zu unbequem.

Ach, dachte sie, es ist doch eine zu ungeschickt eingerichtete Welt! Daß man noch nicht einmal so weit ist, daß der Selbstsprecher zu einem hergelaufen kommt!

Das Grammophon kam aber nicht. La blieb also liegen und begnügte sich, das Buch neben sich auf einem Tischchen zu deponieren.

Es ist wirklich recht überflüssig, spann sie ihren Gedankengang weiter, sich mit der Eskimosprache soviel Mühe zu geben. Diese Eskimos sind doch eine traurige Gesellschaft, und der Trangeruch ist unerträglich. Sicher ist die große Erde auch von Wesen feinerer Art bewohnt, die vermutlich eine ganz andere Sprache reden. Weiß doch sogar unser junger Kalalek mit Erstaunen von der Weisheit seiner frommen Väter zu erzählen, die ihm das Buch in der seltsamen Schrift gegeben haben. Wenn wir erst einmal Gelegenheit fänden, mit solchen Leuten zu verkehren, das möchte sich vielleicht eher lohnen. Was mag das für ein Luftballon gewesen sein, der heute über die Insel hinzog und dann in der Höhe verschwand? Da waren doch gewiß keine Eskimos darin. Was mag aus den Luftschiffern geworden sein?

La blickte empor. An der Wand war die Klappe des Fernsprechers mit leichtem Schlag niedergefallen.

»La, bist du da?« fragte eine weibliche Stimme in dem halblauten Ton der Martier.

»Hier bin ich«, antwortete La in ihrer tiefen, langsamen Sprechweise. »Bist du es, Se?«

»Ja, ich bin es. Hil läßt dich bitten, sogleich hinüber in das Gastzimmer Nummer 20 zu kommen.«

»Schon wieder hinaus in die Schwere. Was gibt es denn?«

»Etwas ganz Besonderes, du wirst es gleich sehen.«

»Müssen wir ins Freie?«

»Nein, du brauchst keinen Pelz. Aber komm gleich.«

»Nun gut denn, ich komme.«

Die Klappe des Fernsprechers schloß sich.

La erhob sich und glitt in ihrem schwebenden Gang der Tür zu. Sie öffnete sie mit einem leisen Seufzer, denn sie ging nicht gern über die Korridore, auf denen die Erdschwere herrschte, so daß sie nur gebückt einherschleichen konnte.

Aber sie war doch neugierig, was auf der Insel Besonderes passiert sein sollte. Waren neue Gäste vom Mars gekommen? Oder hatte sich der Ballon wieder gezeigt?

*

Als der zertrümmerte Ballon ins Meer stürzte, hatten die Martier der Insel bereits ihr Jagdboot bemannt, auf welchem sie das Polarbinnenmeer zu durchforschen pflegten. Eine von Akkumulatoren getriebene Schraube erteilte ihm eine außerordentliche Geschwindigkeit. Sechs Martier unter Führung des Ingenieurs Jo hatten in demselben Platz genommen; auch der Arzt der Station, Hil, befand sich dabei. Alle trugen die Köpfe in einer helmartigen Bedeckung, die ihnen sowohl ihre Bewegungen in der Luft erleichterte, als auch zugleich als Taucherhelm im Wasser diente. Die Helme waren nämlich aus einem diabarischen, das ist schwerelosen Stoff und hatten daher für ihre Träger kein Gewicht. Zugleich enthielten sie in ihrer Kuppel einen ziemlich bedeutenden luftleeren Raum, so daß sie eine, freilich nur geringe Zugkraft nach oben hin ausübten. Dennoch genügte dieselbe, wenigstens das Gewicht des Kopfes soweit zu mindern, daß die Muskeln des Nackens entlastet wurden und die Martier ihren Kopf fast ebenso frei wie auf dem Mars zu bewegen vermochten, wenn sie auch sonst von dem ihnen ungewohnten Körpergewicht bedrückt wurden. Eben deshalb trugen sie Taucheranzüge, um schwere Arbeiten möglichst in das Wasser zu verlegen. Denn hier nahm ihnen natürlich der Auftrieb des Wassers die Last ihres Körpergewichts ab.

Schnell näherte sich das Jagdboot dem Ballon, der von den Spuren des in ihm noch enthaltenen Wasserstoffes und der Luft, die sich unter ihm verfangen hatte, auf dem Wasser schwimmend erhalten wurde. Um zu dem von der Seide des Ballons bedeckten Korb zu gelangen, tauchten die Martier unter und drangen vom Wasser aus unter den Ballon. Sie fanden sogleich die beiden verunglückten Menschen und schafften sie eiligst in ihr Boot. Sodann lösten sie die Gondel von ihren Verbindungen und bargen ihren gesamten Inhalt ebenfalls an Bord. Alles übrige ließen sie vorläufig treiben, da es ihnen zunächst darauf ankam, die aufgefundenen Menschen in ihre Behausung zu bringen.

Saltner und Grunthe hatten außer der Verletzung, die sich letzterer bereits vor dem Absturz am Fuß zugezogen hatte, weiter keine Beschädigungen durch den Fall erlitten. Aber sie hatten sich nicht aus dem Wasser herausarbeiten können. Keiner gab ein Lebenszeichen von sich. Indessen begannen die Martier unter Leitung des Arztes sofort die eifrigsten Wiederbelebungsversuche, wie es schien ohne Erfolg.

»Da hätten wir nun«, sagte Jo, »endlich einmal ein paar wirkliche Bate, die keine Kalalek sind, ein paar zivilisierte Erdbewohner, und nun müssen die armen Kerle tot sein.«

»Wir wollen noch hoffen«, erwiderte einer der Martier. »Der Körper ist noch warm. Vielleicht haben die Bate ein zähes Leben.«

»Es wäre ein großes Glück«, begann Jo wieder, »wenn wir sie retten könnten. Es sind nicht bloß kühne Leute, es sind offenbar besonders hervorragende Männer ihres Volkes, sonst würden sie nicht zu diesem wunderbaren Unternehmen ausgewählt sein.«

»Ich wußte gar nicht«, sagte ein andrer, »daß die Bate Luftschiffe haben.«

»Derartige Ballons sind schon mehrfach beobachtet worden«, erwiderte Jo, »aber man wußte nicht sicher, wozu sie dienen, wenigstens nicht, daß sich die Bate damit selbst in die Luft erheben. Ich habe immer geglaubt, sie ließen dadurch nur irgendwelche Lasten über die Erde heben oder ziehen. Gleichviel, für uns kommt alles darauf an, daß wir durch die Leute nähere Nachrichten von den kultivierten Gegenden der Erde erhalten. Alle unsere Pläne würden alsdann wesentlich gefördert werden. Hil, versuchen Sie Ihre ganze Kunst.«

Der Arzt antwortete nicht. Seine Aufmerksamkeit konzentrierte sich auf die Bemühungen, die Atmung der Ertrunkenen wieder in Tätigkeit zu setzen.

Endlich richtete er sich auf.

»Geben Sie vollen Strom!« rief er Jo zu. »Es ist eine leise Hoffnung da, aber hier im Freien bringen wir sie nicht durch. Wir müssen in einer Minute im Laboratorium sein.«

Das Boot sauste durch die Flut. In zehn Sekunden war die Insel erreicht. Es schoß durch die Einfahrt bis in den inneren Hafen. Im Augenblick darauf waren die Verunglückten aufgehoben und in die Krankenabteilung gebracht. Es war keine leichte Arbeit, denn jeder der beiden Männer hatte für die Martier, in Rücksicht auf ihre Fähigkeit, Lasten zu heben, ein Gewicht, das für uns einem solchen von fünf Zentnern entspricht. Sie hätten zwar ihre Kräne benutzen können, aber dies hätte zu lange gedauert. Und es kam auch nur darauf an, die Verunglückten bis über die Schwelle der Tür zu heben. Dann trat die Wirkung des abarischen Feldes in Kraft, und der Transport hatte keine Schwierigkeiten mehr.

Hil begann sofort die Behandlung mit allen Hilfsmitteln der martischen Heilkunst. Er hatte bereits einige Erfahrung aus dem Studium der Eskimos gewonnen und daraus die Unterschiede in der Funktion der Organe bei Menschen und bei Marsbewohnern kennengelernt, die übrigens keineswegs so bedeutend sind, wie man meinen mochte. Dem durchdringenden Scharfblick des Martiers genügten die Schlüsse, die er aus der gewonnenen Erfahrung ziehen konnte, um das Richtige zu treffen.

Die Bewohner der Insel, soweit sie nicht gerade mit einer dringenden Arbeit beschäftigt waren, hatten sich inzwischen aufs Lebhafteste für die aufgefundenen Menschen interessiert. Im Vorraum des Krankenzimmers war ein fortwährendes Kommen, Gehen und Fragen, die Klappen der Fernsprechverbindungen hoben und senkten sich, aber noch immer konnte man nichts Bestimmtes erfahren.

Endlich, nach einer halben Stunde angestrengter Tätigkeit, brach Hil sein Schweigen. Er wandte sich zu dem Direktor der Station, Ra, der neben ihm stehend aufmerksam die merkwürdigen, wie tot daliegenden Wesen betrachtete, und sagte:

»Sie werden leben.«

»Ah!«

»Aber es ist fraglich, ob wir sie hier zum Bewußtsein bringen. Wir müssen sie in Verhältnisse schaffen, die ihren Lebensgewohnheiten entsprechen. Vor allem dürfen wir ihnen die Schwere nicht entziehen, und ich glaube, auch die Temperatur des Zimmers muß höher sein.«

»Gut«, antwortete Ra, »wir haben ja Gastzimmer genug, wir können sie an der Außenseite, bei unseren Wohnungen unterbringen. Ich werde sofort das Nötige anordnen.«

Sobald Ra in den Vorraum trat und den hoffnungsvollen Ausspruch des Arztes mitteilte, pflanzte sich die Nachricht durch die ganze Insel hin fort. Die Bate, die keine Eskimos sind, waren der Mittelpunkt aller Gespräche, obgleich erst die wenigsten Martier sie überhaupt gesehen hatten. Daß übrigens jemand, der bei der Pflege nichts zu tun hatte, neugierig hätte eindringen wollen, konnte bei dem feinen Taktgefühl der Martier selbstverständlich nicht vorkommen.

Die beiden Geretteten wurden getrennt in geeigneten Räumen untergebracht und vollständiger Ruhe überlassen.

Stundenlang lagen sie in tiefem Schlaf.


6. Kapitel. In der Pflege der Fee

Saltner schlug die Augen auf.

Was er da über sich sah, war es das Netzwerk des Ballons? Diese regelmäßigen, goldglänzenden Arabesken auf dem lichtblauen Grund? Nein, der Ballon war es nicht – der Himmel sieht auch nicht so aus – doch – was war denn geschehen? Er war ja ins Wasser gestürzt. Sieht es unten auf dem Meer so aus? Aber im Wasser ist man tot oder – er wendete den Kopf, doch die Augen fielen ihm wieder zu. Er wollte nachdenken, doch die Fragen waren ihm zu schwer, er fühlte sich so matt – – jetzt bemerkte er, daß er einen Gegenstand zwischen den Lippen hielt, ein Röhrchen. – War es noch immer das Mundstück des Sauerstoffapparats? Nein. – Ein seltsamer Duft umwehte ihn – instinktiv sog er an dem Rohr, denn er empfand einen brennenden Durst. Ach, wie das wohltat! Ein kühler erquickender Trank! Wein war es nicht – Milch auch nicht –, gleichviel, es mundete – war es vielleicht Nektar? Seine Sinne verwirrten sich wieder. Aber der Trank wirkte wunderbar. Neues Leben rann durch seine Adern. Er konnte die Augen wieder öffnen. Aber was erblickte er? Also war er doch im Wasser?

Über ihm, höher als sein Kopf, rauschten die Wogen des Meeres. Aber sie drangen nicht bis zu ihm heran. Eine durchsichtige Wand trennte sie von ihm, hielt sie zurück. Der Schaum spritzte an ihr empor, das Licht brach sich in den Wellen. Dennoch konnte er den Himmel nicht sehen, ein Sonnendach mochte ihn abblenden. Hin und wieder stieß ein Fisch dumpf gegen die Scheiben. Vergeblich versuchte sich Saltner seine Lage zu erklären. Er glaubte zunächst, sich auf einem Schiff zu befinden, obwohl es ihn wunderte, daß sich im Zimmer nicht die geringste Bewegung spüren ließ. Aber nun blickte er etwas mehr zur Seite. War es denn nicht mehr Tag? Das Zimmer war doch von Tageslicht erhellt, aber dort links sah er direkt in dunkle Nacht. Ein ihm unbekanntes Bauwerk in einem nie gesehenen Stil lag im Mondschein vor ihm. Er blickte auf das Dach desselben, das von den Wipfeln seltsamer Bäume begrenzt wurde. Und wie merkwürdig die Schatten waren –! Saltner versuchte sich vorzubeugen, den Kopf zu heben. Da standen wirklich zwei Monde am Himmel, deren Strahlen sich kreuzten. Auf der Erde gab es etwas Derartiges nicht. Ein Gemälde konnte doch aber nicht so starke Lichtunterschiede zeigen – es müßte denn ein transparentes Bild sein –

Auf das leise Geräusch, welches seine Bewegung verursachte, schob sich auf einmal die Landschaft zur Seite. Eine Gestalt lehnte in einem Sessel und sah Saltner mit großen, leuchtenden Augen an. Einen Augenblick starrte er verwirrt auf diese neue Erscheinung. Noch nie glaubte er ein so herrliches Frauenantlitz gesehen zu haben. Schnell wollte er sich erheben, und nun erst warf er einen Blick auf seinen eignen Körper. Man hatte ihn während seiner Bewußtlosigkeit offenbar gebadet und mit frischer Leibwäsche versehen. Er fand sich in einen weiten Schlafrock von einem ihm unbekannten Stoff gehüllt.

Jetzt streckte die Gestalt eine Hand aus und drehte an einem der Knöpfe, die sich neben ihr auf einem Tisch befanden. in demselben Augenblick durchlief Saltner ein Gefühl, als wollte man ihn plötzlich in die Höhe heben. Die Hand, deren Stellung er verändern wollte, fuhr ein ganzes Stück höher, als er sie zu heben beabsichtigte. Mit Leichtigkeit richtete er seinen Oberkörper empor, aber bei dem Ruck flogen auch seine Beine in die Luft, und mit einer überraschenden Geschwindigkeit führte er einige unbeabsichtigte turnerische Übungen aus, bis es ihm gelang, sich in sitzender Stellung auf seinem Lager zu balancieren.

Zugleich hatte sich auch die weibliche Gestalt erhoben und schwebte auf ihn zu. Ein herzgewinnendes Lächeln lag auf ihren Zügen, und aus den wunderbaren Augen sprach die innigste Teilnahme.

Saltner wollte aufstehen, bemerkte aber schon beim ersten Anziehen seines Fußes, daß er Gefahr lief, in eine unbestimmte Höhe zu schnellen. Eine leichte Handbewegung der vor ihm stehenden Gestalt bedeutete ihm, seinen Sitz wieder einzunehmen. Nun endlich fand er die Sprache wieder in gewohnter Lebhaftigkeit.

»Wie Sie befehlen«, sagte er. »Es wäre mir eine große Ehre, wenn Sie ebenfalls Platz nehmen wollten und mir gütigst andeuten, wo ich mich eigentlich befinde.«

Bei seinen Worten ließ die Gestalt ein leises, silbernes Lachen vernehmen.

»Er spricht, er spricht!« rief sie in der Sprache der Martier. »Es ist zu lustig!«

»Fafagolik?« versuchte Saltner die fremden Laute wiederzugeben. »Was ist das für eine Sprache oder was für eine Gegend?«

Die Martierin lachte wieder und betrachtete ihn dabei vergnüglich, wie man ein merkwürdiges Tier abwartend anschaut.

Saltner wiederholte seine Frage französisch, englisch, italienisch und sogar lateinisch. Damit war sein Sprachschatz erschöpft. Da ihn die Fremde offenbar nicht verstand und er noch immer keine Antwort erhielt, sagte er wieder auf deutsch:

»Die Gnädige scheint mich nicht zu verstehen, aber ich will mich doch wenigstens vorstellen. Mein Name ist Saltner, Josef Saltner, Naturforscher, Maler, Photograph und Mitglied der Tormschen Polarexpedition, augenblicklich verunglückt und, wie mir scheint, mehr oder weniger gerettet. Eigentlich ist dabei gar nichts zu lachen, meine Gnädige, oder was Sie sonst sind.«

Darauf zeigte er mehrere Male mit dem Finger auf sich selbst und sagte deutlich: »Saltner! Saltner!« Sodann zeigte er mit der Hand rings auf seine Umgebung und zuletzt auf die schöne Martierin.

Diese ging sogleich auf seine Gebärdensprache ein. Sie bewegte die Hand langsam auf sich zu und sagte ihren Namen: »Se.«

Darauf deutete sie auf Saltner und wiederholte deutlich seinen Namen. Und noch einmal wiederholte sie mit den entsprechenden Gesten:

»Se! Saltner!«

»Se, Se?« sagte Saltner fragend. »Das ist also Ihr werter Name. Oder meinen Sie vielleicht, da draußen sei die See? Verstehen Sie vielleicht doch ein wenig Deutsch? Wo befinden wir uns denn hier?«

Auf seine fragende Handbewegung zeigte Se nach dem Meer, das vor den bis zum Fußboden reichenden Fenstern wogte, und nannte das Wort, das in der Sprache der Martier Meer bedeutet. Darauf zog sie an einem Handgriff, und anstelle des Meeres erschien die Landschaft, welche Saltner bewundert hatte. Er sah jetzt, daß dieselbe auf einen Wandschirm gemalt war, den Se soeben vor das Fenster geschoben hatte. Sie zeigte auf die Landschaft und sagte »Nu.« Das bedeutet ›Mars‹, aber Saltner war freilich mit diesem Wort nicht gedient.

Se ging nun weiter in das Zimmer zurück, das der Wandschirm bisher seinen Blicken verhüllt hatte, und suchte nach einem Gegenstand, den sie nicht sogleich zu finden schien. Saltner folgte ihr mit den Augen. Er glaubte noch nie etwas Anmutigeres gesehen zu haben, etwas Wunderbareres jedenfalls noch nicht.

Ein rosiger Schleier umhüllte den größten Teil der Gestalt, ließ jedoch hier und da den metallischen Schimmer des Unterkleides durchblicken. Die Haare kräuselten sich über dem Nacken in beweglichen Löckchen, die als Grundfarbe ein lichtes Braun zeigten, aber bei jeder Bewegung irisierten wie das Farbenspiel auf einer Seifenblase. Alle Bewegungen ihres Körpers glichen dem leichten Schweben eines Engels, der von der Schwere des Stoffes unabhängig ist. Und sobald der Kopf an eine dunklere Stelle des Zimmers geriet, leuchtete das Haar phosphoreszierend und umgab das Gesicht wie ein Heiligenschein.

Plötzlich unterbrach sie ihr Suchen und rief:

»Wie bin ich doch zerstreut! Das hat ja alles noch Zeit. Der arme Bat hat gewiß Hunger, daran hätte ich zunächst denken sollen. Wart, mein armer Bat, ich will dir gleich etwas braten.«

Sie trat an den Tisch im Hintergrund des Zimmers und machte sich an dem Schrankaufsatz und verschiedenen Handgriffen zu schaffen. Dann war sie wieder neben ihm und sagte mit einem unnachahmlichen Ton, der ihn entzückte: »Saltner«, indem sie die nicht mißzuverstehenden Pantomimen des Essens machte.

»Glänzender Gedanke, holdselige Se«, rief Saltner, indem er die Pantomime wiederholte.

Auf einen Handgriff Ses, Saltner wußte nicht wie, stand auf einmal ein Tischchen vor seinem Lager, und Se setzte ihm eine Speise vor, die sie soeben bereitet hatte. Er untersuchte nicht lange, was es sei, zerbrach sich nicht den Kopf über die merkwürdigen Formen der ihm gereichten Instrumente, sondern gebrauchte sie, unbekümmert um Ses Lächeln, als Löffel, und tat dann einen langen Zug aus dem Mundstück eines mit Flüssigkeit gefällten Gefäßes. Sein Hunger war, wie er jetzt erst merkte, so groß, daß er selbst Ses Anwesenheit und seine ganze Umgebung momentan vergessen hatte. Erst nachdem der erste Reiz gestillt war, hörte er wieder aufmerksam auf Ses Erklärungen, die ihm die einzelnen Gegenstände in ihrer Sprache benannte, und es gelang ihm bald, einige Worte zu behalten.

Als er sein Mahl beendet hatte, betrachtete ihn Se wieder mit zufriedener Miene. Wie man ein Schoßhündchen streichelt, glitt sie mit der Hand über sein Haar und sagte:

»Der arme Bat war hungrig, nun wird er wieder gesund werden. War es gut, Saltner?«

Saltner verstand freilich ihre Worte nicht, aber den Sinn fühlte er deutlich heraus. Er kam sich auch etwas gedemütigt vor, denn er merkte wohl, daß ihn Se nicht als ein gleichberechtigtes Wesen behandelte. Aber wie sie seinen Namen aussprach, wie sie ihn mit den Augen ansah, die bis ins Innerste der Seele hineinzuleuchten schienen, konnte er nicht anders, als ihr mit den herzlichsten Worten danken. Und auch Se verstand den Dank, ohne die Worte zu kennen, die er sprach. Lächelnd sagte sie in ihrer Sprache:

»Saltner gefällt mir, er ist nicht wie ein Kalalek.«

Saltner hatte das Wort Kalalek verstanden, das die Eskimos den Martiern als die Bezeichnung ihres Stammes genannt hatten.

»Nein«, rief er entschieden, »meine schöne Se, ein Eskimo bin ich nicht, ich bin ein Deutscher, kein Eskimo – Deutscher!«

Und er begleitete die Worte mit so entschiedenen Gesten, daß Se ihren Sinn sofort verstand.

Sie eilte zu dem Bücherregal an der Zimmerwand – denn Bücher gehören bei den Martiern zur unentbehrlichen Ausstattung jedes Zimmers, eher würde man die Fenster entbehren als die Bibliothek – und holte einen Atlas herbei.

Inzwischen bestürmte Saltner seine Pflegerin mit Fragen nach dem Schicksal seiner Gefährten, ohne sich genügend verständlich machen zu können. Se kümmerte sich zunächst nicht um seine Worte und Gebärden, sondern hielt den Atlas an seinem Griff Saltner vor die Augen und ließ die Blätter desselben sich rasch umschlagen. Sein Erstaunen über diese Mechanik wurde aber übertroffen, als sie in ihrem Umblättern stillhielt und den Griff des Buches in einem Gestell auf dem Tischchen vor ihm befestigte. Er erkannte sofort die Karte der Gegenden um den Nordpol der Erde wieder, die er in dem Riesenmaßstab der Insel vom Ballon aus bewundert hatte.

Se zeigte mit ihrem schlanken, zierlichen Finger, an dem ihm die große Beweglichkeit der einzelnen Glieder auffiel, auf Grönland und die nächsten Landmassen um den Pol; dazu sagte sie wiederholt: »Kalalek, Bat Kalalek.« Dann zeigte sie auf Saltner, ergriff seine Hand und führte sie über die andern Teile des Kartenbildes, indem sie dabei fragte: »Bat Saltner?«

Saltner suchte auf der Karte die Gegend von Deutschland, die allerdings perspektivisch schon stark verkürzt erschien, und machte ihr durch Zeichen begreiflich, daß hier seine Heimat sei. Da er aus dem öfter gehörten Wort ›Bat‹ schloß, daß dies wohl soviel wie Mensch oder Volksstamm bedeute, so zeigte er auf den Pol und fragte dazu:

»Bat Se?«

Se antwortete mit einer lebhaft abwehrenden Bewegung. Sie legte die ganze Hand auf die Karte und sagte: »Bat.« Dann zeigte sie auf sich selbst und sprach mit Selbstbewußtsein: »Se, Nume.«

Und als Saltner sie fragend anblickte, wies sie mit ausgestrecktem Arm nach einer bestimmten Stelle des Bodens und wiederholte noch einmal: »Nume.« Wie sie so dastand, leuchteten ihre Augen in verklärtem Glanz, und Saltner konnte nicht zweifeln, daß er ein höheres Wesen vor sich habe. Aber sogleich neigte sie sich wieder mit liebenswürdigem Lächeln zu ihm und ließ einige Blätter des Atlas zurückschlagen. Es zeigte sich eine Gruppe geometrischer Figuren, in denen Saltner ohne Schwierigkeit einen Aufriß der Planetenbahnen im Sonnensystem erkannte. Se wies auf den Mittelpunkt und sagte: »O.«

»Sonne«, antwortete Saltner, indem er zugleich nach der Richtung hinzeigte, in welcher die Sonnenstrahlen auf der Oberfläche des Meeres spielten.

Se nickte befriedigt, beschrieb dann mit ihrem Finger auf der Karte die Erdbahn und wiederholte den Namen der Erde: »Ba«, und, auf Saltner weisend: »Bat!« Dann aber wieder mit dem ganzen Stolz der Martier den Namen ›Nume‹ aussprechend, bezeichnete sie auf der Karte die Bahn des Mars und sagte mit einem hoheitsvollen Blick auf Saltner: »Nu.«

»Der Mars!« Es kam fast tonlos von Saltners Lippen. Er merkte, wie sich alle seine Begriffe zu verwirren drohten. Hilflos sah er zu Se empor, die kaum seine Aufregung bemerkt hatte, als sie ihm schon bedeutete, sich niederzulegen. Zwar wollte er trotz der Mattigkeit, die er jetzt an sich spürte, aufspringen, um seine Wißbegierde weiter zu befriedigen, aber ein Blick, der keinen Widerstand zuließ, bannte ihn auf sein Lager.

In diesem Augenblick öffnete sich die Tür des Zimmers, und in derselben erschien zusammengebeugt und schleppend, auf zwei Stäbe gestützt, die Gestalt des Arztes Hil. Kaum aber hatte Hil das Zimmer betreten, als er sich in voller Höhe aufrichtete, die Stäbe fortwarf und schnell auf das Lager zuschnitt. Er ergriff sofort Saltners Hand, und während er den Puls beobachtete, sagte er mit leichtem Vorwurf:

»Aber Se Se, was machen Sie mir für Geschichten. Stellen Sie nur gleich die Abarie ab. Unser Bat muß seine richtige Erdschwere haben, sonst geht er uns ein, ehe wir ihn wieder kräftig sehn.«

»Seien Sie nur nicht böse, Hil Hil«, lachte Se, »ich habe ihn ja so schön gepflegt und gefüttert – sehen Sie die Schüssel – 150 Gramm Eiweiß, 240 Gramm Fett und –«

Hil sah nach der Federwaage, die sich unter jedem Speisegerät der Martier befand und sofort konstatierte, wieviel Nahrungsstoffe man auf dieselbe gelegt oder dem Körper zugeführt hatte.

»Aber Sie haben die Schwere abgestellt, davon stand nichts in Ihrer Instruktion.«

»Ja, Hil Hil, Sie können doch nicht verlangen, daß ich im Zimmer herumkriechen soll, wenn er wach ist.«

»Ach so, die liebe Eitelkeit!«

»Oh, vor dem Bat! Aber als er aufwachte, mußte ich doch schnell hin, und dann mußte ich die Pastete backen, und – ja, wenn Sie wüßten: Er heißt Saltner und ist kein Kalalek, sondern ein – ja, das Wort habe ich vergessen, doch ich zeige Ihnen auf der Karte die Gegend.«

»Erst lassen Sie es schwer werden – aber halt, noch einen Augenblick, ich will mir zuvor einen Stuhl holen – so –«

»Und ich will mich auch erst setzen«, sagte Se.

Als beide Platz genommen hatten, griff Se an einen Wirbel, und Saltner sah, wie Se und Hil sichtlich in ihren Sesseln zusammensanken und ihre gelegentlichen Bewegungen mühsam und schwerfällig wurden. Er aber merkte, wie das eigentümliche Gefühl des Schwindels, das ihn beherrscht hatte, verschwand, seine Gliedmaßen konnte er wieder normal dirigieren, und er legte sich behaglich auf sein Lager zurück.

Der Arzt sah ihn mit seinen großen, sprechenden Augen wohlwollend an.

»Also man ist wieder lebendig?« sagte er, was Saltner freilich nicht verstand. Dann fügte er in der Sprache der Eskimos hinzu: »Versteht ihr vielleicht diese Sprache?«

Saltner erriet die Frage und schüttelte den Kopf. Dagegen sagte er nunmehr selbst in der Sprache der Martier, was er von Se gelernt hatte:

»Trinken – Wein – Bat gut Wein trinken –«

Se brach in ihr feines, silbernes Lachen aus, und Hil sagte belustigt: »Sie haben ja ausgezeichnete Fortschritte gemacht – nun werden wir uns wohl bald unterhalten können.«

Dabei wies er auf das neben Saltner stehende Trinkgefäß hin, und dieser bediente sich desselben mit Erfolg zu neuer Stärkung.

Das Schicksal seiner Gefährten lag ihm am schwersten auf der Seele. Er versuchte noch einmal, darüber Erkundigungen einzuziehen, indem er einen Finger aufhob und dazu sagte: »Bat Saltner.« Dann erhob er drei Finger und suchte durch weitere Zeichen verständlich zu machen, daß drei ›Bate‹ mit dem Ballon angekommen und herabgestürzt seien.

Hil, der zum ersten Mal einen Europäer sah, hatte seine Aufmerksamkeit mehr auf den ganzen Menschen als auf sein Anliegen gerichtet, und blickte jetzt fragend zu Se hinüber, als sich Saltner mit der von Se gehörten Anrede ›Hil Hil‹ direkt an ihn wendete.

Se erklärte:

»Er meint, daß drei Bate angekommen und in das Meer gestürzt sind. Wir haben aber doch nur zwei gefunden?«

»Allerdings«, sagte Hil, »und dem andern geht es auch besser. Der Fuß ist nicht schlimm verletzt und wird in einigen Tagen geheilt sein. Ich habe mich durch La ablösen lassen, um einmal hier nach dem Rechten zu sehen. Ich glaube übrigens, daß er bei Bewußtsein ist, er hat wiederholt die Augen geöffnet, doch ohne zu sprechen. Hoffentlich hat er keine schwere Erschütterung davongetragen. Wir wollen ihn nicht anreden, um ihn nicht vorzeitig aufzuregen. Wollen Sie nicht einmal hinübergehen?«

»Recht gern, aber wer bleibt bei Saltner?«

»Der muß jetzt schlafen. Und dann müssen wir überhaupt eine andere Einrichtung treffen. Wir bringen sie beide zusammen in ein Zimmer, und zwar in das große. Aus der einen Seite lasse ich die abarische Verbindung entfernen, desgleichen in den beiden Nebenräumen. Dort werden ihre Betten und alle ihre Geräte hingebracht, so daß sie in ihren gewohnten Verhältnissen leben können. Und wir können uns dann bei ihnen aufhalten und sie studieren, ohne fortwährend unter diesem Druck umherkriechen zu müssen, indem wir uns in dem andern Teil des Zimmers die Schwere erleichtern.«

»Schön«, sagte Se, »aber ehe Sie meinen armen Bat einschläfern, will ich noch einmal mit ihm verhandeln.«

Sie wandte sich zu Saltner und machte ihm so gut wie möglich begreiflich, daß noch einer seiner Gefährten gerettet sei und daß er ihn bald sehen solle. Dann brachte sie auf geschickte Weise in Erfahrung, wie jener heiße, und ließ sich einige deutsche Worte so lange vorsagen, bis sie sich dieselben eingeprägt hatte. Während sie Saltner aus ihren großen Augen lächelnd ansah, streckte Hil die Hand gegen sein Gesicht aus und bewegte sie einige Male hin und her. Saltner fielen die Augen zu. Noch war es ihm, als wenn zwei strahlende Sonnen vor ihm leuchteten, dann wußte er nicht mehr, ob dies zwei Augen seien oder die Monde des Mars, und bald lag er in traumlosem Schlaf.


7. Kapitel. Neue Rätsel

Grunthe erwachte aus seiner Bewußtlosigkeit in einem Zimmer, das ganz ähnlich eingerichtet war wie dasjenige, in welches man Saltner gebracht hatte. Denn es gehörte zu derselben Reihe von Gastzimmern, die für den vorübergehenden Aufenthalt von Martiern auf der Erdstation bestimmt waren. Auch er konnte von seinem Lager aus nichts erblicken als die großen Fensterscheiben, hinter denen das Meer wogte, und den Wandschirm, der den übrigen Teil des Zimmers verbarg. Dieser Schirm war ebenfalls mit einer Nachtlandschaft des Mars verziert, welche beide Monde des Mars zeigte – ein bei den Malern des Mars sehr beliebter Lichteffekt. Hier aber befanden sich außerdem im Vordergrund zwei Figuren, von denen die eine nach einem besonders hell leuchtenden Stern hinwies, während eine zweite das stark vergrößerte Bild jenes Sternes beobachtete, wie es von einem Projektionsapparat auf einer Tafel entworfen erschien.

Grunthe suchte seine Gedanken zu sammeln. Er lag sorgfältig gebettet und in einem Schlafgewand, das nicht das seinige war, in einem erwärmten Zimmer. Seinen Fuß, der ihn übrigens nicht schmerzte, konnte er nicht bewegen; dieser befand sich in einem festen Verband. Er fühlte sich matt, aber vollständig bei Sinnen und ohne merkliche Beschwerden. Kopf und Arme, bis zu einem gewissen Grad auch den Oberkörper, konnte er willkürlich bewegen. Er war also nach seinem Sturz ins Wasser gerettet worden. Wo aber befand er sich, und wer waren die Retter?

Die anfängliche Täuschung, daß er an der Stelle, wo der Schirm stand, in eine wirkliche Nachtlandschaft sehe, konnte bei ihm nicht lange anhalten, da diese Figuren enthielt, welche sich nicht bewegten. Er hatte also ein Bild vor sich. Demnach war das Meer, wie er auch aus der Farbe und Art der Beleuchtung schloß, wohl nichts anderes als das Polarmeer, in welches der Ballon gestürzt war, er befand sich auf der Insel, und seine Retter waren die Bewohner dieser Insel. Wer waren sie, und was hatte er von ihnen zu erwarten? Darauf konzentrierten sich alle seine Gedanken.

Er bewegte seine Arme, er beobachtete seine Atmung, seinen Puls, er hörte das Rauschen des Meeres – alle Erscheinungen der Natur waren unverändert, er war auf der Erde, und doch konnten die Wesen, die hier wohnten, keine Menschen sein. Der Stoff seines Gewandes, seiner Decke, seines Lagers war ihm vollständig unbekannt, daraus konnte er keinen Schluß ziehen. Aber das Bild! Was stellte das Bild vor? War es nicht möglich, daraus zu erkennen, in wessen Gewalt er sich befand?

Die beiden Gestalten auf dem Bild waren, wie es schien, menschlicher Art. Die stehende Figur, welche nach dem Stern hinwies, sah nicht anders aus als eine ideale Frauengestalt mit auffallend großen Augen; um ihren Kopf spielte ein seltsamer Lichtschimmer – sollte dies eine symbolische Figur mit einem Heiligenschein sein? Die Gewandung – soweit überhaupt von solcher die Rede war – ließ keine Schlüsse zu, sie konnte ja einer Laune des Künstlers entsprungen sein. Die sitzende Gestalt, welche das Bild des Sternes beobachtete und dem Beschauer den Rücken zuwandte, schien einen enganliegenden metallenen Panzer zu tragen; in der Hand hielt sie einen Grunthe unbekannten Gegenstand. Sollten diese beiden Figuren Vertreter der Bewohner der Polinsel sein? Aber die Landschaft selbst war keine Landschaft der Erde. Also wohl eine Erinnerung an die Heimat, aus welcher die Polbewohner stammten? Und wenn es so war – diese beiden Monde –, sie konnten keiner andern Welt angehören als dem Mars.

Bewohner des Mars haben den Pol besiedelt! Der Gedanke war Grunthe schon einmal aufgestiegen, als er zuerst vom Ballon aus die Insel mit ihren Vorrichtungen und dem merkwürdigen Kartenbild der Erde betrachtet hatte. Er hatte ihn als zu phantastisch zurückgedrängt, er wollte nichts mit so unwahrscheinlichen Hypothesen zu tun haben, so lange er noch auf eine andere Erklärung hoffen konnte. Doch als der Ballon von jener unerklärlichen Kraft in die Höhe gerissen wurde, mußte er wieder an diese Hypothese denken. Und jetzt, die merkwürdige Rettung, die seltsamen Stoffe, das Bild! Was war das für ein Stern, der auf diesem Bild beobachtet wurde? Er strengte seine scharfen Augen an, um die Abbildung auf der Tafel zu erkennen. Eine hell beleuchtete schmale Sichel, der übrige Teil der Scheibe in einem matten Schimmer – und diese dunklen Flecke, die weißen Kappen an den Polen – kein Zweifel, das war die Erde, wie sie vom Mars aus bei starker Vergrößerung erschien, die schmale Sichel im Sonnenschein, das übrige schwach vom Mondlicht erhellt. – Grunthe konnte sich nicht länger der Ansicht verschließen, daß er bei den Marsbewohnern sich befinde – ein Gast, ein Gefangener – wer konnte es wissen?

Wie konnten Marsbewohner auf die Erde kommen? Grunthe wußte die Frage nicht zu beantworten. Nahm man aber die Tatsache einmal als gegeben, so erklärten sich die andern Erscheinungen sehr leicht, der Wunderbau der Insel, die Beeinflussung des Ballons, die Rettung, die Einrichtung des Zimmers – die Hypothese der Marsbewohner war doch wohl die einfachste –

Und auf einmal zuckte Grunthe zusammen – eine Erinnerung wurde ihm plötzlich lebendig –, seine Lippen schlossen sich fest aufeinander, und zwischen seinen Augenbrauen bildete sich eine tiefe senkrechte Falte – Er spannte sein Gedächtnis aufs äußerste an –

Ell, Ell!, sagte er bei sich. – Was war es doch, was ihm Ell gesagt hatte, ehe er die Reise antrat? Friedrich Ell, der Freund Torms, lebte als Privatgelehrter in Friedau seinen Studien, aber er war der eigentliche geistige und der pekuniäre Urheber der Expedition, die Seele der internationalen Vereinigung für Polarforschung. Mit ihm hatte er oft über die Möglichkeit disputiert, wie die Bewohner des Mars mit der Erde in Verbindung treten könnten. Und Ell hatte immer gesagt: Wenn sie kommen, so haben wir sie am Nordpol oder am Südpol zu erwarten. Man springt auf einen Eisenbahnzug nicht, wo er in Fahrt ist, sondern wo er steht. Wer weiß, was Sie am Pol finden! Grüßen Sie mir die – – ja, das Wort hatte er vergessen. Er hatte kein Gewicht darauf gelegt. Man wußte nicht immer bei Ell, ob er scherze oder im Ernst spräche. »Grüßen Sie mir die –« Es fiel ihm nicht ein. Aber wohl erinnerte er sich, wie Ell eines Abends sehr erregt geworden war, als man von den Bewohnern des Mars wie von Fabelwesen gesprochen hatte. Er hatte dann das Gespräch plötzlich abgebrochen.

Grunthe wurde aus seinem Nachsinnen gerissen. Hinter dem Bild der Marslandschaft wurden Stimmen laut. Was war das für eine Sprache? Grunthe kannte sie nicht, er verstand kein Wort.

Hinter dem Schirm hatte, von Grunthe unbemerkt, La gesessen. Es war ihr sehr unbequem, unter dem Druck der irdischen Schwerkraft auszuhalten, und sie hatte sich deshalb unbeweglich auf ihr Sofa gestreckt. Jetzt kam Se schwerfällig herbei und ließ sich ebenfalls nieder.

»Wie geht's dem Bat?« fragte sie.

»Ich weiß es wirklich nicht«, sagte La, »ich habe noch nicht gehört, daß er sich bemerklich gemacht hätte, und unter diesem Druck kannst du nicht verlangen, daß ich zu ihm hingehe.«

»So machen wir es leicht!« rief Se und streckte die Hand nach dem Griff des abarischen Apparates aus.

»Aber Hil hat es verboten«, erwiderte La. »Es könnte schädlich wirken.«

»Ach, ich habe es drüben auch so gemacht, auf kurze Zeit tut es dem Bat nichts. Hast du ihn denn schon gefüttert?«

»Nein, wie konnte ich?«

»Und doch ist es nötig, meint auch Hil. Und so lange müssen wir mindestens uns frei bewegen können. Also, auf meine Verantwortung.«

Se stellte den Apparat auf die normale Marsschwere ein. Die beiden Damen erhoben sich und atmeten erleichtert auf.

In demselben Augenblick wollte Grunthe eine Bewegung ausführen, aber sein Arm fuhr plötzlich viel höher, als er beabsichtigt hatte. Sogleich probierte er die Bewegung noch einmal und konstatierte, daß alle seine Gliedmaßen sowie die Decke seines Bettes viel leichter geworden waren. Er suchte nach einem Gegenstand, den er in die Höhe werfen wollte, um das wunderbare Phänomen zu studieren. Da er jetzt trotz des Verbandes an seinem Fuß den Oberkörper leicht aufrichten konnte, erblickte er auf einem Wandbrett über seinem Lager einige Gegenstände, die ihm gehörten; man hatte sie offenbar in seinen Taschen gefunden. Er ergriff sein Taschenmesser, hielt es so hoch wie möglich über den Boden und ließ es fallen. Er konnte den Fall bequem mit den Augen verfolgen; es dauerte eine Sekunde, ehe das Messer den Boden erreichte. Grunthe schätzte die Höhe und sagte sich: Die Schwerkraft ist geringer geworden, und zwar beträgt sie nur etwa ein Drittel soviel wie gewöhnlich. Das ist die Schwere auf dem Mars. Und wieder mußte er an Ell denken, der so oft gesagt hatte: »Von der Schwere frei werden, heißt das Weltall beherrschen.«

Auf das leichte Geräusch, welches das Auffallen des Messers erzeugte, hatte Se den Wandschirm beiseite geschoben und war mit La auf Grunthe zugetreten. Dieser hatte seine Aufmerksamkeit nicht mehr auf den Schirm gerichtet und schrak daher mit einer Bewegung der Überraschung zusammen, als er plötzlich die beiden schönen Martierinnen vor sich sah. Kaum hatte er erkannt, daß sich zwei lebendige weibliche Gestalten ihm näherten, so legte er sich mit eisiger Miene zurück und heftete die Augen starr an die Decke. Da er La und Se nicht anzusehen wagte, konnte er nicht bemerken, mit welch freundlichen und teilnahmsvollen Blicken sie ihn betrachteten. Nur an dem Ton der Stimmen, mit welchem sie in ihrer Sprache einige Worte an ihn richteten, erkannte er die gute Gesinnung. La zupfte ihm die Decke zurecht, Se aber beugte sich über ihn und sah mit ihrem leuchtenden Blick tief in seine Augen. Diese Damengesellschaft war ihm schrecklich; lieber hätte er sich von feindlichen Wilden umgeben gesehen. Ach, und nun fühlte er eine weiche Hand auf seinem Kopf, Se streichelte sein Haar – unwillig stieß er die Hand zurück.

»Armer Mensch«, sagte Se, »er scheint noch ganz verwirrt. Wir müssen ihm vor allen Dingen zu trinken geben.« Sie legte die Hand wieder auf seine Stirn und sagte: »Fürchte dich nicht, wir tun dir nichts, armer Mensch.«

»Ko bat«, so lautete das letzte Wort Ses in ihrer Sprache, »Ko bat« – es wirkte überraschend auf Grunthe –, das war einer der seltsamen Ausdrücke Friedrich Ells. So pflegte Ell zu sagen, wenn er mit einer seiner wunderlichen Ansichten nicht durchdringen konnte, wenn er sein Mitleid mit dem Mangel an Verständnis bei den Menschen bezeichnen wollte. Oft hatte ihn Grunthe gefragt, wo diese Redensart herstammen wie er dazu käme. Dann hatte Ell immer nur still gelächelt und wiederholt: »Ko bate, das versteht ihr nicht, arme Menschen!« Diese Erinnerungen waren mit dem Wort in Grunthe wieder aufgetaucht. Er verhielt sich jetzt ganz ruhig.

Inzwischen hatte La ein Trinkgefäß herbeigeholt, mit dem wunderbaren Nektar der Martier gefüllt. Die Martier tranken stets durch einen mit Mundstück versehenen Schlauch, der in dem Gefäß befestigt war, und dieses Mundstück versuchte La jetzt Grunthe zwischen die Lippen zu schieben. Aber das war vergebliches Bemühen, Grunthe hielt sie fest geschlossen und wandte sein Gesicht zur Seite.

»Die Bate sind aber unliebenswürdige Geschöpfe«, sagte La lachend.

»Oh«, entgegnete Se, »Saltner war ganz anders, der redete gleich!« Grunthe hatte den Namen erfaßt, jetzt öffnete er zum ersten Mal die Lippen.

»Saltner?« fragte er, ohne jedoch Se anzublicken.

»Ach«, sagte Se, »siehst du, er kann hören und sprechen. Nun paß auf, nun werde ich einmal mit ihm reden.«

Sie schlug den Arm freundschaftlich um Las Schulter und stellte sich nahe an das Lager. Dann sagte sie mit großer Anstrengung ihres Sprachorgans die von Saltner gelernten deutschen Worte: »Saltner deutsch Freund trinken Wein, Grunthe trinken Wein, deutsch Freund.«

Grunthe warf jetzt einen erstaunten Blick auf die deutsch redende Martierin, während La über die Worte, die ihr furchtbar komisch vorkamen, kaum ihr Lachen verbergen konnte. Auch Grunthe war im Begriff zu lächeln, als er aber die beiden verführerischen Gestalten so nahe vor sich erblickte, starrte er sofort wieder an die Decke, antwortete jedoch in höflichem Ton:

»Wenn ich recht verstehe, so ist auch mein Freund Saltner gerettet. Sagen Sie, bitte, wo ich hier bin.«

»Trinken Wein, Grunthe«, wiederholte Se dringend, und La hielt ihm das Mundstück vor das Gesicht.

Grunthe nahm jetzt die dargebotene Erfrischung. Und bald fühlte er sich durch das Getränk aufs angenehmste erquickt und belebt. Er bedankte sich und richtete noch einige Fragen an Se, aber ihre Sprachkenntnisse waren nunmehr erschöpft. Grunthe sah ein, daß er die Gebärdensprache zu Hilfe nehmen müsse, und so mußte er sich wohl oder übel entschließen, die beiden Martierinnen anzusehen. Er deutete auf sie hin, dann auf das Bild, und sagte auf gut Glück: »Mars? Mars?«

Das Wort hatte Se behalten. Sie wiederholte es bejahend: »Mars, Nu!« Und auf La und sich hinweisend sagte sie, hochaufgerichtet: »La, Se, Nume!«

Nume! Das war's! Das war das Wort, das Ell ihm gesagt hatte: Grüßen Sie die Nume!

Nume also nannten sich die Martier, und Ell hatte das gewußt – – das gab Grunthe soviel zu denken, daß er momentan seine Umgebung vergaß. Um in seinem Nachdenken nicht gestört zu werden, schloß er die Augen, und sein Gesicht nahm wieder den starren Ausdruck an.

Se wollte ihn fragen, ob er essen wolle, aber das deutsche Wort, das sie sich von Saltner hatte sagen lassen, war ihr entfallen. Da Grunthe hartnäckig die Augen geschlossen hielt, begab sie sich in den Hintergrund des Zimmers, um eine Mahlzeit zu bereiten. Denn dies geschah in jedem Zimmer sehr einfach und schnell durch die elektrische Küche. La zog es indessen vor, sich einen Sessel herbeizuziehen und neben dem Lager Platz zu nehmen. Sie musterte aufmerksam die Gegenstände, welche man bei Grunthe gefunden hatte, und spielte mit einem kleinen Buch, das sich unter denselben befand. Es war eine Anweisung zum Verkehr in der Eskimosprache und zeigte als Titelvignette einen fein ausgeführten Holzschnitt, einen Eskimo in seinem Kajak auf wildbewegtem Meer dem Fischfang abliegend.

»Oh, sieh!« rief sie Se zu, »hier ist ein Kalalek in seinem Kajak.« Die beiden Eskimoworte schlugen verständlich an Grunthes Ohr und weckten ihn aus seinem verworrenen Hinbrüten. Sollten die Martier vielleicht das Grönländische erlernt haben? Er sagte sich, daß dies ja leicht möglich sei. Er selbst hatte sich zum Zweck der Reise das Notwendigste für den Verkehr angeeignet und fragte daher:

»Ich spreche einige Worte der Eskimos. Verstehen Sie mich?«

Se wußte nicht, was er meinte. La aber hatte schon seit einiger Zeit ihre Studien auf die Sprache der einzigen Menschen gerichtet, die den Martiern bisher begegnet waren. Sie verstand ihn und antwortete:

»Ich verstehe ein wenig.«

»Wo sind meine Freunde?« fragte Grunthe.

»Es ist nur einer da. Er ist in einem andern Zimmer.«

»Kann ich zu ihm?«

»Er schläft, aber man wird Sie dann zusammenbringen.«

»Wie kommen Sie vom Nu auf die Erde?«

La wußte die Antwort nicht auszudrücken. Sie fragte dagegen:

»Was wollt ihr hier?«

Grunthe wußte nun seinerseits nicht, wie er den Begriff ›Nordpol‹ im Grönländischen wiedergeben sollte. Er wollte sich in dem Büchlein Rats erholen und sagte:

»Geben Sie mir das Buch.«

»Was?« fragte La.

Grunthe richtete sich auf, um das Buch, das sie in der Hand hielt, zu erfassen. Aber er hatte im Augenblick nicht an die veränderten Schwereverhältnisse gedacht, und so kam es, daß sein ganzer Oberkörper bis zu Las Platz hinüberschnellte. Er wäre aus dem Bett gestürzt, wenn nicht La ihn rasch am Arm gefaßt und gehalten hätte. Diese Berührung war nun für Grunthe höchst peinlich, er wollte sich ihr entziehen, aber da er noch gar nicht verstand, seine Glieder unter den veränderten Umständen zu gebrauchen, und außerdem durch seinen Fuß behindert war, geschah es, daß er nach der andern Seite zu fallen drohte und ihn La ganz mit ihren Armen umfassen mußte. Sie legte ihn sanft auf das Lager zurück, während er ihr teerosenfarbiges Haar dicht vor seinen Augen flimmern sah. Ein Schwindel drohte ihn zu erfassen.

Se kam mit dem Speisegerät herangeschwebt.

»Was macht ihr denn?« rief sie lachend. »Ich höre, daß ihr euch so eifrig unterhaltet, ohne daß ich verstehen kann, was ihr redet, und auf einmal –«

»Ja«, lachte La ebenfalls, »es war zu komisch, was der arme Bat für Sprünge machte!«

»Ach«, sagte Se, »das scheint mir eine gefährliche Geschichte! Erst wagt er dich nicht anzusehen, und wie ich den Rücken wende, macht er dir auf grönländisch eine Liebeserklärung.«

»Daran bist du schuld, du hast die Schwere abgestellt. Wenn ihm der Schreck nur nicht schlecht bekommt – was wird Hil sagen!«

Grunthe lag wieder regungslos. Sein allerdings ganz unverschuldetes Ungeschick ärgerte ihn schwer, die Berührung mit der schönen La war ihm entsetzlich, zudem bewirkte die Abnahme der Schwere jetzt ein körperliches Übelbefinden.

Aber La bat ihn so freundlich in der Eskimosprache, doch zu essen, und Se bot ihm die einen verlockenden Duft entwickelnden Speisen mit einem so gebietenden Blick, daß er seinen Hunger zu stillen wagte.

Mit größter Vorsicht richtete er sich auf und genoß einiges von den Speisen, von denen er keine Ahnung hatte, was sie vorstellten. Sobald er sich dankend zurücklehnte, schob Se das Speisetischchen zur Seite, und La sagte:

»Leben Sie wohl, Grunthe, schlafen Sie.«

Sie schwebte zum Zimmer hinaus, und Se zog den Wandschirm vor, so daß Grunthe wieder sich selbst überlassen blieb. Der Kopf schwirrte ihm von allem, was um ihn herum vorgegangen war, neue Fragen drängten sich auf, und er wollte sich eben noch einmal aufrichten; da ergriff ihn plötzlich ein Gefühl, als würde er mit Gewalt gegen sein Lager gedrückt. Se hatte die Erdschwere wieder hergestellt. Jetzt schoben sich dichte Vorhänge vor die Fenster, und Grunthe lag im Dunkeln. Eine leise Musik wie aus weiter Ferne ließ sich hören und mischte sich melodisch mit dem Rauschen des Meeres.

Grunthe versuchte vergebens, seine Gedanken zu konzentrieren. Sie bewegten sich um die Frage, wie es lebenden Wesen möglich sein könne, den luftleeren Weltraum zu durchfliegen. Wie hatten Martier auf die Erde kommen können? Aber nur in unbestimmten Vermutungen irrten seine Vorstellungen umher, und ehe er zu irgendeiner Klarheit in dieser Frage gelangte, lösten sich seine Gedanken in undeutliche Traumbilder auf. Grunthe entschlummerte.


8. Kapitel. Die Herren des Weltraums

»Dreifach panzerten Mut und Kraft
Dem das eiserne Herz, der sich zuerst gewagt
Im gebrechlichen Boot hinaus
Auf das tückische Meer...«


So pries einst Horaz die Kühnheit des Seefahrers, der dem fremden Element sein unsicheres Fahrzeug anvertraute... Aber unbedenklich besteigt der Tourist den luxuriösen Bau des Riesendampfers, um in wenigen Tagen die wohlbekannte Ozeanstraße zu durchmessen.

Ähnlich rühmte ein Dichter des Mars den Mut und den Scharfsinn jenes Martiers Ar, der es einst gewagt, auf den Wegen des Lichts und der kosmischen Schwere in die Leere des Raumes seinen unvollkommenen Apparat zu werfen, um zum ersten Male den Flug zu versuchen durch den Weltäther nach dem leuchtenden Nachbarstern, der strahlenden ›Ba‹, dem Schmuck der Marsnächte, der jahrtausendlangen Sehnsucht aller ›Nume‹. Jetzt aber kannte man auf dem Mars genau die Mittel, welche die Marsbewohner, die sich selbst ›Nume‹ nannten, anwenden mußten, die einzelnen Umstände, auf die sie zu achten hatten, um je nach der Stellung der Planeten die strahlende Ba, das ist die Erde, zu erreichen. Wohl war eine Reise zwischen Mars und Erde noch immer ein zeitraubendes und kostspieliges Unternehmen, aber es hatte seinen ebenso sicheren und bequemen Gang wie etwa heutzutage für einen Menschen eine Reise um die Erde.

Die Erforschung der Erde, die Entdeckung des intraplanetaren Weges nach derselben und die endliche Besitzergreifung vom Nordpol bildet ein umfangreiches und wichtiges Kapitel in der Kulturgeschichte der Martier.

Die Durchsichtigkeit der Atmosphäre auf dem Mars hatte seine Bewohner frühzeitig zu vorzüglichen Astronomen gemacht. Mathematik und Naturwissenschaft waren zu einer Höhe der Entwicklung gelangt, die uns Menschen als ein fernes Ideal vorschwebt. Je mehr der alternde Mars durch seinen verhältnismäßig geringen Wasservorrat die Existenzbedingungen der Martier erschwerte, um so großartiger waren die Anstrengungen gewesen, durch welche die Martier die Technik der Naturbeherrschung ausbildeten. Immer neue Kräfte und Hilfsmittel wußten sie ihrem Planeten zu entlocken, der sich freilich durch die Eigentümlichkeit seines Baues in noch viel höherem Maß zur Erziehung eines Kulturvolkes eignete als die Erde.

Der Tag auf dem Mars hat fast dieselbe Dauer wie auf der Erde, er ist nur vierzig Minuten länger. Das Jahr des Mars dagegen umfaßt 670 Mars-, das sind 687 Erdentage, ist also fast doppelt so lang als ein Erdenjahr. Die gesamte Oberfläche des Mars beträgt etwa nur ein Viertel von derjenigen der Erde. Die südliche Halbkugel des Mars ist die wasserreichere und daher am stärksten bevölkert; sie enthält auch die beiden einzigen Meere, welche der Mars besitzt, wenn man darunter diejenigen Becken versteht, welche das ganze Jahr hindurch mit Wasser erfüllt sind. Die nördliche Halbkugel besteht zum größten Teil aus unfruchtbaren Wüsten. Aber die Bevölkerung des Mars, der die von der Natur genügend bewässerte Region ihres Planeten längst zu klein geworden, wußte der kargen Natur neue Gebiete des Anbaus abzugewinnen. Sie durchzog das gesamte Wüstengebiet mit einem vielverzweigten Netz geradliniger breiter Kanäle und verteilte auf diese Weise zur Zeit der Schneeschmelze, im Beginn des Sommers einer jeden Halbkugel, das Wasser, welches sich in Gestalt von Schnee an den Polen angehäuft hatte, über den ganzen Planeten. Wie die Ägypter das Anwachsen des Nils benutzten, um der Wüste den fruchtbaren Boden des Niltals abzugewinnen, so tränkten die Marsbewohner durch ihre Kanäle beide Ufer derselben. Schnell schoß hier eine üppige Vegetation auf, und so wurde durch das Kanalnetz das ganze Wüstengebiet mit fruchtbaren, an hundert Kilometer breiten Vegetationsstreifen durchzogen, die eine ununterbrochene Kette blühender Ansiedlungen der Martier enthielten. Wenn hier die dunkelgrünen Blätter der Pflanzen mit einem Schlag hervorsproßten, dann hoben sich diese Streifen dunkel von dem rötlichen Wüstenboden ab, und die Astronomen der Erde wunderten sich, woher dieses regelmäßige Netz von Streifen auf dem Mars wohl stammen möchte. Die Riesenarbeit der Bewässerung des Planeten war eine Notwendigkeit für die Martier geworden; nachdem die in der Kultur vorgeschritteneren Bewohner der Südhalbkugel allmählich den ganzen Planeten ihrer Herrschaft unterworfen hatten. Die einzelnen Völkerschaften bildeten einen großen Staatenbund. Wie auf der Erde der Weltverkehr sich durch internationale Verträge regelte, ohne daß die Selbständigkeit der einzelnen politischen Verbände darunter litt, so hatte die vorgeschrittenere Zivilisation der Martier in ihrer internationalen Vereinigung ein Zentralorgan, das unbeschadet der Freiheit der Einzelgemeinden alle Angelegenheiten regulierte, welche für die Bewohner des ganzen Planeten ein gemeinsames Interesse besaßen.

Nachdem die Oberfläche des Planeten vollständig erforscht und besiedelt war, richtete sich die Aufmerksamkeit der Martier naturgemäß stärker wie je über die Grenzen ihres Wohnplatzes hinaus auf ihre Nachbarn im Sonnensystem. Und was konnte sie hier mächtiger fesseln als die strahlende Ba, die sagenumwobene Erde, die bald als Morgen-, bald als Abendstern alle andern Sterne ihres dunklen Himmels überstrahlt?

Die Ruhe und Durchsichtigkeit der Atmosphäre gestattete ihnen, bei ihren Fernrohren Vergrößerungen zu benutzen, wie sie auf der Erde unmöglich waren. Denn auf der Erde vereitelt die stets ungleichmäßig bewegte Luft, daß wir Instrumente von so starken Vergrößerungen praktisch anzuwenden vermöchten, als wir sie wohl theoretisch und technisch konstruieren könnten. Der Druck der Atmosphäre auf dem Mars ist aber so gering, wie wir ihn nur auf den allerhöchsten Berggipfeln der Erde besitzen, und die über der Marsoberfläche lastende Luftschicht ist dementsprechend dünner und durchsichtiger. Die Astronomen des Mars konnten daher, bei günstiger Stellung der Planeten gegeneinander, die Erde ihrem Auge so nahe bringen, als wäre sie nur gegen zehntausend Kilometer weit entfernt, und vermochten somit noch Gegenstände von zwei bis drei Kilometer Ausdehnung zu erkennen. Unter diesen Umständen hatten sie natürlich bemerkt, daß sich auf der Erde Einrichtungen finden, die nur als das Werk intelligenter Wesen zu erklären seien. Auch durchschauten sie viel zu klar den Bau und die Natur der Erde sowie die Analogien im gesamten Sonnensystem, als daß sie nicht die Überzeugung von der Bewohnbarkeit der Erde und einer gewissen Kultur der Erdbewohner gehabt hätten. Die Karte der Erde selbst war ihnen in umfassenderer Weise bekannt als uns Menschen; denn von ihrem Standpunkt aus konnten sie nach und nach alle jene Gebiete der Erdkugel, insbesondere die Polargegenden, durchmustern, die bisher unseren irdischen Forschungen verschlossen geblieben sind.

Es hatte nicht an Versuchen der Martier gefehlt, sich mit den von ihnen vermuteten Erdbewohnern in Verbindung zu setzen. Aber die gegebenen Zeichen waren wohl nicht bemerkt oder nicht verstanden worden. Jedenfalls mochten die Erdbewohner nicht in der Lage sein, darauf zu antworten. Die Erde war ein sehr viel jüngerer Planet und in ihrer ganzen Entwicklung auf einer Stufe, wie sie der Mars schon vor Millionen Jahren durchlaufen hatte. Da sagten sich die Marsbewohner selbstverständlich, daß die Bate, wie sie die hypothetischen Bewohner der Erde nannten, jedenfalls auf einem viel niedrigeren Standpunkt der Kultur ständen als sie, die Nume; ja wer weiß, ob sie sich überhaupt schon bis zur Höhe der ›Numenheit‹, zur Vernunftidee der Martier, erhoben haben!

Um jene Zeit, als man auf der Erde von einem Jahrhundert der Naturwissenschaft zu sprechen anfing, blickten die Martier längst nicht nur auf das Zeitalter des Dampfes, sondern auch auf das Zeitalter der Elektrizität wie auf ein altes Kulturerbe zurück. Damals vollendete sich bei ihnen eine wissenschaftliche Entdeckung, die eine Umgestaltung aller Verhältnisse nach sich zu ziehen geeignet war. Die Enthüllung des Geheimnisses der Gravitation war es, die einen ungeahnten Umschwung der Technik herbeiführte und die Martier zu Herren des Sonnensystems machte.

Die Gravitation ist jene Kraft, welche die Bewegungen der Gestirne im Weltraum beherrscht. Sie verbindet die Sonne mit den Planeten, die Planeten mit ihren Monden, sie hält die Gegenstände an der Oberfläche der Weltkörper fest und bewirkt, daß diese als dauernde einheitliche Gruppen im Universum bestehen; sie läßt den geworfenen Stein wieder zur Erde fallen und die Gewässer nach dem Meer hin sich sammeln. Sie ist eine allgemeine Eigenschaft der Körper, welche von ihrer gegenseitigen Lage im Raum abhängt; die Arbeit, welche ein Körper infolge der Gravitation zu leisten vermag, nennt man daher Raumenergie.

Wenn es gelänge, einem Körper diese eigentümliche Form der Energie zu entziehen, die er infolge seiner Lage zu den übrigen Körpern, insbesondere zu den Planeten und der Sonne besitzt, wenn es gelänge, seine Gravitation in eine andere Energieform überzuführen, so würde man diesen Körper dadurch unabhängig von der Schwerkraft machen; die Schwerkraft würde durch ihn hindurch oder um ihn herumgehen, ohne ihn zu beeinflussen; er würde ›diabarisch‹ werden. Er würde ebensowenig von der Sonne angezogen werden wie ein Stück Holz vom Magneten. Dann aber müßte es ja auch gelingen, den Körper dem Einfluß der Planeten und der Sonne soweit zu entziehen, daß man ihn im Weltraum frei bewegen könnte; dann also müßte es gelingen, den Weg von einem Planeten zum andern, von dem Mars zur Erde zu finden.

Dies war den Martiern gelungen. Sie vermochten Körper von gewisser Zusammensetzung herzustellen, so daß jede auf sie treffende Schwerewirkung spurlos an ihnen und an den von ihnen umschlossenen Körpern vorüberging – das heißt spurlos als Schwere. Die Gravitationsenergie wurde in andere Energieformen umgewandelt. Solche Körper können wir ›diabarisch‹ nennen.

Zwei Umstände hatten es den Martiern erleichtert, dem Geheimnis der Gravitation auf die Spur zu kommen. Der eine lag darin, daß die Schwerkraft auf ihrem Planeten nur ein Drittel von demjenigen Werte beträgt, den sie auf der Erde besitzt. Eine Last, die auf der Erde tausend Kilogramm wiegt, hat, auf den Mars gebracht, nur ein Gewicht von 376 Kilogramm; ein freifallender Körper, der bei uns in der ersten Sekunde 5 Meter herabfällt, fällt auf dem Mars in dieser Zeit nur um 1,8 Meter und kommt mit der sanften Geschwindigkeit von 3,6, statt bei uns mit fast 10 Meter, an. Infolgedessen war es den Martiern erleichtert, alle Eigentümlichkeiten der Schwere bequemer und genauer zu studieren.

Der zweite Umstand war ein geographischer, oder, wie wir beim Mars sagen müßten, ein areographischer, nämlich die Zugänglichkeit der Pole des Mars. Während auf der Erde die Pole mit ihrer ewigen Eisdecke des Besuches sich erwehren, sind die Marspole nicht vergletschert. Zwar bedecken sie sich im Winter mit einer dichten Schneehülle, die aber doch viel geringer ist als auf der Erde, weil die Atmosphäre des Mars viel weniger Feuchtigkeit enthält. Außerdem dauert der Sommer fast ein volles Erdenjahr, währenddessen der Pol in fortwährendem Sonnenschein liegt, so daß der Schnee zum größten Teil fortschmilzt. Die Pole des Mars sind daher den Marsbewohnern nicht nur bekannt, sondern sie haben gerade auf ihnen ihre bedeutendsten wissenschaftlichen Stationen angelegt. Denn die Pole eines Planeten sind ausgezeichnete Punkte, sie unterliegen nicht der Umdrehung um die Achse im Verlauf eines Tages, und sie bieten dadurch Gelegenheit zu Beobachtungen, die sich an keiner anderen Stelle so einfach anstellen lassen.

Gerade nun für die Untersuchung der Schwerkraft zeigte sich dies von größter Wichtigkeit. Ihre Wirkungen im Kosmos zu studieren, das heißt ihre Wechselwirkung mit andern kosmischen Kräften, mußte man sich von der Rotation des Planeten um seine Achse und allen dadurch entstehenden Komplikationen unabhängig machen. Dies konnte nur am Pol geschehen. Vom Pol gingen denn auch die Untersuchungen der Martier aus.

Die Martier hatten entdeckt, daß die Gravitation, ebenso wie das Licht, die Wärme, die Elektrizität, sich in Form einer Wellenbewegung durch den Weltraum und die Körper fortpflanzt. Während aber die Geschwindigkeit der strahlenden Energie, die wir als Licht, Wärme und Elektrizität beobachten, 300 000 Kilometer in der Sekunde beträgt, ist diejenige der Gravitation eine millionenmal größere. Nach den Berechnungen der Martier durchläuft die Gravitation den Raum mit einer Geschwindigkeit von 300 000 Millionen Kilometern pro Sekunde, sie verhält sich also zu derjenigen des Lichts etwa so wie die des Lichts zur Geschwindigkeit des Schalls. Den Weg von der Sonne bis zur Erde legt somit die Wirkung der Schwere in einem halben Tausendteil einer Sekunde zurück; kein Wunder, daß es den Astronomen der Erde nicht gelungen war, die von ihnen allerdings vermutete endliche Geschwindigkeit der Gravitation zu konstatieren.

Einen Körper, der die Lichtwellen nicht durch sich hindurchgehen läßt, nennen wir undurchsichtig; ließe er sie vollständig hindurchgehen, so würde er absolut durchsichtig sein, wir würden ihn so wenig sehen wie die Luft. Ein Körper, der die Wärmewellen durch sich hindurchgehen läßt, bleibt kalt; er muß sie in sich aufnehmen, sie absorbieren, um sich zu erwärmen. So ist es nun, wie die Martier entdeckten, auch mit der Gravitation. Die Körper sind darum schwer, weil sie die Gravitationswellen absorbieren. Körper ziehen sich nur dann gegenseitig an, wenn sie die von ihnen wechselseitig ausgehenden Gravitationswellen nicht durch sich hindurchtreten lassen. Sobald aber ein Körper so beschaffen ist, daß er die Gravitationswellen eines Planeten oder der Sonne nicht aufnimmt, sondern frei durchläßt, so wird er nicht angezogen, er hat keine Schwere, er ist diabar, schweredurchlässig, und dadurch schwerelos.

Die Martier hatte gefunden, daß das Stellit, ein auf ihrem Planeten vorkommender Körper, sich so verändern läßt, daß die Schwerewellen hindurchtreten können. Und mit diesem Augenblick wurde dieser Körper vom Mars wie von der Sonne nicht mehr angezogen. Allerdings ließ es sich nicht erreichen, absolut schwerelose Körper herzustellen, wie es ja auch keine absolut durchsichtigen Körper gibt; wohl aber ließ sich die Schwere so vermindern, daß sie nur kaum merklich auf den diabaren Körper wirkt. Indem man die Schwerelosigkeit verstärkte oder verminderte, konnte man nun, wenn einmal der Körper eine bestimmte Geschwindigkeit besaß, durch passende Benutzung der Anziehung der Planeten und der Sonne die Bahn des Körpers im Weltraum regulieren – vorausgesetzt, daß man sich in einem solchen diabaren Körper befand, in einer Kugel aus Stellit.

Dieses Wagestück, einen Apparat herzustellen, in welchem ein Mensch sich in den Weltraum schleudern lassen konnte, um dann durch Regelung der Anziehung, welche die Weltkörper auf ihn ausübten, seinen Weg zu lenken, das hatte zuerst der Martier Ar unternommen. Aber man hatte ihn nie wiedergesehen. War er in die Fixsternwelt jenseits des Sonnensystems hinausgeflogen? War er in die Sonne gestürzt? Umkreiste sein Raumschiff die Sonne oder irgendeinen Planeten als ein neuer Trabant? Niemand wußte es.

Aber andere kühne Forscher ließen sich nicht zurückschrecken. Sie hatten jetzt die theoretische Möglichkeit des interplanetaren Verkehrs eingesehen, es war jetzt keine Tollkühnheit mehr, sich dem Raum anzuvertrauen, sondern eine dringende Aufgabe der Kultur und somit eine sittliche Forderung, eine Pflicht der ›Numenheit‹. Die größte Schwierigkeit lag nur darin, die Geschwindigkeit unschädlich zu machen, welche der Planet in seiner eigenen Bahn besaß und die sich natürlich auf das schwerelose Raumschiff übertrug, sobald es den Mars verließ. Man reiste von einem der Pole ab, um von der Rotation des Planeten unabhängig zu sein, aber die Geschwindigkeit des Mars in seiner Bahn beträgt 24 Kilometer in der Sekunde, und mit dieser flog man hinaus in den Raum, fort von der Sonne in der Richtung der Tangente der Marsbahn. Es kam dann darauf an, sich der Sonnenanziehung in dem richtigen Augenblick zu überlassen, um durch die Flugbahn des Raumschiffs in den Anziehungsbereich der Erde zu gelangen. Man war somit ganz auf die vorhandenen Gravitationskräfte angewiesen, wie ein Schiff auf dem Meer auf die Richtung der Wasser- und Luftströmungen; und auf einen weiteren Erfolg konnte man erst hoffen, wenn es auch noch gelang, Mittel zu finden, die Richtung der erhaltenen Geschwindigkeit willkürlich abzulenken.

