Roy Glashan's Library
Non sibi sed omnibus
Go to Home Page
This work is in the Australian public domain.
If it is under copyright in your country of residence,
do not download or redistribute this file.
Original content added by RGL (e.g., introductions, notes,
RGL covers) is proprietary and protected by copyright.

HANS DOMINIK

MODERNE PIRATEN

Cover Image

RGL e-Book Cover 2017©

Erstveröffentlichung: Union-Verlag, Stuttgart, 1930
This e-book edition: Roy Glashan's Library, 2017
Version date: 2017-08-17
Produced by Roy Glashan

Only the original raw text of this book is in the public domain.
All content added by RGL is proprietary and protected by copyright.

Click here for more books by this author



Cover Image

"Moderne Piraten,"
Gebrüder Weiß Verlag. Berlin-Schöneberg, ca. 1950.



Cover Image

"Moderne Piraten,"
Gebrüder Weiß Verlag. Berlin-Schöneberg, 1960



INHALTSVERZEICHNIS



1. AUF DER FAHRT NACH ÄGYPTEN

Mit einer Stundengeschwindigkeit von achtzehn Knoten schraubte sich die »Usakama« durch die Fluten des Mittelmeeres. Nur ein schwaches Zittern des gewaltigen Körpers verriet die Arbeit der zwanzigtausendpferdigen Turbinen, die das Schiff vorwärts trieben. Vor zwei Tagen hatten die Reisenden in der Straße von Messina zum letzten Male Land gesehen, dann war der rauchende Kegel des Ätnas, das letzte Wahrzeichen Europas, allmählich im Westen hinter ihnen in der See versunken. Nur ruhiges, saphirblaues Meer zeigte sich jetzt nach allen Seiten hin, soweit das Auge reichte, ein ebenso blauer Himmel darüber, von dem das Tagesgestirn mit südlicher Kraft herniederbrannte. Glänzendweiße Sonnensegel, von den Schiffspumpen in kurzen Zeitabständen mit Seewasser benetzt, überspannten die Oberdecks und spendeten Schatten und Kühlung.

Der Lunch im großen Speisesaal der »Usakama« ging mit einer Tasse Kaffee zu Ende. Die letzten Klänge der Schiffskapelle verrauschten, und lauter schlugen nun Gesprächsbrocken von den einzelnen Tischen her durch den Raum. Schon erhoben sich einzelne Gäste.

Auch Doktor Gransfeld, der seinen Platz neben dem Schiffsarzt hatte, schob die leere Kaffeetasse zurück und machte Anstalt, aufzustehen. »Wie wär's mit einem Verdauungsmarsch über das Promenadendeck, Kollege?«

Doktor Lüders, der Schiffsarzt, lachte. »Aha, die alte Regel! ›Nach der Mahlzeit sollst du ruhn oder tausend Schritte tun!‹ Sie haben recht. Man setzt bei unserer Bordverpflegung sonst unweigerlich Speck an. Also auf zum Mittagsbummel!«

Die beiden Medizinmänner—auch Doktor Gransfeld war Arzt—stiegen die Mahagonitreppe zum Promenadendeck empor. Vor der Wanduhr im Treppenhaus, unter der auf einer Seekarte gerade das neue Mittagsbesteck eingetragen wurde, blieben sie stehen.

»Einen Augenblick, Kollege! Wollen mal sehen, wo wir sind.—24 Grad 10 Minuten östlicher Länge, 33 Grad 45 Minuten nördlicher Breite. Alle Wetter, sollte denn da im Norden nichts von Kreta zu sehen sein?«

Doktor Lüders schüttelte den Kopf. »Ausgeschlossen! Unser Kurs steht zwanzig Meilen südlich von der Insel. Von Europa bekommen Sie nichts mehr zu sehen, erst in Port Said wieder afrikanisches und asiatisches Land zur gleichen Zeit. Stellen wir unsere Uhren gleich auf die neue Schiffszeit dreißig Minuten vor! Eine halbe Stunde ist uns bei der Ostfahrt verloren gegangen. Ein Trost, daß wir sie auf der Rückreise wiederfinden.«

Auch Gransfeld zog seinen Chronometer und richtete ihn neu. »So, Punkt eins des Programms wäre erledigt. Jetzt mal nach vorn! Vielleicht gibt's Delphine.«

»Meinetwegen! Aber da sind keine Sonnensegel. Es wird ein bißchen warm werden.«

Sie schritten über Promenaden- und Vorderdeck bis zur Spitze des Schiffes und schauten in die Flut. In der klaren See umschwärmte ein Rudel Delphine das Schiff, und geraume Zeit betrachteten sie die munteren Fische.

Doktor Lüders brach das Schweigen. »Besser Delphine als Haie.«

»Haie? Gibt's die hier auch?« fragte Gransfeld.

»Leider! Die Biester müssen durch den Suezkanal kommen. Im Hafen von Port Said wimmelt es manchmal davon. Ich möchte niemand empfehlen, dort über Bord zu fallen.«

»Es sind wohl nur Katzenhaie und keine richtigen Menschenhaie?«

»Ob Katzenhai oder Menschenhai soll mir gleich sein. Beißen tun alle beide.—Doch jetzt haben wir hier genug geschmort. Gehen wir lieber nach hinten in kühlere Gegenden!«

»Sie wollen Ihren Onkel in Syut besuchen?« setzte Doktor Lüders auf dem Rückwege die Unterhaltung fort. »Ich habe inzwischen allerlei über ihn gehört. Das muß ja ein ganz bedeutender Herr sein, Chefingenieur der Egyptian Irrigation Company, Leiter sämtlicher Bewässerungsarbeiten im Abschnitt Syut, schon seit langem dort tätig, dabei unverheiratet. Nach meiner Schätzung muß der Mann ein Vermögen zurückgelegt haben. So einen Erbonkel könnte ich auch brauchen.«

Gransfeld machte eine abweisende Bewegung. »Ich wünsche meinem Onkel ein langes Leben. Leider ist seine Gesundheit nicht die beste, seitdem er vor zwei Jahren einen Unfall auf einer Baustelle hatte. Ein Sturz, der an sich gar nicht so gefährlich war, aber die Aufregung, die Nervenerschütterung. Obwohl ich Arzt bin, kann ich mir kein klares Bild machen. Jedenfalls muß der Unfall ein anderes Leiden, das innerlich schon vorhanden war, zum Vorschein gebracht haben.«

»Das wäre nicht das erstemal«, warf Doktor Lüders ein »Jeder Europäer, der jahrzehntelang in subtropischem Klima lebt, hat mehr oder weniger einen Knacks weg. Wenn Ihr Onkel noch etwas von seinem Leben haben will, sollte er die Irrigation Company sich selbst überlassen und schleunigst nach Deutschland zurückkehren.«

»Das wird schwerhalten, Kollege. Er hängt mit Leib und Seele an seinem Beruf. Aber ich will versuchen, in diesem Sinne auf ihn zu wirken.«

Sie waren in ihrer Unterhaltung bis zum Heck des Schiffes gekommen. Hier war ein Sonnensegel gespannt, in dessen Schatten ein Teil der dienstfreien Schiffsbesatzung Ruhe und Erfrischung suchte.

»Il dolce far niente, das süße Nichtstun«, meinte Doktor Lüders, »hier lernen sie's alle. Nicht nur die Levantiner und Griechen, die wir unter der Besatzung haben, auch unsere Hamburger geben sich dieser Beschäftigung mit lobenswerter Ausdauer hin. Sehen Sie mal unsern kleinen Steward da, den Rudi! Ein Berliner Junge übrigens, ein fixes Kerlchen. Macht schon seine achte Reise mit der ›Usakama‹. Der hat sich da wie ein Igel hinter dem Rettungsboot zusammengerollt. Geschickt, wie er sich den Platz gesucht hat! Liegt im Bootschatten und hat das bißchen Seebrise aus erster Hand.—Na, Rudi, mein Sohn, bald wird die Glocke schlagen, die dich zu neuen Taten ruft!—Sein Chef Rasati, der Obersteward, ist übrigens ein ziemlich brutaler Kerl.« Lüders wandte sich wieder an Gransfeld. »Der wird sacksiedegrob, wenn seine Leute nicht pünktlich zum Dienst kommen. Er ist übrigens auch ein Levantiner, aber in Zug hält er seine Kolonne, das muß der Neid ihm lassen.«

Sie waren an dem letzten Rettungsboot vorbei bis an die Heckreling gekommen und blickten eine Weile auf das schaumige Schraubenwasser, das sich kilometerweit auf dem ruhigen blauen Seespiegel verfolgen ließ.

»Hier könnten wir Haie sehen, wenn welche da wären«, meinte Doktor Lüders. »Das Viehzeug ist gefräßig; es bleibt immer hinter dem Schiff, um jeden Abfall zu erwischen, den der Koch über Bord wirft.«

»Weiter, Kollege! Unsere tausend Schritte sind noch nicht um.« Gransfeld suchte zur Fortsetzung des Spazierganges zu ermuntern.

Doch Lüders lehnte sich behaglich mit dem Rücken an den Stock der Heckflagge. »Einen Augenblick noch! In zwei Minuten muß die Glocke die neue Wache schlagen. Ich möchte gern sehen, wie die Leutchen hier mobil werden.«

So blieben sie stehen. Außer Gransfeld befanden sich nur noch zwei Fahrgäste der ersten Klasse auf dem Achterdeck. In ein eifriges Gespräch vertieft standen sie dicht neben dem letzten Backbordrettungsboot. Gransfeld warf einen Blick dorthin und fragte Lüders: »Was sind das für Leute? Die sind mir schon aufgefallen.«

»Fahrgäste wie Sie und viele andere. Nur die Schiffsliste kennt ›Nam und Art‹; aus der kann ich's Ihnen verraten. Der Lange mit der Schirmmütze ist ein Schotte, ein Mister Morton aus Edinburg, der andere, kleinere, namens van Holsten, stammt irgendwoher aus dem Lande der Mynheers. Engländer, Holländer, Levantiner und so weiter, wir führen alles an Bord, was Sie wünschen. Wenn ich mich nicht irre, habe ich die beiden schon einmal auf einer früheren Fahrt an Bord der ›Wadoni‹ gesehen.«

»Merkwürdig!« warf Gransfeld ein.

»Durchaus nicht, Kollege. Gewisse Leute werden Sie immer wieder auf bestimmten Schiffsstrecken treffen. Das hängt wohl mit ihren Geschäften zusammen.«

In diesem Augenblick schrillte die elektrische Glocke. Sofort sprang Rudi, der junge Steward, der unmittelbar neben den beiden Fahrgästen gelegen hatte, auf und wollte zum Dienst eilen. Erst jetzt, wie erschreckt, bemerkten diese seine Anwesenheit. Der Holländer packte ihn am Rockärmel und fuhr ihn grob an: »Qu'est-ce que vous avez fait ici?«

Während der Gefragte noch mit der Antwort zögerte, mischte sich der lange Schotte dazwischen und wiederholte die Frage: »What did you do here?«

Rudi antwortete englisch: »Ich habe hier geschlafen und höre eben das Signal, daß ich zum Dienst kommen muß.«

»Warum haben Sie das nicht gleich gesagt?«

»Ich verstand nicht, was der andere Herr auf französisch sagte«, entschuldigte sich Rudi und wollte weitergehen.

Wütend sprang der Schotte ihm nach und versetzte ihm einen Schlag, der ihn fast zu Fall brachte. Schreck und Entrüstung erpreßten dem Getroffenen einen lauten Schrei. Augenblicklich hatte Rudi sich umgedreht, die Fäuste geballt, die Arme angezogen, bereit, jedem weiteren Angriff auf Boxerweise zu begegnen.

Morton zog es vor, sich zurückzuziehen, während er laut schimpfte. »Ich will dich lehren, hinter den Fahrgästen her zu spionieren und fremde Gespräche zu belauschen!«

Gransfeld und Lüders waren inzwischen hinzugekommen, um der Szene ein Ende zu machen. Auf einen Wink des Schiffsarztes ging der Steward ruhig fort.

»Mr. Morton«, wandte sich Doktor Lüders in gutem Englisch an den Schotten, »es ist nicht erlaubt, Leute der Besatzung zu schlagen. Wenn Sie glauben, Grund zu einer Beschwerde zu haben, wollen Sie diese gefälligst an der zuständigen Stelle, das heißt beim Kapitän, vorbringen!«

Den Herren Morton und van Holsten war das Dazwischentreten des Schiffsarztes offenbar peinlich, peinlicher vielleicht noch der scharfe, durchdringende Blick, mit dem Gransfeld sie während der ganzen Zeit musterte. Verlegen wandten sie sich ab, während Lüders und Gransfeld nach dem Promenadendeck gingen.

»Die beiden Herren haben mir von allem Anfang an nicht gefallen«, sagte Gransfeld. »Weiß der Kuckuck, woran das liegt! Ich fühle eine unwillkürliche Abneigung. Dabei sind es eigentlich ganz gewöhnliche Durchschnittsgesichter. Aber die Roheit gegen den Jungen—warum, weshalb?«

»Viel Scharfsinn gehört nicht dazu, Kollege, um das zu erraten. Der Mister und der Mynheer haben sich wohl über Dinge unterhalten, die kein Dritter hören soll. Wer weiß, was für dunkle Geschäfte die betreiben! Ihr schlechtes Gewissen hat unserm Freunde Rudi unverdientermaßen zu einem blauen Fleck verholfen. Na, das kann bei der Seefahrt schon mal vorkommen!«


Wie ein Purpurball war die Sonne versunken. Nur noch kurze Zeit leuchtete das Meer im Westen in roten und goldenen Tönen. Schnell kam die volle Dunkelheit der Nacht. In stillem Glanz schimmerte das Firmament, während eine leichte Westbrise Kühlung brachte.

Die Abendmahlzeit war vorüber. Auf dem Promenadendeck hatte Gransfeld es sich bequem gemacht und sich ein Bier bestellt. Es war Rudi, der es ihm brachte. Gransfeld sprach ihn an. »Sie hatten heute ein unangenehmes Zusammentreffen mit dem langen Engländer. Ist alles wieder in Ordnung, oder haben Sie sich etwa über ihn beschwert?«

Der Junge zuckte die Achseln. »Es kommt nichts dabei heraus, Herr. Am liebsten hätte ich dem Menschen sofort einen soliden Kinnhaken verpaßt, aber meine Stellung an Bord ... Ich darf mir so etwas nicht erlauben. Gott sei Dank hat unser Doktor ihm wenigstens die Meinung gesagt.«

Es waren nur wenige Fahrgäste auf Deck, und die Dienste des Jungen wurden kaum beansprucht. So konnte sich Gransfeld ungestört mit ihm unterhalten und erfuhr im Verlauf einer halben Stunde seine ganze Lebensgeschichte. Er hieß Rudi Wagner und war ein gebürtiger Berliner, achtzehn Jahre alt. Schulbildung? Hier wurden die Angaben Rudis lückenhaft; nur das Wort Obertertia war gefallen. Dann kam eine Lehrzeit in einem Berliner Hotel. Vor Jahresfrist waren beide Eltern schnell hintereinander gestorben. Da hielt ihn nichts mehr in Berlin. Durch die Vermittlung eines Verwandten in Hamburg hatte er die Stellung als Steward auf der »Usakama« bekommen. »Warum soll ich in Berlin kleben, Herr Doktor? Man ist jung und will die Welt kennenlernen. Außerdem habe ich hier Gelegenheit, mich in Sprachen zu vervollkommnen, die für bessere Hotelstellungen nötig sind. Zwei Reisen mache ich noch mit der ›Usakama‹. Dann will ich auf einem der großen afrikanischen Dampfer unserer Linie anmustern.«

Als Rudi ihn verließ, um andere Gäste zu bedienen, ging Doktor Gransfeld das Gehörte noch geraume Zeit durch den Kopf. Ein netter, anstelliger Junge! dachte er. Der wird mal seinen Weg machen.

Andere Leute an Bord dachten anders über Rudi. Mister Morton und der Obersteward Rasati standen in einem Winkel im Mitteldeck. Rudi, der Erfrischungen auf das Promenadendeck brachte, kam an ihnen vorbei.

»Rasati, versteht der Lümmel da Französisch?«

»Selbstverständlich. Spricht nicht gerade fließend, aber doch einigermaßen.«

»Würde er es verstehen, wenn man ihn fragte: ›Was machen Sie hier?‹«

»Natürlich, Morton, das muß er verstehen; hat ja lange genug französische Gäste bei Tisch bedient.«

»So? Der Bursche versteht Französisch?« Danach gab es im Flüsterton ein langes vertrauliches Gespräch zwischen Rasati und Morton, dessen Gegenstand Rudi bildete.

* * * * *

Geräuschlos glitten die nackten Sohlen des indischen Boys über die Veranda des Bungalows. Schweigend setzte er eine mit Eiswasser gefüllte Karaffe vor seinen Herrn hin und blieb abwartend stehen.

»Es ist gut, Himati. Du kannst gehen.«

Der Boy verschwand, George Gransfield blieb allein zurück. Mühsam, als ob er Schmerzen dabei empfände, richtete er sich von seinem Lager empor, schenkte ein Glas voll und stürzte den kühlen Trunk hinab. Dann ließ er sich in das Kissen zurückfallen, während seine Blicke die helle Landschaft vor ihm umfaßten.

Breit und wuchtig strömten die grünen Wassermassen des Nils zu Tale. Von den Strahlen der Abendsonne beleuchtet, zogen sich jenseits des Flusses die rötlichen Berge bis zum Osthorizont. Grellweiß wie ein gewaltiger, von Titanenhand dorthin gestellter Würfel reckte sich am Flußufer das große Kraftwerk von Syut. Dreißigtausend Pferdestärken waren in ihm Tag und Nacht an der Arbeit, das Nilwasser zu heben, weithin in das Land zu treiben und Fruchtbarkeit zu verbreiten.

Lange blieb der Blick des Liegenden an dem weißen Bau hängen, glitt dann weiter an Dämmen und Wällen entlang, zwischen denen das von den Pumpen gehobene Wasser landeinwärts bis hin zu den rosig schimmernden Ostbergen strömte. Saftig grün war alles Land um die Kanäle herum, das er vor fünfundzwanzig Jahren als trostlose Sandwüste vorgefunden hatte.

Sein Werk war das alles, das Werk Georg Gransfelds, aus dem nun schon seit Jahrzehnten ein George Gransfield geworden war, das Werk eines Deutschen, der einst in die Fremde gezogen war, um in englischen Diensten sein Können und Wissen als Ingenieur zu verwerten. Ein Menschenalter erfolgreicher Arbeit war ihm beschieden, bis vor zwei Jahren ein Sturz ihm die Gesundheit nahm.

Ein neuer Anfall ließ die Gestalt des Liegenden zusammenzucken. Mit schwacher Hand schwang er eine Glocke. Ein Tablett in den Händen, huschte der Boy herein. »Der Sahib hat befohlen?«

»Himati, gib mir die Schachtel da!« Während der Boy das Gewünschte herbeiholte, fragte Gransfield: »Was bringst du da?«

»Eine Depesche, Sahib.«

Dieser riß das Telegramm auf und überflog es. Es war eine Funkdepesche von Bord der ›Usakama‹. Er schob das Papier zur Seite und griff nach der Schachtel, der er zwei weiße Tabletten entnahm. Mit einem Schluck Wasser nahm er sie und blieb eine Weile regungslos liegen. Dann schien die Arznei ihm die ersehnte Linderung zu bringen. Der gespannte Ausdruck wich aus seinen Zügen. Mit neugewonnener Frische richtete er sich auf. »Wir bekommen Besuch, Himati. In zwanzig Stunden wird die ›Usakama‹ Port Said anlaufen. Übermorgen werde ich meinen Neffen hier haben. Sorge dafür, daß die Fremdenzimmer im Stande sind!«

Der Boy verneigte sich nach indischer Weise. »Es wird alles besorgt, Sahib.«

Gransfield hatte, während er sprach, einen Schlüssel aus der Tasche gezogen, den er dem Inder hinhielt. »Die Statuette, Himati! Stelle sie mir hierhin!«

Kurz darauf kehrte der Boy aus dem Nebenraum zurück. In seinen Armen trug er eine etwa zwei Fuß hohe Statuette aus grünlich geädertem Nephritstein. Behutsam stellte er das Bildwerk auf das Tischchen vor seinem Herrn hin und verließ die Veranda.

Lange ruhten Gransfields Blicke auf der Statuette, einem Bildnis des Sethos, den die Griechen Sesostris nannten. Die Meisterhand eines Künstlers hatte vor mehr als dreitausend Jahren die Züge des gewaltigen Herrschers aus dem harten Stein gebildet. Noch jetzt schienen diese Mienen zu leben, schien dieser befehlsgewohnte Mund zu sprechen.

Gransfield gedachte des Tages, an dem ein Händler aus dem Sudan ihm das Kleinod brachte. Fast Wort für Wort kam ihm die Verhandlung wieder ins Gedächtnis, die er damals mit dem zähen Araber zu führen hatte. Erst nach vielem Hin und Her war es ihm geglückt, das Bildnis für eine Summe zu erwerben, die auch für das Einkommen des hochbesoldeten Chefingenieurs der Egyptian Irrigation Company recht fühlbar war. Manche Werke altägyptischer Kunst hatte er während seines langjährigen Aufenthaltes im Pharaonenland erstehen können; diese Statue hier war die schönste und kostbarste von allen, das Schmuckstück seiner Sammlung. Während er sie noch betrachtete, kehrten die Schmerzen zurück. Mühsam richtete er sich auf, griff nach der Schachtel mit den Tabletten und nahm aufs neue von der lindernden Arznei. Arznei? War's nicht eigentlich ein Gift, nach dem er immer wieder greifen mußte, wenn die quälenden Anfälle kamen? Ein Gift, das ihn das Unerträgliche ertragen ließ, ihm Milderung und erlösenden Schlummer brachte?

Damals, als er nach jenem Unfall in Kairo im Hospital lag, als die Schmerzen Tage und Nächte hindurch nicht weichen wollten, hatte er die befreiende Wirkung dieses Mittels zuerst schätzen gelernt. Und dann—wie war's später gewesen? Die zweite Dosis des Mittels begann zu wirken. Verschwunden waren die Schmerzen, und traumhaft wurden Gransfields Gedanken. Als er wieder in sein Haus hier nach Syut zurückgekehrt war, als die Schmerzen in längeren oder kürzeren Pausen immer wieder auftraten, war's nicht Megastopoulos gewesen, der ihm die Wege wies, wie man das unentbehrliche Mittel auch ohne die Hilfe der Ärzte erhalten könne, Megastopoulos, der damals mit ihm zusammen im Hospital gelegen hatte?

Noch während er an den Namen dachte, trat der Boy auf die Veranda. Erst als er sich durch ein stärkeres Geräusch bemerkbar machte, gewahrte ihn Gransfield. »Was gibt's Himati?«

»Ein Besuch, Sahib. Der griechische Herr, der öfter hier war.« Er reichte seinem Herrn die Besuchskarte.

Dieser überflog sie. Megastopoulos? Hatte er nicht eben erst an den Mann gedacht? Wie eigenartig, daß er im gleichen Augenblick hierher kam! Auf seinen Wink führte der Boy den Besucher auf die Veranda.

Es war eine mittelgroße Gestalt, mit blauschwarzem Haar und dunkelgelber Gesichtsfarbe, der Typus des asiatischen Griechen, in dessen Adern das Blut vieler Völkerschaften sich mengt. Er trug einen grauen Sakkoanzug nach modernstem Londoner Schnitt, Lackstiefel und Gamaschen an den Füßen; die Brillantringe an den Fingern waren etwas zu protzig, das schmale Gesicht war von einem schwarzen Spitzbart umrahmt.

»Willkommen, Herr Megastopoulos! Wollen Sie dem Boy klingeln, daß er Ihnen eine Erfrischung bringt!«

Der Grieche ließ sich geschmeidig auf einem Sessel nieder, während seine brennenden Augen schnell durch den Raum glitten und kurze Zeit an der Statuette des Sethos hafteten. »Ich komme von Assuan«, sagte er in ziemlich fließendem Deutsch, »und wollte nicht durch Syut fahren, ohne Ihnen meine Aufwartung zu machen. Von Ihrem Boy hörte ich, daß es Ihnen gar nicht recht nach Wunsch geht, mein lieber Freund.«

Ein leiser Zug der Abwehr glitt bei den Worten des Griechen über Gransfields Züge. Die Betonung einer Freundschaft ging ihm gegen den Strich. Das ganze Gebaren—katzenfreundlich nannte er es bei sich—war nicht nach seinem Geschmack. Aber—leider—er brauchte den Mann, um in den Besitz des Mittels zu kommen, das ihm über seine Leiden hinweghalf. Er griff nach der Glocke und befahl dem Boy, Soda und Whisky für seinen Gast zu bringen.

Der Grieche zündete sich eine Zigarette an. Während er den Rauch durch die Lippen stieß, sprudelte er eine Fülle von Worten heraus, fragte nach dem Fortgang der Bewässerungsarbeiten und erkundigte sich, ob Gransfield in letzter Zeit die Baustellen besucht habe. Dabei hüllte er sich in dichten Zigarettenqualm. Gransfield konnte seine Blicke nicht sehen, die in unverhohlener Gier an der Statuette des Sethos hingen.

Langsam und unzusammenhängend beantwortete der Chefingenieur die Fragen seines Gastes. So wohlig, so müde fühlte er sich. Schlafen! Lange traum- und schmerzlos schlafen! Wie dumm, daß der Besuch ihn daran hinderte! Kaum wußte er noch, was er auf dessen Rede erwiderte. Mühsam suchte er die Worte zu irgendeiner Antwort zusammen, während seine Gedanken ganz woanders wanderten. Megastopoulos, der griechische Kunsthändler, hatte der ihm nicht immer die Statuette abkaufen wollen, das Kunstwerk, das ihm um keinen Preis feil war? »Die Statuette des Sethos, ich verkaufe sie niemals! Mein Neffe soll sie einmal ...« stieß er unvermittelt hervor.

»Mein lieber Freund, ich bitte Sie, niemand will sie Ihnen nehmen.« Wie durch einen Schleier hörte Gransfield die Worte des Griechen.

»Ich verkaufe sie nicht«, wiederholte Gransfield automatisch.

»Mein lieber Freund, Sie sind sehr angegriffen. Gestatten Sie, daß ich Ihnen etwas Soda mit Whisky mische! Das wird Sie erfrischen.«

Mit geschickter Hand mischte Megastopoulos die Flüssigkeiten. Einen Augenblick glitt seine Rechte in die Tasche. Als er sie wieder über das Glas hielt, fiel weißes Pulver hinein. Mit einem Teelöffel verrührte er den Trank und trat mit dem Glase zu Gransfield. »Trinken Sie, mein Freund! Es wird Ihnen guttun.« Er brachte das Glas an Gransfields Lippen und zwang ihn mit sanfter Gewalt, es bis auf die Neige zu leeren.

Mit einem tiefen Seufzer streckte sich der Ingenieur auf sein Lager. Noch einmal umfaßte sein Auge die Fluren und Berge, die von der Abendsonne tief rot überstrahlt waren, dann wurde das Schlafbedürfnis übermächtig, die Lider sanken ihm herab.

Leise ging Megastopoulos in das Haus, warf sich seinen weiten Raglan über und griff nach Hut und Stock. »Dein Herr schläft, Himati. Ich will ihn nicht länger stören. Er ist wohl kränker, als ich dachte. Vielleicht komme ich morgen vormittag noch einmal her.«

Von dem Boy bis an die Umzäunung geleitet, verließ Megastopoulos das Haus Gransfields.

* * * * *

Aus Morgen und Abend war ein zweiter Tag geworden. Schon war der Lotse an Bord gekommen. Von Südosten her blinkten die ägyptischen Leuchtfeuer. Nur wenige Stunden noch, und die »Usakama« würde im Hafen von Port Said festmachen. In allen Kabinen waren die Reisenden beim Räumen und Packen. Jene allgemeine Unruhe, die stets kurz vor der Landung auszubrechen pflegt, hatte sich an Bord eingestellt.

Vergeblich redete Lüders auf Gransfeld ein. »Keine Überstürzung, Kollege! Es dauert noch Stunden, bis wir im Hafen sind. Sie werden noch alle hier an Bord zu Abend essen.«

Gransfeld war nervös. Das Ausbleiben der Antwort auf seine Funkdepesche nach Syut beunruhigte ihn mehr, als er sich äußerlich merken ließ. War seine Depesche nicht angekommen? War sein Oheim schon auf dem Wege nach Port Said, als sie ankam? Oder war er etwa kränker geworden, so krank, daß er sie nicht beantworten konnte? Alle Möglichkeiten gingen ihm durch den Kopf, während er ruhelos über das Deck lief.

Rudi hatte in diesen letzten Stunden vor der Ankunft kaum etwas zu tun. Vergeblich bot er seine Sandwiches und Erfrischungen an. Die wenigsten dachten daran, ihm etwas abzunehmen. So setzte er sein Tablett ab, ließ sich in einen geschützten Winkel nieder und hing allerlei Gedanken nach. Er dachte daran, daß morgen Sonntag war, endlich einmal ein freier Tag für ihn nach langem Dienst. Den wollte er ausnutzen zu einer Fahrt nach Kairo oder einem Besuch der Pyramiden von Giseh. Während er derart Luftschlösser baute, ruhten seine Augen nicht. Stand da drüben bei dem Ventilatorschacht nicht sein Chef mit den beiden Fahrgästen zusammen, mit denen er gestern den Auftritt gehabt hatte? Natürlich waren sie es, der lange Engländer und der andere aus Holland. Jetzt ging Morton fort. Er wird seine Rechnung mit dem Chef klargemacht haben, dachte Rudi. Van Holsten blieb zurück und sprach weiter eindringlich mit dem Levantiner.

Die Neugier wurde in Rudi wach. Was hatten die beiden so lange zusammen zu tuscheln? Jetzt schienen sie einig geworden zu sein und verschwanden in einem Kabinengang. Schnell sprang Rudi auf und lief bis zu dem Gang hin. Dort hinten die letzte Tür, das war die Kabine Rasatis. In diese traten sie ein.

Nach einigen Minuten öffnete sich die Tür wieder. Schnell huschte Rudi an seinen alten Platz zurück. Die beiden kamen aus dem Gang heraus, erst der Levantiner, ein gutes Stück hinter ihm van Holsten. Die Aktentasche, die dieser in der Rechten trug, war sie nicht vorher viel dicker gewesen als jetzt? Nun schien sie vollkommen leer. Vor kurzem noch—deutlich erinnerte Rudi sich dessen—hatten seine Augen sie prall und voll gesehen. Übermächtig wurde die Neugier in ihm. Mancherlei hatte er auf seinen früheren Fahrten gehört. Sachen, von denen die Zollbehörde nichts wissen sollte, vertrauten Schmuggler ihren Helfershelfern unter der Schiffsbesatzung an. Diese brachten sie dann später unauffällig durch die Sperre an Land und lieferten sie am verabredeten Orte ab.

Rudi überzeugte sich, daß Rasati außer Sicht war, lief zu der Kabine hin, trat ein und drückte die Tür hinter sich ins Schloß. Prüfend glitten seine Blicke über die Einrichtung. Wo konnte hier etwas versteckt sein? Im Waschtisch? Mit ein paar Griffen überzeugte er sich, daß da nichts war. In den Schubläden, unter der Koje? Er zog auf. Da waren nur Wäschestücke. Wo, zum Kuckuck, wo nur? Versteckt mußte hier etwas sein, davon war er überzeugt. In der Koje? Rudi hob die Steppdecke auf. Da! Der Junge erblickte eine Reihe von Säckchen aus weißer Leinwand unter der Decke. Er betastete sie. So glatt fühlte sich das von außen an, als ob in den Leinenbeuteln noch Gummisäckchen steckten, und diese mußten irgendein Pulver oder sonst einen nachgiebigen Stoff enthalten.

Jetzt hörte er Schritte auf dem Gang. Schnell zog er die Decke wieder über die Koje und machte sich am Waschtisch zu schaffen. Schon flog die Tür auf. Rasati trat herein und herrschte ihn grob an: »Was machen Sie hier?«

»Ich bringe Ihre Kabine in Ordnung, Herr Rasati.«

»Dazu ist jetzt keine Zeit Scheren Sie sich auf Deck und bedienen Sie gefälligst die Fahrgäste!«

Rudi verschwand, zufrieden, so glimpflich davonzukommen. Rasati blieb zurück und schob den Riegel vor. Mißtrauisch blickte er sich um. Lange haftete sein Blick an der Bettdecks. War die nicht verschoben? War sie vorher nicht mit den Kanten unter die Matratze geschlagen, während sie jetzt frei hing? Endlich hob er sie auf und stellte mit einem Gefühl der Erleichterung fest, daß die Beutel vollzählig vorhanden waren. Sorgfältig verbarg er sie unter seiner Wäsche in der Lade und warf sich dann in einen Stuhl. Kein Zweifel, eine fremde Hand hatte sich an der Decke zu schaffen gemacht. Wer anders als der Steward Wagner konnte das gewesen sein? Hatte er sie aufgehoben und das, was darunter steckte, gesehen? Gleichviel, ob ja oder nein; der Mensch hatte sich verdächtig gemacht. Wütend ballte Rasati die Faust. Wer konnte wissen, wieviel Rudi in seinem Schlupfwinkel von dem französisch geführten Gespräch aufgeschnappt hatte? Tat, als ob er kein Französisch verstünde! Verdächtig! Und jetzt? Was hatte der gerade jetzt in der Kabine zu suchen? Mehr als verdächtig! Ein Spion war das, der hinter ihm herschnüffelte.

Rasati sprang auf und preßte die Zähne knirschend zusammen. In rasender Wut verzerrten sich seine Züge. Wie ein Raubtier, das sich zum Sprung anschickt, stand er in der engen Kabine. Verwünschungen ohne Maß und Zahl kamen über seine Lippen. Schweißperlen standen auf seiner Stirn. Minutenlang dauerte dieser Ausbruch wildester Wut. Dann sank Rasati wie erschöpft auf den Stuhl zurück. Das Spiel seiner Züge veränderte sich; eine harte, zu allem fähige Entschlossenheit sprach aus ihnen. Scharf starrten seine Augen in die Ferne.

Dumpf und heiser heulte die Schiffssirene auf. Es war das Signal, daß die »Usakama« im Begriff stand, an den Pier zu gehen. Der dröhnende Schall riß Rasati in die Wirklichkeit zurück. Mit Gewalt zwang er sich zur Ruhe. Als er die Kabine verließ, waren seine Züge unbewegt und gleichmütig. Auch ein scharfer Beobachter hätte nur Dienstbeflissenheit für die Fahrgäste des Schiffes aus ihnen lesen können.

Der letzte Zug nach Kairo war schon fort, als die »Usakama« ihre Fahrgäste in Port Said an Land gab. Für heute ließ sich nichts mehr unternehmen. Doktor Gransfeld nahm ein Zimmer im Splendidhotel und gab ein dringendes Telegramm mit bezahlter Rückantwort an seinen Onkel auf. Mochte die ägyptische Postverwaltung beschaffen sein, wie sie wollte, auf diese Weise hoffte er doch wenigstens bis zum nächsten Morgen eine Antwort aus Syut zu bekommen. Dann unternahm er noch einen kurzen Spaziergang durch die Stadt bis zum Denkmal von Ferdinand Lesseps, der hier einst mit kühner Hand zwei Erdteile durch eine künstliche Wasserstraße getrennt hatte.

Mit dem Vorsatz, sich sofort zur Ruhe zu begeben, kehrte Doktor Gransfeld schließlich zum Hotel zurück. Als er schon vor dem Lift stand, drang vom Gesellschaftssaal her Musik an sein Ohr. Eine europäische Kapelle war es und, wie es schien, sogar eine recht gute. Er änderte seine ursprüngliche Absicht und beschloß, dort noch ein paar Stunden zu verbringen. Vielleicht, daß inzwischen noch die telegraphische Antwort kam.

In einer Nische, zwischen springenden Wassern und Pflanzengruppen, fand er einen zusagenden Platz. Leicht gedämpft drangen die Klänge des Orchesters hierhin, und während er selbst halb versteckt saß, konnte er den größten Teil des Saales bequem überblicken. Reichlich international war die Gesellschaft, die sich hier aus drei Weltteilen zusammengefunden hatte. Neben englischen Beamten, die ihr Dienst nach Ägypten rief, neben Franzosen und Holländern, die auf dem Wege nach den hinterindischen Kolonien waren, sah man auch allerlei dunkelhäutige Gestalten, die aus dem Inneren Arabiens und des Sudans stammten. Auch solche Gesichter erblickte er, die er von der »Usakama« her kannte.

Der Herr am vierten Tisch dort, war das van Holsten oder war er's nicht? Eben noch glaubte Gransfeld seiner Sache sicher zu sein, aber im nächsten Augenblick begann er schon wieder zu zweifeln. Er kniff die Augen zusammen, um schärfer zu sehen. Unbedingt, er war's, mußte es sein. Dennoch, wie merkwürdig verändert sah der Mann aus, viel jünger als auf der »Usakama«! Auch hatte er eine ganz andere Haartracht. Sogar die Farbe des Haares kam Gransfeld verändert vor. Hätte er sich den Holländer damals bei dem Auftritt mit dem kleinen Steward nicht so genau angesehen, er würde ihn trotz seiner guten Augen nicht wiedererkannt haben. Eigenartig war diese Veränderung des Äußeren und so geschickt ausgeführt, daß Gransfeld nicht einmal sagen konnte, was eigentlich echt war, jenes ältere Aussehen an Bord oder diese verjüngte Erscheinung hier. Zweifellos war der Holländer in den wenigen seit der Landung des Schiffes verflossenen Stunden auch beträchtlich dünner geworden. Als einen etwas beleibten Herrn in mittleren Jahren hatte Gransfeld ihn von der »Usakama« her in der Erinnerung, als ein jüngerer, schlanker Mann tauchte er hier auf. Bemerkenswert war auch der andere, mit dem er zusammensaß. Ein schwarzer Spitzbart umrahmte das dunkelgelbe, schmale Gesicht. Darin saß eine gebogene Adlernase und darüber ein Paar brennende Augen. Fast blauschwarz war das Haar.

Ein eifriges Gespräch war zwischen den beiden im Gange. Mitternacht war bereits vorüber, als sie sich erhoben und in die Empfangshalle gingen. In kurzer Entfernung folgte ihnen Gransfeld und sah, wie der Pförtner ihnen ihre Zimmerschlüssel aushändigte. Während sie zum Lift gingen, blieb Gransfeld vor der schwarzen Tafel stehen, auf der die Namen der Hotelgäste angeschrieben standen. Er schaute auf die leeren Haken, von denen der Pförtner eben die Schlüssel abgenommen hatte, und auf die Namen daneben. Konstantinos Megastopoulos, Smyrna, las er an der einen Stelle. Aha, ein Grieche aus Kleinasien! Van der Meeren, Rotterdam, stand an der andern.

Gransfeld krauste die Stirn und pfiff durch die Zähne. Oho, mein Junge, du veränderst also nicht nur dein Aussehen, du wechselst auch deinen Namen! Auch da weiß man nicht, was echt und unecht ist; vielleicht ist alles beides falsch. Er trat an das Pult, um sich seinen Schlüssel zu holen. Der Pförtner überreichte ihm außerdem noch ein beschriebenes Blatt, eine telephonische Mitteilung vom Hauptpostamt in Port Said. Seine Depesche nach Syut sei unbestellbar, der Adressat verstorben.


Als die Sonne des nächsten Tages aufging, saß Doktor Gransfeld schon seit einer Stunde im Schnellzug, der ihn nach Süden hin, nilaufwärts führte. Als sie tief im Westen stand, verließ er die Eisenbahn in Syut.

Ein freier Platz lag vor dem Bahnhof. Vergeblich suchten verstaubte Tamariskenboskette den Anschein von Parkanlagen vorzutäuschen. Dazwischen hielten ein paar Mietautos, die früher in Europa bessere Tage gesehen hatten. »Syut wird Weltstadt«, murmelte Gransfeld vor sich hin, obwohl ihm nicht zum Scherzen zumute war.

Durch gewundene Straßen und über gestreckte Alleen brachte der Kraftwagen ihn zum Hause seines Oheims. Das untere Stockwerk war erleuchtet. Nach einigem Klopfen und Klingeln öffnete sich das Tor, und Himati kam an die Gartentür. Elend und kummervoll sah der Boy aus. Während Gransfeld dem Inder in das Haus folgte, holte er die Einzelheiten über das traurige Ereignis brockenweise aus ihm heraus. Am vorgestrigen Abend war der gute Sahib eingeschlafen. Vor zwei Stunden war Mister Mac Kennah, der Arzt der Irrigation Company, von Assuan gekommen. Er war noch bei dem Toten, um die letzten Förmlichkeiten zu erledigen.

Gransfeld traf den Arzt im Schlafgemach. Ergriffen stand er vor dem Toten, der schon in den Sarg gebettet war. Noch ein letzter Blick auf die bleichen Züge, dann wurde der Deckel aufgelegt und verschraubt.

George Gransfield sollte im Park des Krafthauses beigesetzt werden. Dort, wo einst unter seiner Leitung die riesigen Werke entstanden waren—so hatte er es verfügt –, wollte er zum letzten Schlummer gebettet sein.

Gransfeld ging mit dem englischen Arzt in das Wohnzimmer.

»Ein trauriger Fall, Mister Gransfeld, der plötzliche Tod Ihres Oheims.«

Gransfeld nickte. »In der Tat, Sir. Ich hatte nicht erwartet, an ein Totenbett zu kommen, obwohl—schwer leidend war mein Onkel seit Jahren.«

»Er war es. Aber—er brauchte noch nicht zu sterben; den schlimmen Ausgang hat er durch den regelmäßigen Gebrauch von Betäubungsmitteln selbst beschleunigt.«

Gransfeld blickte erstaunt auf. »Ich verstehe nicht. Wie meinen Sie das?«

»Well, Mister Gransfeld, zu Ihnen als Arzt kann ich offen sprechen. Der Tod Ihres Onkels ist durch die übergroße Dosis eines Betäubungsmittels eingetreten. Nur die Rücksicht auf seine Stellung bei der Irrigation Company hat mich davon abgehalten, eine Vergiftung als Todesursache in die Sterbeurkunde zu schreiben. Sie begreifen, der Ruf der Company, das unliebsame Aufsehen, das ein solcher Fall hervorrufen würde—ich habe es vorgezogen, einfach eine akute Herzlähmung als Todesursache anzugeben. Ihnen aber, als dem nächsten Verwandten, möchte ich doch auf alle Fälle reinen Wein einschenken.«

Gransfeld fuhr auf. »Wie ist das möglich, Kollege? Sollte mein Oheim absichtlich ...?«

Der Engländer zuckte die Achseln. »Ich weiß nicht; niemand kann es wissen. Vielleicht ist in der Benommenheit ein Versehen geschehen, vielleicht liegt aber auch Absicht vor. Tatsache ist, daß Ihr Oheim zur Linderung seiner Schmerzen seit Jahren Betäubungsmittel benutzte. Dies hier«—er reichte Gransfeld eine größere Pappschachtel—»fand ich neben seinem Lager; es enthält, wenn ich mich nicht täusche, Heroin, und zwar ein Mehrfaches der tödlichen Dosis. Es ist mir unbegreiflich, wie Ihr Oheim derartige Mengen überhaupt in seinem Besitz haben konnte.«

Gransfeld schüttelte den Kopf. »Unverständlich, in der Tat, wenn das wirklich Heroin ist. Kein gewissenhafter Arzt würde seinem Patienten eine solche Menge auf einmal verschreiben. Trotzdem, mein Onkel erwartete mich, hatte mich wiederholt eingeladen. Gewiß, er schrieb, daß sein Leiden ihm starke Beschwerden mache, aber keine Spur von Todesahnung oder gar von Todesabsichten ist in seinen Briefen zu finden. Wäre es denkbar, Herr Kollege, daß das Gift von dritter Hand ...?«

Mac Kennah schüttelte den Kopf. »Ich halte das für ausgeschlossen, zum mindesten für unwahrscheinlich. Wer sollte an solchem Mord—offenkundiger Mord wäre das ja—ein Interesse haben?«


Am nächsten Morgen folgte die Beisetzung George Gransfields so, wie er sie gewünscht hatte. Ein Gefolge von Ingenieuren und Angestellten der Bewässerungswerke gab ihm das letzte Geleit.

Nachdenklich kehrte Gransfeld in das verwaiste Haus zurück und ging daran, den Nachlaß des Verstorbenen zu ordnen. Wenn Doktor Lüders behauptet hatte, daß der Chefingenieur der Irrigation Company ein Vermögen zurückgelegt haben müsse, so hatte er damit nicht zu viel gesagt. Gransfeld fand Belege und Abrechnungen über Bankdepots in Deutschland und Ägypten, die seine Erwartungen übertrafen. Hier war zweifellos alles in Ordnung. Ein Dritter konnte an diese Gelder nicht herankommen. Der Verdacht, den er gestern einen Augenblick gehegt hatte, begann zu schwinden.

Blieb noch die Kunstsammlung des Verstorbenen. Vieles davon befand sich nach den vorliegenden Aufzeichnungen in Bankdepots in Deutschland. Nur weniges mußte hier im Hause sein, darunter das bei weitem schönste und wertvollste Stück, die Statuette des Sethos. Gransfeld ließ Himati kommen und fragte ihn danach.

Dieser, immer noch niedergeschlagen, verwirrt und verstört, zuckte die Achseln. »Das kleine Standbild, ich weiß. Der Sahib verwahrte es in dem eisernen Schrank. Am letzten Tage noch befahl er mir, es zu holen. Auf den Tisch neben ihm mußte ich es hinstellen. Der Sahib liebte das Bild. Lange Zeit hat er es oft angeschaut.«

Gransfeld wurde ungeduldig. »Schon gut, Himati. Wo ist die Statuette geblieben? Im Tresor ist sie nicht, hier irgendwo draußen auch nicht. Wo hast du sie gelassen?«

Himati wurde noch verwirrter und stotterte, als er weitersprach. »Das Steinbild, Sahib—ja, das Steinbild ... Der griechische Herr war bei meinem guten Sahib, hierauf ging er fort. Dann, als ich meinen Herrn in das Haus bringen wollte«—ein Schluchzen erschütterte die Gestalt des Inders—»da fand ich ihn tot. An das Steinbild habe ich nicht weiter gedacht.«

Gransfeld faßte den Boy scharf ins Auge. »Du bist aber dafür verantwortlich, Himati. Die Statuette hat einen großen Wert. Man wird sagen, Himati, daß du sie genommen habest.«

Der Inder zuckte zusammen. Einen Augenblick spielte seine braune Gesichtsfarbe in ein blasses Grau über, dann strömte ihm das Blut wieder in die Wangen. »Sahib! Ich meinen guten Herrn bestehlen? Wer das sagt, der kennt Himati nicht. Dreißig Jahre habe ich ihm treu gedient. Schon in Indien bin ich bei ihm gewesen. Gute Tage habe ich bei ihm gehabt, Geld habe ich sparen können. Ich meinen Herrn bestehlen? Niemals, Sahib, niemals!« Schluchzend sank der Boy zu Boden.

Gransfeld fühlte, daß er zu weit gegangen war. »Ich sage nicht, Himati, daß du die Statuette genommen hast; aber die andern werden es sagen, wenn wir sie nicht finden. Wer war außer dir noch hier im Hause?«

»Der griechische Herr, Sahib, nur der griechische Herr, so ist niemand.«

»Der griechische Herr? Wer ist das?«

»Herr Megastopoulos, Sahib. Er besuchte meinen Herrn oft.«

Bei der Nennung dieses Namens kam Gransfeld eine Erinnerung. Megastopoulos? Hatte er den Namen nicht vor zwei Tagen im Hotel in Port Said gelesen? »Megastopoulos? Ist das ein mittelgroßer Herr mit schwarzem Haar und Spitzbart? Meinst du diesen, Himati?«

»Ja Sahib, das ist er, so sieht er aus.«

»So, so? Der war hier? Sahst du ihn fortgehen?«

»Ja, er kam zu mir. ›Himati, dein Herr schläft‹, sprach er und sagte, daß er morgen wiederkommen wolle.«

»Er ist aber nicht wiedergekommen?«

»Nein, Sahib, er ist nicht wiedergekommen.«

»Wie war er gekleidet, als er dich verließ?«

»Wie immer, Sahib. Er trug einen grauen Anzug, darüber einen weiten Raglan.«

Eine Weile stand Gransfeld nachdenkend. »Einen weiten Raglan, sagst du, Himati? Konnte er da wohl die Statuette drunter verbergen, ohne daß du etwas davon merktest?«

Schnell kam die Antwort des Boys. »Ja, Sahib, das wäre möglich gewesen.«

Geraume Zeit schwiegen beide, jeder mit seinen Gedanken beschäftigt. Dann sprach Gransfeld: »Das Haus wird nun zugeschlossen, Himati, bis ein neuer Herr von der Company hierher kommt. Wo wirst du hingehen?«

»Sahib, ich habe mir im Dienste meines alten Herrn Geld gespart. Ich werde nach Alexandria gehen und am Hafen eine Garküche aufmachen.«

»Du wirst also zu finden sein, wenn man dich sucht?«

»Ja, Sahib.«

Als Gransfeld nach Erledigung der letzten Angelegenheiten das Haus verließ, um nach Port Said zurückzukehren, enthielt sein Notizbuch die neue Adresse, unter der er Himati in Alexandria erreichen konnte.

* * * * *

Tag und Nacht hatten die Krane im Hafen von Port Said gearbeitet, um die Ladung der »Usakama« zu löschen und neue Lasten in ihren Leib zu senken. Mit Hochdruck waren die Kabinen und Gesellschaftsräume gesäubert und für die Aufnahme neuer Fahrgäste bereitgemacht worden. Fahrplanmäßig ging das Schiff am Abend des fünften Tages nach seiner Ankunft wieder aus dem Hafen. Langsam schob sich der gewaltige Rumpf zwischen den massigen Molen von Port Said nach Westen. Jetzt fuhr es an den letzten Leuchtfeuern vorbei. Ein leises Schwanken des Schiffes verriet, daß die offene See erreicht war. Stärker wurde das Spiel der Schrauben und schneller die Fahrt.

Das Achterdeck war leer. Am hintersten Teil neben dem Flaggenstock lehnte sich Rudi über die Reling und blickte auf das Schraubenwasser. Der schaumige Wasserstreifen war durchsetzt von unzähligen Lichtflecken. Seequallen waren es, die die Schrauben bei jeder Umdrehung zu Hunderten emporwirbelten und zum Leuchten reizten. Rudi vergaß Zeit und Raum über diesem Schauspiel.

Da traf unversehens ein schwerer Schlag seine Schläfen, die Sinne schwanden ihm.

Ein Gefühl der Kühle war die erste Empfindung, die er wieder hatte. Wasser war um ihn! Unwillkürlich machte er Schwimmbewegungen. Wo war er? Weit vor ihm waren der Rumpf und die Rauchfahne der »Usakama« zu erkennen. Weites Meer um ihn herum, das sich in langer Dünung hob und senkte. Hinter ihm die Molenlichter von Port Said. Dies war wenigstens ein Richtpunkt in der Wasserwüste, eine Möglichkeit der Rettung, wenn es ihm gelang, die Mole zu erreichen. Doch eine lange Strecke war es bis dorthin. Würden seine Kräfte reichen? Gab es etwa Haifische? Im Hafen von Port Said hatte er welche gesehen. Waren sie auch hier, im offenen Meer, dann ...

Rudi war ein tüchtiger Schwimmer. Geschickt entledigte er sich der Kleidung, soweit sie ihm hinderlich war, und begann in langen, kraftsparenden Stößen auf das Molenlicht zuzuschwimmen. Stunden verrannen darüber. Nur noch matt und mechanisch führte sein Körper die Bewegungen aus, während sein Geist abzuirren begann. Schon zeigte sich im Osten der schwache Schein kommender Dämmerung. Noch war er dem Molenfeuer nicht näher gekommen, es schien ihm sogar ferner denn je zu sein. Zu heftig war die Meeresströmung, die ihn abtrieb. Dunkel und traumhaft wurden Rudis Gedanken. Kaum fühlte er noch, wie seine Kräfte nachließen. Ein paar Schwimmstöße, eine Spanne wohliger Müdigkeit—jetzt sich wegsacken lassen, den Seemannstod sterben!

Die Flut ging bereits über seinen Kopf hinweg. Noch einmal riß er sich in einem letzten Aufflackern des Selbsterhaltungstriebes zur Oberfläche des Wassers empor. Dann schwanden ihm die Sinne.

Um acht Uhr morgens meldete Rasati dem Ersten Offizier der »Usakama«, daß der Steward Rudi Wagner vermißt werde.


2. ZURÜCK NACH HAMBURG

In Port Said suchte Gransfeld den deutschen Konsul auf und besprach mit ihm die Vorfälle in Syut: das Fehlen der wertvollen Statuette, die Besuche des rätselhaften Griechen, die Todesursache seines Oheims, die Möglichkeit einer Vergiftung.

Der Konsul schüttelte den Kopf. »Das Gesindel der ganzen Welt ebenso wie die beste Gesellschaft der ganzen Welt kommen hierher. Sie wundern sich darüber, daß Ihr Oheim derartige Mengen von Rauschgift in seinem Besitz haben konnte? Verehrtester Herr Doktor, wenn Sie wüßten, wie dieser verbotene Handel hier blüht! In Alexandria und Kairo können Sie das Zeug beinahe offen auf der Straße kaufen. Läuft in Port Said oder Alexandria ein Dampfer von Europa ein, dann gibt es jedesmal einen Höhepunkt in diesem unsauberen Geschäft. Trotz allen Anstrengungen ist die ägyptische Polizei machtlos dagegen. Ich halte es auch für unmöglich, Herr Doktor, in Ihren Angelegenheiten mit Hilfe der Polizei etwas zu ermitteln. Wenn Sie irgendwelche Schritte unternehmen wollen, stehe ich Ihnen natürlich pflichtgemäß zur Verfügung. Doch, wie gesagt, nach meinen Erfahrungen im Orient wird dies zwecklos sein.«

Nach längerem Überlegen antwortete Gransfeld: »Ich muß mich Ihrer größeren Erfahrung fügen, Herr Konsul, obwohl mir der Entschluß nicht leicht fällt. Wenn Sie der bestimmten Meinung sind, daß ich hier nichts mehr für die Aufklärung dieser Vorfälle unternehmen kann, will ich lieber mit dem nächsten Dampfer wieder nach Deutschland zurückkehren.«

Der Konsul warf einen Blick auf die Schiffsliste an der Wand. »In drei Tagen geht die ›Warana‹ von Port Said ab, ein Achttausendtonner, der gut besetzt werden dürfte. Ich empfehle Ihnen, sich bei der Agentur sofort Ihre Überfahrt zu sichern.«

Gransfeld verabschiedete sich. Er stand im Begriff, über einen breiten Gang zur Treppe zu gehen, als sein Blick durch eine geöffnete Tür in einen Wirtschaftsraum fiel. Da drinnen machte sich jemand an Töpfen und Schüsseln zu schaffen. Viel zu weit war der weißleinene Anzug, der um die Glieder der Gestalt schlotterte. Aber das Gesicht, das hatte Gransfeld schon irgendwo gesehen, das kannte er doch! Wie aber war das möglich? Die »Usakama« mußte doch jetzt schon in Genua sein. Gransfeld trat näher. »Hallo, Rudi! Sind Sie's oder nicht?«

Der Angerufene zuckte zusammen und wandte das Gesicht voll der Tür zu.

Kein Zweifel mehr, es war Rudi. »Menschenskind, was haben Sie hier unter den Töpfen unseres Konsuls zu schaffen, während Ihr Schiff schon wer weiß wo steckt?«

Erst jetzt erkannte der Junge den Doktor, und ein heller Freudenschein flog über sein Gesicht. »Ja, Herr Doktor, ich bin's. Ich bin bei der Ausfahrt über Bord gefallen und wurde, als ich am Wegsacken war, von einem Lotsenkutter aufgefischt und hierher zu unserm Konsul gebracht. Der scheint mir das freilich nicht recht glauben zu wollen. Er denkt wohl, ich hätte dumme Streiche gemacht und sei absichtlich über Bord gesprungen, um von der ›Usakama‹ wegzukommen. Als ob ein Mensch, der seine fünf Sinne zusammen hat, freiwillig in das Haifischwasser springen würde!«

Mit wachsendem Interesse hörte Gransfeld die Erzählung des Jungen an, der dabei immer mehr aus sich herausging. Unklar blieb die Ursache des Sturzes. Einen Schlag gegen die Schläfen, der ihn betäubte und über Bord warf, wollte Rudi bekommen haben, ganz plötzlich und unvermutet, obwohl doch außer ihm niemand auf dem Achterdeck war. Gransfeld krauste die Stirn. Er dachte an all das, was er an Bord der »Usakama« und im Splendidhotel gesehen, was er in Syut erlebt hatte. Und jetzt dieser Fall hier! Alter Verdacht wurde von neuem in ihm rege.

Rudis Stimme drang an sein Ohr. »Unser Konsul will mich auf dem nächsten Dampfer nach Deutschland anmustern lassen. Wer weiß, ob ich da wieder als Steward ankomme! Vielleicht bloß als Kohlentrimmer; die können sie an Bord immer brauchen. Das wäre scheußlich.«

Gransfeld war zu einem Entschluß gekommen. »Warte hier auf mich, Rudi! Ich werde bald zurück sein.«

Der Konsul wunderte sich, als Gransfeld sich wieder bei ihm melden ließ. »Ah, Sie, Herr Doktor! Was verschafft mir die Ehre Ihres nochmaligen Besuches? Wollen Sie trotz meinem Abraten doch noch etwas unternehmen?«

»Nein, Herr Konsul, eine andere Sache führt mich zu Ihnen. Durch Zufall treffe ich da draußen den kleinen Steward von der ›Usakama‹. Er hat mir seine Geschichte erzählt. Was halten Sie davon?«

Der Konsul zuckte die Achseln. »Die Geschichte kann wahr sein, Herr Doktor; sie kann aber auch nicht wahr sein. Wir sind hier dicht bei Arabien, dem Lande der Märchenerzähler. Da darf man nicht alles glauben.«

»Herr Konsul, was sollte der Junge für einen Grund zum Schwindeln haben?«

»Weiß ich nicht, Herr Doktor. Offen gesagt, es interessiert mich auch nicht. Wenn Sie hier einmal ein Jahr lang auf meinem Stuhl gesessen hätten, wären Sie auch Skeptiker. Jeden Monat kommen Seeleute zu mir, die irgendwie ihr Schiff verpaßt oder sonstwie verloren haben, und beanspruchen meine Hilfe. Nachgerade kennt man die Sache und wird abgebrüht.«

»Was wollen Sie mit dem Jungen machen?«

»Ihn mit dem nächsten Dampfer nach Hause schicken. Weil er noch minderjährig ist, habe ich ihn bei mir in die Küche gesteckt. Da kann er sich nützlich machen.«

Armer Rudi, man scheint hier nicht viel Wert auf deine Anwesenheit zu legen! dachte Gransfeld bei sich. Laut fuhr er fort: »Ich wäre nicht abgeneigt, Herr Konsul, den Jungen in meine Dienste zu nehmen und würde ihn dann auch nach Deutschland bringen.«

Bereitwillig ging der Konsul auf diesen Vorschlag ein. Noch viel erfreuter aber war Rudi, als Gransfeld ihn ins Zimmer rief und ihm seinen Entschluß mitteilte. Hinaus aus der engen, heißen Küche, in der er sich seit Tagen so langweilte! Als Diener bei dem Doktor, der ihn von Anfang an so anständig behandelt hatte! Nur mit Mühe unterdrückte er in dem Amtszimmer einen Freudensprung. Um so ausgelassener waren seine Bewegungen nachher auf der Treppe.

Bis zur Haustür ließ Gransfeld ihn gewähren, dann rief er ihn zur Ordnung. »Sei vernünftig, Rudi! Jetzt ist's genug. Jetzt gehen wir erst einmal in einen Laden, daß du wieder passende Kleider auf den Leib bekommst. In der Kluft da kann ich mich mit dir im Splendidhotel nicht sehen lassen.«

Als Gransfeld eine Stunde später ins Hotel kam, befand sich in seiner Begleitung ein gut angezogener junger Mann, der sich, dem Range des Hotels angemessen, ruhig, sittsam und unauffällig benahm.

Die Plätze auf der »Warana« hatte Gransfeld belegt. Für die drei Tage, die sie bis zum Abgang des Schiffes noch in Port Said bleiben mußten, brachte er Rudi im obersten Stock des Hotels unter, in dem sich die Dienerzimmer befanden.

Als Doktor Gransfeld allein in seinem Zimmer saß, fragte er sich selbst, wie er zu dem plötzlichen Entschluß gekommen war, Rudi in seine Dienste zu nehmen. Irgendeine äußere Notwendigkeit lag nicht vor. Kaum, daß er ihm einigermaßen Beschäftigung geben konnte indem er ihm die Sorge für seine Kleidung und das Gepäck übertrug und ihn hie und da Gänge in die Stadt machen ließ. Dennoch hatte er dies plötzlich wie eine Notwendigkeit empfunden. Damals in der Küche des Konsuls war's, wo Rudi ihm seine Geschichte erzählte, seinen Sturz in die See. Als er von dem heimtückischen Schlag sprach und dabei Rasati, den Levantiner, erwähnte, da war es Gransfeld einen Augenblick lang gewesen, als ob er mit Hilfe des Jungen den Vorhang heben, die Gestalten, die dahinter ein dunkles Spiel trieben, entlarven könne.

Von einer Verbindung zwischen dem Levantiner und jenem Holländer, der Namen und Gestalt wechselte, hatte Rudi gesprochen. Den Holländer hatte er selbst mit dem Griechen zusammen gesehen. Der Grieche war der Letzte gewesen, der seinen Onkel lebend gesprochen hatte. Das war eine ganze Reihe von verdächtigen Personen und geheimnisvollen Zusammenhängen. Einen Augenblick glaubte er, sie zu übersehen, im nächsten war alles wieder unklar und verschwommen. Dennoch—schien es nicht wie eine Kette, die sich von Geheimnis zu Geheimnis spannte? Eine Kette, von der er nur wenige Glieder undeutlich geschaut hatte, deren Enden sich im Nebel verloren.

Gransfeld strich sich über die Stirn, als wolle er die drückenden Gedanken verscheuchen. Am Ende waren es nur Hirngespinste, leere Vermutungen, mit denen er sich grundlos plagte. Ah bah! Weg damit! Schließlich blieb's immer noch ein gutes Werk, wenn er den Jungen mit in die Heimat nahm. War ihm nicht eben erst unvermutet eine reiche Erbschaft zugefallen, die es ihm erlaubte, unbedenklich solche Werke zu tun?

Während Gransfeld diesen Gedanken nachhing, unterhielt sich Rudi auf seine Weise. Ein herrliches Leben war das mit achtzehn Jahren und wenig Dienst in einer schönen fremden Stadt! Schnell hatte er sich mit den andern Bewohnern seines Stockwerks angefreundet, und ganz besonders mit Bele Tarantola, dem Dolmetscher des Hotels. Das war auch ein Levantiner, aber von angenehmerer Art als Rudis verflossener Chef. Sooft er Gäste des Hotels durch Port Said zu führen hatte, nahm er Rudi mit, wobei dieser reichlich Gelegenheit fand, das Sprachgeschick seines neuen Freundes zu bewundern. In einem Dutzend verschiedener Mundarten, je nach der Nationalität der Reisenden, erklärte Tarantola die Sehenswürdigkeiten der Stadt, und schon am zweiten Tage glaubte Rudi sie in- und auswendig zu kennen. Mit einer Mischung von Staunen und Ehrfurcht aber betrachtete er die Trinkgelder, die diese Führertätigkeit dem sprachkundigen Levantiner eintrug.

Nach der Arbeit des Tages liebte Tarantola ein munteres Spielchen. Auch heute, am Abend des zweiten Tages, saß er in seinem Zimmer mit drei Genossen bei Wein und Karten. Rudi kiebitzte dabei. Könige und Asse flogen auf den Tisch, Geldstücke rollten hin und her, die Gläser wurden leer und ebenso oft wieder frisch gefüllt, bis der Stoff knapp wurde. Suchend sah sich Tarantola, der gerade ein neues Spiel in der Hand hielt, im Zimmer um. »He, Rudi, geh mal an meinen Schrank! Da drin müssen noch ein paar Flaschen Samos stehen. Bring sie her!«

Rudi tat, wie ihm befohlen. Der alte geräumige Schrank war mit allerlei Kleidern dicht vollgehängt. Bis zur Schulter mußte der Junge mit dem Arm zwischen die Kleidungsstücke fahren, um irgendwo im Hintergrunde die gewünschten Flaschen zu erfassen.

Jetzt fühlte er eine und zog sie heraus. Er steckte den Arm wieder zwischen die Kleider, um die andern zu suchen. Da spürten seine Finger etwas anderes—Leinwand—weich, nachgiebig, so eigenartig, als ob noch Gummistoff unter der Leinwand wäre. Augenblicklich kam ihm seine Entdeckung in der Kabine Rasatis in Erinnerung. Die Beutel damals unter der Kojendecke hatten sich auch so angefühlt. Er fuhr mit der Linken in den Schrank und brachte eine Flasche nach der andern zum Vorschein, während er mit der Rechten weitertastete. Kein Zweifel, da hielt er eben so einen Beutel, wie damals in der Kabine Rasatis. Jetzt fühlte er noch eine ganze Reihe gleichartiger Säckchen daneben.

»Go on, boy! Dépechez-vous, s'il vous plait! Avanti, mio caro! Ein bißchen fix, Rudi, wir verdursten hier!« traf ihn die Stimme Tarantolas.

Schnell holte er auch mit der Rechten noch eine Flasche heraus, schloß den Schrank und machte sich daran, die neue Batterie aufzubauen und zu entkorken.

Spiel und Trunk nahmen ihren Fortgang. Rudi hielt es für zweckmäßig, weiter in der Gesellschaft zu bleiben. Ein plötzlicher Aufbruch jetzt, sagte er sich, könnte möglicherweise irgendeinen Verdacht erwecken. Aber seine Gedanken waren nicht mehr bei dem Spiel. Seine Neugier war erregt. Die Beutel da in dem Schrank gingen ihm nicht aus dem Sinn. Irgendwie, das stand fest bei ihm, mußte er hinter dieses Geheimnis kommen. Noch als er sein Lager aufsuchte, verfolgte ihn dieser Gedanke.

Am folgenden Vormittag nahm Doktor Gransfeld Rudis Dienste stark in Anspruch. Die Koffer mußten fertiggepackt werden, denn schon gleich nach Tisch sollte sie das Hotelauto an Bord der »Warana« bringen. Mit Eifer war Rudi beim Packen und zeigte, was er auf diesem Gebiet gelernt hatte. Geschwind und geschickt legten seine Finger die Kleidungsstücke in die richtigen Falten und brachten sie in einem Mindestmaß von Raum unter. Bald konnte er die letzten Riemen zuschnallen und seinem Herrn die Kofferschlüssel übergeben. Dann fuhr er im Lift nach oben, um seine eigenen Habseligkeiten reisefertig zu machen.

Während er durch den Gang zu seinem Zimmer schritt, kamen ihm die Beutel in Tarantolas Schrank wieder in den Sinn. Die Gelegenheit war günstig. Der Dolmetscher war jetzt mit einer größeren Gesellschaft in der Stadt und würde kaum vor der Essenszeit zurückkommen. Fraglich war es nur, ob sein Zimmer offen oder verschlossen war. Rudi ging den Flur weiter bis zu der Tür. Sie stand halb offen, und er schlüpfte in das Zimmer. Ein wenig einladendes Bild bot sich ihm hier. Auf dem Tisch sah man noch die Spuren des gestrigen Gelages, benutzte Gläser, Weinflecke und Reste von Tabakasche. Vor dem Bett stand ein Eimer. Ein nasser Lappen lag daneben, ein Schrubber lehnte gegen das Bett.

Rudi übersah die Lage. Das Zimmermädchen, mit der Säuberung des Zimmers beschäftigt, war offenbar irgendwie abgerufen worden und konnte jeden Augenblick zurückkommen. Eile tat not. Schnell sprang er zu dem Schrank, öffnete die Tür und beugte sich tief hinein, um nach einem Beutel zu greifen.

Da hörte er Schritte auf dem Gang. Nur der eine Gedanke hatte in ihm Raum: sich hier nicht finden lassen! Der geräumige Schrank bot Platz. Er huschte hinein, zog die Tür hinter sich zu und zwängte sich in eine Ecke hinter die Kleidungsstücke. Kaum war dies geschehen, als ihm das Verkehrte seiner Handlungsweise klar wurde. Kam jetzt das Zimmermädchen zurück, dann konnte er hier mindestens eine halbe Stunde stecken, bis sie mit dem Aufräumen fertig war, und wenn sie nachher die Stubentür abschloß, saß er erst recht in der Falle.

Doch schon war es zu spät. Er hörte die Zimmertür aufgehen und vernahm Schritte auf der Diele, Schritte, die für ein Zimmermädchen viel zu schwer waren. Wer kam da? Das Herz schlug Rudi bis in den Hals. War es etwa Tarantola? Kam dieser doch schon früher zurück? Rudi begann sein Abenteuer zu verwünschen. So eng wie möglich schmiegte er sich an die Hinterwand des Schrankes und zog die vor ihm hängenden Kleider zusammen. Immer näher kam das Knarren der Dielen. Er hörte, wie jemand nach dem Schrankschlüssel griff, hörte—das Blut drohte ihm zu stocken—die Stimme Tarantolas, der vor sich hin schimpfte, weil der Schrank nicht verschlossen war.

Ein schwacher Lichtschein drang in Rudis Augen. Durch eine schmale Lücke zwischen den Kleidungsstücken konnte er beobachten, wie Tarantola sich bückte, in den Schrank griff und einen jener Beutel herausnahm. Ohne die Schranktür wieder zu schließen, ging er zurück und nahm aus der Tischschublade ein Dutzend kleiner Pappschachteln. Nun öffnete er den Beutel, füllte die Schachteln daraus mit einem weißen Pulver und ließ sie in seinen Taschen verschwinden. Sorgfältig schnürte er danach den Beutel wieder zu und stellte ihn in den Schrank zurück. Die Tür knarrte. Um Rudi wurde es wieder dunkel. Er hörte, wie der Schrankschlüssel im Schloß umgedreht wurde. Die Schritte entfernten sich und verklangen auf dem Flur.

