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HANS DOMINIK

BEFEHL AUS DEM DUNKEL

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RGL e-Book Cover 2016©

First published as by August-Scherl-Verlag, Berlin, 1933
This e-book edition: Roy Glashan's Library, 2016
Produced by Roy Glashan

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"Befehl aus dem Dunkel," August-Scherl-Verlag, Berlin, 1933



INHALTSVERZEICHNIS



1. Kapitel.


›Sämtliche politischen Gefangenen sind
sofort in Freiheit zu setzen. General Iwanow.‹


Wäre der Blitz in das Gouvernementsgebäude von Irkutsk geschlagen, Verwirrung und Aufregung hätten nicht größer sein können. Wie ein Lauffeuer ging die Kunde von diesem unbegreiflichen Erlaß des Oberbefehlshabers durch den Riesenbau.

Alle politischen Gefangenen freigelassen? Ja sogar die bereits zum Tode Verurteilten?! Was war geschehen? War der General wahnsinnig geworden? War eine neue Revolution ausgebrochen?

Wenige Minuten später war das Zimmer des Generals angefüllt von einem Schwarm höherer Beamter und Offiziere, die ihn mit Fragen bestürmten, auf ihn einsprachen. Doch immer nur die eine Antwort aus Iwanows Munde: ›Die Gefangenen sind unschuldig. Außerdem liegt ihre Entlassung im Staatsinteresse.‹

Waren es wirklich die Worte des Generals oder war es etwas anderes—eine Stimme nach der anderen verstummte. Die erregten Gesichter glätteten sich mehr und mehr ... dann alle in nachdenklichem Schweigen, und dann ... nickten die einen zustimmend, die anderen sprachen laut heraus, es könne gar keinem Zweifel unterliegen, daß das Staatsinteresse die Freilassung der Gefangenen erfordere ... sie seien völlig unschuldig.

War dieser plötzliche Stimmungswechsel der Versammelten schon recht sonderbar, so war auch ihr weiteres Verhalten überaus merkwürdig. Anstatt nun nach Erledigung der Angelegenheit das Zimmer zu verlassen, verblieben sie noch eine volle Stunde bei Iwanow, ohne außer ein paar gleichgültigen Redensarten über die Gefangenen weitere Worte zu wechseln.

Als aber gegen Mittag der General und die anderen das Zimmer verlassen hatten, dauerte es nur wenige Minuten, da gellten nach einer kurzen Besprechung Iwanows mit den anderen Herren bei allen Behörden die Telephonklingeln: ›Befehl des Generals, die vor einer Stunde entlassenen politischen Gefangenen sofort wieder zu verhaften und in das Gefängnis einzuliefern.‹ Bis auf eine der Gefangenen, ein junges Mädchen namens Lydia Allgermissen, wurden die übrigen alsbald wieder festgenommen.

Am Nachmittag desselben Tages berief Iwanow sämtliche Herren, die am Mittag bei ihm gewesen waren, zu einer Besprechung zu sich. Noch ehe man dazu kam, sich über das Unbegreifliche, Unfaßbare, das sich vor ein paar Stunden in diesem Raum zugetragen hatte, auszusprechen, sprangen alle wie auf ein gegebenes Kommando auf und bewegten sich in lebhaften Tanzschritten durch den Raum. Gleichzeitig erschien vor dem Fenster, das nach dem Garten zu ging, ein alter, einfach gekleideter Mann, der sich über das Bild im Zimmer aufs höchste belustigte. Während seine Hände unaufhörlich den Takt zu dem Tanz im Gouverneurszimmer schlugen, sprudelte sein Mund von heftigen Verwünschungen und boshaftem Gekicher über.

Plötzlich öffnete sich die Tür zu dem Zimmer und ein junger Offizier in Meldeuniform, den Stahlhelm auf dem Kopf, trat herein. Wie angewurzelt blieb er stehen und starrte wie betäubt auf die sonderbare Szene. Dann suchten seine Augen die des Generals, und was er darin las, erfüllte ihn mit schreckhaftem Entsetzen. Angst, Wut, tiefste Beschämung sprachen nur zu deutlich daraus.

Unfähig, den Mund zu einer Frage zu öffnen, einen Entschluß zu fassen, stand der Offizier. Da fiel sein Blick auf das Fenster, hinter dem der Alte mit kreischenden Freudenrufen die Szene begleitete. Blitzartig kam dem Offizier der Gedanke, daß der dort draußen vielleicht durch Hypnose oder suggestiven Zwang den General und die anderen zu diesen jeder Vernunft und Sitte hohnsprechenden Tanzbewegungen veranlasse. Mit einem Sprung war er am Fenster und schoß durch die Scheibe hindurch den Alten in den Kopf, daß der sofort tot umsank.

Doch seine schnelle Vermutung bestätigte sich nicht. Die Versammelten tanzten unentwegt weiter, obwohl einige der älteren Herren sich nur noch mit Mühe auf den Füßen hielten. Kaum noch Herr seiner Sinne, wollte der Offizier aus dem Zimmer eilen und Hilfe holen, da war der Tanz plötzlich zu Ende. Verwirrt, atemlos, erschöpft taumelten die sonderbaren Tänzer zu den nächstbesten Sitzgelegenheiten. Iwanow gab ...«

* * *

Dies stand gedruckt in der neuen Ausgabe der »Daily Mail«, die ein schlafender Passagier im D-Zug Aachen-Paris lose in der Hand hielt. Sein Gegenüber hatte weit vorgebeugt den Text bis hierhin mit größtem Interesse lesen können. Wie ging die merkwürdige Geschichte weiter? Wer hatte das geschrieben?

Fiebernd vor Neugierde und Ungeduld hätte Georg Astenryk dem Schlafenden am liebsten die Zeitung fortgenommen. Ärgerlich warf er sich auf seinen Sitz zurück, da traf sein Blick das etwas belustigte Gesicht seines Reisegefährten zur Rechten. Der mochte über sein Buch hinweg wohl etwas von dieser Lektüre mit Hindernissen beobachtet haben und reichte ihm jetzt lächelnd eine Zeitung.

»Bitte, Herr Astenryk. Das ist dieselbe Nummer der ›Daily Mail‹, die Sie anscheinend so interessiert. Sie können sie gern erhalten. Ich habe sie gelesen.«

Etwas verlegen nahm Georg Astenryk das Blatt an sich. »Sehr liebenswürdig, Herr Major. Meinen verbindlichsten Dank.«—

Der Zug hielt in Compiègne. Major Dale erhob sich und reichte Georg Astenryk die Hand zum Abschied. »Es war mir eine angenehme Bekanntschaft. Vielleicht fügt es das Schicksal, daß wir uns später noch einmal wiedersehen.«

»Das würde mich sehr freuen, Herr Major. Sollte der Zufall Sie in Australien gelegentlich wieder mit meinem Bruder Jan zusammenbringen, grüßen Sie ihn bitte.«

Der Zug rückte an. Georg Astenryk sah dem Reisegefährten nach, bis der an einem Autostand seinen Blicken entschwand. Ein hervorragender Mensch, dieser Major Dale aus Sydney, dachte er dabei. Natürlich, sonst wäre er ja nicht nach London in den Generalstab berufen. Man wird von ihm vielleicht noch hören, wenn es wirklich im Fernen Osten zu der großen Auseinandersetzung kommt. Was er über die gespannte Lage dahinten erzählte, war interessant. Danach ist ja eher früher als später ein Krieg zu erwarten. Daß er da drüben auch Jan kennengelernt hat ... die Welt ist doch wirklich ein Dorf. —

Auch der Australier hatte von seinem deutschen Reisegefährten einen nachhaltigen Eindruck empfangen. Im Anfang der Fahrt, ehe sie miteinander ins Gespräch gekommen, hatte er sich immer wieder gefragt: Was ist das für ein Mensch da drüben? Was kann der sein? Dieser Zwiespalt in den starken, aber doch klaren Gesichtszügen. Die hohe Stirn, die klugen Augen des Gelehrten über dem kräftigen Kinn des Tatmenschen. Er mußte mit ihm bekannt werden, um über dessen Persönlichkeit Aufklärung zu bekommen. Es überraschte ihn, als er erfuhr, wie jung sein Gegenüber noch war. Er hätte ihn ohne weiteres zehn Jahre älter geschätzt. Der schien aus anderem Holz geschnitzt als sein Halbbruder Jan Valverde in Australien. Der war wohl ein ganz guter Farmer, aber auch nicht mehr als das. Dieser Astenryk überragte ihn jedenfalls turmhoch an geistigen Kräften.—

Georg Astenryk entfaltete jetzt die Zeitung Dales und nahm sich den Aufsatz vor, der ihn so interessiert hatte. Der Artikel trug die Überschrift »Erinnerungen eines russischen Arztes von Dr. Nikolai Rostow«. Er las ihn von der Stelle weiter, bis zu der er vorher gekommen war.

»... General Iwanow gab dem Offizier den Befehl, niemand in das Zimmer hineinzulassen. Nach einer längeren Besprechung verpflichtete er alle Anwesenden bis zur Klärung der Angelegenheit zu strengstem Schweigen.

Die Vorgänge in Irkutsk waren auch in Moskau bekanntgeworden und die Regierung schickte sofort einen Stab hervorragender Kriminalisten und Gelehrter, darunter auch meinen Freund, den Generalarzt Orlow, von dem ich diese Mitteilungen habe, dorthin.

Die peinlichst genau durchgeführte Untersuchung ergab jedoch nichts, das geeignet gewesen wäre, den Schleier des Geheimnisses zu lüften.

Der von dem Offizier erschossene alte Mann war als ein Professor Allgermissen festgestellt worden. Dieser, ein Deutschbalte, als politisch Verdächtiger nach Irkutsk verbannt, arbeitete in dem staatlichen Laboratorium als Assistent unter dem Direktor des Instituts. Er hatte schon früher als Sonderling gegolten, als Wissenschaftler genoß er einen vorzüglichen Ruf.

Schon mehrmals hatte man Verdacht, daß Allgermissen Arbeiten, deren Resultate schon greifbar schienen, absichtlich falsch auslaufen ließ oder zum wenigsten stark verzögere. In der letzten Zeit hatte der Professor seinen Haß gegen die Regierung in mehr oder weniger versteckten Redensarten zum Ausdruck gebracht. Als er sich sogar in offenkundigen Drohreden erging, steckte man ihn und gleichzeitig seine Frau und seine Tochter Lydia ins Gefängnis. Während der Untersuchung starb Frau Allgermissen. Professor Allgermissen, der schon gleich nach seiner Verhaftung von den Ärzten als etwas geistesgestört bezeichnet wurde, verfiel jetzt in völligen Wahnsinn. Er wurde nach der Krankenabteilung des Gefängnisses gebracht, aus der er dann an jenem Tage unter allerdings sehr auffälligen Umständen entfloh.

Unter den auf jenen rätselhaften Befehl des Generals Iwanow aus dem Gefängnis Entlassenen befand sich auch Lydia Allgermissen. Sie hatte sich vom Gefängnis nach ihrer früheren Wohnung begeben. Von diesem Zeitpunkt ab war sie verschwunden.

Nachdem die Moskauer Kommission sich lange Zeit vergeblich bemüht hatte, eine triftige Aufklärung der geheimnisvollen Vorfälle zu geben, begnügte man sich schließlich mit der plausiblen Annahme, daß Professor Allgermissen über ungewöhnlich starke hypnotische Kräfte verfügt haben müsse.—

Dr. Orlow hat sich mit mir und auch mit anderen Fachleuten vergeblich bemüht, eine bessere, einigermaßen wissenschaftliche Erklärung zu finden. Vielleicht, daß ein Leser früher oder später die richtige Lösung findet.«

Damit schloß der Artikel in der »Daily Mail«. Georg Astenryk ließ das Blatt sinken und nickte nachdenklich vor sich hin, als wolle er sagen: Ich habe die Erklärung zum Teil schon gefunden, mein lieber Herr Doktor Rostow. Er barg die Zeitung sorgfältig in seiner Brusttasche, dachte dabei: Jetzt, wo ich den Bericht meines Freundes Lönholdt von solch authentischer Seite bestätigt finde, werde ich mich etwas ernsthafter mit dem beschäftigen, was ich von Allgermissen weiß.

»An Zeit mangelt es mir ja nicht«, sagte er mit einem bitteren Zug um die Lippen leise vor sich hin, »seitdem ich die Leitung der Firma Astenryk und Kompanie dem Konkursverwalter überlassen mußte ...«

Dachte dann weiter ... dieser Allgermissen ... Genie oder Wahnsinn? ... Genie und Wahnsinn? ... Daß der schwer geisteskrank gewesen, stand wohl außer Zweifel ... Wie oft hatte er deswegen die Beschäftigung mit dem Problem Allgermissens beiseitegeschoben, hatte sich gesagt: Es sind doch nur die Ideen eines Verrückten ...

Und doch! Jetzt, wo er Lönholdts Bericht durch den russischen Arzt in jeder Beziehung bestätigt fand, jetzt mußten solche Zweifel schwinden. Jetzt durfte ihm selbst das Benehmen Allgermissens in der Nacht vor seiner Verhaftung nicht mehr als das eines völlig Wahnsinnigen erscheinen.

Was stand darüber in Lönholdts Tagebuch? Professor Allgermissen hatte in jener Nacht in wildem Triumphgeheul geschrien: »Tod und Vernichtung allen Bolschewiken! ... Ich bin der Herr der Welt! ... Die ganze Menschheit ist mir untertänig!« Jetzt mußte tatsächlich das Ungeheuerlichste möglich werden können. Jetzt mußte man den Worten Allgermissens einen realer Sinn zugestehen, auch wenn man, weiter denkend, auf unheimlich phantastische Folgen und Ziele stieß ...

Georgs Gedanken wanderten. Seine innerliche Erregung steigerte sich mehr und mehr. »Mein Gott!« rief er schließlich laut aus, »man könnte ja auch wahnsinnig werden, wenn man das alles bis zum letzten Ende durchdenkt. Ja, wahnsinnig könnte man werden ... wie es auch Allgermissen wurde ... wurde, nicht war.«

Er schrak zusammen. Ein Schaffner trat in die Tür und regulierte die Platzmarken. Ein Blick aus dem Fenster zeigte Georg Astenryk schon die hohen Hinterwände der städtischen Häuser. Ein Blick auf die Uhr: in wenigen Minuten würde er seine Verlobte Anne Escheloh in die Arme schließen.

Der Zug lief in den Nordbahnhof ein. »Paris!« An der Sperre erblickte er von weitem Anne. Sie hatte ihn noch nicht gesehen. Seine Augen hingen an dem schönen, reinen Profil seiner Verlobten. Er winkte ihr zu. Sie erkannte ihn, winkte wider, Und dann stand er vor ihr ... erschrak.

»Anne! Liebe Anne!« Ei drückte sie fest an sich. »Anne!« ... Freude und Erschrecken lagen in seiner Stimme. Wie hatte sich ihr Gesicht verändert, daß selbst die Freude des Wiedersehens nicht die tiefen Schatten verwischen konnte, die auf ihren Zügen lagen!

Er kannte Anne zu gut. Sie hatte eines jener Gesichter, die zwar gelernt haben sich zu beherrschen, die aber zu durchsichtig sind, um die Regungen der Seele zu verbergen. Dieser fremde Zug um den Mund, diese verschleierten Augen sprachen von innerem Leid.

»Georg! Mein lieber, guter Georg! Wie freue ich mich, dich wieder zu haben.«

»Und ich auch, mein Liebling. Wenn wir uns auch unter traurigen Umständen ...«

»Nicht jetzt! Ach, sprich jetzt nicht weiter davon, Georg. Laß uns die Freude des Wiedersehens genießen ... später davon. Wir wollen gleich zu uns fahren. Du wohnst auch, wie mein Schwager Forbin und Helene, in der Pension Pellonard in der Rue Frémont. Ein Zimmer ist für dich reserviert.«

»Ach, das ist ja wundervoll, daß wir zusammenwohnen, Anne. Um so mehr werden wir voneinander haben.«

Sie gingen zu dem Taxistand und fuhren zur Rue Frémont. Alfred und Helene Forbin waren nicht zu Hause. Georg war darüber nicht böse. Allein mit Anne, schloß er sie in zärtlichem Mitleid in die Arme.

»Anne! Du bist so verändert. Drückt dich etwas? Nach deinem Briefe schienst du mir ... ich will nicht sagen, glücklich ... aber doch ganz zufrieden mit deinem Aufenthalt hier. Fühlst du dich nicht wohl bei deinem Schwager, oder ist es was anderes?«

Anne Escheloh wandte sich zur Seite.

»Ach ... sprechen wir doch nicht davon, Georg! Warum soll ich nicht zufrieden sein, da es mir ja an nichts fehlt? Ich muß nur immer an dich denken. Was hast du nicht alles in der letzten Zeit durchmachen müssen! Der Tod deines Vaters, die Hypothekengeschichte und nun gar der Konkurs eures alten Werkes ... Was wirst du anfangen, wenn sie dir alles genommen haben?«

»Anne! Ist es wirklich nur das? Hast du nicht auch anderen Kummer? Ich möchte dir ja so gern glauben, aber ich kann es nicht. Um mich brauchst du dich keinesfalls zu sorgen. Ich werde schon durchkommen. Aber daß du dich hier auch nur einigermaßen wohl fühlst ... ich kann's nicht glauben, Anne!

Als damals dein Vater starb und du dich diesem zweifelhaften Forbin —verzeih, daß ich von dem Mann deiner Schwester so spreche—anschlossest, da dachte ich mir: Lange soll das nicht dauern, dann hole ich dich mir wieder. Die Halunken, die mich zum Konkurs brachten, haben auch durch diesen Plan einen Strich gemacht ... vorläufig ... denn Anne, meine liebe Anne, wenn du zu mir hältst ... ich werde nie von dir lassen. Und einmal wird ja doch der Tag kommen, wo ...«

»Georg, schweige doch! Was sprichst du da! Ich sollte nicht immer zu dir halten? Was auch kommen mag, ich lasse dich nicht.

Aber erzähle doch jetzt, wie es möglich war, daß du für dein gutgehendes Werk nicht das Geld auftreiben konntest, um den Konkurs abzuwenden?«

Es war eine traurige Geschichte, die Georg zu erzählen hatte. Die große Hypothek von den Erben des früheren Teilhabers verkauft, von dem neuen Besitzer überraschend gekündigt. Keine Möglichkeit, so schnell das Kapital für die Rückzahlung zu beschaffen. Dazu böswillige Gerüchte über den Stand der Firma ... der schwere Gang zum Konkursrichter unvermeidlich.

Und das alles nur dunkle Machenschaften einer französischen Interessengruppe, um ihn zu zwingen, die heranreifenden Früchte einer jahrelangen Erfindertätigkeit denen auszuliefern.

»Hast du schon irgendwelche Pläne für die Zukunft, Georg?«

»Gewiß habe ich allerhand Pläne. Aber ich kann zur Zeit leider noch nicht sagen, was sich davon verwirklichen läßt. Jedenfalls muß ich, solange der Konkurs dauert, in Neustadt bleiben. Das wird sich wohl noch einige Wochen hinziehen.«

»Ja, aber wie wird's denn mit deinen Arbeiten? Ich meine deine Erfindung ... die elektrische Kohlenbatterie?«

»Das ist ja gerade die Frage, die so schwer zu lösen ist. Wäre ich frei von dem Banne, in dem sie mich hält, wäre es anders. Ich werde ganz wahrscheinlich das freundliche Anerbieten der Tante Mila in München annehmen. Sie will mir zur Fortführung meiner Arbeiten ihr Almhaus am Wilden Rain oben in den bayerischen Bergen zur Verfügung stellen und mich, soweit es ihre bescheidenen Mittel erlauben, unterstützen.«

»Ach, das ist ja sehr lieb von der guten Tante«, unterbrach ihn Anne.

Über Georgs Gesicht ging ein Schatten.

»Gewiß, Anne! Ich bin natürlich Tante Mila sehr dankbar dafür, aber es fällt mir nicht leicht, ihr Anerbieten anzunehmen. Sie lebt von ihrer Witwenpension und muß sich jetzt wahrscheinlich etwas einschränken. Das ist mir im höchsten Grade unangenehm. Ich, ein junger, kräftiger Mensch, der etwas gelernt hat, soll einer alten, kränklichen Verwandten auf der Tasche liegen!

Aber ich tu's—fast möchte ich sagen, muß es tun—, um mich mit voller Konzentration und ausschließlich meinen Erfinderarbeiten widmen zu können. Der Gedanke, dadurch vielleicht Jahre sparen zu können, läßt mich das alles vor mir selbst verantworten. Diese fremdländische Erpressergesellschaft soll sich jedenfalls in mir getäuscht haben. Was auch kommen mag, ich werde nicht zu Kreuze kriechen. Also ...«

Schritte, die sich auf dem Flur draußen näherten, ließen ihn verstummen. Gleich darauf öffnete sich die Tür und Annes Schwester Helene trat in das Zimmer.

Frau Helene Forbin war eine selten schöne Erscheinung, und wer sie näher kannte, wußte nicht, was er mehr bewundern sollte: ihre äußere Schönheit oder ihren glänzenden Geist? Eine Frau von Welt vom Scheitel bis zur Sohle. Wie war es möglich, daß eine solche Frau einem Mann wie Alfred Forbin, einem Hasardeur, einem Glücksritter, die Hand gereicht hatte? Diese Gedanken, wie schon so oft, bei Georg Astenryk, während er auf sie zuging.

»Ah! Georg! Ich freue mich sehr, Sie hier zu sehen. Das waren ja traurige Nachrichten aus Neustadt. Wir alle haben Sie von ganzem Herzen bedauert. Wie lange gedenken Sie bei uns in Paris zu bleiben? Entschuldigen Sie die Frage! Es würde uns natürlich eine besondere Freude sein, wenn Sie recht lange hierbleiben könnten ... oh! Was sagen Sie ... nur drei Tage? Das ist ja sehr kurz. Anne, bist du damit so ohne weiteres einverstanden?« Sie legte die Hand um die Schulter der Schwester.

Georg merkte wohl, wie Anne kaum merklich zur Seite wich, um die Hand Helenes abzustreifen. Er kam seiner Verlobten zu Hilfe. »Sie vergessen ganz, Helene, daß ich zu Hause leider nicht längere Zeit entbehrlich bin. Der Konkursverwalter braucht mich notwendig bei der Abwicklung der Geschäfte. Diese Reise nach Paris erfolgt ja auch nur in seinem Auftrag, um mit einigen Schuldnern des Werkes Rücksprache zu nehmen.«

»Nun, dann ist es unsere Sache, Ihnen diese kurze Zeit recht vergnügt und angenehm zu machen. Den heutigen Abend werden wir aber unter uns bleiben. Alfred läßt sich entschuldigen, daß er erst später kommen kann. Er hat geschäftliche Abhaltungen. Zur Sicherheit will ich versuchen, ihn telephonisch zu erreichen.«

In demselben Augenblick rasselte das Telephon im Nebenzimmer.

»Vielleicht ist es Alfred.« Helene ging hinaus, nahm den Hörer.

»Bist du da, Helene?« klang Forbins Stimme an ihr Ohr. »Gut! Ja! So höre ... ist Astenryk gekommen? Wie? Er wird nur drei Tage hierbleiben? Dann müssen wir uns beeilen. Wie sagst du? Wann ich komme? Das ist noch unbestimmt. Ich bin hier in der Fédération Industrielle und warte auf Raconier. Ich werde später noch mal anrufen.«

Forbin legte den Hörer auf. Als er aus der Zelle trat, traf er Raconiers Sekretärin.

»Eine Frage bitte, mein Fräulein. Ist Herr Chefingenieur Raconier schon da?«

»Nein, er ist noch im Wirtschaftsministerium, wird aber sicher bald kommen.«

* * *

»Bitte, Herr Raconier, nichts weiter davon!« Minister Duroy hielt mit gutgespieltem Entsetzen die Hände an die Ohren. »Mit welchen Mitteln Sie Ihr Ziel erreichen, ist ganz Ihre Sache. So weit erstreckt sich das Ihnen zugesicherte Wohlwollen nicht. Mich kann und darf nur interessieren, was Sie mir da über das Problem der hundertprozentigen Kohlenausnutzung erzählten und von diesem Deutschen Astenryk, der der Lösung so nahe gekommen ist. Das ist ja eine wunderbare Sache, als Nichttechniker habe ich Ihre Ausführungen ungefähr so verstanden: Man hat da ein Gefäß, etwa so wie ein Akkumulator am Auto ... meinetwegen zehn- oder zwanzigmal so groß. In diesem Gefäß ist die eine Elektrode als ein Kohlenbehälter ausgebildet. Jetzt gießt man anstatt der Schwefelsäure irgendeine andere chemische Flüssigkeit hinein. Dann schaltet man das Ding an die Lichtleitung und schon brennen die Lampen. Nach einiger Zeit wird die Kohle im Akkumulator verschwunden sein. Eine neue Portion Kohle hinein und schon ist wieder alles in Ordnung.«

»Ganz recht, Herr Minister! So ist es! Der Herr Minister hat auch ganz richtig das Wort betont, ›verschwunden‹. Denn das ist gerade das Wort, worauf es ankommt. Verschwunden, das heißt in diesem Falle restlos ausgenutzt. Anders ausgedrückt, das Problem der hundertprozentigen Umwandlung der Kohlenenergie in Elektrizität ist damit gelöst.«

»Da kann ich mir denken, Herr Chefingenieur, daß allerdings, wie Sie sagten, in allen Teilen der Welt eifrig an diesem Problem gearbeitet wird.« Minister Duroy griff nach Bleistift und Papier. »Sie nannten mir da vorher eine Reihe von Zahlen. Wollen Sie die bitte wiederholen.«

Raconier verneigte sich.

»Die beste Ausnutzung der Kohle in der heute üblichen Weise erreicht günstigstenfalls zwanzig Prozent, die Ausnutzung nach der neuen Erfindung hundert Prozent, also das Fünffache. Das würde für die Wirtschaft Frankreichs eine jährliche Ersparnis von vielen Milliarden Frank bedeuten, abgesehen von den kaum geringeren Summen, die für die Lizenzen in unser Land fließen müßten. Es wäre also in jeder Hinsicht erwünscht, wenn diese Erfindung von Frankreich ausginge. Eine vorsichtige statistische Aufstellung über das gesamte Zahlenmaterial darf ich Ihnen, Herr Minister, hiermit übergeben.«

»Dieser interessante Deutsche ... wo wohnt er? Wie haben Sie von dem erfahren?« ... fragte Duroy.

»Er wohnt in Neustadt am Niederrhein«, erwiderte Raconier, setzte dann mit komisch-ernster Miene hinzu, »wir erfuhren von ihm durch Zufall.«

Der Minister erhob sich lächelnd. »Ich wünsche Ihnen besten Erfolg, Herr Raconier. Möge der Zufall Ihnen weiter günstig sein.«—

Der Chefingenieur verließ das Ministerium.

»Rue Mevelle!« rief er seinem Chauffeur vor dem Ministerium zu. Mit einem Blick auf die Uhr dann: »Aber so schnell wie möglich!«

Nach zehn Minuten hielt der Wagen vor dem Verwaltungsgebäude der Fédération Industrielle. Raconier nickte dem Chauffeur zu: »Gut gefahren, wenn's auch einige Strafmandate kosten wird.«

Mit ein paar Sprüngen nahm er die Stufen zum ersten Stock und trat in ein Zimmer, in dem zwei Herren ihn schon ungeduldig erwarteten »Verzeihung, Herr Generaldirektor, Verzeihung, Herr Baguette. Ich habe Sie warten lassen, aber die Schuld liegt nicht an mir. Herr Minister Duroy zeigte solches Interesse für unsere Sache, daß ich nicht früher hier sein konnte.«

»Nichts zu sagen, Herr Raconier. Was ist das Ergebnis Ihres Besuches?«

»Der Minister wünscht uns besten Erfolg, wird alles tun, um unsere Angelegenheit zu begünstigen. Allerdings ...«

»... ohne auch nur eine Spur von Verantwortung zu übernehmen«, vollendete Bankdirektor Baguette den Satz. »Das wußte ich im voraus.«

»Immerhin, Herr Baguette, haben wir die Gewißheit, daß uns die Regierung sehr sympathisch gegenübersteht«, warf Raconier ein. »Nach dem persönlichen Eindruck, den ich von dem Minister Duroy hatte, glaube ich sogar die Anwendung noch schärferer Mittel als bisher empfehlen zu dürfen.«

»Nein«, meinte Baguette mit offenbarem Widerstreben, »warten wir doch erst mal ab, wie die gerade jetzt von uns angewandten Mittel sich auswirken. Ich denke immer noch, daß Herr Astenryk nachgiebiger wird, wenn er aus dem Konkursverfahren als Bettler herausgeht.«

»Ich bin nicht geneigt, Ihre Ansicht zu teilen, Herr Bankdirektor«, entgegnete Raconier. »Ein vom Erfindergeist Besessener—und das ist Georg Astenryk nach unseren Informationen—wird sich niemals um klingendes Geld verkaufen.«

»Warten wir ab!« meinte Baguette achselzuckend. »Der Schlag, den wir ihm versetzten, als wir ihn durch die Kündigung der aufgekauften Hypotheken bankerott machten, wird ihn allmählich zahm machen. Hunger tut weh.«

»Mögen Sie recht haben!« erwiderte Raconier. »Ich werde jedenfalls unsere Agenten in der von mir gedachten Weise instruieren lassen. Seitdem es uns gelungen ist, uns dieses Herrn Forbin zu versichern, denke ich zuversichtlicher.«

»Genug, meine Herren!« fiel jetzt der Generaldirektor Perrain ein. »Es wird sich zeigen, welcher der von Ihnen vorgeschlagenen Wege am besten zum Ziele führt. Vergessen Sie nicht, daß ich es in meiner Stellung ebenso wie Herr Minister Duroy ablehnen muß, irgendwelche Verantwortung für Dinge zu übernehmen, die gesetzlich unzulässig sind.«—

Als Raconier zu seinem Zimmer zurückkehrte, wurde ihm Forbin gemeldet.

»Sehr gut! Lassen Sie ihn gleich kommen.«—

»Nun, was bringen Sie Neues, Herr Forbin?«

»Georg Astenryk ist vor ungefähr zwei Stunden in Paris angekommen. Er wohnt in derselben Pension wie ich.«

Raconier zuckte die Achsel. »Gut, daß Herr Baguette das nicht weiß. Er würde wahrscheinlich in seinem unerschütterlichen Glauben an die Macht des Geldes wieder irgendwelche törichten Vorschläge machen. Selbstverständlich bitte ich Sie, Herr Forbin, alle Schleusen Ihrer Beredsamkeit zu öffnen. Versuchen Sie, ein vernünftiges Abkommen mit dem Manne zu treffen. Aber große Hoffnungen habe ich da nicht. Vielleicht rufen Sie mich im Laufe des Abends noch einmal an. Sie erreichen mich in meiner Wohnung.«—

Um zehn Uhr klingelte der Fernsprecher bei Raconier.

»Jawohl ... guten Abend, Herr Forbin ... wie meinen Sie? Er will absolut nicht ... nun ja, wie ich's mir gedacht habe. Besuchen Sie bitte morgen Herrn Collette. Er wird mit Ihnen einiges in dieser Angelegenheit zu besprechen haben.«———

Wieder standen Georg und Anne auf dem Bahnsteig des Nordbahnhofs.