Aber auch dieses Problem war allmählich gelöst worden. Die Geschichte der menschlichen Entdeckungen auf der Erdoberfläche war nicht weniger reich an Opfern als diejenige der Versuche der Martier, den Weltenraum zu durchsegeln. Endlich aber war einmal nach jahrelangem Ausbleiben ein Raumschiff zurückgekehrt, das die Erde dreimal in großer Nähe umflogen hatte. Ein anderes war auf dem Mond der Erde gelandet. Zuletzt war es dem rastlosen Erdforscher Col auf seiner dritten Raumreise gelungen, den Nordpol der Erde zu erreichen. Der Südpol wurde zuerst vom Kapitän All betreten. Von jetzt ab verkürzte sich immer mehr die Reisezeit nach der Erde durch die vervollkommnete Technik der Raumfahrt, anstelle der vereinzelten Entdeckungsreisen trat eine planmäßige Besetzung des Nordpols. Und nachdem durch Konstruktion der Außenstation und die Errichtung des abarischen Feldes die Landung auf der Erde ebenso gesichert war wie die eines Dampfschiffes im Schutz eines trefflichen Hafens, waren die Martier an dem ersehnten Ziel angelangt, die Erde nach Belieben besuchen zu können.

Nur freilich, die beiden Pole waren bis jetzt die einzigen Punkte, welche sie zu erreichen vermochten. Am Südpol hatten sie eine ähnliche, wenn auch kleinere und weniger benutzte Station angelegt wie am Nordpol. Denn nur während des Sommers der Nordhalbkugel konnten sie die Nordstation unterhalten. Im Winter verlegten sie das abarische Feld auf den Südpol, der zu dieser Zeit Sommer hatte. Dagegen war es ihnen noch nicht gelungen, zu den bewohnten Teilen der Erde vorzudringen. Noch niemals hatten sie einen zivilisierten Menschen kennengelernt. Einige Eskimos waren die einzigen Vertreter, nach denen sie die Eigentümlichkeiten der Erdbewohner zu beurteilen vermochten. Aber bei ihren Umkreisungen der Erde in der Entfernung von einigen tausend Kilometern zeigten ihnen ihre vorzüglichen Instrumente natürlich die Einrichtungen der Kultur in solcher Deutlichkeit, daß sie sehr wohl wußten, die Hervorbringer dieser Werke seien keine Eskimos. Doch an andern Stellen als an den Polen zu landen, war ihnen bisher nicht gelungen. Durch die Rotation der Erde wurden die Verhältnisse dort so kompliziert, daß die technischen Schwierigkeiten nicht überwunden werden konnten. Diese ergaben sich aus der besonderen Natur der Gravitation und dem dadurch bedingten Bau der Raumschiffe, welche dem Druck der Luft und ihren Stürmen nicht widerstehen konnten. Auch am Pol war ja die Landung erst mit Sicherheit durchzuführen, seitdem es nach vielen Opfern und Verlusten gelungen war, die Außenstation zu errichten und so die Raumschiffe außerhalb der Atmosphäre zu halten. Wie die Brandung einer Insel gegen die Überrumpelung durch landende Feinde schützt, so deckte die Umdrehung um ihre Achse und die Dichtheit ihrer Atmosphäre die Erde gegen einen plötzlichen Einfall der Marsbewohner von der Luftseite her. Nur am Pol konnten sie sich festsetzen. Und wenn sie nun auf der Erde vordringen wollten, so mußte dies über die Gletscher und Eisschollen der Polargegenden geschehen.

Mit diesem Plan trugen sich nun freilich die Marsbewohner. Aber die Überwindung dieser Eiszonen bot ihnen ebensoviel Schwierigkeiten, als wenn Europäer in das vernichtende Sumpfklima eines tropischen Urwaldes oder über die wasserlose Wüste vordringen wollten. Unsere Schiffe tragen uns wohl ans Ufer unbekannter Länder, aber in das Innere vermögen wir erst später und unter den größten Schwierigkeiten einen Einblick zu gewinnen. Die Martier hatten auf der Erde vor allem mit zwei gewaltigen Hindernissen zu kämpfen: Luft und Schwere. Die Dichtigkeit der Luft, ihre Feuchtigkeit und die Größe des Luftdrucks waren für die Konstitution ihres Körpers verderblich; sie konnten das Klima der Erde nur kurze Zeit ertragen. Und die Stärke der Schwerkraft, dreimal so groß wie auf dem Mars, hinderte ihre Bewegungen und drückte jeder ihrer mechanischen Arbeiten eine dreifache Last auf. Sie hätten dieselbe überhaupt nicht tragen können, wenn sie nicht für die Verhältnisse ihres Planeten eine sehr bedeutende Muskelkraft besessen hätten. Gerade jetzt, als die Nordpolexpedition Torms in ihrem abarischen Feld scheiterte, waren sie mit den ernstesten Vorbereitungen beschäftigt, einen Vorstoß nach Süden zu unternehmen. Denn auf dem Mars waren die Versuche gelungen, einen Stoff herzustellen, der sich wie das Stellit schwerelos machen ließ, aber dabei genügende Festigkeit besaß, der Wärme und Feuchtigkeit der Luft zu widerstehen. Von ihm erhofften die Martier, daß er ihnen die Wege durch die Erdenluft bahnen werde.


9. Kapitel. Die Gäste der Marsbewohner

Als Saltner zum zweiten Mal auf der Insel erwachte, war er nicht wenig erstaunt, sich wieder in einer völlig veränderten Situation zu finden. Das Zimmer war verdunkelt, doch schimmerte die Decke desselben in einem matten Grau, so daß er einigermaßen seine Umgebung erkennen konnte. Er sah sofort, daß er in einen anderen Raum gebracht worden war. Fenster waren nicht vorhanden, und das Rauschen des Meeres vermochte er nicht zu hören. Dagegen sah er in der Nähe seines Bettes mehrere Körbe und Pakete aufgestapelt, in denen er einen Teil aus dem Inhalt der Gondel des untergegangenen Ballons zu erkennen glaubte. Wenn es nur etwas heller gewesen wäre! Aber wie konnte man Licht erhalten?

Er erhob erst vorsichtig seinen Arm, um nicht etwa wieder einen unfreiwilligen Luftsprung zu machen, und als er merkte, daß er sich unter den gewöhnlichen Umständen der Erdschwere befand, setzte er sich mit einem lebhaften Schwung auf den Rand seines Lagers. Und siehe da, in dem Augenblick, in welchem seine Füße den Boden berührten, wurde es hell im Zimmer. An der Decke hatte sich eine weite Oberlichtöffnung gebildet, und die Sonne, nur durch einen leichten Schirm gedämpft, schien fröhlich herein. Er erkannte nun, daß er in der Tat das Eigentum der Expedition vor sich hatte, auch seine sorgfältig gereinigte und getrocknete Kleidung fand er dabei. Und am Boden lag sogar sein Eispickel, den er zu etwaigen Gletscherbesteigungen am Nordpol mitgenommen hatte. Schnell erhob er sich, und schon bei den ersten Schritten, die er auf dem weichen Teppich des Zimmers probierte, fühlte er, daß er sich wieder völlig wohl und bei Kräften befand. Er schob einen Vorhang zu seiner Linken beiseite und sah dahinter verschiedene Geräte, die ihm höchst fremdartig vorkamen, aber doch soviel erraten ließen, daß sie einen Bade-Apparat vorstellten und was sonst zur Toilette eines Martiers gehören mochte. Ehe er sich jedoch getraute, von diesen ihm unbekannten Gegenständen Gebrauch zu machen, untersuchte er erst die übrigen Teile des geräumigen Schlafgemachs. In der Mitte der dem Bett gegenüberliegenden Wand befand sich eine große Tür, die er indessen vorläufig nicht zu öffnen wagte. Er wandte sich nun nach rechts und bemerkte, daß die Täfelung dieser Seitenwand ebenfalls eine Tür enthielt, die aber nicht ganz geschlossen war. Sie führte in ein verdunkeltes Gemach. Als Saltner an dem ihm unbekannten Mechanismus herumtastete, rollte sich die Tür auf und ließ dadurch mehr Licht in das Zimmer. Da erblickte er an der gegenüberliegenden Wand ein Bett genau wie das seinige und erkannte zu seiner unaussprechlichen Freude – Grunthe, der in ruhigem Schlummer lag.

»Guten Morgen, Doktor«, rief Saltner ohne weiteres. »Wie geht's?«

Grunthe schlug verwundert die Augen auf.

»Saltner?« sagte er.

»Hier sind wir, munter und gesund, wer hätte das gedacht! Aber der arme Torm – niemand weiß etwas von ihm!«

»Und wissen Sie denn«, fragte Grunthe, sogleich ermuntert, »wo wir uns befinden?«

»Ich weiß es, aber Sie werden's freilich nicht glauben wollen. Oder haben Sie etwa schon mit dem biedern Hil oder der schönen Se gesprochen?«

»Wir sind in der Gewalt der Nume«, antwortete Grunthe finster. »Sind wir allein?«

»Soviel ich weiß, aber der Teufel traue diesen Maschinerien – wer kann wissen, ob man nicht von irgendwo alles hört und sieht, was hier vorgeht, oder ob nicht irgendein geheimer Phonograph jedes Wort protokolliert. Na, deutsch verstehen sie vorläufig noch nicht.«

»Welche Zeit haben wir? Wie lange war ich bewußtlos?«

»Ja, wenn Sie das nicht wissen! Ich denke, hier gibt es überhaupt keine Zeit.«

»Nun, das wird sich alles bestimmen lassen, wenn wir erst einmal den freien Himmel wiedersehen«, sagte Grunthe. »Aber wie kann man hier Licht machen?«

»Treten Sie gefälligst mit Ihren Füßen auf den Boden vor Ihrem Bett, dann wird es Tag. Wir sind hier im Lande der automatischen Bedienung.«

»Das kann ich nicht, bester Saltner, mein Fuß ist verwundet –«

»I – das wäre – lassen Sie sehen –«

»Es ist nichts, ich bin schon verbunden, aber ich muß vorläufig noch liegen bleiben.«

Saltner war inzwischen an Grunthes Bett geeilt, und in dem Moment, in welchem er den Teppich vor demselben betrat, öffnete sich das Oberlicht.

»Sehen Sie«, rief Saltner, »allmählich lernt man diese Marskniffe. Ich kann übrigens schon etwas martisch und werde Ihnen gleich ein Frühstück bestellen. Erlauben Sie nur, daß ich vorher ein wenig Toilette mache.«

Er eilte nach dem Alkoven, der offenbar als Toilettenzimmer dienen sollte, und stellte sich überlegend vor die Apparate.

»Das da scheint mir eine Badewanne«, sagte er, während Grunthe durch die Tür sein halblautes Selbstgespräch vernahm, »aber Wasser ist nicht darin. Und dies dürfte wohl einen Waschtisch vorstellen. Aber hier sind drei verschiedene Griffe, und jeder hat eine Aufschrift – nur daß ich sie nicht lesen kann. Ich kenn mich halt nicht aus. Na, ich werde mal ein bissel drehen. Vielleicht kommt ein Wasser heraus.«

Er drehte vorsichtig an dem einen Wirbel, in der Meinung, das darunter befindliche flache Becken werde sich auf irgendeine Weise mit Wasser füllen. Aber ehe er sich's versah, sprang das Becken, sich fächerförmig zu einem Tisch ausbreitend, hervor und versetzte ihm einen unhöflichen Schlag gegen den Magen. Mit Hallo sprang er zurück, fand sich aber sofort wieder stolpernd nach vorn geschnellt, denn gleichzeitig hatte sich in seinem Rücken ein Sessel aus dem Fußboden erhoben. Nachdem er sich von seinem ersten Schreck erholt, betrachtete er sich die Sache eingehend, probierte an dem Tisch und Sessel, und da er sie standfest fand, ließ er sich gemütlich auf dem Sessel nieder.

»Was gibt's denn?« fragte Grunthe von seinem Bett aus.

»Ein Wasser war's nicht«, sagte Saltner, »aber es sitzt sich ganz gut hier. Nun wollen wir einmal den zweiten Wirbel probieren.« Doch schnell sprang er wieder auf, er dachte, der zweite Handgriff könne vielleicht dazu dienen Tisch und Sessel wieder verschwinden zu lassen, und bei dieser Gelegenheit wollte er sich erst in Sicherheit bringen. Aber es kam anders. Er erhielt nur von einer aufspringenden Schublade einen Stoß an die Hand. Die Schublade enthielt eine Anzahl jener Mundstücke, deren sich die Martier, wie Saltner wußte, zum Trinken bedienten, und nun bemerkte er auch, daß oberhalb des Tisches drei Öffnungen freigeworden waren, in welche die Mundstücke hineinpaßten.

»Halt«, sagte Saltner, »hier gibt's was zu trinken. Aber damit wollen wir doch noch warten.«

Er drehte an dem dritten Griff. Eine muldenförmige Schale wurde sichtbar, und in dieselbe fielen aus einer darüber befindlichen Öffnung fingerdicke, hellbraune Gegenstände, welche etwa die Gestalt von kleinen Würsten hatten.

»Das ist also ein Frühstück und keine Toilette«, rief Saltner lachend und probierte die sehr einladend aussehenden und würzig duftenden Stangen. Sie schmeckten vorzüglich und erwiesen sich als ein knuspriges Gebäck, das mit einer kräftigen Fleischfarce gefüllt war. Wenigstens hielt Saltner sie dafür. Aber während er die erste Stange verzehrte, setzte der Apparat seine Tätigkeit fort, und Gebäck auf Gebäck fiel in die Schale, die bald bis zum Rand gefüllt war. Das ist zuviel des Segens, dachte Saltner und suchte umher, wie sich wohl der geheimnisvolle Speisequell abstellen ließe. Doch vergebens, der Wirbel selbst ließ sich nicht zurückdrehen – Saltner wußte nicht, daß man zu diesem Zweck erst durch Drehen der Schale den automatischen Spender des Gebäcks abstellen mußte. Einen weiteren Handgriff aber verstand er nicht zu finden, und so quoll ein unstillbarer Strom von Fleischrollen auf die Schale, fiel von dort auf Tisch und Fußboden und begann sich zu einem stattlichen Haufen aufzutürmen. Saltner lief in Verzweiflung hin und her, aber er fand kein Mittel – er wollte die Öffnung nicht mit Gewalt verstopfen. – Schließlich dachte er, der Vorrat muß ja doch einmal ein Ende nehmen, und wollte der Sache ihren Lauf lassen. Er wollte nun die auf der Schale liegenden Stücke fortnehmen, um Grunthe eine Portion zu bringen, dabei merkte er, daß die Schale sich drehen ließ, und auf einmal hörte die weitere Spedition des Gebäcks auf.

Er sammelte die umherliegenden Massen der Delikatesse bis auf einen kleinen Rest und trug sie in Grunthes Zimmer, der bei diesem Anblick und Saltners tragikomischer Miene sich eines Lächelns nicht erwehren konnte. Dort verbarg er sie in einem der leeren Körbe der Expedition, denn auch in Grunthes Gemach hatte man einen Teil der aus der Gondel geretteten Gegenstände geschafft.

»Warum lassen Sie das Zeug nicht einfach liegen?« fragte Grunthe.

»Das geht nicht, ich bin ja sonst unsterblich vor den Damen als dummer Bat blamiert. Übrigens sehne ich mich nach dem Frühstück; aber erst muß ich doch sehen, wo ich ein Waschwasser finde.«

Er drehte der Reihe nach an verschiedenen Griffen, ohne daß er das Gewünschte antraf. Bald sprang ein Schrank auf, der ihm unverständliche Geräte enthielt, bald entzündeten sich Lampen an verschiedenen Stellen des Zimmers. Dann zeigte sich eine Schüssel, und schon hoffte er am Ziel zu sein, aber erschrocken fuhr er zurück, denn die Schüssel begann sich zu erhitzen. Endlich erweiterte sich in der Ecke des Zimmers der Fußboden zu einem flachen Bassin, und ein Springbrunnen sprühte einen Strahl hervor. Vorsichtig überzeugte sich Saltner, ob er es auch wirklich mit Wasser zu tun habe, und war sehr erfreut, als sich seine Vermutung bestätigte. Nun vervollständigte er mit Hilfe seiner wiedergefundenen Reiseeffekten seine Toilette und setzte sich mit Behagen an den Frühstückstisch.

Es war ihm ungewohnt und seltsam, daß das Tischchen so leer war und weder Gläser noch Tassen oder Löffel und Messer enthielt. Das Gebäck wenigstens wollte er auf einen Teller legen und sah sich deshalb nochmals im Zimmer um. Er bemerkte jetzt, daß sich auch ein großer Spiegel im Zimmer befand, neben welchem ein Gestell mit mehreren glänzenden runden Scheiben stand, die er für silberne Teller hielt. Er holte sich einen solchen Teller und legte sein Frühstücksgebäck darauf. Dann ließ er sich das Getränk munden, das die Öffnungen über dem Tischchen bereitwillig spendeten, nachdem er die Mundstücke daran befestigt hatte. Es war eine warme und zwei kalte Flüssigkeiten, die er erhielt und als Schokolade, Wein und Selterswasser bezeichnete, da sie mit diesen Getränken am meisten Ähnlichkeit hatten, obwohl er sich sagte, daß sie sich doch in vieler Hinsicht von den auf der Erde üblichen Genüssen dieser Art unterschieden. Insbesondere die Schokolade war sehr fettreich.

Neu gestärkt trat er in seinem kleidsamen Reiseanzug zu Grunthe ins Zimmer und sagte:

»Ich bin nun bereit, unsere Polarforschung fortzusetzen. Hoffentlich können Sie auch bald mitkommen. Aber ehe wir uns beraten, was wir zu tun haben, will ich doch sehen, ob ich Ihnen nicht ein Getränk verschaffen kann. Sie müssen ja einen grausigen Durst haben.«

»Danke schön«, erwiderte Grunthe lachend, »sehen Sie, was ich habe.« Und er wies auf das Mundstück eines Schlauches hin, das neben seinem Kopf über dem Bett herabhing. »Und hier«, fuhr er fort, »kosten Sie einmal diese Pastete oder was es sonst ist. Ich habe zwar keine Ahnung, wie es eigentlich schmeckt, aber ich fühle mich dadurch wunderbar gestärkt. Wenn mich mein Fuß nicht hinderte, stünde ich sogleich auf.«

»Sakra auch, das lasse ich mir gefallen! Wie haben Sie das entdeckt? Ich habe mich inzwischen abgeschunden, verschiedene Stöße bekommen und das Zimmer in ziemliche Unordnung gebracht. Wie fanden Sie das, es war doch vorhin nicht hier?«

»Einfach durch Nachdenken. Ich sagte mir, die Martier sind viel klüger als wir und jedenfalls viel umsichtiger. Wenn wir nun einen Patienten haben, der nicht gehen kann, so werden wir ihm doch ein Frühstück ans Bett bringen, und wenn wir selbst aus irgendeinem Grund nicht kommen wollen, so werden wir es ihm hinstellen. Ich sah mich also um. Nun betrachten Sie einmal diese beiden kleinen Zettel an diesen Ringen.«

»Das sind ja lateinische Buchstaben!«

»Allerdings. Es sind zwei Wörter der Eskimosprache. ›Misalukpok‹ und ›Imerpok‹. Das eine bezeichnet ›Essen‹ und das andere ›Trinken‹.«

»Warum hat man mir aber nicht auch solche Aufschrift angeklebt? Bei mir sind alle Schilder in einer Zeichenschrift, die jedenfalls martisch ist.«

»Sie verstehen ja nicht Grönländisch.«

»Woher wissen aber die Nume, daß Sie es verstehen?«

»Weil ich mich gestern mit einer – mit jemand darin unterhalten habe.«

»Potztausend, Grunthe, Sie sind mir über! Aber eins begreif ich nicht, wie können die Leute, die Herren Martier, wissen, wie man diese Worte in unsern Buchstaben schreibt?«

»Darüber bin ich mir auch noch nicht klar. Sie sehen, es ist Antiqua, der lateinischen Druckschrift genau nachgemalt. Und mein kleines Wörterbuch ist nicht mehr da, daraus haben sie die Zeichen entnommen. Aber wie sie die richtigen Worte in dem Buch aufgefunden haben, das ist mir ein völliges Rätsel. Denn sie kennen doch nur den Laut der Eskimoworte, aber nicht die gedruckten Zeichen.«

»Es ist eine unheimliche Geschichte«, sagte Saltner. »Aber ein gutes Weiberl ist sie doch, die Se, ich bin halt ganz hin! Wenn ich nur wüßt, warum sich kein Mensch bei uns sehen läßt, kein Nume, wollt ich sagen, denn darauf scheinen sie sich was Großes einzubilden, daß sie keine Menschen sind.«

»Das kann ich Ihnen auch sagen, Saltner. Würden Sie ihren Gästen nachts zwischen drei und vier Uhr einen Besuch machen?«

»Ist das die Uhr? Aber vorhin wußten Sie's ja nicht, und ich denke, am Pol gibt's überhaupt keine Zeit.«

»Eine konventionelle Zeit muß es doch geben. Die Leute müssen doch festsetzen, wann sie schlafen und wann sie zu Mittag essen sollen. Wir also haben zum Beispiel unsere mitteleuropäische Einheitszeit auf unseren Taschenuhren mitgebracht, und danach hätten wir jetzt neun Uhr 55 Minuten vormittags. Als der Ballon scheiterte, war es nach mitteleuropäischer Zeit gegen sechs Uhr abends. Nun weiß ich bloß nicht, ob seitdem ein oder zwei Nächte vergangen sind, denn das hängt von der Länge unserer Ohnmacht und unseres Schlafes ab.«

»Das weiß ich allerdings auch nicht. Ich weiß auch nicht, wann unser erstes Erwachen stattgefunden hat; das Ihrige vermutlich bald nach dem meinigen.«

»Nun, das läßt sich nachher aus der Deklination der Sonne feststellen, welches Datum wir haben. Ich habe meine Uhr auch jetzt erst wieder entdeckt – beide Uhren, und da sie übereinstimmen, sind sie auch nicht stehengeblieben –«

»Nein, ich habe dieselbe Zeit –«

»Ja, aber welche Zeit rechnen die Martier hier? Sehen Sie, das haben sie mir auch mitgeteilt, und daher weiß ich, daß es für sie jetzt Schlafenszeit ist und daß sie erst in vielleicht zwei Stunden aufstehen werden. Deswegen sagte ich, es sei zwischen drei und vier bei unsern Wirten; wie sie die Stunden zählen und benennen, weiß ich allerdings auch nicht.«

»Aber Doktor, woher wissen Sie denn, was bei den Martiern für eine Tageseinteilung Mode ist und was die Glocke bei ihnen geschlagen hat?«

»Glauben Sie wohl, Saltner, in einem Schlafzimmer, das mit allem Komfort der Martier ausgestattet ist, werde eine Uhr fehlen?«

»Ich habe keine gesehen und Sie vorhin auch nicht.«

»Seitdem aber habe ich sie entdeckt. Sehen Sie die Malerei, welche die kreisförmige Öffnung des Oberlichts einschließt? Sie ist in zwölf mal zwölf gleiche Abschnitte geteilt. Und jene schmalen hellen Streifen, die Sie dazwischen sehen, liegen nicht fest, sondern bewegen sich auf dem Ring. Das ist mir erst allmählich klar geworden, als ich während ihrer Toilette hier ruhig lag und in die Höhe starrte. Hier haben Sie die Uhr der Martier.«

»Ich schau sie wohl an, aber klug werd ich nimmer draus.«

»Entziffern kann ich sie auch nicht. Aber sehen Sie, es sind zwei Zettel angesteckt, die offenbar nicht zur Uhr gehören, sondern nur für heute, für uns, eine Nachricht geben. Der eine zeigt ein geschlossenes, der andere ein offenes Auge. Die Deutung ist klar: Schlafen und Wachen.«

»Es ist richtig, und dieser helle Strich –«

»Das ist der Stundenzeiger –«

»Dachte ich mir. Er steht noch ungefähr um ein Zwölftel des ganzen Kreises von dem geöffneten Auge ab.«

»Daher eben schließe ich, daß noch zwei Stunden zirka bis zum Beginn des Erwachens der Martier sind.«

»Aber finden Sie es nicht seltsam, daß die Martier den Tag ebenfalls in zwölf Stunden teilen?«

»Ebenfalls? Wir teilen ihn ja in vierundzwanzig –«

»Nun, das sind zweimal zwölf.«

»Daß die Zwölf wiederkehrt, wundere ich mich gar nicht – ich würde mich wundern, wenn es anders wäre. Es liegt das im Wesen der Zahl, das heißt im Wesen des Bewußtseins überhaupt. Die Gesetze der Mathematik sind die Gesetze der Welt. 12 ist 3 mal 4, die kleinste aller Zahlen, welche die drei ersten Zahlen 2, 3 und 4 zu Teilern besitzt. Alle intelligenten Wesen, welche Mathematik treiben, werden die 12, nächstdem die 60 zur Grundlage ihrer Einteilungen machen.«

»Aber wir haben ja doch die Zehn –«

»Die alte Astronomie wählte die Zwölf – zwölf Zeichen bilden den Tierkreis – die Zehn ist nur ein unwissenschaftlicher Rückfall in die sinnliche Anschauung der zehn Finger – Krämerpolitik –, doch lassen wir das.«

»Meinetwegen«, sagte Saltner. »Aber was tun wir nun? Erst müssen Sie natürlich Ihren Fuß auskurieren.«

»Ich fürchte«, erwiderte Grunthe, »wir werden auch dann nichts anderes tun können, als was die Martier über uns beschließen. Mit der Expedition wird es wohl so ziemlich aus sein. Suchen wir uns inzwischen möglichst mit den Verhältnissen vertraut zu machen. Rekognoszieren Sie ein wenig!«

»Im Zimmer habe ich mich schon umgesehen, und ich möchte nicht noch mehr von den rätselhaften Instrumenten probieren – man kann sich zu leicht blamieren. Ich komme mir vor wie ein Wilder in einem physikalischen Institut, bloß daß unsereiner nicht die nötige Naivität besitzt.«

»Was haben wir denn für Ausgänge?«

»Nur einen aus jedem unserer Zimmer. Ich weiß die Tür nicht zu öffnen. ich glaube, es ist auch schicklicher, wir warten hier, bis man uns aufsucht, als daß ich aufs Ungewisse herumstöbere.«

»Sie haben recht! Vielleicht haben Sie die Güte, unsere Sachen ein wenig zu ordnen, und wenn Sie mein Tagebuch finden, so bitte ich Sie darum. Zunächst müssen wir sehen, daß wir sowohl Torms Eigentum als die offiziellen Aktenstücke der Expedition in Sicherheit bringen.«

»Ich habe schon einiges hier beiseite gelegt«, sagte Saltner, indem er unter den Gegenständen aufräumte, welche die Martier aus der Gondel gerettet hatten. Sie waren zum Teil durch den Sturz und das Meerwasser beschädigt.

»Es wäre mir übrigens gar nicht unangenehm«, fuhr Saltner fort, »wenn noch einiges von unserm Proviant brauchbar wäre. Denn ich traue nicht recht, wie einem dieser Würstchen-Automat hier bekommen wird. Sehen Sie einmal, was die Herrn Nume alles aufgehoben haben! Da haben sie uns ja das Futteral mit den beiden Flaschen Champagner hergelegt, das Sie in der Not als Ballast auf die Insel warfen. ich hab halt gedacht, das würde ihnen die Köpfe zerschlagen und dabei in tausend Trümmer gehen. Aber es scheint ganz unversehrt. Nun, ich will die beiden Monopol nur aus dem Kasten nehmen. Die können wir doch nimmer mit Freude ansehn. Arme Frau Isma!« Er nahm die Flaschen heraus.

»Halt«, sagte er, »da in dem Futter steckt noch ein Paketchen. – Was haben wir denn da?«

Der Verschluß hatte sich gelöst. Ein Buch in der Größe eines Notizkalenders kam zum Vorschein.

»Na«, sagte Saltner, »Frau Isma wird uns doch nicht noch ein Album mitgegeben haben. Sehen Sie doch einmal, Grunthe, was das ist.«

»Was geht das mich an?« sagte Grunthe unwirsch.

Saltner schlug das Buch auf. Er stutzte sichtlich, blätterte darin und sah lange hinein.

»Das ist –«, sagte er dann kopfschüttelnd, »das ist ja – Aber wie ist das möglich?«

Das kleine Buch enthielt ein Wörterverzeichnis der Sprache der Martier; die Worte waren mit Hilfe der Lautzeichen des lateinischen Alphabets transkribiert, daneben befand sich eine deutsche Übersetzung und zugleich das Zeichen des Wortes in der stenographischen Schrift der Martier. Saltner hatte an den wenigen ihm bekannten Worten die Bedeutung des Inhalts erkannt.

»Sagen Sie mir das eine«, fuhr er fort, »mir steht der Verstand still – wie kann ein deutsch-martisches Wörterbuch hierherkommen – wie kann es überhaupt existieren?«

Grunthe streckte sprachlos die Hand aus und ergriff das Buch.

Er warf nur einen Blick hinein. Dann sagte er leise: »Das ist die Handschrift von Ell.«

Grübelnd schloß er die Augen. Das unlösbare Rätsel trat ihm wieder entgegen – wie kam Ell zur Kenntnis der Sprache der Marsbewohner? Und wenn er sie kannte, warum hatte er sich nicht offen ausgesprochen? Warum hatte er nicht ihm oder Torm die Sprachanleitung mitgegeben? Wie kam sie versteckt in das Futteral, unter die Flaschen?

Er wußte keine Antwort.

Saltner hatte inzwischen das Buch ergriffen und suchte sich daraus einige Worte zusammen.

Da hörte er im Nebenzimmer leises Lachen und Stimmen der Martier. Der Arzt Hil war in Saltners Zimmer eingetreten. Se hatte ihn bis an die Tür begleitet und amüsierte sich köstlich über die Unordnung, welche Saltner angestiftet hatte, am meisten aber darüber, daß er bei seinem Frühstück als Teller die – Kämme benutzt hatte. Die flachen Scheiben, welche Saltner für Teller gehalten hatten, dienten den Martiern dazu, das Haar zu ordnen; sie wurden elektrisch geladen und streckten dann die Haare geradlinig vom Kopf ab. »Es ist zu lustig«, lachte Se. »Aber wir wollen ihm jetzt nichts sagen, dem armen ›deutsch Saltner‹.« Darauf zog sie sich wieder zurück. Denn es war ihr zu ›schwer‹ in den Zimmern der Bate.

Hil trat bei Grunthe und Saltner ein.


10. Kapitel. La und Saltner

Hil war mit dem Zustand seiner Patienten sehr zufrieden. Mit großem Interesse betrachtete er ihre Effekten. Sichtliches Erstaunen aber malte sich auf seinen Zügen, als ihm Grunthe den kleinen deutsch-martischen Sprachführer überreichte. Er blätterte eifrig darin, und indem er auf einzelne Zeichen der martischen Schrift zeigte und sich das danebenstehende deutsche Wort nennen ließ, gelang es ihm bald, einige Fragen zu stellen, die Grunthe durch das umgekehrte Verfahren beantwortete. Da es ihm selbst an Zeit gebrach, den gegenseitigem Sprachunterricht sofort eingehend aufzunehmen, fragte er Grunthe mit Hilfe des Grönländischen, ob er nicht mit La, die sich gern mit Sprachstudien beschäftigte, martisch sprechen wolle, um recht bald zu einem gegenseitigen Verständnis zu kommen. Grunthe war dies sehr unangenehm. Er war recht froh, daß sich keine von seinen Pflegerinnen hier bei ihm sehen ließ, und er wandte sich daher an Saltner mit dem Vorschlag, ihn in dieser Hinsicht zu vertreten. Obgleich dieser die Sprache der Eskimos nicht als verbindendes Hilfsmittel benutzen konnte, glaubte er doch, mit Hilfe des Ellschen Sprachführers auszukommen und erklärte sich gern zu allen Diensten bereit.

Hil nahm den Sprachführer mit sich und geleitete Saltner in den anstoßenden großen Salon der Martier. Hier stellte er ihn einer Anzahl der dort versammelten Martier vor, unter denen sich der Leiter der Station Ra mit seiner Frau sowie neben einigen andern Martierinnen auch Se und La befanden.

Saltner wußte nicht, wo er seine Augen zuerst hinwenden sollte. Fast alles, was er sah, war ihm fremd, am meisten aber überraschten ihn die Gestalten der Martier selbst. Es war ihm nur lieb, daß er sich aus Mangel an Sprachkenntnissen in Schweigen hüllen und sich mit dem Sehen begnügen konnte. Hil nannte ihm die Namen der einzelnen, die ihn mit ihren martischen Handbewegungen begrüßten, was Saltner mit europäischen Verbeugungen erwiderte. Nur fielen dieselben leider etwas steif aus, da er infolge der verminderten Schwere sehr vorsichtig sein mußte. Er sah wohl an den Gesichtern derjenigen Martier, welche in ihm zum ersten Mal einen Europäer erblickten, wie sie sich Mühe gaben, ihre Belustigung über seine Ungeschicklichkeit zu verbergen. Es war ihm daher sehr angenehm, als sich die Mehrzahl der Anwesenden zurückzog.

Gleich bei seinem Eintritt war ihm neben der reizenden Se die Gestalt Las aufgefallen, und als er bei der Nennung der Namen erkannte, daß dieses wunderbare Wesen seine Sprachlehrerin sein sollte, heftete er seine Blicke erwartungsvoll auf ihre Züge. Aber in ihren großen Augen war keine Spur von Spott zu bemerken, sie begrüßte ihn mit ruhiger Liebenswürdigkeit, und ein Lächeln, das sie mit Se tauschte, sagte dieser, daß ihr dieser Bat besser gefiel als der andere. Saltner war überzeugt, daß er riesenschnelle Fortschritte im Martischen machen würde, wenn ihm die Anerkennung aus solchen Augen als Lohn winke. Er wußte nur nicht recht, wie die Sache zu beginnen sei, da keines der beiden die Sprache des andern kannte. La holte einige Bücher aus der Bibliothek, darunter den ihm schon bekannten Atlas, der ihm zur ersten Verständigung mit Se gedient hatte. Sie streckte sich dann in ihrer Lieblingsstellung auf den Diwan und winkte Saltner, sich dicht an ihrer Seite niederzulassen. Sie begann zunächst einige Gegenstände zu bezeichnen, die sich unmittelbar der Anschauung darboten, und sich die Benennung martisch und deutsch wiederholen zu lassen; dann verfuhr sie ebenso mit verschiedenen Abbildungen in den Büchern. Aber so ging die Sache zu langsam. Sie griff zu dem Sprachführer, den Se in der Hand hielt. Se hatte bis jetzt in dem Büchlein geblättert und eine Anzahl von deutschen Worten auf einem Streifen durchsichtigen Papiers einfach dadurch nachgebildet, daß sie das Papier einen Augenblick auf das betreffende gedruckte Wort legte und andrückte. Das Papier war lichtempfindlich und gehörte zu einem kleinen Taschenschnellphotograph, den man als Notizbuch bei sich zu führen pflegte. Saltner las: »Schüler fleißig. Lehrer streng. Fernhörer. Alles hören.«

Als er wieder aufblickte, sah er, daß Se schelmisch lachte. Sie machte sich dann noch an dem Apparatentisch zu schaffen und entfernte sich mit freundlichen Winken: »Das ist recht«, sagte La, »sie hat den Phonograph aufgezogen. Danach können wir dann unser Pensum gut repetieren.«

Darauf nahm La den Sprachführer vor und ging mit Saltner die Redensarten und kleinen Gespräche durch, welche dort in beiden Sprachen angegeben waren. Er las sie deutsch, sie martisch, und beide lachten dazwischen herzlich, wenn sie ihre Aussprache zu verbessern suchten oder komische Mißverständnisse zutage kamen. Saltner mußte La dicht über die Schulter blicken, um im Buch zu lesen. Es ließ sich nicht vermeiden, daß sein Blick nach der wunderbaren Farbe ihres Haares und den weichen Formen des Nackens abirrte und die Worte manchmal zerstreut herauskamen. Ein seltsamer Wärmestrom ging von ihrem Körper aus, und dies war nicht bloß ein Spiel seiner Phantasie; er erfuhr später, daß die Martier in der Tat eine höhere Blutwärme besitzen als die Menschen. Er merkte, daß sich seine Sinne verwirrten. Und auch dies hatte seinen Grund nicht nur in seinen Gefühlen, sondern war eine Wirkung der geringen Schwere, an die seine Konstitution noch nicht gewöhnt war. Das Blut wurde ihm stärker zu Kopfe getrieben.

La erkannte dies bald. Sie gab ihm das Buch zu halten, lehnte sich zurück und stellte das abarische Feld ab. Alsbald fühlte sich Saltner wieder wohler, und die Studien nahmen mit erneuter Kraft ihren Fortgang. So vergingen schnell einige Stunden. Und auf einmal stellte sich heraus, daß die Lehrerin viel mehr deutsch gelernt hatte als der Schüler martisch. Nicht weniger als Saltner hatte Grunthe dabei gelernt, der den Sprechübungen durch den Fernhörer zugehört hatte. Er fragte an, ob er jetzt vielleicht das Buch auf einige Zeit erhalten könnte.

La stellte die Schwere ab, um sich wieder frei bewegen zu können.

»Oh, wie zerstreut bin ich doch!« rief sie aus. »Wir brauchten uns doch nicht mit dem einen Exemplare zu quälen! Wenn Sie mir das Buch noch eine halbe Stunde erlauben« – wandte sie sich durch den Fernsprecher an Grunthe –, »so werde ich es sofort vervielfältigen lassen.«

Sie schrieb einige Worte auf ein Stückchen Papier, legte dies in das Buch und packte das Ganze in einen Umschlag. Dann warf sie das kleine Paket in einen an der Wand befindlichen Kasten.

Saltner sah ihr verwundert zu.

»Das ist die pneumatische Post nach der Werkstatt«, sagte La erklärend. »Es wird nicht lange dauern, so bekommen wir die Kopien des Buches, aber nicht in Ihrem ungeschickten Format, sondern in unserer hübschen Tafelform.« Sie erläuterte das Gesagte durch verschiedene Handbewegungen.

»Und wer besorgt denn dies?« fragte Saltner.

»Wer von den Technikern gerade an der Reihe für den Tag ist. Die Arbeitszeit wechselt in geregelter Ablösung. Jeder hat seinen besonderen Tätigkeitskreis. Ich zum Beispiel muß mich mit der Erlernung der schrecklichen Menschensprachen quälen. Haben Sie mich verstanden?«

Da Saltner noch ein ziemlich fragendes Gesicht machte, wiederholte sie die Antwort noch einmal, zu seiner Verwunderung in zwar etwas seltsamem, aber doch verstehbarem Deutsch.

»Sie sprechen ja deutsch, La La!« rief er aus.

»Sie haben nicht aufgepaßt«, sagte sie lachend. »Die Worte sind ja alle heute in unserm Pensum vorgekommen. Wir wollen es repetieren.« Sie ging an den Tisch und drückte auf den Knopf des Grammophons.

Man hörte sogleich die Worte wieder, die La zu Se bei ihrer Verabschiedung gesprochen hatte. La zog sich nun auf ihren Diwan zurück, stellte die Abarie ab und winkte Saltner, sich zu setzen.

Es war ihm ganz seltsam zumute, als er so seine eigene Stimme, jedes Wort mit der eigenen Betonung, jeden Sprachfehler – dazwischen das tiefe, halblaute Organ Las und ihr leises Lachen – wieder vernahm. Die schräg einfallenden Sonnenstrahlen rückten bis an Las Ruhestätte und entzündeten ein seltsames Farbenspiel zwischen den losen Wellen ihres Haares, sie spielten als ein Meer von Funken auf den glitzernden Fäden ihres Schleiers, die sich bei ihren Atemzügen leise hoben und senkten. War er noch er selbst, oder war er in ein fernes Geisterreich entrückt und mußte er nun sein eigenes Leben an sich vorüberziehen lassen?

»Nicht träumen«, sagte La halblaut, »aufpassen.«

Nun hörte er wieder auf die Worte ihrem Sprachsinn nach, er repetierte.

Da klapperte es an dem Postkasten.

»Da sind unsere Bücher«, sagte La. »Stellen Sie, bitte, das Grammophon ab, und öffnen Sie den Kasten.«

Saltner vollzog den Auftrag. Er enthob dem Kasten ein Paket, das die Kopien des Sprachführers enthielt. La nahm das Original heraus und gab es Saltner.

»Hier«, sagte sie, »bringen Sie dies Ihrem Freund zurück, mit bestem Dank. Und wenn es Ihnen recht ist, arbeiten wir am Nachmittag noch einmal.«

»Verfügen Sie vollständig über mich«, sagte Saltner mit einem bewundernden Blick. Eine vornehme Handbewegung verabschiedete ihn.

*

Die Sprachstudien fanden am Nachmittag eine unerwartete Unterbrechung.

Eben wollte Saltner, der mit Grunthe zusammen gespeist hatte, sich wieder in den Salon begeben, als Ra bei ihnen eintrat, um ihnen eine Mitteilung zu machen, die beide Forscher aufs Lebhafteste erregte.

Die Martier hatten auf ihren Jagdbooten das Binnenmeer und seine Ufer noch weiter nach Spuren der Expedition abgesucht. In einem der Fjorde, welche sich ungefähr in der Richtung des 70. Meridians westlicher Länge von Greenwich verzweigten, am Fuß eines unmittelbar in das Wasser abfallenden Gletschers, hatte man den bisher vermißten Fallschirm der Expedition gefunden, zwischen losgebrochenen Eisschollen treibend. Derselbe mußte so nahe am Ufer niedergefallen sein, daß es wohl denkbar war, ein an demselben hängender Mensch hätte sich auf den Gletscher retten können. Die Martier hatten das Land selbst nicht betreten können; ohne besondere maschinelle Vorrichtungen war ihnen dies überhaupt nicht möglich.

Saltner sprang auf und bat dringend, ihn sofort an Ort und Stelle zu bringen. Hier war eine Möglichkeit gegeben, daß Torm doch noch am Leben und zu retten sei. Daß der Fallschirm in so weiter Entfernung vom Ballon gefunden war, und zwar an einer Stelle, über die der Ballon nicht geflogen sein konnte, ließ sich nur dadurch erklären, daß Torm den Schirm vom Ballon getrennt hatte. Dann konnte die in den unteren Luftschichten herrschende Windströmung den langsam fallenden Schirm sehr wohl bis dorthin getrieben haben. Aber ob sich Torm an dem Schirm befunden hatte? Vermutlich hatte er sich mit demselben niedergelassen; aus welchen Gründen ließ sich nur unsicher vermuten. Vielleicht hatte er den Ballon dadurch zu retten gedacht, daß er ihn um sich selbst erleichterte; vielleicht auch hatte er die Gefährten für erstickt gehalten und für sich selbst ein letztes Rettungsmittel versucht, ehe der Ballon wieder über das Meer hinaustrieb. Jedenfalls mußte man alles daransetzen, etwaige Spuren von Torm aufzufinden.

Ra stellte Saltner bereitwillig ein Boot und Mannschaft zur Verfügung, sagte aber sogleich, daß die Martier zu einer Untersuchung des Gletschers selbst sehr wenig geeignet seien. Sie würden jedoch für einige Apparate sorgen, die zum Transport etwaiger Lasten oder auch von Personen mit Vorteil benutzt werden könnten. Insbesondere aber schlüge er ihm vor, die beiden Eskimos, welche sich auf der Station aufhielten, Vater und Sohn, mitzunehmen. Sie leisteten den Martiern gute Dienste bei Arbeiten und Transporten im Freien, bei denen es menschlicher Muskelkraft bedürfe, und könnten ihn gewiß bei einer etwaigen Besteigung des Gletschers unterstützen.

Nach einer halben Stunde war das Boot bereit. Da Saltner sich nicht auf die ihm unbekannten Apparate der Martier verlassen wollte, hatte er sich mit seinem eigenen Seil und seinem getreuen, glücklich geretteten Eispickel versehen, die ihn schon bei so mancher schwierigen Klettertour in den Gebirgen seiner Heimat begleitet hatten.

Saltner war nicht wenig erstaunt, als er in dem langen, elegant gebauten Boot neun riesige Kugeln von etwa einem Meter Durchmesser erblickte, die Kopfhüllen der Martier, die ihnen direkt auf den Schultern saßen. Sie sahen dadurch wie seltsame Karikaturen aus. Der Führer des Bootes stand am Land und begrüßte Saltner, worauf er sich mühsam an Bord begab und nun ebenfalls seinen Kugelhelm aufsetzte. Die beiden Eskimos befanden sich schon im Boot und lösten das Seil, sobald der Führer eingestiegen war. Sie verstanden nicht recht seine Handbewegung, und das Boot begann von der Landestelle abzutreiben, gerade als Saltner seinen Fuß auf den Rand desselben setzte. Die Martier, welche glaubten, er müsse unfehlbar ins Wasser stürzen, winkten lebhaft mit ihren Armen, während er selbst sich mit einem leichten Schwunge vom Ufer abstieß und gewandt in das Boot sprang. Für einen geschickten Turner war dies eine Kleinigkeit, erregte aber bei den Martiern offenbare Anerkennung. Unter dem Einfluß der Erdschwere wäre diese Leistung keinem von ihnen möglich gewesen.

Kaum hatte Saltner einige Schritte getan, indem er sich nach einem passenden Platz umsah, als einer der Martier seine große Kugel von der Schulter nahm und an ihrer Stelle der anmutige Kopf Las zum Vorschein kam. Sie sah ihn mit ihren großen Augen heiter an und nickte ihm freundlich zu.

»Wie kommt es, daß Sie hier sind, La La?« sagte Saltner, in seiner Überraschung deutsch sprechend. »Sie scheuen doch die Schwere draußen. Diese Fahrt ist gewiß sehr anstrengend für Sie?«

»Ganz richtig«, antwortete La ebenfalls deutsch, »ich tue es nicht zum Vergnügen. Ich bin im Dienst. Wie wollen Sie verstehen diese Nume? Wie wollen Sie verstehen diese Kalalek? Ich bin als Dolmetscher hier«, fügte sie auf martisch hinzu.

»Das ist wahr, an diese Schwierigkeit habe ich gar nicht gedacht. Aber wie leid tut es mir, daß Sie sich so bemühen müssen. Freilich, was könnte ich mir Besseres wünschen – doch wollen Sie nicht Ihren Helm wieder aufsetzen?« La schüttelte den Kopf. Aber sie schlug hinter ihrem Platz eine Lehne mit weichem Polster in die Höhe und stützte dort ihr Haupt auf. So lehnte sie sich zurück und ließ ihre Augen prüfend über das Boot und die ganze Umgebung wandern.

Mit großer Geschwindigkeit durchschnitt das Boot die leise bewegten Wellen der Bucht und hatte in etwa zehn Minuten die Stelle erreicht, an welcher sich mehrere Kanäle von verschiedener Breite verzweigten. Jetzt mußte langsam und vorsichtig gefahren werden, denn ein Gewirr von Felsblöcken und Eisbergen oder Schollen erstreckte sich am Stirnende des Gletschers entlang und verengte das Fahrwasser. Die Martier hatten den Platz bezeichnet, an welchem sie den Fallschirm gefunden hatten, und Saltner spähte nach einer geeigneten Stelle aus, wo man den Gletscher erklimmen könnte. Er schlug seinen Eispickel in eine Scholle und sprang auf dieselbe hinüber, kam wieder zurück und ließ das Boot weiterfahren. Es schien sich von selbst zu verstehen, daß er hier kommandierte.

La ließ ihre Augen mit Wohlgefallen auf seinen entschiedenen Bewegungen ruhen. Dieser Bat, über den sie als Martierin sich so weit erhaben fühlte, war ihr bisher nur seltsam vorgekommen. Aber hier, in seinem Element als gewandter Kletterer, machte er ihr doch einen viel vorteilhafteren Eindruck. Gegenüber den unbeweglichen Kugeln, die ihre Landsleute auf den Schultern trugen, gegenüber den grauen, stumpfen Gesichtern der Eskimos mit ihren vorstehenden Backenknochen bot sein ausdrucksvoller Kopf, seine freie Haltung und kräftige Kühnheit ein Bild, das sie gern betrachtete.

Der Gletscher fiel an den meisten Stellen mit einem senkrechten Abbruch von zehn bis fünfzehn Metern Höhe in die See ab. Endlich hatte Saltner eine Stelle gefunden, an welcher ihm der Aufstieg möglich schien. Gewandt schlug er Stufe auf Stufe in das ziemlich weiche Eis und kletterte, von den Augen der Martier unter Spannung verfolgt, die Eiswand hinauf. Dann warf er das Seil hinab, und die beiden Eskimos folgten ihm an demselben. Bald waren die drei für die Insassen des Bootes hinter dem Rand des Eises verschwunden.

Längere Zeit war nichts von den Kletterern zu vernehmen, und La begann schon ungeduldig nach der Höhe zu blicken. Da erschien Saltner etwa hundert Meter weiter am Rand des Absturzes und winkte dem Boot, sich dorthin zu begeben. Als dies geschehen war, rief er hinunter:

»Ich habe Spuren gefunden. Wird es möglich sein, einige Leute hier heraufzubringen?«

La übersetzte, und der Führer des Bootes ließ antworten, daß dies sehr leicht sei, wenn es Saltner gelänge, mit seinem Seil die Rolle des Aufzuges, den die Martier mit sich führten, hinaufzuziehen und oben zu befestigen.

Dies geschah nach Wunsch. Alsbald hatten die Martier einen bequemen Aufzug eingerichtet, den sie mit den Akkumulatoren ihres Bootes betrieben.

Nicht weit von der Stelle, an welcher die Martier ihren Aufzug angebracht hatten, stieß eine Seitenschlucht in das Haupttal, und hier zog sich ein Streifen von Felstrümmern und Moränenschutt, von Flechten überkleidet, auf dem ganz allmählich ansteigenden Gletscher in die Höhe. Auf diesem Streifen konnte man, ohne sich der unsicheren Oberfläche des Gletschers anzuvertrauen, gut ins Innere des festen Landes gelangen. Saltner hatte nun in dieser Richtung einen Gegenstand zwischen dem Geröll bemerkt, der zwar der weiten Entfernung wegen nicht deutlich erkennbar war, aber jedenfalls untersucht werden mußte, da er von Menschen herzurühren schien, wenn es nicht gar der nur zum Teil sichtbare Körper eines Menschen war. Um jedoch das Gestein zu erreichen, mußte man zunächst eine tiefe und breite Spalte passieren; diese Spalte war an einer Stelle durch eine Schneebrücke überspannt gewesen, die offenbar erst vor kurzem zusammengebrochen war. Gegenwärtig war es unmöglich, dieselbe ohne künstliche Hilfsmittel zu überschreiten, und deshalb hatte Saltner die Martier heraufgerufen. Er sagte sich, es sei sehr wohl denkbar, daß Torm mit Hilfe des vom Fallschirm abgelösten Seiles auf den Gletscher und von dort auf den Moränenstreifen gelangt sei. Mit großer Aufregung hatte er daher jenen dunklen Gegenstand in der Ferne betrachtet.

Die Martier wanden nun aus ihrem Boot genügend lange Stangen empor, um die Spalten überbrücken zu können, und Saltner verrichtete mit den Eskimos die übrige Arbeit. Alsdann wanderte er über die Felstrümmer weiter, eine Kletterpartie, die übrigens schwieriger war und langsamer vor sich ging, als er ursprünglich erwartet hatte.

La hatte sich ebenfalls emporziehen lassen. Auf ausgebreiteten Fellen ruhend sah sie den Arbeiten der Menschen zu. Sie hatte noch niemals einen Gletscher in der Nähe gesehen, geschweige denn betreten. Auf dem Mars gab es solche Gebilde nicht; die Atmosphäre war viel zu trocken, um dieselben zu unterhalten. Mit Bewunderung blickte sie in das Gewirr von Spalten, Trümmern und Zacken, die mit ihren grünlichen Schatten sich von den rötlich im Sonnenschein schimmernden Schneeflächen abhoben. Gar zu gern hätte sie einen Blick in die unergründliche Eisschlucht hineingetan, welche die Menschen überbrückten, aber sie scheute sich, den mühsamen Gang zu zeigen, mit dem sie sich hätte hinschleppen müssen.

Jetzt waren die Menschen fortgegangen; sie konnten die seltsame Figur nicht mehr beobachten, die sich langsam von den Fellen erhob, ihren Kugelhelm aufsetzte und auf zwei Stöcke gestützt der Spalte zuschlich. Der Weg war gar nicht so anstrengend, wie La glaubte; sie hatte sich doch schon einigermaßen geübt, ihre Glieder unter dem Einfluß der Erdschwere zu bewegen. So gelangte sie an den angebrachten Steg und ließ sich am Rand der Gletscherspalte nieder.

An die eine der hinübergelegten Stangen sich haltend, beugte sie vorsichtig den Kopf über den Abgrund. Dunkelgrün dämmerte die Tiefe, aus der das Rauschen des Schmelzwassers dumpf herauftönte. Genau unter ihr streckte sich ein zackiger Grat ihr entgegen, der die Schlucht der Länge nach durchzog. Ein großer Felsblock war hinabgestürzt und auf dem Grat festgehalten worden. Er bildete eine Art Brücke da unten in der Tiefe. Daneben zeigte ein frischer Spalt seine kristallklaren Eiswände. La konnte sich an dem ungewohnten Schauspiel nicht sattsehen. Schwindel kannte sie nicht. Sie war gewohnt, den Weltraum in seiner Unendlichkeit unter ihren Füßen zu erblicken, wenn das Raumschiff die Leere des Sternenhimmels durcheilte. Aber sie kannte auch nicht die Gefahren dieses mürben, abbröckelnden Elements, auf dessen überhängender Kante sie ruhte. Um besser hinabzublicken, zog sie sich an der Stange weiter und stemmte ihre Füße gegen einen Vorsprung des Randes. Der Vorsprung brach. Zerstiebend stürzte er in die Tiefe. Ihr Fuß verlor die Stütze. Sie wollte sich wieder hinaufschwingen, aber die Last war zu schwer für ihre Kräfte. Der unförmliche Helm hinderte sie, ihren Oberkörper frei an dem Steg zu bewegen, an welchen sie sich geklammert hielt. Sie rief um Hilfe, doch die Stimme drang nur schwach unter dem Helm hervor. Eine erneute Anstrengung brachte ihren Körper höher, aber nun glitt die Stange aus ihrer Lage, ihre Hände verloren den Halt – – La stürzte in den Abgrund.

Ihr Angstschrei verhallte zwischen den Eiswänden der Spalte. Aber der Helm, der ihren Absturz verschuldete, wurde vorläufig zu ihrem Retter. Sie fiel auf die Stelle, welche der auf dem Grat ruhende Felsblock verengte, und der elastische Helm hemmte den Sturz. Er war zertrümmert, aber sie selbst fühlte sich unverletzt, sie hatte das Bewußtsein nicht verloren. Mit den Armen sich festklammernd, lag sie auf dem Felsen, unter sich die finstere Tiefe, über sich den schmalen Lichtstreifen des Himmels, unfähig, sich zu bewegen. Sie vermochte nichts zu ihrer Rettung zu tun, Minute auf Minute verrann. Wann würde man sie bemerken? Konnte sie gerettet werden? Sie war vollkommen ruhig. Das Bild der fernen Heimat stieg vor ihr auf. »Noch einmal möcht ich ihn sehen, meinen schönen Nu«, so klang es in ihr, »aber wenn es nicht sein soll, so füg ich mich Deinem Willen im Weltenplan.«

Da vernahm sie Rufe über sich. Ein Kugelhelm wurde sichtbar. Die Martier hatten ihr Verschwinden bemerkt, sie ward gesehen. Man rief ihr zu, sie möge Mut fassen, man werde den Aufzug herbeischaffen. Sie wußte, daß darüber lange Zeit vergehen müsse; die Martier konnten nur langsam arbeiten. Und sie fühlte, wie die Kälte der Schlucht ihre Glieder erstarren ließ.

Plötzlich hörte sie oben erneute Rufe und schnelle Schritte. Eilende Gestalten schwangen sich über den Steg. La wußte, wer es war. Saltner war mit den beiden Eskimos zurückgekehrt. Kaum hatte er erkannt, was geschehen war, als er sich auch sofort anseilte und von seinen beiden Begleitern in den Spalt hinabsenken ließ. La sah, wie seine Gestalt näher und näher kam. Mit der einen Hand hielt er sich von der Wand der Spalte ab. Und nun kniete er neben ihr auf dem Felsblock. Er löste den Rest ihres Helmes geschickt von ihren Schultern; dumpf donnerte er in den Abgrund. Dann hob er sie empor und sagte besorgte Worte, die sie nur halb verstand. Jetzt erst erfaßte sie der Schwindel, und das Bewußtsein drohte sie zu verlassen. Aber sie fühlte, daß Saltner sie fest umschlang, und in diesem Augenblick wußte sie sich geborgen. Jetzt rief er mit lauter Stimme in seiner Muttersprache nach oben: »Ein zweites Seil!«

La lächelte, ihn dankbar ansehend, und sagte leise: »Kalalek nicht verstehen.«

»Doch, doch!« erwiderte Saltner. Und wirklich, der jüngere der beiden Eskimos rief die deutschen Worte hinab:

»Nicht hier. Warten. Nume kommen.«

La blickte ihn fragend an. Aber er antwortete nicht, er sah, daß sie fror.

»Werft die Decke herab!« rief er.

Man schien ihn jetzt nicht zu verstehen. »Was heißt auf grönländisch Decke?« fragte er.

»Kepik.«

»Kepik!« rief er hinauf.

Eine wollene Decke wurde hinabgeworfen. Saltner schlug den Pickel fest in die Wand und beugte sich weit vor, um sie aufzufangen. Es gelang. Er hüllte La hinein. Er zog seine Feldflasche heraus, die er vorsorglich aus den geretteten Reisevorräten mit Kognak gefüllt hatte. La wußte zwar damit nicht Bescheid, aber er flößte ihr etwas von dem feurigen Getränk ein, das ihr sehr wohltat.

Er berichtete kurz. Sein Ausflug war ohne entscheidenden Erfolg geblieben. Der fragliche Gegenstand war eine der im Ballon befindlichen Decken gewesen, dieselbe, die La jetzt einhüllte. Aber ob sie von Torm mitgenommen und dort zurückgelassen war oder ob sie aus dem Ballon bei seinem Flug verloren und vom Wind hingetrieben worden war, ließ sich nicht feststellen; das letztere war sogar das wahrscheinlichere. Dabei hatte sich überraschenderweise herausgestellt, daß der Sohn des Eskimos einige Worte deutsch verstand. Er war ein Jahr in Diensten deutscher Missionare auf Grönland gewesen und hatte einzelne Worte aufgefaßt, als Saltner mit La deutsch sprach. Nur hatte er in Gegenwart der Martier nicht gewagt, dies zu erkennen zu geben.

Endlich erschienen die Martier wieder am Rand der Spalte. Ein zweites Seil wurde herabgelassen. Saltner machte einen erträglichen Sitz zurecht, und indem er La stützte und mit dem Eispickel beide von der Wand fernhielt, wurden sie glücklich an die Oberfläche befördert.

»Ich weiß, was ich Ihnen verdanke«, sagte La.

Eine tiefe Erschöpfung ergriff sie, und sie mußte bis an das Boot getragen werden.

Man trat sofort die Heimfahrt an.


11. Kapitel. Martier und Menschen

Der September hatte begonnen. Noch immer beschrieb die Sonne ohne unterzugehen den vollen Kreis des Himmels, aber sie stand nur noch wenige Grad über dem Horizont. Schon streifte sie nahe an die höchsten Gipfel der Berge, welche an einzelnen Stellen die Steilufer des Polarbassins überragten. Der lange Polartag neigte sich seinem Ende zu. Wie in einem ewigen Untergang wanderte der riesige Glutball der Sonne rings um die Insel, meist drang sie nur strahlenlos wie eine rote Scheibe durch die Nebel, und ein breites, rosig glühendes Band zog sich durch die leise wogenden Fluten ihr entgegen und folgte ihrem Lauf als ein natürlicher Stundenzeiger um den Pol.

Die beiden deutschen Nordpolfahrer verbrachten ihre Tage wie in einem köstlichen Märchen. Hätte nicht der Gedanke an den verlorenen Gefährten auf ihre Stimmung niederdrückend gewirkt und den Genuß der Gegenwart gedämpft, nichts Freudigeres und Erhebenderes wäre denkbar gewesen als der beglückende Verkehr mit den Bewohnern der Polinsel, die, wie sie jetzt erfuhren, den Namen Ara führte, zu Ehren des ersten Weltraumschiffers Ar.

Die Martier behandelten die beiden Erdbewohner als ihre Gäste, denen jede Freiheit gestattet war. Gegenüber den kleinen, unansehnlichen, schmutzigen und tranduftenden Eskimos erschienen ihnen die stattlichen Figuren der Europäer in ihrer reinlichen Tracht schon äußerlich als Wesen verwandter Art. Nicht wenig trug dazu die körperliche Überlegenheit bei, welche die Martier, sobald sie sich nicht im Schutz des abarischen Feldes befanden, an den Menschen anerkennen mußten. Aufrecht und leicht schritten diese einher und verrichteten spielend Arbeiten, denen die unter dem Druck der Erdschwere gebeugt einherschleichenden Martier nicht gewachsen waren. Denn auch Grunthe war nach wenigen Tagen wieder in seiner Gesundheit völlig hergestellt und spürte keinerlei üble Folgen seiner Fußverletzung. Saltner aber hatte sich durch die entschlossene und geschickte Rettung Las die Achtung der Martier erworben.

Überraschend schnell hatte sich das gegenseitige Verständnis durch die Sprache angebahnt. Dies war natürlich hauptsächlich durch die glückliche Auffindung der kleinen deutsch-martischen Sprachanweisung gelungen. Es zeigte sich, daß diese von ihrem Verfasser Ell ganz speziell für diejenigen Bedürfnisse ausgearbeitet war, die sich bei einem ersten Zusammentreffen der Menschen mit den Martiern für beide Teile herausstellen würden. Denn es waren darin weniger die alltäglichen Gebrauchsgegenstände und Beobachtungen berücksichtigt, über welche man sich ja leicht durch die Anschauung direkt verständigen kann, wie Speise und Trank, Wohnung, Kleidung, Gerätschaften, die sichtbaren Naturerscheinungen und so weiter; vielmehr fanden sich gerade die Ausdrücke für abstraktere Begriffe, für kulturgeschichtliche und technische Dinge darin verzeichnet, so daß es Grunthe und Saltner möglich wurde, sich über diese Gedankenkreise mit den Martiern zu besprechen. Ell hatte offenbar vorausgesehen, daß, wenn wissenschaftlich gebildete Europäer mit den in der Kultur ihnen überlegenen Martiern zusammenkämen, das Hauptinteresse darin bestehen müßte, sich gegenseitig über die allgemeinen Bedingungen ihres Lebens zu unterrichten.

Es erregte übrigens bei den Martiern keine geringere Verwunderung wie bei den beiden Forschern, daß auf Erden ein Mensch existiere, der sowohl die Sprache und Schrift der Martier beherrschte als auch eine ziemlich zutreffende Kenntnis der Verhältnisse auf dem Mars besaß. Aus gewissen Einzelheiten schlossen sie allerdings, daß diese Kenntnis sich nur auf weiter zurückliegende Ereignisse bezog, daß insbesondere die Tatsache der Marskolonie am Pol der Erde dem Verfasser des Sprachführers nicht bekannt war, wohl aber das Projekt der Martier, die Erde an einem ihrer Pole zu erreichen. Der Name Ell war in einigen Landschaften des Mars nicht selten. Die gegenwärtigen Polbewohner erinnerten sich der Berichte, daß bei den ersten Entdeckungsfahrten nach der Erde mehrfach Fahrzeuge verschollen waren, ohne daß man jemals etwas über das Schicksal der kühnen Pioniere des Weltraums hatte erfahren können. Von einem berühmten Raumfahrer, dem Kapitän All, wußte man sogar gewiß, daß er mit mehreren Gefährten infolge eines unglücklichen Zufalls auf der Erde zurückgelassen worden war, allerdings unter Umständen, welche allgemein an seinen baldigen Untergang glauben ließen. Immerhin war es wohl denkbar, daß einer oder der andere dieser Martier zu Menschen sich gerettet und die Kunde vom Mars dahin gebracht hätte. Diese Ereignisse aber lagen dreißig bis vierzig Erdenjahre zurück, und jene Männer selbst waren alle in vorgeschrittenerem Alter gewesen, da eine Beteiligung jüngerer Leute an jenen ersten, unsicheren Fahrten nicht bekannt war. Ell selbst, der etwa mit Grunthe gleichaltrig oder nur ein wenig älter war, konnte also nicht zu ihnen gehören. Und Grunthe wie Saltner konnten versichern, daß von einem Auftauchen eines Marsbewohners, ja überhaupt von der Existenz solcher Wesen, auf der Erde nichts bekannt sei. Ell war der einzige, der ein solches Wissen besaß, dies aber bis auf jene beiläufigen Redensarten, die Grunthe nicht ernsthaft genommen, durchaus verborgen gehalten hatte. Wie er selbst dazu gekommen war, blieb ebenso unaufgeklärt wie die Umstände, durch welche jene Sprachanweisung in das Flaschenfutteral gelangt sein konnte, das Frau Isma Torm der Expedition als eine scherzhafte Überraschung am Nordpol mitgegeben hatte.

Den Bemühungen der Deutschen, sich die Sprache der Marsbewohner anzueignen, kamen diese bereitwillig entgegen, so daß Saltner und insbesondere Grunthe sehr bald ein Gespräch auf martisch führen konnten; gleichzeitig fand es sich, daß auch die Martier, welche den täglichen Umgang der beiden bildeten, das Deutsche beherrschten. Ersteres wurde dadurch möglich, daß die Verkehrssprache der Martier außerordentlich leicht zu erlernen und glücklicherweise für eine deutsche Zunge auch leicht auszusprechen war. Sie war ursprünglich die Sprache derjenigen Marsbewohner gewesen, die auf der Südhalbkugel des Planeten in der Gegend jener Niederungen wohnten, welche von den Astronomen der Erde als Lockyer-Land bezeichnet werden. Von hier war die Vereinigung der verschiedenen Stämme und Rassen der Martier zu einem großen Staatenbund ausgegangen, und die Sprache jener Zivilisatoren des Mars war die allgemeine Weltverkehrssprache geworden. Durch einen Hunderttausende von Jahren dauernden Gebrauch hatte sie sich so abgeschliffen und vereinfacht, daß sie der denkbar glücklichste und geeignetste Ausdruck der Gedanken geworden war; alles Entbehrliche, alles, was Schwierigkeiten verursachte, war abgeworfen worden. Deswegen konnte man sie sich sehr schnell soweit aneignen, daß man sich gegenseitig zu verstehen vermochte, wenn es auch außerordentlich schwierig war, in die Feinheiten einzudringen, die mit der ästhetischen Anwendung der Sprache verbunden waren.

Übrigens war dies nur die Sprache, die jeder Martier beherrschte. Neben derselben aber gab es zahllose, sehr verschiedene und in steter Umwandlung begriffene Dialekte, die bloß in verhältnismäßig kleinen Gebieten gesprochen wurden, endlich sogar Idiome, die allein im Kreis einzelner Familiengruppen verstanden wurden. Denn es zeigte sich als eine Eigentümlichkeit der Kultur der Martier, daß der allgemeinen Gleichheit und Nivellierung in allem, was ihre soziale Zusammengehörigkeit als Bewohner desselben Planeten anbetraf, eine ebenso große Mannigfaltigkeit und Freiheit des individuellen Lebens entsprach. Wenn so die schnelle Erfaßbarkeit des Martischen den Deutschen zugute kam, so brachte die erstaunliche Begabung der Martier andererseits zuwege, daß sie sich wie spielend das Deutsche aneigneten. Gegenüber dem verwirrenden Formenreichtum des Grönländischen erschien ihnen das Deutsche wesentlich leichter. Was aber die schnellere Erlernung desselben hauptsächlich bewirkte, war der Umstand, daß das Deutsche als Sprache eines hochentwickelten Kulturvolkes dem geistigen Niveau der Martier soviel näherstand. Was der Grönländer in seiner Sprache auszudrücken wußte, die konkrete Art, wie er es nur ausdrücken konnte, der enge Interessenkreis, auf den sich das Leben des Eskimo beschränkte, das alles war dem Martier sehr gleichgültig, und er beschäftigte sich damit nur, weil er bisher kein anderes Mittel besaß, mit Bewohnern der Erde in Verkehr zu treten. Ganz anders aber wurde das Interesse der Martier erregt, als sie mit Grunthe und Saltner Gesprächsthemata berühren konnten, die ihrem eigenen gewohnten Gedankenkreis näherlagen. Im Deutschen fanden sie eine Sprache, reich an Ausdrücken für abstrakte Begriffe, und dadurch verwandt und angemessen ihrer eigenen Art zu denken. Die Überlegenheit, mit welcher die Martier die kompliziertesten Gedankengänge behandelten und in einem allgemeinen Begriff jede einzelne seiner Anwendungen mit einemmal überblickten, diese bewundernswerte Feinheit der Organisation des Martiergehirns kam den Deutschen zum erstenmal zum vollen Bewußtsein, als sie die Gewandtheit bemerkten, mit welcher die Martier das Deutsche nicht nur erfaßten und gebrauchten, sondern gewissermaßen aus dem einmal begriffenen Grundcharakter die Sprache mit genialer Kraft nachschufen.

Grunthe und Saltner wurde es sehr bald klar, daß die Martier geistig in ganz unvergleichlicher Weise höher standen als das zivilisierteste Volk der Erde, wenn sie auch noch nicht zu übersehen vermochten, wie weit diese höhere Kultur reiche und was sie bedeute. Ein Gefühl der Demütigung, das ja nur zu natürlich war, wenn der Stolz des deutschen Gelehrten einer höheren Intelligenz sich beugen mußte, wollte im Anfang die Gemüter verstockt machen. Aber es konnte nicht lange vor der übermächtigen Natur der Martier bestehen. Es wich widerstandslos der ungeteilten Bewunderung dieser höheren Wesen. Neid oder Ehrgeiz, es ihnen gleichzutun, konnten bei den Menschen gar nicht aufkommen, weil sie sich nicht einfallen lassen durften, sich mit den Martiern auf dieselbe Stufe der Einsicht stellen zu wollen.

Freilich wurden sie von den Martiern wie Kinder behandelt, denen man ihre Torheit liebevoll nachsieht, während man sie zu besserem Verständnis erzieht. Aber davon merkten Grunthe und Saltner nichts. Denn die Martier, wenigstens diejenigen der Insel, waren viel zu klug und taktvoll, als daß sie je ihre Überlegenheit in direkter Weise geltend gemacht hätten. Sie wußten es so einzurichten, daß den Menschen die Berichtigung ihrer Irrtümer als Resultat der eigenen Arbeit erschien, und ihre unvermeidlichen Mißgriffe korrigierten sie mit entschuldigender Liebenswürdigkeit.

