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HANS DOMINIK

LAND AUS FEUER UND WASSER

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RGL e-Book Cover 2016©

DRITTE BUCH DER PROFESSOR-EGGERT-TRILOGIE

First published by Verlag v.Hane & Koehler, Leipzig, 1939
This e-book edition: Roy Glashan's Library, 2016
Produced by Roy Glashan

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"Land aus Feuer und Wasser," Verlag v.Hane & Koehler, Leipzig, Ausgabe von 1944



HANDLUNG

Prof. Eggerth braucht für seine St.-Flugzeuge eine neue Flugzeugbasis in der Südsee. Kurzerhand plant er, Neuland mittels vulkanischer Kräfte zu schaffen. Durch ein im wahrsten Sinne des Wortes erderschütterndes Experiment sollen die Kräfte der Tiefe entfesselt und in den Dienst der Menschheit gezwungen werden. Wird dieser große Schlag gelingen, wird eine Katastrophe von unerhörten Ausmaßen herbeigeführt? Ein Buch voller Abenteuer und Spannung.

Ein Zukunftsroman voller Spannung, voll grandioser technischer Einfälle und wahrhaft gewaltiger Projekte!

Ein bekannter genialer Erfinder, dem die Aufgabe zuteil wurde, eine Flugzeugbasis in der Südsee zu gewinnen, plant kurzerhand, ein großes Land aus Feuer und Wasser zu schaffen! Nach einem im wahrsten Sinne des Wortes erderschütternden Experiment sollen die Kräfte der Tiefe entfesselt - und zugleich in den Dienst des Menschen gezwungen werden. Mit stärkster Anteilnahme verfolgt man die großzügigen Planungen und technischen Vorbereitungen. Immer brennender wird die Frage: Ist das Wagnis zu groß? Wissenschaftler und Politiker haben ihre Hand im Spiele. Werden sie nicht - ungewollt - in letzter Minute eine Katastrophe von unabsehbaren Ausmaßen herbeiführen?

Auch diesmal hat sich wieder die Gabe des Meister-Erzählers bewährt, große Probleme in der flotten Schilderung menschlichen Alltagslebens anschaulich werden zu lassen, wobei auch der Humor zu seinem Recht kommt.



INHALTSVERZEICHNIS



KAPITEL 1

Minister Schröter legte ein Schriftstück aus der Hand und wandte sich an seinen Besucher. »Sie wollen den neuesten Typ Ihrer Stratosphärenflugzeuge noch auf Nonstop-Flügen um unsern alten Globus herum erproben, bevor Sie Ihre Maschinen für die neuen transozeanischen Linien zur Verfügung stellen?«

»Das ist meine Absicht, Herr Minister«, beantwortete der Inhaber der großen Flugzeugwerke in Bay City und Walkenfeld, Professor Eggerth, die Frage. »Ich möchte den neuen Typ erst aus der Hand geben, nachdem er auch die letzte Prüfung einwandfrei bestanden hat.«

»Wieviel Zeit wird das noch kosten?« fragte Minister Schröter.

Professor Eggerth deutete auf das auf dem Tisch liegende Schriftstück. »Wie Sie aus meinem Exposé ersehen, habe ich den neuen Typ für die Probeflüge mit Reservetanks ausrüsten lassen, so daß die Maschinen die 40 000 Kilometer um den Erdball herum ohne Zwischenlandung durchführen können. Ich denke, in acht bis zehn Tagen mit allen Prüfungen zu Ende zu kommen.«

Der Minister nickte. »Ich habe die Einzelheiten darüber in Ihrer Denkschrift gelesen. Für die Probeflüge sind Zusatztanks ein brauchbares Aushilfsmittel; im regelrechten Flugverkehr brauchen wir die Tragkraft der neuen Schiffe besser für Nutzlast. In Ihrem Exposé kommen Sie, Herr Professor, zu dem Ergebnis, daß ein Treibstoffvorrat für eine Strecke von 8000 Kilometern das Verkehrswirtschaftliche Optimum ergibt.«

»Ganz recht, Herr Minister«, bestätigte Professor Eggerth die Worte Schröters. »Für diese Strecke sind auch die bleibenden Tanks bemessen, die Zusatztanks würde ich vor der Übergabe der Schiffe an die Verkehrsgesellschaften entfernen lassen.«

Die Unterredung schien zu Ende zu gehen, und Minister Schröter machte Anstalten, sich zu erheben, aber Professor Eggerth hatte noch etwas anderes auf dem Herzen. Sinnend blickte er ins Weite, überlegte eine Weile und begann dann langsam zu sprechen:

»Die neuen transozeanischen Linien, die wir planen, werden ausschließlich auf fremde Stützpunkte angewiesen sein …« Minister Schröter zuckte die Schultern, wollte etwas sagen und setzte zum Sprechen an, als Eggerth bereits fortfuhr: »Ich weiß, was Sie sagen wollen, Herr Minister. Bei dem augenblicklichen Stand der Dinge ist das nun einmal so, aber es braucht nicht unbedingt so zu bleiben.«

Wieder wollte der Minister etwas entgegnen, und wieder unterließ er es, um den Gedankengang des Besuchers nicht zu stören.

»Ich habe einen Plan--besser vielleicht gesagt: Ich erwäge einen Versuch, der aber, wenn er gelingen soll, viel diplomatischen Takt und eine glückliche Hand erfordert. Ich möchte dazu Ihre persönliche Unterstützung erbitten, da ich sonst niemand wüßte, der für eine solche Angelegenheit Verständnis haben könnte.«

Der Minister quittierte das Kompliment mit einer leichten Verneigung, und Professor Eggerth fuhr fort, seine Gedanken zu entwickeln.

»Wir werden bei den beabsichtigten Probeflügen den Erdball mehrfach umkreisen. Vielleicht gelingt es uns dabei, hier oder dort noch irgendein herrenloses Stückchen Land zu entdecken, das wir in Besitz nehmen und als Stützpunkt für unsere Fluglinien einrichten können. Meine Anfrage an Sie geht dahin, ob es möglich ist, mir in einem solchen Falle zur Erwerbung solcher Stützpunkte zu verhelfen?«

Der Professor hatte geendet, Minister Schröter antwortete nicht sofort. Den Kopf in die Hand gestützt, saß er nachdenklich da. Geduldig wartete Eggerth, bis er zu sprechen begann.

»Die Aufgabe, die Sie sich stellen, ist nicht leicht, Herr Professor. Es wäre ein besonderer Glückszufall, wenn Sie auf Ihren Flügen ein Fleckchen, eine Insel fänden, die noch nicht von irgendeiner andern Macht in Besitz genommen ist.«

»Das weiß ich«, bestätigte Professor Eggerth den Einwurf des Ministers. »Die Aussicht, noch etwas Derartiges zu entdekken, ist so gering, daß sich nicht einmal die Kosten einer besonderen Expedition dafür rechtfertigen ließen. Da wir nun aber doch einmal auf die Reise gehen, wollte ich Sie bitten, uns zu unterstützen und den Staatsschutz einer evtl. Erwerbung zu übernehmen. Wenn wir nichts Geeignetes entdecken, dann müssen wir uns beide mit dem Gedanken trösten, wenigstens das Unmögliche versucht zu haben.«

Der Minister strich sich über die Stirn, als wolle er lästige Gedanken fortwischen; dann sprach er in lebhafterem Ton: »Zum Resignieren bleibt uns später immer noch Zeit. Nehmen wir zunächst einmal an, das Unwahrscheinliche würde doch Wirklichkeit, wie dachten Sie, daß ich Sie unterstützen soll?«

»In einem solchen Fall müßte blitzartig gehandelt werden. Die Funkeinrichtungen unserer Schiffe setzen uns instand, jederzeit mit Ihnen in Verbindung zu treten. Unmittelbar nachdem wir ein passendes Objekt entdeckt haben, müßte es auch bereits offiziell von Ihnen in Besitz genommen werden. Sie wissen …«, ein leichtes Lächeln ging über die Züge Professor Eggerths, während er weitersprach, »ein sogenanntes fait accompli kann bisweilen recht nützlich sein.«

»Wir haben es vor Jahren in der Antarktis gemerkt«, lächelte der Minister, sah aber den Professor ein wenig befremdet an, als der fortfuhr:

»Wo stecken eigentlich zur Zeit meine alten Freunde Wille und Schmidt?« Dann ging ein Zug des Verstehens über das Gesicht Schröters, während er wieder das Wort nahm:

»Wollen Sie die beiden Herren mitnehmen? Der Gedanke wäre gar nicht übel. Da hätten Sie für alle Fälle gleich einen ehemaligen Staatskommissar und seinen Ministerialrat an Bord.«

»Daran dachte ich, Herr Minister. Fragt sich nur, ob die beiden zur Zeit abkömmlich sind?«

»Ich denke, sie sind es, Herr Professor. Dr. Wille, Staatskommissar im einstweiligen Ruhestand, arbeitet gegenwärtig In seinem Privatlaboratorium. Wir können jederzeit über ihn verfügen. Etwas anders liegt die Angelegenheit mit Dr. Schmidt. Er hat auf seine Pension als Ministerialrat verzichtet, dafür aber eine etatsmäßige Stellung in unserem magnetischen Observatorium bei Hagenau angenommen. Wie ich ihn kenne, wird er sich vielleicht sträuben, aber ich denke, wir werden ihn ebenfalls abkommandieren können.«

Der Minister griff zu seinem Schreibblock, um sich in Sachen Dr. Wille und Dr. Schmidt ein paar Notizen zu machen, als Professor Eggerth von neuem das Wort ergriff.

»Ich will selbst an die Herren schreiben oder noch besser, ich werde sie gleich aufsuchen und ihnen die Forschungsmöglichkeiten bei den Probeflügen in verlockenden Farben schildern. Ich hoffe, auf diese Weise beide dazu zu bringen, daß sie freiwillig mitkommen. Dadurch würden sich behördliche Anordnungen von Ihrer Seite erübrigen.«

»Sehr gut, Herr Professor; wenn Sie das erreichen können, entheben Sie mich einer unerwünschten Notwendigkeit.«

»Ich möchte es auch noch aus einem anderen Grund, Herr Minister. Wenn die beiden Herren unsere Expedition als freie Wissenschaftler begleiten, ist es vorläufig nicht nötig, sie in unsere Absichten einzuweihen. Es würde genügen, wenn Sie mir Vollmachten für Herrn Dr. Wille mitgeben, nach denen er gegebenenfalls zu handeln hätte.«

Minister Schröter nickte zustimmend. »Ich werde Ihnen die Vollmachten ausstellen lassen.«

»Sehr wohl, Herr Minister. Ich danke Ihnen! Ich gedenke in fünf Tagen zum ersten Flug zu starten. Darf ich bis dahin auf den Eingang der besagten Papiere rechnen?«

»Sie werden sie in drei Tagen haben«, sagte Minister Schröter.

Ein Händedruck und ein kurzer Abschied. Professor Eggerth verließ das Ministerium, um sich mit seinen alten Freunden Wille und Schmidt in Verbindung zu setzen.

›St 25‹, das neueste Stratosphärenschiff der Eggerth-ReadingWerke, war auf großer Fahrt. Man flog mit Überschallgeschwindigkeit.

Durch zollstarke Kristallscheiben fiel das Sonnenlicht von oben her in den Mittelraum des Flugschiffes und wurde in hundert Reflexen von dem mattglänzenden Titan-Leichtmetall widergespiegelt, aus dem Wände und Mobiliar bestanden.

Zwei Männer, beide kaum über die Mitte der Zwanzig hinaus, saßen im Mittelraum des Schiffes vor einem Tisch, dessen Platte zum größten Teil von einer Seekarte eingenommen wurde. Hein Eggerth, der Sohn des Erbauers von ›St 25‹, und Georg Berkoff, in gleicher Weise als Pilot und Ingenieur bewährt.

Georg Berkoff beugte sich über die Karte und begann mit Bleistift und Lineal zu arbeiten. Kleine Kreuze, Standortaufnahmen der letzten Stunden, verband er durch gerade Linien, um so den Kurs des Stratosphärenschiffes deutlicher zu machen; rechnete danach ein wenig, verglich Zeiten, ließ den Bleistift fallen und wandte sich an seinen Gefährten.

»Großartig, Heini ›St 25‹ hat die 2000-Stunden-Kilometer erreicht, steht im Begriff, sie zu überschreiten.« Er warf einen Blick auf die Wanduhr. »Schon wieder eine Stunde vorüber. Zeit, daß die nächste Ortsaufnahme kommt. Wenn es so weitergeht, werden wir mit ›St 25‹ einen neuen Weltrekord aufstellen.«

Auch Hein Eggerth schaute auf, aber sein Blick galt weniger der Uhr als dem Höhenzeiger neben ihr. »Alle Wetter, Georg!« Er deutete, während er es sagte, mit der Hand auf das Meßinstrument. »Mehr als 30 Kilometer Höhe, auch das gibt einen neuen Rekord. So hoch ist bisher noch kein Schiff in die Stratosphäre gestiegen.«

Georg Berkoff beobachtete eine Wedle den Zeiger des Höhenmessers, der um die Zahl ›32‹ herum spielte. »Das würde unsere Geschwindigkeit erklären«, meinte er nachdenklich, »aber … aber …«

»Du meinst, mein alter Herr riskiert mal wieder allerhand«, fiel ihm Hein Eggerth ins Wort.

»Das will ich nicht gesagt haben, Hein, obwohl …«

»Du willst sagen, Georg, daß man für ›St 25‹ zunächst nur eine Flughöhe von 25 Kilometern vorgesehen hat und daß wir jetzt sieben Kilometer höher stehen. Ich sehe keine Gefahr dabei. Es ist lediglich eine Frage der Kompressoren. Solange sie den Atmosphärendruck im Schiffskörper halten, können wir unbesorgt steigen.«

»Was ja inzwischen schon wieder geschehen ist«, fiel Berkoff ein und wies auf den Höhenmesser, dessen Zeiger bei ›33‹ stand. In seine letzten Worte klang das Klappen der Tür, die von der Schiffszentrale zum Mittelraum führte. Eine Gestalt erschien in der Türöffnung.

»Der lange Schmidt! Er bringt das neue ›Besteck‹«, konnte Hein Eggerth seinem Freund Berkoff eben noch zuraunen. Dann trat der Ankömmling schon mit merkwürdig eckigen Bewegungen an den Tisch heran und legte ein mit einigen Zahlen beschriebenes Blatt auf die Seekarte.

»Die letzte Ortsaufnahme, Herr Eggerth. Wollen Sie die Güte haben, Ihre Eintragungen danach zu vervollständigen?«

»Sofort, Herr Ministerialrat«, erwiderte Eggerth, griff nach dem Blatt und las die Zahlen ab. »Zwanzig Grad 15 Minuten südlicher Breite, hunderteinundfünfzig Grad 24 Minuten westlicher Länge.«

Während Herr Dr. Schmidt, zur Zeit Ministerialrat im einstweiligen Ruhestand, aber von Hein Eggerth und Georg Berkoff privatim kurz und respektlos der lange Schmidt genannt, den Raum verließ, um sich wieder zu der Kommandozentrale im Vorderschiff zu begeben, griff Berkoff zum Bleistift. Einige Sekunden ging sein Blick suchend über die Karte. Dann trug er ein neues Kreuz ein. Wiederholte dabei mehr für sich die eben von Hein Eggerth genannten Werte, fuhr dann zu dem gewandt lauter fort:

»Die Gegend kommt mir verflucht bekannt vor, Hein. Weißt du noch damals? Die Robinson-Insel? Da müssen wir ja ziemlich nahe dran sein … Schade, daß es unseren Freunden Garrison und Bolton da nicht besser gefallen hat. Die beiden hätten sich und uns manchen Kummer ersparen können, wenn sie etwas länger auf dem idyllischen Eiland ausgehalten hätten.«

Hein Eggerth warf erst einen Blick zur Tür, durch die Dr. Schmidt verschwunden war, bevor er antwortete.

»Georg, Menschenskind! Ich bitte dich, sei vorsichtig. Wenn der lange Schmidt dich eben gehört hätte! Ich glaube, der wäre glatt durch die Decke gegangen.«

»Ah, bah, Hein!« Berkoff lachte leicht auf, »die Decke über uns besteht aus starkem Titan-Dural und dreizölligem Quarzglas. Er wird sich’s überlegen, da durchzufahren … Außerdem liegt die Geschichte ja schon drei Jahre zurück. Sie ist längst verjährt.«

»Für uns vielleicht, Georg, aber für unseren Freund Schmidt noch längst nicht. Für unsere munteren Streiche hat er kein Verständnis.«

»Ist eigentlich schade um den Mann«, meinte Berkoff mit leichtem Bedauern. »Ein Wissenschaftler von Weltruf und dabei ein Gebaren … das Gesicht, als er dir eben das Besteck gab, die Milch konnte davon sauer werden.«

Berkoff beugte sich wieder über seine Karte und begann auf ihr zu suchen. »Das ist doch ganz verrückt«, meinte er nach kurzer Zeit. »Ich kann unsere Insel von damals auf der Karte nicht finden.«

»Was, Georg! Die Insel nicht auf der Karte? Ein Eiland von gut und gern 15 Quadratkilometern? Die müßte doch eingetragen sein.«

»Ist aber nicht drauf, Hein.«

»Dann taugt die Karte nichts, Georg. Ich werde nach vorn gehen und eine bessere holen.«

Er verließ den Raum und kehrte nach kurzem mit einer anderen Seekarte zurück, die er auf dem Tisch über der ersten ausbreitete. Während Hein Eggerth und Georg Berkoff sich darüber beugten und von neuem zu suchen begannen, klappte die Tür zum Vordergang zum zweiten Male. Dr. Schmidt kam zurück und machte es sich in einem Sessel bequem. Dabei entging es ihm nicht, daß die beiden die Köpfe zusammensteckten und miteinander flüsterten. Der lange Schmidt begann die Ohren zu spitzen und wurde neugierig.

»Was suchen Sie?« fragte er und trat zu ihnen.

»Eine Insel, Herr Ministerialrat«, antwortete Berkoff. »Ein Inselchen von immerhin 10 Kilometer Länge und etwa drei Kilometer Breite. Hier müßte es liegen.« Er legte den Finger auf die Karte. »Aber es ist nicht eingetragen. Keine Spur von einer Insel, nicht einmal eine Untiefe ist an der Stelle verzeichnet.«

»Wenn sie nicht eingetragen ist, dann existiert sie nicht«, erklärte der lange Schmidt.

»Verzeihung, Herr Ministerialrat«, widersprach Hein Eggerth. »Die Insel existiert doch. Wir sind früher einmal auf ihr gelandet und haben eine genaue Ortsbestimmung gemacht Hier muß sie liegen. Das laß ich mir nicht nehmen.«

Dr. Schmidt wollte den Mund zu einer Erwiderung öffnen, als ein kurzer metallischer Klang durch den Raum dröhnte.

»Was war das? Haben Sie es gehört?« fragte Berkoff, sah die andern an und schwieg. Nur das gleichmäßige Spiel der Turbinen drang gedämpft durch den Raum.

»Die Maschinenanlage ist in Ordnung«, stellte Hein Eggerth nach kurzer Pause fest, »das Geräusch muß durch eine Einwirkung von außen hervorgerufen worden sein.«

Der lange Schmidt griff den Ball, den ihm Hein Eggerth mit dieser Frage zuwarf, willig auf. Er richtete sich in seinem Sessel auf und begann zu dozieren.

»Das sind die Gefahren der Stratosphäre. Ich habe Ihrem Vater meine Bedenken nicht verhehlt, Herr Eggerth, als er sich entschloß, über die vorgesehenen 25 Kilometer hinauszugehen. In dieser Höhe fehlt bereits ein beträchtlicher Teil des soliden Luftpolsters, das uns in der dichteren Atmosphäre schützt. Es treiben sich eben doch allerlei Brocken verschiedenster Größe im Weltraum umher, als man gewöhnlich anzunehmen geneigt ist. Hier oben ist ihre Geschwindigkeit gegen die Erdbewegung noch nicht genügend abgebremst. Der Luftverkehr sieht sich deshalb hier unberechenbaren Gefahren gegenüber.«

Während Dr. Schmidt sich weiter in langatmigen Ausführungen erging, wandten Berkoff und Hein Eggerth ihre Aufmerksamkeit wieder der Seekarte zu und ließen ihn reden.

»Die Meteoritengefahr dürfte für die Stratosphärenschiffahrt ungefähr das gleiche bedeuten, was die Eisberge für die Seeschiffahrt sind«, hatte der eben gesagt, als er plötzlich abbrach, ein paar schnelle Atemzüge tat und sich wie von einer Schwäche befallen in den Sessel zurücksinken ließ.

»Ist Ihnen nicht wohl, Herr Doktor?« Noch während Hein Eggerth die Frage stellte, spürte er selbst ein unangenehmes Knacken in den Ohren. Während er den Mund öffnete und durch Verschlucken von Luft der störenden Empfindung Herr zu werden versuchte, ging sein Blick zu dem Barometer an der Wand, das den Luftdruck im Innern des Stratosphärenschiffes anzeigte. Noch vor kurzem hatte es, wie es ja auch sein sollte, einen Luftdruck von 760 Millimeter Quecksilbersäule gewiesen. In wenigen Minuten war es um 200 Millimeter gefallen und sank noch ständig weiter.

»Zum Teufel! Was ist das? Eine Undichtigkeit im Schiffsrumpf?« Georg Berkoff sagte es mit einem fragenden Blick auf Hein Eggerth. Der nickte nur kurz. Er war aufgesprungen und wollte eben die Tür zu dem vorderen Gang öffnen, als sie ihm aus der Hand genommen wurde. Professor Eggerth kam in den Mittelraum, gefolgt von Dr. Wille.

»Was hat es gegeben, Vater?« Nur mühsam brachte Hein Eggerth die Worte hervor, die verdünnte Luft erschwerte auch ihm das Sprechen.

Professor Eggerth ließ sich in einen Sessel fallen und deutete schweigend auf die Meßinstrumente an der Querwand des Raumes. Der Höhenzeiger, der noch vor wenigen Minuten auf 33 Kilometer wies, war bis auf 25 abgesunken und fiel jäh weiter. In steilem Gleitflug, der fast schon zum Sturzflug wurde, ging ›St 25‹ aus der Stratosphäre nach unten in dichtere Luftschichten hinab. In 3000 Meter Höhe strich das Luftschiff dahin. Langsam, aber stetig begann jenes andere Meßinstrument wieder zu steigen, das den Luftdruck im Innern des Schiffes anzeigte. Hier in dieser tieferen Schicht der Atmosphäre wirkte sich die Arbeit der Turbinen der Klimaanlage wieder aus. Sie vermochten jetzt genügend Luft in den Schiffsraum zu schleudern, um den vollen Atmosphärendruck aufrechtzuerhalten. Kräftig machte sich aber jetzt das Heulen der Düsenmotoren bemerkbar, da man unter die Schallgeschwindigkeit gegangen war. Allmählich wich auch die Benommenheit, welche die Insassen von ›St 25‹ infolge der plötzlichen Druckverminderung befallen hatte. Nach ein paar kräftigen Atemzügen brach Professor Eggerth das Schweigen. »Wir haben einen Riß im Schiffsrumpf, Hein. Im Fluge können wir ihn nicht reparieren. Wir müssen einen passenden Landungsort suchen.«

Georg Berkoff hatte sich über die Karte gebeugt. »Wie denken Sie über die Gesellschaftsinseln, Herr Professor?« fragte er. »Es sind nur ein paar hundert Kilometer von hier. Auf Tahiti gibt es meines Wissens eine Flugschiffswerft mit allen Hilfsmitteln.«

Professor Eggerth machte eine abwehrende Bewegung. »Ausgeschlossen, mein lieber Berkoff! Wo denken Sie hin? Mit ›St 25‹ in eine fremde Werft gehen, damit die liebe Konkurrenz uns recht schön alles abgucken kann? Das gerade Gegenteil davon brauchen wir. Irgendeine unbewohnte Insel, auf der wir vor neugierigen Augen sicher sind. Fremde Hilfe brauchen wir nicht. Unsere Bordmittel genügen vollkommen. Fragt sich nur noch, wo wir möglichst in der Nähe ein für unsere Zwecke geeignetes Plätzchen finden …«

»Ja! Wo, Herr Professor?« meinte Berkoff und fuhr mit den Fingern suchend über die Karte.

»Gehen wir doch auf unsere Robinson-Insel«, raunte Hein Eggerth ihm halblaut zu.

»Ja, zum Teufel, Hein, die steht doch nicht auf der Karte«, widersprach ihm Berkoff. »Hier an der Stelle müßte sie liegen, aber sie ist doch nicht da.«

»Ist ja Unsinn, Georg! Wir sind doch beide auf ihr gewesen. Einen Augenblick mal, Vater«, er zog den Professor mit sich auf den Gang hinaus.

»Warum so geheimnisvoll, Hein?« fragte der verwundert.

»Weil Dr. Schmidt nicht zu hören braucht, was ich dir zu sagen habe. Wir befinden uns ganz in der Nähe der Insel, auf der wir damals Garrison und Bolton ausgesetzt haben, um ihnen für einige Zeit die Möglichkeit zu nehmen, unsere Forschungsarbeiten in der Antarktis zu stören …«

Professor Eggerth lächelte.

»Aha, ich begreife! Alte Sünden, von denen unser Freund Schmidt immer noch nichts wissen darf.«

»Ganz recht, Vater. Diese Insel ist für unsere Zwecke wie geschaffen. Unbewohnt! Eine große Wiese bietet einen vorzüglichen Landeplatz …«

»Gut, Hein! Da wollen wir landen.«

»Gewiß, Vater … aber …«

»Was gibt’s da noch einzuwenden?« unterbrach ihn der Professor.

»Die Insel ist auf unseren Karten nicht eingetragen. Ich habe mit Berkoff schon vergeblich danach gesucht.«

Professor Eggerth sah interessiert auf. »Auf der Karte nicht eingetragen? Wie willst du sie dann finden?«

»Ich habe die Zahlen unserer damaligen Ortsbestimmung genau im Gedächtnis, und Berkoff weiß sie ebenfalls noch. Ein Irrtum ist ausgeschlossen.«

»Dann wollen wir die Insel ansteuern. Die Hauptsache bleibt, daß ihr den genauen Ort kennt. Geh in die Zentrale und laß den Kurs setzen. Bitte bei der Gelegenheit gleich Dr. Wille, zu mir zu kommen.«

Während Hein Eggerth nach vorn ging, kehrte der Professor in den Mittelraum zurück. Kurz darauf kam auch Dr. Wille, ein Wissenschaftler von gleicher Gründlichkeit und gleichem Ansehen wie Schmidt, aber sonst in fast allen Dingen das gerade Gegenteil des langen Doktors.

Ein reichliches Jahrzehnt hatten diese beiden Forscher früher zusammengearbeitet. Groß und unbestreitbar waren die Erfolge, die sie besonders auf dem Gebiet des Erdmagnetismus in gemeinsamer Tätigkeit erreicht hatten, aber fast als ein Wunder mußte es gelten, daß sie sich bei ihren wissenschaftlichen Meinungsverschiedenheiten, die nur allzu häufig in einen Streit auszuarten drohten, doch niemals ernstlich verkracht hatten. Daß dem so war, lag zweifellos weniger am langen Schmidt als an Dr. Wille, der es durch sein konziliantes Wesen immer wieder vermochte, ihre Debatten im entscheidenden Augenblick in ein ruhigeres Fahrwasser zurückzuleiten.

»Nun, Herr Kollege, was sagen Sie zu unserem Zwischenfall?« begrüßte Wille seinen alten Freund und Widersacher.

»Ich habe mich bereits darüber ausgesprochen«, erwiderte der lange Schmidt feierlich. »Wir sind zu hoch in die Stratosphäre gegangen. Es war nichts anderes zu erwarten.«

»Aha, Kollege, Ihre alte Meteoritentheorie! Sie glauben, ein verirrtes Steinchen aus dem Weltraum hätte ›St 25‹ leck geschlagen.«

»Das meine ich in der Tat, Herr Dr. Wille«, vertrat Schmidt seine Meinung.

»Ja, dann müßte aber eine Beule am Schiffskörper sein. Die haben wir trotz sorgfältigen Untersuchens nicht feststellen können. Wir, das heißt Professor Eggerth und ich, vermuten eine andere Ursache für den Riß und haben uns auch bereits eine bestimmte Ansicht darüber gebildet.«

»Ich muß trotzdem meine Hypothese aufrechterhalten«, widersprach Dr. Schmidt, und schon entwickelte sich zwischen den beiden gelehrten Häusern wieder eine jener Streitereien, die man seit langem an ihnen gewohnt war. Professor Eggerth ließ sie gewähren und wandte sich mit Berkoff der Seekarte auf dem Tisch zu.

»Es ist mir unbegreiflich, daß die Insel nicht eingetragen ist«, meinte Berkoff. »Ein Stück Land von Her Größe ist doch schließlich nicht zu übersehen.«

»O doch, Herr Berkoff! Vergessen Sie nicht die endlose Weite der Südsee, in der die Inseln nur verlorene Punkte sind. Es ist wohl denkbar, daß manche von ihnen noch von keines Menschen Auge gesehen und von keines Menschen Fuß betreten wurden …«

»Für unsere Insel kann das aber nicht zutreffen, Herr Professor. Wir sahen damals Ziegen und Tauben auf ihr; die müssen doch unbedingt einmal von einem Schiff dorthin gebracht worden sein.«

»Zweifellos, mein lieber Herr Berkoff, aber die Vorfahren dieser Ziegen können schon vor hundert oder hundertfünfzig Jahren ausgesetzt worden sein, und in der Zwischenzeit ist die Insel längst wieder in Vergessenheit geraten. Übrigens, meine Herren …«, er wandte sich an Wille und Schmidt, die ihren Disput gerade durch eine kurze Atempause unterbrachen, »das ist eine Tatsache, aus der man vielleicht einige nicht unwichtige juristische Schlüsse ziehen könnte.«

»Juristische Schlüsse, Herr Professor? Ich bin neugierig, was Sie folgern wollen«, meinte Dr. Wille.

»Ich ziehe den einzig möglichen Schluß, Herr Doktor, diese Insel ist, wie die Juristen sagen, eine ›res nullius‹, das heißt, eine Sache, die niemandem gehört. Der erste, der sie in Besitz nimmt, ist ihr rechtmäßiger Eigentümer.«

»Theoretisch vielleicht, meine Herren, aber praktisch?« Dr. Schmidt schüttelte halb zweifelnd, halb mißbilligend den Kopf. »Da würden am Ende doch wohl allerlei andere Leute kommen und unter Berufung auf ihre Interessensphären protestieren--würden ältere Ansprüche geltend machen … Man weiß aus der Kolonialgeschichte zur Genüge, wie es in solchen Fällen zugeht. Vor hundert Jahren mag so etwas wohl noch möglich gewesen sein, aber in unserer Zeit halte ich es für ausgeschlossen. Sie werden mir darin recht geben müssen.«

»Ich glaube, Herr Kollege, daß Sie mit Ihrer Meinung recht haben könnten«, pflichtete ihm Dr. Wille nach kurzem Nachdenken bei.

»Wir streiten um des Kaisers Bart, meine Herren«, meinte Professor Eggerth, »weder wir noch irgendwelche anderen Staaten haben an diesem weltverlassenen Flecken ein Interesse. Selbst wenn das Eiland bewohnt wäre, hätte es wenig Wert; es liegt viel zu weit abseits von den Koprainseln, die den Verkehr mit den größeren Inselgruppen vermitteln. Glauben Sie mir, es hat schon seine guten Gründe, daß sich bisher kein Liebhaber dafür gefunden hat.«

Dr. Schmidt wollte noch einen Einwand machen, als Hein Eggerth in den Mittelraum zurückkam. »Geht alles in Ordnung, Hein?« fragte der Professor. »Ist das Land schon in Sicht?«

Er stockte, als er in das Gesicht seines Sohnes blickte, stutzte noch mehr, als der, ohne die Frage direkt zu beantworten, ihn bat, mit nach vorn in den Pilotenraum zu kommen.

Von Georg Berkoff und seinem Sohn gefolgt kam Professor Eggerth in den Pilotenraum, in dem große Kristallscheiben einen freien Ausblick nach vorn erlaubten.

Der Professor trat an das Mittelfenster heran. In endloser Weite dehnte sich vor seinen Blicken die See. Ungefähr 10 Kilometer voraus erhob sich die Silhouette einer Insel aus der Flut und gewann an Form und Farbe, während »St 25« mit gedrosselten Motoren darauf zuflog. Noch betrachtete der Professor sie schweigend, als Bert Roege, der zweite Pilot des Flugschiffes, ein Blatt von seinem Schreibblock riß und es Hein Eggerth reichte.

»Die neue Ortsbezeichnung, Hein.« Der warf einen kurzen

Blick darauf, sah die Zahlen und griff sich an die Stirn. »Bei Gott, Georg. Nach der Ortsbestimmung muß sie es sein.

Und doch--es ist alles so anders.«

Professor Eggerth wandte sich zu dem Sprechenden hin.

»Was ist anders, Hein?« fragte er.

»Der Berg zur linken, Vater. Damals lag dort ein bewaldetes Plateau, nach meiner Erinnerung kam höher als 500 Meter.

Statt dessen ragt jetzt ein mächtiger Bergkegel in die Höhe.

Ohne Baum und Strauch, vollkommen kahl. Nach dem Besteck hier muß es ja unsere alte Insel sein, aber wiedererkannt hätte ich sie nicht, und Berkoff ging es ebenso wie mir. Auch er war im Zweifel. Deshalb bat ich dich in den Kommandoraum.« Während Hein Eggerth sprach, nickte der Professor ein paarmal leicht vor sich hin. Jetzt nahm er das Wort. »Ich kann es verstehen, Hein, daß ihr eure alte Insel nicht wiedererkennt.

Es hat wohl in der Zwischenzeit hier einen Vulkanausbruch gegeben. Der neue Kegel dort--ich schätze seine Höhe auf 2000 Meter--hat das Bild natürlich von Grund auf verändert.

Allzu lange kann der Ausbruch übrigens nicht zurückliegen, sonst müßten sich wenigstens Spuren einer Vegetation auf den Berghängen zeigen.«

Er griff nach einem scharfen Glas, beobachtete den neuen Berg eine Weile und reichte es dann seinem Sohn, während er weitersprach.

»Erloschen ist der Vulkan noch nicht. Durch das Glas kannst du einen schwachen Dunst über dem Gipfel bemerken. Hoffen wir, daß er Ruhe hält, bis wir unsern Schaden ausgebessert haben und uns wieder in die Stratosphäre zurückziehen können. Unsern Landeplatz wollen wir auf jeden Fall in einiger Entfernung von ihm wählen.«

Während dieser Ausführungen waren auch Dr. Wille und Schmidt hinzugekommen und hatten die letzten Worte von Professor Eggerth noch gehört. Dr. Schmidt kniff die Lider zusammen, um schärfer sehen zu können und murmelte etwas Unverständliches vor sich hin.

»Wie meinten Sie, Herr Ministerialrat?« fragte Berkoff in der stillen Hoffnung, den langen Schmidt in Harnisch zu bringen.

Aber der war so mit seinen Gedanken beschäftigt, daß er die Frage überhörte. Er griff in die Tasche, zog ein Notizbuch heraus, blätterte darin, schien endlich gefunden zu haben, was er suchte, ruckte ein paarmal, während er die Notizen überlas, und steckte das Buch dann wieder fort. Berkoff wollte zum zweitenmal fragen, als Dr. Schmidt ihm zuvorkam.

»Selbstverständlich ist der Vulkan neu, Herr Berkoff. Er war noch nicht vorhanden, als Sie die Insel das letztemal besuchten.

Der Berg ist 12 Wochen und 3 Tage alt …«

Der Professor blickte erstaunt auf. »Wie wollen Sie das so genau wissen, Herr Dr. Schmidt? Mein Sohn und Herr Berkoff waren vor ungefähr drei Jahren hier. Seitdem dürfte kein Mensch wieder die Insel betreten haben.«

»Trotzdem bleibe ich bei meiner Behauptung, Herr Professor. Die Entstehung dieses Vulkans hängt zweifellos mit dem großen Seebeben vom 12. Februar dieses Jahres zusammen. Sie erinnern sich an den Bericht in der Geophysical Research, Herr Dr. Wille? Ich sandte Ihnen das betreffende Heft vor einigen Wochen zu.«

»Gewiß, Herr Kollege«, bestätigte Dr. Wille die Frage. »Ich habe den Bericht gelesen und zu meinen Akten genommen. Es war ein klassischer Beweis für die Atkinsonsche Theorie über die unterirdischen Zusammenhänge vulkanischer Tätigkeit.« »Eine grauenvolle Naturkatastrophe war es«, Professor Eggerth sagte es mehr zu sich als zu den anderen. »Über 10 000 und mehr Kilometer hin wurde damals unsere alte Erdrinde lebendig. Von den japanischen Inseln bis zu den Anden Südamerikas hin begannen Vulkane, darunter auch welche, die man für längst erloschen hielt, wieder Asche und Flammen zu speien. In der Südsee hier ist in jenen kritischen Tagen wahrscheinlich manches Eiland in die Tiefe gesunken, vielleicht auch manches neue, von dem man heute noch nichts weiß, aus den Fluten emporgetaucht …«, er brach ab, um anzuhören, was die Herren Schmidt und Wille sich zu sagen hatten.

Wieder einmal waren die beiden in einen wissenschaftlichen Disput geraten. Dr. Wille verfocht die Theorie eines über Tausende von Kilometern zusammenhängenden feurig-flüssigen Magmas und konnte sich dabei auf die bei jenem letzten großen Seebeben an weit voneinander entfernten Orten gleichzeitig beobachteten Vulkanausbrüche stützen. Dr. Schmidt dagegen vertrat eine andere These, welche Vulkanausbrüche als rein lokale Ereignisse zu werten versucht. Vielleicht hätte dieser Disput der beiden Forscher noch länger gedauert, wenn die Notwendigkeit, jetzt einen passenden Landeplatz für ›St 25‹ zu suchen, ihm nicht ein Ende bereitet hätte.

Schon hatten sich die großen Klappen im Oberteil des Schiffsrumpfes zurückgeschoben, schon reckten sich die gewaltigen Hubschrauben empor und begannen schnell und immer schneller zu rotieren. Nun hing das Gewicht des Flugschiffes sicher an ihnen, und nur noch ganz langsam trieb der glänzende Metallbau durch die Luft dahin. Schon überschritt er die Küstenlinie und stand über dem Land.

Hein Eggerth deutete nach Steuerbord, wo sich vom Strand aus eine ebene Wiese ziemlich weit landeinwärts erstreckte, und schlug vor, dort niederzugehen. Professor Eggerth nickte. »Der Platz scheint gut zu sein, Hein. Wir wollen ihn für unsere Landung ins Auge fassen, aber erst möchte ich mir den neuen Vulkan aus der Nähe ansehen.«

Er gab Bert Roege, der wieder das Steuer genommen hatte, eine Weisung. Etwas kräftiger heulten die Düsenmotoren, ein wenig schneller schwebte das Schiff auf einem etwas veränderten Kurs dahin. Immer näher kam es dem Vulkankegel. Deutlich war jetzt zu erkennen, daß die Hänge des Berges aus feiner Asche und gröberen Brocken eines tiefbraunen lavaähnlichen Gesteins bestanden. Unverkennbar war jetzt auch eine zitternde Dunstwolke über der Kegelspitze.

Ein neues Kommando gab der Professor, und kräftiger arbeiteten die Hubschrauben und rissen das Schiff weiter empor, so daß es über die Höhe der Wolke hinauskam. Und dann trieb es über den Kraterrand dahin.

Ein Anblick bot sich den Männern in ›St 25‹, der ihnen für Minuten die Sprache verschlug. Weißglühend und brodelnd stand ein Lavasee im Kraterinneren. Wie von leichten Stößen bewegt wogte die feurige Masse ständig auf und nieder. Der neue Vulkan war weit davon entfernt, erloschen zu sein. Das hatte die kurze Beobachtung zur Genüge gezeigt.

»Wir wollen landen«, die Stimme des Professors brach das Schweigen, »auf dem Platz, Hein, den wir dafür in Aussicht genommen hatten.«

In mäßiger Fahrt schob sich ›St 25‹ von dem verdächtigen Berg fort und folgte der Uferlinie einige Kilometer in westlicher Richtung. Ein Hebelgriff und das Geheul der Düsenmotoren verstummte. Eine zweite Hebelbewegung und auch die Hubschrauben verlangsamten ihren Lauf. Ganz allmählich sank das Schiff nach unten, bis es leicht und stoßfrei auf grünem Rasen aufsetzte.

Verschraubungen wurden gelöst, Türflügel geöffnet, Treppen und Leitern aus blinkendem Leichtmetall herausgeschoben.

Froh, sich nach so langem Flug einmal wieder die Beine auf festem Land vertreten zu können, schickte die Besatzung sich an, das Schiff zu verlassen, als Professor Eggerth dazwischentrat. Mit etwas betrübter Miene fügte sich Bert Roege seiner Anordnung, mit zwei Maschinisten als Bordwache zurückzubleiben und die Hubschrauben in ständiger Startbereitschaft zu halten.

»Ihr anderen«, wandte sich Professor Eggerth weiter an seinen Sohn und Berkoff, »macht euch an die Reparatur, Sie, Herr Schmieden, sind dabei behilflich.«

»Ja, dann wollen wir mal, Georg«, sagte Hein Eggerth zu Berkoff. Gemeinsam steckten sie aus Leichtmetallrohren gefertigte Leiterstücke zu zwei längeren Leitern zusammen und lehnten diese gegen das vordere Drittel des Flugkörpers, wo die Verkleidung des inneren Düsenmotors der Steuerbordseite mit der Schiffswandung verschweißt war.

»Habt ihr die Stelle?« fragte Professor Eggerth, als die beiden oben standen.

»Jawohl, Vater. Ist ein tüchtiger Riß, reichlich einen halben Meter lang. Ist wieder die gleiche Stelle, mit der wir schon einmal Schwierigkeiten hatten.«

»Macht euch mit den Schweißapparaten darüber her«, rief der Professor. »Zu Hause im Werk werden wir weiter sehen, was zu tun ist.«

Während am Rumpf von ›St 25‹ die Blaubrenner des Schweißapparates zu zischen begannen, wandte sich Professor Eggerth um und ging über die Wiese zu Dr. Wille und Schmidt, die er in einiger Entfernung lebhaft miteinander debattierend stehen sah. Schon von weitem fing er einige Brokken ihrer Unterhaltung auf. Die beiden waren schon wieder in eine Debatte über die verschiedenen Theorien des Vulkanismus verwickelt. »Unverbesserliche Streithähne« dachte er, während er näher trat.

Zu dritt gingen sie langsam weiter. Ein Baum, der vereinzelt auf der weiten Rasenfläche stand, erregte die Aufmerksamkeit Dr. Willes, er steuerte darauf zu, blieb davor stehen und be trachtete aufmerksam den Stamm.

»Ein gut gewachsenes Exemplar der Adansonia digitata, Herr Doktor«, sagte Professor Eggerth, der zu ihm getreten war. »Zu deutsch ein Affenbrotbaum. Sehen Sie die Früchte in seiner Krone. Sie sind nahrhaft und schmackhaft; zu verhungern braucht man hier nicht.«

Dr. Wille warf nur einen flüchtigen Blick nach oben, dann wandte sich seine Aufmerksamkeit wieder dem Stamm zu. »Sehen Sie das hier, Herr Professor. Diese eigenartigen Querfurchen in gleichen Abständen und unter sich fast genau parallel. Ich zerbreche mir den Kopf, wie das zustande gekommen ist. Ich dachte erst an irgendein Stück Wild, das an der Rinde seine Zähne gewetzt oder sein Geweih geschabt haben könnte. Aber so etwas gibt es doch auf der Insel nicht.« Während Dr. Wille sprach, hatte sich der lange Schmidt dicht über die Furchen in der Rinde gebeugt und sie genau betrachtet.

»Das stammt von Menschenhand«, sagte er, als er sich wieder aufrichtete. »Zweifellos ist es mit einem scharfen Werkzeug in die Rinde gekerbt. Eigenartig … Ich zähle fünfundvierzig Einkerbungen. Wer mag sich das sonderbare Vergnügen gemacht haben, den Stamm hier in Kerbschnittmanier zu bearbeiten?«

»Wenn die Spuren, wie Sie behaupten, Herr Kollege, von Menschenhand herrühren«, griff Dr. Wille die Bemerkung des langen Schmidt auf, »dann könnte man an Schiffbrüchige denken, die auf die Insel verschlagen wurden und sich nach dem Vorbild von Robinson Crusoe an dem Stamm einen Kalender angelegt haben. Man könnte dann vielleicht weiter schließen, daß sie sich 45 Tage hier aufgehalten und danach die Insel wieder verlassen haben.«

Mit reichlich gemischten Gefühlen hörte Professor Eggerth die Schlußfolgerungen an, die Dr. Wille aus diesen Kerbzeichen zog. »Ich glaube, Herr Doktor, Ihre Phantasie verführt Sie zu allzu kühnen Schlüssen.«

»Gewiß, Herr Professor, es ist nur eine vage Vermutung von mir«, gab Dr. Wille zu.

»Aber eine Vermutung, die sehr viel für sich hat«, hakte der lange Schmidt wieder ein. »Wenn aber Menschen anderthalb Monate hier gewesen sind, dann müßte man auch noch andere Spuren von ihnen finden können. Feuerstellen vielleicht oder sonst dergleichen …«

Vergeblich bemühte sich Professor Eggerth, Dr. Schmidt zur Rückkehr zu ›St 25‹ zu veranlassen.

»Wenn das hier ihr Kalender war, müssen sie hier in nächster Nähe gehaust haben«, erklärte der Doktor und machte sich daran, die Umgebung abzusuchen. Wohl oder übel blieb Professor Eggerth und Dr. Wille nichts anderes übrig, als ihm zu folgen. Über schwellendes Gras ging der Weg landeinwärts zum Waldrand, wo Dr. Schmidt etwas Auffälliges zu sehen glaubte, das sich beim Näherkommen als ein Gewirr von verrotteten wollenen Decken und Kleidungsstücken entpuppte. Dr.

Schmidt machte sich darüber her und begann die Sachen auseinanderzuräumen, und da zeigte es sich schnell, daß sie es mit einem nur primitiv aus drei Stämmen und einigen Wolldecken errichteten Zelt zu tun hatten, das wohl schon vor längerer Zeit verlassen und später dann zusammengebrochen war. Aber nicht natürliche, allmähliche Verwitterung, sondern eine plötzliche gewaltsame Einwirkung von außen hatte diese Zerstörung hervorgerufen, und zweifellos hing sie mit der Bildung des neuen Vulkans zusammen. Das wurde offensichtlich, als Schmidt jetzt eine der Decken beiseite schob und darunter zwischen zersplittertem Holz einen Lavabrocken entdeckte, der gut und gern ein Gewicht von einem halben Zentner haben mochte.

Ein bräunlicher, glasiger Stein war es. Nur mit einiger Anstrengung vermochte Dr. Schmidt ihn beiseite zu rollen. Dann ließen sich ein paar andere Decken ohne Schwierigkeit aufnehmen, und unter ihnen kam eine Kiste zum Vorschein, die allerlei Werkzeuge enthielt. Ein paar Handbeile, eine Axt, Sägen und Stemmeisen. Das Eisen war stark vom Rost angegriffen, aber klar und deutlich war auf den hölzernen Griffen noch ein eingebrannter Stempel zu erkennen. Mit ›St 8‹ waren alle diese Werkzeuge gezeichnet.

Der lange Schmidt sah es und stutzte. Ein unbestimmter Verdacht schien in ihm aufzusteigen.

»Werkzeuge von ›St 8‹, Herr Professor?« fragte er nachdenklich, während er ein Handbeil ergriff und sich den Stempel noch einmal besah. »Das ist eigenartig.«

Im stillen verwünschte Professor Eggerth Dr. Schmidt mit seinen neugierigen Fragen. Äußerlich ließ er sich nichts anmerken und erwiderte gelassen:

»›St 8‹ ist vor Jahren einmal auf dieser Insel gewesen. Ich nehme an, daß das Werkzeug von unseren Leuten vergessen wurde. Möglicherweise haben Schiffbrüchige es später gefunden, und wahrscheinlich ist es ihnen ein wertvolles Hilfsmittel gewesen. Vielleicht konnten sie sich damit ein Boot zimmern und die Insel wieder verlassen.«

»Das könnte so gewesen sein«, meinte Dr. Schmidt, aber an dem Ton, mit dem er es sagte, war unschwer zu merken, daß er selber nicht daran glaubte.

»Ich werde nachher Berkoff und meinen Sohn danach fragen«, fuhr der Professor fort. »Gestatten Sie, Herr Doktor«, er nahm Schmidt das Beil aus der Hand und schlug mit dem stumpfen Ende einige Stücke von dem Lavabrocken ab. »Ein paar Proben, Herr Dr. Schmidt«, fügte er erklärend hinzu, als er dessen fragende Miene bemerkte. »Ich möchte das Gestein untersuchen. Wir wollen jetzt zum Schiff zurückkehren. Ich denke, unsere Leute dürften inzwischen mit der Reparatur fertig sein.«

»Ja, gehen wir«, stimmte ihm Dr. Wille bei und wischte sich die Stirn. »Ich schlage vor, daß wir möglichst lange im Schat ten bleiben, die Sonne meint es reichlich gut.«

Professor Eggerth nickte. »Wie Sie wollen, Herr Doktor.

Dann müssen wir dem Waldrand folgen. Es ist ein kleiner Umweg, aber wir vermeiden den Marsch quer über die sonnige Wiese.«

Gemächlich schlenderten sie im Schatten der Randbäume dahin. Professor Eggerth hatte eine der Gesteinsproben aus der Tasche genommen und unterhielt sich mit Dr. Wille über die vermutliche Zusammensetzung des Minerales. Der lange Schmidt ging ein paar Schritte vor ihnen und sinnierte angestrengt. Immer festere Formen nahm der Verdacht in seinem Hirn an, der vor kurzem beim Anblick der Werkzeuge von ›St 8‹ in ihm aufgestiegen war …

›St 8‹ hatte damals zwei Teilnehmer einer amerikanischen Expedition aus der Antarktis nach Europa bringen sollen. Wochenlang waren die beiden verschollen, waren dann ganz unvermutet und unvermittelt in der Südsee von einem Dampfer aufgefischt worden. Gar nicht so weit von dieser Insel entfernt, wie Dr. Schmidt sich jetzt erinnerte. War es denkbar, daß ›St 8‹

die beiden Amerikaner hier einfach ausgesetzt hatte? Immer wieder kam Dr. Schmidt zu diesem Schluß und faßte den festen Vorsatz, sich diesmal nicht wieder mit unklaren Auskünften abspeisen zu lassen, sondern der Sache auf den Grund zu gehen.

Er fuhr aus seinem Sinnen auf, weil er stolperte. Sein Fuß war gegen einen Stein gestoßen, der halb verborgen im Grase lag. Gegen einen braunen, glasig schimmernden Stein, der zweifellos aus dem neuen Krater stammte. Und als Dr. Schmidt nun stehenblieb und sich genauer umschaute, erblickte er noch eine ganze Anzahl ähnlicher Brocken. Wurfgeschosse, die von den unterirdischen Kräften während des Ausbruchs aus dem Krater bis hierher geschleudert worden waren.

»Der Berg hat nicht schlecht gespuckt«, meinte Dr. Wille, während er sich niederbeugte und ein etwa faustgroßes Lava stück aufhob.

»Sehen Sie mal dort, Herr Professor«, rief Dr. Schmidt plötzlich und deutete auf eine etwa 50 Meter entfernte Stelle am Waldrand vor ihnen, »da scheint ja auch noch so etwas wie ein Zelt zu stehen.«

»Wie, Herr Doktor? Noch ein Zelt?« Der Professor kniff die Lider zusammen, um schärfer sehen zu können. Durch seinen Sohn war er seinerzeit über den Streich unterrichtet worden, den er mit Georg Berkoff zusammen den beiden Amerikanern Bolton und Garrison gespielt hatte. Er wußte, daß ›St 8‹ damals die beiden auf der unbewohnten Insel ausgesetzt hatte, um sie für einige Zeit unschädlich zu machen, aber was er jetzt dort in einiger Entfernung vor sich erblickte, wollte schlecht zu den ihm bekannten Tatsachen passen.

Da stand ein anderes Zelt zwischen den Waldbäumen; aber nicht roh und primitiv aus ein paar Stangen und Wolldecken zusammengebaut, sondern ein modernes Reisezelt. Soviel er sehen konnte, ein leichtes Metallgerippe, das mit einem glatten, wasserdichten Stoff bespannt war. Etwas Derartiges hatten die beiden Amerikaner aber damals ganz bestimmt nicht von ›St 8‹

mitbekommen. Das mußte von anderen Leuten hierhergebracht worden sein.

Beim Näherkommen fanden sie, daß auch dieser Platz seinen Teil von dem Vulkanausbruch abbekommen hatte. An mehreren Stellen war der Gummistoff durchlöchert, und als die drei Männer in das Zelt traten, entdeckten sie, daß die früheren Insassen es offensichtlich fluchtartig verlassen hatten. Da standen auf einem Tisch noch die Reste eines Mahles, Schüsseln und Teller mit eingetrockneten Speiseresten, einiges vom Geschirr zertrümmert. Stühle lagen umgeworfen herum, und schließlich war da noch etwas, was die Herren Schmidt und Wille bekümmerte. Eine Magnetbussole--wie ein Firmenschild daran zeigte, von amerikanischer Herkunft--war besonders schlimm getroffen und bis zur Unbrauchbarkeit verdorben worden. Schweigend schauten die beiden Forscher abwechselnd sich und das zerstörte Instrument an, bis Dr. Wille als erster wieder Worte fand.

»Ein Magnetometer, Herr Kollege, ein erstklassiges Gerät.

Sehen Sie die Reste dieser wundervollen Skalen und Mikroskope hier--wenigstens 2000 Dollar dürfte das einmal gekostet haben! Wie kommt solch Instrument hierher? Auf eine gottverlassene Insel, eine Insel, die nicht einmal auf den Karten steht …?« Kopfschüttelnd brach Dr. Wille ab; vergeblich wartete er auf eine Antwort von Schmidt, der sich in eine eingehende Betrachtung des Instrumentes vertiefte, ohne etwas zu erwidern.

»Das macht ganz den Eindruck, meine Herren«, mischte sich Professor Eggerth ein, »als ob hier eine wissenschaftliche Expedition vor dem Vulkanausbruch Hals über Kopf flüchten mußte. Was für Leute mögen das gewesen sein?«

Immer lebhafter arbeitete es inzwischen im Gesicht des langen Schmidt. Er kniff die Lippen zusammen, schluckte und begann schließlich zu sprechen.

»Es könnten Amerikaner gewesen sein--eine von der Carnegie-Stiftung finanzierte Expedition. Ich fand vor einigen Monaten Hinweise darüber in amerikanischen Fachzeitschriften.

Sehr unauffällig, teilweise geradezu versteckt. Es waren reichlich unklare Mitteilungen über wissenschaftliche Aufgaben. Ich hatte den Eindruck, daß man den wirklichen Zweck damit tarnen wollte. Vielleicht waren sie auf der Suche nach Petroleum oder Bodenschätzen… Aber wenn ich das Instrument hier sehe, wird es mir doch wieder zweifelhaft …«

»Es hat keinen Zweck, Herr Doktor, sich weiter den Kopf darüber zu zerbrechen. Die Leute, die einmal hier waren, haben die Insel längst verlassen. Wir wollen zu ›St 25‹ zurückkehren.«

Mit einigem Drängen und mit Hilfe von Dr. Wille gelang es ihm, den langen Schmidt aus dem Zelt herauszubringen. Etwas schneller schritten sie danach aus und folgten noch ein Stück dem Waldrand, bis sie den schimmernden Körper von ›St 25‹ wieder erblickten.


KAPITEL 2

Hein Eggerth und Georg Berkoff hatten ihre Zeit gut genutzt. Als der Professor mit Wille und Schmidt zurückkam, blinkte ihm an der Steuerbordseite des Flugschiffes, an eben jener Stelle, wo der Riß im Rumpf gesessen hatte, eine frisch aufgeschweißte Metall-Lasche entgegen.

»Ein sauberes Stück Arbeit«, äußerte er sich anerkennend, während er einige Schritte zurücktrat, um die reparierte Stelle besser betrachten zu können. »Wo stecken denn die jungen Herren? Scheinen in das Schiff zurückgegangen zu sein, um sich auf ihren Lorbeeren auszuruhen.« In seine letzten Worte klangen Hammerschläge von der Backbordseite des Schiffes her und jetzt auch das Zischen von Schweißbrennern.

»Da drüben scheint auch etwas nicht zu stimmen«, meinte Professor Eggerth. »Ich muß sehen, was da los ist. Wollen Sie mitkommen, meine Herren?« wandte er sich an seine Begleiter, aber weder Wille noch Schmidt zeigten Lust dazu. Beide verschwanden im Schiffsinneren, während der Professor außen um den Rumpf herumging.

Auf Backbord fand er, was er schon beinahe vermutet hatte. Sein Sohn und Berkoff waren dabei, auch dort eine Lasche aufzuschweißen.

»Die Stelle hier war auch verdächtig«, rief ihm Hein Eggerth zwischen dem Brausen der Brenner von der Leiter herab zu. »Wir hielten es für richtig, sie auch gleich zu verstärken. Jetzt geht es in einem Ausfegen, und wir sind nachher vor weiteren Zwischenfällen sicher.«

Wie lange es noch dauern würde, wollte der Professor wissen. Mit dem Bescheid, daß noch eine gute Stunde vergehen könnte, betrat er das Innere des Flugschiffes.

Von Wille und Schmidt war nichts zu sehen, beide hatten sich in ihre Kabinen zurückgezogen. Unter diesen Umständen zog es Professor Eggerth vor, ebenfalls seinen Privatraum aufzusuchen. Eine Stunde Zeit noch, bevor ›St 25‹ wieder aufsteigen konnte; er beschloß, sie für die Untersuchung der mitgebrachten Gesteinsbrocken zu benützen.

Schon unterwegs beim Einsammeln war ihm das verhältnismäßig hohe Gewicht dieser Brocken aufgefallen. Während vulkanische Auswurfstoffe häufig schwammig und blasig und so leicht wie Bimsstein sind, zeigte das einem braunen Glasfluß ähnliche Gestein, das Professor Eggerth jetzt vor sich auf einem Tisch ausbreitete, ein weit höheres Gewicht. Er hielt es für zweckmäßig, das zunächst einmal zahlenmäßig festzustellen und suchte die wenigen dazu erforderlichen Geräte aus einem Schrank zusammen.

Zwei Messungen waren nötig, um das spezifische Gewicht genau festzustellen. Einmal eine Wägung des zu untersuchenden Brockens in der Luft. Der Professor legte ihn zu dem Zweck einfach auf eine Federwaage und notierte sich das Gewicht, das sie anzeigte. Eine zweite Wägung, bei welcher der Stein im Wasser hing, hatte danach zu erfolgen. Auch das ließ sich ohne Schwierigkeiten bewerkstelligen. Er schlang ein feines Gummiband um den Brocken und hing ihn mit einem Zwirnsfaden an der Federwaage auf. Dann füllte er ein Literglas mit Wasser, brachte es von unten her so darunter, daß der Stein vollkommen in die Flüssigkeit eintauchte, und schob schließlich noch ein Buch unter das Glas, um es in dieser Stellung festzuhalten. Darauf griff er nach einem Schreibblock und Bleistift und ging daran, die kleine Rechnung aufzumachen, durch die sich das spezifische Gewicht eines Körpers leicht ermitteln läßt, wenn man sein Gewicht in der Luft und im Wasser kennt.

Eben war er dabei, das Ergebnis niederzuschreiben, als ein leises Klicken ihn aufschauen ließ. Sein Blick fiel auf die Waage; sie zeigte jetzt etwas ganz anders als noch eben vor einer knappen Minute. Sein Auge wanderte weiter zu dem Glas hin, und der Bleistift entfiel seiner Hand beim Anblick dessen, was er dort sah. Wie ein Schwamm war der scheinbar doch so feste Stein in dem Wasser aufgequollen, hatte jede Spur der Flüssigkeit in sich aufgesogen, hatte sich dabei stark und immer stärker ausgedehnt und schließlich die Glaswand gesprengt.

In Scherben lag das Gefäß auf dem Tisch, und immer noch weiter quoll und wuchs der wunderliche Stein. Schon hatte er soviel an Größe gewonnen, daß er die Tischplatte berührte; schon zerriß auch das Gummiband, das der Dehnung bisher noch standgehalten hatte.

Schon stieß das nach allen Seiten weiter quellende Gebilde gegen die Federwaage und warf sie um. Mit schnellem Griff brachte Professor Eggerth sie in Sicherheit und starrte wie fasziniert auf das wunderbare Schauspiel, das sich vor seinen Blicken vollzog; schaute minutenlang darauf, bis das rätselhafte Wachstum endlich sein Ende erreichte. Aber da war aus dem früher noch nicht faustgroßen Brocken ein Gebilde geworden, das die halbe Tischfläche bedeckte und etwa die Form und den Umfang eines recht großen Kürbisses aufwies.

Professor Eggerth strich sich über die Stirn. Narrte ihn ein Spuk? War das Ganze eine Fieberphantasie? Er schloß die Augen und öffnete sie wieder. Das Bild blieb unverändert Wuchtig und mächtig lag nach wie vor der zu einem gewaltigen Block aufgequollene Brocken auf dem Tisch. Der Professor wollte näher herantreten, ihn befühlen, ihn anheben, als es klopfte.

Die Tür ging auf, Dr. Schmidt kam herein. Aufgeregt schwenkte er ein Bündel Zeitungsblätter in der Rechten. Ohne den Tisch mit seiner auffallenden Last zu bemerken, platzte er mit seiner neuen Nachricht heraus.

»Wissen Sie das Neueste, Herr Professor? Wissen Sie, wer in dem Zelt gehaust hat, das wir entdeckten …?«

Professor Eggerth wollte abwehren. Ihn interessierte in diesem Augenblick das rätselhafte vulkanische Gestein auf seinem Tisch mehr als alles andere, aber der lange Schmidt ließ sich nicht abstoppen. Ohne sich unterbrechen zu lassen, sprach er weiter.

»James Garrison ist hier gewesen. James Garrison--unser alter Bekannter aus der Antarktis. Als wissenschaftlicher Mitarbeiter gehörte er zu der Carnegie-Expedition. Es stimmt auch; magnetische Messungen sind seine Spezialität. Ich hätte gleich daran denken sollen, als ich das Magnetometer in dem Zelt sah.«

Der Name ›Garrison‹ ließ Professor Eggerth aufmerken und gab seinen Gedanken für eine kurze Weile eine andere Richtung.

»So, so, Herr Doktor, Mr. Garrison war mit der CarnegieExpediton hier? Ein eigenartiges Zusammentreffen«, sagte er sinnend, während er an den anderen unfreiwilligen Aufenthalt auf dieser Insel denken mußte, zu dem sein Sohn und Berkoff James Garrison und dessen Begleiter Bolton schon früher einmal verholfen hatten.

Einen kurzen Augenblick stutzte der lange Schmidt, als Professor Eggerth von einem eigenartigen Zusammentreffen sprach. Einen Moment ging ihm der Verdacht, den er beim Anblick des ersten Zeltes gefaßt hatte, wieder durch den Kopf, doch dann sprudelte er weiter. »Es ist übrigens möglich, Herr Professor, daß wir durchaus nicht die einzigen Bewohner der Insel sind.«

»Wieso nicht, Herr Doktor?« fiel ihm Professor Eggerth ins Wort. »Die Insel ist unbewohnt, das weiß ich zufällig ganz genau.«

»War unbewohnt, Herr Professor«, fuhr Dr. Schmidt fort »Hier steht etwas …« Er blätterte in den Zeitungsausschnitten, die er mitgebracht hatte. »Merkwürdig unbestimmt sind alle diese Meldungen. Wie absichtlich gemacht kommt mir manches darin vor, aber der Satz hier läßt sich jedenfalls nicht wegwischen. Hier steht es, daß der Expedition unterwegs drei Mitglieder abhanden gekommen sind. Von einem übereilten Aufbruch, dem fluchtartigen Verlassen einer Insel ist dabei die Rede. Namen und Orte sind nicht genannt, doch ich meine, das könnte nur hier gewesen sein, als die Expedition Hals über Kopf vor dem Vulkanausbruch flüchten mußte. Lesen Sie den Bericht selbst.«

Er reichte Professor Eggerth das Zeitungsblatt. Der ließ sich auf einen Stuhl nieder und begann zu lesen. Eine kurze Zeit beobachtete ihn Dr. Schmidt dabei. Dann ließ er seine Blicke durch den Raum gehen und bemerkte den Block auf dem Tisch. Erstaunt trat er näher heran, fuhr mit den Händen darüber und hob das eigenartige Gebilde schließlich etwas an. Dann fragte er:

»Was ist das hier, Herr Professor? Wie kommen Sie zu diesem Mineral? Scheint vulkanischer Natur zu sein. Fühlt sich fast wie Bimsstein an. Wo haben Sie das gefunden? Wann haben Sie es denn in das Schiff gebracht?« Es waren viele Fragen auf einmal, aber jetzt mußte der lange Schmidt auf Antwort warten, denn Professor Eggerth war noch mit dem Zeitungsbericht über die Carnegie-Expedition beschäftigt.

»Ja, mein lieber Doktor«, sagte er, als er das Blatt endlich beiseite legte, »das sieht in der Tat aus, als ob die Expedition hier bei ihrer überstürzten Abfahrt drei Mann zurückgelassen hat. Da steht auch etwas davon da, daß man ein Schiff ausschicken will, um die Leute abzuholen. Lassen sich reichlich Zeit damit, die Herrschaften. Nun ja, das kostet natürlich Geld, und da es sich wahrscheinlich um arme Teufel handelt, eilt es nicht so besonders.«

Der lange Schmidt kannte Professor Eggerth und seine Art, die Dinge zu erledigen. Er wußte, daß jetzt erst diese Geschichte mit der Carnegie-Expedition zu Ende durchgesprochen werden mußte, bevor er auf seine anderen Fragen Antwort bekommen würde.