»Das wäre ja wirklich sehr schön, Anne, wenn dein Schwager seine Absicht ausführte und demnächst nach Deutschland käme. Ganz besonders würde ich mich natürlich freuen, wenn er, wie deine Schwester einmal andeutete, vorübergehend nach Neustadt käme. Obgleich ich nicht recht weiß, was er jetzt, nachdem dein Vater tot ist, in Neustadt will. Früher war es was anderes. Da war Neustadt der Nothafen, wohin man sich, wenn rauhe Stürme wehten, gern auf einige Zeit zurückzog, bis die Luft wieder klar war.«

»Ach, ich würde mich ja so freuen, Georg, wenn wir wirklich für einige Zeit nach Neustadt kämen. Aber rechne bitte nicht sicher damit. Ich habe dir ja einen kleinen Einblick in die Lebensweise Alfreds gegeben. Da kann morgen oder jetzt schon ein anderes Geschäft aufgetaucht sein, und wir fahren vielleicht übermorgen nach Madrid oder Konstantinopel.«

Georg wollte etwas sagen. Anne strich ihm beschwichtigend über das Gesicht. »Nein, nein! Sprich nichts, Lieber! Hätte ich nur nichts gesagt! Dir noch in letzter Stunde das Herz schwer machen ... so schlimm ist es ja gar nicht. Sieh mal, ich lerne doch auf diese Weise die Welt kennen und sehe vieles Schöne.«

»Schweig, Anne! Wenn du wüßtest, wie ich über all das denke! Ich verzweifle bei dem Gedanken, dich noch wer weiß wie lange Zeit bei diesen Forbins lassen zu müssen.«

»Georg, bitte! Erschwer' uns nicht noch mehr den Abschied. Ich will ja auch gern glauben, daß wir bald nach Deutschland fahren. Und wenn wir dann gar nach Neustadt kämen ... ach, wie würde das herrlich sein! Ein paar Wochen in der alten Heimat mit dir zusammen ... lange Zeit würde ich davon zehren.«

Georg mußte die Zähne zusammenbeißen, um nicht bei dem herzzerreißenden Lächeln, mit dem sie es sagte, loszubrechen.—

Die Schaffner riefen zum Einsteigen. Die Türen schlugen zu. Lange noch blickte Georg Astenryk nach einem weißen Tuch, das ihm vom Bahnsteig winkte. —

* * *

Der Zug hatte die Grenze passiert. Georg kaufte sich einen Stoß neuer Zeitungen. Fast in jeder als Schlagzeile: »Japan ist von der Antwort Englands auf seine Demarche nicht befriedigt. Protestversammlungen in Tokio. Lärmende Kundgebungen vor dem englischen Botschaftsgebäude.«

Während er kurz die Überschriften überflog, gingen ihm die Mitteilungen des Majors Dale durch den Kopf. Es scheint ganz so zu kommen, wie der es prophezeit hat, dachte er. Der Zerfall des angelsächsischen Blocks begann sich auszuwirken. Japan nützte die Gelegenheit, um im trüben zu fischen. Die alte Geschichte! Wenn zwei sich streiten, lacht der Dritte. Die schlechte wirtschaftliche Lage und die schwankende Politik der lateinamerikanischen Staaten hatten zunächst nur wirtschaftliche und finanzielle Differenzen zwischen England und den Vereinigten Staaten bewirkt. Je mehr sich diese Differenzen aber verschärften, störten sie auch die bisher freundschaftlichen politischen Beziehungen der beiden großen angelsächsischen Mächte in immer stärkerem Maße. Japan und Frankreich schickten sich an, aus dieser günstigen Situation Nutzen zu ziehen.—

Der Zug rollte über die Rheinbrücke. Georg Astenryk legte die Zeitungen kopfschüttelnd beiseite ... wann würde dieser Erdball einmal zur Ruhe kommen? Sollte es wirklich wahr werden, das Wort vom Untergang des Abendlandes, was wäre anderes daran schuld als der ewige innere Zwist der weißen Rasse. —

Das alte, vertraute Landschaftsbild lenkte die Gedanken Georgs auf die nahe Heimat. Arbeit über Arbeit wartete da auf ihn. Seine Gedanken gingen zu seinem Laboratorium, zu den Experimenten mit der hundertprozentigen Kohlenausnutzung. Ob Marian wohl alles, was er ihm aufgetragen, planmäßig durchgeführt hatte? Ob er die Ergebnisse der Versuchsreihen auch richtig aufgezeichnet hatte?

Wie mochte es wohl mit seinen anderen Arbeiten aussehen? Der Konkurs, die Notwendigkeit, sich neue Lebensmöglichkeiten zu verschaffen, hatten ihn gezwungen, ein anderes, verwandtes Problem in Angriff zu nehmen. Schon früher, beim Beginn seiner Arbeiten an der großen Aufgabe der restlosen Umwandlung der Kohlenenergie in Elektrizität, war die Frage ihm aufgestoßen, ob er nicht gleichzeitig dem damit zusammenhängenden Problem der Diamantensynthese nachgehen solle.

So lockend die Aufgabe schien, er hatte sie doch immer beiseitegeschoben. Er wollte alle seine Kräfte an das eine, wirtschaftlich für die Menschheit bedeutungsvollste Ziel der hundertprozentigen Kohlenausnutzung setzen. Doch jetzt, nach seinem eigenen finanziellen Niederbruch, setzte er seine Zukunftshoffnungen in erster Linie auf das Gelingen der Diamantensynthese.

Zu niemand, selbst zu Marian nicht, hatte er von diesen Ideen, Hoffnungen, neuen Arbeiten gesprochen ... und doch war Marian der einzige, der außer Anne seinem Herzen besonders nahestand.

Marian Heidens, sein getreuer Freund, Gehilfe, Diener, wie man's nennen wollte.

Georg dachte zurück. Marian—wie war er zu dem gekommen? Im Grunde eine ganz einfache Geschichte, und doch von seltsamen Umständen begleitet.

War da eines Tages vor der Stadt eine wandernde Zigeunerin von einem Kraftwagen angefahren und ins Krankenhaus gebracht worden. Trotz bester Pflege verschied sie einige Wochen später. Fast in ihrer Todesstunde gab sie einem Knaben das Leben.

Ein Zufall brachte es mit sich, daß am selben Tage zur selben Stunde Georg Astenryk in der gleichen Anstalt geboren wurde. Als einige Zeit später Vater Astenryk Frau und Kind strahlend über die Geburt des Erben aus dem Krankenhaus abholte, nahm er in dankbarer Freude auch den kleinen verwaisten Zigeunerjungen mit sich. Eine Laune des Standesbeamten hatte dem nach dem Kalendertag seiner Geburt den Vornamen Marian, nach der am Niederrhein für die Zigeuner gebräuchlichen Bezeichnung »Heidens« den Nachnamen gegeben. Astenryk gab ihn seinen alten, kinderlosen Gärtnerleuten in Pflege.

Von Kindheit an Spielgefährten, wuchsen Georg Astenryk und Marian Heidens auf. Als Marian die Schule verließ, blieb er als Gärtnergehilfe bei seinen Pflegeeltern. Gymnasial- und Universitätsstudien Georgs vermochten nicht das enge Band zwischen den gleichaltrigen Gefährten zu zerreißen. Es wurde sogar noch fester, als der Vater Georgs diesem ein Laboratorium im Dachgeschoß des Hauses einrichtete.

Aus den spielerischen Experimentierversuchen der beiden erwuchs allmählich ernste Arbeit, und hierbei wurde Marian Heidens durch seine Geschicklichkeit und Anstelligkeit ein guter, nützlicher Gehilfe. In jene Zeit fielen schon die ersten Versuche Georgs, dem Problem der elektrischen Kohlenbatterien näher zu kommen.—

Die Türme von Neustadt tauchten auf.——Und dann war er wieder in der Heimat, nahm den Weg zum väterlichen Haus. Ein leises Frösteln überkam ihn, als sein Blick über die ausgedehnten Werkanlagen ging. Die langgestreckten Hallen, die früher Tag und Nacht widerhallten vom Gedröhn der Maschinen, von den klingenden Hammerschlägen ... verödet, tot. Die Stille des Kirchhofes, wo noch vor kurzem Hunderte von Menschen in rastloser Tätigkeit hin und her eilten.

Beinahe hundert Jahre hatte die Firma Astenryk & Co. bestanden. Hätte sich wohl jener Lorenz Astenryk träumen lassen, daß sein stolzes Werk unter dem Urenkel zusammenbrechen würde? ... Wieder dieser leise Zwiespalt in seinem Innern. War es recht von ihm gewesen, jenen traditionellen Grundsatz des deutschen Kaufmanns beiseitezuschieben, der gebot: Alles ... jeden Blutstropfen, jeden Gedanken dem Werk! ... Ja! ... Und immer wieder ja! Er hatte es tun müssen. Er hatte es wagen müssen, auch wenn die leise Hoffnung, die er an die Diamantensynthese knüpfte, nicht in Erfüllung ging. Sein Sinnen und Streben ging höheren Zielen zu. Seine Arbeit, wenn der Wurf gelang, mußte ihm das Verlorene hundertfach wiederbringen. Mußte den Namen Astenryk in neuem, stärkerem Glanz erstrahlen lassen. Unmöglich für ihn der Gedanke, seine Erfindung und sich jener französischen Gruppe auszuliefern, um das väterliche Werk zu retten.

Er schüttelte sich, wie um letzte Zweifel zu verscheuchen, und ging zum Wohnhaus. Als er aufgeschlossen hatte und die Tür öffnete, schrak er leicht zusammen. Die elektrischen Alarmglocken rasselten grell durch das ganze Gebäude. Beunruhigt sah er sich um. Da wurde es plötzlich still. Vom Oberstock her kamen Schritte.

»Hallo! Ich bin's! Georg! Was machst du denn für Scherze, Marian? Empfängst mich mit Glockengeläut.«

»Nur eine kleine Vorsichtsmaßnahme, lieber Georg. Aber zunächst mal guten Tag. Wie geht es dir? Komm nach oben. Du wirst Hunger und Durst haben.«

Sie stiegen zum Oberstock empor und traten in Georgs Arbeitszimmer.

»Nun schieß mal los, Marian. Erzähle! Ist irgendwas passiert, während ich fort war? Wie steht's oben im Labor?«

»Alles in Ordnung, Georg. Aber willst du nicht etwas essen?«

»Ist nicht so eilig, Marian.« Er warf einen Blick auf den gedeckten Tisch. »Ich sehe, du hast schon alles vorbereitet. Gehen wir erst mal ins Labor. Mich plagt die Neugier, wie sich die letzten Serien in meiner Abwesenheit entwickelt haben.«

Sie wandten sich zur Tür, da blieb Georg stehen und faßte Marian am Arm.

»Aber sage mal ernstlich, wozu der Scherz mit den Alarmglocken? Du hast mir auf meine Frage noch gar nicht geantwortet.«

Marian zuckte die Achsel. »Ja, mein Lieber, was soll ich dir da sagen? In der ersten Nacht, wo du fort warst, wurde ich plötzlich aus dem Schlaf geschreckt. Die Alarmglocke schrillte. Ich sprang auf, eilte in den Flur, warf den Hauptlichtschalter an. Nichts zu sehen und zu hören. Ich revidierte alle Türen. Es war nichts geöffnet, alles in Ordnung. Nur die Haustür stand offen, obgleich ich bestimmt weiß, daß ich sie verschlossen hatte. Ich schlug die Tür wieder zu und wollte sie verschließen, da ging es nicht. Das Schloß war verdorben.

Nun, ich ließ am nächsten Morgen das Schloß in Ordnung bringen. Aber da ich dachte, die Füchse könnten auch am Tage kommen, halte ich die Alarmanlage auch am Tage eingeschaltet.«

»Füchse? Was meinst du, was das für Füchse gewesen sein könnten?«

»Vielleicht waren es Leute, die nicht wußten, daß dein Tafelsilber vom Konkursverwalter in Verwahrung genommen ist.«

»Du meinst also gewöhnliche Diebe, Marian?«

»Gewöhnliche Diebe nicht. Zum mindesten internationale Diebe. Ich fand da am nächsten Morgen im Hausflur einen kleinen Fetzen von einer französischen Zeitung.«

Beide sahen sich einen Augenblick an und lachten dann.

»Aha!« meinte Georg. »Füchse aus der Gegend ... das will einiges besagen. Nun, ich habe da allerlei Ideen. Mein erstes wird sein, für eine Sicherungsanlage zu sorgen, die besser schützt als alle Alarmglocken. Mach mir doch eine Tasse Tee. Ich gehe 'rauf zum Labor. Inzwischen kannst du auch mal diesen Artikel in der englischen Zeitung lesen. Dazu werden deine englischen Kenntnisse wohl langen.«—

Dann stand er in dem Raum, in dem er so viele Tage und Nächte in rastloser Arbeit verbracht hatte. Mit raschen Schritten eilte er zu ein paar Gläsern, die in einem Trockenschrank standen. Er öffnete ihn und nahm die Gläser heraus. Vorsichtig goß er die tiefschwarze Kohlenstofflösung in andere Gesäße über und untersuchte den Bodensatz mit einer starken Lupe.

Hier ... sein Herz begann stärker zu klopfen ... hier glitzerte etwas verheißungsvoll. Wollte der widerspenstige Stoff dort Diamantkristalle bilden? Schnell griff er nach einer noch stärkeren Linse, schaute lange hindurch. Stieß dann das Glas enttäuscht von sich. »Wieder einmal vergeblich!« murmelte er vor sich hin. »Graphitkristalle ... nichts anderes ist es.« Mißmutig warf er die Schranktür wieder zu.

Sein Blick ging in die Runde. Da waren sie, die Bataillone von Versuchsbatterien, die alten Schränke mit Tausenden von Chemikalien. Sein Auge glitt prüfend über die Meßinstrumente, über die Belastungslampen. Morgen würde er die Protokollbücher abschließen und neue Batterien mit neuen, wieder verbesserten Elektrolyten aufbauen. War das getan, dann hatte er Muße, sich dem anderen Problem zu widmen.

Die Erfindung Allgermissens ... immer wieder drängte sich ihm der Gedanke an sie auf. Die phantastischen Möglichkeiten reizten ihn aufs äußerste, wenn er sich auch vieler Bedenken ... Besorgnisse nicht entschlagen konnte.

Er ging wieder nach unten. Da saß Marian, die zierliche, schmächtige Gestalt in einem Sessel zurückgelehnt, und las die Erinnerungen des Dr. Rostow. Unter dem dunklen, fast blauschwarzen Haar ein bleiches, beinahe gelbliches Gesicht. Ab und zu richtete er den Kopf in die Höhe und starrte regungslos ins Leere. Die ganze Seele des jungen Mannes lag in seinen Augen, und doch blieb ihr Blick rätselhaft unergründlich. Seine Erscheinung bot äußerlich ein Bild völliger Leidenschaftslosigkeit. Nur wer ihn kannte wie Georg Astenryk, konnte wissen, daß hier ein leidenschaftliches Herz schlug, stark im Hassen, stark im Lieben.

Georg nahm aus dem Schreibtisch ein Bändchen mit der Aufschrift »Franz Lönholdt«. Franz Lönholdt war auch ein Neustädter Kind gewesen, ein älterer Bekannter Georg Astenryks. Lange Jahre lebte er als Radioingenieur in Rußland. Als er in Irkutsk sehr plötzlich an Malaria verstarb, schickte der deutsche Konsul seine Hinterlassenschaft der Mutter in Deutschland. Frau Lönholdt hatte die technischen Aufzeichnungen und Tagebücher gelegentlich Georg Astenryk als Andenken geschenkt.

Der schlug jetzt das Tagebuch auf und blätterte darin. Da war die Stelle. Wie oft hatte er sie gelesen! Seine Augen glitten darüber hin und folgten dem Text.

Franz Lönholdts Tagebuch gab über jenes merkwürdige Ereignis in Irkutsk folgenden Bericht:

»Ich hatte meine Kontrollarbeit im Irkutsker Sender beendet und rüstete mich zur Weiterfahrt, da erhielt ich von General Iwanow die Aufforderung, ihn zu besuchen. Er erzählte mir folgende merkwürdige Begebenheit, die sich vor vielen Monaten in demselben Gebäude, in dem wir uns befanden, abgespielt hatte.«

Hier folgte eine Schilderung, die sich in der Hauptsache mit den »Erinnerungen eines russischen Arztes« in der englischen Zeitung deckte.

»Ich antwortete zunächst dem General vorsichtig, daß mir jede wissenschaftliche Erklärung des Vorfalls fehle. Ein gewisser Verdacht, der in mir bei Iwanows Erzählung aufgestiegen war, veranlaßte mich, wenigstens einen Versuch zu machen, der Sache nachzuforschen.

Nach mehrtägigem Herumstöbern in allen Teilen des großen Gebäudes geriet ich auf eine Spur, die mir verdächtig war. Auf dem Dachboden sah ich eines Mittags im Schein eines Sonnenstrahls das blanke Ende eines Drahtes schimmern. Ich ging dem sehr versteckt geführten Draht nach und fand in einem Schrank, der hinter alten Akten verborgen stand, ein Grammophon und einen Apparat, den ich für einen Verstärker ansah. Als ich den Apparat heranziehen wollte, erfolgte eine schwache Explosion, deren Knall außerhalb des Raumes kaum gehört werden konnte. Durch die Explosion wurde der Grammophonapparat zertrümmert, die auf dem Teller liegende Wachsplatte beiseitegeschleudert, wobei der Rand der Platte zwar stark zerstört wurde, der innere Teil dagegen erhalten blieb.

Durch die Explosion war auch eine Seite des von mir als Verstärker angesehenen Apparates aufgerissen worden. Das Innere war, wie ich jetzt sah, ganz anders als bei allen anderen Verstärkern, die ich kenne. So waren statt der Spulen und Kondensatoren vielfach versilberte Kristalle eingebaut. Je länger ich ihn untersuchte, desto klarer wurde es mir, daß es sich hier um aperiodische Verstärkung hinab bis zu den kleinsten Wellenlängen handeln müsse.

Ich habe mir die Schaltung skizziert und will in den nächsten Tagen ein genaues Schaltbild dieses Verstärkers anfertigen. General Iwanow will ich vorläufig von meiner Entdeckung nichts sagen, vielmehr erst dieser ebenso mysteriösen wie interessanten Sache auf den Grund kommen. Die mir etwas verdächtige Wachsplatte habe ich mitgenommen. Ebenso die Kristalle aus dem Verstärker ...

Die verwünschte Malaria zwingt mich, meine Nachforschungen zu unterbrechen und mich ins Bett zu legen ...«

Damit hörten die Tagebuchaufzeichnungen Lönholdts auf. Drei Tage später war er tot.—

Georg legte das Tagebuch beiseite. »Nun, Marian, hast du den Artikel von Doktor Rostow gelesen? Alles verstanden?«

»Ja! Gelesen habe ich's. Verstanden habe ich's auch. Es ist ja fast das gleiche, was Lönholdt über den Fall schreibt. Ich muß zugeben, daß ich jetzt Lönholdts Aufzeichnungen anders beurteile. Ich hatte bisher an der Richtigkeit seiner Erzählung so starke Zweifel, daß ich keine andere Erklärung finden konnte als ... Phantasien eines Fieberkranken. Aber wirklich alles zugegeben ... das eine kann ich nicht verstehen, wie es Allgermissen gelingen konnte, den Geist so vieler verschiedener Köpfe auf einmal in seinen Bann zu zwingen.«

»Allerdings, das ist eine schwer erklärliche Sache, Marian. Aber vielleicht kommen wir dahinter, wenn wir erst einmal die Apparatur Allgermissens richtig aufgebaut haben. Leider fehlen in der Verstärkerskizze Lönholdts die genauen Angaben der elektrischen Werte. Das wird meiner Meinung nach das Schwierigste an der Aufgabe. Ein Glück dabei, daß Lönholdt die gute Idee hatte, die versilberten Kristalle aus dem Verstärker Allgermissens herauszunehmen. Ein weiteres Glück, daß sie mit seinem Nachlaß in meine Hände gekommen sind. Ganz offenbar spielen sie als kleinste Kondensatoren in der Verstärkereinrichtung für kürzeste Wellen eine bedeutende Rolle.

Haben wir erst mal den Verstärker, wie Allgermissen ihn hatte, muß sich alles andere finden. Du siehst jedenfalls, daß das Problem hochinteressant ist. Wenn man da seine Phantasie schweifen läßt, kommt man ja zu Möglichkeiten, die mehr als phantastisch sind.«

Marians Gesicht wurde ernst und abweisend. »Das glaube ich auf keinen Fall. Die Gesetze der Natur werden solche Ausschreitungen nicht zulassen. Ich glaube es nicht und hoffe es nicht.«

Georg stand betroffen. Er suchte Marians Augen und stutzte—dieser Ausdruck eines anderen Willens, einer Seele, die nicht zu seinem Körper gehörte ... Schon einige Male in ihrem Leben hatte er den gesehen ... und immer dann, wenn Marian wie von einem fremden Geist besessen Worte sprach, welche nicht von ihm zu kommen schienen.

»Denkst du auch daran, Georg, daß Algermissen in Wahnsinn verfiel? Nemesis nannten's deine alten Griechen.«

Georg machte eine abweisende Handbewegung. »Abergläubische Gedankengänge eines noch in Urzeiten wurzelnden Volkstums, mein lieber Marian! Einfachste physikalische Logik legt solche Möglichkeiten nahe ...

Aber ich hake immer wieder bei der anscheinend so nebensächlich hingeschriebenen Bemerkung von den großen pharmakologischen Kenntnissen Allgermissens fest. Was Lönholdt da so in kurzen Stichworten schreibt, ist meiner Meinung nach ein Erklärungsversuch für das viele Rätselhafte, was sich während der Tage und Nächte, in denen Allgermissen im Gefängnislazarett war, ereignete. Leider ist das alles kaum zu verstehen. Vielleicht bin ich aber auf dem rechten Wege, wenn ich es in folgender Weise deute:

Allgermissen war, wie Lönholdt schreibt, ein guter Kenner pflanzlicher Gifte. Wenn ich von dieser Bemerkung ausgehe, komme ich zu demselben Schluß, zu dem anscheinend auch Lönholdt gelangt war. Allgermissen hatte bei seinen Forschungen Pflanzengifte entdeckt, die geeignet sind, verschiedene Eigenschaften des menschlichen Hirns in krankhafter Weise zu steigern. Solche Stoffe kennt man ja seit langem. In diesem Falle müßten die Gifte die besondere Wirkung gehabt haben, die Empfänglichkeit oder die Strahlung des denkenden Hirns durch ein oder vielleicht auch durch mehrere Präparate zu verstärken. Wahrscheinlich hat er es durch Anwendung solcher Mittel fertiggebracht, zeitweise aus dem Lazarett zu entweichen. Ist meine Vermutung zutreffend, dann hat Allgermissen das Problem in verschiedener Weise, elektrisch und chemisch, gelöst.

Aber das sind ja wie gesagt alles nur Vermutungen. Lassen wir es sein, wie es wolle. Ich werde von jetzt ab sehr ernsthaft an dem Verstärker arbeiten. Doch nun Schluß für heute!«—


2. Kapitel.

Drei Wochen waren ins Land gegangen. Wochen, in denen die Lampen im Laboratorium nur selten erloschen. Da kam ein Telegramm von Anne: »Wir kommen morgen.« Georg las es mit unbeschreiblicher Freude. Die unausgesetzte Arbeit, die Sorgen, die das Konkursverfahren brachte ... jetzt wollte er sich frei machen von all dem, an nichts anderes denken als an die glückliche Gegenwart, an ein frohes Zusammensein mit seiner Verlobten.

Und es wurde fast noch schöner, als er gehofft, es wurden Wochen heller Freude. Es war ihnen, als wäre ihrer Liebe ein neuer Frühling geschenkt. So viele Stunden glückseligen Beisammenseins.

Forbin war viel auf Reisen über die nahen Grenzen. Helene hatte in Aachen einen alten Verehrer aufgegabelt, einen belgischen Baron de Castillac, der sich ihr stark attachierte. Er kam häufig mit seinem Hundertpferdigen nach Neustadt und holte Helene zu Ausflügen ab. Durch sein vornehmes Auftreten und seine Eleganz bildete er für die Neustädter Weiblichkeit ein dankbares Gesprächsobjekt. In einem sehr kleinen Kreis Eingeweihter war er bekannt als Spezialist für Waffenschiebungen größten Umfanges.

Hier in der Heimat, in der alten Umgebung, an der Seite ihres Verlobten gelang es auch Anne, sich von allem Drückenden frei zu machen. In vollen Zügen genoß sie die schönen Tage. Ihre Mienen spiegelten das Glück ihres Herzens wider. Der herbe Zug um den Mund war verschwunden. Der sonnige Abglanz inneren Glücks verschönte sie, daß Helene die um acht Jahre jüngere Schwester oft neidvoll betrachtete.—

Als eines Tages Anne Georg zu einem Spaziergang abholen wollte, führte er sie mit geheimnisvollem Lächeln in sein Laboratorium. Anne kannte den Raum schon von früher und wunderte sich nur über eine längliche, an der Wand befestigte Truhe, die früher nicht dagewesen war. Georg führte sie zu der einen Schmalseite der Truhe und gab ihr eine Schachtel Streichhölzer in die Hand. Er selbst trat zurück und begann an einigen Hebeln zu schalten.

»Bitte, Anne, zünde doch ein Streichholz an und halte es unter diese überstehende Metallplatte.«

Mit verwundertem Lächeln sah Anne ihn an und tat dann wie geheißen. Im selben Augenblick schrie sie laut auf, ließ das Holz fallen, schlug wie geblendet die Hände vor die Augen.

Im Moment, da sie das Hölzchen entzündet hatte, war von der Decke des Zimmers eine unendliche Fülle weißgelben Lichts gestürzt, die den Raum mit flutenden Lichtwellen erfüllte, als stünde er in hellstem Brand. Erst als sie die Arme Georgs um sich fühlte, konnte sie sich von dem Schreck frei machen. Dann schaute sie ihn vorwurfsvoll an.

»Aber, Georg! ... Was war das? ... Was treibst du da für Zauberkunststücke?«

Georg strich ihr lachend übers Gesicht. »Ach, so hat dich das kleine Experiment erschreckt? Das war doch ganz harmlos, nichts von Zauberkunst. Du stehst hier nichts anderes als einen Verstärker, wie du ihn vom Radioapparat hier wohl kennst. Nur, daß der hier alle Wellen verstärkt. Nicht nur die langen Radiowellen, sondern auch die kurzen und kürzesten hinab bis zu den Lichtwellen. Die Lichtflut, die dich erschreckte, war nichts anderes als die millionenfach verstärkte Flamme des Streichholzes.«

»Aber was soll das, Georg? Wozu ist das?«

»Das war vorläufig nur, um kleine Mädchen zu erschrecken, aber ...« und hier wurde Georgs Gesicht ernster ... »das ist vielleicht das Fanal für eine Erfindung folgenschwerster Art ... folgenschwerster ...« Das Wort kam noch einmal ganz leise, wie mechanisch, von Georgs Lippen.

»Und das ist dein Werk, Georg?«

»Nein! Nicht ganz mein Werk. Aber das dir alles zu erklären, brauchte ich Stunden, liebe Anne. Wir wollen jetzt 'raus aus dieser Höhle gehen, in den schönen Frühlingssonnenschein und nur an uns denken. Aber, Anne«, er konnte trotz des Ernstes, mit dem er sprechen wollte, den Scherz nicht lassen, »hebe den Finger hoch und schwöre, daß du zu niemand auch nur mit einer Silbe von dem sprechen willst, was du hier sahst.«

Anne hob lachend den Finger. Da sah sie sein Gesicht und wurde ernst. »Ja, ja, Georg, ich schwöre es dir.« Sie schlug die Arme um ihn. »Georg, Liebster! Nie wird ein Wort über meine Lippen kommen.«—

Es war zwei Tage später. Georg hatte sich am Nachmittag vom Boden ein altes Grammophon geholt und hatte allerlei Anschlüsse und Schaltungen zwischen diesem Apparat und der großen Verstärkertruhe gemacht. Jene geheimnisvolle Wachsplatte, die er in Lönholdts Nachlaß gefunden hatte, drehte sich lautlos auf dem Teller des Grammophons.

Stunden vergingen. Immer wieder trat er mit enttäuschtem Gesicht aus der Mitte des Zimmers, wo an der Decke Antennendrähte hingen, zu den Apparaten, schaltete und probierte von neuem. Der fehlende Plattenteil ... enthielt der wohl die notwendige Abstimmung? ... Wäre alles umsonst gewesen? ... Verzweifelt stand er, sann, dachte. Tausend Gedanken wirbelten ihm durch den Kopf ... dann war es ihm auf einmal, als ob ein fremder Wille ihn überwältigte. In seinen Füßen zuckte es. Der Körper begann sich zu bewegen, zu drehen. Die Füße folgten. In immer lebhafter werdenden Tanzschritten bewegte sich Georg durch den Raum. Seine Augen leuchteten in freudigem Triumph. Die frohe Erregung ließ seinen Atem schneller gehen. Hemmungslos, willenlos überließ es sich dem Gebot eines fremden Willens. Dabei glitten seine Augen immer wieder zu der Wachsplatte, die sich lautlos auf dem Teller drehte ... drehte, bis sie abgelaufen war, zur Ruhe kam.—

Eine Weile stand er hoch atmend. Dann brach es aus seinem Munde: »Ich hab's gefunden! Doch jetzt sofort eine neue, stärkere Probe! Jetzt will ich nicht willenlos dem fremden Zwange folgen, will alle meine Kraft daranwenden, ihm zu widerstehen.«

Schnell eilte er zu der Wachsplatte, ließ sie wieder laufen. Er trat in die Mitte des Zimmers zurück. Ein paar Sekunden, dann begann er erneut zu tanzen. Doch jetzt nicht mehr den Glanz des Triumphes in den Mienen. Nein, ein von heftigstem Widerstand verzerrtes Gesicht. Ein Paar Augen, trübe, müde, wie von fremdem, quälendem Zwang gedemütigt ...

Jetzt verlangsamten sich seine Schritte ... er blieb taumelnd stehen, tiefste Erschöpfung vergeblichen Widerstandes über Gestalt und Gesicht ausgegossen. Seine Brust arbeitete in heftigen Stößen, wie wenn er eine unerhörte Anstrengung hinter sich hätte. Mit langsamen, schleppenden Schritten ging er zum Schreibtisch, ließ sich wie geschlagen in den Stuhl fallen.

»Alles habe ich versucht! ... Habe mich mit allen meinen körperlichen und geistigen Kräften gegen den Zwang der Gedankenwellen, die von dieser Wachsplatte herkommen, gewehrt ... jeder Widerstand umsonst! Ich bin unterlegen«, stieß es rauh aus seiner Kehle.

Er stützte das Gesicht in die Hand, die andere blätterte in nervösem Spiel in Lönholdts Tagebuch. Jetzt legte er es in den Schreibtisch zurück, stand auf und ging nachdenklich hin und her. Vor dem Grammophon im Hintergrund des Zimmers blieb er bisweilen stehen, nickte befriedigt vor sich hin, strich wie liebkosend über die Wachsplatte. »So weit wäre ich also. 's hat Mühe gekostet! Marian, der gute Junge, wird mir ja allerhand abzubitten haben. Wie hat er mir immer widersprochen, seitdem ich mich mit Allgermissens Problem herumschlage ... Der Anfang wäre gemacht ... ob ich jemals alles erreichen werde, was der gekonnt hat? ...«

Er schaute auf die Uhr. Wo Marian nur bleibt? Sein Zug müßte doch schon da sein. Der wird Augen machen!

Während Georg Astenryk so sinnend dastand, fühlte er, wie die Ruhe, zu der er sich gewaltsam gezwungen, wich, wie ein feindlicher, neugieriger Drang aus seinem Unterbewußtsein hervordrängte, kühle Berechnung, klares Denken über den Haufen zu werfen drohte.

Unschlüssig zwischen ungestillter Neugier und kühler Überlegung hin und her geworfen, trat er zögernd näher an den Apparat heran. Ein kurzer Blick auf die Uhr. Vielleicht würde Marian jetzt kommen? Einerlei ... wenn er's auch sah. Aber jetzt will ich doch einmal die Probe mit dem Stahlhelm machen. Der Ordonnanzoffizier bei General Iwanow blieb doch unbeeinflußt ...

Georg nahm von der Wand einen Stahlhelm seines Vaters, ein Erinnerungsstück aus dem Weltkrieg, und setzte ihn auf den Kopf. Dann schaltete er an dem Apparat. Sein Blick ging zu der Platte auf dem Grammophonteller, die sich drehte.

»Aha!« murmelte er. »Es stimmt. Der Stahlhelm läßt die Wellen von der Deckenantenne nicht durch.« Noch ein kurzes Zögern. Seine Hände gingen wiederholt zum Helm, glitten wieder herab. Dann warf er den Helm mit plötzlichem Entschluß zur Seite—und dann?

Sekundenlang stand Georg wie angewurzelt. Die Beine gestrafft, die Füße wie sich festsaugend auf den Boden gestemmt, die Fäuste geballt, die Stirn gekraust, die Kiefern fest aufeinandergepreßt. Die ganze Gestalt ein Bild gesammelter, stärkster Widerstandskraft ... Ich will nicht! Ich will nicht! hämmerte es unausgesetzt in seinem Hirn ... jetzt ... ein gequältes Stöhnen aus seinem Mund, die gespannten Sehnen lockern sich, zuerst der eine, dann der andere Fuß lösen sich vom Boden—und dann?—dann war es, als finge eine Marionette an sich im Tanz zu bewegen. Noch ein paar Schritte ... der letzte Widerstand erloschen ... in lockeren, freien Tanzfiguren bewegte sich Georg Astenryk durch das Zimmer.

»Georg! Was hast du? Hast du das große Los gewonnen, oder ...«

In der geöffneten Tür stand Marian und schaute verwundert auf Georg, der sich, anscheinend ohne von ihm Notiz zu nehmen, unaufhörlich im Tanzschritt durch das Zimmer bewegte.

Da trat Marian mit ein paar hastigen Sprüngen in den Raum und griff Georg am Arm, um ihn festzuhalten. Doch der stieß ihn zur Seite—und tanzte weiter. Marian stand in sprachlosem Erschrecken. Was war mit Georg? Waren seine Nerven unter der Tagundnachtarbeit der letzten Wochen zusammengebrochen?

Da hielt der plötzlich inne, warf sich aufatmend auf einen Diwan und deckte die Hände über das Gesicht. Nach einer Weile stand er langsam auf, wischte sich die Stirn und trat lachend an Marian heran.

»Marian!« Georg legte beide Hände auf dessen Schultern, sah ihn mit entspanntem Gesicht an, in den noch fiebrig glänzenden Augen ein Blitzen freudigen Triumphes.