Gefangen! Im Schrank eingeschlossen! Eine abscheuliche Geschichte! Langsam wurde Rudi seiner Aufregung Herr. Allmählich begann sein Herz wieder ruhiger zu schlagen. Gefangen? Ah bah! Er war nicht der Mann danach, sich in einem alten wackligen Schrank fangen zu lassen. Seine Rechte griff in die Hosentasche und holte ein kräftiges Messer heraus. Er schob sich durch die Kleidungsstücke nach vorn und öffnete die Klinge. Ein feiner Lichtstreif verriet ihm die Türspalte. Dicht unter dem Schloßriegel schob er die Klinge in den Spalt. Ein kurzer Ruck—krachend ging die Tür auf. Mit einem Satz sprang Rudi aus dem Schrank und warf die Tür zu.

Tief aufatmend stand er einen Augenblick im Zimmer und blickte sich nach allen Seiten um. Mechanisch klappte er das Messer wieder zu und ließ es in der Tasche verschwinden. Dann warf er einen Blick in den Flurgang. Weit und breit war niemand zu sehen. Sollte er jetzt unverrichteter Dinge abziehen, das Abenteuer aufgeben, nachdem das Schlimmste vorbei war? Nein, nun gerade nicht! Der Sicherheit halber drückte er die Zimmertür ins Schloß. Dann machte er den Schrank wieder auf und griff sich einen Beutel heraus. Nun tat er genau das, was er eben bei Tarantola gesehen hatte. Er holte sich auch eine Pappschachtel aus dem Tischkasten, füllte sie mit dem weißen Pulver und steckte sie in die Tasche. Dann band er den Beutel zu, stellte ihn zurück und schloß den Schrank.

Als er in sein Zimmer zurückkehrte, sah er am andern Ende des Flures das Stubenmädchen herankommen. Keine Minute zu früh, dachte er, als er das eben erbeutete Schächtelchen zusammen mit andern Dingen in seinen Koffer packte.

Seit drei Tagen war die »Warana« in See. Drei Tage zählen an Bord eines Schiffes soviel wie drei Monate auf dem Lande. Reisebekanntschaften waren geschlossen worden, und schon begannen die Fahrgäste sich wie eine große Familie zu fühlen. Gransfeld hatte in Doktor Krone, dem Arzt der »Warana«, einen Studienfreund aus seiner Tübinger Zeit getroffen, und die alte Bekanntschaft wurde wieder aufgefrischt.

Am Nachmittag schlug das Wetter um. Eine eisige Bora peitschte das Meer und machte den Aufenthalt auf Deck ungemütlich. Ein Teil der Fahrgäste verschwand mit spitzen Nasen und grünen Gesichtern in ihren Kabinen.

»Weißt du, Gransfeld«, meinte Doktor Krone, »das wird ein richtiges Grogwetter. Komm mit in meine Kabine! Dein Boy kann für das nötige heiße Wasser sorgen. Einen erstklassigen Rum und auch Zucker habe ich auf Lager. Da können wir gemütlich plaudern.«

Gransfeld nahm dankend an, und bald saßen die beiden im Gespräch hinter dampfenden Gläsern.

»Alle Wetter, Krone, du wohnst ja fürstlich! Außer deiner Kabine hast du noch den großen Raum hier mit der ganzen Einrichtung, einen Operationstisch und eine vollständige Bordapotheke. Mancher Kollege auf dem Lande könnte dich darum beneiden. Was hast du denn da noch? Das sieht ja ganz nach Laboratorium aus.«

Krone nickte. »Richtig geraten, alter Schwede. Das ist so ein kleiner Sport von mir. Manche Leute behaupten, daß ein Schiffsdoktor sich bloß auf Knochenbrüche zu verstehen brauche. Aber ich sage dir, gerade die Schiffspraxis zwischen drei Weltteilen bringt hochinteressante Fälle. Doch muß man natürlich mit den neuesten Errungenschaften vertraut sein, wenn man Gewinn daraus ziehen will. So muß man bei ansteckenden Krankheiten zum Beispiel Bakterienkulturen anlegen und mikroskopieren können. Sieh mal das neue Zeiß-Mikroskop! Das ist mein besonderer Stolz. Na, die Reederei weiß auch, was sie an mir hat! Ungeklärte Fälle und überflüssige Quarantänen gibt's bei mir nicht. Was vorkommt, wird richtig diagnostiziert und nach Möglichkeit geheilt.«

Gransfeld lachte. »Du bist doch immer noch der Alte! ›Bescheidenheit ist eine Zier, doch weiter kommt man ohne ihr‹, war ja schon in Tübingen dein Lieblingswort. Aber sage mal, der Glasschrank da an Backbord sieht so nach Chemie aus! Was hast du denn da drin?«

»Alles, mein Lieber, was ein moderner Schiffsarzt braucht, um die an Bord nötig werdenden Analysen selber vornehmen zu können.«

Gransfeld schwieg und rührte nachdenklich in seinem Grog herum.

»Warum bist du so schweigsam, Gransfeld? Denkst du, ich übertreibe?«

»Durchaus nicht, Krone. Mir fällt nur ein, du könntest mir mit diesen Hilfsmitteln einen Gefallen erweisen.«

»Aber gern, Gransfeld, wenn es in meinen Kräften steht.«

»Hm! Ich erzählte dir von meinem Onkel in Syut. Ein Betäubungsmittel soll bei seinem Tode eine verhängnisvolle Rolle gespielt haben.« Er drückte auf den Klingelknopf. Rudi kam in den Raum. »Rudi, in meinem kleinen Kabinenkoffer unten links liegt eine blaue Pappschachtel. Bring' mir die einmal her!«

Rudi ging und kam mit dem Gewünschten zurück.

»Siehst du, Krone, diese Schachtel fand sich im Schlafzimmer meines Onkels. Von dem Zeug soll er zu viel genommen haben. Kannst du herausfinden, was das ist?«

Doktor Krone öffnete die Schachtel. Ihr Inhalt bestand aus kleinen weißen Tabletten. Er roch und leckte daran.

»Hm, sieht weiß aus, schmeckt bitter, ist fast geruchlos. Das ist irgend etwas aus der Hexenküche der Teerchemie. Hast du eine Vermutung, was es sein könnte?«

»Ich weiß nur, daß es ein schmerzlinderndes und in größerer Menge tödlich wirkendes Mittel sein soll.«

Doktor Krone schüttelte den Kopf. »Sehr erschöpfend ist deine Auskunft gerade nicht. Da bleibt uns die ganze ungeheure Menge der verschiedenen -ine, -ide und -xyle, die von der chemischen Industrie erzeugt werden. Wir müssen halt probieren.« Er ging mit der Schachtel zum Chemieschrank.

Gransfeld folgte ihm und sagte dabei: »Mir ist so, als ob der englische Kollege in Syut von ›Heroin‹ gesprochen habe.«

Krone pfiff durch die Zähne. »Warum sagst du das nicht gleich? Das kann die Sache ganz wesentlich vereinfachen.« Er nahm ein Reagenzglas, füllte es aus einer der Flaschen, schabte von einer der Tabletten ein wenig Pulver hinein und rührte mit einem Glasstab um. In wenigen Sekunden färbte sich die Flüssigkeit rot.

»›Sieh da, sieh da, Timotheus!‹ Ist heroinverdächtig. Noch eine zweite Probe, und wir werden es sicher wissen.«

Aus mehreren Flaschen stellte Doktor Krone mit Hilfe von Mensurgläsern eine neue Flüssigkeit zusammen und rührte sie gut durcheinander. »Sei so gut, Gransfeld, und halte das Glas! Und nun, gib acht!« Er griff nach der Tablette und dem Messer. »Wenn die Geschichte sich jetzt olivgrün färbt, dann ist's mit Sicherheit Heroin.«

Mit dem Messer begann er an der Tablette zu schaben, während Gransfeld mit dem Glasstäbchen umrührte. Fast augenblicklich färbte sich die Lösung grün. Prüfend hielt Krone sie gegen das Licht. »Jeder Zweifel ist ausgeschlossen, Gransfeld. Es ist bestimmt Heroin. Nebenbei bemerkt, reicht die Menge hier aus, um ein Dutzend Menschen ins Jenseits zu bringen. Irgendwelche vorschriftsmäßige Rezeptur oder Fabrikmarke ist auch nicht auf der Schachtel. Wie ist dein Oheim zu diesem Zeug gekommen?«

Gransfeld zuckte die Achseln. »Das möchte ich auch gerne wissen.«

Krone spülte seine Reagenzgläser aus und setzte sich wieder an den Tisch.

Rudi wurde hereingerufen und mußte dann die Gläser noch einmal füllen.

»Jetzt mimst du den Schweigsamen«, sagte Gransfeld. »Worüber denkst du denn nach?«

Krone nahm einen Schluck aus seinem Glase und begann dann zu sprechen: »Manchmal kommen mir Zweifel, Gransfeld, ob wir Ärzte noch ein Recht haben, uns Wohltäter der Menschheit zu nennen. Alle diese modernen Narkotika, Morphium, Kokain, Heroin und so weiter—in unsern Händen sind sie lindernde Mittel, die den Kranken unendliche Leiden ersparen: in den Händen von gewissenlosen Menschen—sagen wir ruhig von Verbrechern—drohen sie eine Geißel für die Menschheit zu werden. Was helfen die strengsten Vorschriften über den Verkehr mit diesen Mitteln, wenn habgierige Banden sich darüber hinwegsetzen und das Gift skrupellos unter die Leute bringen!«

Gransfeld unterbrach seinen Kollegen. »Du urteilst wohl zu schroff. Ich habe auch manches über den geheimen Rauschgifthandel gehört, aber du kannst uns Ärzte doch nicht dafür verantwortlich machen.«

»Vielleicht doch, Gransfeld. Nur allzu leicht gewöhnen sich die Patienten, denen wir damit Linderung verschaffen, an diese Mittel. Sind sie nachher unserer Obhut entzogen, dann können sie dem verderblichen Drange nicht widerstehen und fallen den Rauschgifthändlern in die Hände. Damit aber ist ihr Schicksal besiegelt, unaufhaltsamer körperlicher und geistiger Verfall ihr Los. Es klingt vielleicht hart, wenn ich es sage, aber dein Onkel hat nach meiner Meinung noch Glück gehabt, daß er solchem Ende durch einen plötzlichen Tod entgangen ist.«

»Du magst recht haben, Krone, aber auch hier muß der alte Satz gelten, daß der Mißbrauch den Gebrauch nicht ausschließt. Willst du etwa auf alle diese Mittel verzichten und deine Patienten unnötige Schmerzen erdulden lassen, nur weil gewissenlose Menschen mit diesen Mitteln Mißbrauch treiben?«

»Das nicht, aber ...« Krone stockte einen Augenblick und fuhr sich nachdenklich über die Stirn. »Wir müßten die Patienten noch während der Behandlung so gründlich von diesen Mitteln entwöhnen, daß sie später gar nicht mehr in Versuchung kommen können. Ich habe da gewisse Pläne, Gransfeld. Die Serumtherapie könnte uns, glaube ich, eine Möglichkeit geben, die Patienten gegen alle späteren Versuchungen gefeit zu machen. Der gegenwärtige Zustand ist jedenfalls unhaltbar. Weit mehr als die Hälfte alles erzeugten Morphiums wird nicht von der ordentlichen Heilkunde, sondern von Leuten verbraucht, die dem Gift verfallen sind. Noch schlimmer sieht es mit dem Kokain, dem Heroin und andern Mitteln.«

Die Dämmerung sank langsam herab, während die beiden Ärzte im Gespräch über diese für die Volksgesundheit so wichtige Frage zusammensaßen. Interessiert betrachtete Gransfeld das Zahlenmaterial, das Krone zur Unterstützung seiner Behauptungen herbeibrachte. Erstaunt hörte er an, was ihm dieser von dem internationalen Händlertum zu erzählen wußte. Gut organisierte, mit reichen Geldmitteln ausgestattete Banden sollten es sein, die sich die Gifte durch Bestechung, Diebstahl und andere ungesetzliche Mittel in großen Mengen verschafften, um sie mit ungeheurem Gewinn an die unglücklichen Opfer zu verschachern.

Erst als der Gong zum Diner rief, fand die Unterhaltung ein Ende.


Öfter als einmal war Rudi während des Nachmittags in die Kabine von Doktor Krone gerufen worden und hatte auch die interessanten Experimente mit der roten und grünen Flüssigkeit mit angesehen. Was er dabei aufschnappte, war geeignet, seine niemals schlummernde Neugier mächtig zu erregen. Was hatten sich die beiden da drinnen erzählt? Es gab also Leute, die auf solche Tabletten und Pülverchen so versessen waren wie ein anderer Mensch etwa auf Schokolade oder auf ein gutes Glas Wein? Das war ja eine ganz merkwürdige Sache!

Noch während er das dachte, war Rudi aus der Koje geklettert und an seinen Koffer gegangen. Jetzt hielt er die Schachtel, die er damals dem Dragoman weggenommen hatte, offen in der Hand. Sollte er? Sollte er nicht? Ach was! Probieren geht über Studieren. Ein Löffel war nicht bei der Hand. Kurz entschlossen schüttete er sich aus der Schachtel eine Portion von dem Pulver auf die Zunge und begann darauf zu kauen und zu schlucken. Pfui Teufel, wie ekelhaft schmeckte das Zeug, gallebitter und sauer durcheinander! Schweißperlen traten ihm auf die Stirn. Er spuckte, griff nach der Karaffe und stürzte ein Glas Wasser hinunter. Immer noch blieb der niederträchtige Geschmack im Munde. Erst ein zweites Glas, das er in kleinen Schlucken trank, befreite ihn davon. Er schüttelte sich. Alle Wetter, war das ein Reinfall! Die Leute, die daran Geschmack fanden, konnten ihm leid tun. Ein ordentliches Stück Schokolade war doch eine viel bessere Sache. Er steckte die Schachtel wieder in seinen Koffer, kroch in die Koje und fiel fast augenblicklich in einen tiefen, traumlosen Schlaf.


Die Vormittagssonne schien bereits durch das Bullauge, als die Stimme Gransfelds den Jungen in die Wirklichkeit zurückrief. »Rudi, was ist mit dir los? So die Zeit zu verschlafen! Sonst läßt du doch das Frühstück nicht aus!« Er sah Rudi, der sich schlaftrunken aufzurichten versuchte, schärfer an. Grüngelb sah dieser im Gesicht aus. »Junge, bist du seekrank?« Gransfeld warf einen Blick durch das Bullauge. »Unsinn, die See ist ja spiegelglatt! Menschenskind sprich endlich! Bist du krank?«

Mühsam kam Rudi mit dem Oberkörper in die Höhe. Ein wütender Kopfschmerz hämmerte in seinem Schädel. Jedes einzelne Haar tat ihm weh. Die ganze Welt schien sich um ihn zu drehen. Dazu verspürte er eine scheußliche Übelkeit. Er griff nach der Karaffe und nahm einen Schluck Wasser.

Inzwischen griff Gransfeld nach Rudis Puls. Er ging matt und unregelmäßig.

Lamentatio felium gigantea, stellte Gransfeld bei sich fest und fuhr den Jungen dann an: »Bengel, du hast einen überlebensgroßen Kater! Du mußt gestern abend schandbar getrunken haben. Mit wem hast du dich denn noch herumgetrieben?«

Bei den Vorwürfen Gransfelds sackte Rudi wieder wie ein Häuflein Elend in die Koje zurück und preßte die Hände gegen die schmerzenden Schläfen. Ein heulendes Elend überwältigte ihn. Stoßweise, von Schlucken und Schluchzen unterbrochen, kamen die Worte aus seinem Munde. »Herr Doktor—ich habe nichts getrunken—ich habe—von dem Pulver gekostet ...«

»Pulver? Von welchem Pulver?«

»Von dem Rauschpulver, Herr Doktor.«

Einen Augenblick dachte Gransfeld an seine Schachtel. Doch die befand sich ja unter sicherem Verschluß.

»Rauschpulver? Rauschpulver, Junge? Ich verstehe dich nicht. Wie kommst du an das Rauschpulver?«

»Im Splendidhotel—der Dragoman hatte welches. Da habe ich mir heimlich was—heimlich etwas genommen.«

Stück für Stück holte Gransfeld aus dem Jungen die Geschichte heraus und nahm das Schächtelchen an sich. »Bleibe vorläufig in deiner Koje, Rudi! Ich werde dir nachher ein Mittel gegen deinen Kater geben. Bis dahin bereue deine Sünden und versprich mir, nie wieder an solchem Teufelszeug zu lecken!«

»Niemals wieder, Herr Doktor, ganz gewiß: niemals wieder!« rief Rudi stöhnend, als Gransfeld aus der Kabine ging.

Dann saß dieser wieder mit Krone zusammen. Auch dieses Pulver hatte sich bei der Analyse als Heroin erwiesen.

»Du siehst, Gransfeld, wie die ganze Welt von den Rauschgiftpiraten verseucht wird. Der Dragoman eines großen Hotels, der im Laufe eines Jahres mit vielen wohlhabenden Gästen zu tun hat—einen besseren Mittelsmann für ihr unsauberes Geschäft können die Kerle nicht finden; der sieht es jedem schon an der Nasenspitze an, ob er als Kunde in Betracht kommt, und verkauft es ihm zu sündhaften Preisen.«

»Man müßte dem Burschen das Handwerk legen«, fuhr Gransfeld auf.

Krone zuckte die Achseln. »Hat wenig Zweck, Gransfeld. Wenn man nicht die ganze Organisation fassen und vor allen Dingen die Quellen verstopfen kann, aus denen die Bande ihre Ware bezieht, dann nutzt das wenig.« Er ging zu dem Apothekenschrank und kam mit einer Arznei zurück. »Hier dieses Mittelchen gib erst mal dem Jungen, damit ihm besser wird! Wir können später noch über die Sache sprechen.«


Als Rudi am Nachmittag wieder erwachte, hatte das Mittel Krones seine Schuldigkeit getan. Er war imstande, aufzustehen und auf Deck zu kommen.

Gransfeld nahm ihn beiseite. »Laß dir das eine Lehre sein, Rudi! Gewissensbisse darüber, daß du dem Tarantola das Pulver weggenommen hast, brauchst du dir nicht zu machen. Der Kerl ist sicher ein großer Halunke. Für die Zukunft aber: Vorsicht, Rudi, und Verschwiegenheit! Nicht nur in der See gibt's Haifische, auch anderswo, zweibeinige Haifische, mein Junge! Eine Probe davon, wie gefährlich die sind, hast du auf der ›Usakama‹ bekommen. Halte die Augen offen! Wenn du etwas Verdächtiges entdeckst, vertraue es mir an, aber mir allein! Zu allen andern schweige darüber!«

Rudi versprach, was Gransfeld von ihm forderte.

* * * * *

Nach dem Lunch machte es sich Gransfeld in einem der Liegestühle auf Deck bequem. Aber jene behagliche Ausspannung, die sich sonst im Verlaufe einer mehrtägigen Seereise einzustellen pflegt, blieb ihm fern. Allzu sehr gingen ihm die Erlebnisse der letzten Woche durch den Kopf. Immer wieder mußte er an den Holländer und an den Griechen im Splendidhotel denken. Nicht ausgeschlossen, daß sie die Lieferanten des Dragomans waren. Höchstwahrscheinlich auch, daß der Ehrenmann Rasati mit ihnen unter einer Decke steckte. Morton, der lange Schotte, gehörte sicher zu der Bande. Eine erbauliche Reihe von Zeitgenossen war das ja!

Außer Zweifel stand für Gransfeld auch, daß der Grieche seinem Onkel das verhängnisvolle Narkotikum geliefert hatte. Doch wer hatte die Statuette des Sethos gestohlen? Der Grieche? Sooft ihm der Gedanke kam, verwarf ihn Gransfeld wieder. Zu wertvoll war dieses Kunstwerk. Wenn es irgendwo auf dem Markte auftauchte, mußte es Aufsehen erregen und Nachfragen nach der Person des Verkäufers veranlassen. Würde ein Mitglied der Bande etwas Derartiges wagen, ein Mensch, der das größte Interesse daran haben mußte, im Verborgenen zu bleiben? Das war unwahrscheinlich. Doch wer anders als Megastopoulos konnte die Statuette genommen haben? Nur der Grieche war bei seinem Onkel gewesen. Gransfeld griff sich an die Stirn. Blitzartig kam ihn ein Gedanke. Die Dummheit! Die große Dummheit, die jeder Verbrecher einmal macht—war es das? Hatte der Grieche gestohlen, trotzdem er dadurch die Gefahr einer Entdeckung heraufbeschwor?

Die Stimme Rudis riß ihn aus seinen Gedanken. »Was bringst du, Junge?«

Rudi beugte sich dicht zu ihm und sprach flüsternd: »Ich war mit dem Bootsmann im Laderaum. Die Koffer von Morton und dem Holländer auf der ›Usukama‹ sind wieder hier an Bord. Ich habe sie unten gesehen.«

Gransfeld schüttelte den Kopf. »Einbildung, Rudi! Ein moderner Koffer sieht aus wie der andere. Von solchen Koffern gibt's Tausende. Die werden nicht gerade für Morton und van Holsten eigens gemacht sein.«

Er hielt inne. Unwillkürlich kam ihm bei den Worten »eigens gemacht« ein neuer Verdacht. Eigens gemacht? Las man nicht oft genug in den Zeitungen, daß diese Händler sich Koffer mit doppelten Wänden und Böden anfertigen ließen, durchtriebene Machwerke, in denen sie die Rauschgifte von Land zu Land schmuggelten?

Rudi versicherte, daß er sich bestimmt nicht täusche. Er erzählte, daß ihm gerade diese Koffer schon auf früheren Fahrten aufgefallen seien, manchmal im Gepäck von Leuten, die nach Port Said fuhren, dann wieder im Gepäck von andern, die von Port Said zurückkamen.

Als der Junge geendet, fragte Gransfeld: »Weißt du denn überhaupt, zu wem die Koffer jetzt gehören?«

»Nein, Herr Doktor, sie liegen ganz unten zwischen dem Hamburger Gepäck. Ich konnte die Schilder nicht sehen.«

»Hamburger Gepäck?« Gransfeld sprang von seinem Stuhl auf. »Bist du ganz sicher, daß die Koffer nach Hamburg gehen?«

»Bestimmt, Herr Doktor. Das Gepäck ist im Laderaum nach den Häfen geordnet. Das für Genua liegt zuoberst, das für Hamburg ganz unten.«

»Hm, Rudi, wir gehen in Genua nicht an Land, wir fahren bis Hamburg weiter. Die Leute, zu denen die Koffer jetzt gehören, müssen an Bord sein. Sperr deine Augen auf, aber halte deinen Mund!«

Gransfeld begab sich zum Zahlmeister, um seine Fahrkarten bis Hamburg verlängern zu lassen.


Durch Mittelmeer, Atlantik und Nordsee ging die Fahrt. In mancherlei afrikanischen und europäischen Häfen legte die »Warana« an. Als sie Rotterdam, den letzten Hafen vor Hamburg, verließ, lagerten die verdächtigen Koffer noch an ihrem Platze, aber trotz allen Anstrengungen war es Rudi nicht gelungen, etwas über ihre Eigentümer in Erfahrung zu bringen.

Gransfeld vertröstete ihn. »Während der Zollabfertigung in Hamburg müssen die Besitzer notgedrungen bei ihren Koffern sein. Da paß scharf auf, da können sie uns nicht entgehen!«

Im Morgengrauen passierte die »Warana« Cuxhaven und fuhr elbaufwärts. Am frühen Nachmittag lief sie mit halber Maschinenkraft in den Hamburger Hafen ein. Der Tender kam längsseit und übernahm die Reisenden und ihr Gepäck. Ein buntes Durcheinander herrschte auf dem kleinen Schiff. In dem Gewimmel vermißte Gransfeld plötzlich seinen Begleiter. Vergebens blickte er suchend nach allen Seiten.

Schon schob sich der Tender an den Zollkai heran. Wenige Minuten noch, dann würde die Landungsbrücke fallen. Da spürte Gransfeld ein Zupfen am Ärmel. Als er sich umdrehte, stand Rudi hinter ihm. »Ich hab's«, flüsterte er. »Eine Rumänin, Frau Helena Dimitriescu, reist mit den Koffern, die große, schlanke Dame da vorn an Backbord neben den beiden Matrosen.«

»Bravo, Junge! Wie hast du das so schnell herausbekommen?«

»War ein glücklicher Zufall, Herr Doktor. Ich hatte mich an die Koffer gemacht und eben den Namen gelesen, da kam eine Dame heran, gab einem der Matrosen ein Trinkgeld und zeigte dabei auf die beiden Koffer. Na, da war's ja sonnenklar!«

»Gut, Rudi. Bist du auch vorsichtig gewesen und nicht etwa irgendwie aufgefallen?«

»Keine Spur, Herr Doktor! Nahe dabei lagen unsere Koffer. Die habe ich einem andern Matrosen gezeigt und ihm ein Trinkgeld gegeben. So war die Sache doch ganz unauffällig.«

»Hoffen wir, mein Junge!« sagte Gransfeld.

Der Tender machte am Kai fest. Laufbrücken wurden auf das Deck geschoben, Reisende und Gepäck kamen in die große Zollhalle. In alphabetischer Reihenfolge nach den Namensschildern wurden die Gepäckstücke von den Trägern auf den langen Tischen ausgelegt. D ist von G nicht weit im Alphabet entfernt. So blieb Gransfeld in der Nähe der Dimitriescu, während Rudi draußen schon eine Autodroschke mit Beschlag belegte. Diese Vorsicht erwies sich als nützlich, denn die Rumänin wurde von einem Privatauto erwartet und fuhr unmittelbar nach der Zolldurchsicht ab.

»Folgen Sie dem Wagen vor uns!« befahl Gransfeld dem Lenker. »Wir wollen in dasselbe Hotel.« Das war verkehrt, wenn sie etwa gar nicht zu einem Hotel fährt, fuhr es ihm im gleichen Augenblick durch den Sinn.

Die Fahrt ging nach dem Viertel an der Binnenalster. Vor dem Kolumbiahotel hielt das Privatauto. Auch Gransfeld mit seinem Begleiter nahm dort Wohnung. Der Jagdeifer war in ihm erwacht. Unwillkürlich fühlte er, daß der Tip mit den Koffern ihn auf der einmal aufgenommenen Spur weiterbringen müsse, weiter, immer weiter—bis sich an ihrem letzten Ende vielleicht die Statuette des Serhos wiederfand. »Die Augen auf, Rudi!« mahnte er den Jungen. »Paß' auf wie ein Schießhund, aber sei vorsichtig! Der Zufall könnte es wollen, daß irgendwer da ist, der dich von früher her kennt.«


Gransfeld war noch dabei, sich für das Abendessen umzukleiden, als Rudi zu ihm ins Zimmer zurückkam. »Herr Doktor, ich glaube, unten im Empfangszimmer den Holländer von der ›Usakama‹ gesehen zu haben.«

Gransfeld pfiff durch die Zähne, dann fragte er: »Den Holländer? Van Holsten? Meinst du etwa den?«

»Ja, ich glaube, er ist es«, entgegnete Rudi.

»Du glaubst? Na, Rudi, den Menschen mußt du doch genau kennen, von damals auf der ›Usakama‹ du weißt doch!«

»Ja, Herr Doktor, gerade darum. Ich denke, ich kenne ihn genau, aber der hier—sieht ihm zwar ähnlich und ist doch wieder verändert.«

Gransfeld schlug ihm lachend auf die Schulter. »Wenn er anders aussieht, dann ist er's bestimmt.«

Rudi starrte seinen Herrn verständnislos an.

Der sagte, immer noch lachend: »Das habe ich nämlich schon in Port Said herausbekommen, daß der Holländer Namen und Aussehen nach Belieben wechselt. Aber, mein Junge, er kennt dich sehr genau und hat dich bestimmt in keiner guten Erinnerung. Verschwinde auf dein Zimmer und laß dir da etwas zu essen geben! Vorläufig, Rudi, untertauchen, unsichtbar bleiben!«

Gransfeld selbst ging zum Abendessen in den Speisesaal. Seine Augen brauchten nicht lange zu suchen. Da saß die Rumänin und am selben Tisch mit ihr—gewiß, das war van Holsten oder van der Meeren oder wie er sonst heißen mochte. Er war's, wenn er Gransfeld heute auch wieder anders vorkam als bei den früheren Begegnungen. Er hatte eine andere Haartracht, andere Haarfarbe, veränderte Gestalt. Mynheer haben seit Port Said wieder etwas zugenommen, stellte Gransfeld fest.

Nach dem Abendessen saß der Doktor in der Vorhalle. Während er dem Rauch seiner Zigarette nachblickte, wanderten seine Gedanken. Was hatte die ägyptische Reise aus ihm gemacht? Anstatt auf kürzestem Wege zu seiner ärztlichen Praxis zurückzukehren, war er um halb Europa herumgegondelt. Warum? Um ein paar Koffern zu folgen, die ihn im Grunde nichts angingen. Und jetzt saß er hier wie ein Berufsdetektiv, um etwas über die Besitzer dieser Koffer zu ergründen. War's nicht Unsinn, daß er sich auf das Abenteuer eingelassen hatte?

Ein Hotelboy trat zu Gransfeld. »Herr Doktor, Sie werden am Haustelephon verlangt.«

Gransfeld ging zum Apparat und hörte die Stimme Rudis. »Herr Doktor, die beiden Koffer gehen eben mit dem Fahrstuhl nach unten. Wahrscheinlich werden sie weggebracht.«

»Es ist gut, Rudi. Bleibe auf deinem Zimmer! Ich werde das selbst besorgen.«

Er ließ sich von einem Pagen Hut und Mantel holen. Der Pförtner mußte ihm eine Autodroschke heranpfeifen, die vorläufig auf ihn warten sollte.

Wenige Minuten später brachte der Hausdiener die beiden Koffer durch die Halle zu einem Privatauto. Unmittelbar darauf stieg der Holländer mit der Dame in den Wagen.

»Folgen! Dem Wagen da vor uns folgen, bis er irgendwo hält!« befahl Gransfeld seinem Chauffeur.

»Jawohl, Herr Kommissar!« antwortete der Mann. Er glaubte einen Beamten der Hamburger Kriminalpolizei vor sich zu haben.

Der Wagen rückte an und kam in Fahrt. An der nächsten Straßenecke sprang eine Gestalt auf das Trittbrett, öffnete die Tür und schlüpfte zu Gransfeld in den Wagen.

»Rudi? Verflixter Bengel, was fällt dir denn ein? Du sollst doch auf deinem Zimmer bleiben!«

»Ach, Herr Doktor, jetzt ist's ja dunkel! Niemand hat mich gesehen. Ich konnte es auf dem Zimmer nicht mehr aushalten, ich muß mit dabei sein.«

Während Gransfeld noch brummte, spähte Rudi mit seinen scharfen Augen nach dem voranfahrenden Wagen, zog sein Notizbuch und warf einen Blick hinein.

»Dieselbe Nummer! Es ist derselbe Wagen, Herr Doktor, der die Koffer vom Hafen ins Hotel brachte.«

»Du hast dir die Nummer aufgeschrieben? Sehr verständig Rudi, für alle Fälle; man kann nicht wissen.«

Der Fall, den Gransfeld dabei im Sinn hatte, trat schneller ein, als er dachte. In dem Augenblick, als sie den Dammtorwall erreichten, wechselte das Licht der Verkehrsampel. Der fremde Wagen kam noch durch, der Gransfelds mußte halten. Es war nur ein. Aufenthalt von einer Minute, aber genug, um die Spur zu verlieren. Als die Menge der gestauten Autos wieder in Bewegung kam, war der Privatwagen verschwunden. Vergeblich blieben alle Versuche, ihn wieder zu entdecken. Nach einer Viertelstunde gaben sie das Unternehmen als zwecklos auf.

»Pech, Rudi, Künstlerpech! Der ist uns durch die Lappen gegangen, da hilft nichts mehr.«

»Aber wir haben doch die Nummer, Herr Doktor.«

»Die Nummer, Junge, ja, du hast recht.«

Gransfeld ließ den Chauffeur zur Polizeidirektion fahren. Die Auskunft, die er dort erhielt, war amtlich und nüchtern. Der Wagen gehörte einem Herrn Rasmussen in Harvestehude. Mehr als Namen und Adresse mitzuteilen, hielt der Beamte sich weder für verpflichtet noch für berechtigt. Gransfeld fuhr ins Hotel zurück und ließ sich das Adreßbuch geben. Auch dort fand er nur spärliche Auskunft: C. F. Rasmussen, Ein- und Ausfuhr, Rauchwaren und Chemikalien.—Chemikalien? Nachdenklich stellte Gransfeld das Buch wieder ins Fach zurück.

* * * * *

In seinem Arbeitszimmer saß C. F. Rasmussen mit zwei Gästen zusammen. Mynheer van Holsten von der einen, Helena Dimitriescu von der andern Seite sprachen auf den Hausherrn ein, der den Eindruck eines müden und kränkelnden Mannes machte.

»Nonsense, Rasmussen! Hochbetrieb! Das Geschäft blüht. Unsere Kunden verlangen die Ware. Sie müssen liefern!«

Der Hamburger griff nach der linken Brustseite, als ob er dort Schmerzen verspüre.

»Warum zögern Sie mit der Lieferung, Herr Rasmussen?« unterstützte die Rumänin ihren Begleiter. »Wir haben Nachricht, daß frische Ware in Gorla verfügbar ist. Sie dürfen uns nicht im Stich lassen.«

Rasmussen nahm einen Schluck Wasser und ließ sich in den Sessel zurückfallen. »Ich bin leidend, Frau Dimitriescu. Die unaufhörlichen Aufregungen verschlechtern meinen Zustand. Ich bin es mir und meinem Kinde schuldig, auf meine Gesundheit Rücksicht zu nehmen. Warum quälen Sie mich?«

»Quälen?« rief der Holländer. Ein höhnischer Zug spielte um seine Lippen. »Früher ist es Ihnen keine Qual gewesen, das Geschäft mit uns zu machen. Sie haben gut dabei verdient, vielleicht am besten von uns allen. Jetzt, wo Sie ein gemachter Mann sind, wollen Sie nicht mehr mittun und uns einfach sitzen lassen. Das gibt es nicht, Rasmussen! Wir haben unser Schäfchen noch nicht im Trocknen, und Sie müssen ...« Er warf einen Blick auf das Gesicht des Hausherrn und bekam einen Schreck. Wie alt und verfallen sah der Mann plötzlich aus! Unangenehm, sehr unangenehm, wenn der am Ende doch plötzlich zusammenbrach.

Der Holländer lenkte ein. »Nehmen Sie Vernunft an, Rasmussen! Es ist Ihr eigener Vorteil. Von uns allen wagen Sie am; wenigsten dabei. Diesmal müssen Sie noch mitmachen. Unsere Kunden warten. Wenn Sie wirklich krank sind, wird man später ein anderes Abkommen treffen können.«

Mit einem Seufzer erhob sich Rasmussen und ging zu einem Bücherschrank. Dort stand unter andern Klassikern eine vielbändige Goethe-Ausgabe. Er griff einen Band heraus und kam damit an den Tisch zurück. Das Buch war eine Attrappe. In seinem Hohlraum lagen verschiedene Schriftstücke. Mit einer matten Bewegung schob er seinen Besuchern einen Brief hin.

Die Rumänin beugte sich darüber. Ihre Augen blitzten, während sie langsam, wie buchstabierend, Zeile für Zeile zu lesen begann. Jetzt stockte sie, griff nach ihrer Handtasche und brachte ein winziges Notizbuch zum Vorschein. Es enthielt den Schlüssel für die Chiffre, in der der Brief geschrieben war. Während ihr rechter Zeigefinger langsam von Wort zu Wort über den Brief glitt, blickte sie hin und wieder in das Buch. »Sehr gut!« Sie schob den Brief beiseite und barg das Büchelchen wieder in der Tasche. »Vorzüglich, Herr Rasmussen! X. C. 17 schreibt, daß große Mengen greifbar sind.« Sie blickte auf die kraftlose Gestalt des Hamburgers und flüsterte van Holsten etwas ins Ohr.

Dieser nickte und wandte sich zu Rasmussen. »Ich glaube, daß Sie nicht imstande sind die Reise zu machen. Geben Sie uns die Einführung an X. C. 17, dann wollen wir es übernehmen.«

Eine Weile zögerte Rasmussen, dann holte er vom Schreibtisch ein Blatt weißes Papier; sein Füllfederhalter raschelte darüber hin. Einzelne Buchstabengruppen entstanden auf der weißen Fläche. Kein Sprachkundiger hätte ihren Sinn und Inhalt zu deuten vermocht. Demjenigen, der die Chiffre kannte, kündeten sie einen klaren Befehl.

Rasmussen löschte das Blatt und gab es van Holsten. Dieser ließ es in seiner Brieftasche verschwinden.

Ein kurzer Abschied, und Rasmussen war allein in seinem Zimmer. Er warf sich in seinen Sessel zurück und preßte die Hände an die Stirn. Über Jahre flogen seine Gedanken zurück. Wie war er in dies Netz verstrickt worden, aus dem er sich seit langem befreien wollte und doch nicht zu befreien vermochte? Damals in der großen Deflationskrise war's, als die angesehensten Häuser wankten. Kein Kapital war im Lande, kein Kunde wollte mehr kaufen. Auch er stand vor dem Ruin, als die Versucher an ihn herantraten, zu raunen und zu locken begannen. Jetzt ehrliche Geschäfte betreiben? Unmöglich! Rauschgifte ausführen, das ist noch ein Geschäft, das tausend Prozent Nutzen bringt. Für so etwas ist die ganze Welt ein guter Kunde. Er hatte gezögert, der Versuchung widerstanden. Aber unaufhaltsam rückte der Tag näher, an dem auch sein Haus stürzen mußte. Da begann er auf die Einflüsterungen zu hören.

Rauschgifte ausführen! Woher sollte man die Ware bekommen? Wie einfach war das, wenn man sich als Glied in die geheime Organisation einfügte, wenn man gehorsam die Weisungen der oberen Stellen ausführte, Weisungen, die scheinbar ganz harmlos waren, wenigstens nichts Ungesetzliches enthielten.

Wie merkwürdig war die erste Anordnung jener geheimen Zentrale, als er schließlich der Versuchung erlegen war! An einen Direktor der Gorla-Werke, den er von früher her kannte, hatte er einen Brief zu schreiben, dessen Text ihm fertig vorgelegt wurde. Es war eine einfache Empfehlung für einen Mann namens Henke, der durch die schlechte Arbeitslage brotlos geworden war und neue Stellung suchte. Er hatte den Brief geschrieben und nach kurzer Zeit die Mitteilung bekommen, daß seine Empfehlung erfolgreich war. Seitdem—ja, seitdem saß Henke in den Gorla-Werken und—hatte »Ware« greifbar.

Was in Gorla geschah, was dieser Henke dort im Dienste der Organisation trieb, das wußte Rasmussen nicht und wollte es auch nicht wissen.

Die ungesetzliche Ausfuhr hatte ihm in den folgenden Jahren reichen Gewinn gebracht und ihm aus allen geldlichen Schwierigkeiten geholfen. Chemikalienhandel? Ein bitterer Zug spielte um seinen Mund. Ein Chemikalienhandel war es; schon, aber ganz anders, als er sich das bei der Gründung seines Handels als ehrbarer Kaufmann gedacht hatte, ein Ausfuhrhandel, der Siechtum und Tod zu vielen Tausenden brachte, ein Handel, den das Gesetz mit den strengsten Strafen belegte. Rasmussen sprang auf. Er mußte sich endlich freimachen von dieser Kette. Er wollte, er mußte es. Sein altes Herzleiden meldete sich. Immer wieder griff seine Rechte an die Brust. Er wollte den Rest seines Lebens in Ruhe verbringen. Mochten die andern treiben, was sie wollten! Verraten wollte er sie nicht, aber freikommen aus dem gefährlichen Getriebe. Den ersten Schritt dazu hatte er heute mit der Erteilung der Vollmacht getan. Hoffentlich würde es ihm bald ganz gelingen.

* * * * *

Gransfeld saß im Lesezimmer des Hotels und blätterte zerstreut in den Zeitungen. Seine Stimmung war nicht die beste; ihn bedrückte der Mißerfolg von gestern. Zwar der Holländer und die Rumänin waren zurückgekommen und wohnten weiter hier, aber die verdächtigen Koffer waren verschwunden. Jagte er nicht am Ende nur einem Trugbild nach? Er griff nach einer andern Zeitung und faßte zufällig das »Journal de Genève«. Immer noch halb abwesend, ließ er seine Augen über die Spalten gleiten.—Da! Was stand da?

»Genève ... Musée des Arts. Wertvolles Angebot.«

Was war das? Eine ägyptische Statuette aus dem dritten Jahrtausend vor Christus war durch einen griechischen Kunsthändler angeboten worden.

Gransfeld packte die Zeitung mit beiden Händen und brachte sie dicht vor die Augen. Wort für Wort las er die Notiz noch einmal.

Dem Direktor des Museums war die Statuette von einem namhaften, seit Jahren auf dem internationalen Markte bekannten griechischen Altertumshändler zum Kaufe angeboten worden.

Nach allem, was Gransfeld von Herrn Megastopoulos wußte und ahnte, konnte er ihn sich schwer als einen angesehenen Kunsthändler vorstellen. Vielleicht war's die so oft erwähnte »Duplizität der Ereignisse«, die ihm hier eine Möglichkeit vorgaukelte. Schließlich gab es ja noch mehr ägyptische Statuetten aus dem dritten Jahrtausend. Doch immerhin, es war eine Möglichkeit. Da stand am Schlusse der Notiz noch eine Bemerkung, daß der Händler sein Angebot auf vierzehn Tage aufrecht erhalte.

Vierzehn Tage! Gransfeld überlegte. Zwei Wochen! Eine lange Zeit. Bis dahin mußten die Dinge hier jedenfalls irgendwie zu einem Ende kommen. Er beschloß, die Museumsangelegenheit im Auge zu behalten und nötigenfalls selbst nach Genf zu fahren.

Auf seinem Zimmer erwartete ihn Rudi. »Etwas Neues, Herr Doktor! Die Rumänin will fort. Sie ist heute vormittag auf dem Reisebüro gewesen.«

»Woher weißt du das, Rudi?«

»Weil ich auch auf dem Büro war. Ich bin ihr vorsichtig nachgegangen und stand im Gedränge dicht hinter ihr, als sie sich eine Fahrkarte nach Gorla besorgte. Mit dem D-Zug morgen früh um neun Uhr dreißig will sie fahren.«

Gorla? Gransfeld warf sich in einen Klubsessel und schloß sekundenlang die Augen. Gorla, die Gorla-Werke! Das war einer der großen Konzerne, in dem sich tagein, tagaus die Wunder der modernen Chemie abspielten. Aus den Destillationserzeugnissen des unansehnlichen, übelriechenden Steinkohlenteers entstanden dort die leuchtenden Anilinfarben und die kostbaren Duftstoffe. Aber auch alle Arzneimittel der Neuzeit ließ die chemische Industrie dort aus dem Steinkohlenteer entstehen. Arzneimittel? Mit geschlossenen Augen glaubte Gransfeld die Spur zu erblicken. Undeutlich begann sie in Syut, führte über Port Said, immer klarer werdend, nach Hamburg und zog sich wie ein leuchtendes Band nach Gorla weiter. Sollte er ihr folgen? Kein Zweifel mehr, das richtige war es. Er sprang auf. Seine Gestalt reckte sich, sein Entschluß war gefaßt.

Verwundert hörte Rudi den sonst so gesetzten Doktor laut vor sich hin pfeifen; die Stelle aus Carmen war es: »Auf in den Kampf, Torero!« Jäh brach er ab. »Los, Rudi! Hier hast du Geld. Geh zum Büro und besorge zwei Plätze! Wir fahren morgen mit demselben Zug lach Gorla.«


Am andern Morgen um 9 Uhr 30 verließ der D-Zug mit Gransfeld und Rudi den Hamburger Hauptbahnhof. Bei der Abfahrt hatten sie die Rumänin nicht zu Gesicht bekommen, aber nach den bestimmten Erkundigungen Rudis war es ja sicher, daß sie irgendwo in dem Zuge sein mußte. Eigentlich war es ganz gut so, wenn sie ihr vorläufig nicht vor die Augen kamen und jede Möglichkeit eines Verdachtes vermieden wurde.


3. DIE »ORGANISATION«

Kurz nach Tisch empfing Rasmussen den Besuch der Dimitriescu. »Ich bin überrascht, Sie noch hier zu sehen. Ich vermutete Sie schon seit Stunden auf der Bahn.« Er schwieg, als er ihre ernste Miene sah, und lud sie mit einer Handbewegung ein, Platz zu nehmen.

Aufgeregt zog sie die Handschuhe von den Fingern und knüllte sie nervös zusammen. »Ein Zwischenfall, Herr Rasmussen. Oh, es ist allerlei geschehen!«

Gespannt fragte Rasmussen: »Hoffentlich nichts Ernstes, Frau Dimitriescu? Aber doch, es muß ernsthaft sein, denn sonst hätten Sie Ihre Reise nach Gorla nicht verschoben.«

»Es ist so ernsthaft, Herr Rasmussen, daß der Chef deswegen aus England gekommen ist. Sitzung findet heute abend um zehn Uhr am bekannten Orte statt. Sie müssen selbstverständlich kommen.«

Während die Dimitriescu sprach, schien ihre Nervosität auch auf Rasmussen überzugehen. »Wissen Sie etwas Näheres, Frau Dimitriescu? Können Sie mir sagen, um was es sich handelt?«

Sie zuckte die Achseln. »Nichts Bestimmtes. Mehrere Sendungen sollen entdeckt und angehalten worden sein.«

Rasmussen wurde ruhiger. »Sendungen angehalten? Du lieber Himmel, das ist schon öfter geschehen! Deshalb braucht doch der Chef nicht selber herzukommen.«

»Es ist nicht nur das, Herr Rasmussen. Die Schweigsamkeit der Polizei ist beunruhigend. Sonst posaunen die Leute jeden kleinen Erfolg aus, diesmal aber—es heißt, daß die gleichzeitigen Beschlagnahmungen in Port Said, Bombay und Schanghai ziemlich bedeutend gewesen sein sollen—diesmal ist kein Wörtchen darüber in den Zeitungen zu lesen.«

»Hm, hm!« Rasmussen schüttelte nachdenklich den Kopf. »Das allerdings—das ist eine merkwürdige Sache.«

Die Dimitriescu fuhr fort: »Die Geschichte kommt dem Chef nicht geheuer vor. Er fürchtet, glaube ich, daß die Polizei einen großen Schlag vorbereitet, und ist hierher gekommen, um neue Verhaltungsmaßregeln zu geben. Sie wissen, daß in solchen Fällen unsere alte Taktik ...«

Näher rückten die beiden jetzt zusammen und sprachen nur noch mit gedämpfter Stimme. Erst nach einer Stunde verabschiedete sich die Dimitriescu.

Als Rasmussen sie in den Vorraum geleitete, trat ihm seine zwanzigjährige Tochter Susanne in den Weg. »Väterchen, wir wollten doch einen Ausflug mit dem Wagen machen. Hast du jetzt Zeit?« Sie stockte, als sie die Fremde in der Gesellschaft ihres Vaters erblickte. »Verzeihung! Ich hatte nicht gesehen ...«

Rasmussen half ihr über die Verlegenheitspause. »Ja, gewiß, mein Kind, ja, wir wollen eine Fahrt ins Freie machen.—Wollen Sie vielleicht mitfahren, gnädige Frau?« wandte er sich an die Dimitriescu.

»Danke, nein, Herr Rasmussen. Sehr liebenswürdig von Ihnen. Ich habe noch Besorgungen in der Stadt zu erledigen. Auf Wiedersehen!« Sie verließ die Wohnung.

Susanne zog ihren Vater in das Wohnzimmer zurück. »Sage, Väterchen, was ist das für eine unsympathische Person, die Fremde, die eben fortging?«

»Mein Kind, die Dame ist die Witwe eines alten Geschäftsfreundes aus Konstantinopel. Ich bin ihr bei ihrer Vermögensverwaltung behilflich. Du kannst dir wohl denken, wie es bei solch einem Todesfall und noch dazu da unten auf dem Balkan zugeht. Ohne meinen Beistand wäre sie kaum durchgekommen.«

»Aber warum kommt sie so oft in unser Haus?«

»Ja, sie wohnt jetzt in Deutschland.«

»So, deswegen? Vielleicht tue ich ihr unrecht, aber ich kann sie nun einmal nicht leiden. Auch der Holländer, der gestern mit ihr hier war—nimm mir's nicht übel, ich finde, das ist ein widerlicher Mensch.«

Rasmussen zwang sich zu einem Lächeln. »Mein liebes Kind, du redest, wie du's verstehst. Im Leben kann man sich seine Leute nicht nach ihren Gesichtern aussuchen. Da heißt es zuallererst: Geschäft ist Geschäft.«

Susanne schlang ihre Arme um Rasmussens Hals. »Du bist so klug, Väterchen, und hast gewiß recht. Aber ich bin doch heilfroh, daß die Dame nicht mitkommen konnte. Jetzt sind wir unter uns und wollen unsern Ausflug machen.«

Kurze Zeit später rollte ihr Kraftwagen durch Wälder und Anlagen elbabwärts auf Blankenese zu.


Nach dem Abendessen verließ Rasmussen sein Haus zu Fuß und ging in der Richtung nach Elmsbüttel zu. Ein weites, dunkles Cape und eine englische Schirmmütze machten ihn in den wenig beleuchteten Vorstadtstraßen nahezu unkenntlich.

Ein einfacher Vorstadtgasthof an der Grenze nach Langfelde zu war sein Ziel. Als die Uhr einer nahen Kirche anhub zehn Schläge zu tun, trat er in die Gaststube und weiter durch einen Flur. An der letzten Tür hing ein einfaches Pappschild. Mit Blaustift stand darauf: »Lotterieverein Konkordia«. Er trat ein. An verschiedenen Tischen saßen bereits kleinere Gruppen, alles in allem etwa ein Dutzend Personen. Im Laufe der nächsten zehn Minuten kamen noch andere hinzu. Merkwürdig international war dieser Lotterieverein. Da saßen ein Kaufmann aus Lodz, bei Rasmussen die Dame aus Rumänien; am nächsten Tische saßen mehrere Engländer, Franzosen und Italiener. Mit gedämpfter Stimme, bald in dieser, bald in jener Sprache, wurde die Unterhaltung geführt und sprang sofort auf harmlose Gegenstände über, wenn die Bedienung ins Zimmer gerufen wurde.

Um viertel elf kam als letzter Mac Andrew, der Chef der Organisation. Schweigend ließ er sich an dem großen Mitteltisch nieder. Von allen Seiten rückten die andern hinzu. Der Bund der Wissenden war beisammen und hielt seine Sitzung. Mac Andrew leitete die Versammlung und gab Bericht.

Böse Nachrichten kamen aus drei Weltteilen. In aller Stille hatten die Zollbehörden ein neues Röntgenverfahren in Gebrauch genommen und ganz unerwartet in verschiedenen Häfen benutzt; ein geistvolles, aber für die Geschäfte der Organisation äußerst gefährliches Verfahren. Schon früher hatte man verdächtige Sendungen mit Röntgenstrahlen durchleuchtet und etwa vorhandene Metallteile, Brillanten und dergleichen schnell entdeckt. Jetzt aber war die Härte der Strahlen so genau dosiert, daß sich auch geringe Dichtigkeitsunterschiede im Inhalt der Sendungen auf dem Leuchtschirm abzeichneten.

Je weiter der Chef in seinem Bericht fortfuhr, umso verdrossener wurden die Mienen seiner Zuhörer. Vorbei war es also mit dem bequemen Verfahren, Beutelchen mit der »Ware« einfach in andere Chemikalien zu packen. Man konnte keine Büchsen mehr verschicken, die eine gehörige Menge der »Ware«, etwa in kohlensaurem Natron oder ähnlichen harmlosen Chemikalien verborgen, enthielten.

»Vorbei, Myladies and Gentlemen!« bestätigte der Chef. »Man hat uns in drei Häfen beträchtliche Sendungen beschlagnahmt. Was wir noch irgendwie aufhalten konnten, haben wir sofort funktelegraphisch aufgehalten. Leider war es unmöglich, alle Sendungen abzustoppen. Der Weg ist uns verbaut. Suchen Sie etwas Neues ausfindig zu machen!«

Die Teilnehmer der Gesellschaft steckten die Köpfe zusammen. Eine schlecht unterdrückte Verwünschung wurde hier und da hörbar. Der Mann aus Lodz begann halblaut auf die Zöllner und die Röntgenstrahlen zu schimpfen. Vor Jahren hatten sie ihm schon seinen Möbeltrick damit verdorben. Wie schön war's damals noch, als man in präparierten Möbeln—Klaviere waren besonders bevorzugt—Dutzende von Kilogrammen des verbotenen Stoffes unterbringen und unauffällig über die Grenze paschen konnte.

»Warum nehmen Sie nicht Automobile?« fiel ihm ein Agent aus Chikago ins Wort. »Damit geht's auch heute noch. Was Sie in die stählernen Rohre stecken, können die Röntgenstrahlen nicht finden. Ein feiner Job war das neulich. Habe aus U.S.A. fünfzig Fordwagen nach Brasilien geschafft, jeden einzelnen geladen mit Ware. Jeder Hohlraum war bis zum Platzen vollgepfropft. Großartiges Geschäft, Gentlemen! Unser brasilianischer Mann ist die Ware natürlich gleich los geworden. Dann aber«—er lachte laut auf—»smarter Junge, der Bursche. Geht hin, verkauft auch die Wagen mit gutem Nutzen und verlangt von der Gesellschaft den ganzen Gewinn als seinen Anteil. Bin neugierig, wie die Sache ausgehen wird.«

Der Chef unterbrach ihn. »Die Angelegenheit mit Antonio Pereira ist geregelt. Er hat den Gewinn an die Gesellschaft abgeführt.—Ich muß Ihre Aufmerksamkeit noch auf einen andern Punkt lenken. Gentlemen, ich ersuche um die größte Vorsicht und Sorgfalt bei der Anwerbung neuer Leute. Der Vorfall in Rom hätte sich vermeiden lassen.«

Gespannt horchten die Versammelten auf. Was war in Rom geschehen?

Der Chef fuhr fort: »Der Händler Giuseppe Moltani bei den Thermen des Caracalla hat den bedenklichen Einfall gehabt, seine Lieferanten an die Polizei zu verraten. Zwei unserer Leute sind verhaftet worden.«

Das Stimmengewirr im Zimmer schwoll an. Ausdrücke des Abscheus, Rufe nach Rache wurden laut. Mit einer Handbewegung beschwichtigte Mac Andrew die Versammlung. »Myladies and Gentlemen, die Gesellschaft hat den Verhafteten die besten und teuersten Verteidiger besorgt.«

»Aber der Verräter, der Hund, der Schuft!« klang es aus der Runde.

»Ist erledigt«, fuhr Mac Andrew fort. »Er wurde mit einem Messer zwischen den Rippen aus dem Tiber gefischt.«

Die Besprechung ging weiter. Der Chef gab neue Richtlinien für den Vertrieb der Ware. Spezialkoffer sollten angefertigt werden. Auch eine stärkere Zuhilfenahme von Schiffspersonal für das Anlandbringen wurde erwogen. Man würde große Bestechungssummen aufwenden müssen. Doch dafür hatte man dann auch eine größere Sicherheit, und die Kundschaft zahlte ja jeden Preis.

Mitternacht hatte längst geschlagen, als der »Lotterieverein Konkordia« seine Sitzung schloß.

»Sie war nicht dabei, Herr Doktor«, meldete Rudi, als die letzten Reisenden des Hamburger D-Zuges den Bahnhof in Gorla verlassen hatten.

Gransfeld biß sich verärgert auf die Lippen. »Dumme Geschichte, Rudi! Du hast aber doch ganz deutlich gesehen, daß sie eine Fahrkarte nach Gorla kaufte?«

»Nun, dann ... Wahrscheinlich ist sie aufgehalten worden und kommt mit einem späteren Zug.« Von einem Wandfahrplan schrieb er sich die Ankunftzeiten der Hamburger Züge ab und gab das Blatt dem Jungen. »Hier ist deine nächste Aufgabe, Rudi. Du wirst dir die Leute, die mit diesen Zügen kommen, genau ansehen. Jetzt zum Gasthof!«


Am nächsten Morgen ging Rudi zum Bahnhof, um auftragsgemäß die ankommenden Reisenden zu beobachten. Gegen zwei Uhr mittags sollte er seinen Herrn vor dem Hauptportal der Gorla-Werke erwarten.

Gransfeld selbst hatte sich etwas anderes vorgenommen. Erich Rübesam, ein alter Freund aus seiner Studienzeit, war als Chemiker in den Werken tätig. Diesen wollte er aufsuchen. Wie weit er ihm etwa seine bisherigen Entdeckungen mitteilen sollte, mußte sich im Verlauf der Unterhaltung ergeben.

»Die Herren sind bei der Direktion«, sagte der Pförtner, als Gransfeld sich im Werk melden ließ. »Sie werden etwas warten müssen.« Es dauerte auch eine halbe Stunde, bevor Gransfeld Rübesam in dessen Zimmer gegenüber saß.

»Nett von dir, alter Freund, daß du den Weg zu mir gefunden hast!« begrüßte ihn der Chemiker. »Entschuldige, daß ich dich so lange warten ließ.«

Gransfeld wehrte ab. »Keine Ursache! Der Dienst geht vor. Ich hörte, daß ihr bei der Direktion wart.«

»Direktion? Beim Geheimrat Scheffer, unserm Generaldirektor, waren wir. Der Alte hat mächtig gewettert und uns allen eins auf den Hut gegeben.«

Der Chemiker steckte sich eine Zigarre an und tat ein paar lange Züge daraus. »Ah! Nach so einer unverdienten Standpauke tut eine solche Anregung gut.«

»Ich will nicht neugierig sein, Rübesam. Darf man wissen, was ihr versiebt habt?«

»Wir? Gar nichts. Unter dem Siegel der Verschwiegenheit will ich dir es erzählen. Der deutsche Konsul in Port Said hat an seine Behörde einen Bericht geschickt. Er hegt den Verdacht, daß Rauschgifte deutscher Herkunft auf deutschen Dampfern nach Ägypten eingeschmuggelt werden. Na, noch mit einigen Randbemerkungen versehen, kam der Bericht vom Ministerium des Innern an unsern Alten, und der hat ihn uns dann zu kosten gegeben, natürlich nicht ohne ihn noch mit einigen Zutaten auszuschmücken. Er ließ Ausdrücke fallen wie ›Verantwortlichkeit der deutschen Industrie‹, ›deutsches Pflichtgefühl‹ und ›deutsche Organisation‹. Die halbe Stunde da oben war einfach scheußlich schön. Als ob wir dafür können, wenn internationale Banden sich irgendwo die Gifte verschaffen und unter die Leute bringen! Schärfer, als die Überwachung bei uns ist, kann sie überhaupt nicht sein.« Rübesam warf sich in seinen Stuhl zurück und gab seinem Ärger durch dicke Rauchwolken Ausdruck. Nach einer kurzen Pause fuhr er fort. »Es ist geradezu eine fixe Idee von unserm Alten. Wenn irgendwo in der Welt Rauschgifte unbekannter Herkunft auftauchen, sollen sie aus unserm Werk stammen. Vor einem Jahre hatte er einen Privatdetektiv im Werk untergebracht. Über zwei Monate hindurch hat der Mann hier herumgeschnüffelt, aber nicht das Geringste entdeckt.«

»Vielleicht war die Sache verpfiffen?« unterbrach ihn Gransfeld.

»Ganz unmöglich! Nur ein kleiner Kreis wußte um die Aufgabe des Mannes. Wenn wirklich etwas zu entdecken war, hätte er's auch herausbekommen müssen.«

»Wenn's nicht doch verraten wurde, Rübesam.«

Der Chemiker strich mit einer ungeduldigen Bewegung die Asche von seiner Zigarre. »Mein Lieber, du siehst Gespenster.«

»Gespenster, die da sind, alter Freund. Ich kann dir versichern, daß Herr Konsul Perbrandt bestimmt sehr triftige Gründe für seinen Bericht hat.«

»Perbrandt?« Der Chemiker blickte Gransfeld verwundert an. »Woher weißt denn du, daß der Mann Perbrandt heißt?«

»Weil ich noch vor vier Wochen in Port Said mit ihm zusammengesessen bin.«

»Du kommst von daher, Gransfeld? Du meinst, daß ...?«

»Ich meine, Rübesam, daß der Konsul und euer Generaldirektor bestimmt recht haben. Nach meinen Beobachtungen wird dieser Handel von gut organisierten Banden betrieben, denen man alles zutrauen kann.«

Rübesam richtete sich in seinem Sessel auf. »Nach deinen Beobachtungen, Gransfeld? Du machst mich neugierig; sprich, bitte, weiter!«

Gransfeld zögerte kurze Zeit. Dann sagte er: »Es wird am besten sein, wenn ich dir reinen Wein einschenke. Es ist kein Zufall, daß ich in Gorla bin. Auf der Spur einer solchen Bande bin ich hierher gekommen.«

Der Chemiker sprang auf. »Alle Wetter, Gransfeld, jetzt wird's dramatisch! Du verfolgst eine Spur, und die hat dich nach Gorla geführt?«

»Bis nach Gorla, Rübesam. Von Syut und Port Said geradeswegs bis nach Gorla.«

Der Chemiker setzte sich wieder, und Gransfeld begann zu sprechen. Schritt für Schritt erzählte er, was er erlebt hatte, das Schicksal seines Onkels in Syut, die Entdeckungen Rudis, die Mitteilung Perbrandts. Er berichtete von den Mitgliedern der Bande, die er bisher entdeckt zu haben meinte.

Mit gespannter Aufmerksamkeit folgte Rübesam seiner Erzählung. »Das—das allerdings, Gransfeld ... Wenn mir ein anderer dies alles erzählt hätte, würde ich es für ein Märchen halten. Dir will ich es, muß ich es glauben. Aber was nun weiter?«

»Vor allen Dingen möchte ich dich bitten, verliere kein Wort über unsere Unterhaltung zu irgend einem Menschen, weder draußen noch hier im Werk! Ein einziges unbedachtes Wort könnte alles verderben.«

»Gewiß! Aber irgend etwas muß doch geschehen.«

»Darüber sprechen wir später. Vorerst würde ich gern einmal durch euern Betrieb gehen, soweit er für die Herstellung der bewußten Stoffe in Betracht kommt. Könntest du mir das ermöglichen?«

Der Chemiker nickte. »Ich gehöre selbst zu dieser Abteilung. In meiner Begleitung kannst du sie besichtigen.« Er warf einen Blick auf die Uhr. »Es ist eben erst eins. Die Frühschicht arbeitet noch eine Stunde. Wenn es dir recht ist, gehen wir gleich.«

In Begleitung Rübesams verließ Gransfeld das Verwaltungsgebäude. Sie gingen über ausgedehnte Werkhöfe und überschritten Dutzende von Eisenbahngleisen. An Tanks und Bergen von Korbflaschen vorbei führte ihr Weg zu einem vielstöckigen Fabrikgebäude. Sie durchquerten große, lichtdurchflutete Räume. Ein Gewirr von Rohrleitungen, Kesseln, Pressen und Pumpen aller Art sahen sie darin, aber nur sehr wenige Leute bei den Maschinen und Apparaten.

»Die Leere des modernen Schlachtfeldes«, erklärte der Chemiker. »Zu neunzig vom Hundert geht der ganze Betrieb automatisch. Die Arbeiter haben in der Hauptsache nur Instrumente zu beobachten und danach Temperaturen, Drücke, Zuflüsse und so weiter in den verschiedenen Retorten und Kesseln zu regulieren. Ich glaube nicht, daß du viel daran sehen kannst.«

»Hier noch nicht, Rübesam. Mich interessieren besonders die letzten Stationen, in denen die Fabrikate fertig werden und zur Verpackung kommen.«

Der Chemiker lachte. »Du scheinst immer noch zu glauben, daß aus unsern Werken etwas abhanden kommen könnte, ohne daß wir es merken. Wir wollen gleich einmal hier in den Heroinsaal gehen. Da kannst du dich selber überzeugen, wie unmöglich das ist.«

Sie traten in einen andern Saal. Auch hier fanden sie eine Anzahl von stählernen Kesseln und Tanks, in denen die chemischen Prozesse sich abspielten. Vor einem übermannshohen zylindrischen Kessel blieb der Chemiker stehen. »Hier ist die letzte Etappe, Gransfeld. Durch Chloranlagerung entsteht hier das Diazetylmorphinchlorid, in der Rezeptur kurzweg Heroin genannt, und wird getrocknet.«

Gransfeld betrachtete alles genau, ging um den Apparat herum und fragte: »Was geschieht nun weiter?«

Der Chemiker deutete auf ein armstarkes Rohr, das von dem Kessel horizontal abging. »Ein Schneckenwerk, das in den Kessel eingebaut ist, schafft den fertigen Stoff durch dies Rohr zur Tablettiermaschine.« Er führte Gransfeld zu einer Maschine, deren blinkende Glieder sich in schnellem Spiel bewegten, und öffnete eine eiserne Klappe daran.

Gransfeld sah in einen durch eine starke Glasscheibe abgeschlossenen Raum, in dem stählerne Stempel in sinnverwirrender Schnelligkeit eine zufließende weiße Masse in Tablettenform preßten. In stetem Strom fielen die fertigen Tabletten in ein schräges Stahlrohr, das zur nächsten Maschine führte.

Rübesam deutete dorthin. »Das da drüben ist die Packmaschine. Hier in der ersten Maschine wird der Stoff zu Tabletten gepreßt, und die Tabletten werden gezählt.« Er wies auf das plombierte Zählwerk, dessen Ziffernräder in schneller Bewegung waren. »Im geschlossenen Stahlrohr rollen die Tabletten zur Packmaschine; dort werden sie automatisch zu je zwanzig Stück in Glastuben gepackt, die Tuben werden verschlossen, und jede fertige Tube wird ebenfalls von einem plombierten Werk gezählt. Doppelte Kontrolle also, Gransfeld. Der Stand des Zählwerkes an der Tablettiermaschine, durch zwanzig geteilt, muß immer den zugehörigen Stand des Zählwerkes an der Packmaschine ergeben. Du mußt zugeben, daß hier nichts wegkommen kann.«

Gransfeld besah sich die Einrichtung sehr gründlich. Hier schien in der Tat jeder Unterschleif mit den besten Mitteln modernster Technik unmöglich gemacht zu sein.

»Na, Gransfeld, ungläubiger Thomas, bist du endlich überzeugt?«

Der Doktor ging noch einmal von den Maschinen bis zum letzten Kessel zurück. Jede Einzelheit der Anlage, jede Schraube, jedes Krümmerstück schien er mit den Augen verschlingen zu wollen. Dann blickte er sich in dem Raum um. »Bloß zwei Leute in dem ganzen Saal, Rübesam? Das ist wenig für die große Anlage.«

»Weil alles automatisiert ist, Gransfeld. Wir brauchen in der Tat für jede Schicht nur zwei Mann, natürlich erprobte und zuverlässige Leute, die wir sorgfältig ausgesucht haben.«

Gransfeld zog seine Uhr. »Ich danke dir für die Führung und deine Erklärungen, lieber Rübesam. Jetzt muß ich gehen. Willst du so gut sein, mir auch deine Privatadresse zu geben?«

Rübesam lachte. »Meine Privatadresse und meine Geschäftsadresse sind ein und dieselbe. Ich wohne auch hier. Die Direktion hat mir ein nettes Häuschen mit einem hübschen Garten mitten im Werk zur Verfügung gestellt. Wenn du mich da besuchen willst, brauchst du nur beim Pförtner am Hauptportal nach mir zu fragen.«


Rudi hatte sich den Vormittag über auf dem Bahnhof vergeblich die Augen ausgeguckt. Unter den vielen, die den Wagen entquollen, war die Dimitriescu nicht gewesen. Etwas enttäuscht verließ er zur verabredeten Zeit seinen Posten und ging zum Werk. Schon von weitem hörte er die Sirenen heulen, die den Schichtwechsel verkündeten. Als er vor dem Hauptportal anlangte, strömten die Arbeitermassen der abgelösten Schicht ins Freie. Er geriet in die Menge und wurde ein Stück von ihr mitgerissen.

An der nächsten Straßenecke stand ein Bananenhändler mit seinem Wagen. Hier gelang es Rudi, aus dem Strom herauszukommen. Er trat an den Wagen und kaufte sich ein paar Bananen, in der Absicht, im Schutze des Wagens das Gedränge abflauen zu lassen und danach zum Portal zurückzugehen.

Gemächlich schälte er sich eine der Früchte und war gerade im Begriff hineinzubeißen. Da—der Bissen blieb ihm im Munde stecken. Den Mann da, der kaum dreißig Schritt von ihm entfernt an der Bordschwelle stand, den kannte er doch! Unwillkürlich trat er ganz hinter den Wagen und beobachtete, durch die Leinwandplane gedeckt, weiter.

Der Mann an der Bordschwelle war wie die übrigen Fabrikarbeiter einfach und unauffällig gekleidet. Aber trotzdem—auf seine Augen konnte Rudi sich verlassen. Damals als Fahrgast der ersten Klasse im feinen Abendanzug, hier in Gorla im einfachen Kleide eines Werkmannes—trotz alledem, es konnte niemand anders sein als Mr. Morton von der »Usakama«.

Jetzt mischte sich der Beobachtete unter die Menge auf dem Bürgersteig und gesellte sich zu einem andern, dem er leicht zunickte. Nebeneinander gingen die beiden weiter und kamen dicht an dem Bananenwagen vorüber.

Von seinem Platz aus sah Rudi, wie der Werkarbeiter in seine Rocktasche griff. Er schien die Absicht zu haben, Morton etwas zu geben. Auf einen Wink des Engländers schob er es jedoch wieder zurück. Dann waren die beiden vorbei, tauchten in der Menge unter und kamen Rudi aus den Augen.

Einen Augenblick lang überlegte der Junge. Sollte er ihnen vorsichtig folgen und feststellen, wohin sie gingen? Da sah er Gransfeld aus dem Werkportal kommen und nach allen Seiten Ausschau halten. Schnell ging er ihm entgegen und erzählte, was er soeben gesehen hatte.