»Es ist in der Tat so, Herr Professor«, ging er auf dessen Gedankengang ein. »Wenn sich die Vermißten auf der Insel hier befinden, so müssen sie schon seit mehr als drei Monaten hier sein. Höchstwahrscheinlich doch ohne Waffen und sonstige Hilfsmittel. Wahrhaftig keine angenehme Lage für die Leute. Wer weiß, wie sie’s überstanden haben.«

»Ich glaube, darüber brauchen wir uns keine Sorgen zu machen, Herr Dr. Schmidt. Es gibt auf der Insel Süßwasser und nahrhafte Früchte in Mengen. Mit ein bißchen Glück und Geschick lassen sich auch Schildkröten und Fische fangen. Aber natürlich wäre es unbillig, die Leute länger als nötig ihrem Schicksal zu überlassen.«

»Sie meinen, Herr Professor, daß wir uns um sie kümmern sollten?«

»Ganz recht. Wir werden uns nach ihnen umsehen, wenn ›St 25‹ wieder in Ordnung ist. Wenn sie wirklich hier sind, dürfte es nicht allzu schwer sein, sie zu finden.«

Der lange Schmidt zog sein Gesicht in Falten. »Fremde an Bord von ›St 25‹? Ich weiß nicht, ob das empfehlenswert ist, Herr Professor. Es gibt doch Neukonstruktionen im Schiff, die noch nicht geschützt sind …«

Professor Eggerth schob die Bedenken des langen Schmidt kurz beiseite. »Wir werden den Leuten nichts zeigen, was sie nicht sehen sollen, aber wir dürfen in diesem Fall nicht kleinlich sein. Es ist unsere Pflicht, sie aus ihrem Exil zu erlösen. Um so mehr, als der Vulkan unberechenbar ist. Das hier …«, Professor Eggerth deutete auf den Steinblock auf dem Tisch, »gibt mir allerhand zu denken.«

Damit kam nun der Professor glücklich zu dem Thema, das Dr. Schmidt im Augenblick am Herzen lag. Er berichtete ihm von seinem Versuch und den überraschenden Erscheinungen, die es dabei gegeben hatte, und gemeinsam machten sie sich daran, das Experiment mit einem anderen Brocken zu wiederholen.

Sprachlos sah Dr. Schmidt zu, wie auch dieses Lavastückchen zu quellen und zu schwellen begann und sich noch stärker ausdehnte als das erste; wahrscheinlich deshalb, weil Professor Eggerth diesmal ein wesentlich geräumigeres Gefäß mit einer entsprechenden größeren Wassermenge benutzt hatte. Immer noch schweigend und mit zusammengekniffenen Lippen betrachtete der Doktor den zweiten Block, der nach Beendigung des Versuches die ganze Tischplatte bedeckte und stellenweise noch darüber hinausragte.

»Unerklärlich! Vollkommen rätselhaft!« kam es schließlich von seinen Lippen.

»Aber die Erscheinungen sind unbestreitbar da. Vielleicht könnten wir das hier für uns ausnutzen, auch wenn wir das Rätsel nicht zu lösen vermögen«, sagte Professor Eggerth.

»Wie meinen Sie das, Herr Professor?« fragte Dr. Schmidt.

»Ich denke an ein anderes größeres Experiment, Herr Doktor. Wir haben hier gesehen, daß diese Lava ein Vielfaches ihres Volumens annimmt, wenn man sie mit Wasser zusammenbringt. Was halten Sie von der Idee, eine gehörige Portion Wasser direkt in den Vulkankrater hineinzugießen? Der Versuch wäre nicht allzu schwierig. Man braucht nur die Wassertanks von ›St 25‹ vollzufüllen … Süßwasser gibt es auf der Insel zur Genüge … Dann über den Krater hinfliegen und die Tanks auslaufen lassen und sich danach möglichst schnell in die Stratosphäre verziehen … Und aus sicherer Höhe zusehen, was daraus wird.«

Dr. Schmidt schüttelte den Kopf. »Zwecklos, Herr Professor! Sie würden eine Dampfwolke sehen und weiter nichts.«

»Glauben Sie? Angesichts dieser Dinge hier«, Professor Eggerth deutete auf die beiden Gesteinsblöcke, »bin ich anderer Meinung. Es müßte sich auch im Krater eine Reaktion zeigen.«

»Ausgeschlossen, Herr Professor. Die Lava im Krater ist weit über 2000 Grad heiß. Sie vergessen den sphäroidalen Zustand. Bei dem Versuch, den Sie planen, würde sich zwischen dem Wasser und der Lava sofort eine trennende Dampfschicht bilden und jede Reaktion verhindern.«

»Hm, hm …« Professor Eggerth strich sich nachdenklich durch das Haar. »Da könnten Sie am Ende recht haben, Herr Dr. Schmidt. Man wird es anders herum versuchen müssen.«

»Ich wüßte nicht wie«, beharrte der lange Schmidt auf seinem abweisenden Standpunkt. »Kaltes Wasser und glühendes flüssiges Magma lassen sich nicht vermischen. Stets wird eine Dampfhaut sie auseinanderhalten …«

»Bei Wasser wird es vielleicht der Fall sein, bei Eis ist es möglicherweise ganz anders. Es gibt da eine Theorie über die Entstehung unserer Planeten, die manches ganz plausibel erklärt und bis heute nicht widerlegt ist. Danach soll in unvordenklichen Zeiten einmal ein mächtiger Eisball in die glühende Sonne gestürzt sein …«

Dr. Schmidt verzog das Gesicht und machte eine abwehrende Bewegung. »Um Himmels willen, Herr Professor! Wollen Sie etwa mit der Welteislehre operieren? Die ist doch inzwischen wohl endgültig erledigt.«

»Wir wollen uns nicht über die Haltbarkeit oder Unhaltbarkeit dieser Lehre streiten, Herr Doktor«, fiel ihm Professor Eggerth ins Wort. »Mich interessiert nur die Möglichkeit, daß Eis sich in der glühenden Lava anders verhalten könnte als Wasser. Wenn man eine tüchtige Eisbombe--eine Last von 100 Tonnen könnte ›St 25‹ sicher tragen--mit der nötigen Geschwindigkeit in den Vulkankrater hineinschleuderte … Ich muß sagen, ich verspreche mir einiges von solchem Versuch. Würde er Sie nicht auch interessieren?«

»Gewiß, Herr Professor, es wäre physikalisch nicht uninteressant, aber wo wollen Sie hier in den Tropen das nötige Eis herbekommen. ›St 25‹ hat keine großen Eismaschinen an Bord.«

»Aber ›St 21‹, Herr Doktor Schmidt. Ich werde unserem Werk funken--um forderten Flug ersuchen. ›St 21‹ könnte in 15 Stunden hier sein.«

Noch immer gab sich Dr. Schmidt nicht geschlagen. »Dann müssen wir auch so lange hierbleiben, Herr Professor. Wenn ich Sie recht verstand, äußerten Sie bei unserer Landung den Wunsch, möglichst bald wieder von der Insel und aus der Nähe des Vulkans fortzukommen. Ich weiß wirklich nicht, ob es zweckmäßig ist, sich hier länger als dringend nötig aufzuhalten …« Der lange Schmidt war ins Reden gekommen. Professor Eggerth ließ ihn gewähren. Er hatte nach einem Schreibblock gegriffen und war dabei, ein im Geheimkode der Walkenfelder Werke verschlüsseltes Telegramm aufzusetzen, das ›St 21‹ schnellstens nach der Insel beorderte.

»Lassen Sie es, Herr Doktor«, sagte er, als er damit fertig war. »Die Sache ist mir einen Versuch wert, und ich werde ihn machen. Einige Zeit müssen wir sowieso noch hierbleiben, da wir uns nach den Vermißten der Carnegie-Expedition umsehen wollen. Noch um eines möchte ich Sie ersuchen, Herr Doktor. Wollen Sie bitte unsere Besprechung hier bis auf weiteres als vertraulich behandeln. Es wird immer noch Zeit sein, darüber zu reden, wenn ›St 21‹ hier ist und wir den Versuch wirklich machen.«

Der Professor stand auf, in der Absicht, das Radiogramm, welches er soeben aufgesetzt hatte, in die Funkerkabine zu bringen, als ihn Dr. Schmidt noch einmal zurückhielt.

»Wenn Sie die Angelegenheit vorläufig geheimhalten wollen«, meinte er, »so dürfte es sich empfehlen, diese Blöcke beiseite zu schaffen. Wer sie hier in Ihrem Raum sieht, wird sicher wissen wollen, woher sie stammen.«

»Alle Wetter, ja, Herr Doktor Schmidt, das Zeug muß weg.« Professor Eggerth kratzte sich hinter dem Ohr. »Umständliche Sache. Es ist nicht gerade notwendig, daß man uns dabei beobachtet.«

Seine Bemerkung war nicht unberechtigt, denn wie überall im Schiff waren auch in seiner Kabine die Fenster nicht zum Öffnen eingerichtet. Die schweren Kristallscheiben waren hermetisch in die Metallwand eingefügt. Die Ventilation in allen Räumen des Schiffes erfolgte durch den Frischluftstrom, den die Klimaanlage während des Fluges ständig in das Innere warf.

So blieb nichts anderes übrig, als die beiden Blöcke in mehrere kleine Stücke zu zerspalten, was sich verhältnismäßig leicht bewerkstelligen ließ, und sie danach durch die Eingangspforte des Schiffes hinauszutragen.

»Uff!« sagte Professor Eggerth, als er den letzten Brocken in ein Gebüsch warf, »das wären wir los. Ich gehe jetzt zu Lorenzen. Er soll gleich mit Walkenfeld Funkverbindung aufnehmen.«

Während der Professor durch den Gang nach achtern ging, blieb Dr. Schmidt im Mittelraum, machte es sich in einem Sessel bequem und vertiefte sich wieder in seine Zeitungsausschnitte. Vielleicht daß sich darin doch noch die eine oder andere Notiz fand, die er bisher übersehen hatte. Er war noch mit seiner Lektüre beschäftigt, als Berkoff und Hein Eggerth hereinkamen. Sie hatten inzwischen auch die Ausbesserung draußen an Backbord vollendet und mußten jetzt durch den Mittelraum, um das Schweißgerät und die Leitern wieder abzustellen, was nicht ohne einiges Gepolter abging.

Unwillig über die Störung blickte Dr. Schmidt von seinen Zeitungsblättern auf. Seine Gedanken waren noch ganz bei dem, was er eben gelesen hatte.

»Wissen Sie auch, wer hier auf der Insel gewesen ist?« sagte er zu Hein Eggerth.

»Ich habe keine Ahnung, Herr Doktor«, entgegnete dieser, während er ein scheinheiliges Gesicht machte.

»Ja, das ist interessant, meine Herren«, fuhr der lange Schmidt fort, »unser alter Bekannter aus der Antarktis, Mr. James Garrison, ist hier auf der Insel gewesen.«

Hein Eggerth sah Georg Berkoff an, und Georg Berkoff sah Hein Eggerth an. Eine ganze Geschichte lag in den stummen Blicken, die sie miteinander wechselten. War der lange Doktor ihnen also doch auf die Sprünge gekommen? Oder war es nur eine Vermutung, versuchte Dr. Schmidt nur auf den Busch zu klopfen? Hein Eggerth entschloß sich, den Erstaunten zu markieren.

»Ach, was Sie nicht sagen, Herr Doktor«, begann er. »Mr. Garrison ist also auf der Insel hier gewesen. Ja, was hatte der Mann denn hier zu suchen?«

Er hielt inne, weil er nicht recht wußte, was er noch weiter sagen sollte. Georg Berkoff versuchte, seinem Freund Hein mit einer Notlüge zu Hilfe zu kommen. »Vielleicht hat Mr. Garrison die Insel mit einer wissenschaftlichen Expedition aufgesucht«, warf er halb fragend ein.

»Sie haben es erraten, Herr Berkoff«, sagte Dr. Schmidt, »Mr. Garrison war gerade während des Vulkanausbruches mit einer Carnegie-Expedition hier!«

»Ich dachte es mir ja gleich«, meinte Berkoff. »Wissen Sie noch Näheres über ihn?«

Dr. Schmidt gab bereitwillig Auskunft. »Die Expedition hat die Insel während des Vulkanausbruches fluchtartig verlassen müssen. In der allgemeinen Verwirrung sollen drei Leute zurückgeblieben sein. Wir werden uns nach ihnen umsehen müssen, bevor wir wieder abfliegen.«

»Zweifellos, Herr Doktor, das ist Christenpflicht«, brachte Hein Eggerth treuherzig hervor und griff zusammen mit Berkoff zu, tun das letzte Gerät von der Reparatur beiseite zu schaffen.

»Junge, Junge«, meinte er zu Berkoff, als sie eine Sauerstoffflasche im Kühlraum abstellten, »das konnte diesmal leicht ins Auge gehen, aber jetzt brauchen wir kaum noch etwas zu fürchten. Mr. Garrison zweimal auf dieser gesegneten Insel, da wird es dem guten Schmidt schwerfallen, nachträglich herauszufinden, was von seinem ersten und was von seinem zweiten Besuch stammt.«

»Hoffen wir das Beste, Hein«, pflichtete Berkoff ihm bei. »Wird übrigens nicht ganz so einfach sein, die drei Vermißten hier aufzufinden. Wenn sie sich nicht durch ein Feuer mit viel Rauch oder sonstwie bemerkbar machen, werden wir am Ende lange nach ihnen suchen können.«

»Kannst recht haben, Georg«, meinte Hein Eggerth, »ich will mal meinen alten Herrn suchen gehen, um zu hören, wie der über den Fall denkt.«

Professor Eggerth hielt die Antwort auf sein Radiogramm in der Hand, als er die Funkerkabine verließ. ›St 21‹ wurde in Walkenfeld schon flugbereit gemacht, würde in einer Viertelstunde starten und in forcierter Fahrt den halben Erdball umjagen, um zu ›St 25‹ zu stoßen.

Als der Professor den Mittelraum betrat, berührte die Sonne weit draußen im Westen eben die Kimm zwischen Wasser und Himmel. Zusehends versank der rotglühende Ball in der Flut. Jetzt war er verschwunden, und schon leuchteten die ersten Sterne am Himmel auf.

Professor Eggerth ging, von seinem Sohn begleitet, zu dem Fenster auf Backbord und blickte hinaus. Fast gespenstisch ragte in der Ferne der Kegel des Vulkans empor; ein rötlich gelblicher Schimmer umspielte dessen Gipfel. Unstet zuckte das Licht bald stärker, bald schwächer auf. In Gedanken versunken starrte der Professor darauf hin.

»Wollen wir die Nacht über hier liegen bleiben, Vater? Ich traue dem Burschen da drüben …«, Hein Eggerth deutete nach dem Vulkan hin, »nicht über den Weg.«

»Wir bleiben bis Sonnenaufgang liegen«, entschied Professor Eggerth. »Es wird aber die Nacht über reguläre Flugwache gegangen. Alle Motoren müssen wann bleiben. Das Schiff muß in der Lage sein, zu jeder Sekunde mit den Hubschrauben aufsteigen zu können.«

»Gut, ich werde das Nötige anordnen«, sagte Hein Eggerth und ging zum Kommandoraum, um den Befehl seines Vaters weiterzugeben.

Die Wiese, auf der ›St 25‹ gelandet war, lag an der Nordwestecke der Insel; und an der Nordostecke ragte der Krater des neuen Vulkans empor. Weiter erstreckte die Insel sich dann gut 10 Kilometer nach Süden. Dieser Teil war leicht hügelig und bis dicht an die Küste mit einem üppigen Wald bedeckt, der nur an wenigen Stellen durch kleine Wiesenflächen unterbrochen wurde.

An der Südspitze der Insel fiel das Gelände von etwa 30 Meter Höhe jäh zur Küste ab. In Form einer Steilwand trat hier das Felsgestein zutage. Am Fuße dieser Wand lag noch ein etwa 50 Meter breiter Wiesenstreifen, der durch einen ungefähr ebenso breiten Strand von der See getrennt war. Das alles wurde jetzt von der Dunkelheit der schnell aufkommenden Tropennacht verschlungen. Nur ein leichtes Brausen verriet noch die Nähe des Weltmeeres. Ein anderes unregelmäßiges Rauschen kam von dem Wald her, in dessen Baumkronen der Nachtwind sein Spiel trieb.

Doch jetzt leuchtete ein schwacher Lichtschein auf. Ein brennendes Streichholz schien es zu sein, das unsicher eine Hand beleuchtete, die es zwischen dürres Gras und Reisig hineinschob. Da fand das schwache Flämmchen schnell Nahrung und wurde zur größeren Flamme, fraß knisternd erst und dann kräftig prasselnd an den dürren Ästen weiter, loderte hell auf und beleuchtete nun deutlicher die Gestalten zweier Männer, die neben dem Feuer im Grase lagerten.

Verwildert sahen die beiden Menschen aus. Struppiger Bartwuchs bedeckte ihre Gesichter. Ihre Kleidung war zerrissen, und fast noch stärker lädiert war ihr Schuhwerk. Die beiden Männer sprachen englisch miteinander, doch hatte die Redeweise des einen starken irischen Einschlag, während diejenige des andern auf deutsche Herkunft schließen ließ.

»Ich habe mich bestimmt nicht getäuscht, O’Brien«, sagte der mit dem deutschen Akzent. »Was wir heute mittag gehört haben, war sicherlich ein Flugzeug. Schade, daß wir’s verpaßt haben. Jetzt können wir weiter hier sitzen, bis wir schwarz werden.«

»Nonsens«, widersprach ihm der andere. »Ich bin sofort den Berg ‘raufgelaufen, Smith. Bin gerannt, daß mir fast die Lungen platzten. Bin auf einen Baum geklettert, habe nach allen Seiten ausgespäht. Wenn ein Flugzeug dagewesen wäre, hätte ich’s bestimmt sehen müssen.«

Der mit Smith Angeredete schob erst ein paar Äste ins Feuer, bevor er antwortete.

»Dagewesen ist’s, O’Brien, da will ich meinen Kopf drauf wetten …«

»Schade um das schöne Köpfchen! Ihr werdet’s verlieren, Smith«, warf der Ire dazwischen. Der andere beachtete den Einwand nicht und fuhr fort:

»Fragt sich bloß, O’Brien, ob es schon wieder weg ist, oder ob es vielleicht noch da ist …«

»Noch da ist?« O’Brien schlug sich auf den Schenkel, daß es knallte. »Noch da? Mann, ich würde denken, daß Ihr das Delirium habt, aber leider ist seit Monaten kein Tropfen Whisky mehr über unsere Lippen gekommen. Seit Monaten schon, Smith! Länger als ein Vierteljahr hocken wir auf dieser verfluchten Insel, und die Leute des Institutes kümmern sich nicht um, uns--denken nicht daran, uns holen zu lassen. Na ja, Smith, wir sind ja auch bloß ein paar einfache Arbeiter, werden wohl unsere Tage hier beschließen müssen.«

»Würde für uns vielleicht zutreffen, aber Ihr vergeßt, Mr. Harte«, wandte Smith ein. »Einen Professor der Botanik, zweimal ordentlicher Doktor, drei- oder viermal Ehrendoktor, Mitglied des Carnegie-Institutes, werden die nicht vergessen. Ich dachte heute mittag schon, daß sie mit dem Flugzeug kommen, um ihn zu holen.«

»Ach der arme Harte! Der liegt nun auch schon seit Monaten in dem Grab, das wir ihm mit unseren Händen mühsam gegraben haben, für den brauchen die kein Flugzeug mehr zu schikken.«

»Redet doch nicht so ungereimtes Zeug«, fuhr ihm Smith dazwischen. »Die haben doch keine Ahnung, daß Harte tot ist. Woher sollten sie’s denn wissen, daß ihn ein heißer Brocken erschlug? Habt Ihr denn ganz und gar vergessen, Mann, wie das damals war? Unser Schiff, die City of Baltimore, lag an der Nordostküste vor Anker; mit uns beiden war Professor Harte nach Süden marschiert. Wir steckten mitten im Wald, waren im besten Botanisieren, als das Beben losging. Dachten damals in unserm Unverstand erst, es wäre Hagel, was da vom Himmel her in den Wald prasselte. Als wir den Braten rochen, da war’s schon zu spät, da hatte es Mr. Harte schon erwischt. Sind damals erst wie die Irrsinnigen weiter nach Süden gerannt, anstatt nach Norden durchzubrechen. War unser Fehler, O’Brien, als wir uns am nächsten Morgen die Bescherung besahen, war die City of Baltimore mit Mann und Maus verschwunden …«

»Warum wärmt Ihr die alte Geschichten wieder auf, Smith?« unterbrach der Ire die lange Rede seines Leidensgefährten. »Davon wird’s auch nicht besser.«

»Ich wollte bloß klarmachen, daß Mr. Garrison und seine Leute von dem Tode Hartes nichts wissen können«, verteidigte sich Smith, »und gerade darauf baue ich meine Hoffnung, daß sie doch einmal wiederkommen werden, um ihn zu holen.« Nur widerstrebend gab O’Brien dem andern recht.

»Wie Ihr’s so sagt«, meinte er zögernd, »möchte man’s fast glauben, aber verflucht lange lassen die Herren sich Zeit. Drei Patronen haben wir noch, wenn die auch verschossen sind, ist’s mit dem Fleisch vorbei. Der Teufel mag wissen, wie’s dann werden soll. Wir müssen einen Entschluß fassen, Smith. Wir müssen endlich etwas unternehmen.«

»Richtig, O’Brien. Endlich, ein vernünftiges Wort. Wollen aber auch danach handeln. Seit Wochen rede ich Euch zu, mal mit mir nach dem Norden vorzustoßen, ob sich da nichts Brauchbares entdecken läßt, aber Ihr seid ja von hier nicht fortzukriegen.«

»Ihr kennt meine Gründe dafür, Smith«, suchte sich O’Brien zu rechtfertigen. »Der Vulkan kann jeden Augenblick wieder anfangen, zu spucken. Hier sind wir 10 Kilometer von ihm ab und haben unsere Höhle, in der wir vor Lavabomben sicher sind. Wagen wir uns weiter nach Norden vor, kann’s uns leicht ebenso wie dem Professor Harte gehen.«

»Kann gewiß, O’Brien, braucht aber nicht«, widersprach ihm Smith. »Der Vulkan ist schon seit Wochen ruhig. Ich riskier’s auf jeden Fall. Ich gehe morgen mal zum Nordufer. Wenn Ihr mitkommen wollt, soll es mich freuen.«

Der Ire vermied eine glatte Antwort. »Wir wollen sehen, wie’s morgen bei Tageslicht aussieht«, meinte er ausweichend. »Vielleicht werden wir zusammen gehen.«

»Na, da überlegt’s Euch noch bis morgen«, sagte Smith. »Vorläufig können wir nichts Besseres tun, als uns aufs Ohr legen. Wollen aber sehen, daß unser Feuer bis morgen vorhält. Unsere Streichhölzer fangen an, rar zu werden.«

Während Smith es sagte, stand er auf und machte sich an dem Feuer zu schaffen.

»So!« meinte er schließlich, »das wird sich für zwölf Stunden halten. Gegessen haben wir schon, legen wir uns schlafen.«

Er ging ein paar Schritte zu einer Stelle hin, wo die Felswand weit übersprang und einen natürlichen Schutz bildete. Dort streckte er sich bequem auf ein Lager aus dürrem Gras aus. Noch einiges vor sich hin brummend, folgte O’Brien seinem Beispiel. In einem gesunden Schlaf vergaßen die beiden auf die Insel Verschlagenen für Stunden ihre Sorgen und Nöte.

Im Osten färbte sich der Horizont rot, die Sterne verblichen, die Sonne eines neuen Tages hob sich strahlend aus den Fluten. Im Kommandoraum von ›St 25‹ griff Berkoff nach den Hebeln des Maschinentelegrafen, Zeiger wanderten über weiße Scheiben, Glockensignale schrillten auf, die Motoren des Stratosphärenschiffes sprangen an.

Langsam zunächst noch begannen die Turbinen Luft in den wieder hermetisch geschlossenen Rumpf zu drücken. Wirbelnd schwangen die drei großen Hubschrauben schnell und immer schneller um ihre vertikalen Achsen. Lauter brüllten die Motoren jetzt auf, ein leichtes Beben ging durch das Schiff. Der mächtige Metallbau hob vom Rasen ab und stieg senkrecht empor, gewann Meter um Meter an Höhe, bis nun auch das Geheul der Düsen einsetzte und ›St 25‹ auf immer schnellere Fahrt brachte.

Schon wurde das Schiff von seinen Schwingen getragen und bedurfte der Hubschrauben nicht mehr. Ein neuer Hebeldruck im Kommandoraum, die Schrauben standen still und wurden eingezogen. Eine Metallverkleidung in Stromlinienform schob sich über sie hin, während das Schiff sich in weiten Spiralen immer höher empor bewegte.

Im Mittelraum waren Professor Eggerth, sein Sohn und Berkoff zusammen. Mit scharfen Gläsern beobachteten sie das Gelände, über das ›St 25‹ seine Bahn zog. Immer tiefer versank die Insel, schien dabei immer kleiner zu werden, lag jetzt wie aus einer Landkarte herausgeschnitten unter ihnen; da nahm der Professor sein Glas von den Augen.

»Vergebliches Bemühen, Hein.« Nach einem Blick auf den Höhenzeiger fuhr er fort: »Aus 5 Kilometer Höhe läßt sich ein einzelner Mensch nicht mehr erkennen. Wir wollen es später noch einmal versuchen. Jetzt haben wir anderes zu tun.«

»Einen Augenblick, Herr Professor«, mischte sich Berkoff ein, der nach wie vor durch sein Glas starrte. »Mir war’s eben ganz so, als ob sich da unten auf dem Strand an der Südspitze zwei schwarze Pünktchen bewegt hätten.«

»Kann schon sein, mein lieber Berkoff«, meinte der Professor. »Aber wer weiß, was Sie gesehen haben. Irgendwelches Getier vielleicht, das aus dem Wald an den Strand kam, mit Sicherheit läßt sich aus dieser Höhe nichts mehr erkennen.«

»Wenn man noch einmal hinunterginge«, schlug Berkoff vor.

Professor Eggerth lehnte es ab.

»Später, Herr Berkoff. Ich möchte unser Programm nicht umstoßen. Wir wollen unsern Probeflug in die Stratosphäre fortsetzen.«

Berkoff warf Hein Eggerth einen fragenden Blick zu. Der zuckte die Schultern. Er wußte, daß sein Vater sich schwer davon abbringen ließ, wenn er sich einmal etwas in den Kopf gesetzt hatte. Mochte der Himmel wissen, welche Absichten er jetzt wieder verfolgte.

Unablässig schraubte sich ›St 25‹ immer höher. Längst war die 10-Kilometer-Grenze überschritten, langsam pendelte der Höhenzeiger auf die Zwanzig zu. Nur noch wie ein in leichten Nebel gehülltes grünes Fleckchen war die Insel unter ihnen zu sehen. Stetig und kräftig arbeitete jetzt auch die Klimaanlage. Unbeweglich stand der Zeiger des Manometers auf der Eins, ein Zeichen, daß der vorgeschriebene Druck von einer Atmosphäre im Schiffsinnern gehalten wurde.

So war es jetzt, und so blieb es auch, als die 30 Kilometer überschritten waren, als ›St 25‹ schließlich auf 35 Kilometer emporstieß und nun mit voller Maschinenkraft eine Schleife von mehreren hundert Kilometern abjagte, um die Leistungsfä higkeit jedes einzelnen Teiles der Maschinenanlage zu erproben. Als Professor Eggerth endlich das Zeichen zum Abstieg gab, hatte er die Gewißheit gewonnen, daß ›St 25‹ wieder voll leistungsfähig war. Er durfte überzeugt sein, daß das Schiff seiner Besatzung bei jeder plötzlich auftauchenden Gefahr ei nen sicheren Zufluchtsort bieten konnte.

Der junge Tag, in dessen erstem Licht ›St 25‹ seinen Flug in die Stratosphäre begann, weckte auch die beiden Schläfer an der Südspitze der Insel. Noch ein paarmal gähnend, sich rekkend und streckend erhoben sie sich von ihrem Lager. Die erste Sorge galt dem Feuer, und vorsichtig entfernte Smith die deckende Schicht, die er am Vorabend darüber gebreitet hatte. Nun zeigte es sich, daß das Ganze die Nacht hindurch wie ein Meiler gearbeitet hatte. Klingende Holzkohle war in den vergangenen Stunden aus dem Holz geworden, das Smith am Abend noch aufgelegt hatte, und schnell geriet sie in helle Glut, sobald die Luft wieder vollen Zutritt hatte. Sich die Hände reibend, als ob es ihn in der Morgenfrische fröstelte, stand Smith davor, blickte in die spielenden Flämmchen und bewegte dabei den Mund, als ob er an etwas Leckeres dächte. »Was schneidet Ihr für Grimassen, Smith?« fragte ihn der Ire.

»Ich denke an etwas, O’Brien.«

»Schlimm, wenn Ihr zu denken anfangt. Kommt selten etwas Vernünftiges dabei ‘raus. Was für wirre Gedanken habt Ihr schon wieder am frühen Morgen?«

»Ich denke, O’Brien, wie herrlich es wäre, wenn wir jetzt einen Kessel hätten und uns einen richtigen starken Kaffee kochen könnten … frisch aufgebrüht … aromatisch duftend …« »Stop, Sir«, unterbrach ihn der andere, während er nach einem Rasenstück griff, »hört auf damit oder ich werfe Euch das an den Kopf.«

»… einen guten Mokka mit Zucker und Sahne …«, fuhr Smith unbeirrt fort und sprang im nächsten Moment blitzschnell beiseite. Haarscharf flog das Rasenstück an seinem Kopf vorbei, und schon griff O’Brien nach einem zweiten. »Hört damit auf«, beschwichtigte ihn Smith. »Wir wollen uns fertigmachen und unsern Vorstoß nach Norden unternehmen.

Seid Ihr bereit, heute mitzukommen?«

»Meinetwegen«, stimmte O’Brien zu. »Versprechen tue ich mir wenig davon, aber ich will Euch den Gefallen tun. Doch vor allen Dingen wollen wir erst frühstücken. Werden auch etwas Proviant mitnehmen müssen. Wer weiß, ob wir auf unserem Wege etwas Eßbares finden.«

Während er es sagte, wandte er sich der Felswand zu, und jetzt im hellen Tageslicht ließ er erkennen, daß es unter der überhängenden Wand noch weiter in den Felsen hineinging.

Eine natürliche Höhle war dort vorhanden, in der O’Brien verschwand. Ein absolut sicherer, geradezu unschätzbarer Zufluchtsort war sie für die beiden Verschlagenen in jenen bösen Tagen gewesen, an denen der neu entstandene Vulkan das Land weithin mit Lavabrocken übersäte.

Was O’Brien jetzt aus der Höhle zutage förderte, sah freilich nicht allzu verlockend aus. Vor einigen Tagen hatte Smith durch einen glücklichen Schuß eine Ziege erlegt, und mehr schlecht als recht hatten die beiden sie über offenem Feuer an einem Holzspieß gebraten. Was davon noch übrig war, brachte der Ire herbei und außerdem noch einige Brotbaumfrüchte, von denen sie sich für den Notfall einen größeren Vorrat in der Höhle aufgestapelt hatten.

In Hast wurde das frugale Frühstück eingenommen. Den Rest des Fleisches und etwas Brotfrucht packte Smith in eine große Botanisiertrommel, die er bei jenem letzten Ausflug mit Professor Harte gerettet hatte. Eine Viertelstunde beanspruchte danach noch das Feuer, das sie aus zwingenden Gründen nur sehr ungern ausgehen ließen. Ebenso wie am Vorabend baute Smith wieder einen kunstgerechten Meiler, und dann war alles für die Reise bereit.

Noch einmal gab es eine kurze Beratung über die Route, die sie einschlagen wollten.

Es marschierte sich gut auf dem feuchten Sand des Uferstrandes, über den hin und wieder von der See her wie spielend kleine Wellen aufliefen. Rüstig kamen sie voran und hatten nach einer Stunde ein tüchtiges Stück des Weges hinter sich gebracht, doch allmählich begann die immer höherkommende Sonne lästig zu werden, und mit dem Schatten war es nicht mehr weit her. Aus allen Poren brach den beiden Wanderern der Schweiß, und notgedrungen verlangsamten sie ihre Schritte. Mit Freude begrüßten sie einen kleinen Bach, der hier vom Innern der Insel her zufloß, stillten ihren Durst und ließen sich zu einer kurzen Rast nieder.

»Meinetwegen, O’Brien, wenn Ihr Euch durchaus ausruhen müßt«, hatte Smith nach einigem Widerstreben zugestimmt.

»Aber nicht länger als eine halbe Stunde, dann muß es wieder weitergehen.«

Mit dem Rücken gegen eine niedrige Sanddüne gelehnt, saß Smith da und blickte schräg voraus über die blaue Flut. Auf dem Bauche liegend, hatte sich O’Brien lang ausgestreckt. »Eigenartig, O’Brien«, begann Smith nach einiger Zeit, »seht Ihr das da vorn? Etwa einen halben Kilometer von hier entfernt. Das sieht doch aus wie eine Menge flacher Klippen, die dort aus dem Meer ragen. Habe Ähnliches mal vor Jahren an der Küste von Norwegen gesehen, wundere mich aber, wie so etwas hier in der Südsee vorkommen kann.« Smith brauchte einige Zeit, um seinen Genossen für seine Entdeckung zu interessieren, denn dessen Aufmerksamkeit wurde durch etwas Nä herliegendes in Anspruch genommen.

»Eure Klippen werden uns nicht weglaufen«, meinte er nach einem kurzen Blick in die Richtung, in die Smith deutete.

»Aber seht das andere da vor uns auf dem Strand! Dachte zuerst auch, daß es Steine wären, aber das bewegt sich jetzt und läuft über den Sand auf das Wasser zu. Wollen doch mal hin und sehen, was es ist.«

Obwohl die von Smith für die Rast zugebilligte halbe Stunde noch nicht um war, sprang der Ire mit einer bemerkenswerten Schnelligkeit auf und marschierte, von Smith gefolgt, den Strand weiter entlang. Sie kamen nahe genug heran, um noch zu erkennen, daß es etwa ein halbes Dutzend großer Seeschildkröten waren, die sich dort vor ihnen im Meer in Sicherheit brachten; sie kamen zu spät, um noch das eine oder andere der Tiere greifen zu können.

»Schadet nichts, O’Brien«, suchte Smith seinen Kumpan zu trösten. »Gewiß, Schildkrötensuppe und Schildkrötenfleisch sollen recht gute Dinge sein, aber wir haben kein Kochgeschirr.«

»Ach was! Ich hätte das Vieh auch am Spieß gebraten, wenn wir’s erwischt hätten«, knurrte O’Brien, während sie langsam weiterwanderten. »Verflucht, Smith! Was ist das?«

Der Sand, sonst überall schön glatt und fest, hatte unter dem rechten Fuß von O’Brien plötzlich nachgegeben. Bis über die Wade war er eingesunken, und als er den Fuß wieder herauszog, triefte der Stiefel von einer weißlich, gelblichen Masse. »Verdammte Schweinerei«, fluchte er, mit dem Bein hin und her schlenkernd, »was ist das für ein Dreck?«

»Sieht fast wie Rührei aus«, meinte Smith, der sich die Bescherung interessiert betrachtete. »Möchte vermuten, O’Brien, daß Ihr in ein Schildkrötengelege getreten seid. Schade um die Eier, wäre ein gutes Frühstück für uns gewesen. Aber jetzt mal die Augen auf und Vorsicht, wenn wir weitergehen. Es waren mehr Schildkröten hier, also werden vermutlich auch noch mehr Gelege hier sein.«

Sie brauchten nicht lange zu suchen. Schon nach wenigen Schritten hielt Smith den Iren am Arm fest und deutete auf eine Stelle, wo der Boden zerwühlt aussah. Er ließ sich auf die Knie nieder, begann den Sand vorsichtig mit den Händen beiseite zu räumen. Kaum einen halben Fuß tief war er gekommen, als er das Gelege entdeckte. Ein gutes Dutzend weißer Eier von der Größe etwa gewöhnlicher Hühnereier. Schon hatte er eins ergriffen, herausgehoben und von den Sandspuren befreit.

O’Brien konnte bemerken, daß es sich zwischen den Fingern von Smith verformte. Offensichtlich fehlte ihm die harte Schale der Hühnereier. Und dann sah O’Brien etwas, das ihm im ersten Moment einen Schauder einjagte. Smith schob das Schildkrötenei zwischen die Lippen, schlürfte es mit einem Zug in den Mund, kaute ein wenig und schluckte es mit offen sichtlichem Wohlbehagen hinunter.

»Kann man das Zeug denn so roh essen?« fragte O’Brien noch zweifelnd, als Smith schon nach einem zweiten Ei griff. »Man kann es, O’Brien«, antwortete der mit vollem Mund.

»Schmeckt vorzüglich. Denken Sie, daß Sie einen Teelöffel Kaviar auf ein Hühnerei legen, dann haben Sie ungefähr den Geschmack …«

Nun hielt sich O’Brien auch nicht länger zurück. Er griff ebenfalls zu und nach wenigen Minuten war das Gelege leer. »Gut, aber zu wenig«, knurrte O’Brien, während er sich über den Magen strich.

»Wir werden noch mehr finden«, tröstete ihn Smith. Seine Voraussage erfüllte sich. In nächster Nähe entdeckten sie noch drei andere Gelege und waren reichlich gesättigt, als sie ihre Wanderung wieder aufnahmen.

»Doch endlich seit langem mal wieder was anderes auf unserer Speisekarte«, sagte der Ire befriedigt.

»Na also, Sir«, meinte Smith, »ich glaube, es war doch ganz vernünftig, daß wir uns endlich mal auf den Weg gemacht haben.«

»Wollen es hoffen. Mit fällt da eben was ein, Smith. Als wir damals mit Professor Harte von Bord der ›Baltimore‹ gingen, hörte ich Mr. Garrison noch etwas von einer Beobachtungsstation sagen, die er an Land einrichten wollte. Wenn die zurückgeblieben wäre, könnten wir da allerlei Nützliches finden.« Smith horchte interessiert auf. »Habt Ihr das sicher gehört?«

fragte er. O’Brien nickte.

»Garrison redete etwas von Magnetometern und ähnlichem Kram …«

»Eine Beobachtungsstation auf der Insel …« Wie zu sich selbst sprach Smith die Worte, während die beiden Männer langsam weitergingen. Plötzlich blieb Smith stehen und schlug seinem Gefährten auf die Schultern.

»O’Brien! Mann! Wenn die Leute eine Funkstation auf der Insel zurückgelassen hätten! Es wäre unsere Rettung. Wir könnten uns mit der Welt in Verbindung setzen. Ich würde SOS funken, daß der ganze Äther wackelt. Das wäre eine Sache!«

O’Brien schüttelte den Kopf. »Glaubt Ihr etwa, daß jetzt nach mehr als drei Monaten noch ein Tropfen Strom in den Akkumulatoren ist, wenn sie das Ding wirklich hiergelassen haben?

Wäre ein Wunder, Smith, und Wunder passieren heutzutage nicht mehr.«

O’Brien wollte sich noch weiter über dieses Thema auslassen, als Smith den Schritt verhielt. »Seht mal erst das da«, sagte er, auf die See deutend. »Ein ganzes Klippenfeld, ist das nicht eigentümlich?«

O’Brien machte eine geringschätzige Bewegung. »Kann nichts Besonderes daran finden, Sir. Ein Haufen Steine, wie sie auch anderswo in der See ‘rumliegen …«

»Anderswo ja, O’Brien! Aber nicht in der Südsee! Habe Euch ja erzählt, daß ich früher ein paar Jahre zur See gefahren bin. Habe etwas Ähnliches massenhaft an der norwegischen Küste gesehen. Aber in der Südsee gibt’s so etwas doch nicht.

Da kommen höchstens Korallenriffe vor …«

»Ihr redet mal wieder wie ein deutscher Professor«, unterbrach ihn O’Brien. »Seht ja mit Euren eigenen Augen, daß es auch hier vorkommt. Warum macht Ihr so viel Worte über die Sache?«

»Weil … weil …« Smith blickte auf, als ob ihm plötzlich eine Eingebung käme. »Weil ich glaube, Mr. O’Brien, daß die Klippen da draußen irgendwie mit dem neuen Vulkan zusammenhängen. Weiß zwar noch nicht, wie, bin aber immer fester davon überzeugt.«

O’Brien schüttelte den Kopf. »Ihr seid und bleibt ein merkwürdiger Kauz, Smith. Ist doch vollkommen egal, ob der Vulkan oder der Teufel die Brocken da in die See geworfen hat.

Uns können sie so oder so nicht helfen. Wollen machen, daß wir weiterkommen. Denke, wir haben noch eine halbe Stunde bis zu dem Kap da vor uns zu laufen. Werden dann ja bald sehen, ob die City of Baltimore etwas Brauchbares für uns dagelassen hat.«

»Habt recht, wollen machen, daß wir weiterkommen.« Ohne sich zu beeilen, stapften sie nebeneinander weiter den Strand entlang. Eine Viertelstunde mochte vergangen sein, als Smith plötzlich horchend stehenblieb.

»Was gibt’s schon wieder?« fragte der Ire mißmutig. »Pst … Hört Ihr nichts? Da!« Smith deutete mit der Hand voraus in die Richtung zum Kap hin. »Da vor uns! Motoren!« Er lauschte wieder. »Merkt Ihr es jetzt, O’Brien?« Auch der Ire horchte angestrengt. Ganz schwach zunächst noch und immer wieder übertönt, wenn die See eine Welle über den Strand warf, wurde ein Geräusch vernehmbar, das wie Motorgeheul klang. Die beiden Wanderer verhielten den Atem.

Minutenlang standen sie still, mit angespannten Sinnen in den Äther spähend. Da wurde das Geräusch stärker. Wurde unverkennbares Geheul von Motoren, und dann erblickten sie weit voraus im Norden im Blau des Himmels ein glitzerndes Pünktchen.

»Ein Flugzeug, Smith!«

»Es kommt uns holen, O’Brien!«

»Es kommt, Smith! Wir müssen ihm entgegengehen, damit es uns nicht verfehlt.«

Mehr laufend als gehend legten die beiden das letzte Stück bis zum Kap zurück. Als sie um die Felsnase, die hier bis dicht an die See herantrat, herumbogen und auf dem Nordufer weiter nach Westen liefen, stand das Flugzeug fast senkrecht über ihnen. Es begann Kurven zu ziehen und dabei immer tiefer herunterzugehen. Dann, als es nun endlich so tief flog, daß sie Einzelheiten zu erkennen vermochten, sahen sie, daß es kein gewöhnliches Flugzeug war.

Atemlos blieben sie am Ufer stehen; alles Weiterlaufen hatte jetzt seinen Zweck verloren. Ihre Jacken rissen sie sich vom Leibe und schwenkten sie wie Signalflaggen durch die Luft.

Durch Winken, Schreien und Gestikulieren versuchten sie, sich dem Flugschiff bemerkbar zu machen, von dem sie Befreiung, Rückkehr in die Zivilisation erhofften.

Vergeblich blieben ihre Bemühungen. Niemand an Bord des Schiffes schien sie zu bemerken. Unbeirrt verfolgte es seinen Kurs nach Westen weiter, ging dabei wieder in die Höhe, wurde klein und immer kleiner, war schließlich nur noch ein kaum mehr zu sichtender Punkt. Verzweifelt ließ sich Smith zu Boden fallen, mit einem Fluch warf sich O’Brien neben ihn auf den Sand hin. »Verspielt, Smith«, keuchte er.

»Verspielt, O’Brien«, gab der matt zurück. »Sie haben uns nicht gesehen …«

»… oder nicht sehen wollen, Smith!« Der Ire schlug mit der Faust wütend auf den Boden und richtete seinen Oberkörper halb auf.

Smith strich sich apathisch über die Stirn. »Wenn wir eine Stunde früher aufgebrochen wären, O’Brien … Es wäre vielleicht anders gekommen.«

Seine Worte brachten den Iren noch mehr in Harnisch. »Nonsens, Sir!« Er richtete sich vollends auf, wollte weiterreden und stockte plötzlich, brachte dann abgerissene Worte hervor. »Da im Osten, Smith. Das Flugzeug kommt von Osten her zurück.

Hat eine mächtige Kurve gemacht. Vielleicht hat es uns doch gesehen. Es kommt zurück, um uns zu holen.«

Schon war er wieder aufgesprungen und schaute nach Osten, versuchte mit zusammengekniffenen Lidern den schimmernden Punkt festzuhalten, der dort allmählich aus dem Himmelsblau hervortrat.

»Rafft Euch auf, Mann!« rief er seinem Gefährten zu, ohne sich nach ihm umzublicken. Auch Smith hatte sich inzwischen halb aufgerichtet, und nun hörte der Ire ihn sprechen. »Ihr irrt Euch, O’Brien, das Flugzeug kommt aus dem Westen zurück.«

»Aus Osten, Smith!«

»Nein, aus Westen, O’Brien!«

»Mann, Smith! Hat Euch die Sonne auf unserem Marsch geschadet?«

»Unsinn, O’Brien! Ich weiß doch, was ich sehe.«

Auch Smith raffte sich auf, wollte seinen Kameraden bei der Schulter fassen und mit dem Gesicht nach Westen drehen, schaute dabei selbst nach Osten und ließ den Arm wieder sinken.

»Bei Gott, O’Brien! Ihr habt recht! Vom Osten her kommt auch eins.«

»Auch eins?« O’Brien wandte sich zu seinem Gefährten um, schaute dabei nach Westen, und nun war das Staunen an ihm. »Ihr habt wahrhaftig recht«, war alles, was er hervorbringen konnte. Von Osten und von Westen her brausten zur gleichen Zeit zwei Flugschiffe heran. Gleich mächtig in ihrem Bau und so gleichartig auch in ihren Formen, daß man sie wohl für Schwesterschiffe halten mußte. Jetzt kreisten sie in engen Kurven umeinander, und wenn Smith und O’Brien etwas von dem hätten vernehmen können, was bereits seit geraumer Zeit zwischen den Antennen der beiden Schiffe hin und her spritzte, so wären ihnen die Sorgen der letzten Viertelstunde erspart geblieben.

Schon längst hatte ›St 21‹ die beiden auf ihrer Wanderung am Ostrand der Insel erspäht, hatte die Nachricht sofort an ›St 25‹, das zur Zeit noch hoch in der Stratosphäre war, weitergegeben, und nun trafen sich die Schiffe hier zur gemeinsamen Landung. Immer tiefer sanken die schimmernden Flugzeuge, immer langsamer wurde ihr Schweben.

Wie gebannt starrten Smith und O’Brien auf das fremdartige Schauspiel, das sich ihren Augen hier bot. Ganz langsam sanken die mächtigen Schiffe nach unten, waren jetzt schon so tief, daß Smith und O’Brien das wirbelnde Spiel der gewaltigen Hubschrauben erkennen konnten. Leicht und stoßfrei setzten die Schiffe nur wenige hundert Meter von den Verschlagenen entfernt auf einer grünen Wiese auf.

»Begorra, Sir!« O’Brien stieß den alten irischen Ruf aus, der sich auf hundert verschiedene Arten übersetzen läßt und in dem alles umschlossen liegt.

»Sie sind da, Smith, Sie sind gekommen, um uns zu holen.

Laufen wir, damit sie uns nicht wieder wegfliegen.« Seine Sorge war unbegründet. Deutlich konnten sie von ihrem Standpunkt aus sehen, wie sich an beiden Schiffen Pforten öffneten, wie schimmernde Treppen hinausgeschoben wurden, wie Menschen aus dem Innern der Riesenvögel herauskamen, sich von beiden Schiffen her entgegengingen, sich auf dem grünen Rasen trafen, sich begrüßten, sich die Hände schüttelten. »Los, Smith, jetzt wird’s Zeit!« Während O’Brien es sagte, gab er Smith einen kräftigen Stoß und eilte auf die beiden Schiffe zu. Fast wie ein Träumender folgte ihm Smith.

Die ersten, die auf den Rasen sprangen und sich entgegenliefen, waren Georg Berkoff von ›St 25‹ und Fritz Heineken, der Chefpilot von ›St 21‹. Eine kurze, aber desto herzlichere Begrüßung, dann prasselte auf Heineken ein Schnellfeuer von Fragen los. Wohl hatte Berkoff durch den Funker Lorenzen gehörte, daß ›St 21‹ von Professor Eggerth durch ein Radiogramm hierher beordert worden war, doch über den Zweck dieser Anordnung hatte er nichts in Erfahrung bringen können. Das wollte er nun von Heineken wissen, aber der lange Friese konnte oder wollte ihm auch nichts Bestimmtes sagen. Mit unerschütterlicher Ruhe ließ er die Fragen Berkoffs über sich ergehen. »Mußt den Professor danach fragen, mein Jungchen«, meinte er phlegmatisch.

»Unsinn, Fritze!« wies Berkoff den Vorschlag zurück. »Ich werde den Deibel was tun und dem Alten damit kommen. Weißt doch selber, wie der unerwünschte Frager ablaufen läßt.«

Mit Mühe und Not bekam Berkoff nur heraus, daß ›St 21 die vollzählige Bedienungsmannschaft für seine Eismaschinen mit an Bord hatte, und das war eine Mitteilung, auf die er sich keinen rechten Vers zu machen vermochte. Nahe bei ›St 25‹ standen Professor Eggerth und Dr. Schmidt zusammen.

»Es sind nur zwei«, sagte der Professor mit einem Blick nach O’Brien und Smith hin, die inzwischen herankamen. »Wo steckt der dritte?«

»Wir werden sie danach fragen«, erklärte Dr. Schmidt, als O’Brien auch schon, vom Laufen noch außer Atem, vor ihnen stand.

»Zwei Mitglieder der Carnegie-Expedition, Sir«, stieß er hervor. »Nehme an, Sir, daß Sie gekommen sind, uns abzuholen.« Er sagte es in englischer Sprache, und Professor Eggerth antwortete ihm ebenfalls auf Englisch.

»Wir werden Sie mitnehmen und nach Europa oder Amerika bringen. Doch wir hörten, daß drei Mitglieder der Expedition auf der Insel zurückblieben. Ich sehe nur zwei?«

Mittlerweile war auch Smith herangekommen und von der anderen Seite von ›St 25‹ gleichzeitig Dr. Wille. Smith hatte die Frage des Professors ebenfalls gehört. »Der dritte war Professor Harte«, antwortete er zunächst ebenfalls auf Englisch, fuhr dann, als er Schmidt und Wille unter sich deutsch reden hörte, in deutscher Sprache fort, »Herr Professor Harte war Botaniker. Wir waren zusammen auf einer Exkursion in den Wäldern, als der Ausbruch losging …«

»Professor Harte, der bekannte Botaniker? Wo haben Sie ihn gelassen?« warf Dr. Wille dazwischen.

»Er ist tot. Während wir vor dem Ausbruch nach Süden flohen, wurde er von einem Lavastein erschlagen.«

»Harte tot? Schade um den Mann. Er war ein hervorragender Gelehrter. Die Wissenschaft erwartete noch viel von ihm.« Wille sagte es mehr zu sich als zu den andern.

»Sind die Herren auf Veranlassung des Carnegie-Institutes hier?« fragte Smith inzwischen den Professor. Der schüttelte den Kopf.

»Nein, Herr … Herr …«

»Smith ist mein Name, Frederic Smith aus Harvard im Staate Massachusetts«, machte Smith sich bekannt.

»Nein, Mr. Smith«, fuhr Professor Eggerth fort, »wie Sie hören und sehen, sind wir Deutsche. Es ist ein reiner Zufall, daß wir hier gelandet sind; aber wie ich bereits sagte, sind wir selbstverständlich bereit, Sie und Ihren Gefährten mitzunehmen und in die Zivilisation zurückzubringen.«

Etwas Genaueres noch wünschte Professor Eggerth über Namen und Art seiner neuen Gäste zu erfahren, und bereitwillig gab Smith ihm Auskunft. Weder er noch O’Brien hatten zu den wissenschaftlichen Mitgliedern der Carnegie-Expedition gehört. Als ›Leute für alles‹ waren sie mitgegangen. Frederic Smith war Mechaniker von Beruf, O’Brien Motorschlosser, aber sie hatten sich noch manche anderen Dinge angenommen. Gerade weil sie bei den verschiedensten Vorkommnissen helfend eingreifen konnten, waren sie für die amerikanische Expedition wertvoll gewesen. Smith stellte sein Licht unter den Scheffel und strich auch die Fähigkeiten O’Briens kräftig heraus, als er Professor Eggerth darüber berichtete.

»Nun gut«, sagte der Professor, als Smith mit seiner Aufzählung zu Ende war. »Sie und Mr. O’Brien werden unsere Gäste an Bord von ›St 25‹ sein. Mit der Zivilisation wollen wir gleich hier anfangen«, fügte er mit einem Blick auf das Äußere der beiden hinzu und winkte seinen Sohn heran. »Nimm dich der beiden Herren an, Hein. Sie mußten ein Vierteljahr allein auf der Insel hier hausen. Sorge dafür, daß sie alles Notwendige bekommen.«

Hein Eggerth lachte. »Verstehe, Vater. Erst mal ein Bad, Rasierzeug … Passende Garderobe wird sich auch finden. Die Herrschaften sollen sich wohl bei uns fühlen …«

In Begleitung von Smith und O’Brien kehrte Hein Eggerth zu ›St 25‹ zurück und führte das Programm, das er seinem Vater kurz angedeutet hatte, mit Sorgfalt und Gründlichkeit aus.

Kaum wiederzuerkennen waren die beiden Amerikaner, als sie eine Stunde später in dem Mittelraum von ›St 25‹ am gedeckten Tisch saßen. Aus zwei verwahrlosten Tramps waren zwei gutaussehende Herren geworden, die sich nach langen Monaten zum erstenmal wieder behaglich dem Genuß einer anständigen Mahlzeit hingaben.

Während das in ›St 25‹ geschah, war Professor Eggerth mit Heineken zu ›St 21‹ gegangen, um mit ihm die Einzelheiten für den beabsichtigten Versuch zu besprechen. Einige Anweisungen dafür hatte er schon in seinem Funkspruch gegeben, und an Bord von ›St 21‹ war man danach verfahren. Während des langen Fluges um den halben Erdball hatten die Eismaschinen des Schiffes ununterbrochen gearbeitet, und in Form von kleineren Blöcken lagen viele Kubikmeter klaren Kristalleises in den Behältern der Maschinenanlage. Auch eine Anzahl kreisförmig gebogener Kupferrohre hatte ›St 21‹ mitgebracht und außerdem noch eine große Leinwanddecke.

Der Plan, den sich Professor Eggerth zurechtgelegt hatte, war verhältnismäßig einfach, aber er erforderte doch allerlei Vorbereitungen und Mittel. Seine Absicht ging dahin, auf der ausgebreiteten Leinwand aus den Eisblöcken, die fertig aus den Kühlzellen der Gefrieranlage genommen werden konnten, ein kugelförmiges Gebilde von rund 100 Kubikmetern Inhalt aufzubauen. Wie die Rechnung ergab, mußte das eine Kugel von annähernd 6 Meter im Durchmesser ergeben. Weiter würde es sich dann noch darum handeln, diesen Eisbau zu einem massiven Block zusammenfrieren zu lassen. Dazu mußte man ihm noch Wasser zusetzen und ferner war den Kupferrohren eine besondere Rolle dabei zugedacht.

Aufmerksam folgten Heineken und Beckmann den Erklärungen des Professors, dann riefen sie ihre Leute zusammen, und die Arbeit begann. Dreißig Hände griffen zu, um die große Stoffplane dicht neben ›St 21‹ auf dem Rasen auszubreiten. Kaum lag sie, als die Kolonnen der Werkleute über eine der beiden von ›St 21‹ ausgelegten Stiegen in das Schiffsinnere eilten. Wenige Minuten später kamen sie über die zweite Stiege wieder heraus, doch jetzt trug jeder der Leute einen Eisblock auf der Schulter. Nach den Weisungen Heinekens begannen sie die Blöcke auf der Plane aufzuschichten, während andere unter der Leitung Beckmanns sich daran machten, aus den Kupferröhren ein kugelförmiges Gerippe um das Ganze zu legen.

Noch waren die letzten Eisblöcke nicht an Ort und Stelle, als dieser Rohbau bereits fertig zusammengefügt dastand, während andere Werkleute zwei schwere Schläuche daran anschlossen und bis in das Schiffsinnere hinein aufrollten. Eben noch lagen die Schläuche schlaff, doch jetzt blähten sie sich bereits. Salzsole aus der Kühlanlage, bis auf 30 Grad unter Null gekühlt, strömte durch sie zu den Kupferröhren, durchlief diese und floß durch den zweiten Schlauch zu den Maschinen von ›St 21‹ zurück.

Wohl brannte die Tropensonne unbarmherzig hernieder, wohl leckte es bereits stark von den Eisblöcken, aber in wenigen Minuten bildete sich unter der Wirkung der eisigen Sole ein schwerer Eisbelag auf den Kupferröhren.

Und nun war der letzte Eisblock eingefügt, der Aufbau vollendet; da schlugen die Werkleute die Plane um ihn herum, banden sie oben zusammen und führten vom Schiff her einen dritten Schlauch heran. Kaltes Wasser warfen die Pumpen von ›St 21‹ aus den Tanks des Schiffes durch diesen dritten Schlauch in das Gebilde hinein. Prall blähte sich die Plane unter dem Wasserdruck. Fast genau kugelförmige Gestalt gewann sie. Ein Gemisch von Eis und Wasser stand jetzt in ihr, und unablässig verrichtete die eisige Sole in den Kupferröhren weiter ihr Werk. Schneidender Frost ließ das Ganze zu einer massiven Eiskugel von 100 Tonnen Gewicht erstarren.

Mit der Uhr in der Hand stand Professor Eggerth dabei und verfolgte den Gang der Arbeiten; nahm bisweilen sein Notizbuch zu Hilfe, schrieb Zahlen nieder, rechnete, schaute dann wieder auf die Uhr.

»Noch eine Stunde, Herr Heineken, dann wird der Block durch und durch gefroren sein«; er steckte die Uhr wieder in die Tasche. »Dann werden wir starten können. Sie sind genau im Bilde, wie wir vorgehen wollen?«

»Ich weiß Bescheid, Herr Professor«, erwiderte der Chefpilot von ›St 21‹. »In einer Stunde lösen wir alle Verbindungen und starten mit ›St 21‹! Der Eisball wird von ›St 25‹ aufgenommen.«

»So ist es«, bestätigte der Professor die Worte Heinekens. »Sie starten und gehen mit Ihrem Schiff sofort in die Stratosphäre. ›St 25‹ wird Ihnen sobald wie möglich folgen. Ihre Funkstation A wollen Sie betriebsbereit für Nahempfang unserer Werkwelle halten, damit ›St 25‹ jederzeit mit Ihnen sprechen kann. Ihre Stationen B und C können Sie nach Belieben einstellen. Ich halte es nicht für ausgeschlossen, daß es bald nach unserem Aufstieg allerlei Interessantes im Äther zu hören geben wird.«

Damit verabschiedete Professor Eggerth sich von Heineken und ging zu ›St 25‹ hinüber.

Das Mahl im Mittelraum von ›St 25‹ ging zu Ende. Die Hauptkosten der Unterhaltung trug dabei Hein Eggerth, der abwechselnd in Deutsch und Englisch zahllose Fragen seiner Gäste zu beantworten hatte. Von den Eggerth-Reading-Werken in Bay City und Walkenfeld und von den berühmten Stratosphärenschiffen hatten die beiden Amerikaner bereits mancherlei gehört und wollten jetzt noch mehr darüber wissen. Hein Eggerth gab ihnen Auskunft, soweit er es für angebracht hielt, und kam endlich, als bereits der Kaffee aufgetragen wurde, auch seinerseits dazu, ein paar Fragen über die CarnegieExpedition zu stellen.

Während diese Unterhaltung an einem runden Tisch auf der Steuerbordseite des Schiffes geführt wurde, saß der lange Schmidt, in ein Bündel amerikanischer Zeitschriften vertieft, in einem Sessel am Backbordfenster. Solange die drei drüben sich über die Eggerth-Reading-Werke unterhielten, studierte er eifrig seine Hefte; als sie jedoch auf die Carnegie-Expedition zu sprechen kamen, begann er aufzumerken, spitzte die Ohren, als zum ersten Male der Name Garrison fiel, und mischte sich dann direkt in die Unterhaltung ein.

»Hatten Sie viel mit Mr. Garrison zu tun?« fragte er O’Brien, der eben wieder im Zusammenhang mit einer ziemlich belanglosen Angelegenheit den Namen erwähnt hatte.

»Es ließ sich halten, Sir«, erwiderte O’Brien. »Zuweilen kam Mr. Garrison mit einem Wunsch zu mir oder zu Smith, aber häufig geschah es nicht. Im allgemeinen bekamen wir unsere Aufträge von Mr. Johnson, dem Kapitän der City of Baltimore

Ob das auch noch auf der Insel selbst nach der Ausbootung der Fall gewesen wäre, wollte der Doktor wissen. Smith hatte bemerkt, daß dessen Englisch ein wenig rostig war und beantwortete die Frage an O’Briens Stelle auf Deutsch.

»Auf der Insel wurden wir beide--O’Brien und ich--Professor Harte zugeteilt, der vom ersten Tage an mit uns botanische Exkursionen in die Wälder unternahm. Da haben wir von Mr. Garrison nicht mehr viel zu sehen bekommen.«

»Hm! Schade!« der lange Schmidt murmelte allerlei Umständliches vor sich hin, sprach dann wieder laut weiter. »Das ist bedauerlich. Ich kenne Mr. Garrison gut. Ich hätte gern noch irgend etwas Genaueres über ihn gehört.«

»Well, Doktor«, meinte Smith nach kurzem Überlegen, »da ist nicht viel zu berichten. Mr. Garrison beschäftigte sich hauptsächlich mit geophysikalischen Messungen. Ein paarmal habe ich ihm die Apparate dafür justieren müssen. Bei der Gelegenheit erzählte er mir beiläufig, daß er schon früher einmal auf der Insel gewesen wäre.«

»So, so?« der lange Schmidt mußte erst ein paarmal schlukken, bevor er weitersprach. »Mr. Garrison ist schon früher auf der Insel gewesen? Hat er Ihnen nicht gesagt, wann und bei welcher Gelegenheit?«

Zum größten Bedauern von Dr. Schmidt war der Amerikaner nicht in der Lage, auf diese Frage zu antworten, denn James Garrison hatte ihm nichts darüber gesagt.

Während an dem runden Tisch Hein Eggerth sich über diese Verschwiegenheit Mr. Garrisons freute, war der lange Schmidt ganz offensichtlich unzufrieden darüber. Er beschloß, sich wieder seinen Zeitschriften zuzuwenden. Während er schon wieder nach einem der Hefte griff, fragte Hein Eggerth den Amerikaner:

»Wo haben Sie eigentlich Ihr gutes Deutsch gelernt, Mr. Smith?«

»Von meinem Vater, Mr. Eggerth. Er war ein Deutscher. Ist erst vor achtundzwanzig Jahren in die Staaten eingewandert. Er kam aus Waltershausen in Thüringen herüber. Vater hat mir öfter erzählt, daß wir da noch deutsche Verwandte haben.«

»Ah, so ist das, Mr. Smith.« Hein Eggerth überlegte ein paar Sekunden und sprach dann weiter. »Da hat Ihr Vater wohl ursprünglich gut deutsch ›Schmidt‹ geheißen und seinen Namen erst in den Staaten amerikanisiert.«

»Richtig geraten, Sir«, bestätigte Smith die Vermutung Hein Eggerths. »Mein Vater hieß ursprünglich Heinrich Schmidt. Als er nach USA kam, nannte er sich natürlich Henry Smith, Sie wissen ja, Mr. Eggerth, wie das die deutschen Einwanderer in den Staaten so machen …« Schon als in der Unterhaltung zwischen Smith und Hein Eggerth die Worte Thüringen und Waltershausen fielen, hatte Dr. Schmidt seine Zeitschrift wieder beiseite gelegt. Jetzt erhob er sich und kam zu den anderen an den Tisch herüber.

»Ihr Vater hieß Heinrich?« fragte er den Amerikaner unvermittelt. »Wann ist er von Waltershausen fortgegangen?«

»Vor achtundzwanzig Jahren, ich sagte es bereits, Sir.«

»Und hat er Ihnen Näheres über die deutschen Verwandten in Waltershausen erzählt?«

Dr. Schmidt stellte die Frage, und Hein Eggerth wunderte sich im stillen, wie lebhaft der sonst stets verschlossene und zurückhaltende Doktor auf einmal war.

»Die deutschen Verwandten, Sir?« Smith machte eine unschlüssige Bewegung. »Vater hat öfter von ihnen erzählt, aber nichts besonders Erfreuliches. Es soll damals zu Hause einen mächtigen Familienkrach gegeben haben. Der Großvater muß ein richtiger Tyrann gewesen sein.«

»Wissen Sie, wie er hieß? Was er gewesen ist?« fuhr der lange Schmidt dazwischen. Mr. Smith mußte sich eine kurze Weile besinnen, bevor er antwortete.

»Karl Schmidt war sein Name. Irgend so ein Rat soll er gewesen sein. Ein Gebirgsrat oder ein Waldrat. Ich kenne mich mit den deutschen Titeln nicht aus …«

»Forstrat war er«, platzte Dr. Schmidt heraus.