»Marian! Liebster Kerl, ich hab's! Habe das Geheimnis von Allgermissens Platte.«

Marian fuhr zurück und erblaßte. Seine Augen blickten in banger Furcht auf Georg. Nach ein paar hastigen Atemzügen begann er stockend:

»Georg, ist es wahr? Treibst du keinen Scherz mit mir? Hast du wirklich das Geheimnis von Allgermissens Platte gefunden?«

»Aber, Marian, was hast du? Ich dachte, du würdest dich freuen. Gewiß habe ich das Geheimnis Allgermissens ergründet. Es ist kein Scherz.«

Marian wandte sich unwillig zur Seite. »Das ist Sünde ... Frevel, Georg! Das widerspricht jedem göttlichen Recht und Gesetz ...«

Georg trat zu ihm und legte den Arm um ihn. »Aber, Marian, wie kannst du eine durchaus natürliche Sache, deren physikalische Erklärung ich dir jetzt leicht zu geben vermag, für Sünde und Frevel halten?«

Marian schüttelte den Kopf. »Das hier«, er deutete auf die Apparatur, »ist ja wohl noch harmlos, wenngleich es auch kaum begreiflich erscheinen muß. Aber denke doch weiter, Georg. Denke an die Folgen, wie sie bei einer Weiterentwicklung dieses kleinen Verstärkers zu einem gewaltigen Sender sich auswirken müssen auf größere Entfernungen, große Menschenmengen ... auf Städte ... Völker ... Länder.«

»Nun, Marian«, erwiderte Georg mit etwas gezwungenem Lachen, »du siehst wohl schon die Zeit kommen, wo ich dem lieben Herrgott ins Handwerk pfusche und ...«

»Georg, ich bitte dich! Laß das! Mag es auch jetzt für dich ein Triumph sein, hinter das Geheimnis von Allgermissens übernatürlichen Kräften gekommen zu sein, vergiß es nicht ... denke immer daran, wie Allgermissen geendet hat.«

»Ach was, Marian! Deine Besorgnisse gehen zu weit. Kann ich auch jetzt die Tragweite dieser Entdeckung noch nicht voll überschauen, so glaube ich doch nicht, daß jemals das eintreten wird, was du befürchtest. Komm! Sei kein Narr, setz' dich zu mir! Ich werde dir erklären, daß das, was du für übernatürlich hältst, eine ganz einfache physikalische Erscheinung ist.

Allgermissen ging von der Tatsache aus, daß das denkende menschliche Gehirn Hertzsche Wellen ausstrahlt. Er schuf sich einen Verstärker von besonderer Art, der diese Gedankenwellen ebenso verstärkt wie ein gewöhnlicher Radioverstärker die Rundfunkwellen. Du weißt ja, daß sich jeder Laie mit einem einfachen Radioverstärker Schallplatten herstellen kann. Das gleiche machte Algermissen mit den Gedankenwellen. Er ließ sie durch seinen Verstärker, unter dessen Eingangsantenne er saß, aufnehmen, verstärken und durch den üblichen Plattenstichel in das Wachs eingraben. So entstand diese geheimnisvolle Platte.

Und nun umgekehrt: Die Wachsplatte, auf den Teller eines Grammophons gelegt, betätigt eine elektromagnetische Dose, die das Empfangene durch den Verstärker in die Ausgangsantenne gehen läßt. Mit dem Erfolg, daß die auf der Wachsplatte eingegrabenen gedanklichen Befehle Allgermissens millionenfach verstärkt alle eigenen Gedanken eines Menschen, der unter der Ausgangsantenne steht, überwältigen und sich durchsetzen. Wobei, wie du gesehen hast, jeder Widerstand vergeblich ist.«

»Aber wie kam es, Georg, daß ich, als ich im Bereich der Antenne stand, nicht auch dem Zauber unterlag? Und wie kam es, daß nicht auch jener Offizier, der Algermissen erschoß, dem Zwange der Platte folgen mußte?«

»Diese Fragen will ich dir schnell beantworten. Der Offizier war durch seinen Stahlhelm gegen die Wellen von der Deckenantenne eben noch abgeschirmt. Und du wurdest nicht betroffen, weil du nicht auf die gesendeten Wellen eingestimmt bist. Nenne es Zufall, nenne es Schicksalsfügung, daß ich es war.«

»Gut! ... Mag sein. Aber immer wieder muß ich dich dann fragen, wie war's bei dem General Iwanow, wo alle der Platte folgen mußten?«

»Dafür habe ich vorläufig keine Erklärung, Marian. Wahrscheinlich stand die Lösung dieses Rätsels auf dem verlorenen Rand der Platte.«

»Nun, einerlei! Wir haben's ja schon hundertmal gegeneinander ausprobiert uns gegenseitig abzustimmen, und uns dann rein gedanklich untereinander zu verständigen. Bitte, Georg, stimm mich auf deine Welle ein. Dann muß ich ja auch der Zauberplatte folgen.«

»Gut!« rief der. »Um ganz sicher zu sein, Marian, daß du auf meine Welle abgestimmt bist, noch dies!« Er war bei diesen Worten ganz nahe an Marian herangetreten und schaute ihn mit festem Blick wortlos an. Der Bruchteil einer Sekunde, dann drehte sich Marian um und stellte sich in die Mitte des Zimmers.

Georg nickte ihm zu. »Richtig verstanden!« Dann ging er zu dem Apparat und setzte die Nadel auf die Platte. Nachdem er sich schnell den Stahlhelm über den Kopf gestülpt hatte, ließ er die Platte laufen. Sie drehte sich stumm. Kein Ton war zu vernehmen, außer dem leichten Nadelgeräusch. Er schaute mit höchster Spannung zu Marian. Der stand, wie vorher er selbst, in der Mitte des Zimmers unter den an der Decke gespannten Drähten. Und dann war es genau so wie eben.

Marians Gesicht in heftigem Abwehrkampf fremden Willens ... Sein Widerstand schwächer und schwächer. Die Gestalt, eben noch mit dem Boden wie verwachsen, fing an zu wanken ... zu schwanken ... zu tanzen.

Georg frohlockte innerlich. Da sah er Marians Gesicht, das totenblaß war, in dessen Augen ein Ausdruck verzweifelter Bitte lag. Er sprang zum Apparat und stellte ihn ab. Marian wankte zu einem Sessel. Seine Augen gingen wie irr zu der Antenne, zu der Wachsplatte. Georg trat zu ihm und strich ihm beruhigend über den Kopf.

»Aber, Marian! Hat es dich so mitgenommen? Du siehst ja aus, als ob du etwas Unheimliches, Entsetzliches erlebt hättest. Und dabei ist es doch ein ganz natürliches Phänomen. Ich gab dir doch schon die physikalische Erklärung.«

Marian schüttelte den Kopf. »Trotzdem, Georg ... das Gefühl, unter fremdem Zwang etwas tun zu müssen, wogegen sich jede Faser sträubt, ist fürchterlich.«

»Es mag sein, Marian, daß deine sensiblen Nerven besonders stark auf den gewaltsamen Zwang reagierten. Wir werden das Experiment zu einer besseren Stunde in anderer Weise wiederholen.«

Lange noch sprachen sie über das unerhörte Erlebnis ... über weitere Versuche und Möglichkeiten.——

Die freudige Stimmung, in der Georg am nächsten Morgen erwachte, erhielt einen starken Dämpfer, als ihm in einer Sitzung mit dem alten Prokuristen Stennefeld und dem Konkursverwalter der Stand der Konkursmasse klargemacht wurde. Es ging auf die fünfte Nachmittagsstunde, als der Konkursverwalter sich verabschiedete.

Georg Astenryk und der Prokurist saßen niedergeschlagen, gedrückt da.

»Das war ja wenig erfreulich«, meinte Georg, »was der Konkursverwalter da sagte. Wenn wirklich nicht mehr bei einer Versteigerung der Fabrikanlagen und der Lagerbestände herauskommt als die von ihm genannte Summe, so hätten wir ja gegen die Buchwerte einen Ausfall von achtzig Prozent.«

Der alte Stennefeld zuckte die Achseln. »Ein Jammer, wenn man denkt, daß alles so verschleudert werden soll. Aber wer kann das heute schon wissen! Vielleicht findet sich doch ein Bieter, der mehr zahlt.«

»Der Gedanke, daß auch mein Privatlabor mit zum Teufel gehen soll, ist mir besonders schmerzlich. Alles, was da drin ist, jedes Werkzeug, jeden Apparat, habe ich mir von Jugend an zusammengespart. Aber das nicht allein; das wäre ja nur ein Gefühlswert. Ich habe in der letzten Zeit so gute Fortschritte in meinen Arbeiten gemacht, daß der Verlust des Labors mir in vieler Beziehung schweren Schaden bringen würde.«

»Nun, Herr Georg«, warf der alte Stennefeld schüchtern ein, »der Konkursverwalter hat doch ausdrücklich gesagt, daß Sie unbedingt bis zu der Zeit, wo alles versteigert wird, das Laboratorium noch benutzen dürfen. Bis zum Versteigerungstermin sind immerhin noch einige Wochen. Bis dahin können Sie ungestört da drüben weiterarbeiten.«

»Gewiß, ich werde die Gelegenheit nach Möglichkeit ausnutzen. Aber das ändert ja schließlich nichts daran, daß mir in ein paar Wochen doch alles verlorengeht. Schade um die schönen Apparate! Auf welchem Althändlerhof werden sie verrosten und verkommen?«

»Hm!« fiel Stennefeld ein. »Da kommt mir eben ein Gedanke. Sicherlich wird Ihr Laboratorium im Wohnhaus nicht zusammen mit den Fabrikanlagen versteigert werden. Es wird mit den Zimmereinrichtungen des Wohnhauses unter den Hammer kommen.«

»Und weiter?« fragte Georg.

»Nun«, meinte der Prokurist zögernd, »derartige Dinge bringen auf Auktionen so gut wie gar nichts. Vielleicht ...« er sah Georg von der Seite an, »... können Sie irgendwo Geld auftreiben, um das Laboratorium in der Versteigerung billig durch einen anderen zu erstehen.«

»Da haben Sie recht, Herr Stennefeld«, sagte Georg, »ich will mir das mal überlegen. Vielleicht beauftrage ich den alten Werkmeister Konze damit.« —

* * *

»Ich habe sehr wohl verstanden, mein lieber Herr Godard. Ihr neuer Kriegsplan gegen Astenryk findet meinen vollen Beifall. Ich bin neugierig, was Herr Forbin dazu sagen wird. Hoffentlich funktioniert die Regie diesmal besser.«

»Das wäre sehr erwünscht, Herr Samain. Bei dieser verdammten Geschichte haben wir bis jetzt wenig Lorbeeren geerntet. Die Herren in Paris werden enttäuscht sein. Zu dumm, daß Ihre Sache neulich nicht klappte, als Astenryk nach Paris verreist war. In dem Haus war damals nur der Diener Heidens anwesend. Es wäre doch kein großes Kunststück gewesen, den irgendwie unschädlich zu machen und dann ... dann hätte ja Herr Doktor François Zeit genug gehabt, sich in dem Laboratorium gründlich umzusehen.

Sie haben sich da einen schlechten Helfer gesucht. Mit einer Alarmanlage war doch unbedingt zu rechnen. Ein geschickter Mann hätte das berücksichtigt und Gelegenheit gefunden, die Leitungen durchzuschneiden ... oder falls es eine Ruhestromanlage war, sie mit den Kenntnissen, die ich bei einem tüchtigen Helfer unbedingt voraussetze, anderswie unschädlich gemacht. Auch Ihnen, mein lieber Herr Samain, kann ich nur empfehlen, sich solche Kenntnisse anzueignen. Man kann so etwas immer mal brauchen.«

»Übrigens, Herr Godard, Herr Forbin, an dem wir eine so kräftige Hilfe haben sollten, kümmert sich eigentlich nicht viel um unsere Angelegenheit. Er behandelt sie mit einer Nonchalance, als ob ihm das alles nicht recht paßte.«

»Leider muß ich Ihnen da recht geben, mein lieber Samain, und das ist sehr schade, denn Forbin ist ein schlauer Fuchs. Ich kann nichts anderes vermuten, als daß er bessere, lohnendere Beute wittert. Ah, da kommt er ja endlich!«

Godard deutete auf Forbin, der eben in das Restaurant, in dem sie saßen, eintrat.

»Guten Abend, meine Herren. Bitte tausendmal um Entschuldigung. Ich konnte nicht früher kommen, kann auch gar nicht länger bleiben. Ich erwarte um elf Uhr in meinem Hotel einen wichtigen Telephonanruf.«

»Das ist ja sehr bedauerlich, Herr Forbin. Wir hätten doch einiges mit Ihnen zu besprechen gehabt, was auch nicht unwichtig ist.«

»Es ist mir sehr peinlich, Herr Godard. Ich möchte Ihnen einen Vorschlag machen. Würden Sie vielleicht so liebenswürdig sein, und mich auf dem Wege zu meinem Hotel am Marktplatz begleiten? Vielleicht könnten wir die Angelegenheit unterwegs besprechen.«

»Gewiß, das könnten wir machen«, meinte Samain und sah Godard fragend an.

Der nickte. »Meinethalben! Das Wetter ist ja sehr schön. Gehen wir ein Stück spazieren. Aber sagen Sie zunächst einmal, Herr Forbin, wie ist denn Ihre Unterredung mit Georg Astenryk ausgefallen?«

»Natürlich alles vergeblich! Wußte ich ja gleich. Er läßt sich auf nichts ein. Aber ... man hatte es in Paris so gewollt ... nun, ich hab's gemacht.«

Sie traten aus dem Restaurant und schlenderten in lebhafter Unterhaltung die Straße hinunter. Nachdem sie ein Stück gegangen waren, bogen sie in die Kölner Straße ein, die an einigen industriellen Anlagen vorbei zum Marktplatz führte. Sie war völlig menschenleer.

»Da liegt der locus delicti, Herr Samain, wenn ich ›delicti‹ mit ›Dämlichkeit‹ übersetzen darf.« Godard blieb stehen und deutete auf das Astenryksche Wohnhaus.

Forbin lachte. »Allerdings, da haben Sie sich eine gute Gelegenheit aus der Nase gehen lassen. Jetzt heißt es andere Wege einschlagen.«

»In der Voraussicht Ihres Mißerfolges, mein Herr, haben wir die schon eingeschlagen. Es ist uns gelungen, uns der Hilfe des Gerichts zu versichern. Wir sind von glaubwürdiger Seite benachrichtigt worden, daß Georg Astenryk, nachdem sein pekuniärer Untergang unabwendbar, angefangen hat, allerhand Dinge beiseitezuschaffen, die eigentlich zur Konkursmasse gehören.«

Forbin pfiff leicht durch die Zähne, nickte verständnisvoll.

»Ah, Sie verstehen schon«, warf Samain anerkennend dazwischen.

»O ja. Auf solche Scherze verstehe ich mich auch. Damit Sie sehen, daß ich im Bilde bin, will ich Ihnen sagen, wie's weitergeht. Morgen oder an einem der nächsten Tage wird jemand als Vertreter des größten Konkursgläubigers mit dem Konkursverwalter und einem Gerichtsvollzieher oder so etwas Ähnlichem in dem Laboratorium Astenryks erscheinen und einen Gerichtsbeschluß vorlegen, wonach er sofort mit Stock und Hut das Haus zu verlassen hat, weil es dem Gericht glaubwürdig gemacht worden ist, daß er Teile der Konkursmasse beiseiteschafft.«

»Ah! Bravo!« Die beiden anderen Herren klatschten in die Hände. »Gut gemacht! Genau so wird es kommen ...«

»Halt, meine Herren! Ich war noch nicht fertig«, sagte Forbin, »gleich darauf werden einige tüchtige Spezialisten von Pariser Provenienz kommen, die in vollem Gang befindlichen Arbeiten studieren und versuchen, sich die Früchte Astenryks zu Gemüte zu führen.«

»Auch das war durchaus richtig!«

»Das kann, wenn alles klappt, allerdings sehr erfolgreich sein, meine Herrschaften.« Forbin sah auf die Uhr. »Ich darf mich wohl hier verabschieden. Ich muß eilen, es ist gleich elf. Auf Wiedersehen für morgen!«

* * *

Die kleine elektrische Uhr im Labor Georg Astenryks schlug die elfte Stunde.

»Nun, ausgeschlafen?« rief Marian Georg zu, der sich auf dem alten Lederkanapee ausgestreckt hatte. »Du geruhtest fast eine Stunde auf der Bärenhaut zu liegen.«

Georg richtete sich auf. »Wenn ich je in meinem Leben munter gewesen bin, Marian, so war ich's jetzt eben. Ich hatte mich hingelegt, wollte über die Formel des letzten Versuchs nachdenken. Plötzlich stockte ich. Es wurde mir unmöglich, mich zu konzentrieren. Immer wieder kamen mir andere Gedanken in den Kopf, und zwar merkwürdigerweise immer Gedanken bestimmter fremder Personen, die sich mit mir beschäftigten.

›Deine Nerven sind nicht ganz auf der Höhe‹, sagte ich zu mir selber. ›Du fängst an, Geisterstimmen zu hören.‹ Dann kam mir plötzlich zu Bewußtsein, daß ich ja unter dem Verstärker lag, dessen Lampen brannten und dessen Antennen von dem Versuch vorher noch vertauscht waren.

Ich war sofort im Bilde. Schwächste Ausstrahlungen von den Gedankenwellen irgendwelcher Menschen draußen trafen die Eingangsantenne. Millionenfach verstärkt fluteten sie aus der Ausgangsantenne in meinen Kopf. Du kannst dir ja denken, wie ich da hellhörig wurde und mich ganz der Wirkung der Wellen hingab. Zunächst fiel es mir schwer, die verschiedenen Stimmen zu trennen. Erst nachdem es mir gelungen war, die gedanklichen Äußerungen einer gewissen Person festzustellen, glückte es mir, Sinn in diese Wahrnehmungen zu bringen.«

»Eine solche Leistung wäre doch über die Maßen erstaunlich, Georg. Bist du auch sicher, daß du nicht doch geträumt hast?«

»Unsinn, Marian! Ich war frisch und munter wie am frühen Morgen.«

»Da bin ich aber sehr gespannt«, sagte Marian, immer noch etwas ungläubig, »was du da vernommen hast?«

»Das sollst du sofort hören. Aber ich will es dir nicht direkt sagen, du sollst es auch durch den Verstärker erfahren. Du brauchst dich da weniger anzustrengen als ich, da der Apparat dabei ja meine Wellen nicht so schwach empfängt wie die der Leute da draußen. Zunächst will ich die Schaltung wieder umdrehen. So! Setze dich da unter die Deckenantenne.«

Wortlos saßen sie geraume Zeit da. Das wechselnde Mienenspiel Marians verriet, daß er alles mitempfand, was Georg dachte. Es war ungefähr alles das, was die Herren Forbin, Samain und Godard auf ihrem Spaziergang in der Kölner Straße vor kurzem zusammen besprochen hatten.——

Georg hatte geendet ... Eine kurze Zeit der Überlegung. Dann standen beide auf und—ja, was sie da nun taten, das schien merkwürdig, unbegreiflich.

Marian schaltete sämtliche Beleuchtungskörper ein und ging von einem Apparat zum anderen. Dabei machte er allerlei Handgriffe. Mit kalter Überlegung begann er, Schrauben zu lösen, Schaltungen zu zerstören und Meßinstrumente abzunehmen. Georg saß währenddessen am Schreibtisch und begann sorgsam die Papiere in zwei Stöße zu ordnen. Den größeren gab er Marian.

»Rein in den Ofen mit allem, was wir nicht unbedingt brauchen!«

Den anderen Teil der Papiere schnürte er zu kleineren handlichen Paketen zusammen, die er in eine Ledermappe steckte. »Unser geistiges Eigentum kann uns niemand nehmen.« Er drehte sich zu Marian um. »Nun, auch bald fertig?«

Marian schüttelte den Kopf. »Es fällt mir gar nicht ein, alle Meßinstrumente abzunehmen und alle Säuren auszuschütten. Ich lege denen hier ein Ei, worauf sie lange brüten sollen und wobei schließlich doch nur blanker Unsinn herauskommen wird.«

Während er es sprach, schüttete er wahllos die verschiedensten Chemikalien in die Versuchsbatterien. Georg lachte laut auf.

»Vorzüglich, Marian! Tu das, aber ohne zu übertreiben! Den Verstärker werde ich zu einer Mottenkiste umwandeln. Allgermissens Kristalle nehme ich natürlich mit. Über den Rest mögen sie sich die Köpfe zerbrechen.«

»Was mögen das für Leute gewesen sein, Georg, die du so schön belauscht hast?«

»Ja, wer das wüßte! Ich vermute, irgendwelche Kreaturen jener französischen Gruppe, die bereits durch einen Mittelsmann die Hypothek an sich gebracht hat, um mich durch die Kündigung willfährig zu machen. Das Manöver war ja zu durchsichtig.«—

Der Morgen graute bereits, als sie sich zur Ruhe begeben wollten ... Beim Verlassen des Laboratoriums nahm Marian die Tasche unter den Arm, wollte in sein Schlafzimmer.

»Halt, Marian! Das geht nicht!«

»Was meinst du?«

»Die Ledertasche mit unseren Papieren muß sofort aus dem Haus. Wir begehen damit ja gar nichts Unrechtes, denn ihr Inhalt ist mein geistiges Eigentum. Der Teufel kann's aber wollen, daß man uns verhindert sie mitzunehmen. Was würde es uns nutzen, sie vielleicht auf Protest nach einiger Zeit wiederzubekommen, wenn die Papiere sämtlich photographiert sind.«

»Da hast du recht, Georg. Aber wohin damit?«

»Oh, sehr einfach! Ich bringe sie sofort zum Bahnhof, gebe sie in die Aufbewahrung für Handgepäck und telegraphiere gleich an Tante Mila, daß wir kommen.«

Mit diesen Worten war Georg schon an der Tür und verließ das Haus.— ——

Die Uhr schlug die Mittagsstunde, da ging Georg Astenryk in Begleitung Marians für immer aus seinem Heim. Soeben hatte sich im Labor die Tragikomödie—von Herrn Godard inszeniert—genau so abgespielt, wie Herr Forbin sie am Abend zuvor mit innigem Behagen schilderte, ohne zu ahnen, daß eine Verkettung außergewöhnlicher Umstände ihm einen fernen Zuhörer verschaffte. Ein Umstand, der den Effekt des so schlau ausgetüftelten Planes verpuffen ließ.

Während Georg den Weg zu Forbins Hotel einschlug, ging Marian zu dem Kontorgebäude gegenüber und trat in den Hauseingang. Nicht lange, dann hielt ein Auto vor dem Fabrikhof. Zwei Herren stiegen aus und gingen schnellen Schrittes zu dem Wohnhaus. An der Tür erwartete sie ein Herr, der ihnen schon von weitem in französischer Sprache zurief: »Es ist alles in Ordnung. Diesmal hat alles aufs beste geklappt.«

Marian lachte laut auf. »Was gäbe ich drum, wenn ich die Gesichter dieser drei Herren nach einiger Zeit da oben sehen könnte. Nun, ich will wenigstens hier unten warten, bis sie wieder 'rauskommen. Sie mögen dann immer noch nette Gesichter machen.«—

Es war allerdings ein Bild, das Marian ganz besondere Freude machte, als nach einer guten halben Stunde jene drei Herren mit hochroten Köpfen und sehr heftig gestikulierend aus dem Astenrykschen Wohnhaus kamen. Mit einem triumphierenden Lachen trat Marian aus dem Toreingang und folgte ihnen, bis sie in das Auto stiegen.

Schade, daß ich nicht genug Französisch verstehe! dachte er. Sie sprachen ja laut genug. Fehlte nur noch, daß sie sich gegenseitig in die Haare kriegten.

Während Marian die Kölner Straße entlangging, sah er in einer Seitengasse Georg mit dem alten Stennefeld stehen und sich eben von dem verabschieden. Er eilte auf ihn zu und erzählte ihm mit großem Behagen, was sich da eben abgespielt hatte. Georg schlug ihm lachend auf die Schulter.

»Gut gemacht, Marian! Ich bin durch Stennefeld aufgehalten werden. Geh du statt meiner zu Meister Konze. Ich muß jetzt schleunigst fort zu meinem Schwager Forbin.«———

Forbin und Helene saßen plaudernd im Vorgarten ihres Hotel.

»Weißt du auch, Alfred, daß mir die ganze Sache wenig sympathisch ist? Ich glaube, du steckst da deine Hände in eine Angelegenheit, die recht töricht ist.«

»Aber wieso, Helene? Ich habe dir doch gesagt, was die Erfindung wirtschaftlich bedeuten würde, wenn sie einmal gemacht ist. Daraus kannst du leicht ersehen, wie groß das Interesse der Herren in Paris ist, und die Folgerung, was für uns bei einem guten Erfolg herausspringt, kannst du daraus ebenso leicht selber ziehen.«

»Mag alles sein, Alfred! Ich werde das Gefühl nicht los, wir handeln falsch. Zunächst einmal möchte ich doch daran erinnern, daß Anne meine Schwester ist und Georg Astenryk eines Tages mein Schwager werden dürfte.«

»Ah! Helene! Moralische Anwandlungen?«

Helene warf Forbin einen schiefen Blick zu.

»Du weißt, Alfred, diesen Ton liebe ich nicht. Aber ganz abgesehen davon, überlege dir doch mal bitte folgendes: Du rechnest damit, daß früher oder später Georg diese wichtige fruchtbringende Erfindung macht.«

»Gewiß! Davon bin ich fest überzeugt, und die Früchte werden vieltausendfältig sein.«

»Gut, Alfred! Ich nehme dich beim Wort. Nun stelle dir bitte mal vor, es kommt alles so, wie du denkst. Glaubst du nicht, daß das Ehepaar Forbin, Schwäger dieses Milliardärs Astenryk, mit an der Tafel sitzen und mühelos schwelgen könnte?«

Forbin machte ein zweifelndes Gesicht.

»Ich weiß nicht, Helene, ob du da so unbedingt richtig rechnest: Ich verfüge doch auch über eine gewisse Menschenkenntnis und kann nur sagen, daß wir beide ... besonders ich ... Georg Astenryk reichlich unsympathisch sind. Daß er nach seiner Verheiratung mit Anne mit uns noch irgendwelche Beziehungen unterhalten würde, glaube ich nicht.«

Helene zog ärgerlich die Brauen zusammen.

»Das käme doch sehr darauf an, mein lieber Alfred. Ich müßte mich in mir denn doch sehr täuschen, wenn ich es nicht fertigbrächte, mit Georg auf gutem Fuß zu bleiben.«

»Tja! ... Tja ... Helene, mag vielleicht alles sein ... Aber ...«

»Aber«, vollendete Helene, »dir ist ein Spatz in der Hand lieber als eine Taube auf dem Dach. Das weiß ich längst und leider muß ich dir immer wieder sagen, das ist falsch. Du bist zu kleinlich. Dein Horizont ist zu eng. Um ein Trinkgeld heute verscherzt du dir spätere Millionen. Denn glaube nur nicht, daß es Georg auf die Dauer verborgen bleiben könnte, daß du mit in diesem französischen Spiel steckst. Also ...« Helene sah Forbin mit zwingendem Blick an.

»Helene, du sollst recht haben. Ich muß offen gestehen, so ganz geheuer ist mir die Sache auch nicht. Ich bin ja nicht umsonst die ganzen Tage unterwegs gewesen, um nach anderen, lohnenderen Dingen Umschau zu halten. Als ich mich auf diese Sache einließ, war Not am Mann. Wir saßen scheußlich in der Tinte. Fände ich etwas anderes Gutes, würde ich sofort abschwenken.«

»Da habe ich etwas vorgesorgt, Alfred. Nicht ohne Grund habe ich mir alle Mühe gegeben, Castillac aufzustöbern, und fahre nicht zu meinem Vergnügen mit diesem mir im Grunde höchst gleichgültigen Menschen andauernd in der Landschaft herum. Wenn sich dahinten im Fernen Osten die Dinge weiter so zuspitzen, dürfte Castillacs Weizen blühen, und dabei müßten sich auch für dich lohnende Geschäfte entwickeln.«

»Sehr gut, Helene! Das wäre allerdings eine feine Sache. Waffengeschäfte sind immer sehr lohnend ...«

»Ah! Da kommt ja Georg«, unterbrach ihn Helene, »komm, Alfred, ich bin gespannt, wie er sich zu eurem Streich stellt. Eine Gemeinheit bleibt's auf jeden Fall. Gut, daß du nicht direkt damit zu tun hast.«

Georg war inzwischen herangekommen und begrüßte die beiden. »Anne ist wohl oben? Da möchte ich ...«

»Bleiben Sie nur hier, Herr Astenryk«, sagte Forbin. »Sie wird gleich herunterkommen. Wir speisen ja jetzt. Aber was sehe ich? Wollen Sie verreisen?«

»Ja! Verreisen, und zwar auf lange ... wahrscheinlich sehr lange Zeit, Herr Forbin.«

»Wie? Was?« Anne war aus dem Hotel getreten und nahm Georgs Arm. »Du willst verreisen? Wie meinst du das?«

»Das ist mit vier Worten kurz erklärt. Man hat mich 'rausgeschmissen!«

»Wer? ... Wie? ... Wie ist das möglich? Du sagtest doch noch gestern, du würdest noch vier Wochen bleiben können?«

»So sah es auch gestern noch aus. Inzwischen ist man meinem Verbrechen auf die Spur gekommen ... daß ich nämlich Standuhren, Büfetts, silberne Löffel und dergleichen mehr heimlich beiseiteschaffe.«

»Ach! Du scherzt!« rief Anne ungeduldig.

»Liebe Anne, mir ist wirklich nicht zum Scherzen zumute«, sagte Georg und erzählte, wie er tatsächlich vor einer Stunde exmittiert worden wäre, weil gewisse Interessenten dem Gericht diesen unglaublichen Verdacht glaubhaft gemacht hätten.«

Anne stand entsetzt. »Lieber Georg! Das ist doch unmöglich!«

Der zog ihren Arm fester an sich heran. »Du glaubst gar nicht, Anne, was alles möglich ist, wenn vor Gericht Leute erscheinen, die statt eines Gewissens einen Ballonreifen haben. Wenn ich mich auf einen Prozeß einlassen wollte, würde der Schwindel, der da getrieben wurde, natürlich zutage kommen. Aber wozu? Um der paar Wochen willen? Nein! Da habe ich denn doch etwas Besseres zu tun. Abgesehen davon, daß mir niemand derartige Dinge zutraut, der mich kennt.«

Ein Kellner kam und rief zum Mittagsmahl.

Die Suppe war gegessen. Ein knuspriges Rippespeer wurde auf den Tisch gebracht.

»Seht mal Alfred an! Wie der schmunzelt«, lachte Helene. »Sein Leibgericht! Komm, Alfred, laß dir auftun.«

Schon hatte Forbin Messer und Gabel ergriffen und wollte eben den ersten Bissen genießerisch in den Mund schieben, da kam der Kellner: »Herr Forbin wird am Telephon gewünscht.«

Aus Forbins vollem Munde kam ein halberstickter Fluch. »Der Kerl kann sich aber auf was gefaßt machen, der mich jetzt hier vom Tisch wegholt.« Wütend stand er auf.——

Die Teller der anderen wurden leerer und leerer. Die Soße auf dem Teller Forbins begann zu gerinnen. Endlich kam er wieder. Jeder konnte ihm ansehen, daß er eine sehr unangenehme Nachricht bekommen haben mußte. Stumm setzte er sich an seinen Platz und stocherte eine Zeitlang mechanisch mit der Gabel auf dem Teller. Schließlich schob er ihn zurück, stand auf.

»Manche Menschen treiben eben die Rücksichtslosigkeit zu weit! Ich habe Kopfschmerzen, will nach oben gehen.« Helene erhob sich gleichfalls und folgte ihm. Kaum waren sie allein, da brach der Sturm los.

»So eine bodenlose Schweinerei! Mir kam ja das Benehmen Astenryks gleich von Anfang an nicht ganz geheuer vor. Diese unnatürliche Gelassenheit nach der Exmission ... die Ironie, die in allen seinen Bemerkungen lag, machte mich stutzig.«

»Brauchst du mir alles nicht zu erzählen, drängte Helene. »Hab' ich auch gemerkt. Nun schnell! Sag, was ist denn los?«

»Ja, denk' dir nur an, Helene, dieser verfluchte Kerl hat, noch ehe der Konkursverwalter ihm den Gerichtsbeschluß verkündete, das ganze Labor zerstört.«

»Wie? Was? Er hat alles entzweigeschlagen?«

»Ach was! So meine ich's nicht. Er hat die Anlage vollkommen in Unordnung gebracht, Meßinstrumente falsch eingestellt ... die Säuren irgendwie versaut ... na, kurz und gut, alles in einen Zustand gebracht, daß selbst der gelehrteste Teufel nichts mit dem Kram anfangen kann. Kurz, der so schlau erklügelte Trick der Herren Godard und Genossen ist ins Wasser gefallen.«

Helene sah ihn ironisch lachend an. »Und darum regst du dich so auf? Vergißt alle Selbstbeherrschung? Machst dich lächerlich?«

»Ach, Unsinn! Hältst du mich für so kindisch? Das Schönste kommt erst noch. Ich ... ja, ich soll das Karnickel sein, das schuld daran ist.«

»Du? ... Verrückt! Wer sagt denn das? Wer wagt das zu behaupten?«

»Herr Godard! Der war selbst am Telephon. Er sagte mir klipp und klar, Astenryk müßte doch vorher irgendwie Wind von unserem Vorhaben gekriegt haben. Er und Samain kämen dabei natürlich gar nicht in Betracht. Also bei mir blieb's hängen. Er wagte nicht, mich direkt zu beschuldigen, aber er behauptete, ich wäre sicherlich in irgendeiner Weise unvorsichtig gewesen.«

Seine Frau legte sich nachdenklich in einen Sessel. »Hm! Unangenehme Sache ... Höchst rätselhaft ... wenn du dich heute abend mit Godard und Samain im Hotel triffst, gehe ich mit. Bis dahin Schluß mit der Angelegenheit.« —

Anne kam in das Zimmer. »Georg ist in die Stadt gegangen. Er hat noch allerlei Geschäfte zu erledigen, Rechtsanwalt, Konkursverwalter und so weiter. Er fährt um sechs Uhr nach München. Ich soll um halb sechs am Bahnhof sein.«

Helene sah forschend in das Gesicht Annes. Hatte Georg vielleicht schon gegen Alfred Verdacht geschöpft und Anne etwas davon gesagt? Nein! Sicher nicht. Sie verstand ja so gut in Annes Gesicht zu lesen. Die war ganz arglos.