Die Wunder der Technik, welche die Forscher bei jedem Schritt auf der Insel umgaben, versetzten sie in eine neue Welt. Sie fühlten sich in der beneidenswerten Lage von Menschen, die ein mächtiger Zauberer der Gegenwart entrückt und in eine ferne Zukunft geführt hat, in welcher die Menschheit eine höhere Kulturstufe erklommen hat. Die kühnsten Träume, die ihre Phantasie von der Wissenschaft und Technik der Zukunft ihnen je vorgespiegelt hatte, sahen sie übertroffen. Von den tausend kleinen automatischen Bequemlichkeiten des täglichen Lebens, die den Martiern jede persönliche Dienerschaft ersetzten, bis zu den Riesenmaschinen, die, von der Sonnenenergie getrieben, den Marsbahnhof in sechstausend Kilometer Höhe schwebend erhielten, gab es eine unerschöpfliche Fülle neuer Tatsachen, die zu immer neuen Fragen drängten. Bereitwillig gaben die Wirte ihren Gästen Auskunft, aber in den meisten Fällen war es gar nicht möglich, ihnen den Zusammenhang zu erklären, weil ihnen die Vorkenntnisse fehlten. Grunthe war in dieser Hinsicht so vorsichtig, nicht viel zu fragen; er suchte sich auf seine eigne Weise zurechtzufinden, sobald er sah, daß die Erklärung der Martier über seinen Horizont ging. Saltner machte sich weniger Skrupel darüber. »Das hilft nun nichts«, pflegte er zu sagen, »wir spielen einmal hier die wilden Indianer, und was wir nicht begreifen, ist Medizin.«

Als ihnen Hil zum erstenmal die Einrichtung erklärt hatte, wodurch sich die Martier in ihren Zimmern den Druck der Erdschwere erleichterten, und Grunthe mit zusammengekniffenen Lippen in tiefes Nachdenken verfiel, sagte Saltner einfach: »Medizin« und hob Grunthe samt dem Stuhl, auf welchem er saß, mit ausgestreckten Armen über seinen Kopf. Diese Kraftleistung war zwar für ihn bei der auf ein Drittel verringerten Erdschwere durchaus nichts Besonderes, ließ ihn aber doch den Martiern als einen Riesen an Stärke erscheinen.

Das Zimmer, welches an die beiden Schlafzimmer von Grunthe und Saltner stieß, war für den bequemen Verkehr der Martier mit den Menschen in eigentümlicher Weise eingerichtet worden. Da nämlich die Verringerung der Erdschwere, deren die Martier für die Leichtigkeit ihrer Bewegungen bedurften, von Grunthe und Saltner nicht gut vertragen wurde, so hatte man es durch eine am Boden markierte Linie – Saltner nannte sie den ›Strich‹ – in zwei Teile zerlegt. Der abarische Apparat konnte für die Hälfte des Zimmers, welche an die Wohnräume der Menschen grenzte, ausgeschaltet werden, während in dem übrigen Teil die Gegenschwere auf das den Martiern gewohnte Maß eingestellt wurde. Hier hielten sich die Martier auf, wenn sie bei den Deutschen ihre Besuche machten, während diese sich nach ihren Wünschen eingerichtet hatten, soweit es mit den von den Martiern bereitwillig hergegebenen Möbeln und den wenigen von ihnen selbst mitgebrachten Gegenständen geschehen konnte. Freilich beschränkte sich diese Einrichtung nur auf die Aufstellung eines Arbeitstisches, einiger Bücher, Schreibmaterialien und Instrumente; denn in dieser Hinsicht wußten die Forscher nur in der ihnen gewohnten Weise auszukommen. Was im übrigen die Bequemlichkeiten des täglichen Lebens anbetraf, so waren sie nicht nur auf die Apparate und Gewohnheiten der Martier angewiesen, sondern fanden dieselben auch bald um so viel vorteilhafter und angenehmer, daß sie gern darüber nachdachten, wie sie dergleichen in ihre Heimat verpflanzen könnten.

Saltner, der seinen photographischen Apparat unter den geretteten Gegenständen wiedergefunden hatte, konnte kaum Zeit genug gewinnen, alle die Ausstattungsstücke der Martier aufzunehmen und die gänzlich neuen Formen der Verzierungen, die Gemälde, Kunstwerke und Zimmerpflanzen abzubilden. Ein besonderes Studium machte er aus den Automaten, deren Mechanismus er zu ergründen suchte und sich immer wieder aufs neue erklären ließ.

Seine Beraterin in diesen Dingen war in der Regel die immer heitere Se, seine liebenswürdige Pflegerin beim ersten Erwachen. Sie hielt sich täglich einen großen Teil ihrer Zeit über in dem gemeinschaftlichen Gesellschaftszimmer auf und machte den Gästen gewissermaßen die Honneurs des Hauses. Dagegen bekam Saltner La nur selten zu sehen, gewöhnlich nur des Abends, wenn sich die Martier in größerer Anzahl einzustellen pflegten. Und dann hielt sie sich gern zurück, obwohl er oft fühlte, daß ihre großen Augen mit einem sinnenden Ausdruck auf ihm ruhten. Sein lebhaftes Gespräch mit Se aber unterbrach sie häufig durch eine Neckerei. Da man sich meist bei geöffneten Fernhörklappen unterhielt, so konnte man, sobald man wollte, einem Gespräch in einem andern Zimmer zuhören und sich hineinmischen; so war es nichts Ungewöhnliches, daß man von einem Zwischenruf eines ungeahnten Zuhörers unterbrochen wurde. Ebensowenig aber nahm es jemand übel, wenn man einfach seine Klappe abschloß.

Die Sprachstudien waren speziell zwischen La und Saltner nicht wieder aufgenommen worden. Denn La hatte noch mehrere Tage nach ihrem Unfall sich vollkommener Ruhe hingeben müssen, und als sie wieder gesundet war, fand sie das gegenseitige Verständnis zwischen Menschen und Martiern schon ziemlich weit vorgeschritten. Aber auch sie hatte ihre unfreiwillige Muße benutzt und nicht nur den Ellschen Sprachführer, sondern auch die wenigen Nachschlagwerke, welche die Luftschiffer mit sich hatten, durchstudiert.

Trotz des Eindrucks, den die reizende Se auf Saltners empfängliches Gemüt machte, flogen seine Gedanken immer zu der stilleren, milden La zurück, und es war ihm stets wie eine leichte Enttäuschung, wenn er sie im Zimmer nicht vorfand. Gerade daß er öfter ihre tiefe Stimme vernahm, ließ ihn ihren Anblick um so mehr vermissen.

Las Zurückhaltung war nicht absichtslos. Daß sowohl sie wie Se eine unentrinnbare Gefahr für Saltners Herz waren, lag ja für beide auf der Hand, nachdem sie sich überhaupt erst an den Gedanken gewöhnt hatten, daß ein Mensch sich verlieben könne. Was aber Se höchst komisch vorkam und als äußerst spaßhaft erschien, das vermochte La so harmlos nicht anzusehen. Der ›arme Mensch‹, mit dem Se sich so lustig unterhielt, war ihr doch in einem andern Licht erschienen, damals, als er, in seinem eignen Element tätig, Leistungen verrichtete, die über das Vermögen der Nume hinausgingen.

Sie konnte den Moment nicht vergessen, in welchem sie sich in seinen starken Armen vom vernichtenden Abgrund zurückgerissen fühlte. Und so blieb es ihr immer gegenwärtig, daß dieses Spielzeug der erhabenen Nume, wenn auch nur ein Mensch, doch ein freies Lebewesen sei, kein ebenbürtiger Geist, aber vielleicht ein ebenbürtiges Herz. Ein doppeltes Mitleid stritt mit sich selbst in ihrer Seele, sie vermochte ihn nicht zu kränken durch Kälte und Zurückweisung, und sie wollte nicht Gefühle erwecken, die ihm doch nur zu größerem Leid werden konnten. Wer kann wissen, wie Menschenherzen fühlen mögen? Vielleicht waren die Menschen viel stärker in ihren Gefühlen als in ihrem Verstand. Und sie war Saltner zu dankbar, um nicht für ihn zu denken, was er wohl nicht verstand. – Aber was tun?

Wäre Saltner ein Martier gewesen, so hätte es keiner Vorsicht für La bedurft. Er hätte dann gewußt, daß ihre Freundlichkeit und selbst ihre Zärtlichkeit nichts bedeuteten als das ästhetische Spiel bewegter Gemüter, das die Freiheit der Person nicht beschränken kann. Wie jedoch mochten Menschen in diesem Fall denken? Durfte sie hierin ohne weiteres gleiche Sitten voraussetzen? Und würde er wohl verstehen, was von vornherein und immer den Menschen, den wilden Erdbewohner, von der heiteren Freiheit des erhabenen Numen trennte? Und lief er nicht Gefahr, bei Se demselben Schicksal zu verfallen, vor dem sie ihn selbst zu behüten suchte?

Wenn sie Se ihre Bedenken andeutete, so lachte diese nur.

»Aber La«, sagte sie, »du bist auch gar zu bedächtig! Ich bitte dich, er ist ja bloß ein Mensch! Es ist doch furchtbar komisch, wenn der sich Mühe gibt, so recht liebenswürdig zu sein.«

»Du kannst aber nicht wissen«, antwortete La, »ob ihm auch so furchtbar komisch zumute ist. Ein Tier, das wir necken, scheint uns oft äußerst lächerlich, und ich muß dann doch immer denken, daß es vielleicht bitter dabei leidet. Und ein Mensch ist doch nicht bloß komisch –«

»Ich habe freilich noch keinen in einer Eisgrube gesehen«, sagte Se, »doch ich glaube, du brauchst dir um den keine Sorge zu machen. Wenn es dich aber beruhigt, so kann man ihn ja leicht merken lassen, wie's gemeint ist –«

»Ich will ihn aber nicht kränken.«

»Im Gegenteil, wir machen gemeinsame Sache. Wir binden ihn beide.«

»Meinst du, daß ein Mensch das Spiel versteht?«

»Na, wenn er so dumm ist –«

»Wir wissen doch gar nichts von den Anschauungen –«

»So werden wir uns eben alle drei belehren. Schade, daß der steife Grunthe nicht mitspielen kann. Willst du?«

»Ich werde mir's überlegen.«

La zog sich zu ihren Studien zurück. Se begab sich in das Gesellschaftszimmer, wo sie Saltner wieder mit Zeichnen beschäftigt fand.

»Wenn ich mit meinen Mustern glücklich nach Deutschland zurückkomme«, rief er vergnügt, »so bin ich ein gemachter Mann. ›Martisch‹ muß Mode werden. Ich gründe einen Bazar für Marswaren. Schade nur, daß wir die Rohstoffe nicht haben werden. Was ist das zum Beispiel für ein wunderbares Gewebe, aus dem Ihr Schleier besteht? Die Stickerei darin bildet lauter funkelnde Sterne, die sich nirgends untereinander berühren; nirgends ist ein Grund sichtbar, der sie zusammenhält. Es scheint, als schwebe eine Wolke von Funken um Sie her.«

»Das tut sie auch«, sagte Se lachend, »aber sie brennt nicht, fühlen Sie getrost! Kommen Sie gefälligst hierher, denn über den Strich gehe ich nicht.«

Se hatte sich, mit einer chemischen Handarbeit beschäftigt, auf einem der niedrigen Diwane, wie die Martier sie lieben, niedergelassen, während Saltner an seinem eigenhändig hergerichteten Pult sich befand. Er legte den Zeichenstift fort und trat an Se heran, die sich mit ihrem Diwan bis dicht an die Schwerkraftgrenze gerückt hatte.

»Geben Sie Ihre Hände her«, sagte Se.

Sie nahm ein Ende des langen Schleiers und band damit Saltners Hände zusammen. Man konnte keinerlei Stoff erkennen. Es sah auch jetzt aus, als wenn ein Strom vom lichten Funken um seine Hände stöbe.

»Fühlen Sie etwas?« fragte Se.

»Jetzt, nachdem Sie Ihre Finger fortgenommen haben, nichts. Kann man denn den Stoff überhaupt nicht fühlen?«

»Wenigstens nicht mit der groben Haut von euch Menschen.«

Saltner führte die zusammengebundenen Hände mit dem Schleier an seine Lippen.

»Doch«, sagte er, »mit den Lippen fühle ich, daß etwas zwischen meiner Hand und meinem Mund ist.«

»Nun strengen Sie einmal Ihre Riesenkräfte an, und reißen Sie die Hände voneinander.«

»Oh, das wäre schade um den Funkenschleier.«

»Versuchen Sie es nur.«

Saltner zerrte seine Hände auseinander, aber je heftiger er zog, um so enger schloß sich der Knoten, und er merkte jetzt, wie sich die kleinen Sternchen in seine Haut eingruben.

»Ja«, sagte Se, »der Stoff ist unzerreißbar, wenigstens kann er kolossale Lasten halten. Diese unsichtbar feinen Fäden, von denen jeder wohl einen Zentner tragen kann, sind für viele unserer Apparate ein unentbehrlicher Bestandteil. Jetzt sind Sie also gefesselt und können ohne meine Erlaubnis nicht mehr fort.«

»Um die bitte ich auch gar nicht, ich finde es reizend hier«, sagte Saltner und beugte sich über die Lehne des Diwans, auf welche er die gebundenen Hände stützte.

Se faßte seinen Kopf zwischen ihre Hände und bog ihn zu sich nieder, während sie ihm in die Augen sah, als wollte sie seine Gedanken ergründen.

»Seid ihr eigentlich dumm, ihr Menschen?« fragte sie plötzlich.

»Nicht so ganz«, sagte Saltner, indem er sich noch tiefer herabbeugte.

»Der Strich!« rief Se lachend und schob seinen Kopf leicht zurück. »Geben Sie die Hände her.«

Sie löste im Augenblick den Knoten und ergriff wieder die gläsernen Stäbchen, mit denen sie in einem Gefäß auf besondere Weise hantierte.

»Sie haben mir noch immer nicht gesagt«, sprach Saltner, nach seinem Pult zurückgehend, »was für ein Stoff das ist, auf dem die Stickerei sitzt.«

»Eine Stickerei ist es überhaupt nicht, sondern es sind Dela – wie heißt das? Aus Muscheln, kleine Kristalle, die sich darin bilden.«

»Also etwas Ähnliches wie unsere Perlen –«

»Aber sie leuchten von selbst. Und der Stoff ist Lis.«

»Lis? Da bin ich ebenso klug.«

»Lis ist eine Spinne, sie webt ein fast unsichtbares Netz.«

»Und wie findet man das auf? Wie webt man die Fäden?«

»Im polarisierten Licht, sehr einfach, und mit besonderen Maschinen. Und die Dela sind nicht daraufgesetzt, sondern sie liegen in Schlingen zwischen dünnen Schichten des Gewebes.«

»Sie nannten die Dela Kristalle – wie ist es denn möglich, daß sie dieses Eigenlicht dauernd aussenden, ähnlich wie unsre Glühwürmchen?«

»Sie müssen natürlich von Zeit zu Zeit ins Strahlbad, dann leuchten sie wieder ein paar Tage.«

»Ins Strahlbad?«

»Nun ja, sie werden einer starken, künstlichen Bestrahlung ausgesetzt. Das Licht trennt einen Teil der chemischen Stoffe der Kristalle voneinander, und indem diese sich nachher langsam wieder vereinigen, entsteht das Selbstleuchten.«

»Also was wir Phosphoreszenz nennen. Und was haben Sie dort für eine Handarbeit?«

Se antwortete nicht sogleich. Sie stellte gerade eine Kopfrechnung an, die sich auf ihre Arbeit bezog, und betrachtete dabei den Sekundenzeiger der Zimmeruhr.

Da klang die Klappe des Fernsprechers, und gleich darauf vernahm man die Stimme von La. Sie fragte an, ob die ›Menschen‹ für einige Herren der Insel zu sprechen seien.

»Es wird mir sehr angenehm sein, die Herren zu sehen«, sagte Saltner. »Mein Freund ist augenblicklich nicht anwesend, aber ich werde ihn sogleich rufen.« –


12. Kapitel. Die Raumschiffer

Grunthe beschäftigte sich auf der Oberfläche der Insel mit Messungen. Was ihn sowohl wie Saltner besonders wunderte, war der Umstand, daß die vom Ballon aus beobachtete Erdkarte auf dem Dach der Insel selbst durchaus nicht sichtbar war. Wie kamen die Martier überhaupt auf die Idee, eine solche Riesenkarte anzubringen, und auf welche erstaunliche Weise war sie hergestellt? Aber gerade darüber konnten die Forscher auf ihre Fragen keine Auskunft erhalten.

Grunthe liebte es, sich soviel als möglich im Freien aufzuhalten, um sowohl die technischen Einrichtungen der Insel als auch die Erscheinungen der Natur am Nordpol zu studieren, ja er hatte schon mit Unterstützung einiger Martier Bootfahrten auf dem Binnenmeer und ebenfalls bis zum gegenüberliegenden Ufer vorgenommen, ohne jedoch auf weitere Spuren von Torm zu treffen. Er hatte dabei bemerkt, daß die Polinsel infolge ihrer versteckten Lage zwischen den übrigen höheren Inseln von den Ufern des Bassins aus überhaupt nicht wahrnehmbar und somit gegen zufällige Entdeckung geschützt war. So ernsthaft ihn diese Studien beschäftigten, war es ihm doch nebenbei sehr angenehm, mit einem triftigen Vorwand sich von dem Konversationszimmer fernzuhalten. Denn hier waren einen großen Teil des Tages über Se oder La, manchmal auch eine oder die andre der übrigen auf der Insel wohnenden Frauen anwesend, und die Aufgabe der Höflichkeit, sich mit diesen zu unterhalten, überließ er gern Saltner, der sich derselben mit Vorliebe unterzog. Im Freien dagegen war er ziemlich sicher, keiner von den Damen zu begegnen. Außerhalb der Schutzvorrichtungen, die sie von einem Teil der Erdschwere befreiten, war ihnen der Aufenthalt zu lästig; und sie wußten wohl, daß der schwerfällige Schritt und die gebeugte Haltung, die ihnen dort die eigene Körperlast auferlegte, ihre Anmut keineswegs erhöhten. Insbesondere den Menschen gegenüber, die sich hier ungezwungen in ihrem Element fühlten, zeigten sie sich nicht gern in dem Zustand physischer Unfreiheit.

Da Saltner wußte, daß sich Grunthe in der Nähe aufhielt, konnte er ihn leicht benachrichtigen.

Die Zahl der auf der Insel befindlichen Martier war nicht unbedeutend, sie mochte gegen dreihundert Personen betragen, worunter sich ungefähr fünfundzwanzig Frauen, aber keine Kinder befanden. Die Lebensweise dieser Kolonie entsprach nicht den Gewohnheiten der Martier auf ihrem eigenen Planeten; es waren nicht Familien, die sich hier angesiedelt hatten, sondern die Kolonisten bildeten eine ausgewählte Truppe mit militärischer Organisation, wie sie von den Martiern zur Vornahme wichtiger öffentlicher Arbeiten ausgerüstet wurde. Aber auch hier war dem Bedürfnis der Nume nach möglichst großer individueller Unabhängigkeit Rechnung getragen. Die einzelnen hatten sich je nach ihrer persönlichen Neigung zu Gruppen zusammengefunden und danach ihre Wohnung auf der Insel gewählt. Jede dieser Gruppen wurde durch einen der älteren Beamten geleitet, der die Ordnung der Arbeiten verteilte. Ihm stand eine der Damen zur Seite, welche gewissermaßen die häusliche Wirtschaft der Gruppe führte, die Verteilung der Nahrungsmittel beaufsichtigte und die regelmäßige Funktion der Automaten kontrollierte, während jedes Mitglied einer Gruppe eine bestimmte Zeit der Bedienung dieser Automaten widmete.

Die Pflege der beiden Gäste hatten die Gruppen des Ingenieurs Fru und des Arztes Hil übernommen, denen als weibliche Assistenten La und Se angehörten. Es war natürlich, daß Saltner und Grunthe hauptsächlich mit den Mitgliedern dieser Gruppe verkehrten, wozu sich noch als täglicher Gast der Direktor der Kolonie, Ra, gesellte. Mit den übrigen Gruppen waren sie bisher nur gelegentlich in Berührung gekommen.

Die Martier, welche im Begriff standen, ihren Besuch bei den Gästen zu machen, gehörten der Gruppe des Ingenieurs Jo an, dessen Tätigkeit Grunthe und Saltner hauptsächlich ihre Rettung verdankten. Selbstverständlich hatten sie nicht versäumt, ihm alsbald nach ihrer Wiederherstellung ihren herzlichsten Dank abzustatten.

Mit ihnen zusammen erschien La. Sie trat zuerst Saltner entgegen und bot ihm mit einem reizenden Lächeln über den ›Strich‹ hinüber ihre Hand. Aber ehe noch Saltner in ein Gespräch mit ihr kam, wußte Se sie beiseite zu ziehen. Während Jo mit Saltner sprach, unterhielten sich die beiden Damen eifrig und leise, worauf Se das Zimmer verließ. Jo begrüßte Saltner in seiner offenen, nach martischen Begriffen etwas derben Weise und nannte die Namen seiner Begleiter. Jeder von ihnen grüßte nach martischer Sitte, indem er die linke Hand ein wenig erhob und die Finger derselben leicht öffnete und schloß. Saltner bewies die Fortschritte in seiner Bildung dadurch, daß er den Gruß in derselben Weise erwiderte. Die Martier wollten ihm jedoch an Höflichkeit nicht nachstehen und schüttelten ihm der Reihe nach auf deutsche Weise die rechte Hand, ohne sich merken zu lassen, wie sehr diese barbarische Zeremonie sie innerlich belustigte. Sie hüteten sich dabei sorglich, den Strich zu überschreiten, jenseits dessen die Erdschwere begann.

Auf Saltners Einladung nahmen sie an der breiten Tafel in der Mitte des Zimmers Platz. Man hatte dieses Zimmer in Rücksicht auf zahlreiche Versammlungen so eingerichtet, daß ein großer Tisch die Länge desselben erfüllte und mit dem einen Ende über den ›Strich‹ hinüberragte. Hier befanden sich die Plätze für die beiden Deutschen. In den Besuchsstunden, besonders aber am Abend, wenn die Arbeiten des Tages beendet waren, pflegte sich hier stets eine größere Gesellschaft zusammenzufinden. Dann wurde auch bei gemeinschaftlichen Gesprächen eine leichte Erfrischung in Form von Getränken eingenommen. Die Einhaltung dieser Plauderstunden war eine feststehende Sitte der Martier. Die Mahlzeiten dagegen, welche wirklich zur Sättigung dienten, fanden niemals gemeinschaftlich statt; dies galt bei den Martiern als unpassend. Beim Essen schloß sich ein jeder ab, und schon daß Saltner und Grunthe gemeinschaftlich zu speisen pflegten, erschien den Martiern als ein Zeichen der stark tierischen Natur der Menschen. Nach ihrer Ansicht war die Sättigung eine physische Verrichtung, welche nicht in die Gesellschaft gehörte; in dieser wurden nur ästhetische Genüsse gestattet. Zu solchen ästhetischen Genüssen gehörten Essen und Trinken allerdings auch, insofern sie dem reinen Wohlgefallen am Geschmack entsprachen und sich der Empfindungen der Zunge und des Gaumens nur zum freien Spiel bedienten, nicht aber insofern sie den Zweck der Ernährung und die Stillung des körperlichen Bedürfnisses zu erfüllen bestimmt waren.

Auf Las Aufforderung, welche jetzt die Stelle der Wirtin vertrat, öffneten die Martier die auf dem Tisch stehenden Kästchen und bedienten sich der darin befindlichen Piks.

Der Gebrauch dieser Piks ersetzte den Martiern in vollkommener Weise den Genuß, welchen die Menschen durch das Rauchen erreichen, ein leichtes, die Sinne mäßig beschäftigendes und die Nerven beruhigendes, damit den ganzen Gemütszustand behaglich hebendes Spiel, das aber dem Rauchen gegenüber den Vorteil hatte, daß es die Luft nicht verdarb und die übrigen Anwesenden nicht belästigte. Die Piks bestanden in Kapseln, etwa in der Größe und Gestalt einer kleinen Taschenuhr, die an leichte Aluminiumstäbe gesteckt und dadurch bequem hin und her bewegt wurden. Brachte man diese Kapsel, während man den Stiel in der Hand hielt, an die Stirn, so ging ein schwacher, angenehm erregender Wechselstrom durch den Körper, wodurch man sich wohltuend erfrischt fühlte. Die Bewegung der Hand und das Streichen der Stirn und Schläfen war ein sehr anmutiger Zeitvertreib. Dabei zeigte sich auf der Kapsel ein zartes Farbenspiel je nach der Größe des Widerstandes, den der Strom fand, und die Art der Berührung, die Wendungen des Piks boten eine reiche Abwechslung der Beschäftigung. Der Kenner wußte diese leichten Reize des Gefühls aufs feinste zu variieren. Wegen der Grazie und Zierlichkeit der Bewegungen, mit denen Se und La die Piks zu handhaben pflegten, hatte Saltner diesen Instrumenten den Namen Nervenfächer beigelegt.

»Freut mich sehr«, sagte Jo, mit seinem Pik an die Stirn klopfend, »den Herrn Bat wieder wohlzusehen. Hätt's nicht gedacht, als wir Sie unter dem Ballon hervorholten. Habe leider wenig Zeit gehabt, mit Ihnen zu plaudern, hätte gern etwas über Ihre Luftfahrt gehört.«

»Dazu ist hoffentlich noch Gelegenheit«, sagte Saltner.

»Fürchte nein«, erwiderte Jo. »Kommen nämlich, uns zu verabschieden. Morgen geht's heim.«

»Wie?« fragte Saltner erstaunt.

Jo deutete mit dem Pik nach einer Stelle des Fußbodens und sagte: »Nu.«

Saltner mußte sich erst besinnen, daß Jo mit seiner Bewegung die Richtung nach dem Mars bezeichne, denn unwillkürlich stellte er sich die Fahrt nach dem Mars immer als einen Aufstieg gegen den Himmel vor. Aber der Mars befand sich gegenwärtig unter dem Horizont, und dahin deutete Jo.

»Sie sollten mit uns kommen«, sagte Jo lächelnd. »Das ist doch noch ganz etwas anderes bei uns auf dem Mars wie hier auf der schweren Erde, wo man sich genieren muß, vor die Tür zu gehen.«

»Ich danke«, erwiderte Saltner, »ich fürchte, auf dem Mars Sprünge zu machen, die mir nicht gut bekommen würden. Interessant wäre es ja freilich, Ihre wunderbare Heimat kennenzulernen, aber glauben Sie denn, daß ein Mensch bei Ihnen existieren kann?«

»Gewiß könnte er das«, sagte einer der anwesenden Martier, »und zwar viel besser, als wir auf der Erde fortkommen. Ich bin überzeugt, daß Sie sich an die geringere Schwere bald gewöhnen würden und ebenso an die dünnere Luft. Beide Umstände kompensieren sich einigermaßen in der Wirkung auf den Organismus, und Sie müssen wissen, daß die Luft bei uns relativ reicher an Sauerstoff ist als hier. Wie wäre es auch sonst möglich, daß die Bewohner beider Planeten eine so große Ähnlichkeit besitzen?«

»Ich bin Ihnen sehr verbunden für dieses Kompliment«, antwortete Saltner, »indessen ist unsere Expedition doch nicht auf einen so weiten Ausflug eingerichtet, und wir müssen zunächst daran denken, wieder nach Hause zu kommen.«

»Es wird Ihnen wohl etwas einsam hier werden« mischte sich La in das Gespräch.

»Wie«, fragte Saltner überrascht, »gehen Sie auch fort?«

»Morgen noch nicht, aber im Verlauf der nächsten – – ja, ich will es Ihnen lieber in Ihre Zeitrechnung nach Erdtagen übersetzen –, also in den nächsten vierzehn Tagen ungefähr werden wir fast alle die Erde verlassen haben.«

»Aber davon höre ich das erste Wort.«

»Weil wir überhaupt noch nicht von der Zukunft gesprochen haben –«

»Es ist wahr, die Gegenwart war zu schön und zu reich –«

»Nun, werden Sie nicht melancholisch! Und dann versteht es sich ja doch von selbst, daß wir im Winter nicht hierbleiben, ausgenommen die Wächter.«

»Was für Wächter?«

»Wir erwarten sie mit dem nächsten Fahrzeug vom Nu«, sagte Jo. »Sie sind unsre Ablösung – nur zwölf Mann, die hier überwintern und die Insel bewachen. Im Winter können wir unsre Arbeiten nicht fortsetzen, und die ganze Insel zu heizen, das wäre denn doch zu kostspielig.«

»Und kommen Sie im Sommer zurück?«

»Wir oder andere.«

»Und ich denke, Sie bringen die Polarnacht nicht hier auf der Insel zu, sondern bei uns. Dort, wo wir auf dem Mars wohnen, haben wir dann gerade unsern herrlichen Spätsommer. Und wenn die Sonne hier am Nordpol wieder aufgeht, reisen Sie vom Mars ab und kommen dann im Lauf Ihres Mai hier an. Das ist gerade die rechte Zeit für den Pol – und dann werden Sie, denke ich, Ihre Freunde vom Mars zu Ihren Landsleuten zu führen wissen. Sie brauchen aber nicht jetzt schon mit Jo zu reisen, wir verlassen die Erde erst mit dem letzten Schiff.«

La hatte dies zu Saltner gesagt. Und als sie ihn dabei so freundlich ansah, schien es ihm, als könne es gar nicht anders sein, er müsse mit nach dem Mars gehen. Aber was würde Grunthe dazu sagen?

Allerdings hatten weder Saltner noch Grunthe bisher mit den Martiern über ihre nächste Zukunft gesprochen. Das hatte verschiedene Ursachen in zufälligen Umständen. Der Hauptgrund war jedoch, wohl ohne daß die beiden Deutschen sich darüber klar wurden, daß die Martier bisher es absichtlich vermieden hatten, sich über diese Frage zu äußern. Sie hatten selbst noch keinen Entschluß gefaßt. Auf die erste Lichtdepesche nach dem Mars über die Auffindung der Menschen hatte die Zentralregierung der Marsstaaten geantwortet, daß man zunächst die Fremdlinge beobachten und ausforschen und dann über sie Bericht erstatten solle. Dieser Bericht war vor kurzem abgegangen, die Antwort jedoch noch nicht eingetroffen. Deshalb hatten die Martier jede Hindeutung auf das weitere Schicksal ihrer Gäste vermieden, und sobald Grunthe und Saltner eine Frage in dieser Hinsicht zu stellen oder einen Wunsch zu äußern versuchten, waren sie darüber mit einer ausweichenden Antwort hinweggegangen. Wenn aber die Martier auf irgendeine Frage nicht eingehen wollten, so war es für die Menschen ganz unmöglich, sie dahin zu bringen. Die Leichtigkeit, mit welcher sie die Gedanken lenkten, und die Überlegenheit ihres Willens waren so groß, daß die Menschen ihnen folgen mußten und dabei kaum merkten, daß sie geleitet wurden. Aber Grunthe wie Saltner waren in der Tat noch so erfüllt von den Aufgaben, die ihnen auf der Insel gestellt waren, daß sie die Pläne über die Fortsetzung ihrer Reise selbst in ihren Gesprächen untereinander nur vorübergehend berührt hatten. Sie hatten sich zwar vorgenommen, in den nächsten Tagen einen definitiven Entschluß zu fassen und zu gelegener Zeit mit den Martiern darüber zu reden, bis jetzt war es aber noch nicht dazu gekommen. Grunthe glaubte nämlich, daß sie, falls nur die Erlaubnis der Martier erlangt war, jederzeit die Insel ohne Schwierigkeit würden verlassen können, weil er nach einer allerdings nur vorläufigen Untersuchung sich für überzeugt hielt, daß der Ballon mit verhältnismäßig geringer Mühe sich wieder herstellen ließe. Mit dem größten Teil ihrer Ausrüstung waren auch einige Reservebehälter gerettet worden, die komprimierten Wasserstoff enthielten. Allerdings konnte derselbe zu einer vollständigen Füllung des Ballons nicht ausreichen. Doch hoffte Grunthe, von den Martiern die Mittel zur genügenden Entwicklung des Gases zu erhalten. Er hatte bei seinen Studien auf der Insel gesehen, daß die Martier über so gewaltige Mengen elektrischen Stromes verfügten, daß er dadurch den Wasserstoff leicht aus dem Wasser des Meeres erhalten konnte. Sollte ihm aber hierzu die Beihilfe verweigert werden, so war er entschlossen, den Ballon entsprechend zu verkleinern und mit dem Reservevorrat an Gas und nur dem notwendigsten Gepäck die Heimreise anzutreten. Er hatte in der Bibliothek der Martier die Witterungsbeobachtungen gefunden, welche Jahre hindurch von ihnen am Nordpol ausgeführt waren. Daraus hatte er entnommen, daß während des Novembers regelmäßig andauernd nach Europa hinwehende Winde einzutreten pflegten, daß er aber früher keine Aussicht hatte, günstige Windverhältnisse zu erwarten. Demnach mußte er sich entscheiden, ob er sich jetzt, kurz vor Beginn der Polarnacht, unbestimmten atmosphärischen Verhältnissen anvertrauen wollte, oder ob er mitten in der Polarnacht es wagen wollte, bei günstigem Wind aufzusteigen. Das letztere schien ihm das Empfehlenswertere zu sein, da er bei gutem Wind hoffen durfte, in wenigen Tagen bewohnte Gegenden zu erreichen.

Diese Überlegungen, welche Grunthe für sich angestellt hatte, waren von ihm zwar Saltner gegenüber beiläufig erwähnt worden, doch hatte sie dieser, eben weil sie die Zeit zur Ausführung noch nicht für gekommen hielten, zunächst nicht weiter erwogen. Ihm war vorläufig die Gegenwart alles, und jetzt erst stellten ihn Las Worte unmittelbar vor die Frage, was zu tun sei, wenn die Martier fast sämtlich die Insel verließen. Zugleich aber schien ihm im Augenblick eine so schnelle Trennung von seinen innig verehrten Gastfreunden und von La und Se insbesondere als etwas kaum Mögliches. Indem ihm Grunthes Pläne momentan durch den Kopf schossen, fühlte er doch, daß er nicht sofort eine Zusage geben dürfe, und in seiner Verwirrung zögerte er mit der Antwort, während die Martier mit allerlei verlockenden Schilderungen Las Einladung unterstützten.

Zum Glück trat Grunthe jetzt ein, und die Zeremonie der Begrüßung mit den Martiern wiederholte sich. Nur La, an welcher Grunthe nach Möglichkeit vorbeisah, mußte sich mit einem steif ausfallenden martischen Fingergruß begnügen. Sie lächelte zu Saltner hinüber, und ihr Blick schien sagen zu wollen: »Wir werden ihn doch mitnehmen.«

Grunthe hatte bereits auf dem Weg von Hil gehört, daß morgen ein Fahrzeug nach dem Mars abgehe.

»Wie viele Nume verlassen uns denn?« fragte er.

»Dreiundfünfzig, darunter fünf Damen«, antwortete Jo.

»Dann ist es wohl ein bedeutendes Fahrzeug? Wenn ich recht gehört habe, sind selbst Ihre größten Raumschiffe nicht auf viel mehr berechnet.«

»Das ist richtig. Auf mehr wie sechzig können wir unsere Schiffe nicht gut einrichten, das Verhältnis zu den Richt-Bomben wird sonst zu ungünstig. Aber der ›Komet‹ ist ein vorzügliches Fahrzeug und trägt gut seine sechzig Personen – Sie haben also noch bequem Platz, und ich würde mich sehr freuen, Sie mitzunehmen.«

»Sie sind selbst der Kommandant?« fragte Grunthe.

»Ich habe die Ehre, das Raumschiff ›Komet‹ zu führen, bestimmt nach der Südstation des Mars. Sie fahren darin sicherer durch den Weltraum als in Ihrem Ballon durch die Luft der Erde. Also abgemacht, kommen Sie mit?«

»Daran ist nicht zu denken«, sagte Grunthe lächelnd. »Aber es würde mich sehr interessieren, der Abfahrt beizuwohnen. Wann findet sie statt?«

»64,63«, erwiderte Jo.

Grunthe sah ihn fragend an.

»Mittlere Marslänge«, fügte Jo hinzu.

»Sie müssen schon«, begann La, »den Herren alle Maßangaben in ihre irdische Rechnungsweise umrechnen. In unsre Messungsmethode können sie sich nicht so schnell hineinfinden. Morgen um 1,6 ist die Abfahrt, das heißt nach Ihrer Stundenrechnung um drei Uhr. Sehen Sie sich nur die Sache einmal an, Grunthe, Sie werden Lust bekommen, bald selbst eine Fahrt mitzumachen. In der nächsten Zeit geht jeden dritten Tag ein Schiff ab!«

»Der Mars«, fiel Jo ein, »ging sechs Tage vor Ihrer Ankunft durch sein Perihel – ich meine den Punkt, wo er der Sonne am nächsten steht –, und da er sich gerade jetzt auch in der Erdnähe befindet – Sie wissen, daß die Opposition vor wenigen Tagen stattfand –, so gibt es keine günstigere Reisezeit. Aber ›piken‹ Sie denn nicht?«

»Ich danke, niemals«, sagte Grunthe, die angebotenen Piks zurückweisend. Dabei starrte er geradeaus und zog seine Lippen zusammen. Er rechnete in der Eile die augenblickliche Entfernung von Mars und Erde aus.

»Wie lange Zeit pflegen Sie denn zur Fahrt zu brauchen?« fragte Saltner.

»Das kommt ganz auf die Umstände an. Bei günstiger Stellung der Planeten läßt sich die Reise auf dreißig Ihrer Tage und weniger reduzieren, ja wenn wir tüchtige Bombenhilfe geben, was freilich sehr teuer wird, so könnte man bei so großer Planetennähe wie jetzt sogar auf acht oder neun Tage herabkommen. Aber ich muß freilich bemerken, daß man eine solche Geschwindigkeit von 90 bis 100 Kilometern in der Sekunde nur unter ganz besonderen Umständen benutzen würde.«

»Ich begreife überhaupt noch nicht«, sagte Grunthe, sich wieder am Gespräch beteiligend, »wie sie Ihre Geschwindigkeit und Richtung in verhältnismäßig so kurzer Zeit verändern können. Ich weiß, daß Sie Ihr Fahrzeug mehr oder weniger diabarisch machen, daß Sie also die Anziehung der Sonne schwächer oder auch gar nicht auf dasselbe einwirken lassen können. Bei der Abfahrt heben Sie die Gravitation ganz auf, um zunächst genügend weit aus dem Anziehungsbereich der Erde zu kommen, nicht wahr?«

»Ganz richtig. Aber sprechen Sie, bitte, weiter, damit ich sehe, wie weit Sie mit den Prinzipien unserer Raumreisen vertraut sind.«

»Wenn Sie abreisen, verlassen Sie also die Erde und die Erdbahn in der Richtung ihrer Tangente mit einer Geschwindigkeit von etwa 30 Kilometern in der Sekunde, denn das ist die Geschwindigkeit der Erde in ihrer Bahn, die Sie nach dem Beharrungsgesetz beibehalten. Sie kommen dadurch in immer größere Entfernung von der Sonne. Wenn Sie nun die Gravitation wieder wirken lassen, vielleicht nur schwach, so wird das denselben Erfolg haben, als wenn Sie sich mit der Geschwindigkeit der Erde in sehr großer Entfernung von der Sonne, zum Beispiel in der Entfernung des Uranus befänden, und die Bahn müßte dann eine hyperbolische werden, Sie würden sich auf einer Hyperbel von der Sonne entfernen.«

Jo machte ein Zeichen der Zustimmung.

»Nun kann ich mir wohl denken«, fuhr Grunthe fort, »daß Sie durch geschickte Kombinierung solcher Bahnen, indem Sie die Gravitation schwächen oder verstärken, in das Anziehungsgebiet des Mars gelangen können. Aber ich verstehe nicht, wie dies in so kurzer Zeit möglich ist. Sie müssen jedenfalls einen sehr weiten Weg durchlaufen, und wenn Sie sich von der Sonne entfernen wollen, so wird doch unter dem Einfluß der Gravitation Ihre Geschwindigkeit immer kleiner, niemals aber größer.«

»Sie haben darin vollkommen recht«, erwiderte Jo. »Dies war der einzige Weg, der unsern Raumschiffern in der ersten Zeit unserer Weltraumfahrten zu Gebote stand. Sie hatten damals nur das Mittel der Gravitationsänderung, infolgedessen waren die Fahrten sehr zeitraubend, mühsam und gefährlich. Man konnte unter Umständen Jahre brauchen, um von der Erde bis in die Nähe des Mars zurückzugelangen, und ein kleiner Fehler in der Berechnung oder eine unvorhergesehene Störung konnte weitere Jahre kosten. Ja, wir haben damals noch manches Schiff verloren, von dem man nie wieder etwas gehört hat.«

»Und wieso ist das jetzt besser geworden?« fragte Grunthe.

»Sie scheinen noch nichts von der Speschen Erfindung der Richtschüsse zu wissen«, bemerkte Jo.

»Was ist das?«

»Das ist alles zugleich, was bei Ihren Schiffen Schraube, Steuer und Anker sind. Wir können dadurch unsere Geschwindigkeit vergrößern, verringern, vernichten und umkehren sowie in jede beliebige Richtung lenken. Da es sich dabei aber um kolossalen Energieaufwand handelt, wie Sie sich denken können – wir haben es ja mit Geschwindigkeiten von durchschnittlich 30 Kilometer zu tun, deren Quadrate hier in Ansatz kommen –, so benutzen wir sie nur mit Maß. Die Gravitation arbeitet billiger.«

Grunthe schwieg. Es war ihm unheimlich, sich dieser Macht gegenüber zu fühlen, welche selbst die Herrschaft der Sonne im Weltraum zu bändigen wußte.

»Wie in aller Welt ist das möglich?« fragte Saltner. »Sie haben ja im Raum keinerlei Widerstand, wie unsre Schiffe im Wasser. Können wir doch nicht einmal unsern Luftballon ohne Schleppseile lenken.«

»Es fehlen Ihnen nur die nötigen Energiequellen und allerdings auch der nötige Platz zum Losschießen, wie wir ihn im Weltraum zur Verfügung haben. Sehen Sie, ein solcher Schuß, man nennt ihn einen ›Spe‹, entwickelt eine Energiemenge von ungefähr 500 Billionen Meterkilogramm, wenn ich richtig umgerechnet habe –«

»Es trifft ziemlich zu«, sagte La, da Jo sie fragend ansah.

»Dadurch können wir also«, fuhr Jo fort, »einem Raumschiff, das eine Masse von etwa einer Million Kilogramm besitzt, eine Geschwindigkeit von einem Kilometer in der Sekunde erteilen – wenn wir somit dreißig Spes anwenden, so ist es möglich, die Geschwindigkeit, die unser Fahrzeug von der Erde mitnimmt, auf Null herunterzubringen. So ein Schuß wird ganz allmählich entladen, sonst könnte ja niemand den Ruck aushalten – immerhin bringen wir das Schiff binnen drei Stunden zum Stehen. Sie sehen also, daß wir auf diese Weise an jeder beliebigen Stelle des Weltraums einfach haltmachen können. Wir heben die Anziehung der Sonne auf und heben die planetarische Tangentialgeschwindigkeit auf, und damit stehen wir still, unverändert in unsrer Lage zu allen Körpern unsres Sonnensystems. Hier können wir warten, so lange wir Lust haben; wir stellen uns zum Beispiel auf die Marsbahn und lassen den Planeten einfach herankommen. Aber das würde immer noch viel zu lange dauern. Wenn wir noch etwas mehr Bomben in passender Richtung anwenden, so können wir uns sofort direkt auf den Planeten oder vielmehr auf den Punkt seiner Bahn hinbewegen, an welchem wir ihn am schnellsten antreffen. Natürlich nehmen wir dabei, so gut es sich machen läßt, die Gravitation mit in Anspruch, selbstverständlich immer, wenn wir uns der Sonne zu nähern haben, also wenn wir vom Mars hierherfahren.«

Grunthe verharrte noch immer in seinem Schweigen. Er rechnete jetzt aus, welche Geschwindigkeit wohl das Geschoß bekommen müsse, wenn durch den Rückschlag beim Abfeuern das ganze Raumschiff mit einer Geschwindigkeit von einem Kilometer pro Sekunde zurückgeschleudert werden solle. Schon begann das Gespräch der Martier sich anderen Gegenständen zuzuwenden, als er sagte:

»Ich kann natürlich in Ihre Worte keinen Zweifel setzen. Aber wenn Sie der Masse des Schiffs von einer Million Kilogramm eine Geschwindigkeit von 1000 Metern erteilen, so würde dies ja voraussetzen, daß das Geschoß selbst eine so ungeheure Geschwindigkeit erhielte, wie sie auf keine Weise sich erzeugen läßt.«

»Warum nicht?« fragte Jo.

»Und wenn auch«, unterbrach Saltner, »was nützt Ihnen denn das Abschießen? Dadurch kann doch Ihr Schiff nicht bewegt werden?«

»Das schon«, berichtigte ihn Grunthe, »nur der Schwerpunkt des ganzen Systems kann nicht verrückt werden. Der Schwerpunkt von Geschoß und Schiff behält seine Geschwindigkeit, aber dort befindet sich ja niemand, das Raumschiff entfernt sich von diesem Schwerpunkt infolge des Rückschlags, wie wir hören, um einen Kilometer in der Sekunde, das heißt, es bewegt sich dann nur noch mit einer Geschwindigkeit von 29 Kilometern vorwärts. Gleichzeitig aber muß das Geschoß nach der entgegengesetzten Seite mit einer solchen Geschwindigkeit fliegen, daß das Produkt aus dieser und der Masse des Geschosses gleich ist dem Produkt aus Masse und Geschwindigkeit des Schiffs (in bezug auf den Schwerpunkt), das gibt in unserm Fall die Zahl von tausend Millionen. Es fragt sich nun, welche Masse Ihre Geschosse besitzen –«

»Hundert Kilogramm«, sagte Jo.

»Dann würde ja«, sagte Grunthe kopfschüttelnd, »das Geschoß eine Geschwindigkeit von zehn Millionen Meter, das sind zehntausend Kilometer in der Sekunde bekommen – das ist mir undenkbar!«

»Und dennoch ist es so«, versicherte Jo. »Ja, es ist dies noch gar nicht die Grenze des Erreichbaren. Wir haben berechnet, daß sich die Geschwindigkeit bis über die Lichtgeschwindigkeit hinaus muß steigern lassen –«

»Sie wollen mich zum besten haben –«

»Nicht im geringsten.«

»Durch die Entwicklung von Explosionsgasen?«

»Wer behauptet das? Das ist natürlich nicht möglich. Aber durch die Explosion des Weltäthers selbst.«

Grunthe schüttelte nur den Kopf.

»Ich las in Ihren Büchern«, fuhr Jo fort, »daß Sie Ihre Geschosse durch die Entwicklung der Pulvergase mit Geschwindigkeiten schleudern, welche größer sind als die Geschwindigkeit, mit der sich der Schall in der Luft fortpflanzt. Nun – der Vergleich trifft zwar nicht vollständig zu, aber in der Hauptsache – warum sollen wir nicht durch Entwicklung großer Äthervolumina Geschwindigkeiten erzeugen, die größer sind als diejenige, mit welcher sich das Licht im Äther fortpflanzt? Es kommt nur darauf an, Apparate zu haben, die das leisten.«

»Und diese haben Sie?«

»Allerdings. Wir können Ätherspannungen erzeugen, die wir plötzlich entlasten. Der kondensierte Äther heißt ›Repulsit‹. Unsere Geschütze und Geschosse bestehen aus – ja, wie soll ich Ihnen das übersetzen? Übrigens kommt die Sache im Grunde darauf hinaus, große Elektrizitätsmengen unter kolossalen Spannungen zu halten – und die Entdeckung hängt wieder mit derjenigen der Diabarie zusammen.«

»Das ist uns freilich jetzt nicht möglich, so schnell zu fassen«, sagte Grunthe. »Und Sie wollen die Geschwindigkeiten noch steigern?«

»Wir hoffen bis auf fünf mal hunderttausend Kilometer zu kommen. Wir überholen dann das Licht. Und wer auf einem solchen Geschoß in den Weltraum reiste, der würde zurückblickend die Zeiten der Vergangenheit auftauchen sehen, denn er käme zu jenen Lichtwellen, die vor seiner Abreise den Planeten verlassen haben.«

»Ich danke Ihnen«, sagte Grunthe verstummend.

»Übrigens«, setzte Jo noch hinzu, »ist es für die Richtschüsse natürlich kein Vorteil, so große Geschwindigkeiten zu wählen, denn der Energieverbrauch wächst ja mit der Geschwindigkeit im Quadrat. Wir würden viel besser fortkommen, wenn wir kleinere Geschwindigkeiten anwendeten, aber dann würden die Massen der Geschosse so groß werden müssen, daß wir sie nicht mitnehmen können. Tausend Richtgeschosse zu je hundert Kilo Masse machen ohnehin schon zehn Prozent unsrer gesamten Schiffsmasse aus.«

Es traten jetzt neue Gäste ein, um sich ebenfalls die Menschen noch einmal anzusehen, ehe sie nach dem Mars abreisten. Denn sie wollten doch bei der Heimkehr auch etwas von den Eingeborenen der Erde zu erzählen haben. Ein Teil der Anwesenden erhob sich und verabschiedete sich. Auch Jo stand auf.

»Nun«, sagte er, »schade, daß Sie nicht mit mir kommen wollen, doch wir sehen uns morgen vor der Abreise.«

»Und auf dem Nu treffen wir uns alle bald wieder«, fügte La hinzu. »Wer weiß«, sprach sie neckend zu Jo, »ob wir Sie im ›Meteor‹ nicht noch überholen und eher zu Hause sind als Sie. Oß wird wahrscheinlich den ›Meteor‹ führen.«

»Da kennen Sie den alten Jo schlecht«, erwiderte Jo lachend. »Man fährt nicht fünfundzwanzig Jahre zwischen Mars und Erde, um sich von solch jungem Springinsfeld überholen zu lassen.«

»Sie sind eben ein zu guter Lehrer für Oß gewesen, da ist's kein Wunder, daß er jetzt auch seine Sache versteht.«

»Das tut er, gewiß, das tut er«, sagte Jo, indem er La freundschaftlich das Haar streichelte. »Aber was will das jetzt sagen – das heißt, Oß ist ein tüchtiger Techniker, brillanter Abariker, weiß es – doch um die Überfahrt zu machen, dazu gehört heute nicht mehr viel, das kann man lernen. Ja, liebe La, vor – nun, Sie lebten wohl noch nicht, als ich meine erste Fahrt als Lehrling machte, da war's etwas anderes; da gab's noch keine Außenstation auf der Erde, von der aus man den Mars jederzeit sehen und nach ihm telegraphieren konnte. Und wenn so ein Schiff zehn oder zwanzig Richtschüsse zum Anlegen mithatte, da galt es schon als besonders fein ausgerüstet. Da haben wir Dinge erlebt, wovon Ihr junges Volk keine Ahnung habt.«

»Erzählen Sie«, bat La, »bleiben Sie noch, Jo, Sie müssen uns etwas erzählen. Sie haben es eigentlich längst versprochen. Setzen Sie sich, die Bate müssen es auch hören.«


13. Kapitel. Das Abenteuer am Südpol

Grunthe und Saltner hatten sich inzwischen mit den übrigen Martiern unterhalten. Diesmal waren sie recht gründlich nach allerlei Einrichtungen der Menschen ausgefragt worden. Grunthe beschrieb ihnen auf der Karte die Wohnplätze der verschiedenen Rassen und die Abgrenzungen der bedeutendsten Staaten. Sie waren sehr erstaunt zu hören, daß es große Gebiete der Erde gäbe, die man noch gar nicht oder sehr wenig kenne, und daß ihre Einwohner keinerlei Einfluß auf die Geschicke der ganzen Menschheit ausübten. Bei den Martiern bestehe zwar auch ein sehr großer Unterschied zwischen der Bildung der einzelnen Bewohner und Volksstämme, aber gänzlich unzivilisierte Landschaften gäbe es überhaupt nicht. Grunthe fragte nach der Anzahl der Marsbewohner und erfuhr zu seiner Überraschung, daß sie nicht weniger als dreitausendeinhundert Millionen betrüge, also das doppelte der Zahl der Menschen, auf einer viermal so kleinen Oberfläche zusammengedrängt wie die der Erde.

»Da können wir Ihnen einen Teil von uns überlassen«, sagte einer der Martier scherzend.

»Es würde Ihnen auf der Erde zu schwer werden«, erwiderte Saltner, dem der Gedanke eines Einfalls der Martier auf die Erde recht bedenklich erschien. »Lieber kommen wir ein wenig zu Ihnen.«

»Aber erst lernen Sie ordentlich balancieren«, ertönte eine Stimme aus der Luft. »Ich werde gleich einmal nachsehen.«

Es war Ses Stimme. Sie hatte die Klappe des Fernsprechers geöffnet und gerade Saltners Worte verstanden.

Gleich darauf erschien sie an der Tür. Um seine Geschicklichkeit zu erweisen, überschritt Saltner den ›Strich‹ und ging ihr vorsichtig entgegen. Sie lachte herzlich und rief, ihm die Hand entgegenstreckend: »Es geht schon ganz gut, Sie haben Fortschritte gemacht.«

Saltner ergriff die Hand und bückte sich, um sie an seine Lippen zu führen. Diese Verbeugung ging auch ganz gut vonstatten, aber als er sich aufrichten wollte, geschah es zu plötzlich, und er lief Gefahr, nach hinten zu stürzen. Da er sich über sich selbst lustig machte, so zeigten auch die Martier ihre Heiterkeit über seine vorsichtigen Bewegungen und baten ihn dann, ihnen doch einige seiner Kraftproben zu zeigen, von denen sie gehört hatten.

Eben hatte er zwei der Martier mit Leichtigkeit in die Luft gehoben, als sich La nach ihm umdrehte.

»Was wollen Sie über dem ›Strich‹?« sagte sie scherzhaft drohend.

Saltner sprang schleunigst einen Schritt zurück, hatte aber die beiden Herren vom Mars noch nicht niedergesetzt, und in dem Augenblick, als er den ›Strich‹ passierte, wurden sie ihm zu schwer, so daß sie ziemlich unsanft zur Erde kamen.

Während er sich entschuldigte, rief La: »Alle an den Tisch! Jo erzählt von seiner ersten Erdfahrt, bitte, bitte!«

Dem allgemeinen Drängen konnte Jo nicht widerstehen. Auch auf dem Mars spinnt ein alter Seemann gern ein Garn. Er setzte sich oben an den Tisch. Se und La saßen dicht am ›Strich‹ neben den beiden Deutschen.

Jo nahm bedächtig ein Pik, legte es an die Stirn, an das rechte und an das linke Auge, und sah sich dann noch einmal im Zimmer um.

Se verstand ihn.

»Unter dem Tischrand«, sagte sie. »Greifen die Herren nur zu.«

Schmunzelnd zog Jo ein Mundstück hervor und probierte das Getränk.

»Ein feiner Tropfen«, sagte er.

Ein Teil der Martier und auch Saltner folgten seinem Beispiel. La lehnte sich bequem zurück, Se nahm ihre chemische Handarbeit auf, und Grunthe zog sein Notizbuch hervor, um sich einige stenographische Aufzeichnungen zu machen.

»War damals siebzehn Jahr alt«, begann Jo seine Erzählung.

»Marsjahre«, sagte La leise zur Erklärung.

»– hatte eben meinen technischen Kursus absolviert, als ich mich beim Kapitän All meldete, der mit der ›Ba‹, vierundzwanzig Personen, nach der Erde abgehen sollte. Wollte mich eigentlich nicht mitnehmen, weil ich noch zu jung sei, aber da im letzten Augenblick einer von der Mannschaft verhindert wurde und kein andrer sich gemeldet hatte, so kam ich mit. Fünf Monate waren wir unterwegs und hatten glücklich so manövriert, daß wir der Erde parallel flogen, genau in der Achse über dem Südpol. Sie hatten Sommer dort unten, aber um den Pol herum war alles von dichten Wolken bedeckt. Wir sahen auf der Erde nur ihre weiße, von der Sonne beglänzte Wolkenoberfläche, und wo sie im Schatten verschwand, spielten die Südlichter in rötlichen Streifen. Wir ließen uns sinken und machten uns, als wir tief genug gekommen waren, so leicht, daß wir als Luftballon in der Atmosphäre schwammen. Dann ging es durch die Wolken hinab, und wir kamen auch glücklich, leider aber mit einer Abweichung von ein paar Kilometern, auf den Pol. Nun, Sie wissen, auf dem Südpol ist's nicht so schön wie hier, 's ist ringsum Festland-Eis, eine Hochfläche von ein paar tausend Metern, wie Sie's hier nebenan haben – in – wie heißt das Ding?«

»Grönland.«

»Gut. Nun mußten wir aber das Schiff nach dem Pol schaffen, denn wir hatten das schwere Schwungrad für die Station, die wir vorbereiten sollten, auszuladen. Deshalb war All sehr ungehalten, daß er von der Erdachse abgekommen war. Aber dieselbe Ursache, die uns abgetrieben hatte, verhinderte uns, auch jetzt ans Ziel zu gelangen. Das war der herrschende Wind. Ich sagte schon, daß wir uns in der Atmosphäre nicht anders wie einer ihrer Luftballons verhalten können. Wir können uns leichter machen als die Luft, aber ihren Strömungen unterliegen wir dabei ebenso wie ihrem Widerstand.«

»Verzeihen Sie«, begann Grunthe, »ich habe mich schon immer gewundert, gerade weil sich Ihr Raumschiff in der Atmosphäre wie ein Luftballon handhaben läßt, und zwar mit dem wunderbaren Vorteil, weder Ballast noch Gas opfern zu müssen, da Sie sich nach Belieben leicht oder schwer machen können, ich habe mich gewundert, daß Sie nicht, nachdem Sie einmal am Pol die Erdgeschwindigkeit gewonnen haben, einfach mit Ihren Raumschiffen nach Europa oder den Vereinigten Staaten von Nordamerika gekommen sind – kurzum, warum Sie so ängstlich in der Befahrung unsres Luftmeers sind.«

»Und ich«, erwiderte Jo, »habe mich allerdings auch gewundert, wie Sie sich diesen gebrechlichen Dingern in einer Atmosphäre anvertrauen können, die so dicht und schwer ist wie die Ihrige, und in welcher nach allen Richtungen die tollsten Stürme einherrasen.«

»Ich habe«, bemerkte La, »in einem der Bücher gelesen, die Sie mitgebracht haben, von den Entdeckungsreisen der Menschen auf der Erde. Da spricht ein Seefahrer seine Verwunderung darüber aus, daß die Eingeborenen in irgendeiner Inselgruppe in ihren gebrechlichen Kähnen weite Fahrten unternehmen, an die er sich in seinem großen Dampfschiff nicht wagen würde, weil er die Gefahren der Tiefe nicht zu vermeiden weiß. Ähnlich mag es sich wohl mit unsern Raumschiffen und Ihren Luftballons verhalten. Bedenken Sie, daß wir Ihre Atmosphäre noch sehr wenig kennen –«

»Und vor allen Dingen«, fuhr Jo fort, »daß unsre Raumschiffe, die aus Stellit bestehen, nicht darauf eingerichtet sind, den großen Druck Ihrer Luft und den Widerstand, wenn wir nicht mit dem Wind fliegen, zu ertragen. Das Stellit ist sehr fest in der Kälte des Weltraums, aber in der Wärme und Feuchtigkeit der Luft wird es schnell angegriffen. Außerdem sind wir luftdicht durch unsre Kugel von außen abgeschlossen und können uns darum außerhalb derselben an nichts wagen. Die Technik unserer Luftschiffahrt auf dem Mars läßt sich auf der Erde aus verschiedenen Gründen nicht anwenden. Sie dürfen sich also nicht wundern, daß es uns bis jetzt noch nicht eingefallen ist, unsre Raumschiffe an unbekannte Gefahren zu wagen, durch die uns möglicherweise die Rückkehr abgeschnitten worden wäre. Doch sind bereits Versuche geglückt, diabarische Fahrzeuge mit Öffnungen herzustellen, und das, was uns noch fehlt, ist eigentlich nur ein genügend widerstandsfähiger Stoff für dieselben. Aber auch hier steht die Abhilfe bevor, und dann fahren wir zu Ihnen.«

»Wenn Sie zu uns kommen«, sagte La lächelnd zu Grunthe, »werde ich Ihnen mit Se eine Privatvorlesung über Raum- und Lufttechnik halten.«

»Dann fürchte ich leider, darauf verzichten zu müssen, denn ich gedenke vorläufig hierzubleiben.«

»So werde ich Ihnen einen ausführlichen, schönen, gelehrten Brief schreiben, verlassen Sie sich darauf!«

Grunthe verbeugte sich mit zusammengepreßten Lippen, und Jo fuhr fort:

»Nun kurzum, wir hatten keine Wahl, wir mußten jetzt mit dem Raumschiff nach dem Pol. Da nun aber das Wetter nicht besser wurde – das heißt, der Himmel war klar, aber die Luft blies vom Pol her –, so beschloß All, den Versuch zu wagen, uns nach dem Pol hinzuwinden. Wir hatten große Mengen von mit Lis durchzogenen Tauen mit. Dieses Tau legten wir vom Schiff bis zum Pol aus, verankerten es dort gründlich und setzten mit der Winde an. Das Schiff wurde nur soweit leicht gemacht, daß es sich gerade hob, ohne Gefahr, auf dem Eis aufzulaufen. Denn es zu schleifen durften wir nicht wagen, darauf ist unsere Stellitkugel nicht eingerichtet.

Die Arbeit ging natürlich langsam vorwärts, aber wir waren in vierundzwanzig Stunden doch einen Kilometer vorgerückt. Leider frischte der Wind immer stärker auf und wurde böig. Bei den Stößen bog sich die Kugel bedenklich an der Haftstelle des Seiles, und All hielt es für nötig, die ganze Kugel in ein Netz zu fassen. Es war eine furchtbare Arbeit, in dieser Luft und Schwere die Seile über die fünfzehn Meter hohe Kugel zu spannen, und daß keiner von uns dabei verunglückt ist, bleibt mir heute noch ein Rätsel. Todmüde ging es am dritten Tag wieder an die Winde. Eine Maschine hatten wir leider nicht mit, wir mußten mit unsern eignen Kräften arbeiten. Am fünften Tag waren wir bis auf einen Kilometer heran. Wir arbeiteten immer vier Mann und wurden alle Stunden abgelöst. Lieber machten wir den Weg hin und her zum Schiff, als daß wir uns ohne Erholung dem Druck der Schwere länger ausgesetzt hätten. Zur Rückfahrt benutzten wir übrigens einen Segelschlitten; das war unsre größte Freude, so der Ruhe mit Bequemlichkeit entgegenzufahren. Eben hatte ich mich mit meinen Kameraden aufgesetzt, und in zwei Minuten waren wir bis auf die Hälfte des Weges zum Schiff herangekommen, das nicht höher als etwa zehn Meter über dem Eis schwebte. Die Strickleiter hing aus der Luke bis zum Boden herab, und in weiteren zwei Minuten hofften wir in unsren Hängematten zu liegen.

Plötzlich sehen wir von der Seite und halb nach vorn hin etwas Gelblich-Weißes herantrotten, zwei große vierfüßige Tiere, wie wir sie noch nie gesehen hatten. Es waren, was Sie Eisbären nennen, aber damals wußten wir noch nicht, was das heißen will, wenn man ihnen waffenlos begegnet. Waffen hatten wir überhaupt nicht mit, nur die langen, mit Eisenspitzen versehenen Stangen, mit denen wir unsern Schlitten dirigierten und ihm nachhalfen. Noch niemals war uns auf dieser öden Erdfläche, außer einigen Vögeln, irgendein Tier begegnet. Von Raubtieren, die dem Numen gefährlich sind, wußten wir überhaupt nichts als aus den alten Überlieferungen der Vorzeit, da es solche auf dem Mars noch gegeben haben soll. Aber als diese Bestien, sobald sie uns erblickten, mit gierigen Augen auf unsern Schlitten zutrabten, dachten wir uns doch, daß die Sache nicht geheuer sei. Wir konnten freilich nichts tun, als mit unsern Picken die Fahrt unsres Schlittens beschleunigen; wobei wir dem Wind das Beste überlassen mußten. Ließ der Wind einen Augenblick nach, so mußten uns die Bären den Weg abschneiden. Es war eine fatale Situation, doch sahen wir dieselbe nicht als besonders bedenklich an, da wir glaubten, ihnen mit unsern Stöcken gewachsen zu sein. Wir waren jetzt nur noch hundert Meter von der Strickleiter entfernt, und man war bereits vom Schiff aus auf uns aufmerksam geworden. All selbst und zwei Mann, mehr hatten an der Luke nicht Platz, standen mit Gewehren bereit, denn damit war die Expedition für alle Fälle versehen. Sie wagten aber nicht zu schießen, weil das Schiff an dem langen Tau stark hin- und herschwankte und die Bären jetzt so dicht an dem Schlitten waren, daß wir selbst hätten getroffen werden können; ein sicheres Zielen war ja nicht möglich. Zudem hatten wir auch noch keine Erfahrung, wie Luftwiderstand und Schwere auf der Erde unsere Geschosse ablenken. Das Telelyt war damals noch nicht für Handwaffen im Gebrauch.

Ich stand vorn am Schlitten. Die Gefährten riefen mir zu, direkt auf die Strickleiter zu halten und sie sofort zu erfassen. Wir durften ja die Geschwindigkeit des Schlittens nicht mäßigen. Es handelte sich noch um Sekunden. Da stößt der Schlitten an irgendein kleines Hindernis und wird von seinem Weg abgelenkt. Ich fürchte, daß ich die Strickleiter verfehle, und renne den Stock so stark in das Eis, daß er mir aus der Hand gerissen wird. Wir sausen an der Leiter vorbei. Da pfeift es über uns, und der eine Bär wälzt sich in seinem Blut. Durch die Wendung des Schlittens hatte All zum Schuß kommen können. Der andere aber ist unmittelbar am Schlitten. Unglücklicherweise stechen die beiden zuletzt Stehenden mit ihren Picken nach ihm. Der Bär ist verwundet, aber mit einem Tatzenschlag hat er den armen Tam vom Schlitten gerissen. Er erfaßt ihn an seinen Kleidern und trabt mit ihm davon.

Inzwischen war All mit einer Anzahl bewaffneter Leute die Leiter herabgestiegen, und wir hatten den Schlitten zum Stehen gebracht. Der Bär aber lief mit seiner Beute so schnell, daß All ihm nicht folgen konnte; Sie wissen ja, daß wir schwer an uns zu tragen haben, wenn wir uns auf der Erde bewegen sollen. Zu schießen wagte All nicht um Tams willen; wenn auch dieser nicht selbst getroffen wurde, so wäre er doch verloren gewesen, sobald der Bär nicht sofort auf der Stelle tot war.

Unsre Bestürzung war groß. Wir suchten den Bären durch Schreien einzuschüchtern, aber er kümmerte sich um nichts. Die Entfernung zwischen ihm und uns vergrößerte sich schnell.

›Wir können ihn nicht stellen‹, rief All, ›doch folgen müssen wir ihm. Ich gehe selbst, zwei Leute genügen zur Begleitung. Die andern zurück aufs Schiff!‹

Jetzt sahen wir, daß der Bär die Richtung auf unsern Arbeitsplatz am Pol einschlug. Unsre Gefährten an der Winde hatten ebenfalls den Vorgang bemerkt. Sie stellten die Arbeit ein und beratschlagten offenbar, ob sie sich dem Schlitten anvertrauen oder auf das Gerüst flüchten sollten, das über der Winde erbaut war. Da der Bär sich schnell näherte, so wählten sie das letztere. Auch sie suchten den Bär durch Lärm zu verscheuchen, aber vergebens.

Als All erkannte, daß der Bär auf die Arbeiter an der Winde zulief, hieß er jeden seiner Begleiter noch ein Gewehr mitnehmen, um sie womöglich ihnen zuzustellen. All hatte noch nicht die Hälfte des Weges zurückgelegt, als der Bär bereits bei der Winde ankam. Wir waren inzwischen, mit Ausnahme Alls und seiner Begleitung, in das Schiff zurückgekehrt und beobachteten von dort den Vorgang. Die Leute auf dem Gerüst ärgerten offenbar den Bären. Er ließ Tam am Fuß des Gerüstes liegen, setzte sich auf die Hinterbeine und schlug seine Tatzen in die Winde ein, als wolle er sie umreißen. Kaum hatte All bemerkt, daß Tam nicht mehr geschleppt wurde, als er auf etwa fünfhundert Meter auf den Bären anlegte. Einen Augenblick zögerte er noch, um eine günstigere Stellung abzuwarten. Da schien es, als wolle der Bär von der Winde ablassen und sich wieder seiner Beute zuwenden.

All drückte los.

Eine Sekunde später sahen wir den Bären zusammenstürzen. Mehr sahen wir nicht. im Moment darauf erhielten wir einen Stoß, daß wir alle übereinander fielen. Als wir uns aufrafften, fanden wir das Raumschiff um wenigstens fünfzig Meter gehoben und vom Wind mit großer Geschwindigkeit davongetrieben. Es war nicht anders denkbar, als daß Alls Kugel das dünne Tau zerschnitten, der Druck des Windes es vollends zerrissen hatte.

Der erste Steuermann übernahm das Kommando. Aber es war sehr schwierig, etwas zu tun.

Die Anker heraus und tiefer!

Das Schiff streifte in drohender Nähe des Eises hin. Wenn die Anker nicht bald faßten, so war keine Aussicht, die Gefährten wiederzusehen.

Aber die Anker tanzten über die völlig glatte, hart gefrorene Fläche des Eises hin, ohne zu fassen. Glücklicherweise leistete uns das lange Seil ausgezeichnete Dienste, an welchem wir das Schiff nach dem Pol hinbugsiert hatten. Es diente uns jetzt als Schleppseil, indem wir es in einer Länge von fast tausend Meter nachzogen. Von Minute zu Minute hofften wir über Spalten zu kommen, in denen es sich vielleicht verfangen könne. Leider wurde der Wind immer stärker und steigerte sich zum Sturm. Wir wußten aus der Karte, daß es nicht mehr lange dauern konnte, bis wir zu der Stelle gelangten, an der das Eisfeld in steilem Abfall nach dem Meer hin abstürzt. Vorher freilich mußten große Bruchspalten kommen, und darauf setzten wir unsre Hoffnung.

Fast eine Stunde mochten wir so dahingerast sein, schon sahen wir in der Ferne das Meer auftauchen – da kamen auch die Spalten. Würde das Tau sich verfangen? Die Anker nutzten uns nichts mehr, denn die Oberfläche des Eises wurde jetzt so unregelmäßig, daß wir uns höher erheben mußten, um nicht gegen einen Vorsprung geschleudert zu werden, und die Ankerseile waren nur kurz. Da, endlich gibt es einen Ruck, daß wir taumeln – doch die Fahrt geht wieder weiter – aber jetzt, jetzt halten wir an, das Seil hat sich gespannt! Doch was ist das? Ein furchtbarer Windstoß von oben drückt unser Schiff nach dem Boden zu; da wir dem Sturm nicht mehr folgen, drängt er uns hinab, das Schiff prallt gegen den Boden und erhebt sich aufs neue – noch ein solcher Stoß, und wir sind verloren. Wir müssen steigen, wir machen uns schwerelos und heben uns in die Höhe. Aber war die Hebung zu stark oder hat die veränderte Richtung das Seil aus der Spalte gelöst – kurzum, es gibt nach, wir schnellen in die Höhe, das Seil hängt frei herab, und wir folgen wieder dem Sturm – wir schweben über dem Absturz des Gletschers, vor uns das wütende, mit Eisschollen erfüllte Meer. – Jetzt blieb nichts übrig, als nach oben zu entfliehen, in höhere Schichten der Atmosphäre. Wir wußten aus der Karte, daß wir eine breite Meeresbucht zu überfliegen hatten, jenseits deren sich hohe feuerspeiende Berge erheben. Schon sahen wir von unsrer Höhe ihre Rauchwolken am Horizont. Wir fliegen immer direkt nach Norden auf einem Meridian, der in der Richtung nach der großen Insel hinläuft, die Sie, wie ich aus Ihrer Karte gesehen habe, Neuseeland nennen. An Landung konnten wir nicht mehr denken, wir mußten hinauf. Aber dazu mußten wir noch eine schwere Arbeit vollbringen, an die ich nicht gern denke. Das Netz um unser Schiff mit dem langen Seil mußte fort. Denn was außerhalb unsrer Kugel ist, können wir nicht diabarisch machen, es hätte unsre Bewegung im Raum gehindert. Ich war der Jüngste, ich mußte in der untern Luke hängend das Seil kappen; dann wurden von oben die Verbindungen des Netzes gelöst, und ich hatte die Aufgabe, die Seile nach unten zu ziehen. Dabei herrschte hier oben eine Kälte, daß das Quecksilber gefror. Glücklicherweise behalten die Lisseile ihre Geschmeidigkeit, sonst wäre die Arbeit unmöglich gewesen. Ich wundere mich noch heute, daß ich nicht abgestürzt bin, denn ich mußte in der Erdschwere arbeiten.