»Richtig, Sir, ein Forstrat. Er wollte seinen beiden Söhnen mit Gewalt seinen Willen aufzwingen. Meinem Vater hat das nicht gepaßt. Ist als Achtzehnjähriger bei Nacht und Nebel von Waltershausen weg und nach den USA gegangen.«

Mit wachsendem Staunen beobachtete Hein Eggerth das wechselnde Mienenspiel von Dr. Schmidt, während der Amerikaner seine Mitteilungen vorbrachte.

»Wie ist es Ihrem Vater drüben in den Staaten ergangen?« fragte der Doktor.

»Hat sich durchkämpfen müssen, Sir. Kam ohne Mittel drüben an, war natürlich nicht leicht für ihn. Hatte aber einen offenen Kopf und geschickte Hände. Mußte wie die meisten Einwanderer von unten anfangen. Ist aber vorwärtsgekommen, hat heute eine gute Motorenwerkstatt in Massachusetts. Ist kein Millionär geworden, hat aber sein gutes Auskommen.«

»Ah, Ihr Vater lebt noch?« Der lange Schmidt stellte die Frage in einem Ton, daß Smith stutzte und ihn verwundert ansah.

»Selbstverständlich, Sir! Warum sollte er nicht leben? Er ist ja noch nicht mal fünfzig.«

»So, so, Mr. Smith. Und es geht Ihrem Vater gut?«

»Kann man wohl sagen, Sir. Die Werkstatt ist ein guter Job. Hat mächtig zu hin. Haben bei Hochsaison schon mit vierzig Mann gearbeitet.«

Dr. Schmidt murmelte etwas schwer Verständliches vor sich hin.

»Wissen Sie vielleicht auch, wie der Bruder Ihres Vaters hieß, der in Deutschland blieb?« fragte er unvermittelt.

Der Amerikaner mußte sich erst geraume Zeit besinnen. »Adolf war sein Name, wenn ich mich richtig erinnere«, sagte er ein wenig unsicher. »Hörte mal so etwas, daß der unter die Studierten gegangen sein soll.«

Vergeblich wartete Mr. Smith auf weitere Fragen. Der lange Schmidt raffte seine Hefte zusammen und verließ ohne weiter ein Wort zu sagen den Raum.

»Was hat der Mann?« fragte der Amerikaner Hein Eggerth. »Habe ich ihn beleidigt? Das war nicht meine Absicht …«

Hein Eggerth schüttelte den Kopf. »Keineswegs, Mr. Smith. Aber die Welt ist ein Dorf.«

»Was meinen Sie damit, Mr. Eggerth? Ich verstehe Sie nicht.«

»Dann will ich’s Ihnen erklären, Mr. Smith. Der Doktor, der eben hier hinausging, heißt Adolf Schmidt und stammt aus Waltershausen, wo sein Vater Forstrat war. Verstehen Sie jetzt, was ich meine?«

Mr. Smith riß den Mund auf und schnappte erst ein paarmal tief Luft, bevor er zu antworten vermochte.

»Dann wäre ja … dann wäre ja …«

»Dr. Schmidt Ihr richtiger Onkel, Mr. Smith«, sagte Hein Eggerth.

Smith war aufgesprungen. »Wirklich, Herr Eggerth? Ist das so?«

»Ich bin überzeugt, daß es so ist, Mr. Smith.«

»Ich will zu ihm gehen, ich muß weiter mit ihm sprechen.« Smith wollte fortgehen, Hein Eggerth drückte ihn auf seinen Stuhl zurück.

»Sie werden später Gelegenheit dazu haben. Warten Sie noch ein wenig. Lassen Sie dem Doktor Zeit. Er muß sich erst selber mit dem abfinden, was er eben erfahren hat«


KAPITEL 3

Als Smith und O’Brien am Morgen dieses für sie so wechselvollen Tages die Befürchtung aussprachen, daß man sie in der Heimat vergessen und aufgegeben hätte, befanden sie sich in einem Irrtum. Zwar hatte die City of Baltimore bei dem plötzlichen Vulkanausbruch fluchtartig in See gehen müssen, ohne sich um sie zu kümmern, denn angesichts der von Minute zu Minute immer gewaltigere Ausmaße annehmenden Naturkatastrophe hätte jeder Versuch, noch nach Professor Harte und seinen Begleitern zu forschen, den Untergang der ganzen Expedition zur Folge haben können.

Zunächst einmal mußte man sich mit der Annahme trösten, daß die drei Zurückgebliebenen auf dem südlichen Teil der Insel wohl eine Zufluchtsstätte finden würden. In der Absicht, sie zu holen, sobald das Schlimmste vorüber wäre, hatte Kapitän Johnson geraume Zeit in der Nähe der Insel gekreuzt. Dann aber war im Anschluß an das große Seebeben ein Unwetter aufgekommen, das ihn zwang, einen Nothafen aufzusuchen, und auf dem Wege dorthin hatte die City of Baltimore nicht nur einen Maschinenschaden gehabt, sondern war zu allem Überfluß auch noch leck geschlagen worden.

Mehr ein Wrack als ein Schiff, konnte sie zwar schließlich in Sicherheit gebracht werden, aber Wochen vergingen, bevor sie wieder einigermaßen fahrbereit war, und eine Grundreparatur in einem Hafen des amerikanischen Festlandes war danach eine unvermeidliche Notwendigkeit. So war es geschehen, daß Smith und O’Brien Woche um Woche und schließlich Monate vergeblich auf ihre Befreiung hofften.

Vergessen aber waren sie nicht. Während die City of Baltimore in Frisco noch im Dock lag, fuhr aus demselben Hafen ein anderes Schiff aus, das zu seinen übrigen Aufgaben auch noch den Auftrag übernahm, die von der City of Baltimore Zurückgelassenen von ihrer Insel abzuholen.

Auf den poetischen Namen Berenice war dieses Schiff getauft. Ein stattliches Motorschiff war die Berenice, mit der Captain Dryden eine Forschungsreise antrat, die, auf mehrere Jahre berechnet, ihn in die entferntesten Winkel der Welt führen sollte.

Wären die Stratosphärenschiffe Professor Eggerths nicht zufällig ein wenig früher gekommen, so wären Mr. Smith und O’Brien sicherlich von Captain Dryden befreit worden, so indes erschien er mit der Berenice zu spät, um noch etwas für seine Landsleute tun zu können, aber er kam noch zeitig genug, um Zeuge der Vorgänge zu werden, deren Schauplatz die Insel und ihre nähere Umgebung in den nächsten Tagen bilden sollten.

Zur verabredeten Zeit lösten die Werkleute von ›St 21‹ die Schlauchverbindungen, die von dem Flugschiff zu der Eisbombe führten.

Alle Luken wurden hermetisch verschraubt, die Motoren der Hubschrauben brüllten auf. ›St 21‹ hob sich vom Boden ab und stieg empor.

»Die andern starten ja schon«, sagte Hein Eggerth im Kommandoraum von ›St 25‹ zu Berkoff, als der Motorendonner von ›St 21‹ an sein Ohr drang.

»Der Vogel geht los«, bestätigte Berkoff die Bemerkung seines Freundes, »aber sein Ei hat er vergessen, das liegt da drüben einsam und verlassen auf dem Rasen. Hast du eine Ahnung, Hein, was dein alter Herr vorhat?«

Hein Eggerth zuckte die Schultern. »Bis jetzt noch nicht, Georg. Der Herr Professor geruht wieder einmal den »Geheimnisvollen« zu markieren. Bis jetzt habe ich nur herausbekommen, daß er mit dem langen Schmidt irgendein Projekt besprochen hat, konnte aber nicht dahinter kommen, um was es sich eigentlich dreht.«

»Kann ich mir denken, Hein. Aber ewig können sie ja mit ihrem Geheimnis nicht hinter dem Berge halten. Schließlich sind wir doch die Piloten von ›St 25‹, und wenn sie mit dem Schiff manövrieren wollen, werden sie uns wohl oder übel etwas über das ›Wie und Warum‹ verraten müssen.«

»Soll sofort geschehen, Herrschaften.« Die Worte kamen von Professor Eggerth, der unbemerkt in den Kommandoraum getreten war. »Ich will mit ›St 25‹ den Eisbrocken dort drüben aufnehmen und später im Fluge abwerfen.«

»Alle Wetter, Herr Professor, das Ding hat aber einiges Gewicht«, meinte Berkoff, während er einen prüfenden Blick durch das Fenster warf.

»Genau 100 Tonnen, Herr Berkoff. Wir können das Stück mit unsern großen Montagegreifern sicher aufnehmen. Wollen Sie bitte die Bedienung der Greifer übernehmen, während ich zusammen mit Hein die Steuerung von ›St 25‹ besorge.«

Georg Berkoff verzog den Mund, denn der Auftrag des Professors war nicht nach seinem Geschmack.

Als ob der Professor Eggerth seine Gedanken erraten hätte, sprach er weiter. »Sie übernehmen eine wichtige und verantwortungsvolle Aufgabe, Herr Berkoff. Es kommt bei dem Versuch, den ich vorhabe, darauf an, daß die Eisbombe auf den Bruchteil einer Sekunde genau abgeworfen wird. Sie müssen mit den Telefonhörern am Kopf arbeiten und die Auslösung der Greifer in dem Moment betätigen, in dem mein Kommando kommt. Als Ankündigungskommando werde ich ›Achtung‹ rufen, als Ausführungskommando ›Los‹. Auf das Wort muß die Bombe fallen. Eine Sekunde Verfrühung oder Verspätung könnte alles in Frage stellen. Ist das klar, Herr Berkoff?«

»Vollkommen klar, Herr Professor.«

Berkoff verließ die Kommandozentrale und begab sich in den Kielraum des Schiffes. Professor Eggerth setzte sich selbst an das Steuer und schob sich ebenfalls Kopfhörer über. Sobald er die Stimme Berkoffs im Telefon vernahm, ließ er die Hubschrauben angehen. ›St 25‹ hob sich vom Boden ab und schwebte dicht über dem Rasen dahin, bis es senkrecht über dem Eisblock stand. Und dann fuhren vier mächtige Greiferarme aus dem Kielraum des Schiffes nach unten heraus und umklammerten den Eisballen.

»Greifer haben gefaßt«, hörte Professor Eggerth im Telefon und gab Vollgas auf die Motoren der Hubschrauben.

Schnell und immer schneller stieg das Schiff senkrecht empor, jetzt schon 1000 … bald 2000… 3000 und nun 4000 Meter stand es über dem Erdboden. Nur von den Hubschrauben gehalten, stand es im Raum; noch waren seine Horizontaldüsen in Ruhe.

Durch das Kristallfenster im Fußboden visierte der Professor mit einem Theodoliten nach unten.

Dann ließ er mit schwächstem Gas einen der Horizontaldüsenmotoren angehen. ›St 25‹ bekam etwas Fahrt, gehorchte dem Seitensteuer und schob sich ganz langsam in Richtung auf den Krater hin.

Nur Sekunden währte dieser Antrieb, dann nahm Professor Eggerth das Gas wieder fort. Nur noch vom Beharrungsvermögen seiner Masse getrieben und von seinen Hubschrauben in gleicher Höhe gehalten, bewegte sich das Flugschiff langsam fort und kam dem Krater immer näher. Nun wurde bereits der Blick über den Kraterrand frei, jetzt wurde auch der in ihm brodelnde Lavasee sichtbar. Das Auge gegen das Okular des Theodolitenfernrohrs gepreßt, verfolgte der Professor den langsamen Vorschub von ›St 25‹. »Achtung!« Der Ruf aus seinem Mund kam durch das Telefon an Berkoffs Ohr.

»Achtung!« meldete der zurück.

Eine halbe Sekunde … dreiviertel Sekunde … »Los!« kam das zweite Kommando aus der Zentrale. Im Kielraum riß Berkoff im selben Moment einen Hebel herum. Die vier Greifer schnappten zurück. Der gewaltige Eisblock begann aus 4 Kilometer Höhe seinen Sturz in die Tiefe. Von der Hunderttonnenlast befreit, schnellte das Schiff zur gleichen Zeit unter dem Zug seiner Hubschrauben mit einem mächtigen Sprung in die Höhe.

»Vollgas auf alle Düsen! In Kurven nach oben«, rief Professor Eggerth seinem Sohn zu und trat selbst an eins der beiden Seitenfenster. Während Hein Eggerth das Steuer führte, verfolgte der Professor gespannt den Fall der abgeworfenen Eismasse.

Ungefähr eine halbe Minute würde der Absturz aus dieser Höhe dauern. Mit mehr als 200 Sekundenmetern würde der Eisbrocken danach aufschlagen. Würde er das ihm bestimmte Ziel, den Lavasee, erreichen?

Fast wie ein leuchtender Punkt nur erschien die glühende Lavafläche aus der Höhe, kaum noch sichtbar war der nach unten stürzende Ball. Bedrückende Zweifel kamen dem Professor, ob der Wurf gelingen, das erstrebte Ziel wirklich getroffen werden würde.

Er griff nach einem scharfen Glas, blickte hindurch, sah Jetzt viel größer und deutlicher die glühende Fläche, sah ein winziges Pünktchen--einen Moment wohl noch über ihr, einen Moment auf ihr –, dann war es verschwunden. Der Schuß hatte getroffen. Tief mußte der eisige Brocken in die glühende Masse eingedrungen sein. Wie würde das Spiel der Kräfte zwischen hellster Glut und klingendem Frost sich auswirken? Die nächsten Sekunden mußten es zeigen.

Smith und O’Brien hatten sich nach der Mahlzeit zunächst einmal in die Kabine begeben, die der Professor ihnen zur Verfügung gestellt hatte. Mit einem Schwung warf O’Brien sich in die Kissen eines Bettes, das aus dem gleichen schimmernden Leichtmetall gefertigt war wie alle übrigen Einrichtungsgegenstände des Raumes, und streckte sich aus.

»Hier läßt’s sich leben, Smith«, stöhnte er behaglich. Er fuhr sich mit der Hand über sein frisch rasiertes Gesicht. »Endlich kommt man sich mal wieder als Mensch vor.«

Smith ließ den Iren reden, ohne sich viel darum zu kümmern. Die Hände auf dem Rücken, den Kopf gesenkt, ging er nachdenklich in der Kabine hin und her, bis seine Schweigsamkeit O’Brien auffiel.

»Hallo, Boß, was ist Euch?« begann er von neuem. »Habt Ihr Magendrücken oder Liebeskummer?«

Mit einem Ruck blieb Smith stehen und blickte seinen Gefährten an.

»Die neue Verwandtschaft will mir nicht aus dem Kopf, O’Brien. Ist doch toll, daß man hier auf diesem gottverlassenen Flecken Leute wiederfindet, von denen man ein Menschenalter nichts gehört und gesehen hat.«

»Leute ist wohl zuviel gesagt«, meinte O’Brien phlegmatisch. »Einen Oheim habt Ihr zufällig getroffen. Glaube, Smith, Ihr könnt Euch sogar etwas darauf einbilden. Soviel ich herausgehört habe, ist der Mann Doktor und sogar Minister. Was könnt Ihr von einem wiedergefundenen Oheim mehr verlangen? Seid doch …«

»Das ist’s ja eben gerade, O’Brien«, fiel Smith ihm ins Wort. »Der Mann hat die Würde und Ehrbarkeit mit Löffeln gefressen. Der ist ebenso korrekt wie der Großalte, der meinen Vater aus dem Hause getrieben hat. Ich fürchte, O’Brien, die Aussprache mit ihm wird nicht sehr erfreulich werden.«

»Nonsens, Mann!« Der Ire rappelte sich wieder aus den Kissen heraus. »Ihr seid ein freier, amerikanischer Bürger, habt Euren guten Job, braucht Euch von einem deutschen Doktor und Rat absolut nicht imponieren zu lassen. Werde bei Eurer Unterhaltung dabei sein und Euch helfen, wenn Ihr allein nicht weiterkommt.«

Smith wollte etwas erwidern, als ein Beben durch den Bau von ›St 25‹ ging. Die Hubschrauben sprangen an und hoben das Schiff vom Boden ab.

»Ich glaube, wir brausen los«, sagte O’Brien. »Ist die erste Fahrt mit einem Stratosphärenschiff, die ich in meinem Leben mache. Kommt mit, Boß, wir wollen in den Mittelraum gehen. Da haben wir bessere Aussicht.«

Als sie in den Mittelraum kamen, war durch die Fenster von dem Eisball nichts mehr zu sehen. Von der Besatzung des Schiffes war niemand in dem Raum. Einen kurzen Blick warfen sie durch die Fenster zu beiden Seiten, dann machten sie es sich wieder an dem runden Tisch bequem.

Smith lehnte den Kopf an die Kristallscheibe, blickte schweigend hinaus und sah die Insel unter dem Schiff in der Tiefe versinken, klein und immer kleiner werdend.

»Immer noch melancholisch?«

Während O’Brien es sagte, stand er auf und beugte sich über den Tisch zu Smith hin. Im nächsten Augenblick fühlte er sich mit unwiderstehlicher Gewalt nach unten auf die Tischplatte gepreßt.

Drei Sekunden hielt dieser unerklärliche Druck an, dann wich er ebenso plötzlich, wie er gekommen war. O’Brien konnte sich wieder aufrichten. »Was war das?« fragte er und rieb sich den Magen. Smith konnte es ihm nicht sagen, denn ebensowenig wie O’Brien wußte er, daß das Schiff eben eine Last von 100 Tonnen abgeworfen und dadurch erleichtert einen mächtigen Sprung nach oben gemacht hatte.

»Jetzt kriegen wir aber Fahrt«, sagte O’Brien nach einem Blick durch das Fenster. »Seht mal den Krater da unten. War verdammt schlau von uns, daß wir dem alten Burschen nicht zu nahe gekommen sind … Seht doch, Smith, seht doch mal hin, Mann! Der Kerl wird ja wieder mobil …«

Er brauchte nicht weiterzusprechen. Das Gesicht gegen die Fensterscheiben gepreßt, verfolgte auch Smith angestrengt die Vorgänge, die sich tief unter ihnen abspielten.

Jäh brodelte der Lavasee im Krater auf und schien ins Kochen zu geraten. Größer wurde die glühende Fläche, und hellweiß begann es dann über den Kraterrand nach außen hinunterzulaufen. Ein Strom feuriger Lava, der sich seinen Weg über den Steilhang des Berges hinab zur See hin suchte.

Wie Fackeln leuchteten vereinzelte Bäume auf und waren im nächsten Augenblick schon verbrannt und verascht. Jetzt erreichte der Glutfluß den schmalen und sandigen Strand--jetzt kam er mit der See in Berührung, wälzte sich wie eine feurige Schlange in den Ozean.

Und dann stieg Dampf auf. Schwere Schwaden verhüllten den feurigen Fluß, breiteten sich aus und verhüllten auch den speienden Berg. Weiter wälzten sich die Nebelmassen, legten sich wie ein Tuch über den Wald, über den Strand, über die See. Nur noch eine einzige mächtige Wolkenbank bot sich von ›St 25‹ aus dem Blick an der Stelle, wo vor kurzen Minuten noch die Insel wie ein grüner Schmuckstein auf dem Azurschild des Ozeans lag.

Was sich hinter diesem Vorhang weiter abspielte, blieb menschlichen Augen verborgen.

»Wir haben viel Glück gehabt, O’Brien«, sagte Smith nach langem Schweigen.

»Verdammt viel Glück, Boß!« sagte O’Brien.

Während Smith und O’Brien auf ihre Art über die Ereignisse philosophierten, die sich 6000 Meter unter ihnen abspielten, übersahen sie ein weißes Pünktchen, das von Süden her auf der blauen Seefläche langsam herankroch. Es war die Berenice, die unter Führung von Captain Dryden ihren Kurs verfolgte. Die genaue geographische Position der Insel hatte der Captain bei seiner Ausreise von Garrison erhalten, und auf dem Gebiet der Navigation konnte ihm so leicht niemand etwas vormachen.

Jeden Augenblick erwartete er nach den letzten Ortsbestimmungen, die gesuchte Insel über der Kimm auftauchen zu sehen. Aber was er nun erblickte, war kein idyllisches Eiland mit grünen Wäldern und schwelenden Matten, sondern eine schroffe und zackige über der See stehende Wolkenwand.

Captain Dryden schickte zwei Mann zum Loten nach vorn, während die Berenice an die Grenze der Wolkenwand heranschlich. Eintönig klangen vom Vorschiff die Rufe der Lotmannschaft zur Kommandobrücke hin.

»Fünfzig Faden« … »dreißig Faden« … »zwanzig« … Noch bevor der nächste Ruf kam, arbeitete der Maschinentelegraf in Captain Drydens Hand. Auf »Rückwärts, volle Kraft!« sprang der Zeiger des Telegrafen im Maschinenraum. Mit Gewalt wirbelten die Schrauben in umgekehrter Richtung und hemmten den Lauf des Schiffes eben noch zeitig genug, um ein Auflaufen auf neu entstandene Klippen zu vermeiden.

»Zwei Faden« meldete der Lotgast vom Bug, als das Schiff sich langsam zurückzuschieben begann. Rückwärts ließ Captain Dryden es weiter laufen, bis er wieder aus dem Nebel heraus war. Er hatte genug gesehen und suchte sich ein Bild von dem zu machen, was hier geschehen war.

Nach seiner Meinung hatte ein neuer Ausbruch jenes Vulkans stattgefunden, von dessen zerstörender Gewalt ihm die Mitglieder der Carnegie-Expedition in Frisco zur Genüge berichtet hatten. Wahnsinn wäre es bei solcher Sachlage gewesen, weiter vorzudringen, um den Zurückgebliebenen zu Hilfe zu kommen. Er hätte dabei das Schiff mit seiner ganzen Besatzung aufs Spiel setzen müssen, um drei Menschen zu retten.

In einem Abstand von reichlich 100 Metern umfuhr die Berenice die Wolkenbank. Captain Dryden stellte fest, daß sie ein Mehrfaches vom Areal der Insel bedeckte. Dann ließ er den Kurs nach Norden, auf sein nächstes Reiseziel setzen und ging in seine Kabine, um den Bericht für das Carnegie-Institut niederzuschreiben.

Während ›St 25‹ sich nach wie vor in 6000 Meter Höhe hielt, kreiste ›St 21‹ zwei Meilen höher in der Stratosphäre. Zu der gleichen Zeit ungefähr, zu der Captain Dryden seine Rundfahrt um die Nebelbank beendete, kam Professor Eggerth zu Lorenzen in den Funkraum.

»Sieht toll da unten aus, Herr Professor«, begrüßte ihn Lorenzen. »Ist nur ein Glück, daß wir rechtzeitig gestartet sind. Hätten sonst am Ende auch noch etwas von dem Segen abkriegen können.«

»Ja, ja, mein lieber Lorenzen. Der alte Berg hat wieder mächtig gespuckt«, meinte Professor Eggerth leichthin. »Da unten ist vorläufig nichts zu holen. Wollen Sie bitte die Verbindung mit ›St 21‹ herstellen.«

Lorenzen begann an den Knöpfen der Funkanlage zu fingern und meldete kurz danach: »Die Verbindung ist da, Herr Professor.«

Professor Eggerth griff selbst zum Mikrophon, und mit Verwunderung hörte Lorenzen, was er hineinsprach.

»Es hat keinen Zweck mehr, Herr Heineken, sich länger hier aufzuhalten. Setzen Sie kürzesten Kurs auf Walkenfeld, und fliegen Sie mit Vollgas zum Werk zurück.«

Er hörte, was Heineken antwortete und sprach weiter. »Vergessen Sie unsere alte Betriebsvorschrift nicht, Herr Heineken. Alle Uhr null Minuten und alle Uhr dreißig Minuten hat einer Ihrer Empfänger auf unserer Welle zu stehen. Guten Flug! Auf Wiederhören.«

»Die können nach Hause gehen«, brummte Lorenzen vor sich hin. Professor Eggerth überhörte es und setzte sich an einen anderen Empfänger. Die Kopfhörer über den Ohren, begann er daran zu stellen. Hielt plötzlich inne und lauschte. Griff dann nach einem Schreibblock.

»Nehmen Sie Kurzwelle der amerikanischen Handelsschifffahrt und schreiben Sie mit!« rief er Lorenzen zu, während er selber bereits den Bleistift über das Papier gleiten ließ. Es war eine von der Berenice in Morsezeichen gegebene Meldung, die er notierte. Captain Dryden ließ nach USA funken, daß die Insel von einer neuen Vulkankatastrophe betroffen und wahrscheinlich zum größten Teil zerstört worden sei. Jede Möglichkeit einer Hilfeleistung für die drei Zurückgebliebenen sei ihm zur Zeit unmöglich. Mehr als fraglich sei es, ob sie überhaupt jetzt noch am Leben wären.

Captain Dryden glaubte, mit diesem Funkspruch alles getan zu haben, was sich im Augenblick tun ließ. Während die Berenice unter einer aufkommenden schwachen Brise ihren Kurs nordwärts verfolgte, war er in seiner Kabine mit der Ausarbeitung eines schriftlichen Berichtes beschäftigt, als es an der Tür klopfte. Ein Matrose kam herein und brachte ihm sein soeben aufgenommenes Radiogramm.

»Von ›St 25‹ an Berenice«, las er kopfschüttelnd. »Was ist ›St 25‹?« murmelte er vor sich hin und las weiter. »Professor Harte bei dem Ausbruch vor drei Monaten getötet. O’Brien und Smith von ›St 25‹ heute vormittag kurz vor dem neuen Ausbruch an Bord genommen. Befinden sich in Sicherheit. Professor Eggerth.«

Professor Eggerth? Captain Dryden strich sich über die Stirn und dachte nach. Eine Erinnerung kam ihm. Ein deutscher Professor … ein Erfinder, der Stratosphärenschiffe von einer vorher nie erreichten Leistungsfähigkeit baute. Wenn dieser Professor Eggerth hier durch einen glücklichen Zufall gerade zugegen gewesen war, bevor sich die neue Katastrophe ereignet hatte, dann konnten die Zurückgebliebenen in der Tat gerettet worden sein. Aber Klarheit wollte der Captain darüber haben. Er schickte Befehl in die Funkkabine, Verbindung mit diesem rätselhaften ›St 25‹ aufzunehmen und Rückfrage zu halten. Doch vergeblich bemühte sich der Funker der Berenice darum. Alle Empfänger von ›St 25‹ standen in dieser Stunde auf anderen Wellenlängen und waren vollauf damit beschäftigt, Nachrichten aufzufangen, die von Osten und Westen her den Äther der Südsee durchschwirrten.

Professor Eggerth war nicht mehr allein mit Lorenzen im Funkraum von ›St 25‹. Auch sein Sohn, Berkoff und Dr. Schmidt hatten sich dort eingefunden. Jeden an Bord vorhandenen Empfänger hatten sie in Betrieb gesetzt, und eifrig hörten sie mit und schrieben auf, was sich, von verschiedenen Orten her in verschiedenen Wellenlängen gesendet, in den Antennen von ›St 25‹ verfing.

Funksprüche von den japanischen Inseln, von Neuseeland und aus Insulinde, Funksprüche vom südamerikanischen Kontinent und aus dem Gebiet der neuen Hebriden ebenso wie aus demjenigen der Carolinen- und Marshall-Inseln. Mit einer auffallenden Obereinstimmung meldeten sie alle dasselbe: leichte Erdstöße, ein sichtbares Aufleben der vulkanischen Tätigkeit. An hundert verschiedenen Stellen begannen alte Krater, die tot und erloschen gelegen hatten, sich wieder zu regen und verrieten, daß noch gefährliches Leben in ihnen vorhanden war.

»Nun, was meinen Sie dazu, Herr Dr. Schmidt?« fragte Professor Eggerth, als für eine kurze Zeit Ruhe im Äther eingetreten war.

»Es scheint ebenso wieder loszugehen wie vor drei Monaten, Herr Professor. Die Funksprüche melden Unruhe aus den bekannten alten Vulkangebieten.« Dr. Schmidt griff nach den Radiogrammen und blätterte darin. »Wundervoll wie sich die geniale Theorie Dr. Wegeners wieder einmal bestätigt. Immer wieder sind es die Inselgirlanden an der Ostseite der nach Westen treibenden asiatischen Kontinentscholle und die Randgebirge auf der Westseite des amerikanischen Kontinents, die Vulkanismus zeigen. Und wenn man die Theorie betrachtet, kann es ja gar nicht anders sein. Denn gerade an diesen Stellen ist das Magma der Tiefe den stärksten Pressungen ausgesetzt und muß sich auf irgendeine Weise Luft nach oben schaffen.«

Professor Eggerth wiegte den Kopf nachdenklich hin und her. »Ich kenne die Wegenersche Theorie, Herr Doktor. Sie haben recht, wenn Sie sie genial nennen. Sie erklärt uns unendlich viel, aber--die Einschränkung muß ich machen--doch noch nicht alles.«

»Ich wüßte nicht, wo sie eine Lücke hätte«, sagte der lange Schmidt abweisend.

»Ich meine die so häufig beobachtete Gleichzeitigkeit der Beben in Ostasien und Amerika, Herr Doktor.«

»Das, Herr Professor … das?« Dr. Schmidt geriet ins Stokken, »… das kann wohl ein Zufall sein.«

»Ein Zufall? Die Wissenschaft tut gut, nicht an Zufälle zu glauben«, sagte Professor Eggerth. »Halten Sie es auch für einen Zufall, daß gerade jetzt, tausend Meilen nach Osten und tausend Meilen nach Westen von hier entfernt, der Teufel losgeht?«

Dr. Schmidt zuckte mit den Schultern und blieb die Antwort schuldig.

»Ich glaube es nicht, Herr Doktor«, fuhr der Professor fort. »Ich bin der festen Überzeugung, daß ein Zusammenhang mit dem Ausbruch des Vulkans auf der Insel hier unter uns besteht.«

»Ausgeschlossen, Herr Professor«, begehrte der lange Schmidt auf. »Den Beweis dafür werden Sie niemals erbringen können. Das wäre ja …« Er suchte nach einem passenden Wort. »Das wäre ja skurril«, sagte er schließlich. »Dann hätten Sie es ja mit einem einfachen Eisblock hier bewirkt, daß in Japan und Chile die Vulkane rauchen … Unmöglich! Undenkbar, Herr Professor!«

»Denken Sie an die ebenso wunderbaren und ebenso unerklärlichen Erscheinungen in der Solfatara von Pozzuoli«, sagte Professor Eggerth und verließ den Raum.

»Was hat der Professor? Warum ist er so plötzlich fortgegangen?« fragte der lange Schmidt betreten. »Bin ich ihm zu nahe getreten?«

»Das glaube ich nicht, Herr Doktor«, meinte Hein Eggerth beschwichtigend, »mein Vater nimmt so leicht nichts übel. Ich nehme an, daß ihm bei Ihrem Disput etwas Wichtiges eingefallen ist, das er erledigen will.«

»Meinen Sie?« fragte der lange Schmidt unsicher und verließ trotz der nochmaligen Versicherung Hein Eggerths den Funkraum, um dem Professor nachzugehen.

In der Tat war dem Professor während der letzten Worte, die er mit Dr. Schmidt wechselte, ein Gedanke gekommen, der ihn veranlaßte, sich in seine Kabine zurückzuziehen, um in Ruhe zu überlegen. Schemenhaft zunächst noch war ihm eine neue ganz große Möglichkeit durch den Kopf gegangen, und schon während er zu seiner Kabine ging, begann sie festere Gestalt zu gewinnen und ihn immer mehr gefangenzunehmen. In Nachdenken versunken, bemerkte er kaum Smith und O’Brien, die sich im Mittelraum aufhielten. Mit einer flüchtigen Begrüßung wollte er auch an Dr. Wille vorbei, der ihm auf dem hinteren Flur begegnete, blieb dann aber, sich besinnend, stehen und richtete eine Frage an ihn.

»Können Sie mir sagen, Herr Doktor, welche Massen bei Vulkanausbrüchen ausgeworfen wurden?«

Dr. Wille überlegte einen kurzen Augenblick, rieb sich die Stirn und schickte sich dann an, einen wissenschaftlichen Vortrag vom Stapel zu lassen.

»Nein, nein, Herr Doktor, das interessiert mich nicht. Einen Höchstwert möchte ich wissen«, unterbrach ihn Professor Eggerth.

»Hm, so, einen Höchstwert? Bei dem Ausbruch des Tambora auf Sumbawa wurden beispielsweise 105 Kubikkilometer Magma ausgeworfen …«

Professor Eggerth machte eine ungeduldige Bewegung.

»Das ist nicht allzuviel, Herr Doktor, ich dachte an größere Werte.«

»Warten Sie, warten Sie, Herr Kollege«, beeilte sich Dr. Wille zu erwidern. »Ich nannte nur eine Zahl, die mir gerade einfiel. Es sind größere, freilich der Masse nach nicht so genau bestimmte Ausbrüche bekanntgeworden, bei denen Tausende, vielleicht sogar Zehntausende von Kubikkilometern ausgeworfen wurden. Leider sind mir die Namen im Augenblick nicht gewärtig.«

»Danke, Herr Doktor, das genügt mir«, sagte Professor Eggert und ging weiter. In seinem Raum angekommen, verschloß er die Tür hinter sich und setzte sich an seinen Schreibtisch.

Jetzt galt es für ihn, klar zu überlegen und schnelle Entschlüsse zu fassen. An ein neues Experiment, viel wirkungsvoller als jenes erste mit der Eisbombe, dachte er. Aber bevor er es unternahm, mußte die Insel unten von Deutschland in Besitz genommen werden, und die Besitznahme mußte von den anderen Staaten anerkannt sein.

Wie war die Lage im Augenblick? Vor einer knappen Stunde hatte Captain Dryden an das Carnegie-Institut gefunkt, daß die Insel durch einen neuen Ausbruch schwer mitgenommen, vielleicht sogar ganz zerstört worden sei.

Zweifellos würde die Nachricht von den Küstenstationen an die amerikanische meteorologische Zentralstelle weitergegeben werden und zu jeder anderen Zeit eine gewisse Aufmerksamkeit erregen. In dieser Stunde aber, in der ähnliche Nachrichten von so vielen andern Punkten des Erdballes einliefen, würde sie voraussichtlich in der Menge versinken und kaum sonderlich beachtet werden.

Durch den Funkspruch von ›St 25‹ hatte Captain Dryden weiter erfahren, daß die Mitglieder der Carnegie-Expedition vor diesem Ausbruch von dem Eggerth-Flugschiff gerettet worden waren, und sicherlich hatte er auch diesen Umstand gefunkt. Man wußte also dort, daß ein Eggerth-Flugschiff in der Zeit vor der neuen Katastrophe auf der Insel geweilt hatte. Mit diesen Tatsachen war zu rechnen. Wie sollte er auf Grund derselben weiter vorgehen? Viele Minuten lang grübelte Professor Eggerth hin und her, bis er einen Weg sah, der ihm gangbar zu sein schien.

Annektiert werden mußte die Insel, bevor er sein zweites großes Experiment ausführte. Sie nach dieser jetzigen Katastrophe zu annektieren, wäre sinnlos gewesen, aber wenn man die Sache so drehte, als ob die Besitznahme schon vorher erfolgt wäre, dann würde es gehen, dann würde es sogar ganz vorzüglich gehen …

Eine Erregung überkam den Professor und hielt ihn nicht länger an seinem Platz. Er sprang auf und begann in der Kabine hin und her zu gehen, während er den Gedankengang weiter spann.

Folgendermaßen mußte der Verlauf der Dinge dargestellt werden. Schon vor Tagen hatte eine Expedition, zu der unter anderem der frühere Staatskommissar Dr. Wille gehörte, die Insel besetzt und die deutsche Flagge gehißt. Jetzt--das heißt in wenigen Stunden--mußte die Regierung in Berlin die Besitznahme den anderen Mächten notifizieren. Wie stets bei solchen Gelegenheiten würden diese erst einmal die Stirn runzeln und versuchen, allerhand Schwierigkeiten zu machen. Und während dann ein Hin und Her von diplomatischen Noten begann, würde sich die Nachricht verbreiten, daß die Insel inzwischen durch einen neuen Vulkanausbruch zum Teufel gegangen ist, wonach die anderen dann nicht ohne eine gewisse Schadenfreude ihre Zustimmung zu der Annexion geben würden.

Als Professor Eggerth mit seinen Überlegungen bis zu diesem Punkt gekommen war, setzte er sich wieder an den Schreibtisch und begann zwei lange Funksprüche zu entwerfen. An den Minister Schröter war die eine Depesche gerichtet. Die andere ging an das Konsortium der Eggerth-Reading-Werke in New York, zu Händen von Mr. Sharp, damit seinem Plan drüben der Boden bereitet würde. Und dann ging der Professor damit zu Lorenzen in die Funkerkabine und blieb so lange neben ihm stehen, bis er die Empfangsbestätigung aus Berlin und New York für seine Radiogramme in der Hand hielt.


KAPITEL 4

Im Reading-Haus in New York empfing Mr. Sharp, der greise Syndikus des Eggerth-Reading-Konzerns, einige Herren, die in großen Luxus-Limousinen vorfuhren und hier bekannt zu sein schienen. Mr. Sharp drückte bei der Begrüßung ohne viel Worte jedem der Eintreffenden das von Professor Eggerth eingegangene lange Radiogramm in die Hand und schmunzelte, als er es von jedem mit einem lächelnden Kopfnicken zurückerhielt.

Als der letzte der Eingetroffenen am Konferenztisch Platz genommen hatte, begann Mr. Sharp: »Meine Herren! Ich brauche wohl über den Plan Professor Eggerths nicht mehr viel Worte zu verlieren, denn Sie kennen ihn aus dem Radiogramm, und wir sind uns wohl einig, daß von Seiten unseres Konsortiums keine Bedenken gegen die Annexion dieser Insel erhoben werden?--Wichtig ist nun, wie wir am besten Professor Eggerths Wünsche fördern wollen. Vielleicht können Sie, Herr Staatssekretär, den geeigneten Weg raten?«

Der Angesprochene hob das hagere, von Falten durchzogene Gesicht, strich sich über das glatt rasierte Kinn und sah mit schmalen, zusammengepreßten Lippen einige Augenblicke ins Leere, ehe er erwiderte:

»Ich glaube, es ist am zweckmäßigsten, daß eine Mitwirkung unsererseits nach außen überhaupt nicht in Erscheinung tritt, daß wir vielmehr die ganze Angelegenheit nach Möglichkeit völlig bagatellisieren sollten. Ich könnte, falls kein besserer Weg vorgeschlagen wird, morgen dem Präsidenten persönlich unter vier Augen darüber vortragen, um zu erreichen, daß auf Wunsch des Präsidialbüros die Angelegenheit im Außenamt im Sinne Professor Eggerths entschieden wird. Der Funkspruch an das Carnegie-Institut, den Professor Eggerth beifügte, scheint mir diesen Weg als am plausibelsten zu begründen. Vielleicht telefonieren Sie, Mr. Sharp, einmal mit dem Sekretariat des Carnegie-Institutes und erkundigen sich nach Nachrichten über die Insel und bringen dabei die Herren unauffällig auf den Gedanken, den Wortlaut der Meldung von Captain Dryden ans Außenamt zu geben, falls es noch nicht erfolgt sein sollte.«

Die Anwesenden sahen sich an und nickten verständnisvoll lächelnd, und der Herr Staatssekretär fuhr mit einer angedeuteten Verbeugung fort: »Man muß ja den Kollegen im Außenamt auch eine kleine Freude gönnen. Sie werden dann schon einen diplomatischen Glückwunsch von sich aus beisteuern, wie ich sie kenne.«

»Werden Sie daraus klug?« fragte in Berlin Minister Schröter den Ministerialdirektor Reute, den er zu einer dringenden Besprechung zu sich gebeten hatte. Er wies dabei auf das Radiogramm von Professor Eggerth, doch Reute schüttelte den Kopf.

»Ich verstehe unsern Professor nicht. Er wünscht, daß wir ein Inselchen in der Südsee annektieren, dessen genaue Ortsbestimmung er uns funkt. Gut! Den Gefallen könnten wir ihm schließlich tun, obwohl das Eiland als Stützpunkt für eine der neuen Linien kaum in Betracht kommt. Aber ich habe die Insel auf keiner unserer Seekarten entdecken können …« »So, so, Herr Reute? Die Insel ist nicht eingetragen?« »Nein, Herr Minister. Ich habe unser gesamtes Kartenmaterial daraufhin durchgesehen. Weder auf deutschen noch auf englischen oder amerikanischen Karten ist die Insel zu finden. Wenn der Funkspruch nicht von Professor Eggerth käme, würde ich das Ganze für einen üblen Scherz halten und das Radiogramm einfach zu den Akten schreiben lassen.«

»Eigenartig, Herr Reute, mehr als eigenartig ist das.« Minister Schröter sagte es nachdenklich, schwieg eine kurze Zeit und sprach dann langsam weiter: »Eine Irreführung ist bei Professor Eggerth ausgeschlossen. Wenn er uns eine genaue Ortsbestimmung angibt, dann ist die Insel auch an dieser Stelle vorhanden. Daß sie nicht in den Karten eingetragen ist, könnte vielleicht den Grund haben, daß sie erst vor kurzem aus der See aufgetaucht ist.«

Zögernd stimmte ihm Ministerialdirektor Reute bei. »Das wäre in der Tat eine Möglichkeit, Herr Minister. Aber die andere Frage bleibt dabei immer noch ungelöst. Warum denn um alles in der Welt verlangt der Professor, daß wir unsere Annexionserklärung fünf Tage vordatieren sollen. Das bleibt mir unverständlich.«

»Offen gesagt, mir auch, Herr Reute--und trotzdem muß ich immer wieder sagen: Ohne einen bestimmten Grund und Zweck unternimmt Professor Eggerth nichts. Wir müssen zu einem Entschluß kommen. Wie sollen wir in der Angelegenheit vorgehen?«

»Vielleicht doch erst noch einmal rückfragen, Herr Minister?«

»Hat keinen Zweck, Herr Reute. Es würde die Sache nur unnötig aufhalten. Ich bin dafür, sofort die erforderlichen Instruktionen an unsere diplomatischen Vertreter im Ausland entwerfen zu lassen und den in der Südsee interessierten Mächten die Besitznahme der Insel so zu notifizieren, wie Professor Eggerth es wünscht. Mögen sich die anderen nachher auch mal die Köpfe zerbrechen, wenn sie die Insel auf ihren Karten nicht finden können. Auf allerlei Rückfragen müssen wir natürlich gefaßt sein, aber das darf uns die Laune nicht verderben.«

Ministerialdirektor Reute erhob sich mit einer kurzen Verbeugung. »Ich werde die Schriftstücke aufsetzen lassen, Herr Minister.«

»Ich bitte darum, Herr Reute. Es wäre mir erwünscht, wenn die Noten an unsere ausländischen Missionen noch im Laufe des heutigen Nachmittags hinausgehen könnten.«

»Wie Sie wünschen, Herr Minister.« Ministerialdirektor Reute verließ den Raum, um alles Erforderliche zu veranlassen.

In den nächsten Tagen spielten sich die Dinge genauso ab, wie Professor Eggerth und Minister Schröter sich ihren Verlauf vorgestellt hatten. Mißtrauen und Verwunderung zunächst einmal bei den fremden Kabinetten; dann ein Zu-Rateziehen von Karten und Atlanten, um festzustellen, ob die überraschende Neuerwerbung Deutschlands nicht mit älteren Interessen kollidiere, und dann erneutes Staunen, weil diese Insel einfach auf keiner Karte vorhanden war.

Nicht ohne Bedauern stellte man in England und Frankreich diesen Umstand fest, denn er nahm den Regierungen die Möglichkeit, ältere Rechte ins Feld zu führen. In gewundener Diplomatensprache bestätigte man den Empfang der Note, ohne sich auf eine endgültige Stellungnahme festzulegen.

Etwas anders verliefen die Dinge in USA. Auch dort war man im Außenamt zunächst reichlich verwundert, weil die Insel sich auf den amerikanischen Karten ebensowenig finden ließ wie auf denen der anderen Nationen. Noch erinnerte sich ein erfindungsreicher Legationsrat des Umstandes, daß das Carnegie-Institut vor etwa drei Monaten eine Expedition in diesen Teil der Südsee entsandt hatte und wandte sich an das Institut um Auskunft.

Die Antwort war verblüffend. Das Institut bestätigte das tatsächliche Vorhandensein jener Insel, die bereits sagenhaft zu werden drohte, aber es gab darüber hinaus auch noch eine Schilderung ihres vulkanischen Charakters, der ihren Wert mehr als zweifelhaft machte. Wenn man den Berichten der Expeditionsmitglieder Glauben schenken konnte, so war die Insel bei jenem Ausbruch, der die Expedition zur schleunigen Flucht zwang, bis in ihre Grundfesten erschüttert und zu einem erheblichen Teil zerstört worden. Der Umstand, daß drei Mitglieder der Expedition bei der Katastrophe verlorengegangen, wahrscheinlich sogar umgekommen waren, unterstrich den Ernst dieser Darstellung.

Ein Rätselraten hub darauf im amerikanischen Außenamt an, was Deutschland mit der Besitznahme eines solchen Felsbrokkens bezwecken könnte. Nach alter diplomatischer Gepflogenheit versuchte man, die Angelegenheit zunächst hinzuziehen, indem man ein paar überflüssige Rückfragen an Berlin richten wollte.

Schon war man im Washingtoner Außenamt bereit, eine ebenso gewundene und nichtssagende Note nach Berlin abgehen zu lassen wie die anderen Staaten, als vom Büro des Präsidenten eine Nachricht eintraf, die viel Verwunderung auslöste. Doch glaubte man zu verstehen, als auch das Carnegie-Institut sich von neuem meldete. Es gab dem Außenamt Kenntnis von jenem Funkspruch Captain Drydens, der wenige Tage vorher in der Fülle anderer Bebenmeldungen von größerer Bedeutung übersehen und unbemerkt geblieben war.

Als dieses Radiogramm im Außenamt auf den Tisch flatterte, ging erst ein Lächeln und dann ein lautes Lachen durch die Reihen der Beamten und Diplomaten. Da war Deutschland offenbar gründlich ‘reingefallen. Eben erst hatte es zum Mißbehagen anderer Staaten eine Insel annektiert, und schon fünf Tage später war das Objekt durch eine neue Katastrophe zerstört worden.

Es fehlte nicht an Stimmen im Außenamt von USA, die diese neueste Wendung der Dinge als eine offensichtliche Fügung des Schicksals priesen. Im übrigen verstand man nun den Wunsch des Präsidialbüros und war entschlossen, schnell die Konsequenzen aus der veränderten Sachlage zu ziehen. Jetzt, nachdem der verdammte Fels in der Südsee in die Luft geflogen war, stand ja gar nichts mehr im Wege, seine Inbesitznahme durch Deutschland vorbehaltlos anzuerkennen.

In diesem Sinne verfaßte man noch am gleichen Tage eine Note, in der man auch nicht unterließ, Deutschland zu seiner neuen Erwerbung Glück zu wünschen. Vor allem hielt man es für angebracht und nützlich, den anderen in der Südsee interessierten Staaten von der Meldung des Carnegie-Institutes Kenntnis zu geben, was bei diesen ganz ähnliche Folgen auslöste.

»Die Sache geht mir beinahe zu glatt, Herr Reute«, sagte Schröter, während er in den vor ihm liegenden Schriftstücken blätterte. »Bedingungslose Anerkennung unserer Neuerwerbung durch USA, durch England, durch Frankreich--und hier noch durch einige andere. Hoffen wir, daß die Geschichte nicht noch einen Haken hat.«

»Ich wüßte nicht, wo der stecken sollte, Herr Minister«, erwiderte Reute. »Aus den Funksprüchen von Professor Eggerth scheint mir übrigens hervorzugehen, daß er eine glatte Anerkennung erwartet hat.«

»Haben Sie weitere Nachrichten von ihm?« fragte Schröter.

»Jawohl! Vor einer Stunde traf ein neuer Funkspruch von ›St 25‹ ein. Der Professor bittet, ihn umgehend zu benachrichtigen, sobald die Anerkennung seitens aller interessierten Staaten vorliegt. Aus seinen Depeschen spricht eine gewisse Ungeduld!«

»Nun, jetzt können wir ihm ja seinen Wunsch erfüllen«, meinte der Minister.

Mehrere Stunden hindurch hatte ›St 25‹ sich in einer Höhe von 6 Kilometern gehalten. Aus sicherer Entfernung hatte man vom Flugschiff aus die weitere Entwicklung der Dinge auf der Insel beobachtet. An eine Landung auf der Insel selbst war freilich vorläufig noch nicht zu denken; aber es bot keine Gefahr mehr, außerhalb der Nebelzone auf die See niederzugehen. In langsamem Gleitflug kam ›St 25‹ aus seiner Höhe hinab. Leicht wie ein Schwan schwamm das Stratosphärenschiff auf dem Weltmeer, kaum merklich von der Dünung hin und her gewiegt.

Auf seiner Suche nach Professor Eggerth stieß der lange Schmidt auf allerlei Hindernisse. Zuerst versperrte ihm in einem der Gänge von ›St 25‹ Dr. Wille den Weg und versuchte, ihn in ein wissenschaftliches Gespräch zu verwickeln.

»Was ist mit Professor Eggerth eigentlich los?« fragte Wille ziemlich aufgeregt, »er wollte eben von mir etwas über die Auswurfmengen von Vulkanen erfahren. Da steckt was dahinter. Wissen Sie etwas darüber?«

»Keine Ahnung, Herr Doktor. Ich weiß nichts.«

»Ich bitte Sie, Herr Kollege«, fuhr Wille eindringlich fort, »wir hatten bis jetzt nie Geheimnisse voreinander. Ich habe den Eindruck, daß der Professor Versuche geophysikalischer Art vorhat und daß Sie etwas davon wissen. Wollen Sie mir nicht sagen, worum es sich handelt?«

Der lange Schmidt biß sich auf die Lippen.

»Mir ist nichts Derartiges bekannt, Herr Dr. Wille«, sagte er in Erinnerung an das Versprechen der Verschwiegenheit, das Professor Eggerth ihm abgenommen hatte. Doch so schroff und abweisend er es auch vorbrachte, Wille ließ sich nicht täuschen.

»Sie müssen etwas wissen, Herr Kollege«, drang er von neuem in ihn. »Sie waren lange mit ihm in seiner Kabine zusammen, bevor ›St 21‹ ankam. Ich habe beobachtet, wie ›St 21‹ mit seinen Gefriermaschinen gearbeitet hat. Wo ist die Eisbombe geblieben, die das Schiff mit deren Hilfe hergestellt hat?«

Vergeblich wand sich Dr. Schmidt unter einem Feuer von Fragen, vergeblich beteuerte er, nichts über diese Dinge zu wissen. Schließlich ließ er seinen Kollegen stehen und eilte den Gang entlang. Im Mittelraum wurde er von neuem aufgehalten.

»Hallo, Doktor!« rief Smith ihn an. »Einen Moment, bitte. Ich wollte Sie nur fragen: Lebt der alte Mann in Waltershausen noch?«

»Welcher alte Mann?« fragte Dr. Schmidt, dessen Gedanken ganz woanders waren.

»Ich meine den alten Herrn Rat--den Herrn Forstrat Schmidt in Waltershausen«, erklärte sich Smith näher.

»Forstrat Schmidt … Waltershausen? …« Nur allmählich kamen die Gedanken von Dr. Schmidt in ein anderes Fahrwasser. »Ach, Sie sprechen von meinem Vater. Natürlich lebt er noch. Ist ja eben erst siebzig. Noch sehr frisch und rüstig.«

»Aber wohl ein alter Starrkopf«, platzte Smith heraus.

»Wie kommen Sie zu der Meinung?« fragte der lange Schmidt und setzte dabei seine abweisendste Miene auf.

»Weil der alte Mann meinem Dad niemals auf seine Briefe geantwortet hat. Ich hab’s Ihnen ja schon erzählt. Dad ging von zu Hause weg, weil er Zank mit dem Alten hatte. Ist in USA etwas geworden; hat dann nach Hause geschrieben. Öfter als einmal, Sir. Hat niemals eine Antwort darauf bekommen. Hat’s dann schließlich aufgegeben.«

Dr. Schmidt setzte zu einer Antwort an, brachte nur einen Seufzer hervor und schwieg wieder. Hatte es einen Zweck, zu dem jungen Menschen von dem tyrannischen Alten zu sprechen, dessen Starrköpfigkeit ihm selbst seine besten Jahre verbittert hatte. Öfter als einmal hatte er in jenen vergangenen Zeiten den Bruder beneidet, der sich der Unterdrückung kurzerhand durch seine Auswanderung entzogen hatte. Gewiß, er selber hatte schließlich auch seinen Weg gemacht. In zäher, jahrelanger Arbeit hatte er sich den Weg zur freien Wissenschaft erzwungen, der nun einmal sein ganzes Herz gehörte. Aber Nerven und unsägliche Arbeit hatte das gekostet; ein stiller, in sich verschlossener Mann war er darüber geworden. Für einen Sonderling hielten ihn viele, die von seinen Kämpfen und Entsagungen nichts wußten. Sollte er dem Sohn seines glücklicheren Bruders, den ein wunderlicher Zufall ihm hier in den Weg führte, davon sprechen, daß der alte Forstrat in Waltershausen sogar mit ihm, der sich heute Doktor und Ministerialrat nennen durfte, immer noch unzufrieden war?

Smith dauerte die Pause, die Dr. Schmidt machte, zu lange. »Der alte Mann ist also noch rüstig?« meinte er.

»Noch sehr rüstig, noch sehr energisch«, erwiderte Dr. Schmidt, aus seinem Nachsinnen erwachend.

»Sir, ich habe eine Idee«, sagte Dr. Smith. »Sie gehen doch mit Ihrem Flugschiff nach Deutschland zurück. Ich möchte mitkommen und den alten Mann besuchen.«

Deutlich malte sich in den Zügen des Doktors Erschrecken. Smith bemerkte es und lachte.

»Nun, Doktor, fressen wird der Alte seinen Großsohn nicht. Mehr als ‘rauswerfen kann er mich auch nicht. Daraufhin möchte ich’s riskieren.«

»Ich fürchte … ich fürchte, mein Leber Smith …«, Dr. Schmidt suchte nach passenden Worten, »allzu freundlich wird der Empfang nicht werden, wenn der alte Herr Sie überhaupt empfängt.«

»Könnten Sie mir nicht eine kleine Empfehlung mitgeben?« fragte der Amerikaner. »Vielleicht Ihre Besuchskarte mit ein paar einführenden Zeilen, damit der Herr Forstrat gleich weiß, wer zu ihm kommt.«

Mit beiden Händen winkte Dr. Schmidt ab. »Das wäre total verkehrt, mein Lieber. Wenn Sie’s schon machen wollen, müssen Sie’s auf dem Wege der Überrumpelung versuchen.«

»Auch gut«, nickte Frederic Smith. »Erst mal in Waltershausen sein, dann wird sich das Weitere finden.«

Und nun, nachdem auch diese Unterhaltung beendet war, konnte Dr. Schmidt endlich seinen Weg zu Professor Eggerth fortsetzen. Er traf ihn in seiner Kabine.

»Gut, daß Sie kommen, Herr Dr. Schmidt«, begrüßte ihn der Professor. »Ich überlege eben unsere nächsten Maßnahmen. Gewisse Nachrichten, die ich erwartete, sind leider noch nicht eingetroffen. Auf der Insel hier ist im Augenblick wenig zu machen. Wir müssen abwarten, bis die Dampfschwaden sich verzogen haben. Ich gedachte die Zeit zu benutzen, um unsere beiden amerikanischen Gäste abzusetzen.«

»Wo wollen Sie sie hinbringen?« fragte Dr. Schmidt.

»Ich möchte sie Captain Dryden übergeben. Er ist mit dem Auftrag hierhergekommen, sie abzuholen. Wenn er sie an Bord nimmt, ersparen wir uns einen Abstecher nach USA, der uns unnötig Zeit und Brennstoff kosten würde. Sie machen ein Gesicht, mein lieber Doktor, als ob Sie nicht ganz damit einverstanden wären. Was für Bedenken haben Sie?«

Dr. Schmidt mußte seine Gedanken erst sammeln, bevor er seine Einwände vorzubringen vermochte. »Captain Dryden treibt sich mit der Berenice ziemlich ziellos in der Südsee herum«, begann er zögernd. »Es kann unter Umständen lange dauern, bis er Gelegenheit findet, die beiden auf einen Dampfer nach USA zu setzen.«

»Das braucht nicht unsere Sorge zu sein«, wehrte Professor Eggerth ab. »Damit mußten die beiden auf jeden Fall rechnen.«

»Außerdem, Herr Professor«, fuhr Dr. Schmidt fort, »ist einer von ihnen Deutschamerikaner. Er sprach mir gegenüber vor kurzem den Wunsch aus, mit nach Deutschland genommen zu werden. Er hat wohl die Absicht, dort Verwandte aufzusuchen …«

Professor Eggerth warf dem langen Doktor einen verstohlenen Blick zu. Durch seinen Sohn war er von dem zufälligen Zusammentreffen von Oheim und Neffen unterrichtet worden, hatte aber bisher Dr. Schmidt gegenüber ebenso darüber geschwiegen wie über manches andere, was er von dessen Familienverhältnissen wußte.

»Sie meinen, Herr Doktor, daß man Mr. Smith seinen Wunsch erfüllen sollte?« fragte er leichthin.

»Ich denke ja, Herr Professor.«

»Meinetwegen. Nehmen wir ihn also nach Deutschland mit. Den andern können wir aber doch an die Berenice abgeben. Ich habe vor kurzem Funkverbindung mit Dryden aufgenommen. Wir kennen den Standort seines Schiffes und können in einer knappen Stunde bei ihm sein.«

»Wie Sie meinen, Herr Professor. Ich glaube allerdings, daß es auch Mr. O’Brien angenehmer sein würde, von ›St 25‹ mit nach Deutschland genommen zu werden. Von Hamburg kommt er auf alle Fälle schneller nach New York als von irgendeinem Hafen in der Südsee.«

»Sie verstehen für Ihre Freunde zu plädieren«, meinte Professor Eggerth lächelnd. »So unrecht haben Sie nicht. Nehmen wir also auch den andern mit nach Deutschland. Ich werde an Captain Dryden funken lassen, daß wir uns anders besonnen haben.« Er griff nach dem Telefon und rief die Funkerkabine an. Dr. Schmidt hörte ihn sprechen.

»So? Ein langes verschlüsseltes Telegramm aus Berlin? Schicken Sie es mir bitte hierher.« Er gab Lorenzen noch Anweisungen für den neuen Funkspruch an Captain Dryden und legte eben wieder den Hörer auf, als ein Mann der Besatzung ihm die von Lorenzen angekündigte Depesche brachte. Unverzüglich machte er sich an die Entschlüsselung. Dr. Schmidt wollte dabei nicht stören und schickte sich an, den Raum zu verlassen.

»Einen Augenblick, Doktor«, hielt ihn der Professor zurück. »Würden Sie die Güte haben, Herrn Dr. Wille aufzusuchen und mit ihm in etwa zehn Minuten zu mir zu kommen.«

Dr. Schmidt ging, um den Auftrag auszuführen.

»Sie wünschen mich zu sprechen, Herr Professor«, sagte Wille, als er mit Dr. Schmidt zusammen in die Kabine kam. Professor Eggerth nickte. »Nehmen Sie bitte Platz.« Er reichte ihm das dechiffrierte Radiogramm. »Wollen Sie sich das bitte einmal ansehen.«

Dr. Wille griff nach den Blättern und begann zu lesen. Schon nach den ersten Zeilen stutzte er, und je weiter er kam, um so stärker wurden Überraschung und Staunen.

»Nun, was sagen Sie dazu, Herr Staatskommissar?« fragte Professor Eggerth.

»Das verstehe wer kann!« brachte Wille fassungslos hervor. »Die Insel hier von uns für Deutschland schon vor einer Woche in Besitz genommen? Bedingungslose Anerkennung unserer Erwerbung durch USA … durch Frankreich … England … Ich selbst wieder aus dem Ruhestand zurückgerufen … zum Kommissar für die Neuerwerbung ernannt … Das Ganze kommt mir wie ein Traum vor.«

»Es ist Wahrheit, Herr Dr. Wille. Die Insel dort drüben ist international anerkanntes deutsches Gebiet. Nur freilich können wir im Augenblick mit unserem Besitz noch nicht viel anfangen. Es wird noch einige Tage währen, bis die Nebel sich verzogen haben. Wir werden die Zeit benutzen, um mit voller Maschinenkraft nach Deutschland zurückzukehren und im Ministerium die nächsten Maßnahmen zu besprechen. Dort wird man Ihnen, Herr Wille, und auch Ihnen, Herr Schmidt, Ihre neuen Bestallungsurkunden überreichen.«

Dr. Schmidt saß eine Weile stumm da. Schließlich sagte er: »Ja, aber Herr Professor, wie wollen wir später beweisen, daß das hier wirklich unsere Insel ist, wenn wir jetzt wieder weggehen?«

»Ich bitte Sie, Herr Kollege«, versuchte ihn Wille zu belehren, »die Ortsbestimmung steht fest, die Anerkennung der anderen liegt vor. Wer sollte uns unsern Besitz streitig machen?«

»Sie haben recht, Herr Wille. Aber auch der Einwurf unseres Freundes Schmidt ist nicht unberechtigt«, meinte Professor Eggerth. »Jene Handlung, welche so recht eigentlich die Besitznahme symbolisiert und manifestiert, haben wir bisher noch nicht ausgeführt. Ich meine die Hissung der deutschen Flagge auf dem von uns besetzten Gebiet.«

»Hm, ja, allerdings! Das haben wir versäumt«, sagte Wille, während der lange Schmidt durch das Fenster zu der wogenden Nebelmasse hinüberblickte, in der die Insel verborgen lag.

»Ausgeschlossen, da eine Flagge zu hissen«, sagte er in seiner wortkargen Manier.

»Vielleicht wird es doch gehen, meine Herren«, meinte Professor Eggerth. »Erinnern Sie sich, auf welche Weise in vergangenen Jahrzehnten die ersten Überflieger der Erdpole ihre Entdeckungen markiert haben?«

Dr. Wille nickte. »Sie warfen einfach eine Flagge ihrer Nation vom Flugzeug aus ab. Ich muß sagen«, fügte er bedachtsam hinzu, »daß ich das für kein sehr beweiskräftiges Mittel halte. Diese Flaggen wurden ja doch mit dem wandernden Eis später Gott weiß wohin vertrieben. Sollte man nicht doch lieber hierbleiben, bis der Nebel sich gelichtet hat und dann eine ordnungsgemäße Flaggenhissung vornehmen?«

»Dazu haben wir keine Zeit«, widersprach Professor Eggerth. »Es muß sofort geschehen. Aber ich denke, wir werden es so machen, daß es trotz allem die richtige Form und volle Gültigkeit hat.« Damit griff er zum Telefon und sprach mit dem Kommandoraum.

Wenige Minuten später brüllten die Motoren von ›St 25‹ auf. Das Flugschiff hob sich von der Seefläche ab, stieg auf etwa 1500 Meter Höhe und schob sich langsam vorwärts, bis es ziemlich genau über der Mitte der Nebelbank stand.

»Wollen Sie mich bitte in den Kielraum begleiten?« lud Professor Eggerth die Herren Wille und Schmidt ein, und als sie dorthin kamen, sahen sie, daß von Hein Eggerth und Berkoff schon Verschiedenes vorbereitet war. Ein etwa 20 Meter langer Flaggenmast aus gediegenem Mannesmann-Stahlrohr lag dort bereit. An seinem oberen Ende war die Staatsflagge befestigt, das untere Ende lief in eine scharfe Spitze aus und trug kurz darüber eine mit dem Rohr fest verbundene Bleilast von mehreren Zentnern.

Auf einen Wink des Professors öffnete sich dicht neben dem Kiel eine breite Luke. Ein kräftiger Flaschenzug, von Hein Eggerth und Berkoff bedient, packte den Mast, hob ihn an, zog ihn ein Stück vorwärts und ließ ihn durch die Luke langsam hinausgleiten. Frei hing er jetzt senkrecht unter dem Flugschiff in der Luft. Ein neues Kommando aus dem Mund des Professors, ein Ruck an einem feinen Drahtseil, die Klemme, die das Rohr bis dahin gehalten hatte, öffnete sich und gab den Mast frei. Pfeilgerade und senkrecht stürzte er jäh in die Tiefe; wenige Sekunden hindurch sahen die fünf im Kielraum noch die Flagge an seiner Spitze flattern. Dann tauchte er in die Nebelbank und entschwand ihren Blicken. Dröhnend schloß die Luke sich wieder.

»Nun und?« fragte Dr. Wille nach einer Pause des Schweigens.

»Ich nehme an, Herr Doktor«, antwortete Professor Eggerth, »daß der Mast die Wiese, auf der wir mit ›St 25‹ gelegen haben, treffen und sich etwa zwei Meter in den Boden einbohren wird. Dort mag er stehen und für uns zeugen, bis wir wieder hierher zurückkommen. Jetzt mit Vollgas nach der Heimat.«

Der Rückflug von ›St25‹ verlief ohne Zwischenfall. In einer Rekordzeit von wenig mehr als zwölf Stunden umkreiste das Schiff auf dem Wege zur fernen Heimat den halben Erdball. Noch eine kurze Besprechung gab es auf dem Heimflug zwischen Wille und Schmidt auf der einen und Professor Eggerth auf der anderen Seite.

»Nun sagen Sie mir bitte um alles in der Welt«, fragte Dr. Wille, »wie wir dazu kommen, gerade dieses gottvergessene Inselchen in Besitz zu nehmen? Es sind kaum mehr als 15 Quadratkilometer, von denen sich gut gerechnet drei Viertel urbar machen lassen dürften. Was wollen Sie mit dem bißchen Land anfangen? Allenfalls ließen sich ein paar hundert Menschen darauf ansiedeln, aber lohnt sich deswegen eine solche Staatsaktion?«

Noch ehe der Professor die Fragen Dr. Willes beantworten konnte, nahm der lange Schmidt das Wort.