Verwundert schüttelte der Doktor den Kopf. »Komische Geschichte, Rudi. Da haben wir an Stelle der Rumänin plötzlich den Engländer hier. Die Herrschaften scheinen ein bißchen ›Verwechsle das Bäumelein!‹ zu spielen. Sollte mich nicht wundern, wenn wir noch mehr alte Bekannte hier ...« Er hielt plötzlich inne. Während des Gesprächs waren sie wieder bis zu dem Bananenwagen gekommen. »... noch mehr alte Bekannte hier träfen«, wollte Gransfeld sagen, als Rudi ihn beim Ärmel faßte. »Herr Doktor! Sehen Sie da in der Querstraße den Mann vor dem Schaufenster stehen? Der ist's, mit dem Morton eben zusammen war.«

»Alle Wetter, Rudi! Ich habe doch auch gute Augen, aber auf diese Entfernung? Täuschst du dich nicht?«

»Bestimmt nicht, Herr Doktor. Ich habe mir den Mann hier vom Wagen her aus nächster Nähe angesehen.«

»Hm! Weißt du was, Rudi? Bleibe du hier! Kaufe dir meinetwegen noch einmal Bananen! Ich will mir den Mann auch einmal ansehen.«

Während Rudi tat, wie ihm geheißen, ging Gransfeld allein weiter. Aber der Mann vor dem Schaufenster schien jetzt mit der Betrachtung der Auslagen zu Ende zu sein. Er setzte sich ebenfalls in Bewegung und schlug dabei ein Tempo an, daß ihm Gransfeld, ohne aufzufallen, nicht näher kommen konnte. Nach hundert Meter gab er die Verfolgung als zwecklos auf.

* * * * *

In einem Betrieb von der Größe der Gorla-Werke laufen Hunderte von Menschen nebeneinander her, ohne daß einer den andern näher kennt oder sich viel um ihn kümmert. Was ging zum Beispiel die andern, die an Kesseln, Retorten und Pressen ihre Arbeit verrichteten, der junge Elektromonteur im blauen Kittel an, der sich, einen Korb mit Glühlampen am rechten Arm, eine Leiter unter dem andern, auf einem Flurgang vor dem Heroinsaal zu schaffen machte!

Jetzt stellte er seine Leiter auf und stieg darauf empor. Gemächlich drehte er eine der alten, verschmutzten Lampen aus der Fassung und ersetzte sie durch eine neue. Zweifellos war es irgendeiner der vielen Hilfsmonteure, den die Hausverwaltung hierhin geschickt hatte, um die Beleuchtungsanlage zu überholen. Übereilen tat sich der junge Mann bei seiner Arbeit nicht. Nach einem Blick auf seine Uhr kletterte er die Leiter sehr gemütlich wieder hinab und schob sie ein Stück weiter, bis dicht an die Saaltür.

In diesem Augenblick kündete die Werkglocke den Schichtwechsel an. Türen wurden aufgerissen, schwere Schritte polterten über den Zementboden, die alte Schicht zog ab. Auch der Monteur schien Feierabend machen zu wollen. Er klappte seine Leiter zusammen und legte sie an die Flurwand, stellte den Lampenkorb daneben und stand einen Augenblick wie zaudernd.

Dann kam plötzlich Leben in die Gestalt. Schnell schlüpfte er in den Saal und lief an Tanks und Pressen vorbei auf einen großen Kessel in der Saalecke zu. Das geöffnete Mannloch verriet, daß der Kessel außer Betrieb war. Der losgeschraubte Deckel lag daneben am Boden. Gewandt schwang der Eindringling sich auf den Kessel, tauchte durch das Loch unter und war gerade verschwunden, als die beiden Leute der Frühschicht den Saal betraten.

Eine drückende Luft, von den Ausdünstungen der Kesselrückstände durchsetzt, umfing ihn in seinem Verlies. Auf das äußerste war der Raum im Kessel durch die zahlreichen, ihn der Länge nach durchziehenden Heizrohre beschränkt. Nur mit Mühe fand Rudi schließlich eine Lage, in der er, das Ohr dicht gegen die Kesselwand gepreßt, ausharren konnte. Dabei wirkte der eiserne Behälter wie ein Schallfänger. Greifbar nahe vernahm er die Schläge einer arbeitenden Pumpe, die die andern Kessel im Saal speiste. Deutlich klangen Schritte und Worte aus dem Saal an sein Ohr. Nur zu sehen vermochte er nicht, was sie dort taten und trieben.

Die beiden Leute der Frühschicht, Henke und Altmüller, hatten inzwischen ihre Arbeitskleidung übergezogen und begannen die Apparate und Maschinen zu überprüfen. Am Trockner trafen sie auf ihrem Rundgang wieder zusammen. Rudi im Kessel hörte ihre Stimmen.

»Hm, hör mal, Henke, die Sache gefällt mir nicht mehr!«

»Was gefällt dir nicht mehr?«

»Na, die Sache. Du weißt schon, was ich meine.«

»Nanu! Warum denn auf einmal? Was ist mir dir los?«

»Weil—ja, weil ... Einmal muß die Geschichte ja doch herauskommen, und dann fliegen wir alle ins Loch.«

Henke lachte kurz auf. »Herauskommen? Wie soll denn das herauskommen? Bis jetzt klappt das Geschäft. Unsere Freunde geben einen blauen Lappen für jedes Pfund. So leicht kannst du anderswo das Geld nicht verdienen.«

»Ja, aber wenn's herauskommt?« wiederholte Altmüller.

Der andere begann sich über diese Hartnäckigkeit zu ärgern. »Menschenskind, was ist denn mit dir los? Hast du vergessen, wie dreckig es dir früher gegangen ist? Deine Frau war krank, überall hattest du Schulden. Kein Kaufmann wollte euch mehr borgen. Betteln könntest du gehen, Altmüller, wenn ich dich nicht an unserm Geschäft beteiligt hätte.«

Altmüller stieß einen Seufzer aus. »Ich hab's nicht vergessen, Henke. Ich war in Not, und du hast mir mit deinen Ersparnissen geholfen.«

»Geholfen, bis auch die verbraucht waren. Nur das Geschäft hat uns beide wieder rausgerissen. Jetzt aber willst du dich zurückziehen? Gibt's nicht, Altmüller. Du mußt mitmachen, oder die Organisation wird dir ...«

»Du bist verrückt«, knurrte Henke. »Laß dich krank schreiben oder in den Ruhestand versetzen! Ist ja lächerlich. Wie sollte einer auf unsern Dreh kommen! Mensch, kneif mich nicht, sonst ...«

Gewaltsam umpreßte Altmüller den Arm von Henke und zog ihn auf den Gang hinaus. Leise sprach er dort weiter.

Als die Tür ging und es danach still im Saal wurde, zog der Monteur im Kessel seinen Körper behutsam durch das Gewirr der Heizrohre und kroch nach dem Mannloch hin. Vorsichtig streckte er den Kopf heraus und blickte sich um. Augenblicklich war niemand im Saal. Schnell huschte er zu der Tür an der andern Saalwand, zog sie leise hinter sich ins Schloß und verschwand durch den Flur.


Gransfeld saß mit Rübesam in dessen Wohnung.

»Eine mächtig gewagte Geschichte, Gransfeld. Der verdächtige Engländer in Gorla zusammen mit einem von unsern Werkleuten? Wenn die Bande nur halb so gefährlich ist, wie du sie mir geschildert hast, dann ... Je mehr ich über die Sache nachdenke, desto schwerer werden meine Bedenken. Ich weiß nicht, ob wir das Richtige getan haben. Am liebsten möchte ich die Sache rückgängig machen. Wer übernimmt die Verantwortung, wenn dem Jungen etwas zustößt? Ich möchte sie nicht tragen.«

»Rübesam, deine Besorgnisse ...« Ein Klopfen an der Tür unterbrach Gransfeld. In einem blauen Monteurkittel, der mit Schlammflecken reichlich besät war, trat Rudi in das Zimmer.

»Da ist er ja!« Mit einem Gefühl der Erleichterung stieß der Chemiker diese Worte hervor.

Gransfeld lächelte. »Du siehst lieblich aus, Rudi! In welchem Schlammloch bist du denn gesteckt?«

»In einem leeren Kessel im Heroinsaal, Herr Doktor. Sehen konnte ich nichts, aber allerlei hören. Das wollte ich Ihnen melden.«

»Nachher, Rudi, nachher! Erst mach dich einmal einigermaßen menschlich, damit man dich ohne Gefahr für die Möbel auf einen Stuhl setzen kann!«

Von Rübesam geführt, verschwand Rudi im Waschraum, wo er sich gründlich säuberte.

»So, mein Junge«, sagte Gransfeld, als Rudi zurückkam, »jetzt siehst du besser aus. Setz dich und schieß los! Was weißt du Neues?«

Beinahe wortgetreu berichtete Rudi, was er in seinem Versteck erlauscht hatte, während seine beiden Zuhörer sich vielsagende Blicke zuwarfen. Als er zu Ende war, schlug Rübesam mit der Faust auf den Tisch: »Das genügt, Gransfeld. Das genügt, denke ich, um die beiden Männer sofort verhaften zu lassen.«

Gransfeld schüttelte den Kopf. »Zu gar nichts genügt das, Rübesam. Was ist denn geschehen? Unser Junge hat ein, wie ich zugeben will, reichlich verdächtiges Gespräch belauscht. Als Zeuge dafür kommt nur er selber in Betracht, ein jugendlicher Zeuge, nebenbei bemerkt, dem die Unschuldsbeteuerungen der beiden andern entgegenstehen würden. Ehe wir zufassen können, müssen wir zum mindesten wissen, auf welche Weise sich die beiden den Stoff verschaffen. Selbst dann würde ich es noch vorziehen zu warten.«

»Auch dann noch warten? Ja, worauf denn, wie lange denn, Gransfeld?«

»So lange, bis wir einen wirksamen Schlag gegen die ganze Bande führen können. Wenn wir nur das eine oder andere Mitglied hinter Schloß und Riegel setzen, ist die ganze Gesellschaft gewarnt. Falls ich das wollte, hätte ich schon in Port Said damit anfangen können. Die Herren Rasati und Tarantola waren im juristischen Sinne für eine Verhaftung reif.«

Rübesam machte ein bedenkliches Gesicht. »Die Sache ist mir aber zu gefährlich für den Jungen, Gransfeld.«

Ein vergnügtes Schmunzeln lief über Rudis Gesicht. »Es ist gar nicht gefährlich, Herr Rübesam. Im Gegenteil, die Sache macht mir mächtigen Spaß. Es war ein feiner Gedanke von Ihnen, mich als Hilfsmonteur im Werk unterzubringen. Da kann ich überall ganz unauffällig beobachten und hören.«

»Aber, bitte, nicht wieder aus einem Kessel heraus, mein Jungchen!« unterbrach ihn Rübesam. »Wenn die Männer Unrat wittern und das Mannloch zuschrauben, mußt du elendiglich ersticken.«

»Aber das ist der schönste Beobachtungsposten, Herr Rübesam! In einem leeren Kessel vermutet einen niemand, und man kann jedes Wort verstehen, das im Saal gesprochen wird.«

»Ich bitte dich, Rudi, die Weisungen meines Freundes ebenso zu befolgen, als ob sie von mir kämen«, sagte Gransfeld in bestimmtem Tone. »Ich selbst muß morgen nach Genf reisen. Herr Rübesam hat mir versprochen, dich während dieser Zeit in seine Obhut zu nehmen.«

Rudi zog ein schiefes Gesicht. »Ach, Herr Doktor! Sie wollen weg und mich nicht mitnehmen?«

»Nur für kurze Zeit, Rudi. Du kannst dir denken, weshalb.«

»Wegen der Statuette?«

Gransfeld nickte. »Deswegen, mein Junge. Vielleicht ist die ganze Sache in ein paar Tagen erledigt. Auf jeden Fall lasse ich dir meine Genfer Adresse hier. Du bist mir hier nützlicher als in Genf. Während meiner Abwesenheit mußt du dich in allen Sachen an Herrn Rübesam wenden und seine Weisungen unbedingt befolgen. Das mußt du mir versprechen, Rudi, damit ich beruhigt abreisen kann. Deine Hand darauf, Junge!«

Rudi schlug in die dargebotene Rechte.

* * * * *

Eine vornehme Wohnung in der Picadilly-Street in London. Von dem Inhaber dieser Wohnung, dem ehrenwerten Mister C. B. Morton, hatte der Besitzer des Hauses die beste Meinung. Auch wenn Mister Morton auf Reisen war—und er reiste viel—wurde die Miete von seiner Bank auf die Minute pünktlich überwiesen. Im Hause wußte man nur, daß der Gentleman bedeutende Geschäfte mit dem Ausland machte, durch die sich seine häufige Abwesenheit zwanglos erklärte. Erst vor wenigen Tagen war er nach England zurückgekehrt.

Heute abend empfing Mister Morton Gäste. In dem hellerleuchteten Parlour room waren bereits mehrere Herren bei Soda und Whisky zusammen. Gegen acht Uhr meldete der Butler seinem Herrn noch einen Gast. »Einen Augenblick, van Holsten!« entschuldigte sich Morton bei seinem Nachbar und ging auf den Flur, um den Ankömmling zu empfangen. In der Begleitung Mac Andrews kehrte er in den Raum zurück. Der Chef war da, die Besprechung konnte beginnen.

Mac Andrew schien sein Programm nach dem Grundsatz der Steigerung aufgestellt zu haben. Er begann mit verhältnismäßig harmlosen Mitteilungen und kam allmählich zu ernsteren Dingen. »Gentlemen, unser Kommanditist Jefferson droht eine Gefahr für die Gesellschaft zu werden. Ich darf die bedauerliche Tatsache nicht verschweigen, daß Jefferson dem Kokain verfallen ist.«

Mac Andrew hielt inne, und drückendes Schweigen herrschte im Raum. Ein unheimliches Gefühl war bei den Worten des Chefs über die Zuhörer gekommen. Einer der Ihrigen, der den gefährlichen Stoff unter die Leute brachte, selbst dem Gift verfallen! War dies die vergeltende Gerechtigkeit? War's eine Mahnung des Schicksals? Beklommen blickten sie vor sich hin.

Mac Andrew sprach weiter: »Zur Entschuldigung Jeffersons läßt sich nur sagen, daß er durch ein schmerzhaftes Gallenleiden dazu gekommen ist. Trotzdem, so darf es nicht weitergehen. Vor acht Tagen wurde er im Kokainrausch von der Polizei auf der Straße aufgegriffen. Nur ein glücklicher Zufall hat Schlimmes verhütet. Unser Mitglied Simpson war in der Nähe und griff sofort mit großer Geistesgegenwart ein. Er stellte Bürgschaft für den Verhafteten und brachte ihn im Auto fort, bevor er auf der Polizeistation in seinem Rausch plaudern konnte.«

Die Zuhörer steckten die Köpfe zusammen. Bemerkungen wurden ausgetauscht. Kaum auszudenken, ein Wissender im Kokainrausch auf der Polizeiwache! Nie wieder gutzumachendes Unheil hätte der anrichten können.

»Gentlemen, nach Ihren Bemerkungen glaube ich Ihrer Zustimmung zu der von mir getroffenen Maßregel sicher zu sein. Ich habe Jefferson in Duncan-Castle internieren lassen. Dort muß er unter scharfer Beaufsichtigung eine Entziehungskur durchmachen. Es ist ihm bedeutet worden, daß jeder Versuch der Auflehnung oder Flucht nach den Gesetzen der Gesellschaft bestraft wird.«

Rufe der Zustimmung wurden laut. Duncan-Castle? Sehr gut! Sie wußten, daß das alte Tudorschloß, einem ihrer Mitglieder gehörig, in einer fast menschenleeren Gegend lag. Da sollte es Jefferson schwerfallen, unter die Leute zu kommen und zu plaudern. Außerdem hinderte ihn die angedrohte Strafe. Die Gesellschaft strafte rücksichtslos, wo es ihr notwendig schien. Das Schicksal des Verräters Giuseppe Moltani war noch in aller Erinnerung. Das war keine leere Drohung. So oder so würde Jefferson unschädlich gemacht; entweder wurde er geheilt oder beseitigt.

Mac Andrew fuhr fort: »Ich bekam Ihren Bericht aus Gorla, Morton. Sie schrieben, daß Sie den früheren Steward Wagner von der ›Usakama‹ vor dem Werkportal gesehen haben.«

»Steward Wagner ist bei den Haifischen«, unterbrach ihn der Holländer.

»Leider nicht, Sir«, wies Mac Andrew den Zwischenruf ab. »Sie schrieben weiter, Morton, daß der Steward Wagner sich in Gesellschaft eines Mannes namens Gransfeld befindet, den er auf der ›Usakama‹ kennengelernt hat. Dieser Mensch ist unserm Mitglied Henke bei einem Besuch im Werke aufgefallen. Henke hat bestätigt, daß die beiden dauernd zusammenstecken. Auf Ihren Brief hin haben wir uns in Ägypten erkundigt und folgendes festgestellt. Jener Gransfeld war nach Syut gereist, wo er seinen Onkel tot vorfand. Wichtige Mitteilungen erhielten unsere Agenten von dem indischen Besitzer einer Garküche in Alexandria. Demnach hat Gransfeld den Verdacht ausgesprochen, daß es beim Tod seines Oheims nicht mit rechten Dingen zugegangen sei. Auch hat er Stücke aus dessen Nachlaß, unter anderm eine ägyptische Statuette, vermißt.«

»Megastopoulos, natürlich! Die alte Geschichte wieder! Der kann's nun einmal nicht lassen!« brauste van Holsten auf.

Der Chef wies ihn mit einer Handbewegung zur Ruhe. »Über Megastopoulos werden wir später beschließen. Unsere Erkundung besagt weiter: Gransfeld ist von Syut nach Port Said zurückgekehrt. Dort hat er beim deutschen Konsul den genannten Wagner getroffen, der unserer Gesellschaft schon seit längerer Zeit verdächtig ist. Auf der ›Warana‹ sind die beiden zusammen nach Hamburg und weiter nach Gorla gefahren. Beide sind dort wiederholt im Werk gesehen worden. Gentlemen, wenn das alles Zufall ist, dann ist es ein merkwürdiger Zufall.«

Stimmengewirr erhob sich, als Mac Andrew geendet. »Zufall?«—»Ausgeschlossen! Hier hört jeder Zufall auf.«—»Gemeine Spione sind's!«

Von allen Seiten kam die gleiche Meinung. Der Holländer nahm das Wort. »Gentlemen! Der Steward Wagner ist nicht verdächtig, sondern überführt. Unbegreiflich, daß er vor Port Said heil davongekommen ist. An unserm Agenten Rasati hat's bestimmt nicht gelegen. Daß auch der andere hinter uns her schnüffelt, haben wir nur dem Griechen zu verdanken. Megastopoulos hat uns durch seine Privatgeschäfte schon öfter Scherereien gemacht. Er hat von der Gesellschaft den Auftrag, in der Öffentlichkeit als Altertumshändler aufzutreten, als Altertumshändler, Gentlemen, nicht als Dieb von Altertümern. Aber der Bursche kann's nicht lassen. Ich war erschrocken, als er mir in Port Said eine Statuette des Sethos zeigte, die er in Syut gestohlen hat, ein Kunstwerk im Werte von Tausenden. Den Verdacht Gransfelds hat er dadurch schon erregt. Wenn er versucht, die Statuette zu verkaufen, ist der Teufel los. Unter allen Umständen muß das verhindert werden.«

Mac Andrew hatte ein Buch ergriffen und blätterte darin. Jetzt hatte er die Adresse gefunden. »Megastopoulos ist augenblicklich in Genf, Hotel Bellevue. Schicken Sie eine Depesche an ihn, van Holsten! Er darf die Statuette unter keinen Umständen an die Öffentlichkeit bringen.«

Während der Holländer die Depesche schrieb, fuhr Mac Andrew fort: »Es besteht der Verdacht, daß Gransfeld und Wagner versuchen werden, in Gorla weiterzuspionieren. Ich habe unserm Agenten Henke, der die beiden von Aussehen kennt, Weisung gegeben, sie zu überwachen und mit allen Mitteln unschädlich zu machen. Ich fürchte, daß Henke den Auftrag allein nicht erledigen kann.«

Gleichzeitig sprangen Morton und van Holsten auf. »Schicken Sie uns, Mac Andrew! Es ist ein Vergnügen für uns, den beiden den Hals umzudrehen.«

Der Chef schüttelte den Kopf. »Unmöglich, Gentlemen. Sie vergessen, daß Sie den beiden genau bekannt sind.«

Morton sank auf seinen Stuhl zurück, van Holsten dagegen blieb stehen. »Bekannt? Den möchte ich doch sehen, der mich wiedererkennt, wenn ich's nicht will!«

Mac Andrew überlegte. »Ich wollte eigentlich eines unserer deutschen Mitglieder nach Gorla schicken; aber Sie haben den Vorteil, van Holsten, daß Sie die beiden genau kennen. Reisen Sie sofort und erledigen Sie die Angelegenheit im Sinne der Gesellschaft!«

Van Holsten warf einen Blick auf die Uhr. »Brauchen Sie mich noch hier, Mac Andrew?«

Dieser schüttelte den Kopf. »No, Sir.«

»Well! Das nächste Flugzeug nach Deutschland startet in einer Stunde. Es ist also höchste Zeit. Auf Wiedersehen!« Er verließ das Zimmer.

Nur noch eine kurze Viertelstunde blieben die andern. Bald lagen die Räume Mister Mortons in der Picadilly-Street im Dunkeln.


4. VON GORLA NACH GENF

Ein ansehnliches Paket mit belegten Brotschnitten an der einen, die Kaffeeflasche an der andern Seite, stand Rudi zum Abmarsch bereit. »Auf Wiedersehen, Mutter Federsen!«

»Adjes ooch, Herr Wagner! Machen Se's gut und grüßen Se mir ooch den Herrn Rübesam recht scheene, wenn Se ihn sehen! Un kommen Se pünktlich heeme! Heut gibt's Thüringer Klöße und Schweinebraten zu Mittag.«

»Fein, Mutter Federsen! Da bin ich pünktlich.«

Rudi wollte gehen, aber die biedere Alte, die Witwe eines Werkarbeiters, bei der Rübesam Rudi eingemietet hatte, war mit ihrem Erguß noch nicht zu Ende. »Seien Se ooch recht vorsichtig, Herr Wagner, daß Ihnen nichts zustößt! Man hört alle Oogenblicke, daß wieder eener im Werk zu Tode gekommen is. 's muß doch recht gefährlich für Se sein, immer an die elektrischen Leitungen rumzuwürgen. Un in die Frühschicht hat man Se ooch noch gesteckt. In der soll gerade das meiste vorkommen, und bei Nacht und Nebel müssen Se schon aus den Federn.«

Lachend unterbrach Rudi den Wortschwall der Alten. »Ist ja alles nur halb so schlimm, Mutter Federsen. Heben Sie mir bloß ein ordentliches Stück Schweinebraten auf! Auf Wiedersehen! Ich muß machen, damit ich nicht zu spät komme.«

Er schritt in den nebligen Märzmorgen hinaus und ging die Landstraße entlang, über der in weiten Zwischenräumen die elektrischen Lampen schimmerten. Es war eben erst halb sechs. Noch lag volle Dunkelheit über der Landschaft. Kaum waren die kahlen Kronen der mächtigen Kastanien, die die Landstraße säumten, zu erkennen. Je weiter er voran kam, umso belebter wurde die Straße. Aus all den vielen Häuschen, die zu beiden Seiten lagen, kamen Leute der Frühschicht heraus und eilten ihrer Arbeitsstelle zu. In geschlossenem Strom floß die Menschenmenge schließlich durch das große Portal. Mit Argusaugen musterten die Pförtner jeden einzelnen der vielen Hunderte. Ein allgemeines Drängen und Stauen herrschte am den Kontrolluhren, wo jeder seine Arbeitskarte mit dem Zeitstempel versehen mußte. Dann verliefen sich die Massen in die verschiedenen Werkbauten.

Während Rudi sich den blauen Monteurkittel überstreifte, überlegte er, wie er mit seiner Beobachtung weiterkommen könnte. Auf die beiden Leute im Heroinsaal hatte er es besonders abgesehen. Er war überzeugt, daß es mit denen nicht stimmte. Aber wie sollte er ihnen auf die Schliche kommen? Das Versteck im Kessel—schade, daß Rübesam ihm dieses verboten hatte! Was er seitdem von andern Beobachtungsstellen aus erspäht hatte, war nicht allzu viel.

Mehrfach war eine der Lampen im Heroinsaal erloschen, so daß die Saalecke mit der Tablettier- und Packmaschine im Dunkeln lag. Das erstemal hatte Rudi es für eine zufällige Störung gehalten. Als sich dies jedoch auch an den folgenden Tagen wiederholte, hatte er es Rübesam gemeldet. Dieser schien jedoch keinen besonderen Wert darauf zu legen. »Das kann hunderterlei Gründe haben, Rudi. Vielleicht ist es ein wackliger Schalter oder ein schlechter Kontakt.«

»Ich kann die Schalter und Fassungen in dem Saal ja einmal überholen, Herr Rübesam.«

»Ach so, mein Junge, damit die beiden Leutchen dich da auf deiner Leiter recht gründlich betrachten können? Nein, mein Lieber, das laß gefälligst bleiben! Deine Aufgabe ist es, so unsichtbar wie möglich zu bleiben. Deine Erkundungen mußt du so machen, daß du dabei nicht gesehen wirst. Die Leitung werde ich durch jemand anders nachsehen lassen.«

Im stillen mußte Rudi sich eingestehen, daß Rübesam recht hatte, aber es wurmte ihn, daß er dabei nicht recht weiter kam.

Beobachten, ohne selbst gesehen zu werden! Das war leicht gesagt, doch schwer getan. Die verschiedensten Möglichkeiten gingen ihm durch den Kopf. Immer wieder kam er auf den Kessel zurück. Angenehm war der Aufenthalt in dem Schlammloch ja nicht, aber man konnte in diesem Versteck wenigstens mit großer Deutlichkeit jedes Wort und jedes Geräusch hören, das im Saal aufkam. Ein Fehler nur, daß er dabei nichts sehen konnte. Wenn's das gäbe, einen Platz, an dem er beides könnte; das wäre noch besser. Aber wie? Man würde etwas Neues suchen müssen. Wenn sich nichts Besseres fand, blieb immer noch der Kessel. Rübesams Verbot? Abah! Wenn's doch durchaus nicht anders zu machen war! Rudis Logik begann sich auf krummlinigen Bahnen zu bewegen. Verbote sind dazu da, um übertreten zu werden. Der Zweck heiligt die Mittel. Hauptsache, daß er mit seinen Beobachtungen voran kam. Allerdings, der Chemiker konnte so unbequem scharf blicken und fragen. Aber Doktor Gransfeld? Der würde sich freuen, wenn er nun bald zurückkam und Rudi ihm dann Neues und Wichtiges erzählen konnte. Gransfeld würde nicht viel danach fragen, wie er's erkundet habe. Nur eine gute Gelegenheit abgepaßt und dann: auf zur Tat!


Im Heroinsaal waren Henke und Altmüller bei ihrer Arbeit. Henke ging zur Tür.

»Wohin willst du, Henke?«

»Nachsehen, ob der Bengel nicht rumschnüffelt.«

»Bengel? Rumschnüffelt? Was soll das heißen?«

»Soll heißen, daß die da eben es diesmal andersrum angestellt haben. Voriges Jahr haben sie einen ausgewachsenen Detektiv ins Werk gesteckt. Diesmal haben sie sich einen Säugling rangeholt.«

»Wen?—Was?—Wie?« stotterte Altmüller.

»Mensch, sei doch nicht so schwerfällig! Die Sache ist einfach die: Sie haben einen verdächtigen Bengel als Elektromonteur rausgeputzt und auf diese Art in das Werk gebracht. Der soll nun rauskriegen, was dem Detektiv aus Berlin vorbeigelungen ist. Na, der Lümmel ist uns von London sofort gemeldet worden; wir werden ihm sein Fett schon besorgen.«

Henke verschwand auf den Flur und zog die Tür hinter sich ins Schloß. Nach einer Weile kam er zurück. »So, Altmüller! Der Grünschnabel treibt sich anderswo rum. Die Luft ist rein. Ran an das Geschäft!«

Altmüller war totenblaß geworden. »Um's Himmels willen, Henke, du wirst doch nicht? Ein Detektiv im Werk! Man wird uns kappen. Meine, arme Frau, meine Kinder!«

»Quatsch!« unterbrach Henke seinen schlotternden Kumpan grob und zog ihn am Ärmel mit sich. »Altes Tränentier, los jetzt!«

Vor dem Stahlrohr, das zur Tablettiermaschine führte, kniete Henke nieder und drückte Altmüller einen Leinenbeutel in die Hand. Er selbst fuhr mit einem Steckschlüssel an der untern Seite des Rohres entlang, bekam eine verborgene Schraube damit zu fassen und begann sie herauszudrehen. »Schnell den Beutel drunter!« zischte er.

Mit zittrigen Fingern hielt Altmüller den Beutel, während Henke mit einer letzten Drehung die Schraube entfernte. Das Heroinpulver fiel in den Beutel, anstatt weiter der Tablettiermaschine zuzufließen. Zusehends füllte sich der Beutel, wurde dick und straff.

»Genug, Altmüller!« Mit treffsicherem Griff hatte Henke die Schraube wieder in das Gewinde gebracht und drehte sie mit dem Steckschlüssel fest hinein.

Altmüller, den vollen Beutel in der Hand, blieb bei ihm stehen. Henke sah es, während er dabei war, den Fußboden von geringen Spuren des danebengefallenen Pulvers zu säubern. »Bist du verrückt, Mensch? Bleibst wie ein Ölgötze mit dem Beutel in voller Beleuchtung stehen! Dumm genug, daß wir das Licht nicht ausdrehen können. Seitdem sie die Leitung nachgesehen haben, können wir's nicht mehr wagen. Marsch, schnell, scher dich! Du weißt doch, wohin.«

Unter dem Zwange von Henkes Worten band Altmüller den Beutel zu und ging damit in die andere Saalecke hinter den leeren Kessel. Dort hatten sie unter einer lockeren Bodenfliese ihr Versteck für den entwendeten Stoff. Sorgfältig überputzte Henke mit einem Öllappen noch einmal die Umgebung der geheimen Zapfstelle. Dann ging er in die andere Saalecke zu Altmüller.

Da lag die Fliese herausgenommen auf dem Boden, der Heroinbeutel lässig hingeworfen daneben. Eine ungeheure Wut packte Henke, seine Fäuste ballten sich. Wollte der Schuft ihn verraten? War das eine abgekartete Sache? Sich auf ihn stürzen und ihn niederschlagen, das war sein erster Gedanke. Da traf sein Blick Altmüller. Zitternd vor Aufregung kniete dieser dicht neben dem leeren Kessel, das Ohr gegen die Kesselwand gepreßt.

Henke stutzte. Im Augenblick hatte er sich wieder in der Gewalt. Schnell brachte er den Beutel in das Versteck und legte die Fliese darüber. Dann wandte er sich zu Altmüller. Dieser preßte die Finger der einen Hand auf die Lippen und winkte ihm mit der andern, näher heranzukommen. Henke tat es. Jetzt! Was war das? Man vernahm ein Geräusch in dem Kessel. Im nächsten Augenblick lag auch sein Ohr an der Kesselwand. Mit verhaltenem. Atem lauschten beide. Ein scharrendes Geräusch ertönte darin, als ob sich jemand zwischen der Kesselwand und dem Rohrsystem im Kesselinnern bewegte. Jetzt erklang ein metallisches Dröhnen, wie wenn der Körper stärker gegen die Röhre angestoßen hätte. Nun verzog sich das Geräusch mehr nach der andern Kesselseite hin. Henke biß sich auf die Lippen, bis sie bluteten. Die andere Seite, dort war das Mannloch!

Mit einem Sprung war er auf den Füßen und lief um den Kesse! herum. Lautlos hob er den schweren Mannlochdeckel auf und schob ihn über die Befestigungsbolzen am Mannlochrand. Die Schraubenmuttern lagen in Griffweite, sechzehn Muttern für die sechzehn Bolzen. So schnell wie jetzt hatte Henke in seinem ganzen Leben noch nicht gearbeitet. Erst zwei Muttern auf zwei gegenüberstehende Bolzen! So, die saßen. Raus konnte das, was da drin war, nicht mehr. Und nun zwei andere Muttern auf einen andern Lochdurchmesser rechtwinklig zu dem ersten. Dann noch zwei und nochmal zwei, und nun saßen alle sechzehn. Er griff nach einem Schraubenschlüssel und zog sie fest an.

Klirrend ließ er den Schlüssel auf die Fliesen fallen und lief wieder zur andern Kesselseite hin. Dort war ein Rohr mit einem Ventil daran. Beim Klang des eben fallenden Schlüssels war Altmüller zusammengefahren. Er richtete sich auf, als die Ventilspindel unter Henkes Fäusten sich zu drehen begann, als Wasser rauschend in den Kessel fiel. »Henke, was tust du? Um's Himmels willen!« Er versuchte Henke in den Arm zu fallen.

Mit jähem Stoß schleuderte der ihn zurück, daß er taumelte. »Pack dich! Sonst ...« Er griff nach einer Brechstange. Drohend schwang er sie empor, bereit, den andern niederzuschlagen. Dieser wich zurück, entsetzt vor dem Gesichtsausdruck Henkes. Wie versteinert waren dessen Züge, alles Menschliche schien aus ihnen gewichen. Ein finsterer, zu allem entschlossener Fanatismus sprach aus diesen Augen, Augen, die die Augen—eines Mörders waren.

Das Wasser stieg; schon hatte es im Wasserstandsglas die rote Marke erreicht. Mechanisch wie ein Automat drehte Henke das Ventil mit der Linken zu, während er, die Brechstange in der Rechten, Altmüller nicht aus den Augen ließ. Das Rauschen des strömenden Wassers ließ nach. An Henkes Ohr, der dicht bei dem Kessel stand, drang ein anderes Geräusch, ein Plätschern, ein Kratzen und Scharren, als ob da drinnen sich jemand vor dem Wasser nach oben retten wollte. Henke horchte. Er schien zu zögern. Dann verzerrten sich seine Züge zur Grimasse. Ein schneller Sprung zu einem andern Ventil, und Dampf strömte in den Kessel. Ein Pfeifen, Gurgeln und Rauschen, wo Heißdampf und kaltes Wasser sich trafen. Schon begann das Kesselmanometer steigenden Druck zu zeigen. Da, hatte es nicht wie ein Schrei aus dem Kessel geklungen, wie der Schrei eines lebenden Wesens in höchster Todesnot? Einen Augenblick schien Henke zu wanken, sich an dem Ventil festhalten zu müssen. Dann stand er wieder aufrecht und regungslos wie eine Statue. Nur die Augen in dem bleichen, starren Gesicht folgten dem Manometerzeiger, der schnell und immer schneller stieg. Acht Atmosphären!—Zehn Atmosphären! Seine Hand ließ den Ventilgriff fahren. Immer noch die schwere Stange in der Rechten, ging er auf Altmüller zu, der ihn wie geistesabwesend anstarrte, Schritt für Schritt vor ihm zurückwich, weiter, immer weiter, bis die Saalwand ihn zum Halten zwang. »Laß mich, Henke! Laß mich! Ich kann nicht mehr! Ich will nicht mehr!«

»Narr, verdammter Narr, du! Was weichst du mir aus?«

»Der Kessel, Henke!« Mit bebenden Fingern wies Altmüller dorthin.

»Der Kessel? Bist du denn ganz toll geworden? Was ist los mit dem Kessel?«

»Der Kessel! Du hast ...« Drohend schwebte die Brechstange über Altmüllers Kopf. »Was habe ich? Nichts habe ich! Oder ...!«

Wie zum Schlage hob sich die Stange.

Abwehrend streckte Altmüller die Hände aus. »Nicht schlagen, Henke, nicht schlagen!«

»Hast du etwas gesehen?«

Altmüller flimmerte es vor den Augen. In tausend Spiegelungen brach sich das Licht der Lampen an den scharfen Kanten der stählernen Brechstange. »Nein, Henke, ich habe nichts gesehen.«

Die Stange senkte sich, stieß hart auf die tönenden Fliesen. Ein weiseres Lachen kam aus Henkes Kehle. »Nichts gesehen, Altmüller? Recht so, alter Junge! Das ist vernünftig von dir. 's ist nicht gesund, wenn man hier zu viel sehen will—oder hören.«

Henke ging an einen Schrank und kam mit einer Flasche zurück. Er riß den Pfropfen heraus und tat einen kräftigen Zug. »Nimm auch mal einen ordentlichen, Altmüller, damit du auf vernünftige Gedanken kommst!« Er drückte dem Widerstrebenden die Flasche an die Lippen. »Nimm, Mensch! Wirst du schlucken?«

Erst nachdem der andere kräftig getrunken hatte, ließ Henke von ihm ab. Der scharfe Branntwein machte Altmüllers Augen tränen und trieb ihm das Blut in die Wangen.

»So, Altmüller, nun gefällst du mir besser. Jetzt bist du wieder ein ganz anderer Mensch.«

Erst nach mehrfachem Räuspern und Husten konnte Altmüller wieder reden. »Aber, Henke ...«

»Was denn, Altmüller?«

»Henke, wenn man den Kessel demnächst wieder aufmacht, dann wird ...«

»Schafskopf! Vor drei Wochen wird der nicht wieder geöffnet.«

»Aber dann, Henke? In drei Wochen, dann wird man ...«

»Dämlicher Schafskopf! Wände kann man mit dir einrennen. Hier! Trink erst noch mal! So! Laß dir erzählen! Bei Blohm & Voß in Hamburg, da hat mal ein Monteur seine Tasche mit Werkzeug und Frühstück im Kessel liegen lassen. Als er sie vermißte, war der Kessel schon wieder unter Dampf. Erst vierzehn Tage später wurde der Kessel stillgesetzt, und der Mann konnte nach seiner Tasche suchen. Das eiserne Werkzeug hat er auf dem Kesselboden auch gefunden, aber die schwere rindslederne Tasche, Altmüller, und das Frühstück, einschließlich der Karbonadeknochen, Altmüller, davon war nicht mehr so viel«—er schnippte mit Daumen und Zeigefinger—»nicht mehr so viel vorhanden. Dampf und Heißwasser von zehn Atmosphären vierzehn Tage lang, das reicht, Junge! Da bleibt nichts übrig.«

Henke stellte die Flasche in den Schrank zurück und regulierte an dem Teil der Anlage, für den er verantwortlich war. Altmüller fühlte sich unter dem Einfluß des starken Alkohols angenehm duselig und gleichgültig. Was ging's ihn an, was Henke machte oder gemacht hatte? Er versuchte sich um seine Maschinen zu kümmern. Ein Glück, daß die auch ohne seine Hilfe liefen! Bei Beendigung der Frühschicht mußte Henke den Schnarchenden erst wecken.


Als Henke gegen Abend am Konsumverein vorbeikam, lief ihm die alte Federsen über den Weg.

»Na, Mutter Federsen, immer noch rüstig zu Wege? Wie geht's denn?«

»Schlecht, Herr Henke, ach, so schlecht!« Die Alte sah vergrämt aus.

»Nanu, Mutter Federsen, was habt Ihr denn für einen Kummer?«

»Ach, Herr Henke, der junge Wagner, der bei mir wohnte, so'n netter junger Mensch, immer so fidel, der is nu wohl ooch zu Schaden gekommen!«

Henke schüttelte den Kopf. »Zu Schaden gekommen? Glaube ich nicht, Mutter Federsen, sonst hätte man doch im Werk irgend etwas gehört. Wer weiß, wo der Bengel sich rumtreibt!«

»Nee, nee, Herr Henke«—die Alte fuhr sich mit einem Taschentuch über die Augen –, »des war een solider junger Mensch. Und grad heute, wo's Schweinebraten bei mir gab und Thüringer Klöße, Herr Henke—nee, nee, da wäre er bestimmt nach Hause gekommen.«

Henke überlegte ein Weilchen. »Habt Ihr Euch denn schon im Werk erkundigt, Mutter Federsen?«

»Ja freilich, Herr Henke! Beim Herrn Rübesam bin ich gewesen.«

»So, bei Rübesam? Was hat denn der gesagt?«

»Der hat immer bloß den Kopp geschüttelt und hat een sehr ernstes Gesicht gemacht. Un denn hat er gemeint, man müsse abwarten.«

»Na also, Mutter Federsen, da sehen Sie's ja! Der Bengel treibt sich irgendwo rum. Wenn ihm was zugestoßen wäre, müßte es Rübesam wissen. Warten Sie nur ab! Wer an Schweinebraten gewöhnt ist, kommt wieder.«

Die Alte seufzte. »Ich gloob's nich mehr, Herr Henke. Bis heute abend um achte hab ich's ja ooch noch gegloobt. Aber da is der Herr Rübesam selber noch mal zu mir gekommen un hat in dem Rudi seinen Sachen gekramt. Un als er denn weggegangen is, da hat er gesagt: ›Mutter Federsen‹, hat er gesagt, ›'s kann vielleicht ne Zeit dauern, bis der Junge wiederkommt.‹ Nu gloob ich's nich mehr, Herr Henke; 's muß wohl doch was vorgekommen sein. Adjes ooch, Herr Henke!«

Die Alte ging die Straße weiter. Henke pfiff nachdenklich durch die Zähne. Hatte das was zu bedeuten? Möglicherweise war das Fehlen Wagners schon um zwei Uhr beim Schichtwechsel an der Kontrolluhr aufgefallen. Auf jeden Fall hatte Rübesam durch die Erkundigung der alten Federsen davon erfahren und nun zweifellos an der Kontrolluhr festgestellt, daß Wagner nicht aus dem Werk gegangen war. Bis dahin war alles klar. Aber warum war Rübesam jetzt noch einmal gekommen und hatte Wagners Sachen durchsucht? Vielleicht hatte das eine ganz harmlose Ursache. Aber Henke vermochte sie nicht zu finden. In Gedanken verloren ging er weiter. Plötzlich blieb er stehen und schlug sich vor die Stirn. Warum war er nicht gleich darauf gekommen? Das war doch das Einfachste, und Nächstliegende. Natürlich mußte Rübesam annehmen, daß die Gegenseite etwas gegen den Spion unternommen hatte. Selbstverständlich mußte Rübesam damit rechnen, daß die Gegenseite versuchen könnte, die Sachen Wagners auf irgendwelche Aufzeichnungen hin zu durchsuchen. Dem war Rübesam eben einfach zuvorgekommen und hatte selbst in der Sachen »gekramt«, wie die alte Federsen sich ausdrückte.

Erleichtert ging Henke weiter. Überflüssige Mühe, Herr Rübesam! Die Gegenseite hat an den Lumpen dieses Bengels kein Interesse mehr.

* * * * *

Monsieur Duprès, der Direktor des Musée des Arts in Genf, kam mit einem ansehnlichen Folianten an den Tisch zurück. »Ich sehe mit Vergnügen, Herr Doktor, daß ich in Ihnen einen hervorragenden Kenner der altägyptischen Kunst vor mir habe. Es ist mir eine Ehre, Ihnen dieses Album vorzulegen. Hier haben wir die Photos aller Stücke aus unserm Besitz.« Er schob das aufgeschlagene Buch zu Gransfeld hin.

Dieser ließ die Seiten durch die Finger gleiten und blätterte, als suche er etwas. »Vorzüglich, Herr Direktor! Manches größere Museum kann Ihr Institut um diesen Besitz beneiden. Indes, ich vermisse—suche vergeblich ... Ich las vor längerer Zeit in Deutschland von Ihrer neuesten Erwerbung. Wenn ich mich recht erinnere, sollte es eine Statuette des Sethos sein.«

»Das eilt den Tatsachen voraus, Herr Doktor«, unterbrach ihn der Direktor. »Eine solche Statuette wurde uns in der Tat angeboten, aber der Preis, der ungewöhnlich hohe Preis! Die Mittel unseres Institutes sind nicht unbeschränkt. Wir konnten nicht sofort handelseinig werden und haben uns Bedenkzeit ausgebeten.«

»Schade, Herr Direktor! Gerade die Statuette—soviel ich darüber weiß, muß sie ein hervorragendes Kunstwerk sein—gerade diese Statuette hätte ich gern gesehen.«

Der Direktor erhob sich. »Einen Augenblick, mein Herr! Wenigstens im Bild kann ich sie Ihnen zeigen. Wir haben sie während der ersten Verhandlungen photographiert.« Er kehrte mit einigen Photos zurück, die er vor Gransfeld ausbreitete.

Aufmerksam betrachtete der Doktor die Bilder. Dann sprach er, während er langsam den Kopf wiegte: »In der Tat, das ist die Statuette.«

»Wie meinen Sie, Herr Doktor? Sie kennen das Kunstwerk?«

Gransfeld zog seine Brieftasche, aus der er zwei kleinere Photos entnahm und vor den Direktor hinlegte.

Nach einem Blick darauf sprang Monsieur Duprès mit der Lebhaftigkeit des Franzosen auf. »Rätselhaft, Herr Doktor, unerklärlich! Sie besitzen ebenfalls Photographien? Gar kein Zweifel, es ist dieselbe Statuette wie auf unsern Photos. Wie der Händler versicherte, hat er die Statuette geradeswegs aus Ägypten gebracht.«

»Man kann auch in Ägypten photographieren, Herr Direktor«, unterbrach ihn Gransfeld. »Ich verrate kein Geheimnis, wenn ich Ihnen sage, daß meine beiden Photos in Syut in Ägypten aufgenommen worden sind.«

»In Syut, Herr Doktor? Merkwürdig! Der Händler, eine ernstzunehmende Persönlichkeit, erzählte, daß er sie in Assuan erworben und auf schnellstem Wege nach Europa gebracht habe.«

»Ganz so schnell dürfte es nicht gegangen sein, Monsieur Duprès, denn die Bilder in Syut wurden bereits vor längerer Zeit gemacht. Doch lassen wir das! Für mich ist es besonders wichtig, daß auch Sie die Bilder für identisch halten.«

»Für identisch? Es sind doch verschiedene Aufnahmen der Statuette.«

»Sie mißverstehen mich; ich meine, daß alle diese Bilder ein und dasselbe Kunstwerk zeigen. Oder würden Sie es für möglich halten, daß zwei Statuetten der gleichen Art von solcher Ähnlichkeit, um nicht zu sagen Gleichheit, vorhanden sein können?«

Der Direktor schüttelte den Kopf. »Das halte ich für ausgeschlossen. Es müßte denn geradezu sein, daß Ihre Photos nach einer Kopie oder, sagen wir deutlicher, einer Fälschung aufgenommen sind, denn die Statuette, die uns hier gezeigt wurde, war zweifellos echt.«

Onkel Georg hat sicherlich auch keine Fälschungen gekauft, dachte Gransfeld bei sich. Laut fuhr er fort: »Ich glaube gute Gründe zu haben, daß auch meine Bilder ein echtes Kunstwerk darstellen. Darüber würde ich mich gern mit Monsieur Megastopoulos unterhalten, wenn er wieder hierher kommt.«

»Megastopoulos? Ah, Herr Doktor, Sie kennen den Herrn? Doch woher wissen Sie, daß er es war, der uns die Statuette anbot? Er legte Wert darauf, daß sein Name in den Pressenachrichten über diesen Handel nicht genannt würde.«

»Ich kenne ihn von Ägypten her, Herr Direktor. Meine Vermutung, daß er Ihnen das Angebot machte, trifft also zu. Darf ich fragen, wann Sie ihn wieder erwarten?«

Duprès blätterte in einem Kalender. »Heute haben wir Donnerstag.« Er zählte an den Fingern. »Sonntag—Montag; er müßte nach der Verabredung am Montag wieder hier sein. Hoffentlich hat er sich die Sache inzwischen überlegt und läßt vom Preise etwas ab. Seine Forderung ist für unser Institut unerschwinglich.«

Gransfeld schrieb seine Hoteladresse auf und gab sie Duprès. »Ich wäre Ihnen für eine Benachrichtigung dankbar, Herr Direktor, wenn Monsieur Megastopoulos wieder hier ist.« Als Gransfeld ein leichtes Zögern bei dem andern bemerkte, fügte er hinzu: »Sie brauchen in mir keinen Nebenbuhler zu wittern, Herr Direktor, der Ihnen das Kunstwerk abspenstig machen will. Lediglich der Wunsch, Herrn Megastopoulos wiederzusehen, veranlaßt mich zu der Bitte.«

Ein kurzer Abschied noch, und der Doktor kehrte in seinen Gasthof zurück. Wie vor kurzem Monsieur Duprès, zählte er jetzt an den Fingern. Vier lange Tage waren es noch bis zur Rückkehr dieses verdächtigen Griechen. Er hatte wenig Lust, diese Zeit über untätig in Genf zu sitzen.

Von allen Seiten her winkten und lockten ja die schneeigen Gipfel der Alpenwelt. In Rudeln zogen die Touristen mit ihren Skiern in die Berge. Warum sollte er's nicht ebenso machen? Der Plan für einen dreitägigen Ausflug war schnell zusammengestellt. Mit dem Dampfboot wollte er von Genf nach Nyon und von dort eine Wanderung über die Berge unternehmen. In zwei Tagen konnte er das neue Almhotel am Hange des Mont Tendre bequem erreichen, am dritten Tag dann zu Tal bis nach Ouchy marschieren und von da mit dem Dampfboot nach Genf zurückkehren. Kurz entschlossen besorgte er sich Skier. Schon mit dem ersten Boot, das am Freitagmorgen abging, verließ Gransfeld Genf.

Am Sonnabendnachmittag zog er auf den Schneehängen des Mont Tendre in nordwestlicher Richtung dahin. Auf die winterliche Landschaft brannte die Sonne mit fast tropischer Kraft vom stahlblauen Himmel herab. Ein blendendes Flimmern und Schimmern herrschte auf der weiten, weißen Fläche, das nur die dunkle Schneebrille erträglich machte. Gransfeld wurde es warm, während er Kilometer um Kilometer auf den langen Brettern über die glatte Bahn dahinglitt.

Bei diesem flotten Tempo war es höchstens noch eine Stunde bis zum Hotel de Montagne, überreichlich Zeit also. Er beschloß, eine Rast zu machen, und sah sich nach einem passenden Ruhepunkt um. Schräg vor ihm lag eine mächtige Schneewächte, darunter, soweit er erkennen konnte, ein größerer, schneefreier Fleck. Das war ein idealer windgeschützter Platz, um sich zu strecken und zu sonnen. Er steuerte darauf zu.

Je näher er kam, desto deutlicher traten die Einzelheiten hervor. Kleine Steine wuchsen zu großen Blöcken, und dort ... Er schob die Schneebrille auf die Stirn und schloß einen Augenblick, von der Helligkeit geblendet, die Augen. Dann schaute er schärfer hin. Saß da nicht schon jemand, irgendein anderer Tourist, der schon vor ihm die vorzüglichen Eigenschaften des Ortes als Raststelle erkannt hatte? Nun, der Platz war groß genug, um mehreren Raum zu bieten.

Jetzt hatte er die Schneegrenze erreicht und löste die Skier von den Füßen. Langsam trat er näher. Ein junges Mädchen, etwa zwanzigjährig, saß dort allein. Ihr Gesicht war bleich, und nur schwach erwiderte sie seinen Gruß. Ihre Skier lagen neben ihr, der eine davon war zerbrochen. Gransfeld sah, daß das Mädchen Schmerzen litt. In kurzen Worten stellte er sich als Arzt vor und erfuhr, was geschehen war.

Die junge Dame, Susanne Rasmussen aus Hamburg, hatte mit einer Pensionsfreundin eine Skitour auf den Mont Tendre unternommen. Plötzlich war sie auf ein unsichtbares Hindernis gestoßen, einen unter dem Schnee verborgenen Stein. Der eine Ski zerbrach daran. Sie selbst war gestürzt. Vor zwei Stunden war dies geschehen. Mit Mühe hatte die Freundin sie bis hierher gebracht und war dann nach dem Hotel de Montagne geeilt, um Hilfe zu holen.

Gransfeld bot Susanne Rasmussen seinen ärztlichen Beistand an. Mit größter Vorsicht entfernte er den Stiefel von dem verletzten Fuß und fand den Knöchel stark geschwollen. Als er ihn abtastete und ein paarmal kräftig bewegte, konnte sie einen Schrei nicht unterdrücken.

»Mut, gnädiges Fräulein!« tröstete er. »Ich mußte Ihnen bei der Untersuchung weh tun. Dafür wissen wir jetzt, daß nichts gebrochen ist; es ist nur eine Muskelzerrung. Sie brauchen vollkommene Schonung, und in acht Tagen kann alles wieder gut sein. Aber kühlen wollen wir sofort.« Er ging und brachte seine Mütze mit Schnee gefüllt zurück. Mit einigen Tüchern, die er seinem Rucksack entnahm, legte er einen Schneeverband um das verletzte Glied.

»Keine unnützen Sorgen, gnädiges Fräulein!« suchte Gransfeld seine Patientin zu beruhigen, die immer noch recht schwach schien. »Ich werde selbstverständlich bei Ihnen bleiben, bis die Träger kommen.«

Wohltuend spürte Susanne die Kälte des schmelzenden Schnees, die den Schmerz allmählich betäubte. Ein Stärkungsmittel, das Gransfeld aus seinem Rucksack hervorholte, tat das übrige. Das Blut kehrte ihr in die Wangen zurück, die Schwäche wich, und bald war ein angeregtes Gespräch zwischen beiden im Gang. Von ihrer früheren Pensionszeit in Lausanne erzählte sie; daß sie von Hamburg hierher gekommen sei, um an der Hochzeit einer Freundin teilzunehmen. Dann sprang die Unterhaltung auf Hamburg über, wo ihr Vater ein großes Ausfuhrgeschäft hatte. Wie im Fluge verstrich die Zeit darüber. Ehe beide es sich versahen, kam die Freundin mit den Trägern vom Hotel zurück.

Gransfeld griff kräftig mit zu. Er half die Patientin auf die Bahre betten und erneuerte den kühlenden Schneeverband. Dann brachen sie auf. Viel langsamer ging es als auf den Skiern, und erst bei einfallender Dämmerung erreichten sie das Hotel. Hier sorgte Gransfeld für eine zweckmäßige Lagerung seiner Patientin und gab Vorschriften für die Behandlung, bevor er sich auf sein Zimmer zurückzog.

Mancherlei Gedanken gingen ihm durch den Kopf, als er allein war. Rasmussen? Ausfuhrgeschäft? Hamburg? In Susannes Gegenwart hatte er nicht daran gedacht. Erst jetzt kam ihm die Erinnerung, daß der Name Rasmussen in Hamburg schon einmal sein Interesse erregt hatte. Sein Interesse? Nein, seinen Verdacht! Rasmussen? Ein Name, der an der Wasserkante hundertmal vorkam. Es war nicht sicher, ja nicht einmal wahrscheinlich, daß jener Rasmussen in Hamburg der Vater seiner Patientin war. Susanne die Tochter eines Mannes, der vielleicht zu dieser internationalen Bande gehörte? Das war doch ganz unmöglich! Als unsinnig verwarf er den Gedanken.

* * * * *

Ein Brief mit dem Poststempel Gorla kam in der Picadilly-Street in London an. Er war in einer Chiffre geschrieben. Nur die Wissenden der Organisation, die den Schlüssel dazu besaßen, konnten ihn lesen. X. C. 17—neben dieser Chiffre stand der Name Henke im Schlüssel—meldete in diesem Brief: »Der Fall des früheren Stewards Wagner ist erledigt. Doktor Gransfeld ist nach Genf gefahren und wohnt im Hotel du Lac.«

Ein anderer Brief in der gleichen Chiffre ging von der Picadilly-Street nach Harvestehude in Hamburg. Er enthielt einen Befehl des Chefs an Rasmussen. »Fahren Sie sofort unauffällig, unter dem Vorwand, Ihre Tochter zu besuchen, nach Genf! Steigen Sie im Hotel du Lac ab! Behalten Sie den dort wohnenden Doktor Gransfeld im Auge! Warten Sie neue Weisungen ab!«

Als C. F. Rasmussen den Brief gelesen hatte, setzte er sich unverzüglich auf die Bahn.

Am Montagmittag telephonierte Gransfeld Duprès an, ob Monsieur Megastopoulos sich bereits angesagt habe.

Die Antwort des Direktors enttäuschte ihn. Von Monsieur Megastopoulos war ein Brief aus Paris gekommen, in dem er sich mit ziemlich nichtssagenden Gründen und auf ungewisse Zeit entschuldigte. Das einzige Ergebnis dieser Telephonunterhaltung war die Pariser Adresse des Griechen, die Gransfeld sich in sein Notizbuch schrieb.

Verstimmt ging er in den Speisesaal. Während die Suppe vor ihm stand, begann er zu überlegen. Sollte er hierbleiben? Das war zwecklos. Sollte er nach Paris fahren und den Griechen dort zu fassen versuchen? Das war ein Weg, der vielleicht zum Erfolg führen konnte. Oder sollte er nach Gorla zurückkehren und dort zusammen mit Rübesam von der Bande fassen, was zu fassen war? Auch dies wäre eine Möglichkeit gewesen. Doch die Frucht schien ihm noch nicht reif zum Pflücken. Als das Essen mit Kaffee zu Ende ging, hatte er immer noch keinen Entschluß gefaßt.

»Monsieur le docteur Gransfeld!« Der Ruf riß ihn aus seinem Sinnen. Ein Hotelpage legte ein Telegramm vor ihn hin. Gransfeld öffnete es. Es war von Rübesam aus Gorla. Gransfeld las, schüttelte den Kopf, las zum zweiten, zum dritten Male und steckte das Telegramm endlich kopfschüttelnd in die Tasche.

Um drei Uhr ging Gransfeld zum Bahnhof. Seine Unruhe hatte ihn viel zu früh auf der Weg getrieben. Eine gute halbe Stunde blieb noch bis zur Ankunft des Schaffhausener Zuges. Ungeduldig lief er auf dem Bahnsteig hin und her. Unendlich langsam schien ihm der Minutenzeiger der Bahnuhr über das Zifferblatt zu schleichen. Schon zum zehnten Male besah er sich die Auslagen am Zeitungsständer, um die Zeit totzuschlagen.

Lärm von dem übernächsten Bahnsteig her rief ihn aus dieser Beschäftigung. Dort fuhr soeben der Pariser Schnellzug ein. Bremsen knirschten, Türen wurden aufgerissen, Rufe nach Gepäckträgern erfüllten die Halle. Im Augenblick war der Bahnsteig schwarz von Menschen. Ohne besonderes Interesse schaute Gransfeld auf das Gewimmel. Doch plötzlich wurden seine Augen weit. In der Menge dort sah er eine Dame, die ihm bekannt vorkam. War das nicht die verdächtige Rumänin aus Hamburg, diese Madame Dimitriescu? Jetzt war sie schon wieder in der Menge untergetaucht. Umsonst blieb Gransfelds Bemühen, sie wieder zu entdecken. Doch er glaubte seiner Sache ganz sicher zu sein.

Die Dimitriescu in Genf? Der Grieche war hier gewesen, würde vielleicht bald wiederkommen. War's Zufall, war's Verabredung? Unsinn! Du siehst Gespenster am lichten Tage, suchte er sich selbst zu widerlegen. Und Rasmussen? fuhr's ihm im gleichen Augenblick durch den Kopf. Unsinn! Was hat das Mädchen mit den andern zu tun? Nichts! In halblautem Selbstgespräch waren ihm die Worte über die Lippen gekommen.

Die Reisenden des Pariser Zuges hatten sich allmählich verlaufen, und die Zeit war darüber verstrichen. Noch fünf Minuten. Gransfeld verglich seine Taschenuhr mit der Bahnuhr und besah sich zum elften Male die Ansichtspostkarten am Zeitungsstand. Endlich! Der deutsche Zug rollte in die Halle. Gransfeld stellte sich am Ausgang auf und schaute nach rechts und nach links. Vergebens! Er konnte in der vorbeiwogenden Menge nicht entdecken, was er suchte.

Da hörte er plötzlich eine bekannte Stimme dicht neben sich. »Herr Doktor, Herr Doktor, da bin ich!«

Gransfeld schüttelte dem Sprecher beide Hände. »Rudi! Junge, warum kommst du nach Genf? Was ist denn los? Aus Rübesams Telegramm bin ich nicht klug geworden.«

»Herr Rübesam hat mich hierher geschickt, Herr Doktor. Er hat mir einen Brief mitgegeben.« Rudi schlug sich auf die Brusttasche, in der es knisterte.

»Nicht hier, Rudi. Komm erst mit zum Hotel! Da mußt du mir alles erzählen, und ich werde den Brief lesen.«

Doch wes das Herz voll ist, des geht der Mund über. Schon während sie den Bahnhof verließen, begann Rudi zu erzählen. »Ja, so war's, Herr Doktor. Ich hatte mir überlegt, ob ich nicht doch noch einmal in den Kessel kriechen sollte.«

»Junge! Herr Rübesam hat es dir doch streng verboten!«

»Ich hab's ja auch nicht getan, Herr Doktor. In dem Flur nebenan, wo ich die Isolatoren für die neue Leitung in die Wand zu setzen hatte, habe ich den einen Isolator ein bißchen tief hineingeschraubt, und das hat dann ein Loch gegeben. Ich merkte es erst, als ich ihn wieder herausschraubte. Leider war's nur klein. Ich konnte bloß einen geringen Teil des Heroinsaales übersehen, aber ich konnte doch wenigstens etwas sehen und außerdem hören.«

»Weiter, Rudi! Was ist dann weiter geschehen?«

»Etwas ganz Merkwürdiges, Herr Doktor. Ich konnte durch das Loch nur die Saalecke mit dem leeren Kessel beobachten, in dem ich damals gesteckt hatte. Da kommt plötzlich Altmüller, kniet vor dem Kessel hin, horcht daran und fängt an, sich wie ein Verrückter zu benehmen. Dann kam Henke nach, und der trieb es noch viel blödsinniger. Er schraubte plötzlich den Mannlochdeckel an und ließ Wasser und Dampf in den Kessel.«

Gransfeld war blaß geworden. »Rudi, Junge, die haben dich in dem Kessel vermutet! Wenn du da drin gesteckt wärest, nichts wäre von dir übriggeblieben.«

»So etwas Ähnliches habe ich mir ja auch schon gedacht, Herr Doktor, und Herr Rübesam meinte es ebenfalls. Aber«, Rudi versuchte zu lachen, »die haben sich eben geirrt, und ich weiß auch, was es gewesen ist.«

»Was es gewesen ist? Rudi. Mensch, sprich doch! Du kannst einen mit deiner Art zu erzählen auf die Folter spannen.«

»Hahaha, Herr Doktor!« Jetzt lachte Rudi wirklich laut und herzlich. »Eine Ratte muß es gewesen sein, die sich da in den Kessel verirrt hat. Von den Viechern gibt's mehr als genug in den Werken, obwohl überall Fallen gestellt sind. Eine ganz gemeine Ratte muß es gewesen sein, die da in den Kessel geraten ist und Lärm gemacht hat.«

»Weiter, Rudi, weiter!« drängte Gransfeld. »Was hast du danach gemacht?«

»Ja, Herr Doktor, ich konnte ja nicht bloß sehen, sondern auch hören, und da hatte ich schon gleich zu Anfang gehört, daß die beiden in dem Saal genau über mich Bescheid wußten.«

»Also doch wieder verpfiffen!« rief Gransfeld.

»Verpfiffen, Herr Doktor. Die Leute wußten genau über mich Bescheid und über den Berliner Detektiv vom vorigen Jahr auch. Da bin ich denn gleich in die Wohnung von Herrn Rübesam gegangen und habe ihm die ganze Geschichte erzählt.«

»Und was hat Herr Rübesam getan?«

»Herr Rübesam hat den Kopf geschüttelt und mich gar nicht mehr aus dem Zimmer gelassen. Ich mußte in seiner Wohnung bleiben. Er selbst ist am Abend noch einmal fortgegangen und hat meinen Paß und meine Papiere bei Frau Federsen geholt. Dann haben wir zusammen Abendbrot gegessen.«

»Weiter, weiter! Das Abendbrot interessiert mich nicht.«

»Als es dann Nacht geworden war, ist Herr Rübesam mit mir durch das Werk bis zum Nordtor gegangen. Das ist das Tor, durch das die Geleise vom Bahnhof her ins Werk laufen. Herr Rübesam hatte die Schlüssel dazu. Er hat aufgeschlossen und ist mit mir immer an den Geleisen entlang bis zum Bahnhof gegangen. Da hat er mir gleich die Fahrkarte nach Genf gekauft, mir noch Reisegeld und den Bericht für Sie mitgegeben. Dann kam der Zug schon. Er rief mir noch nach, er werde an Sie telegraphieren. Ja, das ist alles. Und da bin ich nun eben hier, Herr Doktor.«

Sie hatten während der letzten Worte das Hotel erreicht und waren auf Gransfelds Zimmer gegangen. Der Doktor klingelte und ließ für Rudi erst einmal Abendbrot bringen, über das sich dieser wie ein ausgehungerter Wolf hermachte. Währenddessen las Gransfeld den Brief Rübesams. Er enthielt die Bestätigung alles dessen, was Rudi ihm soeben erzählt hatte. Es konnte danach keinem Zweifel mehr unterliegen, daß die Bande über jeden gegen sie geplanten Schritt genau unterrichtet war und daß ihre Mitglieder offenbar vor keinem Mittel zurückschreckten. Nachdenklich faltete Gransfeld den Brief wieder zusammen.

Am nächsten Tage wurde Gransfeld ans Telephon gerufen. »Hallo! Hier Duprès. Monsieur Megastopoulos hat heute geschrieben, daß ich ihn im Laufe der nächsten Woche bestimmt erwarten darf.«

Gransfeld bedankte sich für die Mitteilung und hängte den Hörer wieder an.

Zu derselben Zeit saß der Grieche keine hundert Meter von Gransfeld entfernt im »Hotel des Etrangers«, einem bescheidenen Hause dritten Ranges, und mit ihm zusammen saßen Mister Morton, Herr C. F. Rasmussen und Frau Dimitriescu. Vier Mitglieder der Organisation waren beisammen, um Entschlüsse zu fassen.

»Daß der Doktor hinter uns her spioniert, steht außer Zweifel«, begann der Grieche. »Er ist auch bei Duprès gewesen. Mein Mittelsmann, einer der Museumsbeamten, hat mich darüber genau unterrichtet. Doktor Gransfeld hat bei dieser Unterredung ein auffälliges Interesse für meine Person an den Tag gelegt.«

»Das haben Sie sich selber zuzuschreiben«, rief Morton knurrend dazwischen. »Die ganze Geschichte haben wir Ihrer Vorliebe für überflüssige Privatgeschäfte zu verdanken.«

»Ihre Vorwürfe haben keinen Zweck, Mister Morton«, warf die Dimitriescu ein.

»Immerhin, mein lieber Morton«, verteidigte sich der Grieche, »sind wir durch dieses Privatgeschäft in der Lage, Gransfeld hier festzuhalten. Auf meinen zweiten Brief an Duprès hat er seinen Entschluß, Genf zu verlassen, vorläufig aufgegeben. Für wenigstens acht Tage haben wir ihn hier sicher. Es wird unsere Aufgabe sein, diese Zeit zu nutzen.«

»Allright«, stimmte Morton bei, »der Mann muß weg! Der Genfer See ist groß. Ein solider Messerstich, und dann ins Wasser mit ihm! Der Teufel soll später sagen, wer's gewesen ist!«

Rasmussen schüttelte abweisend den Kopf. »Es handelt sich aber um zwei«, warf die Dimitriescu ein; »der Doktor steckt ja mit dem Wagner zusammen.«

»Sie sind im Irrtum, Madame«, widersprach Morton; »Wagner ist in Gorla und soll dort erledigt werden. Hoffentlich ist es schon geschehen.«

»Der Irrtum ist auf Ihrer Seite, Morton«, erwiderte die Rumänin. »Der Junge ist hier. Ich habe ihn gestern abend mit dem Doktor zusammen gesehen.«

»Undenkbar!« murmelte Morton. »Nach unsern Londoner Nachrichten haben sie sich getrennt. Van Holsten ist eigens deswegen nach Gorla gefahren und soll da mit Henke zusammen alles Nötige veranlassen. Der Bengel kann nicht hier sein.«

Die Rumänin machte eine schnippische Bewegung. »Ich kann mich auf meine Augen verlassen, Mister Morton. Der Junge ist hier.«

Morton stützte das Kinn auf die Faust. »Well, dann müssen wir die beiden hier erledigen. Fragt sich nur, wie und wo.«

»Nach meinen Nachrichten«, sagte Megastopoulos, »ist Gransfeld ein Freund von Bergtouren. Ein gefährlicher und bisweilen recht ungesunder Sport, meine Herren. Man kann dabei in Gletscherspalten fallen, mit einer Schneewächte abbrechen oder von einem Grat abstürzen. Es braucht nur der richtige Mann im rechten Augenblick dabei zu sein.«

Zum ersten Male mischte sich jetzt Rasmussen in die Beratung. »Das nicht, meine Herren! Das mache ich nicht mit. Überlegen Sie irgend einen andern Weg, die beiden unschädlich zu machen, aber unternehmen Sie keinen Mord! Ich kann nicht mehr—ich will nicht mehr ...« Er erblaßte plötzlich und sank zusammen. Sein Herzleiden hatte ihn wieder überfallen. Es bedurfte geraumer Zeit, bis er den Anfall mit kaltem Wasser und Digitalistropfen einigermaßen überwunden hatte. Hinfällig lag er in seinem Stuhl. Minuten verstrichen, bevor er wieder sprechen konnte. Abgebrochen und stoßweise kamen die Worte von seinen Lippen. »Ich kann nicht mehr—Sie müssen mich entschuldigen ...« Er erhob sich und ging mit schwankenden Schritten zur Tür. »Beraten Sie ohne mich, aber—keinen Mord mehr!« Die Tür fiel hinter ihm ins Schloß.

Morton brach zuerst das Schweigen. »Well, der Mann ist krank. Fürchte, er macht's nicht mehr lange. Müssen versuchen, ohne ihn zu einem Entschluß zu kommen.—Ihr Plan wäre gut«, fuhr er, zu Megastopoulos gewendet, fort, »wenn wir es nur mit einem einzigen zu tun hätten. Daß der Junge dabei ist, erschwert den Fall. Das Gelingen wird dadurch in Frage gestellt. Ich glaube, wir werden auf das Wasser zurückkommen müssen. Das ist besser. Die weite Fläche des Lac Léman—da kann auch ein Boot mit zweien unauffällig verschwinden. Man müßte sie dahin bringen, eine Bootspartie zu unternehmen. Haben wir sie erst einmal auf dem Wasser, dann erledigt sich alles andere von selbst.«

»Besonderer Bemühungen wird es dazu kaum bedürfen«, warf die Dimitriescu ein. »Ich hörte nämlich, daß Gransfeld sich bei dem Pförtner des ›Hotel du Lac‹ nach Segelbooten erkundigt hat. Es scheint, als ob er eine Bootstour vorhabe.«

»Nach Segelbooten? Glänzend!« Morton sprang auf. »Dann haben wir sie. Segelboot—Abendflaute. Abends wird es auf dem See immer etwas neblig. Ein ungeschicktes Motorboot rammt ihnen den Kahn, und die Sache ist erledigt.«

Der Grieche schüttelte den Kopf. »Ihr Plan ist nicht sicher, Morton. Es gibt zuviel andere Boote auf dem See. Man könnte den Unfall doch bemerken und zu Hilfe kommen. Dann wäre alles umsonst gewesen. Wir hätten mehr Schaden als Nutzen von der Sache.« Er kniff die Lippen zusammen und dachte nach. Dann sprach er weiter: »Ich habe einen ganz andern Gedanken, einen besseren Plan, der«—das Gesicht des Griechen verzog sich zu einem schmierigen Lächeln—»der außerdem den Wünschen unseres Freundes Rasmussen Rechnung trägt.«

Während die andern gespannt auf ihn blickten, drehte er sich gelassen eine Zigarette und weidete sich an ihrer Erwartung.