Endlich war auch das geschehen. Die Luken wurden geschlossen, und wir ließen die Erde hinter uns.«


14. Kapitel. Zwischen Erde und Mars

Jo tat einen Zug aus seinem Mundstück und fuhr dann in seiner Erzählung fort.

»Was war nun zu tun? Nach kurzer Ruhepause versammelte uns der erste Steuermann, Mitt hieß er, der später die berühmte Umschiffung des Jupiter ausführte, zu einer Beratung. Sollten wir versuchen, noch einmal die Erdachse zu gewinnen und nach dem Pol zurückzukehren? Sollten wir die Unseren ihrem Schicksal überlassen und die Heimreise nach dem Mars antreten? Wir hatten den vierten Teil unserer Mannschaft und den Kapitän verloren. Es war natürlich, daß wir zu ihnen zurückwollten. Aber es war auch nicht leicht. Eine nochmalige Landung und eine zweite Abfahrt von der Erde verlangten einen solchen Aufwand von Energie und vor allem von Richtschüssen, daß die Gefahr vorlag, dadurch unsre Rückkehr nach dem Mars überhaupt in Frage zu stellen. Trotzdem wurde beschlossen umzukehren, nachdem Mitt eine Berechnung gemacht und gefunden hatte, daß wir unter günstigen Umständen gerade auskommen könnten. Wären wir nämlich nach dem Mars gegangen und wäre von dort sofort ein neu ausgerüstetes Schiff nach der Erde geschickt worden, so hätte doch erst im nächsten Frühjahr den Zurückgebliebenen Hilfe gebracht werden können. Daß sie aber den Polarwinter auf der Erde nicht überstehen konnten, war gewiß.

Alle diese Überlegungen, insbesondere die genauere Berechnung und ihre wiederholte Prüfung, hatten längere Zeit in Anspruch genommen.

Seitdem wir die Atmosphäre der Erde verlassen und in der Richtung der Tangente der Erdbahn uns bewegten, mochten etwa sechs Stunden vergangen sein. Obwohl wir in dieser Zeit einen Weg von über 600 000 Kilometern zurückgelegt hatten, waren wir doch von der Erde selbst, die ja in gleicher Richtung auf ihrer Bahn hinlief, noch kaum 1500 Kilometer entfernt. Wenn wir uns jetzt volle Schwere gaben, konnten wir sie in kurzer Zeit wieder erreichen, und es kam darauf an, uns durch einen mäßigen Korrekturschuß eine solche seitliche Geschwindigkeit zu erteilen, daß wir nach dem Pol gelangten.

Die äußere Kugelhülle unseres Schiffes, in welcher sich die innere Kugel fast ohne Reibung nach jeder Richtung drehen kann, hatte natürlich durch die Abenteuer, die wir bei der Abfahrt und in der Atmosphäre erlebten, eine starke Rotation erhalten. Wir hatten bereits zu unserm großen Mißbehagen bemerkt, daß der Apparat nicht richtig funktionierte, welcher die innere Kugel in ihrer Gleichgewichtslage zu halten hatte, indem wir fortwährend Schwankungen durch die äußere Kugel erlitten. Bis jetzt war jedoch noch keine Zeit gewesen, dem Übelstand abzuhelfen. Nun aber kam es darauf an, die Rotation der äußeren Kugel sowohl wie die Schwankungen der inneren vollständig zu hemmen. Es war dies einerseits wünschenswert, um eine genaue Aufnahme unserer Lage zu machen, obwohl dieser Zweck allenfalls auch durch Momentphotographie erreicht werden kann; andererseits war es durchaus notwendig für die genaue Abgabe des Richtschusses, der durch das Ventil an der Außenseite der äußeren Kugel gelöst wird. Denn wenn dieser auch nur um geringe Differenzen fehlerhaft wird, so können daraus Abirrungen vom Weg entstehen, die nur schwer wieder zu korrigieren sind, für uns aber, die wir keine Kraft zu verschwenden hatten, verhängnisvoll werden konnten.

Als wir nun das Schiff einer genauen Besichtigung unterwarfen, stellte sich zu unserm nicht geringen Schrecken heraus, daß der Winddruck während der Verankerung und das Aufschlagen des Schiffes Formveränderungen der äußeren Kugel bewirkt hatten, die eine umständliche Reparatur erforderten. Bevor diese nicht fertiggestellt war, durften wir keine Schwere geben und überhaupt kein Manöver ausführen. Und diese Reparatur nahm leider, das war zu sehen, einige Tage in Anspruch. Während dieser Zeit mußten wir auf unsrer gradlinigen Bahn verharren, die uns auf Strecken von der Erde entfernte, welche dem Quadrat der Zeit proportional waren.

Aber es war auf dieser Reise, als wenn uns nichts gelingen sollte. Ein neuer Mißstand trat auf.

Der Mond der Erde näherte sich der Stellung, in welcher die Erde Vollmond hat. Unglücklicherweise entfernten wir uns also von der Erde gerade in der Richtung auf den Mond zu. Dies wäre ja für uns ziemlich gleichgültig gewesen, wenn wir in der Nähe der Erde, wenigstens am ersten Tag unsrer Fahrt, unsere Umkehr hätten bewerkstelligen können. Nach Ablauf des dritten Tages aber mußten wir, sobald wir uns der Gravitation unterwarfen, in den Anziehungsbereich des Mondes statt in denjenigen der Erde geraten. Konnten wir also unsere Reparatur nicht vorher beendigen, so hatten wir nur die Wahl, unsere Richtschüsse auf gut Glück bloß zur Verringerung unsrer Geschwindigkeit zu verschwenden oder uns in so weite Entfernung von der Erde hinaustragen zu lassen, daß sich unsere Rückkehr auf lange verzögern mußte. Und wer weiß, ob wir dann unsere Gefährten noch lebend angetroffen hätten?

Wir arbeiteten also in fieberhafter Eile an der Herstellung des Schiffes, um möglichst bald einen sichern Richtschuß abgeben zu können. Und wirklich, im Verlauf des dritten Tages war es gelungen, die Kugeln zeigten keine merkliche Drehung mehr. Es war die höchste Zeit; noch wenige Stunden, und wir hätten den Einfluß des Mondes bekämpfen müssen. Jetzt konnten wir es noch wagen, uns schwerzumachen und der Anziehung der Erde nur durch einen schwachen Korrekturschuß nachzuhelfen.

Die Diabarität wurde aufgehoben. Mit höchster Spannung warteten wir die nächste Beobachtung ab. War in der früheren Berechnung irgendein kleiner Fehler vorgekommen, so konnte es sein, daß wir nach dem Mond statt nach der Erde fielen. Noch stand er über uns, mit seiner glänzenden Scheibe einen beträchtlichen Teil des Himmels verdeckend, denn sein Durchmesser erschien 26mal so groß wie hier von der Erde aus. Deutlich unterschieden wir jede Einzelheit an seiner Oberfläche. Die riesigen Ringgebirge lagen wie zum Greifen vor uns. Die langgestreckten Lavafelder, durch die tiefschwarzen Schatten breiter Risse unterbrochen, glänzten blendend im Sonnenlicht. Unter uns, bereits merklich kleiner als der Mond, schwebte die Erde als matte Scheibe, vom Schimmer des Mondlichts erleuchtet; nur eine schmale Sichel zeigte sich im Strahl der Sonne. Wenn wir uns von der Sonne, die nahe neben der Erde stand, abwendeten, glänzten überall am tiefschwarzen Firmament die Sterne in leuchtender Pracht. Es war ein herrlicher Anblick, aber wir achteten nicht darauf. Wir warteten nur, ob unsere Kugel beginnen würde, sich zu drehen, das heißt, den Boden unter unsern Füßen dem Mond zuzuwenden; dies wäre das Zeichen gewesen, daß wir dem Mond und nicht mehr der Erde tributär waren. Noch näherten wir uns dem Mond, da er noch immer ein wenig vor uns in unserer Richtung stand. Noch überwog die Anziehung der Erde, doch war sie von der des Mondes so geschwächt, daß wir kaum einen Zug nach dem Boden bemerkten; wir mußten uns verhalten wie im schwerelosen Feld. Die Sorge um unsere Gefährten ließ es uns jeden Augenblick erscheinen, als begönnen die Gegenstände sich zu erheben, als wollte unsre innere Kugel sich drehen. Aber noch immer schwebte der Mond über uns.

Endlich hatte Mitt seine Beobachtung beendet. ›Wir kommen durch‹, sagte er. ›Wir sinken.‹ Alle atmeten auf.

Noch eine Viertelstunde, und die Erdschwere machte sich wieder geltend. Die Instrumente ließen deutlich erkennen, daß wir uns der Erde wieder zu nähern begannen. Nun kam es darauf an, den passenden Richtschuß zur Korrektur unsres Falls abzugeben. Wir hätten zwar damit warten können, bis wir der Erde näher waren. Aber je eher wir es taten, um so weniger Energie brauchten wir aufzuwenden. Denn wenn erst unsre Fallgeschwindigkeit größer geworden war, so mußte die Kraft auch um so stärker sein, welche unsre Richtung zu verändern vermochte.

Mit größter Sorgfalt wurde die Bombe gewählt, die äußere Kugel in die berechnete Stellung gebracht und die Entladung durch Verbindung mit dem Chronometer im richtigen Moment bewirkt. Die Reaktion war schwach, und wir schwankten nur wenig auf unsern Plätzen. In wenigen Minuten war alles vollbracht, was wir vorläufig tun konnten. Todmüde suchten wir unsere Lagerstätten auf, denn Ruhe hatte es bis jetzt für uns nicht gegeben.

Ich hatte einige Stunden fest geschlafen, als ich durch ein allgemeines Stimmengewirr aufgeweckt wurde. Ich eilte in den Außenraum, und das erste, was mir in die Augen fiel, war der veränderte Anblick des Mondes. Er war kleiner geworden, wir entfernten uns also von ihm; das beruhigte mich. Aber seine erleuchtete Fläche zeigte eine Abplattung, das heißt, wir sahen auf ein Stück der nicht erleuchteten Mondkugel, das meiner Ansicht nach größer war, als es hätte sein dürfen, wenn wir nach der Erde zu fielen. Schnell begab ich mich nach der unteren Seite, und hier sah ich, daß auch die Erde entschieden an Größe abgenommen hatte. Wir entfernten uns also von beiden Himmelskörpern, und zwar, wie sich sogleich herausstellte, in einer nahezu kreisförmigen Ellipse, deren Ebene mit der der Erdbahn fast einen rechten Winkel bildete.

Wie dies geschehen konnte, ist bis heute unaufgeklärt geblieben. Daß es nicht eher bemerkt wurde, daran trug der Mann schuld, welcher die Wache hatte und aus Übermüdung eingeschlafen war. Sonst hätte er sehr bald am Richtungszeiger den Fehler bemerken müssen, und dann hätte noch ein Korrekturschuß angebracht werden können. Jetzt aber war unsere Entfernung von der Erde bereits so groß geworden, daß wir unsere Richtung fast hätten umkehren müssen, um die Erde wieder zu erreichen. Das durften wir bei unserm geringen Vorrat an starken Richtschüssen nicht tun.

Einige von Ihnen wissen vielleicht, daß Mitt nach unsrer Rückkehr auf den Mars seines Fehlers wegen zur Verantwortung gezogen wurde. Es konnte ihm aber kein Versehen nachgewiesen werden, und er wurde freigesprochen. Die Rechnungen wurden sämtlich aufs genauste geprüft, und es blieben nur zwei Erklärungen übrig. Es war möglich, daß nach dem Verlassen der Erdatmosphäre wegen der mangelhaften Beschaffenheit unsres Schiffes die erste Ortsbestimmung fehlerhaft gewesen ist und dieser Fehler auf die Beurteilung unsrer Richtung oder Geschwindigkeit nachgewirkt hat. Infolgedessen wäre der Korrekturschuß unrichtig abgegeben worden. Es konnte aber auch die Beobachtung als richtig vorausgesetzt und der Rechnung durch die Hypothese genügt werden, daß wir, ohne es zu wissen, während des Schlafs der Wache durch einen unbekannten kosmischen Körper abgelenkt worden sind, den wir, obgleich er ziemlich groß gewesen sein muß, nachträglich nicht bemerkten, weil er bereits in den Erdschatten getreten war.

Nun, wie dem auch sein mochte, wir konnten nicht mehr zur Erde zurück. Unsre Niedergeschlagenheit können Sie sich denken. Sie wurde noch größer, als wir erkannten, wie es mit unsrer Rückkehr zum Mars beschaffen sei.

Gingen wir in unsrer Bahn weiter, so kamen wir nach einem halben Erdenjahr wieder der Erde so nahe, daß wir sie hätten erreichen können. Aber dann hatte der Südpol Winter, und wir wären dort verloren gewesen. Der gewöhnliche Weg nach dem Mars war uns zum Unglück durch einen großen Kometen versperrt, dessen Anziehungsbereich wir berücksichtigen mußten. Ein zweiter Weg – Sie müssen bedenken, daß wir unsre Richtung und Geschwindigkeit nicht so oft und beliebig ändern konnten wie heutzutage –, ein zweiter Weg hätte uns bis in die Nähe der Asteroidenbahnen geführt, und das ist so, als wenn Sie auf dem Meer zwischen unbekannten Klippen segeln wollten. Denn wenn wir auch damals schon gegen 2000 dieser kleinen Planeten kannten, so gibt es doch noch unzählige, die so klein sind, daß wir sie noch nie gesehen haben, kleiner als unsre Kugel, aber genügend, um uns in Grund und Boden zu bohren, wenn wir auf einen treffen. Außerdem hätte auch dieser Weg so lange Zeit in Anspruch genommen, daß es fraglich wurde, ob unser Proviant dazu ausreichte. Alle übrigen Wege waren noch weiter und mußten deshalb verworfen werden. Der Mars stand, wie ich bemerken will, hinter der Sonne, denn seit unsrer Abreise von ihm war ein halbes Erdenjahr vergangen.

Mitt hatte uns das Resultat seiner Berechnungen mitgeteilt und sich dann zu neuen Prüfungen in seine Kajüte zurückgezogen. Wir saßen in uns gekehrt da, jeder machte sich mit dem Gedanken vertraut, unsren lieben Nu nicht wieder zu betreten. Einer der Gefährten äußerte sich endlich dahin, man solle die jetzige Bahn einhalten, nach einem halben Jahr die Erde zu treffen suchen, diese aber am Nordpol anlaufen. Da alsdann dort Sommer wäre so würden wir wahrscheinlich eins unsrer Schiffe antreffen, von dem wir genügende Vorräte bekommen könnten, um im nächsten Südsommer nach dem Südpol zurückzukehren. Die Hoffnung freilich, unsre Gefährten noch zu retten, mußten wir wohl aufgeben, immerhin aber konnten wir auf diese Weise unsre Rückkehr nach dem Mars sichern, selbst für den Fall, daß wir kein Schiff daselbst antrafen. Wir konnten ja dann die günstigste Stellung zur Reise abwarten und fanden auf alle Fälle einige Vorräte in den Depots. Dieser Plan fand allseitigen Beifall, und wir schickten uns eben an, den Kapitän zu rufen, um ihm unsre Vorschläge zu machen, als dieser mit glänzenden Augen unter uns trat und rief: ›Freunde, wollen wir in sechzig Tagen auf dem Mars sein?‹

Wir sprangen auf und umringten ihn. Alle wollten wir näheres hören. Nun –«

Jo unterbrach sich und warf einen Blick auf die Uhr.

»Pik und Spe!« rief er. »ist das schon spät geworden! Nun, ich will schnell ein Ende machen!«

»O bitte, bitte, es ist noch Zeit.«

»Kurz und gut! Mitt hatte den kühnen Plan erdacht, in einer rückläufigen Hyperbel mit kurzer Periheldistanz quer über die Erdbahn weg auf den Mars zu stoßen. Er setzte uns das kurz auseinander. Allerdings mußten wir unsre Richtschüsse bis auf einen letzten, zum Landen bestimmten Notvorrat daran wagen. Nur eine Gefahr war dabei, und deshalb wollte Mitt nicht ohne unsere Einwilligung handeln – wir kamen der Sonne in einer Weise nahe, wie es noch kein Raumschiffer gewagt hatte, und es fragte sich, ob wir die Strahlung würden aushalten können.

Auch der Plan, auf der Erde am Nordpol anzulegen, schien Mitt sehr erwägenswert, und lange wurde hin und her überlegt, was zu tun sei.

Aber Sie wissen ja, in jedem rechten Raumschifferherzen steckt die Lust, das Ungewohnte zu wagen, wenn es einigermaßen aussichtsvoll ist. Den Gefährten konnten wir in diesem Südpol-Sommer doch nicht mehr helfen, und so wurde beschlossen, die kühne Hyperbelfahrt zu versuchen.

Nun, Gott war gnädig, wir sind heimgekommen. Aber die zwei Tage, die wir um die Sonnennähe jagten, die möchte ich nicht wieder erleben. Ich habe manches durchgemacht – solche Glut noch nicht. Wir konnten unsre äußere Stellitkugel nur dadurch vor dem Schmelzen bewahren, daß wir sie schnell rotieren ließen; so strahlte sie die auf der einen Seite empfangene Hitze auf der andern wieder aus – weiß nicht, bekomme sogleich einen wahren Merkursdurst, wenn ich daran denke!«

Damit tat Jo einen tiefen Zug aus seinem Mundstück und erhob sich.

»Schade, schade, daß Sie morgen schon fortgehen!« sagte La zu Jo. »Von der Sonnennähe müssen Sie uns noch einmal erzählen!«

»Wenn's einmal recht kalt ist!«

»Und All? Hat man nichts mehr von ihm gehört?« fragte Grunthe.

»Nichts! Auch bei wiederholten Besuchen des Südpols hat man keine Spuren mehr gefunden, keine Aufzeichnungen. Und nun, Gott befohlen! Auf Wiedersehen morgen vormittags!«

Jo schüttelte den Deutschen die Hände, und alle Martier wiederholten die Begrüßung. Dann zogen sie sich zurück. Nur La und Se blieben noch einige Minuten und redeten ihren Gästen zu, ihre Reise nicht im Winter zu wagen, sondern mit ihnen nach dem Mars zu gehen.

»Lassen Sie sich durch Jos Erzählung nicht bange machen«, sagte La lächelnd. »Wir nehmen jetzt soviel Richtschüsse mit, daß wir allen Hindernissen schleunigst ausweichen können. Die Gefahr lag ja früher darin, daß man auf der Erdoberfläche landen und von dort abreisen mußte; jetzt aber haben wir auf beiden Planeten Stationen außerhalb der Atmosphäre.«

»Solche Besorgnisse würden uns nicht abhalten«, sagte Grunthe ernst. »Wir hoffen ja später mit der Hilfe Ihrer Landsleute auf den Mars zu reisen.«

»Und was hält Sie denn ab, schon jetzt mit uns zu kommen?« fragte Se.

»Die Pflicht«, erwiderte Grunthe.

La und Se schwiegen einen Augenblick. Dann sagte Se mit einem Blick auf Saltner:

»Es gibt auch eine Pflicht gegen die Freunde.«

»Die Pflicht der Dankbarkeit gegen unsre Retter wird mir stets heilig bleiben«, sagte Grunthe, »aber im Falle des Widerstreits entscheidet die ältere –«

»Oder die höhere«, fiel La ein, »und das werden wir schon noch untersuchen.«

»Das wissen Sie ja«, sagte Saltner herzlich, »daß ich nichts lieber täte, als mit Ihnen zu gehen, wohin's auch immer wäre.«

»Mit wem denn?« scherzte La. »Wir wohnen leider auf dem Mars dreitausend Kilometer voneinander.«

»Das ist nicht so schlimm«, erwiderte Saltner. »Sie haben dort gewiß so schnelle Beförderungsmittel, daß man einen Tag hier und einen da sein kann. Und das hat auch seine guten Seiten.«

»Das ist reizend«, rief Se. »Sie passen ausgezeichnet auf den Mars. Wenn wir Sie nun beim Wort nehmen?«

Se und La warfen sich einen Blick des Einverständnisses zu. Dann faßten sie jede einen seiner Finger und sagten gleichzeitig:

»Gebunden.«

Saltner machte ein etwas verdutztes Gesicht, da er nicht recht wußte, was das bedeuten sollte.

»Wieso?« fragte er. »Was soll das sein?«

»Ein Spiel!« rief La, und beide sahen ihn so sonderbar und freundlich an, daß ihm ganz seltsam ums Herz wurde.

»Gehen's«, sagte er etwas verlegen, »Sie wollen mich gewiß zum besten haben. Was muß ich denn jetzt tun?«

»Das wird sich schon finden. Recht liebenswürdig sein müssen Sie!« sagte Se. »Und jetzt gute Nacht! Sie müssen morgen zeitig aufstehen, eigentlich schon heute, der Flugwagen nach der Außenstation geht um ein Uhr.«

»Auf Wiedersehen morgen am abarischen Feld!« rief La.

Und beide nickten ihm freundlich zu, grüßten Grunthe und schwebten mit ihrem leichten, gleitenden Schritt nach der Tür. Die Wolke glühender Funken wogte um Se, und über den schlanken Formen ihres Halses schimmerte der zarte Regenbogen ihres Haars. Über Las Haupt glänzte es wie ein Heiligenschein, und aus ihren tiefen Augen fiel ein langer Blick auf Saltner zurück. Dann schloß sich die Tür. Die Feen der Insel waren verschwunden.

Saltner stand noch lange stumm und blickte nach der geschlossenen Tür. Was meinten sie wohl? Wie sollte er sie verstehen? Und welche von beiden – –

Dann drehte er sich auf dem Absatz herum und pfiff leise vor sich hin.

»Das ist gescheit«, sagte er, »die scheinen halt nicht eifersüchtig. Aber – am Ende ist das gar nicht sehr schmeichelhaft für mich. Wer kann sich auch gleich bei den Feen auskennen? Kommen Sie, Grunthe, wir wollen soupieren.«

Die beiden Männer zogen sich in ihr Zimmer zurück, aßen zu Abend und sprachen dabei hin und her über die Frage, ob sie imstande sein würden, dem Wunsch der Martier zu widerstehen und am Pol zurückzubleiben.

»Ich ging schon gern hin«, sagte Saltner endlich, »aber von Ihnen geh ich nicht, alter Freund. Und nun sehen Sie zu, was Sie durchsetzen.«


15. Kapitel. 6356 Kilometer über dem Nordpol

Grunthe und Saltner ruhten noch in ihren Betten, als bereits im abarischen Feld ein reges Leben herrschte. Die Martier, welche das Raumschiff besteigen sollten, begaben sich in Abteilungen von je vierundzwanzig Personen nach der Außenstation. So viele faßte der Flugwagen, der den Verkehr von der Insel nach dem Abgangspunkt der Raumschiffe vermittelte, nach jenem in der Höhe von 6356Kilometern über dem Pol schwebenden Ring. Es waren also, um die Reisenden und diejenigen ihrer Freunde, die sie bis an das Schiff begleiten wollten, nach dem Ring zu befördern, drei Flugwagen erforderlich. Der Aufstieg nahm ungefähr eine Stunde in Anspruch, und da sich niemals mehr als ein Wagen im abarischen Feld befinden durfte, so verließ der erste Wagen schon am frühsten Morgen, richtiger noch in der konventionellen Schlafenszeit, denn die Sonne ging ja nicht auf noch unter, die Inselstation. Dies war nach der Tageseinteilung, welche die Martier für den Nordpol der Erde festgesetzt hatten, um 11,6Uhr, nach mitteleuropäischer Zeit ungefähr um 11Uhr vormittags, eine Stunde vor dem Aufstehen, wie es sonst auf der Insel üblich war.

Diesmal mußten Grunthe und Saltner freilich etwas früher ihre Ruhe unterbrechen, denn der dritte Flugwagen, der sie nach der Außenstation bringen sollte, verließ die Insel gegen 0,6Uhr, um eine Stunde vor der Abfahrt des Raumschiffes am Ring zu sein.

Die Martier waren schon fast vollständig in der Abfahrtshalle am abarischen Feld versammelt, als Grunthe und Saltner ankamen. Die meisten der Anwesenden waren ihnen bereits bekannt, und alle begrüßten sie aufs liebenswürdigste. Auch Hil, der Arzt, hatte sich eingefunden. Da die Menschen zum erstenmal eine Fahrt im abarischen Feld machten wenn man die unfreiwillige in ihrem Luftballon nicht mitrechnen wollte, so war es ihm von größtem wissenschaftlichem Interesse, ihr Verhalten dabei zu beobachten. Auch konnte man ja nicht wissen, ob nicht vielleicht unter den ungewohnten Bedingungen, denen die Menschen hier ausgesetzt waren, seine Hilfe vonnöten würde. Indessen wußten sich Grunthe und Saltner schon ganz geschickt zu benehmen, als sie die auf Marsschwere gestellte Vorhalle betraten. Zu ihrer Verwunderung sahen sie, daß die Martier die Pelzkragen nicht mehr trugen, in denen sie den Weg über die Insel zurückgelegt hatten, sondern sich in ihrer gewöhnlichen Zimmertoilette befanden.

Hil forderte sie auf, ebenfalls ihre Mäntel abzulegen, da sie nun bis zu ihrer Rückkehr nicht mehr ins Freie kämen. Wagen und Ringstation seien selbstverständlich künstlich erwärmt.

Vergeblich sah sich Saltner nach La und Se um. Schon ertönte das Signal zum Einsteigen, als La eilig hereinkam und die Anwesenden begrüßte. Ihre Blicke flogen alsbald zu Saltner, der sich ihr noch schnell näherte und ihr die Hand reichen wollte. Sie aber legte beide Hände auf seine Schultern und sah ihm zärtlich in die Augen. Die Begrüßung überraschte ihn, er mußte sich einen Augenblick sammeln, denn er wußte, daß diese Form des Willkomms nur unter ganz nahestehenden Freunden oder Liebenden üblich war und ungefähr die Bedeutung eines Kusses unter den Menschen besaß. Aber ihre Blicke gaben ihm schnell den Mut, sie zu erwidern, und zu seiner großen Freude glückte es ihm, ihre Schultern mit seinen Händen zu berühren, ohne zu hoch in die Luft zu greifen, und sie auch wieder zu entfernen, ohne das Gleichgewicht zu verlieren. Nur das rosig schimmernde Haar streiften seine Finger, und er fühlte diese Berührung wie ein leises Überspringen elektrischer Funken.

Schon bestiegen die übrigen den Flugwagen. Hil geleitete Grunthe hinein. La faßte Saltner an der Hand, um ihn beim Hinaufsteigen der ungewohnten Stufen ins Innere des Wagens zu unterstützen. Ehe er dieselben betrat, blickte er noch einmal zurück, um nach Se zu schauen, ob sie nicht käme.

»Heute nicht«, sagte La, seinen Gedanken erratend, »morgen sehen Sie sie wieder. Heute müssen Sie mit mir vorliebnehmen.«

Es war keine Zeit zu Erklärungen. Der Wagen wurde geschlossen. Dies geschah, indem der außenstehende Beamte die Falltür hob, durch welche die Reisenden in das Innere des Wagens gestiegen waren. Der Boden bildete jetzt die ebene, mit weichen Teppichen belegte Fläche eines geräumigen Zimmers. Die Decke war gleichfalls eben, während der ganze Wagen äußerlich die Gestalt einer vollkommenen Kugel besaß. In den beiden Segmenten, welche durch Boden und Decke gebildet waren, befand sich je ein Wagenführer, die beide durch Signale mit der untern wie mit der oberen Station verkehrten.

Nirgends zeigte sich ein Fenster, von der Außenwelt war nichts zu sehen. Eine Anzahl von Kugeln, welche an unsichtbaren Lisfäden von der Decke herabhingen, verbreitete ein angenehmes Licht. Die Deutschen sahen hier zum erstenmal die künstliche Beleuchtung der Martier durch fluoreszierende Lampen, die nur aus absolut luftleer gemachten, durchscheinenden Kugeln bestanden und infolge der schnellen Wechselströme leuchteten, welche von dem mittleren Teil der Wagenwand ausgingen. In diesem befand sich auch der Heizapparat. Das Zimmer hatte im Grundriß die Gestalt eines Quadrats, so daß zwischen seinen Wänden und der Kugel noch Raum für einige kleinere Gelasse blieb. Die Ausstattung war die bei den Martiern übliche mit einem festen Tisch in der Mitte, der zugleich als Büffet diente. Nur dadurch unterschied sie sich von der eines gewöhnlichen Gesellschaftszimmers, daß sich ringsum an den Wänden auffallende Gestelle hinzogen, deren Zweck Grunthe nicht zu erraten vermochte. Er war geneigt, sie für Turngeräte zu halten, und etwas Ähnliches waren sie auch. Eigentümlich waren ferner die Stühle, sämtlich mit Seitenlehnen und Leisten an den Füßen versehen. Diese Stühle konnte man zwar, infolge einer besonderen Mechanik, nach Verlangen hin- und herschieben, nicht aber vom Boden aufheben.

Kaum war der Wagen verschlossen, als ein zweites Signal ertönte. Schnell suchte sich jeder der Martier eines der Gestelle am Rand des Zimmers und begab sich in dasselbe. Grunthe und Saltner wurden angewiesen, wie sie sich dabei zu benehmen hätten. Sie steckten die Füße in schuhartige Vorsprünge am Boden, so daß sie nicht ausgleiten konnten, stemmten sich mit den Armen fest an den zur Seite befindlichen Griffen und lehnten sich mit dem Rücken an die gepolsterte Wand, während der Kopf zwischen weichen Kissen wie in einer Grube ruhte.

»Nun bin ich nur neugierig, was das soll«, sagte Saltner. »Hoffentlich brauchen wir nicht zwei Stunden lang hier als Mumien zu stehen.«

»Es dauert nicht lange«, sagte einer der Martier.

»Halten Sie sich ganz fest«, fügte La hinzu, »von dem Augenblick, in welchem die tiefe Glocke erklingt und das Licht sich verdunkelt, bis es wieder hell wird, und rühren Sie sich ja nicht.«

»Ich folge blindlings «

»Warum « Grunthe wollte etwas fragen. Da erscholl das Signal. Das Licht wurde so schwach, daß man eben nur noch die Stellen sah, wo die Lampen hingen.

Es erfolgte ein dumpfer Knall. Die Insassen der Kugel erlitten eine leichte Erschütterung und fühlten sich kräftig gegen den Boden gedrückt. Unter die Kugel war nämlich ein Behälter mit stark komprimierter Luft gebracht worden, durch deren Entspannung der Flugwagen mit einer Geschwindigkeit von 30Metern pro Sekunde in dem abarischen Feld aufwärtsgeschleudert wurde. Gleichzeitig wurde die Schwere im Feld vollständig kompensiert. Während bisher die Schwerkraft innerhalb der Kugel, der Gewohnheit der Martier entsprechend, immer noch ein Drittel der Erdschwere betragen hatte, war sie jetzt gänzlich aufgehoben.

Das Gefühl, welches die Menschen ergriff, war nicht unangenehm und keineswegs stark, ähnlich wie in einem Bad, nur daß die Berührungsempfindung des Wassers fehlte. Man gewöhnte sich schnell daran und gewahrte nur einen schwachen Blutandrang nach dem Kopf.

Die Lampen wurden wieder hell, und ein Teil der Martier kam vorsichtig aus den Gestellen hervor. Sie machten sich das Vergnügen, in dem absolut schwerelosen Raum durch einen leichten Stoß gegen den Boden bis zur Decke in die Höhe zu schwingen und sich von dort wieder abzustoßen oder eine Zeitlang ohne jede Unterstützung völlig frei in der Luft zu schweben.

Saltner hätte dies gern auch einmal probiert, aber La riet ihm dringend, sein Gestell noch nicht zu verlassen, da es längerer Übung bedürfe, ehe man sich in dem schwerelosen Raum geschickt bewegen könne. Dagegen forderte sie zwei Damen, welche die Fahrt mitmachten, zu einem kleinen Tänzchen auf, und die drei graziösen Figuren schwebten nun, indem sie mit geschickten Bewegungen sich vom Boden und den Wänden abstießen, Hand in Hand um das Zimmer. In ihren wehenden Schleiern glichen sie den Elfen des Märchens, die in der Mondnacht ihren luftigen Reigen führen. Darauf zogen sie sich wieder auf ihre Plätze zurück.

Grunthe nahm sein Fernrohr aus der Tasche, streckte die Hand aus und öffnete sie dann. Das Fernrohr blieb frei in der Luft schweben, ohne zu fallen. Er konnte es sich nicht versagen, selbst einmal zu versuchen, wie es sich ohne Schwere gehe, und trat aus seinem Gestell. Sobald er aber dasselbe losgelassen und den Fuß zum ersten Schritt erhob, verlor er das Gleichgewicht und focht mit Händen und Füßen in der Luft herum, ohne wieder auf den Boden kommen zu können. Es sah ungeheuer possierlich aus, wie der ernste Mann hin- und herstrampelte, und Saltner war sehr froh, daß er Las Rat gefolgt war, sich nicht von seinem festen Punkt fortzuwagen. Erst durch Hilfe einiger Martier kam Grunthe wieder auf den Boden zu stehen und wurde in sein Gestell zurückgeführt.

»Es schadet nichts«, sagte er, »man muß alles versuchen.«

Jetzt erscholl ein neues Signal, worauf alle sich schleunigst in ihre Gestelle begaben. Gleich darauf wurde es ganz dunkel bis auf den matten Schimmer einer Lampe, welche genau die Mitte des Zimmers einnahm. Doch reichte ihr Schein nur aus, ihre Stelle zu bezeichnen, nicht aber, irgendwelche andere Gegenstände zu erkennen.

»Was kommt denn nun?« fragte Saltner.

Hil antwortete ihm. »Bis jetzt«, sagte er, »sind wir ohne Schwere durch den gegebenen Anstoß mit gleichmäßiger Geschwindigkeit gestiegen, und zwar sechs Minuten lang. Wir haben dadurch eine Höhe von ungefähr 10000Metern erreicht. Die Luft ist hier dünn genug, daß wir eine größere Geschwindigkeit annehmen können. Das Feld wird jetzt überkompensiert, das heißt, die Gegenschwere überwiegt nun die Schwere, und wir fallen nach oben, nach dem Ring zu. Sie werden bald merken, daß unsere Geschwindigkeit stark zunimmt, denn unser Fall nach dem Ring beschleunigt sich natürlich rasch.«

In der Tat bemerkten Grunthe und Saltner bald dasselbe Gefühl, welches sie bei sehr beschleunigtem Fallen des Ballons zu haben pflegten. Es war, als würde ihnen der Boden unter den Füßen entzogen.

»Was ist denn das?« rief Saltner. »Wir stürzen ja ab!«

»Freilich fallen wir«, lachte La, »aber nach oben, das heißt, von der Erde fort.«

»Ich fühle doch, daß der Boden unter den Füßen sich senkt.«

»Ganz richtig, aber wo, glauben Sie, daß die Erde sich befindet?«

»Nun, doch unter uns!«

»Fehlgeschossen! Sie stehen jetzt auf dem Kopf wie ein Antipode. Die Erde ist über Ihrem Scheitel, unsre Füße sind dem Ring der Außenstation zugekehrt, wohin jetzt die Richtung der Fallkraft hinweist.«

»Ach, liebste La, wollen Sie mich denn vollständig verdreht machen?«

Als Antwort hörte er ihr leises Lachen.

Es wurde wieder hell. Nichts im Zimmer hatte sich verändert.

Die Martier verließen nun ihre Gestelle und bewegten sich wie gewöhnlich im Zimmer.

Auch Grunthe und Saltner bemerkten, daß sich das eigentümliche Gefühl des Fallens ziemlich verloren hatte. Doch kam dies nur daher, daß sie sich daran gewöhnt hatten. Tatsächlich flog die Kugel mit immer größerer Geschwindigkeit auf ihr Ziel zu, von der Erde fort, und diese Geschwindigkeit sollte sich allmählich bis auf die kolossale Zahl von gegen zweitausend Meter in der Sekunde steigern.

Der untere Teil der Kugel, unter dem Fußboden, war beschwert, so daß sich die Kugel je nach der Richtung der Fallkraft immer mit dem Boden des Zimmers nach unten einstellte. Diese Drehung hatte sich sofort vollzogen, als das Feld überkompensiert wurde und die Beschleunigung nach oben begann. Aber die Insassen hatten gar nichts davon bemerkt, da sie fest in ihren Gestellen ruhten und die Wirkung der Schwere im Anfang so gering war, daß es zu ihrer Aufhebung keiner merklichen Muskelkraft bedurfte. Sie standen jetzt, im Vergleich zu ihrem Aufenthalt am Pol, tatsächlich auf dem Kopf; im Vergleich zu der auf sie wirkenden Anziehungskraft befanden sie sich jedoch in der normalen Lage; sie standen auf ihren Füßen. Immerhin mußten sich Grunthe und Saltner vorsichtig bewegen, da das Feld nur um ein Drittel der Erdschwere überkompensiert war, das heißt so, daß die Insassen der Kugel unter einer anziehenden Kraft standen, wie sie sie auf dem Mars gewohnt waren. Die Menschen zogen es daher vor, sich auf den Sesseln am Tisch niederzulassen und dort zu bleiben. Es fehlte nicht an Unterhaltung mit den Martiern, die jetzt zu ihren Piks gegriffen hatten. Hil hatte sich überzeugt, daß die Menschen die Schwerelosigkeit leicht ertrugen. Saltner saß Hand in Hand mit La in vertraulichem Gespräch. Niemand kümmerte sich um sie.

Eine halbe Stunde etwa nach der Abfahrt von der Erde mußten die Insassen des Wagens auf das gegebene Signal noch einmal ihre Plätze in den seitlichen Verschlägen einnehmen. Der Wagen hatte jetzt seine größte Geschwindigkeit erreicht und über die Hälfte seines Weges zurückgelegt. Es kam nunmehr darauf an, seine Geschwindigkeit zu vermindern und so zu regulieren, daß er gerade innerhalb des Ringes zur Ruhe kam. Dies geschah, indem man die Erdschwere wieder wirken ließ. Diese besaß jedoch in dieser Höhe nicht mehr die volle Stärke wie am Pol, sondern war nur noch etwa so groß wie auf dem Mars, ja auf dem Ring selbst betrug sie nur ein Viertel der unten herrschenden Schwere. Der Wagen glich jetzt einem Körper, den man mit großer Geschwindigkeit in die Höhe geworfen hat und der sich nun mit abnehmender Geschwindigkeit dem höchsten Punkt seiner Bahn nähert. Der Fußboden des Wagens mußte sich demnach wieder der Erde zuwenden, und diese Drehung wartete man bei verdunkeltem Wagen in den schützenden Gestellen ab. Den übrigen Teil der Fahrt über konnte man sich nach Belieben im Wagen bewegen, nur kurz vor der Ankunft wurden die Gestelle wieder aufgesucht. Denn der letzte Teil des Weges mußte mit gleichmäßiger, nicht sehr bedeutender Geschwindigkeit zurückgelegt werden, um das Anhalten des Wagens im richtigen Zeitpunkt zu regulieren. Dazu aber war es notwendig, diese Strecke abarisch, ohne jede Schwere zu durchlaufen, bis das Wiedereinstellen der Schwere in der letzten Sekunde den Wagen anhielt.

Man bemerkte kaum das Anhalten des Wagens, so allmählich war es geschehen. Das Fallnetz hatte sich unter ihm geschlossen und war nach der Befestigung des Wagens wieder entfernt worden. Die Tür im Boden wurde geöffnet.

Ehe die Reisenden den Wagen verließen, versahen sich alle mit Schutzbrillen für die Augen, da hier oben das direkte Sonnenlicht durch keine Atmosphäre gemildert war und alle Gegenstände, auf die es traf, in blendendem Glanz erscheinen ließ, während sich die Schatten tiefschwarz abhoben. Nun trat man in die mittlere Galerie des Ringes.

Die Martier durchschritten dieselbe und begaben sich sogleich durch die Tür, welche die Überschrift trug Vel lo nu Raumschiff nach dem Mars , nach der oberen Galerie, über welcher das Raumschiff ruhte. Grunthe und Saltner dagegen wurden von Hil und La zunächst durch eine andere Tür nach der unteren Galerie geleitet, und zwar nach derjenigen, welche den Ring auf seiner äußeren Seite umzog.

Eine zweite solche untere Galerie umgab den Ring auf der inneren Seite und enthielt die Apparate, durch welche das abarische Feld kontrolliert wurde. Hier befanden sich auch die Arbeitsräume der Ingenieure. Um nach der äußeren Galerie durch einen Verbindungsweg zu gelangen, mußte man zunächst die innere durchschreiten, und La begrüßte ihren Vater Fru, dem die Leitung der Außenstation oblag. Die äußere, sechs Meter breite Galerie sprang noch etwa zwei Meter über die Seitenwand des Ringes vor, so daß man an dieser vorüber in die Höhe blicken konnte. Sie diente als Aussichtsraum, von welchem aus der Blick auch nach der inneren Seite des Ringes frei war, so daß man nach unten den ganzen Horizont beherrschte.

Ihrer vollen Länge nach hatte man nach Art eines Balkons eine Brüstung angebracht, so daß man glaubte, von diesem erhabenen Standpunkt aus direkt ins Freie zu sehen. Tatsächlich war man durch den vollkommen durchsichtigen Stoff der Außenwand vom luftleeren, eisigen Weltraum geschieden. Aber die in weiten Zwischenräumen sich folgenden Träger dieser Galerie hinderten ebensowenig die Aussicht wie der weiter oberhalb sich drehende durchbrochene Schwungring. Die Stelle, an welcher Grunthe und Saltner mit ihren Begleitern die Galerie betraten, lag von der Sonne abgewendet, so daß die Strahlen derselben, trotz ihres niedrigen Standes, durch die ganze Breite des über der Galerie befindlichen Ringes abgeblendet wurden. Sie standen in einer geheimnisvollen Dämmerung, die nur durch den Reflex des Mondlichtes auf dem einen Rand der Galerie und durch denjenigen des Erdlichtes an der Decke über ihnen erhellt wurde.

Tiefschwarz lag der Himmel ringsum, über ihnen, an den Seiten, zu ihren Füßen; auf dem schwarzen Grund glänzten die Sterne in nie geschauter Klarheit, ohne zu funkeln, als tausend ruhig leuchtende Punkte. Im ersten Augenblick glaubten die Forscher in einen tiefen See zu blicken, in welchem der Himmel sich spiegele. Dann erst erkannten sie, daß sie zu ihren Füßen einen großen Teil der Sternbilder des südlichen Himmels vor sich hatten. Denn ihr Blick beherrschte den Himmel bis zu sechzig Grad unter den Horizont des Nordpols.

In der Mitte zu ihren Füßen schwebte die Erde als eine glänzende Scheibe. Sie hatte die Gestalt des zunehmenden Mondes kurz nach seinem ersten Viertel, doch erblickte man auch den von der Sonne nicht beleuchteten Teil, da ihn das Licht des Mondes in einen schwachen Schimmer hüllte. Die ganze Scheibe der Erde erschien unter einem Gesichtswinkel von sechzig Grad und erfüllte somit gerade den dritten Teil des Himmels unterhalb des Horizontes. Die Schattengrenze schnitt das Eismeer in der Nähe der Jenisseimündung, so daß der größte Teil Sibiriens und die Westküste Amerikas im Dunkel lagen. Hell glänzten die Gletscher an der Ostküste Grönlands im Schein der Mittagssonne, und als ein strahlender weißer Fleck hob sich Island aus den dunklen Fluten des Atlantischen Meeres. Der westliche Teil des Ozeans und der amerikanische Kontinent waren nicht zu erkennen. Über ihnen ruhte eine nur selten unterbrochene Wolkenschicht, deren obere Seite die Sonnenstrahlen in blendendem Weiß zurückwarf, so daß ihr Anblick ohne die schützenden Augengläser unerträglich gewesen wäre. Dagegen lag die Karte von ganz Europa, wenigstens in seinem nördlichen Teil, in günstigster Beleuchtung vor den entzückten Blicken. Unter dem Einfluß eines ausgedehnten Hochdruckgebiets war die Luft dort völlig klar und rein, so daß man die nördlichen Inseln und Halbinseln und die tief eingeschnittenen Meeresbuchten deutlich erkannte. Weiterhin verschwammen die Formen der Ebenen in einem bläulich-grünlichen Luftton, aber als feine helle Linien blitzten für ein scharfes Auge die Ketten der Alpen und selbst des Kaukasus auf. In matterem Licht schimmerte der Rand des beleuchteten Teils der Scheibe, und nur an der Schattengrenze bezeichneten einige helle Lichtpunkte den Untergang der Sonne für die Schneegipfel des Tianschan und des Altai.

In tiefem Schweigen standen die Deutschen, völlig versunken in den Anblick, der noch keinem Menschenauge bisher vergönnt gewesen war. Noch niemals war es ihnen so klar zum Bewußtsein gekommen, was es heißt, im Weltraum auf dem Körnchen hingewirbelt zu werden, das man Erde nennt; noch niemals hatten sie den Himmel unter sich erblickt. Die Martier ehrten ihre Stimmung. Auch sie, denen die Wunder des Weltraums vertraut waren, verstummten vor der Gegenwart des Unendlichen. Die machtvollen Bewohner des Mars und die schwachen Geschöpfe der Erde, im Gefühl des Erhabenen beugten sich ihre Herzen in gleicher Demut der Allmacht, die durch die Himmel waltet. Aus der Stille des Alls sprach die Stimme des einen Vaters zu seinen Kindern und füllte ihre Seelen mit andächtigem Vertrauen.

La hatte Saltners Hand ergriffen, sanft lehnte sie sich an seine Schulter, und mit der Rechten auf den hellsten der Sterne weisend, der unterhalb des Horizonts des Pols leuchtete sagte sie leise: »Dort ist meine Heimat.«

Saltner zog sie an sich und sprach: »Und dort meine Erde, ist sie nicht schön?«

Grunthe holte sein Relieffernrohr hervor und trat dicht an den inneren Rand der Galerie, welcher den Blick auf den Nordpol gestattete. Auch ihn hatte die Erinnerung an die so greifbar nahe vor ihm ausgebreiteten und doch so unerreichbaren fernen Lande seiner Heimat weichgestimmt. Aber er wollte nichts wissen von dem, was La und Saltner sich zu sagen hatten. Ihn beschäftigte jetzt, nachdem das Überwältigende des ersten Eindrucks vorüber war, vor allem der Gedanke, wie er es ermöglichen könne, die Reise über die Eisfelder und Meere des Polargebiets zurückzulegen. Und er wollte die günstige Gelegenheit benutzen, von hier oben den Weg zu überblicken, den er auf den Karten der Martier schon wiederholt studiert hatte. Ein kleiner dunkler Fleck direkt unter ihm stellte das Binnenmeer am Pol vor, und mit seinem Glas konnte er die Insel in der Mitte desselben erkennen. Er wandte sich mit einer Frage an Hil, der ihn an eine andere Stelle der Galerie führte.

»Sie können hier«, sagte er, »die Erde bequemer mit einem unsrer Apparate betrachten, der Ihnen eine hundertfache Vergrößerung gibt. Später sollen Sie im Laboratorium unser großes Fernrohr mit tausendfacher Annäherung kennenlernen.«

La blickte lange nach der Erde hinab. Dann sagte sie in ihrer langsamen, tiefen Sprechweise: »Größer und schöner mag eure Erde sein, aber ich müßte dort sterben in eurer Schwere. Und schwer wie die Luft sind eure Herzen. Ich aber bin eine Nume.«

Sie ließ das schützende Augenglas herabfallen und wendete ihm voll das Gesicht zu. In ihrem Blick flammte wieder jene unbeschreibliche Überlegenheit, welche den Menschenwillen brach. Aber es war nur ein Moment. Dann wechselte der Ausdruck ihrer Züge, ihre Wimpern senkten sich über die Sterne ihrer Augen, und Saltner fühlte, wie ein Strom von Wärme ihrem Antlitz entstrahlte, das sie nun zur Seite wandte.

Vom Zauber ihrer Nähe hingerissen, beugte er sich ihr entgegen und drückte seine Lippen auf ihren Hals.

La zuckte zusammen. Schon fürchtete Saltner, sie beleidigt zu haben, aber sie wandte sich mit einem glücklichen Lächeln und duldete seinen Kuß auf ihren Mund.

»Geliebte La«, flüsterte er, »wie glücklich machst du mich! Ist es denn möglich, du Wunderbare, daß ein armer Mensch eine Nume lieben darf?«

Sie sah ihn freundlich an und antwortete: »Ich weiß es nicht, was ihr Liebe nennt und was ein Mensch darf. La aber darf dem Menschen nicht zürnen, ohne den sie den Nu nicht wiedersehn würde doch, mein Freund«, und ihr Blick wurde ernst, »vergiß nicht, daß ich eine Nume bin.«

»Aber ich liebe dich!«

»Ich will es nicht verbieten, nur vergiß niemals«

»Das verstehe ich nicht, wenn ich nur dein sein darf«

»Die Liebe der Nume macht niemals unfrei«, sagte La.

»Und wenn du mich lieb hast «

»Wie Nume lieb haben. Und du mußt wissen, wenn sie es tun, daß dies niemand etwas angeht als sie selbst, und daß. Ich weiß es auf deutsch nicht recht zu sagen«

»Auf martisch versteh ich's ganz gewiß nicht, aber ich weiß«, und Saltner zog ihre Hand an seine Lippen, »ich weiß, daß du« Seine beredten Schmeichelworte wurden durch die Annäherung Hils unterbrochen.

»Wenn wir vor dem Abgang noch einen Blick in das Schiff werfen wollen«, sagte er, »so ist es jetzt Zeit.«

»Schon?« rief La. »Wir haben die Erde noch gar nicht durchs Fernrohr betrachtet.«

»Das können wir noch vor der Rückfahrt.«

»Aber dann ist es vielleicht in Deutschland schon Abend«, sagte Saltner, »ich möchte doch gern«

»Durchaus nicht«, erwiderte Hil. »In einer halben Stunde ist alles vorüber, und dann haben Sie erst ein Viertel nach drei Uhr. Aber lassen Sie uns jetzt eilen!«


16. Kapitel. Die Aussicht nach der Heimat

Die vier Besucher des Ringes begaben sich über die mittlere Galerie nach der Treppe zur oberen. Hier gelangten sie in die weite Halle, von welcher aus die Abfahrt der Raumschiffe stattfand. Das rege Leben, das hier geherrscht hatte, begann sich jetzt zu beruhigen. Denn die Einschiffung der Abreisenden war vollendet, und ihre Begleiter verließen soeben das Schiff. Die Luke sollte geschlossen werden.

Hil mit seiner Begleitung hatte sich doch verspätet, und so mußten Grunthe und Saltner sich diesmal darauf beschränken, das Raumschiff von außen zu betrachten. Sie trösteten sich damit, daß in drei Tagen bereits eine neue Abfahrt stattfände; überdies fesselte sie der Anblick, der sich ihnen darbot, zur Genüge.

Die riesige Halle besaß einen Radius von 60Meter. An ihrer Decke, und zwar rings um den Rand herum, befanden sich kreisförmige Einschnitte. Auf fünf von ihnen ruhte je ein Raumschiff, so daß das untere Segment desselben in die Halle hineinragte und von hier aus zugänglich war. Der überwiegende Teil jedes Raumschiffs befand sich natürlich oberhalb der Decke nach außen, wodurch die Halle, wenn man sie von oben her hätte betrachten können, wie von fünf Riesenkuppeln gekrönt erschienen wäre. Bei vollbesetzter Station hätten sich acht Kuppeln über der Halle erhoben. Die Martier waren imstande, acht Raumschiffe gleichzeitig auf der Station zu halten. Die vorhandenen fünf Schiffe sollten in dreitägigen Zwischenräumen die Station verlassen; sie vermochten sämtliche anwesende Martier fortzufahren, so daß also der Aufenthalt der Martier auf der Insel in fünfzehn Tagen beendet sein mußte. Man konnte durch die vollständig durchsichtige Decke die Außenseite der Schiffe genau betrachten. Sie stellten vollkommene Kugeln dar, die mit ihrem größten Umfang noch weit über den Rand der Galerie hinausragten. Auch nicht der geringste Vorsprung, nicht die kleinste Unebenheit war an ihnen zu entdecken. Die äußeren Hüllen dieser Kugeln waren durchsichtig. Man erblickte hinter ihnen die innere Kugel, den eigentlichen Schiffsraum, von welchem aus eine Reihe von Öffnungen in den Zwischenraum zwischen beiden Kugeln hineinführte. Dieser über zwei Meter breite Raum trug in regelmäßiger Anordnung allerlei Gerüste, die den verschiedenen Zwecken der Raumfahrt dienten. Jetzt waren sie zum größten Teil von den Martiern besetzt, die mit ihren Freunden in der Abfahrtshalle noch Abschiedsgrüße austauschten.

An der tiefsten Stelle der Kugel befand sich ein abgegrenzter Raum, der die Kommandobrücke bildete. Hier erschien jetzt Jo. Er warf einen Blick auf die Apparate, die rings um seinen Platz angeordnet waren. Dann grüßte er mit einer Handbewegung in die Halle hinein und drückte auf einen Knopf. In diesem Augenblick leuchtete zu seinen Füßen auf der Innenseite der durchsichtigen Kugel das Bild eines Kometen und der Name des Schiffes, das der Komet hieß, in bläulichem Fluoreszenzlicht auf. Dies war das Zeichen, daß der Komet bereit war, seine Reise anzutreten.

Man hatte schon vorher die ganze Galerie, die sich um ihre vertikale Achse drehen ließ, für die Abfahrt passend eingestellt. Genau in der Sekunde, in welcher diese stattfinden sollte, mußte der Punkt der Galerie, wo das Schiff sich befand, von der Sonne abgewendet stehen. Denn sobald das Schiff bei seiner Abfahrt völlig schwerelos gemacht wurde, bewegte es sich in der Tangente der Erdbahn. Da aber die Erde gleichzeitig in ihrer Bahn fortlief, so hatte dies zur Folge, daß das Schiff in bezug auf die Erde sich auf einer Linie entfernte, welche genau von der Sonne fortwies. Nach dieser Richtung hin also mußte die Bahn frei sein. Die Sonne hatte den niedrigen Stand von gegen sieben Grad über dem Horizont, die Bewegung wich somit von der horizontalen wenig ab.

Die Martier im Innern der Abfahrtshalle fuhren jetzt auf Schienen eine eigentümliche Hebemaschine unter das Schiff. Sie bestand in einem oben offenen, unten geschlossenen Zylinder, welcher dazu diente, das Schiff aus seinem Lager zu heben und gleichzeitig die Öffnung der Abfahrtshalle luftdicht zu schließen. Der Zylinder wurde in die Höhe geschraubt und hob dadurch auf seinem oberen Rande das fast schon schwerelos gemachte und darum leicht bewegliche Schiff empor. Als das Schiff so hoch gebracht war, daß sein tiefster Punkt höher stand als das Dach der Halle, wurde der Hebungszylinder angehalten. Auf ein gegebenes Zeichen mußte er herabfallen und damit das Schiff freigeben.

Der entscheidende Augenblick nahte. Die vollkommene Diabarie des Schiffes mußte genau in dem berechneten Moment eintreten, wenn nicht die Disposition der ganzen Raumreise dadurch verändert werden sollte.

Jo hatte seinen Blick auf die Uhr gerichtet, während seine Hand den Griff des diabarischen Apparats umfaßt hielt. Mit größter Aufmerksamkeit beobachtete ihn der Ingenieur im Innern der Halle, um das Zeichen zum Fallen des Stütz-Zylinders zu geben.

Jetzt blickte Jo hinab und drückte auf den Griff. Zugleich sank der Zylinder nach unten. Die riesige Kugel schwebte, vollständig frei, dicht über dem Dach der Halle.

Die Martier im Schiff und in der Halle schwenkten grüßend Hände und Tücher. Mit angehaltenem Atem folgten Grunthe und Saltner dem wunderbaren Schauspiel, das so gar keine Ähnlichkeit mit dem Aufstieg eines Luftballons hatte. Es schien den Menschen, als müßte die freischwebende Riesenmasse sie im nächsten Augenblick zerschmettern.

In den ersten Sekunden bemerkte man kaum, daß das Raumschiff sich bewege, denn die Abweichung von der Erdbahn, welche in der ersten Sekunde nur 3Millimeter beträgt, steigt nach 10Sekunden erst auf 30Zentimeter. Nach einer Minute aber war die Entfernung schon auf 11Meter gewachsen. Die Kugel passierte jetzt den Rand der Galerie und schwebte frei über der unendlichen Tiefe, 6300 Kilometer hoch über der Erde. Selbst die geübten Luftschiffer Grunthe und Saltner überkam ein beängstigendes Gefühl, als sie das Schiff so ganz langsam, ohne jede bemerkbare Triebkraft, über den Abgrund ziehen sahen. Schon wuchs die Entfernung merklicher. Nach zwei Minuten war es 44, nach drei Minuten 100 Meter entfernt, und immer mehr verschwanden die wehenden Tücher. Genau in der Richtung der Sonnenstrahlen, sanft nach unten geneigt, hart am Rand des übrigens im leeren Raum nicht sichtbaren Schattens des Ringes zog das Schiff hin. Die Kugel wurde sichtlich kleiner; nach zehn Minuten hatte sie einen Abstand von 1100Metern erreicht.

»Es ist nun hier weiter nichts mehr zu sehen«, sagte Hil zu Saltner. »Wenn es Ihnen recht ist, werfen wir jetzt einen Blick auf die Erde durch unsern großen Apparat.«

»Wie lange kann man den Komet noch erblicken?« fragte Grunthe.

»Mit dem Fernrohr«, erwiderte Hil, »können wir ihn so lange sehen, bis er Richtschüsse gibt und durch den Erdschatten geht. Wie mir Jo sagte, beabsichtigt er dies zu tun, sobald er 1000Kilometer von hier entfernt ist. Das wird in 5Stunden der Fall sein. Nachher entfernt er sich natürlich mit viel größerer Geschwindigkeit, weil er von der Erdbahn abbiegt.«

»Kann man die Lösung der Richtschüsse von hier beobachten?«

»Davon sehen Sie gar nichts. Ich will Ihnen jetzt etwas Interessanteres zeigen, und Sie sollen mir mancherlei erklären.«

In der inneren auf der Unterseite des Ringes befindlichen Galerie traf die kleine Gesellschaft auf Las Vater, der erst jetzt Saltner und Grunthe freundlich begrüßte, da er bisher zu sehr mit der Expedition des Schiffes beschäftigt gewesen war. Hil bat um Erlaubnis, das große Instrument der Station benutzen zu dürfen. Fru erklärte sich gern bereit, selbst die Einstellung zu übernehmen.

»Aber du mußt die ganz starke Vergrößerung anwenden«, sagte La schmeichelnd zu ihrem Vater, »der arme Bat hier möchte einmal sehen, wo er zu Hause ist.«

»Und die neugierige La auch, nicht wahr? Nun, du weißt, es kommt alles auf die Beleuchtung an.«

Es gesellten sich noch einige andere Martier hinzu, die ebenfalls die Gelegenheit wahrnehmen wollten, sich die Erde von ihren Bewohnern erklären zu lassen.

»Ach«, sagte Saltner leise zu La, »das wird eine große Gesellschaft, da werden wir wohl nicht viel zu sehen bekommen.«

»Warte nur ab«, antwortete sie ebenso, »das wird gerade hübsch. Du weißt ja gar nicht, wie man bei uns ins Fernrohr sieht.«

Man sammelte sich vor einer geschlossenen Tür.

»Sie denken vielleicht«, sagte La, »daß bei uns jeder für sich durch ein Rohr guckt. Onein, das ist viel bequemer.«

Fru öffnete die Tür. Man trat in ein vollständig verdunkeltes Zimmer, das nur künstlich durch eine Lampe beleuchtet war. Die eine Wand war rein weiß, alle übrigen schwarz angestrichen. Man gruppierte sich vor der weißen Wand, im Vordergrund La, Saltner und Grunthe als Gäste neben ihr. Hinter den Zuschauern befand sich ein Gestell mit verschiedenen Apparaten und Meßinstrumenten, von welchem aus schwarz angestrichene Rohre nach der Decke liefen. Hier stellte sich Fru auf. Das Licht verlosch. Nur die Schrauben und Skalen der Apparate phosphoreszierten in schwachem Eigenlicht.

Als Fru den Verschluß des Suchers öffnete, projizierte sich auf der Wand ein Teil des südlichen Sternenhimmels, und nach einigen Verschiebungen erschien das Bild der Erde, nicht vergrößert, aber sehr scharf in allen Umrissen. Es nahm fast die ganze Fläche der Wand ein, und man konnte deutlich die Abnahme der Beleuchtung an der Schattengrenze beobachten, die jetzt schon etwas weiter nach Westen gerückt war. Zum Glück zeigte sich der Himmel über Deutschland ganz klar, so daß Fru nicht zweifelte, die stärkste Vergrößerung anwenden zu können. Fru ersuchte Grunthe, ihm auf dem Bild an der Wand die Stelle zu bezeichnen, an welcher ungefähr die Hauptstadt seines Landes zu suchen sei. Grunthe deutete auf einen Punkt in Norddeutschland und Fru stellte nun den Projektionsapparat so ein, daß dieser Punkt genau in die Mitte des Bildes kam. Jetzt wandte er hundertfache Vergrößerung an, um die Stadt Berlin erkennen zu lassen. Die Entfernung von der Außenstation bis nach Berlin betrug 8600Kilometer; bei der angewandten Vergrößerung wurden also die Gegenstände bis auf 86Kilometer nahegerückt, und es war somit möglich, Ausdehnungen von etwa hundert Meter Länge zu unterscheiden und bei besonders heller Beleuchtung auch noch kleinere. Der Kreis an der Wand, der jetzt freilich sehr viel lichtschwächer erschien, zeigte sich von bräunlichen und grünlichen Streifen und Vierecken bedeckt, die an zahlreichen Stellen von dunkleren, unregelmäßigen Flecken unterbrochen waren; jene waren die bebauten Felder, diese die dazwischen liegenden Wälder und Seen.

Grunthe hatte richtig geschätzt. An der rechten Seite des Bildes waren die ausgedehnten Seen der Havel bei Potsdam unverkennbar, links erschien noch der Lauf der Oder bei Frankfurt auf dem Bild. Eine verwaschene Stelle nach rechts unten zeigte die von Rauch erfüllte Atmosphäre der Millionenstadt an. Diese wurde nun in die Mitte der Projektion gebracht und nochmals um das Zehnfache vergrößert. Dadurch rückte die Stadt bis auf kaum neun Kilometer an den Standpunkt des Beschauers heran. Es war, als ob man sie aus einem dreitausend Meter über dem Nordende der Stadt schwebenden Luftballon betrachtete, nur freilich bei einer außerordentlich matten Beleuchtung. Der auf der Wand abgebildete Kreis umfaßte in Wirklichkeit einen Durchmesser von zehn Kilometern.

Dem Mangel an Licht, welcher eine Folge der Projektion bei starker Vergrößerung war, konnten die Martier durch eine ihrer genialen Erfindungen abhelfen; sie schalteten in den Gang der Lichtstrahlen ein sogenanntes optisches Relais ein. Die Strahlen passierten dabei eine Vorrichtung, durch welche sie neue Energie aufnahmen, und zwar jede Farbengattung genau Licht derselben Art und im Verhältnis ihrer Helligkeit. Dadurch erhielt das ganze Bild, ohne seinen Charakter zu verändern, die erforderliche Lichtstärke. Eins aber konnte freilich nicht entfernt werden der über der ganzen Stadt lagernde Dunst und Qualm. Die Felder nördlich von der Stadt und ein Teil der Vororte waren zu erkennen. Man bemerkte die feinen Linien, von einem Rauchwölkchen gekrönt, welche die der Hauptstadt zustrebenden Eisenbahnzüge vorstellten. Das Häusermeer selbst aber verschwamm in einem grauen Nebel, über den nur die Türme und Kuppeln der Kirchen hervorragten. Deutlich erkannte man den Reflex der Sonne an dem Dach des Reichstagsgebäudes und an der Siegessäule.

Grunthe und Saltner hatten natürlich schon öfter Gelegenheit gehabt, bei ihren Gesprächen mit den Martiern die wichtigsten geographischen und politischen Aufklärungen über die Menschen zu geben. Sie würden noch besseres Verständnis dafür gefunden haben, wenn nicht die Inselbewohner als Techniker hauptsächlich mathematisch-naturwissenschaftlich gebildet gewesen wären, so daß ihre historischen Kenntnisse nur der allgemeinen Bildung der Martier entsprachen. So wußten diese bloß im allgemeinen zu sagen, daß ihnen die Einrichtungen der Erde auf dem Standpunkt zu stehen schienen, den man auf dem Mars als Periode der Kohlenenergie bezeichnete. Sie lag für die Geschichte der Martier um mehrere hunderttausend Jahre zurück. Rassen, Staaten und Stände in heißem Konkurrenzkampf um Lebensunterhalt und Genuß, die ethischen und ästhetischen Ideale noch nicht rein geschieden von den theoretischen Bestimmungen, der Energieverbrauch ganz auf das Pflanzenreich angewiesen, ob diese Energie nun von der Landwirtschaft aus den lebenden oder von der Industrie aus den begrabenen Pflanzen, den Kohlen, gezogen wurde.

»Woher kommen diese Nebel über Ihren großen Städten?« fragte einer der Martier.

»Hauptsächlich von der Verbrennung der Kohle«, erwiderte Grunthe.

»Aber warum nehmen Sie die Energie nicht direkt von der Sonnenstrahlung? Sie leben ja vom Kapital statt von den Zinsen.«

»Wir wissen leider noch nicht, wie wir das machen sollen. Übrigens sind die Kohlen doch nur zurückgelegte Zinsen, die unsere geehrten Vorfahren im Tierreich nicht aufzehren konnten.«

»Die Wolken sind häßlich, man kann ja nichts deutlich sehen«, sagte La.

»Ich wünschte«, sprach Hil mehr für sich als zu den andern, »wir hätten bei uns einen Teil Ihrer Wolken. Welch gewaltige Wasserbecken haben Sie auf der Erde!«

»Es ist aber hier an der Stadt wirklich nichts zu sehen«, bemerkte Fru. »Die Luft ist zu unruhig in größerer Höhe über der Stadt, wir bekommen keine klaren Bilder.«

»Lassen Sie uns einmal meine Heimat schauen«, rief Saltner. »Bitt' schön! Da ist die Luft klar wie auf dem Mars.«

»Das wollen wir sehen«, sagte La. »Aber Heimweh dürfen Sie nicht bekommen.«

»Ich will Ihnen sagen, wie Sie reisen müssen. Drehen Sie einmal so, daß wir nach Westen kommen«

»Wie weit ist es bis nach Ihrer Heimat?«

»Von Berlin? Nun so siebenhundert Kilometer oder etwas mehr werden's wohl sein.«

»Nun, da kommen wir doch rascher zum Ziel, wenn wir erst noch einmal die hundertfache Vergrößerung nehmen und dann einstellen. So, jetzt dirigieren Sie. Das Bild faßt nunmehr hundert Kilometer im Durchmesser.«

»Also westlich bitte aber nicht zu schnell, sonst erkenn ich nichts. Das ist Potsdam, nun weiter. Das ist die Elbe meinen Sie nicht, Grunthe? Das dort muß Magdeburg sein halt! Nun immer direkt südlich.«

Fru ließ die Karte von Deutschland über die Tafel wandern. Der Harz, die Hügel- und Waldlandschaften Thüringens und des fränkischen Jura zogen schnell vorüber, die bayerische Hochebene beherrschte das Bild.

»Das dort muß München sein, da ist's schön!« rief Saltner. »Bitte, machen Sie einmal groß. Und dann erst weiter, dann kommen die Alpen.«

Fru stellte den Apparat wieder auf tausendfache Vergrößerung und schaltete das optische Relais ein. Die Hauptstadt Bayerns zeigte ihre Kuppeln.

»Jetzt dachte ich doch wirklich einen Augenblick«, rief La, »dort eine Frau zu erkennen. Aber das müßte ja eine seltsame Riesin sein.«

»Das ist sie auch«, sagte Saltner lachend. »Es ist die Bildsäule der Bavaria, die Sie sehen.«

»Bavaria? Wodurch hat sich die Frau so verdient gemacht, daß man ihr Bildsäulen setzt? Hat sie ein Problem gelöst?«

»Die Bierfrage«, sagte Saltner.

»Die Bildsäule stellt die Personifikation eines unsrer Staaten vor«, erklärte Grunthe.

»Warum nehmen Sie aber dazu nicht einen Mann?« fragte La wieder.

»Das hätte Grunthe auch sicher getan, wenn er gefragt worden wäre«, neckte Saltner.

»Ich denke«, sagte Grunthe, »es ist Zeit weiterzureisen.«

»Nun immer weiter nach Süden!« rief Saltner.

Die Vorberge der Alpen erschienen im klaren Licht der Nachmittagssonne. Ein dunkler Bergsee erfüllte die Wand, dahinter erhoben sich die Spitzen der bayerischen Alpen

»Der Walchensee!« rief Saltner.

»Das ist schön so schön gibt es nichts bei uns«, sagte La.

»Wartens nur«, rief Saltner, der jetzt alles um sich und beinahe selbst La vergaß. »Es kommt noch schöner. Nun drehens nur langsam!«

Es war ein wunderbares Wandelpanorama, das sich jetzt entfaltete. Je höher die Gebirgswelt anstieg, um so klarer und reiner wurde die Luft und damit die Schärfe der Bilder. Man betrachtete das Gebirge aus einer Entfernung von neun Kilometern und unter einem Neigungswinkel von annähernd zwanzig Grad, also wie aus einer Höhe von dreitausend Metern, doch so, daß man unter dieser Neigung stets einen Umkreis von zehn Kilometern Durchmesser vor sich hatte, entsprechend einem Flächenraum von achtzig Quadratkilometern. So sah man jetzt gerade den Nordabfall der Karwendelwand vor sich, aber man blickte darüber hinweg auf die dahinterliegenden Gebirgsketten. Alles dies erschien im höchsten Grade plastisch, genau wie ein Relief der Gegend; denn das Fernrohr wirkte durch seine Konstruktion wie ein Stereoskop.

So schob sich die Gegend nach und nach vor den Blicken der Zuschauer vorüber, als ob dieselben in einem Luftballon schnell darüber hinschwebten. Der Einschnitt des Inntals wurde passiert, und nun leuchteten hell im Sonnenstrahl die Ferner der Ötztaler Alpen. Fru war bei der Drehung des Fernrohrs nach Westen abgewichen. Wieder erblickte man den schmalen Streifen eines tief eingeschnittenen Tales, und dahinter erschien eine herrliche Berggruppe, alle Gipfel mit glänzendem Weiß bedeckt.