»Obwohl die amerikanische Expedition ihre Arbeiten vorzeitig abbrechen mußte«, schloß er seine Ausführungen, »geht doch aus ihren Aufzeichnungen mit Sicherheit hervor, daß weder die Fauna noch die Flora dieser Insel noch auch ihre geophysikalischen Verhältnisse irgend etwas Besonderes bieten. Ich vermag deshalb ebensowenig wie Herr Dr. Wille einen Grund für diese Erwerbung zu finden oder …«, ein plötzlicher Einfall schien dem langen Doktor zu kommen, »vermuten Sie etwa irgendwelche Bodenschätze besonderer Art auf diesem Fleckchen Erde, Herr Professor?«

Professor Eggerth hatte sich gleich bei Beginn der Unterredung eine Zigarre angezündet, blies behaglich Rauchringe in die Luft und ließ die beiden Doktoren ruhig reden.

»Meine Herren, ich verstehe Ihre Einwände vollkommen zu würdigen«, sagte er schließlich. »Wenn mit der Insel alles so bleiben sollte, wie es jetzt ist, hätte die Erwerbung in der Tat wenig Wert. Ich hoffe aber, daß es nicht so bleiben wird.«

Wille und Schmidt sahen sich gegenseitig fragend an, während der Professor sich im stillen über ihre Ratlosigkeit amüsierte.

»Wollen Sie sich nicht etwas näher erklären, Herr Professor?« fragte Dr. Wille stockend.

»Leider kann ich Ihnen diesen Wunsch nicht erfüllen, meine Herren«, meinte Professor Eggerth. »Ich möchte über meine Absichten und Pläne erst mit Ihnen sprechen, wenn sie die Billigung unserer Regierung gefunden haben. Dann werden Sie alles erfahren. Ja, noch mehr, meine Herren, ich rechne dann fest mit Ihrer Mitarbeit, denn ich denke, wir werden in den kommenden Wochen und Monaten auf dieser Insel reichlich zu tun haben.«

In Spannung und Erwartung zählten die beiden Doktoren die Stunden, während ›St 25‹ mit unverminderter Maschinenkraft seinen Weg durch die Stratosphäre verfolgte.

Kurz vor Mitternacht setzte ›St 25‹ auf dem Gelände der Eggerth-Reading-Werke bei Walkenfeld auf. Schon am nächsten Morgen ließ sich Professor Eggerth bei Minister Schröter melden.

Er wurde kühler empfangen als bei früheren Besuchen. Professor Eggerth fühlte die veränderte Stimmung recht wohl, aber er ließ sich nichts anmerken.

»Ich habe um diese Unterredung gebeten, Herr Minister«, begann er, »um mit Ihnen die Zukunft unserer neuen Erwerbung zu besprechen.«

Schröter saß steif in seinem Sessel und nickte nur unmerklich, ohne ein Wort zu erwidern.

»In der jetzigen Form hätte die Insel begreiflicherweise, nur einen geringen Wert für uns«, fuhr Professor Eggerth fort.

»Was verstehen Sie unter der jetzigen Form?« warf Schröter dazwischen.

Professor Eggerth griff nach seiner Aktentasche und zog einen Plan der Insel heraus. »Ich meine in dieser Form, Herr Minister, in der sie jetzt da liegt. 15 Quadratkilometer … Das wäre in der Tat sehr wenig; aber ich denke, man wird das ändern können …«

»Wann haben Sie die Insel zuletzt gesehen?« unterbrach ihn Schröter zum zweiten Male.

»Vor nicht ganz 24 Stunden, Herr Minister.«

Schröter schüttelte den Kopf. »Ich verstehe Sie nicht, Herr Professor. Dann müßten Sie doch wissen, daß die Insel nicht mehr vorhanden ist--daß ein zweiter Vulkanausbruch sie vor wenigen Tagen vernichtet hat.«

»Zweifellos, Herr Minister! Das müßte ich wohl wissen, wenn es so der Fall wäre, aber ich kann Ihnen mit gutem Gewissen versichern, daß es nicht der Fall ist.«

»So? Hm …« Schröter wurde unsicher. Er suchte unter den Papieren auf seinem Tisch und holte ein Blatt hervor.

»Was sagen Sie zu dieser Meldung, Herr Professor?« fragte er, während er sie Professor Eggerth reichte. Der warf nur einen kurzen Blick darauf.

»Ich kenne den Funkspruch schon seit einigen Tagen, Herr Minister. Er stammt von dem amerikanischen Kapitän Dryden, der mit seinem Schiff, der Berenice, die Insel gerade ansteuerte, als ich mir die Freiheit nahm, sie ein wenig zu vernebeln. Von der Insel hat der Mann überhaupt nichts mehr sehen können, aber sein Schiff wurde durch ein paar Klippen geschrammt, als er es leichtsinnigerweise in den Nebel hineinzusteuern versuchte. Mit einiger Mühe kam er wieder los und hat dann eine Sensationsdepesche in die Welt gefunkt.

Sie war in erster Linie für das Carnegie-Institut bestimmt, das ihm einen ständigen Zuschuß für seine Expedition gibt. Der Captain wollte doch für das Geld auch etwas tun. Aber ich sehe, Herr Minister«, der Professor nahm das Blatt wieder zur Hand, »daß die Meldung inzwischen ganz hübsch weiter aufgebauscht worden ist. Für unsere Absichten ist das übrigens nicht ungünstig. Je mehr die andern davon überzeugt sind, daß die Insel durch einen zweiten Ausbruch sozusagen wieder von der Bildfläche verschwunden ist, desto weniger brauchen wir mit Neugierigen zu rechnen, die uns während der nächsten Monate wenig willkommen wären.«

Nach und nach fiel, während Professor Eggerth sprach, von Minister Schröter die Zurückhaltung ab. Zusehends wurde er wieder der alte.

»Das sind Neuigkeiten, von denen wir hier nichts wissen konnten«, sagte er lebhaft. »Ich bin gespannt, Genaueres von Ihnen zu erfahren. Sie sprachen davon, daß Sie die Insel vernebelt haben? Was haben Sie gemacht?«

»Es war nur ein kleiner Vorversuch, Herr Minister. Ich habe dem neuen Vulkan eine Eispille zu schlucken gegeben, und er hat so darauf reagiert, wie ich es erwartete, er hat sofort kräftig gespien.«

»Und der Nebel, Herr Professor? Sie sprachen von einer Vernebelung der Insel?«

»Das war nur eine Nebenerscheinung, Herr Minister. Wenn glutflüssige Lava in die See strömt, gibt es Dampf. Wenn viel Lava hineinfließt, gibt es viel Dampf. Ich ziehe aus der Größe der Nebelbank den Schluß, daß unser Inselchen durch diesen Vorversuch schon ein Stückchen gewachsen ist. Captain Dryden hat davon schon etwas zu kosten bekommen, als er auf Klippen traf, wo früher tiefe See war. Möglicherweise sind aus unseren 15 Quadratkilometern inzwischen schon 30 geworden.«

Gespannt war Schröter den Ausführungen Professor Eggerths gefolgt.

»Ah! Das wird interessant, Herr Professor«, meinte er jetzt. »Was beabsichtigen Sie weiter zu unternehmen?«

»Ich will das Experiment in etwas veränderter Form noch einmal unternehmen, Herr Minister, aber diesmal in einem viel größeren Maßstab. Wir riskieren etwas dabei, das darf ich nicht verhehlen. Wenn es aber so ausgeht, wie ich zu hoffen wage, dann wird der Erfolg unserer Unternehmung eine Vervielfachung des vorhandenen Areals sein. Ich kann nicht mit Sicherheit sagen, wie groß der Gewinn an Neuland sein wird, aber ich möchte ihn ziemlich hoch einschätzen.«

Minister Schröter räusperte sich ein paarmal. »Also doch ein nicht ganz ungefährliches Unternehmen, Herr Professor?«

»Ich deutete das bereits an, Herr Minister.«

»Können Menschenleben dabei verloren gehen?«

»Das ist nach menschlichem Ermessen so gut wie ausgeschlossen.«

Minister Schröter nickte. »Das erleichtert mir die Entscheidung, Herr Professor. Würden Sie die Güte haben, mir Genaueres über Ihren Plan mitzuteilen?«

Wieder griff der Professor nach seiner Aktentasche und entnahm ihr ein ziemlich umfangreiches Schriftstück. »Ich habe hier eine Denkschrift über meinen Plan aufgesetzt«, begann er, »in der Sie, Herr Minister, alles Nähere über die erforderlichen Arbeiten und Hilfsmittel finden und außerdem eine ausführliche Darstellung der physikalischen Überlegungen, auf die hin ich zu dem ganzen Plan gekommen bin …«

Während Professor Eggerth sprach, hatte Minister Schröter bereits begonnen, in der Denkschrift zu blättern. Jetzt ließ er sie wieder sinken und blickte sein Gegenüber prüfend an.

»Ein gewagtes Unternehmen, Herr Professor Eggerth.«

»Den Einsatz muß man wagen, wenn man gewinnen will, Herr Minister. Ich rechne mit einer Mannschaft von etwa fünfzig Köpfen. Es müßten tüchtige Bergleute sein, die im Stollenbau Erfahrung haben und mit Sprengungen Bescheid wissen. Die technische Leitung der Arbeiten würde ich mit meinen Ingenieuren selber übernehmen. Auch die für den Transport erforderlichen Stratosphärenschiffe würde mein Werk in Walkenfeld zur Verfügung stellen.«

»Und die Zeit, Herr Professor? Mit welcher Arbeitsdauer rechnen Sie?«

Professor Eggerth griff nach der Denkschrift und blätterte darin. »Sie finden hier einen detaillierten Arbeitsplan, Herr Minister. Ich beabsichtige in vier Schichten zu je sechs Stunden arbeiten zu lassen. Bei einer derartigen Organisation würde man es in zehn bis zwölf Wochen schaffen können.«

Der Minister warf ein paar Zahlen aufs Papier und machte eine überschlägige Rechnung auf. Professor Eggerth lächelte. »Sie finden das alles auf Seite achtundsiebzig der Denkschrift. Ich habe dort einen Kostenüberschlag eingesetzt, auf den folgenden Seiten sind die Maschinen angegeben, die Sie für die kurze Zeit wohl aus den Beständen der staatlichen Bergwerkbetriebe zur Verfügung stellen könnten. Auf Seite neunundachtzig meiner Aufstellung ist der voraussichtliche achtzig meiner Aufstellung ist der voraussichtliche Sprengstoffverbrauch angegeben. Weiter finden Sie dann eine Generalaufstellung der Kosten und auf Seite hundert einen Überschlag des Gewinnes, den das Unternehmen im Falle des Gelingens bringen könnte.«

Während Professor Eggerth noch sprach, hatte sich Minister Schröter schon wieder in die Denkschrift vertieft. Mit Gewalt machte er sich jetzt von dieser Lektüre, die ihn ungemein zu fesseln schien, frei und schöpfte tief Atem.

»Wie stellen Sie sich zu meinem Vorschlag, Herr Minister«, fragte Professor Eggerth.

»Mein lieber Herr Professor«, der Minister legte seine Hand auf die Denkschrift, »ich bin schon jetzt für Ihren Plan eingenommen. Selbstverständlich muß ich Ihr Exposé noch gründlich studieren, aber ich denke, daß dieses Studium mich in meiner Überzeugung bekräftigen wird. Ich muß die Angelegenheit danach in einem Ministerrat vortragen. Ich hoffe, sie dort durchzubringen, und dann werden wir schnell handeln. Halt, Herr Professor!« Minister Schröter lachte. »Ich sehe es Ihnen schon am Gesicht an, was Sie jetzt fragen wollen. Kommen Sie in vier Tagen wieder zu mir. Ich werde Ihnen dann hoffentlich einen günstigen Bescheid geben können.«

Professor Eggerth erhob sich und nahm seine Aktentasche an sich.

»Ich verlasse mich auf Ihr Wort, Herr Minister«, sagte er zum Abschied.

Die Berenice stampfte langsam nach Norden. Da bezüglich der Herren O’Brien und Smith vorläufig nichts weiter zu unternehmen war, konnten sich die an Bord des Schiffes befindlichen Wissenschaftler anderen Aufgaben zuwenden. Die Windstille benutzten die beiden Zoologen dazu, um ein Tiefseenetz auszulassen. Schon seit länger als einer Stunde lief jetzt das Drahtseil, das mit dem Netz verbunden war, von einer Deckwinde ab. Eine Tiefe von 4000 Metern hatte es bereits erreicht, als der Zug am Seil plötzlich nachließ, ein Zeichen dafür, daß das Netz auf dem Meeresgrunde lag.

»Weiter geht’s nicht, Gentlemen«, sagte Captain Dryden, der neben dem auslaufenden Seil an der Reling lehnte. »Haben hier vier Kilometer Wasser unter uns; keinen Meter mehr und keinen weniger.«

»Also wollen wir das Netz wieder anhieven«, meinte Professor Brown, der ältere der beiden Zoologen, und rief dem Mann an der Winde einen Befehl zu.

Schnurrend lief der Elektromotor der Winde wieder an, während Captain Dryden über das sonnenbeschienene Deck nach vorn schlenderte. Hier auf den Planken seines Schiffes fühlte er sich so recht in seinem Element. Ohne ein festes Ziel über die Weltmeere bummeln, hin und wieder auch einmal, wenn die Gelegenheit es so mit sich brachte, ein Abenteuer mit in Kauf nehmen und im übrigen nur sich selbst und dem lieben Herrgott verantwortlich sein, das war ein Leben nach Captain Drydens Geschmack.

Durch das halbe Dutzend Forscher und Wissenschaftler, das er an Bord hatte, ließ er sich nicht sonderlich stören. Er hatte diese Leute mitgenommen, um die Finanzierung seiner Reise durch das Carnegie-Institut zu erreichen, betrachtete sie mehr oder weniger als ein notwendiges Übel und amüsierte sich bisweilen königlich über ihr Tun und Treiben. Die Hauptsache blieb, daß sie ihm nicht allzuoft mit Sonderwünschen in die Quere kamen und Funksprüche des Carnegie-Instituts veranlaßten, die der Captain durchaus nicht liebte.

Seine gute Laune sank beträchtlich, als ihm jetzt ein Matrose nacheilte und ihm ein soeben aufgenommenes Radiogramm überreichte. Er warf einen Blick auf die Unterschrift und zog die Stirn in Falten. ›James Garrison‹ war der Funkspruch unterzeichnet. James Garrison, das war der Mann, mit dem er im Carnegie-Institut die Verhandlungen wegen der Subvention für seine Reise geführt hatte. Ein Wissenschaftler und schon deshalb nach Captain Drydens Meinung mit Vorsicht zu genießen.

Was wollte der Mann jetzt schon wieder? Captain Dryden las die Depesche. »Kehret zu der von Deutschland annektierten Insel zurück. Stellt fest, was dort geschieht.« Ein kurzer Text nur, aber für den Captain der Grund zu einem großen Ärger. Wütend knüllte er das Papier zusammen und schob es in seine Hosentasche. An die 500 Seemeilen war die Berenice jetzt von der Insel entfernt. Wer bezahlte ihm die Zeit und den Treibstoff? Das mußte vor allen Dingen erst einmal festgestellt werden.

Er kehrte in seine Kabine zurück und setzte eine Rückfrage an das Institut zu Händen des Mr. Garrison auf, in der er die Dinge noch um ein Beträchtliches übertrieb. Dann ging er damit zum Funkerraum. Mißmutig warf er sich danach auf Deck in einen Liegestuhl und beobachtete mit halb geschlossenen Augen seine beiden Zoologen, die begierig auf das Auftauchen ihres Tiefseenetzes lauerten.

Die Sonne hatte den Westhorizont noch nicht erreicht, als ein Läufer die Antwort auf den Funkspruch brachte. »Auftrag ist wichtig und umgehend auszuführen. Unkosten trägt das Institut. Erwarten Bericht und Liquidation. James Garrison.«

Captain Dryden schmunzelte, als er das zweite Telegramm in seine Tasche schob. Wenn er schon zu dieser niederträchtigen Insel zurückkehren mußte, so beabsichtigte er aber, dem Institut eine Rechnung über verbrauchten Treibstoff vorzulegen, deren Betrag es ihm gestatten würde, seine Ölbunker im nächsten großen Hafen bis zum Überlaufen zu füllen.

Inzwischen hatte er ja reichlich Zeit. Nicht ohne eine bestimmte Absicht hatte er in seinem Funkspruch an das Carnegie-Institut die Entfernung der Berenice von der Insel viermal so groß angegeben, wie sie wirklich war. Dieser Umstand kam ihm jetzt zugute.

An das Institut ließ er einen neuen Funkspruch los. »All right, habe Kurs auf Insel gesetzt Captain Dryden.« Danach mischte er sich in Ruhe einen Soda-Whisky, bevor er den Befehl gab, die Berenice auf Gegenkurs zu legen.

Minister Schröter hielt, was er versprochen hatte. Vier Tage nach jenem ersten Besuch teilte er Professor Eggerth mit, daß die Regierung die Vorschläge seiner Denkschrift angenommen hätte und ihm alles für die Ausführung Erforderliche zur Verfügung stellte.

Von allen Seiten rollten in den folgenden Tag- und Nachtstunden schwere Kraftfahrzeuge auf den Werkhof, die Menschen und Maschinen heranbrachten. Schnell wurden sie entladen, fast ebenso schnell wurde ihre Fracht in den Laderäumen der Flugschiffe verstaut. Schon dröhnten Motoren auf; schon hob sich ein schimmernder Metallrumpf vom Boden ab, während die Maschinen des nächsten Schiffes ihr donnerndes Lied zu singen begannen. Ein blinkender Vogel nach dem andern flog im Morgendämmern von dem Werkhof ab, stieg und kreiste, bis er den Blicken der Nachschauenden entschwand.

Nur noch zwei Schiffe lagen auf dem Werkhof, als die ersten Strahlen der Morgensonne ihn beschienen. ›St 25‹ und ›St 30‹, dessen Führung Georg Berkoff übernommen hatte. Wieder kamen Kraftwagen auf den Werkhof, doch viel langsamer und vorsichtiger als die früheren fuhren sie, und eine besondere Flagge führten sie, ein warnendes Zeichen für ihre Umgebung, daß diese Fahrzeuge Sprengstoff transportierten.

Vorsichtig entnahmen ihnen Schießmeister, die mit den Gefahren der Explosivstoffe vertraut waren, Kiste um Kiste, behutsam trugen sie sie in den Bauch von ›St 30‹ und lagerten sie dort stoß- und erschütterungsfrei ein, bis die letzte Kiste an ihrem Platz war. Dann schlossen sich die Luken von ›St 30‹ hermetisch, und das Schiff stieg auf. Fast unmittelbar folgte ihm ›St 25‹. Die erste Expedition eines kühnen, bisher noch nie versuchten Unternehmens, dessen Ausgang man wohl vermuten, aber doch nicht mit voller Sicherheit vorausberechnen konnte, war auf dem Wege zu ihrem Ziel.

Mit äußerster Maschinenkraft jagte ›St 25‹ durch die Stratosphäre.

Im Mittelraum des Schiffes saß Professor Eggerth mit Wille, Schmidt und seinem Sohn an dem runden Tisch über Karten und Zeichnungen gebeugt und erläuterte ihnen seine Pläne.

»Hier, meine Herren«, erklärte er, den Finger auf eine Dispositionszeichnung legend, »kommt unsere Maschinenstation hin. Schnellaufende Dieselmaschinen, mit ihren Elektrogeneratoren direkt gekuppelt.«

Der Professor zog einen anderen Plan heran und deutete auf eine mit einem Kreuz markierte Stelle, die sich ziemlich dicht am Ufer dort befand, wo der Vulkan der See am nächsten lag. »Hier werden wir erst einen 40 bis 50 Meter tiefen Schacht anlegen und von dem aus nach zwei Seiten hin unsere Stollen vortreiben. Auf der einen Seite zur See, auf der anderen zum Vulkan hin …«

Dr. Wille stöhnte. »Herr Professor, das, was Sie jetzt planen, das heißt Gott versuchen«, brachte er gequält hervor. »Sie werden mit Ihrem Unterfangen das ganze Magma unter der Südsee in Aufruhr bringen. Nicht nur diese Unglücksinsel wird in die Luft geblasen werden; auch weiterhin nach West und nach Ost werden schwere Erdbebenkatastrophen und Vulkanausbrüche die Folge sein.«

»Ich glaube es nicht, Herr Doktor. Ich hoffe etwas Besseres davon«, erwiderte Professor Eggerth.

»Etwas Besseres?« Der lange Schmidt sagte es, kniff die Lippen zusammen, schluckte ein wenig und sprach dann weiter. »Darin stimme ich Ihnen bei, Herr Dr. Wille. Die Insel wird natürlich explodieren. Sie wird in die Wolken geschleudert werden. Aber weiter wird sich nichts ereignen. Weder im Osten noch im Westen, meine Herren. Dafür lege ich meine Hand ins Feuer.«

»Tun Sie es lieber nicht, Herr Doktor«, sagte Professor Eggerth. »Sie könnten sich dabei die Finger verbrennen.«

Mit einem Ruck warf sich der lange Schmidt in seinen Sessel zurück.

Dr. Wille hielt es jetzt an der Zeit, sich einzumischen.

»Auf jeden Fall werden wir guttun«, meinte er, »uns mit Her Flotte möglichst hoch in die Stratosphäre zu begeben, bevor wir die feindlichen Kräfte gegeneinander loslassen. Je weiter wir vom Schuß ab sind, um so besser wird es für uns sein.«

Der lange Schmidt zuckte die Schultern.

Da klingelte das Tischtelefon. Professor Eggerth griff zum Hörer und stand dann auf. »Meine Herren, die Insel ist in Sicht. Wollen wir jetzt in den Kommandoraum gehen?«

Von den anderen gefolgt, begab er sich nach vorn. ›St 25‹ hatte bereits seinen Abstieg aus der Stratosphäre begonnen. Etwa 20 Kilometer voraus erhob sich aus der blauen Flut des Südmeeres die Silhouette der Insel. Verschwunden war die Wolkenbank. Immer näher kam ›St 25‹ seinem Ziel. Schon ließen sich grüne Wälder, ein weißer Strandstreifen und der Kegel des Vulkans unterscheiden. Kaum etwas schien sich, soweit man es aus der Entfernung erkennen konnte, verändert zu haben. Nur ein wenige massiver und zackiger vielleicht sah das Vulkanmassiv aus. Eine Fehlmeldung war es, die Captain Dryden über die Zerstörung der Insel nach USA gefunkt hatte.

Nun kreiste ›St 25‹, nur noch 1000 Meter hoch, über dem Eiland, und jetzt ließ sich etwas erkennen, was sich vorher der Beobachtung entzogen hatte. Nach Norden zu, wo der Lavastrom seinen Weg ins Meer nahm, war Neuland in beträchtlichem Umfang entstanden. Wohl einen reichlichen Kilometer breiter als früher schob sich hier der Strand in die See vor. Als ein kahles felsiges Gelände bot er sich den Blicken von oben dar, und in einiger Entfernung vom Lande verrieten unregelmäßige Brandungsstreifen, daß die Lava noch weiter in die See vorgedrungen war.

Grün und üppig wie früher auch dehnte sich die weite Wiese unter dem Schiff. Ein Mast erhob sich auf dem Rasen, an dessen Spitze, von einer leichten Brise bewegt, die Staatsflagge wehte.

»Sehen Sie, meine Herren«, lachte Professor Eggerth. »Wir haben damals doch richtig in die Nebelsuppe hineingezielt. Unsere Flagge steht da, wo sie stehen sollte. Wenn in unserer Abwesenheit ein Schiff vorübergekommen ist, dürfte sie ihm kaum entgangen sein.«

Noch einmal gingen die Düsenmotoren des Flugschiffes an. In leichter Schräge wieder steigend, steuerte es nach Osten zu den Vulkan an. Und nun, als es über ihn hinwegschwebte, wurde es deutlich sichtbar, daß die Kraterwand nach der Seeseite zu beträchtlich an Stärke gewonnen hatte. Wo sie damals bei ihrem letzten Besuch noch Wald und Wiese zwischen dem Berg und der See fanden, dehnte sich jetzt ein wüstes Lavafeld. Im Innern des Kraters aber, das zeigte ihnen ein Blick, als das Schiff über ihn hinwegglitt, brodelte nach wie vor die flüssige Lava in greller Weißglut Professor Eggerth nickte befriedigt.

»Das Feuer ist noch da, meine Herren«, sagte er zu Wille und Schmidt. »Für das Wasser werden wir sorgen. Jetzt wollen wir landen.«

In langsamer Fahrt glitt das Schiff wieder nach Westen zurück, hing an seinen Hubschrauben und senkte sich langsam nach unten. Ein leichtes Beben, und es setzte dicht neben dem Flaggenmast auf dem Rasen auf.

Während seine Besatzung noch dabei war, Verschraubungen zu lösen und die Luken des Metallrumpfes zu öffnen, trommelte es in den Lüften. Ein glänzender Punkt kam aus der blauen Höhe, sank tiefer und wurde größer. Ein Schwesterschiff landete dicht neben ›St 25‹. Und schon wieder kam Motordröhnen auf. Ein drittes, ein viertes und gleich danach ein fünftes Schiff gingen auf der Wiese nieder. Kaum eine Stunde war verstrichen, seitdem ›St 25‹ als erstes Stratosphärenschiff den Boden berührt hatte, da lagen auch die anderen vierundzwanzig Einheiten der Flotte im Kreis um ihr Flaggschiff versammelt auf dem Rasen. Überall öffneten sich die Luken, Brücken wurden hinausgeschoben. Kräne rollten ins Freie und packten mit ihren Greifern die Fracht, schwenkten sie heraus und rollten mit dem, was sie gegriffen hatten, zu dem gleichen Punkt hin.

Zu einer Stelle der Wiese, wo Professor Eggerth auf einem leichten Feldstuhl an einem Tisch saß und Pläne und Skizzen vor sich ausbreitete. So völlig eben war hier das Gelände, als hätte nicht die Natur es so geschaffen, sondern Menschenhand es geglättet. Nur durch eine Rinne wurde es unterbrochen. Wenige Meter von der Stelle entfernt, an der Professor Eggerth sich niedergelassen hatte, floß ein breiter Bach dahin, der von den Bergen aus dem Innern der Insel kam und der See zuströmte.

Und dann standen Werkmeister und Monteure in bunter Schar um den Professor herum, erhielten Pläne und Anweisungen.

Wie ein Märchenspiel mußte das Ganze einem Beobachter erscheinen, der nicht wußte, nach welchem Plan hier geschafft wurde, sondern nur sah, was geschah. Mit einer unwahrscheinlichen Schnelligkeit stiegen die Wände in die Höhe und trugen ein festes Dach, bevor die Sonne auf ihrem Weg an dem stahlblauen Firmament ein merkliches Stück weitergekommen war.

»Ihr künftiger Amts- und Wohnsitz, Herr Doktor«, sagte Professor Eggerth zu Wille mit einer Handbewegung nach dem fertigen Gebäude hin, »und dort …«, er deutete auf einen Platz dicht neben dem Bach, wo sich ein anderer Bau zu erheben begann, »wird unsere Maschinenstation stehen.«

Vorzüglich bewährte sich auch hier in den Tropen jene Bauweise aus fertigvorbereiteten Tafeln, die Professor Eggerth vor Jahren entwickelt hatte, um seiner Expedition in der unwirtlichen Antarktis ein wetterfestes, behagliches Heim zu schaffen. Noch war die Sonne über dem Horizont, als in dem Maschinenhaus bereits die Motoren ihr Spiel begannen. Strom floß durch Leitungen, und Lampen flammten in dem Hauptgebäude auf, dessen Räume inzwischen auch mit Möbeln versehen und wohnlich eingerichtet worden waren.

Als nach kurzer Dämmerung die Tropennacht hereinbrach, leuchteten Starklichtlampen auf, in deren Schein die erste Schicht an ihr Werk ging. Hacken und Spaten fraßen sich in den Rasen. Kranbagger griffen nach und hoben das Erdreich aus. Ein kreisförmiges Loch, etwa zehn Meter im Durchmesser haltend, entstand, das schnell tiefer wurde, bis der sandige Boden zu Ende war und die stählernen Krallen der Bagger funkenwerfend über harten Fels scharrten.

Da wurden die Bagger durch schwere Stoßbohrmaschinen abgelöst. Tief fraßen sie sich in das Gestein.

Länger als eine Stunde währte das ohrenbetäubende Rasseln und Hämmern der Bohrmaschinen; dann verstummte es auf einen Schlag. Schon griffen wieder Kräne zu, hoben die Bohrmaschinen aus der Grube und schafften sie beiseite, während Schießmeister ihre Arbeit begannen. Sie füllten die Löcher mit Explosivstoff, fügten Zünder und Leitungen hinzu, dämmten jedes Loch schließlich fest ab und stiegen danach aus der Grube heraus. Atembeklemmende Stille danach. Eine Minute … zwei Minuten … ein Druck dann auf eine Taste, die den Zündstrom schloß. Wie der Donner eines schweren Tropengewitters krachte es aus der Tiefe. Die erste Sprengung war geschehen.

Ventilatoren bliesen Frischluft in die Grube und vertrieben die giftigen Gasschwaden. Kranbagger fuhren wieder heran und hoben die Gesteinsbrocken heraus, welche die Gewalt der Explosion losgerissen hatte. Bald war der Boden der Grube von allen Trümmern geräumt, und drei Meter tiefer als vorher setzte das donnernde Spiel der Bohrmaschinen wieder ein.

Es ging so die ganze Nacht hindurch, während nach je sechs Stunden eine neue Mannschaft die alte ablöste; so ging es den nächsten Tag, und so ging es in ununterbrochener Arbeit die folgenden Tage und Nächte weiter. Schon stand über dem Schacht, der sich in die Tiefe fraß, ein Förderhaspel, um das geschossene Gestein zutage zu bringen. Wie ein weithin sichtbares Wahrzeichen ragte sein stählernes Gestell in die Luft mit dem sich ständig drehenden Rad an der Spitze. Nur noch Stunden konnte es währen, dann würde die Tiefe von 50 Metern erreicht sein, die der Plan von Professor Eggerth für den Schacht vorsah. Und dann würde man vom Schachtgrund aus zwei Stollen vortreiben.

Das war der Stand der Arbeiten, als über der Seekimm im Norden die Masten eines Schiffes auftauchten. Ein undeutlicher Fleck zunächst und noch von niemand auf der Insel bemerkt. Doch bald war der Fleck viel größer und deutlicher geworden, und als Dr. Schmidt sein Fernglas darauf richtete, konnte er Masten unterscheiden und Decksaufbauten eines Motorschiffes erkennen.

Ein Schiff? Schon eine Seltenheit in diesem so wenig befahrenen Teil der Südsee, ein Motorschiff? Der lange Schmidt stellte sein Glas noch schärfer ein und kniff die Lider zusammen. Die Berenice Captain Drydens konnte das sein, der sich--darüber war Dr. Schmidt unterrichtet--mit seinem Schiff in dieser Gegend der Südsee herumtrieb. Ein Zweifel, daß das Schiff geraden Kurs auf die Insel zu hielt, war kaum noch möglich. Kurz entschlossen schob Dr. Schmidt sein Fernrohr zusammen, klemmte es sich unter den Ann und eilte zu ›St 25‹, um Professor Eggerth von dem voraussichtlichen Besuch zu benachrichtigen.


KAPITEL 5

Captain Dryden hatte sich mit der Ausführung des Auftrages, den das Carnegie-Institut ihm erteilte, reichlich Zeit gelassen. Mehrere Tage hindurch lag die Berenice bei völliger Windstille unbeweglich auf der gleichen Stelle. Während die Botaniker und Zoologen, die sich an Bord befanden, gute Zeiten hatten und nach Herzenslust ihre Netze und Angeln auswerfen konnten, reckte sich Captain Dryden behaglich in seinem Liegestuhl auf Deck. Nur hin und wieder unterbrach er das süße Nichtstun, um einige nach seiner Meinung überflüssige Funksprüche des Instituts zu erwidern. Aus dem, was in seinen Antworten stand, konnten die Herren in USA entnehmen, daß die Berenice mit Motorkraft ihren Kurs auf die Insel verfolgte.

Als schließlich mit Beendigung der Windstille die Botaniker und Zoologen ihre Tätigkeit einstellten und Captain Dryden die Berenice südwärts steuern ließ, tat er es, obwohl er den Auftrag, den man ihm erteilt hatte, für zwecklos hielt. Was mit dieser Insel los war, glaubte er bereits zur Genüge bei seinem letzten Besuch festgestellt zu haben. Der Nebel, der sie damals verhüllte, würde sich jetzt wohl verzogen haben, aber ob er von der Insel überhaupt noch etwas vorfinden würde, erschien ihm mehr als zweifelhaft.

Mit einer größeren Sorgfalt als sonst nahm er die tägliche Ortsbestimmung vor und wiederholte sie mehrmals am Tage, als die Berenice sich der Stelle näherte, an der die Insel gelegen hatte.

Etwa zehn Seemeilen konnte er von seinem Bestimmungsort noch entfernt sein. Wenn von der Insel noch etwas vorhanden war, mußte es bald über der Kimm auftauchen. Er schickte einen Mann auf den Fockmast, mit dem Befehl, scharf Ausschau zu halten. Der war kaum oben, als auch schon sein Ruf ertönte: »Land voraus!«

Er ging selbst auf die Brücke und spähte mit einem guten Glase aus, während die Berenice ihren Kurs verfolgte.

Eine Spitze konnte er jetzt über der Kimm bemerken. Etwas, das sich, während die Minuten verrannen, immer mehr zu einem Bergkegel auswuchs. Ein leichtes Wölken schien über der Spitze zu schweben, doch sonst war von dem früheren Dunst und Nebel keine Spur mehr vorhanden. Und dann wurde das, was am Horizont auftauchte, immer breiter und massiger. Höhenzüge und das bläuliche Grün weit entfernter Wälder konnte Captain Dryden durch sein Glas erkennen, zu derselben Zeit, zu der Dr. Schmidt das seinige absetzte und nach ›St 25‹ eilte.

Der Captain unterdrückte einen ellenlangen Fluch, während sein Hirn bereits nach einer Begründung für seine frühere Meldung zu suchen begann. Die undurchdringlichen Dampfmassen damals … der veränderte Seeboden … Dunkel entsann er sich, daß er auch etwas von dem im weiten Kreis kochenden Meer gefunkt hatte … Das alles zusammen noch einmal gut aufgebauscht und richtig vorgebracht, gab vielleicht die Möglichkeit, sich dem Institut gegenüber herauszureden. So stellte sich Captain Dryden die Angelegenheit vor, denn von den weitreichenden politischen Folgen, die sein damaliger Funkspruch nach sich gezogen hatte, wußte er ja nichts.

Meile um Meile brachte die Berenice hinter sich, und deutlich wurden jetzt Einzelheiten auf der Insel erkennbar. Ein Mast, an dem eine Flagge wehte. Von der Besitznahme der Insel einige Tage vor der Katastrophe hatte der Captain durch Funksprüche Kenntnis erhalten und sich wie so viele andere über die dummen Deutschen ins Fäustchen gelacht. Jetzt aber wollte ihm der Flaggenmast dort gar nicht gefallen.

Verschiedene Gebäude unterschied er dann weiter, ein untrügliches Zeichen dafür, daß die neuen Herren bereits dabei waren, sich auf ihrer Erwerbung seßhaft zu machen. Und nun, als das Schiff wieder ein gutes Stück herangekommen war, fiel sein Blick auf etwas, das ihn erst recht aufschauen ließ. Ein Förderturm erhob sich dort auf der Strandwiese. Das konnte doch nur einen Sinn haben, wenn es auf der Insel Bodenschätze gab, die solche Anlage lohnten.

Alle Zuversicht, in die er sich vor kurzem hineingeredet hatte, verließ ihn wieder. Hier gingen offensichtlich Dinge vor, die in Pasadena höchst interessieren mußten, und es war sein Fehler--das gestand er sich selber jetzt rückhaltlos ein –, daß das Institut und die hinter ihm stehenden Interessenten nicht rechtzeitig darüber unterrichtet worden waren. Nur durch einen zweiten, möglichst inhaltsreichen Bericht würde sich dieser Fehler wiedergutmachen lassen. Das erkannte Captain Dryden klar, und er faßte den Entschluß, zu diesem Zweck auf der Insel zu landen, was ursprünglich nicht in seiner Absicht gelegen hatte.

Dr. Schmidt fand Professor Eggerth in seiner Kabine über Zeichnungen gebeugt in eifriger Arbeit. Es gab da noch gewisse Schwierigkeiten bei dem großen Plan, dessen Verwirklichung sich der Professor vorgenommen hatte. Aus seinem Gedankengang gerissen, fuhr er zusammen, als Dr. Schmidt nach kurzem Anklopfen in seine Kabine trat. Noch bevor er etwas sagen oder fragen konnte, platzte der lange Schmidt mit seiner Nachricht heraus.

»Wir bekommen Besuch, Herr Professor.«

»Besuch, Herr Doktor? Wer gibt uns die Ehre?«

»Captain Dryden. Sein Schiff, die Berenice, steuert die Insel an.«

Professor Eggerth schob die Zeichnungen und Notizen beiseite und lehnte sich in seinen Stuhl zurück. Ein leichtes Lächeln lief über seine Züge, während er zu sprechen begann. »Vorläufig sind die Herrschaften ja noch nicht hier, Herr Doktor.«

»Aber sie können in einer halben Stunde hier sein«, unterbrach ihn Schmidt.

»Wenn Captain Dryden mit seinem Schiff sich inzwischen nicht festläuft«, fuhr Professor Eggerth fort.

»Die Aussichten dafür stehen fünfzig zu fünfzig. Der Seeboden hat bei dem letzten Ausbruch starke Veränderungen erfahren.«

»Unterschätzen Sie Captain Dryden nicht«, widersprach ihm Dr. Schmidt. »Er ist ein alter mit allen Wassern gewaschener Seemann. Er wird rechtzeitig loten und nötigenfalls eine Barkasse aussetzen.«

»Hm, schade«, der Professor sagte es mehr zu sich als zu Schmidt, »Sie glauben also, daß er uns bestimmt einen Besuch abstatten wird?«

»Ich bin davon überzeugt, Herr Professor«, meinte Dr. Schmidt.

»Ja dann, mein lieber Schmidt, fällt Ihnen eine Aufgabe zu, die Sie vor Jahren in der Antarktis ja schon einmal glänzend gelöst haben.«

Der lange Schmidt sah den Professor verwundert an. »Ich weiß nicht, was Sie meinen?« fragte er unsicher.

Professor Eggerth lachte auf. »Aber erinnern Sie sich doch, mein lieber Doktor, wie Sie in der Antarktis Captain Andrew und Mr. Garrison geleimt haben. Unser Hagmann, der sich’s nicht verkneifen konnte, am Schlüsselloch zu lauschen, hat mir die Geschichte später erzählt. Großartig haben Sie das den beiden damals besorgt, so ähnlich werden Sie es heute auch mit Mr. Dryden und seinen Leuten machen müssen.«

Dr. Schmidt hatte Bedenken. »So einfach wie damals wird die Sache diesmal nicht gehen«, wandte er ein. »In der Antarktis hatten wir alle Spuren unserer Tätigkeit bereits beseitigt. Hier liegen unsere Arbeiten offen zutage.«

»Aber liebster, bester Schmidt! Was liegt denn schon zutage?« erwiderte Professor Eggerth. »Ein Schacht von 50 Meter Tiefe, aus dem wir nur taubes Gestein herausgebracht haben. Das Fördergut liegt frei umher, die Herrschaften mögen es nach Herzenslust untersuchen, sie werden dadurch nicht klüger werden.«

»Aber sie werden unbequeme Fragen stellen, Herr Professor. Sie werden wissen wollen, warum wir hier eine Abteufung vorgenommen haben. Mit Captain Dryden würde ich schon fertig werden; aber die amerikanischen Wissenschaftler, die er an Bord hat, die werden mir ein Loch in den Rock fragen.«

»Hm, so! Die Herren Gelehrten! Wissen Sie zufällig, Herr Dr. Schmidt, ob Geologen oder Geophysiker dabei sind?«

Der lange Schmidt schüttelte den Kopf. »Soweit ich unterrichtet bin, befinden sich bei der Expedition von Captain Dryden nur Zoologen, Botaniker und Biologen.«

»Vortrefflich, Herr Doktor!« Professor Eggerth schlug sich auf den Schenkel. »Es wird Ihnen doch nicht schwerfallen, den Kollegen von der anderen Fakultät einen blauen Dunst vorzumachen. Tischen Sie den Herrschaften geologische Märchen und geophysikalische Absurditäten auf, bis sie nicht mehr wissen, wo vorn und wo hinten ist.«

»Hm! Ja, aber was?« Dr. Schmidt zog sein Gesicht in nachdenkliche Falten.

»Sie haben reichlich Zeit, sich’s zu überlegen«, ermunterte ihn der Professor. »Vor einer halben Stunde können sie nicht hier sein. Dann werde ich sie erst mal zu einem guten Frühstück einladen. Bis dahin wird Ihnen schon etwas Passendes einfallen. Strengen Sie sich an, lieber Doktor. Ich verlasse mich ganz auf Sie.«

Die Berenice mochte noch einen Kilometer vom Ufer entfernt sein. Das Schiff machte nur ganz langsame Fahrt. In kurzen Abständen kam vom Vorschiff her der Ruf des dort lotenden Matrosen.

»Drei Faden«, meldete er soeben. »Zwei Faden«, eine halbe Minute später. Für Captain Dryden war es das Signal, das Ruder der Berenice schleunigst ‘rumwerfen zu lassen und abzudrehen. Keine Sekunde zu spät, denn schon verriet ein schwaches Scharren, daß das Schiff eine leichte Bodenberührung gehabt hatte. Auf ein neues Kommando hin ging der Motor an. Mit voller Maschinenkraft entfernte das Schiff sich von der Insel, bis das Lot wieder drei Faden zeigte.

Rasselnd ging der Anker auf den Grund. Jetzt lag die Berenice vor Anker, kaum merklich von einer schwachen Dünung bewegt. Captain Dryden verschwand in seiner Kabine, um sich landfein zu machen, während eine Motorpinasse ausgeschwungen und zu Wasser gelassen wurde.

Als er wieder auf Deck kam, waren an der Stelle der Reling, wo die Pinasse neben der Berenice auf dem Wasser lag, die wissenschaftlichen Mitglieder seiner Expedition in einer mehr als lebhaften Unterhaltung versammelt. Bald hörte er aus dem Stimmengewirr heraus, daß sie von der bevorstehenden Landung sprachen, wobei jeder von ihnen seine eigenen Pläne und Absichten verfocht. Das wettergebräunte Gesicht Captain Drydens wurde um einen Ton röter, als er es vernahm, er hatte nicht die Absicht, irgendeinen von der gelehrten Gesellschaft mitzunehmen, sondern wollte erst einmal allein an Land fahren.

Doch vergebens versuchte er mit seiner kräftigen Stimme durchzudringen. In einer nicht mißzuverstehenden Weise beriefen sich die anderen auf das Carnegie-Institut, sprachen von ihren Rechten und von den Pflichten des Captains, bis ihm schließlich nichts anderes übrigblieb, als nachzugeben. Vergeblich wies er darauf hin, daß das Boot überlastet würde, wenn sie alle mitkämen. Sie blieben für alle Einwände unzugänglich.

Leise vor sich hin fluchend sah Captain Dryden zu, wie einer nach dem anderen über das Fallreep in die Pinasse kletterte. Als er ihnen mit zwei Maschinisten folgte, befanden sich neun Personen in dem kleinen Boot. Es war ganz offensichtlich überladen.

Die ersten 800 Meter ging die Fahrt glatt. Dann ein Scharren und Knirschen. Mit einem jähen Ruck blieb das Boot stehen. Es war mit dem Kiel fest auf dem Felsgrund aufgelaufen und lag halb schräg nach Steuerbord über.

»Da habt ihr den Salat, Gentlemen«, schrie Captain Dryden, während sein Gesicht ein Gemisch von Ärger und Schadenfreude widerspiegelte. »Die Pinasse muß geleichtert werden, anders kommen wir nicht wieder los. Vier Mann mal ‘raus über Bord!« Der Captain hatte gut kommandieren. Kein einziger war gewillt, dem Befehl zu folgen.

Während ein Debattieren und Streiten darüber begann, wer von ihnen das Opfer bringen und in das hier knapp knietiefe Wasser steigen sollte, schauten sie verlangend nach dem kaum noch 300 Meter entfernten Strand hinüber. Am Ufer sahen sie drei Männer stehen, die ihnen winkten, näherzukommen. Weiter dahinter erblickten sie Gebäude, die sie schon von der Berenice aus gesehen hatten, und weiter fiel ihnen noch etwas auf, was den meisten bisher entgangen war. Eine Flotte nämlich von fünfundzwanzig Flugbooten, die auf dem Rasen lagen.

Noch ging der Streit hin und her, wer von den Insassen aus der gestrandeten Pinasse ins Wasser sollte, als eins der Flugschiffe sich drüben auf der Insel vom Rasen abhob und in ganz niedriger Höhe langsam heranschwebte. Jetzt stand es über der Pinasse und senkte sich noch etwas tiefer, während alle Augen aus dem Boot zu dem glänzenden Metallrumpf emporblickten. Und dann--sie wußten kaum, wie es geschah, so schnell ging alles vor sich--fuhren vier Greiferarme aus dem Boden des Metallbaues heraus, umklammerten die Pinasse und hoben sie, während das Flugschiff wieder ein wenig stieg, aus dem Wasser heraus.

Das Unerwartete verschlug ihnen die Sprache. Es wurde still in dem Boot, während das Flugschiff mit seiner Beute dem Ufer zuschwebte. Dort auf dem Rasen dann noch einmal das gleiche Manöver in umgekehrter Folge. Sanft setzten die mächtigen Metallgreifer die Pinasse auf den Boden und zogen sich in den Rumpf des Flugschiffes zurück, das langsam zu seinem Liegeplatz zurückkehrte.

Als erster sprang Captain Dryden aus dem Boot. Ein langer hagerer Mann mit einem schmalen, bartlosen Gesicht trat ihm entgegen und begrüßte ihn in englischer Sprache.

»Captain Dryden, wenn ich nicht irre?«

Der Captain nickte. »Yes, Sir.«

»Ich bin Ministerialrat Dr. Schmidt«, stellte sich der Lange vor. »Ich habe das Vergnügen, Sie auf deutschem Boden zu begrüßen, Captain. Unsere Hafenverhältnisse sind noch etwas primitiv. Wir erlaubten uns, Sie mit einem unserer Flugschiffe an Land zu holen, als wir bemerkten, daß Sie auf Grund saßen.«

»War sehr liebenswürdig von Ihnen, Herr Ministerialrat«, sagte der Captain und schüttelte dem langen Schmidt kräftig die Rechte. »Wir hatten in der Tat die Absicht, Ihrer neuen Niederlassung einen Besuch abzustatten.«

»Freut uns aufrichtig, Sir«, erwiderte Dr. Schmidt.

»Aber leider hat es hier nach den letzten Vulkanausbrüchen Bodenveränderungen gegeben, die noch auf keiner Seekarte stehen. Um ein Haar wäre ich auch mit der Berenice aufgeschrammt.«

»Wird bald anders werden, Sir«, meinte Dr. Schmidt kurz und winkte Hein Eggerth und Georg Berkoff heran, um sie mit dem Captain bekannt zu machen. Dann drängten auch dessen Wissenschaftler heran, und er mußte sie Dr. Schmidt und seinen Begleitern vorstellen.

»Meine Herren«, sagte Dr. Schmidt, als das geschehen war, »im Auftrage des Herrn Staatskommissars Dr. Wille habe ich die Ehre, Sie zu einem kleinen Imbiß in das Verwaltungsgebäude zu bitten.«

Er machte eine einladende Bewegung und setzte sich an die Spitze. Hein Eggerth und Berkoff flankierten den Trupp von beiden Seiten, und so ging es über den schwellenden Rasen auf das neue Gebäude zu. Nicht jeder von den amerikanischen Gästen war damit einverstanden. Frühstücken konnten sie auch an Bord der Berenice, hier wären sie lieber auf Entdeckungsreisen gegangen, aber im Augenblick wenigstens war das beim besten Willen nicht möglich. Nur ihre Blicke konnten frei umherschweifen. Zur Rechten nach der Stelle, wo die Flugboote lagen, zur Linken nach jenem Förderturm hin, der ihre Neugier schon an Bord der Berenice erregt hatte.

Am Hauptportal des neuen Gebäudes wurden sie von Dr. Wille und Professor Eggerth begrüßt. Noch einmal eine Vorstellung, ein allgemeines Händeschütteln, ein kurzer Weg durch einen breiten Flur, und sie traten in einen behaglich eingerichteten Raum, in dem eine gutbesetzte Tafel bereitstand. Dr. Wille bat seine Gäste, Platz zu nehmen, und bald klapperten Messer und Gabeln, während gleichzeitig eine lebhafte Unterhaltung aufkam.

»Sie haben mit Ihrer Erwerbung Glück gehabt, Herr Staatskommissar«, sagte der Captain zu Dr. Wille, »ich sehe zu meiner Freude, daß die Insel bei dem letzten Ausbruch kaum gelitten hat. In den Staaten hatte man andere Nachrichten darüber. Dort galt das Eiland schon als zerstört und verloren.«

Professor Eggerth hielt sich einen Augenblick die Serviette vor den Mund.

»Die Nachricht war stark übertrieben«, meinte er schließlich. »Es gab bei dem letzten Ausbruch ein wenig Nebel und Dampf. Das war alles, und mehr war auch nicht zu erwarten oder zu befürchten.«

»Wissen Sie auch, Herr Professor«, nahm der Captain die Unterhaltung mit ihm auf, »daß man sich in den Staaten den Kopf darüber zerbrochen hat, warum Sie gerade auf dieses Fleckchen hier verfielen. Ein verlorener Punkt im Ozean …

Man versteht es bei uns nicht recht wie das zu einer Erwerbung reizen konnte. Darf ich frei sprechen, Herr Professor?«

Professor Eggerth nickte. »Bitte sehr, Herr Kapitän. Ihre Meinung ist uns sehr interessant.«

»Ich spreche nicht meine Meinung aus, Herr Professor, sondern diejenige unserer Volkswirtschaftler. Einstimmig sind sie der Ansicht, daß diese Erwerbung für Ihr Land ein Geschäft mit Unterbilanz ist, und voraussichtlich immer bleiben wird.«

»Vielleicht, Herr Kapitän, vielleicht auch nicht. Ich bin nur als Privatperson hier und möchte mich jeden Urteils enthalten. Aber vielleicht ist unser Ministerialrat in der Lage, etwas darüber zu sagen …«

Der Professor warf Dr. Schmidt einen Blick zu, und der begriff, daß jetzt die Zeit für ihn gekommen war, ein Garn zu spinnen.

»Es waren hauptsächlich Überlegungen geophysikalischer Art«, begann er nach einigem Räuspern, »die uns zu der Erwerbung veranlagten. Ich hatte hier bereits früher erdmagnetische Messungen gemacht …« Die Wissenschaftler Captain Drydens horchten auf, als das Wort ›erdmagnetisch‹ fiel.

»Ich konnte damals gewisse Anomalien der erdmagnetischen Feldstärke feststellen«, dozierte der lange Schmidt weiter, »die mir die Vermutung aufdrängten, daß hier gewisse Erzvorkommen vorhanden wären, denen nachzugehen sich am Ende doch lohnen dürfte …«

»Aha! So war das?« Professor Brown, der eine der Zoologen von der Berenice, stieß die Worte mit einem Seufzer der Erleichterung hervor. Ihm und den anderen Wissenschaftlern war die Befreiung darüber anzusehen, daß sie nun endlich die Lösung des Rätsels erfahren hatten. Nur Captain Dryden schien anderer Meinung zu sein.

»Hm, Bodenschätze, wertvolle Erze vielleicht?« meinte er zweifelnd. »Nun ja, aber Sie sitzen hier auf einem höllisch wackligen Boden. Der Vulkan da drüben hat sich schon zweimal ganz gehörig gerührt und kann auch ein drittesmal spukken. Das ist doch ein schweres Risiko, Herr Ministerialrat, das Sie auf der Minusspalte Ihrer Erwerbung verbuchen müssen.«

»Doch nicht, Herr Kapitän«, widersprach ihm der lange Schmidt. »Der Vulkan bildet gewissermaßen die Bestätigung für meine Theorie, daß bestimmte Bodenschätze hier in einer nicht allzu großen Tiefe vorhanden sein müssen. Als ich meine ersten Messungen machte, war er noch nicht da …«

»Oh, Herr Ministerialrat, dann sind Sie schon vor der Carnegie-Expedition auf der Insel gewesen?« unterbrach ihn Captain Dryden.

»Das war ich, Herr Kapitän«, log der lange Schmidt mit eiserner Miene weiter. »Damals war ich meiner Sache noch nicht so ganz sicher, denn meine Theorie verlangte den Vulkanismus, wenn sie bis aufs letzte stimmen sollte. Sobald ich von einem unserer Stratosphärenschiffe erfuhr, daß jetzt ein Ausbruch erfolgt sei, sah ich meine Theorie bestätigt und beschloß zu handeln.«

Und nun tischte Dr. Schmidt den Leuten von der Berenice ein geophysikalisches Märchen auf, daß ihnen die Augen übergingen. Zwar hatten sie kaum etwas von seinem Vortrag verstanden, aber jetzt waren sie davon überzeugt, daß diese Insel ein überaus wertvolles Objekt sei.

Als Dr. Schmidt mit seinem Vortrag fertig war, ging auch das Mahl seinem Ende entgegen. Noch zehn Minuten bei Kaffee und Zigarren, dann erhob sich Dr. Wille und gab damit das Zeichen zum Aufbruch.

»Wenn die Herren sich ein wenig Bewegung machen wollen«, sagte er einladend, »könnten wir einen kleinen Rundgang über die Uferwiese machen. Viel zu sehen gibt es bei uns nicht. Wir haben erst vor kurzem mit unseren Arbeiten begonnen.«

Bereitwillig wurde sein Vorschlag angenommen. In einzelnen Gruppen schlenderten die Gäste über den Rasen, wobei sich Hein Eggerth und Berkoff als Führer betätigten.

Captain Dryden warf einen Blick nach der Pinasse hin, neben der die beiden Maschinisten Jeffris und Robertson im Gras saßen.

»Hallo, Captain. Wir haben ja Ihre Leute vergessen; die werden auch Hunger haben«, wandte sich Berkoff an ihn, »wir können noch etwas für sie auftragen lassen.«

»Keine Sorge, Sir«, wehrte der Captain ab, »die Boys haben an Bord der Berenice gehörig vorgelegt. Entschuldigen Sie mich einen Augenblick. Ich will nur einmal nach ihnen sehen.«

Während Berkoff sich einer anderen Gruppe zuwandte, ging Captain Dryden zu der Pinasse hin.

»Habt ihr etwas entdeckt, Jungens?« fragte er.

»Nicht viel, Captain«, antwortete Robertson. »Bei dem Schacht war nichts Besonderes zu sehen. Da lag nur taubes Gestein herum. Ein paar Brocken davon habe ich in die Tasche gesteckt.«

»Ist nicht viel, Robertson«, brummte Captain Dryden. »Ist sonst gar nichts?«

»Jeffris hat auf der Wiese noch etwas gefunden, Captain.«

»Ein paar Brocken von einem merkwürdigen Gestein«, meldete sich Jeffris. »Das Zeug lag in einem Busch. Sah fast so aus, als ob es da einer versteckt hätte. Das fiel mir auf, habe deshalb etwas davon mitgenommen.«

»Gut, Jeffris, haltet auch weiter die Augen offen. Wir reden später an Bord darüber«, sagte Captain Dryden und kehrte zu den anderen zurück, um noch etwas von einem Vortrag aufzuschnappen, den Dr. Schmidt am Rande des neuen Schachtes hielt.

Geduldig hörten die Wissenschaftler der Berenice dort die Ausführungen des langen Doktors über Bohrmaschinen und Sprengungen an. Captain Dryden benutzte die Gelegenheit, noch ein wenig in den Halden, auf die man das Geförderte geworfen hatte, herumzustöbern. Seine Hoffnung, hier vielleicht ein paar Erzbrocken zu erwischen, erfüllte sich jedoch nicht, und damit war auch sein Interesse an der Insel erschöpft. Er begann zum Aufbruch zu drängen.

»Reisende Leute soll man nicht aufhalten«, raunte Professor Eggerth dem langen Schmidt zu. »Machen Sie einen Punkt in Ihrem Vortrag, Doktor. Wir wollen die Herrschaften wieder zu ihrem Schiff bringen.«

Zehn Minuten später setzten die Greifer eines Flugbootes die Pinasse mit ihren Insassen dicht neben der Berenice auf dem Seespiegel ab. Noch ein letztes Winken und Tücherschwenken zu der Insel hin, während eine Deckwinde bereits den Anker der Berenice einholte. Dann liefen die Motoren an. Das Schiff kam in Fahrt und richtete seinen Bug nach Norden.

In ›St 25‹ stand Professor Eggerth neben Lorenzen.

»Stellen Sie einen Empfänger auf die Welle der amerikanischen Handelsmarine ein, und notieren Sie alles, was die Berenice in den nächsten Stunden funkt«, befahl er ihm.

In seiner Kabine in der Berenice saß Captain Dryden und nahm seine Maschinisten ins Verhör.

»Ist das alles, was Sie gefunden haben?« fragte er, nachdem Robertson seine Taschen auf dem Tisch ausgeleert hatte; der nickte. »Yes, Sir.«

»Ist nicht sehr berühmt, Robertson«, achtlos schob der Captain die tauben Brocken beiseite, »nun packen Sie mal aus, Jeffris.«

Jeffris holte hervor, was er gefunden hatte. Ein merkwürdig poröses, eigenartig schimmerndes Gestein war das. Captain Dryden griff nach einem Stück und staunte über das federleichte Gewicht.

»Eigenartig, eigenartig …«, murmelte er vor sich hin, während er es prüfend in der Hand wog. »Das Zeug müßte, denke ich, auf dem Wasser schwimmen. Nur an der einen Stelle haben Sie es gefunden, Jeffris, und da war’s nach Ihrer Meinung versteckt?«

»Sah ganz so aus, Captain«, beantwortete Jeffris die Frage.

»In Ordnung, Jungens, bin zufrieden mit euch.« Captain Dryden griff in die Tasche und drückte jedem einen Dollar in die Hand.

»Danke, Captain«, sagten die beiden Maschinisten einstimmig und traten ab.

Als Captain Dryden allein war, griff er nach Schreibblock und Bleistift, um seinen Bericht für das Carnegie-Institut abzufassen. Der Text machte ihm mehr Schwierigkeiten, als er zuerst gedacht hatte.

Seine Hand griff nach einem der Steinchen, die ihm Jeffris gebracht hatte. Ob das Zeug wohl schwimmt? ging es ihm durch den Kopf. Er stand auf, holte sich ein großes Glas Wasser und warf den kleinen Brocken hinein. Eine kurze Zeit schaukelte das poröse Mineral auf der Oberfläche, dann begann es sich wie ein Schwamm vollzusaugen, wurde dabei schwerer und sank allmählich nach unten.

Interessiert verfolgte Captain Dryden den Vorgang. Immer durchsichtiger und zuletzt fast glasklar wurde das Steinchen in dem Wasser und begann gleichzeitig zu quellen. Immer undeutlicher ließen sich dabei seine Umrisse erkennen. Ein wenig erinnerte das Ganze den Captain jetzt an ein Stück Zucker, das sich im Wasser auflöst. Er stützte den Kopf in beide Hände und starrte auf das Glas. Was war das für ein wunderliches Mineral, das seine Leute ihm da gebracht hatten? Jetzt war das Stückchen ganz und gar verschwunden. Es schien sich vollständig aufgelöst zu haben; nur ein wenig getrübt sah das Wasser danach aus.

Captain Dryden griff nach dem Glas, um es näher an die Augen zu bringen. Unwillkürlich hielt er’s dabei ein wenig schräg und bemerkte zu seiner Überraschung, daß die Oberfläche der Flüssigkeit sich nicht waagrecht einstellte. Der ganze Inhalt des Glases schien erstarrt zu sein. Er neigte das Glas noch stärker; er drehte es schließlich völlig um, daß es mit der Öffnung nach unten gerichtet war. Der Inhalt war in der Tat fest geworden!

Kopfschüttelnd stellte er das Glas auf den Tisch zurück und tippte mit dem Bleistift auf die Oberfläche der sonderbaren Masse. Die Bleistiftspitze brach ab, als er stärker drückte. Der Inhalt des Glases war hart wie massives Eis.

Captain Dryden wollte sich Gewißheit verschaffen. Er holte sein Taschenmesser heraus und kratzte mit der Stahlklinge auf dem rätselhaften Stoff herum. Es gelang ihm auch damit nicht, etwas davon abzuschneiden, und als er mit großer Kraft aufdrückte, wurde die Klinge stumpf. Verblüfft legte er das Messer beiseite, während die Gedanken in seinem Hirn durcheinanderwirbelten.

Er hatte das Empfinden, daß er einem wichtigen Geheimnis auf der Spur war, wenn ihm auch vorläufig jede Erklärung dafür fehlte. Er gab sich keiner Täuschung darüber hin, daß sein Bericht an das Carnegie-Institut zu Händen des Mr. James Garrison jetzt noch viel schwieriger werden würde als vorher; aber im stillen beglückwünschte er sich zu dem Zufall, der ihn diese Probe mit dem Steinchen anstellen ließ. Mochte der Bericht ihm auch schwere Mühe machen, an Inhalt würde es ihm jetzt jedenfalls nicht mehr fehlen. Mit neuem Mut machte er sich an die Arbeit, das Schreiben abzufassen.

Mr. James Garrison hatte seine Position erheblich verbessert. Nach einer jahrelangen Tätigkeit als Observator an der großen amerikanischen Sternwarte in Pasadena war es ihm gelungen, eine dreimal so gut bezahlte Stellung als Sekretär des Carnegie-Institutes in Minneapolis zu bekommen. Dabei aber hatte auch seine Tätigkeit eine grundlegende Veränderung erfahren. Vorbei war es mit der ruhigen wissenschaftlichen Arbeit, der er sich in Pasadena widmen konnte. In der neuen Stellung galt es für ihn, über die großen Mittel des Institutes ständig und richtig zu disponieren, zu organisieren, Expeditionen auszurüsten, wenn irgendwo wissenschaftliches Neuland zu winken schien; mit einem Wort, dafür zu sorgen, daß das Institut stets als erstes zur Stelle war, wenn es galt, wissenschaftliche Eroberungen zu machen.

Im Augenblick hatte Mr. Garrison den Funkbericht Captain Drydens vor sich, und je weiter er ihn las, desto stärker wurde er davon gefesselt. Ein neues Mineral mit bisher noch nie beobachteten Eigenschaften. Ein Gestein, das ein Vielfaches seines eigenen Volumens an Wasser in eine felsharte Masse zu verwandeln vermochte--das war etwas nach dem Herzen von James Garrison. Es war Ehrensache für ihn, diese Entdeckung dem Institut zu sichern. Aber Eile tat not. Wenn Professor Eggerth zuerst damit herauskam, dann war der Reiz der Neuheit dahin.

So schnell wie ihm diese Erkenntnis kam, entschloß er sich auch zum Handeln. Schon zehn Minuten später legte der Funker der Berenice Captain Dryden einen Funkspruch auf den Tisch, bei dessen Lektüre der Captain öfter als einmal vor sich hin fluchte. Sorgfältigste Aufbewahrung alles noch etwa an Bord befindlichen Minerals dieser sonderbaren Art legte das Radiogramm dem Captain ans Herz.

Um genaue Ortsangabe und weiteren Kurs der Berenice ersuchte die Depesche danach und meldete weiter ein Flugzeug an, das kommen würde, um das Mineral nach Minneapolis zu holen. Kopfschüttelnd legte Captain Dryden den Funkspruch auf den Tisch. Durch seine Wissenschaftler an Bord war er an allerhand Extravaganzen gewöhnt, aber das hier schien ihm doch über die Hutschnur zu gehen. Ein Flugzeug von Minneapolis bis in die Südsee zu entsenden, um eine Handvoll elender Gesteinsbrocken zu holen!

Nun, mochte Mr. Garrison zusehen, wie er die Verschwendung vor dem Kuratorium des Institutes vertreten konnte. Captain Dryden brauchte sich darüber schließlich keine Sorgen zu machen. Nur den Auftrag mußte er erfüllen, den der Funkspruch enthielt, und das tat er dann auch umgehend. Für ihn war die Angelegenheit damit bis auf weiteres erledigt.

Am Nordufer der Insel setzten die Bohrmaschinen auf dem Grund des Schachtes zu neuer Arbeit an, um zwei Stollen vorzutreiben. Den einen in der Richtung landeinwärts schräg nach unten, den anderen zur See hin schräg nach oben. Vorläufig war das für die damit beschäftigten Techniker und Bergleute eine sehr ruhige Sache.

Sechs Stunden unter Tage schaffen und danach achtzehn Stunden Freizeit auf einem paradiesischen Eiland, auf dem ewiger Frühling und Sommer herrschten, das war ein Leben, das ihnen gefallen konnte.

Unwillkürlich kamen sie während der langen Stunden, in denen sie sich einem süßen Nichtstun hingeben konnten, ins Grübeln, und sie debattierten über den Zweck der Arbeiten und begannen allerlei vage Vermutungen auszusprechen.

Bis jetzt arbeitete man zwar noch im tauben Gestein, aber immer mehr kamen die Werkleute zu der Anschauung, daß man demnächst auf Bodenschätze von unerhörter Art stoßen würde. Was der eine nicht wußte, erfand der andere hinzu, und was heute noch als ein Gerücht von Mund zu Mund lief, galt morgen schon als feststehende Tatsache. Ein Unbeteiligter, der diese Reden zufällig mit anhörte, konnte wohl den Eindruck gewinnen, daß hier eine Sache im Gange war, die ihren Unternehmern einen Gewinn von nicht abzuschätzender Größe in den Schoß werfen mußte.