»Übrigens, Anne, was hat denn Georg für Zukunftspläne? Ich fand vorher gar keine Zeit, danach zu fragen.«

»Er fährt direkt nach München zu seiner Tante Mila. Du weißt, der verwitweten Frau Professor Potin.«

»Und dann weiter? Er wird doch nicht immer dort bleiben wollen?«

»O ja! Vorläufig will er dort bleiben. Das heißt nicht in München selbst, sondern im Almhaus der Tante Mila. Es liegt in den Bergen am Wilden Rain.«

»Ah, so! Er will Sommerfrische am Wilden Rain halten ... Oder will er etwa dort auch arbeiten?«

»Wahrscheinlich beides«, sagte Anne lächelnd. »Georg ohne Arbeit kann ich mir gar nicht vorstellen.«———

Georg und Marian trafen sich, wie verabredet, bei Stennefeld, der vor den Toren der Stadt ein kleines Landhäuschen bewohnte. Sie nahmen von dem alten Mann, der so viele Jahrzehnte im Dienst der Firma gestanden hatte, herzlichen Abschied. Dann gingen sie um die Stadt herum durch die Parkanlagen dem Bahnhof zu. Als sie an einem großen Teich vorbeikamen, blieb Georg stehen und deutete auf die dunkle Wasserfläche.

»Heute sind es gerade sechs Jahre, daß mein Bruder Jan an der Stelle hier die unselige Tat beging. Ich vergesse nie den Anblick, als man ihn für tot ins Haus brachte. Sein Selbstmordversuch damals, unter so unerklärlichen Umständen ... sonderbar, daß man nie so recht dahintergekommen ist, was dem blühenden, frohsinnigen Menschen die Waffe in die Hand drückte.

Gerüchte wollten wissen, daß Jan und sein Freund Rochus Arngrim in heftiger Leidenschaft zu Helene Escheloh entbrannt waren, und Jan als der Verschmähte zur Pistole griff. Helene hat sich nie dazu geäußert. Das Auffällige bei der Sache war nur, daß zur selben Stunde Rochus Arngrim spurlos verschwand. Reisende wollen ihn noch am selben Tage an der belgischen Grenzstation gesehen haben. Daraus entstand jedenfalls bei manchem der Verdacht, daß die Kugel von Arngrim abgefeuert worden sei. Aber Jan hat das stets bestritten ...«

Georg fühlte plötzlich, wie Marian seinen Arm umklammerte. Der starrte, wie wenn er ein Gespenst sähe, nach einer Eiche in der Nähe des Teiches.

»... Du, Georg! ... Da steht er ja! ... Arngrim ... da steht er ... unter der großen Eiche ... und da ist die Bank ... und auf der Bank liegt eine Waffe ... und jetzt kommt Jan und sie sprechen miteinander und Jan setzt sich hin ... Arngrim geht fort ... jetzt bleibt er hinter den Büschen stehen, sieht zu Jan hinüber ... Jans Hand geht zu der Waffe ... er nimmt sie in die Hand, legt sie wieder hin ... nimmt sie wieder. Jetzt steht er auf, geht zum See, steigt in das Boot, rudert weit hinaus ... Arngrim sieht ihm nach mit Augen ... fürchterlich ... entsetzlich. Und jetzt ... Jan richtet die Waffe gegen seinen Kopf ... schießt ... fällt zurück ins Boot. Arngrim läuft fort ... jetzt ist er verschwunden ... Jan? ...«

Wie aus einer Vision erwacht sahen sie sich in die blassen, verzerrten Gesichter.

»Marian!« kam es heiser aus Georgs Munde, »was war das? Ein Traum ... ein Gesicht? ...«

Der schüttelte den Kopf. Begann dann stockend wie mechanisch zu sprechen:

»All das Schreckliche, das dein geistiges Auge sah, dein Hirn empfand, drang von fern her in mein Bewußtsein ... Wer hat es gedacht? ... Nur Arngrim selbst kann es gewesen sein. Nicht Jan. Was Jan tat, dessen war er sich ja selbst nicht bewußt ...

Er folgte dem mächtigen Willen eines Stärkeren, der ihn in Gedanken zwang, sich selbst den Tod zu geben ... Heute, am Tage der Tat, mochte wohl Arngrim stärker als je an sein ruchloses Handeln erinnert sein. Noch einmal erlebte er, wie wahrscheinlich schon früher, heute sein Verbrechen ... seine Gedanken daran so stark, daß ich sie hier mitempfand ... Und du, durch die gleichzeitige Erinnerung an jenen Tag und unsere Berührung mit mir eingestimmt, empfandest alles das, was zu mir drang, mit ... Jetzt wissen wir, wie das alles damals geschah ...«

Georg blickte sinnend vor sich hin.

»Du magst recht haben, Marian«, sagte er dann, »das wäre eine Erklärung. Gehört hat man ja schon mehr als einmal vor der weitspannenden Wunderkraft fremden starken Geistes. Wer's nicht selbst erlebte, kann es nicht glauben, lacht darüber. Und doch ... wer weiß, was wir wissen, muß daran glauben.

Rochus Arngrim ... Wo mag er sein?«

* * *

Und noch ein anderer sah und hörte zur gleichen Stunde das Grausige in der gleichen Weise, wie es Georg und Marian vernahmen. Der Abt Turi Chan in seinem Gemach im Lamakloster Gartok am Himalaja. Und der, der mit stummen Lippen diesen Bericht gab, dessen Hirn jene Bilder in Erscheinung treten ließ, der Mönch Sifan, saß ein paar Türen weiter in seiner Klosterzelle; den Kopf in die Hände vergraben, durchlebte er noch einmal im Bann eines fremden Willens sein weltliches Leben und jenen Tag als dessen Abschluß. Durchlebte weiter alles, was danach kam. Die Flucht über die Grenze, von bitterer Reue gequält, die Fahrt über das weite Meer zu Indiens Küste. Die monatelange Wanderung mit einem Lamapilger nach Norden, bis sich hinter dem Weltflüchtling das Tor von Gartoks Mauern schloß.

Sinnend saß der Abt. Das also war's, was diesen Westländer hierhergebracht hatte. Die Flucht vor Gewissensqualen wegen jener Untat; der Wunsch, in läuterndem Leben die schwere Sünde zu sühnen. Damals, als der an die Pforte von Gartok pochte, hatte er ihn gefragt, was ihn, den Westländer, zu Buddhas Lehre und Glauben treibe. Der hatte ihm sein früheres Leben erzählt, von einer schweren Tat gesprochen, ohne Näheres darüber zu sagen. Jetzt hatte er mit Allgermissens Kunst erzwungen, daß der Mönch dunkelste Herzenskammern öffnete und seine Gedanken ausströmen ließ ... zu des Abtes Gemach ... in das Weltall ... ob es noch andere Menschen gab, die das vernommen hatten? ...

Der Abt legte den Kopf zurück. Die Augen in dem starren Gesicht schimmerten kalt und grau unter den buschigen Brauen. Über den hohen Backenknochen lagen sie in tiefen Höhlen. Kinn und Untergesicht deuteten auf stärkstes Zielbewußtsein, schonungslose Energie. Die ganze Erscheinung die Gestalt eines Mannes, der zum Herrschen geboren und nicht gewöhnt, sich bei seinen Entschlüssen um die Meinung anderer zu kümmern.

Von seinen Gedanken stark bewegt, stand er auf, und wie er den Kopf zur Seite wandte und in großen Schritten durch das Gemach ging ... ein anderes Gesicht ... fast ein anderer Mensch, ein Westländer schien er da zu sein.

Seine Lippen bewegten sich, formten Worte.

»Da kommen sie zu uns vom Abendlande her ... in Seelennot ... im Streben nach letzter, tiefster Erkenntnis des Lebens. Aber immer bildet die Verschiedenheit von Blut und Rasse die kaum überschreitbare Schranke, ganz eins zu werden mit unserem Fühlen und Denken ... je stärker der Charakter, desto stärker die Hemmungen ... Sisan ... einst Rochus Arngrim ... erst wenige Jahre ist er bei uns ... er ist ein starker Charakter ...«

Vor einem Schrank blieb Turi Chan stehen, entnahm ihm ein Buch und kehrte zu seinem Sessel zurück. Er öffnete es, nahm einen Brief heraus. Die Schriftzüge waren kaum noch zu entziffern. Wasser mußte den Brief beschädigt haben. Doch der Abt las sie leicht, hatte er doch den Brief und das Buch gar viele Male gelesen.

Es waren die Schriftzüge Allgermissens. Der hatte den Brief geschrieben an seinen Freund Rochus Arngrim. Der Brief begann mit Erinnerungen an die Zeit, wo Allgermissen und Arngrim einander kennengelernt hatten ... Der Weltkrieg ... die Kämpfe im Baltikum ... Arngrim unter den Truppen, welche die rote Schreckensherrschaft brachen. Bei der Erstürmung Rigas verwundet ... in das Haus Allgermissens gebracht. Freundschaftliche Beziehungen ... gemeinsames Interesse an okkultphysikalischen Dingen ... Studien über die Raumstrahlungen des denkenden Hirns ... Arngrim ... Erbe der in dem Buch aufgezeichneten Entdeckungen ... Tochter Lydia ... ganz allein in der Welt ... Ihrer Fürsorge ...

Der Abt faltete das Papier zusammen und legte es wieder in das Buch zurück. Er wog das Buch in der Hand:

»Leicht bist du, und doch birgst du vielleicht Weltenschicksale!«

Wie würde sich vieler Menschen Los ... das Geschick der Welt gestaltet haben, wenn Allgermissens Vermächtnis in die Hände gekommen wäre, für die es bestimmt war, in die Hände des Rochus Arngrim? ... War er im Recht, wenn er dem das Erbe Allgermissens vorenthielt?

Eine leichte Handbewegung, als wenn er eine Fliege verscheuche.

»Ich war im Recht! Die Götter haben es so gewollt, haben mir Sifans Haupt und Allgermissens Vermächtnis in die Hand gelegt. Wie sichtlich die Fügung der Himmlischen!«—

Als wäre es heute gewesen, stand der Tag vor ihm, an dem Allgermissens Hinterlassenschaft in das Kloster kam. Eine burätische Karawane stand drüben am Ufer des angeschwollenen Flusses und konnte den Übergang nicht finden. Der Mönch Sifan kam hinzu, wies ihnen die Furt, ritt voran. Da, in der Mitte des Flusses, strauchelte das Pferd eines Mädchens, geriet ins tiefe Wasser. Sifan sprang aus dem Sattel, wollte sie retten, wurde mit ihr in die todbringenden Wirbel gezogen.

Der Führer der Karawane schwang sich auf einen vorübertreibenden Baumstamm, lenkte ihn auf die mit dem Tode Kämpfenden zu, warf denen einen Strick hinüber. Auf einer Sandbank weit unten gelang es ihm, mit den Geretteten ans Ufer zu kommen. Von Mönchen, die herbeigeeilt, wurden das Mädchen und Sifan, die bewußtlos geworden, ins Kloster gebracht. Viele Tage kämpfte Sifan, von Fieberschauern geschüttelt, mit dem Tode.

Das Mädchen hatte man auf ein Lager gebettet. Als sie ihr den nassen Khalat, das Burätenkleid, abtaten, staunten sie, daß es ein westländisches Mädchen war. Eine Blechbüchse, die an einem Riemen um ihre Schulter hing, nahm Turi Chan an sich, Flußwasser war in sie eingedrungen. Er öffnete sie und sah, daß Papiere darin waren, die schon stark durch die Nässe gelitten hatten. In der Annahme, daß es wichtige Familienpapiere sein könnten, breitete der Abt sie zum Trocknen aus.

Es war ein Buch, von Hand geschrieben, alle Seiten gefüllt mit Zahlen, Skizzen und Erklärungen, und ein Brief, der in schon verschwommenen Zügen die Aufschrift trug: An Rochus Arngrim in Deutschland ... Das mußte einer geschrieben haben, der noch nicht wußte, daß aus Rochus Arngrim schon seit Jahren der Mönch Sifan geworden war ...

Überrascht, aufs höchste erstaunt, überflog Turi Chan den halbgetrockneten Brief. Der Name Algermissen machte ihn neugierig. War doch vor Monaten eine dunkle Kunde zu ihm gedrungen von sonderbaren Vorgängen in Irkutsk bei General Iwanow. Er brachte die Papiere in sein Zimmer, las ... las wieder. Zuerst ungläubig ... zweifelnd. War das, was auf diesen Blättern stand, ernst zu nehmen ... oder waren es Phantasien eines kranken Geistes?

Und dieses Mädchen sollte Lydia Algermissen sein? Er schickte nach dem burätischen Führer, wollte ihn fragen, wie er zu dem Mädchen gekommen sei. Der war längst weitergezogen. Er sprach mit ihr selbst, erfuhr, daß sie tatsächlich Allgermissens Tochter sei. Von den Vorgängen in Irkutsk bei Iwanow wußte sie nichts. Ihre übrigen Angaben waren unklar, der Zusammenhang schwer verständlich.

Er hatte damals lange überlegt, was er mit ihr anfangen solle. Da erinnerte er sich, daß in der Nähe des Klosters ein englischer Botaniker, ein Dr. Musterton, lagerte. Der kam hin und wieder zu botanischen Exkursionen über die Grenze. Er kannte Musterton, war der doch manchmal ins Kloster gekommen, um seine Vorräte zu ergänzen.

Damals hatte er ihn holen lassen und um Rat gefragt. Musterton hatte keinen Moment gezögert, sich Lydia Allgermissens anzunehmen. Drüben, jenseits der Grenze, auf englischem Gebiet, hatte der Doktor in einem Dorf sein Standlager, wo auch seine Familie sich aufhielt. Lydia Algermissen würde eine willkommene Hausgenossin sein.———

Das Erbe Allgermissens ... der Abt ließ die Blätter des Buches durch die Finger gleiten ... nie hatte Sifan etwas davon erfahren. Sein Eigentum, sein kostbarer Besitz war es geblieben. In monatelanger mühseliger Arbeit hatte er versucht, in den Geist dieser Aufzeichnungen einzudringen, ihren Kern und Sinn zu erfassen. Es war ihm gelungen, den Schleier ein wenig zu lüften. Die Probe, die er vor einer Stunde mit dem Mönch Sifan gemacht hatte, war der Beweis dafür.

Turi Chan stand auf, ging langsamen Schrittes zu dem Schrank, verschloß das Buch sorgfältig und überlegte.

Dieser Sifan—kein gewöhnlicher Mensch. Um der Liebe eines Mädchens willen mißbrauchte er die Schicksalsgabe und lenkte des Freundes, des Nebenbuhlers Gedanken, daß der die bereitgelegte Waffe ergriff und sich damit den Tod gab. Welch starker Wille strahlte aus dieses Westländers Hirn, daß er sich einen anderen unterwarf bis zur Selbstvernichtung ... und das alles aus eigener, natürlicher Kraft. Ob selbst Allgermissen das vermocht hätte? ... Er wußte, im Volke gingen Sagen, daß es heilige Lamas gegeben habe und noch gebe, die solche Kräfte besäßen.

Die Stirn des Abtes krauste sich. Der Gedanke, einen Mann mit solchen übernatürlichen Fähigkeiten im Kloster zu haben, verursachte ihm Unbehagen. War es nicht möglich, daß dessen Kräfte noch weiter gingen, daß er eines Tages irgendwie erfuhr von der Erbschaft Allgermissens hier in diesem Schränkchen? Er beschloß, ihn für einige Zeit aus dem Kloster zu entfernen. Ein Grund war leicht zu finden. Er brauchte ihn nur als Boten mit einem Brief an den Abt eines anderen Klosters zu schicken. Der würde ihn dann so lange dort behalten, wie es Turi Chan paßte.———

Am nächsten Morgen wanderte Sifan durch das Tal des Rogu dem Kloster Tschaidam zu mit einer Botschaft an dessen Abt. Am Abend des zweiten Tages schritt er einem kleinen Dorf zu. Als er näher kam, sah er unter einer Tamariskengruppe einige Zelte aufgeschlagen, vor denen ein Feuer brannte.

Er wollte daran vorbeigehen, da erblickte er den englischen Botaniker Dr. Musterton. Der rief ihn an. Sie kannten sich, weil Sifan manchmal den Dolmetscher gemacht hatte, wenn Musterton ins Kloster kam.

Sie unterhielten sich eine Weile über Zweck und Ziel ihrer Reise. Dann lud Musterton den Mönch ein, die Nacht in seinem Lagerort zu verbringen. Sie hatten sich eben am Feuer niedergelassen, da kam ein junges Mädchen mit einem Topf Tee aus einem der Zelte. Als sie in den Schein des Feuers kam, blieb sie unvermittelt stehen und blickte den Mönch betroffen an. Musterton fragte lächelnd: »Kennst du den Mönch Sifan vielleicht noch von Gartok her?« Dann wandte er sich an Sifan: »Vielleicht erinnern Sie sich, daß vor ein paar Jahren ein Mädchen, das mit einer Karawane ritt, beim Durchschreiten der Furt bei Gartok mit ihrem Pferd in eine Tiefe geriet. Ein Mönch Ihres Klosters wollte sie retten, kam dabei selbst in Lebensgefahr ...«

Musterton hielt inne. Das Mädchen war auf Sifan zugegangen und reichte ihm die Hand. »Sie sind's, der mich damals rettete. Oh, wie freue ich mich, Sie wiederzusehen, um Ihnen von ganzem Herzen für Ihre mutige Tat zu danken.«

»Ah, Sie waren es!« rief Dr. Musterton und schüttelte dem Mönch die Hand. Der dachte im stillen: Warum hat man mir niemals gesagt, daß die Gerettete eine Europäerin war? Wie um den Dank abzuwehren, sagte er: »Ich meinte doch, es wäre ein Burätenmädchen gewesen.«

»Sie wurden wohl durch die burätischen Kleider getäuscht, die ich trug. Unter dem Kopftuch mochten Sie wohl mein Gesicht gar nicht erkannt haben.« Sie deutete auf ihr dunkelblondes Haar.

»Das nenne ich aber einen glücklichen Zufall, daß wir uns hier, zwei Tagereisen von Gartok, treffen müssen«, rief Musterton, »der Tee ist heiß, setzen wir uns! Aber nein.« Über Mustertons langes, schmales Gesicht ging ein vergnügtes Lächeln. »Da wir uns in rein europäischer Gesellschaft befinden, muß ich, dortigen Gepflogenheiten entsprechend, die Herrschaften miteinander bekannt machen. Hier, liebe Lydia, stehst du den Mönch Sifan aus Deutschland, und diese junge Dame, Mister Sifan, ist Fräulein Allgermissen aus Riga.«

Der Mönch warf mit einem Ruck den Kopf zurück. »Allgermissen?! ... Fräulein Allgermissen ... Sie sind aus Riga?« Er deutete mit der Hand auf Lydia. Der Ton, in dem er sprach, war so erstaunt ... so erregt, daß die beiden anderen ihn überrascht ansahen. Musterton fragte verwundert:

»Sie sprechen den Namen aus, als wäre er Ihnen bekannt, Sifan?«

»Ich kannte einst einen Professor Allgermissen in Riga ...«

»Mein Vater!« schrie Lydia auf. »Sie kannten ihn?«

»Als Verwundeter lag ich während des großen Krieges lange in seinem Haus. Wir wurden gute Freunde. Später ... die Revolution in Rußland, in Deutschland ... habe ich nie wieder von ihm gehört.«

»Wie wunderbar!« sagte Lydia und sah den Mönch mit strahlenden Augen an. »Treffe ich hier einen Freund meines guten Vaters ... wie ... wie hießen ... Sie denn früher? Ich war ja damals noch ein kleines Kind. Aber vielleicht wurde der Name später in unserer Familie genannt?«

Der Mönch senkte den Kopf. »Früher ... hieß ich ... Rochus Arngrim.«

Ein Schrei aus dem Munde des Mädchens. Lydia wich einen Schritt zurück, sah ihn mit Augen an halb ungläubig, halb entsetzt.

»Sie sind Rochus Arngrim?!« Die widerstreitenden Gefühle, Überraschung ... Freude ... Schreck jagten sich in ihren Mienen.

»Lydia, was ist mit dir? Wie kann dich dieser Name so erschüttern?« rief Dr. Musterton. Die trat an den Mönch heran, schaute ihn an, als wenn sie ihn zum erstenmal sähe.

»Arngrim sind Sie? Der Arngrim, zu dem ich mich begeben sollte, wenn ich in Deutschland wäre? Mein Vater ... gab mir wichtige Papiere mit, die ich Ihnen bringen sollte.«

»Ah, Lydia, da hast du nie davon gesprochen«, fiel Dr. Musterton ein. »Papiere solltest du nach Deutschland bringen, zu Arngrim? Und Sie«, er deutete auf Sifan, »sind der Arngrim, für den die Papiere bestimmt waren?«

»Ja! Es waren wissenschaftliche Aufzeichnungen. Mein Vater nannte sie in seinem Abschiedsbrief sein Vermächtnis.«

»Und wo sind diese Papiere?« drängte Sifan.

»Ich habe sie nicht mehr«, antwortete Lydia mit leiser Stimme, »ich trug sie in einem Blechkästchen an einem Riemen um die Schulter. Sie müssen damals bei dem Unfall im Fluß verlorengegangen sein. In Gartok wurde mir gesagt, man wisse nichts davon.«

»Setzen wir uns«, sagte Dr. Musterton nach einer Pause, »da wird es noch viel zu erzählen geben.«

Sifan stand noch eine Weile und blickte sinnend in das Feuer. Waren die Papiere, das Vermächtnis Allgermissens, wirklich im Fluß versunken? —

»Nun mußt du erst noch einmal erzählen, Lydia, wie du aus Irkutsk entkamst«, sagte Dr. Musterton.

Lydia begann: »Eines Tages wurde ich zum Inspektor des Gefängnisses gerufen. Der sagte mir, ich wäre frei und könnte das Gefängnis sofort verlassen. Mit bangem Gefühl nahm ich den Entlassungsschein an mich und fragte nach dem Vater. Ein gleichmütiges Achselzucken des Beamten, ein Wink zur Tür war die Antwort.

Ich eilte so rasch ich konnte nach Hause, hoffte im stillen, den Vater dort zu finden. Er war nicht da. Wo war er? Halbtot vor Angst und Furcht dachte ich, ob sie ihn hingerichtet hätten oder ob er später entlassen würde. Da fiel mein Blick auf den Tisch, wo an einer Ecke der Staub stark verwischt war. Es mußte vor kurzem jemand hier gewesen sein. Vielleicht der Vater, sagte ich mir. Dann würde er doch irgendeine Botschaft hinterlassen haben. Ich eilte zu dem großen Ofen, wo mein Vater hinter einer losen Kachel Papiere, die er vor der ewig schnüffelnden Spionage sichern wollte, zu verstecken pflegte. Ich entfernte die Kachel und griff in die dunkle Öffnung. Da fand ich ein flaches Blechkästchen. Als ich den Deckel aufklappte, lag zu oberst ein offener Brief des Vaters an mich. Der gebot mir, sofort zu dem Schrank in der Küche zu gehen, wo burätische Kleider verborgen seien. Die sollte ich anziehen, die Blechbüchse darunter um die Schulter hängen und sofort das Haus durch die Hintertür verlassen. Dann sollte ich den Pfad einschlagen, der um die Stadt herum zur großen Karawanenstraße führt. An der Brücke würde ich ein kleines Mongolenlager finden. Der burätische Führer sei unterrichtet. Er habe ein gutes Geldgeschenk bekommen, ich dürfe ihm trauen. Er würde mich in seiner Karawane nach Süden bringen, bis ich in Sicherheit wäre. Noch einmal befahl der Brief mir höchste Eile. Meine Freiheit wäre nur von kurzer Dauer, jede Minute sei kostbar.

Ich tat, wie mir der Vater geschrieben hatte, fand die Karawane an der Brücke, und dann wanderten wir nach Süden ... viele Monate lang ... der indischen Grenze zu, wohin mich der Buräte bringen sollte. Das andere ist ja bekannt.«

Lange saßen sie noch am Lagerfeuer. Dr. Musterton erzählte, wie Lydia zu ihn gekommen sei und schon mehrere Jahre in seinem Hause weile. Sie habe ihn hin und wieder auf seinen Exkursionen begleitet. Vor einigen Tagen wären sie im Kloster Tschaidam gewesen, um das Fest der Wasserweihe mitanzusehen. Jetzt wollten sie nach Mustertons Standquartier zurück. Gesprächsweise erwähnte der Doktor auch, er werde bald Asien verlassen und nach Australien gehen, um dort im Auftrage der australischen Regierung seine Forschungsergebnisse praktisch anzuwenden.

Am anderen Morgen trennten sie sich. Dr. Musterton mit seiner Expedition ritt nach Süden, seinem Standlager zu. Sifan wanderte nach Norden zum Kloster Tschaidam hin.


3. Kapitel.

Helene stand auf dem Bahnhof in Neustadt. Der Zug, der Alfred aus Paris zurückbringen sollte, mußte bald einlaufen. Vor ein paar Tagen war ein Schreiben von Raconier gekommen, die Herren Forbin, Godard und Samain sollten sofort nach Paris fahren. Forbin hatte zunächst wenig Lust zu der Reise gehabt. Er ahnte, worum es ging. Nach dem Rat Helenes hätte er diese Affäre gern liquidiert. Während er noch unschlüssig überlegte, ob er fahren sollte oder nicht, kamen Zeitungsnachrichten, die ihn doch zur Reise bestimmten. Das englische Telegraphenbüro verbreitete die folgende Nachricht: Die Verhandlungen zwischen der englischen und der japanischen Regierung haben zu einem günstigen Ergebnis geführt. Die Differenzen, die in erster Linie durch die Maßnahmen der australischen Regierung bezüglich der dort wohnenden Japaner entstanden wären, dürften als beigelegt gelten. Die freundschaftliche Form, in der diese Verhandlungen geführt wurden, läßt auch über die anderen Streitpunkte eine baldige Verständigung erhoffen.

In langen Leitartikeln besprachen die Zeitungen diese günstige Wendung. Man fand vielerlei Gründe dafür. Der wichtigste Grund wurde von vielen Blättern in einer Rede des amerikanischen Bundespräsidenten gesehen, in der er auf die erfreuliche Besserung der englisch-amerikanischen Beziehungen verwies. Von anderen Blättern wiederum wurden die sich immer mehr verschärfenden Differenzen zwischen Rußland und Japan als Grund für die nachgiebige Haltung Japans angegeben.

Zu denen, welche diese Besserung der politischen Lage aufs lebhafteste bedauerten, gehörte Alfred Forbin. Die Aussichten auf Waffengeschäfte waren im Augenblick nur schwach. Er gab Helene ihr Zitat vom Sperling und der Taube mit wenig liebenswürdiger Ironie zurück.—

So waren die Herren Godard und Samain zusammen mit Alfred Forbin und Anne Escheloh nach Paris gefahren. Helene war es rechtzeitig eingefallen, daß es unmöglich wäre, ihre Schwester mit nach München zu nehmen. Denn selbstverständlich würde diese ja von dort aus Georg Nachricht zukommen lassen, und für den würde dann der Verdacht naheliegen, man folge ihm in irgendwelchen Absichten nach. Unter allen Umständen sollte das aber vermieden werden. Um so mehr als Helene durchgesetzt hatte, daß Forbin bei allem, was dort oder am Wilden Rain geschehen würde, sich unbedingt im Hintergrunde halten solle.—

Der Zug lief ein.

»Wie war's in Paris, Alfred? Da tat sich wohl allerhand?«

»Allerdings, Helene. Es zeigte sich, daß die Herrschaften doch verflucht scharf hinter der Sache her sind. Na, ich will dir nur in großen Zügen erzählen, was da geredet wurde. Gehen wir zu Fuß nach Haus.

Zunächst wäre mal zu vermelden, daß die Herren Godard und Samain kaltgestellt worden sind. Ein anderer Herr namens Forestier soll mit mir die Sache weiterverfolgen. Wir werden uns mit ihm in München treffen.«

»Ah! So hast du dich doch wieder fest engagiert? Du weißt doch, Alfred« ...

»Beruhige dich, liebe Helene«, fiel ihr Forbin ins Wort, »ich habe mich im Hinblick auf unsere Finanzen bemüht, einen möglichst großen Vorschuß herauszuholen. Den habe ich.« Er klopfte dabei mit der Hand an seine Brieftasche, »wie weit ich mich bei dem, was Herr Forestier da alles vorhat, aktiv beteilige, steht noch sehr dahin. Das eine kann ich dir nur versichern, nicht ich, sondern Herr Forestier wird derjenige sein, der die Kastanien aus dem Feuer holt.«

»Was ist das für ein Herr? Was hast du für einen Eindruck von ihm?«

Forbin zuckte die Achseln, »Keinen besonders guten. Ein etwas eingebildeter Herr. Früher mal Offizier gewesen ... finstere Dinge passiert ... na, du weißt ja. Er will die Sache jedenfalls etwas energischer anfassen als Godard. Wenn ich ihn recht verstanden habe, wird es ihm nicht darauf ankommen, gegebenenfalls mit ... sagen wir mal ... mit Brachialgewalt vorzugehen. Ich glaube, ich werde allen Grund haben, mich recht stark im Hintergrund zu halten. Solche gewaltsamen Affären sind nicht mein Genre.«

»Was soll das heißen, Alfred? Was meinst du damit?«

»Ja, der gute Herr hat das sehr geheimnisvoll ausgedrückt. Was er eigentlich vorhat, weiß ich noch nicht. Jedenfalls, was ich dir sagte, ist so der Eindruck, den ich von dem Menschen bekommen habe.«

Helene zog die Stirn kraus. »Ausgeschlossen, Alfred! Sollte dieser Herr wirklich irgendein gewaltsames Unternehmen ins Auge gefaßt haben, mußt du ihn davon abzubringen versuchen oder ... für deine Person einfach streiken. ——Was macht Anne?«

»Sie ist mal wieder wütend auf mich. Besuchte mich vorgestern der Capitaine Armand d'Aureville. Nun, du weißt, er liebt einen guten Tropfen. Er trank etwas mehr als nötig. Ich wurde ans Telephon gerufen und hatte eine lange Unterredung mit dem neuen Herrn. Als ich wieder ins Zimmer kam ... na, schweigen wir.«

»Alfred!«

Forbin wandte sich Helene zu Sie sah ihn mit blitzenden Augen an.

»Bitte, keinen falschen Verdacht, Helene! Es war so, wie ich gesagt habe. Es ist mir gar nicht eingefallen, den gefälligen Kuppler zu spielen. Keine Rede davon! Du vergißt, je mehr d'Aureville trinkt, desto liebenswürdiger und zärtlicher wird er. Außerdem hast du doch auch gemerkt, daß er schon immer ein Auge auf Anne geworfen hat. Na, jedenfalls, als ich zurückkam, war der Kladderadatsch da. Möglich, daß mich Anne im selben Verdacht gehabt hat wie du jetzt. Unser Abschied war jedenfalls sehr kühl. Aber nun genug davon! Wir fahren morgen nach München.«

»Sagen wir lieber übermorgen, Alfred. Morgen ist die Zwangsversteigerung der Fabrik. Das Ergebnis interessiert mich.«—

Als sie am übernächsten Tag im Münchner Zug saßen, sagte Forbin zu Helene:

»Es war doch gut, daß wir den Tag noch in Neustadt blieben. Ist doch ganz interessant zu wissen, daß Georg durch den alten Werkmeister Konze die Laboratoriumseinrichtung gekauft hat. Wenn er sie sich jetzt nach München nachschicken läßt, zeigt das doch deutlich genug, daß er die Absicht hat, seine Arbeiten dort fortzusetzen.«

»Aber wo hat Georg das Geld her?« fragte Helene, »das sind doch alles teure Sachen, die da drin waren.«

»Für den, der sie sich neu kaufen muß, sind sie allerdings teuer. Aber wer interessiert sich in Neustadt für so etwas? Georg hat den ganzen Kram für lächerliche dreihundert Mark gekauft. Na, und das Geld wird er wohl von seiner Tante gekriegt haben.«

* * *

Die Almhütte der Frau Professor Emilie Potin—der Tante Mila, wie sie von den Verwandten genannt wurde—unterschied sich äußerlich in nichts von den Hunderten anderer, die da allerort in den bayerischen Bergen stehen, wo Almen sind. Das Innere jedoch war mit viel mehr Liebe und Sorgfalt eingerichtet, als es sonst bei Sennhütten üblich ist. Onkel Franz, der verstorbene Mann der Tante Mila, hatte sie mit den umliegenden Almen ihrer schönen Lage wegen gekauft, als er in München seinen Wohnsitz nahm.