»Was ist denn das«, rief Saltner, »da sind wir von der Richtung abgekommen. Das ist der Ortler! Nun müssen Sie wieder nach Osten drehen so immer weiter! Sehen Sie, immer an diesem Streifen hin, das ist nämlich das Etschtal, und jetzt können Sie gerad hineinschauen, hier schwenkt es nach Südost ab. Noch immer weiter, bis es ganz nach Süden geht da da schaun Sie hin ah, wie schade, aus dem Tal steigt die Luft so unruhig in die Höhe, aber die Etsch können Sie durchschimmern sehn. Und jetzt, ganz langsam, noch ein bißchen, hier, die Berge am linken Ufer, hier ist's wieder klar nun bitte, halt!«

Er beugte sich ganz dicht vor, daß der Schatten seines Kopfes auf die Wand fiel und die andern nicht mehr gut sehen konnten.

»Da, da ist's«, rief er jubelnd, »ich kann's deutlich erkennen. Das ist die alte Burg, links daneben liegt das Haus, mein Haus Jesus Maria ich kann's wahrhaftig sehen, wie ein kleines, weißes Pünktchen! Da wohnt mein Mutterl.«

Jetzt beugte auch La sich vor.

»Wo?« fragte sie.

Mit der Spitze einer Nadel bezeichnete Saltner den Punkt.

Ihre Köpfe berührten sich. Lange betrachtete La die Gegend, als wollte sie sich jede Einzelheit einprägen. Saltner trat beiseite.

»Ich hab nun genug geschaut, mir tun die Augen weh«, sagte er und zog sich auf einen der Stühle zurück. Er bedeckte die Augen mit der Hand und saß schweigend. La setzte sich neben ihn und drückte leise seine Linke.

Nach längerer Pause, während deren Fru die Schattengrenze der Erde betrachten ließ, die jetzt schon bis an den Ural vorgerückt war, sagte La zu Saltner: »Du möchtest wohl jetzt den Mars nicht mehr sehen?«

»Warum nicht?« entgegnete Saltner. »Ich will ihn auch liebgewinnen aber du mußt verzeihen! Es ist ein bissen viel auf einmal, was jetzt durch meinen dummen Menschenverstand geht.«

»Ja, ihr armen Menschen«, sagte La, »es wird wohl noch ein Weilchen dauern, eh ich recht begreife, wie es in solchem Kopf aussieht. Die Heimat liebhaben und die Eltern und die Freunde, das ist gut. Und was gut ist, wie kann das traurig machen?«

»Wenn man es nicht hat «

»Nicht hat? Wie kann man das nicht haben, was doch nur vom Willen abhängt? Wer kann dir die Treue nehmen, die du für recht hältst? Diese Liebe hast du doch, ob hier oder dort, weil du sie selbst bist.«

»Aber La, kennt ihr Nume die Sehnsucht nicht?«

»Die Sehnsucht? Siehst du, du törichter Lieber, was wirfst du doch durcheinander! Also bist du gar nicht gut aus reinem Willen, sondern dich treibt das Verlangen nach dem Besitz. Und aus diesem Widerstreit bist du traurig. Oh, was seid ihr für Wilde!«

»So würdest du dich nie nach mir sehnen?«

»Nach dir? Das ist doch ganz etwas anderes. Ich hab dich doch nicht lieb, weil es Pflicht ist, weil es gut ist, sondern lieb hab ich dich, weil es schön ist zu lieben und geliebt zu werden. Deine Nähe wünsche ich, wie ich den Ton des Liedes wünsche, um mich an seiner Schönheit zu erfreuen aber nein, das ist auch noch nicht richtig, du könntest denken, das sei nur ein Mittel zur ästhetischen Lust nein, so brauch ich deine Liebe und Nähe, wie der Künstler die eigne Seele braucht, um das Schöne zu schaffen. Ach, ich komme mit eurer Sprache nicht zurecht. Ihr sprecht von Liebe in hundertfachem Sinn. Ihr liebt Gott und das Vaterland und die Eltern und die Kinder und die Gattin und die Geliebte und den Freund, ihr liebt das Gute und das Schöne und das Angenehme, ihr liebt euch selbst, und das sind doch absolut verschiedene Zustände des Gemüts, und immer habt ihr nur das eine Wort.«

»Ich will dich ja ohne alle Worte lieben, du kluge La«

Sie blickte tief in seine Augen und sprach: »Wie nennt ihr das, was niemals wirklich ist, was man nur in der Phantasie sich vorstellt, und indem man es sich vorstellt, ist das Glück wirklich in uns? Wie nennt ihr das?«

Saltner zauderte mit der Antwort, und La fuhr fort: »Und das, was man wollen muß, ob es auch nicht glücklich macht, und was im Wollen erfreut, wenn es auch nicht wirklich wird, wie nennt ihr das?«

»Ich glaube«, erwiderte Saltner, »das erste nennen wir schön, und das zweite gut.«

»Und wenn ihr eine Frau liebt, rechnet ihr das zum Schönen oder zum Guten?«

Es kam zu keiner Antwort.

»Was ist das?« hörte man plötzlich Fru laut rufen. Eine Bewegung entstand bei den Martiern. Sie drängten sich nahe an die Wand und hefteten ihre Augen auf eine bestimmte Stelle des Bildes, das soeben vom Fernrohr projiziert wurde.

Grunthe hatte Fru gebeten, ihm die Einrichtung des Apparats zu erklären. Hierbei hatte Fru die Schrauben hin und her gedreht, das Bild der Erde war nicht mehr im Gesichtsfeld, zahllose Sterne liefen infolge der Umdrehung der Erde über den projizierten Teil des Himmels. Jetzt setzte Fru, weiter demonstrierend, das Uhrwerk in Gang, welches das Fernrohr der Erdbewegung entgegen drehte, so daß die Sterne auf dem Bild stillstanden. Fru warf einen Blick auf den Teil des Himmels, der sich zufällig eingestellt hatte. Es war ein Stückchen der südlichen Krone, das sich abbildete. Verwundert blickte er schärfer hin. Er kannte die Stelle zu genau, als daß ihm nicht ein Stern hätte auffallen sollen, der sich sonst nicht hier befand. Einer der Asteroiden konnte es nicht sein. Er änderte die Einstellung ein wenig und erkannte daran, daß der fragliche Körper sich in verhältnismäßig großer Nähe befinden müsse.

Dies hatte ihn zu dem lauten Ausruf veranlaßt. Aufmerksam prüften alle den Lichtpunkt, der sich deutlich von den Bildern der Fixsterne als eine kleine rötliche Scheibe unterschied.

»Es ist ein Schiff!« rief endlich einer der Martier.

»Der Komet?« fragte Grunthe.

»Das ist nicht möglich«, sagte Fru. »Es ist der Glo! Kein Zweifel, er ist an seiner roten Farbe kenntlich, es ist das Staatsschiff.«

»Die Ablösung!« hieß es in den Reihen der Martier.

»Und Instruktionen von der Regierung«, rief Fru.

»Wie lange Zeit braucht das Schiff noch bis zur Ankunft?« fragte Grunthe.

»Darüber können noch Stunden vergehen. Aber trotzdem muß ich leider um Entschuldigung bitten, daß ich Ihnen heute den Mars nicht mehr zeigen kann. Ich hoffe, es wird nächstens Gelegenheit dazu sein. Denn ich muß sofort die Vorbereitungen zur Landung treffen. Und deshalb, so leid es mir tut, muß ich auch den Flugwagen früher als beabsichtigt hinabgehen lassen. Sie müssen also die Güte haben, sich zur Rückfahrt nach der Insel bereitzuhalten.«

Fru verabschiedete sich herzlich von Grunthe, Saltner und La, und diese wie die übrigen Martier begaben sich nach der Abfahrtsstelle der Flugwagen, um auf die Insel zurückzukehren.


17. Kapitel. Pläne und Sorgen

Als Saltner am folgenden Morgen in Grunthes Zimmer trat, fand er diesen bereits eifrig mit Schreiben beschäftigt.

»Schon so fleißig?« fragte Saltner. »Sie haben wohl noch nicht einmal gefrühstückt?«

»Nein«, sagte Grunthe, »ich warte auf Sie. Ich habe nicht schlafen können und unsere Lage nach allen Seiten hin erwogen. Wir haben Wichtiges zu besprechen.«

Beide pflegten, ohne sich um die martische Sitte des Alleinspeisens zu bekümmern, ihre Mahlzeiten gemeinschaftlich in ihren Privatzimmern einzunehmen. Hier bot sich ihnen fast die einzige Gelegenheit, sich völlig ungestört auszusprechen.

»Nun«, sagte Saltner, nachdem sie sich aus den Automaten die Teller und Becher gefüllt hatten, die zu ihrer Reiseausrüstung gehörten denn es war ihnen bequemer, nach europäischer Art zu speisen, »nun, schießen Sie los, Grunthe! Ich höre.«

Grunthe sah sich um, ob die Klappen des Fernsprechers geschlossen seien. Dann sagte er leise:

»Ich habe die Überzeugung, daß sich unser Schicksal heute entscheiden wird. Und nach allem, was ich aus den Gesprächen der Martier entnommen habe, insbesondere gestern bei der Rückfahrt, erwartet man, daß das Staatsschiff den Befehl mitbringen wird, uns nach dem Mars zu transportieren.«

»Ich glaube, Sie haben recht«, erwiderte Saltner. »Soweit ich mit La darüber gesprochen habe, sieht sie es als bestimmt an, daß wir beide mit nach dem Mars gehen, und wir werden wohl schließlich einfach dazu gezwungen werden.«

Grunthe sah starr geradeaus. Dann sprach er langsam: »Ich gehe nach Europa zurück.«

Seine Lippen zogen sich zu einer geraden Linie zusammen. Sein Entschluß war unabänderlich.

Saltner blickte ihn erstaunt an.

»Na«, sagte er, »ich gebe zu, daß wir alle Kräfte daranzusetzen haben, unsrer Instruktion nachzukommen, das heißt, nach Auffindung des Nordpols auf dem kürzesten Wege heimzukehren. Und wenn ich auch eine Reise nach dem Mars in schöner Gesellschaft nicht so übel fände, so habe ich doch einen gewissen Horror vor Balancierkünsten und insbesondere vor diesen furchtbar fetten Speisen ich denke noch mit Entsetzen an die flüssige Butter oder was es war, das wir neulich zum Frühstück erhielten und bei dem Klima bleibt einem ja nichts übrig, als früh, mittags und abends ein Pfund Fett zu verschlingen«

Grunthe runzelte die Stirn.

»Ja, Ihnen tut das nichts, Sie wissen ja nie, was Sie essen«, er klopfte ihn auf die Schulter. »Seien Sie nicht böse, ich kann es nur nicht leiden, wenn Sie dieses fürchterlich ernste Gesicht machen. Aber ohne Scherz, was ich sagen wollte, ist dies: Wie stellen Sie sich denn das vor, gegen den Willen der Martier von hier fort- oder woanders hinzukommen, als wo man Sie freundlichst hinkomplimentiert?«

»Der Gewalt muß ich weichen«, erwiderte Grunthe. »Aber verstehen Sie, nur der Gewalt. Ich werde mich ihr indessen zu entziehen suchen.«

»Denken Sie die Nume zu überlisten?«

»Ich würde selbst das versuchen, wenn sie wirklich Gewalt brauchten, denn ich würde dann meinen, mich im Zustand der Notwehr zu befinden. Aber nach alledem, was ich von ihnen weiß, glaube ich nicht, daß sie so unwürdig und barbarisch handeln. Sie werden nur keine Rücksicht auf uns nehmen und uns dadurch in die Lage versetzen, ihnen freiwillig auf den Mars zu folgen.«

»Wie meinen Sie das?«

»Ich habe mir überlegt, sie werden uns nicht mit Gewalt einschiffen; das wäre ein Bruch des Gastrechts. Aber sie werden uns nicht erlauben, länger auf der Insel zu bleiben, als bis dieselbe für die Wintersaison geräumt wird. Und das kann man ihnen nicht verdenken, wenn sie uns nicht im Winter hierlassen wollen, während die Wirte selbst bis auf ein paar Wächter das Haus verlassen. Und somit werden wir vor die Alternative gestellt werden, entweder mit nach dem Mars zu ziehen oder die Heimreise mit unzulänglichen Mitteln bei Beginn des Polarwinters und wahrscheinlich bei widrigen Winden anzutreten. Und das ist es, was ich Ihnen sagen wollte. Wir müssen auf diesen Fall vorbereitet sein und genau wissen, was wir wollen; und ich muß wissen, wie Sie darüber denken. Denn ich bin überzeugt, daß der heutige Tag nicht ohne Ultimatum vorübergeht.«

»Das ist eine kitzlige Sache, liebster Freund. Unter diesen Umständen könnte es sicherer sein, auf dem kleinen Umweg über den Mars nach Berlin oder Friedau zurückzukehren. Nehmen Sie an, wir kommen glücklich über das Eismeer und geraten nicht in einen der Ozeane, aber wir gelangen nach Labrador oder Alaska oder nach Sibirien oder sonst einer dieser lieblichen Sommerfrischen wenn wir dann überhaupt wieder herauskommen, so ist doch vor dem Sommer an keine Heimkehr zu denken; und für den Sommer haben uns die Martier ja sowieso versprochen, uns wieder herzubringen.«

»Die Gefahren kann ich leider nicht leugnen, aber wir müssen sie auf uns nehmen. Es ist doch immer die Möglichkeit vorhanden, daß wir nach Hause kommen oder wenigstens bis zu einem Ort, von welchem aus wir Nachricht geben können. Und das scheint mir das Entscheidende. Wir dürfen nichts unterlassen, die Kunde von der Anwesenheit der Martier am Pol den Regierungen der Kulturstaaten zu übermitteln, ehe jene selbst in unsern Ländern eintreffen. Man muß in Europa wie in Amerika vorbereitet sein.«

Saltner nickte nachdenklich. »Wenn wir unsre Brieftauben noch hätten! Aber die armen Dinger sind alle ertrunken.«

»Sehen Sie«, fuhr Grunthe noch leiser fort, »ich fürchte, wir können die Sachlage nicht ernst genug nehmen. Wir haben eine wissenschaftliche Pflicht; in dieser Hinsicht könnte man vielleicht sagen, daß wir ein Recht hätten, die sicherste Heimkehr zu wählen, auch daß der Besuch des Mars eine so unerhörte Tat wäre, daß sie die Übertretung unserer Instruktion entschuldigen könnte, obwohl sie dies für mein Gewissen nicht tut. Bitte, lassen Sie mich aussprechen. Wir haben aber nach meiner Überzeugung außerdem eine politische und kulturgeschichtliche Pflicht, wenn man so sagen darf, die uns zwingt, alles daranzusetzen, selbst den geringsten Umstand auszunutzen, der uns eine Chance bietet, der Ankunft der Martier zuvorzukommen. Wer garantiert Ihnen, was die Vereinigten Staaten des Mars beschließen, wenn sie erst im vollen Besitz der Nachrichten über die Erdbewohner sind? Und selbst, wenn sie uns Wort halten, durch welche unbekannten Einflüsse können sie uns nicht verhindern, das zu tun, was für die Menschen das Richtige wäre? Wenn wir erst zugleich mit ihnen in Europa ankommen, wenn die Regierungen überrascht werden, ist es vielleicht zu spät, die geeigneten Maßregeln zu treffen.«

»Ich hätte unsre Stellung nicht für so verantwortlich gehalten«, sagte Saltner.

»Und ich sage Ihnen«, sprach Grunthe weiter, »nach reiflicher Überlegung Sie wissen, daß ich keine Phrasen mache ist es mir klar geworden, daß, solange die Menschheit existiert, von dem Entschluß zweier Menschen noch niemals so viel abgehangen hat wie von dem unsrigen.«

Saltner fuhr in die Höhe. »Das ist ein großes Wort«

»Ein ganz bescheidenes. Wir sind durch Zufall in die Lage versetzt worden, einen Funken zu entdecken, der vielleicht einen Weltbrand entfacht. Unsere Entscheidung gleicht nicht der des Machthabers, der über Völkerschicksale bestimmt, sondern der des Soldaten, der sein Leben aufs Spiel zu setzen hat, um eine wichtige Meldung zur rechten Zeit zu überbringen. Sie werden mir zugeben, daß es noch niemals für die zivilisierte Menschheit ein bedeutungsvolleres Ereignis gegeben hat, als es die Berührung mit den Bewohnern des Mars sein muß. Die Europäer haben so viele Völker niederer Zivilisation durch ihr Eindringen vernichtet, daß wir wohl wissen können, was für uns auf dem Spiel steht, wenn die Martier in Europa Fuß fassen.«

»So wollen Sie überhaupt verhindern, daß die Martier in Europa aufgenommen werden?«

»Wenn ich es könnte, würde ich es tun. Aber wir sind einfache Gelehrte, wir haben keine politischen Entscheidungen zu fällen. Und eben darum dürfen wir unter keinen Umständen auf eigene Faust den Martiern die Hand bieten, dürfen nicht mit ihnen zugleich nach Europa gelangen, sondern wir müssen versuchen, den Großmächten die Nachricht von dem Bevorstehenden so zeitig zu bringen, daß sie sich über ihr gemeinsames Vorgehen entschließen können, ehe die Luftschiffe der Martier über Berlin und Petersburg, über London, Paris und Washington schweben.«

»Um Gottes willen, Sie sehen die Sache zu tragisch an. Die paar hundert Martier werden uns nicht gleich zugrunde richten; und wenn sie uns gefährlich werden, ist es immer noch Zeit, sie wieder hinauszuwerfen. Aber es ist doch viel wahrscheinlicher, daß wir sie als Freunde aufnehmen und den unermeßlichen Vorteil ihrer überlegenen Kultur für uns ausbeuten.«

»Die Frage ist zu schwer, um sie jetzt zu diskutieren, und wir eben müssen dafür sorgen, daß sie an den entscheidenden Stellen zur rechten Zeit erwogen werden kann. Nur unterschätzen Sie ja nicht die Macht der Martier. Denken Sie an Cortez, an Pizarro, die mit einer Handvoll Abenteurer mächtige Staaten zerstörten. Und was will die Kultur der Spanier gegenüber den Mexikanern oder Peruanern bedeuten im Vergleich zu dem Fortschritt von Hunderttausenden von Jahren, durch welchen die Martier uns überlegen sind? Das eben ist meine größte Sorge, daß man diese Überlegenheit überall unterschätzen wird, wenn nicht wir, die wir das abarische Feld und die Raumschiffe gesehen haben, soviel an uns ist, darüber Aufklärung verbreiten.«

»Sehen Sie nicht zu schwarz, Grunthe?«

»Ich will es von Herzen hoffen. Aber das sage ich Ihnen als meine Überzeugung: Mit dem Augenblick, in welchem das erste Luftschiff der Martier über dem Lustgarten erscheint, ist das deutsche Reich ein Vasall, der von der Gnade der Martier, vielleicht von der Gnade irgendeines untergeordneten Kapitäns lebt, und so alle übrigen Staaten der Erde.«

»Daran habe ich noch nicht gedacht.«

»Was wollen Sie gegen diese Nume tun? Ich will gar nicht von ihrer moralischen Überlegenheit und ihrer höheren Intelligenz reden; durch diese werden sie wahrscheinlich Mittel finden, uns nach ihrem Willen zu lenken, ehe wir es merken. Denken Sie allein an ihre technische Übermacht.«

»Man wird ihnen ihre Luftschiffe, die übrigens noch gar nicht fertig sind, einfach mit Granaten entzweischießen, oder man wird sie auf der Erde, wo sie nur kriechen können, gefangennehmen.«

»Das kann vielleicht mit der ersten Abteilung geschehen, die zu uns kommt; aber der Mars hat doppelt soviel Bewohner als die ganze Erde. Das zweite Luftschiff würde uns vernichten. Lieber Saltner, Sie haben vorgestern gehört, was Jo von der Raumschiffahrt erzählte. Durch ihre Repulsitschüsse erteilen die Martier einer Masse, die auf der Erde zehn Millionen Kilogramm wiegt, Geschwindigkeiten von 30, 40, ja bis 100Kilometern. Wissen Sie, was das heißt? Leute, die das können, werden aus Entfernungen, wohin kein irdisches Geschütz trägt, ganz Berlin in wenigen Minuten in Trümmer legen, falls sie dies wollen. Die Europäer können dann einmal erleben, was sie sonst an den Wohnstätten armer Wilden getan haben. Freilich werden die Martier zu edel dazu sein. Sie hätten es wohl auch nicht nötig. Sie können die Schwerkraft aufheben. Was nützt uns die größte, tapferste, glänzend geführte Armee, wenn auf einmal Bataillone, Schwadronen und Batterien zwanzig, dreißig Meter in die Luft fliegen und dann wieder herunterfallen? Ich weiß, ich werde die Regierungen nicht überzeugen, aber die Pflicht habe ich, unsre Erfahrungen mitzuteilen. Schon die Freundschaft der Martier halte ich für gefährlich, ihre Feindschaft für verderblich. Kommen sie vor oder mit uns zu den Menschen, so werden sie dieselben so für sich einnehmen, daß unsere Warnung, unsere Beschreibung ihrer Macht zu spät kommt. Deshalb ist mir der Entschluß gereift, daß unsere Abreise so bald wie möglich vor sich geht. Ich werde sofort zur Instandsetzung des Ballons schreiten.«

»Es versteht sich von selbst, daß ich Ihnen dabei helfe.«

»Das nehme ich natürlich an. Aber es ist eine andere Frage, Saltner es ist vielleicht richtiger, daß ich allein zurückgehe, während Sie die Studien auf dem Mars fortsetzen.«

»Das ist unmöglich, allein können Sie nicht«

»Doch, ich kann sogar besser allein zurück. Der Ballon ist kaum noch für zwei Personen tragfähig. Fahre ich allein, so kann ich mich auf viel längere Zeit verproviantieren, ich gewinne dadurch an Wahrscheinlichkeit, bis in bewohnte Gegenden zu gelangen. Beobachtungen will ich jetzt natürlich nicht mehr machen, also genügt eine Person vollständig zur Leitung des Ballons. Und andererseits ist es vielleicht von größter Wichtigkeit zu erfahren, was die Martier inzwischen vorgenommen haben«

»Nein, Grunthe, ich kann und will mich nicht von Ihnen trennen.«

»Ich sage Ihnen, es wird das beste sein. Überlegen Sie sich die Sache. Und nun an die Arbeit.«

Sie räumten unter ihrem Gepäck auf.

Die Klappe des Fernsprechers erklang. Saltner wurde in das Sprechzimmer gerufen.

»Sehen Sie zu«, rief ihm Grunthe nach, »daß Sie unsern Ballon herausbekommen. Wie ich bemerkt habe, hat man ihn unter Verschluß gebracht, was auch ganz vernünftig war. Lassen Sie ihn auf das Inseldach hinaufschaffen.«

Saltner hatte gestern mit La nicht mehr ungestört sprechen können. Es war den ganzen Abend über viel Besuch im gemeinsamen Zimmer gewesen, man erwartete eine Nachricht über die Landung des Staatsschiffes. Doch hatte man sich trennen müssen, ehe eine solche eingelaufen war. Daß Se nicht mehr zum Vorschein gekommen war, hatte Saltner kaum bemerkt. Der Gedanke an La erfüllte ihn ganz, und dennoch sagte er sich selbst, daß er in seinem Liebesglück nur einen Traum sehen dürfe, dem jeden Augenblick ein unerwartetes Erwachen folgen könne. Aber warum nicht träumen?

Diesen Feen gegenüber konnte er, der arme Bat, gewiß kein Unglück anrichten, sie würden ihn aufwachen lassen, wann sie wollten. Doch wie hätte er ihnen widerstehen können?

Es war ihm wie eine Enttäuschung, daß er jetzt nicht La, sondern Se im Sprechzimmer vorfand. Sie begrüßte ihn mit derselben Liebenswürdigkeit und Vertraulichkeit wie gestern La, doch aber wieder anders, ihrem lebhafteren Wesen entsprechend. Und als er nach den ersten Minuten der Unterhaltung neben ihr saß, zog es ihn mit so unwiderstehlicher Macht zu ihr hin, daß er sein Gefühl gegen La gar nicht von dem gegen Se zu unterscheiden wußte. Nur einen neuen, eigentümlichen Reiz hatte es durch die Veränderung der Persönlichkeit gewonnen.

Wundersamerweise war es ihm nun gar nicht möglich, nach La zu fragen, und Se erwähnte ihrer mit keinem Wort. Aber er konnte es nicht unterlassen, ihr zu sagen, wie glücklich es ihn mache, neben ihr zu weilen, ihr ins Auge zu sehen und ihre Stimme hören zu dürfen.

Sie ließ ihn ausreden und antwortete dann mit einem hellen Lachen, das aber durchaus nichts Beleidigendes für ihn hatte.

»Das freut mich ja sehr«, sagte sie, »daß wir nun so gute Freunde geworden sind. Sie haben mir gleich von Anfang an gut gefallen. Es ist merkwürdig, ihr Menschen seid so ganz anders, und doch oder vielleicht darum habt ihr etwas, wodurch man sich zu euch hingezogen fühlt.«

Saltner ergriff ihre Hand.

»Freilich kennt man euch auch noch zu wenig. Vielleicht verdient ihr gar nicht«

»Ich hoffe, liebste Freundin, mich werden Sie immer bereit finden, ihnen zu dienen.«

»Daran zweifle ich gar nicht«, lachte Se, »man weiß nur nicht, ob Sie nicht einmal vergessen, daß wir Nume doch in vielem anders denken«

»Es ist nicht schön, mich sogleich daran zu erinnern, daß ich armer Mensch es gewagt habe«

»Sie verstehen mich nicht, Sal, wie könnt' ich mich überheben wollen? Nur doch das führt zu nichts, jetzt auseinanderzusetzen, was erst erfahren sein will. Ich bin ja auch zu ganz anderem Zweck hierhergekommen. Obwohl aus wirklicher Freundschaft«, setzte sie hinzu.

Jetzt erst fiel es Saltner wieder aufs Herz, vor welch wichtiger Entscheidung er stünde. Er wurde sehr ernst. Er wußte nicht, was er zuerst sagen sollte.

Se kam ihm zuvor.

»Sie wissen, daß der Glo angekommen ist?« fragte sie.

»Ist er schon gelandet?«

»Diese Nacht. Er bringt wichtige Nachrichten für Sie mit. Und deshalb bin ich hierhergekommen.«

»Sie wollen mir einen Rat geben, liebe Se? Und Sie werden uns Ihre Hilfe nicht versagen?«

»Soweit ich darf. Amtlich habe ich nichts erfahren, sonst wäre ich nicht hier. Aber was jedermann bei uns weiß, darf ich auch Ihnen sagen. Machen Sie sich darauf gefaßt, daß Sie mit uns nach dem Nu reisen.«

Saltner schwieg nachdenklich.

»Ich habe so etwas erwartet«, sagte er dann. »Ich bin in einer fatalen Lage.«

»Sie machen ein erschrecklich böses Gesicht«, sagte Se, indem sie ihm mit ihrer Hand freundlich über die Stirn strich. »Ich weiß ja schon, daß Sie sehr gern mit uns kämen und doch Ihren Freund nicht verlassen wollen. Aber er wird auch mit uns kommen.«

»Das wird er nicht«, platzte Saltner heraus. »Das heißt«, fuhr er fort, »wenn Sie uns mit Gewalt zwingen«

»Zwingen? Wie meinen Sie das?«

»Nun, Sie sind die Stärkeren. Sie können uns einfach als Gefangene auf Ihr Schiff bringen.«

»Können? Ich weiß nicht, ich verstehe Sie nicht recht, liebster Freund. Man kann doch immer nur das, was nicht Unrecht ist. Ihre Sprache ist so unklar. Sehen Sie diesen Griff? Sie sagen, ich kann ihn drehen, und meinen, ich habe die physische Möglichkeit dazu. Wenn ich aber drehe, so versinkt der Sessel unter Ihnen, und so kann ich ihn nicht drehen, das heißt, ich kann es nicht wollen. Diese moralische Möglichkeit oder Unmöglichkeit können Sie auch nicht anders ausdrücken. Könnte es denn bei Ihnen vorkommen, daß Sie Menschen aus dem Wasser erretten und ihnen dann das Leben nehmen? Und die Freiheit, ist das nicht noch schlimmer?«

»Ich weiß nicht«, sagte Saltner, »wie man bei uns verfahren würde, wenn Europäer auf einer Insel in einem fremden Weltteil, wo noch keine zivilisierte Macht Fuß gefaßt hat, ein reiches Goldlager entdeckten und, um dasselbe zu sichern, eine Befestigung anlegten; wenn dann Kundschafter der Eingeborenen in diese Befestigung gerieten ich weiß nicht, ob wir uns nicht das Recht zuschreiben würden, diese Wilden um unserer eigenen Sicherheit willen an der Rückkehr zu verhindern. Das scheint mir ungefähr die Lage zwischen Ihnen und uns. Vielleicht würden wir auch sagen, wir schicken diese Leute wieder zurück, damit sie uns als Boten und Vermittler dienen; aber erst führen wir sie nach Europa, damit sie unsere ganze Machtfülle kennenlernen und ihren heimatlichen Häuptlingen sagen, daß diese unsern Kanonen nicht würden widerstehen können; und wir entlassen sie erst, wenn unsre Befestigungen soweit fertig sind, daß wir von dort aus die ganze Insel beherrschen und wir Herren der Lage sind.«

Se nickte ernsthaft. »Sie erkennen die Sachlage ganz richtig«, sagte sie. »Ich glaube, daß wir unser Verhältnis zu Ihnen in der Tat so auffassen, nur mit dem Unterschied, daß wir diese Kundschafter nicht gegen ihren Willen festhalten können.«

»Dann ist doch die Sache sehr einfach wir reisen eben ab.«

»Nein, nein so einfach ist das nicht. Ich weiß nur nicht, wie ich es Ihnen klarmachen soll. Sie verstehen unter Willen allerlei Gemütskräfte, die bloß individuelle Triebe sind; diese können wir bezwingen, gegen diesen Willen können wir Sie festhalten. Zum Beispiel, ich binde Ihnen mit diesem Schleier wieder die Hände. Nun wollen Sie fort, weil Sie gern etwas Interessanteres tun möchten, als hier zu sitzen. Daran kann ich Sie verhindern.«

»Dazu brauchten Sie mich gar nicht zu binden.«

»Oder es entstände draußen ein Lärm, Sie erschrecken plötzlich, Ihre Sinne verwirren sich, und Sie wollen deshalb fort daran hindert Sie dieser Knoten. Nun, wenn Sie in dieser Weise fort wollen, nur weil es Ihnen lieber ist, heimzukehren als auf den Mars zu gehen, dann wird man Sie hindern. Wenn aber nicht Ihr individueller Wille, sondern Ihr sittlicher Wille im Spiel ist, Ihre freie Selbstbestimmung als Persönlichkeit, oder wie Sie das nennen, was wir als Numenheit bezeichnen dann gibt es keine Macht, die Sie hindern kann.

Sehen Sie, liebster Freund«, fuhr sie fort und löste den Knoten, den sie im Spiel geschlungen, »das wollte ich Ihnen sagen. Ihr Wille ist nichts gegen den unsern, nur das Motiv des Willens gilt. Gibt es eine gemeinsame Bestimmung der sittlichen Würde zwischen Numen und Menschen, so werden Sie Freiheit haben; gibt es für Menschen nur Motive der Lust, so werden Sie uns nie widerstehen. Ich weiß ja nicht, wie Ihr Bate im Grunde seid. Und noch dies. Glauben Sie niemals, Sal, daß ich an Ihrer Neigung zweifle, aber vergessen Sie nicht, daß ich eine Nume bin; Liebe darf niemals unfrei machen. Und daran denken Sie!«

»Ich will«, sagte Saltner. »Aber sehen Sie, das eben ist für uns Menschen das Schwere und dem einzelnen oft unmöglich, diese Trennung zu vollziehen, die Ihnen selbstverständlich ist. Unser Denken vermag nicht immer Neigung und Pflicht auseinanderzuhalten, oft erscheint die eine im Gewand der andern. Was darf ich um Ihretwillen tun, was bin ich Ihnen schuldig und was darf ich nicht mehr tun? Sie Glücklichen haben gelernt, wie Götter ins eigene Herz zu schauen, wir armen Menschen aber wenden uns in solchen Fällen an unser Gefühl. Wir nennen es zwar Gewissen, sittliches Gefühl, weil es das umfaßt, was uns allen als Menschen gemeinsam sein soll. Aber als Gefühl bleibt es doch immer so eng verwachsen mit dem Einzelgefühl, daß wir nur zu leicht für Pflicht halten, was im Grunde Neigung ist; und wenn nicht unsre Neigung, vielleicht die Neigung, die Gewohnheit unsres Stammes, unsrer Zeitgenossen. Und wir tun aus bester Absicht das Unrechte. Auch der Indianer folgt seinem Gewissen, wenn er den Feind skalpiert. Wir irren, weil wir blind sind.«

»Sie mischen schon wieder einen anderen Irrtum dazwischen, Sal. Nicht darauf kommt es an, ob wir das Richtige treffen, sondern darauf, ob wir aus den richtigen Motiven wollen. Wer das kann, besitzt Numenheit. Wenn der Indianer den Feind skalpiert, so wird er von der höheren Gesittung eines Besseren belehrt oder vernichtet. Aber dies trifft nur seinen Irrtum, nämlich die Folgen, die daraus in der Welt entstehen. Doch die Heiligkeit seines Willens bleibt unberührt, wenn er lieber zugrunde geht, als das aufgibt, was er für sittliche Pflicht hält. Sie brauchen also nicht darum zu sorgen, ob Sie bei Ihrer Entscheidung das Richtige treffen in dem, was Sie tun, sondern nur, ob Ihr Motiv rein ist in dem, was Sie wollen.«

»Das meinte ich ja; eben auch darin können wir uns täuschen. Se, ich muß Ihnen gegenüber ganz offen sein. Wir wollen, daß unsere Mitmenschen von dem Besuch der Martier nicht überrascht werden; diese Überraschung zu verhüten, halten wir für unsere Pflicht. Wir irren vielleicht darin, daß wir den Menschen damit zu nützen glauben; aber unser Motiv ist rein. Meinen Sie es nicht auch so?«

»Ganz richtig.«

»Aber damit ist es nicht entschieden, wie ich zu handeln habe. Und hier spielt unsere theoretische Unwissenheit in die ethische Frage hinein. Wenn nun zum Beispiel einer von uns allein den Erfolg leichter erreichte, hätten wir nicht die Pflicht uns zu trennen? Und wenn nicht, ist es nicht Pflicht, daß wir zusammenhalten auf alle Fälle? Wie also soll ich hier entscheiden, was meine Pflicht erfordert?«

»Aber Sal! Ich hatte mich schon gefreut, daß Sie auch so vernünftig reden können, und nun urteilen Sie wieder wie ein Wilder!«

»Sie sind grausam, Se!«

»Was reden Sie denn da von Pflicht? Das ist doch einzig eine Frage der Klugheit. Was Ihre Klugheit erfordert, das können Sie fragen. Die Pflichtfrage ist schon längst mit dem Willen entschieden, nur das Klügste hier zu tun. Die dürfen Sie gar nicht mehr in Betracht ziehen.«

»Wenn ich mit Ihnen nach dem Mars ginge und mein Freund allein nach Europa, und er verunglückte unterwegs, würde ich mir nicht immer Vorwürfe machen, daß ich nicht mit ihm gegangen bin? Würde man mich nicht pflichtvergessen nennen?«

»Was die Menschen tun würden, weiß ich nicht und geht mich auch nichts an. Sie aber können sich höchstens den Vorwurf machen, unklug gehandelt zu haben.«

»Also meinen Sie, ich müßte ihn begleiten?«

»Das habe ich nicht gesagt. Ich habe nur unter Ihrer Voraussetzung gesprochen, daß er mit Ihnen sicherer reise. Das ist aber doch erst zu untersuchen.«

»Was raten Sie mir?«

»Zunächst die Entscheidung der Martier abzuwarten. Sie wissen ja noch gar nicht, ob Ihnen die Mittel zur Abreise gewährt werden können. Erst wenn Sie diese Mittel kennen, vermögen Sie zu entscheiden, ob Ihre Begleitung entbehrlich ist. Und wenn sie entbehrlich ist, so würde ich mich sehr freuen, Sie mit zu uns zu nehmen.«

»Ich rechne auf Ihre Hilfe. Lassen sie unsern Ballon auf das innere Inseldach schaffen!«

»Das geht nicht, bevor Sie die Erlaubnis der Regierung haben«

»Und die Ihrige würde ich erhalten? Ich meine, Sie würden mich nicht für unwürdig Ihrer Freundschaft halten, wenn ich Ihrem Wunsch nicht entspräche, nach dem Mars«

»Was habe ich Ihnen gesagt, Saltner? Das wäre keine Liebe, die unfrei machte.«

»Se, wie glücklich machen Sie mich!« Saltner ergriff zärtlich ihre Hände.

»Jetzt sind Sie wieder der alte Saltner! Kaum ist die Angst von ihm genommen, ich könnte ihm böse werden, wenn er etwas Vernünftiges tut, so ist er wieder seelenvergnügt. Und ich habe wirklich geglaubt, Sie wären so ernsthaft, weil es sich um Ihre Pflicht handelt«

»Das ist nicht Ihr Ernst, Se, Sie kennen mich besser!«

»Gar nicht kennt man euch Menschen! Wozu denn überhaupt erst traurig? Was wollen Sie übrigens über dem Strich?«

»Sehen Sie, Se, Sie sind auch nicht vollkommen ich meine, nicht so absolut vollkommen«

»Ich begreife!«

»Sie haben gar nicht gemerkt, daß ich schon eine Viertelstunde lang neben Ihnen sitze ich habe gestern das Balancieren gründlich gelernt.«

»Ach, gestern! Bei La?«

»Ja, sagen Sie, was ist das? Wo ist sie heute? Wo waren Sie gestern? Was ist das mit dem Spiel, von dem Sie sprachen? Ich bitte Sie, Se«

Aber seine weiteren Fragen wurden abgeschnitten. Ra, der Leiter der Station, trat in das Zimmer. Er hatte eine amtliche Mitteilung zu machen. Der Regierungskommissar, welcher mit dem ›Glo‹ angekommen war, ließ Grunthe und Saltner zu einer offiziellen Konferenz bitten, um drei Uhr. Er würde sich vorher beehren, den Herrn seine private Aufwartung zu machen.

Saltner erklärte sich natürlich bereit. Er werde sofort seinen Freund benachrichtigen. Schnell verabschiedete er sich von Ra und Se.

»Ein ganz ehrliches Spiel!« flüsterte Se ihm zu, als sie ihm die Hand zum Abschied reichte. »Und nun Kopf oben! Einschüchtern brauchen Sie sich nicht zu lassen!«

Eilig teilte Saltner das Wesentlichste aus seiner Unterredung mit Se Grunthe mit und benachrichtigte ihn von dem bevorstehenden Besuch.

Kaum hatte Grunthe Zeit gefunden, seine Toilette einigermaßen in Ordnung zu bringen, als auch die Deutschen schon gebeten wurden, sich im Empfangszimmer einzufinden. Fast gleichzeitig mit ihnen trat der Kommissar, von Ra geleitet, ein.

Seine Persönlichkeit machte auf Grunthe und Saltner einen tiefen Eindruck. Er war größer als alle Martier, die sie bisher gesehen hatten, und überragte sogar um ein weniges noch die lange Gestalt Grunthes. Ein stattlicher weißer Bart gab ihm ein ehrwürdiges Aussehen. Seiner Haltung und seinem Blick war zu entnehmen, daß man es mit einem vornehmen Mann zu tun hatte, der gewohnt war, sowohl zu repräsentieren als zu dirigieren. Aber aus seinen großen dunklen Augen sprach ein Vertrauen erweckendes Wohlwollen, man war überzeugt, daß dieser Mann bei seinen Anordnungen niemals an sich selbst dachte, sondern nur an das Wohl derer, die er zu vertreten hatte.

Ill, dies war sein Name, zeigte sich bis in alle Einzelheiten über die bisherigen Vorgänge auf der Insel unterrichtet. Er bat um Entschuldigung, daß er sich seiner Muttersprache bedienen müsse und erkundigte sich in der liebenswürdigsten Weise nach dem persönlichen Wohlergehen der Gäste. Insbesondere sprach er in warmen Worten sein Bedauern über das Verschwinden des Leiters der Expedition aus. Es schien ihm unbegreiflich, daß man keine weiteren Spuren von Torm gefunden habe, und er meinte, daß das Binnenmeer und womöglich seine Umgebung noch einmal genauer durchsucht werden müsse. Er kam dann auf die Methode zu sprechen, wie sich die Deutschen das Martische angeeignet hätten, und nun flocht er einige sehr interessierte Fragen nach Ell ein, wie alt er sei, woher er stamme, wie Grunthe ihn kennengelernt habe, wo er jetzt lebe.

Grunthe antwortete ausführlich, soweit er vermochte. Ell mochte etwa gleichaltrig mit ihm sein, einige dreißig Jahre. Er sei in Südaustralien geboren, wo Ells Vater große Besitzungen gehabt habe. Seine Mutter sei eine in Australien eingewanderte Deutsche gewesen. Nach dem Tod der Eltern habe sich Ell nach Deutschland begeben, um seine Studien, die sich hauptsächlich auf Astronomie und technische Fächer bezogen, fortzusetzen. Damals, vor etwa zehn Jahren, habe ihn Grunthe in Berlin kennengelernt und viel mit ihm verkehrt, obwohl Ell stets ein fremdartiges und zurückhaltendes Wesen eigen war. Kurze Zeit darauf war Ell plötzlich verschwunden, man hörte nichts von ihm und nahm an, er sei in seine australische Heimat zurückgekehrt. So verhielt es sich auch. Seit etwa vier Jahren war Ell wieder in Deutschland erschienen. Er hatte sein jedenfalls bedeutendes Vermögen flüssig gemacht und sich in Mitteldeutschland eine Privatsternwarte erbaut, auf der er sich mit Vorliebe Marsbeobachtungen widmete. Hier hatte Grunthe eine Zeitlang bei ihm gearbeitet und bei dieser Gelegenheit Torm kennengelernt. Ell war es gewesen, der durch eine großartige Geldspende die Errichtung der Abteilung für wissenschaftliche Luftschiffahrt ermöglicht und Torm an ihre Spitze gezogen hatte. Der Sitz derselben war Friedau, eine mitteldeutsche Residenz, die durch ihre wissenschaftlichen Institute berühmt ist.

Nachdem sich Ill noch die Lage von Friedau und die der Privatsternwarte Ells genau hatte beschreiben lassen, brach er das Gespräch ab. irgendwelche Fragen nach den bevorstehenden Ereignissen wurden nicht berührt, und Ill verabschiedete sich bald mit dem Wunsch, daß die Verhandlungen, zu denen er die Herren erwartete, zur beiderseitigen Befriedigung verlaufen möchten.

Nach dem Fortgang der Martier zogen sich Grunthe und Saltner in ihre Zimmer zurück und besprachen noch einmal die Sachlage; Grunthe brachte ihre Ansichten zu Papier. Beide aber sahen jetzt der Verhandlung mit besserer Zuversicht entgegen.


18. Kapitel. Die Botschaft der Marsstaaten

Punkt drei Uhr öffnete sich die Tür, die das Zimmer der Gäste mit dem Konferenzsaal verband, und der Vorsteher Ra lud Grunthe und Saltner mit einer höflichen Handbewegung zum Eintreten ein. Sie stutzten beim ersten Anblick des Saales, denn derselbe erschien vollständig verändert. Um Platz zu gewinnen, hatte man die Grenze der Schwere bis dicht an die Tür gerückt, durch welche die Menschen den Saal betraten, und die Tafel in der Mitte entsprechend verlängert, so daß nur die beiden Plätze am untern Ende des Tisches, die sich aber jetzt nahe der Tür befanden, noch innerhalb des Gebietes der Erdschwere lagen. Der ganze übrige Teil des Raumes war von festlich gekleideten Martiern erfüllt, die sich beim Eintritt der Gäste erhoben. Nachdem Ra an seinen Sessel am oberen Ende der Tafel neben dem Präsidenten Ill gelangt war, gab dieser ein Zeichen mit der Hand, und alle nahmen wieder schweigend Platz. Grunthe und Saltner folgten ihrem Beispiel.

Durch die geöffneten Fernsprechklappen des Saales ertönte eine leise Musik, wie sie die Menschen noch nie vernommen hatten. Sie bewirkte eine feierliche, aber zugleich freudig erhebende Stimmung. Es herrschte vollständige Ruhe, während deren Grunthe und Saltner die Versammlung erwartungsvoll musterten.

Das Tageslicht war durch dichte Vorhänge abgeschlossen. Die sehr helle, aber für menschliche Augen zu stark ins Bläuliche schimmernde Beleuchtung ging von der Decke aus, deren Arabesken in fluoreszierendem Schein glühten. Am Ende des Zimmers war das große Banner des Mars in selbstleuchtenden Farben entfaltet. Es zeigte auf schwarzem Grund den Planeten als eine weiße Scheibe, die in der Mitte einen Kranz trug; bei näherer Betrachtung konnte man darin die Symbole der 154Staaten des Mars unterscheiden. Vor dem Banner, an der Spitze der Tafel saß zwischen den beiden ersten Beamten Ra und Fru der Kommissar der Marsstaaten Ill, an den Seiten reihten sich die Vorsteher der einzelnen Abteilungen der Station an. Seitlich von der Haupttafel, in der Mitte des Zimmers, war ein phonographischer Apparat aufgestellt, der von einer Dame bedient wurde. Auf der andern Seite saßen La und eine zweite Martierin vor ihren Schreibmaschinen als Schriftführerinnen. Der übrige Raum des Zimmers war dicht von Martiern und Martierinnen erfüllt, die der öffentlichen Verhandlung beiwohnen wollten. Auch Se befand sich unter ihnen und hatte sich in der Nähe Saltners niedergelassen, der ihr einen dankbaren Blick zuwarf. Das Lächeln, mit welchem Saltner anfänglich die Versammlung überflog, verschwand bald unter dem Eindruck der Musik und der Haltung der schweigenden Martier. Alle trugen heute über ihrer anschließenden metallisch glänzenden Rüstung einen leichten, in malerischen Falten geworfenen Mantel. Ihre Blicke waren ruhig und ernst, aber erfüllt von einem freudigen Stolz; sie fühlten sich als die freien Mitglieder ihrer großen und mächtigen Gemeinschaft, die sie zum ersten Mal den Menschen in ihrem festlichen Glanz zeigten. Sie wußten, daß sie heute nicht nur als Wirte ihren Gästen, sondern als Vertreter der Numenheit den Männern gegenüberstanden, die für sie die Vertreter der Menschheit waren. Und dieses Bewußtsein, das den ganzen Charakter der Versammlung beherrschte, wirkte sehr bald auf Grunthe und Saltner zurück; sie fühlten, wie sie der übermächtigen Gegenwart der Martier in ihrem Willen zu erliegen drohten. Grunthe preßte die Lippen zusammen und starrte auf sein Notizbuch, das er krampfhaft in der Hand hielt, um sich dem Einfluß zu entziehen, den das Äußerliche der Versammlung auf ihn machte.

Nur wenige Minuten hatte die musikalische Einleitung gedauert. Jetzt erhob sich Ill. Absolute Stille herrschte im Saal, als er seine großen, strahlenden Augen auf die Versammlung richtete und dann wie in weite Ferne blickte. Darauf sprach er klangvoll die einfachen Worte:

»Den wir im Herzen tragen, Herr des Gesetzes, gib uns deine Freiheit.«

Wieder erfolgte eine Pause, in welcher jeder mit sich selbst beschäftigt war.

Jetzt ließ sich Ill auf seinem Stuhl nieder und begann:

»Gesandt bin ich, Grüße zu bringen den Numen von der Heimat, Grüße vom Nu und seinem Bund!«

»Sila Nu!« hallte der gedämpfte Gegengruß der Martier durch den Saal.

»Grüße vom Nu auch den Bewohnern der leuchtenden Ba, des benachbarten Planeten, den Menschen, die wir zum ersten Mal heute in der Festversammlung zu sehen uns freuen. Eine alte Sehnsucht zog uns Nume durch den Weltraum hinüber zum lichten Abendstern, und es gelang uns Fuß zu fassen auf der Erde. Aber noch immer war es uns versagt, diejenigen kennenzulernen, die diesen mächtigen Planeten beherrschen als vernünftige Wesen. Da kam zu uns vor wenigen Wochen die erste frohe Kunde, daß zwei willkommene Gäste unserer Station am Pol genaht, daß die ersten zivilisierten Bewohner der Erde entdeckt seien. Ausführliche Lichtdepeschen meldeten uns bald, was wir bisher wohl vermutet, aber doch aus direkter Anschauung nicht gekannt hatten, daß unser Nachbarstern bewohnt ist von hochgebildeten Völkern, mit denen wir uns verständigen können in den Aufgaben der Kultur. Eine unbeschreibliche Aufregung ging auf diese Nachricht durch die verbündeten Staaten des Mars. Die öffentliche Meinung drang darauf, keine Zeit zu verlieren, unsern Brüdern auf der Erde die Hand zu reichen. Und da der Winter auf diesem Nordpol bevorsteht, der unsre Verbindung unterbricht, so beschloß der Zentralrat des Nu, ohne die Ankunft der Raumschiffe abzuwarten, sich in direkten Verkehr mit den Bürgern der Erde zu setzen. Wir schätzen es von unermeßlicher Wichtigkeit für die beiden Planeten, welche allein im ganzen Sonnensystem in der Art und der Kultur ihrer Bewohner sich berühren, daß diese in gemeinsamem Einverständnis ihre Interessen fördern. Das erste Zusammentreffen mit den hier anwesenden Vertretern der Menschheit halten wir daher für einen Akt von höchster kulturgeschichtlicher Bedeutung. Wir sehen darin den ersten Schritt zum unmittelbaren Verkehr mit den Regierungen der Erde, von denen uns gegenwärtig noch technische Schwierigkeiten trennen, die wir indessen bald zu überwinden hoffen. In gerechter Würdigung der Wichtigkeit dieser ersten Begegnung und um bei dieser Gelegenheit zugleich zu zeigen, welch hohen Wert die Marsstaaten auf die freundschaftlichen Beziehungen mit den Staaten der Erde legen, endlich um von seiten der Nume in feierlicher Handlung die ganze Menschheit bei der ersten Begrüßung zu ehren, hat der Zentralrat beschlossen, eines seiner Mitglieder in eigener Person auf die Erde zu senden.«

Eine allgemeine Bewegung gab sich bei diesen Worten unter den Zuhörern zu erkennen. Man sah sich erwartungsvoll an, leise Fragen flogen herüber und hinüber. Grunthe warf Saltner einen Blick zu, und dieser flüsterte: »Sie behalten recht.« Er blickte nach Se hinüber, aber ihre Augen waren auf Ill gerichtet. Dieser erhob langsam und feierlich die rechte Hand und sprach:

»Kraft des Amtes, das der Wille der Nume mir übertragen hat, enthülle ich das heilige Symbol der Numenheit als das Zeichen des Gesetzes in Vernunft und Arbeit, dem wir gehorchen.«

Die Martier erhoben ihre Augen in andächtigem Aufblick nach einem Punkt, den Ills Hand ihnen zu weisen schien. Vergebens strengten Grunthe und Saltner sich an, das zu erblicken, was alle andern ehrfurchtsvoll erschauten. Sie vermochten nichts wahrzunehmen, wo die Wissenden in würdevollem Schweigen einer geheimnisvollen Erscheinung huldigten, die ihnen den Gedanken ihres Weltbürgertums repräsentierte.

Der Schauer des Unbegreiflichen erfaßte das Gemüt der Menschen. Grunthe starrte auf die ehrwürdige Gestalt, und wieder kam die Erinnerung an Ell über ihn. Saltner fühlte sich von dem Eindruck der ganzen Szene wie berauscht, er merkte, daß er die Gewalt über seine Entschlüsse verlieren würde, und richtete einen hilfesuchenden Blick auf Se.

Da ließ Ill seine Hand sinken, und die Martier begannen wieder sich zu bewegen. Nach kurzer Pause hob Ill ein Schriftstück in die Höhe und begann:

»Vernehmen Sie, Nume und Menschen, den Beschluß des Zentralrats.«

Jetzt blitzte Ses Auge zu Saltner hinüber. Instinktiv verstand er die Mahnung. Er stieß Grunthe an und flüsterte: »Reden Sie, ehe er liest!«

Aber auch dieser hatte schon begriffen, daß er sofort handeln müsse, und war bereits aufgesprungen. Alles dies vollzog sich momentan in der kurzen Pause, während deren Ill das Schriftstück entfaltete, und ehe er zu lesen begann, rief Grunthe: »Ich bitte ums Wort!«

Er hatte in der Erregung deutsch gesprochen. Seine laute Stimme tönte grell über den Saal, im Gegensatz zu dem auch in der feierlichen Rede halblauten Organ der Martier. Die ganze Versammlung wandte sich unwillig nach Grunthe um, und Ill warf einen erstaunten Blick auf ihn.

»Ich bitte ums Wort«, wiederholte Grunthe jetzt in der Sprache der Martier. »Ich bitte um Verzeihung, wenn ich Sie ersuche, mich vor der Verlesung des Beschlusses eines hohen Zentralrats der Marsstaaten zu hören, und ich bitte im voraus um Verzeihung, wenn ich aus Unkenntnis der Sprache mich vielleicht nicht völlig angemessen auszudrücken vermag.«

Ill nickte langsam mit dem Haupt. »Es liegt kein Grund vor«, sagte er, »unsern Gästen das Wort zu verweigern, wenn ich auch Ihre Antwort erst nach der Verlesung erwartet habe.«

»Ich aber und mein Freund«, fiel Grunthe schnell ein, »wir beantragen, die Verlesung zu unterlassen; wir protestieren gegen die Verlesung; wir fühlen uns nicht als kompetent, Beschlüsse des Zentralrats der Marsstaaten entgegenzunehmen.«

Auf den Gesichtern der Martier malte sich deutlich das Erstaunen über diese unerwartete Erklärung. Es herrschte ein bedeutsames Schweigen. Keinerlei Urteil machte sich geltend. Die Mißbilligung des kühnen Eingriffs, welchen ein armseliger Bat sich gegen die Beschlüsse der höchsten Behörde des Mars erlaubte, stritt bei den Martiern mit der Achtung vor der Entschiedenheit dieses offenen Bekenntnisses, doch überwog bei den meisten ein Gefühl des Mitleids. Diese armen Menschen wußten offenbar nicht, was sie sich erlaubten; man konnte sie wohl nicht ernst nehmen. Nur die nächsten Freunde der Deutschen ermutigten sie durch ihre beipflichtenden Blicke.

Ill richtete sein ruhiges Auge auf Grunthe und Saltner, der sich ebenfalls erhoben hatte, und fragte:

»Wollen die Menschen ihren Protest begründen?«

»Ich will es«, sagte Grunthe sofort. »Ich fühle tief die große Ehre, welche die Vertreter des Mars durch ihr freundliches Entgegenkommen den Bewohnern der Erde erweisen. Auch ich bin überzeugt, daß die Berührung der Bewohner dieser beiden großen Kulturplaneten ein weltgeschichtliches Ereignis ersten Ranges sein wird. Und mein Freund und ich sind allen Numen, denen wir bisher zu begegnen das Glück hatten, den herzlichsten Dank schuldig für die Rettung vom Untergang und für die gastfreundliche Aufnahme in ihrer Kolonie. Wir werden das nie vergessen.«

»Niemals«, sagte hier Saltner dazwischen.

Bei diesen warm gesprochenen Worten wurden die Blicke der Martier freundlicher. Grunthe fuhr sogleich fort:

»Als Menschen sprechen wir auch unsern ehrerbietigen Dank der Regierung der Vereinigten Staaten des Mars aus für die Beachtung, welche sie den Mitgliedern der Tormschen Polarexpedition zuteil werden läßt, indem sie durch ihren Repräsentanten in eigener Person uns eine Botschaft entbieten will. Aber diese Ehre müssen wir ablehnen.

Wir sind nicht Vertreter irgendeiner Regierung. Wir haben kein Recht, diplomatische Erklärungen entgegenzunehmen oder abzugeben. Wir sind einfache Privatleute, die in ihrer Heimat keine andere Geltung haben, als ihr Ruf als Gelehrter ihnen verschafft, und diese ist nach den Sitten unsrer Heimat in politischer Hinsicht verschwindend. Und selbst wenn wir uns als Boten betrachten wollten, die ihrer Regierung eine Mitteilung zu überbringen hätten, so habe ich zu betonen, daß, wie dem Herrn Repräsentanten bekannt sein wird, außer dem Deutschen Reich noch fünf andre europäische Großmächte, außerdem die Vereinigten Staaten von Nordamerika die politische Macht über die Erde in Händen haben, daß wir demnach nicht in der Lage sind, für die Staaten der Erde Aufträge zu übernehmen.«

Hierauf sprach Ill, da Grunthe eine kleine Pause machte, mit unveränderter Höflichkeit, aber sehr überlegen:

»Die Worte unseres werten Gastes sagen uns nichts Neues. Sie haben keinen Einfluß auf die mitzuteilende Botschaft, und es wäre daher einfacher gewesen, dieselbe erst anzuhören, da sie sich allein auf die beiden hier anwesenden Personen unserer Gäste bezieht.«

Grunthe biß die Lippen aufeinander. Er ärgerte sich über die Zurechtweisung, zumal er auf den Gesichtern der Martier wieder das mitleidige Lächeln erscheinen sah. Er rief daher etwas erregter:

»Wir müssen es aber auch für unsre Personen ablehnen, irgendwelche Bestimmungen seitens der Regierung des Mars entgegenzunehmen, und zwar aus formellen Gründen. Wir dürfen es prinzipiell nicht geschehen lassen, daß die Regierung des Mars hier irgendwelche offizielle Anordnungen treffe über die Bürger eines Staates der Erde. Über unser Tun und Lassen kann nur diejenige Regierung Verordnungen geben, auf deren Gebiet wir uns befinden. Wir stehen aber hier auf der Erde, nicht auf dem Mars. Und wenn Sie hier die Flagge der Marsstaaten entfaltet haben, so können wir derselben doch nur eine dekorative, aber keine staatsrechtliche Bedeutung zusprechen. Mit welchem Recht Sie hier eine Niederlassung begründet haben, darüber mögen die Regierungen der Erde bestimmen, es ist nicht unseres Amtes; aber unseres Amtes ist es, dagegen zu protestieren, daß auf Grund dieser noch nicht anerkannten Niederlassung Rechte über uns ausgeübt werden.«

»Kann mir der Herr Redner vielleicht sagen«, fiel Ill ein, »auf dem Gebiet welches Erdenstaates wir uns seiner Ansicht nach hier befinden?«

Das war eine heikle Frage. War der Nordpol schon von einer zivilisierten Macht in Besitz genommen? Grunthe wich der Frage aus, er sagte schnell:

»Jedenfalls nicht im Gebiet der Marsstaaten. Auf der Erde gibt es bis jetzt keine völkerrechtlich anerkannte Ansiedlung der Martier.«

Die Blicke der Martier waren drohend geworden. Ill richtete sich hoch auf und sprach mit leuchtenden Augen und erhobener Stimme:

»Meines Wissens gibt es keine Organisation der Staaten der Erde, mit welcher wir über den Besitz des Nordpols verhandeln könnten, oder wenigstens war eine solche Verhandlung bisher nicht möglich. Wir sind an dieser Stelle des Sonnensystems die ersten Ankömmlinge gewesen, wir also bestimmen über dieselbe. Es gibt kein interplanetarisches Recht, wonach die Besitzergreifung von Gebieten sich auf einen einzelnen Planeten beschränken müsse. Die Nume sind die einzigen Wesen, welche zwischen den Planeten verkehren; sie schaffen damit das Recht dieses Verkehrs. Kraft dieses Rechtes hat die Regierung der Marsstaaten Besitz von diesem Teil der Erde ergriffen. Kraft dessen gilt hier das Gesetz des Mars. Und kraft dieses Gesetzes und des Beschlusses des Zentralrats vom 603. Tag des Jahres311770 werde ich hiermit den Beschluß vom gleichen Tag verkünden.«

Grunthe fühlte, wie ihm das Herz pochte. Er vermochte nichts zu erwidern. Die Menschen waren geschlagen, ihr erster Versuch der Opposition gegen die Übermacht der Martier war gescheitert. Sie mußten die Befehle der Regierung des Mars anhören, auf ihrem eigenen Planeten, an der Stelle, welche sie zuerst von den Menschen erreicht hatten. Und das Schlimmste war, daß beide, Grunthe wie Saltner, ihre Widerstandskraft erlahmen fühlten. Gegen diesen Willen, der aus den großen Augensternen des Repräsentanten leuchtete, der sich in den Blicken der ganzen Versammlung widerspiegelte, vermochten sie nicht aufzukommen.

Und schon begann Ill, die kurzen Worte vorzulesen, welche über ihr Schicksal bestimmen sollten. Er las:

»Der Zentralrat des Nu, im Namen der Vereinigten Staaten des Mars, hat beschlossen, wie folgt: Die beiden an der Station des Mars auf dem Nordpol der Erde angelangten Menschen, namens Grunthe und Saltner, stehen unter dem Schutz der Marsstaaten. Die Freiheit ihrer Person, ihres Verkehrs und Eigentums wird ihnen gewährleistet im gesamten Gebiet des Mars. Sie werden eingeladen, innerhalb sechs Tagen nach Verlesung dieser Botschaft auf einem der Raumschiffe der Erdstation sich nach dem Mars zu begeben. Sie sind Gäste der Marsstaaten, denen jede Förderung zuteil werden soll, Einrichtungen und Gesinnungen der Nume zu studieren. Sie werden ersucht, im Frühjahr der Nordhalbkugel der Erde nach derselben zurückzukehren, um alsdann eine nach den Hauptstädten der Erde aufbrechende Expedition zu begleiten. Der Repräsentant Ill wird mit der Überbringung dieser Botschaft nach der Erde beauftragt.

Gezeichnet Del. Em. An.«

Die Martier ließen sich auf ihren Sitzen nieder, auch Grunthe und Saltner sanken in ihre Sessel.


19. Kapitel. Die Freiheit des Willens

Nach der Verlesung der Botschaft faltete Ill das Dokument zusammen und sprach mit liebenswürdigster Miene:

»Nachdem die Menschen den Willen des Zentralrats vernommen haben, darf ich annehmen, daß sie der Einladung und dem Ersuchen der Martier Folge leisten werden. Ich bitte Sie daher, Ihre Vorbereitungen so treffen zu wollen, daß Sie mit dem am fünften Tag von heute abgehenden Schiff Ihre Reise antreten können.«

Da weder Grunthe noch Saltner sogleich antwortete, erhob sich Ra und hielt eine versöhnliche Rede. Aus dem Inhalt der Botschaft, führte er aus, würden sich die Gäste gewiß überzeugt haben, daß sie gar keinen Grund hätten, gegen die Verlesung zu protestieren. Er wüßte wohl, daß man ihnen mit der Reise nach dem Mars ein ungewöhnliches und anstrengendes Unternehmen zumute. Er verstünde, daß sie es vorziehen würden, alsbald in ihre Heimat zurückzukehren. Dies und damit deckte er offen ihre Motive auf wäre wohl auch der eigentliche Grund des Protestes gewesen, da die Menschen die Einladung nach dem Mars erwartet und sich der Verlegenheit hätten entziehen wollen, sie abzulehnen. Und dann stellte er ihnen die Reise und den Aufenthalt auf dem Mars in verlockenden Farben vor.

Grunthe und Saltner wußten nicht recht, ob sie diese Rede zu ihren Gunsten deuten dürften, da sie die Schwäche ihres Protestes enthüllte und ganz geeignet schien, ihnen die Ablehnung zu erschweren. Aber Saltner erkannte an dem stillen Lächeln in Ses Zügen, daß Ra ihnen tatsächlich zu Hilfe kommen wollte, daß er sie wohl nur warnen wollte, neue Fehler zu begehen. In der Tat schloß er mit den Worten:

»Der Zentralrat garantiert Ihnen volle Freiheit. Er kommandiert Sie nicht nach dem Mars, er lädt Sie ein; er befiehlt nicht, daß Sie uns nach Europa geleiten sollen, er ersucht Sie darum. Er setzt dabei voraus, daß es keine berechtigten ethischen Motive gibt, weshalb Sie diesen Wünschen nicht nachkommen sollten, und er erwartet daher, daß Sie ihnen Folge leisten.«

Während Grunthe finster vor sich hinblickte und darüber nachsann, in welche Form er seine Weigerung kleiden sollte, erhob sich Saltner. Obwohl er sich sagte, daß er mit seinen Worten den Entschluß der Martier nicht würde ändern können, wollte er doch versuchen, etwas Näheres über ihre Pläne zu hören, und die Ablehnung der Einladung aus Zweckmäßigkeitsgründen motivieren. Er legte dar, daß der Besuch auf dem Mars gegenwärtig für beide Teile keine besonderen Vorteile biete. Sein Freund und er hätten bereits vollständig die Überzeugung von der Macht und Leistungsfähigkeit der Martier gewonnen. Was sie vom Mars wüßten, wäre schon so viel, daß sie Mühe haben würden, es ihren Mitbürgern begreiflich zu machen. Es wäre daher sicherlich das beste, wenn sie sogleich in ihre Heimat zurückkehrten, um den Erdbewohnern ihre Erfahrungen mitzuteilen und sie durch die Presse allmählich auf das Erscheinen der Martier vorzubereiten. Das gegenseitige Verständnis zwischen Mars und Erde würde auf diese Weise am sichersten gefördert; die Überraschung durch die Bewohner des Mars könnte die Erdbewohner, bei ihrer mangelhaften Kenntnis der Verhältnisse auf dem Mars, vielleicht zu falschen Maßregeln verleiten, unter denen alsdann beide Teile zu leiden hätten. Deswegen müßten sie darauf dringen, nach Europa zurückzukehren, ehe die Martier dahin kämen. Sie zu begleiten, könnte für die Martier jedenfalls von viel geringerem Nutzen sein. Im übrigen wäre es ihnen, den Menschen, vom größten Interesse, zu erfahren, welche Vorteile eigentlich die Martier sich vom Verkehr mit der Erde versprächen und was sie etwa von den Menschen zu erlangen wünschten.

Die Martier hatten unter wachsender Aufmerksamkeit zugehört. Ills Antlitz war wieder ernster geworden. Nachdem er die Mitteilung des Zentralratsbeschlusses durchgesetzt, hatte er geglaubt, daß die Menschen nicht länger wagen würden, sich zu weigern. Aus Saltners Worten erkannte er jedoch, daß es keinen Sinn mehr hätte, den eigentlichen Kernpunkt der Frage zu verschleiern. Die Deutschen hatten offenbar die Absicht der Martier durchschaut, eine Warnung der Großmächte zu verhindern. Der Hilfe der Menschen bedurften die Martier nicht; aber sie wollten bei dem ersten Besuch in den zivilisierten Staaten der Erde sogleich in einer Weise auftreten, die sie zum unbedingten Herren der Situation machte. Die Vorbereitungen dazu waren schon in viel höherem Maß getroffen; als Grunthe und Saltner wußten. Ihre Landung am Nordpol und die Kenntnis, welche die Martier dadurch von den zivilisierten Staaten der Erde erhielten, hatte den Zentralrat nur in der Ansicht bestärkt, daß man mit den Bewohnern der Erde in sehr ernsthafter Weise zu rechnen haben würde und daß alles darauf ankäme, sich bei der ersten Begegnung keine Blöße zu geben. Dies wäre aber sehr leicht möglich gewesen, wenn die Erdbewohner zu früh erfuhren, mit welchen Schwierigkeiten die Martier auf der Erde zu kämpfen hatten. Diese zu heben war daher ihr Hauptaugenmerk bei den Vorbereitungen zur Expedition und zugleich der Grund ihrer langen Verzögerung gewesen. Nun hatte der Zentralrat beschlossen, die Vorbereitungen aufs äußerste zu beschleunigen, ehe die Besitznahme des Nordpols auf der Erde bekannt wurde, und vorläufig die Rückkehr der Menschen zu verhindern. Doch konnte er sich dazu nach der sittlichen Weltanschauung der Martier keiner Mittel bedienen, die das Recht der Persönlichkeit der Menschen verletzt hätten.

Es wäre unter der Würde der Martier gewesen, wenn sie sich hinter Vorwänden hätten verstecken wollen, nachdem der Versuch, die Menschen durch bloße Autorität zu leiten, gescheitert war. Ill sagte daher:

»Es ist allerdings unsre Absicht, den Erdstaaten unsre Ankunft nicht eher bekanntwerden zu lassen, als bis dieselbe wirklich erfolgt. Und zwar aus demselben Grund, welcher unsere Gäste wünschen läßt, das Entgegengesetzte herbeizuführen und die Erdstaaten vorzubereiten. Wir fürchten, daß gerade die lückenhaften Nachrichten, welche sie durch die hier anwesenden Menschen erhalten würden, sie dazu veranlassen könnten, falsche Maßregeln zu ergreifen und unser gegenseitiges Verständnis zu erschweren. Denn wenn Sie auch, meine Herren Gäste, mancherlei von unserer äußeren Macht kennengelernt haben, so kennen Sie doch noch zu wenig die Grundsätze unsres Handelns, um Ihre Freunde belehren zu können, wie sie sich gegen uns zu verhalten haben. Die traurigsten Mißverständnisse sind leicht möglich. So müssen wir denn darauf bestehen, daß Sie uns zuerst nach dem Mars begleiten, da wir, unmittelbar vor Beginn des Polarwinters, noch nicht in der Lage sind, mit Ihnen zusammen nach Europa aufzubrechen.«

»Ich bin dem Herrn Repräsentanten sehr dankbar«, erwiderte Saltner, »daß er uns so offen die Gründe des hohen Zentralrats für seine Botschaft dargelegt hat. Sie konnten uns aber nicht überzeugen, um so weniger, da wir über die eigentlichen Absichten der Martier gegen die Erdbewohner nicht näher unterrichtet wurden. Wir müssen daher darauf bestehen, nach der Heimat zurückzukehren, um den Unsrigen Gelegenheit zu geben, sich ihrerseits schlüssig zu machen, wie sie den Martiern zu begegnen haben.«

Ill entgegnete ziemlich scharf.

»Nach dem, was wir soeben gehört haben«, sagte er, »scheinen uns die anwesenden Menschen wenig geeignet, ihren Landsleuten als Berater zu dienen, wie sich letztere gegen uns verhalten sollen. Wenn Sie ihnen vielleicht zu raten gedenken, unserm Aufenthalt auf der Erde Schwierigkeiten entgegenzusetzen, so würden Sie eben das erreichen, was wir zu vermeiden hoffen, Mißtrauen und Spannungen zwischen den Bewohnern beider Planeten, während wir ein friedliches Verhältnis zu gemeinsamer Arbeit anstreben. Die Menschen haben von uns nichts zu befürchten, sobald sie gelernt haben werden, uns zu verstehen. Wir bedürfen der Erdbewohner nicht; wir kommen zu ihnen, um ihnen die Segnungen unsrer Kultur zu bringen. Ich bin überzeugt, daß auch wir im Eintausch der Produkte der Erde viel Neues und Nützliches gewinnen werden. Aber das wirtschaftliche Bedürfnis welches uns außer dem allgemeinen wissenschaftlichen Interesse nach der Erde trieb, erfordert nicht die Beteiligung der Menschen. Wir können es vollauf hier am Nordpol befriedigen, und ich stehe nicht an, es Ihnen zu sagen, was wir von der Erde holen wollen, damit Sie Ihre Mitbürger und Regierungen über unsre Absichten beruhigen. Wir wollen nichts anderes als Luft und Sonne, atmosphärische Luft und Strahlung, die Sie ja in ausreichendem Maß besitzen und die niemand gehört. Wir haben sie bereits reichlich exportiert und werden sie weiter exportieren.