»Schießen Sie endlich los!« brummte Morton.

»Eh bien! Meine verehrten Herrschaften, Sie wissen alle, wie scharf die französische Polizei und Justiz hinter den Geschäftsleuten her sind, die mit der ›Ware‹ handeln.«

Kalt und abweisend wurden die Gesichter um ihn herum. Man liebte es nicht, an die Gefahren des dunkeln Gewerbes erinnert zu werden.

Megastopoulos tat, als merke er's nicht, und fuhr ruhig fort: »Stellen Sie sich vor, zwei deutsche Händler versuchen es, die verbotene ›Ware‹ über den See in die geheiligten Gefilde Frankreichs einzuführen, natürlich ohne die Zollwache unnötig zu bemühen. Aber die Zollbeamten haben durch gute Freunde Wind von der Sache bekommen. Man nimmt sie am Ufer in Empfang. Das Boot und ihr Gepäck werden durchsucht, und man findet—man findet ›Ware‹ massenhaft bei ihnen. Jahre können vergehen, ehe diese beiden wieder aus der Maison d'arrêt kommen. Das französische Zuchthaus, meine Herrschaften ...« Megastopoulos pfiff leise vor sich hin. Er schien auf diesem Gebiete persönliche Erfahrungen zu besitzen. »Zuchthaus? Wenn wir's richtig machen, kommen die beiden nach Cayenne. Dann sind wir sie für immer los.«

Morton nahm das Wort. »Der Plan sieht ganz verlockend aus. Wie wollen Sie es aber anstellen, Megastopoulos?«

»Ziemlich einfach, Morton. Einer unserer Genfer Freunde, Monsieur Bouton, besitzt ein Segelboot, das für diese Zwecke besonders geeignet ist.« Er kniff das linke Auge zu und guckte Morton an. Dieser wußte im Augenblick Bescheid. Das Boot war also für den Schmuggel mit der »Ware« eingerichtet und besaß verborgene Hohlräume. Megastopoulos fuhr fort: »Monsieur Bouton wird die Rolle eines Bootsverleihers zu spielen haben. Billigste Bootsmiete, außergewöhnlich günstiges Angebot. Seine Aufgabe ist es, den Doktor zum Mieten seines Bootes zu bewegen. Das übrige—wir werden leider nicht umhin können, eine reichliche Menge unserer Ware zu opfern, denn das Boot und—das ist besonders wichtig—auch das Gepäck der beiden müssen gehörig gesalzen werden. Die Sache mit den Zollbeamten würde ich selbst durch meine Freunde auf der französischen Seite besorgen lassen. Und dann—viel Vergnügen im Zuchthause, Herr Doktor Gransfeld!« Er stieß ein paar Rauchwolken aus und sah sich triumphierend um.

»Sie sind ein Satan, Megastopoulos!« rief die Dimitriescu.

»Well, der Plan ist gut!« unterbrach Morton sie. »Ich denke, wir nehmen ihn an.«

In längerer Sitzung wurden alle Einzelheiten des Anschlages genau besprochen und die Rollen verteilt. Dann trennten sie sich.


Rasmussen war unmittelbar nach seiner Ankunft in Genf zu der Beratung der Wissenden gegangen und hatte danach eine schlechte Nacht verbracht. Erst am nächsten Morgen kam er dazu, sich nach Susanne, die bei einer befreundeten Familie abgestiegen war, zu erkundigen. Die Auskunft, die er am Telephon erhielt, erschreckte ihn. Susanne verletzt—im Hotel de Montagne auf dem Krankenlager! Der nächste Zug brachte ihn nach Lausanne. Die wundervolle Bahnfahrt am Ufer entlang, der blinkende See, die Alpenriesen ringsherum—er sah kaum etwas von alledem. Seine Gedanken waren bei seinem Kinde. Viel zu groß war seine Sehnsucht, um in Lausanne die Abfahrt des Autobus abzuwarten. Schon wenige Minuten nach Ankunft des Zuges trug ihn ein schneller Kraftwagen über die Serpentinen der Bergstraße zum Hotel de Montagne.

Als der Wagen an der Südseite des Hauses vorbeifuhr, erblickte er Susanne. Sie saß dort im vollen Sonnenschein auf der Terrasse, Zeitungen und eine Erfrischung vor sich. Erleichtert sprang er aus dem Wagen und begab sich nach oben. »Susanne, mein Kind, du warst krank? Hast du dich verletzt? Ist wieder alles gut?«

Susanne ließ die Zeitungen sinken. »Väterchen, du hier? Ist's möglich? Ja, du bist es wirklich? Keine Ahnung hatte ich, daß du nach Genf fahren wolltest. Was hat dich denn hierher geführt?«

Ein Schatten flog über Rasmussens Züge. »Geschäfte, Kind, die ewigen Geschäfte. Ach, wenn ich doch endlich einmal ausspannen könnte! Aber sprich von dir! War der Unfall schlimm?«

Susanne schüttelte den Kopf. »Nicht so schlimm, Väterchen.« Sie bewegte den Fuß, der noch bandagiert war. »Der Knöchel ist schon wieder ganz heil. Nur noch etwas schonen soll ich den Fuß. Gewiß bist du unnötig erschrocken, als du davon hörtest. Das ist aber wirklich eine überflüssige Sorge, Väterchen. Morgen oder übermorgen wäre ich unter allen Umständen nach Genf zurückgekommen.«

Rasmussen hatte sich inzwischen an dem Tisch niedergelassen. »Aber erzähle doch, Kind! Wie konnte das geschehen?«

»Du lieber Gott! Wie eben so etwas beim Skilaufen vorkommt. Ein dummer Stein war schuld daran. Ich lief dagegen und lag im nächsten Augenblick im Schnee. Dabei hatte ich mir den Fuß vertreten. Herr Doktor Gransfeld sagte nachher; es sei eine Muskelzerrung.«

»Gransfeld? Doktor Gransfeld?« Rasmussen stieß den Namen erregt hervor. »Ist das der Arzt im Hotel de Montagne?«

»Nein, Väterchen. Das muß ich dir ausführlich erzählen. Alice hatte mich mit Mühe und Not bis unter eine Schneewächte geschafft und war dann zum Hotel geeilt, um Hilfe zu holen. Da lag ich nun allein, und der Knöchel tat sehr weh. Mir war recht übel zumute, aber da kam ein Tourist auf Skiern heran, und das war eben Herr Doktor Gransfeld. Er kühlte den Knöchel mit Schnee, dann hat er mir auch eine Arznei gegeben, nach der mir gleich viel besser wurde. Das ist ein Arzt, Väterchen, wie er sein muß: so ruhig und freundlich und doch so bestimmt in seinen Anordnungen! Man ist schon wieder halb gesund, wenn er einen nur ansieht.«

Während Susanne erzählte, arbeitete Rasmussens Gehirn wie im Fieber. Gransfeld? Ein deutscher Arzt Doktor Gransfeld hier am Genfer See? Es konnte nur derselbe sein, um dessentwillen er selber hier war. Der war mit Susanne bekannt geworden und hatte ihr Hilfe geleistet? Ein böser Zufall, der Rasmussen das Schwere, zu dem die Organisation ihn zwang, noch schwerer empfinden ließ.

Susanne erzählte weiter: »Dann kam Alice mit den Trägern zurück. Herr Doktor Gransfeld half mich auf die Bahre legen und ging mit zum Hotel. Da hat er mir auch noch Hilfe geleistet und genaue Vorschriften gegeben, ehe er am nächsten Tage nach Genf ... Väterchen, was ist dir? 0 Gott, wieder ein Anfall!«

Schon während der Erzählung Susannes hatte Rasmussen gefühlt, wie die Erregung ihm ans Herz griff, wie es wilder und immer wilder zu pochen begann, um dann plötzlich auszusetzen. Schwer atmend lag er im Stuhl. »Wasser, Susanne! Meine Tropfen!«

Sie nahm das Digitalisfläschchen aus seiner Tasche, schenkte frisches Wasser ein und gab ihm die Tropfen.

Das Digitalin, das Alkaloid des Fingerhutes, ein tödliches Gift in der Hand des Unkundigen, ein heilkräftiges Mittel in der des Arztes, tat seine Wirkung. Allmählich wurde Rasmussens Herzschlag stärker und regelmäßiger. Langsam erholte er sich.

Sorgenvoll blickte Susanne ihn an. »Liebes Väterchen, willst du mir einen Gefallen tun, einen ganz großen Gefallen?«

Rasmussen nickte. »Gern, mein liebes Kind, wenn dein Wunsch erfüllbar ist.«

»Er ist erfüllbar, Väterchen. Du sollst mit mir nach Paris fahren.«

Rasmussen blickte sie erstaunt an. »Nach Paris, Susanne? Was willst du in Paris?«

»Ich? Gar nichts, Väterchen. Aber du, du sollst dort zu Professor Morelle gehen. Er ist Facharzt für Herzleiden und besitzt Weltruf. Tausenden hat er geholfen. Schon lange hatte ich mir vorgenommen, dich darum zu bitten.«

»Aber nach Paris, Kind? Wir haben doch in Hamburg auch gute Ärzte.«

»Mag sein, Väterchen; doch bis jetzt haben sie dir nicht helfen können, und, offen herausgesagt, ich habe das Vertrauen zu ihnen verloren. Tu mir den Gefallen! Versprich mir, daß du mit mir nach Paris fährst! Von hier ist's ja gar nicht so weit. Und denke doch, Väterchen, wie schön das wäre, wenn Professor Morelle dir helfen könnte, wenn du wieder ganz gesund würdest!«

Als Rasmussen sich an diesem Abend im Hotel de Montagre zur Ruhe begab, hatte Susanne ihm das Versprechen abgerungen. Er hatte eingewilligt, mit ihr zusammen nach Paris zu fahren, sobald seine Genfer Geschäfte erledigt seien.


5. AUF DEM GENFER SEE

Gransfeld saß im »Hotel du Lac« beim Frühstück. Schneeweißes, lockeres Brot, dazu die gute Schweizer Butter—hier läßt sich's wirklich leben, dachte er eben, als Rudi hereinkam. »Morgen, Rudi! Du siehst ja mächtig unternehmungslustig aus. Was hast du denn ausgeheckt?«

Rudi schmunzelte über das ganze Gesicht. »Herr Doktor, Sie sagten doch neulich, daß wir eine Segeltour machen wollten.«

»Stimmt, Rudi. Aber die Leute waren mir denn doch zu unverschämt. Für die Miete, die sie forderten, hätte man das Boot ja beinahe kaufen können.«

»Ja, Herr Doktor, aber jetzt habe ich einen entdeckt, der ist billig.«

»So? Was verlangt er denn für den Tag?«

»Bloß fünfundzwanzig Franken, Herr Doktor.«

»Fünfundzwanzig Franken? Na höre mal, Rudi, das wird wohl ein ziemlich trauriger Kahn sein!«

»Nein, Herr Doktor, eben nicht. Es ist ein schönes, großes Schwertboot. Es scheint noch fast neu zu sein.«

»Hm, Rudi, wenn das alles stimmt, dann könnte man ja der Sache nähertreten! Wer ist denn der Besitzer?«

»Ein gewisser Monsieur Bouton, kein Bootsverleiher von Beruf. Er hat einen kleinen Laden in der Rue Marilly. Ich glaube, er macht das Geschäft auch nur ausnahmsweise, um einmal etwas nebenbei zu verdienen.«

»Hast du ihm schon gesagt, daß wir gern allein segeln möchten? Ich habe keine große Lust, den ganzen Tag über einen fremden Menschen mit im Boot zu haben.«

»Jawohl, Herr Doktor, das habe ich ihm gesagt.«

»Und was meinte er?«

»Zuerst schien er nicht ganz einverstanden damit zu sein. Er hatte wohl Besorgnis, daß sein Boot in ungeschickte Hände kommen könnte. Aber dann habe ich ihm erzählt, daß Sie, Herr Doktor, ein vollendeter Segler sind.«

Lächelnd unterbrach ihn Gransfeld. »Rudi, du sollst nicht schwindeln!«

»Wieso, Herr Doktor? Sie können doch gut segeln; und dann habe ich ihm noch gesagt, daß ich selbst ein alter Seemann bin.«

Jetzt mußte Gransfeld laut lachen. »Rudi, Rudi, auf der ›Usakama‹ ein Beefsteak auftragen oder mit Klüver und Schot umgehen, sind sehr verschiedene Dinge.«

»Na ja, Herr Doktor, ich mußte den Mann doch überzeugen, daß sein Boot bei uns in den allerbesten Händen ist! Das hat er denn auch glücklich eingesehen. Wir können das Boot sofort haben.«

»Heute schon?« Gransfeld warf einen Blick auf die Uhr. »Es ist erst halb neun. Das würde noch gehen.«

»Fein, Herr Doktor!« Rudi vollführte einen kleinen Freudensprung. »Einen Segelwind haben wir heute, einen steifen Nordost, der ist großartig!«

Gransfeld schüttelte den Kopf. »Wenn du ein alter Segler wärst, würdest du anders über den Fall denken, Rudi. Bei Nordost müssen wir auf dem Hinweg kreuzen. Wenn wir aber zurück mit glattem Wind nach Hause fahren wollen, bricht die übliche Flaute aus. Doch meinetwegen. ›Il faut prendre le temps, comme il vient‹, sagen sie hier in Genf. Besser Gegenwind als gar keinen Wind. Geh zu diesem Monsieur und mach die Sache mit ihm klar! Ich ziehe mich inzwischen um. In einer Viertelstunde kannst du mich abholen.«

Rudi hatte nicht zuviel versprochen. Das Boot, das sich am Rhonekai auf den Wellen wiegte—»Céleste Genève« stand in goldenen Buchstaben am Bug—machte in der Tat einen guten Eindruck. Monsieur Bouton, klein, schwarz und beweglich, der Typ des Südfranzosen, war bereit, es Monsieur le Docteur für eine Tagestour nach Yvoire ins Französische zu dein verabredeten Preis zu überlassen. Mit einem wasserfallartigen Wortschwall empfahl er größte Sorgfalt und Schonung, gab gute Tips für die Verpflegung in Yvoire und half schließlich noch das Großsegel hissen.

Gransfeld zog die Schot an, der Wind griff in die Leinwand, und dem Drucke des Steuers gehorchend fuhr die »Céleste« aus der Rhonemündung auf die weite Seefläche hinaus. Klatschend zerschnitt ihr Bug die von Nordost heranrollenden Wogen. Sobald sie aus dem Schutz der Kaianlagen heraus waren, begann der rassige Rumpf auf und ab zu tanzen.

»Aufpassen!« rief Gransfeld Rudi zu, der auf dem Schwertkasten saß. »Gleich werden wir über Stag gehen. Wenn ich rufe: ›Baum kommt‹, mußt du dich ducken. Dein Schädel mag ziemlich hart sein, aber der Segelbaum ist noch härter.«

Die »Céleste« war inzwischen an der Stadt vorbei bis dicht an das Ostufer des Sees gekommen.

»Achtung, Rudi! Baum kommt!« Rudi machte eine tiefe Verbeugung.

Gransfeld legte das Steuer um und holte das Großsegel nach Backbord herüber. Das Boot legte sich schräg und schoß im Nordkurs durch die Wellen.

»So! Setz dich nach Steuerbord hinüber, Rudi!« Gransfeld holte die Schot etwas an und beobachtete das Westufer.

»Ist das Schwert ganz herunter?«

Rudi prüfte die Schwertleine. »Jawohl, Herr Doktor.«

»Hm! Dichter kriege ich sie nicht an den Wind. Wir werden mit dem ersten Schlag bis Genthod kommen. Dann wieder über Stag ans Ostufer. Der dritte Schlag kann uns bis Céligny bringen. Mit dem vierten erreichen wir dann sicher Yvoire. Immerhin«—er blickte auf die Uhr—»jetzt ist's beinahe zehn. Vor zwei Uhr mittags können wir kaum in Yvoire sein.«

Rudi klatschte vergnügt in die Hände. »Fein, Herr Doktor! Vier Stunden segeln, knorke, knorkissimo, edelknorke!«

Gransfeld hielt sich die Hände an die Ohren, als ob sie ihn schmerzten. »Rudi, tu mir den Gefallen und verschone mich mit deinen Berliner Redensarten! Übrigens, mein Jungchen, vier Stunden sind eine gehörige Zeit. Ich kenne einen jungen Mann—ich will keinen ansehen oder nennen—der sich durch einen gesegneten Appetit auszeichnet. Dem wird der Magen dabei wohl allmählich bis in die Kniekehlen hängen.«

Rudi lachte und deutete auf zwei straff gefüllte Rucksäcke. »Keine Furcht, Herr Doktor! Ich habe ordentlich für Mundvorrat gesorgt. Brot, Butter, Wurst und Käse. Meinetwegen brauchen wir überhaupt nicht an Land zu gehen, sondern können gleich bis ans andere Ende von dem Wässerchen fahren.«

»Nettes Wässerchen, Rudi! Der Lac Léman ist rund hundert Kilometer lang. Da dürften die Lebensmittel doch knapp werden. Aber schön ist's auf dem Wasser. Bist doch ein Mordsbengel, daß du das gute, billige Boot entdeckt hast!«

Gransfeld machte die Schot, die er bisher in der Hand gehalten hatte, fest und setzte sich ebenfalls nach Steuerbord hinüber. »So, Rudi«, er holte eine Zigarre heraus, »wenn's jetzt noch gelingt, ein Streichholz anzuzünden, dann bin ich restlos zufrieden.«


Schmunzelnd steckte der Küster von Yvoire das reiche Trinkgeld in die Tasche, das ihm der englische Tourist gegeben hatte. Eh bien, ein wenig spleenig, un peu fou waren sie ja alle, diese ausländischen Reisenden! Das war auch solch ein sonderbarer Gedanke, daß der lange Engländer und der andere kleinere Herr ausgerechnet aus der Glockenstube seines Turmes die Aussicht auf den See bewundern wollten. Wenn sie ein paar Kilometer landeinwärts in die Berge kletterten, hatten sie doch eine viel bessere Aussicht. Eh bien, ce sont des fous! Er schlug sich auf die Tasche, in der die silbernen fünf Frankstücke klimperten, und ging vergnügt zu seinem Häuschen.

In der Glockenstube des Kirchturms von Yvoire drehte der Engländer indessen eine Schraube in den Fensterbalken und befestigte ein gutes Fernrohr an der Schelle, die mit dieser Schraube verbunden war. Er drehte und richtete das Rohr auf das andere Ufer, bis die Häuser von Céligny im Gesichtsfeld erschienen. Dann richtete er weiter, bis sein Blick ein weißes Segel und einen schnittigen Bootsrumpf erfaßte.

»Da kommen sie, Megastopoulos.« Er ließ den Griechen an das Rohr treten. Dieser schaute lange hindurch.

»Die ›Céleste‹ scheint's zu sein, Morton. Zwei Leute sehe ich auch im Boot. Ob es die richtigen sind, läßt sich noch nicht erkennen.«

Morton schob ihn zur Seite, blickte durch das Rohr und sagte dabei: »Unnötige Sorge, Megastopoulos! Wer anders sollte in dem Boot sein? Bouton hat selber hierher telephoniert, daß der Doktor und der Junge mit der ›Celeste‹ losgefahren sind. Nur die können es sein. Ein halbes Stündchen noch, und wir werden den Empfang sehen, den man ihnen hier bereitet.«

»Oh, ein warmer Empfang wird das werden!« unterbrach ihn Megastopoulos. »Meine Freunde haben gut vorgesorgt. Ich bin sicher, daß die Zollbeamten da unten die ›Celeste‹ ebenso sehnsüchtig erwarten wie wir. Es wird ein großer Schlag, und es gibt eine hohe Belohnung für sie. Die verhungerten Teufel können's gebrauchen, sie werden vom Vater Staat schlecht genug bezahlt.«

Morton trat von dem Fernglas zurück. »Man kann jetzt schon sehen, daß ein Mann und ein Junge in dem Boot sind. In fünf Minuten, werden wir sie genau erkennen. Recht geschickt übrigens, wie Bouton den Bengel auf den Leim gelockt hat. Wenn die beiden ahnten, mit was für einer feinen Fracht sie auf die Tour geschickt worden sind! Jetzt müßte man auch ihre Gesichter erkennen können. Schade, der Junge sitzt hinter dem Segel. Aber der da am Steuer—wollen Sie selbst mal sehen?«

Der Grieche drückte sein Auge an das Okular. »Gransfeld er ist's, Morton! Jetzt haben wir den Burschen.«

»Und den andern auch, Megastopoulos.«


Gransfeld ließ die Schot aus, der Winddruck im Segel schwand, und die Fahrt der »Céleste« verlangsamte sich. »Achtung, Rudi, Schwert hoch!«

Rudi holte das Schwert in den Kasten ein und ging am Mast vorbei bis zur Bootsspitze. Gransfeld warf das Steuer herum, das Boot schwenkte zum Landungssteg und glitt neben ihm entlang. Die Bugleine in der Rechten, sprang Rudi auf den Steg, zog es noch ein Stück näher an das Ufer und machte es fest. Auf einen Wink des Doktors kam er wieder in das Boot zurück, und gemeinsam ließen sie das Segel nieder.

»So, mein Junge, da wären wir auf französischem Boden! Jetzt wollen wir uns mal die Sehenswürdigkeiten von Yvoire beschauen.«

Rudi war Gransfeld beim Übertreten aus dem Boot auf den Steg behilflich und beugte sich dann zu den Rucksäcken. »Die wollen wir doch mit an Land nehmen, Herr Doktor?«

Gransfeld nickte. »Meinetwegen, ja, wir können sie mitnehmen.« Er wandte sich dem Boot zu, nahm die Säcke, die Rudi ihm herausreichte, in Empfang und stellte sie neben sich auf den Steg. Eben half er Rudi beim Heraustreten, als er hinter sich Stimmen hörte. Er wandte sich um.

Zwei Zollbeamte waren auf den Steg gekommen und standen unmittelbar vor ihm. »Die Herren kommen von Genf?«

»Jawohl, meine Herren.«

»Haben Sie in Ihrem Gepäck etwas zu verzollen?«

Gransfeld schüttelte den Kopf. »Nicht, daß ich wüßte; nur unsern Mundvorrat, außerdem einige schon gebrauchte Kleidungsstücke.«

»Keinen Tabak? Keinen Alkohol? Nichts Zollpflichtiges?«

Gransfeld griff in die Brusttasche und holte seine Zigarettentasche hervor. »Vier Zigarren und sechs Zigaretten, das ist unser Tabakvorrat; der dürfte wohl zollfrei sein.«

»Ist zollfrei«, bestätigte einer der Beamten, und Gransfeld steckte die Tasche wieder ein.

Der andere Zöllner war inzwischen neben die Rucksäcke getreten. »Wollen die Herren ihr Gepäck öffnen!«

Rudi kniete nieder, knotete die Schnüre auf und öffnete die beiden Säcke. Soweit es sich überblicken ließ, enthielten sie nur ein paar Mäntel und Decken und mehrere Pakete, in denen Rudi seine Eßvorräte verpackt hatte.

Tagein, tagaus kamen Boote vom schweizerischen zum französischen Ufer des Sees; im allgemeinen wurde die Zollkontrolle der Touristen nur als Formsache behandelt und möglichst schnell abgetan. Auch jetzt war zu erwarten, daß die Zollbeamten sich mit einem kurzen »Eh bien!« zufrieden geben und abziehen würden. Doch es kam anders. »Packen Sie die Säcke aus!«

Rudi warf Gransfeld einen verstohlenen Blick zu und begann kopfschüttelnd den Inhalt der beiden Rucksäcke auf den Planken des Bootssteges auszubreiten. Pakete mit Wurst, Pakete mit Brot, mit Butter, mit Käse, Tüten mit Apfelsinen und Päckchen mit Schokolade, zum Schluß die Decken und Mäntel, die auf dem Grund der Säcke gelegen waren, kamen zum Vorschein.

Mit Argusaugen verfolgten die Zollbeamten jede Bewegung Rudis, bis die letzten Decken herauskamen und die Säcke leer waren. Einer der beiden Zollbeamten nahm sie Rudi aus der Hand und kehrte sie um und um, als suche er etwas, wo doch offensichtlich nichts zu finden war. Mit einem leichten Kopfschütteln gab er sie dem Jungen zurück und begann die Mäntel und Decken auseinander zu falten. Auch hier eine peinlich genaue Untersuchung. Jede Tasche wurde umgedreht, jedes Kleidungsstück befühlt, als ob irgendwo etwas eingenäht sein könnte. Auch hier war das Ergebnis der Untersuchung nicht zu beanstanden.

Gemächlich packte Rudi die Kleidungsstücke wieder in die Rucksäcke. Als er die Hand nach den Lebensmittelpaketen ausstreckte, um mit ihnen das gleiche zu tun, geboten die Zollbeamten halt. »Öffnen Sie diese Pakete, jedes einzeln!«

Rudi tat, wie ihm geheißen wurde. Jetzt reichte er das Brot hin. Einer der Zollbeamten zog ein Messer und zerschnitt es kreuz und quer in vier Teile.

»Das geht reichlich weit, meine Herren«, legte sich Gransfeld ins Mittel.

Der Beamte zuckte die Achseln. »Bedauere sehr, mein Herr, Dienstvorschrift. Wir tun nur unsere Pflicht.«

Verärgert hielt ihm Gransfeld die Butter und den Käse hin. »Bitte, bedienen Sie sich! Schneiden Sie weiter, wenn Ihre Pflicht es verlangt!«

Das entschlossene Auftreten des Doktors schien zu wirken. »Nicht mehr notwendig, Monsieur. Sie können diese Sachen wieder zusammenpacken.«

Während Rudi das tat, fragte der Beamte weiter: »Haben Sie sonst noch etwas Verzollbares im Boot?«

Gransfeld schüttelte den Kopf. »Nein, wir haben überhaupt nichts mehr im Boot. Es ist leer. Wollen Sie sich, bitte, selbst überzeugen!«

Die Beamten schienen unschlüssig. Sie steckten die Köpfe zusammen und flüsterten eine Weile miteinander. Endlich sprach der eine: »Ich bedauere außerordentlich, mein Herr, doch unsere Pflicht, Sie verstehen—wir müssen auch das Boot untersuchen.«

»Bitte, meine Herren, tun Sie, was Sie nicht lassen können!«

Die Beamten sprangen in das Boot und fingen an, es Zoll für Zoll zu untersuchen. Sie krochen in das Kabelgatt im Vorderteil und steckten ihre Nasen in die Behälter unter den Segelbänken. Jede Planke und jedes Spant klopften sie ab, als ob es da verborgene Hohlräume geben könnte. Jetzt glaubten sie am Schwertkasten etwas entdeckt zu haben. Verdächtig hohl klang die Mahagoniverkleidung beim Klopfen. Wieder flüsterten sie zusammen und berieten sich.

Dann setzte der eine der Zollbeamten sein Messer in eine kaum sichtbare Fuge und drückte es mit Gewalt hinein.

»Sie beschädigen das Boot!« fuhr Gransfeld auf. »Wir haben es nur gemietet und müssen dem Eigentümer für alle Beschädigungen haften.«

Der Zollbeamte hörte nicht auf ihn. Mit Gewalt drehte er das Messer. Der Spalt verbreiterte sich. Eine größere Holzfläche begann sich um ein Scharnier zu drehen.

»Ah, ein Versteck! Da haben wir's!« Der Beamte griff mit der andern Hand zu und öffnete die Geheimtür vollständig. Ein Hohlraum wurde sichtbar, aber er war vollkommen leer. Enttäuscht blickten die Zöllner sich an, während ein spöttisches Lächeln über Gransfelds Züge huschte.

»Bitte, meine Herren, fahren Sie mit Ihren interessanten Forschungsarbeiten fort! Es ist ungemein anregend, Ihnen dabei zuzuschauen. Vermutlich dürfte die Verkleidung auf der andern Seite des Schwertkastens ebenso konstruiert sein. Da können Sie das Experiment wiederholen.«

Wie zwei Stoßvögel stürzten sich die Zollbeamten auf die angegebene Stelle. In der Tat fand sich hier die gleiche Geheimtür wie auf der andern Seite, doch das Ergebnis dieser Untersuchung war dasselbe. Ein vollkommen leerer Raum lag dahinter.

Gransfeld hatte sich eine Zigarre angezündet und sah dem Treiben der Beamten belustigt zu. »Wollen Sie es mich wissen lassen, meine Herren, wenn Sie mit Ihren Nachforschungen zu Ende sind! Ich kann Ihnen nicht verhehlen, daß ich nachgerade etwas Hunger verspüre. Das Restaurant des Hotels »Bellevue« wurde mir vom Eigentümer dieses Bootes als erstklassig empfohlen.«

Mit roten Köpfen krochen die Zollbeamten aus dem Boot. »Eh bien, Monsieur!« Mit einem Stück Kreide malte der eine Zöllner einen Schnörkel auf jeden Rucksack. »Sie können gehen, wohin es Ihnen beliebt.«

»Also gehen wir, Rudi! Auf Wiedersehen, meine Herren!«

»Au revoir, Monsieur, au revoir!«

Während Gransfeld und Rudi das Ufer betraten, guckten sich die Zollbeamten mit Gesichtern an, die alles andere als geistvoll waren.

In der Glockenstube packte Morton den Griechen am Arm, daß dieser aufschrie. »Was ist das, Megastopoulos? Die Zollbeamten stehen wie Hammel auf dem Steg. Die beiden andern gehen frei an Land. Was hat das zu bedeuten? Wir müssen hin, uns erkundigen, wie das möglich ist. Kommen Sie schnell!«

Der Grieche kochte vor Wut. »Unbegreiflich! Heillose Wirtschaft!«

»Kommen Sie, Morton! Wir wollen Monsieur Thibaut aufsuchen.«

Der Grieche führte seinen Begleiter durch gewundene Seitenstraßen zu einem ziemlich ärmlichen und baufälligen Anwesen und sprach eindringlich mit dessen Besitzer. Dieser gestikulierte und schüttelte den Kopf. »Unmöglich, Monsieur! Die Beamten sind unbedingt zuverlässig. Ganz ausgeschlossen, was Sie denken! Ich will mich gleich erkundigen. Wollen Sie die Güte haben, hier zu warten!«

Der Franzose ging fort. Megastopoulos ließ sich auf einer Bank vor dem Hause nieder. Morton rannte wie ein gereizter Stier auf und ab und antwortete auf jeden Zuspruch seines Gefährten mit groben Verwünschungen.

Nach einer halben Stunde war Monsieur Thibaut wieder da. Verwirrung, Bedrücktheit, Ratlosigkeit waren aus seinen Mienen zu lesen.

Megastopoulos fragte erregt: »Was hat's gegeben?«

»O lala, Monsieur! Das ist eine böse Sache, eine sehr gefährliche Sache. Die Beamten sind wütend, très furieux, Monsieur, weil wir ihnen falsche Nachrichten gegeben haben. Nichts war in dem Gepäck, auch nichts im Boot. Gar nichts haben sie gefunden, obwohl sie alles mit größter Sorgfalt untersucht haben. Die Zollbeamten halten sich für gefoppt, Monsieur. Eine Anzeige wollen sie gegen diejenigen erstatten, die ihnen die Nachricht gegeben haben, wegen absichtlicher Irreführung der Zollbehörde. O Monsieur, eine ganz böse Sache wird das, wenn die Justiz uns auf den Hals kommt!« Monsieur Thibaut war vollkommen aus dem Häuschen. Er erging sich in einer wahren Flut von Unschuldsbeteuerungen und Klagen.

Morton zog den Griechen mit einem Ruck von der Bank auf. »Kommen Sie, Megastopoulos! Mit dem Narren ist nichts anzufangen. Aber«—er ballte die Fäuste, als ob er einen unsichtbaren Gegner zerreißen wollte—»ich werde die Sache auf andere Art zu Ende bringen.«

Megastopoulos sah, daß sein Gefährte vor Wut außer sich war, und versuchte, beschwichtigend auf ihn einzureden. »Ich bitte Sie, lieber Freund, keine Unüberlegtheiten!«

»Der Teufel ist Ihr lieber Freund!« knirschte Morton grimmig. »Einen sauberen Plan haben Sie ausgeheckt! Scheint griechische Manier zu sein, durch andere die Kastanien aus dem Feuer holen zu lassen. Ist ja auch bequemer, als die eigene Haut zu Markte zu tragen.«

Megastopoulos fuhr auf. »Sie werden beleidigend, Morton. Mäßigen Sie Ihre Sprache! Wir haben bei unserer letzten Beratung alles genau überlegt und meinen Plan als den besten angenommen.«

»Weil Sie uns beschwatzt haben. Jetzt habe ich's satt, jetzt wird's auf meine Weise gemacht.« Mit langen Schritten ging er nach dem Seeufer hin, so daß Megastopoulos ihm kaum zu folgen vermochte.


Am Nachmittag gegen fünf Uhr kamen Gransfeld und Rudi zum Bootssteg zurück.

Prüfend blickte der Doktor nach dem Wetter. »Wollen hoffen, Rudi, daß der Wind sich hält.« Mit Hilfe des Jungen hißte er das Segel und brachte die »Céleste« vom Steg ab.

»Ist ja ein großartiger Segelwind, Herr Doktor!« meinte Rudi, als die Leinwand sich bauschte und das Boot unter starkem Druck auf das offene Wasser hinauslief.

»Vorläufig ja, Rudi, aber bis Genf sind's gut und gern dreißig Kilometer. Auch im besten Falle kommen wir erst bei voller Dunkelheit ans Ziel, immer vorausgesetzt, daß uns die Abendflaute keinen Strich durch die Rechnung macht.«

»Dann haben wir doch noch den Hilfsmotor, Herr Doktor.«

»Na ja, Rudi! Aber wenn wir nur auf den angewiesen sind, dann kann's noch viel später werden. Die Wolken da drüben nach Lausanne hin gefallen mir nicht. Hoffen wir das Beste!«

Die »Céleste« war inzwischen um das Kap von Yvoire herumgekommen und lief mit vollem Segeldruck nach Südwesten in der Richtung auf Genf über das Wasser.

Gransfeld winkte Rudi zu sich heran. »Höre mal, du alter, seebefahrener Mann, jetzt muß ich dir fünf Minuten Schot und Steuerpinne anvertrauen. Schmeiße mir, bitte, den Kahn nicht um, während ich den Klüver setze!«

Gransfeld ging nach vorn und hißte das dreieckige Klüversegel. Unter dem verstärkten Druck vergrößerte die »Céleste« alsbald ihre Fahrt. Befriedigt nahm er das Steuer wieder in die Hand. »Das Boot läuft gut, Junge. So macht das Segeln Spaß.« Er warf einen Blick auf Rudi, der sich an einem der Rucksäcke zu schaffen machte. »Menschenskind, hast du schon wieder Hunger? Na, ich gönne dir's! Wo wären wir jetzt vielleicht ohne deinen gesegneten Appetit?«

Rudi lachte über das ganze Gesicht. »Die beiden Zöllner in Yvoire heute mittag—ich habe mir beinahe die Zunge abgebissen, um nicht laut herauszuplatzen.«

Gransfeld schüttelte der Kopf. »Du hast gut lachen, Rudi. Die Sache war mächtig ernst. Ich bekam keinen schlechten Schreck, als du heute vormittag auf der Hinfahrt das Beutelchen aus dem Rucksack herausfischtest.«

Während Gransfeld dies sagte, flogen seine Gedanken zu den Ereignissen des Vormittags zurück. Verdankten sie es nicht einem glücklichen Zufall, daß sie hier frei über die Seefläche dahinsegelten? Wie anders wäre die Sache verlaufen, wenn Rudi sich nicht zwischen Genthod und Hermance über den Proviant hergemacht hätte!

»Hast wohl ein Loch im Magen, Junge, daß du jetzt schon wieder futtern mußt?« hatte ihn Gransfeld gefragt.

Aber Rudi hatte sich dadurch nicht stören lassen, sondern seine Schätze auf dem Schwertkasten ausgepackt, Pakete, Tüten, Päckchen, und dabei plötzlich ein Leinenbeutelchen in der Hand gehalten. »Nanu! Jetzt schlägt's aber dreizehn!«

»Was hast du, Rudi? Machst ja ein Gesicht wie die Katze, wenn's donnert.«

»Ja, sehen Sie bloß, Herr Doktor! Der Beutel hier, den habe ich nicht in den Sack getan. Das ist ja beinahe so ein Ding wie bei Tarantola in Port Said.«

»Zeig mal her, Rudi!«

Gransfeld hielt den Beutel in der Hand. »Du hast ihn nicht in den Sack getan?«

»Ausgeschlossen, Herr Doktor! Ich weiß doch, was ich eingepackt habe. Ich habe unsere Rucksäcke auf die ›Celeste‹ gebracht, dann bin ich ins Hotel zurückgekommen, um Sie abzuholen. Jemand anders muß uns das in der Zwischenzeit hineingesteckt haben.«

Bei Rudis letzten Worten ließ Gransfeld die Schot fahren. Während das Boot ohne Segeldruck auf dem Wasser schaukelte, untersuchte er den Inhalt des Beutels. Er enthielt ein weißes, bitteres Pulver. In weitem Bogen schleuderte Gransfeld das Ganze in den See. »Jetzt, Rudi, müssen wir erst mal die beiden Rucksäcke auf das genaueste untersuchen, ob sich da etwa noch mehr von der Sorte vorfindet.«

Bis auf den Grund hatten sie die beiden Säcke geleert, jede Decke, jedes Kleidungsstück ausgeschüttelt, und dabei waren noch drei andere Beutel über Bord geflogen. Während Rudi die Rucksäcke wieder einpackte, hielt Gransfeld das Boot dicht am Wind, daß es kaum noch Fahrt machte.

Er zweifelte keinen Augenblick, daß er es hier mit einem Anschlag der Bande zu tun hatte. Alle Achtung! An Gerissenheit ließ das Plänchen nichts zu wünschen übrig. Man hatte ihm Rauschgift ins Gepäck geschmuggelt und ihn auf diese Weise den französischen Behörden in die Hände spielen wollen. Nur durch einen glücklichen Zufall hatte er das entdeckt. Hätte die Bande ihm das Zeug nicht gerade in sein Gepäck, sondern irgendwo im Boot versteckt, so ... Ein neuer Verdacht kam ihm. »Rudi!« schrie er den Jungen an, der eben mit dem Packen der Rucksäcke fertig geworden war. »Rudi, wahrscheinlich ist noch mehr von dem Zeug im Boot versteckt. Wir müssen es sogleich ganz genau untersuchen.«

Dann hatten sie es durchsucht; mit einer Gründlichkeit, die derjenigen der Zollbeamten in Yvoire in nichts nachstand, waren sie in jeden Kasten und in jeden Winkel gekrochen. Während Rudi die »Céleste« dicht am Wind auf der Stelle halten mußte, hatte Gransfeld selbst jeden Quadratfuß abgeklopft und dabei auch die Geheimräume am Schwertkasten entdeckt.

Einige zwanzig Pfund der verschiedensten Narkotika waren dabei zum Vorschein gekommen und kurzerhand in den See geflogen. Die Herren Morton und Kompanie hatten sich ihren Anschlag etwas kosten lassen. Eine gute Stunde hatte die Suche gedauert, während die »Céleste« fast auf der Stelle trieb. Dann hatte sich Gransfeld wieder an das Steuer gesetzt.

Schwere Zweifel quälten ihn. Sollte er lieber sofort an das schweizerische Ufer zurückkehren oder sollte er die Tour so durchführen, wie sie geplant war? Einen zwingenden Grund für die Umkehr gab es eigentlich kaum noch. Von der gefährlichen Schmuggelware hatten sie die »Céleste« ja gründlich gereinigt.

Gransfeld versuchte sich ganz in den Plan der Gegner hineinzudenken. Schmuggelware, nur in den Hohlräumen des Bootes—die Insassen hätten behaupten können, daß sie nichts davon wüßten, das Boot, so wie es hier war, gemietet hätten. Auch ihr Gepäck mußte also »gesalzen« werden. Das war die Stärke und gleichzeitig auch die schwache Seite des Planes. Fanden die Zollbeamten Schmuggelware in den Rucksäcken, dann ging auch alles andere zu Gransfelds und Rudis Lasten, und sie waren hoffnungslos verloren. Aber die Möglichkeit bestand immerhin, daß sie diese Kuckuckseier entdeckten, und so weit war es nun in der Tat dank Rudis gutem Appetit auch gekommen.

Die Gefahr war restlos beseitigt. Aus dem Benehmen der Zollbeamten in Yvoire würde er ersehen können, ob seine Vermutungen stimmten. So hatte sich Gransfeld entschlossen, doch nach Yvoire zu fahren, und so hatte sich dort jene Szene abgespielt, die Morton zur Raserei brachte.


Gransfelds Gedanken kehrten in die Gegenwart zurück. Sonnenbestrahlt lag der See vor ihm, und mit gutem Wind lief die »Céleste« über den südwestlichen Kurs. Für den Augenblick glaubte er, kaum etwas von der Bande fürchten zu müssen, und bald, so hoffte er, würde er zugreifen und wenigstens einem Teil der üblen Gesellschaft das Handwerk legen können. Kam der Grieche jetzt endlich nach Genf, hatte er wirklich die gestohlene Statuette bei sich, dann würde er diesen als den ersten hinter Schloß und Riegel setzen lassen und danach weitergreifend Glied für Glied der langen Kette fassen bis hin zu jenen des Mordversuches Verdächtigen im Gorla-Werk.

Die »Céleste« befand sich auf der Höhe von Coppet, als ein Wetterumschlag einsetzte. Der Wind ließ nach. Das Gewölk über Lausanne war heraufgekommen und verdeckte die Sonne. Die Wellen, die eben noch Schaumkronen zeigten, rollten flach und träge.

»Dumme Geschichte, jetzt kommen wir doch noch in die Flaute, Rudi!« Während Gransfeld dies sagte, sah er sich prüfend nach allen Seiten um. »Wenn's so weitergeht, können wir in einer halben Stunde Nebel und Regen haben.« Er bemühte sich, durch Auslassen der Schot so viel wie möglich von der schwachen Brise im Segel zu fangen, aber bald wollte auch das nichts mehr helfen. Der Wind schlief vollständig ein, die Ufer verschwammen in diesigem Dunst, und die ersten Tropfen begannen zu fallen. »Da haben wir den Salat! Die Regenmäntel her, Rudi, schnell! Oder wir werden auch noch naß bis auf die Haut.«

Er zog sich den Mantel über. »So, jetzt ist der Motor unsere letzte Rettung. Wir wollen versuchen, ihn in Gang zu bringen.«

Rudi war schon dabei. Er arbeitete an der Kurbel, bis ihm der Schweiß von der Stirn lief. »Das Biest will nicht anspringen, Herr Doktor.«

»Auch noch dieser Schmerz!«

Gransfeld überließ Schot und Steuerpinne sich selbst und kniete neben Rudi bei dem Motor nieder.

»Kompression ist da, Herr Doktor, und Betriebsstoff auch. Sehen Sie, der Vergaser tropft.«

»Dumme Geschichte, Rudi! Da kann es nur an der Zündung liegen. Wir müssen uns die einmal vornehmen. Hast du einen Schlüssel für die Kerzen?«

Gransfeld untersuchte noch einmal den Vergaser, während Rudi unter den Schraubenschlüsseln im Werkzeugkasten wühlte.

Ein Geräusch von draußen ließ ihn aufhorchen. »Ich glaube, ein Motorboot ist in der Nähe, Herr Doktor. Das könnte uns vielleicht ins Schlepp nehmen. Ich will mal sehen.«

Er griff nach dem Waschbord und richtete sich halb auf, sah, wollte schreien ... Da, ein ohrenbetäubendes Krachen und Splittern. In dem dichten Nebel hatte ein Motorboot in voller Fahrt die »Céleste« mittschiffs gerammt. Ein starkes Stahlboot mußte es sein, denn wie sprödes Glas brach der leichte Mahagonirumpf der »Céleste« durch den Anprall in zwei Teile. In schwerem Schwall stürzten die Wasser über Rudi und Gransfeld zusammen.

Die »Céleste« war zerschmettert, ihre Insassen waren in den Fluten begraben, das Boot, das den Unfall verschuldet hatte, war schon wieder im Nebel verschwunden, wie ausgelöscht von der Seefläche. Nur Rudi gelang es, sich zur Oberfläche emporzuarbeiten. Vergeblich schaute er sich nach Gransfeld um. War dieser, durch den Zusammenprall verletzt oder betäubt, untergegangen? Sie hatten beide im Hinterschiff bei dem Motor gekniet, als der verhängnisvolle Stoß die »Céleste« im vorderen Teil an der Stelle des Mastes zerschnitt.

Wenige Schritte von Rudi entfernt trieb das Hinterschiff kieloben auf dem Wasser. Mit kräftigen Stößen schwamm er darauf zu. Mit beiden Händen packte er die Kielleiste und versuchte, das Hinterschiff mit seinem ganzen Körpergewicht herumzuwerfen. Zweimal, dreimal mißlang es. Beim vierten Male glückte es ihm, das Wrackstück auf die Seite zu legen. Luft, die sich darin gefangen hatte, sprudelte heraus. Nicht mehr von ihr getragen, sackte das durch den schweren Motor belastete Wrackstück weg und verschwand in die Tiefe. Allerlei rissen die mit Gewalt aus dem Trümmerstück entweichenden Luftmassen mit nach oben. Einen Rucksack sah Rudi auf der Seefläche auftauchen, eine Mütze und dann—etwas Langes, Dunkles. Mit wenigen Stößen war er daneben. Seine Hände fühlten den Körper Gransfelds. War er tot, war er nur ohnmächtig? Rudi wußte es nicht.

Der Mast der »Céleste«, durch den Stoß aus dem Rumpf gebrochen, trieb dicht neben ihm. Dorthin zog er den regungslosen Körper und band ihn mit der Schot so auf das Holz, daß der Kopf über den Wellen war. Er versuchte dann, sich selber auf den Mast zu schwingen und rittlings drauf zu sitzen. Doch das Holz vermochte die doppelte Last nicht zu tragen. Gransfelds Kopf kam dabei unter Wasser. Rudi blieb nichts anderes übrig, als sich neben dem Mast treiben zu lassen und sich nur leicht an ihm festzuhalten.

Seine Gedanken wanderten rückwärts. Hatte er nicht schon einmal im Wasser gelegen, im offenen Meer vor Port Said, in einem Wasser, in dem es Haifische gab, wo die tückische Strömung ihn auf die hohe See zu treiben drohte? Und war er nicht doch glücklich davongekommen?

Diese Erinnerung gab ihm Hoffnung und Mut zurück. »Nur wer sich selbst aufgibt, der ist verloren.« Das alte Sprichwort ging ihm durch den Sinn. Einmal mußte ja schließlich der Nebel weichen, und dann—es war beinahe Vollmond—dann mußte Rettung möglich sein. Wenn er nur wüßte, wie es mit Doktor Gransfeld stünde! Er versuchte dessen Puls zu fassen, konnte aber keinen Pulsschlag fühlen.

Die Nacht kam herauf. Noch immer war der Himmel bezogen. Nur hin und wieder brach der Vollmond durch das Gewölk und übergoß den See und die Berge mit seinem Licht. Der Brust eines Schlafenden vergleichbar, hob und senkte sich die weite Seefläche in einer leichten Dünung.

Um 10 Uhr 30 verließ das letzte Dampfboot der Linie Lausanne—Genf die Brücke von Coppet. Mit Südkurs stieß es ab, um auf kürzestem Wege Genf zu erreichen. »Toute vapeur!« ging das Kommando von der Brücke in den Maschinenraum. Mit voller Kraft schlug die Schraube das Wasser. Vorn am Bug stand ein Bootsmann und hielt Ausguck. Plötzlich horchte er auf. Wie ein Ruf war's von fern an sein Ohr gedrungen.

»À moi, à moi!«

Er spähte in die Richtung, aus der der Ruf zu kommen schien, und lauschte.

»À moi, à moi!« klang es da wieder. Und nun—der Mond kam eben wieder durch die Wolken—glaubte er Backbord voraus etwas Dunkles treiben zu sehen. Jetzt schien es in dem trügerischen Licht zu verschwinden, jetzt war es wieder da.

Der Bootsmann lief auf die Brücke. »Eh, patron! Des naufragés!« Er wies mit der Hand die Richtung.

Der Schiffspatron blickte dorthin. Jetzt wieder ein Mondblick, auch der Patron glaubte, etwas auf der Wasserfläche zu sehen. Das Ruderrad in seiner Hand drehte sich, das Boot nahm leichten Linkskurs. Immer näher kam es der Stelle, und bald war kein Zweifel mehr möglich. Ein gebrochener Mast trieb auf dem Wasser. Zwei Gestalten klebten daran. Die eine hob den Arm, winkte, schwenkte etwas n der Hand und schrie: »À moi, à moi!«

»Stopp!« ging das Kommando von der Brücke in die Maschine, und die Schraube stellte ihr wirbelndes Spiel ein. Langsam glitt das Dampfschiff bis dicht an die Unfallstelle heran und setzte ein Boot aus.

»À moi!« Noch einmal stieß Rudi den Hilferuf aus. Dann, während kräftige Matrosenfäuste ihn ergriffen und ins Boot zogen, schwanden auch ihm die Sinne. Bewußtlos war auch der andere, den sie zuerst vom Mast losbinden mußten. Bis zum äußersten erschöpft und verklammt waren alle beide durch den stundenlangen Aufenthalt im kalten Wasser. Man brachte c.ie Schiffbrüchigen in eine Kabine und zog ihnen die triefenden Kleider vom Leibe. Während das Dampfboot seine Fahrt fortsetzte, wurden sie in wollene Decken gehüllt, gerieben und frottiert, bis die Erstarrung wich, bis ihr Blut wieder kräftig durch die Adern zu rollen begann und die Lebensgeister zurückkehrten.

Um zwölf Uhr nachts machte das Dampfboot am Rhonekai fest. Außer andern Fahrgästen verließen zwei etwas abenteuerliche Gestalten das Schiff. Ihre groben Matrosenanzüge waren bestimmt nicht nach Maß gemacht. Ein nasses Bündel, das der Jüngere über dem Arm trug, zeugte vom überstandenen Schiffbruch.


Es ging schon stark auf Mittag, als Gransfeld am nächsten Tage aus dem Bett sprang. Ein langer, wohltuender Schlaf hatte seiner kräftigen Natur geholfen, die üblen Folgen des nassen Abenteuers zu überwinden. Er dehnte die Glieder, reckte und streckte sich. Alles heil. Bei dem Zusammenprall war er mit der Schläfe gegen den Motor der »Céleste« geschleudert worden und hatte durch den schweren Stoß die Besinnung verloren. Aber Gott sei Dank—er betastete sich von allen Seiten—bis auf ein paar blaue Flecke und Beulen war er gut davongekommen.

Was war's mit jenem Unfall? In schwerem Nebel hatte sie ein Motorboot gerammt. Es konnte ein unglücklicher Zufall sein. Doch warum hatte das andere Boot nicht sofort abgestoppt, warum hatte es nichts zu ihrer Rettung unternommen? War es bei dem Zusammenstoß ebenfalls stark beschädigt worden? War es vielleicht manövrierunfähig, womöglich sogar gesunken? Oder hatte es nach ihnen gesucht und sie im Nebel nicht finden können? Das alles war möglich, aber es wurde Gransfeld schwer, an diese Möglichkeiten zu glauben. War es dies aber nicht, dann konnte es nur ein neuer Streich der Bande sein, die sich seiner um jeden Preis zu entledigen versuchte. Dann war es am Ende nicht gut, noch länger in Genf zu bleiben.

Während Gransfeld sich den Rock überzog, klopfte es, und Rudi, einen Matrosenanzug unter dem Arm, kam herein. Ihm war von dem kalten Bad überhaupt nichts mehr anzumerken, und munter schwatzte er darauf los. »Ich möchte zum Kai gehen, Herr Doktor, und die geliehenen Sachen zurückbringen. Das Dampfschiff geht um ein Uhr mittags wieder ab.«

Gransfeld warf einen Blick auf die Uhr. »Da hast du noch anderthalb Stunden Zeit, Rudi. Das eilt doch nicht. Erzähle mir lieber, was du von der gestrigen Sache hältst! Du gucktest doch gerade über den Bordrand, als der Zusammenstoß erfolgte. Hast du nichts von den Leuten in dem andern Boot gesehen?«

»Es ging alles so schnell, Herr Doktor. Als ich den Kopf hochbrachte, war das Motorboot schon heran und rammte im nächsten Augenblick die ›Céleste‹. Ich glaube zwar etwas gesehen zu haben, aber behaupten kann ich es nicht.«

»Ist auch nicht nötig. Sage mir nur genau, was du gesehen hast oder gesehen zu haben glaubst! Konntest du zum Beispiel erkennen, wer das Boot steuerte?«

»Nein, Herr Doktor, das nicht. Der Mann am Steuer war nicht zu erkennen. Aber neben ihm habe ich im letzten Augenblick, als der Bug des Bootes schon in die Seitenwand der ›Céleste‹ rannte, einen andern Mann gesehen. Er hatte ein schmales, gelbes Gesicht mit einem dunkeln Spitzbart und schwarzen Augen. Hu, Herr Doktor, es waren eklige Augen, schwarz und brennend! Die habe ich ganz bestimmt gesehen und die werde ich auch so leicht nicht wieder vergessen können.«

Gransfeld fühlte sein Herz einen Augenblick schneller schlagen. Ein schmales, gelbes Gesicht, dunkle Augen und ein dunkler Spitzbart? Die Beschreibung konnte auf den Griechen passen, aber ebensogut auch auf viele andere. Die Leute hier waren fast ausnahmslos brünett, Angehörige einer dunkelhaarigen romanischen Rasse. Auch der spitze Kinnbart wurde noch von vielen getragen. Einen sicheren Anhalt vermochte ihm das, was Rudi gesehen haben wollte, nicht zu geben, aber es war geeignet, einen schon vorhandenen Verdacht zu nähren.

»Es ist gut, Rudi, wir wollen später noch einmal darüber sprechen. Wenn du schon gefrühstückt hast, kannst du die Kleider auf das Schiff zurückbringen.« Er nahm einen Matrosenanzug, der aus grobem blauen Loden gefertigt war, vom Stuhl und gab ihn Rudi. »Einen feinen Eindruck müssen wir in der Kluft gemacht haben, Junge! Wundert mich, daß uns der Pförtner damit ins Hotel gelassen hat. Na, wir wollen nicht undankbar sein; das Zeug hat uns gute Dienste geleistet. Vergiß nicht, dem Patron eine schöne Empfehlung von mir auszurichten und dich nochmals zu bedanken!«

Nachdem Rudi verschwunden war, vollendete Gransfeld seine Toilette und ging in den Frühstückssaal. Um diese späte Stunde war er der einzige Gast. Mit gutem Appetit machte er sich über seine Portion Spiegeleier auf Schinken her, als eine junge Dame in den Saal kam und an einem der Tische Platz nahm. Gransfeld blickte auf. Er erkannte sie und merkte, daß auch sie ihn wiedererkannte. So trat er an ihren Tisch, um sie zu begrüßen. »Gnädiges Fräulein, ich freue mich, Sie wohl und gesund wiederzusehen. Ist alles glücklich überstanden?«

Susanne Rasmussen reichte ihm die Hand. »Ja, Herr Doktor, ich bin wieder wohlauf. Alles allright, wie wir in Hamburg sagen. Ich konnte schon vor einigen Tagen aufstehen. Gestern morgen haben wir das Hotel de Montagne verlassen und sind hierher gekommen. Aber ich störe Sie offenbar bei Ihrem Frühstück, wie ich sehe.«

»O bitte sehr, durchaus nicht, gnädiges Fräulein!«

»Doch, Herr Doktor, Spiegeleier auf Schinken wollen warm gegessen werden. Wenn es Ihnen recht ist, nehme ich bei Ihnen Platz. Ich muß meinem Retter in der Not doch noch meinen Dank aussprechen. Auch mein Vater wird sich freuen, Sie kennenzulernen.«

Während Gransfeld sie zu seinem Tisch geleitete, sprach er weiter: »Sie müssen einem Langschläfer und sehr Erholungsbedürftigen das späte Frühstück zugute halten. Wir hatten gestern ein feuchtes Abenteuer, das um ein Haar schief abgelaufen wäre.«

»Oh, Herr Doktor, was ist das gewesen?—Aber dort kommt mein Vater. Gestatten Sie!« Sie eilte zu Rasmussen und brachte ihn an den Tisch. »Erlaube, Väterchen, daß ich dich mit Herrn Doktor Gransfeld bekannt mache. Es ist der Herr, der mir bei dem Skiunfall so liebenswürdig Hilfe leistete.«

Während Rasmussen Platz nahm, fühlte er, wie ihm die Kehle trocken wurde. Da saß er am gleichen Tisch zusammen mit dem Mann, auf dessen Spur die Organisation ihn gehetzt hatte, dessen Unschädlichmachung um jeden Preis ihm befohlen war. Wie aus weiter Ferne hörte er die Stimme Susannes. »Wir sind dem Herrn Doktor zu großem Dank verpflichtet, liebes Väterchen. Wer weiß, wie das mit meinem Fuß abgegangen wäre, wenn Herr Doktor Gransfeld nicht gleich gekühlt und alles Nötige veranlaßt hätte!«

Verlegen versuchte Gransfeld die Dankesworte abzuwehren. »Ich bitte Sie, gnädiges Fräulein, das war doch nur Menschenpflicht, in diesem Falle auch noch meine Pflicht als Arzt. Ich bin glücklich, daß meine Hilfe erfolgreich war.«

Rasmussen riß sich zusammen. Er sprach Worte, die seinen Dank ausdrücken sollten, ohne zu wissen, was er sagte. Er drückte Gransfelds Rechte, während seine Gedanken ganz anderswo weilten.

Susanne nahm die Unterhaltung wieder auf. »Sie sprachen von einem Abenteuer, als mein Vater kam. Was war das, Herr Doktor?«

»Oh, eine reichlich unangenehme, feuchte Sache, Fräulein Rasmussen! Ich habe die Erfahrung machen müssen, daß man nicht nur in den Bergen, sondern auch auf dem Wasser zu Schaden kommen kann.«

»Auf dem Wasser«, wiederholte Rasmussen mechanisch. Hatte da schon die Organisation ihre Hand im Spiel? War da etwas versucht worden und mißlungen?

Gransfeld erzählte, wie sie im Nebel von einem Motorboot gerammt worden waren, wie sie stundenlang im Wasser trieben, bis ein Dampfboot sie zufällig entdeckte und aufnahm. Immer ernster war er geworden, während er sprach. »Wir sind zwar glücklich davongekommen, aber es ist doch dicht am Tode vorbeigegangen. Wenn uns das Dampfboot nicht in letzter Stunde gefunden hätte, wäre es aus mit uns gewesen. Unbegreiflich bleibt es mir, daß sich das Boot, das den Unfall verschuldete, so gar nicht um uns gekümmert hat.«

Susanne war seinen Worten in steigender Erregung gefolgt. »In der Tat, Herr Doktor, das ist unbegreiflich. Es wäre doch das mindeste gewesen, was die Schuldigen tun mußten. Haben Sie den Vorfall schon zur Anzeige gebracht?«

»Ich halte es für zwecklos, Fräulein Rasmussen. Wir haben ja nicht die geringsten Anhaltspunkte. Das Unglück war geschehen, und wir lagen im Wasser, bevor wir überhaupt etwas gesehen hatten.«

Ein Page kam in den Raum und trat zu Gransfeld. »Herr Doktor, es ist ein Herr draußen, ein Herr Bouton, der Sie wegen seines Bootes zu sprechen wünscht. Der Herr scheint sehr aufgeregt zu sein.«

»Bitten Sie Monsieur Bouton, einen Augenblick zu warten! Ich werde gleich kommen.« Er wandte sich an Susanne. »Jetzt kommt die Kehrseite der Medaille, gnädiges Fräulein, ›la douloureuse‹, wie man hierzulande die Rechnung nennt. Ich fürchte, der Besitzer des Bootes wird uns eine ziemlich beträchtliche Rechnung aufmachen, und schließlich kann man es ihm nicht einmal verdenken. Ich bitte die Herrschaften, mich zu entschuldigen.«

Er verabschiedete sich von Rasmussen, der zu der ganzen Unterhaltung kaum ein paar Worte beigesteuert hatte, und von Susanne, die der Hoffnung auf ein baldiges Wiedersehen Ausdruck gab.

Ein merkwürdig zugeknöpfter Herr, dieser Rasmussen aus Hamburg, dachte Gransfeld, während er nach dem Schreibsaal ging, um mit Monsieur Bouton zu verhandeln.


»Warst du schon lange mit dem Doktor zusammen, als ich kam?« fragte Rasmussen seine Tochter, sobald Gransfeld aus dem Saal war.

»Nur eine Viertelstunde, Väterchen. Er war ganz allein hier im Frühstückssaal; da ging es kaum anders, als daß ich mich zu ihm setzte. Wir sind ihm doch für seine Hilfe auch wirklich zu großem Dank verpflichtet.«

Rasmussens Miene wurde abweisend. »Gewiß, zweifellos, aber du hörtest ja selbst, wie er das Ganze als eine Selbstverständlichkeit abtat. Worüber habt ihr euch denn unterhalten?«

Susanne lachte. »Über tausenderlei, Väterchen. Der Doktor ist viel in der Welt herumgekommen und kann sehr interessant erzählen. Wir sprachen von seiner Seereise. Dann kam die Rede auf Hamburg, das er genau kennt. Ich habe ihn gebeten, uns zu besuchen, wenn ihn sein Weg einmal dorthin führt.«

Rasmussen zerknüllte nervös den Rand des Tischtuches. »Wie konntest du das tun, Susanne! Man lädt doch einen fremden Menschen nicht so ohne weiteres zu sich ins Haus.«

»Aber Väterchen, Doktor Gransfeld ist doch für uns kein fremder Mensch! Du weißt doch, wie er mir geholfen hat.«

Rasmussen schüttelte den Kopf. »Hilfe hin, Hilfe her. Das geht zu weit, mein Kind. Hoffentlich sieht der Mann das selber ein und verschont uns mit seinem Besuch. Umgangsformen und Takt scheint er ja zu besitzen; das habe ich aus der Art und Weise gesehen, wie er deinen etwas allzu überschwenglichen Dank ablehnte.«

Susanne war rot geworden! »Aber Väterchen, ich verstehe dich wirklich nicht! Er hat uns doch ...«

Rasmussen fiel ihr unwillig ins Wort. »Was hat er denn schon Großes getan? Aus einem ziemlich harmlosen Unfall machst du eine romantische Geschichte, in der dieser Gransfeld schließlich die dankbare Rolle des Lebensretters spielt. Tu mir den Gefallen und ziehe endlich einen Strich darunter!«

Verstimmt ließ er Susanne zurück und ging auf sein Zimmer. Schon während er die Treppen hinaufstieg, taten ihm seine heftigen Worte leid, und mit neuer Gewalt kamen die quälenden Gedanken über ihn. Ruhelos wanderte er im Zimmer hin und her. Was für eine Art von Mensch war dieser Arzt? Nach den Berichten der Organisation eine verdächtige, gefährliche Persönlichkeit, die mit allen Mitteln unschädlich zu machen war. So hatte auch er ihn sich vorgestellt, bis er ihn jetzt persönlich kennenlernte. Nun fand er einen liebenswürdigen jungen Mann, gebildet, taktvoll, hilfsbereit. So erschien er ihm jetzt und so—er hielt in seiner Wanderung inne und stützte sich mit beiden Händen auf eine Stuhllehne—ebenso erschien er auch unzweifelhaft seiner Tochter.

Rasmussen ließ den Stuhl los und strich sich mit den Händen über die Stirn. Unter andern Verhältnissen, wie natürlich, wie selbstverständlich wäre es da gewesen, daß der junge Arzt zu ihm ins Haus kam, daß vielleicht ... Er preßte die Hände vor die Augen. Sollten die dunklen Bindungen, von denen er nicht freikommen konnte, schließlich auch dem Glück seines Kindes im Wege stehen? Nein, das durfte nicht geschehen. So oder so! Jede Rücksicht mußte jetzt aufhören. Um jeden Preis wollte er sich jetzt freimachen.

Rasmussen setzte sich und begann an Mac Andrew in Glasgow einen Brief zu schreiben, daß sein Gesundheitszustand ihn zwinge, sofort nach Paris zu fahren, um einen Facharzt zu befragen, daß er die Aufgabe hier in Genf deshalb andern überlassen müsse, daß sein Rücktritt vom »Geschäft« eine beschlossene Sache sei.

* * * * *

Im »Hotel des Etrangers« klopfte der Kellner an eine Zimmertür.

»Come in!«

Der Kellner trat ein.

»Es ist ein Herr da namens Bouton, der die Herrschaften dringend zu sprechen wünscht. Der Herr scheint etwas aufgeregt zu sein.«

»Ah, Monsieur Bouton?« Megastopoulos sagte es und warf Morton einen fragenden Blick zu. Dieser knurrte wie eine gereizte Dogge. Der Grieche wandte sich zu dem Kellner: »Führen Sie den Herrn hierher.«

Monsieur Bouton kam ins Zimmer und schloß sorgfältig die Tür hinter sich. Megastopoulos bot ihm einen Stuhl an, aber der kleine, quecksilbrige Franzose schien zum Stillsitzen zu aufgeregt zu sein. In endlosem Wortschwall begann er sofort über den Verlust seines schönen Bootes zu jammern. »Oh, ein schönes Boot, Messieurs, ein prachtvolles Boot! Viertausend Franken ist es zum mindesten wert. Parole d'honneur, Messieurs, viertausend Franken ist billig! Halb geschenkt ist es dafür.« Er hielt einen Augenblick inne und schaute die beiden fragend an.

Der Grieche zuckte die Achseln. Morton ließ ein dumpfes, gefährliches Knurren hören.

Als Monsieur Bouton ohne Antwort blieb, ging er unmittelbar auf sein Ziel los. Die Herren hätten ihm sein schönes Boot zerstört. »Détruit totalement.« Die Herren müßten es ihm ersetzen. Viertausend Franken koste es nur, das sei äußerst billig. Aber weil man sich kenne, weil man seit langem gut Freund sei ...

Megastopoulos unterbrach ihn. »Wir sollen Ihr Boot zerstört haben, Monsieur Bouton? Wie kommen Sie zu dieser unerhörten Beschuldigung?«

Die kühle Ablehnung des Griechen brachte Monsieur Bouton erst recht in Harnisch. »Gewiß haben Sie's zerstört! Natürlich haben Sie's zerstört! Oh, ich weiß, was ich weiß! Mit dem ›Diomède‹, dem schweren Motorboot, haben sie meine schöne ›Céleste‹ zerbrochen. Wenn Sie mich nicht sofort genügend entschädigen, und zwar voll entschädigen, Messieurs, werde ich hingehen und Sie verklagen.«

Mit einem Sprung war Morton auf den Beinen, als das Wort »verklagen« fiel. Mit einem zweiten Sprung hatte er den Franzosen bei den Rockaufschlägen gepackt und schüttelte ihn hin und her wie ein Bund Flicken. »Du Hund! Verklagen willst du uns? Du—da—da!« Ein paar kräftige Boxerhiebe trafen Monsieur Bouton und schleuderten ihn auf den Teppich.

Vergebens bemühte sich der Grieche, seinen Kumpan zu beruhigen. Mit Gewalt brach bei diesem die Wut aus. Alles, was in den letzten vierundzwanzig Stunden an ihm genagt und gefressen hatte, der erste mißlungene Plan, der zweite ebenfalls erfolglose Versuch, alles das schaffte sich jetzt Luft. Mit ein paar Fußtritten brachte er den vor ihm Liegenden wieder auf die Beine. »Ich schlage dich tot, wenn du noch einmal ...« Wieder ein paar kräftige Fußtritte dazwischen. »He, du, willst du uns noch verklagen?«

Der unglückliche Bouton versuchte sich hinter Megastopoulos zu flüchten; er wollte sich rechtfertigen. Aber da hatte ihn Morton schon wieder gepackt, und, außer sich vor Wut, schüttelte er ihn, daß der Rock in allen Nähten krachte. »Lumpenhund, willst du ...?«

Als Monsieur Bouton die blutunterlaufenen Augen und das verzerrte Gesicht Mortons so dicht und drohend vor sich sah, verließen ihn die letzten Reste seines Mutes. »Non, Monsieur, mais non!«

Mit einem Ruck schleuderte ihn Morton auf einen Diwan. »Dein Glück, daß du Vernunft annimmst!—Ah!« Er dehnte und reckte beide Arme bis zur Zimmerdecke. Der körperliche Ausbruch hatte ihm Erleichterung verschafft. Etwas ruhiger wandte er sich an Megastopoulos. »Kommt der Kerl hierher, will sein Boot von uns noch einmal bezahlt haben, nachdem er dem andern da drüben im »Hotel du Lac« heute mittag schon sechstausend Franken dafür abgepreßt hat—Hüte dich, du!« Er wandte sich wieder an Bouton. »Mit dir mache ich kurzen Prozeß. Pack dich! Laß dich hier nicht wieder sehen!«

Monsieur Bouton war es inzwischen gelungen, die Tür zu erreichen. Erst am andern Ende des Flurganges blieb er stehen, um Kleidung und Frisur in Ordnung zu bringen. Einen bitterbösen Blick warf er zurück, als er die Treppe hinabging. Scham, Wut, Rachsucht waren darin zu lesen.