Die Hütte lag geschützt in einer Senke, die sich nach Norden weit öffnete. Ein unvergleichlich schöner Fernblick bot sich von hier. Fast unmittelbar hinter der Hütte stürzte ein starkes Wildwasser in Kaskaden zu Tal.

Als leidenschaftlicher Bergfex verbrachte Onkel Franz zum Leidwesen der Tante Mila jeden Urlaub in der Hütte. Die zugehörigen Almen waren an die benachbarten Almbauern verpachtet, und so war's auch nach des Onkels Tode geblieben. Die Tante wollte sich von dem Besitz nicht trennen, obwohl sie seit Jahren die Almhütte nicht mehr betreten hatte.—

»Marian! Komm doch nur mal her und sieh den wunderbaren Sonnenuntergang da drüben.«

»Laß mich in Ruh mit deinem Sonnenuntergang! Wär doch gelacht, wenn wir heute abend ohne Licht dasäßen ... der verflixte Riemen ist mal wieder zu lang. Komm lieber her und hilf mir.«

»Unsinn, Marian! Er ist nicht zu lang. Brauchst doch nur die Wellenlager etwas nachzuspannen. Dann stimmt's, muß es stimmen.«

»Meinetwegen! Probieren wir's so!« Wieder wurde der Riemen auf die Scheibe gelegt.

»Na ja, Georg! So könnte es gehen. Hoffentlich schnappt er nicht öfter als nötig ab. Für die Mittelscheibe müssen wir unbedingt mal ein Ersatzstück kaufen.«

»Später! Jetzt mal los, Marian! Auf mit der Schütze!«

Marian würgte mit einer langen Stange ein Brett aus der hölzernen Wasserrinne. Das Wasser stürzte auf ein roh gezimmertes Rad. Das Rad begann sich zu drehen ... schneller, immer schneller. Jetzt war es auf vollen Touren.

Georg lief ins Haus und schaltete ein. »Hurra! Die Lampen brennen.«

Marian trat in die Hütte. »Ah! Großartig, wunderbar! Aber jetzt mal schleunigst die Akkumulatoren angeschlossen, daß wir die wieder voll kriegen. Die lechzen nach Strom, seitdem sie in Neustadt abgebaut wurden.

Da haben wir doch wirklich Glück gehabt. Wenn ich so denke ... das ganze Labor einschließlich Dynamo und Verstärker hat der alte Konze für dreihundert Mark ersteigert ... na, für heute aber Schluß! Wir haben die letzten Wochen geschuftet wie die Wilden. Morgen früh wird es das erste sein, daß wir unseren Verstärker und die Antenne mal ausprobieren.«—

Die Morgensonne war eben über die Almwiesen heraufgekommen. Die beiden standen in der Tür der Hütte und schauten nach der Hohen Alm.

»Da kommt die Katrin!« rief Marian und deutete mit dem Finger nach einer Frau, die, eine Kiepe auf dem Rücken, hinter einem Wäldchen hervortrat. »Gleich werden wir die Probe aufs Exempel machen können.«

Die alte Katrin, eine Sennerin von der Hohen Alm, besorgte den beiden bisweilen Lebensmittel aus dem Dorf. Marian ging in die Hütte zurück, Georg wartete, bis die Frau näher herangekommen war und winkte ihr zu. Als sie noch etwa hundert Meter entfernt war, verlangsamten sich ihre Schritte. Sie blieb stehen. Georg winkte ihr heftig. Die Frau schwenkte wie hilflos die Arme. Dann ... plötzlich ging sie wieder weiter.

Als sie an die Hütte gekommen war, war sie total verwirrt. Erschöpft ließ sie sich auf die Bank vor der Hütte niederfallen. Georg fragte in teilnehmendem Ton:

»Was war denn, Katrin? Warum bliebt Ihr denn plötzlich stehen?«

»Ja, Herr ... ja, Herr Astenryk ... das weiß ich nicht ... mir war's auf einmal« ... fuhr sie stotternd fort, »als hätte mir einer gesagt ... ich dürfe nicht weitergehen ... als hielte mich was fest ... ich weiß gar nicht, was das war ... mir ist der Schreck so in die Glieder gefahren ... was kann das nur gewesen sein?«

»Ja, Katrin! Das ist ja eine komische Sache. Das verstehe ich beim besten Willen nicht. Vielleicht schlecht geschlafen heut nacht?« meinte Georg lachend. »Wartet mal ein bißchen.« Gleich darauf erschien er mit einer Flasche in der Hand. »Hier, Katrin! Einen kleinen Enzian auf den Schreck!«

Der Enzian tat seine Wirkung. Nach einiger Zeit stand die Alte aus und ging weiter. Lachend sahen Georg und Marian ihr nach, wie sie immer wieder den Kopf schüttelte über das, was ihr da passiert war.

»Es klappt, Marian, 's kommt kein Teufel näher als hundert Meter gegen unseren Willen an die Hütte 'ran. Jetzt werde ich mal gleich zu dem Steinmoser gehen und ihm seinen Hund abkaufen. Der Köter meldet ja schon, wenn er von weitem einen Menschen kommen sieht.«

»Noch besser wäre es allerdings, Georg, wenn es dir glückte, auch hinter das Geheimnis des verlorengegangenen Plattenteils zu kommen. Was du da vermutest, hat manches für sich. Versuche doch mal, wenn du jetzt ins Dorf gehst, ob du nicht Material bekommen kannst, um ein paar solide Platten daraus zu machen. Ich denke, wir könnten dann auch auf noch größere Entfernungen wirken, ohne daß wir unseren eigenen Kopf zu Hilfe nehmen müßten.«

»Da hast du ja wohl recht, Marian. Meiner Meinung nach hat auf dem abgesprungenen Teil von Allgermissens Wachsplatte ein in schnellem Wechsel verschiedener Wellenlängen gegebener Ankündigungsbefehl gestanden, der Menschenhirne verschiedenster Eigenschwingung auf die gewünschte Welle abstimmte. Ich kann mir denken, daß das ganz interessante Versuche für uns werden könnten. Jetzt, wo wir vollkommen eingerichtet sind, habe ich Zeit, mich mal damit zu beschäftigen.«

Schon in der folgenden Nacht mußte ihr Verstärker zum zweiten Male seine Künste zeigen. Sie lagen in festem Schlaf, als der Hund, der vor der Hütte angebunden war, kräftig anschlug. Murrend stand Georg auf, öffnete das Fenster und drohte dem Hund, still zu sein. Doch der ließ sich durch nichts beruhigen. Instinktmäßig ging Georg vom Fenster zurück und schaltete einen Hebel ein.

»Na, Georg, was machst du da?« rief Marian, der jetzt erst munter wurde. »Meinst du, der Nero draußen witterte einen Menschen in der Nähe?«

»So ganz ausgeschlossen ist das nicht«, sagte Georg, »ich will mal nachsehen, bleib du ruhig hier und ... denk dran!«

Georg warf sich einen Mantel um, zündete eine Laterne an und trat vor die Tür. Draußen nahm er den Hund an die Leine, flüsterte ihm zu: »Such, Nero!«

Sofort warf sich der Hund in den Riemen und zog mit voller Gewalt in die Dunkelheit los. Nur mit Aufwendung aller Kraft konnte Georg den Hund bändigen, der immer wütender wurde.

Da glaubte er etwas Dunkles vor sich zu erblicken. Er hob die Laterne und sah einen Menschen. Noch ein paar Schritte näher und da ... stand Herr Alfred Forbin.

»Ah, guten Abend, Herr Forbin! Haben Sie sich verirrt ... oder wollten Sie mich wirklich so spät noch besuchen? Vielleicht gar mir ein neues, günstiges Angebot von den bewußten Pariser Leuten machen ... Einerlei! Bitte, kommen Sie mit.«

Es wäre zweifellos sehr interessant gewesen, das Gesicht Forbins in diesem Augenblick zu photographieren. Alle Ausdrücke des Schreckens, der Wut, der Scham, des Aergers waren in stärksten Farben darein gemalt. Doch als er in die Hütte kam, hatte er sich wieder völlig in der Gewalt. Gewohnt, aus allen Blüten Honig zu saugen, war er sogar in bester Laune, als er Marian begrüßte und mit guter Schauspielerkunst einen Wortschwall von Ausflug zur Hohen Alm ... in die Irre gelaufen und so weiter vom Stapel ließ.

Da es bei der starken Dunkelheit ausgeschlossen war, noch den Rückweg nach den Dorf anzutreten, wurde er aufgefordert, in der Hütte zu übernachten. Während Georg und Forbin am Tisch saßen und sich angeregt unterhielten, ging Marian in den Nebenraum. Als er nach einiger Zeit zurückkam, nickte er Georg zu.

»Ja, Herr Forbin, fürstliche Unterkunft können wir Ihnen leider nicht bieten«, sagte Georg. »Ich habe Ihnen drüben in unserem Labor ein notdürftiges Lager zurechtmachen lassen. Kommen sie bitte mit.«

Forbin freute sich innerlich wie ein Schneekönig, als er dies hörte. Ein Griff an seine rechte Hosentasche überzeugte ihn, daß die elektrische Taschenlaterne und der kleine Photoapparat vorhanden waren. »Müßte doch mit dem Teufel zugehen, wenn ich in dieser Nacht nicht allerhand erhaschte. Ich werde kein Auge zutun.« ... Daß über seinem Lager ein paar Drähte gespannt waren, beachtete er nicht weiter.———

Als Alfred Forbin am nächsten Morgen erwachte, glaubte er in seinem ganzen Leben nie so gut und fest geschlafen zu haben wie in dieser Nacht. Taschenlampe und Photoapparat waren gänzlich unbenutzt geblieben.—

Kaum, daß er außer Hörweite der Hütte war, brachen die beiden in unbändiges Gelächter aus.

»Der Scherz war wirklich hervorragend, Marian. Er entschädigt uns für die nächtliche Ruhestörung und dafür, daß immer einer von uns am Verstärker sitzen mußte, um Forbin in tiefen Schlaf zu wiegen und darin zu halten.« —

Mochten bei jenem rätselhaften Abenteuer Forbins auch anderen die Ohren geklungen haben? ... Herr Forestier und Frau Helene, die im Restaurant des Hotel Bristol in München saßen, unterbrachen ihr Gespräch über Erinnerungen an Monte Carlo ... Ob Forbin wohl die Hütte ausfindig gemacht habe, ob er nicht bald käme? dachten und fragten sie gleichzeitig. Forestier machte den Vorschlag, auf jeden Fall zu warten, bis Forbin käme. Er deutete auf die Umgebung.

»Gutes internationales Publikum hier im Hotel Bristol, meine Gnädige. Werden wir später etwas tanzen?«

Er schaute Helene mit verlangenden Blicken an. Die nickte, während ein ironisches Lächeln um ihre Lippen spielte. Dieser gute Forestier schien sich in der Rolle des Don Juan zu gefallen. Sie ließ einen mitleidigen Blick über das verlebte Gesicht, über die trotz aller Eleganz dürftige Gestalt des Südfranzosen gleiten. Ihre Augen gingen zu dem großen Pfeilerspiegel gegenüber.

Was der da im Reflex des tausendkerzigen Lüsters zurückwarf, ließ sie mit Wohlgefallen ihr eigenes Bild betrachten. Jung, schlank, hübsch, mit sehr regelmäßigen Zügen, konstatierte sie befriedigt. Das kastanienbraune Haar mit einem interessanten Schimmer ins Rötliche, die natürliche, liebenswürdige Anmut ihrer Erscheinung ...

Alles schon hinreichend, sich die Männer zu unterwerfen. Rechnete sie noch dazu, was in ihrem Inneren an geheimen Kräften, Künsten schlummerte, so ersehnte sie sich so manchmal in Gedanken einen Gegner stärksten Wesens, stärksten Widerstandes. Einen Mann, über den zu triumphieren höchste Genugtuung sein würde.——

Ein Herr, der im Hintergrund des Saales gesessen hatte, trat an ihren Tisch. Nach einer leichten Verbeugung gegen Helene streckte er Forestier die Hand entgegen.

»Ah, Herr Forestier! Sehr erfreut, Sie wiederzusehen. Wie geht es Ihnen?«

Forestier sprang auf, verneigte sich. »Gestatten Sie, meine gnädigste Frau Forbin, Ihnen Herrn Shugun aus Tokio vorzustellen. Würden gnädige Frau erlauben ...«

Eine Handbewegung Helenes. Mit einer dankenden Verbeugung nahm der Japaner Platz. Während Forestier und der Herr aus Tokio einige Bemerkungen austauschten, ließ Helene ihre Blicke prüfend über dessen Gesicht gehen.

Zunächst drohte ihre große Menschenkenntnis sie im Stich zu lassen. Hinter den gleichmäßig freundlichen Zügen des Japaners zu lesen schien ihr unmöglich. Doch je mehr sie sich in das fremde Gesicht vertiefte, desto mehr begann es sich ihr zu offenbaren. Das war kein Mann alltäglicher Art, bestimmt kein Gelehrter oder Kaufmann, wie sie nach Europa kamen. Vielleicht Militär oder Diplomat ... wahrscheinlich politischer Agent.

Jetzt wandte der sich zu ihr. Nach ein paar kurzen Worten schmeichelnder Höflichkeit begann er eine Unterhaltung, die Helene schnell fesselte. Sie hatte den wohl richtig taxiert. Ein geistreicher, kluger Kopf, beschlagen auf allen Gebieten gewandter europäischer Konversation. Helene erwies sich als ebenbürtige Gegnerin. In glänzendem, gewandtem Stil flogen die Bälle hinüber und herüber. Herr Forestier wußte selten etwas zu sagen.

Während der Kellner beschäftigt war, die Gedecke abzunehmen, benutzte der Japaner die Gelegenheit, mit einem Seitenblick auf Helene Forestier zuzuraunen: »Spricht die Dame Spanisch?« Der schüttelte den Kopf, antwortete dann auf mehrere Fragen des Japaners in spanischer Sprache.

Mein werter Forestier, das soll Ihnen nicht vergessen bleiben, dachte Helene, die ziemlich gut Spanisch verstand und jedes Wort gehört hatte. Also was sagten Sie zu Herrn Shugun? Die schöne Frau ist die Gattin eines zweifelhaften Subjektes, das sich ausschließlich mit Geschäften zweifelhaften Charakters befaßt ... gelegentlich gut zu brauchen ... zur Zeit in unseren Diensten? ... Wir werden gelegentlich darauf zurückkommen, mein lieber Forestier, dachte Helene, während sie ihm lächelnd das Glas entgegenhielt.

»Herr Shugun, würden Sie wohl die Liebenswürdigkeit haben, mir ein paar aufklärende Worte zu sagen? In der letzten Zeit sah ich wiederholt Zeitungen mit der schon jahrelang mißbrauchten Schlagzeile ›Wetterleuchten im Fernen Osten‹.«

»Ah, die Gnädige befaßt sich auch mit politischen Fragen?«

»Ich würde es gern, aber leider habe ich bisher kaum Gelegenheit dazu gehabt, mein Herr.«

In den Augen des Japaners blitzte es kurz auf. Vielleicht traf es sich günstig, daß Forestier in diesem Augenblick ans Telephon gerufen wurde und lange Zeit wegblieb. Als er wiederkam, hätte er bei etwas besserer Beobachtungsgabe wohl bemerken können, daß in dem Gespräch zwischen dem Japaner und Helene ein ernsterer Ton mitklang. Woraus er dann gewisse Schlüsse auf die Unterhaltung à deux hätte ziehen können.—

Als sie sich trennten, hörte Helene mit innerlicher Genugtuung, wie der Japaner zu dem Kellner sagte: »Wollen Sie bitte dem Geschäftsführer bestellen, ich bliebe noch einen Tag länger.«—

Frau Helene schlief in dieser Nacht weniger fest und gut als ihr Gatte auf dem Wilden Rain. Das Gespräch mit dem Japaner ging ihr nicht aus dem Kopf. Es waren angenehme Träume, die sie wachend umgaukelten, und sie empfand es als eine brutale Störung, als Alfred Forbin gegen Morgen in ihr Schlafzimmer trat und wütend seine Sachen wegschleuderte.

Nur mit halbem Ohr hörte sie den herausgesprudelten Bericht ihres Mannes über seinen Besuch auf der Alm. Horchte aber interessiert auf, als der von dem rätselhaften Festgebanntsein ... von der Unmöglichkeit, trotz stärkster Willensanstrengung zu fliehen, sprach. Dann aber lachte sie laut auf:

»Alfred, ich kenne dich ja gar nicht wieder. Was erzählst du da für törichtes Zeug! hätten wir Zeit, würde ich dir einen Aufenthalt bei Freuds Nachfolger empfehlen ... Verdrängte Komplexe, mein Teurer! Aber ich glaube dir wohl auch allein die Diagnose dieses Herrn für deine seelische Störung geben zu können. Er würde dir etwa sagen ...« Helene nahm dabei einen ironisch beschwörenden Ton an »... die Nacht ... ganz allein in einem unbekannten romantischen Gelände ... ein Licht blitzt auf ... ein Mann mit einem wütenden Hund an der Leine nähert sich ... das Oberbewußtsein verlangt gebieterisch Flucht. Das Unterbewußtsein sagt: Fliehst du, läßt der Mann den Hund frei. Der holt dich ein, fällt dich an, zerfleischt dich ... Der Instinkt ist stärker als der Wille ... Sie bleiben stehen, Herr Forbin. Eine ganz einfache Sache. Überlegen Sie alles noch einmal, Herr Forbin, und Sie werden mir recht geben.«

Alfred quittierte Helenes Scherz mit einem halben Lachen. »Weiß der Teufel, Helene! Du kannst wirklich allerhand ...«

»Sehr schmeichelhaft, mein lieber Alfred. Setz dich bitte in den Sessel und höre, was ich in deiner Abwesenheit so ›allerhand‹ gekonnt habe.«—

Als sie geendet, wirbelte Forbin der Kopf ... Geschäfte aller Art für eine gewisse Großmacht im Fernen Osten ... Pfunde, Dollars, Jens konnten auf der Straße liegen ... für den, der es verstand, sie aufzuheben.

Er warf Helene einen bewundernden Blick zu. Diese Frau!

Wirklich, sie war wert, in Gold gefaßt zu werden. Ihr kluger, jeder Situation gewachsener Geist, vereint mit allen Reizen einer schönen Frau ... welch kostbares Instrument! ... nein, welche Partnerin für ihn! Und wieder, wie schon so oft, ging es ihm durch den Kopf. Wie war es zu erklären, daß diese Frau schon jahrelang sein Leben teilte ... ein Leben, das durch alle Höhen und Niederungen menschlichen Daseins führte? ...

Was war eigentlich das Band, das sie mit ihm verknüpfte? ... Liebe? ... Nein! Wie oft war sie Männern begegnet, jung, schön, reich, die jederzeit bereit gewesen wären, ihr Schicksal mit dem Helenes zu verknüpfen. Doch nie hatte er auch nur mehr als eine freundliche Regung bei ihr bemerkt. Immer wieder kam er zu dem Schluß: ein Leben in ruhigen, geordneten Verhältnissen als Frau eines Millionärs konnte ihr nicht das bieten, wonach ihr Sinn ging, ihr Blut drängte ... sich mit Leib und Seele dem reizvollen Leben an der Seite eines Abenteurers hinzugeben.

Millionär? ... War er's nicht auch schon manchmal gewesen, wenn ihnen ein ganz großer Coup gelungen war? Doch wie lange hatte die Herrlichkeit immer gedauert? Gab es dann eine Fürstin, die fürstlicher auftreten konnte als Helene? Gab es dann eine Milliardärin, die mit so großzügiger Nonchalance mit vollen Händen Geld auszustreuen vermochte wie Helene?

Nie hatte er auch nur versucht, ihr hindernd entgegenzutreten. Hatte nur still zugesehen, wie sie das doch keineswegs leicht Erworbene in kurzer Zeit unter ihren Händen zerrinnen ließ. Mit fast ehrfürchtiger Bewunderung hatte er ihrem Treiben zugesehen, es geduldet ... Aber, wenn dann alles ausgegeben, Berge von Schulden gemacht waren, die Gläubiger ihnen auf den Fersen saßen, sie nicht wußten, wie sie am nächsten Tage satt werden sollten, niemals war dann ein Wort der Unzufriedenheit, der Klage über ihre Lippen gekommen.

Gleichmütig blieb sie ihrem Wesen getreu im wechselnden Schicksal der Tage. Nur einmal war ein Zerwürfnis zwischen ihnen entstanden, das fast zum Bruch geführt hätte. Als er nämlich zu einer Zeit, da sie gänzlich blank waren, beim Spiel mit ein paar reichen Engländern sich eines Kartenspiels bedient hatte, das fünf Könige enthielt. Er hatte deswegen bei Helene lange um Pardon bitten müssen.

Sein Blick umfaßte sie wie ein kostbares Juwel, wie sie so dalag, die klassisch schönen Arme über den Kopf zurückgeworfen, die Augen zur Decke gerichtet, die Lippen leicht geöffnet, das Bild einer ruhenden Dryade. Er stand auf und trat an ihr Lager heran. Behutsam fuhren seine Hände über die kühle, blendend weiße Haut ihrer Arme, wie wohl der Besitzer einer kostbaren Bronze in der Freude ihres Besitzes liebkosend darüberstreicht. Helene wandte den Kopf zu ihm und sah ihn mit leichtem Staunen an.

»Ah, mein Herr!? Was ist Ihnen?« kam es ironisch von ihren Lippen.

Forbin schüttelte den Kopf. »Nicht das, Helene! Nein, wie würde ich es wagen! Das nicht! Es war nur so ein momentanes Glücksgefühl. Das Glück, dich zu haben. Zusammen mit dir auf neuen Jagdgründen, die neue lohnende und interessante Möglichkeilen bieten, zu pirschen.«

Helene verbarg ihr Gähnen hinter der Hand und nickte gleichgültig. Richtete sich dann auf und wandte sich ihm zu.

»Du bist doch hoffentlich von deinen Halluzinationen endgültig geheilt, Alfred? Ich habe mir die Sache eben noch mal genau durch den Kopf gehen lassen und finde beim besten Willen keine andere Erklärung, als ich sie dir vorher gegeben habe. Denn an etwas anderes Übersinnliches ... Übernatürliches zu denken, wäre doch wirklich verrückt. Aber es ist Zeit, sich fertigzumachen. Herr Shugun wird pünktlich sein.«—

Es war eine angeregte, inhaltreiche, interessante Unterhaltung zwischen dem Japaner und dem Ehepaar Forbin. Während nach Schluß der Mahlzeit Herr Shugun und Frau Helene noch am Tisch sitzenblieben, entfernte sich Alfred Forbin, um nach kurzer Zeit im Reiseanzug und mit einigem Gepäck wieder zu erscheinen. Nach kurzer Verabschiedung fuhr er zum Bahnhof, um einen Zug nach Norddeutschland zu besteigen. In Kiel gedachte er einige Käufe in Altmetall aus früheren deutschen Marinebeständen zu tätigen.

Herr Shugun setzte seine Unterredung mit Frau Helene noch lange fort. Als er sich empfahl, tat er es mit gemischten Gefühlen ... Bedauern ... Bewunderung. Bedauernd hatte er einsehen müssen, daß alle seine lockendsten Versuche einer persönlichen Annäherung mit einem leichten Schatten, den Frau Helene über ihr Gesicht gleiten ließ, erledigt wurden, bewundernd hatte er immer wieder ihren Geist, den Geist eines brillanten Diplomaten, feststellen müssen.

Helene nahm aus dieser Unterredung eine Fülle prickelnder Gedanken und vielversprechender Ideen mit. Am nächsten Tag fuhr sie in Begleitung des Herrn Shugun nach Paris.

* * *

Es war die Nacht »Buddhas Erleuchtung«. Sinnend ging der Abt von Gartok in seinem Gemach hin und her. In seiner Hand knitterte ein Zeitungsblatt. Es war eine indische Zeitung, die der Postreiter mitgebracht hatte. Die Nachricht darin, welche den Abt so nachdenklich gemacht hatte, bestand nur aus wenigen Worten. Sie lautete: »Sir Reginald Wegg ist zum Gouverneur von Singapore ernannt worden.«

Turi Chan kannte Reginald Wegg von Eton und Oxford her sehr gut. Jahrelang hatten sie dieselben Colleges besucht. Schon als Schüler durch hervorragende Leistungen ausgezeichnet, hatte Reginald Wegg später viele wichtige Posten im englischen Kolonialreich bekleidet. Er galt als Mann von rücksichtsloser Entschlossenheit und Tatkraft. Wenn man ihn in Downing Street für Singapore bestimmt hatte, so mochte man wohl seine besonderen Gründe dafür haben. Singapore, der beherrschende Punkt der ostwestlichen Verbindung Australiens mit dem Mutterland, war im Lauf der Jahre zu einer Seefestung ersten Ranges ausgebaut worden. Es war der Schlüsselpunkt der englischen Vormachtstellung im Osten. Wenn jetzt Reginald Wegg ...

Die Gedanken des Abtes wanderten zurück in seine Jugendzeit ... nach England, dem Lande seiner Mutter, in dem er die erste Hälfte seines Lebens verbracht hatte. Zurück in die Zeit, da er als Weißer unter Weißen westliche Erziehung und Bildung genoß, als Weißer unter Weißen fühlte ... Das Zukunftsbild, das er sich damals erträumte, unterschied sich in nichts von dem, was seine Kameraden erdachten, erstrebten. Alle seine Gefühle gingen zur westlichen Kultur, zu westlichen Menschen ... Alle ... auch sein Herz neigte einer Westländerin zu ... der schönen blonden Evelyne ... Auf dem Ball des Königs ... geblendet, hingerissen von ihren verführerischen Reizen, offenbarte er ihr sein Herz ... und dann—daß er nicht in Qual und Scham verging!—ihre spöttische Antwort: »Ich, die Tochter Sir Harrods und ... ein gentleman of no good blood? ... wohl ein Irrtum ... ein unverständlicher Scherz ...«

Das ihm! ... Ihm, aus dem Geschlechte Batu Chans, des großen Feldherrn Dschingis Chans! ... Noch immer klang ihm im Ohr das Gelächter der Gäste ... Reginald Weggs ... der hatte später Evelyne Harrod heimgeführt.

Der Abt ging zum Fenster, riß es auf, sog gierig die frische Luft in die hoch gehende Brust. Da fiel sein Blick auf die spiegelnden Scheiben. Was er da sah ... sein Gesicht, verzerrt von Haß und Wut ... er erschrak vor sich selbst. Vor dem Buddhabild in seinem Gemach warf er sich nieder, rang mit sich in langem Gebet.—

Als er sich wieder erhob war sein Gesicht wie aus Stein gehauen, die Augen wie früher kalt und hart. Er griff nach dem Zeitungsblatt. Die politischen Nachrichten bestätigten, wenn auch stark verklausuliert, was er schon wußte. Die Lage im Osten war und blieb gespannt trotz aller offiziösen Erklärungen. Alle Beteiligten setzten insgeheim ihre Rüstungen fort.

Ein Mann! ... Ein Fi ihrer, der es verstand, sein Volk zu entflammen, alle Kräfte der gelben Rasse zusammenzuraffen, und der Krieg war da.

Der Mann! Der Führe?! Hatte die gelbe Rasse wirklich keinen Kopf, der die Gunst der Lage richtig erkannte, der energisch genug war, die Beantwortung auf sich zu nehmen? ... Mit vielen bedeutenden Männern Japans, Chinas, stand Turi Chan in regem Meinungsaustausch. Immer wieder hatte er diese Frage gestellt, nie die Antwort bekommen, die er suchte.—

Die Strahlen der Morgensonne mischten sich mit dem Licht, das aus des Abtes Zelle drang. Ein Dröhnen des Klopfers am Tor der Klostermauer riß ihn aus seinem Sinnen. Er trat an das Fenster und schaute hinunter.

Von Sifan geleitet kam ein Pilger über den Hof und wurde zum Gästehaus geführt. Der Abt öffnete das Fenster und hieß den Mönch zu ihm kommen.

»Wer schickt dich? Wen brachtest du?«

Sifan verneigte sich. »Der Abt von Tschaidam, Ehrwürdiger, gab mir den Befehl, den Pilger hierherzugeleiten.«

Turi Chan fragte erstaunt: »Wer ist der Pilger? Woher kommt er?«

»Aus dem Lande des Sonnenaufganges kommt er.«

In den Augen des Abtes zuckte es. Ein Pilger aus Japan? ... Selten, daß sich einer auf so weite Fahrt begab. Wer war's? ... Kein gewöhnlicher Mann konnte es sein, wenn der Abt Tschu Tschi ihm einen Mönch als Führer mitgab.

»Du kannst gehen. Sorge für den fremden Gast. Wenn er sich erfrischt hat, führe ihn zu mir.«

Sifan war gegangen. Der Abt schritt unruhig auf und ab. Seine Ungeduld wuchs immer mehr.—

Die Tür des Gästehauses öffnete sich. Sifan kam mit dem Fremden über den Hof und führte ihn in das Gemach des Abtes. Der Pilger warf sich vor dem Bilde Buddhas nieder, verharrte in kurzem Gebet. Neigte dann segenheischend das Knie vor dem Abt. In dessen Geist kreuzten sich blitzschnell tausend Gedanken, Erinnerungen. Dieser Kopf, diese Züge, wo hatte er sie schon gesehen?

»Jemitsu?« kam es leise zweifelnd aus seinem Munde. »Bist du es?«

Der hob den Kopf. »Ich bin es, Ehrwürdiger.«

»Du bist mir willkommen, Jemitsu. Was treibt dich zu solcher weiten Fahrt?« fragte Turi Chan stockend. »Mein Geist ist krank in schwärenden Zweifeln, ehrwürdiger Vater. Man schied mich aus, bannte mich, weil ich zu Taten rief, nach denen mein Herz schreit. Ich will hier mich kasteien und ringen um Erleuchtung, und du, ehrwürdiger Vater, magst mir deinen erleuchteten Geist leihen, daß es mir gelingen möchte, die Probe vor den Göttern zu bestehen.«—

Lange blieben sie zusammen. Immer wieder warfen sie sich vor dem Buddhabild nieder, rangen in heißen Gebeten—und die Himmlischen schienen ihrem Flehen Gehör zu geben. Immer heller, stärker wurde ihr Geist. Immer mehr festigte sich in ihnen die Erkenntnis: es ist der Wille der Götter, die große Tat muß gewagt werden, sie wird gelingen.—

Stumm, erhobenen Hauptes, standen sie sich gegenüber, die Augen leuchtend in der Gewißheit des göttlichen Beistandes. Die Sonne ging unter, da begaben sie sich zur Ruhe.—

Der nächste Morgen sah sie im Gemach des Abtes in eifrigem Gespräch.

»Da ich die Erleuchtung gefunden habe, Turi Chan, will ich den schweren Weg gehen. Ich will zurückkehren in die Heimat, will kämpfen und leiden, daß ich sie aufrüttele, die Trägen, daß ich sie zwinge, die Blinden, die Widerstrebenden, eins zu werden mit mir, zu handeln, wie es die Götter wollen.«

»Nun, da ich sehe, daß du noch immer fest in deinem Glauben bist und entschlossen, nach dem Willen der himmlischen Mächte zu handeln, will ich dir mein großes Geheimnis enthüllen. Ich verschwieg es dir bisher, denn niemals solltest du später glauben, erst seine Kenntnis hätte dich zur Tat getrieben.«

Der Abt ging zu einem Schrank, nahm ein Buch heraus und legte es neben sich. Begann dann zu sprechen.

»In Irkutsk lebte ein deutschbaltischer Gelehrter, Algermissen. Er war überzeugt, daß das denkende menschliche Gehirn nichts anderes sei als ein elektrischer Sender, das mitfühlende Gehirn nichts anderes als ein elektrischer Empfänger. Viele Jahre arbeitete er daran, die natürliche Gedankenübertragung, wie sie wohl die meisten Menschen gelegentlich erleben, mit chemischen und physikalischen Mitteln zu verbessern.«

»Ich weiß, Turi Chan, daß die heiligen Lamas in deinem Lande die Kunst der natürlichen Gedankenübertragung üben und sogar weithin ihre Botschaften und Befehle senden. Auf dem Winde, wie ihr es nennt. Was du da sagst von diesem Gelehrten, der es verstanden haben soll, künstlich die Fähigkeiten zu erzeugen, setzt mich in Erstaunen.«

»Und doch ist es so, Jemitsu. Jene Gabe der heiligen Lamas ist nur wenigen gegeben und die Übertragung der Gedanken untereinander ist nur Eingeweihten möglich. Allgermissen aber hat viel Größeres erstrebt und erreicht. Und nicht genug damit. Größtes, höchstes Ziel hatte er vor Augen. Die ganze Menschheit wollte er sich untertänig machen durch seinen Willen. Da traten die Himmlischen schützend vor ihre Geschöpfe, straften den allzu Kühnen mit Wahnsinn, mit Tod.