Was uns aber nun veranlaßt, die Menschen selbst aufzusuchen, das sind Beweggründe rein idealen Charakters. Es ist nicht möglich, sie Ihnen, als Menschen, hier in Kürze zum Verständnis zu bringen. Wir sind Nume. Wir sind die Träger der Kultur des Sonnensystems. Es ist uns eine heilige Pflicht, das Resultat unsrer hunderttausendjährigen Kulturarbeit, den Segen der Numenheit, auch den Menschen zugänglich zu machen.«

Grunthe machte eine ungeduldige Bewegung. Er wollte sprechen, aber Ill fuhr fort:

»Fürchten Sie nichts für Ihre Überzeugung und ihre Freiheit. Ihre Freiheit werden wir achten, denn sie ist die Grundbedingung zur Numenheit. Die Kultur kann nicht aufgedrängt und nicht geschenkt werden, denn sie will erarbeitet sein. Aber zu dieser Arbeit kann man erzogen werden. So war es auch auf Ihrem Planeten; die vorgeschrittenen Nationen haben die barbarischen zur Kulturarbeit erzogen. Dazu bieten wir nun vermöge unsrer so viel älteren Erfahrung uns Ihnen als Lehrer an. Weisen Sie uns nicht in falschem Stolz zurück. Nachdem einmal die Erde von uns betreten ist, läßt sich die Berührung der beiden Planetengeschlechter nicht vermeiden. Sie ist eine Notwendigkeit. Erwecken Sie also nicht erst die Täuschung, als könnte die Menschheit unsrem Einfluß sich entziehen. Vertrauen Sie unsern Maßregeln und bewahren Sie die Menschen vor dem Fehler, uns aufgrund kurzsichtiger menschlicher Überlegungen Schwierigkeiten zu bereiten, die nur zum Nachteil für sie ausschlagen könnten. Erfahren die Menschen von unserer Ankunft, ohne zugleich dem vollen Gewicht unsres unmittelbaren Einflusses ausgesetzt zu sein, so begehen sie sicherlich eine Torheit. Auch Ihr Rat, meine Herren Gäste, würde sie nicht davor bewahren, zumal Sie uns selbst Ihre Einflußlosigkeit eingestanden. Überlassen Sie uns also ganz allein die Verantwortung für die Gestaltung der Verhältnisse, indem Sie sich dem entschieden ausgesprochenen Wunsch des Zentralrats fügen.«

Grunthe fühlte aufs neue, daß er der Macht dieser Gründe zu unterliegen drohte. Hatte er sich zunächst aufgebäumt gegen die stolze Sprache des Martiers, so mußte er sich jetzt doch fragen, ob er nicht durch eine Warnung das Schicksal der Menschen nur verschlimmern würde. Was konnten sie gegen die Martier tun? Ihnen feindlich begegnen? Es wäre ja wohl das Klügste gewesen, sich der Verantwortung zu entziehen und den Martiern zu folgen. Aber nein! Das Klügste hatte er nicht zu tun, sondern seine Pflicht. Und es war ihm kein Zweifel, daß er die Verantwortung nicht übernehmen durfte, sein Vaterland ohne Nachricht zu lassen.

Er erhob sich in tiefem Ernst. Er sah weder Ill noch die Martier an, sondern heftete sein Auge vor sich auf den Tisch. Seine Lippen zogen sich fest zusammen. Dann öffnete er sie mit einem festen Entschluß. Er warf einen Blick auf Saltner. Auch dieser hatte in sich verloren mit ähnlichen Gedanken gesessen. Als Grunthe ihn ansah, sagte er leise: »Ablehnen.«

Grunthe begann. Erst stockend und leise. Allmählich hob sich seine Stimme.

»Wir sind als Menschen nicht so eingebildet«, sagte er, »daß wir glauben, von einer älteren Kultur nicht lernen zu können. Es kann ein hohes Glück sein, den Martiern zu folgen. Es kann auch unser Unglück sein. Ich wage darüber nicht zu entscheiden. Und eben darum, weil ich nicht darüber entscheiden kann, darf ich, soviel an mir liegt, nicht zugeben, daß mein Verhalten einer Entscheidung gleichkommt; die Menschen, die Erdbewohner, müssen sich eine Meinung bilden können. Dies zu ermöglichen, ist meine Pflicht. Dadurch ist meinem Freund und mir unsere Handlungsweise klar und deutlich vorgeschrieben. Unsre Instruktion lautet dahin, nach Erreichung des Nordpols so schnell als möglich nach Hause zurückzukehren. Schon dies verbietet uns, auf Ihre Aufforderung einzugehen. Doch es könnten Zweifel entstehen, ob nicht unser kürzester Weg über den Mars führe. Diese Zweifel erledigen sich nun durch unsere gegenseitige Aussprache. Sie wollen uns nicht vor Ihrer eigenen Ankunft bei den Unseren heimkehren lassen. Das müssen wir verhüten. Es ist keine Frage der Klugheit, es ist eine Frage des Gewissens. Mag daraus entstehen, was da wolle, wir müssen unsre ganze Kraft und unser Leben einsetzen, um die Nachricht von der Ankunft der Martier auf der Erde sofort in die Heimat zu bringen. Dies erfordert die Pflicht gegen das Vaterland und gegen die Menschheit. Jedes weitere Wort ist überflüssig. Mein Freund und ich werden mit Hilfe unsres von Ihnen geborgenen Ballons sobald als möglich abreisen. Wenn Sie wirklich jene erhabene Gesinnung der Nume besitzen, nach der die Freiheit der Persönlichkeit unbedingte Achtung erfordert, so erwarte ich von Ihnen, daß Sie uns Ihre Beihilfe zu unsrer Abreise nicht versagen. Wir bitten, uns zu entlassen.«

Grunthe und Saltner, der sich ebenfalls erhoben hatte, verließen ihre Plätze und wandten sich nach der Tür.

Tiefes Schweigen herrschte in der Versammlung der Martier. Die meisten blickten finster vor sich hin, nur die näheren Freunde der Menschen zeigten ihnen durch ihre Mienen, daß sie ihr Verhalten billigten. Saltner sah im Fortgehen, daß ihm Se freundlich mit den Augen folgte, während er von La vergeblich noch einen Blick zu erhaschen suchte. Schon hatte Grunthe die Tür geöffnet. Niemand hielt die beiden auf. Sie verließen den Saal.

Die Martier setzten ihre Beratung fort. Sie waren in ihrer Majorität sichtlich durch den Mißerfolg verstimmt, ja es wurden Stimmen laut, ob man die Menschen nicht auch gegen ihren Willen zur Reise nach dem Mars zwingen könne. Der junge Kapitän Oß warf die Frage auf, ob nicht den Menschen das Recht der Persönlichkeit abzusprechen sei, da sie nicht das genügende Verständnis für das Wesen der Numenheit gezeigt hätten. La blickte ihn sehr erstaunt an, und Fru erhob sich darauf, um diesen Vorwurf zurückzuweisen. Daß sie die Fähigkeit gehabt hatten, ihren Willen gegen den der Martier zu behaupten, sei der genügende und allerdings einzig mögliche Beweis dafür, daß ihnen die Selbstbestimmung der sittlichen Person zukomme. Man könne sie also nicht zur Mitreise zwingen, ja man müsse sogar ihrer Abreise jetzt jede Unterstützung angedeihen lassen.

Ill entschied dahin, daß die Frage nach dem Recht der Menschen auf freie Entschließung nicht mehr zur Diskussion stehen könne, da der Zentralrat ihnen dasselbe bereits zugesichert habe. Dagegen brauche man nicht soweit zu gehen, ihre Rückreise geradezu zu fördern, wenn man sie auch nicht verhindern könne. Man müsse aber wohl oder übel sich damit abfinden, daß die Menschen von der Anwesenheit der Martier früher erführen, als die ursprüngliche Absicht war. Andrerseits jedoch läge ihm auch sehr viel daran, wenigstens einen der Menschen nach dem Mars mitzunehmen, damit dieser den Martiern später als Augenzeuge dienen könne. Dies könne indessen nur mit seiner freien Einwilligung geschehen. Dazu bemerkte Ra, vielleicht würde sich Saltner zur Mitreise bereit erklären, wenn man dafür Grunthe die vollständige Sicherheit der Heimkehr gewährleisten könne. Aber eine solche Garantie könne man doch wohl nicht übernehmen.

Ill sagte darauf nach kurzem Besinnen:

»Ich glaube die Gewähr übernehmen zu können, Grunthe nach Europa zu bringen, und zwar, wenn es sein müßte, binnen vierundzwanzig Stunden.«

Bei der Mehrzahl der Martier erweckte diese Äußerung das lebhafteste Erstaunen. Wie konnte man Grunthe die Rückkehr garantieren? Hätte man dann nicht selbst sogleich nach Europa aufbrechen können?

Ill ließ sich zunächst überzeugen, daß Grunthe und Saltner von der weiteren Verhandlung nichts vernehmen könnten. Sie hatten sich bereits an die Arbeit an ihrem Ballon gemacht und befanden sich auf dem Dach der Insel, wo sie genügenden Raum hatten, um den Ballon einer Untersuchung zu unterziehen. Man hatte ihnen denselben ohne weiteres zur Verfügung gestellt, da auch die im Dienst befindlichen Beamten durch den Fernhörer von dem Resultat der Versammlung bereits unterrichtet waren.

Ill ließ nun die Klappen der Fernsprecher schließen und den phonographischen Apparat außer Tätigkeit setzen. Gespannt lauschten die Martier den näheren Mitteilungen, welche ihnen Ill jetzt über die Fortschritte machte, die in der Vorbereitung der Expedition nach Europa geglückt waren. Sie hatten bisher von den mit Ill auf dem Glo angekommenen Martiern nur im allgemeinen gehört, daß auf dem Mars neue wichtige Entdeckungen in bezug auf die Luftschiffahrt gelungen seien. Die schleunige Absendung des Glo hatte vornehmlich den Zweck, diese neuen Entdeckungen und Apparate in der Atmosphäre der Erde, für welche sie berechnet und konstruiert waren, praktisch zu erproben, um alsdann bis zum Frühjahr den Bau zahlreicher Luftschiffe für die Erde auszuführen. Die Überbringung der Botschaft des Zentralrats war mit dem Transport dieser neuen Apparate verbunden worden. Andernfalls hätte man sich wahrscheinlich damit begnügt, sie durch den Lichttelegraphen zu übermitteln oder die Ankunft des nächsten Raumschiffs von der Erde vor der Absendung abzuwarten. Aber die letzten Tage des Sonnenscheins am Nordpol mußten ausgenutzt werden, um Erfahrungen über die Brauchbarkeit der neuen Erfindung zu machen. Ill gab nun Aufklärungen über seine weiteren Absichten. Daran schloß sich eine längere Beratung der Martier, so daß die Feierstunde herangekommen war, als die Martier auseinandergingen.

*

Grunthe und Saltner kehrten sehr entmutigt von ihrer Tagesarbeit zurück. Die Untersuchung des Ballons hatte ergeben, daß er in seiner ursprünglichen Gestalt nicht wieder herstellbar sei. Glücklicherweise waren die Ventile und das Netzwerk unverletzt. Vom Stoff des Ballons war jedoch ein großer Teil unbrauchbar geworden. Der Rest konnte indessen ausreichen, einen kleineren Ballon zusammenzunähen, vorausgesetzt, daß die Martier bei dieser Arbeit ihre Hilfe leisten wollten, denn die beiden Gelehrten allein hätten damit nicht zustande kommen können. Aber die Tragkraft dieses Ballons, bei dem man Proviant und Ballast sehr reichlich mitnehmen mußte, um auf eine lange Fahrt gerüstet zu sein, hätte dann nicht ausgereicht, um beide Forscher aufzunehmen. Grunthe kam deshalb wieder auf seinen Plan zurück, allein abzureisen und Saltner die Fahrt nach dem Mars mitmachen zu lassen. Vielleicht, so meinte er, würden die Martier ihnen ihre Hilfe bei der Herstellung des Ballons nicht versagen, wenn sie ihnen insoweit entgegenkämen, daß wenigstens einer von ihnen ihre Einladung nach dem Mars nachträglich annähme. Endlich dürfe man die Chance nicht aus der Hand geben, daß, wenn der Ballon verunglücke, wenigstens Saltner seine Erfahrungen auf dem Umweg über den Mars nach Europa bringe, wiewohl dies dann freilich nicht vor Ankunft der Martier geschehen könne.

Saltner überzeugte sich schließlich, daß dieser Ausweg in der Tat der vorteilhafteste sei, da unter den gegebenen Verhältnissen ein Luftschiffer die Fahrt sicherer zurücklegen könne als zwei. Persönlich war er ja überhaupt nicht abgeneigt, die Martier zu begleiten. Auch Grunthe wäre, was seinen Forschereifer anbetraf, gern nach dem Mars gegangen, aber einer von ihnen mußte notwendig als Bote nach Europa. Freilich hatte sich auch Saltner zu dieser gefährlichen Fahrt erboten, aber es verstand sich von selbst, daß Grunthe, als der erfahrenere Luftschiffer, die Fahrt unternahm. So beschlossen denn beide, am nächsten Morgen mit den Martiern in diesem Sinn zu verhandeln. Für heute war die Verkehrsstunde schon vorüber.


20. Kapitel. Das neue Luftschiff

Grunthe erwachte aus einem unruhigen Schlummer und sah nach der Uhr. Sie zeigte auf 9,6, das entsprach nach mitteleuropäischer Zeit ein Uhr früh; es war also noch mitten in der konventionellen Nacht.

Er legte sich daher wieder auf sein Lager zurück. Während er sich seinen Gedanken hingab, vernahm er ein eigentümliches Zischen. Es unterschied sich deutlich von dem leichten, gleichmäßigen Rauschen des Meeres, das in den Schlafräumen nur schwach durch die Stille der Nacht hörbar war. Auch schien es aus der Luft herzukommen, nahm erst zu, um dann allmählich schwächer zu werden und schließlich zu verschwinden. Nach einiger Zeit begann das Zischen wieder, kam aber deutlich von einer andern Seite her. Sollten es Windstöße sein, die sich um die Insel erhoben? Aber auf diese Weise hätten sie sich wohl nicht geäußert. Als sich das Geräusch mehrfach wiederholte, stand Grunthe auf, und die Läden der Decke schoben sich, als sein Fuß den Boden berührte, an einer Stelle automatisch beiseite. Ein schräger rötlicher Sonnenstrahl schlich sich in das Zimmer, und ein Streifen des Himmels wurde sichtbar. Es war also noch immer klares Wetter, nur stand die Sonne bereits so tief, daß sie nur schwach durch die Atmosphäre hindurchdrang. Plötzlich verdunkelte sich der sichtbare Streifen des Himmels auf einen Moment, es war, als ob ein großer Gegenstand mit namhafter Geschwindigkeit über die Insel fortgeflogen wäre. Zugleich war das Zischen besonders laut geworden.

Da das Zimmer keine seitlichen Fenster hatte, konnte Grunthe keinen Rundblick gewinnen. Er wußte aber, daß man an einigen Stellen die Hartglasbedachung der Decke öffnen konnte. Nur mußte man dazu die genügende Höhe erreichen, um bis zur Decke zu gelangen. Eine Leiter hatte er nicht zur Verfügung, er wollte deshalb zunächst versuchen, ob er nicht durch die Fenster des Sprechzimmers eine genügende Aussicht finden könne. Zu seiner Überraschung fand er die Verbindungstür von außen gesperrt. Dies ließ darauf schließen, daß bei den Martiern etwas im Werk sei, wobei sie von den Menschen nicht beobachtet zu werden wünschten. Um so mehr steigerte sich bei Grunthe das Verlangen, seine Wißbegier zu befriedigen.

Er betrachtete sorgfältig die Decke in der Nähe der Luken und erkannte, daß sich dort verschiedene, zu den Apparaten der Martier gehörige Haken befanden, an denen man sehr gut Stricke befestigen konnte. Solche waren zur Genüge an den Körben vorhanden, die zur Ausrüstung des Ballons gedient hatten und in seinem Zimmer lagerten. Aus einem der leeren Körbe und zwei Seilen ließ sich eine Art schwebendes Trapez herstellen, das, an der Decke angehängt, gestatten mußte, den Kopf bis über das Dach zu erheben. Aber wie hinaufkommen? Er entschloß sich, Saltner zu wecken. Der räsonnierte eben ein wenig über die nächtliche Störung, als sich das Zischen in der Entfernung wieder hören ließ. Nun sprang er mit einem Satz in die Höhe und fuhr in seine Kleider. Auf Grunthes Schultern stehend, gelang es ihm, zwei Seile an der Decke zu befestigen, und nun war es nicht mehr schwer, einen Beobachtungsposten einzurichten.

Vorsichtig steckten die beiden indiskreten Beobachter ihre Köpfe aus der Luke und wandten sich nach der Richtung, in welcher sich jetzt deutlich, aber in der Ferne, ein gleichmäßiges leises Sausen vernehmen ließ. Zu ihrem grenzenlosen Erstaunen sahen sie, daß dieses Geräusch von einem riesigen Vogel herzurühren schien, der mit ausgebreiteten Schwingen in ruhigem Segelflug durch die Luft glitt und in geringer Höhe über dem Wasser rings um die Insel schwebte. Jetzt näherte er sich derselben und schoß mit rasender Geschwindigkeit vielleicht zwanzig Meter über dem Dach der Insel hinweg. Trotz der kurzen Zeit, in welcher die beiden Männer den seltsamen Vogel beobachten konnten, sahen sie doch, daß er weder Kopf noch Füße besaß. Sein langgestreckter Körper hatte die Gestalt einer nach vorn und hinten konisch zulaufenden Zigarre, am hinteren Ende befand sich ein langer, flacher Schwanz als Steuerruder. Natürlich war den Beobachtern sofort klar, daß sie eine neue Erfindung der Martier vor sich hatten, ein den Verhältnissen der Erde angepaßtes Luftschiff. Die Martier stellten damit Übungen und Versuche an, wobei sie von den Menschen nicht beobachtet sein wollten.

Das Luftschiff entfernte sich, kehrte dann in einem kurzen, eleganten Bogen um, brauste zurück und hielt plötzlich direkt über der Insel an. Man konnte beobachten, wie der ganze Schiffskörper in Schwingungen geriet, als der äußerst schnelle Flug binnen drei Sekunden zum Stillstand kam. Und nun geschah etwas noch Merkwürdigeres. Die Flügel und das Steuerruder waren plötzlich verschwunden. Etwa zehn Meter über dem Dach der Insel, aber so weit vom Standpunkt der beiden Deutschen entfernt, daß ihre eben nur aus der Luke hervorblickenden Köpfe kaum bemerkt werden konnten, schwebte der Schiffskörper frei in der Luft. Seine Länge mochte etwa zehn, sein Durchmesser gegen vier Meter betragen. Das Material zeigte dasselbe glasartige Aussehen wie die Raumschiffe der Martier, gestattete aber keine Durchsicht. Den Boden wie das Verdeck bildeten zwei glatte, nach oben und unten gewölbte Schalen, zwischen denen ein nur vorn und hinten geschlossener, etwa meterhoher Streifen freiblieb. Durch denselben konnte man beobachten, daß das Luftboot von zwölf Martiern bemannt war.

Jetzt senkte sich das Boot auf das Dach der Insel langsam herab, wo es ohne Verankerung liegenblieb. Die Besatzung stieg aus, und andere Martier traten an ihre Stelle. Nur die beiden Männer, die an den beiden Enden des Bootes sich befunden hatten, nahmen ihre Plätze wieder ein. Sie waren Grunthe und Saltner unbekannt, und diese schlossen daher, daß es die mit dem Glo angekommenen Konstrukteure des neuen Luftschiffes seien, die hier die Martier mit der Behandlung des Bootes bekannt machten. Die Galerien der Insel waren von zuschauenden Martiern besetzt, doch konnte man diese von dem tiefen Standpunkt Grunthes und Saltners aus nicht erblicken; auch der untere Teil des Luftschiffes blieb ihnen verborgen, und sie konnten die Bemannung nur in dem Augenblick sehen, in welchem sie das Schiff verließ oder betrat, was durch das Verdeck desselben zu geschehen schien.

Ein neues Manöver begann. Ohne Flügel und Steuer, horizontal liegend, stieg das Boot mit zunehmender Geschwindigkeit senkrecht in die Höhe. Da war kein Luftballon sichtbar, keine Schraube, kein Flügelschlag hob es. In wenigen Minuten war es so hoch gestiegen, daß es dem bloßen Auge nur als ein Pünktchen mit Mühe wahrnehmbar erschien. Plötzlich vergrößerte sich der Punkt schnell. Das Schiff stürzte herab. Aber jetzt entfaltete es seine Flügel und sein Steuer, und wie ein riesiger Raubvogel sauste es in weitem Kreis um die Insel, streifte fast an der Meeresoberfläche hin und erhob sich dann wieder in einer Spirale. Dabei wurden offenbar Signale mit den Martiern der Insel gewechselt, die aber für Grunthe nicht verständlich waren. Man sah nun, daß das Schiff seine Flügel verkürzte oder zurücklegte, das Steuer stellte sich gerade, eine weiße Dampfwolke brach aus dem Hinterteil des Schiffes hervor, der ein kanonenschußartiger Knall und ein gewaltiges Brausen folgte das Boot schoß schräg aufwärts steigend wie aus einem Geschütz geschleudert in die Ferne und war nach weniger als einer Minute in der Richtung des zehnten Meridians dem Auge entschwunden.

Aus der Bewegung, welche sich jetzt auf der Insel bemerkbar machte, schlossen Grunthe und Saltner, daß das Schiff eine Fernfahrt angetreten habe und fürs nächste nicht wieder zu erwarten sei. Sie verließen daher ihren unbequemen Posten und zogen sich in ihr Zimmer zurück, jedoch entschlossen, die Rückkehr des Schiffes zu erwarten. Zu diesem Zweck wollten sie sich im Wachen ablösen.

Diese Mühe hätten sie sich freilich sparen können, wenn sie gewußt hätten, wie weit das Schiff seine Aufklärungsfahrt ausdehnen sollte. Es wurde erst in der folgenden Nacht von den Martiern zurückerwartet.

Die Versuche der Martier waren vollständig gelungen. Ihre auf dem Mars in Berücksichtigung der terrestrischen Verhältnisse ausgeführten Konstruktionen bewährten sich in überraschender Weise. Sie waren nun im Besitz eines Luftschiffs, welches sie nach Belieben in der Erdatmosphäre lenken konnten und mit welchem sie selbst einem Sturm zu widerstehen vermochten. Was die Menschen so lange vergeblich angestrebt hatten, die Techniker des Mars hatten es in verhältnismäßig kurzer Zeit erreicht.

Allerdings besaßen ja die Martier vor allem ein Mittel, sich in die Luft zu erheben, das den Menschen fehlt, die Anwendung der Diabarie. Der Fortschritt der Luftschifffahrt bei den Menschen war früher immer daran gescheitert, daß man das aerostatische und das dynamische Luftschiff nicht in geeigneter Weise verbinden konnte. Wandte man den Luftballon an, um Lasten in die Höhe zu heben, so mußte der Apparat riesige Dimensionen annehmen, und es war dann unmöglich, ihn gegen die Windrichtung zu bewegen, weil er dem Wind eine zu große Angriffsfläche bot oder nicht genügend widerstandsfähig gegen seinen Druck gemacht werden konnte. Wählte man aber die dynamische Form des Luftschiffs, wobei durch Schrauben oder Flügel die Erhebung bewerkstelligt wurde, so fehlte es an Maschinen, um die erforderliche große Kraft zu entwickeln; denn um dies zu leisten, mußten die Maschinen selbst zu schwer werden.

Diesen Schwierigkeiten waren nun die Martier dadurch enthoben, daß sie diabarische Fahrzeuge zu bauen vermochten, das heißt Fahrzeuge, für welche die Anziehungskraft der Erde nahezu ganz aufgehoben werden konnte. Bei der Luftschiffahrt geschah diese Aufhebung natürlich nicht so vollständig wie bei der Raumschiffahrt, sondern nur soweit, daß das Gewicht des Schiffes samt seinem Inhalt geringer wurde als das Gewicht der von ihm verdrängten Luft. Nach dem archimedischen Gesetz mußte es dann in der Luft in die Höhe steigen, und, je nachdem man seine Schwere vergrößerte oder verkleinerte, konnte man es senken oder heben. Man bedurfte dazu keiner Riesenballons und keiner Ballastmassen. Das Probeschiff der Martier wog mit seinem ganzen Inhalt etwa fünfzig Zentner und besaß eine Luftverdrängung von über hundert Kubikmeter. Es genügte also eine Erniedrigung des Gewichts bis auf fünf Prozent des eigentlichen Betrages, das heißt bis auf 125Kilogramm, um zu bewirken, daß das Schiff in der Nähe der Erdoberfläche schwebte, denn soviel beträgt hier ungefähr das Gewicht der verdrängten hundert Kubikmeter Luft. Was aber die Martier bisher verhindert hatte, sich mit ihren Raumschiffen in die Atmosphäre zu wagen, war die mangelhafte Widerstandsfähigkeit des Stellits. Es galt somit für die Martier vor allem, einen Stoff zu finden, der sich diabarisch machen ließ und dabei doch die genügende Festigkeit besaß, um eventuell nicht nur den gewaltigen Druck eines Sturmwindes auszuhalten, sondern auch mit großer Geschwindigkeit gegen die Luft anzufliegen. Das war jetzt gelungen. Das neue Luftschiff vermochte einer mit 400Metern Geschwindigkeit gegen dasselbe bewegten Luftmasse Widerstand zu leisten, ohne eine schädliche Verbiegung seiner Umhüllung zu erleiden. Dieser Stoff führte den Namen Rob.

Diabarie und Rob fanden nun ihren dritten Verbündeten zur Vollendung der Aerotechnik in einer Modifikation des Repulsit. Man konnte natürlich in der Luft der Erde nicht wie im leeren Raum Repulsitbomben schleudern. Aber man hatte dafür eine Vorrichtung ersonnen, den kondensierten Äther des Repulsits so allmählich zu entspannen, daß man den unmittelbaren Rückstoß zur Fortbewegung benutzen konnte. So bedurfte es keiner Schrauben oder Flügel, die nicht nur viel Raum einnahmen, sondern auch leicht der Havarie ausgesetzt waren; man schoß sich direkt durch Reaktion, wie eine Rakete, durch die Luft. Die beiden großen Flügel und das Steuer, welche das neue Luftschiff trug, konnten unter Umständen gänzlich zusammengeschoben und eingezogen werden; sie dienten nur dazu, um das Gleichgewicht bei plötzlicher Änderung der Richtung zu bewahren und um nicht die großen Vorteile zu verlieren, welche der Segelflug bei günstigem Wind darbietet.

Ill hatte das Schiff vom Mars mitgebracht und sich jetzt von seiner Tauglichkeit überzeugt. Die Versuche geschahen in der Nacht, das heißt während der Schlafenszeit, weniger, weil man die neuen Erfolge vor den Menschen verbergen wollte, als weil man bei einem etwaigen Mißerfolg keinerlei Zeugen zu haben wünschte. Immerhin beabsichtigte Ill nicht, die Menschen in die Fortschritte einzuweihen, welche die Martier gemacht hatten; da aber noch weitere Übungen angestellt werden sollten und man höchstens noch auf zwei Wochen Tageslicht rechnen konnte, so lag ihm selbst daran, Grunthe, wenn dieser auf seiner Weigerung beharren sollte, möglichst schnell von der Insel zu entfernen. Die Aufklärungsfahrt des Luftschiffs in der Richtung nach Europa hing mit dieser Absicht zusammen. Es stellte sich heraus, daß mit Anwendung des Repulsits Geschwindigkeiten von 200Metern in ruhiger Luft mit Leichtigkeit erreicht werden konnten. Man bewegte sich dabei in Höhen von ungefähr zehn Kilometern, bei einer Luftverdünnung, welche allerdings von Menschen nur bei künstlicher Sauerstoffatmung ertragen werden konnte, den Martiern aber, wenn sie nur von Zeit zu Zeit etwas Sauerstoffzuschuß erhielten, keine besonderen Beschwerden verursachte. Heftige Luftströmungen konnten hier die Geschwindigkeit des Luftschiffs wohl zeitweise um die Hälfte steigern oder mindern, im Mittel jedoch vermochte man in der Stunde siebenhundert Kilometer zurückzulegen. Auf diese Weise konnte man vom Nordpol nach Berlin in sechs Stunden gelangen.

Als die Lichtdepesche über das Gelingen dieser Probefahrten nach dem Mars gelangte, bewilligte der Zentralrat die Mittel zum Bau von hundertvierundvierzig Erd-Luftschiffen, welche bis zum nächsten Erd-Nordfrühjahr fertigzustellen seien

Es war noch früh am Tage, und Saltner wollte sich eben von seinem Posten, auf dem er vergeblich nach der Rückkehr des Luftschiffes ausgeschaut hatte, nach dem Dach der Insel begeben, um Grunthe bei der Arbeit am Ballon zu helfen, als er in das Sprechzimmer gerufen wurde.

Dort erwartete ihn La. Der kühle Ernst, welchen sie gestern gezeigt hatte, die fremde Haltung war verschwunden. Mit einem Lächeln auf den Lippen, in der ganzen hinreißenden Anmut ihres Wesens schwebte sie ihm entgegen und begrüßte ihn mit einer Zärtlichkeit, die ihn wehrlos machte. Sie zog ihn neben sich auf einen Sitz und sagte, seine Hand haltend:

»Sei nur nicht gar so verwundert, Sal, heute ist wieder mein Tag, und was gestern war, geht uns nichts an. Oder hast du schon vergessen?«

»Wie könnte ich! Aber ich begreife nur nicht«

»Aber liebster Freund, das ist doch ganz einfach! Haben wir uns lieb?«

»La!«

»Und hab ich dir nicht schon gesagt, Liebe darf nicht unfrei machen? Und hast du nicht auch Se lieb?«

»Ich bitte dich.«

»Ich weiß es, und es ist ein Glück, sonst dürften wir uns so nicht sehen.«

»Was ihr für seltsame Sitten habt!«

»Können wir uns gehören für immer? Kannst du dauernd auf dem Mars leben oder ich auf der Erde? Oder irgendwo zwischen den Planeten? Und was hat das überhaupt mit der Liebe zu tun? Das sind ganz andere Fragen. Wir aber wollen uns der Schönheit freuen und des Glücks, das wir im freien Spiel des Gefühles genießen. Liebtest du mich allein, du wärest bald unfrei, über dich herrschte die Leidenschaft, der das Herzeleid folgt, und ich müßte mich dir entziehen. Wohl gibt es ein Glück zwischen Mann und Frau, das kein Spiel ist, sondern Ernst; doch davor stehen viele Prüfungen, und ob es möglich ist zwischen Nume und Mensch, das weiß noch niemand. Und damit wir nicht vergessen, daß Liebe ein Spiel ist, dürfen wir nicht ganz allein es führen, und doch allein, wann wir wollen. Und nun zerbrich dir nicht den törichten Kopf! Ich habe dir etwas Ernstes zu sagen.«

»Noch etwas Ernsteres? Ich werde Mühe haben, mich in das eine zu finden. Aber es ist wahr, allgemeineres dürfen wir nicht über unserem Spiel vergessen.«

»Ich glaube, du verstehst mich noch immer nicht Spiel heißt doch Kunstwerk, ein Trauerspiel ist auch ein Spiel, nur daß man nicht selbst dabei umkommt, sondern der Held, mit dem man fühlt. Und den Wert unseres Gefühls setzen wir nicht herab, nein, wir machen ihn reiner und höher, wenn wir ihn in die Freiheit des Spiels, in das Reich des selbstgeschaffenen schönen Scheines erheben. Du Tor! Ist dieser Kuß ein Schein? Nein, Schein ist nur, daß ich damit die Freiheit meines Selbst verliere. Und nun höre! Du kommst mit uns auf den Mars, damit du endlich einmal verständig wirst.«

»Sprichst du so als meine geliebte La? Dann muß ich dir zeigen, daß ich dein gelehriger Schüler bin, indem ich meine Freiheit bewahre. Du weißt, warum ich nicht mit euch kommen kann.«

»Ich weiß es, und du bist brav, und ich hab dich darum nur lieber. Ihr wart gestern Männer. Aber wenn wir nun die Bedingung erfüllen, daß ihr eure Nachrichten überbringen könnt, wenn wir einem von euch die Mittel zur Heimkehr verschaffen, will dann nicht der andere mit uns kommen?«

»Und wer soll der andere sein?«

»Das wird sich ja finden. Doch im Ernst, ich bin beauftragt, bei euch anzufragen, ob ihr darauf eingehen wollt. Sobald sich einer von euch beiden bereiterklärt, nach dem Mars mitzugehen, schaffen wir den andern sofort in seine Heimat.«

»Merkwürdig! Und ich wollte euch heute denselben Vorschlag machen. Es hat sich gezeigt, daß der Ballon nur eine Person wird tragen können, das muß natürlich Grunthe sein. Wollt ihr uns eure Hilfe leihen, den Ballon herzustellen, so daß Grunthe abreisen kann, so bin ich bereit, mit euch nach dem Mars zu gehen.«

»Das ist herrlich, liebster Freund, dafür muß ich dir danken. Und wegen des Ballons mache dir keine Sorge wir haben einen sichereren Weg nach Deutschland«

»Das Luftschiff?«

»Ihr habt gelauscht?«

»Gesehen. Und damit wollt Ihr uns aber dann könnte ich ja auch mit zurück?«

»Nein, das ist Bedingung. Du mußt mit uns kommen«

»Ach, La, ich sträube mich ja nicht.«

»So komm, wir wollen mit Ra und deinem Freund sprechen.«

»Aber zuvor dürfen wir wohl noch ein wenig hier plaudern?«

*

Es war sieben Uhr, zwei Stunden nach Feierabend, als das Luftschiff von seiner Fahrt zurückkehrte. Nachdem Ill den erstatteten Bericht mit großer Zufriedenheit entgegengenommen hatte, wurde das Schiff sofort zu einer neuen Fernfahrt in Bereitschaft gesetzt.

Grunthe und Saltner hatten sich bereits in ihre Zimmer zurückgezogen, als das Schiff ankam, und daher nichts mehr von demselben bemerkt. In einer Unterredung mit Ill und Ra hatte Grunthe eingewilligt, die Fahrt auf dem Luftschiff der Martier anzutreten. Er bereitete sich darauf vor, indem er alle Gegenstände zusammenpackte, die er mitzunehmen wünschte. Man hatte ihm Gepäck im Gewicht von einem Zentner bewilligt, und außer seinen Büchern und Instrumenten packte er noch eine Anzahl Kleinigkeiten ein, welche seinen Landsleuten die Industrie der Martier verdeutlichen sollten. Darauf legte er sich zur Ruhe.

Am folgenden Morgen, am zweiten Tag nach der Beratung mit den Martiern, hatten Grunthe und Saltner eben ihr Frühstück beendet, und Saltner hatte sich nach dem Sprechzimmer begeben, als Hil bei Grunthe eintrat. Dieser war damit beschäftigt, seine Effekten auf einen Platz zusammenzustellen.

»Das ist Ihr Gepäck?« fragte Hil. »Wünschen Sie sonst noch etwas mitzunehmen?«

»Nichts weiter es ist alles vollständig und wird das Gewicht von einem Zentner nicht überschreiten.«

»So sind Sie also reisefertig?«

»Ganz und gar Sie sehen, ich bin sogar schon in meinem Reiseanzug, und da liegt mein Pelz. Wann soll die Fahrt beginnen?«

»Sehr bald, vielleicht schon in dieser Stunde. Haben Sie Ihrem Freund noch etwas mitzuteilen?«

»Nein, wir haben uns hinreichend ausgesprochen, hier sind seine Briefe und Tagebücher für die Heimat.«

»Sie wären also bereit, sogleich aufzubrechen?«

»Ich bin bereit.«

Hil trat dicht an ihn heran und faßte seine Hände, als wollte er sich verabschieden. Dabei sah er ihm fest in die Augen. Grunthe fühlte sich von diesem Blick eigentümlich betroffen. Er konnte die Augen nicht fortwenden, und doch begann die Umgebung vor seinen Blicken zu verschwimmen. Er sah nur noch die großen, glänzenden Pupillen des Arztes.

Dieser legte ihm jetzt langsam die Hände auf die Stirn und sagte bedeutsam:

»Sie schlafen!«

Grunthe stand starr, bewußtlos, mit offenen Augen. Hil drückte leise seine Augenlider herab und winkte mit dem Kopf rückwärts. Zehn Martier, die sich bereitgehalten hatten, traten ein. Sechs von ihnen nahmen Grunthe behutsam in die Arme, legten ihn auf ein Tragbett und schafften ihn aus dem Zimmer. Die vier andern folgten mit dem Gepäck. Grunthe wurde in das Luftschiff gebracht und sorgfältig in seinen Pelz gehüllt. Das Rohr des Sauerstoffbehälters wurde in seinen Mund geführt.

Wenige Minuten darauf erhob sich das Luftschiff senkrecht in die Höhe. Nachdem es tausend Meter gestiegen war, schlossen sich die seitlichen Öffnungen. Der Reaktionsapparat spielte. Schräg aufwärts schoß es in der Richtung des zehnten Meridians nach Süden.

Ra begab sich zu Saltner in das Sprechzimmer und sagte:

»Wundern Sie sich nicht, daß Sie Ihren Freund nicht mehr vorfinden werden. Ich hoffe, daß wir Ihnen bald die Nachricht seiner glücklichen Ankunft in der Heimat melden können. Wir hielten es für notwendig, die Abreise zu beschleunigen.«

Saltner sprang an das Fenster. Fern am Horizont leuchtete ein schwaches Dampfwölkchen auf, um alsbald zu verschwinden.

Er war jetzt der einzige Europäer am Nordpol.

Se trat zu ihm.

»Seien Sie guten Muts, lieber Freund«, sagte sie. »Morgen geht unser Raumschiff nach dem Nu!«


21. Kapitel. Der Sohn des Martiers

Auf der Nordseite der Stadt Friedau dehnt sich ein langgestreckter Hügelrücken. Sorgsam gepflegte Gärten ziehen sich an seinen Abhängen in die Höhe, aus deren Grün schmucke Villen hervorlugen. Vom Gipfel hernieder glänzt über den Baumkronen eines parkartigen Gartens ein weißes Landhaus, das ein erhöhter Kuppelbau auf den ersten Blick als eine Sternwarte erkennen läßt.

Der wunderbar klare Septembertag, an dem die Besucher jenes über dem Nordpol schwebenden Ringes mit ihrem tausendmal vergrößernden Projektionsfernrohr die Karte von Deutschland durchmusterten, neigte sich seinem Ende zu. Sein mildes Licht lag über den zierlichen Gärten Friedaus, in denen großblumige Georginen den Rosenflor verdrängten, über den alten Bäumen des weiten fürstlichen Parks, der vom Fuß des Hügels beginnend fast die ganze Stadt umzog, und spiegelte sich dort im ruhigen Wasser des Teiches.

Den breiten Kiesweg, welcher vom Hügel herab zwischen den Vorgärten der Villen nach dem Eingang des Parkes führte, schritt in Gedanken verloren der Besitzer jener Privatsternwarte. Im Schatten der Bäume angelangt, nahm er den weichen hellfarbigen Filzhut ab, und man sah, daß volles graues Haar seinen Kopf bedeckte. Aber es war nicht ergraut von der Last des Alters, es hatte stets diese Farbe gehabt. Unter der hohen Stirn leuchteten zwei mächtige tiefdunkle Augen. Sie waren jetzt nicht mehr sinnend zur Erde gerichtet, sondern spähten erwartungsvoll durch die Gänge des Parkes.

Zwischen den Büschen am Ufer des Teiches schimmerte ein heller Sonnenschirm. Beim Geräusch der nahenden Schritte erhob sich von einer Bank unter dem Schatten einer breitästigen Linde eine anmutige Frauengestalt in eleganter Sommerkleidung. Der nachdenkliche Ernst, der über ihren feinen Zügen gelegen hatte, wich einem freundlichen Lächeln, als sie jetzt Ell entgegentrat, und in ihren dunkelblauen Augen blitzte es auf wie von einem stillen Glück, als sie ihm die Hand reichte.

»Verzeihen Sie«, sagte Ell, indem er an ihrer Seite den Parkweg am Ufer des Teiches entlangwandelte, »ich habe mich verspätet, natürlich ohne meine Schuld.«

»Auch ich bin eben erst gekommen«, erwiderte Isma Torm. »Ich habe Besuch gehabt. Frau Anton hat mir sehr weise Reden gehalten. Sie konnte gar kein Ende finden.«

»Ich kann es mir denken, aber machen Sie sich nichts daraus. Sie können tun, was Sie wollen, den Menschen werden Sie es doch nicht recht machen.«

Isma seufzte leise. »Sie sehen, ich bin doch gekommen!«

Ell dankte ihr durch einen Blick. »Es ist die einzige Stunde am Tag, Isma, in der einmal der Weltärger verschwindet und ich frei und glücklich bin.«

»Und Ihre Arbeit?«

»Selbst diese ist nicht frei von Enttäuschung. Beschränktheit und Engherzigkeit, wohin Sie sehen. Sie wissen, daß ich mich über Kampf und Streit nicht beklage, denn das ist die Form, wodurch wir weiterkommen. Aber diese Unfähigkeit, das Ziel zu sehen, dieser Eigensinn, daß die Dinge nicht auch anders gingen!«

»Was hat Sie denn heute geärgert, Ell? Schütten Sie nur das Herz aus.«

»Es ist ja nichts Neues. Sie wissen, daß ich mich vor Jahresfrist entschlossen habe, meine Theorie der Gravitation zu veröffentlichen. Grunthe redete mir zu, obwohl er sagte, es wird niemand begreifen.«

»Ich erinnere mich sehr gut. Es war «

»Ja damals «

»Und damals sagten Sie, das wäre Ihnen ganz gleichgültig.«

»Das ist auch wahr. Was meine Person angeht, meinen Ruhm oder wie Sie es nennen wollen, das ist mir auch ganz gleichgültig. Aber um der Sache willen tut es mir leid. Was die Menschheit dadurch verliert, das schmerzt mich, und ich sehe, daß ihr so nicht zu helfen ist. Erst wird das Buch totgeschwiegen, die Gelehrten wissen nicht, was Sie damit anfangen sollen, dann kommt einer und behauptet, das wäre eine phantastische Hypothese, durch nichts bewiesen. Dabei habe ich aufgrund meiner Theorie das sogenannte Drei-Körper-Problem gelöst und die Richtigkeit bis auf die Hundertstelsekunden an der Störung der Marsmonde nachgewiesen. Aber glauben Sie, daß ein einziger Astronom meine Methode der Rechnung verstanden hat?«

»Ko Bate«, sagte Isma lächelnd. »Das wollten Sie doch wohl sagen? Wahrscheinlich haben Sie sich nicht klar genug ausgedrückt.«

»Allerdings, ich hätte darüber ein besonderes Buch schreiben müssen ich glaubte nicht, daß man so schwerfällig sein würde. Ich habe die Methode gar nicht selbst erfunden, sondern schon in meinem achtzehnten Jahr von meinem Vater erlernt«

»Aber warum haben Sie das alles so lange geheimgehalten?«

»Sie sehen ja, daß es noch immer zu früh ist. Könnten die andern mit mir in der gleichen Richtung weiterarbeiten, man würde auch technisch zu Resultaten kommen, die eine ganz neue Welt eröffnen müßten. Ach, dann würden wir vielleicht einmal frei von dieser schweren Erde.«

»Immer wieder dieselbe Sehnsucht. Es ist ja doch hier ganz leidlich. Sie müssen Geduld haben. Und dies hat Sie heute verstimmt und aufgehalten?«

»Dies weniger. Heute waren es praktische Sachen, Ärger mit den Behörden. Das ist eine Schwerfälligkeit vornehmlich drüben im Nachbarstaat, ein Reglementieren alles muß in eine Schablone gepreßt werden. Und das hat mich mißmutig gemacht, ganz besonders, weil es auch Sie angeht.«

»Mich? Ist etwas vorgefallen?« fragte Isma ängstlich.

»Nein, ich meine unsere Luftschifferstation. Man will sie verstaatlichen, neben die militärische unter das Kriegsministerium stellen, wahrscheinlich dann auch von hier fort verlegen. Jedenfalls verlangt man eine Staatsaufsicht obwohl der Staat noch nicht einen Pfennig dazu gegeben hat.«

»Aber warum denn?«

»Ich glaube, man traut mir nicht. Im Falle eines Krieges will man wohl Sicherheiten haben. Sie wissen, die Abteilung ist eine internationale Gründung. Ich selbst habe meine besonderen Ansichten über Patriotismus.«

»Ich bitte Sie, Ell, Sie sind doch ein Deutscher. Im Kriegsfall müssen wir uns selbstverständlich zur Verfügung stellen aber, wer wird denn an Krieg denken. Ach, machen Sie mir nicht noch mehr Sorge!«

»Ich bin ein Deutscher mit meinen Sympathien, staatsrechtlich bin ich es nicht, man kann mich also im Notfall ausweisen. Die Sache ist doch so Deutschland oder Frankreich oder England, irgendeine Nation oder ein Staat ist ja kein Selbstzweck; Selbstzweck kann nur die Menschheit als Ganzes sein. Die einzelnen Völker und Staaten sind Mittel, im gegenseitigen Wettbewerb die Idee der Menschheit zu erfüllen. Wenn nun einmal der Staat, dem ich angehöre, durch seinen Erfolg nicht das zweckentsprechende Mittel wäre in Rücksicht auf die Idee der Menschheit, so wäre es unmoralisch, wenn ich als freie Persönlichkeit mich nur darum für ihn entschiede, weil ich ihm viel verdanke. Die ethische Forderung ist eine andere. Aber bei den Menschen wird immer nach dem unmittelbaren Gefühl entschieden, und das nennt man dann Patriotismus und hält für Pflicht, was doch bloß Neigung ist.«

Isma blieb stehen. »Aber dann«, sagte sie langsam, »mit welchem Recht gehen wir hier spazieren? Ist das auch Pflicht?«

»Gewiß, wenn sie auch mit der Neigung zusammenfällt. Sie werden sich selbst doch nicht danach beurteilen, was die Friedauer für richtig halten?«

»Nein«, sagte Isma, indem sie lächelnd zu ihm aufblickte, »kommen Sie ruhig mit durch die Stadt. Glauben Sie nicht, daß wir bald eine Nachricht erwarten können?«

»Die Depesche von Spitzbergen sagt uns, daß die Fahrt am 17.August angetreten ist. Es ist wohl möglich, daß in den nächsten Tagen eine Nachricht eintrifft.«

»Sie sind noch immer guten Muts?«

»Ich hoffe zuversichtlich. Glauben Sie mir, ich hätte Ihrem Mann nicht so aufrichtig zugeredet, wenn ich nicht überzeugt wäre, daß ihm die Expedition in besonderer Weise glücken wird.«

»Ell, Sie denken noch an irgend etwas Unerwartetes; ich bitte Sie, seien Sie offen, fürchten Sie eine bestimmte Gefahr?«

»Nichts, was zu fürchten ist, ich versichere Sie, Isma! Etwas Unerwartetes vielleicht, aber nichts zu fürchten!«

»O bitte, was denken Sie? Ich habe schon oft bemerkt, daß Sie mir noch etwas verschweigen.«

»Wahrhaftig, Isma, ich verschweige Ihnen nichts, was ich weiß, aber verlangen Sie nicht, daß ich Vermutungen Ausdruck gebe, die vielleicht völlig nichtig sind. Ich setze eine große Hoffnung auf die glückliche Wiederkehr der Expedition, und ich rechne mit Sicherheit darauf. So sicher, daß ich mir größte Mühe gebe, eine Stellung für Saltner ausfindig zu machen. Denn was soll er dann tun, wenn er zurückkehrt? Und sehen Sie, das hat mich auch heute gekränkt glauben Sie, daß die Regierung den Mann anstellt, der eine so ruhmvolle Expedition mitmacht? Er ist ja ein Ausländer und hat seine Prüfungen nicht bei uns abgelegt!«

»Lassen Sie ihn nur erst zurück sein. Mich beunruhigt dieses Unerwartete, wie Sie es nennen.«

»Wirklich, es ist nur eine Art Ahnung, daß uns mit der Auffindung des Nordpols mehr gegeben werden wird als eine geographische Entdeckung.«

»Das müssen Sie mir noch erklären.«

»Vielleicht bald. Aber heute haben wir noch nicht einmal von Ihnen gesprochen. Was haben Sie getan, gelesen, erfahren?«

»Herzlich wenig. Die Polarkarte habe ich wieder einmal studiert.«

Im lebhaften Gespräch durchschritten sie die belebteren Teile der Anlagen. Hinter den Bäumen sank die Sonne, rot und golden leuchtete der Abendhimmel. Öfter begegneten sie jetzt Spaziergängern. Den meisten waren sie bekannt, man grüßte die beiden höflich, aber hinterher drehte man sich um und sah ihnen nach. Man warf sich Blicke zu oder zischelte eine Bemerkung.

»Sie haben gut spazierengehen«, näselte ein kleiner Herr mit breitem, schnüffligem Gesicht seinem Begleiter zu, »er hat den Mann nach dem Nordpol geschickt.«

»Das ist die Torm«, sagte ein junges Mädchen. »Jeden Tag geht sie mit dem Doktor Ell hier vorüber.«

Die Friedauer waren sehr stolz darauf, daß alle Zeitungen von ihrer Nordpolexpedition erfüllt und die Lebensbeschreibungen ihrer Mitbürger überall zu lesen waren. Darum waren sie glücklich, auch über sie reden zu können. Sie taten es nach Herzenslust in ihrer menschenfreundlichen und liebevollen Weise und um so mehr, je weniger sie von ihnen wußten.

Ell und Isma hatten die Anlagen verlassen und waren in eine der breiten mit Vorgärten vor den Häusern versehenen Alleen hineingeschritten. Sie standen vor der Tormschen Wohnung. Ell hatte schon Isma die Hand zum Abschied gereicht, und beide zögerten nur noch einen Augenblick, sich zu trennen. Da öffnete sich die Haustür und ein Telegraphenbote kam ihnen entgegen.

»Guten Abend, Frau Doktor«, sagte er. »Da treff ich Sie ja noch. Es war oben niemand zu Hause.«

Isma griff nach dem Telegramm. Sie riß es auf.

»Von ihm! Aus Hammerfest!« rief sie fieberhaft.

»Das ist die Brieftaubenstation«, sagte Ell.

Es dunkelte schon. Sie konnte die Buchstaben nicht mehr recht erkennen. Die Leute sahen ihr von den Fenstern aus zu.

»Kommen Sie mit hinauf, Ell«, sagte sie. »Die Sache ist nicht so kurz. Das ist eine Ausnahme, heute dürfen Sie kommen!«

Isma eilte voran. Als Ell in das Wohnzimmer trat, stand sie schon unter der elektrischen Lampe und las das Telegramm. Ihren Hut, der ihr das Licht nahm, hatte sie herabgerissen.

»Da«, sagte sie, Ell das Papier reichend. »Er lebt! Er ist gesund! Lesen Sie, lesen Sie vor. Ich werde nicht daraus klug.« Sie ließ sich in einen Sessel sinken und begann ihre Handschuhe abzustreiten.

Ell warf einen Blick auf das Telegramm. Seine Hände bebten sichtlich. Er setzte sich.

»Um Gottes willen, Ell, was ist Sie zittern «

»Nicht aus Sorge, nein, nein es war nur ein Augenblick der Überraschung. Hören Sie, Isma.«

Er las:


»Hammerfest, 5. September, 3 Uhr 8 Minuten. Soeben Brieftaube mit dem Stempel Ballon Pol zurückgekehrt, brachte folgende Nachricht:

Frau Isma Torm, Friedau, Deutschland.

19. August, 5 Uhr 34 Minuten M.E.Z., nachmittags. Alle gesund. Nach dreißigstündiger direkt nördlicher, günstiger Fahrt schweben wir über dem Pol. Gewirr von Inseln in meist eisfreiem, nicht sehr ausgedehntem Bassin. Kleine, kreisrunde Insel, etwa fünfhundert Meter Durchmesser, von unbekannten Bewohnern als Pol markiert, trägt unerklärliche Apparate. Ihre Oberfläche enthält im größten Maßstab stereographische Polarprojektion der Nordhalbkugel bis gegen den dreißigsten Breitengrad. Bewohner nicht sichtbar. Da Landung nicht ratsam, setzen wir Reise fort. Innigsten Gruß.

Torm.«


Ell las die Depesche noch einmal sorgfältig durch, während Isma ihn erwartungsvoll ansah. Dann sprang er auf und machte einige Schritte durch das Zimmer. Auch Isma hatte sich erhoben.

»Wir setzen die Reise fort! Das heißt, wir kommen wieder nicht wahr, Ell, das heißt es doch? Es ist gelungen? OGott sei Dank!«

»Ja, es ist gelungen«, sagte Ell bedeutungsvoll.

Isma trat auf ihn zu und ergriff seine beiden Hände.

»Ich danke Ihnen, lieber Freund«, sagte sie, ihre tränenfeuchten Augen zu ihm aufschlagend, »ich danke Ihnen, es ist Ihr Werk!«

Er zog sie sanft an sich, sie lehnte weltvergessen ihren Kopf an seine Schulter.

»Isma!« sagte er. Seine Lippen berührten ihre Stirn.

Sie schüttelte leise den Kopf und trat zurück. »Setzen Sie sich«, sagte sie. »Und nun sprechen Sie, erklären Sie mir das Rätselhafte, das Unerwartete«

»Es ist da.«

»Aber was bedeutet es ich verstehe nicht, ich bin ganz verwirrt. Ist es eine Gefahr?«

»Es bedeutet Isma, Sie werden es nicht glauben wollen, was es bedeutet für uns alle. Wie soll ich es Ihnen sagen?«

Er zog seinen Sessel an den ihrigen und ergriff ihre Hand.

»Was ist Ihnen?« fragte sie, ihn ängstlich anblickend.

»Es bedeutet, daß die Bewohner des Planeten Mars auf dem Nordpol der Erde gelandet sind. Es, bedeutet, daß sie mit ihren Apparaten und Maschinen festen Fuß auf der Erde gefaßt haben. Es bedeutet, daß die Erde, die Menschheit binnen kurzem unter ihrer Leitung stehen wird daß ein goldenes Zeitalter des Glückes und des Friedens die Not der Menschheit ablösen soll und daß wir es erleben!«

Seine Stimme hatte sich gehoben, er hatte mit Begeisterung gesprochen, seine Augen flammten tief, groß, dunkel und hafteten wie in weiter Ferne.

Isma wußte nicht, was sie denken sollte.

»Ell«, sagte sie schüchtern, »ich bitte Sie, Sie können in dieser Stunde nicht scherzen wie soll ich das verstehen?«

»Es ist die Wahrheit.«

Es war mit einem Ausdruck gesprochen, daß ein Zweifel nicht möglich war.

Isma schwieg. Sie lehnte sich zurück und strich das lichtbraune Haar aus der schmalen Stirn. Dann faltete sie ihre Hände und sah ihn bittend an.

»Hören Sie, Isma, geliebte Freundin«, sprach Ell langsam, »hören Sie, was noch niemand weiß, noch niemand wissen durfte, und was ihnen manches erklären wird, das Ihnen an mir rätselhaft war. Es ist eine lange Geschichte.«

Er verfiel in Schweigen.

»Erzählen Sie«, bat sie innig. »Sie bleiben über Abend ich kann heute nicht allein sein, und andere mag ich heute nicht sehen ich muß alles wissen.«

Ell erzählte. Er sprach vom Mars, von seinen Bewohnern, von ihrer Kultur, ihrer Güte, ihrer Macht. Er erklärte, wie sie zur Erde zu gelangen hofften, um die Menschheit ihrer Kultur, der Numenheit, entgegenzuführen, wie er sein Leben lang auf die Nachricht gehofft habe, daß der Pol im Besitz der Martier sei, wie er hauptsächlich darum die Polarforschung und Ausrüstung der Expedition betrieben habe. Und nun habe er keinen Zweifel mehr.

Isma hatte ihm schweigend zugehört. Ihre Fassungskraft schien zu Ende.

Als er schwieg, sagte sie:

»Sie erzählen ein Märchen, ein schönes Märchen. Ich würde das alles für ein Märchen halten, wäre nicht die Depesche, und wären Sie nicht mein lieber, treuer Freund. So muß ich Ihnen glauben, obwohl ich nicht begreife, woher Sie das alles wissen und warum Sie niemals davon gesprochen haben. Wenn Sie es wußten, was am Pol zu erwarten war, so mußten Sie doch meinen Mann darauf vorbereiten.«

Ell lächelte jetzt. »Das hab ich auch«, sagte er, »soweit ich durfte. Ich wußte ja nicht, ob meine Vermutung eintreffen würde, also durfte ich auch nicht davon sprechen. Denn eben haben Sie selbst gesagt, daß Sie mir ohne die Depesche nicht geglaubt hätten. Man hätte mir nicht geglaubt, man hätte mich für einen Narren gehalten, und ich hätte meine ganze Tätigkeit diskreditiert. Aber ich habe für alle Fälle gesorgt. Erinnern Sie sich der drei Flaschen Champagner, die Sie durch Saltner in den Korb schmuggeln ließen? Sie gingen durch meine Hände. Unter denselben befindet sich ein von mir entworfener Sprachführer deutsch und martisch, der beim Zusammentreffen mit den Marsbewohnern am Pol, auf das ich hoffte, gefunden werden mußte.«

Isma reichte ihm lächelnd die Hand und sagte kopfschüttelnd: »Und nun sagen Sie mir das eine und Hauptsächlichste. Woher konnten Sie alles das wissen wenn es wirklich wahr ist?«

»Sie sollen auch dies wissen. Mein Vater war ein Nume. Er war kein Engländer, wie es hieß, kein auf der Erde Geborener. Ich stamme väterlicherseits von den Bewohnern des Mars.«

Isma sah ihn sprachlos an. Sie konnte nicht zweifeln. Das Fremdartige seines Wesens, selbst seiner Erscheinung, das sie anfänglich abgestoßen, später so viel stärker gefesselt hatte, als sie sich selbst gestehen mochte alles wurde ihr auf einmal erklärlich.

Das Mädchen erschien an der Tür.

»Kommen Sie«, sagte sie. »Wir wollen uns wenigstens zu Tisch setzen, es ist Zeit. Ich muß aber noch mehr hören, viel mehr.«

»Wie oft haben wir Sie geneckt«, sagte Isma bei Tisch, »wenn Sie hier bei uns saßen und von den Marsbewohnern phantasierten. Es ist mir nie der Gedanke gekommen, daß Sie Ihre Erzählungen ernst meinen könnten.«

»Ich habe mich auch gehütet, es so erscheinen zu lassen. Dann säße ich wohl im Irrenhaus. Und doch ist es so. Ich werde Ihnen die Aufzeichnungen meines Vaters zeigen, wenn Sie wieder einmal auf meinen Berg steigen. Und das meiste weiß ich aus seinem eigenen Mund. Sie sehen mich ungläubig an?«

»Seien Sie nicht böse ich glaube Ihnen, aber es will mir noch nicht in den Kopf, das Unerhörteste, was je geschehen ist und mir, mir soll es begegnen«

»Zwischen uns soll sich nichts ändern, Isma! Aber ich hoffe, Ihnen jetzt erst ganz zeigen zu können, wie lieb ich Sie habe. Meine Pläne sind groß.«

»Lassen Sie mich nur erst das Vergangene verstehen. Ihr Vater«

»Mein Vater hieß All. Er war Kapitän des Raumschiffes Ba, das heißt Erde, mit dem er bereits mehrere Fahrten nach dem Nordpol wie nach dem Südpol der Erde gemacht hatte, als er infolge eines Unglücksfalls mit sechs Gefährten auf dem Südpol zurückgelassen wurde. Als das Schiff in den nächsten Tagen nicht zurückkehrte, wußten sie, daß sie vor dem nächsten Frühjahr keine Hilfe zu erwarten hatten. Den Polarwinter am Südpol zu durchleben, war unmöglich. Unter unsäglichen Strapazen schleppten sie sich nach Norden bis an das Meeresufer. Mein Vater allein gelangte dort an, die übrigen waren den Anstrengungen erlegen. Es glückte ihm, von einem verspäteten Walfischjäger aufgenommen zu werden. Man hielt ihn für einen Schiffbrüchigen, der den Verstand verloren hatte. Er aber benutzte die Zeit der Überfahrt nach Australien, um die Sprache zu erlernen, ohne daß die Seeleute es wußten. Man brachte ihn in ein Hospital. Durch unerschütterliche Energie gewöhnte er sich an die Erdschwere und machte sich mit menschlichen Verhältnissen vertraut. Dann gewann er Freunde, die ihm die Mittel gaben, seine technischen Kenntnisse zu verwerten. Einige Erfindungen, die auf dem Mars längst bekannt waren, machten ungeheures Aufsehen. Es dauerte nicht lange, so war mein Vater ein reicher Mann. Er lernte meine Mutter kennen, die als deutsche Erzieherin in einem englischen Haus lebte. So wurde ich in deutscher Bildung aufgezogen. Außer meiner Mutter und mir erfuhr niemand das Geheimnis der Herkunft meines Vaters. Aber in mir pflegte er den Stolz, als Sohn eines Martiers teilzuhaben an der Numenheit. Immer habe ich den roten Planeten als meine eigentliche Heimat betrachtet, und einmal auf ihn zu gelangen, war mein Jugendtraum. Aber mein Vater starb, ehe ich das zweiundzwanzigste Jahr erreichte, ohne daß den Menschen eine Nachricht vom Mars gekommen war. Und das Vermächtnis meines Vaters meine Mutter war noch vor ihm dahingegangen stellte mir eine größere Aufgabe: die Erde den Martiern zu erschließen, die Menschheit teilnehmen zu lassen am Segen der martischen Heimat.

Ich ging nach Deutschland, ich studierte und lernte den ganzen Jammer dieses wilden Geschlechtes kennen an der Stelle, wo die höchste Zivilisation des Planeten sich zeigen soll. Auch ein großes, herrliches Glück trat mir entgegen, aber es sollte mir nicht beschieden sein. Ich lernte Isma Hilgen kennen«

»Sie wissen «

»Ja, ja, Isma, Sie haben recht gehabt damals. Sie wären unglücklich geworden, wie ich es war. Ich ging nach Australien zurück. Aber meine Pläne, die Martier am Nordpol aufsuchen zu lassen, konnte ich nur von Europa aus verfolgen. Ich kaufte mich hier an das andere wissen Sie.«

Sie reichte ihm die Hand über den Tisch hinüber.

»Ich nehme Sie bei Ihrem Wort«, sagte sie herzlich, »zwischen uns soll sich nichts ändern. Nein, ich fange an, vieles zu verstehen, was mich manchmal von Ihnen zurückschreckte. Wie konnte ich mir anmaßen, Ihnen das sein zu können, was Sie bei den Menschen suchten?«

»Ich habe Sie niemals mehr geliebt, als wenn Sie mich für wandelbar hielten.«

»Lassen Sie wir dürfen jetzt nicht von uns sprechen. Was werden Sie zunächst tun?«

»Das Telegramm muß natürlich veröffentlicht werden. Ich nehme es gleich mit. Aber die Aufklärung, welche ich Ihnen gegeben habe, bleibt vorläufig unter uns. Die Presse wird sogleich ihre Zweifel, Vermutungen und weisen Bemerkungen laut werden lassen. Dann gebe ich den Hinweis auf die Martier als eine Hypothese, ganz vorsichtig, nur um vorzubereiten.«

»Aber sind Sie denn auch Ihrer Sache ganz sicher? Ich meine, daß es wirklich Ihre Landsleute sind, die sich am Pol befinden?«

»Ich habe keinen Zweifel. Ich kann Ihnen noch etwas sagen, was ich selbst erst seit einigen Tagen weiß. Es wird sicherlich ebenfalls öffentlich zur Sprache kommen, sobald die Nachricht von der Expedition bekannt wird. Sie müssen wissen mein Vater hat es mir erklärt, daß die Martier nur am Nordpol oder am Südpol auf der Erde landen können. Ihre Raumschiffe suchen, sobald sie der Grenze der Atmosphäre sich nähern, genau in der Richtung der Erdachse heranzukommen. Es ist aber für sie gefährlich, in die Atmosphäre einzudringen. Deswegen ging man auf Anregung meines Vaters mit dem Plan um, in der Verlängerung der Erdachse außerhalb der Atmosphäre eine Station zu errichten, auf welcher die Schiffe bleiben und von der aus man dann auf andere Weise nach unten gelangt ich erkläre Ihnen das ein andermal genauer, auch weiß ich ja nicht, ob die Pläne so ausgeführt worden sind, wie sie damals, vor mehr als vierzig Erdenjahren, bestanden. Sicherlich aber haben die Martier in irgendeiner Weise ihre Absicht durchgesetzt und eine Außenstation gegründet. Danach habe ich mit meinem Instrument gesucht, aber nur einmal einen Lichtpunkt bemerkt, den ich für die Station halten konnte, da er sich nicht mit den übrigen Sternen um die Weltachse drehte. Ich habe ihn seitdem nicht wieder finden können, obgleich ich die Stelle genau gemessen hatte; aber das wundert mich auch nicht, denn die Martier werden schon dafür sorgen, daß die Station möglichst wenig Licht ausstrahlt, und es sind gewiß nur vereinzelte Stunden, in denen die Station einmal auf so große Entfernung ich berechne sie auf gegen 9000Kilometer sichtbar wird. Nun wurde vor einigen Tagen von der Zentralstation für Kometen in Kiel ein Telegramm versendet, daß in Helsingfors ein Stern entdeckt wurde, der kein Stern sein kann, weil er am Umlauf des Himmels nicht teilnimmt und doch nicht im Pol steht, dagegen genau im Meridian in 36Grad Höhe. Daraus läßt sich leicht berechnen, daß sich auf der Erdachse, genau in der Entfernung des Erdradius über dem Pol, ein leuchtender Körper befinden muß. Allerdings konnte dieser wegen leichten Nebels, vielleicht auch, weil er schwächer leuchtend wurde, bisher nicht wiedergefunden werden, aber die Angabe stimmt genau mit meiner früheren Beobachtung. Ein Körper, der an dieser Stelle über dem Nordpol stillsteht, kann gar nichts anderes sein als die geplante Station der Marsbewohner; eine andere Erklärung ist undenkbar. Diese Entdeckung wird meine Hypothese bestätigen, sobald sie bekanntwerden wird. Man hat sie nur von Helsingfors aus mit so großer Vorsicht weitergegeben, weil man keine Erklärung dafür weiß und daher an eine Täuschung denken mußte. Wir werden also vorbereitet sein, wenn die Expedition zurückkommt«

»Wann, wann glauben Sie, daß dies möglich ist?«

»Jeden Tag, jede Stunde kann die Nachricht eintreffen, daß sie bewohnte Gegenden erreicht haben, ja«

Ell unterbrach sich und sann nach.

»Sie wollten noch etwas sagen, Ell! Sie wollten sagen, es müßte schon Nachricht da sein, wenn alles gut gegangen? Nicht wahr?«

»Allerdings, es könnte schon Nachricht da sein, aber es ist auch durchaus kein Grund zur Beunruhigung, daß sie noch nicht da ist. Bedenken Sie wir haben heute den fünften also siebzehn Tage, nachdem die Expedition den Pol verlassen hat sie können in Gegenden gelandet sein, von denen aus ein Bote Wochen braucht, um die nächste Telegraphenstation zu erreichen.«

Isma preßte die Hände an ihre Stirn.

»Es ist so seltsam«, sagte sie nachdenklich, »wie sehnte ich mich nach einer Nachricht, alle Gedanken gingen um die Expedition und nun, nachdem Sie mir dies gesagt haben, dies Ungeheuerliche, das uns bevorsteht wie schrumpft das alles zusammen, was Menschen tun. Ach, Ell, es ist eigentlich Unrecht«

»Durfte ich länger schweigen?«

»Nein, mein Freund, ich danke Ihnen ja doch aber Sie müssen mir noch mehr sagen, vom Mars. Sie müssen mich lehren«

»Was Sie wollen, Isma.«

»Doch nicht heute es ist schon spät.«

»Wirklich, in der zehnten Stunde. Ich muß Sie verlassen. Aber auf Wiedersehen! Morgen wie gewöhnlich?«

»Wie gewöhnlich wenn nicht Nein doch, wir haben zu viel zu sprechen kommen Sie hierher«

»Ich gehe jetzt auf die Redaktion und zur Post, das Telegramm steht morgen in allen Zeitungen, Sie werden den ganzen Tag über von Besuchen belagert sein.«

»Dann flüchte ich lieber . Ich komme hinaus zu Ihnen, bald nach Tisch. Ich will martisch lernen«, setzte sie mit einem halb komischen Seufzer hinzu. »Ach, Ell, was werden die nächsten Zeiten bringen?«

»Großes für die Menschen!« war seine ernste Antwort.

Ell ging.


22. Kapitel. Schnelle Fahrt

Auf die Veröffentlichung der Depesche Torms folgten heiße Tage für Isma. Glückwünsche, Anfragen und Besuche, teilnahmsvolle und neugierige, drängten sich. Einige Zeitungen schickten ihre Reporter, um ihren Lesern möglichst genau die Ansicht von Frau Torm über die Zustände auf dem Nordpol auseinanderzusetzen. Soweit Isma die Besuche nicht ablehnen konnte, beschränkte sie sich darauf zu sagen, sie teile die Vermutungen, welche Friedrich Ell sogleich am Tag nach dem Erscheinen des Telegramms in der Vossischen Zeitung ausgesprochen habe.

Über die Möglichkeit einer Besiedelung des Pols durch die Marsbewohner erhob sich ein heftiger Streit in den Tagesblättern. Ein großer Teil des Publikums fand die Aussicht höchst interessant, welche sich für einen Verkehr mit den Martiern eröffnete. Andere hätten am liebsten die ganze Depesche für Schwindel erklärt; da dies aber nicht anging, behaupteten sie, Torm müsse sich jedenfalls getäuscht haben. Es wäre ja möglich, daß es Bewohner des Mars gebe, sie könnten aber nicht auf die Erde gelangen. Und selbst wenn sie das könnten, so wäre nicht einzusehen, warum sie nicht nach Berlin oder Paris kämen, sondern sich das Vergnügen machten, eine Riesenerdkarte am Nordpol zu konstruieren. Ein berühmter Physiker erklärte es als absolut unmöglich, daß menschenähnliche Wesen jemals von einem Planeten nach dem andern durch den Weltraum hindurchdringen könnten. Darauf stellte ein Geologe eine höchst geistreiche Hypothese auf, derzufolge sich notwendigerweise am Pol ein Vulkan bilden müsse, aus welchem von Zeit zu Zeit ein Teil des Erdinnern herausquelle. Die Lavaablagerungen seien infolge einer zufälligen Ähnlichkeit von Torm für eine Karte gehalten worden. Endlich erklärte sich der Redakteur der Geographischen Mitteilungen dahin, daß es keinen Zweck habe, Vermutungen aufzustellen, weil man überhaupt erst weitere Nachrichten abwarten müsse. Der Mann hatte recht, fand aber am wenigsten Beifall.