Im Zimmer stand inzwischen Megastopoulos vor dem langen Schotten. »Es war unklug, Morton, den Mann so zu mißhandeln. Bei nächster Gelegenheit wird er uns sicherlich dafür einen Streich spielen.«

Morton besah sich befriedigt seine beiden Fäuste. »Falls er's versucht, Megastopoulos, drehe ich dem Schuft das Genick um. Wenn ich nicht so genau wüßte, daß er dem andern schon sechstausend Franken abgenommen hat! Erst vor zwei Stunden hat es mir die Dimitriescu erzählt. Sie hat den ganzen Vorfall mit angesehen. Da hat er dasselbe Theater gemacht wie hier und auch mit der Polizei gedroht. Der Esel, der Gransfeld, ist darauf reingefallen. Mit baren sechstausend Franken konnte der Kerl da abziehen.«

Während Morton sprach, spiegelten sich die verschiedensten Empfindungen auf dem Gesicht des Griechen wider, Interesse, Erstaunen, Neid, Bewunderung. Jetzt unterbrach er Morton. »Ein Genie ist der Mann, ein Finanzgenie, Morton!«

Sein Kumpan sah ihn verständnislos an. »Wieso ist er das, Megastopoulos?«

»Genial ist das, Morton, sich ein und dieselbe Sache dreimal bezahlen zu lassen.«

»Dreimal?« Morton schüttelte verständnislos den Kopf.

»Ja, dreimal wollte er das Boot bezahlt haben, Morton. Es ist Eigentum der Organisation, die ihm natürlich ein neues stellen wird. Das zweite Mal hat er's von Gransfeld bezahlt bekommen, und das dritte Mal wollte er's hier ...«

Morton knurrte dazwischen. »Ich zweifle, ob die Bezahlung hier so ganz nach seinem Geschmack gewesen ist.«


Die Dimitriescu war es gewesen, die Monsieur Bouton mit dem Auftrage zu Gransfeld geschickt hatte, Ersatz für sein zerstörtes Boot zu verlangen. Wenn nämlich Bouton das tat, wenn er bei der Verhandlung recht deutlich und eindringlich auf die Verantwortlichkeit Gransfelds hinwies und womöglich mit Polizei und Gericht drohte, dann mußte natürlich jeder Verdacht zerstreut werden, den der Doktor unter Umständen haben konnte.

Von Gransfeld unbeobachtet, hatte sie von einem gedeckten Platz aus die ganze Verhandlung im Schreibzimmer mit angehört und den Erfolg Morton brühwarm berichtet. Sie konnte nicht voraussehen, daß Bouton dabei Geschmack an dem Geschäft gewinnen und es an anderer Stelle noch einmal versuchen würde. Boutons persönliches Pech war es, daß er dabei an den schon bis zum Explodieren geladenen Morton geriet und statt der erhofften Tausendfrankscheine unliebsame Boxerhiebe und Fußtritte in Kauf nehmen mußte.

Die Rumänin war erst am Morgen nach dem Bootsunfall in das »Hotel du Lac« übergesiedelt. Gransfeld hatte sie während seiner Verhandlung mit Monsieur Bouton nicht bemerkt. Rudi aber hatte sie bereits am Vormittag in der Vorhalle des Hotels gesehen. Da Gransfeld durch Rasmussen und danach durch Monsieur Bouton in Anspruch genommen war, hatte Rudi ihm seine Entdeckung noch nicht mitteilen können. Doch wie ein Jagdhund hatte er sich sofort auf die Spur der Rumänin gesetzt und beobachtet, wie sie vor kurzem aus dem »Hotel des Etrangers« zurückgekehrt und in ihr Zimmer gegangen war. Jezt trieb er sich auf dem Flur davor umher, begierig, weiteres über ihr Tun und Treiben in Erfahrung zu bringen.

Ein Glockenzeichen ließ ihn plötzlich aufmerken. Er eilte sofort zu der Klingeltafel, die sich am entgegengesetzten Ende des Ganges befand. Eine Nummernscheibe war gefallen. Es war die Zimmernummer der Dimitriescu. Rudi stellte sich an einen Blumentisch.

Während er mit angelegentlichem Interesse die verstaubten Blattpflanzen betrachtete, kam ein Hotelpage die Treppe herauf und verschwand in dem Zimmer der Dimitriescu. Kurz darauf kam er wieder heraus, ein Brett mit benutztem Geschirr in den Händen. Rudi zuckte die Achseln. Die Entdeckung, daß die Rumänin den Tee auf ihrem Zimmer genommen hatte, war die aufgewandte Mühe nicht wert. Die Hände in die Hosentaschen versenkt, schlenderte er mißmutig hinter dem Pagen her. Da öffnete sich eine andere Tür, ein Gast kam heraus und sprach mit dem Boy. Dieser zauderte und sah sich wie hilfesuchend um.

Inzwischen war Rudi hinzugekommen. Jetzt, in nächster Nähe, sah er, daß auch einige Briefe auf dem Tablett lagen, und hörte gleichzeitig, wie der Hotelgast englisch auf den Boy einredete. Offensichtlich war dieser des Englischen nicht mächtig.

»Gestatten Sie, mein Herr, daß ich dem Boy Ihren Wunsch verständlich mache!« wandte Rudi sich auf englisch an den Gast und sprach dann französisch zu dem Pagen weiter: »Der Herr wünscht etwas heißes Wasser zum Rasieren.«

Unschlüssig blickte der Boy bald auf das Brett in seinen Händen, bald auf Rudi. »Ich soll diese Briefe gleich zur Post bringen. Was soll ich da machen?«

Rudi griff nach dem Brett. »Sie dürfen den Herrn nicht warten lassen. Ich werde das Brett so lange halten. Holen Sie schnell das Wasser! Danach können Sie die Briefe zur Post bringen.«

Der Boy sprang davon, um das Gewünschte zu besorgen. Rudi blieb zurück. Starr blickte er auf die Adressen der fünf Briefe. Gleichmäßig bewegten sich seine Lippen, als ob er eine Schulaufgabe auswendig zu lernen hätte.


Tief in Gedanken versunken, saß Gransfeld in seinem Zimmer. Dieser zweite Besuch! Ohne Anmeldung war Monsieur Bouton zu ihm ins Zimmer gestürmt, verstört, wie außer sich. Er hatte in höchster Erregung Dinge herausgesprudelt. Gransfeld griff sich zweifelnd an den Kopf, wenn er daran dachte. War auch nur die Hälfte davon wahr, dann war die Bande viel, viel gefährlicher, als er jemals gedacht und geahnt hatte.

Die Tür wurde aufgerissen. Rudi kam herein, lief, ohne von der Anwesenheit des Doktors Notiz zu nehmen, zum Schreibtisch und griff nach Bleistift und Papier.

Gransfeld wollte auffahren. Was sollte dieses formlose Benehmen? Etwas Derartiges war er von Rudi bisher nicht gewohnt. Da sah er, wie der Junge zu schreiben begann und gleichzeitig laut vor sich hinsprach:

»Mr. Mac Andrew, Glasgow, Victoria-Street, Mr. X., London, Picadilly-Street, Mr. Y., Paris, Signor Z., Rom, X. C. 17, postlagernd Gorla.«

Bei dem Worte Gorla war Gransfeld aufgesprungen.

»So!« Rudi warf den Bleistift hin. »Das sind sie.«

»Was soll das heißen, Rudi?«

»Entschuldigen Sie, Herr Doktor, daß ich so ohne weiteres hereinkam! Ich mußte die Adressen gleich aufschreiben, sonst hätte ich sie vergessen.«

»Was sind das für Adressen? Woher hast du sie? Was soll das Ganze überhaupt bedeuten?«

»Adressen von Briefen, Herr Doktor. Die Dimitriescu hat sie auf ihrem Zimmer geschrieben und läßt sie eben zur Post bringen.«

»Die Dimitriescu? Ist denn alles verdreht, Junge? Die soll hier im Hotel sein?«

»Ein Stockwerk über uns, Herr Doktor. Ich sah sie schon heute morgen, konnte es Ihnen leider bis jetzt nur nicht mitteilen.«

Gransfelds Blicke wanderten auf das Papier und blieben an der letzten Zeile haften. »X. C. 17, postlagernd Gorla.—Die Briefe gehen eben zur Post.« Er warf einen Blick auf die Uhr. »Es ist gleich neun Uhr. Der Brief nach Gorla kommt mit dem Abendzug nicht mehr mit.—Fix, Rudi, packen! Sofort packen! Wir werden nach ... Halt, nein!«

Er warf sich in einen Sessel und schloß die Augen. Abwartend stand Rudi am Tisch. In halblautem Selbstgespräch bewegten sich Gransfelds Lippen. »Zu gefährlich, die Bande! Jeder Schritt, den wir tun, wird überwacht, verraten. Unmöglich so.—Doch so—ja, so vielleicht.« Er öffnete die Augen. »Ja, Rudi, mach unser Gepäck noch heute reisefertig!«


Es ging bereits stark auf zehn, als Frau Elena Dimitriescu durch eine laute Unterhaltung vor ihrem Zimmer gestört wurde. Schon wollte sie auf den Flur treten, um Ruhe zu verlangen, als sie stockte. Sie glaubte Wagners Stimme zu erkennen. Worüber hatte der verdächtige Bengel sich da draußen mit einem Hotelboy zu unterhalten? Sie legte das Ohr an die Tür, lauschte und hörte, wie Rudi seinen neuen Freund, den Hotelpagen, sehr gründlich über alle Einzelheiten einer Tour nach Chamonix und dem Arvegletscher ausfragte. Schon um fünf Uhr morgens sollte es am nächsten Tage losgehen. In vier Tagen wollten sie wieder zurück sein. In Frage und Antwort ging das Gespräch weiter. Der Hotelboy war aus der Gegend von Chamonix und konnte gute Auskunft geben. Trotzdem dauerte es geraume Zeit, bis Rudis Wissensdurst gestillt war.


Eine halbe Stunde später war die Dimitriescu bei Megastopoulos und Morton im »Hotel des Etrangers«.

Der Grieche rieb sich die Hände. »Ausgezeichnet! Das Mer de glace ist eine hervorragend geeignete Gegend. Da sind Gletscherspalten, in die man ...«

»Lassen Sie Ihre Finger davon!« unterbrach ihn Morton. »Alles, was Sie anfassen, mißglückt.«

Der Grieche versuchte zu widersprechen, doch der Schotte strich mit den Fäusten über den Tisch, als wollte er alle Einwände beiseite schieben. »Nonsense, Megastopoulos! Sie werden hier bleiben. Diesmal mache ich's allein. Will mich hängen lassen, wenn ich die Burschen nicht zur Strecke bringe! Sie würden mir mehr hinderlich sein als nützlich. Basta!« Er schlug mit der Faust auf den Tisch.

Der Grieche mußte sich dem überlegenen Willen seines Genossen beugen. Seinen Mienen konnte man es nicht ansehen, ob er es gern oder ungern tat.


In der öden, langen Halle des Genfer Bahnhofes kämpften die elektrischen Lampen noch mit dem allmählich stärker werdenden Morgenlicht, als sich die ersten Reisenden für den Frühzug nach Cluses einfanden. Es waren nicht allzu viele, die in so früher Stunde auf die Reise gingen.

Von einer Nische her beobachtete Morton die Ankommenden. In der Hauptsache waren es Einheimische und nur wenige Touristen darunter.

Es blieben bloß noch fünf Minuten bis zum Abgang des Zuges. Ungeduldig trat Morton von einem Fuß auf den andern. Seine Faust umklammerte den schweren Bergstock. War das Ganze etwa eine bewußte Täuschung? Hatte dieser Doktor, der mit dem Satan im Bunde zu sein schien, sie wieder einmal zum Narren gehalten? Wenn die jetzt nicht kamen, wenn er unverrichteter Dinge zurückkehren mußte? Fast greifbar glaubte er das niederträchtige Grinsen zu sehen, mit dem Megastopoulos ihn empfangen würde.

Doch da kamen sie ja, der Doktor und der Junge, beide mit Rucksäcken, Seilen und Bergstöcken ausgerüstet, gut vorbereitet für eine größere Tour. Morton sah, wie sie in ein Abteil zweiter Klasse stiegen. Schon schickte sich der Stationsvorsteher an, das Abfahrtzeichen zu geben, als Morton schnell in ein anderes, einige Wagen davon entferntes Abteil sprang.

Ein Pfiff, ein Signalzeichen—der Zug verließ die Halle und rollte durch das Arvetal. Es war ein Personenzug, der keine der vielen Stationen und Haltestellen ausließ. Auf jeder von ihnen gab es ein Drängen und Hasten. Reisende verließen den Zug, andere, vielfach mit Kiepen und Körben beladen, stiegen dafür ein. Rasselnd setzte er sich wieder in Bewegung.

Gransfeld und Rudi hatten in dem nur schwach besetzten Zug ein Abteil für sich allein erwischt. Während der Doktor sein Gepäck ablegte, preßte Rudi die Nase gegen das Fenster. Als der Zug eben anfuhr, um den Genfer Bahnhof zu verlassen, drehte er sich jäh um. »Das war er, Herr Doktor!«

»Wer?—Wo?—Was?« Gransfeld sprang zum Fenster.

»Ist nicht mehr zu sehen. Er ist zwei Wagen vor uns eingestiegen.«

»Wer denn, in Teufels Namen, Junge?«

»Mister Morton, Herr Doktor. Ich habe ihn ganz deutlich gesehen. Im letzten Augenblick kam er hinter einer Säule hervor und sprang in den Zug.«

»Morton allein?«

»Ich habe niemand anders bemerkt. Aber wir sind ja selbst erst in der letzten Minute gekommen. Vielleicht sind die andern schon früher eingestiegen.«

»Hm, Rudi, das könnte sein. Es wäre immerhin möglich, daß mehrere Mitglieder der Bande im Zuge verteilt sind. Jedenfalls müssen wir so handeln, als ob sie da wären.«

Gransfeld stand auf und schnallte sich den Rucksack wieder an. Er bedeutete Rudi, das gleiche zu tun.

Jetzt verlangsamte der Zug seine Fahrt, die Bremsen knirschten, er hielt. »Carouge!« riefen die Schaffner die Station aus.

Gransfeld öffnete die dem Bahnsteig abgewandte Wagentür. Da stand unmittelbar neben ihnen auf dem Nachbargleis ein Güterzug, ein Wagen mit offener Schiebetür gerade vor ihrem Abteil. »Rüber, Junge, schnell!«

Mit einem mächtigen Satz war Rudi in dem Güterwagen. Auf dem Trittbrett stehend, schlug Gransfeld die Abteiltür zu und sprang ihm nach. Er faßte ihn und zog ihn schleunigst von der Schiebetür fort in eine dunkle Wagenecke. »So, Rudi, das hat geklappt. Ich glaube nicht, daß uns einer von der Bande dabei gesehen hat.«

»Das haben Sie fein gemacht, Herr Doktor«, stimmte Rudi vergnügt bei. »Da pfeift es schon; gleich wird Mister Morton allein weiterreisen. Bon voyage, Monsieur Morton! Bon plaisir à Cluses!—Nanu? Wir fahren ja selbst!«

Der Pfiff, den Rudi gehört hatte, war von der Lokomotive des Güterzuges gekommen. Langsam setzte der schwere Zug sich in Bewegung und rollte in der Richtung nach Genf weiter.

»Großartig, Rudi! Da haben wir ja die beste Verbindung, die wir uns denken können. So erreichen wir sogar noch den Frühzug nach Deutschland.«

Zur gleichen Zeit fuhr auch der Zug nach Cluses wieder an und dann weiter das Arvetal hinauf.

Bei jedem Halt spähte Morton von seinem Fensterplatz aus in das Getümmel, obwohl—bei jeder Station sagte er sich's von neuem—obwohl es eigentlich eine unnötige Mühe war. Die Dimitriescu hatte ja selbst die Fahrkarten bis Cluses gesehen, die Gransfeld sich gestern abend noch besorgen ließ.

Es war doch nicht so einfach, munter zu bleiben, wenn man bis zwölf Uhr nachts bei Whisky und Soda gesessen hatte und um vier Uhr morgens schon wieder aus den Federn gekrochen war. Morton fühlte, wie ihm die Lider schwer wurden. Das Knirschen der Bremsen ließ ihn emporfahren. »Cluses!« hörte er rufen. Der Zug hatte seine Endstation erreicht.

Eine reichliche Stunde hatte Morton in seiner Wagenecke fest und traumlos geschlafen. Er raffte seine Sachen zusammen und mischte sich in das Gedränge. Vergebens suchte er die beiden, um derentwegen er die Reise unternommen hatte. Weder am Bahnhof noch bei der Kraftpost, die bald nach dem Eintreffen des Zuges die Arve aufwärts weiter nach Chamonix fuhr, waren sie zu finden. Morton hatte die Spur von Gransfeld und Rudi verloren.


6. WIEDER IN GORLA

Zu früher Morgenstunde kam Gransfeld in das Postamt von Gorla. Dort gab es eine größere Anzahl von Schaltern mit verschiedenen Schildern. An dem einen konnte man Briefmarken in kleinen, am andern in größeren Mengen kaufen, hier waren Versicherungsmarken zu haben und dort wurden Telegramme angenommen. Jetzt fand Gransfeld, was er suchte. »Postlagernde Briefe« versprach das Schild über einem fünften Schalter. An diesen trat er heran.

Das Glasfenster war heruntergelassen. Ein anderes Schild stand dahinter: »Für kurze Zeit geschlossen.«

Ungeduldig stampfte Gransfeld auf den Boden. Verwünscht, wenn man's so eilig hatte wie er und die Herren Postbeamten gingen frühstücken oder waren sonstwie unabkömmlich! Jede Minute war kostbar. Es konnte kritisch werden, wenn die Person, die hinter der Chiffre X. C. 17 steckte, ihm zuvorkam oder gar mit ihm am Schalter zusammentraf.

Er sah sich im Raum um. Dort war ein Mann, der gerade ein Telegramm aufgab, da ein Kind, das von dem Schalter »Briefmarken in größeren Mengen« an den andern »Briefmarken in kleinen Mengen« verwiesen wurde, vier Fünfpfennigmarken verlangte und auch erhielt. Neben ihm, vor dem geschlossenen Schalter, stand ein jüngeres weibliches Wesen mit einem Marktkorb. Eine Hausangestellte konnte es sein, die ebenso ungeduldig wartete wie er selbst. Verstohlen musterte er sie. Von den postlagernden Briefen abgesehen, war alles andere auch an den andern Schaltern zu haben. Kaum ein Zweifel, daß diese Anna oder Minna gleichfalls Interessentin für postlagernde Briefe war. Nur die Frage blieb noch unentschieden, ob sie wohl für eigene Rechnung oder etwa im Auftrage eines Dritten kam. Dumm, wenn X. C. 17 jener Dritte war. Ungeschickter noch, wenn X. C. 17 etwa selber kam, was doch schließlich jeden Augenblick geschehen konnte. Mit wachsender Unruhe behielt Gransfeld die Eingangstür zum Postamt im Auge.

Ein Geräusch hinter ihm veranlaßte Gransfeld, sich umzudrehen. Das verhängnisvolle Schild wurde weggezogen, das Schalterfenster ging in die Höhe. Schneller als er war das Mädchen mit dem Korb am Fenster, setzte zum Sprechen an, stotterte, wurde rot und verlegen, versuchte es nochmals und verhaspelte sich dabei erst recht.

Der Beamte versuchte ihr zu helfen. »Na, na, Fräuleinchen, mal erst ganz ruhig! Mir können Sie alles sagen. Sie wollen wohl einen postlagernden Brief abholen? Von Ihrem Bräutigam natürlich, Fräuleinchen. Was soll's denn sein?«

»Ach ja, Herr Sekretär! Ich—ich wollte—sollte mal fragen, ob nicht unter ›Röschen‹ was da ist.«

Der Beamte griff in ein Fach hinter sich, zog einen Stapel von Briefen heraus und blätterte sie mit berufsmäßiger Geschwindigkeit durch. »Hier, Fräuleinchen, da haben wir's ja, ein Brief für ›Röschen‹. Die Post sorgt für alle ihre Kunden.«

Das Mädchen nahm den Brief in Empfang und zog vergnügt ab.

Gransfeld trat an den Schalter. »Ich erwarte postlagernde Briefe unter Chiffre X. C. 17.«

Gewohnheitsmäßig begann der Beamte den Stapel zu durchblättern.

»X. C. 17.« Während er die Chiffre halblaut wiederholte, hielt er plötzlich mit dem Blättern inne. Irgendein Bedenken schien ihm zu kommen. Prüfend musterte er Gransfeld und fragte dann: »Ich habe doch recht verstanden? X. C. 17 sagten Sie?«

Gransfeld hatte das Zögern bemerkt. Blitzschnell arbeitete sein Gehirn. Nur eine Erklärung gab es für das merkwürdige Verhalten des Beamten. Es mußten schon öfter Briefe unter dieser Chiffre hier gelagert haben, wahrscheinlich so oft, daß der Mann hinter dem Schalter auch die Person, die sie abzuholen pflegte, im Gedächtnis behalten hatte. Gransfeld fühlte, daß er etwas tun müsse, um den aufkommenden Argwohn zu zerstören. »Ganz recht, X. C. 17. Unter anderm erwarte ich einen Brief aus Genf«, sagte er mit erzwungener Ruhe.

»Aus Genf? Einen Augenblick!« Der Beamte begann abermals in dem Stapel zu blättern und zog einen Brief heraus. Jetzt griff er zum zweiten Male einen Umschlag, nickte vor sich hin und ließ mechanisch noch den Rest des Stapels durch die Finger gleiten. »X. C. 17 aus Genf. Stimmt, mein Herr. Bitte, hier ist ein Brief—und hier noch ein zweiter.«

»Ich danke.« Gransfeld nahm die Briefe an sich und verließ das Postamt.

Kopfschüttelnd schob der Beamte den Pack postlagernder Briefe wieder in das Fach. Die alte bekannte Chiffre—der sie abholte, ein Unbekannter—er bedauerte, daß seine Dienstvorschrift ihm nicht gestattete, einen Ausweis von ihm so völlig fremden Menschen zu fordern.


Es herrschte bereits Dunkelheit, als zwei Wanderer von der Landstraße auf einen schmalen Feldweg abbogen.

»Hier mußt du führen, Rudi. Den Weg bist du ja schon einmal gegangen«, sagte Doktor Gransfeld.

»Jawohl, Herr Doktor. Ich kenne die Gegend wieder. Der Weg bringt uns unmittelbar an den Bahndamm, und dann geht's links weiter, bis wir zum Nordtor kommen.«

Schweigend verfolgten sie den schmalen Pfad durch die Wiesen und gingen am Bahndamm weiter.

Eine Gestalt tauchte aus dem Dunkel vor ihnen auf.

»Hallo, Gransfeld!«

»Bist du's, Rübesam?«

»Hier Rübesam! Man kann in der Finsternis nicht die Hand vor den Augen sehen. Seid ihr endlich glücklich ran?« Er schüttelte Gransfeld die Hand.

Unter der Führung Rübesams gingen sie weiter, bis, von einigen Laternen schwach beleuchtet, ein mächtiges eisernes Tor auftauchte. Der Chemiker ließ sie durch eine kleine Seitenpforte, die er sogleich wieder verschloß, in das Werk und führte sie zu seiner Wohnung.

»So, da sind wir. Macht's euch bequem! Und nun schieß los, Gransfeld! Am Telephon warst du fast noch wortkarger als in deinen Briefen. Ich bin gespannt wie—wie, na, sagen wir mal, wie ein Flitzbogen.«

»Du wirst die Gründe verstehen, Rübesam. Ein Telephongespräch kann zufällig von einem Dritten gehört werden. Briefe können in Hände geraten, für die sie nicht bestimmt sind, ich habe erst heute früh ein Beispiel davon erlebt.« Nun begann Gransfeld ausführlich sein Abenteuer zu berichten.

In steigender Erregung folgte der Chemiker seiner Erzählung. »Und den Brief, Gransfeld, hast du ihn?«

Gransfeld griff in die Tasche. »Einen Brief? Nein, gleich zwei. Doppelter Segen!« Er legte die Briefe vor sich hin. »Das Schreiben unserer Freundin aus Rumänien hilft uns leider nicht weiter.« Er schob Rübesam den einen Brief hin.

Dieser betrachtete ihn und schüttelte den Kopf. »Chiffriert! Da soll doch der Teufel draus klug werden! Die Bande benutzt bestimmt eine Geheimschrift, die kein Mensch ohne den Schlüssel entziffern kann.«

Gransfeld nahm den Brief wieder an sich. »Schadet nichts, Rübesam. Eines Tages werden wir auch den Schlüssel haben und diese Hieroglyphen lesen. Der Dame Dimitriescu soll nichts geschenkt werden. Aber was sagst du dazu? Der zweite Brief ist unchiffriert. Offenbar hat der edle Megastopoulos den Inhalt nicht für wichtig genug gehalten, um sich die Mühe zu machen. Wenn er eine Ahnung gehabt hätte, daß gerade ich den Brief in die Finger bekommen sollte, dann wäre er vielleicht anderer Meinung gewesen.«

Der Chemiker hatte nach dem zweiten Brief gegriffen. In dem äußeren Umschlag steckte noch ein kleinerer mit der Aufschrift: »An van Holsten weiterzugeben.« In diesem Umschlag lag ein kurzes Schreiben, das Rübesam durchflog.

»Für den Eingeweihten ist alles vollkommen klar, Gransfeld. In zwei Tagen treffen sie sich in Paris im Ritz-Carlton. Mynheer van Holsten—der Mensch muß also noch in Gorla stecken—soll einen amerikanischen Nabob, mit dem er irgendwie persönlich bekannt ist, wissen lassen, daß dein Freund Megastopoulos ihm ein seltenes und wertvolles Kunstwerk vorführen will. Er soll ihn ordentlich scharf auf die Sache machen. Gewinnbeteiligung: ein Viertel des erzielten Preises. Hm, eine gewisse Großzügigkeit kann man Herrn Megastopoulos bei seinen Geschäften nicht absprechen. Ja, mein lieber Freund, wenn du da rechtzeitig zur Stelle bist und richtig zufaßt, dann hast du einige Aussicht, deine Statuette wiederzubekommen.«

»Die Statuette und den Mann, Rübesam.«

Der Chemiker zuckte die Achseln. »Ob du den kriegen wirst, ist mir ziemlich zweifelhaft. Überlege doch, bitte, einmal! Der Diebstahl ist von einem Manne aus Kleinasien an einem Deutschen in Ägypten begangen worden, und in Frankreich soll der Dieb verhaftet werden. Wird schwer zu machen sein. Sei zufrieden, wenn du die Statuette zurückbekommst!«

Gransfeld schlug auf den Tisch. »Das werden wir sehen! Jedenfalls will ich sofort nach Paris und den Burschen stellen. Ich muß heute noch mit dem Nachtzug abreisen. Und jetzt komme ich mit einer Bitte.«

Rübesam nickte. »Ist im voraus gewährt, Gransfeld, wenn sich's irgendwie machen läßt.«

»Ja also, ich möchte Rudi für die Zeit meiner Abwesenheit deiner Obhut übergeben.«

»Ach, Herr Doktor, ich soll immer hier bleiben, wenn Sie verreisen! Paris möchte ich auch gern kennenlernen.«

»Still, Rudi, nicht aufgemuckt!« unterbrach Rübesam den Jungen. »Das ist übrigens ein guter Gedanke, Gransfeld. Hier im Werk, bei mir in meiner Wohnung, wird die Bande den Jungen zu allerletzt vermuten. Ich glaube, hier ist er so sicher wie in Abrahams Schoß. Hauptsache ist nur, daß er in der Wohnung bleibt und sich nirgends außerhalb des Hauses sehen läßt.«

Rudi machte ein mißmutiges Gesicht. Die Aussicht, daß er hier sozusagen in Stubenarrest in der Bude hocken sollte, während Doktor Gransfeld nach Paris fuhr, gefiel ihm durchaus nicht.

Halb ärgerlich, halb lachend suchte Rübesam ihm die Sache schmackhaft zu machen. »Sei zufrieden, Junge, daß du dich hier einmal ein paar Tage in Ruhe erholen kannst! Solltest doch von der Bande nachgerade genug haben. Sieh mal, hier«, er wies auf die Bücherregale an der Wand, »da ist genug Lesefutter, das deinem Schnabel munden dürfte. Das wird dir die Langeweile vertreiben.«

Interessiert musterte Rudi die Bücherreihen. Seine Mienen hellten sich wieder einigermaßen auf, als er einige seiner Lieblingsschmöker entdeckte. »Aber Sie werden auch nicht zu lange fortbleiben, Herr Doktor?«

»Höchstens eine Woche, Rudi. Versprich mir, solange vernünftig zu sein und Herrn Rübesam zu folgen! Die ganze Sache wird zwecklos, wenn dich irgendeiner von der Bande hier zu Gesicht bekommt.«

Nach dem Abendessen brachte der Chemiker seinen Freund wieder durch das Nordtor des Werkes hinaus und geleitete ihn bis zum Bahnhof, während Rudi sich in die Abenteuer eines Indianerbuches vertiefte.


Am Nachmittag des gleichen Tages kam Henke auf das Postamt und ging an den Schalter für postlagernde Briefe. »Ist etwas unter X. C. 17 da?«

Der Beamte sah ihn einen Augenblick an. »X. C. 17? Sie haben Ihre Briefe doch schon heute früh abgeholt—oder abholen lassen! Wird wohl kaum etwas Neues da sein.«

Während der Postbeamte in dem Briefstapel blätterte, wandte Henke sich ab. Röte und Blässe wechselten in seinen Zügen. Er mußte erst Fassung gewinnen, bevor er dem Beamten sein Gesicht wieder zeigen konnte. Jemand anders war hier gewesen und hatte die unter X. C. 17 lagernden Briefe abgeholt? Wer zum Satan konnte das gewesen sein? Der Bengel? Er atmete kurz auf. Der war Gott sei Dank erledigt. Der verdammte Doktor? Ausgeschlossen. Der war nach Genf abgereist. Wer aber—wer konnte seine Briefe hier abgeholt haben?

Er hörte die Stimme des Beamten und wandte sich wieder dem Schalter zu. »Es ist doch noch etwas gekommen. Hier ein Brief X. C. 17 aus London.«

Henke griff nach dem Brief. Einen Augenblick zögerte er. Wenn er den Beamten nur fragen, wenn er in Erfahrung bringen könnte, wie der aussah, der hier seine Briefe abgeholt hatte! Doch er sah keine Möglichkeit. Jede Frage seinerseits mußte Verdacht erwecken, mußte die Sache, die schon schlimm genug war, noch schlimmer machen.

Mit kurzem Dank ging er vom Schalter fort und trat an eines der Schreibpulte. Hastig riß er den Brief auf und erblickte die krausen Buchstabengruppen der Chiffreschrift. Ein höhnischer Zug spielte um seine Lippen. Mochte die andern Briefe abgeholt haben, wer da wollte! Ohne den Schlüssel würde der doch nicht klug werden, ohne den Schlüssel, den nur die Wissenden besaßen. Aus der Brusttasche zog er ein winziges Heftchen und begann mit dessen Hilfe den Brief Wort für Wort zu entziffern. Der übliche Anfang! Er runzelte die Stirn. Wieder einmal hatte die Londoner Zentrale allerlei an seiner Arbeit auszusetzen. Sollten's doch selber machen, die schlauen Herren in England, wenn sie alles besser wußten!

Er las weiter und merkte kaum, daß der Federhalter in seiner gekrampften Rechten wie ein Streichholz zerbrach. Was war das? Was schrieb die Londoner Zentrale da? Pfuscharbeit? Falscher Bericht? Der vermaledeite Lümmel, der Wagner, gesund und munter in Genf angekommen? Die Knie wankten ihm, schwer stützte sich sein Körper auf das Pult. Wagner lebendig in Genf? Hatte ihn die Hölle genarrt, damals, als er den Dampf in den Kessel ließ, als er den Todesschrei hörte? Wenn der noch am Leben war, dann wurde es am Ende Zeit, von hier zu verschwinden.

Nur allmählich gewann Henke so viel Fassung, daß er weiterlesen konnte: Der Junge und der Doktor jetzt in Genf—werden dort durch die Organisation erledigt—Luft rein—laufendes Geschäft in Gorla mit Nachdruck weiterbetreiben—starker Bedarf an Ware.

Er suchte sich mit Gewalt zur Ruhe zu zwingen. Sein Anschlag war mißlungen. Rätselhaft, vollkommen rätselhaft, wie dies möglich war! Doch es war so. Aber die Organisation war hinter den beiden her, würde hoffentlich—sicherlich, verbesserte er sich in Gedanken—Mittel und Wege finden, sie unschädlich zu machen. Während er den Brief und den Chiffreschlüssel in seine Brusttasche schob, faßte er den Entschluß, wenigstens vorläufig auf seinem Posten auszuharren.

Jenen Brief, der für van Holsten bestimmt war und Gransfeld in die Hände fiel, hatte Megastopoulos selbst auf dem Genfer Bahnhof in den Postzug gesteckt, Er war dann in das »Hotel des Etrangers« zurückgekehrt. Bei einer Tasse Tee, die er sich in den Leseraum bringen ließ, zog er das Ergebnis der letzten Tage.

Dumm war die Sache in Yvoire. Es würde einige Mühe und Bestechungsgelder kosten, um da wieder alles in Ordnung zu bringen. Noch unangenehmer war aber die Geschichte mit Bouton. Es war wirklich unverantwortlich von Morton, sich derart hinreißen zu lassen. Es würde schwerhalten, auch diese Angelegenheit mit Geld wieder glatt zu machen. Jedenfalls mußte es versucht werden, und zwar möglichst schnell. Er beschloß, Bouton noch im Laufe des Tages aufzusuchen und die Sache wieder einzurenken. Morton durfte jedenfalls Bouton nicht wieder vor die Augen kommen. Megastopoulos kannte die Rachsucht dieser Romanen gut genug, um das vollkommen zu begreifen. Der Schotte mußte aus Genf verschwinden, sobald er das jetzige Unternehmen zu Ende gebracht hatte.

Megastopoulos warf einen Blick auf die Wanduhr. Zwei Uhr. Wenn alles gut ging, war Morton jetzt schon auf dem Gletscher, und wenn es diesmal endlich klappte ... Unwillkürlich mußte er jenes Tages in Syut gedenken, an dem er George Gransfield zum letzten Male gesehen hatte. Die Statuette! Viel einfacher und gefahrloser würde sich der Verkauf tätigen lassen, wenn die verdammten Spürhunde endlich erledigt waren.

Der Hotelportier kam mit zwei Herren in den Lesesaal. Prüfend blickten die beiden sich um, sprachen leise ein paar Worte mit dem Portier und gingen dann geradeswegs auf den Griechen zu. »Paßkontrolle mein Herr! Dürfen wir Ihren Paß sehen?«

Während Megastopoulos in die Brieftasche griff, überschlich ihn ein unangenehmes Gefühl. Gewiß, Paßkontrollen wurden bisweilen vorgenommen, doch weshalb kamen die Polizeibeamten zuerst zu ihm? »Bitte sehr, meine Herren!« Er hielt ihnen seinen Paß hin. Nach kurzer Prüfung gaben die Beamten ihn zurück. »Danke sehr! Ihre Papiere sind in Ordnung.«

Wieder sprachen die Beamten mit dem Portier. Megastopoulos strengte seine Ohren auf das äußerste an und hörte Bruchstücke der Unterhaltung.

»Mister Morton ist mit dem Frühzug nach Cluses gefahren—kann vor morgen abend kaum hier sein.—Ja, sein Gepäck ist noch hier.«

Megastopoulos rührte mechanisch mit dem Löffel in seiner Tasse, in der kein Tee mehr war. Die Polizei hier im Hotel und an Morton interessiert? Dieser mußte sofort gewarnt werden, durfte am besten gar nicht mehr ins Hotel zurückkommen. Doch wie sollte er ihn erreichen? Ob er ihm gleich nachfuhr? Megastopoulos verwarf den Gedanken, fand keine andere Möglichkeit, sann unschlüssig hin und her.

»Ein Telegramm für Monsieur Megastopoulos!« Der Ruf des Hotelpagen riß ihn aus seinen Gedanken.

»Ja, geben Sie her! Das ist für mich.«

Während er nach der Depesche griff, bemerkte er eine zweite in der Hand des Pagen und sah die Adresse: »An Mister Morton«.

»Die können Sie auch hier lassen. Ich gehe gleich nach oben und werde sie Mister Morton selber geben.«

Die beiden Depeschen in der Hand, eilte Megastopoulos auf sein Zimmer. Er riß die erste auf und las: »Dienstagabend 8 Uhr Picadilly-Street.« Erst jetzt sah er, daß es die für Morton bestimmte Depesche war, und öffnete nun auch die andere. Sie enthielt den gleichen Text.

Die Organisation rief sie beide nach London. Noch am Abend mußte er reisen, wenn er die Frist innehalten wollte. Was sollte aus Morton werden? Fuhr er allein fort, dann rannte dieser hier blindlings der Polizei in die Hände. Was sollte er tun?

Während die Stunden träge dahinschlichen, machte Megastopoulos sein Gepäck fertig und ließ es zum Bahnhof bringen. Er sah keinen Weg, Morton sofort zu erreichen. Nur die eine Möglichkeit blieb, einen Brief für ihn beim Portier zu hinterlegen. Wenn Morton morgen abend bei der Rückkunft dieses Schreiben gleich erhielt und wenn er sofort danach handelte, dann konnte die Sache vielleicht noch glimpflich ablaufen.

Megastopoulos setzte sich an den Tisch und schrieb den Brief. Ein ausführliches Schreiben wurde es, das Morton vor der drohenden Gefahr warnte und ihm riet, unverzüglich unter Zurücklassung seines Gepäckes Genf zu verlassen und schnellstens nach London zu kommen. Doch während der Grieche den Klartext Wort um Wort verschlüsselte, kamen ihm wieder Zweifel, ob das Schreiben seinen Zweck erfüllen würde. In Gedanken malte er sich aus, wie Morton morgen, vielleicht auch erst übermorgen, zurückkommen würde, je nach dem Ausgang des Unternehmens verdrossen oder in guter Laune. Er würde den Brief erhalten und natürlich gar nicht daran denken, ihn sofort zu lesen. Er würde auf sein Zimmer gehen und sich erst einmal den unvermeidlichen Whisky mit Soda bestellen. Ungenutzt würde er kostbare Viertelstunden verstreichen lassen, und inzwischen mußte das Verhängnis sich erfüllen.

Als Megastopoulos das Hotel verließ, um zum Bahnhof zu gehen, hatte er wenig Hoffnung, daß seine Warnung Morton rechtzeitig erreichte. Da bis zum Abgang des Zuges noch reichlich Zeit war, schlenderte er langsam durch die Straßen. Plötzlich stutzte er. An der nächsten Straßenecke erblickte er einen langen Touristen, der die genagelten Bergschuhe klirrend auf das Pflaster setzte. Schnell lief er auf ihn zu. »Gott sei Dank, daß ich Sie noch treffe, Morton!«

Der andere knurrte ihn zornig an. Seit Stunden hatte er sich in den Gedanken verrannt, daß der Grieche ihn wegen seines Mißerfolges verspotten würde, und war entschlossen, ihm sofort gehörig über den Mund zu fahren. »Weg sind die Hunde! Wie vom Erdboden verschwunden waren sie in Cluses«, knirschte er wütend und wollte weitergehen.

»Halt! Keinen Schritt weiter, Morton!«

»Nonsense, lassen Sie mich!«

»Mister Morton, die Polizei wartet im ›Hotel des Etrangers‹ auf Sie.«

Der Schotte stutzte, fragte und erhielt Antwort. In wenigen Sekunden wandelte sich sein Wesen. Aus einem blindwütigen, zu jeder Gewalttat bereiten Manne wurde im Augenblick ein klar denkender und überlegender Mensch.

»Well, Megastopoulos! Wir haben noch eine Stunde bis zum Abgang des Zuges. Ich werde zum Bahnhof vorausgehen und die Karten lösen. Sie müssen wohl oder übel noch einmal ins Hotel, mein Gepäck fertigmachen und die Rechnung bezahlen.«

So geschah es, daß Mister Morton in der Ausrüstung eines Alpinisten von Genf nach Calais fahren mußte und daß die schweizerische Polizei vergebens auf seine Rückkunft vom Arvegletscher wartete.

Sie kam nur in den Besitz eines chiffrierten Briefes, dessen Entzifferung auch den geübtesten Dechiffreuren dieser erfahrenen Behörde unmöglich war. Einstweilen wurde das Schriftstück zu den Akten genommen.

Erst auf dem Kanalboot nach Dover kam Mister Morton in die Lage, sich wieder einigermaßen standesgemäß anzuziehen. Am Vormittag traf er in seiner Wohnung in der Picadilly-Street ein, und als es Abend wurde, begannen die Mitglieder des Bundes sich dort zu versammeln. Viele waren es, die diesmal kamen. Etwas Bedeutendes mußte vorliegen, das den Chef veranlaßt hatte, seine wichtigsten Leute, soweit sie in Kürze erreichbar waren, zusammenzurufen.

Mit dem achten Glockenschlag eröffnete Mac Andrew die Besprechung. Viel häufiger als jemals in früheren Versammlungen gebrauchte er dabei das Wort »leider«. »Gentlemen, ich muß Ihnen leider mitteilen, daß in Port Said Verhaftungen vorgekommen sind. Die ägyptische Polizei hat unsern Agenten Tarantola geraume Zeit beobachtet. Sie hat fünf Unteragenten, die wegen der Ware zu ihm kamen, festgenommen und zuletzt ihn selbst verhaftet.«

Stimmengewirr unterbrach den Chef. Die ägyptische Polizei hatte plötzlich zugegriffen. Wie war das möglich?

»Leider, Gentlemen, ist es so. Es haben sehr genaue Nachrichten vorgelegen. Man hat auch die Vorräte Tarantolas beschlagnahmt.«

»Unmöglich!«—»Unerhört!«—»Verrat!« scholl es dem Sprecher aus der Versammlung entgegen.

Dieser gebot Ruhe. »Ich bin noch nicht zu Ende, Gentlemen. Die ägyptische Polizei hat auch unsern Agenten Rasati verhaftet, als er an Land war. Die Polizisten sind dann an Bord der ›Usakama‹ gekommen und haben seine Vorräte ebenfalls beschlagnahmt.«

Wieder wuchs Stimmengewirr empor. Ägyptische Polizei an Bord eines deutschen Dampfers? Unerhört! Von wem ging das aus? Hatte der deutsche Konsul da seine Hand im Spiele?

Mac Andrew wartete, bis der Lärm sich gelegt hatte. »Gentlemen, der deutsche Konsul in Port Said ist ein sehr korrekter Herr. Amtlich hat er mit der Sache nichts zu tun. Amtlich geht alles von dem neuen Kommandeur der ägyptischen Polizei in Port Said aus, den wir leider noch nicht bearbeiten konnten.«

»Aber inoffiziell?«—»Wie ist das zugegangen?«—»Was ist geschehen?« So kamen Fragen aus der Gesellschaft.

»Ich bin in der Lage, Gentlemen, Ihnen darüber Auskunft zu geben. Unser Mittelsmann in Port Said war zwar nicht mehr imstande, Rasati und Tarantola rechtzeitig zu benachrichtigen—seine Warnung kam leider eine halbe Stunde zu spät—doch er hat mir genauen Bericht über das gegeben, was wirklich geschehen ist.«

Während der letzten Worte hatte Mac Andrew ein Schriftstück aus der Tasche genommen. »Mister Perbrandt, der deutsche Konsul in Port Said, bekam einen Brief aus Deutschland. Ich habe die Kopie hier, Gentlemen.« Er deutete auf das Schriftstück. »In diesem Brief werden Rasati und Tarantola als gewerbsmäßige Händler bezeichnet, und es wird mitgeteilt, wo sie ihre Vorräte aufbewahren. Mister Perbrandt hat den Brief mit einem kurzen Anschreiben dem neuen Polizeikommandeur zugeschickt, und dieser—ich sagte ja bereits, daß wir noch nicht an ihn heran konnten—hat kurzerhand zugegriffen. So ist das geschehen, Gentlemen. Sieben von unsern Leuten sind verhaftet und ihre Vorräte beschlagnahmt worden.«

Wieder erhob sich Lärm. »Der Schuft!«—»Der Lump!«—»Wer ist der verräterische Hund?«—»An den Galgen mit ihm!«

Mac Andrew sprach weiter: »Sie wollen wissen, Gentlemen, wer den Brief geschrieben hat? Das kann ich Ihnen sagen. Der Brief ist unterzeichnet: Doktor Gransfeld.«

Ein kurzes Aufbrausen in der Gesellschaft, dann tiefe Stille. Alle, die hier versammelt waren, kannten den Namen. Sie hatten auch gehört, daß es ein gefährlicher Spion war, dessen Beseitigung die Organisation mit allen Mitteln betrieb.

Mac Andrew steckte den Brief wieder ein. »Gentlemen, wir dürfen die Gefahr nicht unterschätzen, die dieser Mensch für unsere Organisation bedeutet.«

»Der Schuft muß beseitigt werden, er und der verdammte Bengel!« unterbrach Morton.

Mac Andrew blickte ihn scharf an. »Ruhe, Mister Morton!—Gentlemen, zu der vorliegenden Sache möchte ich sagen, daß unsere Mittelsleute mit allen Kräften an der Arbeit sind, um die Verhafteten wieder loszubekommen. Leider—ich darf das nicht verschweigen—wird uns die Angelegenheit viel Geld kosten. Wir werden deshalb gezwungen sein, die Preise für unsere Ware zu erhöhen.«

Mac Andrew machte eine Pause, um das Stimmengewirr, das seine letzten Worte wieder erweckt hatten, abflauen zu lassen. Erst nach geraumer Zeit konnte er fortfahren. »Gentlemen, ich verstehe und teile Ihre Entrüstung. Es ist in der Tat unerhört, daß das Auftreten dieses Menschen, eines einzelnen Mannes ...«

»Den Bengel nicht zu vergessen!« rief Morton dazwischen.

»... unsere Geschäftsführung derart stören konnte. In den letzten Jahren haben wir bei einem Aufschlag von dreitausend Prozent auf die Ware gut verdient. Aber die Spesen für die Zwischenfälle der letzten Zeit fangen an, den Nutzen aufzufressen. Wir werden in Zukunft dreieinhalbtausend Prozent nehmen müssen.«

Wieder hielt er inne und gab der Versammlung Gelegenheit, sich zu dem Vorschlag zu äußern. Ein erregtes Hin- und Herreden entstand im Zimmer.

»Dreieinhalbtausend Prozent! Viel Geld!«—»Das ist gleich; wenn es sein muß, muß es eben sein. Unsere Kundschaft zahlt schließlich jeden Preis.«—»Aber wir haben nichts davon; es geht alles für die Unkosten drauf.«—»Warum? Weil der Hund uns in die Quere kommt; der Schuft muß weg!«

»Gentlemen, die Lage ist außerordentlich ernst. Für den Augenblick ist es diesem Doktor Gransfeld gelungen, unser ganzes Geschäft nach Ägypten lahmzulegen. Unsere Mittelsleute auf den Schiffen weigern sich, für uns zu arbeiten, solange diese Gefahr nicht beseitigt ist.«

Fäuste ballten sich, Worte flogen durch den Raum.

»Dem Schuft ein Messer in die Rippen!« brüllte Morton wütend.

Mac Andrew unterbrach ihn. »Gentlemen, Sie wissen, daß ich die Beseitigung dieses Menschen und seines Helfershelfers schon bei unserer letzten Zusammenkunft angeordnet habe. Die Ausführung dieses Planes ist bisher nicht möglich gewesen. Im Augenblick—ich bedaure außerordentlich, das sagen zu müssen—hat unsere Organisation jede Spur der beiden verloren. Wir wissen nur, daß ihr Gepäck noch in Genf lagert und daß sie das »Hotel du Lac« zu einem Ausflug in das Arvetal verlassen haben.«

»Genarrt haben sie uns!« schrie Morton. »Ich habe im selben Zug mit ihnen gesessen. Spurlos sind sie zwischen Genf und Cluses verschwunden.«

»Also, Gentlemen, müssen wir sie zurzeit an jedem Punkte Europas vermuten und uns dementsprechend einrichten. Mister Megastopoulos hat in Genf Gelegenheit gefunden, sie zu photographieren. Ich habe sofort Kopien der Bilder an unsere Agenten verschickt. Wo die beiden jetzt auch auftauchen—unsere Leute werden sie kennen ...«

»... und das Urteil vollstrecken«, vollendete Morton den Satz.

»Ich hoffe es, Gentlemen. Trotzdem dürfen wir den Ernst der Lage durchaus nicht unterschätzen. Es besteht sicherer Verdacht, daß Doktor Gransfeld mehrere unserer Mitglieder genau kennt. Bis zu seiner Erledigung müssen wir gewisse Umgruppierungen vornehmen. Es muß vermieden werden, daß diese Mitglieder womöglich den beiden nochmals über den Weg laufen.«

Seine letzten Worte gingen im Stimmengewirr unter. War es doch das erstemal seit dem Bestehen der Organisation, daß ein einzelner Gegner die Gesellschaft zu so weitgehenden Maßregeln zu zwingen vermochte.

Mac Andrew ließ den Sturm vorübergehen und sprach dann weiter: »Mistreß Dimitriescu wird bis auf weiteres bei unserer Vertretung in Paris tätig sein.«

»Oh, Mister Mac Andrew, warum soll ich nach Paris gehen?« fragte die Rumänin.

»Weil Doktor Gransfeld Sie kennt«, war die kurze Antwort des Chefs. »Mister Megastopoulos wird auf deutschen und englischen Linien den Dienst nach Newyork übernehmen.«

Der Grieche widersprach nicht. Er empfand ein Gefühl der Erleichterung bei dem Gedanken, daß die neuen Anordnungen des Chefs ihn der gefährlichen Nähe dieses Doktors entrückten.

Mac Andrew fuhr in seinen Anweisungen fort: »Die Organisation braucht einen geschickten Mann für Ägypten. Es ist unbedingt notwendig, den neuen Polizeikommandeur in Port Said auf unsere Seite zu bringen. Freilich ist Ägypten ein gefährlicher Boden. Sie kennen die ägyptischen Verhältnisse genau, Mister van Holsten. Würden Sie den Auftrag übernehmen?«

Nur einen Augenblick zögerte der Holländer, dann bejahte er die Frage.

»Gut, Mister van Holsten. Doch ich wiederholte es: der Auftrag ist gefährlich. Sie werden alle Ihre Künste nötig haben.«

»Ich werde sie zu gebrauchen wissen, Mister Mac Andrew«, entgegnete van Holsten und lehnte sich gleichmütig in seinen Klubsessel zurück. »Aber Geld wird die Sache kosten. Ich fürchte, so billig, wie Megastopoulos den alten Kommandeur gekauft hat, werden wir den neuen nicht bekommen.«

»Das Geld ist da, van Holsten. Die Hauptsache ist, daß der Mann gewonnen wird. Wie Sie es machen, das bleibt Ihre Sache.—Ich habe Ihnen endlich noch mitzuteilen, daß unser Mitglied Rasmussen mich gebeten hat, auf seine Mitarbeit im laufenden Geschäft zu verzichten. Ich habe zuverlässige Nachrichten, daß er in der Tat krank ist, und habe deshalb seiner Bitte entsprochen. Wir werden nur noch in dringenden Fällen auf ihn zurückgreifen.—Sie, Morton, werden morgen mit mir für einige Zeit nach Schottland gehen.«

Mit diesen Mitteilungen war die Sitzung beendet. Der Chef verließ als erster den Raum; nach ihm brachen die andern auf.

Morton blieb allein zurück. Er klingelte dem Butler, ließ sich Whisky-Soda und die Abendpost bringen. Ein Brief war darunter mit deutscher Marke, Poststempel Gorla. Es war eine Meldung von X. C. 17, daß ein Unbekannter dessen Briefe am Schalter abgeholt hatte, weiter die Bitte, die postlagernden Briefe künftig unter der andern beigegebenen Chiffre zu senden.

Morton ließ den Brief sinken und stürzte ein Glas Whisky herunter. Ein anderer hatte die Korrespondenz für X. C. 17 in Gorla abgehoben! War dieser verteufelte Doktor wieder in Gorla? War der es gewesen? Seine Faust schlug auf den Tisch, daß Gläser und Flaschen tanzten.


7. DER KAMPF GEHT HART AUF HART

»Mach's gut, Rudi, und halte schön Haus!« Rübesam sagte es und verließ das Zimmer, um zu seinem Dienst ins Werk zu gehen.

Rudi blieb allein zurück. Mit einem Buch machte er es sich in dem alten braunen Lehnstuhl am Fenster bequem. Jetzt hatte er die Stelle, bei der er gestern stehengeblieben war, und las weiter. Langsam schlug er eine Seite nach der andern um, doch die Lektüre vermochte ihn nicht so wie früher zu fesseln. Immer wieder flogen seine Gedanken zwischen dem, was er auf den Blättern las, und der Wirklichkeit hin und her. Schließlich hielt er es nicht länger aus. Mit einem Ruck sprang er aus dem Sessel und warf das Buch auf den Tisch. Er reckte und dehnte sich. Ah, das waren noch Kerle da in dem Buch! Der braune Winnetou und Old Shatterhand, die alte Schmetterhand, der unscheinbare alte Trapper, der so gigantische, märchenhaft wirkende Backpfeifen auszuteilen verstand. Was waren alle Kinnhaken und Upper-Cuts der Neuzeit im Vergleich mit diesen pyramidalen Maulschellen! Während Rudi seine gesunden Fäuste betrachtete, kam ihm die zuletzt gelesene Szene in Erinnerung. Wie der hagere kleine Trapper da blitzschnell ausholte, wie es auch ohne Revolver knallte und der baumlange Gegner für Viertelstunden betäubt war. Ach, wenn man doch ...! Er reckte die Arme in die Höhe und führte probeweise einen Hieb. Wenn man doch dem ekelhaften langen Schotten, dem Morton, so eine Knallschote, wie Shatterhand es tat, verpassen könnte, und dem nichtsnutzigen Holländer auch eine und besonders dem schuftigen Griechen, dem natürlich gleich zwei, damit der Kerl nicht schief würde!

Für eine kurze Weile träumte Rudi sich in eine Heldenrolle hinein. Er war Old Shatterhand, und die Mitglieder der Bande hatten dabei nichts zu lachen. Aber—er fuhr sich über die Stirn und kam in die Wirklichkeit zurück—das war ja alles Unsinn. Die Bande trieb ihr Wesen ungestört weiter, und er mußte hier untätig in der Bude sitzen. Unmöglich, das noch länger auszuhalten! Jetzt war Doktor Gransfeld schon seit zwei Tagen in Paris, hatte den schuftigen Griechen hoffentlich bereits gefaßt, und er sollte hier im Lehnstuhl sitzen und sich die Zeit mit Schmökern vertreiben, sollte brav, gesittet und artig sein! »Brav, gesittet und artig«, hatte Herr Rübesam wörtlich gesagt.

Bei seinem Hin- und Herlaufen war Rudi vor dem Spiegel angelangt; nun fing er an, mit seinem Ebenbild zu sprechen. »Sei brav, Rudi! Sei gesittet und artig! Herr Rübesam hat es dir befohlen.« Er lachte, und sein Spiegelbild lachte ihn wieder an. »Was, Bengel, du lachst? Du willst nicht artig sein?« Unwillkürlich schüttelte er den Kopf, und das Spiegelbild tat das gleiche.

»Pfui, Rudi, nimm dich zusammen! Ein großer, erwachsener Mensch von achtzehn Jahren darf nicht mehr so kindisch sein.« Er warf einen ernst verweisenden Blick in den Spiegel und drehte sich kurz um.

Da stand der Tisch, aufgeschlagen lag das Buch darauf. Ein Sonnenstrahl, der breit durch das Fenster fiel, spielte um die leicht vergilbten Seiten. Er griff nach dem Buch und ließ es wieder fallen. Es war unmöglich, bei dem schönen Frühlingswetter hier stillzusitzen und zu lesen. Unwiderstehlich groß war der Drang hinauszustürmen in die sonnige Natur. Aber Rübesam hatte es verboten, Doktor Gransfeld hatte es verboten, und—Rudi sah es ein—sie hatten recht mit diesem Verbot. Er mußte im Hause bleiben. Doch irgendwie und anders als mit Lesen mußte er sich die Zeit vertreiben.

Unruhig lief er durch die Wohnung. Hier war das Herrenzimmer mit den Bücherregalen, dort das Eßzimmer, da die Schlafzimmer. Längst kannte er alle Räume bis in die letzten Winkel. Dort am Ende des Flurs lag noch ein Raum, die Spindenstube. In der war er noch nicht gewesen. Die Langeweile trieb ihn hinein.

Es war ein mittelgroßes Zimmer, an den Wänden standen mehrere geräumige Schränke. Einer davon in der Fensterecke, alt, ehrwürdig und schon ein wenig wacklig, erinnerte ihn an das Möbel von Tarantola in Port Said. Was mochte Herr Rübesam in diesem Schrankungetüm aufbewahren? Der Schlüssel steckte. Also war's wohl nicht verboten, einmal nachzusehen.

Er öffnete die Schranktür. Ein scharfes Aroma schlug ihm entgegen. Offenbar benutzte der Chemiker besondere Mittel, um seine Kleider vor Motten zu schützen. Ein paarmal mußte Rudi kräftig niesen, dann hatte er sich daran gewöhnt.

»Wollen doch mal sehen, was Onkel Rübesam hier eigentlich hat! Hm—alte Röcke und Hosen. Da muß er aber noch jung und schlank gewesen sein, als er die getragen hat. Heute würde ihm das Zeug nicht mehr passen. Alle Wetter, ist das eine lange Tabakspfeife! Die geht ja knapp in den Schrank hinein! Hm, in der Ecke ist nichts mehr! Wollen mal in der andern nachsehen!—Ein Jagdanzug. Aha, deswegen der Büchsenschrank im Herrenzimmer! Der Anzug ist auch viel zu eng für ihn; der müßte mir ja ungefähr passen. Wollen's doch mal versuchen!«

Schon während des Selbstgespräches begann er sich seiner Kleider zu entledigen und zog sich dafür die graugrüne Montur an.

»Großartig! Sitzt ja wie angegossen! Jetzt noch den richtigen Hut dazu!—Da hängt er ja.—So, Rudi, jetzt wollen wir uns einmal im Spiegel begucken!«

Er ging in das Herrenzimmer zurück und stellte sich vor den Spiegel. »Ah, gratuliere, Herr Forsteleve! Sie sehen ja vorzüglich aus! Andere Stiefel müßten eigentlich auch dazu da sein, hohe, gelbe Schaftstiefel, dann wäre die Sache erst richtig in Butter. Wollen noch mal nachsehen, Herr Oberförster!«

Mit militärischem Gruß verabschiedete er sich von dem Spiegel und ging zu dem Schrank zurück. Doch vergeblich suchte er nach Stiefeln von der Art, wie sie ihm vorschwebten. Dafür stieß er auf etwas anderes, das ihn sofort sehr interessierte.

»Oh, oh, Rudi, was mußt du hier sehen! Onkel Rübesam scheint ja früher mächtig auf Maskenbälle gegangen zu sein!« Er zog einen seidenen Domino und ein Türkenkostüm aus dem unerschöpflichen Schrank, betrachtete sie eine Weile und legte sie dann über eine Stuhllehne.

»Das müssen wir mal später probieren, wie uns das zu Gesicht steht.—Aber hier! Was hat er hier noch? Masken? Schnurr- und andere Bärte? Bartwachs, Kämme? Alle Wetter, das muß doch gleich mal vor dem Spiegel ausprobiert werden!«

Mit einem Frisierbeutel unter dem Arm, der sich unter Brüdern sehen lassen konnte, kehrte er in das Herrenzimmer zurück. Mit Wachs und Kamm und Schere begann er wie ein Barbier von Beruf zu arbeiten.


Die Suppe in der Schüssel wurde kalt. Das Mundtuch in der Hand, lief Rübesam in größter Unruhe in der Wohnung hin und her. Besorgnis und Ärger zugleich malten sich in seinen Zügen.

Unbegreiflich, unerklärlich, wo der Junge geblieben war! Vergeblich hatte er in jedem Zimmer, in jedem Winkel nach ihm gesucht, als er aus dem Werk zurückkam. In der Wohnung war Rudi jedenfalls nicht, das stand nun einmal fest. Die einzig mögliche Erklärung war nur die, daß er das Haus trotz dem strengen Verbot verlassen hatte. Dagegen sprach aber wieder etwas anderes. Rudis ganze Garderobe war in der Wohnung; auch der Anzug, den er heute früh getragen hatte, lag im Schlafzimmer auf seinem Bett.

Verzweifelt fuhr sich Rübesam an den Kopf. In des Kuckucks Namen, was war denn geschehen? Im Hemd konnte der Bengel doch unmöglich ins Werk gelaufen sein. Erschöpft von der Aufregung warf sich der Chemiker in den Lehnstuhl am Fenster. Da lag noch aufgeschlagen ein Buch auf dem Tisch, in dem Rudi wohl gelesen hatte. Rübesam nahm es in die Hand. Während er die Blätter durch die Finger gleiten ließ, begann seine Einbildungskraft zu arbeiten und malte ihm die dunkelsten Möglichkeiten aus. Waren vielleicht in seiner Abwesenheit Mitglieder der Bande in das Haus eingedrungen? Hatten sie den Jungen überfallen und weggeschleppt? Denkbar war das immerhin. Die alte, halbtaube Wirtschafterin, die den lieben langen Tag über in ihrer Küche herumhantierte, war gewiß kein hinreichender Schutz. In diesem Augenblick bedauerte es Rübesam, daß er keinen scharfen Hund in seinem Haushalt hatte.

Aber wenn sie den Jungen weggeschleppt hatten, warum hatten sie ihm dann vorher seine Kleider ausgezogen? Er sprang auf und lief—er wußte nicht, zum wievielten Male schon—in Rudis Schlafzimmer. Da lag der Anzug von heute früh, in Unordnung und, wie es schien, in Eile auf das Bett geworfen. Er öffnete den Kleiderschrank und fing an, die Garderobe noch einmal nachzuzählen.

Ein Geräusch ließ ihn seine Beschäftigung unterbrechen. Er horchte auf. Unten wurde die Haustür geschlossen. Wer konnte das sein? Außer ihm besaß nur die Wirtschafterin einen Schlüssel, aber die hatte er ja eben noch in der Küche poltern hören. Ein dritter hing an dem Schlüsselbrett neben dem Büfett im Eßzimmer. Ja, hing er noch da? Darauf hatte er vorhin gar nicht geachtet.

Er eilte die Treppe hinab, um sich davon zu überzeugen. Auf dem letzten Absatz stutzte er und hielt plötzlich inne, starrte wie versteinert auf den Flur. Wie war's möglich, daß ein wildfremder Mensch sich in sein Haus schloß, gemütlich die Treppe herauf kam und ganz so tat, als ob er hier daheim wäre?

Jetzt stand der Fremde vor ihm. Der Kleidung nach schien es irgendein Forstmann zu sein. Ein dunkelblonder Vollbart bedeckte Kinn und Wangen. Zusammen mit der großen Hornbrille gab er dem Gesicht einen professoralen Anstrich, der zu der Försterkleidung nicht recht passen wollte. Unwillkürlich mußte Rübesam einen Augenblick an seinen alten Mathematikprofessor aus der Obersekunda denken. Aber nein, sie hatten doch vor kurzem einen Feldmesser im Werk gehabt, der fast genau so aussah. War es am Ende der? Doch zum Kuckuck, wie kam der zu seinem Schlüssel und in seine Wohnung? Er raffte sich auf und schrie den Fremdling an: »Herr, was wollen Sie hier? Wer sind Sie überhaupt?«

Auch der Fremde war beim Anblick Rübesams stehen geblieben und schien fast noch erschrockener als dieser zu sein. »Ach bitte, entschuldigen Sie, Herr Rübesam! Ich wußte nicht, daß Sie schon so früh zum Essen kommen würden.«

Der Chemiker sperrte Mund und Nase auf. Für kurze Zeit erinnerte er an einen Karpfen, der auf dem Trockenen nach Luft schnappt. »Rudi! Junge! Bengel, du bist es?«

Trotz allen Anstrengungen gelang es ihm nicht, ernst zu bleiben. Er mußte lachen, lachte, daß es ihn schüttelte, daß er sich schließlich am Geländer festhalten mußte, um nicht die Treppe hinunterzufallen. Erst nach Minuten konnte er wieder einigermaßen sprechen: »Rudi! Menschenskind! Bist ja doch aus dem Hause gewesen, trotzdem ich dir's verboten hatte! Jungchen, darüber werden wir noch einen ernsten Ton zusammen reden!—Aber gut ist die Maske.« Er mußte wieder lachen. »Erkannt wird dich darin keiner haben. Du hast eine fabelhafte Ähnlichkeit mit unserm verflossenen Feldmesser. Nun mal raus mit der Sprache, wo du dich rumgetrieben hast! Doch halt! Erst muß ich die Wirtschafterin rufen, daß sie die Suppe noch einmal aufwärmt.«

»Aber ich kann ja selbst hingehen, Herr Rübesam.«

»Nein, mein Junge. Damit die Alte einen Mordsschreck kriegt und mir das Geschirr zerschmeißt! Das geht nicht.«

Die Alte kam herauf, warf einen erstaunten Blick auf den fremden Herrn, mit dem Rübesam am Fenster saß, und verschwand mit der Suppenschüssel.

»So, Junge, jetzt beichte! Was hast du da wieder ausgefressen?«

»Ach, Herr Rübesam, Sie dürfen mir nicht böse sein! Die Sonne schien so schön, da hielt ich's mit dem Buch nicht länger aus, und da ging ich an Ihren Schrank.«

»Aha, mein Sohn! Darum kam mir doch der Anzug so bekannt vor. Man hat in meinen Schränken nachgeforscht und allerhand gefunden. Daher diese fabelhafte Verwandlung. Junge, nimm doch bloß mal die Brille ab! Man denkt ja wirklich, man hat es mit einem Fremden zu tun.—So, jetzt kann man dich zur Not doch wenigstens wiedererkennen.—Man hat also eine kleine Maskerade gemacht, und dann? Was dann?«

»Ja, Herr Rübesam, als ich mich dann im Spiegel sah, da habe ich mir gedacht, so könnte ich's doch am Ende wagen, und bin in das Werk gegangen.«

»Was streng verboten war, du Stromer! Sind dir etwa Leute begegnet, die dich von früher her kennen? Das wäre trotz der Maske gefährlich gewesen.«

»Nein, Herr Rübesam, eigentliche Bekannte nicht.«

»Doch uneigentliche. Wer war's denn? Wen oder was hast du gesehen?«

»Etwas ganz Merkwürdiges, Herr Rübesam. Ich hielt mich da in dem Gang neben dem Heroinsaal auf.«

»Bei dem Heroinsaal? Junge, bist du denn ganz und gar des Teufels? Hast du von dieser Gegend die Nase noch nicht voll? Die Herren Henke und Altmüller sind dir doch wahrhaftig nicht grün.«

»Ach, Herr Rübesam, in der Maske fühlte ich mich ganz sicher! Da stand ich nun und sah, wie der Fritz, der kleine Junge von dem Altmüller, kam, um seinem Vater das Essen zu bringen. Er hatte das Geschirr in einem Henkelkorb und—Sie müssen wissen, Herr Rübesam, es ist ein schwächlicher Junge, noch so ein richtiger Knirps—er trug ziemlich schwer an dem Korb.«

»Kann ich mir vorstellen, Rudi. Die Leute schlagen sich je zu jeder Mahlzeit einen halben Scheffel Kartoffeln in den Leib.«

»Ja, aber nun kommt das Merkwürdige. Als der Fritz Altmüller nach einer halben Stunde wieder aus dem Saal kam da schien er mir immer noch so schwer zu schleppen, und das Geschirr hätte doch jetzt leer sein müssen. Die Sache ist mir aufgefallen.«

Rübesam pfiff durch die Zähne und dachte eine Weile nach. »Hm, Junge, die Geschichte ist in der Tat wert, daß man ihr weiter nachgeht! Bringt der Junge dem Alten das Essen alle Tage ins Werk?«

»Soviel ich mich erinnern kann, ja, Herr Rübesam. Ich habe ihn jedenfalls früher schon öfter mit dem Eßkorb kommen sehen. Nur das, was ich da heute sah, ist mir früher nicht aufgefallen.«

»Hm, hm! Um zwei Uhr mittags ist die Frühschicht zu Ende. Um zwölf läßt sich Altmüller noch einmal warmes Essen von seinem Jungen bringen. Ist ja eigentümlich. Welchen Weg nimmt denn dieser Fritz, wenn er aus dem Heroinsaal kommt? Ich meine, da müßte er doch über den zweiten Gang an meinem Zimmer vorbeikommen.«

»Stimmt, Herr Rübesam; den Weg ist er auch heute gegangen. Das ist ganz richtig. An Ihrem Zimmer vorbei, bis zum dritten Treppenhaus und dann den Weg zum Hauptportal. Ich bin ihm bis dahin nachgegangen.«

»Der Pförtner hat ihn natürlich ohne weiteres durchgelassen?«

»Ja, selbstverständlich, Herr Rübesam. Der hatte ihn ja mit dem Eßkorb hineingehen sehen und sah ihn jetzt wieder herauskommen. Er hat kaum hingeguckt.«

»Setz die Brille auf!« unterbrach ihn Rübesam.

Kaum hatte Rudi die Hornbrille auf der Nase, als die Wirtschafterin mit der heißen Suppenschüssel ins Zimmer kam. »Wo bleibt denn der junge Herr heute, Herr Rübesam?« fragte sie verwundert.

»Der kommt heute später, Frau Schmidt.«

Die Alte machte sich daran, das zweite Gedeck abzuräumen.

»Lassen Sie nur, Frau Schmidt! Der Herr hier wird heute mit mir speisen.«

Kopfschüttelnd ging die Alte aus der Tür. Kaum war sie draußen, als Rudi losplatzte. »Sehen Sie, Herr Rübesam, nicht einmal Frau Schmidt hat mich wiedererkannt!«

Rübesam winkte ab. »Nicht zu voreilig, mein Jungchen! Während des Mittagessens mußt du die Maske nun schon beibehalten. Die Alte würde sich wundern, wenn der fremde Herr plötzlich verschwunden wäre und dafür ein gewisser Rudi hier am Tisch säße. Binde dir ordentlich das Mundtuch um, damit Frau Schmidt nachher möglichst wenig von dem Anzug sieht! Den kennt sie nämlich sehr genau.« Er schob Rudi den gefüllten Suppenteller hin. »Guten Appetit! Jetzt kannst du ja mal versuchen, wie man mit so einem alten Germanenbart Suppe ißt.«


Am nächsten Mittag blieb Rübesam länger in seinem Arbeitszimmer im Werk. In seiner Gesellschaft befand sich ein Herr mit Brille und dunkelblondem Vollbart. Das Interesse der beiden erstreckte sich ausschließlich auf die große Wanduhr, deren Minutenzeiger sie nicht aus den Augen ließen.