Von wesentlich anderer Art waren die Gedanken und Sorgen, die Professor Eggerth bewegten. Im Prinzip stand der Gang der Arbeiten seit langem für ihn fest. Möglichst dicht mußte man von dem neuen Schacht aus mit dem einen Stollen an den Vulkan und mit dem anderen an den Seeboden heran. Dann waren an diesen Enden der beiden Stollen Sprengladungen von hinreichender Stärke anzubringen. Danach mußte der senkrechte Schacht durch einen Betonpfropfen hermetisch verschlossen werden, und schließlich galt es, mittels Fernzündung zu schlagen, aber … Und nun kam das große ›Aber‹, das dem Professor schlaflose Nächte bereitete. Würde die Sprengung den gewünschten Erfolg haben? Würde sie auf der einen Seite die Verbindung zwischen dem Stollen und dem vom Vulkan in die Tiefe führenden Lavaschlauch herstellen und auf der anderen Seite die Verbindung mit der See?

Herr Dr. Schmidt, der essigsaure Schmidt, wie ihn Hein Eggerth und Georg Berkoff in ihren Privatgesprächen neuerdings zu titulieren beliebten, fand inzwischen eine ihn ausfüllende Tätigkeit bei den Vermessungsarbeiten. Zwar stand er dem kühnen Plan von Professor Eggerth innerlich noch immer ablehnend gegenüber, aber das hinderte ihn nicht, die Linienführung der beiden Stollen mit peinlicher Gewissenhaftigkeit zu überwachen.

Sowohl in den Stollen selbst wie auch über Tage waren von ihm ausgesuchte und gründlich gedrillte Leute ständig mit Meßketten, Visierlatten und Theodoliten an der Arbeit, und bald hier, bald dort tauchte der lange Doktor unvermutet auf, um sie zu kontrollieren und ihre Messungen nachzuprüfen.

»Ich glaube zwar nicht, daß unser Herr Professor den erwarteten Erfolg haben wird«, äußerte er sich in diesen Tagen einmal zu Dr. Wille, »aber ich will jedenfalls dafür sorgen, daß die Stollen auf den Zentimeter genau zu den berechneten Punkten herankommen.«

Kopfschüttelnd hatte Dr. Wille die Mitteilung zur Kenntnis genommen. Er war ja seit langem an allerlei Schrullen seines alten Mitarbeiters gewöhnt.

›Ein drolliger Kauz, aber eine ehrliche Haut‹, ging’s ihm durch den Sinn, während er seinen Blick über den grünen Rasen bis zu dem Vulkankegel hin schweifen ließ.

Dort oben am Kraterrand erhob sich, aus drei schlanken Palmstämmen zusammengebaut, ein spitzes dreikantiges Gerüst, einer der zahlreichen trigonometrischen Punkte, mit denen Dr. Schmidt das Land vom Seeufer bis zum Vulkan hin bepflastert hatte. Bei der Sorgfalt, mit welcher der lange Schmidt bei seinen Arbeiten vorging, war wirklich zu erwarten, daß die beiden Stollen auf den Zentimeter genau an ihre Zielpunkte kommen würden.

Auch heute hatte Dr. Schmidt wieder stundenlang unter Tage gesteckt, überall kontrolliert und selbst vermessen. Ein wenig erschöpft ließ er sich in der Förderschale des Schachtes nach oben bringen. Von dem Sonnenschein, der über der Wiese lag, geblendet, schloß er zunächst die Augen. Er brauchte Zeit, um sich nach dem langen Aufenthalt unter Tage an das volle Licht zu gewöhnen. Als er seine Lider wieder öffnete, stand ein Mann von den Flugschiffsbesatzungen vor ihm.

»Was wollen Sie?« fragte Schmidt ihn, immer noch etwas benommen.

»Ein Brief für den Herrn Ministerialrat«, sagte der Bote. »Was? Ein Brief? Seit wann haben wir denn Postverbindung nach hierher?« wunderte sich Schmidt.

»Vor einer Stunde ist ›St 18‹ von Walkenfeld angekommen, Herr Ministerialrat«, erklärte ihm der andere die Sachlage. »Hm, na ja, geben Sie her!« Er griff nach dem Brief, wollte ihn in die Tasche stecken, besann sich dann eines anderen.

Vorläufig konnte er seine Meßtrupps mit gutem Gewissen sich selbst überlassen; also beschloß er, das Schreiben sofort zu lesen. Mit langen Schritten stelzte er über den Rasen, bis er einen schattigen Platz und dort auch eine Sitzgelegenheit entdeckte. Er fühlte, daß ein wenig Ruhe ihm jetzt guttun würde.

Behaglich ließ er sich nieder und besah sich den Brief aus der Heimat zunächst mal von außen.

Die Adresse: An Herrn Dr. Schmidt, zur Zeit an Bord von ›St 25‹, Eggerth-Reading-Werke, Walkenfeld. Damit war er zweifellos gemeint, aber wer konnte wissen, daß er tatsächlich zu diesem Stratosphärenschiff gehörte?

Die Handschrift? Sie war ihm unbekannt. Der Poststempel?

Der Brief war mit einer deutschen Inlandsmarke frankiert und in Waltershausen in Thüringen abgestempelt; in Waltershausen, seiner alten Heimatstadt.

Mit einer gewissen Erregung riß Dr. Schmidt den Umschlag auf und zog das Schreiben heraus. Ein langer Brief war das, acht eng beschriebene Seiten umfaßte er und kam, wie dem langen Doktor ein Blick auf die Unterschrift zeigte, von Frederic Smith, jenem Versprengten der Carnegie-Expedition, in dem Dr. Schmidt auf der Insel vor kaum vier Wochen einen leiblichen Neffen entdeckt hatte.

Also hatte der Junge seinen Plan doch ausgeführt und war nach Waltershausen gekommen. Wie mochte der alte Forstrat ihm dort entgegengetreten sein? Hatte der Alte seinen amerikanischen Enkel kurzerhand an die Luft gesetzt? Eifrig machte der Doktor sich an die Lektüre, um das zu erfahren.

Öfter als einmal ließ er den Brief sinken und schlug mit der Hand darauf. Natürlich war es zuerst genauso gegangen, wie Schmidt es vermutete. Unnahbar und stachlig war der Herr Forstrat zunächst gewesen. Frederic Smith genierte sich nicht, in seinem Brief etwas von einem porcupine, einem Stachelschwein, zu schreiben, wie er denn überhaupt in seinen Mitteilungen kein Blatt vor den Mund nahm. Aber er hatte nicht nachgelassen und war dem Alten in hemdsärmeliger amerikanischer Manier immer wieder auf den Leib gerückt, bis er endlich anfing, weich zu werden. Mit Fotos hatte Smith ihn bombardiert, die ihn selbst und seine Brüder, die anderen Enkel des Forstrates, darstellten. Hatte dann andere Bilder hervorgeholt, die seinen Vater, ›den mißratenen Sohn‹, in jüngeren Jahren zeigten, hatte schließlich auch noch Abbildungen auf den Tisch gelegt, die dessen Betrieb in USA wiedergaben, und ganz allmählich schwand dabei die Kälte, mit welcher der Alte sein Herz seit Jahrzehnten gepanzert hatte.

Während der lange Doktor den Brief wieder einmal sinken ließ und über die sonnige Wiese hinaus nach der blauen See blickte, zeigten seine Züge eine Veränderung, daß ihn seine beiden ›Spezialfreunde‹ Hein Eggerth und Georg Berkoff kaum wiedererkannt haben würden. Endlich also war der alte Familienzwist, der viele Jahre hindurch auch auf ihm gelastet und seinem ganzen Wesen den Stempel aufgedrückt hatte, zu einem glücklichen Ende gekommen … Dr. Schmidt fuhr sich mit der Hand über die Stirn, als ob er Gedanken verjagen wollte, die ihm durch den Sinn gingen, und griff von neuem nach dem Schreiben. Was mochte sein amerikanischer Neffe noch weiter auf dem Herzen haben?

Aha, da kam es schon. An jenem Morgen, an dem Smith und O’Brien vom Süden der Insel aufbrachen, um nach dem Nordufer zu wandern, hatten sie ihre geringe Habe in der Höhle, die ihnen so lange als Zufluchtsort diente, zurückgelassen. Es war geschehen, weil sie sich für den Marsch nicht unnötig belasten wollten und ja bald zurückzukehren gedachten. Aber dann war es dazu nicht mehr gekommen, und nun bat Smith den Doktor, doch jemand dorthin zu schicken und eine Anzahl von Sachen, über die er eine Liste beifügte, holen zu lassen.

Noch vor vierundzwanzig Stunden hätte der lange Schmidt über solchen Auftrag mißbilligend die Schultern gezuckt und ein abweisendes Gesicht aufgesetzt. Jetzt dachte er anders darüber. Natürlich mußte man dem Jungen seinen Wunsch erfüllen. Eine kurze Weile überlegte Dr. Schmidt, wen er damit beauftragen sollte, und kam zu dem Entschluß, daß keiner von allen denen, an die er dachte, dafür zuverlässig genug war. Er selber würde hingehen und das besorgen.

Freilich waren es gut 10 Kilometer bis dorthin. Anderthalb bis zwei Tage würden für die Expedition draufgehen, aber das ließ sich nicht ändern. Dann mußte sich Dr. Wille eben solange um die Vermessungsarbeiten bei dem Stollenbau kümmern. Er dachte weiter nach, wen er zur Begleitung mitnehmen sollte.

Ein paar Leute von den Flugschiffsbesatzungen würde er dafür wohl bekommen können. Mit dem Entschluß, am nächsten Morgen bei Sonnenaufgang aufzubrechen, legte Dr. Schmidt sich an diesem Abend zur Ruhe.


KAPITEL 6

Mr. Garrison saß bis über beide Ohren in der Arbeit, als ihm durch das Telefon Besuch gemeldet wurde.

»O’Brien? Kenne ich nicht. Jetzt keine Zeit«, knurrte er unwillig in das Mikrophon und wollte den Hörer wieder auflegen, als von der Anmeldung aus weitergesprochen wurde.

»Der Mann sagt, daß er zur Südsee-Expedition gehört habe und noch Ansprüche an das Institut hätte.«

Ärgerlich wollte Garrison etwas erwidern, als ihm plötzlich ein Einfall kam. Ein Mann von der Südsee-Expedition? Der kam ihm im Augenblick gerade recht.

»So? Schicken Sie den Mann zu mir«, befahl er.

Kurz darauf stand O’Brien vor ihm; munter, sommersprossig und rothaarig, wie sich’s für einen Sohn der grünen Insel gehört.

»Hallo, Mr. Garrison!« begrüßte er den Sekretär und schüttelte ihm die Hand. Der sah ihn prüfend an und erkannte ihn wieder.

»Sie waren mit uns in der Südsee«, eröffnete er die Unterhaltung.

»Jawohl, Mr. Garrison. Bin aber zurückgelassen worden. Könnte noch heute auf der vermaledeiten Insel sitzen, wenn mich Professor Eggerth nicht in seinem Flugzeug mitgenommen hätte. Bin erst gestern wieder in den Staaten gelandet. Die Zeit bis dahin muß das Institut mir bezahlen.«

Patrick O’Brien stellte diese Forderung, obwohl er sich klar darüber war, daß er nach den amerikanischen Gepflogenheiten wenig Aussicht auf ihre Erfüllung hatte. Zu seiner Verwunderung lehnte Garrison nicht sofort ab, sondern sagte:

»Nun, darüber wird sich vielleicht reden lassen. Was haben Sie jetzt vor, Mr. O’Brien?«

»Ich suche einen neuen Job, Mr. Garrison, bin verdammt abgebrannt in die Staaten zurückgekommen.«

»So, einen neuen Job? Hätten Sie Lust, wieder in die Dienste des Institutes zu treten?«

O’Brien verzog das Gesicht. »Weiß nicht recht, Sir. Hängt davon ab, wie sich das Institut zu meiner Forderung stellt.«

Garrison machte im Kopf einen kurzen Überschlag. Der Betrag, den der Ire verlangen konnte, spielte bei den Summen, die der Sekretär zu verwalten hatte, keine Rolle. Andererseits lag ihm daran, den Mann für sein neues Unternehmen zu gewinnen, weil er besser als jeder andere auf der Südsee-Insel Bescheid wußte und auch dort bereits die Deutschen kennengelernt hatte.

»Schreiben Sie auf, was Sie glauben, beanspruchen zu können«, entschied er, »wenn Sie wieder bei uns eintreten wollen, wird Ihnen der Betrag ausgezahlt werden.«

Das war mehr, als O’Brien zu erreichen gehofft hatte. Kurz entschlossen entschied er sich, von neuem Dienst bei dem Institut zu nehmen. Vergnügt steckte er die Zahlungsanweisung, die Garrison ihm sofort ausschrieb, in die Tasche. Etwas gedämpft wurde seine Laune, als er hörte, daß es schon am übernächsten Tag losgehen sollte, diesmal mit einem Flugzeug, aber wieder in die Südsee, von der er eigentlich reichlich genug hatte.

Captain Dryden kreuzte sorglos durch die blaue Flut, ließ den lieben Gott einen guten Mann sein und freute sich, daß er schon seit Tagen nichts mehr von dem Carnegie-Institut gehört hatte, dem er befehlsgemäß jeden Mittag seinen Standort funkte. Aus seiner behaglichen Ruhe wurde er aufgescheucht, als in den Nachmittagsstunden in der Nähe Propellergeräusch aufklang. Ein großes, seegehendes Flugschiff zog seine Kreise über der Berenice und ging dann nieder, um neben ihr zu wassern.

»Hat der verrückte Kerl ein Flugboot geschickt, um die paar Brocken abzuholen«, fluchte der Captain vor sich hin, während er an die Reling trat. Sein Erstaunen wurde noch größer, als er Mr. Garrison selber zu Gesicht bekam, der eben von der Flugzeugschwinge an Deck kletterte.

»Hallo, Sir, Sie geben uns persönlich die Ehre?« begrüßte er den unverhofften Besucher und hieß ihn an Bord der Berenice willkommen.

»Ich hatte sowieso in der Gegend hier zu tun, Captain, da war es ein Abmachen«, erwiderte Garrison, um weitere überflüssige Fragen Drydens abzubiegen, und ging dann sofort auf sein Ziel los. »Wo haben Sie das Mineral, von dem Sie berichteten? Ich will es mitnehmen.«

Captain Dryden führte ihn in seine Kabine und zeigte ihm dort alles, was er von dem merkwürdigen Stoff besaß. Erst einmal die Brocken selbst, die sein Maschinist ihm gebracht hatte, und dann jenes sonderbare Gebilde, das unter der Einwirkung des Wassers aus einem winzigen Stückchen entstanden war.

Vor einer Reihe von Tagen hatte Captain Dryden jenes Experiment gemacht, danach alles in den Schubladen seines Schreibtisches untergebracht und sich nicht weiter darum gekümmert. Damals hatte jener neue Stoff, der sich bei dem Zusatz von Wasser bildete, ungefähr wie ein etwas trüber Glasfluß ausgesehen und eine Härte gezeigt, an der die Messerklinge des Captains stumpf wurde, aber inzwischen hatte der Stoff schon wieder eine Veränderung erfahren. Er war weiter aufgequollen und hatte derart an Umfang zugenommen, daß Captain Dryden Mühe hatte, die Schublade aufzubekommen, in der er dieses Stück aufbewahrte.

Er erkannte es kaum wieder, als er es jetzt herausholte. Das Glas, in dem die Substanz sich damals befand, war durch den Quelldruck zersprengt; die Scherben lagen in der Schublade umher. Der Stoff selbst, auf etwa das Dreifache seines damaligen Volumens angewachsen, war undurchsichtig geworden und wies eine körnige Struktur auf.

Kopfschüttelnd sah sich Garrison das Stück an. »Das stimmt nicht mit Ihrem Bericht überein«, meinte er mit einem leisen Vorwurf.

»Das sehe ich selber, Mr. Garrison«, verteidigte sich Captain Dryden. »Es hat inzwischen eine weitere Umwandlung stattgefunden. Mag der Teufel wissen, wie das zugeht! Vielleicht können Ihre Chemiker es Ihnen erklären.«

»Es hat hier immer in der Schublade gelegen?« fragte Garrison, der selbst genug Chemiker war, um sich bestimmte Gedanken zu machen.

»Jawohl, Sir.«

»Hm, merkwürdig.« Garrison schwieg, während er in Gedanken allerlei Theorien wälzte. Nur der Sauerstoff der Luft oder der Stickstoff konnten diese Veränderung bewirkt haben. Es würde seine Aufgabe sein, das später herauszubekommen und darüber einen Bericht für das Institut zu schreiben.

Während er noch seinen Gedanken nachhing, hatte Captain Dryden aus einer anderen Lade ein Glas geholt und es mit Wasser gefüllt.

»Wir können den Versuch gleich noch einmal machen«, meinte er, und noch bevor Garrison ihn daran hindern konnte, hatte er ein Bröckchen von dem anderen Mineral in das Wasser geworfen.

»Meinetwegen denn«, gab Garrison seine Zustimmung, »aber die übrigen Stücke will ich so mitnehmen, wie sie sind.«

Er ließ sich in einem Sessel nieder, um den Vorgang zu beobachten, der sich genau in der gleichen Weise wie schon früher abspielte. Das Bröckchen löste sich in dem Wasser auf, und bald danach hielt Garrison das mit einer festen, fast durchsichtigen Masse gefüllte Glas in der Hand.

»Ebenso sah der Stoff auch damals aus«, sagte Captain Dryden. »Was inzwischen daraus geworden ist, sehen Sie hier«, er deutete auf den anderen sandsteinartigen Block.

»All right, Captain!« Garrison sprang auf. »Packen Sie mir bitte das alles ein, damit ich es mitnehmen kann.«

»Und meine Unkosten, Sir?« erlaubte sich Captain Dryden zu erinnern.

»Schreiben Sie mir alles auf, ich werde Ihnen den Betrag von Minneapolis aus anweisen lassen. Beeilen Sie sich bitte, ich habe wenig Zeit.«

Eine halbe Stunde später hob sich das Flugzeug, mit dem Mr. Garrison gekommen war, wieder vom Seespiegel ab, stieg auf und verschwand in südlicher Richtung, während die Berenice ihren Kurs nach Norden gemächlich weiter verfolgte.

Dr. Schmidt war in aller Herrgottsfrühe aufgebrochen. In seiner Begleitung befanden sich drei Mann von den Flugbootbesatzungen, die erfreut darüber waren, sich nach langer Zeit einmal wieder ordentlich die Beine vertreten zu können. Der Monteur Hagemann, das alte Faktotum Willes, befand sich unter ihnen. Außerdem hatte sich Georg Berkoff der Expedition angeschlossen. Obwohl Dr. Schmidt auf dessen Begleitung keinen besonderen Wert legte, hatte Berkoff alle Versuche, ihn abzuwimmeln, einfach überhört und war jetzt zusammen mit den anderen am Ostufer der Insel auf dem Marsch nach Süden begriffen.

In Abwesenheit des langen Schmidt hatte Dr. Wille die Überwachung der Vermessungsarbeiten übernommen. Darüber hinaus aber kümmerte er sich auch noch um etwas anderes, was Dr. Schmidt weniger interessiert hatte. Er besah sich sehr genau das geschossene Gestein, das nach jeder Sprengung aus dem Schacht zutage gefördert wurde. Zwischen den gelblichen und gelegentlich rötlichen Felsbrocken fiel ihm ein tiefschwarzes, pechartiges Mineral auf.

Dr. Wille ließ diese Stücke zusammentragen und von dem übrigen Fördergut getrennt aufschichten. Weiterhin gab er Auftrag, alles, was etwa noch von der gleichen Sorte zutage gebracht würde, ebenfalls dorthin zu bringen. Dann nahm er ein paar Stückchen davon mit in seinen Wohnraum, um sie zu untersuchen. Dabei fand er sehr schnell bestätigt, was er von Anfang an vermutet hatte. Das Mineral war ein hochwertiges Uranpecherz mit einem Gehalt von fast neunzig Prozent an Uranoxyden.

Im großen und ganzen war Dr. Wille in den Plan, den Professor Eggerth auf der Insel verfolgte, eingeweiht. Er wußte, daß es um etwas anderes und viel Größeres ging, als hier irgendwelche mehr oder minder wertvollen Erze zu entdecken.

Trotzdem konnte er es sich nicht versagen, den Professor aufzusuchen und ihm seinen Fund zu zeigen, und war fast ein wenig enttäuscht, als der ziemlich interesselos darüber hinwegging.

»Schon gut, mein lieber Doktor«, meinte Professor Eggerth am Schluß ihrer Unterredung, »was von dem Zeug beim Stollenvortrieb gewonnen wird, können Sie sammeln; in unseren Arbeiten wollen wir uns dadurch aber nicht aufhalten lassen. Es wäre verkehrt, wegen dieses Erzes auch nur einen einzigen überflüssigen Sprengschuß zu riskieren.«

Etwas verstimmt wollte Dr. Wille sich verabschieden, als Professor Eggerth, anscheinend schon wieder mit anderen Gedankengängen beschäftigt, ihm noch nachrief:

»Aber lassen Sie bitte alles Erz, das Sie finden, recht sichtbar in der Nähe des Schachtes aufstapeln. Es könnte für gewisse Fälle nützlich sein.«

Dr. Wille brummte etwas von überflüssiger Geheimnistuerei vor sich hin, während er sich wieder zum Schacht begab, um nach den Vermessungsarbeiten zu sehen.

Der Weg an der Ostseite der Insel am Ufer entlang hatte es, wie man so zu sagen pflegt, in sich. Unerbittlich brannte die Tropensonne auf die Wanderer herab, und in dem nachgiebigen Sand marschierte es sich nicht gerade bequem.

»Sie hätten besser getan, den Weg am Westufer zu wählen, Herr Doktor«, erlaubte sich Berkoff öfter als einmal zu bemerken.

Der lange Schmidt kniff die Lippen zusammen. Wenn auch widerstrebend, willigte er ein, im Schatten des Waldes, der hier nahe an den Strand herankam, Rast zu machen, bis die schlimmste Mittagshitze vorüber war. Ausgeruht brach der kleine Trupp in den Nachmittagsstunden wieder auf und erreichte noch geraume Zeit vor Sonnenuntergang die Südspitze der Insel.

Das Ziel, das sich Dr. Schmidt gesetzt hatte, war nicht zu verfehlen. Da erhob sich die überspringende Felswand. Unverkennbar waren die Überreste der unter ihrem Schutz angelegten Feuerstätte. Dicht daneben gähnte der Eingang zu der Höhle, die den beiden Versprengten der Carnegie-Expedition so lange als Obdach gedient hatte. Neugierig musterten die drei Leute von den Flugschiffsbesatzungen, die mancherlei über die Abenteuer von Smith und O’Brien gehört hatten, die Spuren eines Robinson-Lebens, die sich hier ihren Blicken boten.

»Wir wollen ein Feuer anmachen und erst mal vernünftig abkochen«, meinte Berkoff und fand bei den Flugschiffleuten lebhafte Zustimmung für seinen Vorschlag.

»Wie denken Sie darüber, Herr Doktor?« wandte er sich an Dr. Schmidt.

»Meinetwegen, Herr Berkoff«, sagte der in seiner wortkargen Manier, ließ seine Taschenlampe aufleuchten und begab sich damit in die Höhle.

»Ungenießbar, wie gewöhnlich!« murmelte Berkoff vor sich hin und machte sich mit den anderen daran, Reisig zusammenzusuchen und auf der alten Feuerstelle aufzuschichten. Schon griff er nach Zündhölzern, um das dürre Holz in Brand zu setzen, als ein Geräusch aus der Luft her ihn aufhorchen ließ. Lauschend blieb er stehen. Immer stärker wurde dieses Geräusch, deutlich ließ es sich jetzt bereits als Motorengeräusch erkennen. Ein Flugzeug mußte in nächster Nähe sein. Was hatte das zu bedeuten? Georg Berkoff wußte, daß in den nächsten Tagen kein Stratosphärenschiff zu erwarten war. Schickte Professor Eggerth ihnen eins von den auf dem Nordstrand liegenden Schiffen nach?

War Gefahr im Anzuge? War bei den Stollenarbeiten am Nordufer irgend etwas schiefgegangen? Rechnete der Professor mit einem neuen Ausbruch des Vulkans? Hatte er ein Schiff entsandt, um sie in Sicherheit zu bringen? Während Berkoff noch hin und her überlegte, entdeckten seine Augen das Flugzeug. Es kam direkt von Süden her; mit jeder Minute hob es sich deutlicher vom Tiefblau des Himmels, ab. Noch wunderte sich Berkoff darüber, daß es verhältnismäßig tief flog, als er auch schon Einzelheiten zu erkennen vermochte. Diese Maschine gehörte nicht zur Stratosphärenflotte.

Er winkte Hagemann zu sich hin, fragte ihn. »Was halten Sie von der Kiste da?«

»Scheint mir ein Ausländer zu sein«, erwiderte Hagemann nach kurzem Hinschauen. Berkoff nickte. »Ganz meine Meinung, Hagemann. Möchte wissen, was der hier bei uns zu suchen hat?«

Hagemann rümpfte die Nase und schnitt ein Gesicht. »Schnüffeln natürlich, Herr Berkoff, was könnten sie sonst wollen.«

Hagemann hatte offenbar die Erfahrungen, die er bei früheren Gelegenheiten machen mußte, noch nicht vergessen. Immer näher war inzwischen das Flugzeug herangekommen, und immer tiefer war es gegangen, jetzt berührte sein Rumpf eben 300 Meter vom Ufer entfernt die Seefläche. Einen kurzen Augenblick schäumte eine Welle vor seinem Bug auf, dann war seine Geschwindigkeit abgebremst, und es trieb langsam auf die Küste zu.

Aus einem instinktiven Gefühl heraus hatte sich Berkoff mit seinen Begleitern während der letzten Minuten so hinter einem Gebüsch gehalten, daß sie von dem fremden Flugzeug aus nicht gesehen werden konnten. Mit einem schnellen Stoß warf er jetzt den vor kurzem aufgebauten Holzstoß wieder auseinander und verschwand, die anderen hinter sich her ziehend, in der Höhle.

Am Eingang prallte er mit dem langen Schmidt zusammen, der gerade mit der Durchsuchung der Höhle fertig war und ins Freie wollte. Nur widerwillig ließ der Doktor sich in die Höhle zurückdrängen und wollte aufbegehren, als Berkoff ihm zurief:

»Ein fremdes Flugzeug hat eben gewassert. Wir wollen uns vorläufig nicht zeigen, sondern erst abwarten, was es vorhat.«

Das war aber durchaus nicht nach dem Geschmack von Dr. Schmidt. »Was bildet sich dieser Pilot ein?« brauste er auf. »Wenn er auf unserer Insel landen will, hat er sich an unsere Vorschriften zu halten. Eine Landung ist nur am Nordufer gestattet, wo sich die Regierungsvertretung befindet …«

»Wissen wir ja, Herr Ministerialrat«, versuchte Berkoff ihn zu beruhigen.

»Aber dieser Pilot scheint es nicht zu wissen«, fuhr Dr. Schmidt dazwischen.

»Er wird’s wohl auch wissen«, sprach Berkoff weiter. »Wenn er trotzdem an einer Stelle landet, wo er sich unbeobachtet glaubt, wird er seine Gründe dafür haben. Ich halte es für einen guten Zufall, daß wir gerade hier sind und ihm auf die Finger gucken können.«

Erst nach einigem Hin und Her ließ Dr. Schmidt sich davon überzeugen, daß der Vorschlag Berkoffs doch Hand und Fuß hatte. Zusammen mit den anderen wartete er im Hintergrund der Höhle ab, wie sich die Dinge weiter entwickeln würden.

Hagemann hatte mit seiner Vermutung, daß die Insassen des Flugzeuges gekommen wären, um zu schnüffeln, so ziemlich ins Schwarze getroffen. James Garrison hatte das dringende Verlangen, noch etwas Näheres über das Vorkommen jenes eigentümlichen Minerals zu erfahren und womöglich auch noch weitere Proben davon in seinen Besitz zu bringen. Deshalb hatte er nach dem Verlassen der Berenice den Kurs auf die Insel gesetzt. Daß er aber nicht die Nordküste anflog, obwohl er doch von Norden her kam, sondern die Insel in einem weiten Bogen umging und zunächst die Südspitze ansteuerte, hatte eine verhältnismäßig harmlose Ursache. Als nämlich Mr. O’Brien hörte, daß der Flug zur Insel ging, hatte er genau den gleichen Wunsch geäußert, den Smith brieflich Dr. Schmidt gegenüber zum Ausdruck brachte. Auch er wollte sich gern verschiedene Sachen, die er damals in der Wohnhöhle zurückgelassen hatte, wieder holen.

Einem anderen hätte Garrison den Wunsch wohl abgeschlagen. Mit O’Brien war es etwas anderes. Der wußte--das hatte Mr. Garrison sehr bald herausgefunden--doch mancherlei nicht Unwichtiges über das Tun und Treiben der Eggerthleute auf der Insel. Aber Patrick O’Brien war ein irischer Starrkopf und nicht immer geneigt, Fragen, die Garrison stellte, rückhaltlos zu beantworten. Wenn Mr. Garrison möglichst viel erfahren wollte, mußte er ihn bei guter Laune erhalten, und aus diesem Grunde war er bereit gewesen, dessen Bitte zu erfüllen. Die Früchte seines Entgegenkommens konnte Mr. Garrison bereits während des Fluges zu der Insel hin ernten. Nicht nur, daß der Ire ihm jetzt manche Frage beantwortete, der er vorher ausgewichen war, er erzählte dem aufhorchenden Garrison darüber hinaus auch noch Dinge, von denen der bisher keine Ahnung gehabt hatte.

Von einer mächtigen Eiskugel berichtete er, welche die Mannschaft eines zweiten Stratosphärenschiffes vor dem letzten Vulkanausbruch auf der Wiese am Bordstrand aufgebaut hätte; von einer großen Leinwandplane, von Wasserrohren und noch manchem anderen. Die Erzählung war ein wenig verworren, denn schließlich war Mr. O’Brien nur ein einfacher Motorschlosser. Aber bei dem Physiker Garrison rief sie doch gewisse Vorstellungen und Ideenverbindungen hervor, die von dem wirklich Geschehenen nicht allzu weit entfernt waren.

Von ihrem Standort in der Höhle aus sahen Dr. Schmidt und Berkoff, wie ein leichtes Metallboot von dem fremden Flugzeug abstieß und sich dem Ufer näherte. Jetzt hatte es den Strand erreicht. Zwei Männer sprangen an Land, zogen es ein Stückchen auf den Sand hinauf und gingen dann in Richtung Höhle weiter. Als sie die Rasenfläche erreichten, blieb der eine ein wenig zurück, während der andere mit schnellen Schritten vorauseilte. Dr. Schmidt kniff die Augen zusammen, um schärfer zu sehen.

»Täuschen mich meine Augen oder sehe ich recht?« flüsterte er Berkoff zu. »Das ist doch kein anderer als der Ire, der O’Brien, den wir kürzlich nach Europa mitgenommen haben … Was fehlt Ihnen, Herr Berkoff?«

Er versuchte seinen Arm frei zu machen, den Berkoff plötzlich mit einem festen Griff umklammerte. »Was haben Sie denn?«

»Sehen Sie den andern, Herr Dr. Schmidt? Kennen Sie ihn nicht wieder? Das ist doch unser alter Bekannter von der Antarktis. Na, das kann ja ein munteres Wiedersehen geben.«

Dr. Schmidt fand nicht mehr Zeit, zu antworten, denn in diesem Augenblick hatte O’Brien den Eingang der Höhle erreicht. Auch er hatte sich mit einer elektrischen Lampe versehen, die er beim Eintreten aufleuchten ließ.

»Ah, Mr. O’Brien persönlich. Was verschafft uns die Ehre Ihres Besuches?« begrüßte ihn Georg Berkoff. Einen kurzen Moment stutzte der Ire, als er im Lichtkegel seiner Lampe plötzlich fünf Menschen vor sich erblickte, aber er fand seine Fassung schnell wieder.

»Ich bin hierhergekommen, um mir mein Eigentum zu holen«, antwortete er so seelenruhig, als ob es die selbstverständlichste Sache von der Welt wäre, daß jemand von den Staaten eine Reise bis in die Südsee unternimmt, um sich ein paar verhältnismäßig wertlose Gebrauchsgegenstände zu holen.

»So? Deswegen sind Sie hier, Mr. O’Brien?« mischte sich Dr. Schmidt ein. »Ich habe gerade den Kram für Ihren Freund Smith zusammengepackt. Der Rest hier …«, auch Dr. Schmidt setzte seine Lampe in Betrieb und leuchtete damit in einen Winkel, »dürfte wohl Ihnen gehören.«

»All right, Doc!« sagte O’Brien und machte sich daran, das Wenige, was dort noch lag, zusammenzupacken.

Inzwischen war auch James Garrison bis zu der Felswand gekommen. Eine kurze Zeit blieb er an der Feuerstelle stehen und betrachtete nachdenklich das auseinandergeworfene Reiserholz.

»Merkwürdige Sache«, brummte Berkoff vor sich hin, »die Insel scheint auf alle, die einmal hier waren, eine unwiderstehliche Anziehungskraft auszuüben. Auch unsern Freund Garrison treibt’s wieder hierher. Na, wir wollen den Herrn mal begrüßen.«

Garrison fuhr zusammen, als er unversehens einen leichten Schlag auf die Schulter bekam. Als er sich umwandte, schaute er in das Gesicht Berkoffs.

»Was, Mr. Garrison«, sagte Berkoff lachend, »das ist eine Überraschung, daß wir uns nach so langer Zeit gerade auf diesem Inselchen treffen müssen.«

Garrison schnappte nach Luft. Er verstand die Anspielung, die in diesen Worten lag, sehr wohl.

»Ich hörte, daß Sie nicht mehr an der Sternwarte in Pasadena sind«, fuhr Berkoff fort. »Hoffentlich ist Ihnen inzwischen alles nach Wunsch gegangen?«

»Danke, Sir«, erwiderte Garrison kühl. »Wenn es Sie interessiert, ich bin gegenwärtig der Sekretär des Carnegie-Institutes in Minneapolis.«

Berkoff machte eine Verbeugung, von der sich schwer sagen ließ, ob sie ernst oder ironisch gemeint war.

»Meinen Glückwunsch, Mr. Garrison. Ich glaube, das ist ein feiner Job. Darf ich nebenbei erfahren, was uns die Ehre Ihres Besuches verschafft?«

»Ein Mitglied unserer Südsee-Expedition hatte hier einige Sachen zurückgelassen«, begann Garrison zögernd.

»Ich verstehe, Mr. Garrison, Sie sind gekommen, um die zu holen«, sagte Berkoff zynisch. Das Dazwischentreten von Dr. Schmidt enthob Garrison der Notwendigkeit, Berkoff zu antworten. Noch um ein Beträchtliches steifer und gravitätischer als sonst trat Dr. Schmidt auf Garrison zu.

»Ist es Ihnen bekannt, Mr. Garrison«, begann er ohne jede weitere Einleitung, »daß Sie sich hier auf deutschem Gebiet befinden?«

»Yes, Sir«, sagte Garrison und machte einen Versuch, ihm die Hand zu schütteln. Der lange Schmidt zog seine Rechte ostentativ zurück.

»Ministerialrat Dr. Schmidt, wenn ich bitten darf, Mr. Garrison«, sagte er mit einer hölzernen Verbeugung.

»Oh, ich gratuliere Ihnen zu dem schönen Titel«, sagte Garrison, der nicht recht wußte, was er aus dem Doktor machen sollte.

»Ich spreche als Vertreter der Regierung zu Ihnen«, fuhr Schmidt fort.

»All right, Sir«, sagte Garrison.

»Ist Ihnen bekannt, Mr. Garrison, daß fremden Schiffen und Flugzeugen nur die Landung an der Nordküste erlaubt ist?« fragte Dr. Schmidt weiter.

Garrison zuckte die Schultern. »Ich glaube nicht, Sir, daß der südliche Teil Ihres ›Hoheitsgebietes‹ Schaden erleidet, wenn wir uns hier ein paar Dinge, die unser Eigentum sind, abholen. Im übrigen werden wir sofort wieder starten.«

Dr. Schmidt fing an, sich zu ärgern. Er ärgerte sich, weil der Amerikaner ihm geflissentlich seinen Titel vorenthielt. Er erboste sich über die Art und Weise, wie der Besucher das Wort ›Hoheitsgebiet‹ aussprach, und er war schließlich wütend darüber, daß er ihm innerlich recht geben mußte. Aber der lange Schmidt konnte bei Gelegenheiten störrisch wie ein Waldesel sein.

»Sie haben gegen unsere Bestimmungen verstoßen, Mr. Garrison«, fuhr er in höchst amtlichem Ton fort. »Ich erkläre hiermit Ihr Flugzeug für beschlagnahmt. Sie werden es nach dem Nordufer zu bringen haben, wo wir den Fall weiter untersuchen werden.«

Bisher hatte Georg Berkoff aus kurzer Entfernung dem Gespräch zugehört Jetzt zog er sich zurück und winkte zwei von den Werkleuten, ihm zu folgen. Hinter einem Gebüsch ein kurzes Raunen und Flüstern zwischen den dreien. Die beiden Werkleute griffen nach ein paar Kästen, die sie mitgebracht hatten, und folgten Berkoff, bis sie hinter einer Felsecke aus der Sicht von Schmidt und Garrison waren.

Ein Antennendraht wurde dort in eine Baumkrone geworfen. Die Kisten wurden geöffnet. Es wurde an ihnen geschaltet, Abstimmknöpfe wurden gedreht, und dann hatte Berkoff eine Funkverbindung mit Lorenzen an der Nordküste und ließ sich seinen Freund Hein Eggerth rufen. Was nun von den beiden ins Mikrophon gesprochen wurde, war inhaltsreich, aber nur kurz.

Nach knapp drei Minuten erschien Berkoff wieder auf der Bildfläche, um sich den Disput zwischen Garrison und Dr. Schmidt weiter mit anzuhören.

»Protestieren können Sie drüben am Nordufer, Mr. Garrison«, erklärte der lange Schmidt eben. »Vorläufig bleibt Ihr Flugzeug beschlagnahmt, und Sie werden es dorthin bringen.«

»Ich weigere mich, Sir! Vergessen Sie nicht, daß Sie es mit einem amerikanischen Bürger zu tun haben«, brauste Garrison auf.

»Ich werde Ihnen eine Prisenmannschaft an Bord geben, damit Sie auch sicher hinkommen«, fuhr Schmidt unbeirrt fort.

»Unmöglich, Sir«, wehrte sich Garrison. »Mein Flugzeug kann höchstens noch eine Person an Bord nehmen. Mehr vermag es nicht zu tragen.«

»Dann werde ich Ihnen eine Person mitgeben. Den Anweisungen dieser Persönlichkeit haben Sie bis zu Ihrer Landung am Nordufer Folge zu leisten.« Dr. Schmidt sah in seinem Eifer das hämische Lächeln nicht, das bei seinen Worten über Garrisons Züge lief, aber Berkoff bemerkte es. Noch einmal hatte er mit seinen beiden Werkleuten hinter dem Gebüsch etwas zu flüstern, dann trat er wieder zu Schmidt und Garrison.

»Herr Berkoff«, wandte sich der Doktor an ihn, »Sie werden als Regierungsbeauftragter Mr. Garrison zur Nordküste begleiten. Bis zur Landung dort steht das fremde Flugzeug unter Ihrem Kommando. Die Besatzung ist verpflichtet, Ihren Anweisungen ohne Widerrede Folge zu leisten.«

»Sehr wohl, Herr Ministerialrat«, sagte Berkoff und betonte den Amtstitel des Doktors dabei derartig, daß Garrison sich im stillen darüber wunderte.

»Gehen Sie jetzt an Bord und starten Sie! Ich werde mit den anderen Leuten wieder zu Fuß zurückkehren«, schloß Dr. Schmidt die Verhandlung.

Berkoff ging, von dem Amerikaner und von O’Brien gefolgt, zum Ufer hinab. Sie machten das Boot klar und legten wenige Minuten später bei dem Flugzeug an. An der Seite von Garrison betrat Berkoff die Kabine. Garrison deutete mit einer einladenden Bewegung auf einen Sessel.

»Nehmen Sie bitte Platz, Mr. Berkoff. Darf ich Ihnen eine Erfrischung bringen lassen?«

Berkoff nickte. »Wenn Sie einen Whisky-Soda an Bord haben, wäre ich nicht abgeneigt, Mr. Garrison.«

Während ein Mann der Besatzung das Gewünschte auf den Tisch stellte, startete die Maschine bereits. Eine kurze Zeit jagte ihr Rumpf noch über die Wasserfläche dahin, dann hob er sich von ihr ab und stieg in die Luft.

»Auf Ihr Wohl, Mr. Garrison«, prostete Berkoff dem Amerikaner zu und nahm einen Schluck aus seinem Glas.

»Auf Ihr Wohl, Mr. Berkoff«, tat ihm Garrison Bescheid. »Ich freue mich, daß ich heute die Gastfreundschaft erwidern kann, die ich vor Jahren einmal in der Gegend hier an Bord von ›St 8‹ von Ihrer Seite genießen durfte.«

Berkoff stellte sein Glas auf die Tischplatte und warf Garrison einen prüfenden Blick zu. Was hatte der im Sinn, daß er jetzt auf diese alte Geschichte zurückkam?

Bisher hatten sie es doch wie in einem stillen Einvernehmen stets vermieden, davon zu sprechen, obwohl sie inzwischen öfter als einmal zusammengekommen waren.

»Ja, mein lieber Herr Berkoff«, Garrison lehnte sich bequem in seinen Sessel zurück, »die Rollen sind heute vertauscht, damals hatten Sie mich an Bord, heute sind Sie in meinem Flugzeug …« Garrison brach ab und blickte nachdenklich in sein Glas.

Der lächerliche Kerl, dieser lange Doktor, hatte ihm befohlen, an der Nordküste zu landen. An und für sich lag das durchaus in seinem Plan. O’Brien hatte bereits genaue Instruktionen von ihm bekommen, nach was für Mineralien er sich dort umsehen sollte, während er, Garrison, bei Professor Eggerth und Dr. Wille einen Besuch machte. Aber jetzt kam ihm eine andere Idee. Damals hatten Hein Eggerth und Berkoff ihn und seinen Kumpan Bolton mit ›St 8‹ in die Südsee verschleppt und auf einer einsamen Insel abgesetzt. Jetzt bot sich die Gelegenheit zur Revanche. Nach seiner Erinnerung gab es einige hundert Kilometer südlich verschiedene unbewohnte Atolle, kleine Koralleninseln, die mit Süßwasser und einigen Kokospalmen Lebensmöglichkeiten für einen einzelnen Menschen boten …

»Entschuldigen Sie mich für einen Augenblick, Mr. Berkoff.« Er stand auf und begab sich in den Pilotenraum. Sowie sich die Tür hinter ihm geschlossen hatte, sprang auch Berkoff auf, schaute abwechselnd durch die Fenster an Steuer- und an Backbord und blickte suchend zum Himmel empor. Befriedigt kehrte er auf seinen Platz zurück, nachdem er in dem wolkenlosen Blau des Firmaments einen winzigen schimmernden Punkt entdeckt hatte.

Bisher hatte das Flugzeug einen Kurs Nordost zu Nord verfolgt. Durch die Backbordfenster leuchtete die bereits tief am Horizont stehende Sonne hinein. Jetzt begann der Sonnenball am Himmel zu wandern, bis er nach kurzer Zeit die Scheiben der Steuerbordfenster anstrahlte. Berkoff pfiff durch die Zähne, als er die Wandlung bemerkte, und dann kam Mr. Garrison zurück.

Nach wie vor versuchte er den liebenswürdigen Wirt zu spielen, obwohl eine gewisse Zerstreutheit an ihm unverkennbar war. Während er vor sich hin grübelte, klang die Stimme Berkoffs an sein Ohr.

»Mr. Garrison, Sie haben Befehl, nach dem Nordstrand zu gehen. Ich kann es nicht dulden, daß Sie den Kurs nach Süden setzen.«

Die Miene Garrisons änderte sich. »Sie vergessen, Mr. Berkoff, daß Sie sich an Bord meines Flugzeuges und außerhalb Ihrer Hoheitsgrenzen befinden«, sagte er schroff. »Hier gilt nur mein Befehl.«

»Ich kann es nicht dulden, Mr. Garrison«, wiederholte Berkoff seine letzten Worte, während er wieder durch das Fenster blickte.

»Dann dulden Sie es meinetwegen nicht«, knurrte Garrison bissig. Berkoff erhob sich und ging zu einem der Fenster an Backbord. Er machte sich an dem Verschluß zu schaffen und öffnete es. Dann griff er in die Tasche, zog ein in grellen Farben gemustertes Taschentuch heraus und winkte damit ins Freie.

»Was treiben Sie da, Mr. Berkoff?« Auch Garrison war aufgesprungen und eilte zu dem offenen Fenster. Er griff nach Berkoffs Arm, wollte ihn zurückreißen und blieb wie erstarrt stehen. Nur seine Augen bewegten sich und folgten dem, was sie soeben erblickt hatten.

Ein Stratosphärenschiff der Eggerth-Reading-Werke war es. Eine mächtige Maschine, der gegenüber sein Flugzeug fast winzig erscheinen mußte. Nur wenig höher als dieses kam das Flugschiff von Norden herangebraust, und nur wenige hundert Meter war es noch hinter ihm.

Während Garrisons Blicke an dem schimmernden Bau hingen, sah er noch etwas anderes, das ihn erblassen ließ. Aus der Unterseite des Rumpfes reckten sich plötzlich vier lange Greiferarme heraus. Wie aus weiter Ferne vernahm Garrison die Stimme Berkoffs:

»Wollen Sie den Kurs nach Norden setzen lassen, Mr. Garrison oder …«

»Oder, Herr Berkoff?«

»Sie werden von ›St 25‹ auf Nordkurs gesetzt werden.«

Das Stratosphärenschiff war nicht mehr zu sehen. Es mußte sich bereits direkt über ihrer Maschine befinden.

»Sie haben noch zwei Minuten Zeit, Mr. Garrison, um freiwillig zu wenden«, sagte Berkoff mit einem Blick auf die Uhr.

»Das ist Vergewaltigung! Das grenzt an Luftpiraterie!« begehrte Garrison noch einmal auf.

»Ich empfehle Ihnen dringend, Befehl zum Wenden zu geben«, unterbrach ihn Berkoff, ohne den Blick vom Zifferblatt seiner Uhr zu lassen.

»Ich protestiere dagegen«, keuchte Garrison heiser vor Erregung. »Ich warne Sie, Herr Berkoff! Die Folgen für Sie werden sehr ernste …« Er brachte den Satz nicht zu Ende. Das Flugzeug bekam einen plötzlichen Stoß. Von außen her kam ein Geräusch, wie wenn Metall auf Metall klirrt. Die vier Greifer von ›St 25‹ hatten den Rumpf der Maschine gefaßt und hielten ihn mit unwiderstehlicher Kraft fest.

Schon begann sich die Sonne wieder am Horizont zu bewegen. Eben noch fielen ihre Strahlen von der Steuerbordseite in den Raum, jetzt leuchtete sie schon wieder von der anderen Seite her. Und dann wurde die Tür vom Steuerraum aufgerissen. Erschreckt, verwirrt, fassungslos erschien der Pilot in ihrem Rahmen, wollte etwas sagen, wollte etwas fragen, brachte nur unzusammenhängende Worte hervor und bekam keine Antwort. James Garrison hatte sich in seinen Sessel fallen lassen, sein Oberkörper lag über die Tischplatte gebeugt, seinen Kopf verbarg er in den Händen. Der Pilot wollte zu ihm gehen, als Berkoff ihm entgegentrat.

»Geht alles in Ordnung, Sir«, sagte Berkoff. »Setzen Sie Ihren Motor still; ›St 25‹ bringt Sie zum Nordufer.«

In dem Amtshaus am Nordufer saßen Professor Eggerth und Dr. Wille zusammen. Den Stoff für ihre Besprechung gaben die Funksprüche ab, die Lorenzen vor kurzem von der Südspitze her empfangen hatte.

»Es ist töricht von Dr. Schmidt!« sagte der Professor verdrießlich, während er ein Depeschenblatt auf den Tisch warf, »warum hat er die Leute nicht einfach wieder absausen lassen? Dann wären wir sie jetzt los. So kann es noch unnötige Scherereien geben.«

Dr. Wille zuckte die Schultern.

»Der gute Schmidt ist manchmal unberechenbar«, erwiderte er zögernd. »Mag der Himmel wissen, was er sich dabei gedacht hat. Nun, wir werden es ja hören, wenn er zurückkommt.«

In diesem Augenblick kam ein Bote von Lorenzen und legte einen neuen Funkspruch vor Professor Eggerth hin. Der las ihn und krauste die Stirn.

»Da haben wir die Geschichte, Herr Dr. Wille. ›St 25‹ hat die andere Maschine mit ihren Greifern gefaßt und bringt sie zwangsweise hierher.«

Dr. Wille griff nach der Depesche. »Mußte das sein?« fragte er.

»Leider, Herr Doktor. Es ist genauso gekommen, wie ich es gefürchtet habe. Mr. Garrison hat natürlich versucht, sich nach Süden zu verdrücken und unsern Berkoff Gott weiß wohin zu entführen. Das durfte selbstverständlich nicht sein; ›St 25‹ mußte einschreiten, aber wir können Mr. Garrison in etwa zehn Minuten hier erwarten und wissen nicht genau, was Dr. Schmidt eigentlich mit ihm vorgehabt hat. Keine sehr erfreuliche Situation für uns, Herr Doktor.«

Jetzt wurde es auch Dr. Wille unbehaglich zumute. »Wie sollen wir uns zu dem Fall stellen, Herr Professor?«

Professor Eggerth blickte durch das nach Westen gehende Fenster. Die Sonne stand bereits dicht über dem Horizont; in wenigen Minuten würde sie ihn berühren, und kurz darauf würde die Tropennacht anbrechen.

»Ich denke, Herr Dr. Schmidt wird an der Südspitze, vielleicht in der Wohnhöhle unserer Freunde Smith und O’Brien, übernachten und sich erst morgen früh auf den Heimweg machen. Ja, das ist ganz gut so, Herr Dr. Wille, auf die Weise kann er unser Konzept nicht verderben. Ich schlage vor, daß wir Mr. Garrison freundschaftlich empfangen und das Ganze als ein bedauerliches Mißverständnis hinstellen …«

In Dr. Wille begann sich der Staatskommissar zu regen. »Etwa eine offizielle Entschuldigung, Herr Professor? Ich glaube, daß dafür keine Veranlassung vorliegt. Mr. Garrison hat nun einmal gegen unsere Bestimmungen verstoßen, darin muß ich Herrn Dr. Schmidt recht geben.«

»Keine Entschuldigung«, beruhigte ihn der Professor, »am wenigsten eine offizielle. Mr. Garrison hat bestimmt kein ganz reines Gewissen; er wird zufrieden sein, wenn wir die Sache bei einem Glas Wein durch ein Gentlemen-Agreement aus der Welt schaffen.«

»Sehr gut, Herr Professor«, pflichtete ihm Dr. Wille bei, »es wäre mir angenehm, wenn Sie das mit Mr. Garrison so erledigen wollten, daß ich amtlich nichts damit zu tun bekomme.«

»Gern, Herr Doktor. Ich denke, das werden wir schnell ins Lot bringen. Bedenklicher bleibt der andere Umstand, daß wir den Amerikaner und seine Leute dann aber hierhaben. Sie wissen ebensogut wie ich, daß Mr. Garrison reichlich neugierig ist. Wir müssen Sorge tragen, daß er uns nicht in die Karten guckt.«

»Das wird nicht ganz einfach sein«, meinte Dr. Wille zweifelnd. »Wenn wir ihn als unsern Gast behandeln, können wir ihm nicht ständig einen Aufpasser zur Seite geben.«

Professor Eggerth lächelte. »Haben Sie noch viel von dem Uranerz gefunden?« fragte er unvermittelt. Dr. Wille nickte.

»O ja, etwa anderthalb bis zwei Kubikmeter sind noch hinzugekommen. Dieser schwarze Stapel ist recht augenfällig. Mr. Garrison wird ihn bestimmt nicht übersehen, wenn wir ihn nicht noch schnell verdecken.«

Professor Eggerth schüttelte energisch den Kopf. »Aber nein, Herr Doktor! Er soll ihn sehen; er soll daran schnuppern, am liebsten wäre mir’s, wenn er einiges davon beiseite schaffte.«

Dr. Wille machte ein bedenkliches Gesicht. »Ich weiß nicht recht, Herr Professor. Es handelt sich um ein außergewöhnlich hochwertiges Uranerz. Andere Leute könnten danach Appetit auf unsere Insel bekommen. Ich deutete Ihnen bereits an, daß uns auswärtige Verwicklungen gerade jetzt unerwünscht sind.«

Professor Eggerth lachte. »Nur für die nächsten acht Tage noch, Herr Dr. Wille, und so schnell werden keine Verwicklungen kommen, nachher …«

»Ja, nachher, Herr Professor?« fiel Dr. Wille fragend ein.

»Nachher, Herr Doktor--um einmal ein amerikanisches Sprichwort anzuwenden--wird Mr. Garrison merken, daß der Hund unter einem falschen Baum gebellt hat.«

Das dumpfe Dröhnen der Hubschrauben von ›St 25‹ drang in den Raum. Gefolgt von Wille eilte Professor Eggerth ins Freie. Langsam kam ›St 25‹ heran. Dicht über dem Boden schwebte der mächtige Rumpf dahin. Zentimeter um Zentimeter sank er tiefer. Die Greifer des Stratosphärenschiffes streckten sich nach unten und gingen auseinander, während seine Hubmotoren von neuem aufbrüllten. Frei lag das amerikanische Flugboot auf dem Rasen, während ›St 25‹ sich zu seinem Liegeplatz hin bewegte.

Die kurze Dämmerung ging inzwischen in das Dunkel einer mondlosen Tropennacht über, doch schon flammten auf hohen Masten die starken Lampen auf und übergossen das Gelände vom Schachtbau bis zu den Stratosphärenschiffen hin mit einer verschwenderischen Lichtfülle. Eine Tür des amerikanischen Flugbootes wurde geöffnet. Als erster sprang Berkoff auf den Rasen und eilte dem Professor und Dr. Wille entgegen.

»Mr. Garrison ist auf Höchstspannung geladen«, flüsterte er dem Professor zu. »Vorsicht bitte, damit er nicht explodiert.«

Professor Eggerth gab Wille einen Wink, zurückzubleiben und ging allein weiter. Er kam eben zurecht, um Garrison beim Verlassen seiner Maschine behilflich zu sein. Dieser hätte gerne darauf verzichtet, aber er kam ins Stolpern und wäre gefallen, wenn Professor Eggerth nicht mit kräftiger Hand zugegriffen hätte, und nachdem Garrison diese Hand einmal in der seinen hielt, mußte er auch wohl oder übel den Händedruck erwidern, mit dem ihn der Professor begrüßte.

So war das erste Eis gebrochen; zwar versuchte Mr. Garrison, während er an Professor Eggerths Seite auf das Regierungsgebäude zuschritt, es zunächst noch, sich über Zwang und Gehalt zu beklagen, aber er gab es schnell auf, als Professor Eggerth ihn bat, dieses Mißverständnis auf sich beruhen zu lassen und sich hier als ein willkommener Gast zu betrachten. Dr. Wille und Berkoff, die ein paar Dutzend Schritte zur Seite standen, konnten mit Befriedigung beobachten, wie die gereizte Stimmung des Besuchers sich zusehends besserte.

»Das hat unser Professor mal wieder großartig gemacht, Herr Doktor«, meinte Berkoff anerkennend.

Zu viert saßen sie in dem behaglichen Speiseraum um den runden Tisch. Das Essen war gut, der Wein über jedes Lob erhaben, und bald waren Dr. Wille und Mr. Garrison in ein Gespräch verwickelt, das sich in der Hauptsache um mineralogische und geologische Dinge drehte.

»Sie sitzen hier auf einem etwas gefährlichen Boden, Herr Doktor«, sagte Garrison, während er sein leeres Glas auf den Tisch zurückstellte.

»Ich kann Ihnen nicht widersprechen, Mr. Garrison. Unsere alte Erde scheint gerade hier noch nicht ganz zur Ruhe gekommen zu sein«, erwiderte Dr. Wille. »Aber …«, er zuckte die Schultern, »es hat seine Nachteile, aber auch seine Vorzüge.«

»Wieso Vorzüge?« fragte Garrison neugierig. Dr. Wille nahm erst einen Schluck aus seinem Glas, bevor er zu einem kleinen Vortrag ansetzte. »Der Vulkanismus, Mr. Garrison, so unbequem er auch gelegentlich werden kann, bringt doch aus den Eingeweiden der Erde Minerale und Erze zutage, die uns sonst stets unerreichbar bleiben würden …« Der Amerikaner hing an den Lippen Willes, der gemächlich weitersprach. »Wir vermuteten bereits etwas Derartiges, als wir uns entschlossen, die Insel in Besitz zu nehmen. Inzwischen haben unsere Erwartungen ihre Bestätigung gefunden.«

Dr. Wille machte eine kurze Pause, weil von draußen her der Donner einer neuen Explosion in den Raum drang.

»Was war das?« fragte Garrison verwundert.

»Sprengungen in unseren Schächten und Stollen, Mr. Garrison. Wir gehen den Stoffen, die der Vulkanismus aus der Tiefe nach oben brachte, bergmännisch zu Leibe.«

»Ist es möglich, Ihre Arbeiten an Ort und Stelle zu besichtigen?« Garrison sah Wille fragend an. Der zog ein bedenkliches Gesicht. Professor Eggerth mischte sich ein.

»Ich glaube, Herr Doktor, daß dem Besuch unserer Stollen durch Mr. Garrison nichts im Wege steht.«

Ein wenig zögernd stimmte Dr. Wille dem Vorschlag des Professors bei, während Garrison seine Freude über die Einladung nicht verhehlte.

Gleich nach der Beendigung ihrer Mahlzeit brachen sie auf. Mit Luchsaugen betrachtete Mr. Garrison die Halden, aber seine Erwartungen wurden enttäuscht. Was hier lag und was polternd und rasselnd aus den Loren herausfiel, war ausnahmslos taubes Gestein.

In der stillen Hoffnung, doch noch etwas für ihn Wissenswertes zu entdecken, ließ Garrison seine Blicke in die Runde gehen. Eine Beleuchtungsanlage an den Hängen des Vulkans fiel ihm auf; eine Reihe von Starklichtlampen zog sich etwa 100 Meter unterhalb des Berggipfels wie eine leuchtende Perlenschnur entlang, und wenn das Rollen und Rasseln der Loren in seiner Nähe einmal für kurze Zeit verstummte, glaubte er von dorther das Rattern von Bohrmaschinen zu vernehmen. »Sie arbeiten auch dort oben am Vulkan?« fragte er Professor Eggerth.

»Wir versuchen es überall, Mr. Garrison, wo wir nach unserer Theorie Aussicht haben, etwas für uns Wertvolles zu finden«, beantwortete der Professor seine Frage.

»Ein etwas riskantes Unterfangen, Herr Professor. Wenn Sie dabei auch nur einen Meter zu weit gehen, kann Ihnen die glü hende Lava über den Hals kommen.« Garrison wollte noch weiter sprechen, als etwas anderes seine Aufmerksamkeit fesselte; ein Stapel von tiefschwarzen, fettig glänzenden Gesteinsbrocken war es, der ihn stutzen ließ. Professor Eggerth sah es und beeilte sich, ihm eine Erklärung zu geben.

»Da sehen Sie schon etwas von den Schätzen der Tiefe. Hier haben wir ein fast chemisch reines Uranoxyd. Nach unserer Theorie mußte es in der nächsten Nähe des Kraterschlauches vorhanden sein, doch zu unserer Überraschung sind wir schon früher darauf gestoßen.«

»Aber Sie können doch die hochwertige Pechblende von Joachimstal bequemer erhalten«, warf der Amerikaner ein. »Trotzdem, Mr. Garrison, versprechen wir uns auch von diesem Erzvorkommen hier etwas, denn es ist noch vollwertiger als das Joachimstaler Uran.«

Garrison schwieg. In der Tat war auch das, was ihm jetzt durch den Kopf ging, für eine Mitteilung wenig geeignet. Hoffentlich hat auch O’Brien den Stapel hier gesehen und einiges davon beiseite gebracht, dachte er bei sich. Sie waren inzwischen bis zum Schacht gekommen, und wieder nahm etwas Neues die Aufmerksamkeit Garrisons in Anspruch.

»Was haben Sie denn hier?« fragte er Professor Eggerth.

»Das scheint ja eine nicht gerade kleine Betonmischmaschine zu sein.«

Der Professor zögerte mit der Antwort. Daß man hier bereits alle Vorbereitungen getroffen hatte, um den Schachtmund zur gegebenen Zeit durch einen mächtigen Betonpfropfen hermetisch zu verschließen, durfte er Mr. Garrison ja nicht verraten.

Während er noch nach einer Ausflucht suchte, kam ihm Berkoff zu Hilfe.

»Wir müssen in der Nähe des Vulkans mit dem Auftreten von Bergdruck rechnen«, erklärte er rasch. »Dagegen gibt es nur ein Mittel, die davon betroffenen Stollenteile möglichst schnell mit Eisenbeton auszukleiden. Für den Zweck haben wir die Anlage hier bereitgestellt.«

Die Ausrede war geschickt gewählt und wurde in einem so unverfänglichen Ton vorgebracht, daß Garrison sie gutgläubig hinnahm.

»Unsere Fördervorrichtung ist noch etwas primitiv, aber für die geringe Teufe von 50 Metern genügt sie«, sagte Professor Eggerth entschuldigend, als sie zu viert in einen schwankenden Förderkorb kletterten. Langsam ging die Motorhaspel an. Der Korb glitt in die Tiefe und setzte nach kurzer Fahrt mit einem leichten Stoß auf.

Sie standen in einem größeren aus dem Gestein ausgesprengten Gewölbe, von dem nach entgegengesetzten Richtungen zwei Stollen ausgingen.

»Wir wollen den Stollen nach dem Vulkan zu begehen«, schlug Professor Eggerth vor.

»Ganz wie Sie meinen, Herr Professor«, sagte Garrison und schritt an seiner Seite den geräumigen und gut beleuchteten Stollen entlang, während sein Hirn fieberhaft arbeitete. Die Stimme Professor Eggerths riß ihn aus seinem Nachdenken.

»Sehen Sie hier, Mr. Garrison«, sagte er und deutete auf schwarze Adern in der Stollenwand. »Hier haben wir bereits das erste Uranvorkommen, obwohl die Stelle noch 100 Meter von dem Kraterschlauch entfernt ist.«

Er mußte seinen Mund dicht an Garrisons Ohr bringen, um sich verständlich zu machen, denn immer stärker wurde jetzt der Lärm der Stoßbohrmaschinen, die am Stollenende in rasendem Spiel auf das Gestein einhämmerten.

Gespannt musterte Mr. Garrison die Stollenwand, in der Hoffnung, hier noch andere Erze zu entdecken, aber er wurde enttäuscht. Nur ein taubes, ein wenig an Bimsstein erinnerndes Mineral war es, das den Fels bildete und in das die Bohrer der Maschinen sich verhältnismäßig schnell und leicht hineinfraßen.

Und dann verstummte der Lärm plötzlich mit einem Schlage.

Die Bohrer wurden aus dem Gestein herausgezogen, die Maschinen auf Loren gepackt und von den Werkleuten zurückgefahren. Fast unwahrscheinlich wirkte die plötzliche Stille. Minuten verstrichen, bis das Gehör sich von dem vorhergegangenen Lärm erholte und wieder fähig wurde, auch leisere Geräusche wahrzunehmen. Immer noch glaubte Garrison ein dumpfes Brausen zu vernehmen. Er hielt es zunächst noch für einen Nachhall, glaubte, daß es bald verschwinden würde, aber das eigenartige Geräusch hielt an.

Berkoff beobachtete mit stillem Vergnügen, wie Garrison seinen Kopf hin und her wandte und sich fragend umsah. »Sie können es noch besser hören, Mr. Garrison, wenn Sie das Ohr hier an die Stollenwand legen«, sagte er und zog den Amerikaner dicht an den mit Bohrlöchern besetzten Ort. »Sehen Sie, so müssen Sie’s machen, dann wird es viel deutlicher.« Er brachte seinen Kopf dicht an eins der Bohrlöcher, und Garrison folgte seinem Beispiel. Aber erschrocken fuhr er im nächsten Augenblick zurück.

»Was ist das, Herr Berkoff?« stammelte er bestürzt. Berkoff lachte. »Nichts anderes als unser Vulkan, Mr. Garrison. Hier hört man die Lava schon recht deutlich brodeln und kochen, obwohl wir immer noch 20 Meter von ihr ab sind.«

Ein unheimliches Gefühl überkam Garrison. Nur noch 20 Meter Gestein und dahinter weißglühende flüssige Lava in unendlicher Menge. Was würde geschehen, wenn die Wand dem Druck nicht standhielt?

Jetzt packte ihn sogar Grauen, als er sah, wie die Werkleute Sprengstoffpatronen heranbrachten und die Bohrlöcher damit zu laden begannen. Er fühlte, wie ihm der kalte Schweiß ausbrach. Weg von hier! Fort aus dieser Hölle! waren die einzigen Gedanken, die sein Hirn noch zu fassen vermochte. Wie eine Erlösung klangen ihm die Worte Professor Eggerths: »Wir wollen zurückgehen, Mr. Garrison, es wird hier bald gesprengt werden.«

»Ja, gehen wir zurück, Herr Professor.« Noch während er es sagte, wandte er sich um und begann den Weg in einem Tempo zurückzuschreiten, daß die anderen Mühe hatten, ihm zu folgen.