Die Friedauer fühlten sich mehr wie je befriedigt. Die Beachtung, welche ihre Stadt in der ganzen Welt fand, gab eine erhabene Veranlassung, um Glossen über Frau Torm daran zu knüpfen, wenn sie ihr in der Nähe der Ellschen Besitzung begegneten oder Ell an ihrer Seite durch die Gänge des Parkes wandelte; das taten sie zwar schon seit Jahren, aber jetzt war es doppelt schön, noch dieses Privatwissen über das allgemeine hinaus zu haben. Isma selbst kümmerte sich darum nicht. Mehr wie je war ihr das Urteil der Menschen gleichgültig geworden, während ihr der tägliche Verkehr mit Ell allein einigermaßen Beruhigung gewähren konnte. Ell hatte sie schon geliebt und um sie geworben, als sie noch als Isma Hilgen bei ihrer früh verwitweten Mutter in Berlin lebte. Damals hatte sie seine Bewerbung zurückgewiesen. Die Neigung des seltsamen Mannes konnte sie zwar nicht unberührt lassen, aber von der Fremdartigkeit seines Wesens war sie immer wieder abgestoßen worden. Als sie mit Torm sich verlobte, war Ell in die Fremde gegangen. Nach seiner Rückkehr hatte er sich ihr in uneigennützigster Freundschaft genähert. Sie wußte, daß er sie liebte, und sie ahnte die Kämpfe, die er im stillen mit seiner Leidenschaft führte. Aber sie hing an ihrem Mann mit inniger Zuneigung, und sie hatte Ell bald im Anfang gesagt, daß daran eine Änderung niemals eintreten würde. Damals gab er ihr das Versprechen, daß sie niemals durch ihn eine Störung ihres Glückes, ja nur eine trübe Stunde erfahren solle. Und dies Versprechen hatte er die Jahre hindurch gehalten. Wohl hatte manche andere sein Interesse gewonnen, und obwohl Isma sein gutes Recht dazu anerkannte, hatte sie sich dann doch eines schmerzlichen Gefühls nicht erwehren können. Aber sie wollte sich über ihr Gefühl keine Rechenschaft geben. Sie wußte, daß er ihrer Nähe, ihrer Freundschaft und ihres Glückes bedurfte, und jene seltsame Abstraktionsgabe, das Erbteil der Martier, in seiner Vorstellung sein Gefühl zu trennen von den harten Pflichten der Wirklichkeit, ermöglichten es Ell, als ein treuer und aufopfernder Freund ihr zu dienen. So herrschte zwischen beiden ein unbedingtes Vertrauen, das Isma die volle Sicherheit gab, auch sein Freundschaftsverhältnis mit Torm könne unter ihrem Verkehr nicht leiden. Zum Glück waren alle in der Lage, über das Gerede derer, die sie nicht kannten, die Achseln zucken zu können.

Es war am achten September, am dritten Tag nach der Ankunft des Tormschen Telegramms. Gegen Abend hatte Ell seinen gewohnten Spaziergang mit Isma gemacht, die über das Ausbleiben jeder weiteren Nachricht lebhaft beunruhigt war. Auch Ell war es schwer geworden, ihr Mut zuzusprechen. Denn er sagte sich, daß man allerdings eine Nachricht hätte erwarten dürfen. Die Expedition hatte eine Anzahl Brieftauben mit, und man mußte annehmen, daß sie alsbald über die weitere Richtung ihrer Reise eine Depesche absenden würde. Doch die geflügelten Boten konnten auf dem weiten Wege leicht verunglücken. Es ließ sich zunächst gar nichts tun als geduldig warten.

Eine milde Spätsommernacht lag über der Stadt, alles in tiefe Dunkelheit begrabend. Der Mond war noch nicht aufgegangen, ein leichter Wolkenschleier verhüllte das Sternenlicht. Regungslos streckten die hohen Bäume ihre dichtbelaubten Zweige aus und deckten mit undurchdringlicher Finsternis die Rasenplätze, die sich zwischen ihnen auf dem Hügel hinbreiteten, wo Ell seine Warte erbaut hatte. Es war schon spät, und nur aus der hohen geöffneten Tür, die von Ells Arbeitszimmer nach der weinumlaubten Veranda führte, schimmerte noch Licht. Von dort ging eine Freitreppe in den Garten. Ell war an seinem Schreibtisch mit einer Arbeit beschäftigt, die er schon seit Jahren betrieb, einer Darstellung der Verhältnisse der Marsbewohner und einer Anleitung, ihre Sprache zu erlernen. Er wollte diese Bücher in dem Augenblick veröffentlichen, in welchem die ersten Martier mit den Menschen zusammenträfen.

In seine Arbeit vertieft, vernahm er nicht, daß langsame Schritte über den Kiesweg des Gartens sich nahten, daß jemand die Treppe der Veranda erstieg. Erst als der Tritt auf der Veranda selbst erklang, drehte er sich um. In der Tür stand die Gestalt eines Mannes.

»Wie kommen Sie in den verschlossenen Garten?« fuhr Ell auf, indem er nach der Waffe auf seinem Schreibtisch griff.

Seine vom Licht des Arbeitstisches geblendeten Augen konnten nicht sogleich erkennen, wen er vor sich habe.

»Ich bin es!« sagte eine ihm wohlbekannte Stimme.

Ell zuckte zusammen und sprang empor. Er faßte mit den Händen nach seinem Kopf.

»Eine Halluzination«, war sein Gedanke.

Die Gestalt trat näher. Ell wich zurück.

»Ich bin es wirklich, Herr Doktor, es ist Karl Grunthe.«

»Grunthe!« rief Ell. »Ist es möglich? Wo kommen Sie her?«

»Direkt vom Nordpol, den ich heute gegen Mittag verließ.«

Ell hatte ihm die Hände entgegengestreckt. Bei diesen Worten trat er wieder zurück.

»Ich will Ihnen etwas sagen, Grunthe«, begann er. »Ich bin bei der Arbeit eingeschlafen, ich träume Sie können es ja nicht sein. Das sehen Sie doch ein. Das Tor ist ja auch verschlossen, Sie können nicht über die Mauer klettern.«

Grunthe trat jetzt auf ihn zu. Er schüttelte ihm die Hände. »Glauben Sie's!« sagte er. »Sie träumen nicht, Sie wachen. Es ist, wie ich sage. Erlauben Sie mir ein Glas Wasser, richtiges, frisches Quellwasser, das habe ich vermißt. Hier, trinken Sie auch. Kommen Sie, setzen Sie sich. Ich will Ihnen alles erklären. Aber so schnell geht das nicht.«

Ell faßte Grunthe an den Schultern und schüttelte ihn. Er lachte. Dann setzte er sich und starrte Grunthe noch einmal an.

Grunthe zog seine Uhr und verglich sie mit dem Chronometer in Ells Zimmer.

»Keine Abweichung«, sagte er.

»Sie sind es doch, Grunthe!« rief Ell. »Jetzt glaube ich es. Verzeihen Sie, aber nun bin ich wieder klar. Um Gottes willen, sprechen Sie, schnell! Wo ist Torm?«

»Torm ist nicht zurückgekehrt«, sagte Grunthe langsam, indem sich die Falte zwischen seinen Augen vertiefte.

Ell sprang wieder auf.

»Er ist verunglückt?«

»Ja.«

»Tot?«

»Wahrscheinlich. Der Ballon wurde in die Höhe gerissen. Wir verloren das Bewußtsein. Als wir wieder zu uns kamen, war Torm verschwunden. Er ist bis jetzt nicht wiedergefunden worden.«

»Bis jetzt? Das heißt, Sie haben noch eine Hoffnung?«

»Auch der Fallschirm fehlte, es ist möglich, daß er sich damit gerettet hat aber sehr unwahrscheinlich. Wohin sollte er gekommen sein?«

Ell trat an die Tür und starrte in die Nacht, wortlos dann drehte er sich plötzlich um.

»Und Sie, Grunthe?« rief er. »Und Saltner?«

»Wir wurden von den Bewohnern der Polinsel gerettet. Mich brachten sie hierher in einem Luftschiff. Saltner ist noch am Pol, er reist morgen auf den Mars. Da sind seine Briefe, da sein Tagebuch.« Er legte zwei Päckchen auf den Tisch.

»So sind sie da?« fragte Ell fast jubelnd.

»Sie sind da. Wir haben Ihren Sprachführer gefunden. Und wenn Sie sich gefaßt haben, so kommen Sie mit mir. Ich bin nicht allein, meine Begleiter sind hier.«

»Wo? Wo?«

»Auf dem mittleren Rasenplatz neben dem Sommerhäuschen liegt das Luftschiff. Man erwartet Sie!«

Ell wollte hinausstürzen. Die Füße versagten ihm. Er setzte sich wieder.

»Ich kann noch nicht. Bitte, erzählen Sie mir erst noch etwas. Dort steht Wein, geben Sie mir ein Glas!«

Grunthe holte den Wein. Dann schilderte er kurz ihr Schicksal am Pol, die Aufnahme bei den Martiern, die Station des Ringes. Allmählich wurde Ell ruhiger.

Er holte eine Laterne.

»Gehen wir!« sagte er.

Grunthe nahm die Laterne. Sie durchschnitten die dunkeln Gänge des Gartens. An dem bezeichneten Rasenplatz angekommen, blieb Grunthe stehen und erhob die Laterne. Ein dunkler Körper zeigte sich undeutlich in der Mitte des Platzes. Grunthe gab die Losung: »Bate. Grunthe it Ell.«

Darauf setzte er in der Sprache der Martier hinzu: »Wir sind vollständig ungestört und sicher. Sie können Licht machen.«

Seit dem Tod seines Vaters hatte Ell kein martisches Wort mehr vernommen. Die Laute berührten ihn überwältigend. Jetzt sollte er den Numen, den Stammesgenossen des Vaters entgegentreten.

Ein mattes Licht durchglänzte den Bau des Luftschiffs und ließ eine Falltreppe erkennen, welche auf das Verdeck führte. Ell folgte dem vorankletternden Grunthe. Oben erwartete sie der wachhabende Steuermann und geleitete sie in das Innere des Schiffes hinab. »Warnen Sie den Herrn«, sagte er zu Grunthe, »wir haben Marsschwere.«

»Ich danke«, versetzte Ell, »ich passe auf.«

Der Steuermann sah den martisch redenden Menschen verwundert an, ging aber schweigend voran. Sie durchschnitten einen schmalen Gang, zu dessen beiden Seiten die Mannschaften in Hängematten nach ihrer anstrengenden Fahrt ausruhten, und befanden sich vor der Tür der Kajüte. Sie öffnete sich. Der Steuermann trat zurück; Grunthe und Ell standen in dem hellerleuchteten Raum.

Ell schrak zusammen und drohte das Gleichgewicht zu verlieren, da er seine Bewegungen der geringen Schwere noch nicht anzupassen vermochte. Von Grunthe gestützt, starrte er sprachlos mit weitgeöffneten Augen auf die hohe Gestalt, die ihm gegenüberstand.

»Vater«, wollte es sich auf seine Lippen drängen

»Mein Freund, Dr. Friedrich Ell«, sagte Grunthe vorstellend. »Der Herr Repräsentant der Marsstaaten, Ill.«

»Ill re Ktohr, am gel Schick Ill, Familie Ktohr aus dem Geschlechte Schick«, sagte Ill mit Betonung, indem er Ell scharf beobachtete. Auch ihm klopfte das Herz, er sah seine Vermutung bestätigt. »Ich bin«, setzte er hinzu, »der jüngste Bruder des Kapitän All, der im Jahre«

»Mein Vater!« rief Ell. »Er war mein Vater! Und so sah er aus, nur gebeugter vom Druck«

Ill schloß seinen Neffen in die Arme und ließ ihn dann sanft auf den Diwan gleiten.

»Ich dachte es mir«, sagte er, »als die erste Nachricht zu uns kam, daß ein Ell auf der Erde unsre Sprache kenne. Darum erbot ich mich freiwillig hierherzugehen, als einer von uns den Auftrag übernehmen sollte. Laß dich noch einmal ansehen! Welch ein Glück, dich zu finden! Und nicht bloß für uns. Nun habe ich die Hoffnung, daß sich die Planeten verstehen werden.«

*

Stunden vergingen, und noch immer saßen der Oheim und sein Neffe in der Kajüte des Raumschiffes in eifrige Besprechungen vertieft. Grunthe hatte sich sogleich nach der Erkennungsszene zurückgezogen. Er war nach Torms Arbeitszimmer gegangen. Das Bedürfnis nach Schlaf fühlte er nicht, denn fast während der ganzen Fahrt hatte er in Schlummer gelegen. Erst in der Abenddämmerung hatte man ihn geweckt. Er sah unter sich das Häusermeer von Berlin, welches das Luftschiff in weitem Bogen umkreiste. Man ließ sich jetzt Erklärungen von ihm über die Bedeutung der hervorragenden Gebäude geben und dann den Weg nach Friedau zeigen, das man von Berlin aus mit dem Luftschiff in 25Minuten erreichen konnte. Man hatte jedoch im Dunkeln zu der Fahrt absichtlich eine Stunde gebraucht. Längere Zeit nahm dann die Landung in Anspruch, weil diese ganz langsam und geräuschlos vor sich gehen sollte. Die Martier wollten dabei nicht bemerkt werden, um nicht während ihrer Anwesenheit im Land irgendwie die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.

Sie wußten ja nicht, ob man sie nicht bei der Abfahrt stören könnte, und wollten auf alle Fälle jeden Konflikt vermeiden. Ob sie dagegen bei ihrer freien Fahrt in der Luft zufällig einmal gesehen wurden, darauf kam es ihnen jetzt nicht mehr an. Nachdem sie Grunthe zurückgebracht, mußte es ja doch bekannt werden, daß sie da waren und mit ihren Luftschiffen über die Erde fuhren. Nur ihre volle Freiheit wollten sie nicht aufs Spiel setzen.

Grunthe hatte sich in Torms Zimmer die Zeitungen der letzten Wochen zusammengesucht. Es war ihm ein Bedürfnis, sich über die Vorgänge bei den Menschen während der Zeit seiner Abwesenheit zu unterrichten. Aber wie engherzig und beschränkt kam ihm jetzt alles vor! Und dennoch, er war entschlossen, das Mögliche zu tun, um den Einfluß der Martier abzuwehren.

Die ersten Spuren der Dämmerung zeigten sich im Osten, als Ell mit fieberhaft leuchtenden Augen wieder eintrat.

»Sind sie schon fort?« fragte Grunthe, sich erhebend.

»Noch nicht.«

»Aber es wird bald hell.«

»Ill bleibt noch bis zur Nacht. Ich soll ihn begleiten, er will über die Hauptstädte Europas einen Überblick gewinnen. Aber ich kann heute früh noch nicht fort. In der Sache ist es eigentlich nicht recht zu zögern, aber ich kann nicht.«

»Sie dürfen freilich jetzt nicht fort. Wir müssen die Resultate der Expedition bekanntmachen. Sie sind dabei unentbehrlich.«

»Wir haben uns schon geeinigt. Ich will nur eben Anordnung treffen, daß heute niemand im Garten zugelassen wird. Auf den alten Schmidt können wir vertrauen, er wird die Tür geschlossen halten und wie ein Cerberus wachen. Mein Oheim ist mit dem Ruhetag einverstanden, den die Mannschaft wie er selbst nötig hat. Jetzt will er mir nur einmal die Leistungsfähigkeit des Luftschiffs bei größter Geschwindigkeit zeigen. Die Luft ist ganz still. Wir wollen uns Wien betrachten. In einer Stunde, noch vor Sonnenaufgang, sind wir zurück. Wir fahren jetzt nach Osten, über Wien wird es schon hell genug sein. Kommen Sie mit, wir können die Zeit zum Erzählen benutzen. Nachher frühstücken wir zusammen.«

Er sprach in großer Aufregung und suchte dabei nach seinem Mantel.

»Sie brauchen weiter nichts mitzunehmen«, sagte Grunthe. »Pelze sind im Schiff. Instruieren Sie nur Schmidt, daß er niemand einläßt. Ich aber will lieber hierbleiben.«

Ell weckte den Kastellan. Es dürfe niemand in den Garten. Auch die Sternwarte bleibe heute geschlossen. In besonderen Fällen oder wenn Bekannte kämen, solle man ihn selbst rufen. Er verlasse sich auf sein unbedingtes Schweigen über alles, was er etwa Außergewöhnliches sehe.

Der alte Mann, der schon seinem Vater gedient hatte und mit Ell nach Deutschland gekommen war, versprach sein Bestes. Seine Frau, welche auch die häusliche Bedienung für Ell führte, kam niemals über ihr eigenes kleines Gemüsegärtchen, das außerhalb der Gartenmauer lag, hinaus. Von ihr war keine Störung zu befürchten.

Ell begab sich nach dem Rasenplatz. Das Luftschiff war zur Abfahrt bereit. Die Lichter wurden gelöscht. Geräuschlos hob es sich senkrecht in die Höhe. Die Stadt lag im Schlummer, niemand bemerkte den dunkeln Körper, der in wenigen Augenblicken in der Dämmerung entschwunden war.

Ell saß stumm in seinen Pelz gehüllt und blickte durch die Robscheiben dem schnell emporsteigenden Frührot entgegen.

»Ein neuer Tag«, sagte er leise, »wirklich ein Tag! Ich fliege! Oheiliger Nu!«

Aber sie, Isma, was würde sie sagen? Er vergaß seine Umgebung. Das Herz krampfte sich ihm schmerzhaft zusammen. Wie sollte er ihr das Schreckliche mitteilen? Da ihm alles geglückt, da seine höchste Sehnsucht erfüllt, seine Heimat wiedergefunden war, da sollte ihr das Lebensglück entrissen werden? Er suchte sich in ihre Seele zu versetzen und vermochte es nicht. Er trauerte um den Freund, und inniges Mitgefühl mit der Freundin drängte die Tränen in sein Auge. Er sah sie die schmalen Hände ringen, er sah, wie ihre großen dunkelblauen Augen starr wurden. Er hätte sein Leben dafür gegeben, diesen Schmerz ihr abzunehmen, ihr den Verlorenen zu retten und wiederzubringen. Es war aussichtslos. Was vermochte er für sie zu tun? Und in allem Schmerz konnte er es nicht hindern, daß es wie eine leise Hoffnung ihn durchzog, ob es ihm nicht möglich sei, ihr das entschwundene Glück zu ersetzen. Er drängte den Gedanken zurück. Er dachte an seine nahen, großen Aufgaben. Aber die nächste war ja doch sie zu benachrichtigen.

Eine Frage Ills riß ihn aus seinen Grübeleien.

Zur Rechten erglänzte die Kette der Alpen im Licht der aufgehenden Sonne. Das Luftschiff breitete seine Schwingen aus und umkreiste, sich tiefer senkend, in weitem Bogen die Kaiserstadt an der Donau. Drei-, viermal strich es bis dicht über den Spitzen der Türme hin, dann erhob es sich wieder und floh vor den Strahlen der Morgensonne nach Nordwesten. Es erreichte Friedau, noch bevor der erste Sonnenstrahl die Kuppel der Sternwarte, des höchsten Punktes der Umgebung, vergoldete, und ließ sich langsam auf den Rasenplatz nieder.

Einige Arbeiter, die aufs Feld gingen, liefen herzu, aber da sie das Schiff hinter den Bäumen des Gartens verschwinden sahen, setzten sie ihren Weg wieder fort. Sie waren gewohnt, die Übungsballons der Luftschiffer bei Friedau aufsteigen zu sehen, und wunderten sich daher nicht weiter, daß einmal ein so sonderbarer Ballon hier niederging.


23. Kapitel. Ismas Entschluß

Um dieselbe Zeit wurde Frau Isma Torm durch heftiges Läuten aus dem Schlummer geweckt.

Man brachte ihr ein Telegramm. Mit klopfendem Herzen las sie:


»Hammerfest, den 9. September.

Brieftaube ›Ballon Pol‹ brachte folgende Nachricht:

Frau Isma Torm. Friedau. Deutschland, 21. August, 2 U. 30 Min. nachm. M.E.Z.

Ballon durch unbekannte Kraft in die Höhe gerissen. Ich verlor das Bewußtsein. Erwachte, als der Ballon auf dichte Wolkendecke schnell abstürzte. Korb gekentert. Ballon nur durch stärkste Erleichterung zu retten. Grunthe und Saltner bewußtlos, nicht transportierbar. Ich verließ den Ballon mit dem Fallschirm, konnte Brieftauben mitnehmen. Ich fiel langsam durch Wolken, trieb vom Pol in unbekannter Richtung ab, konnte mich auf Festland retten. Entdeckte Spuren von wandernden Eskimos und fand ihr Lager. Ziehe mit ihnen nach Süden, habe noch zwei Tauben. Hoffe auf glückliche Heimkehr. Sei unbesorgt. Ich bin unverletzt und bei Kräften. Torm.«


Sie klammerte sich an die letzten Worte. »Hoffe auf glückliche Heimkehr. Sei unbesorgt. Ich bin unverletzt und bei Kräften.« Aber wo? Wo? Jenseits unzugänglicher Meere und Eiswüsten, kurz vor Beginn der ewigen Nacht, angewiesen auf das Mitleid einiger armseliger Eskimos! Der Ballon gescheitert die gehofften, stolzen Resultate verloren! Wie konnte er heimkehren und wann?

Und sie – sie hatte ihn ermutigt, ihm zugeredet, als er darum sorgte, sie allein zurückzulassen. War sie nicht mitschuldig an seinem Unglück? Hatte sie nicht zu sehr dem Freund vertraut, der des Gelingens so sicher schien? Eine furchtbare Angst erfaßte sie. Hätte sie ihn nicht beschwören müssen, das gefährliche Unternehmen um ihretwillen zu unterlassen? Sie hatte sich eingebildet, der großen Sache, der Wissenschaft mutig das Opfer ihres häuslichen Glückes zu bringen, aber nun kam es über sie wie eine schreckliche Anklage hätte sie den Mut auch gehabt, wenn nicht Ell sie gebeten hätte? Wenn sie nicht dem Freund zuliebe, dem sie das eine Lebensglück versagt, nun zur Erreichung seines innigsten Wunsches ein Opfer hätte bringen wollen? Und wenn das Opfer angenommen war? Sie schauderte zusammen. Nein, nein, sie wollte nicht mutlos sein. Das durfte sie sich ja sagen, sie hatte sich nie verhehlt, daß sie jeden Augenblick auf das Schlimmste gefaßt sein mußte. Aber was sie dann tun würde? Das hatte sie niemals sich zur vollen Klarheit gebracht. Jetzt mußte es sein. Sie wollte handeln. Wenn Hilfe möglich war es gab von den Menschen nur einen, der hier helfen konnte. O, er würde ihr helfen! Sie glaubte an ihn.

Eine Stunde später zog sie die Klingel an dem großen eisernen Gitter, das den Vorgarten des Wohngebäudes neben der Sternwarte von der Straße abschloß.

»Ist der Herr Doktor schon zu sprechen?« fragte sie den öffnenden Kastellan.

Der Alte nahm sein Käppchen ab und kratzte sich verlegen hinter dem Ohr.

»Ei, ei, die Frau Doktor sind es? Hm! Hm! Na, ich will gleich einmal fragen. Kommen Sie nur inzwischen herein. Es ist freilich Hm!«

»Sagen Sie, ich müßte den Herrn Doktor sofort sprechen, es sind wichtige Nachrichten angekommen.«

Der Alte schlurfte ins Haus.

Ell beriet mit Grunthe die Form, welche den ersten Mitteilungen zu geben sei, als ihm Frau Torm gemeldet wurde.

Er sprang auf und warf die Feder weg.

»Führen Sie die gnädige Frau sogleich in die Bibliothek.«

»Es sind wichtige Nachrichten da, sagte die Frau Doktor.« Mit diesen Worten ging der Kastellan ab.

»Sie hat Nachrichten!« rief Ell erbleichend. »Und sie kommt selbst, um diese Zeit! Woher kann sie es wissen?«

Er stürzte hinaus. Vor der Tür des Bibliothekzimmers hielt er an. Er mußte sich erst sammeln. Dann trat er ein, ruhig, gefaßt. Aber das Herz schlug ihm. Sein Gesicht war bleich und übernächtig.

Isma stand mitten im Zimmer und stützte ihre Hand auf den großen Tisch, der mit aufgeschlagenen Kartenwerken und Tabellen bedeckt war. Sie fand keine Worte.

»Isma«, sagte er, »Sie haben was wissen Sie?« Sie brach in Schluchzen aus. Er eilte an ihre Seite. Wieder lehnte sie an seiner Schulter. Er führte sie an das Sofa.

»Fassen Sie sich, liebste Freundin, fassen Sie sich!«

»Ich weiß nicht, was ich tun soll«, sagte sie unter Tränen. Sie zog die Depesche aus ihrer Tasche und reichte ihm das zerknitterte Papier.

Ell las.

Er atmete tief auf.

»Gott sei gedankt!« rief er aus tiefstem Herzen.

Isma sprang auf und wich zurück. Ihr Blick fiel feindlich auf ihn. ihre Augen wurden starr. Sie drohte zusammenzubrechen.

»Was ist Ihnen, Isma?«

»Ich ich «, sagte sie, die Hand auf das Herz pressend, »ich habe wohl nicht recht verstanden oder oder sagten Sie nicht?«

»Gott sei Dank, sagte ich, denn Ihr Mann ist gerettet.«

»Gerettet?«

»Ja, hier steht es ja.«

»Gerettet?«

»Ihre Nachricht ist jünger als die meinige, ist von ihm selbst«, fuhr Ell fort. »Ich aber empfing diese Nacht durch Grunthe die Nachricht, daß der Ballon abgestürzt und Ihr Mann verschwunden sei. Ich glaubte ihn tot und wußte nicht, wie ich Ihnen, Isma aber was ist Ihnen?«

Isma ergriff seine Hände. »O, Ell, Ell, verzeihen Sie mir!«

Er sah sie erstaunt an.

»Sie halten ihn für gerettet?« rief sie, indem ihr das Blut in die Wangen stieg. »Im ewigen Eis, in der Polarnacht? Wie soll er gerettet werden?«

»Da er glücklich aus dem Ballon auf die Erde gelangt ist und im Schutz der Eskimos steht, so droht ihm unmittelbar keine Gefahr.«

»Aber der Winter?«

»Wo die Eskimos überwintern, wird es Ihrem Mann auch gelingen. Es ist gewiß keine angenehme Aussicht, aber wie viele Forscher haben schon einen Winter in den Schneehütten der Eskimos zugebracht. Und darauf war er, mußten wir alle gefaßt sein, daß ein solcher Unfall eintrat. Nein, Isma, liebste Freundin, ängstigen Sie sich nicht. Wir werden dafür sorgen, daß im Frühjahr auf allen Seiten des Pols nach ihm gesucht wird. Vielleicht erhalten wir noch eine Nachricht. Er hat ja noch Tauben. Sehen Sie«, er streichelte ihre Hand und versuchte zu lächeln, »verzeihen Sie mir, aber die Depesche, die Ihnen nur Trauriges meldete, für mich war sie eine Erlösung. Alles, was Grunthe und Saltner von Ihrem Mann wußten, bestand darin, daß er aus dem Ballon verschwunden war, als sie von ihrer Ohnmacht erwachten. Der Fallschirm wurde im Meer gefunden, von Torm keine Spur. Sie können sich denken, Isma, was ich in Ihrer Seele fühlte, wie mir zumute war, als ich Sie jetzt vor mir sah. Da atmete ich auf, als ich Ihre Depesche las. Nach dem, was ich wußte, ist es vielleicht die beste Nachricht, die sich überhaupt erhoffen ließ. Ich brauche nicht zu sagen, wie sehr ich den Unfall Ihres Mannes bedauere; Sie aber dürfen stolz sein. Er hat sich selbst geopfert und die Gefährten dadurch gerettet. Alle Resultate der Expedition sind geborgen, selbst meine kühnsten Hoffnungen erfüllt.«

Isma starrte in die Ferne. Das Schicksal Torms nahm noch alle ihre Gedanken in Anspruch.

»Und ist Ihnen denn dies alles gleichgültig geworden?« fragte Ell. »Sie fragen nicht einmal, woher ich meine Nachricht habe?«

»Wie können wir uns des Erreichten freuen, und er, dem wir es verdanken, hat nichts von alledem? Den langen Winter ach, wohl noch ein Jahr. Ist es denn nicht möglich, noch jetzt, gleich, etwas für ihn zu tun?«

Ell sah sie schmerzlich enttäuscht an und schüttelte nur den Kopf.

Sie verstand seinen vorwurfsvollen Blick. Eine feine Röte überzog ihr Gesicht, und sie schlug ihre großen, sanften Augen wie bittend zu ihm auf. Sie sah entzückend aus. Ell wendete sich ab, er konnte den Anblick nicht länger ertragen.

Isma legte ihre Hand auf seinen Arm.

»Verzeihen Sie mir, mein lieber Freund«, sagte sie herzlich. »Erzählen Sie mir! Ich sehe ja selbst ein, daß ich mich in Geduld fassen muß. Aber es hätte mich so glücklich gemacht, sogleich etwas tun zu können.«

Ell schwieg noch immer. Er stützte den Kopf in seine Hand.

»Ich hab Sie darum nicht weniger lieb«, sagte Isma einfach.

Beide sahen sich tief in die Augen.

Ell sprang auf und machte einige Schritte durch das Zimmer. Dann blieb er vor Isma stehen.

»Ich dachte einen Augenblick eine Möglichkeit, aber nein, es geht nicht. Es geht nicht.«

Er setzte sich ihr gegenüber.

»Hören Sie zu«, sagte er. »Was ich Ihnen jetzt sage, wird Ihnen unglaublich erscheinen. Aber die Beweise sollen Sie selbst sehen. Grunthe ist hier. Und Saltner ist auf der Reise nach dem Mars. Oben in meinem Garten liegt ein Luftschiff der Martier. Mein Oheim Ill, der Bruder meines Vaters, hat Grunthe darin hierhergebracht. Die Fahrt nach dem Pol dauert sechs Stunden«

»Um Gottes willen, Ell, hören Sie auf!« rief Isma zurückweichend, die gefalteten Hände nach ihm ausstreckend. In ihren Augen malte sich Angst. Sie fürchtete für seinen Verstand. War das seine fixe Idee, die jetzt mit ihren Wahnvorstellungen zum Ausbruch kam?

Er stand auf und ging zur Tür. Isma blieb ratlos sitzen. Nur wenige Augenblicke, dann sprang sie auf.

Grunthe trat in das Zimmer. Er machte seine steife Verbeugung.

Isma starrte auf ihn wie auf eine Erscheinung.

»Lesen Sie diese Depesche«, sagte Ell zu Grunthe. »Frau Torm hat sie heute früh empfangen.«

Grunthe las, sah noch einmal nach dem Datum, und sagte dann: »Das ist eine sehr günstige Nachricht, unter den einmal vorhandenen Umständen.«

»Und nun bitte, Grunthe«, rief Ell, »tun Sie mir den Gefallen und geben Sie Frau Torm einen kurzen Bericht über Ihre Erlebnisse. Kommen Sie, setzen wir uns.«

Grunthe sprach in seiner knappen, fast trockenen Weise. Da war nichts übertrieben, keine Vermutungen, kein subjektives Urteil, alles klar wie ein mathematischer Beweis.

Isma saß regungslos. Ihre weitgeöffneten Augen hingen an Ell. Es überkam sie wie ein Gefühl der Ehrfurcht.

»Und nun ich hier bin«, schloß Grunthe, »darf ich keine Minute versäumen, den Bericht fertigzustellen. Wir haben alle unsre Kräfte anzustrengen, das zu beweisen, was uns niemand wird glauben wollen. Ich darf daher wohl auf Entschuldigung rechnen, wenn ich mich jetzt wieder zurückziehe. Würden Sie mir noch einen Augenblick schenken?« setzte er zu Ell gewendet hinzu.

Er verbeugte sich gegen Isma und wollte gehen.

Da sprang Isma auf und trat dicht vor Grunthe, der mit zusammengekniffenen Lippen stehenblieb.

»Ist es wahr«, fragte sie, »das Luftschiff liegt noch draußen?«

»Gewiß.«

»Und in sechs Stunden kann man zum Nordpol gelangen?«

Grunthe nickte bestätigend.

»Ich bin heute früh selbst in einer Stunde nach Wien und wieder zurückgefahren«, setzte Ell hinzu.

»Ich danke Ihnen«, sagte Isma zurücktretend.

»Entschuldigen Sie mich auf einen Augenblick ich bin sogleich wieder hier«, sagte Ell zu Isma, indem er mit Grunthe das Zimmer verließ.

Sie nickte schweigend. Ihre Gedanken waren bei dem Luftschiff. In sechs Stunden konnte man am Nordpol sein – nur sechs Stunden! So lange braucht der Schnellzug nach Berlin. Das ist eine Spazierfahrt. Sechs Stunden nur trennten sie von Hugo. – – Wenn das Glück günstig war, wenn das Schiff die richtige Bahn beschrieb, so mußte man ihn bemerken, so konnte man ihn aufnehmen und zurückbringen noch heute konnte er in Friedau sein

Ach, aber ihn scheiden die Wüsten des Eises, die unzugänglichen Meere, die noch kein Forscher zu durchqueren vermochte dort sitzt er in der kläglichsten Schneehütte, Monat auf Monat, ohne Licht, ohne Tat in ewiger Nacht trauernd und sich sehnend nach der Heimat, umgeben von den Gefahren des furchtbaren Winters. Und hier daheim, hier reifen die Früchte seiner kühnen Fahrt, hier drängt sich von Stunde zu Stunde neues, lebendiges Schaffen, hier vollzieht sich das Unerhörte, noch nie Gewesene von den Sternen steigen die Götter herab, um die Menschen zu laden zu ihrem seligen Wandel hier, in dieser Stadt, in diesem Hause wird ein neues Zeitalter geboren, und er weiß nichts davon, kann nicht teilnehmen an dem Großen, was die ganze Erde erfüllt, an dem Höchsten, was erlebt wurde und was ihr Herz so erwartungsvoll schlagen macht und sie muß es allein erleben

Und vielleicht nur sechs Stunden –

Allein – den ganzen Winter allein in solcher Zeit, wo Seele zu Seele gehört allein? Ja, wenn sie allein wäre! Aber der Freund? Wo bleibt er? Er ist länger draußen aufgehalten, aber er wird kommen er wird kommen so wie heute, dann jeden Tag, der einzige Vertraute, mit dem sie alles teilen muß, was das Herz bewegt mit ihm wird sie allein sein, der ihr so wert ist, so lieb, und nun vor ihr steht in einem neuen, geheimnisvollen Licht, der Sohn einer höheren Welt, zu dem sie aufblickt

Nein, nein! Sie will nicht allein sein, und nicht allein mit ihm –

Sie ringt die Hände und geht auf und ab im Zimmer. Sie blickt nach der geschlossenen Tür und glaubt seine Stimme zu hören. Sie blickt nach der Uhr und der Gedanke läßt sie nicht los: Nur sechs Stunden! In sechs Stunden kann alles entschieden sein

Ja, wenn sie mitfahren könnte, durch die Lüfte reisen nach dem Reich des Eises, wo er weilt sie würde ihn finden, sie würde ihn ausspähen, wo er sich auch bärge, im Boot von Seehundsfell, in der Hütte von Schnee bis in die Gletscherspalte würde ihr Auge dringen sie schauerte zusammen. Vielleicht schon lag er sie mochte das Schreckliche nicht denken. Diese furchtbare Ungewißheit nein, das konnte, das wollte sie nicht ertragen. Und die Fragen, die ewigen, und das Mitleid und das höhnische Zischeln, ob sie sich wohl tröstet oh!

Sie stampfte mit dem Fuß auf und preßte die Hände krampfhaft zusammen. Dann stand sie still wie ein Bild aus Stein. Und nun wußte sie es. Sie atmete tief auf. Die Starrheit löste sich. Ihr Entschluß war gefaßt.

Nur sechs Stunden!

Das Luftschiff zog sie mit magischer Gewalt an. Sie wollte fort, sie wollte an den Pol, sie würde ihn finden, den Verlorenen, sie, Isma Torm. Wenn es ein Unrecht war, daß sie um des Wunsches des Freundes willen den Mann nicht zurückhielt, so mochte dies ihre Buße sein, und die seinige!

Sie setzte sich und überdachte alles noch einmal in voller Ruhe.

Es war das Richtige, es mußte so sein.

Isma erhob sich und schritt auf die Tür zu, als ihr Ell aus derselben entgegentrat.

Er stutzte bei ihrem Anblick. Die Trauer und Angst aus ihren Zügen war verschwunden. Sie stand aufgerichtet vor ihm. Aus ihren tiefblauen Augen sprach jene Innigkeit des Gefühls, die ihn immer hingerissen hatte. Auf ihren Lippen lag es wie ein leises Lächeln.

»Ell«, sagte sie sie stockte einen Augenblick wie verlegen »bei Ihrer Freundschaft, wenn Sie mich liebhaben«

»Isma!«

»Wollen Sie mir eine Bitte erfüllen?«

»Was Sie wollen!«

»Sprechen Sie bei Ihrem Oheim für mich, daß er mich in seinem Luftschiff mit nach dem Pol nimmt und mich wieder hierherbringt, wenn wir Hugo gefunden haben ja, ja ich werde ihn finden, wenn ich mit dem Luftschiff ihn suchen darf o, weigern Sie sich nicht«

Sie faßte seine Hände und sah ihn flehend an. Zwei Tränen traten in ihre Augen.

»Und kommen Sie selbst mit!« setzte sie hinzu.

Ell fand nicht sogleich Worte. Das hatte er nicht erwartet.

»O Isma, Isma«, rief er endlich. »Was verlangen Sie? Diese Reise ist nichts für Sie. Die Nume werden selbst suchen, sie suchen schon, und was die nicht finden, werden auch Sie nicht finden.«

»Ich werde es. Was sind fremde Augen gegen die der Frau? Ich werde sehen, wo andere nicht hinblicken. Es sind nur sechs Stunden so nahe, und ich soll hier müßig sitzen den Gedanken ertrage ich nicht«

»Ich bitte Sie, Isma, bedenken Sie meine Lage. Jetzt darf ich, kann ich nicht von hier fortgehen. Jetzt gilt es, die Menschheit auf den Besuch der Martier vorzubereiten. Was ich seit Jahren erwartet, ich muß nun die Konsequenzen ziehen«

»Es handelt sich vielleicht nur um wenige Tage.«

»Die habe ich meinem Oheim zu andern Zwecken versprochen. Und dann muß ich wahrscheinlich nach Berlin.«

»Dann bin ich also ganz allein«, sagte Isma leise.

»Nein, nein ich komme bald wieder.«

Isma wandte sich schweigend ab. Dann kehrte sie plötzlich zurück und sagte fast hart:

»Führen Sie mich zu Ihrem Oheim, ich will ihn bitten. Und wenn Sie nicht fortkönnen, lassen Sie mich allein mitgehen. Lassen Sie mich hingehen, Ell!«

Ell kämpfte mit sich. Mit düstern Blicken starrte er durchs Fenster.

»Wo ist das Schiff?« fragte Isma. »Ich will die Nume bitten, sie werden einer verlassenen Frau nicht abschlagen, was der einzige Freund ihr nicht gewähren will.«

»Isma, seien Sie vernünftig!«

»Das Vernünftige ist die Pflicht. Und dies ist der einzige Weg, sie zu erfüllen.«

»Und meine Pflicht ist die Versöhnung der Planeten. Dagegen muß das Geschick des einzelnen zurücktreten.«

»Darum eben gehe ich allein.«

»Das werde ich nie zugeben.«

»Ich will«, sagte Isma finster. »Ich will zu meinem Mann.«

Ell stöhnte. Er sah, wie sie entschlossen der Tür zuschritt. Sie drehte sich noch einmal um, mit tiefer Trauer im Antlitz.

»Bleiben Sie, Isma«, rief er. »Ich bringe Ihnen Hugo, wenn es in der Macht der Menschen steht und der Nume!«

»Nehmen Sie mich mit!«

»Kommen Sie zu Ill. Alles hängt von seiner Entscheidung ab.«

Ell brachte Isma zu seinem Oheim. Es hätte ihr wenig genutzt, ihre Sache bei Ill zu vertreten, wenn nicht Ell sie zu der seinigen gemacht hätte. Denn Ill verstand nicht deutsch, Ell mußte daher die Verhandlungen führen. Ill, der Isma mit herzlichster Teilnahme begegnete, versprach sofort, daß nach seiner Rückkehr mit Hilfe des Luftschiffes die sorgfältigste Durchforschung des arktischen Gebietes vorgenommen werden solle, so lange die Martier dazu noch Zeit hätten. Dazu wäre er ohnehin entschlossen gewesen, und nur die Zurückführung Grunthes und die Aufsuchung Ells hätten zuvor erledigt werden müssen. Übrigens würde schon jetzt nach Torm gesucht, da noch ein kleineres Luftboot, freilich zu weiteren Reisen nicht verwendbar, in Dienst gestellt werde. Er sähe daher nicht ein, wozu es notwendig sei, daß Ell oder gar Isma zu diesem Zweck ihm an den Pol folgen sollten. Ersterer wäre jetzt in Deutschland nicht zu entbehren, um Grunthe in der Darstellung der Resultate der Expedition zu unterstützen. Man würde ihn auch jedenfalls seitens der Regierung zu Rate ziehen.

Ell gab dies gern zu; es war ja vollständig seine Ansicht. Er sagte, daß er nur den innigsten Wunsch von Frau Torm vertrete. Isma brachte nun selbst ihre Bitte vor, mit rührendem Ton, in Ills Gegenwart. Ell, der jetzt erst hörte und im übrigen erriet, was Isma zur Reise antrieb, fühlte seinen Widerstand gebrochen. Er unterstützte nunmehr ihre Bitten und wollte sie unter keinen Umständen verlassen. Er stellte daher Ill vor, daß sich seine Reise wohl mit seinen Pflichten gegen die Martier vereinen lasse, da sie doch nicht länger als acht bis zehn Tage dauern würde. Denn gleichviel, ob Torm gefunden werde oder nicht, vor ihrer Abreise nach dem Mars würden ja die Martier ihn und Isma zurückbringen. In dieser Zeit aber sei er um so eher entbehrlich, als sich die erste Aufregung über das Erscheinen der Martier erst einigermaßen legen müsse, ehe es zu ernsthaften Entschlüssen der Regierungen kommen könne. Bis dahin sei er wieder zu Hause; inzwischen reiche Grunthe vollständig aus, die erforderliche Auskunft zu geben. Es stehe also dabei eigentlich weiter nichts in Frage, als daß die Martier sich der Mühe unterzögen, noch einmal eine Fahrt vom Pol nach Friedau und zurück zu machen. Das aber sei doch in zwölf Stunden erledigt.

Ell führte dies, hin und wieder von seinem Oheim unterbrochen, in eifriger Rede aus. Isma hörte dem Gespräch, von dem sie kein Wort verstand, geduldig zu. Sie erschrak, wenn sie aus Ills Augen auf eine ablehnende Antwort schließen zu müssen glaubte. Jetzt aber lächelte Ill und sagte:

»Die Transportfrage, euch beide mitzunehmen und wieder herzubringen, ist für uns kein Hindernis. Persönlich würde es mich sehr freuen, dich bei mir zu haben, und sogar sachlich könnte es von Vorteil sein, da Fälle denkbar sind, in denen wir unser Schiff verlassen müssen, um das Land zu betreten; und dann würdest du mit den Eskimos, die wir mitnehmen werden, mehr leisten können als wir. Ich wundere mich aber, warum du für den Wunsch der Frau Torm so eifrig eintrittst, der eigentlich nur einer Stimmung, man möchte fast sagen, einer Einbildung entspringt.«

»Sie hegt nun einmal den Wunsch«, erwiderte Ell etwas verlegen, »sie hält die Reise für ihre Pflicht, und es ist der einzige Trost, den ich ihr gegenwärtig geben kann, wenn ich ihren Wunsch zu erfüllen suche.«

Ill blickte seinem Neffen mit Herzlichkeit ins Auge. »Du liebst diese Frau.«

Ell schwieg.

»Und du willst sie mitnehmen und begleiten, um ihr den Gatten wiederzugeben?«

»Ja.«

»So machst du ihren Wunsch zu dem deinen?«

»Vollständig.«

»Ich möchte dir deine erste Bitte nicht abschlagen. Aber es ist noch ein prinzipielles Bedenken. Zugegeben, deine Abwesenheit von hier für kurze Zeit wäre allenfalls belanglos. Es könnte aber ein unglücklicher Zufall eintreten, der uns verhindert, hierher zurückzukehren. Deine Abwesenheit könnte sich auf den ganzen Winter ausdehnen. Dann übernehmen wir eine furchtbare Verantwortung. Das Verständnis zwischen den Planeten steht auf dem Spiel.«

»Ich weiß es. Es ist der Gedanke, der mich zuerst der Bitte von Frau Torm widerstehen ließ, der mich in Konflikt mit mir selbst brachte. Aber gerade, weil wir nicht allwissend sind, dürfen wir einen solchen Umstand nicht in die Berechnung ziehen; er ist nur als Zufall zu behandeln; ich kann morgen tot sein, auch wenn ich nicht aus meinem Zimmer gehe. Ich habe mich nun einmal um Ismas willen entschlossen; was daraus wird, muß ich mit meinem Gewissen abmachen. Daß ich nicht eigennützig handle, weißt du.«

»Sonst hätte dein Wunsch für uns nicht existiert.«

»So aber, da es sich nur um Chancen des Gelingens oder Mißlingens handelt, dürfen wir auch nicht vergessen, daß mit der größeren Wahrscheinlichkeit unsre Reise das Verständnis zwischen den Planeten fördern wird. Wenn es uns gelingt, Torm zu retten, wenn er durch die Nume hierhergebracht wird, so haben wir das Zutrauen der Menschen und ihren Glauben an uns in viel höherem Grad gewonnen, als sie selbst durch mein Fernsein verloren werden könnten. Ich glaube also, daß wir im Interesse der Planeten selbst wirken, wenn wir Torm suchen. Dieser Grund ist mir allerdings erst jetzt eingefallen.«

Ill lächelte wieder. »Er würde auch gelten, wenn Frau Torm uns nicht begleitete. Wir gewinnen aber durch sie eine Zeugin, die uns von Nutzen sein kann. Doch gleichviel. So will ich denn einen Vorschlag machen, das Äußerste, was ich zugeben kann. Ich beurlaube dich von der Begleitung nach Rom, Paris und London. Dagegen kürze ich unsern Aufenthalt in Europa ab und komme von Petersburg aus nicht erst hierher zurück, sondern gehe sogleich von dort nach Norden. Wollt Ihr also mit, so müßt ihr wir haben heute, nach eurer Zeitrechnung?«

»Den 9. September.«

»Nun gut. So haltet euch bereit, im Laufe des 11.Septembers mit uns aufzubrechen.«

Ell sprang in die Höhe. Er dankte Ill und sagte freudig zu Isma: »Wir dürfen mit. Aber wir müssen übermorgen reisefertig sein.« Und mit ernsterem Ausdruck setzte er hinzu: »Wollen Sie nicht lieber von Ihrem Vorhaben abstehen? Sie können gewiß sein, daß die Nume alles tun werden, um Hugo aufzufinden. Bleiben Sie hier, Isma!«

Isma stand einen Augenblick unschlüssig. Sie sah sich in der Kajüte des Luftschiffes um, in welcher sie saßen.

Ill drückte auf einen Griff. Auf beiden Seiten der Kajüte öffnete sich je eine Tür.

»Hier sind noch zwei Kabinen, je für einen Gast«, sagte er. »Sie werden es etwas eng, aber sonst ganz bequem haben. Es versteht sich von selbst, daß ihr meine Gäste seid«, setzte er zu Ell gewendet hinzu.

Isma verstand nicht seine Worte, aber seine Handbewegung. Sie streckte Ill schüchtern ihre Hand entgegen, die er zwischen die seinigen nahm.

»Ich danke Ihnen«, sagte sie, »von ganzem Herzen.« Dann wandte sie sich zu Ell. Sie sah ihn mit einem Blick an, dem er nicht widerstehen konnte.

»O zürnen Sie mir nicht, mein lieber, treuer Freund. Ich werde es Ihnen nie vergessen, was Sie heute für mich taten. Ich kann nicht hierbleiben, ich will hinaus. Und wenn Sie mitgehen, so danke ich ihnen, denn unter diesen Fremden allein es ist mir alles so beängstigend und keiner versteht mich aber mit Ihnen oEll, ich weiß, welches Opfer Sie mir bringen, und ich habe es nicht um Sie verdient.«

Mit Tränen in den Augen reichte sie ihm die Hände.

»Also übermorgen.«

»Noch eins«, sagte Ill, »eine Bedingung, die ich machen muß. Unsere Nachforschungen werden am 12.September beginnen. Sie müssen aber am 20. unter allen Umständen aufhören. Sind wir bis dahin nicht glücklich gewesen, so müssen Sie es tragen. Am Morgen des 21.September setzt Sie dieses Schiff wieder hier ab. Und so Gott will, schon früher und zu dreien.«

Ell übersetzte Isma die Worte.

»Gott sei uns gnädig!« sagte sie leise.

»Und wie ist es mit der Reise nach den Hauptstädten?« fragte Ell.

»Die mache ich morgen. Ich habe es mir nach deinen Karten und Angaben schon berechnet. Die ganze Fahrt von hier nach Rom, über Paris nach London und von dort zurück könnten wir in kaum fünf Stunden zurücklegen. Wir werden uns aber viel mehr Zeit nehmen. Nur hier breche ich ungesehen auf, vor Sonnenaufgang. Denn da wir wieder hierher zurückkommen, würde ich dir und uns die ganze Bevölkerung auf den Hals ziehen und vielleicht ernstliche Schwierigkeiten haben, wenn man von unserm Hiersein wüßte. Dagegen werden wir unsere Fahrt, wenn wir erst jenseits der Alpen sind, und dann in Frankreich und England, zum Teil absichtlich langsam und möglichst vor aller Augen ausführen. Die Menschen sollen sehen, was wir können, sie werden dann Grunthe eher glauben. Auf irgendeinem unzugänglichen Alpengipfel werden wir einige Stunden ungestört Mittagsruhe halten. Paris, London, Amsterdam, Brüssel besuchen wir im Lauf des Nachmittags und Abends. Sobald es dunkel genug ist, landen wir wieder hier. Und nun besorge deine Geschäfte und bereite alles vor.«

Ell führte Isma aus dem Schiff. Sie zitterte an seinem Arm.

»Sie muten sich zuviel zu, liebste Freundin.«

»Nein, nein«, sagte sie. »Ich weiß, was ich kann. Es ist nur die ungewohnte geringe Schwere in dem Schiff aber ich werde mich daran gewöhnen. Es ist schon wieder besser in der freien Luft.«

»Ill wird es gewiß arrangieren können, daß Sie nicht immer in der Marsschwere zu sein brauchen.«

»Das ist ja alles gleichgültig. Nun will ich nur schnell nach Hause. Sie können sich denken, daß ich viel zu tun habe«, sagte sie mit schwachem Lächeln.

»Warten Sie, ich will einen Wagen holen lassen.«

»Das dauert zu lange. Können Sie mich nicht hier aus dem Parkpförtchen lassen? Dann spare ich Weg.«

»Gewiß, ich habe den Schlüssel hier.«

Ell öffnete die kleine Tür in der Mauer. Sie führte auf einen Promenadenweg, der von den Friedauern vielfach benutzt wurde, da er zu einem beliebten Spazierort führte. Es war inzwischen neun Uhr geworden.

Isma zog den Schleier vor das Gesicht. Noch ein herzlicher Händedruck, und sie schritt schnell den Weg nach der Stadt hinab.

Zwei Herren begegneten ihr, die sie scharf ansahen und sich dann etwas zuflüsterten.

Ell war noch einen Augenblick stehen geblieben und hatte ihr nachgeblickt. Als er in die Tür zurücktreten wollte, waren die beiden Spaziergänger herangekommen.

»Ach, guten Morgen, Herr Doktor«, sagte der eine mit näselnder Stimme. »Was macht der Nordpol?«

»Schon so früh interessanten Besuch gehabt? Wie?« sagte der andere. »Wohl sehr besorgt um den Herrn Gemahl?«

Ell sah den Sprecher von oben bis unten an und drehte ihm, ohne ein Wort zu sagen, den Rücken. Vor dem Blick Ells wich er erschrocken zurück, und aus Ärger über seine eigene Verlegenheit rief er Ell protzig nach:

»Na, na, man wird doch wohl fragen dürfen?«

Ell drehte sich um. »Nein, Herr von Schnabel, was einen nichts angeht, wird man nicht fragen dürfen. Adieu.«

»Ich bitte doch, soll das vielleicht eine Zurechtweisung sein? Dann möchte ich allerdings noch um eine Aufklärung bitten.«

»Tun Sie, was Sie wollen«, sagte Ell. »Ich habe keine Zeit.« Er schloß die Tür hinter sich und ging zu Grunthe zurück.


24. Kapitel. Die Lichtdepesche

Sobald die Redaktion der ersten Berichte beendet war, begab sich Grunthe nach dem Ministerium, um seine Anwesenheit in Friedau und die vorgelegten Dokumente beglaubigen zu lassen. Von dort trug er die Depeschen sogleich nach dem Telegraphenamt. Die Beamten hatten ihn verwundert angestarrt. Einige Friedauer erkannten ihn unterwegs und versuchten, ihn auszuforschen. Aber auf alle Fragen hüllte er sich in Schweigen, und so gelang es ihm, noch ziemlich ohne Aufsehen nach der Sternwarte zurückzugelangen, während sich in der Stadt bereits das Gerücht von der Rückkehr der Expedition und wunderbare Fabeln von den Bewohnern des Mars verbreiteten.

Noch ehe Grunthe zurückkehrte, erhielt Ell den Besuch eines ihm befreundeten Oberlehrers des Friedauer Gymnasiums, Dr.Wagner. Der elegant gekleidete Herr trat mit einem etwas gezwungenen Lächeln ein und sagte, nach der ersten Begrüßung verlegen sein Schnurrbärtchen drehend: »Ich habe da einen etwas fatalen Auftrag, den ich aber nicht ablehnen konnte. Weil wir uns ja kennen, dachte ich, ich könnte die Sache am besten beilegen. Weißt du, du hast da heute früh mit dem Herrn von Schnabel«

Ell machte eine abwehrende Bewegung.

»Na ja«, sagte Wagner, »es ist ein nicht sehr angenehmer Herr, hä, außerdem so etwas« er klopfte mit dem Finger an die Stirn »seinerseits taktlos und dabei furchtbar empfindlich. Du hast ihn ja wahrscheinlich ganz mit Recht abfallen lassen, aber er fühlt sich von dir brüskiert, und ich soll da eine Art von Erklärung fordern.«

»Mit dem größten Vergnügen«, erwiderte Ell lächelnd, »ich habe ihm verwiesen, naseweise Bemerkungen zu machen über Dinge, die ihn nichts angehen. Ich habe ihn vielleicht etwas schroff behandelt, aber einerseits hat er es verdient, andrerseits hatte ich den Kopf wirklich mit wichtigeren Dingen voll, als sie die Neugier von Herrn Schnabel erregen. Wenn es ihn tröstet, so sage ihm, daß mir nichts ferner gelegen hat als ihn beleidigen zu wollen.«

»Hm ich weiß nicht, ob ihm das genügen wird, er verlangt, daß du deine Äußerungen formell zurücknimmst.«

»Ich habe nichts zurückzunehmen, da ich nur die Wahrheit gesagt habe, er muß sich also schon an der Erklärung genügen lassen, daß ich ihn nicht beleidigen wollte. Eine Unhöflichkeit ist noch keine Beleidigung. Wenn er sich aber seiner Fragen wegen entschuldigen will, so bin ich auch bereit, wegen der unhöflichen Form meiner Antwort um Entschuldigung zu bitten. Ich dächte, die Angelegenheit wäre erledigt.«

»Ich fürchte«, sagte Wagner verlegen, indem er aufstand, »es werden sich da wohl noch weitere Folgen daran knüpfen. Ich kenne ja deine Ansichten über dergleichen Affären, ich bin auch ganz deiner Meinung, aber, hä, in meiner Stellung, ich muß da Rücksichten nehmen, weißt du, du wirst mir's also zugutehalten ich wollte nur vermitteln und werde ihm zureden. Wenn es nur nützt! Er wird dir wohl da noch einen Kartellträger schicken.«

»Er soll sich nur die Mühe sparen, ich würde den Herrn an die Luft setzen. Aber ich danke dir für deine Bemühung. Also, wie gesagt, erkläre ihm in aller Form, daß mir jede Absicht einer Beleidigung ferngelegen hat, daß ich mir aber das Recht vorbehalten müßte, mir unberufene Fragen zu verbitten, und er sich in bezug hierauf zunächst selbst zu entschuldigen hätte. Und nun entschuldige du auch mich, alter Freund, du wirst heute noch merkwürdige Dinge von mir hören.«

Wagner wollte weiter fragen, aber Ell verabschiedete sich freundschaftlich, und Wagner ging kopfschüttelnd ab.

Schon eine Stunde später Grunthe war eben zurückgekommen, und Ell wollte sich mit ihm zu Tisch setzen Ill hatte die Einladung abgelehnt, er wollte ruhen, erschien der Kartellträger des Herrn von Schnabel und überbrachte Ell eine Forderung.

Der Herr, ein junger Assessor, hatte sich seines Auftrages kaum in feierlichster Weise erledigt, als Ell ihm mit blitzenden Augen entgegentrat und ihn anfuhr:

»Wie können Sie sich unterstehen«, rief er, »mich durch eine derartige Zumutung zu beleidigen? Wofür halten Sie mich? Bin ich ein rauflustiger Bruder Studio oder ein pflichtvergessener Narr? Ich bin ein Mann, der seine Arbeitskraft ernsten Dingen schuldet. Übrigens bedauere ich Sie«, sagte er milder, »Sie haben sich jedenfalls nicht klargemacht, was Sie tun. Ich wünsche von der Sache nichts mehr zu hören.«

Der Assessor wollte auffahren, aber auf eine Handbewegung Ells machte er kehrt und verließ das Zimmer.

Ell setzte sich mit Grunthe zu Tisch.

»Das wird auch Zeit«, sagte er, noch etwas erregt von dem letzten Auftritt, während er seine Serviette entfaltete, »daß mit diesem Unfug einmal aufgeräumt wird. Das ist so einer von den Punkten, in denen die Martier keinen Spaß verstehen. Ich will hoffen, daß es nicht zu Konflikten kommt.«

*

Im Lauf des Nachmittags wurden von allen Zeitungen, nicht bloß in Deutschland, sondern in ganz Europa, Extrablätter ausgegeben.

»Neues vom Nordpol!« »Die Bewohner des Mars auf der Erde!« »In sechs Stunden vom Nordpol!«

So und ähnlich lauteten die Ausrufe auf den Straßen. Man riß sich die Blätter aus der Hand. Vom Erlös für dieselben hätte man allein eine neue Nordpolexpedition ausrüsten können.

Die Blätter enthielten zuerst die Depesche Torms an Isma. Sodann folgten ein knapper Bericht Grunthes über die weiteren Erlebnisse der Expedition und kurze Angaben über die Martier und seine Heimkehr. Endlich eine Bestätigung der letzteren durch Ell und die Beglaubigung seitens des fürstlichen Staatsministeriums in Friedau, daß Grunthe die im Bericht erwähnten Dokumente und Effekten persönlich vorgelegt habe.

Nur eines war mit Stillschweigen übergangen, nämlich daß sich das Luftschiff noch in Friedau befinde. Dagegen war die Abstammung Ells kurz erwähnt worden, weil sie dazu dienen konnte, das Unbegreifliche einigermaßen der menschlichen Vorstellungskraft näherzurücken.

Ein ausführlicher schriftlicher Bericht war noch vormittags an den Reichskanzler abgegangen. Am Abend schon traf eine telegraphische Depesche ein, durch welche Grunthe und Ell ersucht wurden, sich sobald als möglich mit allen Beweisstücken persönlich in Berlin einzustellen. Se.Majestät habe sofortigen Bericht eingefordert. Eine Stunde später erhielt Grunthe ein Glückwunsch-Telegramm des Kaisers, ebenso Frau Torm eine in sehr liebenswürdiger Form ausgesprochene Beileidsbezeugung, in welcher das Vertrauen auf die glückliche Heimkehr ihres Gatten ausgedrückt war.

Von dem Augenblick an, in welchem die Extrablätter ausgegeben wurden, war die Sternwarte Ells von Besuchern bestürmt. Das Läutwerk des Telephons kam so wenig zur Ruhe wie die Türklingel, und bald häuften sich Telegramm auf Telegramm, Glückwünsche und Anfragen. Da dies vorauszusehen war, hatte Ell einige seiner persönlichen Freunde in Friedau gebeten, ihn zu unterstützen. Sie ordneten die Eingänge der Depeschen und empfingen die Besuche. Ell und Grunthe ließen sich nicht sehen. Beide trafen die Vorbereitungen zu ihren Reisen. Grunthe mußte allein nach Berlin gehen, was ihm nicht sehr angenehm war. Ell gab ihm die fertiggestellten Manuskripte mit. Ein Berliner Verleger hatte ihm bereits telegraphisch einen hohen Preis geboten für alles, was er über die Martier schreiben wolle. Ell verlangte das Zehnfache und erhielt es sofort zugestanden, da der Verleger wußte, daß man von London aus das Zwanzigfache geben würde. Ell bestimmte das Honorar für die Teilnehmer der Expedition.

Isma hatte auf Ells Rat ihre Besorgungen sogleich am Vormittag gemacht, soweit sie dazu in die Stadt gehen mußte. Denn es ließ sich erwarten, daß sie keine Ruhe mehr finden würde, sobald die Nachricht bekannt geworden sei. Sie fühlte sich zu angegriffen, um die sich drängenden Besuche anzunehmen, fand aber ebenfalls einige Freundinnen, die ihr diese Mühe abnahmen und sich ein Vergnügen daraus machten, ihr spezielles Wissen immer wieder aufs neue mitzuteilen. Von ihrer Absicht, zu verreisen, sagte sie nichts. Nur ihrem Mädchen teilte sie mit, daß sie in den nächsten Tagen auf etwa eine Woche von Friedau fortgehen würde; sie konnte ihr vertrauensvoll die Wohnung überlassen.

Am folgenden Tag reiste Grunthe frühzeitig, bald nachdem sich das Luftschiff der Martier unbemerkt entfernt hatte, nach Berlin ab. Die Flut der Anfragen bei Ell nahm noch zu. Es kamen jetzt auch auswärtige Besucher, und nicht alle durfte er abweisen. Vor dem Gittertor der Sternwarte stand den ganzen Tag über eine Menge Neugieriger und guckte in den Hof, als ob dort etwas zu sehen wäre. Gegen Abend verließ Ell durch die Parkpforte sein Grundstück und begab sich zu Isma, um sie zu fragen, ob er ihr noch irgendwie behilflich sein könne. Isma dankte.

»Es ist ja nur eine kurze Reise«, sagte sie wehmütig lächelnd.

Man verabredete, daß sie am andern Morgen frühzeitig an der Parkpforte sein solle. Ihren kleinen Handkoffer konnte das Dienstmädchen tragen.

Auf dem Rückweg besorgte Ell noch einigen Proviant, den er auf Grunthes Rat mitnehmen wollte, weil die Lebensmittel der Martier für den Anfang vielleicht Isma und ihm nicht zusagen würden. Er nahm daher seinen Weg durch die Stadt. Hier aber heftete sich bald die Straßenjugend neugierig an seine Fersen und folgte ihm auf jedem Schritt. Anfänglich hielten die Kinder sich scheu zurück, dann brachte ein Witzbold das Wort auf: »Das ist der vom Monde, der Mann vom Monde! Guck här, 's kummt eener vom Monde!« Ell beeilte sich, nach Hause zu gelangen. Er nahm sich nicht Zeit, eines der Extrablätter zu kaufen, zu denen sich das Friedauer Intelligenzblatt in Ermangelung einer Abendausgabe aufgerafft hatte.

Das Extrablatt brachte bereits einen Bericht über den Empfang Grunthes beim Reichskanzler, der indessen offenbar der Phantasie eines Berliner Korrespondenten entsprungen war. Dann aber enthielt es Depeschen aus Rom, Florenz, von der meteorologischen Station des Montblanc, aus Paris und London über die Beobachtung eines Luftschiffs. Das Luftschiff war zuerst in Rom wahrgenommen worden, wo es am Morgen schon um sieben Uhr auftauchte, die Stadt umkreiste und nach allen Richtungen hin überflog. Es entfernte sich nach einer Stunde, wurde im Laufe des Vormittags noch in verschiedenen italienischen Städten gesehen, um 11Uhr umflog es in unmittelbarer Nähe die Spitze des Montblanc, so daß die anwesenden Touristen die Bemannung des Fahrzeugs erkennen konnten. In Paris und London waren diese Nachrichten schon durch Extrablätter bekanntgegeben, man achtete also am Nachmittag gespannt darauf, ob sich das Schiff zeigen würde. Alsbald verbreitete sich in Paris das Gerücht, das Luftschiff sei eine Erfindung der Preußen und speziell dazu bestimmt, die Befestigungen von Paris auszukundschaften. In der Tat erschien das Luftschiff um 3Uhr nachmittags am Horizont und umkreiste in langsamem Segelflug die Forts im Südosten der Stadt. Man wurde unruhig und löste einen Warnungsschuß. Darauf stieg das Schiff etwas höher und umflog nun den ganzen Kreis von Befestigungen, aber auf der inneren Seite nach der Stadt zu, so daß man ihm nichts anhaben konnte, ohne die Stadt selbst zu gefährden. Um fünf Uhr schoß es in die Höhe und erschien eine halbe Stunde später in London. Es überschritt die Themse bei Greenwich, zog dann in einem weiten Halbkreis nördlich um die Stadt, wandte sich am Hyde Park wieder nach Osten und kreuzte über dem Häusermeer. Auf allen freien Plätzen standen dichtgedrängte Volksmassen, welche mit Tüchern winkten und Hurra schrien. Böllerschüsse wurden gelöst, und die Schiffe auf dem Fluß hißten ihre Flaggen. Das Luftschiff aber kümmerte sich um nichts. Sobald die Sonne sich zum Untergang neigte, zog es die Flügel ein und stieg senkrecht so hoch in die Lüfte, daß es den Blicken entschwand, und man nicht angeben konnte, wohin es sich gewendet hatte.

Um zehn Uhr abends senkte sich eine dunkle Masse langsam auf den Garten der Sternwarte von Friedau.

Es war zwischen zwei und drei Uhr nachts, als Ell davon erwachte, daß die Sonne hell in sein nach Norden gelegenes Schlafzimmer hineinschien. Verwirrt richtete er sich auf, aber ehe er bis an das Fenster gelangte, war die Erscheinung verschwunden. Die Nacht war nur vom matten Schimmer des aufgehenden Mondes erhellt. Plötzlich aber leuchtete ein beschränkter Bezirk der Landschaft wieder im Sonnenlicht, und diese erhellte Stelle veränderte ihren Ort, in gerader Linie von Norden nach Süden laufend, bis sie den Garten der Sternwarte, jetzt etwas westlich vom Haus, wieder erreichte. Da die Richtung des in der Luft deutlich erkennbaren Lichtstreifens unter einer Neigung von etwa 24Grad direkt nach Norden lief, so war es Ell sofort klar, daß man die Gegend von der Ringstation der Martier aus mit einem riesigen Reflektor systematisch absuchte. Denn dieser Punkt lag für die Friedauer Warte in einer Höhe von 23Grad 56Minuten. Ell kleidete sich daher schleunigst an und begab sich nach dem Garten, wo das Luftschiff lag.

Er bemerkte, daß das Schiff seine Lage verändert hatte. Es befand sich jetzt auf der Südseite des geräumigen Rasenplatzes, so daß der Blick nach Norden über die Bäume freier wurde und die Spitzen derselben tiefer als 24Grad lagen. Als er auf den Platz trat, war das Schiff und die südliche Baumwand so stark von der Sonne beleuchtet, daß er geblendet wurde. Aber noch hatte er das Schiff nicht erreicht, als das Licht verschwand. Sein Weg wurde jetzt nur durch den schwachen Schein einer Lampe aus dem Innern des Fahrzeugs erhellt.

Ill war damit beschäftigt, einen Ell unbekannten Apparat einzustellen. Ein Offizier des Schiffes war ihm dabei behilflich.

»Entschuldige, wenn ich störe«, sagte Ell, »aber ich glaubte bemerkt zu haben, daß man Zeichen von der Außenstation gibt.«

»Es ist so«, sagte Ill, »und sie haben uns jetzt gefunden. Es muß etwas Wichtiges passiert sein. Nimm Platz und gedulde dich ein wenig. Wir werden sogleich die Unterhaltung beginnen können. Die Verbindung ist bereits optisch hergestellt, wir müssen jetzt langwellige unsichtbare Strahlen anwenden, um telephonieren zu können.«

Ell fragte erstaunt: »Telephonieren? Du willst mit der Station sprechen?«

»Ja«, sagte Ill, »vermittels der Strahlen. Aber es muß nun vollständige Ruhe herrschen.«

Ell setzte sich still in den Hintergrund. Eine Hoffnung stieg in ihm auf. Sollte man vielleicht Torm gefunden haben?

Ill brachte sein Ohr an den Apparat. Ell vermochte nichts zu hören, auch was Ill sprach, konnte er nicht vernehmen, da es ganz leise in den telephonischen Apparat gesprochen wurde.

Etwa eine halbe Stunde mochte so vergangen sein. Dann wendete sich Ill zu seinem Neffen.

»Wir müssen unsern Aufbruch aufs möglichste beschleunigen«, sagte er. »Meine Anwesenheit auf der Insel ist dringend erforderlich, voraussichtlich unsere Hilfe.«

»Was ist geschehen? Keine Nachricht von Torm?«

»Bis jetzt nicht. Ich sagte dir bereits, daß wir noch ein kleineres Luftboot in Betrieb setzen wollten. Das ist geschehen. Es bedarf nur vier Mann zur Besatzung, kann aber auch nur die halbe Geschwindigkeit im Mittel erreichen wie hier unser Luftschiff. Für die Fahrten im Polargebiet hat es sich jedoch, wie ich eben erfahre, als sehr geeignet erwiesen. Die Unsern sind damit in drei Stunden bis zum 80.Breitengrad nach Süden gelangt. Mit diesem Boot sind die Nachforschungen nach Torm aufgenommen worden. Und bei dieser Gelegenheit ist es zu dem unangenehmen Zwischenfall gekommen, der meine sofortige Rückkehr erfordert.«

»Ein Unglücksfall?«

»Ein Konflikt mit einem europäischen Kriegsschiff.«

»Nicht möglich! Wo?«

»Auf 81 Grad Breite, 294 Grad Länge ungefähr. Infolge eines Mißverständnisses jedenfalls ich sehe darin noch nicht ganz klar sind unsre Leute am festen Land, während sie verunglückten Matrosen des Kriegsschiffs Hilfe zu bringen versuchten, von anderen überfallen worden. Zwei gerieten in Gefangenschaft der Menschen, die beiden anderen konnten auf dem Luftboot entfliehen. Das Boot selbst ist beschossen worden und scheint dabei gelitten zu haben. Ich muß also mit unserm Schiff hin, um auf jeden Fall die beiden Leute zurückzuholen. Und so bleibt gar nichts übrig, du mußt dich sogleich aufmachen und versuchen, Frau Torm zu wecken und hierherzubringen, wenn sie dabei beharrt; uns zu begleiten. Größte Eile tut not. Wir machen inzwischen unser Schiff klar.«

Es war für Ell eine recht peinliche Aufgabe, mitten in der Nacht und möglichst ohne Aufsehen zu erregen Isma zur Reise nach dem Nordpol abzuholen. Doch es mußte geschehen. Schließlich kam es jetzt schon nicht mehr darauf an, ob sich die bösen Zungen von Friedau noch etwas mehr aufregten.

Isma, die in dieser Zeit stets gefaßt war, durch eine Nachricht aus dem Schlaf geweckt zu werden, eilte ans Fenster, als Ell die Hausklingel ertönen ließ. Sie erkannte Ell. Wenige Worte genügten zur Verständigung. Eine halbe Stunde später verließ sie das Haus, ohne daß ihr Mädchen, das auf der andern Seite der Wohnung schlief, erwacht wäre. Ein paar Worte, die Isma auf einem Zettel zurückließ, besagten nur, daß sie ihre Reise unerwartet schnell hätte antreten müssen. Aus der Dunkelheit tauchte Ell neben ihr auf und nahm ihr den Handkoffer ab. Ein verschlafener Nachtwächter sah ihnen verwundert nach.