Noch lange bin ich nicht in die letzten Tiefen seiner Erkenntnis eingedrungen. Aber selbst das Wenige, was ich jetzt schon habe, ist groß und gewaltig. Allgermissen fand seltene Gifte der Natur, welche die wunderbare Eigenschaft besitzen, die Wellenstrahlung des denkenden Gehirns zu vertausendfachen und ebenso seine Empfänglichkeit für fremde Wellen zu verstärken. Er muß Ähnliches auch auf anderem Wege gekonnt haben. Doch darüber läßt sich aus seinen Aufzeichnungen kaum noch Genaueres ersehen. Die Schrift ist durch eingedrungenes Wasser fast völlig zerstört. Nach langen Mühen habe ich es erreicht, mir einiges von der Kunst des Toten anzueignen. Ich habe diese zauberischen Pflanzengifte nach seinen Anweisungen dargestellt ...«

Er stand auf, brachte aus dem Schrank zwei Kristallbüchsen, die weißes Pulver enthielten, und stellte sie auf den Tisch.

»Hier sind sie, Jemitsu. Ein Geringes davon in ein Getränk getan, hat die wunderbare Wirkung.«

»Was du da sprichst, Turi Chan ... spräche es ein anderer, ich würde ihn für sinnverwirrt halten. Doch ehe du fortfährst, eine Frage ... Wie kommst du zu diesen Aufzeichnungen?«

Der Abt berichtete, wie das Vermächtnis Allgermissens durch dessen Tochter in das Kloster gebracht wurde ... Wie er die Aufzeichnungen fand und vor der Vernichtung rettete. Wie damals Sifan-Arngrim viele Tage mit dem Tode rang.

»Lange kämpfte ich mit mir, was ich tun solle. Bat die Himmlischen um Erleuchtung. Immer wieder sagte ich mir: ›Göttliche Fügung hat dir diese Aufzeichnungen in die Hand gegeben. Dein sollen sie sein!‹ Nun sage du, Jemitsu, war es recht, daß ich sie für mich ... für uns behielt?«

»Du sagtest es, Turi Chan. Göttliche Fügung gab sie dir. Dein sollen sie bleiben ... für uns sollen sie wirken.«

»Doch daß nie dich der geringste Zweifel befällt, Jemitsu, will ich dir die Kraft des Zaubermittels beweisen.«

Der Abt trug die Kristallbüchsen und das Buch zum Schrank zurück und klatschte in die Hände. Ein Mönch erschien.

»Bruder Sifan möge kommen!«—

Der trat ein. Der Abt lud ihn zum Sitzen ein.

»Höre, Sifan! Ich weiß, du bist der russischen Sprache mächtig. Fühlst du dich stark genug, weithin eine Reise zu machen nach Norden, nach Irkutsk?«

Der Mönch verneigte sich.

»Es gärt dort unter unseren Stammes- und Glaubensbrüdern, die von den Russen bedrückt werden. Mato Chan, der Befehlshaber der mongolischen Reiter, gehört zum Stabe des Gouverneurs. Er berichtet nach Lhasa über die russischen Pläne. Du wirst im Kloster Dazan beim Chambo Lama Aufnahme finden. Von dort wirst du die Berichte Mato Chans weitergeben ... auch zu mir«, setzte er nach einer Pause hinzu.

Während der Abt sprach, war ein dienender Bruder eingetreten, der eine Kanne mit Tee und drei Becher auf einen Tisch neben der Tür stellte und die Becher füllte. Turi Chan hatte geendet. Jemitsu sprach mit Sifan über den Weg nach Norden. Der Abt ging zum Schrank, barg eine der beiden Kristallbüchsen in seiner Hand und verschloß ihn wieder. Hinter dem Rücken Sifans und Jemitsus tat er etwas aus der Büchse in einen der Becher und stellte die Becher dann so auf den Tisch, daß vor Sifan der zu stehen kam, in den er das Pulver getan hatte.

Während sie noch weiter über Sifans Reise sprachen, tranken sie den Tee. Dann sagte der Abt: »Übermorgen, Sifan, wirst du deine Reise antreten. Mögen die Götter dir zur Seite stehen! Du kannst dich schon heut zur Reise rüsten.«

Sifan war gegangen. Der Abt und Jemitsu überlegten, wie sie die Wirkung des Pulvers erproben könnten.

»Der Mönch, den ich wählte, der Bruder Sifan, ist ein Mensch von besonderer Art. Die Kraft seines Willens ist groß. Er vermag es, andere, schwächere, dem Zwange seines Willens zu beugen, sie sich untertänig, gehorsam zu machen bis zur Selbstvernichtung. Wenn ich ihn jetzt zwinge zu tun, was du willst, so beachte, daß du ihm nicht Aufgaben ungewöhnlicher Art stellst. Sonst würde er, wenn er sich später an das erinnert, was er durch unseren Willen getan hat, mißtrauisch werden.«

Der Abt tat von dem Pulver der anderen Kristallbüchse in seinen Becher und trank ihn aus. Nach einer kurzen Weile sagte er: »Jetzt sprich, was du von ihm zu sehen wünschest.«

Jemitsu überlegte kurz und sprach dann zum Abt: »Der Bruder Sifan soll auf den Hof kommen.«

Turi Chan schloß kurz die Augen, dachte angestrengt den Befehl. —

Bald darauf trat Sifan aus dem Klostergebäude und ging über den weiten Hof.

Wieder sprach Jemitsu zum Abt: »Er soll jenen Karren in den Schuppen schieben.« Im selben Augenblick griff Sifan den Karren und schob ihn unter ein Dach. Turi Chan schaute Jemitsu lächelnd an. Der nickte, seine Augen strahlten in sinnendem Glanz. Noch einige Male sprach er zu Turi Chan, worauf dann Sifan des Abtes Befehle ausführte. Es betraf immer gewöhnliche, einfache Dinge, wie sie das Leben der Mönche in Kloster mit sich bringt.—

Jemitsu schloß den Abt in die Arme.

»Das alles grenzt an das Wunderbare, Turi Chan! Daß du bereit bist, mir deine Zauberkraft zu leihen, mir im Kampf um die Seele der gelben Rasse zur Seite zu stehen, dafür will ich dir ewig danken. Diese Kunst, von den Himmlischen in unsere Hände gegeben, soll uns helfen, den Sieg über die Weißen zu erringen, neues Siedlungsland für unsere Völker zu bereiten. Schon während du mich eben die Proben deiner Kraft sehen ließest, dachte ich an die vielen Möglichkeiten, sie anzuwenden ... bei Freund und bei Feind.

Wenn ich je Zweifel hatte ob ich recht täte, ob uns der Sieg sicher sein würde, jetzt sind sie verschwunden.«—

Turi Chan und Jemitsu wollten das Kloster verlassen. Mit gedämpfter Stimme sprachen sie davon, sich draußen an einsamem Platz über alle die Möglichkeiten zu unterhalten, die sich ihnen zur Ausführung ihrer Pläne boten, damit kein unberufenes Ohr auch nur ein Wort davon vernähme. Als sie sich dem Tor näherten, hatte der Pförtner es eben weit geöffnet. Eine große Schar von Pilgern drängte hindurch. Müde und hungrig strömten sie über den Hof.

Der Abt runzelte die Stirn und wandte sich zu Jemitsu:

»Du siehst, ich muß hierbleiben. Sie kommen von weit her, suchen Genesung von Krankheiten, Trost in ihren Zweifeln und Leiden ... und es sind auch häufig wohlhabende Leute dabei, die dem Kloster reiche Spenden geben. Ich muß dich allein lassen. Du wirst in dieser Zeit überdenken, was von uns ... von dir in nächster Zeit getan werden muß. Morgen früh werden wir uns wiedersehen, zusammen Rats pflegen und unsere letzten Entschlüsse fassen.« —

Der nächste Morgen kam, Jemitsu und Turi Chan hatten das Kloster verlassen.—Schlaflos, in grübelndem Nachdenken hatte Sifan die Nacht verbracht. So manches, was er gestern tun wollte, war ungetan geblieben ... Sein Karren war wieder unter das Schuppendach geschoben ... und er selbst hatte das getan ... Warum? ... Er hatte ihn doch kurz vorher auf den Hof geschafft, um dem Einsiedler da oben in den Bergen neue Lebensmittel zu bringen. Wie war er dazu gekommen, das zu unterlassen? ... Was hatte er statt dessen getan? ...

Immer wieder, wenn er an das alles zurückdachte, verwirrten sich seine Gedanken ... Was war das gestern in dem Gemach des Abtes? Im Spiegel der Scheibe hatte er doch gesehen, wie der in einen der drei Becher aus einer Kristallflasche ein Pulver schüttete ... ihm dann den Becher vorsetzte. Was sollte das bedeuten? Was war das für ein Pulver gewesen? Ein Rauschmittel? ... Ein Betäubungsmittel? ...

Ein Hirte kam und brachte Botschaft des Abtes an den Pförtner. Man solle ihm die bunte Karte, die auf seinem Tischchen läge, hinausbringen zu dem Felsen der Einsamkeit. Der Pförtner wandte sich an Sifan, der in Betrachtungen versunken neben dem Tore saß und hieß ihn des Abtes Befehl zu erfüllen.

Der ging in das Abtzimmer, griff die Karte und reichte sie dem Hirten durchs Fenster. Wandte sich dann zurück. Sein Blick hing an dem Schrank, aus dem der Abt die Kristallflasche genommen hatte, wanderte von da zu dem Buddhabild über dem Altar. Dorthin hatte Turi Chan den Schlüssel gelegt. Er trat näher an das Bild heran und sah den Schlüssel liegen.

Sollte, durfte er es wagen, den Schlüssel, der Buddhas Schutz anvertraut war, zu nehmen? Wider Recht und Gehorsam den Schrank zu öffnen? Seine Blicke gingen unruhig zwischen dem Schlüssel und dem Schrank hin und her. Es war ihm, als ob Stimmen ihm aus dem Schrank entgegentönten ... verführerisch lockend, gebieterisch ...

Langsam streckte sich seine Hand aus und faßte den Schlüssel. Einen Augenblick war's ihm, als griffe er glühendes Eisen. Dann ging er schnell zu dem Schrank und schloß ihn auf.

Das erste, was ihm ins Auge fiel, waren zwei Kristallbüchsen von verschiedener Form, in beiden weißes Pulver. Die breite, kantige war's gewesen, die der Abt herausgenommen hatte. Sifan öffnete sie nahm etwas von dem Pulver und steckte es zu sich. Ebenso tat er mit der anderen Büchse. Er wollte den Schrank schließen, da fiel sein Blick auf ein Blechkästchen.

Wie kam dieses einfache, dürftige Stück in das Gemach des Abtes, wo —sein Blick ging über das Zimmer—alle Gegenstände in schwerem, kostbarem Metall ausgeführt waren? ... Da schrie es in ihm: Allgermissens Vermächtnis! Seine Hand ging danach ... Was tust du? rief es in seinem Inneren. Unwillkürlich zuckte die Hand zurück ... griff wieder zu. Er hatte das Kästchen, schlug den Deckel zurück.

Ein Zittern ging durch die Gestalt des Mönches. Seine Augen starrten auf das Papier, das da lag: »An Rochus Arngrim.«

In rasender Geschwindigkeit überflog er die Zeilen des Briefes. Seine Finger tasteten weiter, ergriffen das Bändchen, blätterten darin. Wo er hinblickte, die vertrauten Schriftzüge Allgermissens. Sein Hirn arbeitete mit äußerster Anstrengung, in kürzester Zeit zu erfassen, was da drin stand. —

Da dröhnte der Schlag des großen Gongs über den Hof. Er schreckte zusammen, wie einer, der beim Diebstahl ertappt wird, warf alles schnell in das Kästchen zurück und verschloß den Schrank. Wie trunken eilte er hinaus.

Das Kästchen! ... Der hat es! ... Mein Eigentum! Betäubt von der Überraschung, von der Flut der tausend Gedanken, die sein Hirn kreuzten, erreichte er seine Zelle und warf sich auf sein Lager nieder. Doch kaum, daß er sich hingelegt, sprang er wieder auf. Seine Hand glitt in die Tasche.

Dies Pulver war es, was der Abt ihm in den Tee geschüttet hatte. Er roch daran, kostete es mit der Zunge. In der kurzen Zeit, in der er in Allgermissens Aufzeichnungen geblättert hatte, war ihm einiges im Gedächtnis haften geblieben ... Empfangsverstärkung durch das Pulver ... bei Nahentfernung Verstärkung des Senders nicht nötig ... Sender- und Empfängerverstärkung zur Fernübertragung ...

Er hatte beide Pulver. Wozu lange überlegen? Eine Probe war ja leicht zu machen. Er schüttete von jenem Pulver, das der Abt ihm am Tage vorher in den Tee gemischt hatte, etwas in einen Becher Wasser und trank ihn aus. Dann legte er sich auf sein Lager zurück und wartete gespannt.

Nach einer Weile, in der er sich bemühte, eigene Gedanken gänzlich auszuschalten, begann es in seinem Kopf zu klingen und zu hallen. Viele Stimmen drangen zu ihm ... jetzt unterschied er deutlich die Stimme des stummen Mönchs, der in der Zelle neben ihm auf dem Krankenbett lag ... Da plötzlich ... fast dröhnte es ihm im Hirn ... die Stimme des Abtes ...

Er wußte, der war mit seinem Gast aus dem Kloster gegangen, saß in diesem Augenblick mit dem am Felsen der Einsamkeit weit weg vom Kloster ... Was dachte dessen Hirn, was strahlte es ins Weite ... hierher bis zu ihm? Ganz unverständlich, unerklärlich schien es ihm zunächst. Endlich hatte er den Sinn erfaßt. Der Abt erprobte mit Jemitsu die Wirkung des Pulvers, das die Sendeenergie verstärkte. Mit Gewalt mußte Sifan sich zurückhalten, um nicht auch den Befehlen des Abtes an Jemitsu zu folgen, die zu ihm drangen.

Jetzt hörte er nichts mehr. Dann leise, kaum verständlich vernahm er die Stimme des Abtes. Was sprach der mit Jemitsu? Die Worte waren schwer zu deuten, denn nur des Abtes Stimme, nicht die Jemitsus hörte er. Lange lag Sifan in zermürbendem Mühen, den Inhalt dieser Unterredung zu verstehen.

Nun eine lange Pause, Jemitsu mochte wohl sprechen. Jetzt wieder die Stimme des Abtes. Und jetzt, wo der allein sprach, verstand Sifan auch den Sinn dessen, was die da draußen verhandelten ... zurück nach Tokio fahren ... die Regierung, die Minister ... deine geistigen Sklaven ... alles werden sie tun, was du willst. Der große Plan ausgeführt nach göttlichem Willen durch Jemitsu, den Diener der Götter ... die Herrschaft der Angelsachsen gestürzt ... Länder und Meere frei für die Söhne der aufgehenden Sonne ... Australien das letzte Ziel. Die weiten menschenarmen, menschenleeren Gebiete Neuland für Millionen fleißiger Menschen gelber Rasse ... die tausend Inseln mit den überalterten, aussterbenden farbigen Völkern bieten weitere Niederlassungen für viele Hunderttausende der Söhne des großen Nippon ...

Wieder nach einer Pause klang Turi Chans Stimme. »Wir werden nach Peking fliegen, wo viele große, einflußreiche Männer schon längst unseren Plänen geneigt sind. Die anderen, die widerstreben, sich für Geld den Weißen verkauft haben, werde ich zwingen. Und dann nach Japan, deiner Heimat! Wir haben die Mittel, die Lauen und Feigen zu ermutigen, zu begeistern, das ganze Volk mit uns zu reißen, Männer zu schaffen, die Taten vollbringen. Dann werde ich zu den Ländern der sinkenden Sonne reisen und dort das Meinige tun.« —

Turi Chan und Jemitsu waren ins Kloster zurückgekommen. Der Abt ging in sein Gemach und zog die Karte hervor. Sie zeigte Japan und die umliegenden Meere und Länder. An verschiedenen Stellen waren farbige Punkte eingezeichnet. Er nahm den Schlüssel zum Wandschrank, schloß ihn auf und legte die Karte hinein. Da fiel sein Blick auf das Blechkästchen. Am Rande sah ein Stück Papier heraus. Unruhig, argwöhnisch öffnete er das Kästchen. Der Brief Allgermissens lag wie immer obenauf, doch war er so unordentlich gelegt, daß er sich im Rand des Deckels eingeklemmt hatte. Ein weiterer Blick auf die Kristallbüchsen, und Turi Chan war sofort überzeugt, daß fremde Hand sich an deren Inhalt zu schaffen gemacht hatte.

Er öffnete das Fenster, rief den Pförtner, sprach mit ihm. Dann gab er einem vorübergehenden Mönch den Auftrag, sofort den Pilger aus Japan zu ihm zu bitten.

Als Jemitsu eintrat, fand er Turi Chan in höchster Erregung. Das Gesicht erblaßt, in den dunklen Augen glommen rötlich-gelbe Flecke wie Feuerfunken. Er vergaß, Jemitsu zum Sitzen einzuladen, sprach hastig auf ihn ein:

»Wir sind verraten, Jemitsu! Der Mönch aus dem Lande des Sonnenunterganges, Sifan, ist, während wir fort waren, in diesem Raum gewesen. Er gab, wie der Pförtner sagte, dem Boten die Karte. Er hat es gewagt, was keiner unseres Blutes wagen würde, den Schlüssel aus dem heiligen Schoß Buddhas zu nehmen und diesen Schrank aufzuschließen.«

Jemitsu fuhr zurück. »Bist du sicher, ganz sicher, Turi Chan?«

»Ich bin es. Er hat das Blechkästchen geöffnet und weiß, was darin ist. Er hat auch von dem Inhalt dieser Büchsen genommen.«

»Du meinst? ... Du fürchtest? ...«

»Ich fürchte es. Zu kurze Zeit ist, an den Jahren gemessen, Sifan hier, um eins zu werden mit uns und unserem Fühlen und Denken, um zu vergessen, wes Blutes und Stammes er ist.«

»Was wirst du tun, Turi Chan? Unmöglich, daß ...«

»Du sagst es Jemitsu. Unmöglich, daß der Mann noch länger lebt.«

»Wo ist Sifan?« drängte Jemitsu, »ist er geflohen?«

»Nein, Jemitsu. Er hat vor einer Stunde, wie ihm geheißen, den Weg nach Norden angetreten, nach Irkutsk. Wie lange er beabsichtigt ihn zu verfolgen, weiß ich nicht. Ich weiß nur, daß er am Ende seiner Straße angekommen ist. In dieser Nacht noch soll es geschehen ...«

Der Abt ging hinaus, trat aus der Klosterpforte und schlug den Weg zum Dorfe ein, das ein Stück weiter flußabwärts lag. Nach einer Weile kam er zurück.

»Wir können beruhigt abreisen, Jemitsu ... morgen früh wird außer uns beiden niemand mehr um das Vermächtnis Allgermissens wissen.«


4. Kapitel.

»Gott sei Dank, daß du aus dieser Geschichte 'raus bist, Alfred.«

Das Ehepaar Forbin ging den Seitengang im D-Zug Paris—Brüssel entlang zum Speisewagen. An einem Tisch, an dem nur ein einzelner Herr saß, nahmen sie Platz. Immer gewohnt, vorsichtig zu sein, warteten sie, bis der Herr mit dem Kellner einige Worte gewechselt hatte. Ihr geübtes Ohr las aus dem Tonfall, der Sprechweise mit Sicherheit die Nationalität heraus. Der andere Herr sprach das Französisch, in dem er mit dem Kellner verhandelte, mit so reinem Pariser Akzent, daß ihnen ein Zweifel nicht möglich schien. Sie führten ihre Unterhaltung deshalb in deutscher Sprache.

»Du hast recht, Helene. Es war von vornherein falsch, daß wir uns auf diese Astenryksche Sache eingelassen haben.« Er sah dabei zu dem Kellner hin, der servierte. Sonst hätte er bemerken können, daß die Augen des Dritten sich bei dem Namen »Astenryk« interessiert auf ihn hefteten. »Der gute Forestier ...« fuhr er fort, da ließ ihn ein warnender Blick Helenes verstummen. Gleichzeitig wandte diese sich an den Fremden und bat ihn in deutscher Sprache um die Speisekarte, die unter seinem Gedeck lag.

Der Herr unterdrückte noch im letzten Augenblick eine Bewegung nach der Karte und gab in französischer Sprache seinem Bedauern Ausdruck, nicht zu verstehen, was die gnädige Frau wünsche. Er spreche nicht Flämisch.

»Verzeihung, mein Herr, ich bat Sie um die Speisekarte«, sagte Helene jetzt auf französisch. »Übrigens«, setzte sie lächelnd hinzu, »sprach ich eben deutsch. Wir sind Deutsche.«

Mit einer Verbeugung reichte ihr Nachbar ihr die Karte und wandte sich wieder seiner Zeitung zu.

»Forestier«, nahm Forbin seine unterbrochene Rede wieder auf, »hat anscheinend die Zeit seit dem Ruhreinbruch verschlafen. Er denkt, mit den Methoden von damals auch heute noch arbeiten zu können. Wenn er seine verrückte Idee wirklich durchführt, dürfte es einen schönen Krach geben. Ich sehe schon, wie die Pariser Herren—Minister Duroy nicht zu vergessen —beschwörend die Hände emporheben und sagen, sie wüßten von gar nichts, sie verurteilten Herrn Forestier aufs schärfste. Aber das wäre schließlich noch nicht das Schlimmste, wenn Forestier seinen Zweck wirklich erreicht. Was schadet es, wenn das schon immer trübe Verhältnis Berlin-Paris noch um eine Nuance trüber wird.«

»Nun erzähl doch endlich, Alfred! Solange wir bei Anne im Abteil saßen, durften wir über die Sachen nicht reden. Was will denn Forestier eigentlich machen? Will er Georg samt seinem Laboratorium nach Frankreich entführen?«

»Daran denkt er nicht, Helene. Sie werden es geschickter machen. Sie werden ihn einfach in seiner Almhütte überfallen und in der Nacht über die italienische Grenze bringen. Dort wird er an einer passenden Stelle ohne Paß ausgesetzt, während sie zurückfahren. Ein tüchtiger Ätherrausch wird den guten Georg in tiefem Schlaf halten.

Außerdem haben sie noch ein besonderes Stückchen präpariert. Forestier hat sich ein paar Pläne von oberitalienischen Befestigungen zu verschaffen gewußt. Die werden Georg, ehe sie fortfahren, in die Tasche praktiziert. Na, das Weitere kannst du dir ja denken. Jedenfalls gewinnen Forestier und seine Hinterleute Zeit, während Georg in irgendeinem Prison steckt, um in aller Ruhe seine Arbeiten in Augenschein zu nehmen und sich in jeder Weise über den Gang seines Verfahrens—schriftliche Aufzeichnungen werden ja auch da sein—vollständig zu unterrichten. Ist an den Versuchen Georgs wirklich was dran, so wird es nicht lange dauern, dann werden die ersten französischen Patente herauskommen.«

Helene sah mit gerunzelten Brauen durchs Fenster.

»Der Plan an sich«, meinte sie leise, »ist nicht übel. Daß er sich aber gegen Georg Astenryk, unseren zukünftigen Schwager, richtet, gefällt mir gar nicht. Das ist scheußlich. Wie gesagt, es war die höchste Zeit, daß du dich aus dieser Sache zurückzogst. Das hätte für uns zu nichts Gutem geführt. Wann soll es denn geschehen?«

Forbin zackte die Achseln. »In den nächsten Tagen wahrscheinlich. Sobald ich Forestier gesagt hatte, daß ich mich an dieser Affäre auf keinen Fall beteiligen würde, wurde er sehr zugeknöpft. Er nahm mir die Sache höllisch übel. Aber ich gab ihm einige Beruhigungspillen und sorgte dafür, daß das Band zwischen mir und Paris nicht ganz zerschnitten wurde. Man kann nie wissen, ob man diese Verbindung nicht noch mal braucht.«

»Hoffentlich treffen wir in Brüssel sofort Mr. Shugun. Es ist selbstverständlich, daß er durch uns mit Baron de Castillac bekannt gemacht wird. Du mußt nur darauf achten, dich von Castillac nicht beiseite drängen zu lassen. Was ich tun konnte, habe ich getan. Jetzt ist es deine Sache, dich bei Shugun und Castillac unentbehrlich zu machen.«—

Sie hatten gegessen. Forbin stand auf. »Soll ich dir jetzt Anne schicken oder gehst du mit ins Abteil zurück? Sie wird auch Hunger haben.«

»Ich gehe mit. Anne kann allein hierherkommen und essen.«

Die beiden standen auf und gingen in ihren Wagen zurück. Der einzelne Herr, der neben ihnen gesessen und sich während der Mahlzeit anscheinend sehr stark in seine französische Zeitung vertieft hatte, sah ihnen nach, bis sie durch die Tür verschwunden waren. Nachdenken, Sorge, Abscheu malten sich in seinem Gesicht. Was war das für ein übles Pärchen? Anscheinend Mann und Frau, dachte er, obgleich mir die schöne, elegante Weltdame nicht recht zu diesem Menschen zu passen scheint, der den Eindruck eines zweitklassigen Hochstaplers macht ... Ob der Astenryk, von dem sie sprachen, wohl mein netter Reisegefährte von damals ist? Dann würde ich ihn gern warnen, wenn ich's könnte. Aber ich kann nicht glauben, daß dieser feine, vornehme Mensch mit der Schwester eines der beiden verlobt ist. Das wäre ja eine nette Verwandtschaft ...

Major Dale beschloß, den weiteren Verlauf der Dinge abzuwarten und bestellte sich eine Tasse Kaffee. Da trat Anne in den Wagen und setzte sich auf den Platz, den Helene bisher innegehabt hatte. Sie aß ein wenig von den Speisen und zog dann einen Brief aus der Tasche, den sie kurz vor der Abreise von Georg bekommen hatte. Den Umschlag legte sie mit der Rückseite nach oben auf den Tisch.

Immer wieder las sie die lieben, guten Worte Georgs, der mit freudiger Genugtuung von den Fortschritten seiner Arbeiten berichtete und in scherzhafter Weise seine und Marians Wirtschaftsführung da oben am Wilden Rain beschrieb. Sie war so vertieft in die Lektüre des Briefes, daß sie nicht bemerkte, wie ihr Gegenüber forschende Blicke über das Zeitungsblatt hinweg auf sie richtete, wie seine Augen voller Interesse auf der Rückseite des Kuverts hafteten und dort die Adresse des Absenders lasen: Georg Astenryk.

Ah ... Georg Astenryk ... ob es wirklich derselbe ist? Nach all dem, was die beiden da vorher erzählten, wäre es denkbar. Jetzt, wo ich das junge Mädchen, anscheinend die Schwester der Dame, vor mir sehe, halte ich es doch für möglich, daß es seine Verlobte ist ... Diese jugendlich anmutige Gestalt ... dieses reine, unschuldige Gesicht ... die schmalen Wangen, auf denen jetzt etwas Rührendes, der Widerschein reiner innerer Freude, liegt ... diese klaren Augen ... wie sie strahlten, als sie den Brief des Verlobten in die Hand nahm und las ... da kann wohl ein Mann die Verwandtschaft vergessen und sein Herz verlieren ...

Nun einerlei! Ich habe jedenfalls in kurzer Zeit hier allerhand Interessantes gesehen und gehört. Was die da erzählten von einem Mr. Shugun, einem Baron de Castillac, war recht wertvoll. Diese Herrschaften kenne ich ja zur Genüge. Der Herr Baron hat bestimmt nicht die Idee, Trampfahrten mit Waffenladungen zu machen und auf gut Glück damit hausieren zu gehen. Der hat sicherlich feste Bestellungen. Von Brüssel aus werde ich die nötigen Meldungen machen.—

Jetzt ließ das junge Mädchen den Brief sinken und schaute geradeaus. Da trafen ihre Augen die Dales. Eine leichte Röte ging über ihre Züge. Sie fühlte sich wie ertappt, daß ihre Mienen zu deutlich ihr Glücksgefühl beim Lesen des Briefes gezeigt hätten.

»Verzeihung, mein gnädigstes Fräulein, wenn ich Sie anspreche. Ich las da zufällig die Absenderadresse auf dem Umschlag Ihres Briefes.« Er zog eine Karte aus seiner Brieftasche. »Dieser Herr hier, ist es vielleicht derselbe?«

Erstaunt nahm Anne die Karte. Ein leichter Freudenruf. »Ach, mein Herr, Sie kennen Georg ... Astenryk?«

»Gewiß, gnädiges Fräulein. Vor einigen Wochen fuhren wir zusammen ein Stück in der Richtung Paris. Wir unterhielten uns sehr gut. Es war mir ein Vergnügen; die Bekanntschaft ... ich darf wohl annehmen, Ihres Verlobten ... gemacht zu haben.«

Anne nickte ihm mit glücklichem Lächeln zu. Eine Weile plauderten sie lebhaft über Georg. Dann wurde das Gesicht des Majors ernster. Vorsichtig, jedes Wort wägend, sprach er von dem, was er aus der Unterredung von Helene und Alfred Forbin stückweise entnommen hatte. Je weiter Dale sprach, desto unruhiger wurde Anne. Obwohl der Major sich mit größter Zurückhaltung ausdrückte, war aus seinen Worten zu entnehmen, daß Georg Feinde habe, die Böses gegen ihn im Schilde führten. Annes Unruhe war zu höchstem Schrecken, stärkster Angst gestiegen, als Dale geendet.

»Das ist ja entsetzlich, fürchterlich! Wenn nur ein Teil von dem zuträfe, was Sie sagten ... was kann ich tun? Ich bitte Sie, Herr Dale, raten Sie mir, was ich tun soll?«

Dale nahm einen Block aus seiner Tasche und begann zu schreiben. Es war ein Telegramm an Georg Astenryk. »So, gnädiges Fräulein, würde ich handeln, wenn mir die Adresse Ihres Verlobten bekannt wäre. Wollen Sie unterschreiben, so werde ich das Telegramm dem Schaffner sofort zur Expedition übergeben.«

Annes Augen überflogen die Worte, die da geschrieben waren. Sie griff zum Bleistift, schrieb die Adresse darüber, ihren Namen als Unterschrift. Der Major nahm das Blatt und ging hinaus.

»Sie können beruhigt sein, gnädiges Fräulein«, sagte er, als er sich wieder zu ihr setzte. »Das Telegramm ist schon unterwegs.« Er wollte noch weiter sprechen, da fiel sein Blick durch die Glastür in das Raucherabteil des Speisewagens.

»Verzeihung, gnädiges Fräulein. Ich glaube, es ist ratsam, wenn wir unser Gespräch unterbrechen und uns fremd stellen. Gleich wird der Herr, der Gatte Ihrer Schwester, hier eintreten.« Bei den letzten Worten hatte er schon die Zeitung ergriffen und sich darin vertieft.

»Fassung, Fassung, mein Fräulein!« flüsterte er Anne zu, die mit zitternder Hand ihr Glas zum Munde führte.

»Na, Anne, wo bleibst du? Komm! Helene verlangt nach dir.« Forbin warf einen mißtrauischen Blick auf Major Dale, wandte sich dann kurz um und ging vor Anne her aus dem Wagen.

* * *

Die Sonne stand schon hoch über dem Wilden Rain, als die Fensterläden der Almhütte zurückgestoßen und die Fenster geöffnet wurden. Der erste Teil der Nacht war sehr unruhig verlaufen. Noch bis zum Morgengrauen hatten Georg und Marian zusammengesessen und über die Ereignisse gesprochen.

Georg legte sich ins Fenster und schaute hinaus. Der Hund sprang wedelnd am Fenster hoch, Georg kraute ihm den Kopf: »Das hast du brav gemacht, alter Nero!« Der Hund machte ein paar vergnügte Sprünge, lief dann über die Almwiese und kam mit etwas Glänzendem im Maul zurück.

»Na, Nero, was hast du denn da?« sagte Georg erstaunt, als der Hund sich am Fenster hochrichtete und ihm den Kopf entgegenstreckte. Er nahm ihm den Gegenstand aus dem Fang und betrachtete ihn verwundert. Es war ein silbernes Zigarettenetui. Georg öffnete es. Da stand eingraviert: »Camille Forestier«.

»Ah, Marian! Komm doch mal her! Hier dieses Beutestück ist auf der Strecke geblieben. Dieser Herr Hänli aus Straßburg heißt wohl besser Camille Forestier.«

Marian nahm das Etui in die Hand. »Wir werden es aufheben, Georg. Möglich, daß uns der Herr einmal wieder begegnet ... dann können wir es ihm ja zurückgeben.«

»Das wünsch' dir lieber nicht! Er könnte dir bei dieser Gelegenheit die Watschen direkt zurückgeben, die du ihm durch den Münchner Rowdy indirekt verpaßtest. Übrigens war der Abschluß ihrer langen ›Habt-Acht-Stellung‹ da draußen nicht der schlechteste. Denn nach diesem knallenden Intermezzo dürfte die Heimkehr der fünf ungebetenen Gäste ganz bestimmt nicht in bester Eintracht vonstatten gegangen sein. Herrn Forestier dürften jedenfalls die Ohren heute noch unangenehm klingen.«

Georg hob schützend die Hand vor die Augen und sah den Weg zum Tal hinab. Da kam ein Bote gegangen und winkte von weitem. Georg eilte ihm ein Stück entgegen. Der brachte ein Telegramm. Georg riß es auf, las ... las wieder.