Vergeblich versuchte ihn Professor Eggerth hier und dort auf silber- und kobalthaltige Erzadern in den Stollenwänden aufmerksam zu machen. Mr. Garrison hatte plötzlich alles Interesse an mineralogischen Gesprächen verloren. Ohne sich aufhalten zu lassen, hastete er weiter, bis sie den Füllort erreichten. »Ist Ihnen nicht wohl, Mr. Garrison?« fragte ihn Professor Eggerth, dem sein verändertes Aussehen auffiel. Garrison antwortete erst, nachdem der Förderkorb sich wieder in Bewegung gesetzt hatte.

»Ich weiß nicht, Herr Professor … die dumpfe Luft im Stollen … Ich fühle mich etwas benommen, ich denke, es wird vorübergehen.«

»Es wird der ungewohnte Luftdruck sein«, mischte Dr. Wille eich ein, »wir waren immerhin einige hundert Meter unter der Erdoberfläche.«

»Ja, ja, der Luftdruck«, murmelte Berkoff vor sich hin. Er wandte sich, während er es sagte, zur Seite, damit die anderen nicht das Gesicht sehen konnten, das er dabei machte. Der Kübel hatte den Schachtmund erreicht und hielt an. In tiefen Zügen sog Garrison die frische Nachtluft ein. Er fühlte, wie das Grauen, das ihn dort unten überfallen hatte, allmählich von ihm wich. Langsam schritt er neben Dr. Wille an den Halden entlang. Schon hatten sie wieder den halben Weg zu dem Verwaltungsgebäude zurückgelegt, als ein schwerer Donner hinter ihnen aufgrollte. Professor Eggerth zog seine Uhr und blickte auf das Zifferblatt.

»Auf die Minute pünktlich«, sagte er zu Garrison. »Wir kommen mit unserer Arbeit planmäßig weiter.«

Garrison schwieg.

Am Portal des Verwaltungsgebäudes lud ihn Professor Eggerth ein, über Nacht zu bleiben, doch so verlockend er ihm auch die Fremdenzimmer in dem neuen Hause schilderte, Mr.

Garrison hatte alle Lust dazu verloren. Er bat darum, sich jetzt verabschieden zu dürfen, um nach den Staaten zurückzukehren. Der Professor zuckte die Schultern. »Wie Sie wünschen, Mr.

Garrison. Ihre Maschine liegt schon wieder startbereit auf dem Wasser. Wir haben uns auch die Freiheit genommen, Ihre Treibstofftanks frisch aufzufüllen. Ich denke, Sie werden darüber nicht böse sein.«

Mr. Garrison bedankte sich lebhaft.

Sie waren inzwischen an den Strand gekommen. Mit Vergnügen sah Mr. Garrison sein Flugzeug, das vom Ufer her von zwei Scheinwerfern angestrahlt wurde, in nicht allzugroßer Entfernung auf dem Wasser liegen und erblickte am Ufer selbst ein flachgehendes Leichtmetallboot. Berkoff stieg hinein und ließ den Motor angehen.

»Wir hätten Sie gern noch länger bei uns gehabt, mein lieber Mr. Garrison«, sagte Professor Eggerth, während er dem Gast zum Abschied die Hand schüttelte. »Vergessen Sie bitte auch nicht, daß Sie uns jederzeit willkommen sind. Ich hoffe, daß wir Ihnen hier schon in kurzer Zeit sehr viel Neues und Interessantes zeigen können.« Auch Dr. Wille schüttelte Garrison die Hand.

»Und wenn Sie wiederkommen«, setzte er die Rede von Professor Eggerth fort, »dann landen Sie bitte hier am Nordstrand, damit unser gemeinsamer Freund Schmidt nicht wieder in Harnisch gerät.« Er sagte es lachend, und auch Garrison mußte lächeln, während er in das Boot stieg. Noch ein letztes Winken, und in schneller Fahrt ging es über die glatte See zu dem Flugzeug hin.

»Wird er alles glauben, was wir ihm heute erzählt haben?«

fragte Dr. Wille nachdenklich.

»Ich hoffe es«, meinte Professor Eggerth. »Und wenn er’s nicht glaubt, ist es ebenso. In spätestens 48 Stunden wird hier ja doch alles ganz anders aussehen.«

Die amerikanische Maschine löste sich vom Wasserspiegel, stieg auf und verschwand in der Dunkelheit. Professor Eggerth und Dr. Wille warteten am Strand, bis Berkoff mit dem Boot zurückkam. Zu dritt schlugen sie dann den Weg zum Verwaltungsgebäude ein.

»Ich glaube, Herr Professor, jetzt sind wir den ungebetenen Besucher ein für allemal los«, meinte Berkoff.

Professor Eggerth zuckte die Schultern. »Vielleicht, vielleicht auch nicht, mein lieber Berkoff. Möglich, daß er erst einmal versucht, was er bei uns gesehen hat, in den Staaten anzuwenden. Möglich aber auch, daß er bald wiederkommt, um sich noch weiter zu informieren.«

»Ausgeschlossen, Herr Professor«, widersprach ihm Berkoff, »haben Sie nicht gemerkt, wie er es im Stollen plötzlich mit der Angst bekam?«

Professor Eggerth nickte. »Ich habe es natürlich bemerkt, Herr Berkoff, aber außerdem noch etwas anderes, was Ihnen vielleicht entgangen ist.«

»Ich wüßte nicht, was das sein sollte?« fragte Berkoff zweifelnd.

»Die unbezwingliche Gier, Herr Berkoff, hinter unsere Geheimnisse zu kommen. Auf dem Wege bis zum Verwaltungsgebäude und in dem Haus selbst stand der Mann unverkennbar unter dem Eindruck eines Grauens, das ihn im Stollen überfallen hatte. Aber bereits auf dem Weg zum Strand hin schien er mir wieder anderen Sinnes zu werden. Ich würde mich nicht wundern, wenn er unsere Einladung für bare Münze nimmt und zurückkommt.«

Während Professor Eggerth derartig die Gefühle und Absichten Garrisons zu ergründen versuchte, saß dieser in der Kabine seines Flugzeuges und ließ sich von O’Brien Bericht erstatten.

Der Ire hatte seine Zeit nicht vertan und konnte Mr. Garrison eine ganz stattliche Ausbeute auf den Tisch legen. Mit viel Glück und Geschick hatte er es verstanden, alles, was ihm mitnehmenswert erschien, unbemerkt zusammenzutragen und in das Flugzeug zu schaffen.

Je länger James Garrison sich mit den einzelnen Stücken beschäftigte, desto mehr kam er zu der Überzeugung, daß die deutschen Wissenschaftler hier eine glänzende Idee gehabt hatten. Wie einfach hörte sich das Verfahren an, einem Vulkan einfach bergmännisch zu Leibe zu gehen, und welche großartigen Aussichten eröffnete es demjenigen, der das Unternehmen wagte. Von Schätzen der Tiefe hatte Dr. Wille, dieser tüchtige Gelehrte, zu ihm gesprochen, die von den vulkanischen Kräften gehoben und in greifbare Nähe gebracht würden. Wie einfach und überzeugend klang das. Mr. Garrison geriet schließlich sogar ins Wundern darüber, daß man nicht schon längst in den Staaten auf diesen so naheliegenden Gedanken gekommen war, und sein Entschluß festigte sich, die Mittel des CarnegieInstitutes für die Einführung des Verfahrens in seiner Heimat einzusetzen …

Aber das Verfahren war nicht ungefährlich. Würde es nicht besser sein, erst noch möglichst viel von den Eggerthleuten zu lernen, bevor man daran ging, es selber anzuwenden? Zahllose Einzelfragen gingen ihm durch den Kopf, während er die Angelegenheit weiter durchdachte. Mit welchem Sprengstoffen und mit welcher Ladungen arbeiteten diese Leute? Wie schützten sie sich davor, den Lavaschlauch anzustechen, während sie in seiner nächsten Nähe arbeiteten? Bis zu welchen Tiefen mußte man den vulkanischen Kräften entgegengehen? Das zu wissen, war doch notwendig, wenn man bei den eignen Arbeiten nicht böse Überraschungen erleben wollte. Und wieder kam jenes ›Aber‹, um das seine Gedanken nun schon seit vielen Minuten kreisten … Um das zu erfahren, würde er noch einmal auf die Insel zurückkehren müssen, die er eben fast fluchtartig verlassen hatte. Ihm war nicht wohl, als er diese Notwendigkeit ins Auge faßte. Die Möglichkeit, daß er dabei mitten in eine Ausbruchskatastrophe hineingeraten könne, erschreckte ihn.

Man müßte einen sicheren Zufluchtsort haben, wenn es wirklich zu einer Katastrophe käme, überlegte er weiter, und fast zwangsläufig kamen ihm dabei Captain Dryden und die Berenice in den Sinn. Wenn dies Schiff in nächster Nähe der Insel vor Anker ging, dann hatte er den Zufluchtsort, den er brauchte. In diesem Sinne beschloß er zu handeln und ließ einen Funkspruch mit neuen Anweisungen an den Captain abgehen.


KAPITEL 7

Die Uhr des Verwaltungsgebäudes kündete die zehnte Abendstunde. Ihre Schläge klangen auch bis in den Raum, in dem vor noch nicht allzulanger Zeit James Garrison gespeist hatte. Doch dieser schwebte nun schon irgendwo in weiter Ferne über dem endlosen Weltmeer, und auf seinem Stuhl saß jetzt Hein Eggerth, der es bis zum Abflug Garrisons vorgezogen hatte, unsichtbar zu bleiben. Der Platz Willes war leer.

Professor Eggerth war dabei, mit seinem Sohn und Georg Berkoff die Dispositionen für die nächsten Arbeiten zu besprechen.

»Notiere es dir, Hein«, sagte er eben, »sobald wir eine Kolonne aus dem Stollen herausnehmen können, wollen wir den Zement aus ›St 19‹ und ›St 20‹ ausladen und zu der Mischmaschine hinschaffen lassen.«

»Wann wird das sein können?« fragte sein Sohn.

»Es wird von der nächsten Meldung Dr. Willes abhängen, Hein. Er ist noch einmal in den Stollen eingefahren, um neue Ortsbestimmungen zu machen. Ich erwarte ihn jeden Augenblick zurück. Es ist nicht ausgeschlossen, daß wir schon in dieser Nacht damit beginnen können. Ich verlasse mich auf dich und auch auf Sie, Herr Berkoff, daß die Betonierungsarbeiten präzise klappen.«

Georg Berkoff wollte dazu etwas sagen, als Dr. Wille zurückkam.

»Nun, wie steht’s, Herr Doktor?« fragte Professor Eggerth. Wille war etwas außer Atem und offensichtlich erregt.

»Es war gut, daß ich die Ortsbestimmungen noch einmal genau kontrolliert habe«, begann er, »wir sind schon bis auf 12 Meter an den Lavaschlauch heran. Eben haben wir noch eine gewöhnliche Sprengung vor Ort gemacht. Sie wird noch einmal 4 Meter Gestein wegnehmen. Dann heißt es, die Bohrungen für die große Schlußsprengung herzustellen und dann wären wir soweit, meine Herren.«

»Wie steht es mit dem Stollen zur Seeseite?« wollte Professor Eggerth noch wissen.

»Dieselbe Sache wie auf der Bergseite, Herr Professor«, berichtete Dr. Wille weiter. »Auch dort kann noch heute nacht die Ladung für die letzte Sprengung gesetzt werden, die dem Meer den Weg in den Stollen freimachen wird.«

Professor Eggerth blätterte in einer vor ihm liegenden Tabelle. »Demnach wird die Frühschicht im Stollen nicht mehr gebraucht, Herr Doktor?« wandte er sich an Wille. Der schüttelte den Kopf.

»Sehr gut! Dann also bitte«, er sprach zu Berkoff und seinem Sohn weiter, »laßt die Morgenschicht gleich jetzt antreten und mit dem Ausladen des Zements beginnen. Wir kommen schneller voran, als ich annahm … Ich möchte wissen, wo Dr. Schmidt bleibt? Weiß der Himmel, was er so lange an der Südspitze zu kramen hat?«

Er hatte den Satz noch kaum beendet, als sich die Tür auftat. Als ob sein Stichwort gefallen wäre, erschien der lange Schmidt auf der Szene.

»Guten Abend, meine Herren«, begrüßte er die Anwesenden und ließ sich in einen Sessel fallen.

»War wohl eine etwas anstrengende Landpartie?« meinte Dr. Wille.

»Danke, es geht«, sagte Schmidt in seiner bekannten abweisenden Art, um sich dann an Professor Eggerth zu wenden. »Ich habe heute zu meiner unangenehmen Überraschung feststellen müssen, Herr Professor, daß an der Südspitze …«

»… ein fremdes Flugzeug gelandet ist, Herr Doktor«, vollendete Professor Eggerth den Satz. »Wir hörten bereits davon.« Der lange Schmidt schüttelte unwirsch den Kopf.

»Daß sich auch an der Südspitze vulkanische Kräfte zu regen beginnen, Herr Professor.«

Die wenigen kurz hingeworfenen Worte ließen die Anwesenden aufhorchen.

»Was haben Sie festgestellt, Herr Doktor?« fragte Professor Eggerth.

Schmidt machte es sich erst wieder in seinem Sessel bequem, bevor er seinen Bericht begann.

»Als ich den Amerikaner heute nachmittag nach dem Nordstrand expediert hatte, begab ich mich noch einmal in die Höhle am Südkap. Ich überlegte, ob wir hier einigermaßen erträglich übernachten könnten, als ich ein dumpfes Dröhnen hörte. Im ersten Augenblick glaubte ich, daß das fremde Flugzeug noch einmal zurückgekommen wäre, aber ich konnte schnell feststellen, daß das nicht der Fall war. Draußen war nichts zu hören, aber sobald ich in die Höhle zurückkam, war das Grollen und Dröhnen wieder da. Ich legte das Ohr an die Höhlenwand, da wurde es noch stärker vernehmbar, und dann spürte ich ganz unverkennbar einen Erdbebenstoß, dem weitere folgten …«

»Und was geschah danach?« warf Professor Eggerth ungeduldig ein.

»Ich machte schleunigst, daß ich aus der Höhle kam, denn der ganze Berg war in Bewegung. Etwa eine Stunde lang habe ich die Erscheinung noch von draußen beobachtet.«

»Hm, hm, das ist nicht gerade erfreulich, Herr Kollege, was Sie uns da berichten«, meinte Dr. Wille.

»Aber leider Tatsache, Herr Doktor. Sie können es sich von Hagemann bestätigen lassen, der mit mir zusammen in der Höhle war. An ein Übernachten an der Südspitze war nicht mehr zu denken. Ich zog es vor, sofort aufzubrechen, um Ihnen Bericht zu geben.«

Dr. Schmidt war mit seinem Bericht zu Ende. Wille warf dem Professor einen unsicheren Blick zu.

»Wollen Sie sich zu der Sache bitte äußern, Herr Dr. Wille?« fragte ihn der Professor.

»Ich fürchte«, begann Wille zögernd, »daß dieses unerwartete Naturereignis unsern Plan gefährden kann. Ein neuer Ausbruch an der Südspitze könnte den Druck, unter dem die Lava in dem Vulkan hier steht, in einer unerwünschten Weise verringern.«

Professor Eggerth stützte den Kopf in beide Hände. Dann sagte er:

»Ja, meine Herren, jetzt werden die Stunden kostbar. Los, Hein! Vorwärts, Herr Berkoff! Sofort den Zement ausladen. Scharfen Sand vom Strand her zu der Mischmaschine ankarren, ja, meine Herren, auf die Nachtruhe werden wir heute verzichten müssen. Sie, Herr Dr. Wille, möchte ich bitten, die beiden Durchbruchssprengungen vorzubereiten.«

»Das könnte ich auch machen, Herr Professor«, warf Dr. Schmidt ein wenig empfindlich ein, weil er sich übergangen fühlte.

»Für uns beide bleibt noch genug anderes zu tun, Herr Doktor«, beschwichtigte ihn Professor Eggerth. »Wir müssen uns um die Anlage der Zeitzündungen an den beiden Stollenenden kümmern. Sie wissen, daß die beiden Schlußsprengungen zur gleichen Sekunde erfolgen müssen, wenn das Ganze glücken soll.«

Der Professor behielt recht mit seiner Bemerkung, daß es mit dem Schlaf nichts werden würde. Eine arbeitsheiße Nacht kam für Werkleute und Ingenieure.

Um die dritte Morgenstunde befand sich Dr. Wille in dem zum Vulkan hinführenden Stollen vor Ort. Um ihn herum waren Werkleute beschäftigt, die Bohrmaschinen zum Abtransport aus dem Stollen bereitzumachen. Trotz des mit dieser Arbeit unvermeidlich verbundenen Lärms war das dumpfe Brausen und Grollen aus der Tiefe deutlich vernehmbar. Viel stärker war es seit dem gestrigen Abend geworden. Hing es mit jenen anderen Vorkommnissen an der Südspitze der Insel zusammen, von denen Schmidt berichtet hatte?

Fest vollgepackt waren die Kammern mit dem Sprengstoff, Zündkapseln wurden aufgesetzt, die Leitungen von innen her herausgeführt und locker an der Stollenwand verlegt. Dann rollten die ersten Loren mit dem frisch gemischten Beton heran, und in Windeseile wurden die Kammerausgänge nach dem Ort zu dicht verschlossen.

Ebenso wie hier ging es auch vor Ort an der Seeseite zu. Noch eine gute Stunde, bevor die Sonne den neuen Tag heraufbrachte, waren alle Ladungen für die Schlußsprengungen fertig. Vier Kabel wurden durch den Schacht nach oben geführt und über Tage weitergeleitet, während die Werkleute im Schachtmund bereits die Holzverschalung für den Verschluß zu wölben begannen. Und als der Sonnenball dann im Osten über die Kimm heraufkam, wurde schon vom Schachtrand her eine Lorenladung Beton nach der anderen auf dieses Zimmerwerk gestürzt, bis ein 20 Meter langer Betonpfropf den Schacht nach oben verschloß.

Dr. Wille stand dabei, ein Schriftstück mit Berechnungen in der Hand.

Als die letzte Lore ausgekippt worden war, verließ er den Platz mit dem Bewußtsein, daß er für seinen Teil gute Arbeit geleistet hätte. Aber er fühlte auch, was er getan hatte, verspürte einen kräftigen Appetit, mußte plötzlich an einen gut gedeckten Kaffeetisch denken und machte sich auf den Weg um Verwaltungsgebäude.

Als er näherkam, fielen seine Blicke auf einen Funkmast, der dort am letzten Abend noch nicht gestanden hatte. Ein großer Tisch war daneben aufgestellt, Kästen und kastenartige Geräte bedeckten seine Platte, in denen er unschwer Verstärker und eine Empfangsapparatur für Hertzsche Wellen ernannte. Darüber gebeugt beobachtete der lange Schmidt, die Uhr in der Hand, das Spiel einer kleinen Lampe, die in regelmäßigen Abständen aufleuchtete und wieder erlosch.

Wille sah Dr. Schmidt zu einem Telefon greifen, von dem eine behelfsmäßige Leitung nach ›St 25‹ führte. Er bezwang seinen Kaffeedurst und trat heran, um sich zu erkundigen, doch bevor er etwas sagen konnte, kam ihm der lange Schmidt schon mit einer Frage zuvor.

»Ist bei Ihnen alles in Ordnung, Herr Doktor?«

»Alles klar zum Gefecht, Herr Kollege. Wie steht es bei Ihnen?«

»Es klappt tadellos. So oft der Professor von ›St 25‹ die Sprengdepesche funkt, leuchtet die Lampe auf.« Er reichte Wille das Telefon hin. »Wollen Sie Professor Eggerth vielleicht auch über Ihre Arbeit berichten?«

Wille nickte und griff nach dem Telefon, das Schmidt ihm hinhielt. »Hallo, Herr Professor Eggerth«, rief er in das Mikrophon. »Der Schacht ist abgeschlossen. Die Leute führen jetzt die Zündkabel vom Stollen und vom Krater bis zum Empfänger neben dem Funkmast hin.«

Was der Professor antwortete, konnte Schmidt nicht hören, erst wieder die Antwort Willes vernahm er.

»Selbstverständlich, Herr Professor! Die Kabelenden sind zuverlässig verschlossen. Sehr recht, wir treffen uns im Verwaltungsgebäude am Kaffeetisch.«

Im Funkraum von ›St 25‹ schob Professor Eggerth einen Schutzkasten über eine elektrische Apparatur, sicherte ihn durch ein Vorhängeschloß und verwahrte den Schlüssel sorgfältig in seiner Geldtasche.

»So, mein lieber Lorenzen«, wandte er sich dann an den Funker, »alles, was auf dem Tisch hier steht, ist tabu. Sie haften mir dafür, daß niemand herankommt. Vergessen Sie nicht, die Kabine abzuschließen, wenn Sie herausgehen.«

»Herr Professor können sich auf mich verlassen«, versicherte Lorenzen, »ich werde hier keinen ‘reinlassen.«

In dem kleinen Speiseraum des Verwaltungsgebäudes fanden sich allmählich alle die Männer zusammen, die während der Nacht auf verschiedenen Posten verantwortungsvolle Arbeit geleistet hatten.

Professor Eggerth breitete einen Arbeitsplan vor sich aus und begann wie ein Regisseur die Rollen für das, was nun weiter gespielt werden sollte, zu verteilen.

»Wie weit bist du, Hein?« fragte er seinen Sohn.

»Alles programmgemäß erledigt, Vater.«

»Wie steht’s mit Ihnen, Berkoff?« fragte der Professor weiter.

»Alle wertvollen Maschinen an Bord gebracht, Herr Professor. Verwaltungsgebäude zum größten Teil ausgeräumt. Alle Mannschaften sind an Bord, haben bis auf weiteres Freischicht.«

»Gut, Herrschaften.« Professor Eggerth sah erst auf die Uhr und dann auf seinen Arbeitsplan. »Es ist acht Uhr dreißig, um neun Uhr starten alle Schiffe bis auf ›St 25‹ nach der Heimat. Ihr beiden bleibt hier und kommt später mit auf ›St 25‹. Wir drei«, er wandte sich an Wille und Schmidt, »machen um neun Uhr die Schaltung zu den Zündkabeln fertig. Um zehn Uhr gehen wir alle an Bord von ›St 25‹.«

Mit dem neunten Glockenschlag setzte auf dem Liegeplatz der Flotte das Dröhnen und Geheul der Motoren ein. Eins der mächtigen Schiffe nach dem anderen löste sich vom Boden und stieg in die Höhe.

Und dann kam die letzte Arbeit. Die Schaltung am Funkmast war zu machen, die Verbindung mit dem Empfangsgerät herzustellen.

Ruhig schloß der lange Schmidt die letzten Drähte an, durch welche Batterie und Zündkabel in Verbindung kamen. Nur noch ein feines Relais unterbrach den Stromkreis. Schlug seine schwache Zunge um 2 Millimeter aus der Ruhestellung in die Kontaktstellung über, dann war dem Strom der Weg durch die Kabel hindurch freigegeben, hinab in die Tiefe des Stollens zu den Sprengladungen und hinauf zum Krater zu anderen Ladungen, die dessen Wand ringförmig umgaben.

»So! Das wäre auch getan«, sagte Professor Eggerth, nachdem Dr. Schmidt die letzte Schraube festgezogen hatte, »jetzt wollen wir zu ›St 25‹ gehen.«

Wenige Minuten später sprangen auch die Motoren von ›St 25‹ an und hoben das Stratosphärenschiff in den Äther. Einsam und verlassen lag das Eiland wieder im endlosen Ozean.

Es war ein sehr langer und ungemein kräftiger Fluch, den Captain Dryden vom Stapel ließ, als er den neuen Funkspruch Garrisons erhielt. Wieder einmal den Kurs wenden, noch einmal zu dieser dreimal verwünschten Insel zurückkehren, auf der es nach der Meinung des Captains wirklich nichts Vernünftiges zu holen gab.

Er ging in seine Kabine, um seinen Ärger in einigen Gläsern Whisky zu ertränken.

Er war nicht lange bei dieser Beschäftigung, als schon wieder ein neuer Funkspruch einlief, der ihn kategorisch anwies, ohne jeden Verzug mit voller Kraft den Kurs auf die Insel zu nehmen.

»Mag der Teufel wissen, was der verrückte Kerl auf der verdammten Insel verloren hat!« fluchte Captain Dryden vor sich hin, während die Berenice mit höchster Motorkraft große Fahrt auf Südkurs machte.

Plötzlich tauchte Garrisons Flugzeug auf, kreiste über der Berenice, ließ neue Anweisungen aus seiner Antenne spritzen und ging auf das Wasser nieder.

»Darf ich fragen, Mr. Garrison«, sagte der Captain wütend, nach einer kurzen Begrüßung, »warum wir so schnell nach der Insel zurück müssen?«

Garrison hielt es nicht für zweckmäßig, seine Karten vor dem Captain aufzudecken.

»Ich wurde von Professor Eggerth sehr herzlich eingeladen«, sagte er ausweichend, »es gibt mancherlei auch für uns Wichtiges auf der Insel zu sehen. Deshalb hielt ich es für richtig, die Einladung anzunehmen.«

»Land voraus!« klang plötzlich ein Ruf von der Kommandobrücke her.

»Kommen Sie mit auf die Brücke, Captain«, forderte Garrison Dryden auf. »Wir haben die Insel schon in Sicht.«

In den Strahlen der Frühsonne hob sich im Süden die Silhouette der Insel über die Kimm, stieg höher empor und wurde immer deutlicher, je näher die Berenice herankam.

Die Navigation der Berenice nahm Captain Drydens Aufmerksamkeit voll in Anspruch. Jetzt hieß es ständig loten und die Geschwindigkeit des Schiffes zu verringern, sobald das Lot Grund erreichte. Noch reichlich drei Kilometer war das Schiff vom Ufer entfernt, als auf ein Kommando Captain Drydens die Ankerkette rasselnd aus der Klüse lief. Die Grenze, bis zu der die Berenice sich vorwagen durfte, ohne eine Bodenberührung zu riskieren, war erreicht.

James Garrison brannte darauf, schnell an Land zu kommen, aber Captain Dryden schüttelte den Kopf, als er ihn ersuchte, die Motorpinasse zu Wasser zu lassen.

»Ausgeschlossen, Sir«, lehnte er das Ansinnen ab, »bin schon selber mal damit aufgeschrammt. Sie müssen das Dingi nehmen. Es ist die einzige Möglichkeit, mit trockenen Schuhen bis ans Ufer zu kommen.«

James Garrison war über diese Auskunft nicht sonderlich erfreut. Das Dingi war ein leichtes, sehr flachgehendes Ruderboot, das höchstens sechs Personen aufnehmen konnte. Er selbst hatte wenig Lust, zu den Riemen zu greifen und die lange Strecke zu rudern. So entschloß er sich, O’Brien mitzunehmen und erbat sich von der Schiffsmannschaft noch Jeffris und Robertson dazu. Nach kurzem Hin und Her stellte Dryden sie ihm zur Verfügung; mit etwas langen Gesichtern legten die Genannten auf den Befehl des Captains die Riemen in die Dollen, während Garrison den Platz am Steuer einnahm.

»Hoffentlich haben Sie nicht zu schwer geladen, Mr. Garrison«, rief ihm Dryden nach, als das Boot von der Berenice abstieß und Kurs auf das Land zu nahm. Der Captain stand an der Reling und blickte ihm nach.

»Bin neugierig, ob die trocken hinkommen werden«, dachte er gerade, als er angerufen wurde.

»Please, Captain!« Er wandte sich um. Vor ihm stand ein Matrose und reichte ihm einen eben eingegangenen Funkspruch. Captain Dryden las ihn einmal, zweimal, noch ein drittesmal und griff sich dann an die Stirn.

»Rufen Sie Ihr Boot zurück! Entfernen Sie sich mit Ihrem Schiff sofort aus der Nähe der Insel! Gefahr im Verzug! ›St 25‹.«

›St 25‹? Captain Dryden besann sich. Das war dieses Stratosphärenschiff, das schon einmal seine Pinasse in den Krallen hatte … Rufen Sie Ihr Boot zurück … Leicht gesagt, aber schwer getan. Wie sollte er das Dingi zurückrufen, das jetzt schon gut zwei Kilometer entfernt war. Einen Versuch wenigstens wollte er machen und rief einen seiner Leute heran, der in der USA-Flotte als Winker ausgebildet worden war. Gab ihm den Auftrag, durch Flaggensignale das Boot zurückzurufen, obwohl er sich selber wenig davon versprach.

›St 25‹ kreiste in 15 Kilometer Höhe in der Stratosphäre. Im Funkraum stand Professor Eggerth vor einem Sender, in der Linken seine Taschenuhr, die Rechte an einem Schalthebel. Seine Blicke folgten dem Gang des Sekundenzeigers. Noch eine halbe Minute, dann wollte er den Schalter umlegen. Ein winziger Elektromotor würde anlaufen, ein Kontaktrad würde sich drehen und in einem bestimmten Rhythmus eine Reihe kurzer und langer Stromstöße auf den Sender geben. Im gleichen Rhythmus würden Wellenzüge aus der Antenne von ›St 25‹ in den Äther fliegen und auf die Empfangsanlage wirken, die von dem Stratosphärenschiff aus kaum noch erkennbar dort unten auf der Insel stand. Relais würden dort auf die Stromstöße ansprechen, würden zu arbeiten und zu schalten beginnen und schließlich dem Batteriestrom den Weg zu den Sprengladungen freigeben …

»Fünfzig Sekunden … einundfünfzig Sekunden … zweiundfünfzig …«, zählte Professor Eggerth vor sich hin, als Lorenzen ihn anrief.

»Herr Professor, da unten sind Menschen! Ein Schiff, ein Boot fährt zur Insel.«

Der Professor zog die Rechte von dem Schalter zurück und blickte in die Richtung, die Lorenzen ihm wies. Er griff zu seinem Glas und erkannte die Berenice, sah ein Ruderboot, das jetzt schon den halben Weg vom Schiff bis zum Ufer zurückgelegt hatte. Eine Sekunde später hämmerte seine Hand auf der Morsetaste und jagte jenen Funkspruch aus der Antenne, der gleich darauf Captain Dryden aus seiner beschaulichen Stellung an der Reling der Berenice aufscheuchen sollte.

Durch sein scharfes Glas verfolgte Professor Eggerth weiter, was sich zwei Meilen unter ›St 25‹ abspielte. Er konnte sehen, wie von der Berenice aus ein Matrose mit zwei Winkerflaggen Signale gab. Die Besatzung des Ruderbootes bemerkte diese Signale jedoch nicht. Mit unverminderter Fahrt verfolgte das Boot seinen Kurs und war jetzt schon dicht am Ufer.

Und dann mußte der Funker Lorenzen sich schwer über Professor Eggerth wundern. Er glaubte erst, seinen Sinnen nicht trauen zu dürfen, als er den Professor zornig mit dem Fuß aufstampfen sah und die Worte vernahm: »Der Teufel soll die Gesellschaft holen.«

Einen solchen Ausbruch hatte er während der zehn Jahre, die er nun schon mit dem Professor zusammen arbeitete, noch niemals vernommen. Er wollte seinerseits etwas dazu sagen, aber da hatte der Professor bereits den Funkraum verlassen und war hinüber in den Kommandoraum geeilt.

Georg Berkoff saß hier am Steuer. Die Navigation von ›St 25‹ nahm ihn kaum in Anspruch, denn das Schiff zog in mäßiger Fahrt weite Kreise. Die Blicke Berkoffs gingen abwechselnd zu einer Uhr an der Apparatenwand und zu der Insel in der Tiefe. Soviel er darüber wußte, mußte die Sprengdepesche schon seit Minuten aus der Antenne von ›St 25‹ heraus sein, und erwartungsvoll harrte er der Dinge, die sich danach auf der Insel ereignen sollten. Er blickte auf, als Professor Eggerth hineinkam und ihm zurief:

»Sturzflug auf die Insel!« Er merkte das Staunen Berkoffs und fügte erklärend hinzu: »Wir können noch nicht sprengen, die Berenice treibt sich wieder bei der Insel herum, wir müssen sie wegbringen.«

Der Anweisung Professor Eggerths entsprechend stellte Berkoff die Steuerung ein. In jähem Sturzflug schoß ›St 25‹ wie ein Meteor aus seiner Höhe nach unten.

Das Boot der Berenice stieß scharrend auf das sandige Ufer, mit einem Satz war Garrison draußen. Er bedeutete Jeffris und Robertson, bei dem Boot zu bleiben und schritt, nur von O’Brien gefolgt, auf die Wiese zu. Merkwürdig öde und verlassen kam ihm hier alles vor. Jetzt sah er erst, daß kein Stratosphärenschiff mehr auf dem Liegeplatz ruhe. Auch der Schacht, neben dem bei seinem letzten Besuch reges Treiben herrschte, lag einsam und trug auch kein Fördergestell mehr. Weit und breit war nichts Lebendiges zu sehen.

Garrison befahl O’Brien, zurückzubleiben und machte sich auf den Weg zum Verwaltungsgebäude, um festzustellen, was eigentlich los war. Nur eine kurze Weile blickte ihm O’Brien nach, dann wandte er sich nach der Seite hin, wo nur wenige Meter entfernt ein Funkmast stand. Eine elektrische Apparatur, die dort aufgebaut war, erregte sein Interesse. Mit einer Empfangsanlage schien das etwas zu tun zu haben, was er hier erblickte. Neugierig trat er näher an den Tisch heran und beugte sich über die blinkenden Apparate. Nur in automatischen Telefonzentralen hatte er bisher etwas Ähnliches gesehen. Während er sich noch fragte, was wohl die Deutschen hier mit dieser Apparatur bezwecken konnten, ließ er die Finger seiner Rechten spielerisch darüber hinweggleiten, betastete die Magnetwicklungen und berührte jetzt eine Relaiszunge. Unter dem schwachen Druck seiner Fingerkuppe gab die feine MetallLamelle ein wenig nach. Im gleichen Augenblick schlug ein scharfes Knacken an sein Ohr. Ein kräftiges Starkstromrelais, von der feinen Zunge jenes anderen gesteuert, hatte ebenfalls angesprochen. Erschrocken zog er die Hand zurück, verharrte einen Augenblick regungslos, und dann weiteten sich seine Augen.

Eben noch stand der Vulkankegel scharf und klar gegen den tiefblauen Himmel. Jetzt ging ein Zucken durch das Gesteinsmassiv. Für einen Moment schien sich der oberste Teil des Berges von seiner Unterlage loslösen zu wollen. Dann stürzte der kreisförmige Kraterrand von allen Seiten her nach innen ein, im Laufe weniger Sekunden verlor der Vulkan 200 Meter von seiner Höhe. Mehrere Millionen Kubikmeter Fels waren durch die gleichzeitige Explosion von hundert schweren Sprengladungen in Bewegung gesetzt und auf den Lavasee im Kraterinnern geworfen worden.

Noch stand O’Brien wie zu einer Statue erstarrt, als der Donner der Explosionen ihn erreichte, ein scharfes Krachen zuerst, ein langes Rollen und Grollen danach, das ihn zwang, sich die Ohren zuzuhalten.

Auch Captain Dryden sah von der Berenice aus die Spitze des Vulkans in sich zusammenbrechen, aber er sah außerdem noch etwas anderes, was dem Iren entging, weil er mit dem Rücken nach der See zugewandt stand. Der Captain sah etwa 500 Meter von der Küste entfernt plötzlich aus der Wasserfläche einen riesigen Strudel emporschießen. Wie von einer unwiderstehlichen Kraft gepackt, wurde das Meer dort an die hundert Meter hoch emporgeschleudert. Einen Moment schienen seine Fluten über der Ausbruchstelle in der Luft zu schweben, dann stürzten sie dumpf brausend zurück, beim Niederfallen eine mächtige Welle erzeugend, die nach allen Seiten über die eben noch fast spiegelglatte Seefläche lief. Sich überschlagend brandete sie gegen das Ufer der Insel. Auch die Berenice wurde von ihr getroffen und zerrte bald schlingernd, bald stampfend, an ihrer Ankerkette.

Dem Captain kam das Radiogramm von ›St 25‹ wieder in Erinnerung. ›Gefahr im Verzug‹ hatte das Stratosphärenschiff gefunkt. Er hielt es nicht für angebracht, sein Schiff noch weiter manövrierunfähig vor Anker liegen zu lassen. Schon ging auf sein Kommando eine Deckwinde an und holte den Anker ein, während gleichzeitig die Motoren der Berenice ansprangen. Das Schiff bekam Fahrt und entfernte sich langsam weiter von der Insel.

Hätte Captain Dryden von anderen Erwägungen unbeschwert seinem eigensten Gefühl folgen können, er wäre mit voller Maschinenkraft davongefahren, bis diese unheimliche Insel außer Sicht war. Aber James Garrison war ja dort noch an Land, der Sekretär des Carnegie-Instituts, den Captain Dryden aus mehr als einem Grund nicht im Stich lassen durfte. So gab er schon nach kurzer Fahrt den Befehl, wieder beizudrehen, um aus einer, wie er glaubte, sicheren Entfernung zu beobachten, was weiter geschehen würde.

James Garrison hatte die Tür zum Verwaltungsgebäude unverschlossen gefunden und war in das Haus eingetreten. Er stutzte, als er aus dem Vorflur in den Empfangsraum kam. Wo er vor kurzem noch Bilder an den Wänden, Teppiche auf dem Estrich und schwere Sessel gesehen hatte, war alles kahl und leer. Noch stand er kopfschüttelnd in dem ausgeräumten Saal, unschlüssig, ob er weitergehen oder wieder umkehren solle, als ein donnerndes Getöse ihn erschreckte … Ein Gewitter? Er eilte zu einem Fenster und sah eben noch die letzten Reste des Kraterkranzes zusammenstürzen; im nächsten Moment wußte er, daß es sich hier um eine Sprengung handelte.

›Raus ins Freie! Sich nicht unter den Trümmern eines einstürzenden Hauses begraben lassen!‹ waren die Gedanken, die ihn beherrschten, während er mit unsicheren Schritten dem Ausgang zustrebte.

Immer stärker wurde in den wenigen Sekunden, die er dafür benötigte, die Bewegung des Fußbodens. Schon klafften hier und dort Risse in dem Estrich, schon zeigten sich Sprünge in den Wänden des massiven Betonbaues. Er atmete erleichtert auf, als er durch die Tür, die er bei seinem Eintritt halb offen gelassen hatte, wieder ins Freie kam. Die schlimmste Gefahr schien damit überwunden zu sein.

Er blieb stehen und schaute sich um. Der Vulkan dort drüben war vollkommen ruhig. Selbst die leichte Rauchwolke, die früher über ihm schwebte, war nach dem Einsturz des oberen Kraterteiles verschwunden.

Starr ragte der Vulkankegel in die Höhe, aber um so bewegter war die Rasenfläche, auf der James Garrison stand. So stark wogte sie jetzt hin und her, daß er Mühe hatte, sich auf den Füßen zu halten. Voller Schrecken wurde ihm klar, daß er auch hier draußen bedroht war.

So gut es auf dem bebenden Boden möglich war, setzte er sich in Lauf und strebte der Uferstelle zu, an der sein Boot lag, hielt jäh wieder inne, als er sah, wie auch dort alles verändert war. Taumelte dann weiter, bis er sein Ziel erreicht und brokkenweise von seinen verstörten Leuten Jeffris und Robertson erfuhr, was sich hier ereignet hatte.

Wie durch ein Wunder waren Jeffris und Robertson ohne ernstliche Verletzungen davongekommen. Bis auf die Haut durchnäßt, standen sie neben dem leckgeschlagenen Boot, als Garrison zu ihnen kam. Jede Möglichkeit, mit diesem Wrack zur Berenice zurückzukehren, war ausgeschlossen.


KAPITEL 8

Im Sturzflug kam ›St 25‹ nach unten. In wenigen Minuten erreichte es die tieferen dichteren Luftschichten, stand jetzt 3000--jetzt nur noch 1500 Meter über der See, als Berkoff auf einen Wink des Professors in die Steuerung griff und den Kurs des Stratosphärenschiffes wieder in die Horizontale brachte. Weite Kreise ziehend glitt es in mäßiger Fahrt der See noch näher entgegen, während Professor Eggerth das Boot nicht aus den Augen ließ. Er sah es anlegen, sah James Garrison auf das Verwaltungsgebäude zugehen, und seine Stirn runzelte sich, als er bemerkte, daß O’Brien sich an den elektrischen Geräten neben dem Funkmast zu schaffen machte.

»Narr verdammter!« Kurz und hart stieß er die Worte hervor und packte Berkoff fest am Arm.

»Was ist, Herr Professor? Habe ich einen Fehler gemacht?«

»Nicht Sie, Berkoff. Den Narren da unten meine ich. Sehen Sie, wie er mit täppischen Fingern an den Zündrelais spielt.«

Georg Berkoff schaute nach unten und wurde blaß. »Bei Gott, Herr Professor, das kann schlimm werden! Was können wir tun?«

»Nichts, Berkoff. Es ist zu spät.« Während Professor Eggerth die Worte noch sprach, war das Unheil schon geschehen. Sie sahen von ›St 25‹ aus den Krater einstürzen.

Ein neues Kommando des Professors, eine Steuerbewegung Berkoffs. ›St 25‹ begann zu steigen und schraubte sich mit voller Maschinenkraft wieder in die Höhe. Doch so schnell das Stratosphärenschiff auch stieg, die Dampfmassen, die jetzt von der Südspitze der Insel emporwirbelten, waren noch schneller.

»Schöne Milchsuppe, in die wir hier geraten«, meinte Berkoff.

»Für uns nicht schlimm, mein lieber Berkoff«, sagte Professor Eggerth. »Wir werden in ein paar Minuten wieder ‘rauskommen, aber ich fürchte für Garrison und seine Leute. Unser neugieriger Freund hat sich diesmal etwas eingebrockt, an dem er zu kauen haben dürfte. Für die nächsten Stunden sehe ich keine Möglichkeit, ihm zu Hilfe zu kommen.«

Dr. Wille und der lange Schmidt hatten sich, als ›St 25‹ die Insel verließ, zu einem wissenschaftlichen Disput in Willes Kabine zurückgezogen; Dr. Schmidt hatte allerlei auf dem Herzen und wußte keinen Besseren als seinen alten Freund und Gegner Wille, um seine mannigfachen Bedenken auszupacken. Kaum hatten sie am Fenster, durch das sie einen guten Blick auf den Vulkan hatten, Platz genommen, als Schmidt auch schon loslegte.

»Hoffentlich sprengt Professor Eggerth nicht zu früh. Ich fürchte das Schlimmste, wenn die Sache losgeht, bevor wir sicher in der Stratosphäre sind.«

Wille versuchte ihn zu beschwichtigen. »Ich kann Ihre Befürchtungen nicht teilen, Herr Kollege. Nach allem, was Professor Eggerth mir gestern noch mitteilte, wird die Angelegenheit ziemlich friedlich verlaufen. Nach dem Geschmack des Professors vielleicht sogar zu friedlich …«

»Wie meinen Sie das?« fragte Schmidt dazwischen.

»Der Professor meinte«, begann Dr. Wille bedächtig, »daß die unterirdischen Kräfte nicht hinreichen könnten, um eine Landbewegung in dem von ihm gewünschten Umfang hervorzurufen. In seinen Ausführungen behandelte er die so unvermutet an der Südspitze der Insel aufgetretenen Erscheinungen gewissermaßen als ein natürliches Sicherheitsventil. Soweit war er auch ganz einverstanden damit, aber er äußerte die Befürchtung, daß dieses Ventil vielleicht zu groß sein könnte. Er rechnet mit der Möglichkeit, daß die unterirdischen Kräfte, die bei dem Zusammentreffen des Ozeans mit dem Magma des Erdinneren frei werden, an der Südspitze einen so bequemen Ausgang ins Freie finden, daß sie dort wirkungslos verpuffen könnten, während die Lage am Nordstrand sich nur wenig verändert.«

Der lange Schmidt hielt sich die Ohren zu. »Vollkommen unbegreiflich ist mir diese Ansicht«, brach er los. »Weiß der Professor denn nicht, wie es damals zuging, als Ozean und Magma unter dem Mont Pel zusammenstießen. Der ganze Berg flog in die Luft. Die halbe Insel flog mit. In einer Minute kamen dreißigtausend Menschen ums Leben. Bis zu einer Höhe von 100 Kilometern wurden Unmengen vulkanischer Asche in die Stratosphäre geworfen. Jahrelang kreisten die Staubwolken um unsern Erdball …«

»Da lagen die Verhältnisse wesentlich anders«, warf Wille ein und wollte noch mehr sagen, aber der lange Schmidt ließ ihn nicht zu Worte kommen.

»Sie lagen durchaus nicht anders«, widersprach er. »Dort wie hier kommen glutflüssiges Magma und der Ozean zusammen. Ich wette mit Ihnen, um was Sie wollen, Herr Wille. Auch hier wird der Teufel los sein, wenn es geschieht. Hoffentlich sind wir dann weit genug weg vom Schuß.«

Wille hatte während der letzten Worte von Schmidt seine Uhr gezogen. »Wir wollen uns nicht um des Kaisers Bart streiten, Herr Kollege«, begann er in seiner versöhnlichen Art. »In einer Minute wird Professor Eggerth sprengen. Dann werden wir schnell wissen, wer von uns recht hat.« Eine jähe Änderung der Schiffsbewegung zwang ihn, sich fester in seinen Sessel zu setzen. ›St 25‹ ging im Sturzflug nach unten.

»Was ist das? Ist der Professor toll geworden?« stieß Schmidt hervor, während seine Blicke zwischen dem Höhenzeiger in der Kabine und dem Fenster hin und her gingen … »Nur noch 3000 … nur noch 1500 Meter … unbegreiflich … unverantwortlich! Jetzt hat er gesprengt!«

Sie sahen den Vulkan zusammenstürzen, sahen auch den schweren Lavaausbruch an der Südspitze und spürten gleich darauf, wie ›St 25‹ wieder seinen Kurs änderte und mit höchster Maschinenkraft der Stratosphäre zustrebte.

»Das ist heller Wahnsinn!« schrie Dr. Schmidt erbittert. »Kommen Sie, Doktor!« Er sprang auf. »Wir wollen zu Professor Eggerth gehen. Ich muß wissen, was geschehen ist.«

Captain Dryden hatte den Anker aufholen lassen, als die Berenice von der Flutwelle erreicht und beträchtlich hin und her geschüttelt wurde. Während das Schiff sich ein paar Kilometer vom Land entfernte, stand er auf der Brücke und hielt Ausschau nach der Insel. Er verwünschte den Leichtsinn Garrisons, der ihn und sein Schiff in dieses Abenteuer hineingehetzt hatte, und fluchte in allen Tonarten auf Professor Eggerth, der auf einem so gefährlichen Boden noch halsbrecherische Experimente machte, und kam dabei zu einem festen Entschluß. Sobald wie möglich wollte er es versuchen, mit der Pinasse an die Insel heranzukommen; dann aber würde er ein Machtwort sprechen. Mochte Garrison hundertmal Sekretär des CarnegieInstitutes sein, hier ging es um die Sicherheit des Schiffes und seiner Besatzung, und Mr. Dryden hatte nicht Lust, sein Kapitänspatent wegen der spleenigen Einfälle eines anderen loszuwerden.

Er griff zum Fernglas, um nach Garrison und seinen Leuten Ausschau zu halten, bekam jetzt das Dingi ins Blickfeld und sah zu seinem Schrecken, daß es kieloben auf dem festen Land lag. Er sah weiter James Garrison merkwürdig taumelnd und unsicher auf das Boot zuschreiten. Dann trübte sich das Bild. Er nahm das Glas von den Augen und bemerkte eine Nebelwand, die von Süden her wie ein breiter Schleier heranwehte.

›Vorsicht ist der bessere Teil der Tapferkeit‹, dachte Captain Dryden und griff zum Maschinentelegrafen. In hoher Kraft wirbelten die Motoren die Schrauben durch das Wasser. In voller Fahrt suchte die Berenice vor dem herankommenden Nebel davonzulaufen. Noch einmal wandte er sich zurück, um einen Blick nach dem Eiland zu werfen, als ein schweres Scharren und Schüttern durch den Schiffsrumpf ging. Die Berenice war schwer auf Grund gerannt.

Während das Schiff hoffnungslos festlag, strömte die See vom Land her in schnellem Fluß an seinem Rumpf vorbei und bildete am Heck eine Stauwelle, die hin und wieder Brecher über das Achterdeck warf.

An ein Wartengebiet mußte Captain Dryden denken, aus dem die See bei Ebbe in ähnlicher Weise abströmt. Und wie dort bei fallendem Seespiegel sich erst kleine Bänke bilden, immer größer werden und schließlich zusammenfließen, bis das ganze Wattengebiet trockenes Land geworden ist, so geschah es auch hier, mit dem einen Unterschied nur, daß sich hier nicht der Meeresspiegel senkte, sondern daß der ganze Seegrund sich gleichmäßig hob. Schon bekam die Berenice leichte Schlagseite und legte sich etwas nach Steuerbord über; und dann war es geschehen. Nur noch in einigen wenigen Rinnen und Prielen strömte das Wasser seewärts, während von der Insel her mit Windeseile das Land heranwuchs, immer weiter über jene Stelle hinaus, an der die Berenice noch vor kurzem frei im Ozean schwamm. Nur noch sandigen, hier und dort von Fels und Korallen unterbrochenen ehemaligen Seeboden sah Captain Dryden, wohin er auch den Blick richtete. Trockenen Fußes hätte er jetzt zu der Insel hingehen können, trockenen Fußes hätten auch Garrison und seine Leute zu dem Schiff zurückkehren können--wenn sich jetzt nicht von Minute zu Minute immer dichter werdende endlose Nebelschwaden über das gestrandete Schiff und seine Umgebung gelegt hätten.

Viele Stunden verstrichen. In Stratosphärenhöhe beobachtete Professor Eggerth von ›St 25‹ aus, daß sich alles fast über sein Erwarten hinaus so vollzog, wie er es in vielen Tagen und Nächten geplant hatte. Neues Land stieg um die Insel herum aus der Tiefe und vertausendfachte schließlich ihr Areal.

Für das Schiff Captain Drydens und seine Besatzung bestand im Augenblick keine Gefahr. Wohl verhinderte der Nebel jede Aussicht, aber man konnte in ihm atmen und leben und in den Räumen des gut verproviantierten Schiffes in Ruhe abwarten, bis er sich einmal verzogen haben würde. Schlimmer sah es für Garrison und seine Leute aus. Sie waren so, wie sie gingen und standen, an Land gefahren und dort auf ein leeres Nest gestoßen. Wenn es vielleicht Tage oder gar Wochen dauern sollte, bis die nebligen Schwaden sich wieder verzogen, dann konnte die Gefahr des Verschmachtens für sie akut werden.

Captain Dryden hielt es für zwecklos, länger auf der Brücke des Schiffes zu bleiben. Von widerstreitenden Gedanken und Empfindungen hin und her gerissen, begab er sich unter Deck und ging in seine Kabine. In einen Sessel hingeworfen versuchte er, die Bilanz aus den Ereignissen zu ziehen, die während der letzten Stunden so elementar über ihn und sein Schiff hereingebrochen waren.

Die Berenice war verloren, darüber gab es keinen Zweifel mehr.

Alles, was der Captain an Vermögen besaß, hatte er für die Erwerbung und Instandhaltung dieses Schiffes aufgewendet. Wurde der Schaden ihm nicht ersetzt, dann war er ein Bettler. Es blieb die andere Frage, wer für den Verlust aufzukommen hatte. Das Schiff war versichert und Captain Dryden hatte darauf gehalten, seine Prämien stets rechtzeitig zu zahlen. Auf einen Verlust des Schiffes durch Feuer, Sturm oder Strandung lautete die Police. Bei dem Gedanken daran kamen dem Captain aufs neue Zweifel. War das, was die Berenice betroffen hatte, noch eine Strandung im gebräuchlichen Sinne des Wortes? Würde die Versicherungsgesellschaft nicht vielleicht Schwierigkeiten machen?

Wenn die Gesellschaft sich weigerte, dann würde er sich an Mr. Garrison als den Bevollmächtigten des Carnegie-Institutes halten. Auf dessen Weisung war er hierhergekommen, und das Institut besaß genügend Mittel, um ihm den Preis für ein neues Schiff spielend auszuzahlen. Es würde freilich kaum ohne Prozeß abgehen, und es würde viel davon abhängen, welche von den beiden streitenden Parteien sich die besseren Rechtsanwälte chartern konnte.

Als Captain Dryden mit seinen Überlegungen soweit gekommen war, hielt er es für angebracht, sich einen SodaWhisky zu mischen, und während er ihn zu sich nahm, überdachte er die dritte Möglichkeit, die Eggerth-Reading-Werke für den Schaden haftbar zu machen. Sehr aussichtsreich erschien ihm die Idee nicht, aber es blieb der letzte Ausweg, wenn alles andere versagte; während er noch darüber nachgrübelte, trat ein Funkergast in die Kabine und brachte ihm ein eben aufgenommenes Radiogramm. Die Depesche kam von ›St 25‹. Professor Eggerth bat um Auskunft über die Lage auf der Berenice. Captain Dryden ließ den Funker gleich warten und schrieb seine Antwort nieder: ›Hoffnungslos gestrandet. Im Augenblick keine Gefahr. Hilfe erwünscht.‹

Die Antwort von ›St 25‹ lautete: »Nebel geht sehr langsam zurück. Schätzen auf einige Tage, bevor wir Hilfe bringen können. Wie steht es um Garrison und seine Leute?«

Mit einem Fluch zerknitterte Captain Dryden das Papier. Schöne Aussichten, tagelang in dieser Mehlsuppe sitzen zu müssen … Garrison und seine Leute?

»Wir wissen nichts über ihr Schicksal. Sahen sie zuletzt neben ihrem gekenterten Boot am Strand stehen«, ließ er an ›St 25‹ zurückfunken. Eine große Wut auf Garrison überkam ihn, während er den Text seiner Antwort dem Funkergast übergab.

James Garrison stand neben dem gekenterten Boot und blickte auf die See hinaus, als der Nebel kam. Eine kurze Weile konnte er noch die Silhouette der Berenice erkennen, dann begann sie in der dunstigen Luft zu verschwimmen.

Es war ihm klar, daß von der Berenice her für die nächste Zeit kaum Hilfe zu erwarten war.

»Hallo, Jeffris! Robertson!« Er rief seine Leute an, deren Gestalten er nur noch undeutlich erkannte, obwohl sie kaum fünf Meter von ihm entfernt standen.

»Hallo, Sir!« kam die Antwort von beiden zurück. »Sie wünschen, Sir?«

»Kommen Sie näher heran! Wir dürfen uns nicht aus den Augen verlieren. Bleiben Sie dicht bei mir! Wo steckt O’Brien?«

»O’Brien, Sir? Ich meine, ich habe ihn zuletzt vor dem Funkmast stehen sehen.« Die Antwort kam von Robertson und klang unsicher.

Der Funkmast? Schätzungsweise mußte der etwa 200 Meter von hier entfernt sein. Garrison griff in seine Brusttasche und holte eine kleine Planskizze heraus, die er sich bei seinem vorletzten Besuch in unbeobachteten Minuten aufgezeichnet hatte. Obwohl nur flüchtig hingeworfen, enthielt sie doch alles Wesentliche und dazu auch die Entfernungen, die er damals durch Abschreiten und Schrittezählen recht genau ermittelt hatte. Er betrachtete den Plan.

Der Funkmast war nicht eingetragen, denn er war damals noch nicht vorhanden. Garrison entsann sich, daß er ziemlich genau in der Mitte zwischen dem Verwaltungsgebäude und dem Liegeplatz stehen mußte und markierte den Punkt auf seiner Skizze, und dann machte er eine Inventur: Er untersuchte seine Taschen. Allzuviel war es nicht, was er dabei entdeckte: ein gutes Chronometer, ein Taschenmesser und ein Schlüsselbund. Aber danach stieß seine Hand auf einen Taschenkompaß. Die nordweisende Magnetnadel war in dem undurchdringlichen Nebelmeer hier von größtem Wert, konnte vielleicht die Rettung bringen.

Garrison breitete seine Planskizze auf den Planken des Bootes aus und orientierte sie nach dem Kompaß. Dann visierte er den Punkt an, an dem der Funkmast stehen mußte, und stellte den Winkel zur Südnordrichtung fest, unter dem er gehen mußte, wenn er von seinem jetzigen Standpunkt aus zu dem Mast gelangen wollte. Jeffris und Robertson wurden unruhig, als er ihnen seine Absicht mitteilte, nach O’Brien suchen zu wollen. Auf keinen Fall wollten sie hier allein in der undurchdringlichen Nebelsuppe zurückbleiben und verlangten, ihn begleiten zu dürfen.

»Meinetwegen! Es ist vielleicht auch besser so«, meinte Garrison nach kurzem Überlegen Nach alter Gewohnheit seine Schritte zählend und sorgfältig die Richtung, die er auf dem Kompaßgehäuse markiert hatte, innehaltend, ging Garrison über Sand und Rasen, dicht von den beiden anderen gefolgt. Zahlen flüsterte er vor sich hin, während er einen Fuß vor den anderen setzte. Jetzt wurde die Sache kritisch. Nach seiner Meinung mußte der Mast in nächster Nähe sein. Ging er noch weiter, so riskierte er, daran vorbei ins Ungewisse zu laufen.

Sie waren stehengeblieben und starrten nach allen Seiten in den Nebel.

»Wir wollen noch zehn Schritte weitergehen«, entschied Garrison. Langsam setzten sie sich wieder in Bewegung. »201 … 202 … 203 … 204 …«, zählte Garrison, als Jeffris plötzlich »Halt!« rief.

»Was ist, Jeffris?«

»Hier liegt ein Kabel, Mr. Garrison. Ich bin mit dem Fuß dagegen gestoßen.«

Garrison trat an Jeffris’ Seite, bückte sich und bekam einen etwa fingerstarken isolierten Draht zu fassen.

»Wohin mag das Ding führen?« sagte Jeffris mehr zu sich selbst, als zu den anderen.

»Natürlich zu dem Funkmast«, meinte Robertson. »Wir brauchen dem Kabel nur nachzugehen und kommen sicher hin.«

»Also gehen wir schon!« drängte Jeffris.

»Stop«, bremste Garrison seinen Tatendrang und zog wieder seinen Plan zu Rate. Erst nach längerem überlegen kam Garrison zu einem Entschluß.

»Ich glaube, wir müssen dem Kabel nach rechts folgen, aber … für alle Fälle …« Er zog sein Taschentuch heraus und knotete es um den Leitungsdraht. »Für alle Fälle wollen wir uns die Stelle hier, an der wir auf das Kabel gestoßen sind, markieren. Es gibt uns auf jeden Fall die Möglichkeit, von hier aus den Weg zu unserem Boot zurückzufinden.«

Er begann langsam voranzuschreiten, während er den Draht wie ein Leitseil durch seine Finger gleiten, ließ und automatisch wieder seine Schritte zählte.

»… 49 … 50 … 51 …« Besorgnis befiel ihn. Sollte er sich so sehr geirrt haben, als er vorher vom Boot aus die Richtung auf den Funkmast festlegte?

»… 60 … 61 …« Da sah er vor sich etwas Dunkles in der weißen Wand. »… 65 … 66 …«, da war es deutlicher zu erkennen. »67 … 68 …« Da standen sie vor einem Tisch mit elektrischen Geräten, und neben dem Tisch sahen sie das Fachwerk des Funkmastes.

»Da wären wir glücklich angekommen«, rief Jeffris und warf sich in das Gras.

»Wo steckt O’Brien?« fragte Robertson und begann im nächsten Augenblick den Namen des Iren in den Nebel hinauszuschreien. Widerhall kam von allen Seiten.

Während Robertson und Jeffris abwechselnd ihre Kehlen anstrengten, hatte Garrison seine Planskizze auf den Tisch ausgebreitet und den Kompaß darauf gesetzt.

Längst waren Jeffris und Robertson des zwecklosen Rufens müde geworden, als Garrison mit seinen Rechnungen, Messungen und neuen Eintragungen endlich fertig war.

»Was wollen wir jetzt machen, Sir?« fragte Jeffris.

»Erst mal sehen, was wir hier haben, Jeffris.« Garrison machte sich daran, die Apparatur auf dem Tisch gründlich zu untersuchen. Mit den Relais war er schnell durch, sie interessierten ihn nur wenig, aber der große Empfänger fesselte ihn um so stärker, und die Batterie untersuchte er ebenfalls sehr genau. Gewiß, das hier war ein Empfangsapparat, aber nach einer Untersuchung der Röhren hielt Garrison es nicht für ausgeschlossen, ihn so umzuschalten, daß er auch als Sender arbeiten konnte. Daß es keine leichte Aufgabe sein würde, war ihm klar, aber er sah wenigstens eine entfernte Möglichkeit, mit der Außenwelt in Verbindung zu treten, wenn der katastrophale Nebel noch lange über der Insel lasten sollte.

»Was wollen wir jetzt unternehmen?« wiederholte Jeffris seine Frage, als Garrison mit seinen Untersuchungen zu Ende war.

»Ich muß sagen, ich fühle nachgerade, daß ich einen Magen habe«, gab Robertson seine Meinung kund. »Wenn sich’s machen ließe, würde ich jetzt gern zum Lunch gehen.«

Er blickte Garrison an, erwartungsvoll, was der wohl dazu sagen würde. James Garrison schwieg.

»Hunger habe ich noch nicht«, äußerte sich Jeffris, »aber die Kehle ist mir von dem Rufen verflucht trocken geworden. Ich hätte gern was zum Trinken.«

Auch Jeffris wartete vergeblich auf eine Antwort. Garrison war wieder in tiefes Sinnen versunken. Er starrte auf die Planskizze, während er angestrengt kombinierte und überlegte.

›Wo läuft der Draht nach der anderen Seite hin?‹ war die Frage, um die sich seine Gedanken drehten. Daß die Leitung mit den Sprengungen zusammenhing, hatte er aus der Verbindung mit den Relais auf dem Tisch erkannt. Also mußte sie notwendigerweise zu den Sprengstellen führen. Wo war gesprengt worden? Einmal mit Sicherheit oben am Krater, außerdem aber wohl auch in den Stollen. Um zu diesen Orten zu gelangen, mußte die Leitung den Bach neben dem Maschinenhaus überschreiten. Ergo mußte man zu dem Bach gelangen, wenn man ihr folgte.

»All right, Gentlemen!« Es waren die ersten Worte, die Garrison nach langen Minuten des Schweigens wieder sprach. »Wir wollen dem Draht nach der anderen Seite folgen und sehen, wohin er uns führt.« Wieder setzte sich der kleine Trupp in Bewegung. Schon war die Stelle wieder erreicht, an der Garrison sein Taschentuch festgeknotet hatte. Der Marsch ging weiter.

»563 … 564 …«, zählte Garrison aus alter Gewohnheit seine Schritte, als er plötzlich haltmachte. Ein in dem Rasen breit ausgetretener Pfad kreuzte den Draht. Garrison sah eine neue Möglichkeit. Auf dem Pfad würde er aller Voraussicht nach zu dem Verwaltungsgebäude gelangen … Hatte es einen Zweck, dorthin zu gehen? Eine Einsturzgefahr war jetzt nicht mehr zu befürchten, und das Haus würde ihnen für die Nacht ein erträgliches Obdach bieten. Würde es sich sonst noch irgendwie lohnen?

Große Hoffnungen hatte er nicht, denn die beiden Räume, in denen er noch vor wenigen Stunden geweilt hatte, waren fast restlos ausgeräumt gewesen, aber in seiner augenblicklichen Lage durfte er nichts unversucht lassen.

»Wir folgen dem Pfad hier, Boys«, entschied er, »aber gebt mir mal einer von euch ein Taschentuch. Der Punkt hier muß auch markiert werden.«

Jeffris gab ein großes rotes Sacktuch her, das Garrison fest um den Draht knotete; dann ging ihr Marsch weiter. Eine gute Viertelstunde brauchten sie, bis aus dem milchigen Dunst etwas Massiges vor ihnen auftauchte, das sich nach einigen weiteren Schritten als das Verwaltungsgebäude erwies.

»Hier sieht’s ja ganz manierlich aus«, sagten Jeffris und Robertson gleichzeitig, während Garrison die Eingangstür öffnete, aber ihre Gesichter wurden lang, als sie in die kahlen Räume kamen.

James Garrison suchte zuerst einmal den Weg zu jenem Raum, in dem er vor einigen Tagen noch mit Professor Eggerth zu Abend gegessen hatte, und fand glücklich dorthin. Auch hier war vieles fortgeschafft, aber wenigstens Tische und Sessel waren noch vorhanden. Erschöpft von den Anstrengungen dieses so ereignisreichen Tages ließ er sich auf einen Sessel nieder, und seine beiden Gefährten folgten seinem Beispiel.

»Ja, Boys«, begann er nach kurzer Rast, »hier hat es noch vor einigen Tagen eine gute Suppe gegeben. Was meint ihr, was man daraus schließen könnte?«

»Daß in der Nähe eine Küche ist«, sagte Robertson.

»Und vermutlich auch eine Speisekammer«, fügte Jeffris hinzu.

»Richtig! Nach diesen beiden nützlichen Orten müssen wir also suchen.«

»Suchen wir!« sagten Jeffris und Robertson wie aus einem Munde und sprangen von ihren Stühlen auf.

»Aber mit Verstand und Vorsicht«, zügelte Garrison ihren Tatendrang. »Unter allen Umständen müssen wir zusammenbleiben. Erst wollen wir sehen, wohin es durch die Tür hier weiter geht.« Er öffnete sie und kam über einen Flur zu einer Treppe, die nach unten führte.

»Hier scheint’s in den Keller zu gehen«, meinte er.

Er hatte den Fuß auf die erste Treppenstufe gesetzt, als er stehenblieb. Ein Geräusch war von unten her hinauf gedrungen. Wie ein kurzes Klappern oder Rattern hatte sich’s angehört. Jetzt war es wieder still.

Garrison wandte sich nach seinen beiden Begleitern um. »Ein Mensch? … Vielleicht sind mehrere Menschen da unten«, sagte Garrison.