In tiefer Ruhe, wie ausgestorben lag die Stadt Friedau, als im ersten Grauen der Morgendämmerung das Luftschiff der Martier sich erhob, um alsbald mit der größten Anspannung seiner Maschine sich durch die Höhen des Luftmeers nach Norden zu schnellen.


25. Kapitel. Engländer und Martier

Das englische Kanonenboot ›Prevention‹ hatte den Auftrag, die im Interesse der Polarforschung angelegten Depots im Smith-Sund und weiter nach Norden, soweit es die Eisverhältnisse ohne Gefährdung des Schiffes gestatteten, zu revidieren und zu vermehren. Kapitän Keswick traf die Lage sehr günstig. Die Kane-Bai war in ihrer Mitte völlig eisfrei, sie wurde in rascher Fahrt passiert, die Prevention dampfte in den Kennedy-Kanal hinein und drang ohne Schwierigkeiten bis über 80,7Grad Breite vor; hier legte sie sich an einer günstigen Stelle vor Anker und schickte ein Boot zur Aufsuchung eines passenden Ortes aus, um an dem felsigen Ufer eine Niederlage von 3600Rationen zu errichten. Man fand in einer kleinen Bucht eine natürliche Felsenhöhle, in welcher die Vorräte sicher geborgen werden konnten. Während die Bemannung des Bootes zum größten Teile mit dieser Arbeit beschäftigt war, erstieg Leutnant Prim mit zwei Matrosen den Hügel über der Höhle, um dort als Signal einen Cairn zu errichten. Die Spitze des Hügels sah auf eine breite, teilweise mit Eis bedeckte Ebene, so daß der Cairn auf weithin, sowohl vom Land als vom Wasser aus, zu sehen sein mußte. Denn dieser zu errichtende Steinmann sollte dazu dienen, in seinem Innern die Dokumente aufzunehmen, welche die Lage der in der Umgegend niedergelegten Depots bezeichneten, er mußte daher einen Platz erhalten, wo er für etwa hierher vordringende Reisende auf weithin wahrgenommen werden konnte. Der Steinmann war soweit fertig, daß der Offizier die Blechbüchse mit den Papieren darin deponieren konnte, und die Matrosen waren damit beschäftigt, den Bau zu schließen und noch mehr zu erhöhen. Als Leutnant Prim inzwischen auf dem Hügel herumkletterte, bemerkte er in der Ferne einige dunkle Punkte, die er alsbald als weidende Moschusochsen erkannte. Sie zogen nach Süden und näherten sich langsam seinem Standpunkt. Alsbald war die Jagdlust in ihm erwacht, er ergriff eines der mitgebrachten Gewehre und bedeutete seine Leute, ihre Arbeit zu vollenden und ihm dann nachzukommen. Er hoffte rasch einen guten Schuß tun zu können. Bald war er hinter einigen Felsvorsprüngen verschwunden.

Die Matrosen schlenderten ebenfalls in der Umgebung umher, um noch einige große Steine aufzusuchen, als sie im Norden, rechts von der Seite, wohin der Offizier, nur die Moschusochsen im Auge haltend, gegangen war, einen dunklen Punkt über dem Horizont auftauchen sahen. Derselbe nahm schnell an Größe zu und erwies sich zu ihrem nicht geringen Erstaunen als ein riesiger Vogel, der seinen Flug mit großer Geschwindigkeit direkt auf sie zu nahm. Eine Weile standen sie still und starrten auf die merkwürdige Erscheinung. Dann liefen sie nach dem Cairn zurück, um ihre Gewehre zu holen. Da sich das rätselhafte Tier bereits stark genähert hatte, ergriff sie Furcht, und sie zogen es vor, so schnell wie möglich den Hügel hinabzulaufen, um Zuflucht bei ihren Gefährten zu finden. Zwischen den Felstrümmern, von Zeit zu Zeit nach dem Ungeheuer sich umblickend, das sich jetzt in weitem Bogen nach dem Steinmann hin zu senken schien, verfehlten sie jedoch die Richtung und kamen an eine mit Eis gefüllte, steil abfallende Schlucht. Plötzlich stieß der Vorangehende einen Schrei aus. Er hatte auf dem steilen Abhang einen Fehltritt getan und stürzte, auf die Felsvorsprünge aufschlagend, in die Schlucht. Sein Gefährte blickte ihm mit Entsetzen nach und wollte den Versuch machen, zu ihm hinabzuklettern. Mit den Händen sich anklammernd, ließ er sich eben auf einen tiefer liegenden Felsen nieder, als plötzlich über ihm der glänzende Leib des Riesenvogels mit eingezogenen Flügeln erschien. Er bebte in abergläubischer Furcht, seine Glieder zitterten, er vermochte sich nicht länger zu halten und stürzte ebenfalls in die Tiefe.

Kaum hatten die vier Martier in dem vom Pol herkommenden Luftboot, das die Matrosen für ein Luftungeheuer gehalten hatten, das Unglück erkannt, das sie durch ihr Erscheinen unschuldigerweise angerichtet hatten, als sie das Luftboot langsam und vorsichtig sich in die Schlucht hinabsenken ließen. Bald hatten sie die Körper der Unglücklichen erreicht. Blutüberströmt lagen sie vor ihnen. Obgleich keine Hoffnung war, die Menschen ins Leben zurückzurufen, wollten sie doch ihre Leichen nicht in der Schlucht liegen lassen. Da es unzweckmäßig war, sie in das Boot hineinzunehmen, legten sie die Verunglückten in das Netz, das sich unter ihrem Boot ausspannen ließ. Dann erhoben sie sich mit ihnen und dirigierten das Boot nach der Spitze des Hügels. Sie überzeugten sich hier, daß beide Menschen tot seien. Sie legten sie am Fuße des Cairn nieder und brachten dann ihr Luftboot in eine gesicherte Lage in der Nähe. Zwei von ihnen blieben im Boot zurück, während die beiden andern noch einmal nach dem Steinmann zurückgingen, um ihn näher zu untersuchen. Die Öffnung war noch nicht vermauert, und sie entdeckten bald die Büchse mit den Dokumenten. Sie öffneten diese und musterten den ihnen unverständlichen Inhalt. Während sie hiermit beschäftigt waren, kehrte Leutnant Prim zurück. Das Boot der Martier konnte er von seinem Standpunkt aus nicht sehen, auch hatte er es vorher, nur auf das Wild und seinen Weg achtend, nicht wahrgenommen. Jetzt erblickte er zwei fremde, seltsam gekleidete Männer, die sich seiner Papiere bemächtigt hatten. Und neben ihnen entsetzt wich er zurück lagen die beiden Matrosen, entseelt, mit blutigen, zerschmetterten Stirnen. Er konnte nicht anders glauben, als daß er ihre Mörder vor sich habe. Er riß das Gewehr in die Höhe und rief sie an.

Die Martier blickten erstaunt empor. Sie deuteten auf die verunglückten Matrosen und riefen Prim zu, daß sie sie aus der Schlucht herausgebracht hätten. Er dagegen befahl ihnen, die Papiere hinzulegen und sich zu ergeben. Natürlich verstanden sie sich gegenseitig nicht. Noch einige Rufe hin und her, ohne daß die Martier Miene machten, sich zurückzuziehen, wie es Prim verlangte, da knallte sein Gewehr, und die Kugel durchbohrte die blecherne Büchse, welche der eine der Martier in der Hand hielt. Ein zweiter Schuß aus dem Repetiergewehr folgte sofort, aber der Martier hatte sich bereits beiseite geworfen, die Kugel ging fehl. Im nächsten Augenblick ließ Prim das Gewehr machtlos aus der Hand fallen. Er war nicht verwundet, aber die Hand war gelähmt, er konnte sie nicht bewegen. Der andere Martier hatte mit seinem Telelyt-Revolver die motorischen Nerven der Hand gelähmt.

Inzwischen hatten die mit der Hinterlegung des Depots beschäftigten Mannschaften ihre Arbeit beendet. Die im Boot zurückgelassene Wache war auf das Erscheinen des Luftboots, das jedoch bald wieder durch die Felshöhe über ihnen verdeckt wurde, aufmerksam geworden und hatte die übrigen Seeleute verständigt. Diese machten sich sofort unter Führung eines Unteroffiziers daran, den Hügel zu ersteigen. Da ertönten die beiden Schüsse, welche ihre Schritte beschleunigten. Im Augenblick darauf rannten sie mit Geschrei auf den Gipfel des Hügels zu. Prim, der sich von seiner augenblicklichen Verwirrung erholt hatte, riß mit der linken Hand seinen Revolver aus dem Gürtel und stürzte auf die Martier zu, indem er rief: »Hierher, Leute, hier sind die Mörder! Faßt sie!«

Der Martier erhob aufs neue seine Waffe – sein Begleiter war unbewaffnet –, und auch der Revolver entfiel dem Offizier – er konnte seine linke Hand ebenfalls nicht mehr bewegen. Gleichzeitig aber wurde der Martier durch einen Stoß in den Rücken niedergeworfen. Die Matrosen waren im Sturmlauf herangekommen. Im Handgemenge waren die Martier ohnmächtig. Sie wußten dies und machten daher auch keinen weiteren Versuch, sich zu wehren. Auf den Befehl des wütend gewordenen Offiziers wurden sie gefesselt, und die Matrosen trieben sie mit Fauststößen vor sich her, um sie in das Boot zu bringen.

Die Schüsse und das nachfolgende Geschrei hatten die beiden im Boot zurückgebliebenen Martier aufmerksam gemacht; da sie aber nicht schnell genug über die Felsen hätten klettern können, die sie vom Schauplatz des Kampfes trennten, ließen sie das Luftboot so weit aufsteigen, daß sie beobachten konnten, was geschehen. Sobald sie ihre Kameraden gefangen sahen, versuchten sie, ihnen mit dem Luftboot zu Hilfe zu kommen. Aber kaum näherte sich dieses, als die Engländer ein Schnellfeuer eröffneten. Die Geschosse drangen in die Rob-Wände des Bootes ein, und wenn sie dieselben auch nicht durchschlugen, so lag doch die Gefahr nahe, daß sie Stellen trafen, an denen der feine Mechanismus des Steuerapparates beschädigt werden konnte. Die Martier stiegen daher mit ihrem Boot schleunigst so hoch, daß sie von den Kugeln nicht mehr gefährdet waren, und überlegten, was zu tun sei. Sie besaßen zwei Telelytgewehre, mit denen sie imstande gewesen wären, aus sicherer Entfernung die ganze Mannschaft zu vernichten oder wehrlos zu machen, um dann ihre Kameraden zu befreien. Aber da sie sowohl selbst, der Luftströmung wegen, nicht völlig ruhig liegen konnten, und auch die Gefangenen mitten zwischen den Matrosen in Bewegung waren, konnten sie aus so großer Entfernung nicht auf ein sicheres Zielen und genau berechenbare Wirkung vertrauen. Während sie zögerten, wurden ihre Kameraden in das Boot gebracht, das sich mit schnellen Ruderschlägen vom Ufer entfernte. Sie folgten ihm in der Höhe und sahen bald das Kriegsschiff in der Ferne. Als sie dieses nun in schnellem Flug erreichen und umkreisen wollten, bemerkten sie zu ihrem Schrecken, daß der Mechanismus des Steuerruders nicht mehr völlig funktionierte. Sie konnten ihr Boot nur langsam und in beschränkter Weise lenken. Unter diesen Umständen beschlossen sie, so schnell wie möglich nach der Insel am Pol zurückzukehren. Sie brauchten dazu die doppelte Zeit wie gewöhnlich. Von hier aus wurde nach der Außenstation gesprochen, von der aus es möglich war, Ill mit seinem größeren Luftschiff, das zur Verteidigung wie zum Angriff mit Repulsitgeschützen ausgerüstet war, zur Hilfe herbeizurufen.

Kapitän Keswick scheitelte bedenklich den Kopf zum Bericht des Leutnants Prim, der es übrigens nicht für nötig hielt, sich über seinen mißglückten Jagdversuch näher auszulassen. Keswick konnte sich nicht recht vorstellen, wie diese beiden Männer, die sich offenbar nur mit Mühe aufrecht zu erhalten vermochten, ohne Waffen die harten Köpfe seiner Matrosen hätten zerschlagen können. Noch mehr freilich wunderte ihn die Lähmung der Hände seines Leutnants. Eine nähere Untersuchung erforderte aber vor allem, daß mit den beiden Fremdlingen ein Verhör angestellt wurde. Diese indessen sprachen kein Wort.

Keswick trat zu ihnen und betrachtete sie näher. Er redete sie auf englisch und französisch an und auch in der einzigen Sprache, von der er noch etwas wußte, auf chinesisch. Sie verstanden ihn offenbar nicht. Aber sie öffneten jetzt zum erstenmal ihre bisher halb geschlossen gehaltenen Augen. Finster blickten sie auf ihre Fesseln und richteten dann ihre Augen voll auf den Kapitän. Es lag nichts Feindseliges in diesem Blick, aber ein tiefer Vorwurf und zugleich ein mächtiger Stolz. Unwillkürlich wich Keswick zurück. Auch die herumstehenden Offiziere und Matrosen fühlten sich seltsam betroffen.

»Nehmen Sie den Leuten die Fesseln ab«, sagte der Kapitän. »Das ist hier nicht nötig. Und behandeln Sie sie anständig.«

Sobald die Stricke entfernt waren, begann der ältere der Martier zu sprechen. Obgleich der Kapitän kein Wort verstand, machte die Rede doch den Eindruck, daß er hier etwas noch nie Vorgekommenes und Unerklärliches erfahre. Er wußte nichts zu tun, als die Achseln zu zucken.

»In dieser Sache entscheide ich nicht allein«, sagte er dann zu seinem ersten Offizier. »Die Geschichte mit dem Luftschiff ist zu rätselhaft. Hätten wir nicht selbst in der Ferne so ein Ding gesehen, ich würde nichts glauben. Die Leute sehen nicht aus, als ob sie von der Erde stammten. Und verstehen kann man sie nicht. Ich nehme sie mit nach England. Wir sind überdies hier mit unserer Aufgabe fertig.«

Die ›Prevention‹ machte Dampf auf und steuerte nach Süden.

*

Mit rasender Geschwindigkeit jagte Ills Luftschiff in einer Höhe von zwölf Kilometern über das europäische Nordmeer, der Küste Grönlands entgegen. Im Osten glänzten schillernde Nebensonnen, während das Tagesgestirn selbst unterm Horizont blieb. Denn die Fahrt war nach Nordwesten gerichtet, und die aufgehende Sonne konnte das Luftschiff nicht einholen. Ein ewiger Dämmerschein erleuchtete die unter leichtem Cirrusgewölk lagernde Meeresflut, daß sie wie eine ungeheure Schale von dunklem, mit lichten Streifen durchzogenem Marmor schimmerte. Still war's ringsum. Nur das gleichmäßige Zischen des Reaktionsapparats und das Pfeifen der durchschnittenen Luft um den zusammengepreßten Robpanzer des Schiffes ließ seine eintönige Weise vernehmen.

»Luftdruck 170 Millimeter.« Ell las die Angabe an seinem eigenen Barometer ab. Er warf einen nachdenklichen Blick auf die Wand, hinter welcher Isma schlummerte. Ill hatte dort selbst aufs umsichtigste für ihr Wohlbefinden gesorgt.

»Schlafen Sie«, hatte er gesagt. »Sie müssen jetzt Ruhe haben. Wenn wir in die hohen Breiten gekommen sind, werden wir unseren Flug mäßigen und in die Nähe der Erdoberfläche hinabsteigen. Dann wollen wir Sie wecken.«

In einen warmen Pelz gehüllt ruhte Isma in ihrer Hängematte. Über Mund und Nase schloß sich die weiche Maske, die mit dem Ventil des Sauerstoffapparats verbunden war, um ihr Handgelenk war ein elastischer Ring gelegt, der ihren Pulsschlag auf ein Meßinstrument übertrug. An der Außenwand ihrer Kabine, die Ell jetzt beobachtete, zeigten zwei Zifferblätter den Gang, die Frequenz und die Stärke der Atmung und des Pulses. »Vollständig normal«, sagte Ill lächelnd, der Ells Augen gefolgt war. Dann blickte er wieder auf die Orientierungsscheibe. Der Projektionsapparat, welcher auf der Unterseite des Schiffes angebracht war, bildete auf der Scheibe die überflogene Gegend ab.

»Im Nordwesten taucht die Küste auf«, begann Ill wieder. »Es ist die Gegend, die auf euren Karten als König-Wilhelms-Land bezeichnet ist. Noch eine Stunde, bis das Festlandeis überflogen ist, dann wollen wir hinabsteigen. So lange laß sie nur schlummern.«

»Ich denke«, sagte Ell, »daß wir das Schiff im Kennedy-Kanal oder in der Kane-Bai treffen. Ich bin nur neugierig, was es für ein Landsmann ist.«

»Unser Feind, leider«, sagte Ill ernst, »wer es auch sei.«

Ill war längere Zeit schwankend gewesen, ob er zuerst nach dem Pol fahren solle, um noch nähere Erkundigungen einzuziehen, oder ob er besser täte, direkt das Kriegsschiff aufzusuchen. Er entschloß sich für das Letztere. Denn jede Minute konnte kostbar sein, jede mußte die Leiden der Nume verlängern, jede konnte ihr Leben gefährden. Dazu stand die Wichtigkeit dessen, was er am Pol erfahren konnte, in keinem Verhältnis, selbst eine genauere Ortsangabe für den Schauplatz des Ereignisses hätte nichts ihm genützt. Es waren seitdem über zwölf Stunden vergangen, und das Schiff konnte inzwischen seinen Ort um hundert und mehr Kilometer verändert haben. Er durfte darauf rechnen, von seinem Luftschiff aus die Fahrstraße in jenen Gegenden verhältnismäßig schnell zu durchforschen. Schwere Bedenken erregte ihm die Frage, wie er verfahren solle, wenn man ihm die friedliche Herausgabe der Martier verweigere. Zwar besaß er die Mittel, selbst ein mächtiges Kriegsschiff zu vernichten. Aber dazu hätte er sich nie entschließen können, es sei denn, wenn er die eigene Existenz nicht anders retten konnte. Mußte er Gewalt anwenden, so sollte es nur so geschehen, daß die Menschen doch nachträglich imstande waren, mit ihrem Schiff in ihre Heimat zurückzukehren. Ob es aber möglich sein würde, bei den Menschen etwas durchzusetzen, ohne sie zuvor schwer zu schädigen, das war die Sorge, die Ill beschäftigte. Er mußte die schließliche Entscheidung den Verhältnissen überlassen, wie der Augenblick sie bieten würde.

Nach einer Stunde war das ewige Eis des grönländischen Festlands überflogen. Die weiten Felder des Humboldtgletschers senkten sich zum Meer hinab. Das Luftschiff mäßigte seinen Flug und stieg abwärts, so schnell es die Rücksicht auf die Insassen gestattete, die sich an den höheren Luftdruck erst gewöhnen mußten. Jetzt war die Höhe von 1500Metern erreicht.

Ill schob leise die Tür zu Ismas Schlafraum beiseite und entfernte die Maske von ihrem Gesicht. Sie erwachte und schaute sich erstaunt um. Er löste den Ring von ihrem Handgelenk und sagte ihr, daß sie jetzt, falls sie es wünsche, sich erheben könne. Darauf entfernte er sich und zog die Tür wieder zu.

Wenige Minuten darauf trat Isma in die Kajüte. Ihre Wangen waren gerötet. Verlegen blickte sie umher.

»Wo sind wir?« fragte sie.

»An der Westküste von Grönland, auf dem 80.Grad nördlicher Breite«, sagte Ell, ihr die Hand reichend. Sie ließ sich auf einen Sessel fallen und bedeckte die Augen mit den Händen. Sie schwieg lange.

»Lassen Sie mich sehen«, sagte sie dann.

Man trat aus der Kajüte in das Schiff. Die seitlichen Fenster waren jetzt teilweise geöffnet. Man konnte hinausblicken.

Ein farbenprächtiges Nordlicht entsandte seine zuckenden Strahlen über das Firmament, während im Nordosten die Morgendämmerung ihren bleichen Schein entfaltete. Tief unten, in undeutlichen Reflexen schimmernd, erstreckten sich die zerrissenen Eismassen des Humboldtgletschers, der als eine Riesenmauer von Eis über dem Meer abbrach. Am westlichen Horizont erhob sich wie eine dunkle Wand der eisfreie Meeresspiegel der Kane-Bai.

Isma stand lange in den überwältigenden Anblick versunken.

»Es ist ja noch Nacht?« sagte sie dann fragend. »Wie spät ist es denn?«

»Es ist sogar, nach Ortszeit, noch eine Stunde früher, als bei unsrer Abfahrt in Friedau«, antwortete Ell, »weil wir nach Westen gefahren sind. Trotzdem sind wir vier Stunden unterwegs. In Friedau ist es jetzt etwa acht Uhr morgens.«

»In Friedau!« Isma zog den Pelz dichter um ihre Schultern. Und unter ihr die Gletscher Grönlands!

Ein Schwindel drohte sie zu erfassen.

»Kommen Sie in die Kajüte«, sagte Ill. »Es ist jetzt erst wenig da unten zu erkennen, aber wir steigen noch tiefer und reisen nicht weiter nach Westen. Nun wird die Sonne bald aufgehen, es wird heller und wärmer werden. Inzwischen lassen Sie uns für ihre Kräftigung sorgen. Auch in den ungewohntesten Situationen ist Frühstücken eine empfehlenswerte Handlung. Ell hat daran gedacht, daß Sie ihren Friedauer Morgenkaffee nicht zu entbehren brauchen.«

Ell übersetzte getreulich die Worte des Oheims.

Ein Lächeln glitt über Ismas Züge. »Sie denken an alles«, sagte sie, Ell anblickend, »und ich was werde ich nicht alles vergessen haben! Hoffentlich hat Luise meinen Zettel gefunden.«

»Etwas habe ich doch vergessen«, sagte Ell zu Ill, »nämlich ein Signalbuch, für den Fall, daß uns das Schiff Signale macht. Übrigens würden wir sie doch nicht beantworten können.«

»Richtig, es ist schade«, antwortete Ill, »dafür besitzen wir ein vorzügliches Sprachrohr, mit dem wir uns verständlich machen können.«

Sie begaben sich in die Kajüte, und ausnahmsweise, um Isma zu ehren, wohnte Ill dem gemeinschaftlichen Frühstück bei, obwohl er sich auf einige Züge aus einem martischen Mundstück beschränkte. Er verfolgte inzwischen den Gang des Schiffes auf der Projektionsscheibe.

Als Ell und Isma wieder den offenen Schiffsraum betraten, war es Tag geworden. Das Schiff strich in mäßiger Bewegung immerhin noch mit Schnellzugsgeschwindigkeit mit weit ausgebreiteten Flügeln in etwa dreihundert Meter Höhe über die Meeresoberfläche hin. Es hatte sich der Ostküste von Grinnell-Land genähert und folgte nun dem offenen Fahrwasser in ihrer Nähe nach Norden. Isma spähte mit Ells Relieffernrohr eifrig nach der Küste hinüber. Auf den Uferschollen sonnten sich Seehunde, zahllose Vögel saßen auf den Klippen, selbst einige Moschusochsen konnte sie auf einer entfernten Ebene mit Hilfe des vorzüglichen Glases erkennen. Überall glaubte sie Menschen oder Hütten von Eskimos zu sehen, es war ihr, als müßte sie jeden Augenblick auf Torms Spuren stoßen, und erst allmählich begann sie ruhiger zu werden. So also sah die Gegend aus, die er im Geleit der tranduftenden Gastfreunde durchzog! Ob es wohl glücken würde?

Der Anruf des Martiers, der den Ausguck im Vorderteil des Schiffes hielt, unterbrach ihr Sinnen.


26. Kapitel. Der Kampf mit dem Luftschiff

Am Horizont zeigte sich eine Rauchwolke, die sich vergrößerte. Das Dampfschiff, nach Süden steuernd, und das nach Norden fliegende Luftschiff, das seine Geschwindigkeit sogleich steigerte und die Flügel verkürzte, näherten sich rasch. Bald konnte man die Formen des Schiffes durch das Glas unterscheiden. Der Wimpel am Großtopp ließ es als Kriegsschiff erkennen. Jetzt hatte man auch an Bord der Prevention das Luftschiff gesehen. Dieses senkte sich bis auf hundert Meter über die Oberfläche des Meeres und schoß direkt auf das Kanonenboot zu. Dort stieg eine weiße Dampfwolke in die Höhe, und ein Kanonenschuß donnerte über die Flut. Man konnte jetzt die Flagge erkennen.

»Es ist ein Engländer«, sagte Ell. »Er fordert uns auf, unsere Flagge zu zeigen.«

Eine Flagge führte zwar das Luftschiff nicht, man hatte aber diesen Fall vorgesehen und, um keine besonderen Verwicklungen hervorzurufen, eine Flagge improvisiert, die dem Banner der vereinigten Marsstaaten nachgebildet war. Sie bestand einfach in einem schwarzen Tuch von dreieckiger Gestalt, das in der Mitte einen großen orangenfarbigen Kreis trug.

Die Flagge wurde jetzt gehißt, das Luftschiff setzte aber seinen Lauf fort. Ill wollte denselben erst in unmittelbarer Nähe des Schiffes anhalten. Vorsichtshalber stieg er jedoch schnell in größere Höhe.

Ell beobachtete mit dem Glas die Vorgänge an Deck des Schiffes.

»Die gefangenen Martier sind jedenfalls unter Deck«, sagte er. »Das Schiff ist klar zum Gefecht ich glaube, man will auf uns schießen. Willst du nicht lieber anhalten?«

»Wie ist das Schiff bewaffnet?« fragte Ill.

»Es ist, soviel ich davon verstehe, ein sogenannter Torpedo-Rammkreuzer. Den Rammsteven und die Torpedos haben wir freilich nicht zu fürchten, aber das 25-Zentimeter-Geschütz auf dem Deck ist eine furchtbare Waffe. Es schleudert mit einer Geschwindigkeit von über 600Metern Granaten, die vielleicht den dritten Teil des Gewichts unseres ganzen Schiffes haben. Ein einziger Schuß zerschmettert uns in Atome.«

»Wenn er uns trifft. Aber wie du siehst, sind wir bereits wieder auf achthundert Meter gestiegen und dem Schiff so nahe, daß sie dem Geschütz nicht die genügende Erhebung geben können.«

Ein gewaltiger Knall unterbrach ihn. Kapitän Keswick hatte sein Riesengeschütz sprechen lassen. Aber das Geschoß flog, bedeutend tiefer als das Luftschiff, unter ihm hin, ohne Schaden zu tun.

»Die Sache ist nicht so gefährlich«, sagte Ill, »selbst wenn wir in der Schußlinie wären, könnten wir den Schuß aufnehmen da wir dreimal so viel Masse haben als das Geschoß, würde es uns nur eine Geschwindigkeit von höchstens zweihundert Metern geben, und das ist für uns das Gewöhnliche.«

Ell sah ihn erstaunt an.

»Ich meine, wenn wir den Stoß auffangen.«

»Aber wir werden doch zerschmettert.«

»Keine Sorge! Wir müssen nur aufpassen. Jetzt aber wollen wir verhandeln.«

»Wollen Sie sich nicht lieber in die Kajüte begeben?«

Diese Frage richtete Ill an Isma, die den Vorgängen mit Herzklopfen gefolgt war. »Diese Herren sehen mir gerade so aus, als wollten sie uns mit ihren Flintenschüssen begrüßen.«

»O lassen Sie mich hier«, bat Isma. »Könnte nicht vielleicht mein Mann auf dem Schiff sein?«

»Das werden wir alles erfahren. Ell soll durch das Sprachrohr die Verhandlung als Dolmetscher führen.«

Wirklich beschoß man das Luftschiff jetzt aus den Gewehren. Es schwebte aber bereits so hoch und so nahe senkrecht über dem englischen Kanonenboot, daß die Kugeln ihm keinen Schaden tun konnten, obwohl sich die Engländer zum Zielen auf den Rücken legten. Jetzt fiel eines der abgeschossenen Langbleie auf das Verdeck des Schiffes selbst zurück und durchschlug seine Planken. Das Feuer mußte eingestellt werden, da die Kugeln die Schützen selbst zu treffen drohten.

Die Martier entfalteten nunmehr eine große, weiße Fahne als Zeichen der Freundschaft und des Friedens. Alsdann senkte sich das Luftschiff, immer mit gleicher Geschwindigkeit senkrecht über dem Kriegsschiff bleibend, zu diesem herab, erst schnell, dann langsamer, bis es sich in einer Höhe von etwa fünfzig Metern über den Spitzen der Masten hielt.

Die Besatzung des Schiffes bestand aus tapferen Männern. Aber bei diesem Anblick pochte allen das Herz in der Brust. Wenn die Fremden Verräter waren? Wenn sie jetzt eine Dynamitbombe herabfallen ließen jeder sagte sich, daß das Schiff dann verloren war. Und sie waren wehrlos. Aber hätte das Luftschiff feindlich vorgehen wollen, so hätte es dies sicherer aus der früheren Höhe tun können.

Der Kapitän stand mit finsteren Blicken auf der Kommandobrücke.

Jetzt zuckte er zusammen. Aus der Höhe kam ein Anruf in englischer Sprache.

»Wer seid Ihr?« fragte er durch das Sprachrohr entgegen.

Ell versuchte eine Erklärung zu geben. Das Luftschiff habe keine feindlichen Absichten. Es gehöre demselben Staat an wie die beiden Gefangenen, die sich auf dem englischen Schiff befänden. Sie seien Bewohner des Planeten Mars, die auf dem Nordpol der Erde eine Kolonie angelegt hätten. Die beiden würden zu Unrecht gefangengehalten, sie hätten sich an den Engländern nicht vergriffen, vielmehr die in den Abgrund gestürzten heraufbefördert. Das Luftschiff wolle nichts als die beiden Gefangenen zurückhaben. Man möge sie in der Nähe ans Land setzen, wo das Luftschiff sie abholen werde. Außerdem wolle man wissen, ob das Schiff Nachricht von der deutschen Nordpolexpedition Torm habe.

Kapitän Keswick erwiderte, von der Tormschen Expedition habe er bis jetzt keinerlei Spuren gefunden. Was die andere Frage beträfe, so verböte es ihm seine Ehre, mit dem Luftschiff zu verhandeln, so lange es sich über seinem eigenen Schiff in bedrohender Stellung befände. Der Kommandant möge zu ihm an Bord kommen; er garantiere ihm unbehinderte Rückkehr.

Es trat eine Pause ein. Auf beiden Schiffen wurde Kriegsrat gehalten.

Ill wollte ohne weiteres dem Wunsch des Kapitäns nachgeben und ihn besuchen, aber Ell riet ihm dringend davon ab.

»Traust du ihm nicht?« fragte Ill.

»Das nicht«, sagte Ell, »sein Wort wird er halten. Aber nach den Anschauungen der Menschen würden wir damit anerkennen, daß wir uns den Bestimmungen des englischen Kriegsschiffs unterordnen. Der Hochmut der Engländer würde dadurch nur wachsen und die Verhandlungen erschweren. Wir nehmen für uns selbst den Charakter eines Kriegsschiffs in Anspruch.«

»Es mag sein, doch liegt kein Grund vor, unsre Stellung über dem Schiff beizuhalten, wenn sie den Kapitän beunruhigt. Ich habe mich nur hierhergelegt, um überhaupt zu Wort zu kommen. Wir können ja auch jeden Augenblick hierher zurückkehren, wenn wir wollen; nur nützt es uns wenig. Mit einer Vernichtung des Schiffes zu drohen, geht nicht an, da ich sie doch nicht ausführen würde und auch die Leute sich sagen dürften, daß wir das Schiff nicht in Grund bohren werden, so lange unsere Kameraden sich darauf befinden.«

Ell rief nun durch das Sprachrohr hinab, daß sich das Luftschiff in einiger Entfernung niederlassen werde. Auf demselben befinde sich einer der höchsten Beamten des Mars, der nicht daran denke, sich zuerst dem Kapitän vorzustellen. Der Kapitän möge daher entweder zu ihm an Bord kommen oder eine Stelle am Ufer zur Zusammenkunft bestimmen. Im übrigen genüge es, wenn der Kapitän die beiden Martier ans Land sende. Das Luftschiff werde sich dann sogleich entfernen, sobald es die beiden aufgenommen hätte.

Ohne eine Antwort abzuwarten, ließ Ill das Luftschiff nach dem Land zu lenken.

Der Engländer hatte inzwischen seinen Lauf angehalten und lag jetzt still. Ihm gegenüber, etwas über einen Kilometer entfernt, in geringer Höhe über dem Ufer, schwebte das Luftschiff der Martier in vollkommener Ruhe. Flügel und Steuer waren eingezogen. Der Hinterteil des Fahrzeugs war gegen das Kriegsschiff gewendet und zeigte die Öffnung eines bis dahin nicht sichtbar gewesenen Rohres. Kapitän Keswick hatte seinen Zweck erreicht, Zeit zu gewinnen und das unheimliche Fahrzeug über seinem Kopf zu entfernen. Er fühlte sich wieder sehr erhaben. Er dachte nun erst recht nicht daran, die Gefangenen auszuliefern. Verhielt es sich wirklich so, daß sie Marsbewohner waren und eine bessere Erklärung angesichts des Luftschiffes wußte keiner seiner Offiziere, so wollte er sich den Triumph nicht nehmen lassen, diese seltsamen Geschöpfe nach London zu bringen. Daß man auf dem Mars auch englisch verstand und sich nach der deutschen Nordpolexpedition erkundigte, war schließlich nicht wunderbarer als die Existenz des Luftschiffes überhaupt. Die Zumutung, einem englischen Kriegsschiff Bedingungen zu stellen, hielt Kapitän Keswick für eine Frechheit. Seiner Ansicht nach hatte das fremde Schiff einfach zu gehorchen.

Er signalisierte daher jetzt, das Schiff möge sofort die Flagge streichen und sich ergeben. Da er sich aber allerdings selbst sagte, daß man drüben die Signale nicht verstehen würde, so schickte er einen Offizier in der Jolle soweit vor, bis er durchs Sprachrohr mit dem Luftschiff reden konnte, und ließ durch ihn seinen Befehl ausrichten. Das Luftschiff solle landen und die Besatzung sich von demselben ohne Waffen auf tausend Schritt zurückziehen. Geschähe das nicht, bis das Boot wieder an Bord sei, so würde er Gewalt anwenden.

Ill ließ antworten, es würde ihm sehr leid tun, wenn er seinerseits Gewalt anwenden müßte, um seine Genossen wieder zu erhalten. Bei der geringsten Feindseligkeit seitens der Engländer würde er sich jedoch gezwungen sehen, ihr Schiff kampfunfähig zu machen. Sollte einem der Martier Leides geschehen, so hafteten Kapitän, Offiziere und Mannschaft mit ihrem Leben.

Der Offizier brachte diese Antwort zurück.

»Wir werden mit den Leuten deutlicher reden«, sagte Keswick.

Leutnant Prim hätte sich gern aus Vergnügen die Hände gerieben, aber sie waren immer noch steif. Er konnte nicht einmal seinen Feldstecher halten. Das Luftschiff lag vollkommen ruhig, es konnte gar kein besseres Ziel für das 25-Zentimeter-Geschütz geben, es war nicht zu verfehlen.

Ell beobachtete, daß das Boot kaum beim Schiff angekommen war, als man das Geschütz richtete.

»Wir sind verloren«, rief er Ill zu.

Dieser hatte schon seine Vorkehrungen getroffen. Er sah scharf auf die Mündung des Geschützes.

»Halte dich fest und befürchte nichts«, sagte er zu Ell gewendet. Seine Hand lag am Griff des Repulsitapparates. Von dem Moment, in welchem der Schuß an Bord des Kriegsschiffs gelöst wurde, bis zu demjenigen, in welchem das Geschoß das Luftschiff treffen konnte, mußten fast zwei Sekunden vergehen. Das genügte ihm.

Jetzt blitzte drüben der Schuß auf. Das vernichtende Geschoß war entsandt. Ell fühlte, wie sich ihm die Kehle zusammenschnürte, aber er vertraute auf die Kraft der Nume. Isma hatte sich auf seine Bitte schon vorher zurückgezogen und war sich der unmittelbaren Gefahr glücklicherweise nicht bewußt.

Ill hatte gleichzeitig den Griff des Repulsitgeschützes gedreht. Das Luftschiff erhielt einen Stoß und sauste durch die Luft. Hinter ihm, etwa in der Mitte zwischen dem englischen Schiff und dem martischen, gab es einen ohrenbetäubenden Krach. Die Granate zersprang in der Luft, als sei sie an eine feste, unsichtbare Mauer gestoßen. Die Bruchstücke flogen nicht weiter, sie fielen direkt nach unten und ließen das Meer unter sich aufschäumen.

Im Moment aber spannte das Luftschiff seine Flügel aus, in engem Kreis kehrte es zurück, binnen zehn Sekunden war es wieder bei der Prevention angelangt, hinter dem Kanonenboot sank es bis zur halben Höhe seiner Masten. Ein zweiter Repulsitschuß knickte die eisernen Masten wie Strohhalme, die mit einer scharfen Sense abgeschnitten werden. Zugleich aber wurden sie wie von einem Sturmwind fortgetragen, der sie über das Schiff hinwegfegte und gegen hundert Meter weiter ins Meer fallen ließ. Auf dem Verdeck selbst wurde nichts direkt von dem Schuß betroffen; nur die entstehende gewaltige Luftwelle warf die gesamte Mannschaft über den Haufen und setzte das ganze Schiff in schwankende Bewegung. Ehe sich die Engländer wieder auf ihre Füße gefunden hatten, war das Luftschiff, in kurzer Wendung aufsteigend, umgekehrt und ruhte in etwa tausend Meter Höhe senkrecht über dem Kanonenboot.

Ill hatte nur die Wirkung seiner Waffen zeigen wollen. Der im Repulsitgeschütz sich entspannende Äther entwich mit einer Geschwindigkeit, welche der des Lichtes vergleichbar war, und riß die Luft und alles, was in seinem Weg lag, mit sich fort, obgleich seine Masse nur wenige Gramm betrug. Er breitete sich kegelförmig aus und mußte daher das ihm entgegenfliegende Sprenggeschoß auffangen und zur Ruhe bringen. Ill wollte jetzt das Luftschiff wieder sich herabsenken lassen, um neue Verhandlungen zu beginnen, aber die zur Wut gereizten Feinde beschossen es aus ihren Gewehren ohne Rücksicht auf die Gefahr, von ihren eigenen Kugeln getroffen zu werden. Wie sollte er nun, ohne Menschenleben zu vernichten und das Schiff selbst unbrauchbar zu machen, die Herausgabe der Gefangenen erzwingen?

Ill hätte durch den Telelyten das Geschütz demontieren oder das Schiff leck machen können. Der Telelyt ist ein Apparat, durch welchen chemische Wirkung in jeder beliebigen Form erzeugt werden kann, soweit nur die direkte Bestrahlung des Gegenstandes vom Apparat aus möglich ist. Wenn man zum Beispiel glühenden Sauerstoff durch den Telelyten treten ließ, so wurde die chemische Energie durch Strahlung fortgepflanzt und kam auf dem bestrahlten Körper, etwa dem Gußstahl des Geschützes, wieder als chemische Energie zum Vorschein, so daß der Stahl einfach verbrannt wurde.

Ill hätte auch sein Repulsitgebläse auf das Schiff richten und dieses an beliebiger Stelle auf den Strand treiben können.

Aber er wollte sich nicht dazu entschließen. Das Geschütz konnte ihm nicht schaden, wenn er sich über dem Schiff hielt, und auch sonst nicht, wenn er die Abgabe des Schusses rechtzeitig bemerkte. Und das Schiff selbst wollte er nicht untauglich zur Fortsetzung der Reise machen. Er versuchte daher nochmals zu verhandeln und ließ zu diesem Zweck wieder die weiße Fahne aufziehen, obwohl Ell meinte, daß dieses Entgegenkommen falsch verstanden werden würde.

»Was wollen die Schufte?« rief der Kapitän wütend, ließ aber das Feuer einstellen. Das Luftschiff senkte sich. Als es so nahe gekommen war, daß man sich durchs Sprachrohr verständigen konnte, fragte Ell, ob man jetzt bereit sei zu kapitulieren.

»Mit euch Freibeutern gibt es keine Verhandlungen«, schrie Keswick zurück. »Ehe ich meine Flagge streiche, sprenge ich das ganze Schiff samt euren sauberen Brüdern in die Luft.«

»Wir verlangen nicht, daß ihr die Flagge streicht«, lautete die Antwort. »Es genügt, wenn ihr die Gefangenen ans Land setzt. Aber unsere Geduld ist jetzt zu Ende. Stößt das Boot mit unseren Landsleuten nicht binnen zehn Minuten vom Schiffe ab, so macht euch auf das Schlimmste gefaßt. Bis jetzt haben wir euch nur eine Probe gegeben.«

»Der Teufel soll euch holen. Feuer auf die Hunde!« schrie Keswick wütend.

Aber schon hatte sich das Luftschiff fortgeschnellt. Nach wenigen Sekunden war es bereits wieder über einen Kilometer vom Schiff entfernt, das jetzt mit voller Dampfkraft nach Süden strebte.

Da Ill keine Zeit dadurch verlieren wollte, daß sich die Entfernung des Schiffes von der Küste vergrößerte, beschloß er zunächst, den Dampfer aufzuhalten. Er erhob sich so hoch, daß er nicht beschossen werden konnte, und richtete dann einen Repulsitstrom gegen die Meeresoberfläche in einiger Entfernung vor dem Schiff. Das Meer kochte auf, als hätte man einen Berg hineingestürzt. Ein haushoher Wogenwall wälzte sich von der getroffenen Stelle im Kreise nach außen und zwang das englische Schiff, seinen Kurs zu ändern. Alsbald erregte das Luftschiff durch einen zweiten Repulsitschuß an geeigneter Stelle einen neuen Wirbel, und so zwangen die Martier ihren Gegner, sich dahin zu wenden, wohin sie ihn haben wollten. Bald aber war die ganze Umgebung wie von einem Sturm aufgewühlt, und die Prevention hatte die größte Mühe, sich in dem tollen Wogengang zu halten. Von einem Gebrauch des Geschützes konnte beim Schwanken des Schiffes jetzt nicht die Rede sein. Inzwischen waren die zehn Minuten Frist längst abgelaufen. Ill ließ dem Schiff noch Zeit, um einen Felsenvorsprung herum in ruhigeres Wasser zu gelangen. Hier erwartete er den Engländer.

Der Kapitän sah nun wohl ein, daß er dem Luftschiff nicht entkommen könne. Aber er war immer noch zu hartnäckig, um nachzugeben. Das Luftschiff lag wieder vollständig ruhig und ließ das Kanonenboot herankommen, während die Vorgänge auf demselben aufs genaueste beobachtet wurden. Ill konnte mit seinem Sprachrohr sich bis auf tausend Meter verständlich machen. Er rief nochmals hinüber, wenn man jetzt nicht gehorche, werde er auf das Schiff selbst schießen.

Der Dampfer machte eine Wendung und stoppte. Die Martier glaubten, es geschehe, um ein Boot auszusetzen; aber das Manöver hatte nur den Zweck, zum Schuß zu kommen. Ehe die Martier es erwarten konnten, blitzte der Schuß auf. Die Entfernung war zu kurz, um den Gegenschuß der Martier genau abzumessen. Er erfolgte sofort, aber er war zu heftig. Mit rasender Geschwindigkeit schleuderte der Rückstoß das Luftschiff fort. Die Insassen wurden von ihren Plätzen geworfen. Isma stieß einen Schrei aus und klammerte sich schreckensbleich an die Wand. Zum Glück hatte sie keinen Schaden genommen. Das Luftschiff gehorchte wieder dem Steuer, die Bewegung wurde gemäßigt, es kehrte in weitem Bogen zurück und lagerte sich in einer Entfernung von etwa acht Kilometern vom Kriegsschiff auf der Spitze eines Hügels, von wo aus man mit dem Fernglas die Vorgänge auf dem Schiff gut beobachten konnte.

Hier sah es schlimm aus. Unter dem Gegenstoß des Repulsits war das Sprenggeschoß explodiert, aber die Trümmer waren nicht in das Meer gefallen, sondern, weil die Wirkung zu stark gewesen war, auf das Schiff zurück. Ein Teil der Mannschaft und der Kapitän selbst waren verwundet. Der Verschluß des Geschützes war abgeschlagen. Dichter Qualm drang aus einem der zertrümmerten Schornsteine.

Ill nahm das Glas vom Auge. Ein finsterer Ernst lagerte über seinen Zügen.

»Es ist schrecklich«, sagte er. »Ich habe das Meinige getan, um Blutvergießen zu vermeiden. Auch das jetzige Unglück ist gegen meine Absicht geschehen, wir hatten bei der Plötzlichkeit des Überfalls nicht länger Zeit, unsern Schuß abzuwägen. Die Menschen sind wahnsinnig.«

Er sann lange nach.

»Ich erwäge«, sagte er dann, »ob ich es gegen unsere Genossen verantworten kann, wenn ich jetzt nachgebe und das Schiff entlasse. Aber ich bin ja nicht einmal sicher, ob man ihr Leben schonen wird, nachdem dieses Blut geflossen ist. Das also ist unser erstes Zusammentreffen mit den Menschen, das ist die Verbrüderung der Planeten! Ich hatte es mir anders gedacht. Ich höre, die Menschen haben unsern Planeten nach dem Gott des Krieges genannt; wir wollten den Frieden bringen, aber es scheint, daß die Berührung mit diesem wilden Geschlecht uns in die Barbarei zurückwirft. Gott gebe, daß diese Begegnung kein Vorzeichen ist. Indessen wir können nicht mehr zurück. Wir wollen aus dem einen Fall noch keine Schlüsse ziehen.«

Er wandte sich zu Isma und sagte ihr bedauernde Worte, daß ihre Reise mit so schrecklichen Ereignissen begönne. Ell wollte eben seine Äußerungen übersetzen, als der wachthabende Martier meldete:

»Das Schiff setzt ein Boot aus.«

Es war so, man sah, daß die beiden Martier in das Boot hinabgelassen wurden. Dieses ruderte dem Land zu. In einer kleinen Bucht, deren Ufer mit Eisschollen bedeckt waren, landeten die Engländer. Sie warfen die Gefangenen rücksichtslos auf eine Scholle, feuerten ihre Gewehre in die Luft ab, um ein Signal zu geben, und kehrten dann schleunigst zurück an Bord ihres Schiffes.

Sofort befahl Ill, daß das Luftschiff aufsteigen solle, um die Genossen abzuholen. Der Weg war nicht weit, doch lag die kleine Bucht auf der anderen Seite des Kriegsschiffs, das man in einem Bogen umgehen mußte, um sich nicht etwaigem Gewehrfeuer auszusetzen. Dann senkte sich das Schiff mit eingezogenen Flügeln nahe am felsigen Abhang hinab. Hierbei streifte es einmal bis dicht an einen Felsen und legte sich stärker nach der Seite, als beabsichtigt war. Der Ingenieur machte ein bedenkliches Gesicht. Es kam bei diesen langsamen Bewegungen auf und nieder auf die äußerste Präzision in der Funktion des diabarischen Apparats an, und es schien ihm, als ob das Schiff auf der linken Seite nicht mit derselben Geschwindigkeit seine Schwere ändere wie auf der rechten. Man war jetzt auf der breiten Eisscholle angelangt.

Die gefangenen, nunmehr befreiten Martier befanden sich in üblem Zustand. Sie waren zwar nicht gefesselt, aber der Druck der Erdschwere, dem sie seit achtzehn Stunden denn es war inzwischen Mittag geworden ausgesetzt waren, die beim Kampf und zuletzt beim Transport erlittenen Mißhandlungen und der Mangel an für sie genießbarer Nahrung hatten sie körperlich schwer mitgenommen. Sie atmeten beglückt auf, als im Innern des Luftschiffes ihre Leiden gemildert wurden. Ill wandte sich betrübt ab, als er erfuhr, welche Behandlung ihnen zuteil geworden war. Die Strafe der Engländer war hart, dachte er, aber verdient. Und doch, im Grunde waren sie unschuldig an ihrem Irrtum.

Und nun vorwärts zum Pol! In anderthalb Stunden konnte er erreicht sein. Das Luftschiff erhob sich langsam, und wieder bemerkte der Steuermann die Ungleichmäßigkeit der Diabarie auf den beiden Seiten des Schiffes. Er machte Ill darauf aufmerksam, doch konnte man die Ursache nicht sogleich auffinden. Inzwischen war die Höhe des Felsufers überstiegen. Die Flügel wurden nun ausgebreitet, und vom Reaktionsapparat getrieben glitt das Schiff auf schiefer Ebene weiter aufwärts und nordwärts.

Plötzlich vernahm man einige scharfe Schläge gegen die Flügel des Schiffes.

»Höher!« rief Ill. »Höher und schneller!«

Mit dem Schiff und den geretteten Gefährten beschäftigt, hatte man kaum noch auf den Engländer geachtet. Auch war man so weit von ihm entfernt, daß die Martier außer Schußweite zu sein glaubten. Die Engländer aber hatten, als sie sahen, daß das Luftschiff sich entfernte, ihm auf gut Glück noch einige Schüsse aus ihren weittragenden Gewehren nachgesendet, und einige Kugeln hatten es erreicht.

»Höher«, lautete der Befehl. Aber als der diabarische Apparat dementsprechend gestellt wurde, legte sich das Schiff auf die Seite. Infolge der Flügelstellung beschrieb es sofort eine Spirale nach rückwärts und kam dadurch nochmals in den Bereich der feindlichen Geschosse. Man mußte die Diabarie der rechten Seite wieder vermindern, da die linke nicht folgte. Das Schiff schwebte zwar, aber man konnte es nur langsam und in engen Grenzen heben und senken. Der Repulsitapparat war dagegen in Ordnung und trieb das Schiff vorwärts. Es entfernte sich nun vom Schauplatz des Kampfes nach Norden, in verhältnismäßig geringer Höhe über der Erde. Ein Gebirge, das noch zu überwinden war, konnte nur durch das Vorwärtstreiben mit schräggestellten Flügeln genommen werden. Infolgedessen nahm die Fahrt bis zum Pol die vierfache Zeit wie gewöhnlich in Anspruch.

Endlich kam die Polinsel Ara zu Gesicht, und das Schiff senkte sich vorsichtig auf das Dach derselben. Aufs äußerste ermüdet entstiegen die Martier dem Fahrzeug, von den Bewohnern der Insel freudig bewillkommt. Isma wurde der Obhut der Gemahlin Ras übergeben und von ihr aufs freundlichste aufgenommen. Ehe sie die Treppe in die Wohnung hinabstieg, warf sie noch einen forschenden Blick auf die Umgebung und suchte in Gedanken die Stelle zu finden, wo der Fallschirm des Ballons herabgestürzt war. Dann reichte sie Ell die Hand. Sie wollte zu ihm sprechen, aber sie fand keine Worte. Nur ihr Blick dankte ihm. »Auf Wiedersehen!«

*

Bereits vierundzwanzig Stunden hatte Isma auf der Polinsel zugebracht, ohne daß die in Aussicht genommenen Entdeckungsfahrten nach ihrem Mann angetreten wurden. So sehr sie sich danach sehnte, hatte sie doch keine Zeit, ungeduldig zu werden, denn die Fülle der neuen Umgebung beschäftigte sie ausreichend. Die Gegenwart Ells gab ihr die erforderliche Zuversicht in den neuen Verhältnissen. Saltner mit Se, La und Fru waren bereits nach dem Mars abgegangen, aber unter den noch anwesenden Martiern befanden sich noch mehrere, mit denen sie sich deutsch unterhalten konnte, so vor allem der Vorsteher Ra, dessen Frau und der Arzt Hil. Von ihnen erhielt sie nicht nur Nachricht über die Verhältnisse des Mars, sondern auch Einzelheiten über die Schicksale der Gefährten ihres Mannes, die ihr Gemüt lebhaft bewegten.

Man begab sich eben zu der üblichen Plauderstunde ins Empfangszimmer, wo Isma und Ell jetzt die Plätze einzunehmen pflegten, die für Grunthe und Saltner eingerichtet waren, als Ell mit bekümmertem Antlitz eintrat.

Isma sah ihn erschrocken an.

»Was ist geschehen?« rief sie.

»Fassen Sie sich, liebste Freundin.«

»Hugo ist ?«

»Nein, nein wir wissen nichts aber wir können ihn nicht suchen.«

»Warum nicht?«

»Das Luftschiff ist unbrauchbar geworden.«

»Um Gottes willen!«

»Der diabarische Apparat hat durch den übermäßigen Luftdruck bei unserm zweiten Verteidigungsschuß auf das Kanonenboot einen Fehler erhalten. Außerdem ist eine verirrte Gewehrkugel in denselben eingedrungen und hat den Differential-Regulator verletzt. Bei der Untersuchung stellte sich heraus, daß die Reparatur hier nicht möglich ist. Der auseinandergenommene Apparat läßt sich nur in der Werkstätte auf dem Mars mit den dortigen Mitteln wieder einsetzen. Leider ist auch das kleine Luftboot für weitere Fahrten nicht mehr zu verwenden. Wir müssen die Nachsuchungen aufgeben.«

Isma saß starr. »Mein armer Mann!« sagte sie tonlos.

»Geben Sie sich um seinetwillen nicht so großer Sorge hin«, suchte Ell sie zu trösten. »Er wird sicherlich glücklich heimkehren. Vielleicht früher als wir«, setzte er zögernd hinzu.

Isma sah ihn an. Dann schlug sie die Hände vor das Gesicht und ließ sie endlich langsam herabsinken.

»Wir können nicht zurück ?«

»Es ist unmöglich in diesem Jahr.«

»Und ich ich glaubte in acht Tagen oich Törin! Was hab ich getan! Owäre ich nicht so eigensinnig gewesen.«

»Es ist der Fall, vor dem Ill uns warnte.«

Isma weinte still. Ell saß ratlos neben ihr.

»Was nun?« fragte sie endlich.

»Es bleibt uns nichts übrig, als mit Ill und Ra nach dem Mars zu gehen. Im ersten Frühjahr kehren wir mit neuen Luftschiffen zurück. Bis dahin hilft uns nichts als Fassung.«

»Nach dem Mars!« flüsterte Isma wie geistesabwesend. Dann stand sie auf. Sie trat vor Ell. Ihren Schmerz bezwingend, reichte sie ihm beide Hände.

»Vertrauen Sie mir!« sagte er.

Sie sahen sich in die Augen.

»Ich werde tun, was Sie verlangen«, erwiderte Isma. »Ich habe das Geschick herausgefordert. Ich muß es tragen.«

»Ob auf dem Mars oder auf der Erde wir können dieselben bleiben.«

Isma hatte den Schleier dicht vor ihr Gesicht gezogen, sie wagte nicht, sich umzuschauen. Ill und Ell dankten nach martischer Sitte für die Willkommrufe, die ihnen entgegenschallten. Erst als Isma bereits auf der Treppe des Fallwagens stand, schob sie ihren Schleier zurück und warf einen Blick auf das bunte Bild der bewegten Menge. Ein enthusiastischer junger Mann, der sich bis dicht an die Treppe gedrängt hatte, warf ihr einen Gegenstand zu, den sie nicht kannte; doch ahnte sie wohl, daß dies eine Huldigung sein sollte. Es war allerdings nicht, wie sie vermutete, ein Blumenstrauß, sondern ein buntes Spielzeug, wie man sie kleinen Kindern schenkte. Hier auf der Außenstation, um den Marsdurchmesser vom Mittelpunkt des Planeten entfernt, herrschte nur der vierte Teil der Marsschwere, also nur ein Zwölftel der Erdschwere. Der Gegenstand, etwas höher als Ismas Kopf geworfen, schwebte daher so langsam herab, daß sie ihn bequem mit der Hand ergreifen konnte. Sie tat es und verneigte sich in ihrer natürlichen Anmut gegen die Anwesenden, für welche die Fremdartigkeit ihres Grußes einen besondern Reiz hatte.

»Sila Ba!« »Es lebe die Erde!« rief der Jüngling, und die Versammlung stimmte in den Ruf ein. »Sila Ill, Sila Ell, Sila Ba!«

In der Tür des Wagens wandte sich Isma nochmals zurück. Sie faßte Mut und rief: »Sila Nu!« Sie erschrak über ihre eigene Stimme. Denn selbst die Hochrufe der Martier klangen tief und halblaut, sie aber hatte ihre helle Menschenstimme nicht gedämpft, und so hob sich ihr Gruß deutlich in dem allgemeinen Geräusch ab. Die Martier waren entzückt.

*

Der Verkehr auf weite Strecken und mit großer Geschwindigkeit wurde auf dem Mars durch zwei Arten von Bahnen vermittelt, Gleitbahnen und Radbahnen. Die Kraftquelle war die Sonnenstrahlung selbst; sie wurde auf den glühenden, trockenen Hochplateaus in ausgedehnten Strahlungsflächen gesammelt und den Motoren in Form von Elektrizität zugeleitet. Bei den Gleitbahnen befand sich zwischen der Schienenbahn und der Last, die auf Schlittenkufen mit eingelassenen Kugeln ruhte, eine dünne Wasserschicht, wodurch die Reibung so vermindert wurde, daß man riesige Massen mit großer Geschwindigkeit transportieren konnte. Noch viel rascher indessen fand der Personenverkehr auf den Radbahnen statt. Die zwischen drei Schienen laufenden Einzelwagen legten in der Stunde 400Kilometer zurück. Der Verkehr durch Luftschiffe hatte sich bis jetzt nicht als vorteilhaft bewährt, doch beabsichtigte man nunmehr nach den neuen Entdeckungen, zu denen die Fahrten nach der Erde geführt hatten, den Bau neuer Luftschiffe mit Repulsitmotoren in Angriff zu nehmen. Ill hatte beim Empfang erfahren, daß er die Reise sogleich fortsetzen solle. Er bestieg daher mit seinen Gästen den von der Regierung gestellten Zug, um ohne Aufenthalt nach Kla zu gelangen. Trotzdem war hierzu eine zwölfstündige Fahrt erforderlich.

Jene Bahnen wurden aber nur dann benutzt, wenn es sich darum handelte, große Strecken in kürzester Zeit zurückzulegen. Das Hauptverkehrsmittel war stets der Radschlitten, ein leichter, teils auf Kufen, teils auf Rädern ruhender Wagen für ein oder zwei Personen, den ein unter dem Sitz befindlicher kleiner Motor bewegte. Ferner kamen dazu die Stufenbahnen, die in regelmäßigen Abständen von etwa zehn Kilometern alle bewohnten Gegenden mit ihrem dichten Netz überspannten. Diese Stufenbahn war das Ideal einer Straße, in ihr war jene Phantasie des Märchendichters realisiert, daß statt des Reisenden die Wege selbst sich bewegten. Die Breite der eigentlichen Fahrstraße betrug etwa 30Meter, und ebenso breit waren die parallellaufenden Zugangsstraßen. Diese bestanden aus zwanzig eng nebeneinander befindlichen Streifen von anderthalb Meter Breite, von denen der äußere sich mit einer Geschwindigkeit von drei Metern in der Sekunde fortschob. Jeder folgende, nach innen zu, hatte eine um drei Meter größere Geschwindigkeit, so daß die Bahn in der Mitte, die eigentliche Fahrstraße, sich mit einer Geschwindigkeit von 60Metern in der Sekunde bewegte. Jeder Punkt derselben legte also in der Stunde über 200Kilometer zurück. Die Streifen selbst erhielten ihre Bewegung durch Walzen, über welche sie in der Art von Transmissionsriemen gezogen waren. Man konnte die Stufenbahn sowohl zu Fuß als auf dem eigenen Radschlitten benutzen. An jeder Stelle konnte sie betreten und verlassen werden. Die Geschwindigkeit des ersten Streifens von drei Metern konnte man auf dem Mars, wo wegen der geringeren Schwere das Springen eine jedermann geläufige Sache war, leicht erreichen, noch bequemer mit Hilfe des Radschlittens. Man sprang oder fuhr also einfach auf diesen Streifen, und da jeder folgende Streifen zum vorhergehenden dieselbe relative Geschwindigkeit besaß, so gewann man, von Streifen zu Streifen schräg vorwärts gehend oder fahrend, die Geschwindigkeit der Hauptstraße. Diese benutzte man, ebenfalls fahrend oder gehend, soweit man wollte, um alsdann in derselben Weise sie wieder zu verlassen. Die linke Seite war zum Aufstieg, die rechte zum Abstieg bestimmt. Über die Stufenbahn führten alle hundert Meter leichte Brücken.

Über den Bahnen erhoben sich, die ganze Breite in kühnen Bogen überspannend, die Riesengebäude des gewerblichen und Geschäftsverkehrs. Diese stiegen bis zur Höhe von hundert Meter an. Das leichte, feste Baumaterial gestattete bei der geringen Marsschwere diese gewaltigen Wölbungen und Säulenmassen. Gleich Palästen und Domen, in zierlichen Formen und lichten Farben, stiegen die Gebäude wie spielend in die klare Luft, überall auf ihren Dächern die Sonnenstrahlen sammelnd, um ihre Kraft zu verwerten. So zogen diese Hallen ohne Unterbrechung durch das Land, es in große Abschnitte von durchschnittlich hundert Quadratkilometer Fläche zerlegend. Eigentliche Städte oder Dörfer gab es hier nicht, die Orte gingen ineinander über, und nur als Verwaltungsbezirke schieden sich die Gebäude in zusammengehörige Gruppen. Diese Bauten überbrückten auch die Kanäle und die Bahnen, die sich meist in derselben Richtung mit ihnen hinzogen.

Entfernte man sich aber von diesen Industriestraßen nur um einige hundert Schritte, so befand man sich in einer vollständig anderen Gegend. Gewaltige Riesenbäume, deren Gipfel zum Teil sogar die hundert Meter hohen Gebäude noch überragten, verdeckten mit ihren Zweigen die Nähe der Bauwerke. Es waren teils den Platanen, teils den Fichten gleichende Pflanzen, mit denen sich kein irdischer Baum, selbst nicht die berühmten Riesen des Yosemite-Tales, vergleichen konnte. Erst in einer Höhe von etwa vierzig Metern begann der Astansatz, und von hier aus bildete das Laubdach eine natürliche Wölbung, auf den geradlinig aufsteigenden Pfeilern der Stämme ruhend. Kein direkter Sonnenstrahl vermochte den Boden zu treffen, aber ein mildes, bläulich-grünes Licht schimmerte von den Blättern hernieder und verteilte sich gleichmäßig im Raum. Diese lebendigen Kuppeln ersetzten den Martiern den Schutz einer dichteren Atmosphäre, sie milderten den Gegensatz der Einstrahlung am Tag und der Ausstrahlung in der Nacht und schützten den Boden vor Verdunstung. Der gesamte Raum der von den Industriestraßen begrenzten Bezirke war eine solche entzückende Waldlandschaft, die übrigens nach der Mitte der Bezirke zu auch zuweilen von Lichtungen unterbrochen wurde und eine reiche Abwechslung des Pflanzenwuchses darbot.

Auf beiden Seiten der Industriestraßen, in einem Streifen von etwa tausend Metern Breite, erstreckten sich die Privatwohnungen der Martier. Unter dem Riesendach der Bäume dehnte sich ein reizendes Gewirr von Garten- und Parkanlagen aus, Blumenbeete und kleine Teiche wechselten mit Gebüsch und Baumgruppen, deren Höhe das auf der Erde gewohnte Maß nicht überstieg. Mitten in diesen Gärten, die bald aufs anmutigste gepflegt, bald als einfache Rasenplätze sich darstellten, standen die Häuser der Martier, kleine einstöckige Gebäude, manchmal zu Gruppen zusammengeschlossen, im allgemeinen aber villenartig durchs Gelände zerstreut. Sie reihten sich, vom Blaugrün der Sträucher und bunten Blumenbosketts umgeben, unregelmäßig zu beiden Seiten der Wege, auf deren festem Moosteppich sich, für das Auge wenig bemerkbar, die Geleise der Gleitbahn hinzogen. Sämtliche Martier in den kulturell entwickelten Teilen des Planeten hielten sich in solchen ländlichen Wohnsitzen auf, sofern sie nicht gerade geschäftlich oder dienstlich in den Industrieräumen zu tun hatten. Es kamen hier auf einen Quadratkilometer ungefähr tausend Einwohner, so daß ein solches Straßenviertel von zehn Kilometern Länge und Breite in dem Streifen, der es umfaßte, gegen vierzigtausend Einwohner zählte. Hatte man diese Zone von Wohnstätten durchschritten und drang man auf einer der schmalen, sauber angelegten Straßen weiter in das Innere des Bezirks vor, so nahm die Landschaft wieder einen neuen Charakter an. Die Gärten hörten auf, an ihre Stelle trat die Wildnis des Waldes. Tiefe Stille herrschte ringsum, nur unterbrochen durch das leichte Summen kleiner Vogelarten oder das Zwitschern der singenden Blüten, die sich auf ihren schwanken Stengeln wiegten. Zahlreiche Wasseradern verzweigten sich unter den breiten Blättern einer Sumpfpflanze und sammelten sich zu einem stillen See, dessen dunkle Fläche seine Ufer widerspiegelte. Und alles dies war überragt und geschützt von dem sanft leuchtenden Blätterdach der Riesenbäume, das sich wie ein grünes Himmelszelt über die niedere Waldlandschaft hindehnte. Man war entrückt in die Einsamkeit ungestörter Natur, und nichts verriet, daß man auf dem eilenden Radschlitten in wenigen Minuten auf die Weltstraße gelangen konnte, wo Millionen geschäftiger Bewohner, die Kräfte der Sonne und des Planeten ausnutzend, arbeiteten. Es war ein Gesetz, daß in jedem Bezirk drei Fünftel des Flächenraums im Innern als Naturpark von jeder Ausbeutung und Bewohnung geschützt blieb, was jedoch eine geregelte Forstkultur darin nicht ausschloß. Je nach der areographischen Breite wechselte natürlich die Art der vorherrschenden Pflanzen. Ihr Wuchs wurde üppiger in der Nähe des Äquators, spärlicher nach den Polen zu. Doch gab es in den Niederungen nirgends eine eigentliche Waldgrenze, da nach den Polen hin die Feuchtigkeit das Klima milderte.

Einen starken Gegensatz zu dem reichen Kulturleben und der Lebensfülle der Niederungen boten die felsigen Hochplateaus, auf denen es an einigen Stellen sogar beträchtliche Gebirge gab. Im allgemeinen erhoben sie sich jedoch nicht bedeutend über die Tiefebenen. Auch durch jene Wüsten zogen sich, uralten Kulturwegen folgend, die Industriestraßen hin, nur daß sie hier nicht ein dichtes Netz bildeten, sondern parallel verliefen und dadurch Streifen von dreißig bis dreihundert Kilometern Breite darstellten, die mit Bewohnern besetzt waren. Denn jeder solcher Streifen war von einem Kanal begleitet, der das Wasser von den Polen über den ganzen Planeten verbreitete. Nicht immer reichte die Wassermenge aus, alle diese Kanäle zu füllen, so daß die Breite des Vegetationsstreifens je nach der Stärke der Bewässerung wechselte. Es schien dann, von der Erde aus gesehen, als ob die dunklen Streifen, welche die Wüstengebiete auf die Länge von Tausenden von Kilometern durchsetzen, sich seitlich verschoben, verengten, verbreiterten oder auch verdoppelten. Sobald der Wasserzufluß hier aufhörte, verloren die schützenden Bäume ihr Laub und der Boden verdorrte, wenige Tage aber genügten auch wieder, dem Pflanzenwuchs seine Frische zurückzugeben.

Die Bevölkerung dieser Weltstraßen stand unter ungünstigeren Lebensbedingungen als die der immer feuchten Niederungen, aber sie war doch ungleich besser gestellt als die Bewohner der Wüsten. Hier hausten in der Kultur zurückgebliebene Gruppen der Bevölkerung des Planeten, die zum Teil sogar noch Ackerbau trieben, wo geringe Einsenkungen infolge der nächtlichen Niederschläge den Anbau von Früchten gestatteten, zum größeren Teil aber im Bergbau und in den Strahlungs-Sammelstätten tätig waren. Denn jene Wüstengegenden, einst leer und unbewohnt, waren in der gegenwärtigen Kulturperiode des Planeten das Hauptreservoir und die Hauptquelle für die Energie geworden. Aus den Kalkfelsen, dem ausgetrockneten Ton- und Lehmboden und den darunter befindlichen, von Erzgängen reich durchsetzten Schichten zog die Bevölkerung des ganzen Planeten ihre Nahrung und ihre Macht. Aber die klimatischen Verhältnisse gestatteten nicht, die Verarbeitung an Ort und Stelle vorzunehmen. Die Gesteinsmassen wurden an den Rändern der Verkehrsstreifen gebrochen, wodurch diese sich allmählich verbreiterten. Die Sonnenstrahlung wurde auf der ganzen Hochfläche gesammelt und in der Form von Elektrizität über den Planeten verteilt. Die Bergleute an den Rändern der Kulturstreifen gelangten dabei zu Wohlstand, vermischten sich stetig mit der Bevölkerung der Niederungen und rekrutierten sich immer aufs neue aus dem Stand der Beds, den Wüstenbewohnern, die für die Besorgung der Sammelwerke unentbehrlich waren. Diese abgehärteten Wüstensöhne durchzogen im Sonnenbrand die weiten Hochflächen, um im Dienst der großen Strahlensammelkompagnien die Stromleitungen bei Sonnenaufgang in Tätigkeit zu setzen und bei Sonnenuntergang wieder abzustellen. Sie erhielten einen reichlichen Lohn, der ihnen wohl gestattet hätte, nach einer Reihe von Jahren ihren beschwerlichen Beruf aufzugeben, aber sie liebten ihre Hochflächen, wie ihre Väter sie geliebt hatten, wo in der Nacht der Himmel mit Millionen Sternen leuchtete, wo wallende Nebel der Morgensonne vorauszogen und dann das Glutgestirn den Boden unter den Füßen brennen ließ. Sie liebten die Wüste und schüttelten die Köpfe, sobald einer der Ihren in die Schächte am Wüstenrand hinabstieg. Sie betrachteten die Bewohner der Täler nur als die Lieferanten ihrer Bedürfnisse und fühlten sich als die eigentlichen Spender der Kraft des Planeten; aber sie wußten auch, daß sie trotz ihrer Sonne und Sterne verhungern müßten, wenn nicht die klugen Männer der Tiefe ihnen Steine in Brot verwandelten.

Steine in Brot! Eiweißstoffe und Kohlenhydrate aus Fels und Boden, aus Luft und Wasser ohne Vermittlung der Pflanzenzelle! Das war die Kunst und Wissenschaft gewesen, wodurch die Martier sich von dem niedrigen Kulturstandpunkt des Ackerbaues emanzipiert und sich zu unmittelbaren Söhnen der Sonne gemacht hatten. Die Pflanze diente dem ästhetischen Genuß und dem Schutz der Feuchtigkeit im Erdreich, aber man war nicht auf ihre Erträge angewiesen. Zahllose Kräfte wurden frei für geistige Arbeit und ethische Kultur, das stolze Bewußtsein der Numenheit hob die Martier über die Natur und machte sie zu Herren des Sonnensystems.



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"Auf zwei Planeten," Elischer-Verlag, Volksausgabe von 1917



ENDE VOM ERSTEN TEIL


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