Der Inhalt ... die Unterschrift Annes ... der Bote war längst verschwunden, da stand Georg noch immer überlegend, sinnend. Wie hing das alles zusammen? Sollte Forbin auch hierbei die Hände im Spiel gehabt haben? Aber nein ... nach dem Telegramm zu schließen, das im Zuge Paris-Brüssel aufgegeben war, mußten sie ja alle jetzt in Brüssel sein. Langsam schritt er den Berg hinauf zur Hütte und gab das Telegramm Marian. Der las es.

»Das ist ja ein sonderbarer Zufall, Georg«, sagte er dann stockend, »wie konnte Anne das wissen? Nun, warte auf den nächsten Brief von ihr. Der wird dir Aufklärung geben.«

Durch Annes Telegramm von neuem erregt, sprachen sie über das Abenteuer der Nacht. Es war klar, daß da von französischer Seite eine schwere Gewalttat geplant war mit dem Ziel, sich in den Besitz von Georgs Person und seiner Erfindung, soweit sie vorlag, zu setzen. Was wäre geschehen, hätten sie nicht die Almhütte durch Algermissens Kräfte gesichert?

Georg zermarterte sich den Kopf in Gedanken an Anne. Nur widerwillig folgte er Marians Bitte, in das Laboratorium zu kommen. Und da war doch wirklich allerlei zu sehen, was sein Herz hätte erfreuen müssen. Die letzten Tage hatten beträchtliche Fortschritte gebracht. Sein Blick ging über die Belastungslampen. Sie waren der beste Beweis. An die letzte Versuchsbatterie angeschlossen, brannten sie schon seit Tagen mit gleichbleibender Spannung und Leuchtkraft. Die Protokolle gaben den untrüglichen Beleg, daß die Kohle in der Batterie mit einem außerordentlich hohen Nutzgrad verarbeitet wurde. Ob er wohl noch vor Anbruch des Winters zu der hundertprozentigen Nutzung kommen würde?

Auf die anderen Gläser mit den Kohlenstofflösungen warf er nur einen kurzen Blick. Hier schien alle seine Arbeit und Mühe umsonst. Wie viele Nächte hatte er schlaflos durchdacht! Berechnungen aufgestellt, wie er die widerstrebenden Kohlenstoffatome zur Kristallisation zwingen könne ... Große, größte Mittel in den Händen, müßte er dann ja auch alles andere zu schnellerem, besserem Fortgang bringen ... und Anne ...? Auch für sie würde dann das bisherige Leben ein Ende haben. Er würde sie wegführen aus dem Hause der Schwester in sein eigenes Heim. Alles wäre dann erreicht ... mit den Früchten der gelungenen Arbeit aus Annes Hand.

* * *

Die saß in Brüssel und schrieb einen Brief an Georg. Wiederholt hatte sie ein vollendetes Schreiben zerrissen. Es war ja so schwer, Georg Aufklärung zu geben, ohne ihre Verwandten allzu stark bloßzustellen. Endlich, nach vieler Mühe, glaubte sie den rechten Ton gefunden zu haben.

Sie überlas das Geschriebene und blickte trübe vor sich hin. So ginge es wohl. Sie verschloß den Brief und wollte ihn zum Postamt tragen. Vor dem Hause begegnete ihr der Briefträger mit einem Telegramm für sie. Sie riß es auf und las:

»Alles in Ordnung. Danke Dir tausendmal. Dein Georg.«

Der Telegraphenbote mochte wohl denken, sie hätte eine traurige Nachricht bekommen, Tränen liefen über ihre Wangen ... Freudentränen.—

»So wäre alles in bester Ordnung«, meinte Alfred Forbin und schob Shugun ein Schriftstück zu. »Ich hege keinen Zweifel, daß die Prozente mir von Ihnen direkt, so wie wir es vereinbart haben, ausgezahlt werden. Sie, Herr Baron, werden das durchaus verstehen. Ich taxiere meine Arbeit bei diesen Waffenlieferungen nicht ganz gering ein. Vergessen Sie nicht, daß man zweifellos von englischer Seite aus ein Auge auf Sie haben wird oder schon hat. Denn daß die englische Regierung über Ihr Betätigungsfeld orientiert ist, dürfte außer Frage stehen. Ich dagegen bin für die Engländer vollkommen fremd und dürfte jedenfalls einer persönlichen Überwachung durch englische Agenten entzogen sein. Haben Sie übrigens Nachricht ...« er wandte sich zu Shugun, »von dem Dampfer ›Kongsberg‹?« Shugun nickte: »Unser Transport ist in Cadix von dem niederländischen Dampfer ›Graf Egmont‹ übernommen worden.«

Forbin kniff die Augen zusammen: »›Graf Egmont‹ ... hm, ist doch eines der schnellsten Passagierschiffe der Amsterdamer Dampfschiff-Gesellschaft ... hm! So eilig ist die Sache?«

»Keineswegs, Herr Forbin. Da irren Sie. Der ›Graf Egmont‹ löscht in Batavia. Das ist uns angenehmer als Hongkong. In Hongkong paßt man schärfer auf.«

Castillac sah Forbin mit einem schiefen Blick an. Es gefiel ihm gar nicht, daß der sich in diese Geschäfte eingedrängt hatte. Helene Forbin war doch eine kluge Frau.—

Als das Ehepaar das Hotel Castillacs verlassen hatte, wandte sich Helene ärgerlich an ihren Mann.

»Dieses ewige Versteckspiel, diese übertriebene Heimlichtuerei gefällt mir nicht, Alfred. Es ist doch ganz klar, daß dieser Herr Krall eine vorgeschobene Figur ist, wenn er nicht gar nur in der Phantasie Castillacs existiert. Wer der eigentliche Empfänger der Waffensendungen ist oder, noch besser gesagt, wohin diese Sendungen eigentlich gehen, wird uns verschwiegen. Ich weiß nicht, wer daran schuld ist. Castillac oder Shugun? Beinahe möchte ich glauben, Castillac.«

»Mag sein, Helene. Ich gäbe was darum, wenn ich dahinterkäme. Man kann nie wissen, wozu man es gelegentlich brauchen kann.«

»Unsinn, Alfred! Du bist zu leicht bei der Hand, doppeltes Spiel zu treiben. Das sollte man selbst im äußersten Notfalle nicht tun. Mißbrauchtes Vertrauen rächt sich immer.

Ich würde dir aber doch raten ... schon allein, damit die nicht glauben, sie hätten es mit Anfängern zu tun ... nach Creusot zu fahren und dich dort mal gründlich umzusehen. In solchen Fällen entwickelst du ja eine sehr feine Spürnase. Vielleicht findest du dort Castillacs Konkurrenz auch in bester Tätigkeit, und wenn du das Geschick entwickelst, das ich von dir erwarte, kommst du schließlich auch dahinter, wohin die Konkurrenz die Waffen schickt. Darüber bin ich mir ziemlich klar, daß es derselbe Bestimmungsort sein wird wie bei Castillac.«

»Die Idee ist gut, Helene. Wissen wir erst einmal den Zweck dieser umfangreichen Waffenlieferungen, dann steht letzten Endes nichts im Wege, daß wir das Geschäft selbständig betreiben. Denn das kann ich dir sagen, trotz unserer Abmachungen traue ich Castillac nicht über den Weg.«

Helene, die, während sie weitergingen, angestrengt nachgedacht hatte, fiel ihm ins Wort:

»Ganz bestimmt sind diese Waffenschiebungen nicht irgendein Privatgeschäft des Herrn Shugun. Daß sie ausschließlich für Japan bestimmt sind, bezweifle ich sehr. Ich möchte annehmen, daß sie für irgendeine Japan befreundete Seite gekauft werden.«

»Vielleicht für China?« warf Forbin ein.

»Wäre nicht ausgeschlossen, Alfred. Aber das will mir nicht so ohne weiteres in den Kopf. Du fährst jedenfalls morgen nach Creusot. Jetzt wollen wir uns trennen, ich habe noch einige Besorgungen zu machen.«

Schon im Weggehen rief Forbin ihr nach: »Erinnere mich doch bitte heut abend daran, bei Raconier in Paris anzurufen. Ich bin doch höllisch neugierig, ob Herr Forestier das Ding mit Georg Astenryk so gedreht hat, wie er beabsichtigte.«

* * *

Chefingenieur Raconier sah auf die Uhr. Er erwartete um diese Zeit den Besuch Forestiers. Kopfschüttelnd überflog er immer wieder die Zeilen des Briefes, den er zwei Tage vorher von Forestier aus München bekommen hatte. Der Inhalt des Schreibens war ihm, obwohl er den Brief wiederholt gelesen hatte, völlig unklar. Nur das eine stand unzweifelhaft fest: das Unternehmen Forestiers war vollkommen mißlungen. Das einzige Gute bei der Sache war, daß nichts davon in die deutschen Zeitungen gekommen war, denn das wäre doppelt schlimm gewesen. Diese ganze Astenryk-Affäre wuchs sich allmählich zu einer Blamage ersten Ranges aus.

Alle die Agenten, die man mit der Sache befaßt hatte, waren durchaus zuverlässige Leute, die ihr Fach verstanden. In dem Falle Astenryk hatte es den Anschein, als hätten sie sich wie unerfahrene junge Anfänger benommen. Forestiers Plan war zweifellos gut aufgezogen. Daß er so vollständig mißlingen konnte, war dem Chefingenieur unerklärlich. Aus dem Briefe Forestiers schien hervorzugehen, daß die Leute, die er für sein Unternehmen geworben, im letzten Augenblick gestreikt, sich geweigert hätten, das Unternehmen durchzuführen. Er schrieb da von einem schweren Zusammenstoß, den er mit einem der Leute gehabt hätte.

Nun, die mündliche Rücksprache mit Forestier würde ja wohl alles aufklären. In dieser Erwartung sah sich Raconier jedoch getäuscht. Forestier kam, aber was er erzählte, war so unglaubwürdig, so sinnlos, daß er zeitweise an dessen Verstand zweifelte. Doch trotz aller Mühe war nichts Positives aus ihm herauszubringen ... Sie hätten da in einiger Entfernung von der Hütte plötzlich wie auf ein Kommando haltmachen müssen, hätten nicht vorwärts und nicht rückwärts gekonnt ...? Erstklassiger Blödsinn!

Sie müssen alle betrunken gewesen sei, dachte Raconier bei sich. Eine andere Erklärung gibt es nicht. Sehr ungnädig entließ er Forestier. Der hatte schon die Türklinke in der Hand, da rief ihm Raconier ironisch nach: »Die blaugelben Flecke auf Ihrer linken Backe, sind die etwa auf jenen Zusammenstoß zurückzuführen, Herr Forestier?«

Der murmelte etwas Undeutliches und verschwand. Draußen auf dem Korridor aber machte er seinem Herzen viel deutlicher Luft. Während er mit der Linken die Wange rieb, ballte er unter einer Skala von Flüchen die Faust.

»Dieser verfluchte Münchner Viechkerl!«

Ohne jeden Grund, ohne jeden Wortwechsel vorher—jedoch genau so, wie Marian es in Gedanken dem Münchner Herkules befohlen—hatte ihm der ein paar gewaltige Ohrfeigen versetzt und dazu gerufen: »Da hast deine Watschen, du Bazi, du damischer!«—

Der Chefingenieur begab sich mit gemischten Gefühlen zu einer Konferenz, in der auch Herr Baguette sein würde. Der würde sicherlich nicht ohne Schadenfreude Raconiers Bericht mitanhören.

* * *

Der Briefträger, der sich nicht oft auf den Wilden Rain verirrte, hatte heut gleich zwei Briefe auf einmal gebracht. Der eine von Anne gab Georg die ersehnte Aufklärung. Was sie da schrieb, enthielt zwar eine Häufung von eigenartigen Zufällen, war aber durchaus überzeugend. Dieses Zusammentreffen mit Dale war jedenfalls am merkwürdigsten. Er wollte erst einmal den zweiten Brief, der von Tante Mila kam, lesen, ehe er sich Annes Brief noch einmal vornahm.

Der Brief der Tante Mila war doppelt frankiert. Georg riß ihn auf. Er enthielt außer einem kurzen Begleitschreiben der Tante einen Brief seines Halbbruders Jan Valverde an diese und einen an ihn.

Tante Milas Brief war nur kurz und verwies in der Hauptsache auf die beiden anderen Schreiben. Was Georg aus dem Inhalt des Briefes an Tante Mila entnehmen mußte, betrübte und erschütterte ihn. Was hatte sie an Jan geschrieben ...? Ihr Leiden stark verschlimmert ... Der Arzt ohne Hoffnung, mit einem plötzlichen baldigen Ende zu rechnen ...

Gewiß, er wußte, daß Tante Mila leidend war, aber daß es so mit ihr stand, hatte er nicht geahnt ... Und was hatte sie weiter geschrieben ...? Jan gebeten, sich Georgs anzunehmen, wenn sie nicht mehr wäre. Sie mußte anscheinend viel von seinen Arbeiten und seinem Unglück in Neustadt erzählt haben ...

Die beste Aufklärung würde ihm wohl der andere Brief geben, der direkt an ihn gerichtet war. Er schnitt ihn auf. Es war ein langes Schreiben, in dem Jan ihn und Marian in der herzlichsten Weise einlud, zu ihm zu kommen.

Er rief Marian herein und gab dem das Schreiben. Während der las, gingen die Gedanken Georgs zurück in seine Jugendzeit zu den gemeinsam mit Jan verlebten Jahren. Jan Valverde war der Sohn seiner Mutter aus ihrer ersten Ehe. Das Verhältnis zwischen Jan und seinem Stiefvater Astenryk war nie besonders herzlich gewesen. Nach Georgs Geburt wurde es direkt kalt. Das hatte sich auch auf die Beziehungen Georgs zu dem zehn Jahre älteren Halbbruder ausgewirkt.

Als dann Jan nach seinem Selbstmordversuch Neustadt verließ und nach Australien auswanderte, waren nur noch selten Briefe zwischen den beiden gewechselt worden. Von allen Verwandten war es Tante Mila, die Schwester des alten Astenryk, mit der Jan immer am besten gestanden hatte und mit der er auch nach seiner Auswanderung in ständigem Briefwechsel blieb. Näheres über Jans Leben in Australien hatte Georg eigentlich nur durch Tante Mila erfahren. Der hatte mit seinem väterlichen Erbteil eine Farm in Neusüdwales erworben und schlug sich schlecht und recht als Farmer und Viehzüchter durch. —

»Was hältst du davon, Marian? Du kennst ja Jan ebenso gut wie ich.«

Marian sah nachdenklich vor sich hin. »Wenn ich dir raten darf, so möchte ich ohne weiteres sagen: Nimm das Anerbieten Jans an. Bedenke, daß wir im Winter kaum hier oben hausen können. Wo wirst du in München eine Wohnung und Raum für ein Laboratorium finden? Wenn nun gar, was Gott verhüte, die Tante unversehens stirbt, gäbe es ja überhaupt keine Möglichkeit, deine Arbeit fortzusetzen. Wir müßten uns trennen, müßten jeder versuchen, eine Stellung zu finden, die uns Brot gibt ... mir scheint die beste, die einzige Lösung, Jans Einladung zu folgen. Dein Bruder schreibt, wir könnten auf seiner Farm wohnen. Alles, was du nötig hast, könntest du bequem in der nächsten Stadt kaufen ...

Und was auch zu bedenken ist ... wir wären aus der ewigen Unsicherheit hier heraus. Daß es Jan mit seinem Anerbieten wirklich offen und herzlich meint, geht doch daraus hervor, daß er das Reisegeld für uns beide für alle Fälle auf die Bank in München überweisen wird.«

»Ja, lieber Marian, was du da sagst, hat manches für sich. Aber so leicht möchte ich mich doch nicht zu diesem Schritt entschließen. Die gute Tante, die alte treue Seele! Sie hat noch über ihren Tod hinaus für mich sorgen wollen, und ich bin ihr doch wirklich schon für das, was sie jetzt an mir tut, tiefsten Dank schuldig.« Leicht ist es mir nicht geworden, das alles anzunehmen, setzte er für sich hinzu, dachte dann weiter: Soll ich nochmals Erfinderehrgeiz über Mannesselbstgefühl siegen lassen? Nein und nochmals nein!

Er drehte sich um und ging zur Tür. Rief Marian zu: »Ich will mal 'rauf zur Hohen Alm gehen, fragen, ob die alte Katrin frische Butter hat.«

Er verließ die Hütte und schlug den Weg zur Hohen Alm ein. Was er da eben zu Marian von der Butter gesagt hatte, war nur eine Ausrede gewesen. Er wollte allein sein mit seinen Gedanken. Das Anerbieten Jans, so gut es auch gemeint war, konnte, durfte er nicht annehmen. Sein Unabhängigkeitsgefühl sträubte sich dagegen in stärkstem Maße. Wozu hatte er studiert, gute Examina gemacht?

Es würde ihm sicherlich nicht schwerfallen, eine angemessene Stellung zu finden. Gewiß, dann blieben ihm für die Beschäftigung mit seinen Problemen nur die Mußestunden. Aber was würde es schaden, wenn er seine Erfindung Monate ... vielleicht Jahre später machte, dafür aber von dem drückenden Bewußtsein freikam, von der Wohltätigkeit anderer zu leben.

Aber ... neue Gedanken, im Laufe der letzten Wochen erst entstanden ... hemmten ihn doch, ohne weiteres einen festen Entschluß zu fassen. Die Arbeiten an dem Verstärker waren in der letzten Zeit recht erfolgreich gewesen. Mit anderen neuen Schaltungen hatte er viel bessere Wirkungen erreicht als bisher. Wenn er jetzt die Arbeiten an der Diamantensynthese, denen er sich mit größter Intensität gewidmet hatte, beiseiteließ, wenn er jetzt alle seine Kräfte an die weitere Vervollkommnung des Verstärkers setzte, würde er vielleicht Resultate erzielen, die ...

Jene Ideen, die ihn überkamen, als er von Algermissens Künsten gelesen, die noch lebendiger wurden, als es ihm gelungen war, den Verstärker zu rekonstruieren und in Tätigkeit zu setzen, hatten ihn gerade in der letzten Zeit fast Tag und Nacht beschäftigt. Ideen, die, verwirklicht, von allergrößter ... vielleicht weltgeschichtlicher Bedeutung sein konnten. —

Was ihm da Major Dale über die Machtprobleme im Fernen Osten gesagt, hatte er in stillen Stunden weiter durchdacht, alles, was darüber in der Presse veröffentlicht wurde, mit größtem Interesse verfolgt. Die drohenden Kämpfe um die Herrschaft des Stillen Ozeans mußten für die weiße Rasse von einer Bedeutung werden, die für Jahrzehnte ... vielleicht Jahrhunderte, ihre Entwicklung, ihr Schicksal bestimmte.—

Sein Verstärker, so entwickelt, wie er es träumte, konnte da ein Machtmittel von größter, ja vielleicht von ausschlaggebender Bedeutung werden ... und diese Gedanken waren es, die ihn hemmten, Jans Einladung, so wie er es im ersten Augenblick vorgehabt hatte, auszuschlagen.

In seinen Gedanken war er von dem Weg, der zur Hohen Alm führte, abgewichen, war zu der Schlucht gelangt, durch die der Wildbach rauschte. Im Schatten einer überhängenden Tanne ließ er sich auf einen Stein nieder. Die kühle Luft in der Schlucht strich ihm wohltuend um die erhitzten Schläfen. So saß er lange im Kampf seiner Gedanken.—

Immer stärker drängte sich ihm die Frage auf: Sollte er nicht all seinen Stolz, all sein Selbstbewußtsein hintansetzen gegenüber den größeren Möglichkeiten, Aufgaben, die sich ihm boten, aufdrängten ... deren Lösung vielleicht ihm vom Schicksal bestimmt sein konnte.—

Ein lautes Krachen und Stürzen im Oberlauf der Schlucht schreckte ihn auf. Da mochten wohl ein paar Felsstücke oder ein unterhöhlter Hang in den Bach gestürzt sein.

Nach kurzer Zeit begannen die Wasser stärker zu rauschen. Eine trübe gelbe Flut wälzte sich über die Hindernisse hinweg, stürzte auf den leichten Steg zu, der unterhalb seines Platzes über den Bach fühlte. Die Stützen des Steges begannen zu schwanken, zu brechen. Dann war er von der gelben Flut verschlungen.—

Verschlungen von der gelben Flut die weißen Siedlungen dahinten im Fernen Osten, die die Brücke schlugen zwischen den weißen Kontinenten.—

Georg sprang auf. Nein! War das, was sein Auge da eben gesehen, ein Symbol künftigen Geschehens ... er mußte es so betrachten, mußte sich frei machen von kleinlichem Denken, kleinlichem Tun gegenüber den großen kommenden Dingen.—

Als er eine Zeitlang später in die Hütte trat, sagte er kurz zu Marian: »Ich werde Jans Einladung folgen. Jetzt aber gib mir meine Handtasche! Ich fahre mit dem nächsten Zug nach München zu Tante Mila.«

* * *

Das Nachtflugzeug New York—Tokio setzte auf. Garill Bruce, der Korrespondent der »New York Times«, trat auf den festen Boden, streckte sich ein paarmal und ging dann eiligen Schrittes auf die Bar des Flughafens zu. Nach der langen Fahrt widmete er sich mit besonderer Liebe und Kennerschaft den mannigfachen Künsten des Barmixers.

Ein chinesisches Privatflugzeug zog seine Aufmerksamkeit auf sich. Während er neugierig darauf zu schlenderte, entstiegen dem Flugzeug zwei Männer und wandten sich einer großen Limousine zu. Im Augenblick des Anfahrens machte der Motor einige Schwierigkeit, so daß Bruce einen Blick in das Wageninnere tun konnte, bevor der Wagen ins Rollen kam.

Im nächsten Augenblick schien der Korrespondent alle Wonnen der Bar vergessen zu haben. Er stürzte zu einem Taxi und ließ sich zum Telegraphenamt fahren. Mit hastiger Feder schrieb er eine Depesche an seine Zeitung: »General Jemitsu mit einem chinesischen Begleiter soeben in Tokio gelandet.«

Mochten die Ätherverhältnisse in dieser Nacht besonders schlecht gewesen sein, das Telegramm erreichte New York erst am übernächsten Tag. Das war für Garill Bruce eine unangenehme Sache, denn der Chefredakteur der »New York Times« ließ sich durch nichts von seiner Überzeugung abbringen, daß Bruce das Telegramm zwar rechtzeitig geschrieben, aber dann über den Freuden des Barparadieses vergessen habe, es sofort abzusenden. Jedenfalls erreichte es New York eben zur selben Zeit, als auch die Tokioter Telegraphen-Agentur die Nachricht verbreitete, daß General Jemitsu nach Japan zurückgekehrt sei. Sie erregte in allen politischen Kreisen ein gewisses Aufsehen. Man hatte erleichtert aufgeatmet, als die japanische Regierung den General kaltstellte und als der sogar Japan verließ.

Jemitsu stammte aus dem alten Geschlecht der Tokugawa. Mit seiner Beförderung zum General war er gleichzeitig Kriegsminister geworden. Als solcher hatte er es in kurzer Zeit verstanden, auf die auswärtige Politik Japans großen Einfluß zu gewinnen. Daß diese damit nicht in friedliche Bahnen gelenkt wurde, ergab sich aus der Person Jemitsus. Erfüllt von einer fanatischen Vaterlandsliebe und einem zähen, unbeugsamen Willen, kannte er nur das eine große Ziel: Weg mit der Herrschaft des angelsächsischen Blocks im Stillen Ozean!

Lange hatte damals die japanische Regierung gezögert, Jemitsu auszuschiffen. Die Zahl seiner Anhänger im Volke war so groß, daß ein Sturz der Regierung die unbedingte Folge gewesen wäre.

Da legte Jemitsu eines Tages unter dem Druck seiner Ministerkollegen sein Amt nieder und erbat sich einen längeren Urlaub.

Wie natürlich, knüpften sich allerhand Gerüchte an die Rückkehr Jemitsus. Man wußte ja schon lange, daß er ein eifriger Förderer eines chinesisch-japanischen Zusammengehens war. Aber man fand es doch recht auffällig, daß in seiner Begleitung fast ständig ein Chinese war, der ein Lama sein sollte. Woher dieser kam und wer es war, blieb unbekannt.

Jene Gerüchte hätten wohl eine gewisse Klärung erfahren, wenn etwas von dem Besuche Jemitsus und des Lama auf dem Weekendsitz des Ministerpräsidenten Okio in die Öffentlichkeit gedrungen wäre. Sofort nach ihrer Landung waren die beiden dorthin gefahren. Nach einer langen Unterredung hatte der Ministerpräsident auch den Minister des Auswärtigen Yeitoku und den Kriegsminister Tangu zu sich gebeten. Es war eine inhaltschwere Unterredung von größter Tragweite, die da gepflogen wurde.

Als lange nach Mitternacht Jemitsu den Landsitz Okios verließ, drückte er Turi Chan in freudiger Genugtuung die Hand.

»Der erste Schritt ist vollständig gelungen. Morgen werden wir weiterarbeiten.«

»Ich denke, das Weitere wird ebenso gelingen. Um allen unnützen Fragen aus dem Wege zu gehen, will ich Japan verlassen. Morgen werde ich mit der gewöhnlichen Flugpost nach Europa reisen.«—

Die Besorgnisse, die man wegen Jemitsus Rückkehr hegte, erwiesen sich schon bald als begründet. Der Umschwung der öffentlichen Meinung und auch der japanischen Regierung in außenpolitischen Dingen war unverkennbar. —

Zwei Tage darauf landete bei Gartok ein Flugzeug. Turi Chan verließ es und begab sich ins Kloster. Ehe er am nächsten Morgen seine Reise fortsetzte, hatte er eine lange Unterredung mit seinem Stellvertreter. In deren Verlauf fragte er auch, ob Nachricht von Bruder Sifan ins Kloster gekommen wäre.

Die Züge des Priors zeigten Angst und Unruhe. Bald nach Sifans Abreise seien Hirten in das Kloster gekommen und hätten gesagt, ein Mönch läge tot in einer Felsschlucht. Er habe sofort mehrere Brüder ausgeschickt, um den Toten, der nur Sifan sein konnte, zu holen. Doch die hätten in der Schlucht außer einer großen Blutlache nichts von Sifan gesehen.

Der Abt runzelte die Stirn. Wie konnte das geschehen? dachte er. Wer sollte den Leichnam fortgebracht haben? Oder sollte Sifan gar nicht tot gewesen sein?

Noch lange nachdem der Prior gegangen war, beunruhigten den Abt diese Fragen. Immer wieder kehrten seine Gedanken zu Sifan zurück.

Am nächsten Morgen verließ Turi Chan, in einen weiten Mantel gehüllt, das Kloster, und ging zum Flugzeug. Kaum hatte sich das in die Luft erhoben, so warf er den Mantel ab und stand da in modernster europäischer Kleidung. Als er in Odessa in das Postflugzeug umstieg, dachte wohl keiner der Mitreisenden im entferntesten daran, einen Lama vor sich zu haben.

* * *

»Ich glaube, Lydia, unser Patient ist so weit, daß wir die Reise ruhig wagen können. Es bleibt uns ja unbenommen, manchmal Ruhetage einzulegen.«

Lydia nickte Dr. Musterton glücklich lächelnd zu.

»Du weißt gar nicht, Onkel Musterton, wie ich mich freue, daß wir ihn doch mitnehmen können. Morgen ist doch der letzte Termin für unsere Abreise. Sieh nur, da kommt er aus dem Garten, er geht doch schon recht ordentlich. Sogar den Stock hat er fortgelassen.«

Sie deutete auf einen Mann, der langsam dahergeschritten kam ... die Augen tief in den Höhlen, das Gesicht bleich und abgezehrt. Niemand ... selbst Turi Chan nicht ... würde in diesem Manne, dem die Kleider Mustertons in grotesker Weise um den hageren Leib schlotterten, den Mönch Sifan wiedererkannt haben.

»Deine Pflege, mein gutes Mädchen! Du brauchst nicht abzuwehren. Daß Arngrim jetzt wieder so einigermaßen auf seinen zwei Beinen läuft, hat er nicht zum mindesten dir zu verdanken.«

Dr. Musterton klopfte Lydia freundlich auf die Schulter. Sie schüttelte verlegen den Kopf. »Du übertreibst mal wieder. Einen besseren Doktor als dich konnte er nicht finden.«

»Offen gestanden, Lydia, ich hätte diesen glücklichen Ausgang nicht für möglich gehalten. Wenn ich denke, wie wir ihn in der Schlucht fanden mit dem schweren Säbelhieb über dem Kopf! Er war ja schon fast ganz verblutet. Von den anderen, kleineren Wunden gar nicht zu sprechen. Ich hätte damals überhaupt nicht geglaubt, daß wir ihn lebend hierherbrächten.«

»Nun, Herr Arngrim, haben Sie in dem Liegestuhl gut geschlafen?« Lydia machte eine Tasse Tee zurecht und reichte sie Arngrim. Der trank sie durstig aus. Mit einem warmen Dankesblick gab er Lydia die Tasse zurück.

»Der Schlaf in dieser frischen Bergluft hat mir wunderbar wohlgetan. Das war ein guter Gedanke von Ihnen, Fräulein Allgermissen, daß Sie mich mit sanfter Gewalt aus der Krankenstube 'rausholten und mir da drüben im kühlen Schatten den Liegestuhl aufschlugen. Jetzt habe ich auch keine Angst mehr vor der Fahrt in dem Lastauto.«

»Na, Herr Arngrim, das will ich nicht so ohne weiteres unterschreiben. Die Wunde«, Dr. Musterton deutete auf Arngrims Kopf, der noch einen leichten Verband trug, »wird hoffentlich nicht zu bluten anfangen. Die Erschütterungen auf den abscheulichen Straßen hier oben sind für Patienten von ihrer Art nicht gerade zu empfehlen. Sind wir erst einmal in Sidwar, sind wir über das Schlimmste hinaus. Da kommen wir auf die große Militärstraße. Nun, wir werden sehen. Wenn's eben nicht geht, legen wir einen Ruhetag ein.«

»Das möchte ich auf jeden Fall vermeiden, mein lieber Herr Doktor Musterton. Sie haben den Tag Ihrer Abreise schon aufs äußerste hinausgeschoben. Weiteren unnötigen Aufenthalt möchte ich Ihnen nicht verursachen. Wenn es gar nicht mehr gehen sollte, lassen Sie mich zurück. Ich komme dann eben nach.«

»O nein, Herr Arngrim«, rief Lydia, »das werden wir lieber nicht tun. Wer weiß ...«

»... was Sie für Dummheiten machen, Herr Arngrim, wenn Lydia nicht dabei ist«, vollendete Dr. Musterton, »das wolltest du doch wohl sagen, Lydia?«

Lydia schüttelte drohend die Hand. »Was du nicht alles weißt! Aber so ganz unrecht hast du ja nicht. Ich gehe jetzt den Teetisch decken.«

»Unser Sonnenschein!« sagte Musterton, während er Lydia nachblickte. »Wie froh bin ich, daß ich sie damals in mein Haus aufnahm! Es war erstaunlich, wie sie sofort mit ihrer jungen Kraft die Führung des Haushalts übernahm, der nach dem Tode meiner Frau wirklich stark in Unordnung geraten war. Wie sie sich der Kinder annahm und Bob und James wieder in Zucht und Ordnung brachte, daß man sie mit gutem Gewissen nach Eton schicken konnte.«

»Und mich wollen Sie ganz vergessen, Herr Doktor? Ich weiß sehr wohl, was ich Lydia zu verdanken habe.«

»Zum mindesten haben Sie ihr zu danken«, sagte Dr. Musterton, »daß Sie überhaupt gefunden wurden. Denn nur die guten Augen Lydias konnten Sie da unten in der Schlucht entdecken. Immer wieder, wenn man sich daran erinnert, fragt man sich, wie das geschehen konnte. Unsere heimischen Räuber sind ja im allgemeinen keine so schlimmen Gesellen, und vor dem Mönchskleid haben sie doch allen Respekt.

Man kommt immer wieder zu dem Schluß, Sie müßten ... vielleicht weil Sie Westländer sind ... persönliche Feinde gehabt haben. Haben Sie in der Richtung gar keine Vermutung, Herr Arngrim?«

»Nein, Herr Doktor. Ich habe keine Vermutung.«

Arngrim wandte sich ab und ging in sein Zimmer. Die Worte, die einer der Mörder ausstieß ... die er noch gehört hatte, bevor ihm das Bewußtsein schwand, würden ihm immer im Gedächtnis bleiben: »Turi Chan wird zufrieden sein!«

Arngrim griff nach den Zeitungen. Jeden Tag erwartete er sie mit Ungeduld. Sie waren zwar stets mehrere Tage alt, bildeten hier aber doch die einzige Verbindung mit der Außenwelt. Seine Augen überflogen die politischen Nachrichten.