»Wir könnten mal rufen«, schlug Robertson vor. Garrison winkte ab. »Lieber nicht, Robertson. Wir wollen leise hinuntergehen.«

Vorsichtig stiegen sie Stufe für Stufe die Treppe hinab und kamen auf einen fast dunklen Gang. Nur aus einer halb geöffneten Tür, die einige Meter vom Fuß der Treppe entfernt war, kam ein schwacher Lichtschein--kam jetzt auch wieder ein Geräusch. Vorsichtig schlichen sie sich näher heran. Als erster warf Garrison einen Blick durch den Türspalt und fuhr erstaunt zurück. Robertson benutzte sein Zurückweichen, um sich an ihm vorbei vorwärts zu drängen.

Mit einem Ruck stieß er die Tür ganz auf, zu dritt stürmten sie in den Raum, um sich das Wunder aus der Nähe zu besehen. Da saß O’Brien, den sie irgendwo draußen im Nebel verirrt und verloren wähnten, an einem Tisch; eine Reihe von Tellern mit allerlei Eßbarem stand vor ihm. In der Hand hielt er ein volles Glas Bier, das er wohl gerade zum Munde führen wollte, als der Ausruf Garrisons ihn störte.

»O’Brien! Mann! Wie kommen Sie hierher?« O’Brien gewann seine irische Ruhe wieder, als er Garrison sah und dessen Stimme hörte. Erst nachdem er einen kräftigen Schluck genommen hatte, bequemte er sich zu einer Antwort.

»Auf meinen beiden Füßen, Sir. Stand beim Funkmast, besah mir da den elektrischen Kram, kann sein, daß ich mit den Fingern ‘rangekommen bin. Auf einmal fing’s da an zu klappern, und im nächsten Moment ging der Krach los. Als ich den Nebel aufkommen sah, rannte ich, was ich konnte, auf das Haus los; bin gerade noch zur rechten Zeit ‘reingekommen; beschloß, hier abzuwarten …«

»Mann, O’Brien! …« Garrison schüttelte den Kopf. »Bei so einem Erdbeben gehen Sie in ein Haus? Sie haben Glück gehabt, daß es Ihnen nicht über dem Kopf zusammengefallen ist.« Der Ire lachte. »Ah bah, Sir! Ich bin gleich in den Keller gekrochen; der ist solide gebaut, der fällt so leicht nicht ein, und was Vernünftiges zum Essen und zum Trinken habe ich hier auch entdeckt.«

»Was zum Trinken«, unterbrach ihn Jeffris. »Ich habe einen Mordsdurst, O’Brien.«

Der Ire schenkte sein Glas aus einer angebrochenen Bierflasche wieder voll und hielt es ihm hin. Jeffris leerte es auf einen Zug. »Das tat gut«, sagte er nach einem tiefem Atemzug, »aber … ist zwar sonst nicht mein Geschmack, frisches Wasser wäre mir jetzt beinahe noch lieber.«

O’Brien schüttelte den Kopf. »Tut mir leid, Jeffris; damit kann ich nicht dienen. Der Leitungshahn gibt kein Wasser. Müssen uns vorläufig mit Bier helfen. Ist ja genug davon vorhanden.« Er stand auf und öffnete die Tür zu einem Nebenraum, und durch einen Blick konnte sich Jeffris überzeugen, daß sie hier wirklich auf die Speisekammer gestoßen waren. Auch Garrison sah es, und eine Sorge fiel von ihm ab. Man würde in einem erträglichen Zufluchtsort in Ruhe abwarten können, bis die schwere Nebelbank sich wieder aufgelöst hätte.

Garrison ging zu dem Lichtschalter an der Tür und betätigte ihn. Die Deckenlampe blieb dunkel.

O’Brien sah es und nickte. »Die elektrische Leitung ist auch zerrissen, Sir. Werden im Dunkeln kampieren müssen.«

Dreißig Minuten verstreichen schnell, wenn man sich aus zusammengesuchten Decken und Säcken ein Nachtlager herrichten und außerdem noch zu Abend essen soll. Dämmerung brach bereits herein, als sie sich zum Essen niedersetzten. Im Dunkeln mußten sie die letzten Bissen zu sich nehmen, und im Dunkeln tasteten sie sich danach zu ihren Ruhestätten hin.

Wie Wattenland zur Ebbezeit sah Captain Dryden den Seeboden um sein Schiff herum noch trocken werden, bevor der schwere milchige Nebel kam. So konnte der Captain nichts mehr von dem beobachten, was weiter geschah, und spürte nichts von den unterirdischen Kräften, die den Seeboden und mit ihm auch die Berenice um mehr als hundert Meter in die Höhe wuchteten.

Ein anderes Bild aber boten die Dinge von ›St 25‹ aus, das in klarem Sonnenschein in Stratosphärenhöhe über der Insel schwebte. Viel deutlicher war von hier zu erschauen, wie der neue Vulkan an der Südspitze der Insel seinen Schlund auftat und unendliche Lavamassen in die See strömen ließ, während der Ozean von dem Nordoststrand plötzlich zurückzuweichen begann. Durch die Fenster des Kommandoraumes sahen Professor Eggerth, Wille und Schmidt, wie die Berenice auf dem Trockenen lag und sich leicht überneigte.

»Ich fürchte, sie wird kentern«, sagte Dr. Wille gerade, als der Nebel herankam und das Schiff ihren Blicken entzog. Stunden hindurch brodelten von der Südspitze der Insel her, wo der Lavastrom mit der See zusammentraf, unaufhörlich neue Dampfmassen empor, bis der Weg zum Wasser für den feurigen Fluß zu weit wurde. Der Augenblick kam, in dem die Lava den Ozean nicht mehr erreichte, sondern schon vorher erstarrte. Da hörte das Wachstum der Nebelbank auf. Wie eine schimmernde schneeige Halbkugel lag sie im Licht der Tropensonne auf dem Azurschild des Ozeans, doch nur für eine kurze Weile blieb das Bild unverändert.

Dann begann das Blau der See sich an den Rändern des weißen Gebildes zu verfärben, verwandelte sich in tiefes Smaragdgrün, ging schließlich in helles Gelb über. Neues Land kam auf, wo vor kurzem noch die See wogte. Immer größer wurde die Fläche, die, gehoben von dem Druck des quellenden Magmas, aus der Tiefe auftauchte.

Schweigend verfolgten die drei Männer im Kommandoraum von ›St 25‹ das wunderbare Schauspiel, während die Stunden verrannen. Schon stand die Sonne tief im Westen, als die Bewegung langsamer wurde, als das Blau des Ozeans anfing, sich gegen das vordringende Gelb zu behaupten. Da griff Professor Eggerth zum Theodoliten, visierte, maß Winkel und begann zu rechnen. Dann sagte er:

»Meine Herren! Das Ergebnis unseres Experimentes hat unsere Erwartungen noch übertroffen. Das Areal unserer Insel hat sich vertausendfacht.«

»Vertausendfacht? Undenkbar, Herr Professor!« rief Dr.

Schmidt, während Wille zweifelnd den Kopf schüttelte. »Meinetwegen undenkbar, aber trotzdem Tatsache, Herr Doktor.« Professor Eggerth deutete auf einige Zahlen seiner Rechnung. »Sehen Sie hier! Die Insel war vorher etwa 10 Kilometer lang und am Nordstrand 3 Kilometer breit. Hier stehen die neuen Maße. 300 Kilometer beträgt die Länge jetzt und 100 Kilometer die Breite im Norden. Ihr Verwaltungsgebiet ist gewachsen, Herr Kommissar«, wandte er sich weitersprechend an Dr. Wille. »Nicht über 15, sondern über 15 000 Quadratkilometer sind Sie jetzt Herr und Gebieter. Unser Versuch hat sich doch gelohnt.«

Dr. Wille fuhr sich über die Stirn, als wolle er lästige Gedanken verjagen.

Der Professor griff wieder zum Theodoliten und begann aufs neue zu visieren und zu rechnen. Seine Stirn krauste sich, als er das Ergebnis niederschrieb. »Die Wolkenbank steht fast unverändert, meine Herren«, sagte er, während er den Bleistift beiseite legte, »ich fürchte, wir werden uns auf eine Geduldsprobe gefaßt machen müssen. Es kann noch lange dauern, bis die Insel wieder nebelfrei wird. Im Augenblick hat es keinen Zweck, länger in der Luft zu bleiben. Wir wollen unsern Treibstoff sparen und lieber wassern.« Er griff zum Telefon, gab einen Befehl in den Pilotenstand, und in weiten Schleifen ging ›St 25‹ nach unten.

Dann trat der Professor an ein Fenster und blickte nach Westen hinaus, wo der Sonnenball wie eine kupferrote Scheibe dicht über der Kimm hing. Jetzt berührte er sie und begann in der Flut zu versinken, während der Rumpf von ›St 25‹ sich breit und massig auf den Wasserspiegel legte. Einen Augen blick später verstummte der Lärm der Motoren.

»Das Schicksal der vier Menschen auf der Insel macht mir Sorge, meine Herren«, begann Professor Eggerth. »Wir wissen, daß sie dort vom Nebel überrascht wurden und werden etwas zu ihrer Rettung unternehmen müssen …« Während er die letzten Worte sprach, brach bereits die Tropennacht herein. »In der Dunkelheit ist nichts zu machen«, sagte Dr. Schmidt kategorisch.

»Es wird auch bei Tage nicht leicht sein, Herr Doktor«, fuhr Professor Eggerth fort. »Wir wollen die Stunden der Dunkelheit benutzen, um Vorbereitungen zu treffen.«

»Wie soll man sie in dem Nebel finden?« sagte Wille mit einem Schulterzucken. »Man kann in dem Dunst nicht fünf Schritte weit sehen.«

»Unsere Augen können es nicht, Herr Dr. Wille, aber die fotografische Platte wird es vielleicht können, wenn wir mit infrarotem Licht arbeiten«, verbesserte ihn der Professor. »Infrarotaufnahmen! In der Tat, Herr Professor, sie könnten uns zeigen, was unseren Augen in dem Nebel verborgen bleibt«, pflichtete ihm Dr. Wille bei, und auch Dr. Schmidt nickte zustimmend.

Und nun begann der Professor seinen beiden Zuhörern einen neuen Plan zu entwickeln. Gefesselt hörten die beiden Wissenschaftler ihn an und schwiegen nachdenklich, als Professor Eggerth geendet hatte.

»Nun, was meinen Sie dazu, Dr. Wille?«

»Großartig, Herr Professor, aber haben wir auch die Mittel dafür an Bord?«

»Das meiste, Herr Dr. Wille. Einiges werden wir freilich behelfsmäßig vorbereiten müssen, aber wir haben ja die ganze Nacht vor uns.«

Zwölf Stunden dauert die Nacht in den Tropen, eine lange Zeit für Leute, die gewohnt sind, mit sieben Stunden Schlaf auszukommen. Schon bald nach Mitternacht waren Garrison und seine Gefährten wieder munter und wälzten sich ungeduldig auf ihren Lagerstätten hin und her, sehnsüchtig den Anbruch des neuen Tages erwartend. Immer wieder mußte Garrison von den Leuchtziffern seines Chronometers die Zeit ablesen und ansagen, und mit Erleichterung vernahmen es die Männer, als er ihnen die fünfte Morgenstunde ankündete.

»Noch einmal sechzig Minuten, dann kommt die Sonne wieder«, meinte O’Brien.

»Einen Mordsdurst habe ich nach dem Bier von gestern abend«, stöhnte Jeffris, »ein Königreich für einen Krug frischen Wassers.«

»Wir werden uns auf die Suche nach dem Bach machen, sobald es hell wird«, suchte Garrison ihn zu vertrösten und begann bei sich zu überlegen, wie diese Expedition am besten zu bewerkstelligen wäre.

Noch während Garrison verschiedene Möglichkeiten erwog, fiel der erste Lichtschein in den Raum. Ein neuer Tag brach an. »Wann gehen wir zum Wasser?« fragte Jeffris.

»Erst ordentlich frühstücken, Boys!« befahl Garrison. Das war einfacher gesagt als getan, denn zu einem Tee oder Kaffee, nach dem sich alle sehnten, fehlten Wasser und Feuer. Wohl oder übel mußten sie noch einmal zu den Biervorräten ihre Zuflucht nehmen und sich dazu mit kalten Konserven begnü gen, da der elektrische Herd ebensowenig funktionierte wie das elektrische Licht.

Während das Frühstück eingenommen wurde, studierte Garrison seine Planskizze. Er wollte zuerst zum Maschinenhaus, und nach seinen Aufzeichnungen betrug die Entfernung vom Verwaltungsgebäude bis dorthin nur 300 Meter. Er glaubte, sein Ziel mit Hilfe des Kompasses sicher erreichen zu können und begann zum Aufbruch zu drängen. Die Frage, was sie auf den Weg mitnehmen sollten, war schnell geklärt. Proviant, um nötigenfalls bis zum Abend durchhalten zu können, und außerdem ein paar Gefäße, um das ersehnte Wasser damit schöpfen zu können. Garrisons Chronometer wies die siebente Morgen stunde, als sie sich auf den Weg machten.

Noch immer lastete der Nebel unverändert auf dem Gelände, und ihr Marsch ging ebenso vor sich wie am vergangenen Tage, nur daß sie diesmal nicht drei, sondern ihrer vier waren.

Wieder ging Garrison an der Spitze, den Kompaß in der flachen Hand vor sich haltend und dabei nach alter Gewohnheit seine Schritte zählend.

Über unberührten Rasen führte ihr Weg zunächst, doch nach kaum hundert Schritten stießen sie auf einen ausgetretenen Pfad, der ziemlich genau die von Garrison ermittelte Richtung hatte, und sie beschlossen, ihm weiter zu folgen. Die Vermutung, daß er zum Maschinenhaus führte, erwies sich als zutreffend. Bald tauchten aus dem milchigen Dunst die Umrisse eines Gebäudes auf, das nur das Maschinenhaus sein konnte. »Das Haus hätten wir, den Bach werden wir auch gleich haben«, triumphierte Garrison beim ersten Anblick, aber seine Laune sank beträchtlich, als sie vor dem Bau standen. Viel schlimmer als das Verwaltungsgebäude war das Maschinenhaus von dem Erdbeben mitgenommen worden. Es schien nicht geraten, den Bau zu betreten, und mit einem bitteren Gefühl sah Garrison die Hoffnung, vielleicht einen Motor oder Dynamo in Betrieb zu bringen, um elektrisches Licht zu haben, entschwunden.

»Gehen wir erst mal zu dem Bach!« entschied er sich. Der Weg dorthin war nicht zu verfehlen.

Doch sie mußten eine zweite herbe Enttäuschung erleben.

Zwar war die Rinne, in welcher der Bach früher floß, noch vorhanden, aber kein Tropfen Wasser befand sich darin. Das Erdbeben hatte hier mit besonderer Stärke gewütet. Zweifellos hatte es dabei Bodenbewegungen und Niveauveränderungen bewirkt, durch die der vom Innern der Insel her zum Ufer strömende Bach zu einem anderen Lauf gezwungen worden war.

Über den Ernst ihrer Lage gab sich Garrison keiner Täuschung hin. Wasser mußte gefunden werden, und zwar bald! Während seine Gefährten an dem leeren Rinnsal hockten und mißmutig auf die mitgebrachten Gefäße starrten, überlegte er.

Der Bach kam von dem Hochland im Innern der Insel her. Irgendwo unterwegs hatte er sein altes Bett verlassen. Die Stelle, an der das geschehen war, mußte man aber notgedrungen treffen, wenn man seinem alten Lauf landeinwärts folgte. Mit einigen energischen Worten riß Garrison seine mutlosen Gefährten zusammen und erklärte ihnen, was er vorhatte. Dann setzte sich die kleine Kolonne wieder in Bewegung und folgte dem alten Bachbett.

Der Weg war nicht zu verfehlen. Sie sprachen wenig, während sie sich Schritt für Schritt durch den Nebel weitertasteten.

Jeder von ihnen hing seinen eigenen Gedanken nach, und bei jedem Schritt, den sie vorwärtskamen, wuchsen die Sorgen Garrisons. Die Befürchtung, daß der Bach durch die starken Bodenverschiebungen ganz zum Versiegen gekommen sein könnte, begann ihn zu quälen. Er hütete sich, den andern ein Wort von seinen Befürchtungen zu verraten, während er schon zu grübeln begann, was sie in diesem schlimmsten Fall unternehmen könnten.

Während er so zwischen Besorgnis und Hoffnung schwankend weiterging, verspürte er, daß die Steigung allmählich schwächer wurde. Eine kurze Strecke nur noch, und das alte Bachbett, in dem sie sich Schritt für Schritt vorwärtsarbeiteten, verlief in der Waagrechten, und dann begann es sogar wieder zu fallen. Garrison verhielt den Schritt, als er es merkte, er brauchte Zeit, um das, was hier geschehen war, voll zu erfassen, und nur langsam formte sich in seinem Geiste ein Bild der Geschehnisse.

Eine Bodenwelle hatte die unterirdischen Kräfte während des Bebens hier quer zu der Richtung des Baches emporgehoben.

Es war ohne weiteres einleuchtend, daß dessen Lauf dadurch gehemmt werden mußte. Langsam, wie der von allerlei Felsgeröll bedeckte Boden des Bachbettes es erforderte, setzte Garrison einen Fuß vor den anderen. Immer noch ging der Weg bergab. Von neuem überfiel ihn Sorge, ob und wann sie wohl auf das lebenspendende Naß stoßen würden. In Gedanken versunken machte er einen weiteren Schritt und trat in klares Wasser. Soweit seine Blicke den Nebel zu durchdringen vermochten, war das Bachbett vor ihm mit Wasser gefüllt. »Wasser!« Das kurze Wort von seinen Lippen wirkte belebend auf seine Gefährten. Sie stürzten hinzu, schöpften in die mitgebrachten Gefäße und tranken in vollen Zügen. James Garrison ließ sie gewähren, ohne ein Wort zu sprechen, während es in seinem Hirn arbeitete. Das Wasser floß nicht mehr. Es stand hier ruhig in dem alten Bett. Natürlich! So mußte es ja auch sein, schoß es ihm durch den Sinn. Diese Bodenwelle mußte ja auf den Wasserlauf ebenso wirken wie eine Talsperre. Ein Stausee mußte sich hinter ihr bilden. War diese Schlußfolgerung richtig? Eine Untersuchung mußte es ihm zeigen. Das Bachbett war hier etwa einen Meter tief in das Gelände eingeschnitten. Er rief den anderen zu, an der Stelle zu bleiben, an der sie waren, stieg selbst die Böschung zur Rechten empor und folgte ihr querab zum alten Bachlauf. Schon nach kaum dreißig Schritten stieß er auch hier auf Wasser. Vorsichtig tastete er sich eine Strecke weit an der Uferlinie entlang und fand seine frühere Vermutung bestätigt. In weitem Umfang mußte das ganze Gelände hinter der Bodenwelle überschwemmt sein.

Es hatte keinen Zweck für ihn, dem Ufer des neuentstandenen Stausees noch weiter zu folgen. So machte er wieder kehrt und ging zu dem Bachlauf zurück, wo seine Gefährten ungeduldig auf ihn warteten.

Ein kurzer Blick zeigte ihm, daß die Stimmung der drei während der kurzen Zeit seiner Abwesenheit bedenklich gesunken war. O’Brien und Robertson hatten sich der Länge lang hingeworfen und starrten schweigend auf das Wasser vor ihnen. Jeffris aber lief unruhig auf und ab und redete dabei laut vor sich hin.

Es war ungereimtes und sinnloses Zeug, was er in wahllosem Durcheinander über seine Lippen brachte, und mit Schrecken sah Garrison, daß Jeffris dicht vor einem Nervenzusammenbruch stand. Dieser trostlose milchige Nebel! Garrison spürte es nur allzusehr an sich selber, wie er das Gemüt bedrückte und die Sinne verwirrte.

Würden sie am Ende einer nach dem anderen die Nerven verlieren? Er zermarterte sich den Kopf, wie er die Gefahr abwenden könnte … Arbeit! Irgendeine Beschäftigung, die sie ablenkte! Ganz allmählich formte sich ein Plan in seinem Hirn.

Die Morgensonne, deren Strahlen die Nebelbank über der Insel nur mit einem fahlen, milchigen Licht durchdringen konnte, ließ den Rumpf von ›St 25‹ in tausend Reflexen erglänzen, als das Stratosphärenschiff sich vom Seespiegel emporhob und in geringer Höhe mit langsamer Fahrt die Insel ansteuerte. Ein kurzer Flug nur, dann stieß es in den Nebel hinein, und jede Sicht hörte auf; mit den Mitteln des Blindfluges mußte weiter navigiert werden.

Im Pilotenraum saßen Georg Berkoff und Hein Eggerth an der Steuerung. Im Kommandoraum beobachteten Professor Eggerth, Wille und Schmidt den Gang der Instrumente.

»In diesem Augenblick passieren wir die ehemalige Uferlinie«, konstatierte Dr. Schmidt. Der Professor nickte und drückte auf einen Knopf. Ein Knall wie von einem Schuß wurde hörbar. Im gleichen Moment begann der Zeiger des Echolotes über die Skala zu laufen und blieb stehen, als er die Fünfzig erreicht hatte. Wie gebannt starrten Schmidt und Wille auf das Instrument. 300 Meter zeigte der Höhenmesser und nur 50 Meter lag nach der Angabe des Echolotes das Land unter ihnen. Um 250 Meter mußte sich der Boden hier gehoben haben.

Professor Eggerth gab durch das Telefon einen Befehl zum Pilotenstand. Langsam sank ›St 25‹ nach unten, bis es mit einem leichten Stoß aufsetzte.

Eine Tür wurde geöffnet, eine leichte Metalltreppe herausgeschoben. Als erster verließ der Professor das Schiff, gefolgt von Wille.

»Trostlos«, murmelte Dr. Wille vor sich hin, als er über die

Stufen der Treppe in den dichten Nebel hinabschritt. »Immer dicht beim Schiff bleiben, Herr Doktor«, ermahnte ihn Professor Eggerth. »Wir dürfen uns nicht aus den Augen verlieren.«

Wille blieb am unteren Ende der Treppe stehen. Nur undeutlich konnte er von dort sehen, wie zwei Gestalten aus dem Rumpf des Schiffes hinaustraten und etwas Massiges mit sich schleppten. Erst als sie näherkamen, erkannte er Berkoff und Hein Eggerth, die eine große fotografische Kamera und ein Stativ heranbrachten und aufstellten. Hinter den beiden kam Dr. Schmidt die Treppe herab, unter seinem rechten Arm trug er den Fluoreszenzschirm, den sie in der verflossenen Nacht nach den Anweisungen des Professors in stundenlanger Arbeit hergestellt hatten. Eine Platte, welcher die wunderbare Fähigkeit anhaftete, unter dem Einfluß der ultraroten Strahlen ebenso aufzuleuchten wie die in der Röntgentechnik benutzten Schirme unter der Einwirkung der Röntgenstrahlen. Dr. Schmidt schob sie an Stelle der Mattglasscheibe in die Kamera. Während der Professor an dem Objektiv und der Blende des Apparates Einstellungen vornahm, warf der lange Schmidt sich ein schwarzes Tuch über den Kopf und betrachtete gespannt die Fluoreszenzscheibe. Nur ein undeutliches Funkeln und Schimmern war darauf zu bemerken.

»Es funktioniert nicht, Herr Professor«, rief er mißmutig, während er sich das Tuch wieder vom Kopf riß.

»Geduld, alter Freund«, meinte Professor Eggerth lachend.

»Ganz so schnell geht es nicht.« Während er es sagte, hängte er eine Vorsatzscheibe vor das Objektiv.

»Nun versuchen Sie es noch einmal!« ermunterte der Professor Dr. Schmidt. Der steckte den Kopf von neuem unter das Tuch. Es dauerte eine Minute, bis seine Augen sich an die Dunkelheit gewöhnt hatten, dann aber erkannte er deutlich die Einzelheiten des Bildes, das von der Objektivlinse auf der Fluoreszenzscheibe entworfen wurde.

Freilich war es sehr lichtschwach, und auch mit der Tatsache, daß es verkehrt, das heißt mit dem Kopf nach unten auf der Scheibe erschien, mußte er sich erst abfinden. Dann aber erkannte er die Umrisse des Verwaltungsgebäudes, das von ihrem gegenwärtigen Standort reichlich 300 Meter entfernt war!

Die Minuten verstrichen, ohne daß Dr. Schmidt ein Wort über das sprach, was er unter seinem Tuch beobachtete. Aber nun begann er die Kamera auf dem Stativ ein wenig hin und her zu drehen, um andere Teile der Umgebung durch das Objektiv hindurch auf die Fluoreszenzscheibe zu bekommen. Professor Eggerth sah es, und ein Lächeln lief über seine Züge. Schweigend stieg er die Treppe wieder hinauf, trat in das Schiff und sprach ein paar Worte mit seinem Sohn und Georg Berkoff. »Jawohl, Herr Professor, wird sofort gemacht«, sagte Berkoff.

Während der Professor das Schiff verließ, schoben Berkoff und Hein Eggerth einen der großen Scheinwerfer, die ›St 25‹

an Bord führte, bis an die offene Schiffstür heran. Ein Kabel wurde in eine Dose gesteckt, und ein Strom von hundert Ampere ging in den Scheinwerfer. Aber nicht die Spur eines Lichtschimmers kam aus seinem Gehäuse.

Der Grund dafür war unschwer zu erkennen. Nicht mehr klares Spiegelglas bildete den Abschluß seines Gehäuses, sondern eine Platte, die anscheinend aus dem gleichen Material bestand wie die Vorsatzscheibe vor dem Objektiv der Kamera. Nur ein infrarotes Strahlenbündel vermochte der Scheinwerfer noch ins Freie zu senden, während alles sichtbare Licht zurückgehalten wurde.

Hein Eggerth stieg die Treppe zur Hälfte hinab. So konnte er trotz des Nebels einigermaßen den Scheinwerfer oben in der Türöffnung und die Kamera unten erkennen. Mit dem rechten Arm deutete er Berkoff die Richtung an, in welche Dr. Schmidt unten die Kamera gerade drehte, und Berkoff richtete den Scheinwerfer danach.

»Ah, was ist das?« Der Ausruf kam von Schmidt In dem gleichen Augenblick, in dem die Richtung des Scheinwerfers mit derjenigen der Kamera zusammenfiel, in dem beide Apparate das gleiche Ziel anvisierten, leuchtete das bisher lichtschwache Bild auf der Fluoreszenzscheibe so hell und klar auf, daß der Doktor für einen Moment die Augen schließen mußte. »Wundervoll! Erstaunlich!« Dr. Schmidt sprach die Worte unter seinem Tuch, während er die Kamera ein wenig drehte.

Das Maschinenhaus, das fast einen Kilometer entfernt war, sah Dr. Schmidt jetzt. Sah weiter auch die Zerstörungen, die geborstenen Mauern und das eingestürzte Dach. Sah es und murmelte Worte der Überraschung und des Bedauerns vor sich hin. Bis jetzt hatte Professor Eggerth den langen Doktor geduldig gewähren lassen. Nun aber hielt er nicht länger an sich. »Was ist, Herr Dr. Schmidt? Haben Sie klare Sicht?« fragte er.

»Ganz vorzüglich, Herr Professor«, antwortete Schmidt und schob das Tuch beiseite. »Kommen Sie, Herr Professor. Überzeugen Sie sich, wie Ihre Anordnung arbeitet. Jetzt glaube ich selbst, daß eine Möglichkeit besteht, unsere Vermißten zu finden.«

Während Dr. Schmidt es sagte, war der Professor an die Kamera getreten und betrachtete das Bild, das ihr Objektiv auf die Scheibe warf.

»Es ist gut«, meinte er nach wenigen Sekunden, »das kann uns wohl weiterhelfen.«

Dr. Schmidt nickte. »Überlegen wir uns also, wo wir die Vermißten ungefähr vermuten dürfen, bevor wir uns daran machen, das Gelände nach ihnen abzuleuchten.« Bisher hatte Dr.

Wille dem Gespräch der anderen schweigend zugehört Jetzt mischte er sich ein.

»Ich glaube, meine Herren, wir werden am ehesten zum Ziele kommen, wenn wir uns selbst in die Lage Garrisons versetzen.

Er ist Wissenschaftler und gewöhnt, logisch zu denken. Wir dürfen also annehmen, daß er ebenso gehandelt hat, wie wir es in seiner Lage tun würden.«

»Ihr Vorschlag ist plausibel, Herr Doktor«, stimmte Professor Eggerth ihm bei. »Was würden Sie nun beispielsweise unternommen haben?«

»Ja, was hätte ich getan?« sagte Dr. Wille überlegend. »Ich hätte vielleicht …«

»Ich hätte jedenfalls versucht, aus dem Nebel unter Dach und Fach zu kommen«, fiel ihm Dr. Schmidt in die Rede. »Ich hätte auf jede nur mögliche Weise versucht, das Verwaltungsgebäude zu erreichen. Wenn es Garrison gelang, dann fand er dort eine Unterkunft und Lebensmittel und war einstweilen wenigstens geborgen?«

»Ihr Vorschlag läßt sich hören, Herr Kollege«, sagte Wille.

»Wie denken Sie darüber, Herr Professor?«

»Ich bin damit einverstanden«, stimmte der Professor zu, »untersuchen wir also zunächst das Verwaltungsgebäude.« »Wie kommen wir durch den verteufelten Nebel dorthin?«

fragte Schmidt.

»Mit ›St 25‹ selbstverständlich, meine Herren«, sagte Professor Eggerth.

Dr. Wille zog die Stirn in nachdenkliche Falten. »Ein Blindflug so dicht über dem Erdboden … Die Sache ist mir nicht ganz ungefährlich …«

»Sie vergessen die infrarote Strahlung, Herr Dr. Wille«, unterbrach ihn Professor Eggerth. »Wir stellen unsere Apparatur in den Pilotenraum und können dann ohne weiteres nach Sicht steuern. Bitte, Herr Berkoff, veranlassen Sie, daß alles dorthin geschafft wird.«

Fünf Minuten später stieg ›St 25‹ auf 50 Meter Höhe empor, dann begann eine seiner Horizontaldüsen zu heulen und in langsamster Fahrt schwebte das Schiff dahin.

Im Pilotenraum hatten Hein Eggerth und Berkoff die Fotokamera und den Scheinwerfer aufgebaut. Auch hatten sie die Verschraubungen des mittleren großen Bugfensters gelöst und es geöffnet, da das starke Kristallglas für infrarote Strahlen wenig durchlässig war.

In dem Scheinwerfer arbeitete der elektrische Strom, vor der Fluoreszenzscheibe der Kamera stand Professor Eggerth, und nach seinen Rufen steuerte Berkoff das Schiff.

»Einen Strich nach Steuerbord!« kommandierte der Professor, »Horizontaldüse stillsetzen!« befahl er eine Minute später.

»Schiff absinken lassen! Landen!« kam gleich danach ein drittes Kommando. Ein leichter Stoß und ›St 25‹ lag unmittelbar vor dem Verwaltungsgebäude auf dem Rasen.

Zu fünft betraten sie das Haus unter der Führung des Professors.

»Schlimme Risse in den Wänden«, meinte Dr. Wille zu Schmidt, als sie über den Flur gingen.

»Im Maschinenhaus sieht es noch viel toller aus«, erwiderte Schmidt.

»Hier hat der Magistrat gefegt«, sagte Hein Eggerth zu Berkoff, während sie durch leere Räume weiterschritten. Kurz danach kamen sie in die Küche.

»Hier haben wir ja das Nachtlager von Granada«, meinte Berkoff zu Hein Eggerth. In der Tat war es unverkennbar, daß hier Leute gewesen waren. Geöffnete Konservenbüchsen und leere Bierflaschen legten Zeugnis dafür ab, und Decken und Säcke verrieten, daß die Besucher hier auch übernachtet hatten. »Das Nest ist leer, die Vögel sind ausgeflogen«, raunte Hein Eggerth seinem Freunde Berkoff zu.

»Ja, wo sind sie geblieben?« fragte Dr. Wille den Professor.

Der warf einen Blick auf die Bierflaschen, ging dann zur Wasserleitung und drehte den Hahn auf.

»Ach so!« Er sagte es, während er den Hahn wieder schloß.

»Sie haben kein Wasser. Sie sind auf die Suche nach Wasser gegangen. Wir müssen sie am Bach bei dem Maschinenhaus suchen.«

Kurz danach stieg ›St 25‹ wieder empor und nahm Kurs auf das Maschinenhaus. Ebenso wie vorher stand Professor Eggert vor der Fluoreszenzscheibe, doch diesmal beschränkte er sich nicht darauf, das Ziel ihres Fluges anzustrahlen, sondern suchte mit Kamera und Scheinwerfer die ganze Umgebung ab. »Ich sehe weiter landeinwärts eine starke Bodenwelle, die zweifellos durch die vulkanischen Kräfte emporgehoben wurde«, sagte er. »Soweit ich es von hier beurteilen kann, muß sie den Bachlauf abgeriegelt haben. Ich fürchte, Mr. Garrison sucht vergebens nach Wasser.«

Er rief seinem Sohn ein Kommando zu. Schneller wirbelten danach die Hubschrauben um ihre Achsen. Langsam stieg ›St 25‹ höher. Weiter dehnte sich das Gelände, das Professor Eggerth anstrahlen und beobachten konnte.

»Es ist, wie ich’s vermutete, meine Herren.« Er wandte sich an Wille und Schmidt. »Betrachten Sie das Bild auf der Scheibe. Hinter der Bodenwelle hat sich ein großer Stausee gebildet.

Wir werden später mit unserm neuen Maschinenhaus landeinwärts wandern müssen.«

»Wo sollen wir jetzt die Amerikaner suchen?« unterbrach ihn Dr. Schmidt.

»Am Wasser, Herr Doktor. Garrison wird sich mit seinen Begleitern bis zum Maschinenraum durchgeschlagen haben. Er hat das Bachbett dort wasserleer gefunden. Was wird er dann logischerweise weiter getan haben?«

»Er wird dem Bachlauf landeinwärts gefolgt sein«, sagten Wille und Schmidt wie aus einem Munde. Professor Eggerth nickte.

»Richtig! Nur so und nicht anders kann es gewesen sein. Also werden wir es ebenso machen.«

James Garrison riß sich mit Gewalt zusammen. »Hallo, Boys«, rief er seine Gefährten an. »Mit bloßem Nichtstun und Lamentieren kommen wir nicht weiter. Wir müssen ‘raus aus dem Elend! Wasser haben wir jetzt, Gott sei Dank, wenn es auch unbequem weitab liegt. Aber Licht brauchen wir noch …«

»Licht, Sonne! Blauer Himmel!« schrie Jeffris dazwischen. »Ich werde wahnsinnig in dem verdammten Dunst! Verrückt werde ich, Sir! Bin es schon beinahe!«

Garrison gab ihm einen schweren Schlag auf die Schulter, daß er zusammenknickte.

»Mann! Benehmt Euch nicht wie ein altes Weib!« schrie er ihn an und wollte noch mehr sagen, als ein fernes Geräusch vernehmbar wurde. Suchend wandte er den Kopf nach allen Seiten und hielt die Hände wie Schalltrichter an die Ohren, um festzustellen, woher der dröhnende Klang kam. Auch Robertson und O’Brien waren aufgesprungen. Im Augenblick war alle Lethargie von ihnen abgefallen. Aufgeregt sprudelten sie Worte und abgerissene Sätze heraus.

»Motoren! Ein Flugzeug!« rief Robertson.

»Professor Eggerth? Das Stratosphärenschiff! Rettung!« schrie O’Brien dazwischen.

»Sie müssen blind fliegen--es wäre ein Wunder, wenn sie uns finden«, murmelte Garrison vor sich hin, lauschte dann wieder, während ein Hoffnungsschimmer über seine Züge glitt, denn viel stärker war das Geräusch inzwischen geworden.

»Man müßte ihnen ein Zeichen geben … rufen …«, sinnierte Garrison und gab den Gedanken im nächsten Augenblick wieder auf. Im Flugzeug würde man es nicht hören. Das Motorengeheul würde ja doch jeden Ruf ersticken. Während er es noch überdachte, sah er Jeffris plötzlich aufspringen und die Böschung emporeilen. Mit einem wilden Schrei stürzte er in der Richtung, aus der das Geräusch zu kommen schien, davon und war schon in der nächsten Sekunde verschwunden--vom Nebel verschluckt.

James Garrison machte eine Bewegung, als ob er ihm nacheilen, ihn zurückholen wollte. Gab es im nächsten Moment wieder auf und ließ die Anne mutlos sinken.

»Verloren! Rettungslos im Nebel verloren«, flüsterte er und schloß die Augen. Ihn, der durch seine Energie und unerschütterliche Ruhe die anderen so lange aufrecht gehalten hatte, wollte jetzt Verzweiflung überkommen. Niemand würde ihn und seine Gefährten in dem Nebel finden. Sie würden hier zurückbleiben müssen--verlassen--vergessen--verloren, wenn kein Wunder geschah … Übermächtig stark war inzwischen das Dröhnen der Hubschrauben von ›St 25‹ geworden. So gewaltig brüllten die Motoren des Stratosphärenschiffes, daß die lauten Rufe seiner Gefährten davon fast übertönt wurden. Was hatten die? Was schrien die? Klang es nicht fast wie Freudenruf?

James Garrison öffnete die Augen wieder und fuhr sich zweifelnd mit der Hand darüber. Das Bild blieb, es ließ sich nicht wegwischen. Kaum drei Meter von ihm entfernt setzte ›St 25‹, bis jetzt noch von seinen Hubschrauben gehalten, sicher neben der Böschung des Bachlaufes auf. Schon öffnete sich eine Tür, schon schob sich eine Stiege heraus. James Garrison sah, wie O’Brien und Robertson sie emporstürmten. Langsam folgte er ihnen.

Er sah Professor Eggerth auf sich zukommen, wollte in überquellendem Gefühl etwas sagen und vermochte nur unzusammenhängende Worte zu stammeln. Er ergriff die Hand, die der Professor ihm entgegenstreckte, und drückte sie stumm. Metallisch klang es hinter ihm auf. Die Stiege wurde wieder eingezogen, die Tür geschlossen. Gleich darauf setzte das donnernde Spiel der Hubschrauben wieder ein. ›St 25‹ hob sich vom Boden ab.

»Gerettet!« jubelte O’Brien.

»Geborgen!« jauchzte Robertson.

Tief aufatmend schauten die beiden sich um.

»Einer von uns fehlt noch«, sagte Garrison.

»Er rannte in den Nebel hinein. Wir sahen ihn laufen …«, bestätigte der Professor dem Amerikaner.

»Sie sahen ihn?« Ungläubigkeit klang aus den Worten Garrisons. Professor Eggerth ergriff seinen Arm.

»Kommen Sie mit nach vorn in den Pilotenraum, Mr. Garrison.«

Widerstandslos ließ sich James Garrison von ihm führen, kam mit ihm in den Raum und geriet erneut ins Staunen. Da stand Dr. Schmidt vor der Mattscheibe einer großen Kamera, betrachtete ein leuchtendes Bild, das die Scheibe ihm zeigte, und gab Befehle, nach denen Berkoff die Steuerung von ›St 25‹ betätigte.

»Haben Sie ihn entdeckt, Herr Doktor?« fragte Professor Eggerth.

Dr. Schmidt wandte sich um und nickte kurz. »Ich habe ihn auf der Platte, Herr Professor. Zweimal ist er gestürzt … hat sich wieder aufgerafft … läuft wie ein Toller … Jetzt fällt er wieder. Diesmal bleibt er liegen …«

Professor Eggerth zog Garrison zu der Kamera hin, und wieder glaubte dieser seinen Augen nicht trauen zu dürfen.

Das Land, das draußen in undurchsichtigem Nebel lag, zeichnete sich hier in allen Einzelheiten auf der Kamerascheibe ab. Jeden Baum, jeden Strauch, jeden Stein konnte er deutlich unterscheiden. Im Hintergrund zeigte das Bild den neuen Stausee. Nicht allzu weit von dessen Ufern entfernt, erkannte Garrison eine menschliche Gestalt, die seitlich hingestreckt lag und vergebliche Bemühungen machte, wieder auf die Beine zu kommen.

Noch ehe Garrison etwas sagen konnte, ging eine leichte Erschütterung durch das Schiff. ›St 25‹ war gelandet.

Drei Minuten später gingen seine Hubschrauben schon wieder an, während ein Klirren von Metall auf Metall verriet, daß seine Besatzung am Werke war, alle Öffnungen luftdicht zu verschrauben; und dann kam Hein Eggerth aus dem Mittelraum zurück, wechselte ein paar Worte mit seinem Vater und wandte sich dann an Garrison.

»Ihr vierter Mann ist noch bewußtlos, aber soviel wir in der Eile feststellen konnten, nicht verletzt. Ich denke, er wird sich bald erholen.«

»Kann ich ihn sehen?« fragte Garrison.

»Bitte sehr.« Hein Eggerth machte eine einladende Handbewegung und ging zusammen mit dem Amerikaner in den Mittelraum.

Dort hatte man Jeffris auf einen Diwan gebettet. O’Brien und Robertson rieben ihm die Schläfen mit Brandy ein und versuchten, ihm auch etwas von dem scharfen Getränk einzuflößen, doch vorläufig hatten ihre Bemühungen noch keinen Erfolg. Jeffris lag apathisch da und stieß nur bisweilen einen Seufzer aus. James Garrison warf Hein Eggerth einen fragenden Blick zu.

»Kein Grund zur Besorgnis«, meinte er leichthin, »in zehn Minuten wird die Sache schon ganz anders aussehen.«

In weiten Kurven schraubte sich ›St 25‹ weiter empor, und ebenso ständig bewegte sich der Zeiger des Höhenmessers über die Skala hin. Als er die Zahl 1600 erreichte, wurde das milchige Weiß vor den Scheiben draußen lichter. Als er über die 2000 glitt, riß es auf. Im nächsten Moment fiel helles Sonnenlicht in den Raum.

Ein Schwindelgefühl überkam Garrison, als er das Tagesgestirn wieder erblickte. Er mußte sich setzen, bedeckte die Augen für Sekunden mit den Händen und atmete in tiefen Zügen die klare, dunstfreie Luft, die von den Turbinen der Klimaanlage des Stratosphärenschiffes in den Raum geworfen wurde. Wie ein wüster Traum lagen die letzten 24 Stunden hinter ihm, als er die Augen wieder öffnete.

Ein Zucken lief plötzlich über Jeffris’ verstörte Züge. Er öffnete die Augen, blinzelte, schloß sie wie geblendet gleich wieder und stöhnte laut auf. Hein Eggerth paßte den richtigen Moment ab. Er richtete den Mann halb auf und goß eine tüchtige Dosis Brandy zwischen die Lippen. Jeffris schluckte, hustete und erwachte aus seiner Ohnmacht. Mit weitgeöffneten Augen schaute er sich um und sah das volle Sonnenlicht in tausend Reflexen auf den Metallwänden des Raumes spielen. Wie befreit atmete er auf. »Sonne! Licht! Kein Nebel mehr!« Bald begann er zusammenhängend zu sprechen, zu fragen, zu antworten. Auch der letzte der vier in den Nebel verschlagenen war im Begriff, die Folgen dieses Abenteuers zu überwinden.

Im Kommandoraum von ›St 25‹ breitete Professor Eggerth inzwischen eine Karte auf dem Tisch aus. Sie zeigte die Umrisse der ehemaligen Insel und um diese herum das neue Land, das von den durch die Sprengung entfesselten vulkanischen Kräften aus der Tiefe der See emporgehoben worden war.

»Ich glaube, Herr Professor, daß wir mit dem Erfolg unserer Arbeit zufrieden sein können«, sagte Dr. Wille.

»Ich glaube es auch, Herr Doktor«, pflichtete ihm Professor Eggerth bei, während er zu einem Schrank ging und ein aus Stäben, Zahnrädern und Rollen bestehendes Instrument herausnahm. Es war ein Planimeter, das er jetzt auf die Karte setzte. Sorgfältig umfuhr er mit dem einen Arm des Apparates die Grenzlinie des neuen Landes und las dann von der Indikatorscheibe des Planimeters eine Zahl ab.

»14 860 Quadratkilometer, Herr Doktor, wir haben das alte Areal durch unser Experiment vertausendfacht. Wir verfügen jetzt über 265 Quadratmeilen, die in einem Jahr fruchtbarster Boden sein können. Genügend Land, Herr Doktor, für Hunderttausende.«

Dr. Wille notierte sich die Zahlen, die Professor Eggerth ihm soeben genannt hatte, und meinte danach:

»Nun wäre es wohl Zeit, unsern Erfolg nach der Heimat zu funken. Minister Schröter wird vermutlich schon ungeduldig auf eine Nachricht von uns warten.«

Dr. Schmidt hatte während des Gespräches der beiden abwechselnd auf die Karte und durch das Fenster hinaus auf das neue Land tief unter dem Stratosphärenschiff geblickt, hatte zuletzt einen Theodoliten zur Hand genommen und zu visieren und zu rechnen begonnen.

»Noch eine kurze Weile, meine Herren!« mischte er sich jetzt in die Unterredung. »Ich möchte die neue Uferlinie noch einmal überprüfen. Nichts gegen Ihre Feststellungen, Herr Professor«, wandte er sich an Professor Eggerth, der ihn befremdet ansah. »Ich bezweifle die Exaktheit Ihrer Messungen keinen Augenblick, aber ich rechne mit der Möglichkeit, daß es dort unten während der letzten Stunden noch Veränderungen gegeben haben kann.«

Professor Eggerth gab schulterzuckend nach. »Meinetwegen, Herr Doktor, obwohl ich nicht glaube, daß die Uferlinie sich noch verändert hat. Ich möchte Sie aber bitten, bei der Gelegenheit auch gleich die Umrißlinie der Nebelbank nachzuprüfen.« Er deutete auf die Karte. »Der alte Umriß ist hier eingetragen. Hier wären mir Veränderungen äußerst erwünscht. Ich begreife es nicht, daß der Nebel sich so lange hält.«

Während Dr. Schmidt sich schweigend mit der Nachprüfung der Uferlinie beschäftigte, griff Dr. Wille die Bemerkung des Professors auf und begann seine eigenen Ansichten darüber zu entwickeln.

»Die Luft über der Südsee ist stark mit Wasserdampf gesättigt«, hub er an zu dozieren. »Sie ist infolgedessen unfähig, diese Nebelmassen, die ja nichts anderes als flüssiges Wasser in feinster Tröpfchenform sind, so schnell zur Verdunstung zu bringen, wie es in einer trockenen Atmosphäre der Fall sein könnte. Leider haben wir auch gerade eine Periode völliger Windstille. Ein leichte Brise könnte den ganzen Dunst in einer Viertelstunde wegblasen, aber so wie es jetzt ist, werden wir uns wohl noch einige Zeit gedulden müssen.«

»Das ist ärgerlich«, meinte Professor Eggerth verdrießlich. »Ich brenne darauf, bald wieder zu landen und den Zustand der alten Insel festzustellen. Auch um Captain Dryden müssen wir uns kümmern. Es wird uns kaum etwas anderes übrig bleiben, als die gesamte Besatzung der Berenice an Bord von ›St 25‹ zu nehmen.«

Während Wille und Professor Eggerth noch die nächsten Maßnahmen besprachen, kam Dr. Schmidt mit seinen Messungen zu Ende.

»Die Uferlinie ist unverändert geblieben, Herr Professor«, meldete er das Ergebnis seiner Feststellungen.

»Die Nebelbank ist in den letzten 24 Stunden um durchschnittlich drei bis vier Kilometer zurückgegangen. Ich halte es für wahrscheinlich, daß Drydens Schiff noch vor Sonnenuntergang von dem Nebel frei wird.«

»Das wäre erfreulich«, meinte Professor Eggerth und machte sich daran, für Minister Schröter einen Funkspruch aufzusetzen.

»Ich werde die Depesche verschlüsseln und zu Lorenzen bringen«, sagte Dr. Wille, während er das Schriftstück an sich nahm und damit zu seiner Kabine ging. Auch Professor Eggerth wollte den Raum verlassen, als ihm noch etwas einfiel.

»Übrigens, Herr Dr. Schmidt«, wandte er sich an den Doktor, »hatten Sie inzwischen noch Nachrichten von Mr. Smith? Sie erzählten mir zuletzt, daß er es verstanden hat, Ihren Vater für sich zu gewinnen.«

»Nur ein paar kurze Mitteilungen, Herr Professor. Ich bin nicht ganz klug daraus geworden, ob der Alte ihn nicht weglassen will, oder ob der Junge sich nicht von der alten Heimat trennen kann. Jedenfalls steckt er immer noch in Waltershausen. Auf seiner letzten Karte machte er eine Andeutung, als ob auch sein Vater möglicherweise zu Besuch kommen würde …«

»Das würde mich für Sie aufrichtig freuen, mein lieber Doktor«, sagte Professor Eggerth voller Wärme.

»Wir wollen es abwarten, Herr Professor«, meinte Dr. Schmidt und war wieder ganz der trockene Wissenschaftler.

Professor Eggerth merkte, daß dem langen Doktor an dem Gesprächsthema nicht besonders gelegen war, aber um so mehr interessierte es ihn selber. Nach dem, was er soeben erfahren hatte, mußte ein Funkspruch mit der Anschrift Mr. Smith per Adresse Forstrat Schmidt, Waltershausen, sein Ziel erreichen. Mit der Absicht, eine solche Depesche loszulassen, verließ er den Raum und machte sich auf den Weg zu Lorenzen.

In der Funkerkabine traf er Berkoff, der abwechselnd zum Fenster hinaussah und dazwischen Lorenzen allerlei zurief, was der sofort in die Morsetaste hieb. Jetzt legte Lorenzen die Station von Sendung auf Empfang um, und Berkoff benutzte die Pause, um sich an Professor Eggerth zu wenden.

»Sehen Sie das Schiff dort unten, Herr Professor? Eine amerikanische Jacht. Wir konnten die Besatzung eben noch rechtzeitig warnen, sonst wäre es auch aufgelaufen.« Er griff nach einem Blatt, das Lorenzen eben vollgeschrieben hatte. »Sehen Sie, Herr Professor, jetzt sind die Yankees bekehrt. Funken hier zurück, daß sie gerade noch zwei Fuß Wasser unter dem Kiel haben. Bedanken sich für unsere Warnung, versuchen unter ständigem Loten wieder tieferes Wasser zu gewinnen … da …!«

Er nahm das nächste Blatt von Lorenzen entgegen. »Hier teilen sie mit, daß sie schon wieder sicheres Fahrwasser haben.« Lorenzen legte den Bleistift beiseite und stellte seine Station wieder auf Senden um.

»Die Jacht zieht auf Nordkurs davon«, sagte Berkoff nach einem Blick durch das Fenster.

»Wir müssen sie aufhalten«, entschied sich der Professor im gleichen Augenblick. »Funken Sie, Lorenzen! Ich lasse den Kapitän bitten, sich an der Rettung seiner gestrandeten Landsleute zu beteiligen.«

Während Lorenzen die Morsetaste spielen ließ, sprach der Professor zu Berkoff weiter. »Es würde uns der Mühe entheben, die Besatzung der Berenice bei uns an Bord nehmen zu müssen.«

Eine Minute später schrieb Lorenzen bereits die Antwort auf seinen letzten Funkspruch nieder. Der amerikanische Kapitän erklärte sich bereit, mitzuhelfen, bemerkte aber gleichzeitig, daß man von Bord seines Schiffes aus weit und breit kein gestrandetes Fahrzeug erblicken könne. Daraufhin mußte Lorenzen funken, daß das Schiff zwar augenblicklich noch im Nebel steckte, aber im Lauf der nächsten Stunden sichtbar sein würde.

Die Wirkung der Depesche konnte der Professor bereits durch sein Fernglas erkennen, bevor noch eine Antwort einlief. Die Jacht stoppte ihre Fahrt und ließ den Anker fallen.

»Ein vernünftiger Mann, dieser Kapitän«, meinte Professor Eggerth, als er es sah. »Wir wollen neben seinem Schiff niedergehen und die Angelegenheit mit ihm besprechen.«

Während Lorenzen noch eine Depesche an Mr. Smith, die Professor Eggerth ihm in die Hand drückte, und danach einen Funkspruch an Minister Schröter in den Äther sandte, glitt ›St 25‹ immer weiter nach unten. Nur noch undeutlich hob sich das Land vom Wasser ab, als ›St 25‹ es in 200 Meter Höhe überflog. Gleichmäßig blaugrau sah alles bis zur fernen Nebelbank hin aus, als das Stratosphärenschiff neben der amerikanischen Jacht wasserte, an deren Heck in Goldbuchstaben der Name Silver Star leuchtete.


KAPITEL 9

Mr. MacClure, in einer Person Eigentümer und Kapitän der Silver Star, begrüßte Professor Eggerth an Bord seiner Jacht mit schottischer Herzlichkeit. Er lud ihn vor allen Dingen erst einmal zu einem Soda-Whisky ein. Dabei kam schnell ein Gespräch in Gang.

»Ich hielt es anfangs für einen Scherz, als mein Funker mir Ihr Radiogramm brachte«, meinte MacClure. »Unsere Seekarten zeigen hier mehr als 150 Meter Wassertiefe. Sie können sich meinen Schreck vorstellen, als wir dann doch loteten und merkten, daß wir dicht am Aufschrammen waren.«

»Ja, mein verehrter Herr Kapitän«, sagte Professor Eggerth, »es hat hier vor zwei Tagen ein Seebeben schwerster Art gegeben. Sehen Sie da drüben die Nebelbank«, er deutete durch das Bulley der Kabine, »sie entstand, als die Lava und die See hier zusammenstießen. Auf viele Meilen hin ist alles anders geworden. Die ganze Gegend muß neu vermessen werden, die alten Karten sind unbrauchbar geworden.«

»Das müßte aber bald geschehen. Sobald wie möglich«, äußerte sich MacClure. »Jedes Schiff läuft ja Gefahr, zu scheitern, wenn es sich auf die alten Karten verläßt.«

»Unsere Regierung wird schon in den nächsten Tagen ein

Vermessungsschiff auslaufen lassen«, sagte Professor Eggerth. »Ihre Regierung? Warum gerade die?« fragte der Schotte verwundert.

»Weil wir uns hier in deutschen Gewässern befinden, Mr.

MacClure. Wir haben Glück gehabt. Die kleine herrenlose Insel, die Deutschland hier vor einigen Wochen in Besitz nahm, ist durch das Seebeben stark gewachsen. Soweit ich es von unserem Flugschiff übersehen konnte, dürfte sich ihr Areal vertausendfacht haben …«

»Ver…tausendfacht?« MacClure vergaß in der Überraschung, seinen Mund wieder zu schließen und starrte den Professor ungläubig an.

»Vertausendfacht, Mr. MacClure«, wiederholte der seine letzten Worte, »ich sage es ohne Übertreibung.«

»Ja, dann hätten Sie … dann hätten Sie ja … unbegreiflich, Herr Professor …«

»Es ist nicht so bedeutend, wie es sich im ersten Augenblick anhört«, fuhr der Professor ruhig fort. »Gewiß, aus 15 Quadratkilometern sind etwa 15 000 geworden, aber schließlich ist und bleibt es doch nur ein kleiner Punkt in der großen Südsee.« »15 000 Quadratkilometer … rund 3000 Quadratmeilen …«

MacClure wiederholte die Zahlen ein paarmal. Er brauchte Zeit, um die Neuigkeit zu verdauen.

Schließlich konnte der Professor auf den eigentlichen Zweck seines Besuches zu sprechen kommen.

»Es handelt sich also darum, die Besatzung der Berenice zu übernehmen und bis zu einem Hafen zu bringen, von dem aus eine Verbindung nach USA besteht«, sagte er.

»Die Berenice? Captain Dryden? Ich kenne Mr. Dryden nicht persönlich, aber ich hörte mancherlei von ihm«, sagte MacClure nachdenklich. »Er soll ein tüchtiger Seemann, aber auch ein Abenteurer sein. Glauben Sie, daß er sein Schiff so leicht aufgeben wird? Ich vermute eher, daß er alles Erdenkliche versuchen wird, um es wieder flottzumachen.«

»Es wäre ein vergebliches Beginnen, Mr. MacClure. Die Berenice liegt ungefähr 20 Kilometer landeinwärts auf dem Trokkenen.«

»20 Kilometer? Wie ist das möglich, Herr Professor?« »Sehr einfach. Die Berenice stand etwa 8 Kilometer von der alten Strandlinie entfernt, als das Beben ausbrach. Captain Dryden setzte sofort Kurs auf die hohe See, aber das Beben lief schneller als sein Schiff.«

»Verdammt! Das hätte auch jedem anderen passieren können.«

Noch nachträglich erschrak MacClure bei dem Gedanken, daß seiner Jacht leicht das gleiche hätte zustoßen können, und wiederholte dem Professor gegenüber seine Bereitwilligkeit, die Besatzung des verlorenen Schiffes bis zu einem geeigneten Hafen mitzunehmen.

Immer tiefer war während ihrer Unterredung die Sonne gesunken, und schon berührte sie die Kimm. Professor Eggerth trat an das Bulley und blickte zu der Nebelbank hinüber. »Sehen Sie dort«, er winkte MacClure an seine Seite. »Bei schärferem Hinschauen können Sie eben noch die Mastspitzen der Berenice vor der Nebelbank erkennen. Das Schiff selbst liegt für unseren Standort unter dem Horizont. Schade--für heute ist es zu spät geworden, aber morgen gleich bei Sonnenaufgang wollen wir die Besatzung holen.«

Professor Eggerth verabschiedete sich, um an Bord von ›St 25‹ zurückzukehren.

»Wie geht es Ihrem Patienten?« Der Professor richtete die Frage im Mittelraum von ›St 25‹ an James Garrison, den er dort im Gespräch mit Wille und Schmidt antraf.

»Danke für die Nachfrage, Sir! Es geht.« Garrison gab die Antwort zerstreut, weil er mit Dr. Wille gerade eine Erdbebentheorie erörterte.

»Ich habe den Mann zu Bett gebracht und ihm noch ein paar Tabletten gegeben, Herr Professor«, antwortete von einem Nebentisch her Georg Berkoff. »Ich denke, er wird seinen Nervenklaps verschlafen und morgen wieder in Ordnung sein.« Professor Eggerth nickte. »Recht so, mein lieber Berkoff, wo stecken die beiden anderen?«

»Die sind auch in die Kojen gekrochen, nachdem sie noch kräftig gegessen haben. Die Landpartie durch den Nebel scheint sie auch etwas mitgenommen zu haben.«

»Lassen wir sie schlafen? Wer schläft, sündigt nicht«, meinte Professor Eggerth mit einem Lächeln und setzte sich an den anderen Tisch. Dort war Dr. Wille eben mit seinen gelehrten Auseinandersetzungen zu Ende gekommen, und Garrison benutzte die Gelegenheit, um sich bei Professor Eggerth über das Ergebnis von dessen Besuch auf der Jacht zu erkundigen. Mit Vergnügen hörte er, daß Kapitän MacClure bereit war, die Besatzung der Berenice an Bord der Silver Star zu nehmen, aber schon tauchte dabei in seinem Unterbewußtsein wieder die Frage auf: Wer wird Captain Drydens Schiff bezahlen? Was er früher schon vermutete, war ihm in der Unterhaltung mit Dr. Wille zur Gewißheit geworden. Diese ganze überraschende Landhebung beruhte auf einem wohldurchdachten Plan. Mit seiner bekannten Gründlichkeit hatte Professor Eggerth alle in Betracht kommenden Faktoren untersucht und in Rechnung gestellt. Genau in dem Maße und in der Richtung, in der es seinen Absichten dienlich war, hatte er die unterirdischen Kräfte entfesselt und ihren Zweck, eine Vervielfachung seines Areals, glänzend erreicht.

Garrison war selbst zur Genüge Wissenschaftler, um diese Leistung voll würdigen zu können, und schon begannen seine Gedanken nach einer anderen Richtung hin zu arbeiten. Vorher, als Dr. Wille ihm seine Magmatheorie entwickelte, war ihm zum erstenmal eine Idee gekommen und hatte ihn seitdem nicht mehr losgelassen. Die Idee, ob man etwas Ähnliches an geeigneter Stelle nicht auch in den Vereinigten Staaten versuchen könnte. Deshalb hatte er den langen Vortrag von Wille geduldig über sich ergehen lassen und jede Zahl und jede Möglichkeit, die Dr. Wille dabei vorbrachte, in seinem Gedächtnis verankert.

Es war viel Wissenswertes, was er dabei erfahren hatte, aber die Einwände, die Dr. Schmidt, seiner alten Gewohnheit folgend, den Ausführungen Dr. Willes entgegensetzte, hatten ihn zum Teil wieder unsicher gemacht. Er beschloß, jetzt den Professor Eggerth gewissermaßen als letzte Instanz über diese Angelegenheit auszuholen und begann vorsichtig Fragen zu stellen. So geschickt er es nach seiner Meinung aber auch anfing, der Professor witterte doch die Absicht und hielt es für angebracht, ihn zu warnen.

»Das Experiment, das wir hier gemacht haben«, begann er in einem so ernsten Ton, daß Garrison stutzig wurde, »ist nicht ungefährlich. Hier mitten im weiten Ozean auf einer unbewohnten Insel, Hunderte von Kilometern von der nächsten menschlichen Ansiedlung entfernt, konnten wir es riskieren.

Wenn wirklich die schlimmste Möglichkeit eintrat, mit der wir durchaus rechnen mußten, Mr. Garrison, wenn die ganze Insel wie ein explodierender Dampfkessel in die Luft geflogen wäre, so wäre doch niemand dabei zu Schaden gekommen …« »Well, ich danke, Herr Professor«, unterbrach ihn Garrison.

»Ich war mit meinen Leuten auf der Insel, als die Geschichte losging.«

»Ihr eigener Fehler, Mr. Garrison. Sie hatten dort nichts zu tun. Sie hätten nach allem, was Sie bei Ihrem letzten Besuch bei uns sahen, gewarnt sein müssen. Wenn unser Unternehmen anders ausging, wenn Sie samt Ihren Leuten durch eine Explosion der Insel in die Stratosphäre geschleudert worden wären, hätten Sie es sich selbst zuzuschreiben gehabt. Wir selbst waren im Begriff, eine sichere Höhe aufzusuchen, als wir zu unserem Schrecken Sie und Ihre Leute auf der Insel bemerkten. Im Sturzflug ging ›St 25‹ wieder nach unten. Wir wollten Sie und auch Captain Dryden mit seinem Schiff aus der Gefahrenzone herausholen, aber es war schon zu spät …«

»Ich verstehe, Herr Professor«, warf Garrison ein. »Die Zeitzündung ging bereits vorher los.« Professor Eggerth schüttelte den Kopf.

»Wir hatten keine Zeitzündung, Mr. Garrison. Sie wäre uns nicht sicher genug gewesen. Von uns war eine Sprengung mittels Hertzscher Wellen vorgesehen, und sie sollte erst erfolgen, wenn ›St 25‹ genügend weit vom Schuß ab war.«

»Ach so! Deshalb der neue Funkmast und die Apparatur daneben«, bemerkte Garrison. »Ich dachte im Augenblick nicht daran. Natürlich, Sie wollten es mit abgestimmten Relais und einer Sprengdepesche machen. Aber wie ist die Geschichte dann doch vorzeitig losgegangen?«

»Danach müssen Sie O’Brien fragen, Mr. Garrison«, die Stimme des Professors klang abweisend, während er es sagte.

»Wir konnten beobachten, wie er mit ungeschickten Händen an den Zündrelais herumspielte. Wir sahen das Unheil kommen und konnten doch nichts dagegen unternehmen. Nur schnellste Flucht in die Stratosphäre blieb für uns übrig, als es geschehen war. Viel Hoffnung, Sie, Mr. Garrison, lebendig wiederzusehen, hatte ich damals nicht. Danken Sie Ihrem Schöpfer, daß Sie so gut davongekommen sind.«

»Drahtlose Sprengung aus einer sicheren Entfernung--eine vorzügliche Maßnahme, die man sich merken muß.« Garrison sprach die Worte mehr zu sich als zu den anderen.

»Ich warne Sie dringend, Mr. Garrison«, fiel ihm Professor Eggerth in seine Überlegungen. »Glauben Sie ja nicht, daß unser Versuch sich einfach in jedem vulkanischen Gebiet wiederholen läßt. Nur einmal vielleicht unter hundert Fällen kann er gelingen, die andern neunundneunzigmal wird er mit einer Katastrophe enden. Es wäre mehr als Leichtsinn, es wäre ein Verbrechen, wenn man ihn in der Nähe menschlicher Siedlungen anstellen wollte.«

»Es gibt Vulkane, die von allen Siedlungen weitab liegen«, überlegte Garrison für sich halblaut weiter.

»Was heißt hier weit und was nah?« unterbrach Dr. Wille.

»Das Magma hängt über Tausende von Kilometern zusammen.

Sie könnten irgendeinen Vulkan in Südmexiko kitzeln und riskieren es dabei, daß die Wolkenkratzer in Frisco zu wackeln anfangen.«

»Oh, glauben Sie wirklich, Herr Doktor?« fragte Garrison etwas beklommen.

»Herr Dr. Wille vertritt diese Meinung«, mischte sich der lange Schmidt ein. »Ich für meine Person kann sie nicht akzeptieren. Ich halte es mit der Wegenerschen Theorie, derzufolge der Vulkanismus stets lokal begrenzt ist.«

Dr. Wille schnitt ein verdrießliches Gesicht. »Sehen Sie sich eine Erdkarte der Vulkane an, Herr Kollege«, begann er zu dozieren, »da ist doch der Zusammenhang über unseren Globus hin einfach nicht abzustreiten.«

Dr. Schmidt machte eine abwehrende Handbewegung. »Lassen wir das, Herr Dr. Wille. Mag es so oder so sein, auf jeden Fall würde man Gefahr laufen, den ganzen amerikanischen Isthmus zu zerstören, wenn man an den dortigen Vulkanen Versuche von unserer Art unternehmen wollte.«

»Den Isthmus zerstören? Was verstehen Sie darunter?« fragte Garrison interessiert. Schmidt und Wille zuckten die Schultern und schwiegen. Professor Eggerth nahm das Wort.