»Fünfundzwanzig Minuten nach zwölf, Herr Rübesam. Um die Zeit ist der Fritz gestern aus dem Saal gekommen.«

Rübesam stand auf. Einen adressierten und frankierten Brief in der Hand, trat er auf den Flur hinaus und blickte sich suchend im Gang um. Vom andern Ende her kam irgendwer. Das Klappern von Blechgeschirr klang durch den hohen, leeren Gang. Ein schmächtiger, schwächlicher Junge war's, der einen Eßkorb trug.

Rübesam rief ihn an. »He, mein Junge, halt mal!«

Der Knirps blieb stehen und sah den Chemiker scheu an. Dieser zog einen Groschen aus der Westentasche. »Hör mal, mein Jungchen, du kannst mir schnell einen Gefallen tun. Der Brief hier muß schleunigst in den Postkasten vorn beim Pförtner. In drei, nein, in zwei Minuten ist schon Abholung. Lauf schnell hin, damit der Brief noch zur rechten Zeit in den Kasten kommt! Hier!« Er drückte ihm den Brief und ein Zehnpfennigstück in die freie Hand. »Deinen Korb kannst du so lange hierlassen.« Er nahm den Korb, den der Junge nur widerstrebend losließ. »Schnell, schnell, tummle dich, damit du noch zurecht kommst!« Er schob ihn ein Stück im Gang vorwärts. »Fix, mach! Den Korb stelle ich so lange bei mir hin.«

Während der Junge davonsprang, ging Rübesam mit dem Korb ins Zimmer zurück. »Hast recht, Rudi, das Zeug ist verdächtig schwer.« Schon hatte er eine große Thermosflasche herausgenommen und den Verschluß aufgeschraubt. »Natürlich, da haben wir ja die Bescherung! Bis an den Rand mit Heroinpulver vollgestopft.« Er schraubte den Verschluß wieder fest auf die Flasche.

Freund Rudi, der hier die Rolle des blondbärtigen Herrn spielte, hatte inzwischen mit größter Fixigkeit das Geschirr aus dem Korb genommen und die Wachstuchdecke, die auf seinem Boden lag, gelüftet. »Zwei große Leinenbeutel, Herr Rübesam! Irgend etwas Pulverartiges darin.«

»Gut! Ich habe schon genug gesehen. Schnell, bringe alles wieder in Ordnung! Das Geschirr muß genau so wie vorher liegen. Du hast dir doch gemerkt, wie es war? Fix, fix! Der Junge kann gleich zurückkommen.«

Wenige Sekunden später stand der Korb wieder friedlich und harmlos, als ob ihn niemand berührt hätte, in der Zimmerecke neben der Tür. Kurz darauf kam der Junge zurück.

»Na, hast du's noch geschafft?«

»Jawohl, Herr—Herr Doktor.«

Rübesam schüttelte den Kopf. »Nicht Doktor! Einfach Herr Rübesam! Und du, du bist doch der Fritz, der Junge von unserm Altmüller?«

»Jawohl, Herr Rübesam. Das mit dem Brief hat noch fein geklappt. Ich sah den Postboten auf seinem gelben Dreirad da hinten an der Kirchstraße erst ankommen.«

»Das ist ja schön, Fritz. Da will ich dir zur Aufmunterung noch einen Groschen schenken. Da, hier, nimm!«

Vergnügt steckte der Junge das Geld ein, griff nach seinem Korb und sprang davon.

Nachdenklich ging Rübesam im Zimmer hin und her. Erwartungsvoll schaute Rudi ihn an.

»Ja, Junge, Zeit wär's eigentlich, die Herrschaften einsperren zu lassen. Die Herren Henke und Altmüller sind nachgerade fürs Kittchen reif. Aber die Kerle müssen noch irgendwelche Helfershelfer hier am Platze haben. Lasse ich die beiden ins Loch stecken, dann ist die ganze Bande sofort gewarnt. Wahrscheinlich würden wir die Pläne unseres Freundes Gransfeld in Paris dadurch stören.« Er ließ sich in seinen Stuhl nieder. »Ein paar Glieder in der Kette fehlen uns noch. Wir können noch nicht zugreifen. Im Augenblick würden wir damit mehr verderben als gewinnen.«


In Altmüllers Küche war Henke beschäftigt, das gestohlene Heroin aus der Thermosflasche in Leinenbeutel überzufüllen. »Feiner Gedanke das mit dem Freßkorb! Ein dickes Kilo geht jedesmal in die Flasche. Das schafft. Tut aber auch not; unsere Abnehmer schreien nach Ware.«

Er pfiff vergnügt vor sich hin, während er den letzten Beutel zuband und zu den übrigen in den Rucksack tat. Dann blickte er auf Altmüller. »Na, du altes Tränentier! Sitzt mal wieder so bedeppt da, als wenn dir alle Felle weggeschwommen wären. Mensch, sei doch fidel! Unser Geschäft blüht ja. Läßt mich hier alles machen und sagst keinen Ton. So, die Flasche ist leer. Da, bitte!—Willst du nicht? Na, dann werde ich das auch noch machen.« Er ging an die Wasserleitung und spülte die Flasche ein paarmal kräftig aus. »Das könnte uns gerade noch fehlen, daß ihr hier in eurer verbummelten Wirtschaft den schwarzen Kaffee einfach wieder in die ungespülte Flasche gießt! Könntest dir dabei am Ende noch allerlei angewöhnen.«

Altmüller fuhr auf. »Sprich nicht so über unsere Wirtschaft, Henke! Du weißt, daß meine Frau schon so lange krank ist. Wenn's nicht darum wäre, hätte ich schon längst Schluß gemacht.« Mit einem Seufzer ließ er sich auf den Küchenstuhl fallen und stützte den Kopf in beide Fäuste. »Von Schritt zu Schritt hast du mich weitergetrieben, Henke. Erst mich; jetzt muß auch noch der Fritz mitmachen. Ich will's aber nicht mehr! Ich sage dir, Henke, ich mache nicht mehr mit! Der Fritz wenigstens, der soll nicht mehr mit dem Korb in das Werk kommen.«

»Quatsch, Altmüller! Deine Redensarten hängen mir zum Halse heraus. Wir sitzen an der Quelle, Mensch! Erzdumm wären wir, wenn wir das nicht ausnutzen wollten, solange es geht.«

»Solange es geht, Henke! Siehst du, da sagst du es schon selber. Ewig wird's nicht gehen. Einmal kommen uns die andern doch auf die Schliche. Der Meister hat mich heute wieder so angesehen, so, als ob—als ob er etwas müßte. Wenn die Sache rauskommt, wenn sie mich einsperren—meine arme Frau, meine Kinder!«

Henke schlug dem Zusammengesunkenen auf die Schulter. »Dummheiten, Altmüller! Bist ja verrückt! Hast doch gesehen, wie ich's dem einen besorgt habe, der uns nachschnüffeln wollte. Brauchst wirklich keine Angst zu haben. Wenn's mal brenzlig werden sollte, werde ich's dir schon beizeiten stecken. Da verduften wir einfach vorher und lassen den klugen Herren hier das Nachsehen. Durch unsere Freunde steht uns die ganze Welt offen. Die sorgen schon dafür, daß keiner von ihren Leuten verschütt geht. Klappt's hier nicht mehr, dann machen wir unsern Laden irgendwo anders auf.«

»Du vielleicht, Henke; du hast nicht Kind und Kegel. Ich aber—meine Familie—ich kann ja doch überhaupt nicht fort von den Meinen.«

»Unsinn, Altmüller! Wenn du anderswo gut verdienst, kannst du deinen Leuten was schicken. Dann geht's auch, aber ...« Er sprang zur Tür und schob den Riegel zurück. »So, jetzt können die Gören wieder herein. Die brauchen gar nicht erst zu merken, daß wir hier zugeriegelt hatten.«

Bald darauf wurde die Tür geöffnet und Fritz Altmüller kam herein. »Grüß Gott, Vater! Grüß Gott, Herr Henke! Vater, ich habe Hunger.«

Altmüller wies auf den Brotkasten und den Marmeladetopf.

»Darf ich, Vater?«

»Gewiß, Fritz, nimm dir eine ordentliche Musschnitte!«

Schleunigst machte der Junge sich über das Brot her. Mit beiden Backen kauend, setzte er sich auf das Fensterbrett. Henke wechselte noch ein paar belanglose Worte mit Altmüller und hängte sich den Rucksack um. Er wollte sich verabschieden, als Fritz auf die Straße: zeigte. »Sieh mal, Vater! Da geht der Herr, der heute bei Herrn Rübesam war.«

Henke drehte sich um und sah ihn erstaunt an. »Woher weißt du denn das, Junge?«

»Ja, Herr Henke, ich war doch bei Herrn Rübesam im Zimmer.«

»Was? Wie? Du bist bei Rübesam im Zimmer gewesen? Wie bist du denn dazu gekommen?«

»Heute mittag. Als ich gerade aus dem Werk gehen wollte, da hielt mich Herr Rübesam an. Ich sollte ihm einen Brief zum Kasten bringen. Ich mußte springen, damit ich noch richtig zur Abholung hinkam.«

»So? Und dabei hast du den fremden Kerl mit dem Vollbart, der hier eben vorbeikommt, gesehen?«

»Ja, Herr Henke. Ich mußte ja nachher wieder in sein Zimmer kommen und meinen Korb holen.«

»Deinen Korb holen? Wieso denn? Den hattest du doch am Arm.«

»Nein. Weil es so schnell gehen mußte, hat Herr Rübesam mir den Korb abgenommen und so lange bei sich ins Zimmer gestellt«, erklärte Fritz ganz harmlos.

»Lümmel, verdammter! Dir den Korb wegnehmen zu lassen! Ich will dir helfen!« Henke stürzte sich auf den schwächlichen Jungen und wollte auf ihn einschlagen.

Doch ebenso schnell war Altmüller aufgesprungen und fiel dem Kollegen erregt in den Arm. »Laß das, Henke! Faß meinen Jungen nicht an oder ...!« Er griff nach dem Küchenbeil auf dem Herd. »Zurück, Henke, oder ...«

Henke wich vor dem Wütenden zurück. »Ist schon gut, Altmüller. Brauchst dich nicht weiter aufzuregen. Ich tue deinem Bengel nichts.«

Ohne Gruß verließ er den Raum. Er warf die Tür hinter sich ins Schloß, daß die Scheiben klirrten, und pfiff durch die Zähne. Die Sache kam ihm höchst verdächtig vor.

War der Fremde bei Rübesam vielleicht wieder ein neuer Detektiv, den die Herren da oben ins Werk gesetzt hatten? Vielleicht einer, der's schlauer anfing als die andern? Hatte der am Ende seine Briefe abgeholt?

Er beschleunigte seine Schritte. Wenn irgend möglich, wollte er diesen verdächtigen Fremden einholen und ihn sich etwas genauer besehen.


»Wir könnten die Pläne unseres Freundes Gransfeld in Paris stören«, hatte Rübesam gesagt, als er sich entschloß, Henke und Altmüller vorläufig auf freiem Fuße zu belassen. Doch leider ließ die Ausführung dieser Pläne noch sehr viel zu wünschen übrig. Gleich am Morgen nach seiner Ankunft in Paris war Gransfeld in das Ritz-Carlton-Hotel gegangen, um John Hawkins aufzusuchen, jenen amerikanischen Finanzmagnaten, den Megastopoulos in seinem Brief an van Holsten genannt hatte.

Mister Evans, der Privatsekretär, empfing ihn. »Sie wünschen Mister Hawkins zu sprechen. In welcher Angelegenheit, bitte?«

»Das möchte ich Mister Hawkins selber sagen.«

»Das wollen viele, Herr Doktor. Mister Hawkins' Zeit ist außerordentlich besetzt. Wenn Sie mir Ihr Anliegen mitteilen und wenn sich Mister Hawkins entschließen sollte, Sie zu empfangen, so würde er ...« Der Sekretär griff nach einem Terminkalender und blätterte darin. »... so würde er frühestens Sonnabend, also heute in fünf Tagen, von elf Uhr fünfundzwanzig bis elf Uhr fünfunddreißig für Sie Zeit haben. Ich setze dabei voraus, Herr Doktor, daß es eine wichtige Angelegenheit ist, die Mister Hawkins wirklich interessiert.«

»Gestatten Sie mir eine Frage, Mister Evans!«

»Bitte sehr, Herr Doktor.«

»Steht in Ihrem Kalender auch der Name Megastopoulos?«

Evans zuckte die Achseln. »Ich bedaure, Herr Doktor, darüber kann ich Ihnen keine Auskunft geben.«

Während der Sekretär die Antwort gab, behielt Gransfeld ihn scharf im Auge. Er sah, wie dessen Blicke über die Seiten des Kalenders glitten und an einer Stelle haften blieben. »Das tut mir außerordentlich leid, Mister Evans. Ich hätte Ihren Herrn gern davor bewahrt, von einem Dieb gestohlene Sachen zu kaufen.«

Mister Evans fuhr auf. »Ich verstehe nicht, Herr Doktor, was Ihre Worte bedeuten sollen.«

»Dann will ich mich noch deutlicher ausdrücken, Mister Evans. Dieser Megastopoulos hat mir ein wertvolles ägyptisches Kunstwerk, eine Statuette des Sethos, gestohlen und will sie jetzt an Mister Hawkins verkaufen. Ich bin nach Paris gekommen, um den Dieb zu fassen und mein Eigentum zurückzubekommen. Ich glaube, Mister Hawkins wird nicht sehr erfreut sein, wenn die Pariser Polizei sich in den Handel mischt.«

»Ich begreife nicht, Herr Doktor, wie Sie solche Behauptungen aufstellen können. Monsieur Megastopoulos ist ein angesehener Kunsthändler. Er ist ...«

»... genau so ein Gauner, Mister Evans, wie der Mynheer van Holsten oder van der Meeren, der ihn an Mister Hawkins empfohlen hat. Die beiden sind seit langem für das Zuchthaus reif.«

Gransfelds Worte verfehlten ihren Eindruck nicht. Eine kurze Weile überlegte der Sekretär. Dann sprach er: »Sie bringen Ihre Behauptungen mit großer Bestimmtheit vor, Herr Doktor. Es ist nicht meine Aufgabe, die Herren Megastopoulos und van der Meeren gegen Ihre Angriffe zu verteidigen. Haben Sie irgendeinen Beweis dafür, daß Sie der Eigentümer des Kunstwerkes sind, das uns angeboten wurde?«

Gransfeld zog ein paar Photos aus der Brusttasche und schob sie dem Sekretär hin.

»Diese Bilder, Mister Evans, wurden im Hause meines verstorbenen Oheims aufgenommen. Er war der Vorbesitzer der Statuette.«

Der Sekretär griff nach den Photographien und betrachtete sie. Dann zog er eine Schublade auf, nahm andere Bilder heraus und legte sie daneben. Kopfschüttelnd blickte er bald auf die einen, bald auf die andern. »Das ist in der Tat merkwürdig, Herr Doktor. Es scheint sich in beiden Fällen um das gleiche Werk zu handeln. Trotzdem—ich bin sicher, daß Monsieur Megastopoulos sich über den rechtmäßigen Erwerb des Kunstwerkes ausweisen kann. Nach Ihren Mitteilungen werden wir doppelten Wert auf einen solchen Nachweis legen.«

»Das wird er niemals können, Mister Evans. Hier«—Gransfeld legte ein Schriftstück auf den Tisch—»ist der Kaufvertrag zwischen meinem Oheim und dem ägyptischen Händler, von dem dieser die Statuette vor Jahren erworben hat. Mit diesem Schriftstück in der Hand beabsichtige ich Megastopoulos verhalten zu lassen, sobald er mit der Statuette zu Ihnen kommt.«

Längere Zeit schwieg der Sekretär. Er schien mit Zweifeln zu kämpfen. Dann raffte er sich zu einem Entschluß auf. »Well, Herr Doktor, ich will ganz offen sprechen. Monsieur Megastopoulos steht für heute von zehn Uhr dreißig bis zehn Uhr fünfundvierzig auf der Liste.« Er warf einen Blick auf die Uhr. »Es ist bereits zehn Uhr sechsunddreißig. Es ist mir unverständlich, daß er nicht längst hier ist. Mister Hawkins ist nicht gewohnt, auch nur eine Minute auf jemand zu warten. Einen Augenblick, bitte! Ich muß sofort nach Monsieur Megastopoulos fragen lassen.«

Er klingelte und bat nachzusehen, ob Monsieur Megastopoulos etwa im Empfangsraum des Hotels sei. »Ganz unbegreiflich ist das«, wandte er sich wieder an Gransfeld; »ein Geschäftsmann wie Monsieur Megastopoulos sollte doch Bescheid wissen, wie er ...«

»Ich fürchte, Mister Evans, er weiß nur zu gut Bescheid. Schon einmal, in Genf, war ich ihm auf den Fersen. Auch da hat er die Verhandlungen abgebrochen und ist unter nichtigen Vorwänden weggeblieben. Es wäre schade, wenn er mir auch diesmal entschlüpfte. Aber leider—ich muß befürchten, daß er auch jetzt wieder irgendwie gewarnt wurde.«

Der Sekretär warf einen Blick auf die Uhr. »Zehn Uhr fünfundvierzig. Seine Zeit ist vorbei. Nach solcher Unpünktlichkeit wird ihn Mister Hawkins nicht mehr empfangen. Allenfalls könnte er noch mit mir verhandeln.«

Gransfeld hatte sich erheben. »Ich glaube, Mister Evans, daß damit die Angelegenheit im Augenblick erledigt ist. Für alle Fälle will ich noch einige Tage in Paris bleiben. Würden Sie mich vertraulich benachrichtigen, wenn Megastopoulos ein Lebenszeichen von sich gibt?«

»Well, Herr Doktor, unter den obwaltenden Umständen will ich das tun.«

»Dann darf ich Ihnen meine Adresse hierlassen.« Gransfeld empfahl sich.

Mißmutig schritt er in sein Hotel zurück. Wieder dieselbe Geschichte wie in Genf! Hatte der Grieche Verdacht geschöpft? Hatte er andere Gründe, um nicht zu kommen? Warum ließ er den reichen Amerikaner, zu dem er sich die Verbindung mit so viel Umständen geschaffen hatte, warten? Warum verscherzte er sich die gute Gelegenheit? All das waren Fragen, auf die Gransfeld keine Antwort fand. Hatte es überhaupt noch Zweck, länger hierzubleiben? Möglich war es schließlich immer noch, daß der Grieche kam. Jetzt, im Einverständnis mit Mister Evans, würde er ihn dann sicher fassen können. So entschloß er sich, für die nächsten Tage noch in Paris zu bleiben.

Zufällig sah Gransfeld am folgenden Abend in der Empfangshalle des Waldorf-Astoria-Hotels die Ankündigung, daß in der Großen Oper »Margarete« von Gounod gegeben wurde. Er fragte den Portier, ob noch Karten zu haben seien.

»Karten für die Große Oper? O gewiß, Monsieur! Hier habe ich noch einen vorzüglichen Platz in der sechsten Loge.«

So kam es, daß Gransfeld an diesem Abend in die Oper fuhr. Hervorragend waren Gesang und Spiel der Darsteller, berückend schön die Bühnenbilder. Beinahe interessanter noch war das erlesene Publikum, das Parterre und Logen des großen Theaterraumes füllte, die Herren fast ausnahmslos im Frack—fast unbehaglich fühlte sich Gransfeld hier im einfachen Smoking—die Damen in großer Gesellschaftstoilette. Überall ein Funkeln und Blitzen von reichem Schmuck.

Nach dem ersten Fallen des Vorhanges musterte Gransfeld die gegenüberliegenden Logen durch das Opernglas. Greifbar nahe brachte das starke Glas ihm die einzelnen Personen. Typen der verschiedensten Nationen glitten an seinen Augen vorüber. Neben lebhaften, dunkelhaarigen Romanen saß auch viel amerikanisches und englisches Publikum in den Logen. Der Reichtum dreier Weltteile fand sich hier an der Seine zusammen.

Plötzlich stutzte Gransfeld und hielt das Glas länger auf einen Punkt gerichtet. Da drüben saß ja Mister Evans, der Sekretär von Mister Hawkins. Neben ihm stand eine Dame und sprach mit ihm. Jetzt hob sie den Kopf. Gransfeld preßte das Glas dichter an die Augen. War das nicht die Rumänin, seine alte Bekannte aus Hamburg und Genf? Nur einen Augenblick konnte er sie betrachten. Schon hatte sie sich umgewandt und die Loge verlassen. Zu kurz war die Zeit, um volle Sicherheit zu gewinnen, doch Gransfeld glaubte sich nicht getäuscht zu haben.

Die Dimitriescu bei Mister Evans! Was hatte das zu bedeuten? Zog es Monsieur Megastopoulos vor, im Hintergrund zu bleiben, und schickte er seine Bundesgenossen ins Feuer? Da war es am Ende doch Zeit, dem Amerikaner auch über diese fragwürdige Dame die Augen zu öffnen. Wenn—ja, wenn sie's wirklich war. Davon mußte er sich freilich erst überzeugen.

Er verließ seinen Platz und ging durch den breiten Wandelgang in das Foyer. Ein großer Teil des Publikums benutzte die Pause, um sich hier zu ergehen. Nur langsam kam er in dem Gedränge voran. Plötzlich stutzte er wieder und verhielt den Schritt. »Fräulein Susanne—Verzeihung, Fräulein Rasmussen! Sie hier in Paris, gnädiges Fräulein?«

»Ah, Herr Doktor, Sie auch in Paris?« Freude über das unvermutete Wiedersehen sprach aus ihren Augen. »Das nenne ich einen glücklichen Zufall, daß wir uns hier in der Großen Oper treffen! Ich glaubte, Sie seien von Genf geradeswegs nach Deutschland zurückgefahren.«

»Das bin ich auch, Fräulein Rasmussen, doch gleich nach meiner Ankunft riefen mich dringende Geschäfte nach Paris.«

Susanne lachte. »Mir scheint, Herr Doktor, Sie entwickeln sich zu einem richtigen Globetrotter. Ägypten, Hamburg, andere deutsche Städte, die Schweiz, wieder Deutschland, jetzt Paris—vielleicht sieht man Sie nächstens auch in London oder Moskau.«

»Wäre nicht ausgeschlossen, Fräulein Susanne. Man kann nicht wissen, wohin die Geschäfte einen noch führen. Vorläufig gedenke ich einige Tage hierzubleiben. Es würde mich aufrichtig freuen, wenn ich Gelegenheit hätte, Sie noch einmal zu sehen.«

Einen kurzen Augenblick überlegte Susanne Rasmussen. Dann nickte sie. »Ich denke, das wird möglich sein, Herr Doktor. Wir wollen auch noch einige Zeit in Paris bleiben. Mein Vater ist ja hier in der Behandlung von Professor Morelle.«

»Professor Morelle, der berühmte Herzspezialist? Oh, Fräulein Susanne, ist Ihr Herr Vater krank?«

Ein Schatten flog bei Gransfelds Frage über ihre Züge. »Leider ja, Herr Doktor. Ich fürchte, mein armer Vater ist viel kränker, als er selber glaubt. Ich bin neulich bei dem Professor gewesen. Er hat mir natürlich nichts Bestimmtes gesagt, aber Sie müssen es ja am besten wissen, Herr Doktor, wie derartige Auskünfte beschaffen sind. Wer sich ein bißchen auf die Sprache der Ärzte versteht, der kann auch aus einer unbestimmten Mitteilung mancherlei heraushören.«

Auch Gransfeld war ernst geworden. »Fräulein Susanne, wenn Sie es wünschen, will ich gern einmal selbst zu Professor Morelle gehen und den Fall als Arzt mit ihm besprechen. Jedenfalls—das möchte ich Ihnen zu Ihrem Trost schon heute sagen—ist Ihr Herr Vater dort in den besten Händen. Morelle hat Kuren vollbracht, die an das Wunderbare grenzen.«

»Ach ja, Herr Doktor, ich wäre Ihnen so dankbar, wenn Sie das tun wollten! Wenn ich wieder hoffen könnte, daß mein armes Väterchen doch noch gesund wird!«

Ein Klingelzeichen kündete den Wiederbeginn der Vorstellung an. Susanne konnte Gransfeld nur noch mitteilen, daß sie mit ihrem Vater im Savoyhotel wohne. Morgen vormittag um elf Uhr wollte sie dort in der Empfangshalle sein. Ein Händedruck zum Abschied, und sie trennten sich.

Über dem Zusammentreffen mit Susanne Rasmussen hatte Gransfeld die Dimitriescu vergessen. Die Rumänin aber hatte ihn im Foyer mit Susanne zusammen gesehen und sehr genau beobachtet; dann hatte sie noch während der Pause die Oper verlassen.


Der letzte Akt war vorüber, der Beifall verhallt. Gransfeld warf sich den Mantel über und trat auf die Straße hinaus. Es war eine herrliche Frühlingsnacht, zu schade, um sofort in das Hotel zurückzukehren, auch viel zu schade, um sich in einen dumpfen, geschlossenen Wagen zu setzen. Er beschloß, zu Fuß in sein Hotel zurückzugehen und einen kleinen Umweg am Seineufer entlang zu machen.

Wie wundervoll dies Wandern in der lauen Nacht durch Straßen und Plätze, wo auf Schritt und Tritt geschichtliche Erinnerungen wach wurden! Hier der Vendômeplatz mit der Napoleonsäule. Die hatte 1871 die Kommune umgestürzt. Dann war die Kommune gestürzt und die Säule wieder aufgerichtet worden. Jetzt lag weiter vor ihm die Place de la Concorde. Da hatte in der großen Revolution fünf Jahre lang die Guillotine gestanden. Welche Hekatomben waren hier unter dem Fallmesser einer Idee zum Opfer gebracht worden! Welche Leiden hatten diese Steine gesehen, welche Ströme von Blut getrunken!

Doch wer dachte wohl heute beim Lichterglanz der elektrischen Lampen, beim Getümmel und Lärm über den Platz jagenden Automobile noch an jene düsteren Zeiten? Gransfeld bog von der Place de la Concorde zur Seine ab. Hier zwischen dem Tuileriengarten und dem Fluß war die Straße dunkler und fast unbelebt. Langsam schlenderte er am Rande des Gartens entlang. Wo das Licht der Laternen in die Parkanlagen fiel, hoben sich reich blühende Gruppen von Rhododendren und Azaleen leuchtend vom Hintergrunde der immergrünen Boskette ab. Bewundernd blickte er auf den Blütenflor und bemerkte is kaum, daß hinter ihm ein Kraftwagen in langsamer Fahrt die Straße entlang kam. Jetzt hatte der Wagen ihn erreicht. Im nächsten Augenblick mußte er ihn überholen, als er plötzlich hielt. Die Tür sprang auf, zwei Fäuste ergriffen Gransfeld und rissen ihn, bevor er noch recht begriff, was geschah, bevor er einen Schrei ausstoßen konnte, in den Wagen hinein. Die Tür fiel ins Schloß, das Auto fuhr weiter.

Am Palais de Justice mußte der Wagen kurze Zeit halten, bis das Verkehrslicht ihm freie Fahrt zum Boul Miche gab. Dann kam er ohne weiteren Aufenthalt schnell weiter und erreichte gegen halb zwei Uhr morgens den Vorort Palaisou. Dort bog er auf einen Feldweg ab und fuhr auf ein abgelegenes Gehöft zu. Vor einem alten Wohnhaus machte er halt. Die Tür des Gebäudes wurde geöffnet, das Licht einer elektrischen Lampe leuchtete auf, zwei Männer und eine Frau traten ins Freie.

»Hallo, Jacques! Habt ihr ihn?« Es war die Rumänin, die die Frage an den Chauffeur stellte.

»J'en suis sûr, Madame. Pierre hat ihn drin.«

»Ah, Pierre! Das ist eine gute Wahl!« rief die Dimitriescu befriedigt.

Pierre mit dem Beinamen »le mur rouge« war ein hünenhafter Apache. Als Raufbold und Totschläger war »die rote Mauer« in ihren Kreisen berichtigt und gefürchtet. Wer den in die Hände fiel, der machte am besten vorher sein Testament.

Der Chauffeur sprang vom Wagen und ging zur Tür. Die beiden anderen Männer eilten ebenfalls hinzu. »Pierre wird Frikassee aus ihm gemacht haben«, rief der eine und riß die dem Haus zugewandte Wagentür auf. »Hallo, Pierre!«

Das Licht fiel voll in das Wageninnere. Da lag halb am Boden, halb noch auf den Kissen regungslos eine menschliche Gestalt.

Jetzt öffnete der Chauffeur auch die andere Wagentür. »Hallo, Pierre!« rief er ungeduldig hinein.

Nur ein dumpfes Stöhnen kam als Antwort aus dem Wagen.

Erschrocken wich er einen Schritt zurück, faßte sich dann und trat wieder heran. »Olala, olala! Was ist das? Mon Dieu!«

Sie trugen den Bewußtlosen in das Haus. Übel sah er aus. Verquollen, blutig, mit blauen Flecken bedeckt das Gesicht. Vorsichtig legten sie ihn auf ein Bett, wuschen ihm das Blut aus dem Gesicht und flößten ihm Stärkungsmittel ein.

Nur langsam kam er wieder zu sich. Jedes Wort schien ihm Schmerzen zu bereiten. »Mon Dieu! Sont-ils des bêtes féroces?« Stöhnend versuchte er sich aufzurichten. »Sont-ils de bêtes féroces, ces Allemands?«

»Hallo, Pierre, was hat's gegeben?« Der Chauffeur beugte sich über ihn. »Da, trink erst noch mal!« Er goß ihm ein Wasserglas voll Kognak durch die aufgeschwollenen Lippen und fragte ihn dabei: »Ich denke, du hattest ihn, Pierre?«

»Non, Jaques, er hatte mich. Ja, erst hatte ich ihn, hatte ihn bei den Schultern gepackt und riß ihn in den Wagen. Seine Arme waren frei. Sacré nom d'un chien! Ehe ich's mich versah, ehe ich was tun konnte, fuhr er mir mit der flachen Hand von unten nach oben durchs Gesicht, riß mir die Lippe nach oben, die Nase—ich sah und hörte nichts mehr.«

Er brauchte es kaum zu erklären; man konnte es ihm am Gesicht ablesen, was geschehen war. Mit einem höchst wirksamen Jiu-Jitsu-Griff war der Doktor ihm durch das Gesicht gefahren. Die Oberlippe war aufgerissen, zweimal gespalten, die Nase nach oben gestoßen.

Seine Genossen musterten ihn mit Kennerblicken. »Kannst froh sein, Pierre, daß er dir seine Finger nicht noch in die Augen gestoßen hat. Das pflegt sonst das Ende von dem Griff zu sein. Sacré bleu, der Kerl versteht sein Handwerk! Wirst ein paar Wochen brauchen, ehe du dich wieder unter deinen Leuten sehen lassen kannst.«

Während sie hier versuchten, den zerschundenen Apachen mit viel Kognak und gutem Zuspruch wieder auf die Beine zu bringen, lag Gransfeld längst in seinem Bett im Waldorf-Astoria-Hotel. Er hatte das Auto bereits am Palais de Justice verlassen.


Am nächsten Vormittag war Gransfeld im Savoyhotel. Er hatte sich einen Sessel gewählt, von dem aus er den ganzen Empfangsraum gut überblicken konnte. Zerstreut blätterte er in der Morgenzeitung, die er sich auf dem Wege hierher von einem Straßenhändler gekauft hatte. Häufig ließ er sie sinken und schaute bald nach der Uhr, bald nach der Treppe, die zu den oberen Stockwerken führte. Auf dem ersten Treppenabsatz hing ein breiter Wandspiegel, in dem er auch den höheren Teil der Treppe überblicken konnte.

Jetzt kam Susanne. Er sah es im Spiegel. Doch sie kam nicht allein, sondern mit einer andern Dame. Einen kurzen Blick nur warf er auf diese, dann hob er die Zeitung empor und verbarg sein Gesicht dahinter.

Susanne Rasmussen in Begleitung der Dimitriescu? War das junge Mädchen gleichfalls in das dunkle Treiben der Bande eingeweiht? Wußte sie um die üblen Machenschaften der Rumänin? Er konnte, wollte es nicht glauben. Und doch—wie war dieses Zusammensein anders zu deuten? Wie anders war die Tatsache zu erklären, daß Susanne allem Anschein nach sogar in ein freundschaftliches Gespräch mit der Dimitriescu verwickelt war? Verstohlen beobachtete er sie, während er sich selbst so gut wie möglich durch die Zeitung deckte. Jetzt hatten die beiden Frauen den Empfangsraum erreicht. Wie suchend sah sich Susanne um und schien nicht zu finden, was sie erwartete. Um so besser, dachte Gransfeld, wenn Susanne mich nicht sieht, dann wird mich die andere hoffentlich auch nicht entdecken.

Die Rumänin hatte sich inzwischen von Susanne verabschiedet und trat auf die Straße hinaus. Jetzt ließ Gransfeld die Zeitung sinken. »Guten Morgen, Fräulein Susanne. Wie freue ich mich, Sie wiederzusehen!«

»Ah, guten Morgen, Herr Doktor! In die ›Opinion‹ haben Sie sich eingewickelt? Da kann ich freilich lange nach Ihnen suchen.«

»Entschuldigen Sie, Fräulein Susanne! Das Versteckspiel hatte seine Gründe. Gestatten Sie mir eine Frage?«

Verwundert sah Susanne ihn an. »Sie reden in Geheimnissen, Herr Doktor Gransfeld. Ein Versteckspiel? Haben Sie sich etwa vor Frau Dimitriescu versteckt? Bitte, was wollten Sie fragen?«

»Gerade nach Ihrer Begleiterin wollte ich Sie einmal fragen, Fräulein Susanne. Sie nannten Sie ja wohl Frau Dimitriescu. Kennen Sie diese Dame eigentlich schon längere Zeit? Sind Sie gut bekannt mit ihr?«

Seine Frage schien Susanne zu verstimmen. Gemessen kam ihre Antwort. »Ich kenne Frau Dimitriescu erst seit kurzem und nur oberflächlich. Wenn ich es Ihnen offen sagen soll—sie ist mir wenig angenehm. Schon vom ersten Tage unserer Bekanntschaft an habe ich sie nicht recht leiden können, obwohl sie mir ja eigentlich nie etwas getan hat.«

»Oh, Fräulein Susanne, so etwas gibt es oft im Leben! Ein Mensch ist einem vom ersten Augenblick an angenehm oder unangenehm, ohne daß man die Gründe für diese Gefühle angeben könnte. Warum lassen Sie sich aber die Gesellschaft der Dame gefallen, wenn sie Ihnen unwillkommen ist?«

»Ja, Herr Doktor«—die Antwort Susannes kam in einem halb ärgerlichen, halb weinerlichen Tone—»die Dame ist die Witwe eines früheren Geschäftsfreundes meines Vaters. Mein Vater ist ihr jetzt bei ihrer Vermögensverwaltung behilflich, und deswegen ist sie in letzter Zeit häufig in unser Haus gekommen. Ich habe mich ihr gegenüber lange ablehnend verhalten, habe mich auch geweigert, Einladungen von ihr anzunehmen; aber man kann leider nicht immer so, wie man möchte.«

Armes Kind! dachte Gransfeld. Ein Glück für dich, daß du die Geschäfte dieser Dame nicht kennst. »Ich danke Ihnen für die freundliche Bereitwilligkeit, Fräulein Rasmussen, mit der Sie meine Frage beantwortet haben.«

»Jetzt habe ich aber auch etwas zu fragen, Herr Doktor. Warum haben Sie sich denn vorhin versteckt?«

Ihre Frage brachte Gransfeld in Verlegenheit. »Mein liebes Fräulein Susanne, nehmen wir einmal an, daß ich den begründeten Wunsch hatte, von Ihrer Begleiterin nicht gesehen zu werden.«

»Aber ich verstehe nicht, Herr Doktor. Welchen Grund könnten Sie haben, sich zu verstecken? Sie haben doch nichts zu verbergen?«

»Ich nicht, Fräulein Susanne, eher andere Leute. Ich bitte Sie, lassen Sie sich für heute daran genügen, wenn ich Ihnen sage, daß Ihre Abneigung gegen diese Rumänin nur allzu berechtigt ist.«

Der ernste Ton, in dem er die letzten Worte sprach, stimmte auch Susanne ernst. »Herr Doktor, Ihre Worte erschrecken mich. Seit ich diese Frau kenne, habe ich ein dumpfes Gefühl, daß sie einmal Unglück über unser Haus bringen könnte.«

»Hoffen wir, daß Ihre Ahnung Sie täuscht, Fräulein Susanne! Doch gehen wir zu etwas Erfreulicherem über! Ich bin heute früh bei Professor Morelle gewesen.«

»Ah, Herr Doktor, wie lieb von Ihnen! Sie waren bei ihm? Und Sie sagen, es ist etwas Erfreuliches?«

Gransfeld nickte. »Gewiß, soweit man es unter den obwaltenden Umständen verlangen kann. Ihr Herr Vater hat allerdings ein ziemlich weit vorgeschrittenes organisches Herzleiden—darüber dürfen wir uns keiner Täuschung hingeben—aber Professor Morelle glaubt bestimmt, das Leiden zum Stillstand bringen zu können, und dann kann Ihr Vater steinalt damit werden.«

Susanne vermochte einen leichten Freudenschrei nicht zu unterdrücken. »Oh, mein Gott, wie danke ich dir! Dank auch Ihnen, mein lieber Herr Doktor, daß Sie mir diese Hoffnung bringen!«

Gransfeld sprach weiter: »Doch eins ist dabei notwendig: jede heftige Gemütsbewegung ist Gift für Ihren Vater und muß ihm ferngehalten werden. Wenn Ihnen das gelingt, Fräulein Susanne, dürfen Sie hoffen, ihn noch lange zu haben.«


Während Susanne mit Gransfeld plauderte, war die Dimitriescu durch einen zweiten Eingang wieder in das Hotel zurückgekommen.

C. F. Rasmussen saß in seinem Zimmer am Schreibtisch, mit der Erledigung von Briefen beschäftigt, als es klopfte. »Herein!« Er wandte sich zur Tür. »Sie, Frau Dimitriescu? Ich glaubte Sie längst im Bon Marché. Was führt Sie noch einmal zurück?«

»Eine Sache, die Sie, Rasmussen, interessieren dürfte. Wissen Sie, mit wem Ihre Tochter Susanne seit einer Viertelstunde unten in der Empfangshalle zusammensitzt und—ich behaupte nicht zu viel, wenn ich sage: sich recht angeregt unterhält?«

Rasmussen schüttelte den Kopf. »Keine Ahnung, Frau Dimitriescu. Woher sollte ich das wissen?«

»Sie können es in der Tat nicht ahnen; aber eine nette Überraschung ist es, das kann man wohl sagen.«

Rasmussen war ungeduldig aufgestanden. »So sprechen Sie doch! Warum die lange Vorrede?«

»Weil—es Sie möglicherweise aufregen könnte. Mit Rücksicht auf Ihre Gesundheit habe ich es Ihnen bisher verschwiegen, daß Susanne bereits gestern abend im Foyer der Großen Oper mit diesem Doktor Gransfeld zusammen war.«

»Mit Gransfeld? Sie scherzen wohl, Frau Dimitriescu? Gransfeld steckt irgendwo in der Schweiz!« Er atmete schwer und ließ sich wieder in den Stuhl fallen.

»Leider nicht, Rasmussen; er ist hier. Er war gestern auch in der Oper und hat dort Susanne getroffen. Augenblicklich sitzt er unten in der Empfangshalle mit ihr zusammen.«

»Himmel!« Rasmussen war blaß geworden. Er griff nach dem Taschentuch und tupfte sich die Stirn ab.

»Es war meine Pflicht, ihnen das zu sagen, Rasmussen. Sie müssen ein Machtwort sprechen. Susanne Rasmussen und Doktor Gransfeld! Das wäre eine unmögliche Zusammenstellung. Reden Sie ernsthaft mit Susanne! Nötigenfalls müssen Sie Paris schnell verlassen.«

Sie war gegangen, ehe Rasmussen antworten konnte. Dieser preßte die Hände gegen das wild schlagende Herz. »Sollen meine Qualen nie ein Ende haben? Sollen sich die Sünden der Väter an den Kindern rächen? Himmel, was bin ich? Vor den Augen der Welt ein ehrbarer Kaufmann und in Wirklichkeit—das Mitglied einer Verbrecherbande, selbst ein Verbrecher.« Stöhnend schlug er die Hände vor das Gesicht. »Herr Gott im Himmel! Gibt es denn keinen Ausweg aus dieser Not? Mein Kind könnte vielleicht glücklich werden, mein einziges, liebes Kind. Ob der Doktor es ehrlich meint? Ein anständiger Mensch scheint er zu sein. Susanne, mein armes Kind, ich ahne es, ich weiß es, daß er dir nicht gleichgültig ist, und ich—meine Lage—es ist zum Verzweifeln.«

Die Erregung übermannte ihn. Er spürte einen neuen Anfall seines Leidens. Mit letzter Kraft griff er zu dem Fläschchen mit der heilkräftigen Arznei.


8. DER KNOTEN SCHÜRZT SICH

Während Gransfeld in Paris Abenteuer erlebte, die ihm keinen Zweifel über ein recht gefährliches Interesse der Organisation an seiner Person ließen, verbrachte Rudi seine Tage unbehelligt bei Rübesam in Gorla.

Die Gründe für dieses spurlose und der Organisation ganz unerklärliche Verschwinden des Jungen waren in Rübesams unerschöpflichem Kleiderschrank zu suchen. Wenn Rudi das Haus des Chemikers verließ, so geschah es in stets wechselnden Verkleidungen, in denen ihn auch seine nächsten Freunde nicht wiedererkannt hätten.

Pflichtgemäß hatte Henke nach jenem Vorkommnis in Altmüllers Wohnung sofort über das Auftreten eines, verdächtigen Menschen, möglicherweise eines neuen Detektivs, an die Picadilly-Street berichtet. Umgehend hatte Mac Andrew auf diese Meldung hin seine Geheimverbindungen in den Gorla-Werken in Anspruch genommen. Doch keinem von allen denen, die es wissen mußten, war etwas von der Einstellung eines Detektivs bekannt. In der Tat war der verdächtige Herr mit dem blonden Vollbart ebenso schnell, wie er auftauchte, wieder verschwunden. Rübesams Frisierbeutel enthielt ja Perücken und Bärte aller Formen und Farben, und Rudi wäre nicht Rudi gewesen, wenn er von diesen Möglichkeiten nicht den ausgiebigsten Gebrauch gemacht hätte.

Der Arbeiter zum Beispiel, der sich da in der neunten Abendstunde auf einem Werkhof mit Besen und Karre zu schaffen machte, konnte auch dem scharfsinnigsten Späher der Bande nicht verdächtig sein. Mit der Gemächlichkeit eines Mannes, der nach Stundenlohn bezahlt wird, fegte dieser Arbeiter den Schmutz zu Häufchen zusammen und schien vollständig in seine Tätigkeit vertieft zu sein, bis ein anderer Mann mit einem straffgefüllten Rucksack auf dem Buckel an ihm vorbeikam.

Der Arbeiter ließ den Besen ruhen und blickte ihm forschend nach, während er allerlei in seinen Bart murmelte. »Nanu, Herr Henke, schon so früh im Werk? Ihre Schicht fängt doch erst um zehn Uhr an. Sehr merkwürdig, Herr Henke! Müssen doch mal sehen, was das zu bedeuten hat!«

Der Mann lehnte seinen Besen an die Karre und schlurfte in einiger Entfernung hinter dem andern her. Jener hatte jetzt den Hof überquert und ging durch einen schmalen Gang weiter.

»Hm, hm, Herr Henke, man geht nach Nordosten? Was hat man denn da zu suchen? Merkwürdig, Herr Henke, sehr merkwürdig!«

An der Nordostecke des Werkes lag innerhalb der Fabrikmauern ein ausgedehntes unbebautes Gelände. Nur ein großer Gasbehälter reckte hier seine wuchtigen Formen gegen den dunklen Nachthimmel. Dieser Teil der Werkanlage verdankte seine Entstehung einem besonderen Umstande. In dem chemischen Betriebe der Gorla-Werke fielen bedeutende Mengen von Wasserstoff ab. Man hätte ihn ohne weiteres in die Atmosphäre entweichen lassen können, aber Wasserstoff ist ja bekanntlich ein ideales Füllgas für Luftschiffe und Ballone, und die Besitzer von Freiballonen waren gern bereit, einen angemessenen Preis dafür zu zahlen. Deshalb hatte man hier den Gasbehälter hingebaut. In ihm wurden die abfallenden Wasserstoffmengen gespeichert und nach Möglichkeit durch Verkauf an Freiballonfahrer verwertet.

Auch jetzt schien wieder eine solche Füllung und Fahrt in Aussicht zu stehen. Auf einer großen Leinwandplane war neben dem Gaskessel auf der Wiese bereits eine Ballonhülle ausgebreitet. Gondelkorb, Tauwerk und sonstiges Zubehör lagen daneben. Es hatte den Anschein, als ob die Füllung in der Frühe des nächsten Morgens vonstatten gehen sollte. Der Mann mit dem Rucksack trat an diese Stelle heran. Prüfend schaute er sich nach allen Seiten um. Dann entledigte er sich des Rucksackes und legte ihn hinter einen Stapel von Eisenschrott, der in der Nähe lagerte. Nun ging er zu der Plane und machte sich dort zu schaffen.

Vorsichtig, immer im Schatten bleibend, jede Deckung benutzend, war inzwischen auch der Hofarbeiter näher herangekommen. Ein Haufen alter Eisenbleche bot ihm ein geeignetes Versteck. Geräuschlos schlüpfte er in den Schlagschatten und wurde unsichtbar. Aufmerksam folgten seine Blicke jeder Bewegung des andern, während seine Lippen sich fast lautlos bewegten. »Oh, oh, Herr Henke! Man holt das Ventil—man schraubt das Ventil an der Ballonhülle fest. Was müssen meine Augen sehen, Herr Henke? Man holt das Netz und breitet es über die Hülle aus. Wie geschickt man das macht! Ganz allein, wo doch sonst drei bis vier Leute dazu nötig sind.—Wahrhaftig, er schafft es ganz allein, alle Achtung!—Jetzt, wo steckt er denn? Aha, er ist unter die Hülle gekrochen!—Da kommt er ja schon wieder vor. Alle Wetter, den Füllschlauch zieht er hinter sich her!—Jetzt macht er den an der Gasleitung fest.—Herr Henke, mir ahnt etwas, mir schwant etwas, Herr Henke! Sollte man die Absicht haben, auf eigene Faust eine kleine Freiballonfahrt zu unternehmen? Wahrhaftig, jetzt bringt er doch die Sandsäcke heran! Hängt schon welche in die äußersten Netzmaschen. Alle Wetter, die Sache wird ernst! Er wird doch nicht?«

Während der Beobachter so vor sich hin philosophierte, hatte Henke ununterbrochen gearbeitet und zuletzt noch unermüdlich Sandsack auf Sandsack herangeschleppt. Jetzt richtete er sich auf und wischte sich den Schweiß von der Stirn. »Verdammte Schweinerei! Warm wird man dabei. Niederträchtige Beleuchtung hier! Das heißt, wenn's hell wäre, wär's auch verkehrt. So, vorläufig langt das.« Er zog die Uhr. »Ein Glück, daß die Zeiger leuchten. Man könnte sonst nicht einmal die Zeit erkennen. Alle Wetter, in zehn Minuten zehn! Höchste Zeit, daß ich zu meiner Schicht komme.« Er verschwand in der Richtung auf die Werkbauten hin in der Dunkelheit.

Der Arbeiter kroch aus seinem Versteck heraus und ging zu dem Schrotthaufen. »Erst einmal sehen, was der hier in dem Sack hat!« Er band den Rucksack auf und faßte hinein. »Alle Wetter, Beutel an Beutel!« Er hob den Sack an. »Der hat sich eingedeckt! Das Ding wiegt ja einen runden Zentner. Muß der Kerl gestohlen haben! Aber die Sache wird brenzlig. Höchste Zeit, daß hier etwas geschieht! Zu dumm, daß Herr Rübesam weggefahren ist! Wäre doch möglich, daß er mit dem Elf-Uhr-Zug zurückkommt, sonst—sonst könnte er ja erst morgen kommen. Wenn ich auf den Bahnhof ginge, und er käme mit dem Zug, und wir gingen zusammen dann gleich hierher, dann könnte noch alles klappen. Ja, ich muß es versuchen!«

Der Arbeiter ging über den Platz und verschwand hinter dem Gasbehälter. Mit einer verblüffenden Gewandtheit schwang sich der Mann an der Fabrikmauer in die Höhe, saß einen Augenblick rittlings oben und sprang dann mit einem elastischen Satz nach der andern Seite ins Dunkle.


Das Rattern und Stampfen der Tablettierpressen und Packmaschinen wurde von der polternden Stimme des Werkführers Moser übertönt. »Leute, ich rate euch, nehmt euch zusammen! Der Generaldirektor ist fuchsteufelswild. Er hat den Betriebsingenieuren schweren Krach gemacht. Wenn die Schweinereien nicht aufhören, hat er gesagt, dann schmeißt er die halbe Belegschaft hinaus. Denkt ihr etwa, ich hätte Lust, meine Stellung zu verlieren, weil hier Klaubrüder unter euch sind? Nee, meine Herrschaften, wenn's dazu kommt, dann sollen erst andere fliegen. Da sollt ihr mich erst mal kennenlernen!« Je länger der Meister sprach, in um so größere Wut redete er sich hinein. »Es stinkt, Leute, ich sage euch, es stinkt was in der Bude. Unverschämt muß hier gestohlen werden. Aber ich will euch schon hinter die Schliche kommen! Wehe dem, den ich erwische!«

Der Wutausbruch des Werkmeisters wirkte auf die beiden Zuhörer verschieden. Altmüller stand blaß und schlotternd da wie das menschgewordene Schuldbewußtsein. Henke dagegen lehnte sich lässig gegen eine Presse und wartete ruhig, bis dem Werkmeister der Atem knapp wurde. Dann versuchte er ihn zu unterbrechen und die Anschuldigungen zurückzuweisen. Ein paarmal mißlang's noch, weil die Zwischenreden den Erbosten immer wieder zu neuen Ausbrüchen reizten. Doch schließlich kam Henke zu Wort. »Wir verstehen nicht, Herr Werkmeister, wie Sie dazu kommen, anständige, ehrliche Arbeiter so zu beschimpfen. Wenn der Alte den Koller hat, wollen wir nicht darunter leiden. Wenn Sie Lust haben, können Sie uns ja jeden Tag unsere Papiere geben. Solche Redensarten von wegen Klaubrüder und so weiter und von wegen Rausschmeißen, die brauchen wir uns aber nicht gefallen zu lassen. Die Herren da oben denken wohl, daß sie Schindluder mit unsereinem treiben können? Wenn denen mal die Mütze schief sitzt, sollen wir uns hier alles mögliche sagen lassen. Ich lasse mir das aber nicht bieten, Herr Werkmeister, ich gehe morgen früh zum Betriebsrat und werde dem die Sache melden.« Je weiter Henke in seiner Rede kam, desto lauter war er geworden. Jetzt stand er vor dem Werkmeister, jeder Zoll ein Ehrenmann, die gekränkte Unschuld in Person.

Dem Werkmeister war die Geschichte mit dem Betriebsrat unbehaglich. Er lenkte ein. »Ziehen Sie sich doch die Jacke nicht an, wenn Sie Ihnen nicht paßt, Henke! Sie habe ich ja gar nicht gemeint.«

»So, Herr Werkmeister? Na, wen denn? Wir sind ja bloß sechs Leute im Heroinsaal, drei Schichten zu je zwei Mann. Einen davon müssen Sie doch gemeint haben. Das wird sich ja morgen herausstellen.«

Der Werkmeister versuchte zu beschwichtigen. »Bleiben Sie doch ruhig, Henke, regen Sie sich nicht auf! Ich habe nur allgemein gesprochen. Glauben Sie etwa, es ist angenehm für mich, wenn der Betriebsingenieur mir auf den Kopf zusagt, daß in meiner Abteilung gestohlen wird?«

»Gewiß nicht, Herr Werkmeister; aber der Betriebsingenieur soll seine Beschuldigung beweisen oder den Mund halten. Na, das werden wir ja morgen alles zur Sprache bringen.«

Der Werkmeister klopfte ihm beruhigend auf die Schulter. »Na ja, Henke, bis morgen! Beschlafen Sie sich die Sache noch mal! Machen Sie keinen unnötigen Skandal! Wäre für uns alle nicht gut. Immer ruhig Blut behalten!—Na, macht eure Sache gut!« Er verließ den Saal.

Henke schnitt eine Grimasse hinter ihm her. Dann wandte er sich zu Altmüller. »Altmüller, altes Tränentier, du hast ja wieder mal dagestanden wie ein Häufchen Unglück, als der Alte hier loslegte. Hast du gemerkt, wie der klein wurde, als ich ihm die Meinung sagte?«

Altmüller guckte seinen Kumpan wie ein Wundertier an. »Mensch, Henke, ich verstehe deine Frechheit nicht. Eine Mordsangst habe ich ausgestanden. Ich dachte, der würde jeden Augenblick die Polizei holen und uns festnehmen lassen. Ich sage dir, Henke, der weiß was. Der weiß mehr, als er gesagt hat. Sonst wäre er nicht so ausfallend geworden.«

Henke zuckte die Achseln. »Kann sein, Altmüller. Daß sie plötzlich die Schichten getauscht und uns in die Nachtschicht gelegt haben, kommt mir auch verdächtig vor. Was hat er gesagt? ›Es stinkt‹, hat er gesagt. Scheint mir allmählich auch so. Höre mal, Altmüller, ich habe die Nase voll, ich werde verduften.«

»Was, Henke, du willst weg? Du willst ausrücken, mich hier allein lassen? Ich soll die ganze Geschichte hier ausbaden?«

»Hast du nicht nötig, Altmüller. Ich habe dir's ja öfter als einmal gesagt: komm doch mit! Die Organisation muß für uns sorgen und wird es bestimmt auch tun.«

Altmüller sah grau und verfallen aus. »In die Fremde soll ich gehen? Frau und Kinder hierlassen, nie wieder zurückkommen dürfen? Das kann ich nicht, Henke. Ich bring's nicht fertig, meine arme, kranke Frau hier allein zu lassen.«

Henke sah ihn eine Weile kopfschüttelnd an. »Na, überleg dir's Altmüller! Wenn sie dich hier einkapseln, hat deine Frau auch nichts von dir, jedenfalls viel weniger, als wenn du in England dein gutes Brot verdienst.« Er warf einen Blick auf die Saaluhr. »Hallo, bald halb elf! Zeit, daß wir an unser Geschäft kommen.«

Aus dem Versteck unter der lockeren Fliese holte er den Steckschlüssel und eine Anzahl von Beuteln heraus und ging damit an die Verbindungsleitung zur Tablettiermaschine.

Altmüller starrte ihn entgeistert an. »Um Gottes willen, Henke, du wirst doch nicht? Jetzt, heute, wo eben erst der Meister hier war!«

»Dummkopf! Desto sicherer sind wir, daß er nicht gleich wiederkommt.«

Er begann die verborgene Schraube herauszudrehen. »Na, willst du nicht gefälligst herkommen und die Beutel drunter halten?«

»Nein, Henke, nein, ich tu' es nicht mehr, unter keinen Umständen. Mach du, was du willst.«

Schimpfend machte sich Henke daran, selbst das ausströmende Pulver aufzufangen. Es war ein reichliches Dutzend größerer Beutel, das er an der verborgenen Quelle füllte. Dann drehte er die Schraube wieder fest, band die Beutel zu und beseitigte sorgfältig alle Spuren an der Zapfstelle.

»So, Altmüller, das hat gewirkt! Sind mindestens zwölf Kilo. Aber die dürfen nicht hierbleiben, die muß ich gleich woanders unterbringen.«

Er brachte die Säckchen in seiner Kleidung unter. Halb geistesabwesend sah ihm Altmüller dabei zu. Henke gab ihm einen kräftigen Stoß in die Rippen.

»Nimm dich mal endlich zusammen, du schlapper Hund, du! Wenn der Deibel den Meister doch hierher karrt oder wenn sonst irgendwer hier reinkommt, dann sagst du—verstehst du, Altmüller? Merk dir's!—dann sagst du, ich sei eben mal für einen Augenblick hinausgegangen. Hast du das begriffen?«

»Ja, ja, Henke, ich hab's schon verstanden. Aber komm bald wieder, laß mich nicht so lange hier allein!«

»Ach was, Altmüller, eine Weile wird's dauern. Ich habe mein Versteck ein ziemliches Ende weit ab. Laß dir die Zeit nicht lang werden und sei vernünftig!«

Er verließ den Saal und ging durch die weiten Gänge zu einer Hintertreppe. Nachdem er sich überzeugt hatte, daß dort niemand war, schlüpfte er schnell ins Freie und verschwand in der Richtung des Gasometers. Nur der Sternenhimmel gab hier Licht, eben gerade genug, um die Dinge in groben Umrissen erkennen zu können. Nach kurzem Hin- und Hertasten hatte er das Ventil gefunden, die Ventilspindel drehte sich unter seinen Fäusten, rauschend strömte das Gas in die Ballonhülle.

»Ss! Die Sache wäre in Schuß! Kannst lange warten, bis ich wiederkomme, Altmüller.« Er sah auf seine Uhr. Es war in zehn Minuten elf. »Der Ballon faßt zweitausend Kubikmeter. Drei Viertelstunden wird die Füllung dauern. Na, Henke, wenn's richtig klappt, fliegst du schon um zwölf aus dem Werk—aber ganz anders, als der dumme Esel, der Moser, es sich gedacht hat.«

Knatternd und flatternd begann sich die Ballonhülle unter der Wirkung des einströmenden Gases emporzublähen. Er mußte fleißig hin und her springen, um die Sandsäcke in immer entferntere Maschen des Netzes einzuhaken, während die bauchige Hülle von Minute zu Minute höher emporwuchs. In den kurzen Pausen, die die Arbeit ihm ließ, beobachtete er den Wind. »Steifer Südost. Um zwölf komme ich weg von hier. Wenn der Wind so bleibt, kann ich lange vor Helligkeit in Sicherheit sein. Vielleicht geht's in die Lüneburger Heide. Na, das muß sich finden. Die dummen Gesichter möchte ich sehen, wenn die hier morgen früh zu ihrem Ballon kommen.—Nein, schon besser, ich sehe sie nicht. Weit davon ist gut für den Schuß.«

Er mußte sich wieder um den Ballon kümmern, die Sandsäcke weiter abhängen und neue hinzufügen. Die Hülle war jetzt mehr als zur Hälfte gefüllt und stand, nur von den Sandsäcken am Netzrand gehalten, frei in der Luft. Bedenklich sah Henke sie an.

»Dumme Geschichte! Wind ist gut beim Fliegen, aber schlecht beim Füllen. Gut, daß der Ballon hier im Windschatten von dem Gasometer steht, sonst könnte die Sache am Ende noch schief gehen.« Wieder warf er einen Blick auf die Uhr. Es war in zwanzig Minuten zwölf. »Alle Wetter, wie die Zeit vergeht! Ob mich der Altmüller schon vermißt? Hoffentlich macht der Schafskopf keine Dummheiten und rennt nicht etwa zum Meister. Zuzutrauen ist dem alles. Na, hoffentlich sind wir bald so weit.«

Unter der fortschreitenden Gasfüllung begann sich jetzt auch die untere Hälfte des Ballons zu blähen, wurde straff und immer straffer. Prüfend schlug er ein paarmal mit der Kante der flachen Hand dagegen.

»Genug jetzt!« Er lief zum Ventil und drehte es zu. Dann trennte er den Gasschlauch vom Füllansatz des Ballons und band den Ansatz mit einer Schnurschlaufe zu. »So, jetzt den Ring!« Er holte den leichten Korbring herbei, verknebelte ihn nach unten mit den vier starken Tragseilen des Gondelkorbes und nach oben mit den sechzehn schwächeren Leinen, in die die Maschen des Ballonnetzes zusammenliefen.

»Gräßliche Schufterei!« Er wischte sich den Schweiß aus dem Gesicht, rannte weiter, schleppte neue Sandsäcke heran und hing sie an den Rand des Gondelkorbes. Dann fing er an, die letzten Säcke vom Netz abzuhaken.

»Schweinerei, elende! Ein Dutzend Leute haben sie sonst dazu, und ich muß alles allein machen.«

Es war in der Tat keine leichte und auch keine ungefährliche Arbeit. Er mußte vom Ring aus an den einzelnen Seilen bis zum Netzrand emporklettern, um die Sandsäcke abzuhaken, die er dann zur Erde warf. Doch endlich war auch das geschafft. Frei und prall stand der Ballon hoch über dem Korb, der durch einen starken Überballast auf dem Erdboden festgehalten wurde. Aus dem Füllansatz hingen die weiße runde Ventilschnur und die breite rote Reißleine frei in den Korb hinunter.

»Uff, das ist geschafft! Jetzt noch den Rucksack! Hundertundzwanzig Pfund Heroin—eine feine Visitenkarte, wenn ich damit zu meinen Leuten komme!« Er ging zu dem Schrottstapel, um den Rucksack zu holen. Eine Weile mußte er im Dunkeln danach tasten.

Jetzt fühlte er ihn und wollte eben danach greifen, als ein metallischer Klang ihn zusammenschrecken ließ. Aus nächster Nähe war der Ton gekommen, von dem Blechhaufen her, der dicht bei dem Schrottstapel lag.

Zum Teufel, was war das? Wollte ihm da einer noch im letzten Augenblick einen Strich durch die Rechnung machen? Er sprang zu dem Haufen hin, entschlossen, jeden niederzuschlagen, der ihm hier in die Quere kommen wollte. Da war nichts zu sehen, und da auch nicht—da aber, in dem Schatten, hatte sich da nicht irgend etwas Unbestimmtes, Undeutliches bewegt?

Wie ein Tiger stürzte er darauf los, bekam ein menschliches Wesen bei den Schultern zu packen und zerrte es mit brutaler Gewalt aus dem tiefen Schatten in die unsichere Beleuchtung des freien Platzes.

Ein Fabrikarbeiter schien es zu sein, ein alter Mann mit grauem, schütterem Bart, den er gegriffen hatte. Doch der Kerl wehrte sich mit unglaublicher Kraft und Gelenkigkeit. Um ein Haar hätte er sich losgerissen und wäre entschlüpft. Erst im letzten Augenblick vermochte Henke ihn noch zu packen und riß ihn nieder, daß er stolperte. Mit aller Wucht versetzte er dem Fallenden einen Faustschlag gegen die Schläfe, der ihn betäubte.

»So, da bleib liegen und guck dir die Sterne an! Na, Alter, wirst doch nicht gleich in die Binsen gehen? He, du, lebst du noch?«

Er griff dem Alten in den Bart, wollte ihn daran zausen und—stand einen Augenblick wie gelähmt.

Der Bart war ihm in der Hand geblieben. Ein junges, glattes Kinn kam darunter zum Vorschein.

»Wie? Was?—Was ist das?« Blitzartig durchzuckte Henke ein Verdacht. Mit einem Sprung war er bei dem Korb, eilte mit ein paar Seilenden zurück. Sorgfältig fesselte er dem Bewußtlosen Füße und Hände. »Besser ist besser! Man kann nicht wissen.—So, jetzt wollen wir uns den Vogel mal genauer besehen!« Er griff in das Haar. Ein kurzer Ruck, die graue Perücke blieb in seiner Hand, kräftiges, volles Haar fühlte er darunter. Mit einer elektrischen Taschenlampe leuchtete er dem Bewußtlosen ins Gesicht.

Eine maßlose Wut packte Henke. Das also war's! Mit einer Verkleidung hatte der niederträchtige Lümmel ihn gefoppt. Wahrscheinlich hatte der auch den andern mit dem blonden Vollbart gespielt, und—hatte der Schurke am Ende auch seine Briefe abgeholt?

Ein leises Stöhnen wurde vernehmbar. Kam der Gefangene wieder zum Bewußtsein?

»Du Lump! Du Luder! Warte, du Schuft, mit dir bin ich noch nicht fertig!«

Er trug den Rucksack in den Ballonkorb, schleppte auch den gefesselten Jungen dorthin und warf ihn in den Korb. Dann stieg er selbst hinein. Vorsichtig begann er Sandsäcke vom Korbrand abzuhaken und beiseite zu werfen. Sandsack um Sandsack fiel zu Boden. Ein leises Schüttern ging durch den Korb, als wenn sein Boden auf dem Rasen schürfe. Schnell warf Henke noch zwei Ballastsäcke fort. Der Korb kam von der Erde frei, der Ballon stieg empor. In wenigen Sekunden hatte er die Höhe des Gasometers erreicht und kam aus dem Windschatten heraus. Ein strammer Südost faßte ihn und führte ihn in schneller Fahrt nach Nordwesten davon. Tief unter ihm schon zogen die Häuser und die Straßenlichter von Gorla dahin. Während Henke seine Aufmerksamkeit den Meßinstrumenten widmete, drangen Glockentöne an sein Ohr. Die Uhren in Gorla schlugen Mitternacht.

Sorgsam beobachtete Henke den Höhenzeiger. Um sicher über den Gasometer hinwegzukommen, hatte er beim Abflug etwas reichlich Ballast ausgeworfen. Noch immer war der Ballon im Steigen. Sechshundert Meter—achthundert—nun wurde der Aufstieg allmählich langsamer. In tausend Meter Höhe kam der Ballon ins Gleichgewicht und trieb mit beträchtlicher Schnelligkeit in nordwestlicher Richtung dahin.

Zu merken war freilich hier im Korb nichts von dieser Fahrt, denn der Ballon hatte ja genau die gleiche Geschwindigkeit wie die ihn umgebende Luft. Hätte man ein Licht in der Gondel angezündet, es würde so ruhig und unbewegt gebrannt haben wie in einem geschlossenen Zimmer. Nur die tief unten auftauchenden und nach Südosten zurückbleibenden Lichter zeigten den schnellen Flug an.

Jetzt folgte der Ballon längere Zeit einem Stromlauf. Henke breitete eine Karte aus und versuchte sich auf ihr mit Hilfe seiner elektrischen Taschenlampe zu orientieren. Der kleinere Ort da gerade unter ihm konnte nur Schönebeck an der Elbe sein. Dann mußte der helle Schein am Horizont gerade voraus von den Lichtern Magdeburgs kommen. Er überschlug die Entfernung und sah auf die Uhr. Er hatte gute Fahrt. Kaum eine Stunde würde er von Gorla bis Magdeburg brauchen. Wenn es so weiterging, konnte er gegen drei Uhr morgens schon weit in der Lüneburger Heide sein.

Hallo, was war das? Die langen Papierstreifen, die vom Gondelrand hinaushingen, standen plötzlich hoch oben. Ein Zeichen dafür, daß der Ballon nicht mehr im Gleichgewicht war, sondern stark fiel. Er schnitt die Verschnürung an einem Ballastsack auf und begann den Sand händeweise über Bord zu schütten; viermal—fünfmal—sechsmal—dann wirkte es. Der Fall hörte auf, die Streifen sanken wieder langsam in die Tiefe.

Immer näher waren inzwischen die starken Lichter im Nordwesten gekommen. Kein Zweifel; es war Magdeburg, über das der Ballon eben hinwegtrieb. Doch nun stockte die Fahrt. Es schien, als ob der Ballon trotz des guten Windes hier kleben bleiben wolle. Ballon und Gondel begannen sich um ihre Vertikalachse zu drehen. Zwei verschiedene Kräfte schienen auf den Ballon einzuwirken. Eine, die ihn in der Windrichtung nach Nordwesten weitertreiben wollte, und eine andere, die ihn in der Richtung des Flußlaufes festhielt, der hier in scharfem Knick nach Nordosten abbog.

Fünf Minuten—zehn Minuten schon dauerte das Windspiel der Kräfte. Der Ballon kam kaum vom Fleck und drehte sich ständig.

»Verdammt!« tobte Henke. »Der Fluß läßt uns nicht los. Versuchen wir's anders!« Wieder griff er in den Sandsack. Staubwolken fielen nach unten, der Ballon stieg, am Zeiger des Höhenmessers war's deutlich zu lesen. Vierzehnhundert Meter—fünfzehnhundert Meter—dann war's, als ob es plötzlich einen Ruck gäbe. Die hemmende Kraft des Elbstromes war gebrochen. Der Ballon kam frei und trieb in schnellem Flug weiter nach Nordwesten.

»So, das wäre geschafft.« Noch einmal sah Henke nach dem Höhenzeiger. Der stand unbeweglich. Bei fünfzehnhundert Meter hatte der Ballon nach der zweiten Ballastabgabe eine neue Gleichgewichtslage gefunden, die er, vorläufig wenigstens, unverändert beibehielt.

Bisher war Henke vollständig von der Führung des Ballons in Anspruch genommen worden. Jetzt endlich konnte er sich ein wenig Ruhe gönnen. Er klappte den Sitz in der Korbecke herunter und ließ sich darauf nieder. Nun erst, als er zur Ruhe kam, spürte er, wie sehr ihn die letzten Stunden doch mitgenommen hatten. Die Auseinandersetzung mit dem Werkmeister und mit Altmüller—zuletzt noch das Abenteuer mit dem Lümmel, dem Wagner.—Er zog die Taschenlaterne und leuchtete diesem ins Gesicht. So schnell Rudi auch die Augen schloß, Henke hatte doch gesehen, daß sie vorher offen waren.

»Na, mein Bürschchen, hast wohl nicht gedacht, daß du heute noch mit deinem lieben Freunde Henke eine Luftreise machen würdest?«

Noch einmal ließ er die Lampe aufblitzen und überzeugte sich, daß sein unfreiwilliger Fluggast zuverlässig gefesselt war.

»He, du Lümmel, hast es nicht nötig, dich tot zu stellen. Ich weiß ja doch, daß du alles hörst, was ich sage.«

Rudi zog es vor, weiter zu schweigen. Henke griff nach seiner Brusttasche. Ob er sich eine Zigarre anstecken könnte? Einen Augenblick liebäugelte er mit dem Gedanken, dann schob er die Zigarrentasche wieder zurück! Lieber nicht! Sicher war bei dem letzten Steigen wieder eine beträchtliche Menge Wasserstoff aus dem Ballon getreten. Man konnte nicht wissen, wieviel von dem völlig geruchlosen Gas hier noch in nächster Nähe in der Atmosphäre war. Sollte er etwa eine Knallgasexplosion in fünfzehnhundert Meter Höhe heraufbeschwören? Nein, dazu hatte er doch schließlich den Flug nicht unternommen. Zur Not tat es auch Kautabak. Während er sich ein Stück davon zwischen die Lippen schob, sah er noch einmal auf den Höhenzeiger und die Landschaft unter dem Korb.

»Alles in Ordnung. Na, Herr Wagner, da haben wir ja Zeit. Können uns mal etwas gebildet unterhalten. Man hat sich also unter einer Verkleidung wieder in das Werk geschlichen. Man ist auf das Postamt gegangen und hat fremde Briefe abgeholt. Man bildet sich ein, daß das bis in die Puppen so weitergeht. Aber da hat man sich geirrt, Herr Wagner. Herr Henke ist auch kein Siebenmonatkind.—Na, Lausejunge, elender, wirst du endlich antworten?« Er stieß mit dem Fuß nach der Ecke hin, in der Rudi lag.

Sobald Rudi wieder zum Bewußtsein gekommen war, hatte er sich den Kopf zermartert, wie er aus dieser Klemme herauskommen könne. Daß seine Lage mehr als bedenklich war, darüber gab er sich keiner Täuschung hin. Zu gut wußte er ja, daß Henke zu allem fähig war. Und er selbst war gefesselt, jedem Angriff dieses Verbrechers wehrlos ausgesetzt. Erst einmal frei werden, sich der Banden entledigen, das mußte das nächste sein. Doch allzu fest hatte Henke ihm die Hände auf dem Rücken zusammengeschnürt. Vergeblich blieb jeder Versuch, mit den Fingern zu dem Knoten zu gelangen und ihn zu lösen.

Während der ersten Stunde des Fluges, als Henke noch ganz durch die Führung des Ballons in Anspruch genommen war, hatte Rudi sich bereits vorsichtig herumgewälzt, hatte, so gut es ging, umhergetastet, ob sich nicht vielleicht irgendwo und -wie etwas fände, an dem er die Handfesseln unbemerkt zerreiben könnte. Doch alles Suchen war vergeblich gewesen.

Oh, wenn es ihm doch gelänge, die Hände frei zu bekommen! Dann war das Schlimmste überwunden. Dann sollte dieser Verbrecher ihn erst richtig kennenlernen.

»Antworte, elender Lümmel, oder ...« Henke stürzte sich auf den Liegenden und packte ihn. Er riß ihn empor, daß er in eine Korbecke zu sitzen kam. »Lump, soll ich dich über Bord schmeißen? Willst du endlich antworten?«

Rudi fühlte zweierlei: Erstens, daß er Henke jetzt antworten mußte, wenn's ihm nicht sofort ans Leben gehen sollte. Er fühlte zweitens—in der Korbecke hinter sich einen verhältnismäßig scharfkantigen Blechbeschlag.

Zeit gewonnen, alles gewonnen! Wenn es ihm gelang, dabei seine Handfesseln durchzureiben, dann konnte noch alles gut ausgehen.

»Willst du antworten, Schuft!« Henke stürzte sich wieder auf ihn und versuchte ihn emporzureißen.

»Ha—ja? Ist's schon Zeit zum Aufstehen?« Rudi spielte den eben erst zum Bewußtsein Kommenden. »Ja, Mutter Federsen, gleich! Ja, ich komme gleich.«

Henke schüttelte den Kopf. Hatte er sich geirrt? War der Bengel doch bis jetzt bewußtlos gewesen? Möglich war's immerhin. Er hatte nicht schlecht zugeschlagen, als ihm der so unerwartet in die Quere gekommen war.

»Quatsch nicht, Bengel! Hier ist keine Mutter Federsen, hier ist dein lieber Freund, Herr Henke.«

Rudi spielte den Erschrockenen. »Herr Henke? Was ist mit Henke, Mutter Federsen?—Ah!« Er bewegte die Schultern, als ob er sich mit den Händen ins Gesicht fahren wollte. »Meine Hände! Was ist denn? Ich kann mich ja gar nicht rühren.«

Es schien, als ob er es immer wieder versuchte, die Hände freizubekommen. Unaufhörlich rieb er dabei die Fessel an der scharfen Kannte.

»Nee, Herr Wagner, dafür hat Henke gesorgt, daß du deine Arme nicht mehr bewegen kannst. Mal raus mit der Sprache! Hast du meine Briefe abgeholt?«

Rudi sah ihn verständnislos an und spielte seine Rolle weiter. »Ihre Briefe, Herr Doktor? Ich weiß von keinen Briefen.«

»Lümmel, elender, nimm dich zusammen!« Henke stieß ihn kräftig vor die Brust. »Bist hier nicht bei deinem Doktor, dem verdammten Schnüffler. Sprichst mit mir, mit Henke! Hast du verstanden?« Ein Rippenstoß begleitete die Frage.

»Au, Sie tun mir weh! Was ist denn? Wo bin ich?« Erst jetzt schien Rudi vollständig zum Bewußtsein zu kommen.

»Hier bin ich? In einem Korb?—Ein Ballon—wir fliegen wohl?«

»Richtig geraten, Herr Wagner! Scheinst ein kluges Köpfchen zu haben. Schade, daß du's zu verkehrten Dingen benutzt. Hätte sonst vielleicht was Brauchbares aus dir werden können. Hm—na, ist noch nicht aller Tage Abend. Vielleicht überlegst du dir's noch. Wirst wohl von dem Doktor für deine Schnüffelei gut bezahlt?«

Rudi merkte, daß die Blechkante schon eine merkliche Narbe in seine Handfessel gerieben hatte.

Eine Stunde, eine gute Stunde vielleicht noch, dachte er bei sich, dann ist der Strick durch, dann wollen wir anders zusammen reden. Laut fuhr er fort: »Ich werde von dem Herrn Doktor gar nicht gut bezahlt. Bloß freie Station, selten mal ein Taschengeld. Als Steward habe ich viel mehr verdient.«

»Esel, warum bist du nicht dabei geblieben? Hättest als Steward noch viel besser verdienen können, wenn du dich ein bißchen unter die Leute geschickt hättest. Kenne mehr als einen, der als Steward gefahren ist. Konnten sich nachher zur Ruhe setzen und sich ein Haus kaufen.«

Rudi spielte den Erstaunten. »Ach, Herr Henke, wie ist das möglich? So viel Trinkgelder gibt's doch gar nicht.«

»Frag nicht so dämlich, Lümmel! Willst mich wohl wieder dumm machen? Du weißt doch genau Bescheid, wie man als Steward nebenbei verdienen kann. Kannst dir's ja noch ein Weilchen überlegen.« Er warf einen Blick auf die Instrumente und stutzte. Nur noch hundert Meter wies der Höhenzeiger. Nahe unter dem Korbe zogen die Kronen einer ausgedehnten Kiefernwaldung mit beträchtlicher Schnelligkeit dahin. Der Horizont im Nordosten war inzwischen viel lichter geworden. Die Umrisse der Landschaft ließen sich schon ziemlich deutlich erkennen, die Morgendämmerung stand dicht bevor. Mit Uhr und Plan versuchte Henke sich zu orientieren. Der Wald da unten konnte nach der Karte nur der letzte Ausläufer der Lüneburger Heide sein. Über den mußte er noch hinweg. Dann war er in der Nähe von Harburg, konnte landen und Unterschlupf bei seinen Freunden suchen.

Langsam war der Ballon inzwischen weiter gefallen. Ganz nahe rauschten die Kiefernkronen unter dem Korb, während das Ende der Waldung noch nicht abzusehen war. Jetzt erregte eine merkwürdige Erscheinung Henkes Aufmerksamkeit. Obwohl der Ballon immer noch in flotter Fahrt nach Nordwesten trieb, spürte er aus dieser Richtung her einen merklichen Gegenwind. Vergebens suchte er sich dies zu erklären. Nach allem, was er wußte, mußte über dem Korb eines freifliegenden Ballons stets vollkommene Windstille herrschen. Aber je näher der Korb den Baumkronen kam, desto stärker wurde der unerklärliche Gegenwind. Er überlegte angestrengt. Der Ballon flog zweifellos mit Südostwind nach Nordwesten. Hier unten im Korb kam ihm von Nordwesten her Wind entgegen. Also mußte der Südostwind hier unten nicht so stark sein, wie oben am Ballon.

Ah, jetzt glaubte er's zu haben. Natürlich, das mußte des Rätsels Lösung sein. Dicht über den Baumkronen wurde der Wind stark abgebremst. Während der Ballon mit der Geschwindigkeit der höheren, schnelleren Luftströmung trieb, mußte hier unten schon ein scheinbarer Gegenwind auftreten. Über seine Entdeckung befriedigt, öffnete er einen Sandsack und gab ein paar Hände heraus. So, das würde wohl genügen, um über den Wald wegzukommen. Und dann—er wandte sich wieder zu seinem Gefangenen. »Na, Bengel, hast du dir überlegt, was ich vorhin sagte? Vielleicht ist's noch Zeit für dich, umzusatteln.«

»Ich verstehe nicht, Herr Henke. Wie meinen Sie das?«

»Sehr einfach, dummer Junge! Mußt deinen lieben Doktor schießen lassen und zu uns kommen.«

Eine unvorsichtige Bewegung Rudis ließ ihn aufmerken. Mit einem Satz war er über ihm und riß ihn zur Seite. Im Halblicht der Dämmerung sah er, daß die Fessel schon über die Hälfte durchgerieben war.

»Lump elender, ich will dich lehren!«

Mit einem frischen Seilende fesselte er ihm die Hände aufs neue.

»So, jetzt ist's verspielt. Hast dir dein Schicksal selbst zuzuschreiben. Hättest zu uns kommen können. Na, wer nicht will, der hat schon.«

Der Ballon hatte sich inzwischen dem Rande der Waldung genähert. Henke griff nach der weißen Leine und zog daran. Ein leichtes Klinken der Ventilfedern klang vom Oberteil des Ballons. Gas strömte aus, zusehends fiel der Ballon. Hinter den letzten großen Randbäumen setzte der Korb auf den Boden auf. So stark war der Windschatten hier noch, daß der Korb ruhig stehen blieb und der Ballon sich nur schwach neigte.

Wie eine Katze kletterte Henke im Tauwerk empor und griff nach dem Füllansatz. Ein Messer blinkte in seiner Hand. Dann glitt er wieder in den Korb zurück und schnallte sich den Rucksack an. »Glückliche Fahrt, Herr Wagner, viel Vergnügen! Grüßen Sie mir den Doktor recht schön, wenn Sie ihn treffen!«

Den Rest hörte Rudi nicht mehr. Mit einem Schwung war Henke über den Korbrand auf den Boden gesprungen. Der Ballon, doppelt entlastet, um Henkes Gewicht und das des schweren Rucksackes erleichtert, schoß mit großer Geschwindigkeit in die Höhe.

Minuten vergingen. Rudi fühlte ein unangenehmes Klingen und Knacken in den Ohren. Mühsam wälzte er sich in eine andere Lage, in der er den Höhenzeiger sehen konnte. Dreitausend Meter wies das Instrument, und langsam stieg der Zeiger immer noch weiter. Mit großer Anstrengung gelang es ihm, sich so weit aufzurichten, daß er einen Blick über den Korbrand werfen konnte. Tief, tief unter ihm lag das Land. Rechts voraus schimmerte am fernen Horizont ein breiter Flußlauf.

Schrecken ergriff ihn. Hilflos war er hier der Gewalt der Elemente ausgeliefert. Wenn nicht ein Wunder geschah, würde der Wind den Ballon in kurzer Zeit in das offene Meer hinaustreiben. Nur eine Möglichkeit der Rettung gab's noch: er mußte landen, bevor der Ballon auf seinem verhängnisvollen Flug die See erreichte. So schnell wie möglich mußte er sich freimachen. Kostbar war jetzt jede Minute. Beinahe hatte er's ja schon einmal geschafft, als der andere dies entdeckte und ihn von neuem band. Jetzt war er allein, jetzt brauchte er seine Bewegungen nicht zu verbergen. Wenn nur etwas Besseres, etwas Schärferes dagewesen wäre, mit dem es schneller ging. Sein Blick fiel auf einen kleinen Blechkanister. Vorher hatte er ihn nicht gesehen. Wo kam der her? Hatte Henke ihn verloren, als er mit seinem Rucksack aus dem Korb sprang? Die Kanten dieses Gefäßes, scharfe Lötnähte, waren jedenfalls viel geeigneter als das Korbblech.

Er wälzte sich, bis seine Handgelenke den Kanister erreichten, begann dagegen zu scheuern und zu reiben und merkte bald, daß die scharfe Kante wie eine Säge in die Fessel schnitt. Angestrengt arbeitete er, doch wertvolle Minuten vergingen darüber. Ein Ruck jetzt, und die eine Fessel fiel ab; noch einmal ein Scheuern, Reiben, Arbeiten und auch jene erste, schon vorher geschwächte, gab nach. Er konnte die Arme und Hände wieder bewegen. Doch nun spürte er auch, wie sehr die lange Fesselung sein Blut zum Stocken gebracht und ihm die Kraft und Beweglichkeit aus den Armen genommen hatte.

Nur mit Mühe konnte er die Hände zu den Füßen bringen und auch dort die Fessel lösen. Endlich war auch das geschehen. Er versuchte aufzustehen und sich zu bewegen, doch es dauerte geraume Zeit, bis er die volle Gewalt über seine Glieder zurückgewann.

Jetzt endlich war's so weit. Mit Gewalt riß er sich zusammen. Wohin war die Fahrt inzwischen gegangen? Immer noch zeigte der Höhenmesser auf dreitausend Meter. Im rosigen Schein der Morgendämmerung glänzte nahe voraus das Meer.

Hinunter mit allen Mitteln! Sofort fallen, sofort landen, das war die einzige Rettung. Er wollte nach der Ventilleine greifen und—griff ins Leere. Erst jetzt sah er, daß Ventil- und Reißleine fehlten. Hoch oben im Füllansatz hatte Henke sie abgeschnitten, ehe er aus dem Korb sprang.

Er griff in die Tasche und fühlte nach seinem Messer. Dann begann er an den Tragseilen in die Höhe zu klimmen. Jetzt stand er auf dem Verbindungsring, jetzt hatte er die Ausläufer des Netzes erreicht. Von Masche zu Masche klomm er in der schwindelnden Höhe weiter empor. Die einzige Möglichkeit, die ihm blieb, bestand ja darin, daß er den obern Teil der Ballonhülle erreichte und eine Öffnung in den Seidenstoff schnitt. Dann würde das Gas dort ausströmen, der Ballon mußte fallen, und vielleicht würde es ihm gelingen, die rettende Erde noch vor der breiten, weißen Brandungslinie zu erreichen, die nah und immer näher heranrückte.

Er schloß die Augen, um durch den Anblick der schauerlichen Tiefe nicht schwindlig zu werden, und zog sich weiter Masche für Masche in die Höhe. Nun hatte er wohl den mittleren, breitesten Teil der Ballonkugel erreicht und hoffte, daß das Weiterklimmen auf der obern, mehr geneigten Fläche leichter vonstatten gehen würde. Da fühlte er eine Bewegung. Es war, als ob der Ballon sich wieder irgendwie drehte.

Unwillkürlich öffnete er die Augen und sah mit Schrecken, daß die Ballonkugel sich unter der Last seines Gewichtes stark auf die Seite legte. Er merkte, daß die Schräglage stärker wurde, sobald er noch weiter nach oben zu klettern versuchte. War ihm der Weg verbaut, der ihm allein Rettung bringen konnte? Durfte er es wagen, noch weiter zu klimmen?

Er versuchte es und ließ sich sofort wieder zurückgleiten. Schien es doch, als ob der Ballon jeden Augenblick kentern könnte. Und dann ...? Er sah mit ahnungsvoller Deutlichkeit, was dann eintreten mußte. Dann rutschte vielleicht das ganze Netz von der Hülle ab, stürzte mit Ring und Korb in die Tiefe und riß ihn mit in einen sicheren Tod.

So ging es nicht, das sah er ein. Wie eine Fliege klebte er in halber Höhe an der gelben Ballonhülle, während die Netzschnüre immer tiefer in seine Hände schnitten. Unmöglich war es, die obere Ballonhülle zu erreichen, auf der allein ein Schnitt das Gas zum Ausströmen bringen konnte. Noch während er das dachte, sah er die Brandung senkrecht unter sich. Zu spät! Schon lag das rettende Land ihm im Rücken. Sollte er den Sprung in die ungeheure Tiefe wagen, um die See noch in der Nähe der Küste zu erreichen? Ein Sturz aus dreitausend Meter Höhe wäre es geworden. Zehnfache Eisenbahngeschwindigkeit würde sein Körper dabei erreichen. Wie Granit würde das Wasser im Augenblick des Aufpralles wirken und ihn zerschmettern. Unmöglich auch das! Nur der Ballon selbst und die Gondel boten jetzt noch Sicherheit. Sicherheit für wie lange? ging's ihm durch den Sinn, als er aus dem Netz zurückkletterte und sich an den Seilen wieder in den Korb gleiten ließ.

Wie ein Feuerball kam im Osten die Sonne empor. In rosigen Tinten spielte die weite, stahlblaue Fläche. Schon lag die Küste weit hinter ihm. Stärker war die Brise geworden. Schwere Schaumkronen trug die See. So weit das Auge reichte, war kein Schiff, kein Segel zu erspähen.

Nach Nordwest rollten die Wogen, nach Nordwest blies der Wind, nach Nordwest jagte der Ballon über die endlose See dahin. Schon verschwamm das letzte Land am Horizont, wurde unsichtbar, sank unter die Kimme hinab.

* * * * *

Der Thüringer Frühzug lief in Gorla ein. Einem Abteil zweiter Klasse entstieg Rübesam und verließ in Begleitung zweier Herren den Bahnhof.

Vergnügt schaute er in den taufrischen Morgen. »Einen schönen Tag haben die Herren sich für ihren Flug ausgesucht«, wandte er sich an einen seiner Begleiter, »klarer Himmel, strammer Südost.« Er zog die frische Morgenluft in tiefen Atemzügen ein. »Man bekommt wahrhaftig Lust, das Laboratorium sich selber zu überlassen und mitzufliegen.«

Der Angeredete wechselte einen Blick mit dem dritten der kleinen Gesellschaft. »Wenn Sie ernstlich Lust haben, Herr Rübesam, ließe sich das am Ende machen. Unser ›Greif‹ hat zweitausend Kubikmeter. Bei Wasserstoffüllung können wir ohne weiteres auch zu dritt fliegen.«

»Ich scherze nur, Herr Baumeister«, erwiderte Rübesam. »Ja, wenn des Dienstes ewig gleichgestellte Uhr nicht wäre, die uns Fabrikmenschen tagaus, tagein zur Arbeit ruft! Immerhin, bis acht Uhr sind's noch fast drei Stunden. Die Füllung des Ballons und Ihren Abflug will ich mir doch mitansehen. Wir können uns übrigens den Weg abkürzen, meine Herren, ich habe die Schlüssel zum Nordtor bei mir. Wir wollen hier den Wiesenpfad neben der Bahn entlanggehen, da sparen wir eine gute Viertelstunde.«

Sie wanderten über die Wiesen neben dem Bahndamm und kamen schnell zum Tor. Unter Führung des Chemikers mußten sie im Werk erst einige Höfe durchschreiten. Dann folgte noch ein kurzer Weg über freies Gelände und der Gaskessel lag vor ihnen. Schon von weitem sahen sie eine Gruppe von Werkarbeitern, die aufgeregt beisammen standen und gestikulierten.

»Nanu, was halten die denn für ein Palaver ab? Haben ja noch gar nicht mit der Füllung angefangen«, sagte der vorher als Baumeister von Rübesam Angeredete.

»Merkwürdig!« Rübesam schüttelte den Kopf. »Da scheint irgend etwas nicht zu stimmen, meine Herren.«

Sie waren inzwischen näher gekommen, und einer aus der Gruppe lief ihnen entgegen.

»Was ist denn los, Meister Schulz?« rief ihm Rübesam schon von weitem zu. »Warum füllt ihr noch nicht?«

Der Mann, vom Laufen noch außer Atem, stand vor dem Chemiker. »Herr Rübesam, der Ballon ist weg!«

»Was?«—»wie?«—»Was soll das heißen?«—»Ist doch unmöglich!« Von allen Seiten prasselten Fragen und Ausrufe auf den Meister.

Rübesam faßte ihn am Ärmel. »Erstmal ruhig Blut, Meister Schulz! Der Ballon kann doch nicht spurlos weg sein.«

»Er ist aber weg, Herr Rübesam! Alles weg! Hülle, Netz, Korb und Ballastsäcke. Wie ich vor zehn Minuten mit den Leuten hierher kam, um mit der Füllung anzufangen, da fanden wir nur die Plane. Na, und die liegt ja auch noch hier.«

»Ruhig Blut, Meister Schulz!« Rübesam suchte den Aufgeregten zu beschwichtigen. »Die Sachen sind vielleicht noch im Schuppen eingeschlossen.«

»Nein, Herr Rübesam, wir haben ja schon gestern abend alles hierher gebracht, damit's heute früh schneller gehen sollte. Wir hatten die Hülle schon auf die Plane gelegt—trotzdem. Wir haben auch im Schuppen noch einmal nachgesehen, aber da ist natürlich nichts mehr drin.«

Rübesam faßte sich an die Stirn. »Schockschwerenot, Leute, nehmt doch Vernunft an! Wer soll denn den ganzen Kram hier weggeschleppt haben?«

»Das weiß ich nicht, Herr Rübesam. Aber der Ehrhardt«—er wies auf einen der Werkarbeiter—»der meint, der Gaskessel sei gestern abend viel höher gewesen.«

»Höher gewesen? Unsinn! Heda, Sie, Ehrhardt, kommen Sie doch mal her! Was wollen Sie an dem Gaskessel beobachtet haben?«

Der Angerufene trat heran. »Ja, Herr Rübesam, gestern abend stand der Gaskessel bis oben an den vierten Ring, und jetzt ist er herunter bis zum zweiten.«

Rübesam schaute nach dem Gaskessel. »Stimmt, was der Mann sagt, meine Herren. Der Mann muß recht haben. Vor einem Ballonaufstieg wird der Gaskessel stets bis zum obersten Ring gefüllt. Es muß eine sehr bedeutende Gasmenge aus ihm entnommen worden sein.« Eine Weile schwieg er nachdenklich. Dann sprach er weiter. »Ich glaube, meine Herren, ich sehe die Spur, die zur Lösung des Rätsels führt. Ihr Ballon muß während der Nachtstunden von unbefugter Hand gefüllt und entführt worden sein.«

»Unmöglich!«—»Kaum denkbar!«—»Dazu gehören doch Hilfsmannschaften.«—»Wie konnte das unbemerkt geschehen?«—»Kaum glaublich, daß ein Unkundiger bei dem kräftigen Wind mit dem großen Ballon klar abgekommen ist.«

»Ja, meine Herren, ob glaublich oder unglaublich, die Tatsache steht fest, daß der Ballon und eine bedeutende Menge Gas fehlen. Im Werk ist jetzt um halb sechs noch keiner von den maßgebenden Herren anwesend. Es ist wichtig, daß Sie sofort zur Polizei gehen und dort Meldung machen. Von Polizei wegen müssen gleich alle Behörden in nordwestlicher Richtung telegraphisch benachrichtigt werden. Dringen Sie darauf, daß das geschieht und besonders auch die Landratsämter mobil gemacht werden. Dann besteht die Wahrscheinlichkeit, daß man den Ballon und die Unbekannten, die ihn weggeholt haben, bei der Landung abfaßt. Ich selber werde die Angelegenheit unserm Generaldirektor Geheimrat Scheffer melden, sowie er ins Werk kommt. Etwas anderes können wir im Augenblick nicht tun.«

Der Chemiker brachte die beiden Herren durch das Hauptportal aus dem Werk und ging in seine Wohnung. Seine Wirtschafterin war schon auf und empfing ihn auf dem Flur.

»Ach Gott, Herr Rübesam, da kommen Sie ja endlich! Sie weg, und der junge Herr weg! Gruselig war's die ganze Nacht so allein. Der Wind hat an meinem Fenster geklappert und geschüttelt, daß ich's im Bett nicht mehr aushalten konnte. Da bin ich schon früh raus.«

»Was sagen Sie, Frau Schmidt?« unterbrach Rübesam den Wortschwall der Alten. »Der junge Herr ist nicht da? Ja, wo steckt denn der?«

»Ja, Herr Rübesam, das weiß ich auch nicht. Er ist gestern abend noch mal zu dem Elf-Uhr-Zug auf den Bahnhof gegangen. Mir hat er nur gesagt, er müsse Sie dringend sprechen und wolle Sie auf dem Bahnhof abholen. Weiter habe ich dann nichts mehr von ihm gehört. Heute nacht, so um drei rum, wurde mir aber so graulig; da bin ich wieder aufgestanden, und wie ich die Treppe hinaufkomme, da war die Tür zur Spindenstube weit offen und die Tür zur Schlafstube des jungen Herrn auch, aber der Herr Rudi war nicht da.«

»Und ist seitdem auch nicht gekommen?« unterbrach sie der Chemiker.

»Nein, Herr Rübesam, außer Ihnen ist niemand gekommen.«

Während Rübesam noch überlegte, was er unternehmen könnte, ging die Hausklingel.

»Vielleicht kommt er jetzt, Frau Schmidt.«

Er drehte sich um und öffnete die Haustür. Meister Schulz stand vor ihm.

»Was gibt's Meister?«

»Herr Rübesam, als Sie mit den Herren weggegangen waren, da haben wir den ganzen Platz noch mal genau abgesucht und hinter dem einen Blechstapel da, ganz nahe bei der Plane, haben wir das hier gefunden. Die andern wollten es wegwerfen, aber ich habe mir gedacht, das mußt du Herrn Rübesam zeigen.«

Während er die letzten Worte sprach, zog er eine graue Perücke und eine Handvoll grauen Flachs aus der Jacke und hielt sie dem Chemiker hin. Mit hastigem Griff nahm dieser sie an sich. Mit einem Blick hatte er erkannt, daß es Dinge aus seinem Maskenbeutel waren, aus jenem Beutel, den Rudi in letzter Zeit so oft für seine Verkleidungskünste in Anspruch genommen hatte.

»Dicht bei der Plane haben Sie das gefunden?«

»Ja, Herr Rübesam.«

»So? Das ist sehr wichtig. Ich danke Ihnen, Meister Schulz. Es war gut, daß Sie damit zu mir gekommen sind. Sollten Sie noch irgend etwas anderes entdecken, so melden Sie es mir! Hier, bitte, langen Sie zu!« Er reichte ihm seine Zigarrentasche hin. »Nehmen Sie nur, Meister! Die Sorte kann der ärmste Mann rauchen.«

Mit vielem Dank und einer etwas linkischen Verbeugung nahm Meister Schulz eine Zigarre aus dem Etui. Er kam sich sehr wichtig vor, als er damit abzog. Kaum war er fort, als Rübesam an sein Telephon eilte und ein längeres Gespräch führte. Dann griff er nach Stock und Hut und ging in das Werk, vorbei an seinem Zimmer, den Korridor weiter, der zu dem Heroinsaal führte.

Eine Gestalt schrak zusammen, als er die schwere Eisentür hinter sich ins Schloß warf. Es war Altmüller, der gerade bei den Tablettiermaschinen stand. Rübesam sah sich um und ging auf ihn zu. »Wo ist Ihr Kollege, Altmüller? Wo steckt der Henke?«

Stotternd brachte Altmüller die Antwort heraus: »Herr—Herr Rübesam, der Henke ist eben mal rausgegangen—eben mal rausgegangen.«

»So, Altmüller? Eben mal rausgegangen? Was heißt eben? Wann ist er rausgegangen? Das möchte ich genau wissen.«

Während er die Frage stellte, sah er Altmüller scharf an. Dieser hielt den Blick nicht aus, schlug die Augen nieder und wurde immer verwirrter.

»Reden Sie, Altmüller! Versuchen sie nicht, mich zu belügen! Ich weiß mehr, als Sie denken.«

»Vor einiger Zeit ist er rausgegangen, Herr Rübesam. Er sagte, er wolle gleich wiederkommen.«

»Keine Umschweife, Altmüller! Genau auf Stunde und Minute will ich von Ihnen wissen, wann Henke hier fortgegangen ist. Ich warne Sie nochmals, lügen Sie nicht!«

Altmüllers Stimme klang weinerlich, als er antwortete: »Herr Rübesam, ich kann doch nichts dafür, daß er nicht wiedergekommen ist. Er hat's mir doch fest versprochen, daß er wiederkommen wollte.«

»Zum Kuckuck, Altmüller, verstehen Sie kein Deutsch? Um wieviel Uhr und wieviel Minuten ist Henke hier rausgegangen? Wollen Sie endlich reden?«

»Ach, Herr Rübesam, das ist so gegen elf Uhr rum gewesen.«

»So, mein Freund! Um elf Uhr drückt sich der Halunke. Jetzt ist's gleich sechs. Sie sind die ganze Schicht über allein im Saal und machen keine Meldung über das Verschwinden? Scheinen ja nett mit dem unter einer Decke zu stecken. Na, Sie werden sehen, was Sie davon haben.« Er ging zur Saaltür und trat auf den Flur. Ein kurzes, hastiges Flüstern dort. Nach wenigen Minuten kam er mit einem andern, etwas stämmigen, untersetzten Herrn zurück. »Bitte, Herr Wachtmeister, das ist Altmüller, der Kollege und zweifellos Helfershelfer des entflohenen Henke. Dringend verdächtig des Diebstahls von Heroin.«

»Nein, nein, Herr Rübesam, ich habe nicht gestohlen! Henke ist der Dieb! Der allein ...«

Altmüller bot ein Bild des Jammers. Aschgrau und verfallen sah er jetzt aus. Kaum vermochten die zitternden Knie noch den Leib zu tragen. Rübesams Begleiter trat dicht an ihn heran, griff in die Tasche und hielt ihm eine metallene Marke hin. »Kriminalpolizei. Sie sind verhaftet. Ziehen Sie sich an und kommen Sie mit!«

»Nicht einsperren lassen, Herr Rübesam, nicht einsperren! Meine arme Frau, meine Kinder! Ich bin's doch nicht gewesen! Henke war's; der hat hier immer die Schraube an der Leitung losgedreht und das Heroin gestohlen.«

Der Kriminalwachtmeister griff ihn am Arm und zog ihn in die Höhe. »Kommen Sie mit, Mann! Das können Sie mir alles in meinem Büro erzählen.«

Noch sträubte sich Altmüller, als er eine feine, kräftige Fessel an seinem Handgelenk fühlte. Ganz plötzlich war sein rechter Arm mit dem linken des Wachtmeisters fest verbunden.

»Machen Sie hier kein Theater, kommen Sie mit, Altmüller!« Er ging und zwang den Gefangenen, neben ihm zu gehen, ihm zu folgen.

Rübesam kehrte in sein Zimmer zurück. Seine Sorge um Rudi war durch das, was er in der letzten Stunde erlebt und erfahren hatte, nicht geringer geworden.

* * * * *

»Da fliegt der Vogel! Feiner Luftsprung! Laß dir's gut bekommen, du!«

Henke sprach die Worte, während er dem enteilenden Ballon nachschaute. Immer kleiner war die gelbe Kugel in den wenigen Minuten geworden, seitdem er sie verlassen hatte. Eben noch ein Apfel, jetzt nur noch so groß wie eine Kirsche, erschien der Ballon am fernen Horizont.

»Glückliche Fahrt in die Nordsee! Gut gemacht, Henke! Diesmal ist's kein leerer Kessel. Den sind wir los.«

Er setzte sich die Mütze fester und wandte sich zum Gehen. Nach wenigen Schritten erreichte er einen Fußpfad und folgte ihm in nördlicher Richtung. Rüstig wanderte er dahin. Doch Viertelstunde um Viertelstunde verging, und immer drückender wurde die Last von hundertzwanzig Pfund, die er auf dem Rücken trug. An einem Grenzstein blieb er stehen, legte den schweren Sack ab und trocknete sich die Stirn.

Verdammte Geschichte, wenn er sich hier in der wenig besiedelten Gegend etwa verlaufen hatte! Er zog die Karte zu Rate und verglich, versuchte die verwaschenen Buchstaben an dem Stein zu entziffern. Doch nach langem Überlegen kam er zu keinem andern Entschluß, als dem eingeschlagenen Pfad auch weiter zu folgen. Sollte er sich seiner Last entledigen, wenigstens etwas aus dem schweren Sack ausschütten? Leichter würde das Vorwärtskommen danach sicher sein. Doch nur einen Augenblick überlegte er.

Nein! Mit viel zu viel Gefahr und Mühe war der Stoff erworben, um ihn fortzuwerfen. Murrend und schimpfend schnallte er sich den schweren Sack wieder an. Noch oft mußte er rasten und neue Kräfte sammeln. Erst gegen Mittag erreichte er eine Landstraße, und für Geld und gute Worte nahm ein Bauer ihn und seinen Rucksack auf seinem Wagen bis nach Harburg mit.


In seinem Hause in Hamburg saß Rasmussen zusammen mit Susanne am Teetisch.

»Wie gut, Väterchen, daß wir bei Professor Morelle waren! Mich dünkt, als habe er ein Wunder an dir getan.«

Rasmussen nickte ihr zu. »Du hast recht, mein Kind. Ich kann's ohne Übertreibung sagen, ich fühle mich nach der Behandlung durch den Professor wie neugeboren. Selbst die lange Fahrt heute nacht hat mich nicht angegriffen. Wir wollen hoffen, daß es so bleibt.«

»Aber gewiß doch, Väterchen! Der Professor hat dir ja selbst gesagt, daß du so alt wie Methusalem werden kannst.«

Rasmussen lachte. »Da hat er wohl etwas übertrieben. Ich bin auch mit weniger zufrieden.«

Susanne griff nach einer Abendzeitung neben dem Teegedeck und durchblätterte sie. Dabei sprach sie weiter: »Es ist doch schön, daß wir wieder in unserm lieben alten Hamburg sind. Ich hatte schon fast vergessen, wie eine Nummer des ›Hamburgischen Korrespondenten‹ aussieht, 's ist aber noch immer dasselbe wie früher. Schiffsbewegungen auf der Elbe—die »Thuringia« ist heute früh um elf Uhr im Amerikahafen angekommen. Die »Columbia« ist mit der Mittagsflut nach Cuxhaven gegangen.—Hamburger Börse, Kurse von Chemikalien—das interessiert dich wohl mehr als mich.—Letzte Nachrichten. Was gibt's denn da noch? Ah, das ist ja merkwürdig. Hör mal, Väterchen, was hier fettgedruckt steht! ›Freiballon auf rätselhafte Weise verschwunden. Telegramm unseres Sonderberichterstatters aus Gorla. Der Ballon »Greif« des Aeronautischen Vereins Erfurt, der heute früh in den Gorla-Werken aufsteigen sollte, ist über Nacht spurlos verschwunden. Als die Werkarbeiter heute früh um fünf Uhr auf den Platz kamen, um ihn zu füllen, lag nur noch die Plane da. Hülle, Netz, Korb und alles andere fehlten. Man steht vor einem Rätsel. Die Polizei arbeitet fieberhaft und verfolgt eine bestimmte Spur.—Kannst du mir sagen, was das zu bedeuten hat? Ein ganzer Ballon ist einfach weg.«

Rasmussen schüttelte den Kopf. »Keine Ahnung, mein Kind. Heutzutage wird ja alles mögliche und unmögliche gestohlen. Wer weiß, vielleicht ist es irgendein Seidenliebhaber gewesen. Ballonseide pflegt erster Güte zu sein. Sie ist allerdings gefirnißt, aber vorzügliche Regenmäntel lassen sich immer daraus machen.«

»Ja, aber Väterchen, du vergißt doch, daß Netz und Korb auch weg sind.«

»Hm, ja, Susanne, das hatte ich im Augenblick übersehen. Dann sieht's ja doch beinahe so aus, als ob irgendein dunkler Anhänger des Luftsportes den Ballon heimlich gefüllt habe und kurzerhand damit fortgeflogen sei. In der Tat eine merkwürdige Geschichte. Weit dürfte er kaum kommen, bei der Landung wird man ihn doch sicher erwischen.« Er wandte sich zur Tür, durch die ein Diener hereinkam. »Was gibt's, John?«

»Herr Rasmussen, es ist ein Herr—ein Mann draußen, der Sie sprechen möchte.«

Rasmussen machte eine unwillige Bewegung. »Sie wissen, John, daß ich um diese Zeit nicht zu sprechen bin. Schicken Sie den Menschen fort!«

»Das wollte ich auch tun, Herr Rasmussen. Da hat er mir diesen Brief gegeben und gesagt, den soll ich dem Herrn geben.«

Rasmussen schüttelte ärgerlich den Kopf. »Unglaublich, John! Ich habe Sie als Diener und nicht als Briefträger verpflichtet.«

Der Diener wurde verlegen. »Verzeihung, Herr Rasmussen! Der Mann sagte, es sei eine Angelegenheit von äußerster Wichtigkeit, und—Sie würden später sehr böse sein, wenn ich Ihnen den Brief nicht gleich brächte.«

»Unsinn, John! Irgendein Bettelbrief wird es sein.«

»Sieh doch einfach nach, Väterchen! Dann weißt du ja gleich, was es ist«, mischte sich Susanne ein.

»Meinetwegen!« Rasmussen griff nach einem Messer und öffnete das Schreiben. Ein einfacher Zettel mit ein paar Worten steckten in dem Umschlag. Er überflog den Inhalt und sank schwer atmend in seinen Sessel zurück.

Zeichen der geheimen Chiffre waren es, die auf dem Papier standen, eine Buchstabengruppe darunter, die äußerste Dringlichkeit bedeutete.

»Es ist gut, John«,—Rasmussens Stimme klang heiser—»führen Sie den Mann in mein Arbeitszimmer!«

»Väterchen, ich fürchte, der Besuch regt dich auf. Schicke den Menschen doch fort! Laß ihm sagen, daß er ein andermal kommen soll.«

Rasmussen war schon aufgestanden. »Laß nur, mein Kind, Geschäft ist Geschäft. Ich will sehen, daß ich schnell mit ihm fertig werde.« Er verließ den Raum und ging in das Arbeitszimmer hinüber. Dort saß ein Mann auf einem Stuhl. Ein schwerer Rucksack stand neben ihm auf dem Smyrnateppich. Übernächtig, verstaubt und angegriffen sah der Mensch aus. Beim Eintritt Rasmussens erhob er sich.

»Was wünschen Sie von mir?« fragte Rasmussen. Während er den Mann anblickte, schien ihm eine Erinnerung zu kommen. »Ich glaube, ich kenne Sie. Sie sind—Sie sind doch ...«

»Ich bin Henke, Herr Rasmussen, der Henke, dem Sie mal die Stellung in Gorla besorgt haben.«

»Ach ja—Henke, ich erinnere mich. Bitte, behalten Sie Platz und sagen Sie mir, was Sie wünschen.«

Rasmussen ließ sich in einen Sessel nieder. Henke drehte seine Mütze in den Händen und suchte nach einer Einleitung für seine Rede. »Ja also, Herr Rasmussen, um es kurz zu sagen: die Sache in Gorla fliegt auf.«

Rasmussen wurde blaß. »Was soll das heißen, Herr Henke? Erklären Sie sich deutlicher.«

Henke hatte inzwischen seine Sicherheit wiedergewonnen. »Da ist nicht viel zu erklären, Herr Rasmussen. Die Leute in Gorla sind uns hinter die Schliche gekommen. Ich fürchte, daß man meinen Kollegen Altmüller schon eingesperrt hat. Ich selbst bin eben noch so gerade im letzten Augenblick davongekommen.«

»Soso, das sind ja erbauliche Neuigkeiten. Reden Sie doch weiter, Mann! Erzählen Sie, was eigentlich geschehen ist.«

»Was soll ich da erzählen? Unsereiner hat ja auch einen Riecher für solche Sachen. Die ganze letzte Zeit saß man schon wie auf dem Pulverfaß. Die Geschichte wurde von Tag zu Tag fauler. Schließlich sagte ich mir: wenn die immer noch nicht zugegriffen haben, so geschieht's nur darum, weil sie noch mehr herauskriegen wollen.«

Rasmussen unterbrach ihn. »Das sind doch allgemeine Redensarten, Herr Henke. Sagen Sie mir doch klipp und klar, warum Sie Ihre Stellung in Gorla verlassen haben. Triftige Gründe möchte ich hören.«

»Triftige Gründe! Na, ich danke, Herr Rasmussen, da kann ich Ihnen drei Tage lang welche erzählen. Verkleidete Spione im Werk—meine Briefe von einem andern abgeholt—zuletzt gestern abend noch der Krach mit unserm Meister. Da sagte ich mir: jetzt wird's allerhöchste Zeit, Henke! Jetzt verdufte mal so schnell wie möglich! Na, und da bin ich denn noch gleich in der Nachtschicht losgegangen.«

»In der Nachtschicht? Und da sind Sie jetzt schon hier in Hamburg? Wie war denn das so schnell möglich?«

»Wenn ich's Ihnen nicht sage, Herr Rasmussen, dann werden Sie das kaum raten. Wissen Sie, es blies ein so schöner Südost, und da ...«

Blitzartig durchzuckte es Rasmussen. Er fiel dem andern ins Wort. »Mensch, sind Sie etwa mit dem Freiballon weggeflogen?«

Henke sah ihn erstaunt an. »Woher—woher wissen Sie, Herr ...?«

»Weil's schon in der Abendzeitung steht, Mann, daß der Ballon »Greif« aus dem Gorla-Werk spurlos verschwunden ist. Viel dümmer konnten Sie's kaum anfangen, wenn Sie unauffällig wegkommen wollten.«

»Da irren Sie sich aber, Herr Rasmussen. Ich denke, daß ich's gerade fein gemacht habe. Auf der Eisenbahn hätten sie mich vielleicht schon gekriegt, aber mit dem Ballon hat mich keiner wegfliegen und hier keiner landen sehen. Woher sollen die wissen, daß ich's gewesen bin?«

»Sind Sie sicher, daß Sie niemand bei Ihrer Landung gesehen hat?«

»Todsicher, Herr Rasmussen. Ich bin da einige zwanzig Kilometer südlich von Harburg in einer gottverlassenen Gegend niedergegangen. Kiefernheide, Wiese, weit und breit keine Menschenseele.«

»Aber der Ballon? Den wird man doch finden, hat ihn vielleicht schon gefunden. Dann hat man auch Ihre Spur.«

Henke verzog den Mund zu einem Grinsen. »So dumm ist Henke doch nicht, Herr Rasmussen! Der Rucksack da und ich, wir wiegen zusammen drei Zentner. Was meinen Sie, wie der Ballon wieder losgegangen ist, sowie ich draußen war. Der ist jetzt bestimmt schon weit über der Nordsee.«

Rasmussen überlegte eine Weile. »Hm, hm, das ändert das Bild. Da wird man am Ende annehmen, daß Sie mit dem Ballon auf das Meer abgetrieben sind.«

Henke nickte. »So ist's, Herr Rasmussen! Man wird jetzt glauben, daß der arme, brave Henke in der Nordsee ertrunken ist. Das habe ich ja gerade gewollt, Herr Rasmussen, als ich den leeren Ballon wieder hochgehen ließ. Sonst hätte ich ihn bei der Landung ja einfach aufreißen können. Auf die Art habe ich vorläufig Ruhe vor der Polizei. Das heißt, ich muß natürlich irgendwo untertauchen. Ja, und deswegen bin ich jetzt zu Ihnen gekommen.«

»Zu mir?« Rasmussen schüttelte abweisend den Kopf. »Sie wissen vielleicht nicht, Herr Henke, daß ich mich von diesen Geschäften vollständig zurückgezogen habe. Ich habe mit der ganzen Sache nichts mehr zu tun.«

»So, Herr Rasmussen? Ist ja sehr schön für Sie, aber was soll ich jetzt machen?«

Rasmussen zuckte die Achseln. »Weiß ich nicht, Herr Henke!«

»So, Sie wissen es nicht? Wenn aber die Polizei mich hier in Hamburg faßt und einsperrt?«

Wieder ein Achselzucken Rasmussens.

»Und wenn ich dann sage, Herr Rasmussen: ›Ja, ihr habt den Henke gegriffen, den Herr Rasmussen nach Gorla empfohlen hat. Den Henke, der da jahrelang Heroin gestohlen hat, und der feine Herr Rasmussen hat dicke Geschäfte damit gemacht. Aber jetzt will mich der Herr Rasmussen nicht mehr kennen, weil er sich von diesem Geschäft ...‹« Er lachte hämisch auf. »Wie vornehm das klingt! ... ›Weil er sich von diesem Geschäft zurückgezogen hat.‹ Vielleicht glaubt's Ihnen die Polizei, Herr Rasmussen, vielleicht auch nicht.«

Rasmussen faßte sich an den Hals, als ob ihm der Kragen zu eng würde. »Was wollen Sie denn, Mann? Was soll ich für Sie tun?«

»Mich verstecken, Herr Rasmussen! Mich hier verstecken, bis sich eine Gelegenheit findet, über die Grenze zu kommen. Lange wird's nicht dauern. Unsere Leute in London müssen mir schleunigst einen andern Paß besorgen. Dann geht's sofort weiter, nach England oder Polen, ist mir gleich, wohin. Bloß raus hier aus der dicken Luft! Sobald soll mich Deutschland nicht wiedersehen.«

Kurze Zeit schwiegen beide. Dann sagte Rasmussen: »Es bleibt mir nichts anderes übrig, als Ihren Wunsch zu erfüllen. Ich hoffe, Sie werden vernünftig sein und mir keine Schwierigkeiten machen.«

Henke atmete erleichtert auf. »Bestimmt nicht, Herr Rasmussen! Ich werde alles tun, was Sie wollen, bloß helfen Sie mir jetzt aus der Klemme.«

»Ich nehme Ihr Versprechen an.« Rasmussen überlegte kurze Zeit. »Sagen Sie mal, verstehen Sie was von Gartenarbeit?«

»Ja, gewiß, Herr Rasmussen. In Gorla habe ich die ganze Zeit meinen eigenen Garten gehabt.«

»Hm, so! Wissen Sie auch mit Kraftfahrzeugen Bescheid?«

Henke schlug sich auf die Brusttasche. »Führerschein 3 b, Herr Rasmussen! Kann Ihnen jeden Wagen fahren. Bloß mit dem Führerschein auf den Namen Henke möchte ich jetzt nicht gerade fahren.«

»Sollen Sie auch nicht. Es ist nur wegen der andern Leute im Hause, weil mein Gärtner auch immer Chauffeur gewesen ist. Ich stelle Sie zunächst als Gärtner bei mir ein. Sie werden heute noch nach London um neue, gute Papiere schreiben, denn ich muß Sie polizeilich anmelden. Bis die neuen Ausweise da sind, werden Sie sich nur im Garten beschäftigen und nicht auf die Straße gehen.«

So geschah es, daß C. F. Rasmussen einen neuen Gärtner in seine Dienste nahm.

Über den Fabrikarbeiter Henke aus Gorla stand in den nächsten Tagen mancherlei in der Zeitung zu lesen. Die allgemeine Ansicht ging dahin, daß er, der Ballonführung unkundig, mit dem gestohlenen »Greif« in die Nordsee abgetrieben und umgekommen sei.

* * * * *

Im Norden Schottlands liegt zwischen Bergen und Mooren eingebettet der »Loch Kilbreck«, ein stiller, verträumter See. An seinem westlichen Ende erhebt sich inmitten eines ausgedehnten Parkes Duncan-Castle, ein altes, im normannische« Stil erbautes Schloß aus der Tudorzeit.

Der Schloßherr war Mac Andrew. Wenige Jahre nach dem großen Kriege hatte er den alten Bau von den Erben des Vorbesitzers erworben. Von hier aus leitete er die Geschäfte seiner Gesellschaft, wenn ihn nicht besondere Umstände dazu zwangen, persönlich in den einzelnen Ländern des Festlandes nach dem Rechten zu sehen. Hierher wurden von ihm auch Mitglieder der Gesellschaft bestellt, die Grund hatten, für einige Zeit zu verschwinden. In der Tat war Duncan-Castle ein idealer Zufluchtsort für alle, die irgendwie Veranlassung hatten, sich zu verbergen. Fast unbewohnt war die aus Waldungen und Hochmooren bestehende Umgebung. Nur wenige Fischer und Farmer, die, kaum des Englischen mächtig, noch ihre alte keltische Mundart sprachen und nach Urväterweise in Torfhütten dahinlebten.

In einem Turmzimmer, das weiten Ausblick über den See gewährte, saßen Mac Andrew und Morton zusammen.

»Well, Morton, ich kann Ihnen nicht helfen; Sie müssen noch hierbleiben. Die Sache in Genf hat zu viel Staub aufgewirbelt.«

»Sie meinen den Kerl, den Bouton, Mac Andrew? Tut mir heute noch leid, daß ich den nicht gleich totgeschlagen habe.«

»Wäre vielleicht besser gewesen, Morton, wenn Sie's getan hätten. So müssen wir uns vielleicht noch diese Mühe nehmen. Bouton, so lange Jahre unser treues Mitglied, steht im Einvernehmen mit der Polizei! Seine Wut auf Sie, Morton, ist unbeschreiblich. Er hat Sie in einer Weise bloßgestellt, daß Sie an der schweizerischen Grenze sofort verhaftet würden.«

Morton knurrte vor sich hin. »Gibt noch andere Gegenden als das Schweizerländchen. Habe es satt bis an den Hals, hier untätig herumzusitzen.«

»Sie vergessen, Morton, daß dieses Ländchen engste Fühlung mit der internationalen Polizei hält. Es könnten Ihnen auch anderswo Unannehmlichkeiten begegnen.«

Morton schlug auf den Tisch. »Man kann hier vor Langeweile umkommen! Wenn Sie nicht hier sind, ist's überhaupt nicht zum Aushalten. Kaum ein Mensch, der ein vernünftiges Wort Englisch versteht. Keiner, mit dem man Golf oder Kricket spielen kann. Schauderhaft langweilig, sage ich Ihnen, Mac Andrew.«

»Hilft nichts, Morton. Die Geschichte haben Sie sich selber eingebrockt. Sie können aber doch mit Jefferson spielen. Der ist früher ein vorzüglicher Golfspieler gewesen.«

»Früher vielleicht, Mac Andrew. Ein halb verblödetes Wrack ist der Kerl heute. Haut dreimal daneben, bis er einmal den Ball trifft. Der Teufel soll mit dem spielen! Einmal habe ich's versucht, einmal und nicht wieder. Gefährlich ist der Idiot dabei. Wie er da neulich mal mit dem Schläger zuhieb, an dem Ball natürlich vorbei, aber mir um ein Haar an den Schädel. Schien mir förmlich Absicht von dem verrückten Büffel zu sein. Wenn ich mich nicht blitzartig geduckt hätte, wär's aus mit mir gewesen. Na, der hat ein Ding wiedergekriegt, an das er trotz aller Blödigkeit denken wird. Mit dem spiele ich nicht mehr, no, Sir! Da gehe ich schon lieber mit Ihren Fischern auf den Loch Kilbreck Salme fangen.«

Mac Andrew konnte ein Lächeln nicht unterdrücken. »Kommt alles von Ihrer Unbesonnenheit, Morton. Welcher Teufel trieb Sie, den Bouton knockout zu schlagen?« Er wurde wieder ernst. »Denken Sie etwa, daß ich Sie gern im Geschäft entbehre? By Jove nicht. Schlechte Nachrichten von überall. Fehlen uns jetzt tüchtige Leute an allen Ecken und Enden. Wissen Sie schon, daß X. C. 17 aus Gorla fliehen mußte?«

Morton sah ihn erstaunt an. »Keine Ahnung, Mac Andrew. Was ist da vorgekommen?«

»Habe selbst noch keine Einzelheiten, Morton. Weiß nur, daß er bei Rasmussen untergekrochen ist und dringend um neue Papiere geschrieben hat.« Er deutete auf einige Schriftstücke. »Ist schon alles besorgt. Neuer Paß auf den Namen Müller. Habe mir sagen lassen, daß Müller ein sehr guter deutscher Name sein soll, ähnlich wie unser englischer Miller. Man sagt ja, daß es ein Volk gibt, das Miller heißt. X. C. 17 hat außerdem noch einen Automobilführerschein verlangt. Merkwürdige Leute in Germany! Schreiben vor, daß jeder einen Schein besitzt, der einen Wagen fahren will. Geht bei uns in Schottland auch ohne solche Umstände. Ist jedenfalls alles bereit. Das Flugzeug wird die Papiere gleich bis London mitnehmen.«

»Ein Flugzeug? Wie kommen Sie auf diesen Gedanken, Mac Andrew? Wie soll in diese verlassene Gegend ein Flugzeug kommen?«

Mac Andrew blickte auf die Uhr. »Ich wundere mich, daß es noch nicht da ist. Ich erwarte van Holsten. Er soll auf dem Flugplatz in Henderson ein Privatflugzeug chartern und ohne Aufenthalt nach Duncan-Castle weiterfliegen.«

Morton zuckte die Achseln. »Ein Flugzeug nach hier? Hat doch gar keine Landungsmöglichkeit! Der Pilot wird sich hüten.«

»Sie vergessen unsern Loch Kilbreck, Morton. Einen besseren Platz für Wasserflugzeuge dürfte es kaum geben. Wenn ich mich nicht täusche ...« Er trat an das Südfenster und blickte hinaus. »Das klingt nach Propellergeräusch. Ah, sehen Sie, Morton! Da hinten über der Meviskuppe kommt es.«

Schnell wurde das Flugzeug größer. Nun stand es über dem Loch Kilbreck, beschrieb einen Kreis und ging im spiralförmigen Gleitflug auf die Wasserfläche nieder. Wie eine Gondel trieb es auf der Wasserfläche weiter und machte am Bootssteg von Duncan-Castle fest.

Nur ein einziger Fluggast kam an Land, van Holsten, der heute brünett und verhältnismäßig schlank aussah. Mehr durch Gebärden als durch Worte wies ihm einer der keltischen Bediensteten den Weg zum Turmzimmer. Ein kräftiger Händedruck, eine kurze Begrüßung. Er warf sich in einen der altersgrauen Sessel und verschwand beinahe darin.

»Soll ich Ihnen eine Erfrischung kommen lassen, van Holsten?«

»Nicht nötig, Mac Andrew! War alles im Flugzeug vorhanden.«

»Well, dann sprechen Sie! Wie war's in Port Said?«

»Halb so und halb so, Mac Andrew.«

»Verstehe nicht. Reden Sie deutlicher!« knurrte Morton dazwischen.

»Gentlemen, was den neuen Polizeikommandeur betrifft, so ist es verdammt schwer, an den heranzukommen. Das Zauberwort im Orient heißt Bakschisch. Das fängt bei den Türschließern an und geht bis zum Pascha. Mit beiden Pfoten nehmen die Kerle, und wenn sie vier hätten, würden sie mit vieren nehmen.«

Mac Andrew runzelte die Stirn. »Wir wissen, van Holsten, daß Ihre Aufgabe nicht einfach ist. Die Hauptsache: wie weit sind Sie gekommen?«

»Bis an die dritte Instanz, Mac Andrew. Die habe ich sicher. Ein Schriftstück, das uns interessiert, kommt jetzt nicht mehr aus den Büros heraus, ohne daß wir's erfahren. Die zweite Instanz habe ich in der Arbeit. Hoffe sie bald zu haben. Aber ...«

»Aber? Was für ein Aber?« unterbrach ihn der Chef.

»Die erste Instanz, Mac Andrew, die oberste, der Kommandeur selber! Unmenschlich schwer ist es, an den ran zu kommen. Der ist wie der Glasberg aus der Sage. Man gleitet an ihm ab und kann sich unter Umständen das Genick brechen.«

»Nicht gerade erfreulich, van Holsten! Glauben Sie, daß Sie's schaffen werden?«

»Ich hoffe, ja. Denke immer noch, daß es nur das alte Spiel ist, um den Preis möglichst hoch zu treiben. Man tut so lange unnahbar, bis genug geboten wird, und dann schlägt man zu. Wenn es gut geht, kann ich ihn bei meinem nächsten Besuch in Port Said in der Tasche haben.«

»Dann gehe ich nach Ägypten«, fuhr Morton dazwischen.

Mac Andrew sah den Holländer prüfend an. »Sie sehen so aus, van Holsten, als ob Sie noch andere Neuigkeiten auf Lager haben. Täusche ich mich oder ist's so?«

»Sie haben recht, Mac Andrew.« Van Holsten warf sich in den Sessel zurück. »Gentlemen, ich sehe neue große Möglichkeiten für unser Geschäft, die wir bisher unbegreiflicherweise übersehen—jedenfalls noch nicht ausgenutzt haben.«

Gespannt blickten ihn seine beiden Partner an.

Eine Weile ließ er sie warten, dann fuhr er fort: »Gentlemen, haben Sie jemals die Tatsache in Ihre Rechnung einbezogen, daß das diplomatische Gepäck—darunter versteht man das Gepäck aller diplomatischen Vertreter vom Gesandten bis zum letzten Konsulatsbeamten—exterritorial ist? Haben Sie jemals den Umstand benutzt, daß dieses Gepäck jede Zollschranke unkontrolliert und ungeöffnet überschreitet? Wenn Sie's bisher nicht getan haben, Gentlemen, dann haben Sie sich viel entgehen lassen.«

Morton lachte spöttisch auf. »Feiner Gedanke von Ihnen, van Holsten! Der deutsche Botschafter in Paris wird großen Wert darauf legen, für uns Heroin aus Gorla in seinem Gepäck nach Frankreich mitzunehmen.«

Mac Andrew zuckte die Achseln. »Eine Möglichkeit wär's vielleicht. Aber ich fürchte, die Sache wird viel teurer als unsere bisherigen Verfahren.«

»Falsch, Mac Andrew, ganz falsch!« fiel ihm van Holsten ins Wort. »Natürlich an den deutschen Botschafter, den Morton hier nannte, dürfen wir dabei nicht denken. Aber die exotischen Herrschaften, diese Konsuln und Gesandten von China und Afghanistan und Beludschistan und Konkaragua und was weiß ich sonst noch, die sitzen da in den Hauptstädten und bekommen ihr Gehalt teils gar nicht und teils nur sehr bruchstückweise. Die sind auf Nebengeschäfte angewiesen und zu billigen Preisen zu haben, besonders jetzt, wo der Verkauf von allerlei exotischen Würden an titelsüchtige Narren anfängt schlechter zu gehen.«

Mac Andrew unterbrach ihn. »Das ist nicht uninteressant, was Sie uns erzählen, van Holsten. Sie haben in der Tat recht. Darauf läßt sich vielleicht ein neues großes Geschäft begründen. Haben Sie in der Angelegenheit schon etwas unternommen?«

»Yes, Sir, ich habe mit dem Vertreter von Beludschistan in Alexandria Fühlung genommen. Der Mann ist mit Vergnügen auf meine Vorschläge eingegangen. Seine Kuriere können auf ihren Reisen durch Deutschland jedesmal bequem einen Zentner mitnehmen.«

»Wie oft?« unterbrach ihn der Chef.

»Gegenwärtig kommt nur jeden Monat ein Kurier. Wenn es sich lohnt, kann auch jede Woche einer reisen.«

Mac Andrew griff nach einem Blatt Papier und warf Zahlen darauf. »Vier Zentner im Monat. Ein Posten, der nicht zu verachten ist.«

»Besonders deshalb nicht, Mac Andrew, weil dieser Mann aus Beludschistan nur einer von vielen ist. Es gibt Dutzende von der Sorte, mit denen wir das gleiche Geschäft machen können.«

Mac Andrew rechnete auf dem Blatt weiter. »Es käme auf die Kosten an, van Holsten. Was verlangt der Mann aus Beludschistan dafür?«

»Es ist bescheiden, Mac Andrew. Für das, was mit dem jetzigen Kurierdienst geht, nur zehn Prozent des Verkaufswertes. Wenn er den Dienst unsertwegen verstärkt, müssen wir allerdings noch etwas zu den Kosten beitragen.«

»Wieviel, van Holsten?«

»Ich habe ihm fünfzehn Prozent vorgeschlagen. Dann ist's für uns eine glatte Rechnung, und er kann uns nicht mit allerhand Sonderspesen kommen.«

Wieder raschelte der Bleistift in Mac Andrews Hand über das Papier. »Well, van Holsten, das Geschäft können wir machen. Bringen Sie mit dem Mann alles ins reine, sobald Sie wieder in Ägypten sind. Versuchen Sie bei der Gelegenheit noch andere ähnliche Verbindungen zu bekommen! Ich werde Ihr Konto in Kairo noch heute auf dreitausend Pfund aufschütten lassen.«

»Well, Sir!«

Van Holsten erhob sich und ging. Wenige Minuten später dröhnten vom See her die Motoren. In schnellem Fluge entführte ihn der schimmernde Vogel wieder nach Süden.


9. DIE SCHLINGE ZIEHT SICH ZUSAMMEN

Die »Saravia«, Heimathafen Hamburg, Kapitän Lornsen, war auf der Fahrt nach Newyork seit zwei Tagen in See. In der Schiffsliste war unter den Fahrgästen der ersten Klasse ein Monsieur Konstantinos Megastopoulos, Kunsthändler aus Paris, eingetragen.

An diesem Vormittag blieb Monsieur Megastopoulos in seiner Koje liegen, denn die See war in einem bösen Aufruhr. Im Laufe der letzten vierundzwanzig Stunden war der Südost, mit dem die »Saravia« noch bei Cuxhaven die Elbe verlassen hatte, in einen steifen Nordost umgeschlagen. Kreuz und quer liefen die Wogen durcheinander und ließen den Zwanzigtausendtonnenleib der »Saravia« kräftig tanzen.

Auf seinen früheren Reisen hatte der Grieche kaum mit der Seekrankheit zu tun gehabt, doch jetzt lernte er die Nordsee mit allen ihren Tücken kennen. In empfindlichster Weise bekam er zu spüren, daß jene kurzen, unregelmäßigen Wellen, wie sie hier bei einem Wechsel der Windrichtung auftreten, hundertmal unangenehmer sind als die langen, gleichmäßigen Roller des Atlantik.

Die Fensterläden seiner Kabine waren geschlossen, und die Nachttischlampe verbreitete ein schwaches, unsicheres Licht im Raum. Regungslos lag er in seiner Koje. Nur wenn das würgende Gefühl in seinen Eingeweiden übermächtig wurde, brachte er den Kopf mit Mühe und Not über die Bettkante und beugte ihn über ein Blechgefäß, das der Steward in weiser Voraussicht kommender Ereignisse hingestellt hatte.

»Kommen Sie zu mir rüber, Jensen!« rief im Speisesaal Kapitän Lornsen dem Ersten Offizier zu. »Heute bleiben wir anscheinend unter uns. Ist kein Dinerwetter für Landratten. Da spart die Reederei mal wieder ordentlich an Verpflegung.«

Die beiden Seebären ließen sich durch das schlechte Wetter wenig stören und taten dem reichhaltigen Essen alle Ehre an. Munter flogen Rede und Gegenrede dabei hin und her, als plötzlich beide gleichzeitig aufmerkten.

»Alle Wetter, was ist das?« Der Kapitän warf das Mundtuch hin. »Die Maschinen stoppen, schlagen rückwärts.« Schon war er aufgesprungen und eilte, von dem Ersten Offizier gefolgt, auf die Kommandobrücke. »Was ist los, Wulf?« fragte er den Wachthabenden.

Dieser grüßte und meldete: »Treibender Ballonkorb Backbord neben uns. Wird eben an Bord gehißt.«

Der Kapitän begriff im Augenblick. Vierundzwanzig Stunden nach ihrer Ausfahrt hatte der Bordfunker ein Telegramm aus Norddeich aufgenommen, eine Mitteilung, daß der Freiballon »Greif« mit Insassen in die Nordsee abgetrieben sei. Alle Schiffe wurden gebeten, Ausschau danach zu halten.

»Einen Ballonkorb, Wulf? Haben Sie sich am Ende nicht geirrt und die »Saravia« um irgendeinen alten Äppelkorb stoppen lassen?«

»Nein, Herr Kapitän, es ist ein Ballonkorb.«

»Kommen Sie, Jensen!«

Zusammen mit seinem Ersten Offizier ging er nach dem Hinterschiff, wo einer der Bordkräne über die Reling ausgeschwenkt wurde.

»Haken faßt, laht de Winsch gahn!« schrie ein Matrose einem andern zu. Ratternd setzte sich das Windengetriebe in Bewegung. Die Krankette straffte sich. Triefend und schaukelnd stieg ein viereckiger gelber Korb neben der Schiffswand in die Höhe. Jetzt schwebte er über der Reling.

Lornsen packte seinen Ersten am Arm. »Dunnerschlag, Jensen! »Greif«, da steht's am Korb.«

Der Erste Offizier schüttelte den Kopf. »Ja, Käpten! Dat helpt uns man nich veel. Den Korb hätten wi woll, aber wo is de Ballon? De armen Lüt werden woll all versapen sind.«

Während Jensen derart seiner Meinung Ausdruck gab, hatten die Matrosen den Korb vom Kranhaken losgemacht und auf das Deck gestellt. Er war vollkommen leer, keine Spur von Instrumenten, Lebensmitteln oder Kleidungsstücken darin.

»Nix in, Käpten! Daor hett de Magistrat fegt«, meinte der Erste.

Der Kapitän schüttelte den Kopf. »Das wird wohl die See getan haben, Jensen. Aber sehn Sie mal hier«—er griff nach einem der Tragseile, das einen unversehrten Knebel an seinem Ende trug—»der Korb ist nicht abgerissen, der ist sauber ausgeknebelt worden. Das erklärt manches.«

Der Erste Offizier sah ihn fragend an.

Lornsen sprach weiter: »In der höchsten Not haben die Leute sich auf den Ballonring geflüchtet und den Korb ausgeknebelt, um neuen Auftrieb zu gewinnen, ihr Leben weiterzufristen, freilich nur für kurze Zeit. Von dem Korb entlastet, wird der Ballon noch mal einen gehörigen Sprung gemacht haben, ist vielleicht sogar noch mal tausend Meter hochgegangen. Aber danach muß ja doch der letzte unerbittliche Fall kommen, den nichts mehr aufhalten kann. Setzen Sie für alle Fälle noch einen zweiten Mann in den Ausguck! Eine treibende Ballonhülle ist weit zu sehen. Die Leute sollen scharf aufpassen. Sie können ihnen sagen, daß der Erfurter Verein eine anständige Belohnung für den Finder des Ballons ausgesetzt hat. Lassen Sie auch nach Norddeich funken, daß die »Saravia« den Korb des »Greif« geborgen hat. Geben Sie als Fundstelle das Mittagsbesteck an.« (Mittagsbesteck bedeutet den um Mittag mit astronomischen Mitteln festgestellten Standort des Schiffes.)

Der Kapitän ging in den Speisesaal zurück, während der Erste Offizier die erhaltenen Befehle ausführte. Für ihn lohnte es sich nicht mehr, zu dem inzwischen doch kalt gewordenen Kaffee zurückzukehren, da seine eigene Wache in wenigen Minuten begann.


Im gewohnten Gleitschritt ging Jensen seit zwei Stunden auf der Brücke auf und ab. Nur gelegentlich unterbrach er seine Wanderung, um einen Blick ins Ruderhaus zu werfen und den Mann am Ruderrad zu beaufsichtigen. »Alle Wetter, Peters, passen Sie auf!« schnauzte er diesen jetzt an. »Der Kahn giert nach allen Richtungen. Halten Sie doch den angegebenen Kurs!«

Er wollte noch weiterreden, als von dem Ausguck am Fockmast her laute Rufe ertönten. Wie wild fuchtelten die beiden Leute, die er vor kurzem da hinaufgeschickt hatte, mit den Armen und schrien aus vollen Lungen. »Ballon halb Steuerbord voraus!«

Er blickte dorthin, suchte vergebens und griff nach dem scharfen Glas. Durch das sah er etwas Gelbliches, Kugeliges weit voraus dicht über dem Wasser. Flog's noch oder trieb's schon? Er konnte es nicht unterscheiden.

»Zwei Strich nach West!« kam sein Befehl an den Rudergänger. Dann griff er zum Telephon, und dann stand Lornsen neben ihm auf der Brücke. Unverwandt starrten die beiden Männer auf das gelbe Etwas, das im Laufe der nächsten Viertelstunde immer größer wurde und immer schärfere Formen gewann.

»Alle Wetter, Käpten, es ist der »Greif«!«

»Muß wohl, Jensen! Aber der treibt schon. Wenn er bei dem Wind noch flöge, könnten wir ihn nicht so schnell aufholen!« Er blickte auf die Schaumkronen rings umher. »Den Ballon werden wir, denke ich, bergen können. Aber die Leute ... ich fürchte, Jensen, da kommen wir zu spät. Zu grob ist die See.«

Nur noch wenige hundert Meter trennten die »Saravia« von der treibenden Hülle des »Greif«.

»Sehen Sie das Schwarze an dem Netz, Jensen?«

»Wo Käpten?«

»Da! Etwa im ersten Drittel der Ballonhöhe unter dem E und dem I vom Namen Greif.«

Jensen versuchte sein Glas noch schärfer einzustellen. »Wahrhaftig, Sie haben recht! Das sieht fast wie ein Mensch aus. Als ob sich da einer von der Besatzung in das Netz gerettet und festgebunden hat. Nu ward dat aber Tid, wenn wir den noch lebendig kriegen wollen.« Er griff zum Telephon, denn der Befehl, den er geben wollte, stand nicht auf dem Maschinentelegraphen. »Äußerste Kraft voraus! Stärkste Zylinderfüllung!«

Kurze Rückfrage aus der Maschine und Bestätigung des Befehls. Ein Schüttern ging durch den Rumpf der »Saravia«. Wild peitschten ihre Schrauben die See, ihre Maschinen gaben das Letzte her.

Dann lag sie neben der halbgeblähten Hülle, während die Schrauben rückwärts schlugen. In halber Höhe mit einem Strick über der Brust in das Netz geknotet, hing regungslos ein Mensch, ein junger Mensch. Bisweilen erreichte ihn eine hohe Woge und übergoß ihn mit schäumendem Gischt.

Der Deckkran schwenkte aus. Auf seinem Haken stand ein Matrose, ein Seil in der freien Hand. Jetzt schwebte er neben dem Leblosen. Dann beugte er sich und griff zu. Ein scharfer Schnitt, die Fessel fiel, er hielt ihn im Arm.

»Hiß on, Tetje!«

Der Haken ging in die Höhe.