»Sie fragen, was in diesem Fall zerstören heißt, Mr. Garrison? Denken Sie sich den größten Dampfkessel eines Groß kraftwerkes milliardenfach vergrößert und überheizen Sie ihn, bis er explodiert. Der Dampfkessel würde bei diesem Vergleich dem Vulkan, das Kesselhaus Ihrem Isthmus entsprechen, und damit haben Sie auch schon die Antwort auf Ihre Frage. Die Fetzen der Landenge könnten dabei viele hundert Kilometer weit in den Stillen oder in den Atlantischen Ozean geschleudert werden, und an der Stelle, wo früher mal Ihr Vulkan stand, wäre nur noch ein Riesenloch vorhanden …«

James Garrison sah nachdenklich vor sich hin. Er brauchte Zeit, um das eben Gehörte zu verarbeiten.

Berkoff, der bisher von dem Nebentisch her der Unterhaltung zugehört hatte, mischte sich ein.

»Wie wäre es, meine Herren«, schlug er vor, »wenn wir jetzt zu Tisch gingen. Es ist nachgerade Abendbrotzeit geworden.« Die Mahlzeit war vorüber, und Mr. Garrison hatte sich in seine Kabine zurückgezogen. Professor Eggerth, Wille und Schmidt blieben noch kurze Zeit im Kommandoraum zusammen, um die Maßnahmen für den nächsten Morgen zu besprechen. Als sie damit zu Ende waren, kam ihre Unterhaltung noch einmal auf Mr. Garrison zurück.

»Ich fürchte, Herr Professor«, meinte Dr. Wille, »daß unser Freund Garrison sich in seine verrückte Idee verrannt hat. Ich würde mich nicht wundern, wenn er in den Staaten irgendeinen höllischen Unfug anrichtete.«

»Unsere Schuld ist es nicht, Herr Dr. Wille«, sagte der Professor. »Wir können ihn nicht daran hindern. Gewarnt haben wir ihn zur Genüge.«

Der lange Schmidt verzog sein Gesicht. »Schadet gar nichts, wenn er sich mal wieder die Finger verbrennt«, gab er seine Meinung kund. »Dieser Garrison hat hier die ganze Zeit bei uns herumgeschnüffelt. Ist uns reichlich lästig geworden. Hoffentlich wird er morgen mit seinem Flugzeug wieder nach USA

abbrausen. Meinetwegen mag er da auf seine Weise glücklich werden, wenn er uns nur nicht länger stört.«

Ein Tag war zu Ende gegangen eine unruhige Nacht war ihm gefolgt, und ein anderer Tag war angebrochen. Die Besatzung der Berenice merkte den Wechsel nur an einem Dunkler- oder Lichterwerden des Nebels, der das Schiff umgab. Auch bei Tage mußten die Lampen unter Deck brennen. Nur die Gewißheit, daß das Stratosphärenschiff sich in nächster Nähe aufhielt, bereit, sobald wie möglich die versprochene Hilfe zu bringen, hielt die Stimmung der Mannschaft aufrecht.

Am Spätnachmittag des zweiten Tages saß Captain Dryden mit Professor Brown, den er von allen an Bord befindlichen Wissenschaftlern am meisten schätzte, in seiner Kabine, um zum dreizehntenmal die Lage zu beraten, die sie bereits ein dutzendmal durchgesprochen hatten. Auch diesmal kamen sie zu dem gleichen Ergebnis wie früher schon.

»Wir müssen warten, Captain«, faßte Professor Brown das Ergebnis seiner Überlegungen zusammen, »bis der Nebel verschwunden ist. Es wäre nicht nur zwecklos, sondern gefährlich, wenn wir vorher das Schiff verlassen wollten.«

Captain Dryden sprang auf und lief ein paarmal ungeduldig in der Kabine hin und her.

»Warten und immer wieder warten, Professor! Es ist zum Verrücktwerden! Wie lange soll das noch dauern?«

Professor Brown machte eine unschlüssige Bewegung. »Ich weiß es nicht, Captain. Auf einige Tage werden wir uns wohl gefaßt machen müssen. Verlieren Sie darüber nicht die Nerven. Vergessen Sie nicht, daß wir in einer hundertmal besseren Lage sind als andere Schiffbrüchige.«

Professor Brown wollte noch einiges zur Beruhigung des ungeduldigen Captains hinzufügen, als ein neuer Funkspruch gebracht wurde. Dryden überflog ihn und atmete erleichtert auf.

»Gott sei Dank, Professor! Wir haben Aussicht, bald aus der verfluchten Milchsuppe ‘rauszukommen. Das Flugschiff Professor Eggerths funkt, daß die Nebelbank stark zurückgegangen ist. Vielleicht werden wir schon über Nacht nebelfrei.«

Brown griff nach dem Blatt und studierte es mit professoraler Gründlichkeit.

»… über Nacht freiwerden, Captain? Da müßte eigentlich schon jetzt etwas zu merken sein. Ich schlage vor, daß wir einmal auf Deck gehen.«

»Meinetwegen, Professor«, brummte Dryden, »viel scheußlicher als hier unten kann es da oben auch nicht sein.«

Über einen Gang und eine Treppe kamen die beiden auf Deck und stiegen noch weiter zur Brücke empor. Nach wie vor lag es nach allen Seiten hin milchig weiß um die Berenice herum. Wie ein Jagdhund schnupperte Professor Brown in die Nebelluft, während Dryden verdrossen vor sich hin starrte.

»Es ist schon etwas lichter geworden«, fing Brown nach einiger Zeit an. »Sehen Sie im Westen den helleren Fleck in der Nebelbank? Dort muß jetzt die Sonne stehen.«

»Kann sein, Professor, aber zu sehen ist sie leider noch nicht.«

Professor Brown blickte prüfend zu dem Mast vor der Brükke empor. Nur bis zu einer Höhe von wenigen Metern konnte er ihn verfolgen, darüber verschwamm bereits alles im Nebel.

»Trauen Sie sich eine kleine Kletterpartie zu, Captain?« fragte er Dryden unvermittelt.

»Wohin? Warum?«

»Zum Top des Mastes, Captain. Ich vermute, daß man da oben schon eine bessere Aussicht haben könnte.«

»Wenn es weiter nichts ist, Professor.« Captain Dryden fühlte sich bei seiner Ehre gepackt. »Auf den Mast entern? Wäre ja gelacht, wenn mir das was ausmachte.«

»All right, Captain. Dann wollen wir mal ‘raufklettern.« Captain Dryden sah Professor Brown verwundert an.

»Was? Sie auch? Ausgeschlossen, Professor. Sie sind kein Seemann. Rutschen mir dabei aus, fallen aus den Wanten, und ich werde von dem Institut für Sie haftbar gemacht. So etwas will von Jugend auf gelernt sein, sonst unterläßt man es besser.«

Er wollte noch weitersprechen, als Professor Brown bereits die Treppe von der Brücke zum Verdeck hinabeilte. Und dann, ehe Dryden noch recht wußte, was geschah, hatte der lange, sehnige Brown sich mit einer akrobatenhaften Gelenkigkeit in die Strickleiter des Vordermastes geschwungen und stieg an ihr empor. Er stand bereits auf der Rah, bevor Dryden etwas unternehmen konnte.

»Auf Ihre eigene Gefahr, Professor«, schrie der Captain ihm nach, während er selbst emporzuklimmen begann. Es wurde ihm reichlich warm dabei, aber er kam voran, und während er an Höhe gewann, sah er den Nebel umher lichter werden. Als er sich in die Mars schwang, hatte er eine fast freie Sicht, und der Sonnenball hob sich als rötlich-gelbliche Scheibe von dem diesigen Himmel ab.

»Auch glücklich angelangt?« begrüßte ihn Professor Brown, der die Mars eine halbe Minute vorher erreicht hatte, »eine nette Gegend hier ringsherum. Captain. Sehen Sie sich die Landschaft mal an.«

Captain Dryden verschlug es bei dem, was er erblickte, die Sprache. Gewiß, er hatte, bevor der Nebel über die Berenice einbrach, gesehen, daß das Meer wie in einem Ebbestrom von dem Schiff seewärts hin weglief, aber immer noch hatte er gedacht, daß es in einem Flutstrom wieder zurückkehren würde. Immer noch hatte er mit der Hoffnung gespielt, daß es vielleicht doch möglich sein könnte, die Berenice wieder flottzumachen. Bei dem, was er jetzt zu sehen bekam, mußte er jede Hoffnung fahren lassen. Mitten in einem weiten hin und wieder durch leichte Hügellinien unterbrochenen Land lag sein Schiff. Nach Süden zu versperrte die Nebelbank noch den Blick in die Weite. Nach Norden hin aber war die Sicht auf weite Entfernung frei, obwohl auch hier dicht über dem Boden noch Nebelschwaden lagen. Captain Dryden hatte von der Höhe des Fockmastes aus eine Aussicht, wie man sie wohl von einem Flugzeug hat, das dicht über einer hin und wieder aufgerissenen Wolkendecke dahinfliegt. In leichter Bewegung wogte das Nebelmeer nach Süden zu hin und her, in große Weiten erstreckte es sich auch nach Norden. Auf viele Kilometer schätzte Captain Dryden seine Ausdehnung, aber ganz weit in der Ferne sah er im Süden das Meer blau schimmern und erkannte mit seinen scharfen Augen die Mastspitzen eines Schiffes.

Die offene See lag dort hinten. Das freie Meer, das auch sein Schiff vor kaum drei Tagen ungefährdet durchfurcht hatte. Bis dorthin reichte der Bodennebel nicht mehr. Wie ein stahlblauer Schild hob sich der Ozean gegen den Horizont ab, aber ein breiter, braungelber Streifen lag zwischen dem Blau der See und dem Milchweiß des Nebels, ein Streifen, der nichts anderes als Land bedeuten konnte.

Auf Meilenferne war die unheimliche Insel in die See hineingewachsen. Niemals wieder würde Captain Drydens Schiff sich auf den Fluten der See wiegen. Verrosten und zerfallen würde es an dieser Stelle, wenn ihm die Schweißbrenner und Brechstangen der Abwracker nicht schon früher ein Ende bereiteten. Düster blickte Captain Dryden vor sich hin, während er das Schicksal seines Schiffes überdachte. Die Gedanken Browns liefen in einer anderen Richtung. Das Schicksal der Berenice war ihm ziemlich gleichgültig, aber dieses neue aus der See emporgestiegene Land interessierte ihn als Wissenschaftler.

»Was sagen Sie dazu, Captain?« fragte er. »Das ist eine geologische Veränderung, wie sie seit Menschengedenken nicht beobachtet wurde. Man hat es gerade in diesen Breiten hier öfters erlebt, daß Inseln versanken und gelegentlich auch auftauchten, aber eine Erhebung des Seebodens in einem solchen Umfange, das ist ein vollkommenes Novum. Man sollte …«

»Novum hin und Novum her«, fiel ihm Captain Dryden in seinen Vortrag, »mich interessiert es nur, wie ich wieder zu einem neuen Schiff kommen werde?«

Auf diese Frage vermochte ihm Professor Brown auch keine bündige Antwort zu geben. »Sprechen Sie darüber mit Mr. Garrison«, versuchte er ihn zu trösten. »Unsere Forschungen hier in der Südsee sind noch nicht abgeschlossen, und das Carnegie-Institut legt Wert darauf, daß sie zu Ende geführt werden. Es wird sicher für ein neues Schiff sorgen, und der beste Kommandant dafür werden Sie sein.«

»Kommandant vielleicht, aber auf der Berenice war ich Kapitän und Reeder in einer Person«, widersprach ihm Captain Dryden, »das ist ein Unterschied, Professor.«

»Sprechen Sie mit Garrison«, konnte Professor Brown nur wiederholen. »Morgen bei klarem Himmel und Sonnenschein wird alles anders aussehen als heute.«

Captain Dryden zuckt mißmutig die Schultern. Die gutgemeinten Worte Browns vermochten ihn nicht aus seiner trüben Stimmung zu reißen.

»Kommen Sie, Captain«, forderte der ihn jetzt auf. »Die Dämmerung bricht herein. Wir wollen hinuntersteigen.«

Der Morgen brach an, und mit ihm kamen ein klarer Himmel und heller Sonnenschein. Als Captain Dryden die Brücke der Berenice betrat, waren nach Norden hin die letzten Nebelspuren verschwunden, und auch nach Süden zu hatte es stark aufgeklärt. Eine leichte Nordwestbrise war aufgekommen und stand im Begriff, die letzten Reste der Nebelbank über der alten Insel zu verwehen. Deutlich hob sich dort bereits die Silhouette des Vulkans gegen den Himmel ab. Ein schwacher, kaum noch merklicher Dunst war alles, was von den riesigen Nebelmassen übrig war, die Tage hindurch über der Insel und ihrer Umgebung lagerten.

»Was gibt’s da auf dem Achterdeck für einen Lärm?« wandte sich Captain Dryden an Professor Brown, der ihm auf die Brücke gefolgt war.

»Das sind meine Kollegen von der botanischen und zoologischen Fakultät, Captain. Sie wollen sich die seltene Gelegenheit zu einem Spaziergang auf dem Seegrund nicht entgehen lassen. Da achtern bei Steuerbord können Sie sie sehen.« Captain Dryden beugte sich über die Reling und schüttelte bei dem Anblick, der sich ihm bot, unmutig den Kopf. Eine Gruppe von acht Leuten sah er dort, die querab vom Schiff langsam über den Schlick des ehemaligen Meeresgrundes dahinschritten. In dreien davon erkannte er Mitglieder seines ›Zoologischen Gartens‹, wie er die Wissenschaftler, welche die Berenice an Bord hatte, bei sich zu benennen pflegte. Die anderen waren Seeleute, zur Besatzung der Berenice gehörig und als Hilfskräfte mitgenommen, wie die Körbe und allerlei Geräte, das sie mit sich schleppten, verrieten.

»Was, in drei Teufels Namen, haben die Leute vor?« fluchte der Captain.

»Eine Forschungsexpedition, Mr. Dryden. Die Kollegen beabsichtigen, den alten Seeboden gründlich abzusuchen. Sie sind der Meinung, daß sich sehr viel bisher Unbekanntes und für die Wissenschaft Wertvolles darauf finden läßt. Da! Jetzt können Sie schon sehen, wie der und jener sich bückt und allerlei in die Körbe und Gläser verpackt wird.«

»Wo wollen die Kerle mit all dem Zeug hin? Wir müssen froh sein, wenn das Stratosphärenschiff uns selber zu einem anständigen Hafen bringt. Wir können von Glück sagen, wenn wir das Notwendigste mitnehmen dürfen, und die übergeschnappte Gesellschaft läuft im Watt herum und botanisiert«, rief der Captain aufgebracht.

»Stop, Captain! Nicht so schnell voran«, unterbrach ihn Brown. »Sie schneiden eine Frage an, die natürlich später auch geregelt werden muß. Aber das hat vorläufig noch Zeit, denn die Berenice liegt hier gut und sicher im Trockenen. Selbstverständlich wird man alles von Wert, was sich an Bord befindet, früher oder später nach den Staaten zurückbringen. Es wird niemand sein Eigentum verlieren …«

»Aber ich habe mein Schiff verloren«, nahm Captain Dryden seinen alten Gedankengang wieder auf.

»Darüber ist das letzte Wort auch noch nicht gesprochen«, wandte Brown ein und hielt inne.

Motorendröhnen erschütterte die Luft. An seinen Hubschrauben hängend trieb ›St 25‹ langsam heran und ließ sich neben der Berenice nieder.

»Ah, wir bekommen Besuch«, sagte Brown, während auf dem Stratosphärenschiff bereits die Tür geöffnet und eine Treppe herausgeschoben wurde. »Zwei Leute steigen aus, der eine ist unser Freund Garrison--der andere, wenn ich recht vermute, Herr Professor Eggerth. Sie wollen wohl die Jakobsleiter, die unsere Forscher am Achterdeck herausgehängt haben, benutzen, um zu uns an Bord zu gelangen. Kommen Sie, Captain, wir wollen ihnen entgegengehen und sie auf Deck empfangen.«

Kurz danach saßen die vier in Captain Drydens Kabine um einen Tisch herum. »Ich bedaure die Umstände, unter denen wir uns wiedersehen, Sir«, eröffnete Professor Eggerth die Unterhaltung.

»Sie sind mit in diese Seebebenkatastrophe hineingerissen worden. Leider wurden unsere Bemühungen, Sie daraus fernzuhalten, durch einen Eingriff von dritter Seite vereitelt.«

»Von dritter Seite vereitelt? Ich begreife nicht, was Sie meinen, Herr Professor.« Captain Dryden sah Professor Eggerth verständnislos an.

»Das ist mit wenigen Worten erklärt, Captain Dryden. Wir sahen von ›St 25‹ aus Ihr Schiff in gefährlicher Nähe beim Nordstrand und kamen im Sturzflug herunter, um Sie zu veranlassen, die hohe See aufzusuchen. Leider kamen wir zu spät. Einer von Ihrer Mannschaft, es war ein gewisser O’Brien …«

»Der gehört zu Mr. Garrisons Leuten«, fiel ihm Captain Dryden ins Wort.

»Mag sein, Mr. Dryden. Jedenfalls machte sich O’Brien unbefugterweise an unseren Apparaten zu schaffen und löste dadurch vorzeitig eine Sprengung aus, die dann zwangsläufig alles Weitere zur Folge hatte. Uns selbst blieb in diesem kritischen Augenblick nichts anderes übrig, als in die Stratosphäre zu flüchten, denn wir wußten, daß die Folgen, die der ungeschickte Fingerdruck eines Unkundigen nach sich ziehen mußte, im wahrsten Sinne des Wortes erderschütternd sein würden.«

»Mich kostet diese Sprengung mein gutes Schiff«, begehrte Captain Dryden auf. »Die Verantwortung dafür fällt auf diejenigen, welche die Sprengung veranlaßt haben. Auf Sie, Herr Professor, auf den Staatskommissar. Dr. Wille … auf … ich weiß nicht, wen sonst noch alles. Letzten Endes jedenfalls auf Ihre Regierung. Man wird mir meinen Verlust ersetzen müssen und ich werde nicht ruhen, bevor es geschehen ist. Ich werde, wenn’s nötig ist, deswegen nach Washington gehen und selbst mit unserem Präsidenten …«

»Halt, Mr. Dryden«, unterbrach ihn Professor Eggerth. »Versündigen Sie sich nicht! Sie sollten Ihrem Schöpfer dafür danken, daß Sie und Ihre Leute mit dem Leben davongekommen sind. Es ist ein Wunder, daß Ihr Schiff hier heil und unversehrt auf sicherem Grund liegt. Ebensogut konnten die vulkanischen Kräfte, für deren vorzeitige Entfesselung wir nicht verantwortlich sind, es bis in die Wolken schleudern, konnten es in Atome zerfetzen--konnten es in glühender Lava begraben. Sie haben ein unerhörtes Glück bei der Sache gehabt, Captain Dryden. Vergessen Sie das nicht!«

Der Ernst, mit dem Professor Eggerth sprach, verfehlte seine Wirkung auf Dryden nicht. Er begann zu begreifen, daß der Tod, ein grauenvoller Tod, dicht an ihm und seiner Mannschaft vorübergegangen war.

»Ist das wirklich so, Herr Professor?« fragte er unsicher.

»Es ist so, wie ich es sagte, Mr. Dryden. Über Ihr Schiff und Ihre Ansprüche können wir uns später noch unterhalten.«

Brown nickte zustimmend. »Sehr richtig, Herr Kollege. Das gleiche habe ich Captain Dryden auch schon gesagt. Jetzt handelt es sich doch darum, Dispositionen für die nächste Zeit zu treffen.«

»Deshalb kam ich hierher«, fuhr Professor Eggerth fort. »Ihr Schiff, Mr. Dryden mit allem, was dran und drin ist, steht in sicherer Obhut unserer Verwaltung. Wir bürgen dafür, daß nichts davon abhanden kommt. Für die Schiffsbesatzung dürfte es hier im Augenblick keine Verwendung geben. Ich hatte deshalb schon gestern mit einem Landsmann von Ihnen, dem Kapitän MacClure, dessen Jacht, die Silver Star, draußen bei der neuen Küste vor Anker liegt, eine Besprechung. Er hat sich bereit erklärt, jeden, der mitkommen will, an Bord zu nehmen und zu einem geeigneten Hafen zu bringen. Die Silver Star hat reichlich Raum. Die Leute, die mit ihr fahren wollen, können ihr ganzes Hab und Gut gleich mit an Bord nehmen. Auch sonst könnte noch manches, was Sie, Mr. Dryden, von der Berenice nach den Staaten schaffen wollen, sofort dorthin gebracht werden.«

Captain Dryden tauschte einen Blick mit Garrison, fragte dann: »Wie denken Sie darüber, Mr. Garrison?«

Der nickte. »Ich halte das für einen sehr brauchbaren Vorschlag, Captain. Es hätte keinen Sinn, die Leute hier untätig herumsitzen zu lassen. Wenn es Ihnen recht ist, Herr Professor, werde ich auch mit MacClure sprechen und die geldliche Seite mit ihm regeln.«

Dryden vernahm den Vorschlag Garrisons mit einer stillen Genugtuung. Wenn der Sekretär des Carnegie-Instituts schon hier von einer geldlichen Regelung sprach, würde er vielleicht auch wegen einer Entschädigung für die Berenice mit sich reden lassen.

»Was soll mit den Forschern geschehen, die ich an Bord habe?« fragte er weiter.

»Ich denke, wir geben sie auch an Bord der anderen Jacht«, schlug Garrison vor.

»Ich weiß nicht, ob sie damit einverstanden sein werden«, meinte Captain Dryden zweifelnd.

»Die Leute stehen im Dienst des Carnegie-Institutes und haben sich meinen Anordnungen zu fügen«, entschied Garrison.

»Hoffentlich tun sie es auch«, warf Dryden ein. »Die Herrschaften sind versessen darauf, den Boden des Neulands zu durchforschen. Es wird nicht ganz leicht sein, sie davon abzubringen.«

»Es wird sehr leicht sein, Captain«, erklärte Garrison kategorisch. »Ich werde den Leuten den Kopf schon zurechtsetzen. Wichtiger ist für mich die Frage, wie ich mein Flugzeug flott bekomme; es kann nur vom Wasser aus starten.«

»Dafür ist ›St 25‹ da«, sagte Professor Eggerth lachend. »Unser Schiff wird Ihre Maschine unter seine Fittiche nehmen und sicher auf der See absetzen. Es wäre ja nicht das erstemal, daß ›St 25‹ das Manöver macht. Damit wollen wir unsere Arbeiten beginnen. Sie, Captain Dryden, bitte ich, Ihre Leute antreten zu lassen und alles, was mitgenommen werden soll, von Bord zu schaffen.«

Zehn Minuten später stieg ›St 25‹ über dem Achterdeck der Berenice senkrecht in die Höhe. In seinen Greifern hielt das riesige Stratosphärenschiff das Flugzeug Garrisons. Wie ein Habicht, der eine Taube geschlagen hat, schwebte es damit ab und nahm Kurs auf die See zu. Captain Dryden stand auf dem Deck der Berenice und blickte dem Schiff nach, sah wie es in der Ferne verschwand und atmete schwer.

»Wenn das Stratosphärenschiff mein Schiff auch so in die Krallen nehmen und zur See bringen könnte«, ging es ihm durch den Sinn--aber das war ja ein unerfüllbarer Wunsch. Er seufzte. Sein Schiff war verloren. Jetzt galt es, die Reste seiner Habe und das Eigentum seiner Leute zu bergen. Er trieb sie zur Eile an, und bald häuften sich Kisten neben der Berenice zu einem stattlichen Stapel auf.

Motorendröhnen wurde von ferne vernehmbar, schwoll auf und übertönte bald jeden anderen Laut. Kam ›St 25‹ schon von der See zurück? Captain Dryden blickte in die Richtung, aus der das Geräusch herkam und sah eine lange Kette von Flugschiffen heranziehen. Er zählte die schimmernden Bauten, als sie über seinem Schiff dahinstrichen … Zwanzig … dreißig … vierzig … neunundvierzig Schiffe waren es. Eine ganze Luftflotte schickten die Eggerth-Reading-Werke nach dem neuen Land. Was mochten die Schiffe hier vorhaben, fragte er sich noch, als ein beträchtliches Stück hinter diesen Schiffen auch ›St 25‹ wieder herankam und neben der Berenice niederging. Dann riß ihn die Stimme Professor Eggerths aus seinem Sinnen. Jetzt galt es, sich zu rühren und zuzufassen. Der große Umzug begann. Mehrmals mußte ›St 25‹ schwer beladen den Weg zur See und zur Silver Star hin machen, um alles fortzuschaffen. Der Vormittag und auch die ersten Nachmittagsstunden gingen darüber hin, dann war alles glücklich an Bord der Jacht verstaut. Ein letzter kurzer Abschied noch von Professor Eggerth und den Leuten von ›St 25‹, dann hob sich das Stratosphärenschiff wieder von der Wasserfläche ab und nahm Kurs auf die Insel.

MacClure war ein alter erfahrener Seemann, der so manchen Sturm und mehr als einen Schiffbruch erlebt hatte. Er konnte mitfühlen, wie es einem Kapitän, der sein Schiff verloren hat, ums Herz ist, und verzichtete darauf, Dryden mit billigen Worten zu trösten. Mit seinen Sorgen und Gedanken allein, stand Captain Dryden auf dem Achterdeck der Silver Star und schaute nach Süden, wo am Horizont gerade noch die Mastspitzen der Berenice zu erkennen waren. An frühere Fahrten dachte er, an glückliche, sorgenlose Jahre, die er auf den Planken seines alten Schiffes verbracht hatte. Wohl eine Stunde mochte verstrichen sein, als er aus seinem Sinnen auffuhr und zur Kommandobrücke ging, um MacClure zu treffen.

Er fand dort nur einen Matrosen, hörte von dem, daß MacClure in seiner Kabine wäre und suchte ihn dort auf. So entging ihm etwas, das er von seinem früheren Standort auf Deck sicher gesehen hätte. Die Stratosphärenflotte, die auf dem alten Liegeplatz auf der Insel niedergegangen war, stieg wieder auf und schwebte in einer enggeschlossenen Formation zu der Stelle hin, wo die verlassene Berenice lag.

Captain Dryden war ohne einen bestimmten Grund zu MacClure gekommen, nur von dem Drang getrieben, sich irgendeinem Menschen gegenüber aussprechen zu können und die trüben Gedanken loszuwerden. Er sprach von diesem und jenem; fragte zuletzt, wann der andere den Anker aufholen lasse und die Fahrt beginnen würde.

MacClure blickte auf die Wanduhr. Eine kurze Weile zögerte er mit der Antwort in Erinnerung an die letzte kurze Besprechung, die er vor einer Stunde unter vier Augen mit Professor Eggerth gehabt hatte.

»Ich möchte keine falschen Hoffnungen erwecken. Die Enttäuschung würde danach um so größer sein«, hatte der ihm gesagt. »Warten Sie, bis es soweit ist, sprechen Sie erst, wenn es wirklich gelungen ist.«

Ungeduldig wiederholte Captain Dryden seine Frage. »Ich kann es noch nicht sicher sagen, Sir«, antwortete MacClure ausweichend. »Vielleicht in einer Stunde. Wir müssen uns noch ein Weilchen gedulden.«

»Gedulden? Ich verstehe Sie nicht, Mr. MacClure. Worauf warten Sie denn noch?«

Der Kapitän der Silver Star schien einen Augenblick mit sich selbst uneins zu sein. Dann griff er mit einem schnellen Entschluß nach seiner Mütze. »Ja, ich erwarte noch etwas«, sagte er ausweichend. »Ich möchte einmal Ausschau halten.«

Von der Brücke aus hatten sie einen freien Ausblick nach Süden. MacClure griff zu einem Fernglas und beobachtete geraume Zeit den Horizont. Wie es Dryden schien, richtete er das Glas gerade auf diejenige Stelle, wo die Mastspitzen der Berenice über die Kimm heraufschauten.

Captain Dryden kniff die Lider zusammen, um schärfer sehen zu können, und glaubte auch mit unbewaffnetem Auge dort etwas zu erblicken. Etwas weit ausgedehnt Blinkendes, das sich dicht über der Kimm vom dunklen Blau des Himmels abhob. Für das St-Luftgeschwader hielt er es, das dort wohl in enggeschlossener Formation einen Flug machte. Vom angestrengten Hinschauen begannen ihm die Augen zu tränen. Er mußte sie für einen Moment schließen. Als er sie wieder öffnete, hielt ihm MacClure sein Glas hin.

Captain Dryden schaute hindurch und erblickte nun scharf und klar, was er bisher nur undeutlich und verschwommen gesehen hatte. Es waren in der Tat die Flugschiffe der EggerthReading-Werke, die dort im Süden dicht zusammengedrängt im Äther standen. So eng zusammen, daß Captain Dryden sich keine Erklärung über den Zweck dieses ungewöhnlichen Manövers machen konnte.

Kopfschüttelnd nahm er das Glas wieder von den Augen, fragte: »Wissen Sie, MacClure, was das zu bedeuten hat?«

MacClure zuckte die Schultern, begann dann langsam zu sprechen. »Die Stratosphärenflotte hat Nordkurs. Wenn sie näher heran ist, werden wir es wohl sehen können. Bis dahin müssen wir uns gedulden.«

»Gedulden?« Da war das Wort wieder. Was meinte er damit? Hing das, was er erwartete, mit der Stratosphärenflotte dort zusammen? Merklich näher war die Gruppe der Flugschiffe jetzt herangekommen. Auf etwa 10 Kilometer schätzte Captain Dryden den Abstand noch, horchte schärfer hin und glaubte auch bereits Motordröhnen zu vernehmen. Wie mächtig mußten diese Maschinen arbeiten, wie mußten ihre Motoren donnern und krachen, wenn das Geräusch über solche Entfernung hin noch hörbar war, ging es Dryden durch den Kopf, während er das Glas wieder an die Augen brachte.

Viel deutlicher war das Bild inzwischen geworden. Beängstigend dicht neben- und übereinander standen die schimmernden Riesenvögel in der Luft.

Unverkennbar war es jetzt, daß die Luftflotte Kurs auf die Silver Star hin hielt; offensichtlich auch, daß die Schiffe nur sehr langsam flogen, in der Hauptsache wohl an ihren Hubschrauben hingen und die Horizontaldüsen nur schwach arbeiten ließen.

Captain Dryden setzte das Glas wieder ab. »Die Flotte kommt auf uns zu. Ist es das, was Sie erwarten?« fragte er MacClure.

»Das ist es, was ich erwarte, Mr. Dryden. Ich hoffe, es wird für uns alle eine erfreuliche Überraschung sein. In zehn Minuten werden wird es wohl wissen.«

Unaufhaltsam war das Luftgeschwader inzwischen näher gekommen. Wieder griff Dryden zu dem Fernglas, und jetzt konnte er bereits erkennen, daß die Höhe, in der die Schiffe flogen, doch nicht ganz so gering war, wie er angenommen hatte. Und noch etwas anderes erblickte er jetzt, das unter ihnen über die Kimm heraufkam. Ein dunkles massiges Etwas, das sich unter ihnen mit zu bewegen schien. Eine mächtige Last, die von der ganzen Flotte getragen und mitgenommen wurde.

Dryden ließ das Glas sinken und schloß die Augen. MacClure nahm es ihm aus der Hand und schaute selbst hindurch. Wie aus weiter Ferne vernahm Dryden zwischen dem immer stärker werdenden Motorendonner die Stimme MacClures.

»Ich glaube, Dryden, Professor Eggerth schafft es. Er läßt Ihnen Ihr Schiff hierherbringen.«

Dryden krallte seine Hände um die Reling. Er fühlte seine Kehle, trocken werden, brachte nur unzusammenhängende Worte hervor.

»Unmöglich, MacClure! Die Berenice … mein Schiff … ein Viertausendtonner …«

»Professor Eggerth verfügt über fünfzig Schiffe«, sprach MacClure weiter. »Er sagte mir, daß jedes der Schiffe hundert Tonnen tragen kann. Das würde langen, Dryden, um Ihre Berenice wieder zu Wasser zu bringen.«

Viel früher als die beiden Männer auf der Brücke der Silver Star konnte James Garrison die Vorgänge beobachten, die sich um Captain Drydens Schiff abspielten, nachdem seine Besatzung an Bord der Silver Star gebracht worden war. Ursprünglich hatte er die Absicht gehabt, mit seinem Flugzeug sofort Kurs nach den Staaten zu nehmen, aber eine Bemerkung, die Professor Eggerth beim Abschied so nebenher hinwarf, hatte ihn neugierig gemacht. Er war mit seiner Maschine aufgestiegen, doch anstatt auf Nordostkurs zu gehen, kreiste er noch eine Weile in mäßiger Höhe zwischen der Silver Star und dem neuen Nordufer der Insel, und bald bekam er hier in der Tat etwas zu sehen, was ihn ungemein interessierte.

Er sah die ganze Stratosphärenflotte von ihrem alten Liegeplatz aufsteigen, zu Drydens Schiff hinschweben und dort niedergehen. Er sah viele Dutzende von Werkleuten aus den Schiffen herausströmen, die sich mit eigenartigen Maschinen und Apparaten an der Berenice zu schaffen machten. Trockenbagger von einer ihm bisher nicht bekannten Art schienen es ihm zu sein, die dort angesetzt wurden und an zehn Stellen den Schlick und Sand unter dem Rumpf der Berenice weggruben. Andere Gruppen von Werkleuten sah er dann armstarke Stahlkabel über den Boden schleifen, sah einzelne Menschen in den von den Baggern ausgehöhlten Gruben verschwinden und jene Seile hinter sich her zerren, sah mit stockendem Atem, wie sie an der anderen Seite des Schiffes wieder hervorkamen und die stählernen Schlangen nach sich zogen.

Weiter ging das rätselhafte Spiel dort unten. Ehe Garrison im Pilotenraum seines Flugzeuges noch recht begriff, was dort unten geschah, waren die Mannschaften bereits wieder verschwunden, waren in die Stratosphärenschiffe zurückgekehrt, deren Motoren jetzt zu trommeln, deren Hubschrauben zu wirbeln begannen.

Fünfzig der schimmernden Kolosse zählte Garrison, fünfundzwanzig lagen zu jeder Seite der Berenice. In fünf Reihen zu je fünf Schiffen waren sie auf Steuerbord und Backbord angeordnet, lagen genau ausgerichtet da.

Stärker schwoll der Motorendonner an, und die beiden äußersten Reihen der Stratosphärenschiffe lösten sich vom Boden und schwebten langsam empor. Schon folgten ihnen die nächsten, dann auch die dritten, vierten und fünften Reihen. In fünf Etagen gestaffelt stand die Stratosphärenflotte jetzt übereinander, und durch ein scharfes Glas konnte James Garrison erkennen, daß sie durch zahlreiche Stahldrahtseile zu einer Art Netz verbunden waren, das an den zehn Hauptseilen endete, die unter dem Kiel der Berenice lagen.

Und dann geschah es. Ein Rucken und Zucken ging durch den Rumpf der Berenice. Das stark nach Steuerbord überliegende Schiff richtete sich langsam auf, stand noch einen kurzen Augenblick auf dem Boden und hob sich dann langsam von ihm ab. Von einer Flotte von fünfzig Stratosphärenschiffen getragen, hing es frei pendelnd in der Luft. Dann begannen die Horizontaldüsen der Stratosphärenflotte zu spielen, und in mäßiger Fahrt schwebte dieses wundersame Gebilde auf Nordkurs davon.

James Garrison war entschlossen, sich keinen Akt dieses Schauspiels entgehen zu lassen. Er folgte der abziehenden Stratosphärenflotte in einiger Entfernung. Die Lippen zusammengepreßt, die Augen weit aufgerissen, beobachtete er, wie sie Kilometer um Kilometer gewann und der See immer näher kam.

Schon konnte er dort draußen die Silver Star vor Anker liegen sehen. Jetzt überschritt die Stratosphärenflotte die neue Uferlinie und schob sich über das Meer hinaus. Immer langsamer wurde dabei ihr Flug, immer schwächer arbeiteten die Horizontaldüsen, während die Hubschrauben mit unveränderter Stärke donnerten. Jetzt schien das Ganze dicht bei der Silver Star fast stillzustehen; jetzt begann es sich langsam zu senken.

Schon berührte der Kiel der Berenice die blaue Fläche, schon tauchte ihr Rumpf wieder in das feuchte Element ein. Die schweren Seile, die bisher straff bis zum Reißen gespannt gestanden hatten, wurden schlaff, und dann kam ein neues Manöver.

James Garrison sah, wie die Seile der Steuerbordgruppe plötzlich abgeworfen wurden und klatschend ins Meer fielen, wie fünfundzwanzig Stratosphärenschiffe, aus ihrer Verstrikkung befreit, sich voneinander lösten und in weitausholendem Bogen auf Südkurs gingen.

Ein ähnliches Schauspiel danach bei der Backbordgruppe. Vierundzwanzig Schiffe ließen auch hier die Trossen fallen. Nur noch ›St 25‹ hatte Verbindung mit dem Seilwerk, und an Bord von ›St 25‹ begannen Motorwinden zu arbeiten, welche die Drahtseile Meter um Meter einholten. Während das Wasser von ihnen ablief, wurden sie mit Motorkraft durch eine offene Luke in den Kielraum von ›St 25‹ hineingezogen. Schon waren sie darin verschwunden und geschäftige Hände dabei, die Öffnung wieder hermetisch zu verschrauben.

Garrison konnte nicht sehen, was weiter im Innern des Stratosphärenschiffes geschah; wie dort die einzelnen Trossen wieder voneinander gelöst, aufgerollt und sorgsam gestapelt wurden. Er sah nur, wie vierundzwanzig Schiffe der Backbordgruppe der bereits vorausgezogenen Steuerbordgruppe folgten, während ›St 25‹ dicht neben der Berenice wasserte. Sah schließlich noch, wie Leute von der Besatzung des Flugschiffes an Bord von Drydens Schiff gingen, wie ein Leichtmetallboot von ›St 25‹ abstieß, zur Silver Star hinüberfuhr und dort am Fallreep festmachte. Da konnte er seine Neugierde nicht länger zügeln, brachte auch sein Flugzeug zu Wasser und trieb mit langsam laufenden Propellern auf die Silver Star zu.

Er kam zurecht, um noch zu sehen, wie Professor Eggerth am Fallreep der Silver Star emporstieg und auf das Achterdeck eilte, wo MacClure und Dryden ihn erwarteten.

Benommen von dem Wunder, das seine Augen gesehen hatten und sein Herz doch immer noch nicht zu fassen vermochte, war Captain Dryden unfähig, ein Wort hervorzubringen. Nur die Hand Professor Eggerths ergriff er und preßte sie mit einem langen, fast schmerzhaften Druck. Unverwandt hingen seine Augen an der Berenice, die sich, kaum 50 Meter von der Silver Star entfernt, in einer leichten Dünung des Ozeans wiegte.

Auch Professor Eggerth war ergriffen. Erst jetzt, nachdem das Wagnis geglückt war, kam ihm die überstandene Gefahr zu vollem Bewußtsein. Während er schweigend die Hand Drydens in der seinen hielt, wogten seine Gedanken traumhaft hin und her, zogen ihm Bilder von Katastrophen, schweren Stürzen und Niederbrüchen durch den Sinn.

Mit Gewalt suchte er der dunklen Gedanken und Bilder Herr zu werden, versuchte die gelungene Tat noch nachträglich vor sich selber zu rechtfertigen. Durchflog in Gedanken noch einmal die Rechnung, die er vor sechzig Stunden in einer schlaflosen Nacht durchgeführt hatte, bevor er sich zu dem Entschluß aufraffte, alle verfügbaren Stratosphärenschiffe seiner Werke durch Funkspruch heranzurufen. Und wie er die Zahlen noch einmal im Geiste durchging, begann der Spuk zu verfliegen, überkam ihn ein beglückendes Bewußtsein, daß er richtig gerechnet und der Erfolg seine Rechnung bestätigt hatte.

In sein nachdenkliches Sinnen klangen die Worte MacClures. »Meinen Glückwunsch, Herr Professor. Sie haben Unerhörtes geleistet. Uns stockte der Atem, als wir Ihre Flotte herankommen sahen. Befreit haben wir aufgeatmet, als die Berenice wieder in ihrem Element schwamm. Hallo, Dryden! Wollen Sie nicht wenigstens danke schön sagen?«

Während MacClure die letzten Worte sprach, schlug er Dryden kräftig auf die Schulter, und die körperliche Erschütterung wirkte lösend auf den Bann, der den Captain gefangen hielt. Die Erstarrung fiel von ihm ab. Leben und Bewegung kehrten in seine Gestalt und in seine Züge zurück, und Worte heißen Dankes kamen von seinen Lippen.

Professor Eggerth war kein Freund von großen Worten. Leicht verlegen versuchte er die Lobsprüche abzuwehren, die Dryden und MacClure seiner Tat nachträglich zollten.

»Es war ein Versuch, meine Herren«, sagte er, »der um der Wissenschaft willen unternommen werden mußte. Die Aufgabe, eine größere Last auf mehrere Stratosphärenschiffe zu verteilen, beschäftigt uns bereits seit geraumer Zeit, und hier bot sich eine willkommene Gelegenheit, das Experiment mit einem größeren Objekt zu machen. Daß wir bei dieser Gelegenheit Ihr Schiff wieder glücklich zu Wasser bringen konnten, freut mich für Sie, Captain Dryden. Aber auch wir haben viel dabei gelernt. Die Ergebnisse, die wir gewannen, sind uns gerade für die kommenden Arbeiten auf der Insel sehr wertvoll. Wir werden hier Maschinen und andere schwere Bauteile brauchen, deren Gewicht über das Tragvermögen eines Stratosphärenschiffes hinausgeht, und wir werden sie so schnell benötigen, daß wir den langsameren Wasserweg dafür nicht wählen können. Seit heute weiß ich, daß wir unsere Stratosphärenflotte dafür zu Hilfe nehmen können. Also, Mr. Dryden«, schloß Professor Eggerth seine Rede, »sind eigentlich wir Ihnen zu Dank verpflichtet, weil Sie uns Gelegenheit gaben, das Problem zu studieren.«

MacClure konnte seine Heiterkeit nicht verbergen. »Sehr hübsch gesagt, Herr Professor«, meinte er lachend. »Der Retter bedankt sich bei dem Geretteten dafür, daß er ihn retten durfte. Aber es stimmt schon mit dem überein, was mir über Sie zu Ohren gekommen ist. Gestatten Sie mir wenigstens, Sie zu einem Lunch an Bord der Silver Star einzuladen. Ich hoffe, das werden Sie mir nicht abschlagen.«

Bevor der Professor antworten konnte, mischte sich Dryden ein. »Ein Lunch … gewiß, ja! Selbstverständlich aber nicht hier, sondern an Bord der wiedergewonnenen Berenice

Captain Dryden beharrte auf seiner Einladung und verstand sie durchzusetzen. Gemeinsam fuhren sie zu Drydens Schiff hinüber, und in der Messe der Berenice wurde die Tafelrunde schnell größer.

James Garrison konnte es sich natürlich nicht versagen, ebenfalls an dieser Mahlzeit teilzunehmen und kam über das Fallreep an Bord der Berenice, und bald folgten auch die beiden Doktoren Wille und Schmidt. Zu sechst saß man bei Tisch, und zwischen den einzelnen Gerichten konnte in Ruhe alles Erforderliche besprochen werden. Da war zuerst die erfreuliche Tatsache, festzustellen, daß MacClure die unfreiwilligen Gäste, denen er an Bord der Silver Star Unterkunft gewährt hatte, wieder loswurde. Mit Sack und Pack zog die Besatzung der Berenice wieder von der Silver Star ab.

Nachdem das erledigt war, kamen die Dispositionen für die nächste Zukunft zur Sprache, und sowohl MacClure wie Dryden wunderten sich über die Dringlichkeit, mit der Professor Eggerth ihnen empfahl, einstweilen die Insel und auch ihre Umgebung zu meiden. Aber beide mußten ihm recht geben, als er ihnen seine Gründe entwickelte. Auf viele Meilen hin mußte ja das Fahrwasser hier neu vermessen werden, bevor eine sichere Schiffahrt möglich sein würde. Bis dahin lief jedes Schiff Gefahr, auf neuentstandene Untiefen zu rennen. Und noch etwas anderes führte der Professor für seine Ansicht ins Treffen. Es sei nicht ausgeschlossen, meinte er, daß auch jetzt noch plötzliche Veränderungen des Seebodens eintreten könnten. Veränderungen, bei denen dann ein Schiff trotz aller Vorsicht und allen Lotens doch plötzlich wieder auf dem Trockenen sitzen könnte. Das wirkte überzeugend, und die beiden Kapitäne waren entschlossen, so bald als möglich die Anker zu lichten und weniger bedenkliche Gewässer aufzusuchen.

»Kommen Sie in einem Jahr wieder«, sagte Professor Eggerth zum Schluß, »dann wird es hier wesentlich anders aussehen. Dann werden Sie nicht nur ein gut vermessenes Fahrwasser finden, sondern, wie ich hoffe, auch brauchbare Hafenanlagen. In einem Jahr werden wir auch nicht mehr mit neuen Bodenbewegungen zu rechnen haben. Und das neue Land, das jetzt noch wüst und leer daliegt … Ich hoffe, meine Herren, das werden Sie bei Ihrem nächsten Besuch auch sehr verändert wiederfinden.«

Alles war besprochen, und das Mahl ging zu Ende. Es wurde Zeit zum Aufbruch. Ein kurzes Abschiednehmen und Händedrücken noch auf dem Deck der Berenice, dann gingen sie auseinander. Professor Eggerth lud Garrison in sein Boot ein, um ihn zum Flugzeug zu bringen, bevor er selbst zu ›St 25‹ fuhr.

»Mein lieber Mr. Garrison«, sagte er vertraulich und für die anderen unhörbar zu ihm, als das Boot bei dessen Maschine anlegte, »nehmen Sie meinen Rat mit. Machen Sie keine leichtsinnigen Experimente in den Staaten. Ich warne Sie, Mr. Garrison«, fuhr er ernster fort, als James Garrison etwas dagegen zu sagen versuchte. »Es ist leicht, die Kräfte der Tiefe zu entfesseln, aber schwer, sie zu beherrschen.«

»Was hatten Sie mit Mr. Garrison zu besprechen?« fragte Dr. Wille, als das Boot zu ›St 25‹ hinüberfuhr.

»Ich habe ihn gewarnt, Herr Doktor«, sagte der Professor nachdenklich, »aber ich fürchte, er wird es trotzdem nicht lassen--und sich vielleicht die Finger verbrennen.«

»Wer nicht hören will, muß fühlen«, bemerkte Dr. Schmidt trocken, »aber noch eine andere Frage, Herr Professor. Glauben Sie in der Tat, daß wir noch mit stärkeren Veränderungen des Seebodens zu rechnen haben?«

Professor Eggerth lachte. »Keine Spur, Herr Doktor. Ich bin überzeugt, daß unser Experiment auf lange Zeit einen Ausgleich der unterirdischen Kräfte herbeigeführt hat, aber ich hielt es nicht für nötig, das den beiden alten Seebären auf die Nase zu binden, und wie Sie sehen, haben meine Mitteilungen den gewünschten Erfolg gehabt. Die Herren Dryden und MacClure dampfen schon in voller Fahrt nach Norden ab. Wir können ohne überflüssige Zuschauer an unsere nächsten Arbeiten gehen.«

Vieles hatte James Garrison von seinem Flugzeug aus beobachten können, aber doch bei weitem nicht alles. Wohl konnte er sehen, was die Stratosphärenflotte bei der von ihrer Besatzung verlassenen Berenice unternahm, aber entgangen war ihm all das, was vorher schon auf der Insel geschah, als die Schiffe das erstemal dort auf dem alten Liegeplatz niedergingen. Da waren den geöffneten Luken der mächtigen Flugschiffe Menschen und immer wieder Menschen entstiegen. Und dann begannen Kräne und Winden zu arbeiten und schafften unabsehbares Gut von Bord der Flotte. In Stapeln und Haufen lagerte alles auf der alten Wiesenfläche, eine Last von fast 2000 Tonnen gab die Flotte von Bord, bevor sie wieder aufstieg, um das Rettungswerk an Captain Drydens Schiff zu vollbringen.

Denn nicht nur deshalb war sie ja von Bay City und Walkenfeld gestartet. Nur nebenher gewissermaßen erfolgte die Bergung der Berenice, die Garrison dann beobachten konnte. Der eigentliche Zweck der Expedition war es, Menschen, Maschinen und Werkstoffe nach der vergrößerten Insel zu bringen. Wie ein befruchtender Strom sollte menschliche Arbeit sich über das Land ergießen, das, eben erst der See entstiegen, noch wüst und leer dalag. Zielbewußte Arbeit sollte ein Paradies entstehen lassen, wo jetzt noch unfruchtbarer Sand und Schlick lagen.

Als vier arbeitsvolle Wochen sich zum ersten Monat rundeten, da stand ein neues Maschinenhaus etwas weiter landeinwärts als das alte und spendete weithin Licht und Kraft. Da hob sich nicht weit von ihm entfernt eine stattliche Zementfabrik. Da wuchsen auch bereits an neuangelegten Straßen Wohnhäuser für die Werkleute empor. Da sah alles auf dem alten Nordufer bereits so verändert aus, daß beispielsweise Mr. Garrison die Gegend kaum wiedererkannt hätte.

Doch das bisher Geschaffte, so groß und so bedeutend es auch war, bildete doch erst einen Teil der Arbeiten, die hier nach einem großen Plan vonstatten gingen. Schon zog sich auch nach Süden hin längs durch das alte Inselareal eine breite Fahrstraße. Mit Feuer und Eisen hatte man sie durch den Tropenwald gebahnt, planiert, gewalzt, betoniert und in einer erstaunlich kurzen Zeit fertiggestellt.

Draußen aber auf dem Neuland waren Tag und Nacht die schweren Traktoren und Motorpflüge am Werk. Tief rissen die stählernen Pflugscharen den alten Seeboden auf, legten ihn in Schollen um, mischten Schlick, Sand und Korallenkalk dabei durcheinander und legten das Ganze so hin, daß die Tropensonne es so recht durchwärmen und durchglühen konnte.

Ein Quadratkilometer nach dem anderen, eine Quadratmeile nach der anderen kam so unter den Pflug. Geackert und bald auch geeggt lag der Boden da, bereit, Saat aufzunehmen und Frucht zu bringen. Man müsse ihn erst noch eine Weile so liegen, ihn richtig gar werden lassen, riet Dr. Schmidt, aber Professor Eggerth war dagegen und gewann auch Dr. Wille für seine Ansicht.

»Unterschätzen Sie nicht die ungeheure Fruchtbarkeit der Natur in diesen Breiten hier«, meinte der Professor, »wenn wir den Acker hier auch nur einen Monat unbesät liegen lassen, wird er sich auch ohne unser Zutun begrünen. Millionen und aber Millionen von Keimen, die der Wind von dem alten Inselland herüberträgt, werden in ihm aufgehen, und das werden wahrscheinlich Kräuter sein, an denen uns wenig liegt. Wir würden die grüne Decke nur noch einmal aufbrechen müssen und hätten dabei nichts gewonnen. Es ist besser, wir bringen das Saatgut sofort in den Boden.«

Nach seinem Rat geschah es. Auf den Pflug und die Egge folgte jetzt die Drillmaschine. Schiffe der Stratosphärenflotte verließen die Insel und kehrten wenige Tage später mit Saatkorn aller Art zurück. Viele tausend Tonnen waren nötig, um die riesigen neugewonnenen Flächen zu besäen, und schnell zeigte es sich, wie richtig der Rat des Professors gewesen war. Schon wenige Tage nach der Aussaat sproßen die ersten grünen Spitzen aus den Ackerrillen empor, um sich fast über Nacht zu kräftigen Halmen zu entwickeln. Gerade noch rechtzeitig ging die Saat auf, um das wilde Kraut, das sich auch schon zu regen begann, niederzuhalten und zu erdrücken.

Noch einmal saß Professor Eggerth mit seinen alten Freunden Wille und Schmidt an dem runden Tisch im Verwaltungsgebäude, der mit Zeichnungen und Aktenstücken bedeckt war. Dr. Wille faltete einen Karton zusammen, der die neue Hauptstadt des Neulandes zeigte.

»Es wird Jahre dauern, Herr Professor, bis das alles in Stahl und Beton fertig ist«, sagte er nachdenklich, während er den Plan beiseite legte.

»Sie haben ja Zeit, mein lieber Herr Doktor«, meinte der Professor. »Sie werden auf dieser Insel glückliche, schaffensfrohe Jahre verleben. Sie werden ›Ihr Volk‹ hier wachsen und gedeihen sehen …« Professor Eggerth lächelte, während er es sagte, »Sie werden ihm ein gütiger und gerechter Herrscher sein.«

Dr. Wille verzog den Mund. »Das Volk wächst mir etwas zu heftig, Herr Professor. Jede Woche haben Ihre Schiffe uns neue Leute, Siedler, denen es in Europa an Raum mangelt, hierhergebracht. Da ist es nicht leicht, den Ansprüchen gerecht zu werden, hundert verschiedene Wünsche zu erfüllen … den einzelnen mit Rat und Tat zu unterstützen. Meine Leute haben die letzte Zeit bis zum Umfallen gearbeitet.«

»Das wird schnell anders werden«, tröstete ihn Professor Eggerth. »Für morgen sind zwei Schiffe fällig, welche die beantragten Hilfskräfte für Ihren Verwaltungsapparat an Bord haben. Dann werden Sie entlastet sein.«

»Für wie lange?« fragte Dr. Wille.

»Bis zum nächstenmal«, lachte Professor Eggerth. »Darüber müssen Sie sich klarwerden, mein lieber Wille, daß die Zuwanderung sobald nicht abreißen wird. Wir verfügen hier über etwa fünf Millionen Hektar fruchtbaren Landes, die besiedelt sein wollen. Zur Ruhe werden Sie so leicht nicht kommen. Trösten Sie sich mit dem Gedanken, mein lieber Doktor, daß Arbeit jung und frisch erhält.«

»Das sagen Sie, Herr Professor, und ich muß es Ihnen wohl glauben. Es ist nur schade, daß Sie uns verlassen wollen. Warum beteiligen Sie sich nicht weiter an unserer Arbeit, wenn Sie das für so bekömmlich halten?«

»Mein lieber Herr Doktor …« Professor Eggerth lehnte sich in seinen Stuhl zurück und schöpfte tief Atem. »Wenn Sie wüßten, welche Berge von Arbeit mich in meinen Werken erwarten, dann würden Sie anders sprechen. Fast vier Monate lang habe ich dort alles laufen lassen müssen, wie es eben lief, habe mich ganz dem Unternehmen hier widmen müssen. Es ist höchste Zeit, daß ich zu Haus wieder selber nach dem Rechten sehe. Gewiß, ich habe tüchtige Direktoren und Prokuristen in Bay City und Walkenfeld, aber … trotz allem … Sie verstehen wohl, was ich meine, Herr Doktor …«

Wille nickte. »Gewiß, ich begreife. Aber daß Sie mir auch unsern Freund Schmidt entführen wollen, bekümmert mich.«

»Nur für acht Tage, Herr Wille, dann sollen Sie ihn wieder haben; aber einstweilen wird er dringend in Waltershausen verlangt.«

»Waltershausen? Ach so! Familienangelegenheiten.«

»Richtig, Herr Dr. Wille. Da gilt es nach langer Trennung ein Wiedersehen zu feiern. Sie erinnern sich wohl noch jenes Mr. Smith, der von der Carnegie-Expedition auf der Insel zurückgeblieben war? Der junge Mann hat eine Versöhnung zustande gebracht. Sein Vater, der Bruder von unserem Doktor hier, ist jetzt auch bei dem alten Herrn in Waltershausen zu Besuch, und da darf unser Schmidt hier als der vierte im Bunde nicht fehlen.«

»So, also deswegen?« meinte Wille. »Ich kann es Ihnen nachfühlen, Herr Kollege, daß Sie den Wunsch haben, Ihre nächsten Verwandten nach einer so langen Trennung wiederzusehen.«

Der lange Schmidt schnitt ein Gesicht.

»Na ja!« stieß er hervor. »Ich sehe meine Leute ganz gern wieder, aber …«

»… Ich mußte ein wenig nachhelfen«, meinte Professor Eggerth lachend.

»Nachhelfen?« fuhr der lange Schmidt dazwischen. »Ich will es Ihnen nicht verschweigen, Herr Doktor, der Professor hat mich einfach in die Presse genommen. Er hat die Anstellung meines Neffen in seinen Werken davon abhängig gemacht, daß ich vorher mit ihm nach Waltershausen komme. Sagen Sie selbst, was blieb mir da weiter übrig?«

Dr. Wille schmunzelte. »Aha, das alte Rezept. Der Zweck heiligt die Mittel. Ich gönne Ihnen ein paar Ferienwochen und das Wiedersehen mit Ihren Verwandten von Herzen, lieber Kollege. Ich weiß ja, daß Sie nicht die Absicht haben, mir dauernd untreu zu werden …«

»In spätestens vierzehn Tagen bin ich wieder hier«, fiel ihm der lange Schmidt ins Wort, und dann wurde es Zeit, an den Aufbruch zu denken. ›St 25‹ stand zum Rückflug in die Heimat bereit.


KAPITEL 10

Ein Jahr verfließt schnell, wenn seine Tage vom Morgen bis zum Abend mit Arbeit angefüllt sind, und über einen Mangel an Arbeit konnten sich die Herren Wille und Schmidt nicht Beklagen.

Von Aktenstößen umgeben, saß Dr. Schmidt in seinem Arbeitszimmer, als Wille mit einem Papier in der Hand zu ihm kam. Nur zögernd und etwas vor sich hin brummend unterbrach der lange Schmidt seine Tätigkeit, während Wille, das Papier in seiner Rechten schwenkend, ihn ansprach.

»Lassen Sie Ihren Zylinder bügeln und Ihren Gehrock ausbürsten, Herr Kollege.«

Schmidt kniff nach alter Gewohnheit die Lippen zusammen und setzte sein säuerliches Gesicht auf.

»Zylinder? Gehrock? Warum? Steht uns etwa hoher Besuch bevor?«

Wille schüttelte den Kopf und sah im Gegensatz zu Schmidt höchst vergnügt aus. »Das ist es nicht, Doktor. Aber Pate stehen müssen Sie heute nachmittag.« Er sah das entsetzte Gesicht des langen Schmidt und fuhr fort, während er ihm das Blatt hinhielt. »Hier ist die amtliche Meldung. Der fünfzigtausendste Einwohner der Insel soll heute getauft werden, und uns beide hat man als Paten gebeten. Ja, Kollege Schmidt, Würde bringt Bürde. Da hilft nun nichts. Wir müssen beide hin, und etwas Nettes müssen wir dem Täufling auch schenken. Lassen Sie sich’s mal durch den Kopf gehen, was wir dafür wählen; ich werde in einer Stunde wieder zu Ihnen kommen.«

Wille ging aus der Tür und ließ einen total aus dem seelischen Gleichgewicht gebrachten Mann zurück. Pate stehen … Geschenke machen? Das waren für den langen Schmidt Dinge, mit denen er sich sein Leben lang noch nicht befaßt hatte. Unruhig begann er in seinen Schreibtischkästen zu kramen, als ob er in ihnen Rat und Hilfe finden könnte. Ein altes Notizbuch fiel ihm dabei in die Hände, und zerstreut begann er darin zu blättern.

Es waren Aufzeichnungen über die früheren Ereignisse auf der Insel, die er fortlaufend eingetragen hatte. Jetzt stieß er auf die Worte: vorzeitige Sprengung durch O’Brien. Der Krater stürzt zusammen, der Teufel ist los. Wir fliehen in die Stratosphäre … Sein Blick fiel auf das Datum, das dabei stand, und ging dann zu dem Terminkalender auf seinem Tisch. Er stutzte. Es war ja beidemal dasselbe. Dann war also heute der Jahrestag jenes denkwürdigen Experimentes, dem das neue Land sein Dasein verdankte. Fast hätte er das über der Arbeit des Alltages vergessen. Wille hatte auch kein Wort davon gesagt. Wahrscheinlich ging’s dem wohl ebenso. Er sprang auf und eilte in Willes Zimmer. Ehe er jedoch seine Mitteilung anbringen konnte, kam ihm Wille schon zuvor. »Ein Funkspruch, Herr Kollege. Sie werden kaum erraten, von wem er kommt …«

»Keine Ahnung, Herr Doktor Wille.«

»Von ›St 25‹ kommt er, Professor Eggerth gratuliert uns zum ersten Jahrestag und bittet, den Sekt kühl zu stellen. In einer Stunde wird sein Schiff hier landen. Ohne den Professor hätten wir den Tag übersehen!«

»Doch nicht, Herr Dr. Wille«, widersprach der lange Schmidt und hielt ihm sein altes Notizbuch hin. »Ich wollte Sie eben daran erinnern.«

»Ja, mein lieber Schmidt«, Wille strich sich durch das Haar, »da wird’s heut wohl mit der Arbeit nicht mehr viel werden. ›St 25‹ begrüßen, Taufe mitmachen … nachher Geburtstag feiern … Nun, wir haben das ganze Jahr hindurch keinen Tag gefeiert. Da können wir’s uns heute schon einmal erlauben.«

Als ›St 25‹ auf seinem alten Liegeplatz niederging, standen Wille und Schmidt zum Empfang bereit.

»Der Sekt steht bereit, Herr Professor«, begrüßte Dr. Wille den Mann, mit dem ihn jahrelange gemeinsame Arbeit verband und dem er so viel zu verdanken hatte. Professor Eggerth schaute sich nach allen Seiten um und ergriff den Arm Willes.

»Sie müssen mich führen, Herr Doktor«, sagte er dabei scherzend, »hier ist ja so vieles anders geworden, daß ich mich allein nicht mehr zurechtfinde. Ihr altes Verwaltungsgebäude … meine Hochachtung, das hat sich ja zu einem richtigen Regierungspalast entwickelt. Wer von uns hätte vor einem Jahr geglaubt, daß das alles so werden würde.«

»Wir glaubten an Sie, Herr Professor, und unsere Hoffnung ist nicht enttäuscht worden«, sagte Wille, während sie langsam auf das Gebäude zuschritten. Dr. Schmidt stand allein vor dem Stratosphärenschiff, aber er blieb nicht lange allein. Georg Berkoff stürmte die Treppe hinab und fiel ihm stürmisch in die Arme.

»Aber Herr Berkoff«, versuchte der lange Schmidt abzuwehren. Doch Berkoff ließ sich nicht hindern und begann herauszusprudeln, was er auf dem Herzen hatte. Grüße aus der Heimat überbrachte er dem Doktor. Grüße von dem alten Forstrat in Waltershausen, bei dem er noch vor achtundvierzig Stunden zu Besuch gewesen war, und Grüße auch von Frederic Smith, der nun schon fast ein Jahr in den Eggerth-Reading-Werken tätig war und sich zu einem Konstrukteur entwickelt hatte, dessen Fähigkeiten Professor Eggerth hoch einschätzte.

Weiter liefen die Stunden, und der nächste Punkt, der auf der Tagesordnung stand, die Tauffeierlichkeit, mußte erledigt werden. Da fiel dem Dr. Schmidt ein schwerer Stein vom Herzen, als Professor Eggerth an seiner Statt die Patenstelle übernahm.

Und dann kam zum Schluß die Jahresfeier, zu der sich um den runden alten Tisch im Verwaltungsgebäude alle zusammenfanden, die damals mit ›St 25‹ ausgezogen waren. Professor Eggerth und sein Sohn Hein, Wille und Schmidt, und selbstverständlich fehlte auch Georg Berkoff nicht in dem Kreise, der hier mit perlendem Schaumwein auf das weitere glückhafte Gedeihen des neuen Landes anstieß. Rede und Gegenrede flogen hin und her, und auch derjenigen, die heute nicht dabei waren, wurde gedacht. Der lange Schmidt war es, der zuerst die Rede auf James Garrison brachte.

»Es war der Geist, der stets das Böse will und stets das Gute schafft«, bemerkte Dr. Wille philosophisch.

»Hoffentlich behalten Sie mit dieser Prophezeiung auch für die Zukunft recht«, meinte Professor Eggerth. »Ich würde es Garrison wünschen, aber ich habe Zweifel.«

»Weshalb denn?« fragte Wille.

»Weil er sich auf ein gefährliches Experiment eingelassen hat«, sagte der Professor nachdenklich. »Ich erfuhr vor drei Tagen, daß das Carnegie-Institut auf seine Veranlassung bergmännische Arbeiten an den Vulkanen in der Nikaragua-Zone vornimmt. Die Zeitungen berichten zwar nur von Schürfungen am Viejo und Ometepe. Aber aus anderer Quelle weiß ich, daß große Stollen in diese Berge getrieben werden und daß unser Freund Garrison sie persönlich überwacht.«

»Viejo und Ometepe?« Der lange Schmidt kniff nach alter Manier die Lippen zusammen. »Mr. Garrison kann allerlei erleben, wenn er sich an diesen Vulkanen vergreift.«

Professor Eggerth zuckte die Schultern. »Wir können ihn nicht daran hindern, mein lieber Schmidt. Aber vielleicht bekommen wir schon in den nächsten Wochen etwas von ihm zu hören. Hoffen wir, daß es nichts allzu Schlimmes ist.«

»Ah, bah, Vater«, mischte sich Hein Eggerth ein, »Unkraut verdirbt nicht. Die Landschaft wird er vielleicht ruinieren, aber er selbst kommt sicher heil davon.«

»Darauf wollen wir trinken«, sagte Professor Eggerth und hob sein Glas.


ENDE


Roy Glashan's Library
Non sibi sed omnibus
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