So kam Rudi an Bord der »Saravia«, besinnungslos, erschöpft bis zum äußersten, dicht an jener schmalen Grenze schon, die Tod und Leben voneinander scheidet. Als kräftige Arme nach ihm griffen und ihn unter Deck trugen, beförderte Monsieur Megastopoulos gerade wieder eine größere Portion, die früher einmal schwarzer Tee gewesen war, in seinen Blecheimer.

Noch ein zweites Mal ging der Kranhaken nach unten und stieg wieder empor. Dann lagen auch Netz und Hülle des »Greif« geborgen auf dem Deck.

Lange Zeit dauerte es, bis mit endlosem Reiben und Massieren und mit viel heißem Tee der Bewußtlose wieder in das Leben zurückgerufen war. Bis auf den Tod hatte die fürchterliche Sturmfahrt ihn erschöpft, schwer hatten die Brecher der groben See ihn mitgenommen. Doch Lornsen griff selber tatkräftig zu, feuerte den Schiffsarzt und seine Sanitäter zu immer neuen Bemühungen an und ließ nicht nach, bis nach Stunden wieder Leben in die erstarrten Glieder zurückkehrte, das Rettungswerk gelungen und der Geborgene außer Gefahr war.

Ein langer, tiefer Schlaf, ein wohltätiger Schweißausbruch, dann war die Krisis überwunden. Und dann saß der Kapitän lange neben der Koje des Geretteten und hörte, was dieser erzählte. Allmählich nur begriff er, daß es keine reine Ausgeburt einer wilden Fieberphantasie gewesen war, was der junge Mensch da zuallererst unter den Händen seiner Retter gestöhnt und gestammelt hatte, sondern grausige Wirklichkeit.

Dann flogen aus der Antenne der »Saravia« Depeschen durch den Äther. Die eine war für Norddeich bestimmt, eine Meldung, daß auch die Hülle des »Greif« geborgen sei. Von einer Rettung Überlebender stand nichts darin. Die zweite Depesche war für Paris bestimmt. Ihre Adresse lautete: Doktor Gransfeld, zurzeit Waldorf-Astoria-Hotel.

* * * * *

Die Funkdepesche von der »Saravia« veranlaßte Gransfeld zur sofortigen Abreise. Mit dem Nachtzug verließ er Paris und erreichte bei anbrechender Morgendämmerung Cherbourg. Unmittelbar nach der Ankunft begab er sich zum Hafen. Hier war das dröhnende Leben des Werktages noch nicht erwacht. Verlassen und menschenleer dehnten sich die weiten Kaianlagen im bleigrauen Morgenlicht. Ein leichter Nebel lag über dem Wasser und behinderte die Fernsicht. Er blieb einen Augenblick stehen und blickte sich suchend um, als das Aufheulen einer Dampfpfeife ihm den weiteren Weg wies. Noch eine Strecke von wenigen hundert Metern, und er gelangte an einen Zollschuppen. Unmittelbar davor hatte der Tender festgemacht, auf dem sich schon ein halbes Hundert Personen befanden.

Fragend wandte er sich an einen Matrosen, der am Pier stand. »L'aviso pour la »Saravia«?«

»Oui, Monsieur, pour la »Saravia« et pour la »Moravia«.«

Über den Laufsteg ging er an Bord und machte es sich auf dem Vorderdeck bequem. Es war noch reichlich Zeit bis zum Abgang des Tenders, und während eine Viertelstunde nach der andern verstrich, kamen immer noch mehr Leute auf das Schiff. Endlich heulte die Pfeife zum dritten Male, das Boot machte los und dampfte durch den Hafen hinaus auf die offene Reede. Fast eine Stunde währte die Fahrt, dann setzten die Maschinen aus. In der wogenden Dünung auf und ab schaukelnd, blieb der Tender auf einer Stelle liegen. Leicht fröstelnd zog sich Gransfeld den Mantel dichter um die Schultern. »Reichlich viel Zeit lassen sich die Leute hier«, murmelte er vor sich hin and zündete sich eine neue Zigarette an.

Wieder und wieder schrie die Dampfpfeife des Tenders in immer kürzeren Pausen heiser und grell auf. Und dann klang's plötzlich wie ein gewaltiges dunkles Echo aus der nebligen Ferne. Von irgendwoher antwortete die mächtige Sirene eines großen Seedampfers im tiefen Baß auf das heisere Kläffen der Tenderpfeife. Mit Ruf und Gegenruf ging das Spiel hin und her, während die Maschine wieder zu arbeiten begann. Aus nächster Nähe brüllte jetzt der Riesenbaß, und dann tauchten ganz plötzlich die gewaltigen Formen eines Ozeanriesen aus dem Nebel auf.

Der Tender kam längsseit an die »Saravia« heran. Leinen wurden geworfen und schwere Taue daran nachgezogen. Wie durch Zauberhand öffnete sich eine breite Pforte am Riesenleib der »Saravia« in Deckhöhe des kleinen Tenders, und eine Laufbrücke wurde von Schiff zu Schiff geschoben. Unter den ersten, die die »Saravia« betraten, war Gransfeld.

Eine Gestalt sprang ihm entgegen. »Herr Doktor!«

»Rudi! Mein lieber Junge!«

Im nächsten Augenblick warf dieser die Arme um ihn, und herzhaft erwiderte Gransfeld die Umarmung.

Er wollte sprechen, wollte fragen, doch Rudi ließ ihn nicht zu Worte kommen. »Schnell zum Kapitän, Herr Doktor! Es ist viel geschehen! Oh, wenn Sie das alles wüßten! Sie werden sich nicht schlecht wundern.«

Während Gransfeld ihm folgte, hörte er mit Fragen nicht auf. »Was ist, Junge? Was ist geschehen? Sprich doch!«

Rudi verhielt den Schritt. »Herr Doktor, Megastopoulos ist an Bord.«

»Was? Wie? Unmöglich!«

»Doch, doch, Herr Doktor! Kommen Sie nur gleich zum Kapitän«, er zog den Zaudernden mit sich, »da werden Sie alles erfahren.«

Über die große Treppe eilten sie auf das Oberdeck, und dann stand Gransfeld vor Lornsen.

»Herr Kapitän, wie soll ich Ihnen danken? Sie—Ihr Schiff—Ihre Mannschaft—den Jungen haben Sie mir aus höchster Not gerettet.«

Seine Worte brachten den alten Seebären in Verlegenheit. Der versuchte ihn zu unterbrechen und den Dank abzuwehren »Schon gut, Herr Doktor! Keine Ursache. Unsere Pflicht. Seemannspflicht. War allerdings hohe Zeit, daß wir ihn fanden. War schon so ziemlich Matthäi am letzten mit dem Jungen.«

Noch einmal setzte Gransfeld an, um seinen Dank in zusammenhängenden Worten auszudrücken. Da ging Kapitän Lornsen zu einem Regal. Wieder fiel er Gransfeld in die Rede. »Kennen Sie das, Herr Doktor?« Dabei zog er den Vorhang vor dem Regal zur Seite. Eine Statuette stand da, ein Bildwerk aus grün geädertem Nephritstein. Ägyptisch war der Stil. Irgendeinen alten Gott oder Herrscher mochte sie wohl darstellen.

Einen Augenblick hatte Gransfeld das Gefühl, als wanke der Boden unter ihm. »Die Statuette des Sethos! Meine Statuette! Mein Eigentum! Wie kommt sie hierher?«

Lornsen bot ihm einen Stuhl an. »Setzen Sie sich, Herr Doktor! Die Geschichte ist zu lang, um im Stehen erzählt und angehört zu werden.« Auch der Kapitän setzte sich und begann zu berichten. »Als wir Ihren Jungen wieder einigermaßen flott hatten, da erzählte er tolle Geschichten. Erst hielt ich's immer noch für Fieberphantasien und wollte es nicht glauben. Aber endlich mußte ich's glauben. Braver Kerl, ein Mordskerl!« Er schlug Rudi anerkennend auf die Schulter. »Alle Wetter, was hat der Junge alles erlebt und mitgemacht. Erzählte von Morton und van Holsten, von Altmüller und der ganzen Verbrecherbande. Als er aber den Namen Megastopoulos nannte, da fiel mir ein, daß der ja in unserer Schiffsliste stand! Halt! dachte ich bei mir, hier kannst du die Probe aufs Exempel machen, ob der Junge die Wahrheit sagt. Auf der Nordsee ging allerdings das, was ich mir vorgenommen hatte, nicht, weil der Grieche die ganze Zeit seekrank in seiner Koje lag. Aber im Kanal wurde das Wetter besser. Da kam er rausgekrochen, und ich habe die erste Gelegenheit benutzt, um seine Kabine mal sehr gründlich zu durchsuchen. Nette Sachen mußte ich da entdecken!«

»Und dabei haben Sie die Statuette gefunden?« fiel ihm Gransfeld ins Wort.

Lornsen schüttelte den Kopf. »Nein, aber Rauschgifte, pfundweise, kiloweise! Morphium. Kokain, Heroin, alles war da, was man sich nur wünschen konnte.

Auf Grund dieses Fundes habe ich mich dann für berechtigt gehalten, im Laderaum das große Gepäck dieses bedenklichen Fahrgastes einer sehr ausgiebigen Untersuchung zu unterziehen. Da fanden sich auch noch Rauschgifte über Rauschgifte, und außerdem entdeckte ich die Statuette da, von der Ihr Junge mir erzählt hatte. Es wäre vorteilhaft, wenn Sie sich als der rechtmäßige Besitzer ausweisen könnten.«

»Das kann gleich geschehen, Herr Kapitän. Ich trage die Beweise stets bei mir. Hier«—er legte ein Schriftstück auf den Tisch—»ist der Kaufvertrag meines verstorbenen Oheims mit einem ägyptischen Händler, von dem er die Statuette erworben hat, und hier«—er fügte einige Photos hinzu—»sind die Aufnahmen, die die Echtheit des Bildwerkes dartun.«

Lornsen las den Vertrag und gab ihn Gransfeld zurück. »Wenn ich Sie recht verstanden habe, Herr Doktor, beschuldigen Sie diesen Monsieur Megastopoulos des Diebstahls.«

»So ist es, ich beschuldige ihn des Diebstahls dieser Statuette. Ich beschuldige ihn außerdem des Mordversuches, und ich beschuldige ihn—des Mordes!«

»Das vereinfacht die Angelegenheit. Ich könnte den Kerl in Newyork den amerikanischen Behörden übergeben als verdächtig des Rauschgifthandels. Mit Samthandschuhen würden die ihn sicher nicht anfassen. Aber ich habe keine Lust, den Menschen erst noch bis Newyork mitzuschleppen. Nachdem Sie als Ankläger bei mir aufgetreten sind, geht die Sache einfacher und bequemer.«

»Wollen Sie ihn hier den französischen Behörden ausliefern, Herr Kapitän?« fragte Gransfeld. »Dann müßte ich wohl für die Dauer des Prozesses in Frankreich bleiben.«

Lornsen schüttelte den Kopf. »Ich denke nicht daran, Herr Doktor. Auf Ihre Anklage hin werde ich ihn mit dem nächsten deutschen Schiff nach Hamburg zurückschicken. Unser Schwesterschiff, die »Moravia«, von Newyork kommend, soll sich planmäßig hier auf der Reede mit uns treffen und unsere Post für Deutschland übernehmen. Die kann den Kerl auch mitnehmen.«

»Dann werden auch wir mit der »Moravia« nach Hamburg fahren, Rudi!«

Gransfeld ließ sich noch einmal nieder und zog Scheckbuch und Füllfederhalter aus der Tasche. Die Feder flog über das Papier. Eine anständige Summe war es, die da in Ziffern und Buchstaben geschrieben wurde. »Gestatten Sie mir, Herr Kapitän, als Zeichen meiner Dankbarkeit, bitte, dies für Ihre Leute, die mir den Jungen gerettet haben.«

»Nicht für die, Herr Doktor! Die werden ihre Belohnung von dem Erfurter Verein für die Bergung des Ballons bekommen. Für das Seemannshaus in Hamburg nehme ich Ihren Scheck gern.«

»Wie Sie wünschen, Herr Kapitän.« Lornsen nahm den Scheck und verschloß ihn in einem Safe.

Ein Händedruck, Gransfeld und Rudi verließen die Kapitänskabine.

Als sie auf Deck kamen, brummte eine andere tiefe Sirene durch den lichter werdenden Nebel. Die »Moravia« kam heran und legte nur wenige hundert Meter von der »Saravia« entfernt still.


Monsieur Megastopoulos war kein Frühaufsteher. Er lag noch im Bett, als es dauernd und kräftig an seine Kabinentür klopfte.

»Dammie! D'ont trouble me!« rief er schlaftrunken, in der Meinung, daß irgendein ungeschickter Steward ihn in seiner Morgenruhe störte.

»Öffnen Sie Ihre Tür, Herr Megastopoulos!« tönte es von draußen zurück.

»Ich denke gar nicht daran. Ich verbitte mir die Störung«, antwortete er, inzwischen völlig munter geworden. »Was ist das für eine gemeine Art, die Fahrgäste aus dem besten Schlaf zu holen!«

»Im Namen des Gesetzes, öffnen Sie, oder ich lasse die Tür aufbrechen.«

Dem Griechen stockte der Herzschlag. Im Namen des Gesetzes? Was war das? War französische Polizei an Bord? Verlangte diese etwa seine Auslieferung? Fieberhaft überschlug er sein Sündenregister. Das war wahrhaftig nicht kurz, aber Frankreich kam kaum darin vor. Unmöglich, daß die französische Polizei etwas von ihm wollte. Ein Irrtum mußte das sein, der sich gewiß schnell aufklären würde. Etwas beruhigt sprang er auf und begann sich anzukleiden.

»Wollen Sie öffnen, oder ...«

Noch ehe er antworten konnte, gab's einen kurzen, scharfen Stoß, der den Riegel sprengte. Die Tür ging auf, der Erste Offizier trat in die Kabine.

»Mein Herr, ich protestiere! Das grenzt an Vergewaltigung. Ich werde mich beschweren«, schrie Megastopoulos den Eintretenden wütend an.

»Ziehen Sie sich man erst die Buxen an, Herr Megastopoulos! Nachher können Sie ja weiter protestieren«, unterbrach ihn Jensen gleichmütig.

Während der Grieche in seine Beinkleider schlüpfte, fuhr er fort zu schimpfen. »Unerhört ist das! Wie kommen Sie dazu, gewaltsam bei mir einzudringen?«

»Dat wird Ihnen unser Käpten gleich selber seggen, Herr Megastopoulos. Ziehen Sie sich man ein büschen fix weiter an, dat Sie ihn anständig empfangen können.«

Mit zitternden Fingern knüpfte der Grieche sich den Schlips und warf den Rock über.

»So, nu geit dat ja, Herr Megastopoulos. Nu, kommen Sie man ein büschen mit!«

Der Grieche hatte inzwischen mit Erleichterung festgestellt, daß nirgends französische Polizeiuniformen sichtbar waren.

»Ich denke gar nicht daran, Herr—Herr ...«

»Jensen ist mein Name, Herr Megastopoulos.«

»... Herr Jensen. Wenn jemand von mir etwas will, so soll er gefälligst zu mir kommen.«

»Dat möten Sei schon unsen Käpten överlaten, wie hei dat maken will. Der läßt Sie recht herzlich in seine Kabine einladen. Ik glöv, de hett allerhand to vertellen.«

Monsieur Megastopoulos machte keine Miene, dieser so treuherzig vorgebrachten Einladung zu folgen, sondern fuhr fort, seinem Herzen kräftig Luft zu machen.

Da winkte Jensen den Gang entlang. »Hallo, Hein! Hallo, Tetje! Kommt mal ein büschen hierher!«

Im nächsten Augenblick tauchten zwei recht handfest gebaute Matrosen neben ihm auf.

»Na, Herr Megastopoulos! Geiht dat nu bald gutwillig, oder ...?«

Der Grieche sah ein, daß Widerstand vergeblich war. Einen Matrosen an jeder Seite, folgte er dem Ersten Offizier durch den Gang zu der Kapitänskabine. Jensen ließ ihn eintreten und ging mit den Matrosen gleich wieder hinaus. Der Grieche blieb mit dem Kapitän allein im Raum.

»Guten Morgen, Herr Megastopoulos!«

»Ich danke für Ihren guten Morgen. Ein schöner Morgengruß, wenn man so rücksichtslos aus dem Schlaf geholt wird! Ich verlange Aufklärung! Was soll das bedeuten? Unerhört! Ich werde mich bei der Reederei beschweren, Herr Kapitän. Freiheitsberaubung—Vergewaltigung ...«

Lornsen ließ ihn ruhig reden, bis es klopfte. Jensen, in den Händen ein Tablett, auf dem sich eine Anzahl von Blechdosen und Beuteln befanden, kam herein und stellte sich hinter Megastopoulos. Jetzt unterbrach der Kapitän den Griechen. »Herr Megastopoulos, wenn Sie mit Ihrem Verzähl fertig sind, dann können Sie mir vielleicht sagen, was das da zu bedeuten hat?«

Dem weisenden Finger Lornsens folgend, drehte der Grieche sich um. Wie auf den Mund geschlagen verstummte er. Alles, was er an Rauschgiften in seinem großen Gepäck sowohl wie in seinem kleinen Koffer mit auf das Schiff genommen hatte, lag da auf dem Tablett fein säuberlich ausgebreitet vor seinen Augen.

»Ich erwarte eine Aufklärung von Ihnen, Herr Megastopoulos.«

Der Gefragte schwieg.

»Es dürfte Ihnen bekannt sein, Herr Megastopoulos, daß die Mitnahme derartiger Rauschgiftmengen gegen die Beförderungsbestimmungen verstößt. Wie haben Sie sich das eigentlich in Newyork gedacht? Sie wollen mir doch nicht vorreden, daß Sie das Zeug da auf rechtmäßigem Wege durch die Zollsperre bringen können? Wollen Sie sich nicht rechtfertigen?«

Ein drückendes Schweigen herrschte in der Kabine.

»Es ist höchste Zeit, Herr Megastopoulos. Wenn Sie etwas zu Ihrer Entschuldigung zu sagen haben, müssen Sie es jetzt sagen. Sonst müßte ich Sie als überführten Rauschgiftschmuggler behandeln.«

Der Grieche versuchte zu sprechen, stammelte, brachte endlich Worte heraus. »Unerhört, Herr Kapitän! Ich bin kein Schmuggler, ich bin Kunsthändler, wie es in der Passagierliste steht.«

»Soso, Herr Megastopoulos! Gehört das auch zum Kunsthandel?«

Lornsen zeigte auf das Tablett, das Jensen dem Griechen schmunzelnd vor die Nase hielt.

»Das—das sind meine Privatangelegenheiten. Unglaublich, die Sachen hinter meinem Rücken aus dem Gepäck zu nehmen! Sie wissen ja gar nicht, was ich damit vorhabe, ob ich nicht die Absicht hatte, die Sachen mitten im Atlantik über Bord zu werfen. Unerhört, mich des Schmuggels zu verdächtigen!«

»Hm, hm! Merkwürdiger Einfall, einen halben Zentner Rauschgift mitzunehmen, bloß um die Fische damit zu füttern. Na, das wird ja Sache der Polizei sein, ob sie Ihnen das glauben will oder nicht.«

»Sie haben kein Recht, Herr Kapitän, die Polizei mit dieser Sache zu befassen. Bis jetzt habe ich keinesfalls etwas getan, was strafbar wäre.«

Lornsen zog den Vorhang vor dem Regal zurück. »Kennen Sie das da, Herr Megastopoulos?«

»Meine Statuette, das Sethosbild! Unglaublich! Wie kommen Sie dazu, mein Herr, dies Stück aus meinem Gepäck zu nehmen?«

»Weil gut begründete Anklage gegen Sie vorgebracht worden ist, Herr Megastopoulos, daß Sie die Statuette gestohlen haben.«

»Gestohlen? Lächerlich! Ich soll mein Eigentum gestohlen haben? Wer wagt es, diese läppische Behauptung vorzubringen?«

Lornsen öffnete die Tür zum Nebenraum. »Bitte, Herr Doktor!«

Gransfeld trat in die Kabine.

»Ich weiß nicht, ob sich die Herren bereits persönlich kennen?« fragte Lornsen.

»O ja, Herr Kapitän, wir sind in letzter Zeit häufiger miteinander in Berührung gekommen.«

Leichenblaß war der Grieche beim Anblick Gransfelds geworden. Er wankte, mußte sich an dem Tisch festhalten und ließ sich kraftlos in einen Sessel sinken.

»Der da ist Konstantinos Megastopoulos, der meinen verstorbenen Oheim in Syut bestohlen«—wie gebannt hingen die Blicke des Griechen am Munde des Arztes—»und, wie ich fürchte, auch ermordet hat.«

Megastopoulos begann zu zittern. Hörbar schlugen seine Zähne zusammen, als die schwere Anklage von Gransfelds Lippen kam. Dieser sprach weiter.

»Der da ist Konstantinos Megastopoulos, der in Genf einen Mordversuch gegen mich und den Jungen unternommen hat. Komm herein, Rudi!«

Mit verglasten Augen stierte Megastopoulos auf die Tür, durch die Rudi hereinkam.

»Kennst du den Mann da wieder? Aus dem Boot damals, das uns rammte?«

Nur einen Blick hatte Rudi auf den Griechen geworfen. »Er ist's, Herr Doktor! Er ist's! Genau erkenne ich ihn wieder.«

Lornsen trat dicht an den halb Bewußtlosen heran. »Herr Megastopoulos, kraft der Polizeigewalt, die ich als Kapitän dieses Schiffes über Mannschaft und Fahrgäste habe, verhafte ich Sie als dringend verdächtig des Diebstahls, des Rauschgiftschmuggels, des Mordversuches und des Mordes.«

Der Grieche versuchte zu sprechen. Nur undeutliche Worte vermochten die bebenden Lippen zu lallen.

Lornsen fuhr fort: »Es ist alles vorbereitet, Herr Megastopoulos. Ich lasse Sie auf die »Moravia« bringen. Sie gehen als Polizeigefangener nach Hamburg zurück.«

Zehn Minuten später schwangen die Davits auf Deck der »Saravia« ein Rettungsboot aus und ließen es zu Wasser. Man vermied es, den Gefangenen auf den französischen Tender zu bringen. Das deutsche Boot setzte ihn von der »Saravia« zur »Moravia« über, die ihn nach Hamburg vor seine Richter bringen sollte. Mit dem Tender fuhren Gransfeld und Rudi zur »Moravia«, um ebenfalls nach Hamburg zurückzukehren.

Si quid fecisti, nega! (Wenn du etwas ausgefressen hast, gib's nicht zu!) Nach diesem alten Grundsatz richtete Monsieur Megastopoulos in Hamburg seine Verteidigung vor dem Untersuchungsrichter ein. Mit Nachdruck beteuerte er trotz der erdrückenden Beweise bei jeder neuen Vernehmung seine vollkommene Unschuld.

Die Statuette des Sethos? Mon Dieu, was wollte dieser deutsche Richter von ihm? Er war Kunsthändler und hatte sie ehrlich erworben. Der Kaufvertrag darüber? Bedauerlich, er war ihm auf seinen vielen Reisen abhanden gekommen. Die Rauschgiftmengen in seinem Gepäck? Unerklärlich, ihm selber unerklärlich! Irgendein Feind mußte sie ihm heimlich hineingeschmuggelt haben. Von nichts wußte Monsieur Megastopoulos, auf nichts konnte er sich besinnen. Als einziges blieb, daß er zugab, Konstantinos Megastopoulos zu heißen. Also—dachte sich der Untersuchungsrichter Landgerichtsrat Bergmann, der in langjähriger Praxis hinreichende Erfahrungen mit Leuten vom Schlage des Monsieur Megastopoulos gesammelt hatte—also wird dieser Name höchstwahrscheinlich falsch sein. Wer weiß, unter welchem andern Namen der Mann schon was auf dem Kerbholz hat. Er ließ Fingerabdrücke von dem verstockten Griechen nehmen und schickte sie an die Polizeibehörden aller europäischen Großstädte. Aber auch diese Maßnahme half ihm nicht weiter. Man kannte Monsieur Megastopoulos nirgends. Es war in der Tat das erstemal, daß er trotz seines mehr als bewegten Lebenswandels in die Netze der Justiz geraten war, und er war entschlossen, diesen Umstand bis zum äußersten zu seinem Vorteil auszunutzen.

So kam es, daß Gransfeld und Rudi wieder und immer wieder zu Vernehmungen und zu Gegenüberstellungen mit dem Gefangenen auf das Gericht mußten und daß das Ende ihres Hamburger Aufenthaltes vorläufig nicht abzusehen war. Nicht nur die Sache contra Megastopoulos hielt sie hier fest, sondern auch die andere contra Henke.

Wahrheitsgetreu hatte Rudi auf der Hamburger Polizei sein Ballonabenteuer geschildert, und ein neues Aktenstück mit dem Titel »Strafsache gegen den unverehelichten Fabrikarbeiter Gustav Henke, Aufenthalt zurzeit unbekannt« war darauf entstanden. Das wanderte vom Büro der Kriminalpolizei in das des Untersuchungsrichters und wurde ständig dicker, denn von Tag zu Tag kamen neue Schriftstücke aus Gorla hinzu über die Verhöre, die Altmüller dort zu bestehen hatte, und über die Geständnisse, die der völlig Zusammengebrochene ablegte und die den flüchtigen Henke auf das schwerste belasteten. Schon hatte der Staatsanwalt ein gewisses rotes Formular ausgefüllt, und an tausend Stellen in Deutschland klebten Plakate mit der verhängnisvollen Überschrift »Steckbrief«, in denen für jedermann, der den p. p. Henke in das nächste Untersuchungsgefängnis ablieferte, eine Belohnung von tausend Mark in Aussicht gestellt wurde.

Tausend Mark sind eine schöne Summe, und gar mancher hätte sie sich wohl gerne verdient. Aber Herr Gustav Henke schien durchaus keinen Wert auf eine Bekanntschaft mit der Polizei zu legen. Er war so spurlos verschwunden, als ob ihn wirklich, wie man ja zuerst annahm, die Nordsee verschluckt hätte.

Gransfeld und Rudi saßen im Zimmer des Untersuchungsrichters zwecks Vernehmung in der Strafsache Henke. Ausführlich hatte Rudi den eigenartigen Vorfall mit dem Kessel im Gorlaer Werk erzählen müssen, während die Feder des Gerichtsschreibers über das Papier lief und Wort für Wort mitschrieb.

Landgerichtsrat Bergmann blickte von seinem Aktenstück auf. »Ihr Bericht deckt sich vollkommen mit den Aussagen des Altmüller in Gorla. Das sieht auch stark nach einem Mordversuch aus, aber trotzdem, es wird schwerhalten, dem Angeklagten diesen Fall zu beweisen, wenn wir ihn endlich einmal haben.«

Er lehnte sich zurück und legte die Hände auf das Aktenbündel.

»Der Bursche macht's unserer Polizei in der Tat schwer. Das ist ein Verbrecher von Format. Fast fürchte ich, daß er schon längst irgendwohin über die Grenze entwischt ist und wir das Nachsehen haben.«

»Ich glaube doch nicht, Herr Landgerichtsrat«, sagte Gransfeld, »ich habe triftige Gründe für die Annahme, daß Henke noch in Deutschland ist.«

»Ihre Meinung in Ehren, Herr Doktor, aber damit bekommen wir ihn auch nicht zur Stelle.«

»Vielleicht doch, Herr Landgerichtsrat. Ich bat Sie heute früh am Telephon um einige Feststellungen. Darf ich fragen, was ermittelt worden ist?«

Der Untersuchungsrichter griff nach einem Notizblock. »Ich habe Ihren Wunsch erfüllt, Herr Doktor, obwohl mir nicht ganz klar ist, was das mit der vorliegenden Sache zu tun hat. Die Nummer, die Sie mir am Apparat angaben, gehört zum Kraftwagen eines Herrn Rasmussen, eines hiesigen Großkaufmannes, der sich des besten Leumundes erfreut. Der Chauffeur, der den Wagen regelmäßig fährt, ist ein gewisser Andreas Müller, erst seit zehn Tagen in seiner Stellung. Etwas Nachteiliges ist der Polizei über ihn nicht bekannt geworden.«

»Ich danke Ihnen für Ihre Mühewaltung, Herr Landgerichtsrat. Der erste Teil Ihrer Mitteilung dürfte wohl stimmen, fast möchte ich sagen: leider stimmen.« Der Untersuchungsrichter sah ihn erstaunt an. Gransfeld fuhr langsam und jedes Wort betonend fort: »Der zweite Teil Ihrer Auskunft stimmt nicht!«

Der Untersuchungsrichter griff noch einmal nach dem Notizblock, als wollte er sich versichern, daß er den Namen richtig gelesen habe.

»Ich verstehe Sie nicht, Herr Doktor. Der Chauffeur heißt Andreas Müller. Hier steht die polizeiliche Auskunft.«

»Sie ist falsch, Herr Landgerichtsrat. Der Chauffeur heißt Gustav Henke.«

»Wie, Herr Doktor?« Der Richter war aufgesprungen. »Sprechen Sie im Ernst?«

»Ich habe keinen Grund zum Scherzen. Verhaften Sie den Chauffeur dieses Wagens, und Sie haben den Henke, den Sie seit vierzehn Tagen vergebens suchen.«

Bergmann ließ sich wieder in seinen Sessel nieder. »Das ist eine schwerwiegende Mitteilung, Herr Doktor, für die Sie die Verantwortung übernehmen müssen. Es wäre äußerst bedauerlich, wenn wir vielleicht einen Unbeteiligten verhafteten.«

»Ich übernehme die Verantwortung; übrigens ich nicht allein. Bitte, Rudi, sage dem Herrn Untersuchungsrichter, was du gesehen hast.«

»Es war Henke, Herr Richter, der am Steuer des Wagens saß. Gestern und vorgestern habe ich ihn gesehen.«

Der Richter wandte sich zu Rudi. »Sind Sie Ihrer Sache unbedingt sicher?«

»Vollkommen, Herr Amtsgerichtsrat. Den Henke kenne ich doch schon von Gorla her ganz genau. Totsicher war er es, der den Wagen gefahren hat.«

Der Untersuchungsrichter wechselte einen Blick mit dem Gerichtsschreiber. Ein kaum merkliches Nicken von beiden Seiten. Der Sekretär griff nach einem Formular und füllte es aus. Bergmann setzte seinen Namen darunter. »Meine Herren, die heutige Vernehmung ist beendet. Ich ersuche Sie, sich auch weiterhin zur Verfügung des Gerichtes zu halten.«

Gransfeld und Rudi gingen aus dem Zimmer.


Ein Hupensignal erklang. Der Pförtner der Rasmussenschen Villa in Uhlenhorst riß die schmiedeeisernen Flügel des Gartentores auf. Ein Kraftwagen rollte von der Straße her herein und hielt vor der Hauspforte. Rasmussen entstieg ihm und verschwand, auf Susannes Arm gestützt, in der Villa. Der Wagen fuhr etwas weiter auf das Grundstück herauf zum Schuppen.

Der Pförtner schickte sich eben an, die Torflügel wieder zu schließen, als von der andern Straßenseite her zwei Herren über den Damm kamen und an ihn herantraten. Ein paar kurze Worte. Der eine der beiden Fremden lüftete für einen Augenblick seinen Rockaufschlag. Dann gingen sie weiter auf den Autoschuppen zu. Der Pförtner vergaß vor Staunen die Torflügel zu schließen und starrte ihnen unverwandt nach.

Der Chauffeur hatte den Wagen in den Schuppen gebracht und machte sich, einen Schraubenschlüssel in der Hand, am Werktisch zu schaffen, als die beiden Fremden eintraten. Mißtrauisch blickte er sie an.

»Sie sind der neue Chauffeur von Herrn Rasmussen, Andreas Müller?«

»Der bin ich. Was wollen Sie hier? Wie kommen Sie überhaupt herein?«

Wieder hob der eine den Rockaufschlag. Etwas Blankes, Metallisches blitzte da auf der Innenseite. »Kriminalpol ...«

Er brachte das Wort nicht zu Ende. Mit einem Satz sprang der Chauffeur ihn an und wollte ihm den schweren Schraubenschlüssel auf den Schädel schmettern.

Kaum eine Zehntelsekunde dauerte das Ganze. Schnell wie der Blitz fuhr die Faust des Dritten dazwischen. Ein krachender Schlag traf die Kinnspitze des Angreifers von unten und warf ihn betäubt in die Ecke.

Der zugeschlagen hatte, besah sich seine Handknöchel. »Ein schwerer Junge, Herr Kommissar. Wollen ihm gleich die Armbänder anlegen.« Er beugte sich über den Liegenden. Dann klang es, wie wenn Stahl gegen Stahl schnappt, starke Handschellen umschlossen dessen Gelenke.

Der Kommissar nickte. »Besser ist besser, Maschke. Jedenfalls sind wir jetzt sicher, daß wir keinen Falschen gefaßt haben. Verdammt scharfer Junge! Selbst wenn's nicht der Gesuchte ist, auf dem Kerbholz hat der bestimmt allerhand.«

In der Ecke regte es sich. Der Niedergeschlagene machte Bewegungen, stierte verständnislos um sich und kam dann allmählich wieder zum Bewußtsein.

Der Kommissar sprach mit seinem Begleiter. »Hätte es Herrn Rasmussen gern erspart und die Sache lieber unauffällig gemacht. Aber jetzt hilft nichts. Lassen Sie den Wagen hierherkommen!«

Der Wachtmeister verließ den Schuppen und ging auf die Straße zurück. Zwei Minuten später mußte der Pförtner die Flügel noch einmal öffnen. Ein geschlossener Kraftwagen fuhr hinein; er war schön grün lackiert und hatte vergitterte Fenster.

»Ägitt, ägitt! Der grüne August! Der grüne August auf unserm Grundstück!« stöhnte der fassungslose Pförtner. »Was wird bloß Herr Rasmussen dazu sagen?«

Vorläufig sagte nur der Kommissar etwas. »Na, Herr Andreas Müller, alias Herr Gustav Henke, wenn Sie sich ein bißchen ermuntert haben, möchte ich Ihnen einen Platz in meinem Auto anbieten.«

Vier kräftige Arme griffen zu. Ein Schlüssel schnappte in einem Schloß. In Begleitung zweier Kriminalbeamten unternahm Gustav Henke eine Autofahrt, die nach mehreren Haltestellen schließlich in Fuhlsbüttel (Hamburger Zuchthaus) enden sollte!

»Allright, Mynheer van der Meeren. Ihre Propositionen tun uns konvenieren. Wir werden machen zusammen eine schöne große Geschäft. Wir werden organisieren den Transport für die ganze große Amérique méridionale.«

Während der erste Gesandtschaftsrat der konkaraguanischen Vertretung in Port Said dies sagte, blinzelte er van Holsten listig durch die Gläser seiner großen Hornbrille an.

»Allright, Don Alfonso! Freut mich, daß unsere Bedingungen Ihnen passen. Ihre Kuriere erhalten die Ware von uns in Deutschland und Holland. Sie übernehmen den Transport nach Ägypten und Südamerika gegen eine Tantième von zehn vom Hundert. Zahlbar dort bei Ablieferung der Ware.«

»Quite right, Sir! Das ist der sense von unsere treaty. Wir werden können machen keine geschriebene treaty.« Wieder spielte es verschmitzt um seine Mienen. »Well, werden wir machen ein gentlemens agreement. Well, Sir!«

Er streckte die Rechte hin, van Holsten schlug kräftig ein. Durch den Handschlag war das mündliche Abkommen besiegelt und für beide verbindlich geworden.

Van Holsten erhob sich und wollte gehen, doch Don Alfonso hielt ihn zurück.

»Wünschen Sie noch etwas?« fragte der Holländer.

»Si señor! Wir müssen treffen unsere Vorbereitungen, wir werden haben große Unkosten dafür. Wir brauchen eine kleine Anzahlung von Ihre Firma.«

Verdammter Gauner! dachte van Holsten im stillen. Wir geben ihnen unsere teure Ware ohne Sicherheit, und die Bande will auch noch einen Vorschuß.

»Eine kleine Anzahlung, Mister van der Meeren! Vor meinem Geschäftsfreunde ich habe keine Geheimnis mehr. Unsere Gesandtschaftskasse ist leer. Vielleicht tausend Pfund Anzahlung. Sonst wir nicht werden haben die Mittel, um vorzubereiten.«

Dreidrähtige, ausgekochte Gaunerbande! dachte ingrimmig van Holsten, während er sein Scheckbuch zog und den Betrag anwies. »Ich bitte um Ihre Quittung über den Betrag, Don Alfonso. Ich muß meine Ausgaben unserer Gesellschaft belegen.«

Lange widerstrebte Don Alfonso der Forderung. Er wand sich und wollte durchaus nichts Geschriebenes aus den Händen geben. Aber der Holländer hielt seinen Scheck fest, so sehnsüchtig der Konkaraguaner auch danach schielte, und gab nicht eher nach, bis er die Quittung erhielt. Dann verließ er die Gesandtschaft und kehrte in das Splendidhotel zurück, in dem er zu wohnen pflegte, wenn er nach Port Said kam.

Im Teeraum des Hotels suchte er sich ein stilles Eckchen aus und machte es sich in einem Klubsessel bequem. Während der Kellner eisgekühlte Erfrischungen vor ihm aufbaute, zog er ein Notizbuch aus der Tasche und überflog die Eintragungen der letzten Tage. Befriedigt ließ er das Buch wieder in der Brusttasche verschwinden. Alles in allem konnte er mit seinen Erfolgen in Port Said ganz zufrieden sein. Noch einmal zog er die Summe. Vertreter von zwei exotischen Gesandtschaften waren für den Vertrieb der Ware fest gewonnen, aussichtsvolle Verhandlungen mit drei andern angeknüpft—die Sache konnte werden. Nur die Vorschüsse, die diese Herrschaften sich auszahlen ließen, beunruhigten und ärgerten ihn. Grundsätzlich zog der Holländer Geschäfte vor, bei denen er die andern von Anfang an in der Hand hatte. Daß es hier umgekehrt war, ging ihm gegen den Strich.—Aber—es war halt nicht anders zu machen gewesen, und schließlich würden die Gauner schon im eigenen Interesse ehrlich sein müssen. Ehrlichkeit unter Spitzbuben nannte man das wohl in der sogenannten bürgerlichen Welt Sie würden ehrlich sein müssen, weil sie nur dann auf große, dauernde Einnahmen aus dem dunklen Geschäft rechnen konnten.—Ah bah! Die Sache mit den Vorschüssen war nicht so schlimm, selbst wenn jeder von diesen fünf Exoten tausend Pfund verlangte. Was bedeuteten hunderttausend Mark in dem großen Unternehmen Mac Andrews, das täglich ganz andere Beträge umsetzte!

Ärgerlich blieb die Sache mit dem neuen Polizeikommandeur. Die zweite Instanz zögerte, machte Ausflüchte, schien nicht recht Farbe bekennen zu wollen. Nun, diesem Efendi oder Bimbaschi oder was sonst für einen Titel der Mann hatte, dem hatte er gestern deutlich zu verstehen gegeben, daß die Sache jetzt zu einem Ende gebracht werden müßte. Er hatte ihn für heute hierher gebeten. Würde er kommen? Würde es endlich klappen?

Van Holsten holte sein Scheckbuch aus der innern Tasche und überflog die letzten Zahlungen. Ein unverschämtes Geld hatte der Schuft ihn bereits gekostet. Wenn's so weiterging, würde die Organisation ein kleines Vermögen anwenden müssen, um überhaupt nur in die Nähe des Kommandeurs zu kommen.

Das Geräusch nahender Schritte unterbrach seine Gedanken. Ah, da kam der Efendi ja doch! Dieser zeigte schon von weitem ein Gesicht, das van Holsten vom Gelingen des Unternehmens überzeugte.

Der Ägypter kam heran und ließ sich mit der Geste eines Mannes nieder, dem eine schwere Arbeit endlich geglückt ist. Im Flüsterton wurde die Unterhaltung zwischen den beiden geführt.

»Es ist gelungen, Mynheer, endlich! In einer—schwachen Minute hat er endlich eingewilligt. Wir müssen das Eisen schmieden, solange es warm ist. Sie müssen ihm gleich ein angemessenes Honorar zukommen lassen. Ich denke ...«

Van Holsten unterbrach ihn. »Well, Mister Efendi, soll geschehen! Ich werde zu ihm gehen und ihm einen anständigen Scheck bringen.«

Abwehrend hob der Ägypter die Hände. »No, Sir! Impossible! Auf keinen Fall dürfen Sie das tun. Sie würden alles verderben. Das muß ganz vorsichtig geschehen, und das Geld muß vorläufig durch meine Hände gehen.« Er flüsterte dem Holländer eine Summe ins Ohr.

Dieser zuckte zusammen. »Das ist aber viel, Sir, außerordentlich viel.«

»Im Gegenteil, Mynheer! Je mehr er gleich das erstemal nimmt, desto sicherer haben Sie ihn. Was heißt hier viel? Wenn Sie ihn auf Ihrer Seite haben, kann Ihre Gesellschaft ohne jede Gefahr das Zehnfache der Summe in einer Woche verdienen.«

Nur wenige Sekunden überlegte van Holsten. Die Worte, die Mac Andrew zuletzt in Duncan-Castle zu ihm gesagt hatte, kamen ihm in die Erinnerung. »Das Geld ist da; benutzen Sie es zweckmäßig!« Er zog das vielgeprüfte Scheckbuch und schrieb den gewünschten Betrag ein.

Der Ägypter nahm das Papier in Empfang. Im Augenblick war es zwischen seinen gewandten Fingern verschwunden. »Well, Mynheer, Sie werden weiter von mir hören. Morgen um dieselbe Zeit wieder hier.« Er verneigte sich nach orientalischer Sitte vor van Holsten und verließ den Raum.

In der Empfangshalle standen zwei Herren in europäischer Kleidung. Im Vorbeigehen blickte der Ägypter sie kurz an und nickte leicht mit dem Kopf.

»Allright, Sir?« kam eine leise Frage von dem einen.

»Allright, Sir!« antwortete der Ägypter ebenso leise und trat aus dem Hotel auf die Straße.

Nach dessen Fortgang hatte van Holsten seine Brieftasche herausgenommen und mehrere Papiere vor sich ausgebreitet. Was für ein Erfolg, daß dieser Glasberg endlich erklommen, das störende Hindernis aus dem Wege geräumt war! Nun mußte hier im Lande ein Riesengeschäft in Gang kommen. Hunderte von Agenten und Unteragenten schrien ja schon seit Wochen nach frischer Ware.

Er zog den Bleistift und warf Zahlenreihen auf das Papier. Auf der einen Seite verzeichnete er die Mengen von Rauschgiften, mit denen die Gesellschaft das Land jetzt wieder überschwemmen konnte, auf der andern die Gewinne, die ihr hieraus erwachsen mußten. Was bedeuteten dagegen die paar hunderttausende Mark, die auf Nimmerwiedersehen in das Geschäft gesteckt worden waren! So sehr vertiefte er sich in seine Aufzeichnungen und Berechnungen, daß er seine Umgebung darüber vollkommen vergaß. Die Rechnung ging gut aus und schloß mit einem Riesensaldo zugunsten der Organisation. Befriedigt wollte er die Papiere wieder zusammenfalten, als er eine Berührung auf seiner linken Schulter spürte. Noch ehe er sich aufrichten und umdrehen konnte, lag die Hand eines Mannes schwer auf seiner Schulter.

»You are the man!«—dies war die alte Formel, mit der die englische Polizei Verhaftungen vornimmt, drang an sein Ohr.

Endlich war es ihm gelungen, sich umzudrehen. Er blickte in das Gesicht eines Geheimpolizisten, das er aus früherer Zeit her kannte. Eine andere Stimme erklang in seinem Rücken. »Folgen Sie uns unauffällig, Mister van Holsten!«

Er fuhr zurück. Der zweite Geheimpolizist stand hinter ihm.

In ihrer Begleitung verließ er das Hotel und stieg in den wartenden Kraftwagen.

Van Holsten hatte sich geirrt, als er glaubte, den Glasberg erklommen zu haben.

»Führen Sie den Henke vor!« befahl Landgerichtsrat Bergmann dem Justizwachtmeister.

»Zu Befehl, Herr Landgerichtsrat!« Der Wachtmeister ging hinaus.

Mißmutig blätterte der Richter in seinen Akten. Unwillkürlich fühlte er, daß ihm hier eine große Sache in die Hand gegeben war. Ein Sensationsprozeß konnte es werden, konnte ihm Ruhm und Beförderung bringen, wenn es ihm glückte, die dunklen Zusammenhänge aufzudecken und die ganze gefährliche Bande, an deren Vorhandensein nicht mehr zu zweifeln war, zu fassen und zu überführen.

Aber zähe Vögel waren es, die er da gegriffen hatte. Kaum einen Schritt war er mit diesem Griechen weiter gekommen, der nun schon seit drei Wochen in Untersuchungshaft saß, und fast noch halsstarriger war der andere, der Henke, der in unverschämtester Weise alles leugnete.

Der Justizwachtmeister brachte den Gefangenen in das Zimmer und blieb auf einen Wink des Richters in dessen Nähe.

»Sie würden Ihre Lage durch ein Geständnis wesentlich verbessern, Henke. Sie wissen, welcher Verfehlungen Sie verdächtigt werden. Wollen Sie sich nicht endlich offen dazu äußern?«

Henke warf dem Untersuchungsrichter einen tückischen Blick zu und schwieg.

»Ihr Schweigen ist zwecklos, Henke. Die Aussagen Ihres Mitschuldigen Altmüller belasten Sie auf das schwerste.« Er schlug das vor ihm liegende Aktenstück auf. »Nach der Aussage Altmüllers haben Sie vor zwei Jahren in der Nacht vom fünfzehnten zum sechzehnten Juni unter Benutzung von mitgebrachtem Werkzeug die Zapfstelle an der Heroinleitung zur Tablettiermaschine angelegt. Ja oder nein?«

Henke zuckte die Achseln. »Altmüller gehört in eine Irrenanstalt«, stieß er halblaut heraus.

»Was wollen Sie damit sagen?«

»Was ich damit sagen will? Daß der Altmüller völlig verrückt ist. Der bildet sich Sachen ein, die es gar nicht gibt.«

»Die Zapfstelle ist aber gefunden worden, Henke. Wollen Sie behaupten, daß sie von selbst entstanden ist?«

»Gar nichts behaupte ich. Ich weiß von keiner Zapfstelle.«

»Altmüller behauptet etwas anderes. Nach seiner Aussage haben Sie—Sie allein, Henke—jede Nacht ein bis zwei Kilogramm Heroin aus dieser Stelle entwendet.«

»Das lügt der Schuft. Er hat auch ...« Henke biß sich auf die Lippen.

»Was hat Altmüller auch?«

»Nichts. Ich weiß von nichts.«

»Nach der Aussage Altmüllers haben Sie die Diebstähle noch bis in die Nacht vom zwanzigsten zum einundzwanzigsten Mai dieses Jahres fortgesetzt, in der letzten Nacht haben Sie eine besonders bedeutende Menge Heroin gestohlen—gestohlen, Henke. Dann sind Sie mit dem Ballon »Greif« aus dem Werk flüchtig geworden, übrigens eine Leistung, auf die Sie sich etwas einbilden können. De Herren vom Erfurter Luftschifferverein wundern sich heute noch darüber, wie Sie allein mit dem Ballon fertig geworden sind. Nun, was sagen Sie dazu?«

»Daß Altmüller völlig verrückt ist, wenn er so etwas behauptet. Ich habe den Ballon »Greif« nie zu Gesicht bekommen.«

»Sie haben mich mißverstanden. Daß Sie mit dem Ballon weggeflogen sind, behauptet nicht Altmüller, das behaupten andere.«

»Was? Andere? Ich wäre neugierig, die kennenzulernen. Ist ja Unsinn, das zu behaupten.«

»Vielleicht werde ich Ihre Neugierde später befriedigen. Hören Sie den weiteren Tatbestand! Sie sind mit gutem Südostwind in drei Stunden von Gorla bis in die Nähe von Harburg gekommen. Dort sind Sie gelandet.«

Mit Gewalt suchte Henke den Schreck zu verbergen, der ihn bei dieser Mitteilung überkam. Mit gut gespielter Gleichgültigkeit antwortete er: »Ist ja eine interessante Geschichte. Wenn da wirklich einer gelandet wäre, dann müßte der Ballon doch auch gefunden worden sein.«

»Nein, Henke, der Ballon ist wieder in die Höhe gegangen und vom Wind in die Nordsee abgetrieben worden.«

»So so! In die Nordsee? Die Sache wird ja immer schöner. Da ist der Ballon natürlich irgendwo versackt, und nachher wird mir die Sache in die Schuhe geschoben.«

»Der Ballon ist nicht versackt, Henke.«

Auf einen Wink des Richters nahm der Justizwachtmeister ein Tuch fort, das im Hintergrund des Zimmers über einen tischähnlichen Gegenstand gebreitet war.

»Drehen Sie sich einmal am, Henke! Sehen Sie sich das da mal an!«

Henke tat es und fühlte, wie er erblaßte. Da stand der Korb des »Greif« dicht vor ihm.

»Nun, Henke, wollen Sie sich immer noch nicht zu einem Geständnis bequemen?«

Dieser hatte sich inzwischen zu der alten Frechheit durchgerungen. »Ich weiß nicht, was ich gestehen soll. Ist ja sehr schön, daß der Korb wieder da ist. Die Erfurter werden sich darüber freuen. Mir kann's gleich sein. Mich geht's nichts an.«

»Sie sind ja Fachmann auf dem Gebiet, Henke. Sehen Sie mal die Korbleinen an! Der Korb ist über der Nordsee vom Netzring abgeknebelt worden. Also muß noch eine zweite Person in dem Korb gewesen sein.«

»Kann sein. Ich weiß nichts davon.«

»Henke, in der Nacht vom zwanzigsten zum einundzwanzigsten Mai ist auch ein gewisser Wagner aus dem Gorlaer Werk verschwunden. Davon wissen Sie wohl auch nichts?«

Henke schüttelte den Kopf.

»So, Henke? Dann haben Sie bei Ihrem schlechten Gedächtnis natürlich auch vergessen, daß Sie den jungen Menschen gefesselt und hilflos im Ballonkorb zurückgelassen haben?«

Henke griff nach seinem Taschentuch und trocknete sich den Schweiß von der Stirn. Er hatte das Gefühl, als ob er unrettbar einem Abgrund entgegentreibe. Schwer atmend sank er in seinem Stuhl zusammen. Im Wirbel jagten sich seine Gedanken. Wie war es möglich, daß der Richter um sein Verbrechen gegen Rudi wußte? Hatte man auch durch Zufall dessen Leichnam gefunden? Es konnte nicht sein, war unmöglich. Das Ganze war sicherlich nur ein Versuch des Richters, ihn zu überlisten. Mühsam raffte er sich zusammen, setzte an und stockte wieder, sprach endlich mit heiserer Stimme: »Ich kenne keinen, der Wagner hieß.«

Von Henke unbemerkt, hatte der Richter dem Wachtmeister einen Wink gegeben. Ganz plötzlich, unvermittelt, unvermutet stand Rudi vor Henke.

Mit einem Schrei brach dieser zusammen und preßte die Hände vor die Augen. »Mein Gott, mein Gott, werden die Toten wieder lebendig? Tot, ertrunken—weit draußen in der Nordsee ...« Er war vornüber auf den Tisch gesunken und verbarg den Kopf zwischen den Armen. Auf eine Handbewegung des Richters ging Rudi leise aus dem Zimmer.

Minuten verstrichen, bis Henke wieder Fassung gewann. Stockend begann er. »Ist es noch da, das Gespenst? Ein Gespenst war's doch, kein Lebender mehr!« Er hatte die letzten Worte herausgeschrien, blickte wild wie ein gehetztes Tier um sich.

Der Richter erkannte, daß der entscheidende psychologische Augenblick gekommen war »Erleichtern Sie Ihr Herz, Henke! Ein offenes Geständnis kann Ihnen milde Richter schaffen.«

Henkes Verstocktheit war gebrochen. Zögernd zuerst, dann immer leichter und fließender begann er die Fragen des Richters zu beantworten. Glied an Glied fügten sich seine Aussagen zu einer wohlgeschlossenen Kette. Mit seiner Einführung in das Gorla-Werk durch Rasmussen begann sein Geständnis, mit seiner Flucht zu Rasmussen schloß es.

»Wachtmeister, bringen Sie Henke in seine Zelle zurück!«

Der Richter ließ Gransfeld und Rudi hereinrufen.

»Endlich ist es gelungen, Herr Doktor. Er hat alles eingestanden. Es wird nicht mehr notwendig sein, ihn Wagner gegenüberzustellen. Aber ...«

»Wie meinen Sie, Herr Landgerichtsrat? Ist noch ein Aber dabei?«

»Leider, Herr Doktor, ein recht unangenehmes Aber. Seine Aussagen belasten den hiesigen Großkaufmann C. F. Rasmussen in einer derartigen Weise, daß ich pflichtgemäß ...«

»Himmel, das habe ich gefürchtet«, unterbrach ihn Gransfeld. »Schon seit langem habe ich es gefürchtet. Dabei habe ich den Eindruck, daß Rasmussen mehr ein Opfer der Bande als ein tätiges Mitglied ist. Überdies ist er leidend. Jede Aufregung kann ihm den Tod bringen. Professor Morelle in Paris, den ich auf Wunsch seiner Tochter aufsuchte, hat es mir selber gesagt.«

»Sie kennen die Familie, Herr Doktor?«

»Ich lernte sie in Genf kennen. Der Vater ist irgendwie—gegen seinen Willen, wie es mir scheint—mit der Bande verstrickt. Die Tochter, Fräulein Susanne Rasmussen—dafür lege ich meine Hand ins Feuer—hat mit allen diesen Dingen nicht das geringste zu tun.«

Der Richter blickte unschlüssig in die Akten. »Eine unangenehme Geschichte, Herr Doktor. Pflichtgemäß muß ich Herrn Rasmussen vernehmen und Haussuchung bei ihm halten lassen.«

»Oh, eine Haussuchung? Das könnte ihn töten. Ist das unbedingt notwendig?«

Der Richter zuckte die Achseln. »Herr Doktor, bei den Akten liegen mehrere chiffrierte Briefe, deren Entzifferung für die weitere Untersuchung von größter Wichtigkeit ist. Es besteht die Möglichkeit, daß Rasmussen den Chiffreschlüssel besitzt. Selbstverständlich beabsichtige ich mit der größten Schonung vorzugehen.«

»Herr Landgerichtsrat, wollen wir zusammen hingehen? Vielleicht ließe sich das Ganze dann so unauffällig bewerkstelligen, daß Herr Rasmussen wenig davon merkt. Wollen wir es nicht versuchen? Es hieße Menschenfreundlichkeit mit dem strengen Amt des Richters verbinden.«

Bergmann überlegte kurze Zeit. »Ihr Vorschlag erscheint mir annehmbar, Herr Doktor. Einen meiner Beamten müßte ich allerdings für die Haussuchung mitnehmen. Wenn es Ihnen recht ist, wollen wir gleich zusammen hinfahren. Je schneller wir die Sache hinter uns haben, umso besser.«


Rasmussens Diener John geleitete Gransfeld in den Empfangssalon. »Ich werde Ihre Karte dem gnädigen Fräulein bringen, Herr Doktor. Wollen Sie sich, bitte, kurze Zeit gedulden!«

Verwundert blickte ihm Gransfeld nach. Der Mann trug ein verstörtes Wesen zur Schau, das für einen herrschaftlichen Diener zum mindesten auffallend war. Wenige Minuten später trat Susanne in den Salon. Gransfeld eilte ihr entgegen.

»Mein liebes, gnädiges Fräulein ...« Er stutzte. Susanne sah bleich und verweint aus. Hatte sie irgendwie schon etwas von der schlimmen Botschaft erfahren, die er bringen mußte?

Er ergriff ihre beiden Hände. »Mein liebes Fräulein Susanne, es ist schrecklich, daß ...«

»Schrecklich, Herr Doktor.« Schluchzend brachte sie die Worte hervor und griff nach dem Taschentuch, um die strömenden Tränen zu trocknen. »Mein armer Vater—wer hätte das gedacht, daß ...« Sie drückte das Tuch wieder vor die Augen.

»Liebes Fräulein, liebe Susanne, niemand bedauert es mehr als ich. Ich bitte Sie, fassen Sie sich! Versuchen Sie, stark zu sein! Ich hoffe, es kann noch alles gut werden.«

»Niemals! Niemals wieder!« Schluchzen erstickte ihre Stimme. »Mein guter Vater—er ist mir genommen—für immer entrissen—tot!« Von neuem flossen ihre Tränen.

»O Gott, Ihr Vater ist tot? Liebe, arme Susanne!« Er faßte die Schluchzende und führte sie zu einem Sessel. Wie einem kranken Kinde strich er ihr über das Haar und streichelte ihre Hände, während er weiter tröstend auf sie einsprach.

Nur allmählich gewann sie ihre Fassung zurück, vermochte ihn anzublicken und seinen Fragen zu antworten.

»Die entsetzliche Aufregung der letzten Tage, Herr Doktor! Sie werden nichts davon wissen; man hat unsern neuen Chauffeur verhaftet, ich weiß nicht, warum. Furchtbar hat es meinen Vater mitgenommen. Sein armes Herz war der Erregung nicht mehr gewachsen; ein letzter schwerer Anfall heute früh, dann ist er sanft eingeschlafen.«

Wieder ergriff Gransfeld ihre Hände. Schweigend ließ sie es geschehen. Vorsichtig sprach er weiter. »Mein liebes Fräulein Susanne, erlauben Sie mir, daß ich Ihnen in diesen schweren Stunden zur Seite stehe. Ihr armer Vater! Er hat wohl nicht gewußt, daß dieser neue Chauffeur ein von der Polizei gesuchter Verbrecher war. Ich kam hierher, um Sie schonend darauf vorzubereiten, daß die Polizei eine Durchsuchung seiner Sachen vornehmen muß.«

»Grauenhaft! Entsetzlich! Wenn mein armer Vater das noch erlebt hätte! Polizei in unserm Hause! Undenkbar.«

Er ließ ihre Hände. »Ich lasse Sie für kurze Zeit allein, liebe Susanne. Ich muß die Beamten von der veränderten Lage in Kenntnis setzen und will dafür sorgen, daß sie ihre Pflicht so schnell und unauffällig wie möglich tun. Dann komme ich wieder zu Ihnen zurück.«

Längst hatten die Beamten das Haus wieder verlassen, doch noch lange blieb Gransfeld. Als ergebener Freund stand er der Verwaisten in den kommenden schweren Tagen zur Seite.


Nicht viel brachte der Landgerichtsrat Bergmann von seinem Besuch in Rasmussens Haus mit. Nur ein schmales Büchelchen war es, aber dieses unscheinbare Bändchen enthielt den so lange gesuchten Chiffreschlüssel. Jetzt konnten die Briefe gelesen werden, die immer noch unentziffert bei den Akten lagen, alle jene Briefe, die man in Henkes Wohnung in Gorla beschlagnahmt hatte, die Briefe, die dort noch nach seiner Flucht auf dem Postamt angekommen waren, und zuletzt auch den Brief, den Megastopoulos in Genf für Morton schrieb und in dem er ihm den Befehl des Chefs mitteilte, sofort nach Duncan-Castle zu kommen.

Kopien der entschlüsselten Briefe wurden verschickt, und die Polizei aller Länder bekam neue Arbeit.

»Der Teufel soll Sie holen, Jefferson, wenn mir das noch einmal vorkommt.«

Während Mac Andrew das sagte, hielt er in der Rechten eine gläserne Tube mit weißen Tabletten, die er eben zwischen Sitz und Lehne eines Klubsessels herausgezogen hatte. »Der Teufel soll Sie holen, Jefferson, wenn ich so etwas noch einmal entdecke.« Ärgerlich schüttelte er die Faust gegen ein menschliches Wrack. Lose schlotterten die Kleider um den Körper des Gescholtenen, an einen Totenkopf erinnerte das bleigraue, skelettartig abgemagerte Gesicht.

»Mon Dieu, Mac Andrew, haben Sie Nachsicht!« fiel ihm die Dimitriescu ins Wort. »Der arme Jefferson leidet sehr unter der Entziehung der Betäubungsmittel.«

»Schöne Entziehung, wenn er überall seine Pülverchen hat«, knurrte Morton dazwischen.

Jefferson war vor der drohenden Bewegung Mac Andrews zurückgewichen und hatte sich hinter einen andern Sessel geflüchtet. Da stand er, ließ den Unterkiefer blöde hängen und schielte Mac Andrew halb furchtsam, halb tückisch an.

»Wird wohl nicht das einzige Versteck sein, was Sie da durch Zufall entdeckt haben, Mac Andrew«, fuhr Morton fort. »Vermute, der hat sich noch mehr auf Vorrat gelegt.«

Während Morton sprach, beugte Jefferson sich über die Sessellehne und umklammerte sie mit beiden Armen.

»Oho, Mac Andrew! Sieht ganz so aus, als hätte er da noch mehr.«

»Meinen Sie, Morton? Wäre doch toll.«

Mit schnellen Schritten ging Mac Andrew auf den Sessel zu. Ohne sich weiter um Jefferson zu kümmern, griff er in die Fugen zwischen Sitz und Lehne. »Verdammt, Sie haben recht, da ist noch was.«

Er beugte sich hinab, um noch tiefer in die Fuge hineingreifen zu können. Gespannt folgten die Dimitriescu und Morton seinen Bewegungen.

»Ha, Räuber, Dieb!« Mit undeutlichen Schreien durchmischt kam's aus Jeffersons Munde. Im Augenblick war er über Mac Andrew. Sein Arm fuhr durch die Luft, etwas Blankes blitzte in seiner Hand. Zu spät sprang Morton dazwischen. Zu spät schleuderte sein Faustschlag den tobenden Jefferson in einen Winkel. Denn schneller als die andern es begreifen konnten, war's schon geschehen; ein Messer stak bis zum Griff zwischen den Schultern Mac Andrews. Schwerfällig sank er hintenüber auf den Teppich. Ein paar krampfartige Zuckungen noch, dann lag sein Körper regungslos.

Die Dimitriescu schrie gellend auf und wandte sich ab. Morton kniete neben dem Liegenden nieder und rief ihn an. »Hallo, Mac Andrew, wie steht's?«

Er schob seinen Arm unter dessen Nacken und hob den Rumpf an. Kraftlos fiel der Kopf Mac Andrews zur Seite. »Dammie, dammie, böse getroffen!« Er griff nach Mac Andrews Hand, versuchte den Puls zu fühlen. Der Puls stand still.

»Kommen Sie, Miß Dimitriescu, helfen Sie mir! Wir müssen ihn auf irgendein Lager bringen.—Was war das? Hat jemand geklopft?«

Schon öfter als einmal hatte es an der Tür geklopft. In der Aufregung der letzten Minute hatten sie es alle überhört. Noch einmal und stärker wurde jetzt an die Tür gepocht.

»Come in!« rief Morton.

Die Tür sprang auf. Fünf Polizisten, den Gummiknüppel an der Seite, drangen durch die einzige Tür in den Raum.

Mit einem Sprung wollte Morton sie überrennen, ihre Reihe durchbrechen, den Weg ins Freie gewinnen.

»Hands up!« Im selben Augenblick sah er in drohende Revolvermündungen. Ein kurzes Klicken und Schnappen, und Handschellen saßen an seinen Gelenken.

»Well, Mister Morton, Scotlandyard braucht Sie—in der Picadilly-Street ist mancherlei ins reine zu bringen—und Sie auch, Miß Dimitriescu. Ich denke, Sie ersparen uns die Notwendigkeit, Ihnen ebenfalls die Handschellen anzulegen.«

Der Polizeioffizier trat an den Liegenden heran. Auf einen Wink von ihm hoben zwei seiner Leute Mac Andrew auf ein Ruhebett.

»Vom Rücken her ins Herz getroffen, Sir«, meldete einer der Polizisten. »Er muß sofort tot gewesen sein.«

»Erstochen? Von wem? Von seinem Genossen?« Der Offizier sagte es mit einem Blick auf Morton.

»Nonsense!« knurrte der. »Da drüben in der Ecke liegt der Schuft, der's getan hat.«

Erst jetzt sahen die Polizisten Jefferson, der wie ein regungsloses Bündel in einer dunklen Ecke zwischen einem Schrank und dem Kamin lag. Als sie ihn aufhoben und zu einem Sessel trugen, gab er Lebenszeichen von sich.

»Wer ist das?« fragte der Offizier.

»A damned crazy fool!« knirschte Morton.

»Ein armer Kranker, der hier eine Entziehungskur durchmachen sollte«, sagte die Dimitriescu.

Ein Flüstern zwischen dem Offizier und seinen Leuten.

Eine Entziehungskur? In Duncan-Castle? Im Hause des Mannes, der ganz Europa, ja die halbe Welt mit Rauschgiften überschwemmt hatte? Der Mann tot—gefällt von der Hand jenes andern, dem Rauschgift Verfallenen!

Ein langes, drückendes Schweigen trat ein. Sie fühlten das Walten einer höheren, rächenden Macht, die hier ein Urteil gefällt und vollzogen hatte.

* * * * *

Der Vorsitzende des Gerichtshofes erhob sich und setzte das Barett auf. »Erkannt und verkündet: Der Angeklagte Heinrich Altmüller wird wegen fortgesetzten Diebstahls und Vergehens gegen das Rauschgiftgesetz zu einer Gefängnisstrafe von sechs Monaten verurteilt, von der zwei Monate als verbüßt durch die Untersuchungshaft gelten. Für zwei weitere Monate hat das Gericht ihm eine dreijährige Bewährungsfrist zugebilligt.—Nehmen Sie das Urteil an, Angeklagter?«

Altmüller stierte den Richter verständnislos an.

»Haben Sie verstanden, Angeklagter? Sie sollen noch acht Wochen sitzen, sind Sie damit einverstanden?«

»Noch acht Wochen?« Ein Schein des Verständnisses glitt über Altmüllers Gesicht. »Bloß noch acht Wochen? Dann kann ich wieder raus?«

»Ja! Aber Sie dürfen sich während der nächsten drei Jahre nichts zu schulden kommen lassen, sonst müssen Sie wieder rein. Sind Sie damit einverstanden?«

»Ja, ja, Herr Rat!«

»Gerichtsschreiber, schreiben Sie: ›Der Angeklagte nimmt das Urteil an. Die Verhandlung ist geschlossen.‹«

Das Publikum verließ das Gorlaer Gerichtsgebäude und verlief sich auf der Straße. Nur drei Menschen standen noch auf der großen Freitreppe.

»Na, Gransfeld, bist du mit dem Urteil zufrieden? Ich finde, der Mann ist eigentlich zu billig weggekommen.«

»Laß es gut sein, Rübesam! Er ist aus Schwäche gestrauchelt. Die Strafe trifft ihn immer noch schwer genug. Du kannst sicher sein, die andern, die wirklich Schuldigen, wird man nicht so leichten Kaufes davonkommen lassen. Unserm Freunde Henke dürfte eine recht unangenehme Dauersitzung bevorstehen, und den Monsieur Megastopoulos wird man auch nicht mit Samthandschuhen anfassen. Ganz zu schweigen von denen, die man in England und Port Said gefaßt hat.—Die Verhandlung in Hamburg ist für die nächste Woche angesetzt. Rudi und ich werden hin müssen, denn wir sind als Zeugen geladen.«

»Viel Glück auf die Reise, und überhaupt viel Glück in Hamburg! Eine Frage, Gransfeld. Darf man dir schon gratulieren?«

»Du darfst es, Rübesam, Susanne und ich sind verlobt. Wegen der Trauer um ihren Vater haben wir von einer Veröffentlichung abgesehen.«

Rübesam ergriff seine Rechte und drückte sie. »Nimm meine herzlichsten Glückwünsche, mein lieber alter Freund, und alles Gute auf euren Lebensweg!«

»Ich danke dir, Rübesam. Ein wenig hast auch du zu dieser Verlobung mitgeholfen. Übers Jahr bei der Hochzeit in Hamburg darfst du mir nicht fehlen.«

»Werde ich auch nicht, Gransfeld. Habt übrigens verdammt dicht mit der Sache gehalten. Brauchst dir aber nicht einzubilden, daß ich nicht auch ein Geheimnis bewahren könnte.«

Gransfeld sah ihn fragend an. »Ein Geheimnis, das uns angeht?«

Rübesam lachte verschmitzt. »Das sollte ich wohl meinen.«

»Dann raus damit, Rübesam! Was ist's denn? Seit wann weißt du's denn?«

»Oh, mein lieber Gransfeld, ich weiß es schon seit acht Tagen, und angehen tut's hauptsächlich unsern Freund Rudi.«

»Mich, Herr Rübesam? Was kann denn das sein? Sagen Sie es doch, bitte!«

»Ja, Rudi, mein lieber Junge, es hängt mit unserm Geheimrat Scheffer zusammen. Dem haben deine Verkleidungskünste so gewaltigen Eindruck gemacht, daß er dich auf jeden Fall für das Werk behalten will.«

Rudi machte einen Freudensprung, daß er beinahe die Stufen der Freitreppe heruntergefallen wäre. »Dauernd im Werk? Eine Stellung hier? Fein! Großartig, Herr Rübesam! Aber als was soll ich denn eintreten?«

»Junge, versprich mir erst, daß du nicht größenwahnsinnig wirst, wenn ich dir das sage. Der Geheimrat meint nämlich, daß du viel schlauer bist als alle die Detektive, die er sich früher von Berlin verschrieben hat. Darum will er dir eine Stellung geben, in der du dich einerseits zu einem brauchbaren Kaufmann entwickeln kannst, anderseits aber—nebenamtlich sozusagen—deine Augen im Werke offenhalten sollst, denn es könnte ja am Ende mal wieder Henkes und Altmüllers bei uns geben.«

Ein neuer Freudensprung von Rudi war die Antwort, und diesmal wäre der würdige Chefchemiker der Gorlaer Werke beinahe mit ins Rollen geraten. Als er sein Gleichgewicht wiedergewonnen hatte, drohte er schmunzelnd mit dem Finger. »Aber das bitte ich mir aus, Rudi, mein Kleiderschrank und mein Frisierbeutel müssen künftig Ruhe vor dir haben.«

Lachend gab ihm Rudi das Versprechen, mit der festen Absicht, es nicht zu halten.


THE END


Roy Glashan's Library
Non sibi sed omnibus
Go to Home Page
This work is in the Australian public domain.
If it is under copyright in your country of residence,
do not download or redistribute this file.
Original content added by RGL (e.g., introductions, notes,
RGL covers) is proprietary and protected by copyright.