Von Woche zu Woche war der Ton der Blätter ernster geworden. Die politischen Verhältnisse der Großmächte im Osten und Westen spitzten sich merklich zu. Es war klar zu erkennen, daß alles seit jenen Tagen datierte, die auf die Rückkehr Jemitsus nach Japan folgten. Während der ersten Wochen seiner Krankheit hatte Arngrim die Zeitungen nicht lesen können. Doch genügte das, was ihm nachher noch in die Hände kam, um sich ein gutes Bild von der Weltlage zu machen. Am Morgen hatte er unter dem Papier, das man zum Einpacken verwendete, ein paar ältere Zeitungen gesehen, die er noch nicht gelesen hatte. Er hatte sie mitgenommen und las sie jetzt.

Sie stammten aus den Tagen, als Jemitsu in Tokio gelandet war. Was da von einem Begleiter, der ständig um Jemitsu war, gesagt wurde, las er mit gespannter Aufmerksamkeit.

... Ein chinesischer Lama ... unbekannt, woher er kam ... das konnte nur Turi Chan sein. Das also war's!

Arngrim ließ entsetzt die Zeitung sinken. Wurde Allgermissens Kraft wirklich zu solchen verbrecherischen Zwecken mißbraucht? Welch andere, noch schlimmere Teufeleien waren da noch zu erwarten? Turi Chan am Werk, seine welterschütternden Pläne mit der gestohlenen Kunst Allgermissens zu verwirklichen! Als Adjutant, Berater Jemitsus hatte er es anscheinend fertiggebracht, die widerstrebenden Minister und Militärs für sich zu gewinnen, das friedliebende Volk aufzupeitschen. Ihm war es wohl auch zu verdanken, daß in China viele bedeutende, einflußreiche Männer sich offen auf Japans Seite stellten.

Wie lange würde es noch dauern, bis ein wohlvorbereiteter »Zwischenfall« den glimmenden Brand zu hellem Feuer anfachte? Würde es Turi Chan gelingen, mit seiner Teufelskunst auch all das andere in die Tat umzusetzen, was er damals am Felsen der Einsamkeit Jemitsu anvertraut hatte? Sollte er wirklich ahnungslose Gegner so verwirren können, daß sie taub und blind den kommenden Ereignissen entgegengingen?—

In schweren Zweifeln hatte Arngrim damals die Wanderung nach Irkutsk angetreten. Zu wem sollte er halten? Aus welche Seite gehörte er? Die Stimme des Blutes, das Stammesgefühl drängten ihn, auf die Seite der weißen Rasse zu treten. Aber durfte er diesen Regungen nachgeben? Mußte er nicht seinem Gelübde getreu als Jünger Buddhas den Pfad der Läuterung weiter gehen, ohne sich um weltliche Dinge zu kümmern? ...

Da überfielen ihn die Mörder, die Turi Chan gedungen hatte. Das hieß, daß Turi Chan selbst ihn ausgestoßen hatte. Der Weg zu der anderen Seite war ihm dadurch leicht gemacht.

Doch was konnte er tun, um seinen Bluts- und Rassegenossen zu helfen? Kein Mensch, selbst Freund Musterton nicht, würde ihm im geringsten Glauben schenken. Für wahnsinnig würde man ihn halten, wenn er es wagen wollte, die Welt vor Turi Chans Künsten zu warnen. Vielleicht würde es ihm später gelingen, noch war ja kein offensichtlicher Beweis zu erbringen. Später? ... Ja, wenn es dann nicht zu spät wäre.—

Wieder lag ein Abschnitt seines Lebens hinter ihm. Wo würde er Ruhe, Frieden finden? Morgen würden sie von hier fortgehen, Dr. Musterton kehrte nach Australien zurück. Seine hiesigen Arbeiten, die er als Pflanzenphysiologe im Auftrage der australischen Regierung gemacht hatte, waren beendet. In Australien würde der Doktor jetzt Versuchspflanzungen anlegen, Anbauversuche mit asiatischen Weidegräsern und anderen Nutzpflanzen anstellen, ein Institut für Kreuzungsversuche errichten. Ein großes, weites Arbeitsgebiet. Auch er selbst würde dort Betätigung finden, Dr. Musterton wollte ihn als seinen Assistenten mitnehmen.—

Am nächsten Morgen herrschte in dem Bungalow Mustertons ein starkes Durcheinander. Kisten und Koffer wurden auf ein großes Lastauto geladen, das außer dem Gepäck auch noch die Familie Musterton und Arngrim aufnehmen sollte.

Und dann fuhr der Wagen los nach Süden. Viele Tage lang ging die Fahrt, bis sie die Eisenbahnlinie erreichten. Arngrim hatte dies schlimmste Stück der Reise gut überstanden. Jetzt, da sie auf glattem Schienenstrang dahinfuhren, brachte die Fahrt keine Beschwerden mehr. Sie kamen nach Kalkutta und gingen an Bord des Dampfers, der sie nach Osten weitertrug.

* * *

Georg Astenryk bestieg in München den Rosenheimer Zug, der ihn in die Berge zurückbringen sollte. Tante Mila war vor einer Woche begraben worden. Die Regelung der Erbschaft war sehr einfach gewesen. Außer ihrer Wohnungseinrichtung und der Alm am Wilden Rain hatte sie kein Vermögen hinterlassen. Von dem Geld, das Georg aus dem Verkauf der Einrichtung und der Alm erzielt hatte, blieb nach dem Abzug der Begräbniskosten nur eine geringe Summe übrig.

Es galt jetzt, Abschied zu nehmen vom Wilden Rain. Den anderen, den schwereren, hatte er bereits in München genommen. Anne war mit Helene zur Beerdigung dorthin gekommen. Sie war zwar schon durch Georgs Brief auf seine Abreise vorbereitet, trotzdem aber gab es manche Träne, als Georg ihr seinen festen Entschluß mitteilte, nach Australien zu fahren. Er hatte nur schwachen Trost für sie gefunden. Der Entschluß zu dieser Reise sei auch ihm keineswegs leicht geworden. Der Gedanke, immer wieder die Hilfe Verwandter in Anspruch zu nehmen, um weiterarbeiten zu können, sei durchaus nicht nach seinem Herzen.

Doch die einfache Überlegung, daß jeder andere Weg sein Werk um Jahre verzögern würde, zwinge ihn dazu.

Sie hatte sich eng an seine Brust gedrängt.

»Ich warte auf dich, Georg! Und wenn wir jahrelang getrennt sein müßten.«

»Jahre! Nein, Anne! So lange wird's nicht dauern. Noch ehe ein Jahr vergeht, mußt du die meine werden!«

Er schloß sie in seine Arme. In einer Fülle von Zärtlichkeiten offenbarte er ihr noch einmal alle seine Liebe und Zuversicht.

Wenn auch Helene dieser Abschiedsszene den Rücken zukehrte, so hatte sie doch mit feinem Ohr alles wohl gehört. Georgs Worte »in einem Jahr« hatten sie sehr nachdenklich gemacht.—

Als Georg in die Almhütte trat, fand er Marian in reger Tätigkeit. Alle Apparate waren abmontiert. Die Meßinstrumente, die sie mitnehmen wollten, lagen verpackt in dem Koffer. Alles, was nicht Fracht und Zoll lohnte, blieb zurück.

Georg nahm eine kleine Erfrischung und wandte sich dann zu Marian.

»Die Papiere da brauchst du nicht alle einzupacken. Einen großen Teil davon kannst du verbrennen. Ich werde sie schnell sortieren.«

Das war bald gemacht. In kurzer Zeit hatte Georg die Papiere in zwei Stöße geordnet und gab den einen davon Marian. Der steckte ihn in den alten Kachelofen in der Ecke und zündete ihn an.

»Das Allerwichtigste«, fuhr Georg fort, »stecke ich in die Brieftasche.« Er schaute sich um. »Du bist wohl bald fertig, Marian. Um sieben Uhr wird der Fuhrmann kommen, um unser Gepäck ins Tal zu bringen und zum Bahnhof zu fahren.«

Georg trat vor die Hütte und setzte sich auf die Bank. Er streichelte den Hund, der sich an seine Knie drängte. »Ja, dich muß ich leider auch hierlassen, alter Nero. Aber tröste dich, du kommst wieder zu deinem alten Herrn, dem Steinmoser.«

Lange hatte er so gesessen, da trat Marian zu ihm. »So! Nun wäre ich so weit.« Georg rückte ein Stück zur Seite und hieß Marian sich setzen.

»Nehmen wir noch einmal Abschied von der schönen Natur hier um uns herum. Der Anblick der Berge wird uns da drüben bei Jan wohl manchmal fehlen.«

»Es war doch eine schöne Zeit hier, Georg. Meinetwegen hätten wir hier noch lange bleiben können. Selbst der Winter würde mich nicht geschreckt haben.«

»Glaube ich dir gern, alter Junge. Das ungebundene Leben hier oben kommt dir so recht zupaß. Na, ich denke, da drüben im australischen Busch wirst du auch auf deine Kosten kommen.«—

Plötzlich gab es in der Hütte einen leisen Knall.

»Na«, meinte Marian, »der Ofen, der alte Bursche, wird doch nicht vor Freude bersten, daß er mal geheizt ist? Ich will mal 'reingehen.«

Gleich darauf hörte Georg Marian laut lachen. Er stand auf und ging auch in die Hütte. Da stand Marian am Ofen und hielt mit einem Tuch ein zersprungenes Batterieglas in der Hand.

»Da haben wir ja die Bescherung«, meinte er, »das Batterieglas ist zersprungen, das du neulich nicht fandest, als wir ein leeres Gefäß brauchten. Hier in der Röhre hat's gesteckt. Da konnten wir lange suchen.«

Vorsichtig stellte Marian das heiße Glas auf den Tisch. Sowie er losließ, fiel das mehrfach gesprungene Gefäß auseinander.

»Na, schad't nichts! Eins mehr oder weniger, kommt nicht darauf an«, sagte Georg und trat an den Tisch heran. Plötzlich starrte er interessiert auf ein größeres Bodenstück. Aus dem schwärzlichen Bodensatz, den hier eine längst verdunstete Flüssigkeit zurückgelassen hatte, glitzerten kleine und kleinste Kristalle.

»Was ist denn das?« fragte Marian neugierig.

»Das weiß ich vorläufig auch nicht«, meinte Georg, und bemühte sich, möglichst ruhig zu erscheinen.

Hoffnungen ... Ahnungen waren beim Anblick der Kristalle in ihm aufgetaucht, himmelstrebend ... sinnverwirrend. Er beugte sich über das Glasstück, sprach dabei mit gezwungener Stimme: »Mach nur weiter, Marian! Ich will mir das mal näher ansehen.« Er holte aus einem Koffer ein Mikroskop und stellte es auf den Tisch. Dann brach er aus dem Bodensatz einen der größeren Kristalle und legte ihn unter das Objektiv. Sein Auge schaute hindurch, als wenn er sich in den Stein unter der Linse einbohren wolle.

Oktaeder! würgte es in ihm, Oktaeder, Diamanten! ... Ich hab's!

Schweratmend trat er zur Seite und nahm den Stein in die Hand, strich liebkosend über die Dreiecksflächen des Kristalls. Aber ... vielleicht doch eine Täuschung? ... Noch wagte er nicht, dem Jubel, der in ihm kochte, Bahn zu geben. Er eilte zu dem Chemikalienschrank. Seine Augen glitten schnell über die Gläser. Ah, Gott sei Dank! Da stand noch eine Flasche mit Schwefelkohlenstoff. Er riß sie heraus und ging zum Tisch. Mit zitternden Händen füllte er ein Glas mit der wasserklaren Flüssigkeit, hielt das Oktaeder darüber, ließ es hineinfallen.

In dem Augenblick, da der Kristall unter die Oberfläche tauchte, war er unsichtbar geworden. Kein menschliches Auge hätte ihn in dem Glase entdecken können, in dem er doch sein mußte.—

»Ein Diamant!« schrie Georg auf. »Ein Diamant ist es!« Er trat zurück, wandte sich Marian zu, stand da mit freudefunkelnden Augen. »Diamanten sind das in der Glasscherbe. Ich habe sie endlich!«

Marian, der das ungewohnte, aufgeregte Gebaren Georgs von der Seite kopfschüttelnd beobachtet hatte, stand wie vom Donner gerührt.

»Wie? Was? Diamanten?! Das sind Diamanten? ... Und die hast du gemacht? Treibst du Scherz mit mir? Georg, ich bitte dich ...«

»Nein, Marian. Es ist kein Scherz. Das sind Diamanten, die ich gemacht habe.« Er fuhr sich über die Stirn. »Ja ... die Steine sind mein Werk«, murmelte er, »und doch ... wie war es möglich, daß ein Zufall mir in den Schoß warf, was ich so lange vergeblich mit allen Kräften erstrebt habe?«

Er zog Marian neben sich auf eine Bank und erzählte ihm in fliegenden Worten, wie er schon seit langem im geheimen an diesem Problem gearbeitet habe. Wie er sich nach dem Unglück in Neustadt mit doppelten Kräften der Lösung der Aufgabe gewidmet habe. Wie ihm stets der Erfolg versagt geblieben, bis ihm heute der Zufall das lange, mühevolle Werk krönte.

Marian sprang auf und machte einen Satz in die Luft, reckte jubelnd die Arme aus. Seine schwarzen Augen funkelten, als wollten sie mit den glitzernden Steinen auf dem Tisch wetteifern.

»Diamanten! Wir können Diamanten machen! Viele Säcke voll werden wir machen. Du wirst der reichste Mann der Welt werden, Georg!«

In wilden Wirbeln tanzte er durch die Hütte. »Nun brauchen wir nicht fort von hier. Wir werden hierbleiben und nur noch Diamanten machen.«

Georg hatte indes den Schwefelkohlenstoff aus dem Glas wieder in die Flasche zurückgegossen ... und dann ... dann war er wieder zu sehen ... der Diamant, den das gleiche Lichtbrechungsvermögen im Schwefelkohlenstoff unsichtbar gemacht hatte. Er brach aus der Glasscheibe die übrigen Kristalle heraus, steckte sie zu sich und sprach dabei:

»Sei stad, mein lieber Junge! Glaube nur nicht, daß es so leicht sein wird, das, was der Zufall bescherte, sofort willkürlich zu wiederholen. Wenn es der Teufel will, kann ich lange, lange arbeiten, um das gleiche zu erreichen.«

Marian guckte Georg verdutzt an. »Wie? Was sagst du? Das läßt sich nicht so nachmachen?«

Georg schüttelte den Kopf. »Nein, Marian. So einfach ist das nicht. Selbst wenn ich im Protokollbuch noch die genaue Zusammensetzung dieser Lösung finde ... das Protokollbuch? ...«

»O weh! Das steckt ja im Ofen.« Wie der Blitz fuhr Marian zum Ofen und riß die Tür auf. Unbekümmert, daß er sich verbrannte, griff er mit der bloßen Hand in das Feuer und zog das schwelende Buch hastig heraus.

Er blies sich auf die Finger und schlenkerte sie in der Luft. »Gut, daß Bücher nur schwer in Brand geraten.« Er löschte die glimmenden Ränder des Protokollbuches und schob es Georg zu. Der schlug es auf.

»Ungefähr in dieser Zeit habe ich die Lösung angesetzt. Leider sind die Seiten an den Rändern schon so verkohlt, daß die prozentuale Zusammensetzung der Lösung kaum noch zu lesen ist ... du machst ja ein Gesicht, Marian, wie der betrübte Lohgerber, dem die Felle weggeschwommen sind. So schlimm steht's nicht. Früher oder später krieg ich's 'raus! Darauf kannst du dich verlassen.« Er griff Marian an beiden Schultern und schüttelte ihn: »Junge! Du sollst dir noch mal die Hände baden in Diamanten. Aber ... auf diese Hoffnung hin hierzubleiben, ist ausgeschlossen. Nein, Marian, so geht's denn doch nicht. Übers Knie brechen läßt sich das nicht. Das bedarf alles seiner Zeit, seiner natürlichen physikalischen Entwicklung ... und einer Portion Glücks. Also dies Protokollbuch mußt du gut einpacken. Wir nehmen es mit.«

Georg trat vor die Tür der Hütte. Um die Waldecke im Tal bog der Steinmoser mit seinem Karren, der kam, um das Gepäck ins Tal zu bringen. Jetzt, wo er allein war, gab Georg sich unbeherrscht dem Gefühle jubelnder Freude, siegesgewisser Hoffnung hin, die diese Zufallsentdeckung in ihm wachgerufen hatte.

Er würde seine Arbeit, dem Geheimnis der Diamantenbildung auf die Spur zu kommen, mit größter Zuversicht fortsetzen können. Und Arne! ... Er sog die Brust hoch atmend voll der frischen Bergesluft und schickte einen Juchzer zu Tal. Der alte Steinmoser, der glaubte, es gelte ihm, winkte mit der Hand.

Wären wir erst drüben! Wäre ich erst bei der Arbeit! Das waren Georgs Gedanken. Waren es und blieben es, als sie schon im Zuge saßen und der italienischen Grenze zu fuhren.—

Marian stand mit dem Gepäck in Genua am Kai und wartete auf Georg. Der Dampfer »James Cook«, der sie nach Australien bringen sollte, kam nah und immer näher. Marian blickte sich suchend um. Da endlich stieg Georg aus einer Taxe und kam auf ihn zu.

»Na, Marian, das hat ja noch gerade geklappt! Der größte Diamant, den wir da losgebrochen hatten, wird von dem Juwelier in eine nette Fassung gebracht und dann Anne in Brüssel zugeschickt werden. Übrigens war das gar keine so einfache Sache mit dem Verkaufen der sechs anderen Steine. Die schienen dem Menschen schwerstes Kopfzerbrechen zu machen. Du hättest dabeisein sollen. Was der mich alles gefragt hat. Wo ich die Steine her hätte? Wie ich hieße, wohin ich wollte? Ich war drauf und dran, sie wieder einzustecken und wegzugehen.

Mir lag ja in erster Linie daran, noch einmal von einem Fachmann bestätigt zu wissen, daß es wirklich reine Diamanten waren. Wenn ich mir aber vorstelle, ich käme da mit einem Säckchen so haselnußgroßer Dinger an, ich glaube, mir könnte dann allerhand passieren.«

»Nun, du weißt ja, wie du das zu machen hast, wenn du mal erst so ein Säckchen voll davon hast«, antwortete Marian.

»Allerdings! Wenn es so ist, wie du sagst—ich selbst erinnere mich gar nicht daran—daß Jan vor Jahren geschrieben hat, auf seinem Besitztum wäre mal nach Diamanten geschürft worden ... nun, dann ist ja dein Vorschlag unbedingt gut. Man nimmt das bewußte Säckchen und streut die Steine geschickt in die verlassenen Claims, um sie dann vor den Augen eines Unparteiischen alsbald wieder zusammenzusuchen. Wenn ein paar liegenbleiben, ist's ja weiter nicht schlimm.«

In diesem Augenblick schrie eine Stimme neben Georg: »Achtung! Vorsehen!« Da kam ein Gepäckträger mit einem schweren Koffer auf der Schulter und wäre beinahe gegen ihn gerannt. Georg drehte sich zur Seite und sah dabei ein Stück ab ein Auto halten, vor dem ein Herr stand, der sich von einem anderen im Wagen gerade verabschiedete.

Das Gesicht dieses Herrn im Wagen? Georg fragte sich vergeblich: Wo habe ich das schon gesehen? Der Herr setzte sich jetzt nieder und drehte ihm dabei sein Profil zu. »Ah! Monsieur Forestier!« sagte Georg halblaut vor sich hin. »Sie hier?« Er berührte unauffällig Marians Arm.

»Merk dir mal das Gesicht des Herrn, der da eben kommt. Wenn er auch auf den ›James Cook‹ steigt, könnte man daraus einige Schlüsse ziehen.«—

Zwei Stunden später gingen die Maschinen des »James Cook« an. Der Dampfer setzte seine Reise fort.


5. Kapitel.

Das Reynard-Rennen in Epsom war gelaufen. Die Entscheidung, um die seit Wochen die Wetter in fieberhafter Erwartung zitterten, war gefallen. Black Boy, der Hengst des Mr. Melville, hatte das Rennen als Favorit überlegen gewonnen. Strahlend nahm der Besitzer die Glückwünsche entgegen, die ihm von allen Seiten zuflogen.

»Nun, Mr. Melville, will ich Ihnen auch meinen besten Glückwunsch aussprechen. Selten sah ich ein so schönes Rennen, und selten ist wohl ein Rennen so klar vom besten Pferd gewonnen worden.«

»Danke, danke, Mr. Turi! Ihr Lob freut mich sehr. Sie waren doch stets ein guter Pferdefreund und -kenner. Es bleibt dabei, daß Sie mich morgen in Harwood Cottage besuchen. Entschuldigen Sie mich jetzt. Ich muß zu meinem Trainer.« Der als Mr. Turi Angeredete winkte Melville einen Gruß zu und ging zur Tribüne zurück.

Niemand hätte in Mr. Turi den Abt von Gartok wiedererkannt. Gentleman von Kopf bis Fuß, unterschied er sich in nichts von den anderen Herren erster englischer Gesellschaftskreise, die auf der Tribüne saßen. Im Vorübergehen nickte er wiederholt Bekannten zu, die er schon früher begrüßt hatte. Nahm dann seinen alten Platz neben Mr. Kenwigs wieder ein, dem amerikanischen Botschaftsrat, den er noch von Oxford her kannte.

Die Unterredung der beiden, anscheinend in leichtestem Plauderton geführt, mußte doch wohl einen ernsteren Inhalt haben. Jedenfalls merkten sie erst, daß das nächste Rennen vorbei war, als der Sieger unter lautem Beifallsklatschen durchs Ziel ging. Mr. Turi benutzte die Gelegenheit, als viele Tribünenbesucher zum Sattelplatz strömten, um die Rennbahn zu verlassen.—

Auch ohne den dichten Nebel, der ein paar Stunden später über London lag, hätte wohl keiner seiner Bekannten Mr. Turi in dem Chinesen vermutet, der in Begleitung eines gelben Dieners im Chinesenviertel Londons verschwand. Die japanische Botschaft war nur zu gut beobachtet, um dort einen Besuch bei Jemitsus Vertrauensmann, dem Botschaftssekretär Ukuru, unbemerkt machen zu können. Was Mr. Turi in einer einfachen Kneipe des Chinesenviertels mit dem Botschaftssekretär besprach, sollte sich noch weittragend auswirken. —

»Hallo, Mr. Turi! Ich freue mich, Sie in Harwood Cottage begrüßen zu können. Nach dem Frühstück werden wir zu den Pferden gehen. Jetzt wollen wir uns erst einmal mit Vergnügen an unsere schönen Eton- und Oxfordzeiten zurückerinnern.«

Das Frühstück war längst genommen. Noch immer saßen die beiden und sprachen von jenen glücklichen Jugendtagen. Melville mußte immer wieder die vollendete weltmännische Bildung seines Gastes bewundern; staunte über die umfassenden Kenntnisse, mit welchen der über die mannigfachsten Fragen der Gegenwart sprach. Wußte er doch, daß Mr. Turi seit vielen Jahren in seiner Heimat in Hochasien ohne engere Verbindung mit dem Weltgetriebe lebte.

Der Butler unterbrach schließlich ihr Gespräch, indem er seinen Herrn an den Besuch der Koppeln erinnerte. Während sie in langsamer Fahrt über die grüne Fläche rollten, auf der die jungen Pferde sich tummelten, ging ihr Gespräch hin und her, wobei Mr. Turi nicht versäumte, Melville seine Anerkennung über die schönen Tiere auszusprechen. Wie beiläufig bat er Melville, ihn bei dessen Onkel, Sir Alfred Lytton, einzuführen, der seit kurzem Kolonialminister war.

Eine alte, wertvolle Urkunde des Klosters Gartok, das in Mr. Turis engerer Heimat lag, sei leihweise nach dem Kloster Barum in Britisch-Indien gekommen. Dort sei sie mit anderen wertvollen Dokumenten dieses Klosters von einem unredlichen Mönch an einen englischen Besucher verkauft worden. Sie befinde sich zur Zeit in London, in Staatsbesitz. Es könne keinem Zweifel unterliegen, daß diese Urkunde an das Kloster Gartok zurückgegeben werden müsse.

Melville war sofort bereit, Mr. Turi in jeder Weise zu unterstützen.

»Leider, mein lieber Turi, ist es nicht leicht, meinen Onkel zu erwischen. Er hält sich in London auf und kommt selten mal in sein Weekendhaus. Die verworrene politische Lage hat alle Ministerien und das Kolonialministerium im besonderen unter Hochdruck gesetzt. Da wird nichts anderes übrigbleiben, als uns in London zu einem bestimmten Tage zu verabreden und dann Sir Alfred im Ministerium selbst einen Besuch zu machen. Häusliche Störungen liebt er sehr wenig.«

»Aber selbstverständlich, Melville! Das ist das Richtigste, wenn wir Ihren Onkel im Ministerium selbst aufsuchen. Ich werde ihn keineswegs lange in Anspruch nehmen. Es genügt mir, wenn ich seine Aufmerksamkeit auf diese Sache gelenkt habe.«—

Zwei Tage später konnte Melville seinem Jugendfreund mitteilen, daß Sir Alfred Lytton ihn in seinem Ministerium am Nachmittag empfangen wolle. —

Die kühle, nicht sehr freundliche Haltung Sir Alfreds Mr. Turi gegenüber wurde im Lauf der Unterredung immer wärmer. Von dem Thema über die Urkunde abschweifend, unterhielten sie sich über allerlei interessante Fragen, auch über die Probleme im Fernen Osten. Zum Schluß der Audienz lud der Minister seinen Besucher ein, am übernächsten Tage um sechs Uhr wieder bei ihm im Ministerium vorzusprechen. Er werde sich bis dahin durch seinen Sekretär die nötigen Unterlagen verschafft haben, um vielleicht schon eine Entscheidung treffen zu können ...

Am übernächsten Tage wurde Mr. Turi zur festgesetzten Stunde in das Arbeitszimmer des Ministers geführt. In Erinnerung an die vorgestrige Unterhaltung begann Sir Alfred das Gespräch mit einigen Fragen über hochasiatische Verhältnisse, die ihn sehr interessierten. Die starke Schwüle, die in dem Zimmer herrschte, ließ Mr. Turis Wunsch nach einer leichten Erfrischung begreiflich erscheinen. Sofort brachte ein Diener ein paar Flaschen Mineralwasser. Bald darauf wußte Mr. Turi das Gespräch auf den eigentlichen Zweck der Unterredung zu bringen. Der Minister, als wenn er sich jetzt erst der Sache erinnerte, stand auf.

»Da kann ich Ihnen einen günstigen Bescheid geben. Mein Sekretär hat schon bis Nötige veranlaßt. Immerhin will ich selbst schnell nachsehen. Vielleicht können Sie ...« Der Minister war bei den letzten Worten zur Tür gegangen und verließ den Raum ... so, wie es Turi Chan gewollt hatte.

Kaum daß die Tür sich hinter ihm geschlossen hatte, fielen aus Mr. Turis Hand zwei Pülverchen in das Glas des Ministers.—

Nach wenigen Minuten kam Sir Alfred Lytton zurück. »Die Sache ist schon Ihrem Wunsch gemäß eingeleitet, Mr. Turi. Bei der unzweifelhaft klaren Rechtslage dürfen Sie überzeugt sein, daß das Kloster Gartok seine Urkunde bald wiederbekommen wird.«

Mr. Turi dankte dem Minister mit gesucht herzlichen Worten und brachte dann das Gespräch wieder auf ein paar interessante Streitfragen, über die er sich vorher mit Sir Alfred Lytton unterhalten hatte. Dabei führte er sein Glas zum Mund und trank es aus. Und, wie angeregt durch diese Bewegung, griff auch Sir Alfred sein Glas und leerte es. Vielleicht hätte ein Arzt, der Sir Alfred genau kannte, einige Minuten später eine gewisse Veränderung in den Zügen und Augen des Ministers feststellen können. Ein Laie würde nicht das geringste an ihm bemerkt haben. Mr. Turi verstand es, die Unterhaltung so fesselnd zu gestalten, daß Sir Alfred Lytton mit dem Ausdruck starken Bedauerns aufstand, als sein Sekretär ihn an die angesetzte Konferenz mit dem Außenminister Northcott und dem Ministerpräsidenten Steele erinnerte. Einen Augenblick stand er unschlüssig, wie einen fremden Gedanken abwehrend. Begann dann mit langsamer, etwas gezwungener Stimme: »Es wäre mir sehr angenehm, Mr. Turi, wenn wir unser Gespräch recht bald fortsetzen könnten. Ihre Ansichten sind mir in vielen Zweifelsfragen sehr willkommen. Allerdings«, setzte er lächelnd hinzu, »ohne Sie vollkommen teilen zu wollen. Wann würde es Ihnen ...?« Lytton unterbrach sich: »Am liebsten wäre es mir, wenn Sie die Liebenswürdigkeit hätten, noch eine Weile hierzubleiben. Ich nehme an, daß die Konferenz nicht sehr lange dauern wird. Wir könnten dann unser interessantes Gespräch sofort wiederaufnehmen.«

Wieder hätte ein guter Psychologe vielleicht beobachten können, daß die zuvorkommenden und liebenswürdigen Worte des Ministers etwas mechanisch über seine Lippen kamen. Mr. Turi verbeugte sich voll Ehrerbietung und erklärte sich gern bereit zu warten. Freute sich dabei innerlich. Der Minister reagierte auf die Pülverchen hin ganz nach seinen Wünschen. Ob sie auch während der Konferenz so wirken würden, daß man seinen gedanklichen Befehlen folgte?—

Sir Alfred war zur Konferenz gegangen. Mr. Turi saß in einem bequemen Klubsessel des Zimmers, eine Zeitung vor den Augen. Doch was in dem Blatt stand, schien ihn wenig zu interessieren. Er hatte die Lider geschlossen, die Stirn gekraust. Seine Gedanken schienen ganz woanders zu sein.—

Die drei Kabinettsmitglieder saßen bereits seit einiger Zeit zusammen in eifrigem Gespräch. Einem heimlichen Zuhörer würde es aufgefallen sein, wie sich ihr Ton im Laufe der Besprechung immer mehr verschärfte. Nach längeren Ausführungen Sir Alfreds, die von Steele und Northcott mit zustimmendem Nicken begleitet wurden, erhob sich Steele und sagte mit einer Stimme, die im Vergleich zu seiner sonstigen Sprechweise als sehr stark bezeichnet werden mußte:

»Ich denke, wir können den übrigen Mitgliedern des Kabinetts, die ja bald hier sein werden, den fertigen Entwurf für unsere Antwort an die Regierung der Vereinigten Staaten gleich vorlegen. Ich will einmal den Inhalt unserer Note folgendermaßen skizzieren: ›Es kann für die Regierung Seiner Britannischen Majestät keinem Zweifel unterliegen, daß die andauernden Revolutionen in den lateinamerikanischen Staaten von nordamerikanischem Kapital inszeniert und finanziert werden. Die neuen, auf diese Weise zur ausübenden Gewalt gekommenen Parteien sind in jeder Weise bestrebt, das Eindringen nordamerikanischen Kapitals zu fördern. Andererseits versuchen sie alles, um die englischen Gläubiger zu schädigen. Die Antwort, welche die Regierung der Vereinigten Staaten auf die wiederholten Vorstellungen des Botschafters Lord Adison gegeben hat, kann die Regierung Seiner Britannischen Majestät in keiner Weise befriedigen. Sie sieht sich daher erneut genötigt, die ernstesten Vorstellungen zu erheben, und kann es nicht unterlassen darauf hinzuweisen, daß eine weitere hinausschiebende Behandlung der Angelegenheit durch die Vereinigten Staaten nicht geeignet wäre, die freundschaftlichen Beziehungen zwischen beiden Staaten zu fördern.‹«—

Als die übrigen Kabinettsmitglieder kamen, wurde ihnen die Fassung der Note vorgelegt. Sofort erhob sich bei den meisten heftiger Widerspruch sowohl gegen den Inhalt wie gegen die Form. Doch nach einigen kurzen Ausführungen Sir Alfred Lyttons schlug die Meinung merkwürdig schnell um. Man stimmte sogar der Forderung Lyttons zu, die Note sofort den zuständigen Stellen zu übermitteln.—

Diese Note wurde zwar weder von England noch von den Vereinigten Staaten der Presse übergeben. Dennoch dauerte es nicht lange, so wußte die ganze Welt davon, und mehrere Tage waren die schon sehr nervösen Börsen der Welt in stärkster Verwirrung.

Da kamen neue Momente der Beunruhigung. Die ständige Stationierung eines starken englischen Kreuzergeschwaders mit Flugzeugmutterschiffen in Kingston auf Jamaika und die Modernisierung der dortigen Befestigungen hatten schon seit längerem böses Blut in den Vereinigten Staaten gemacht. Diplomatische Verhandlungen darüber hatten bereits des öfteren zwischen den beiden Mächten stattgefunden. Beim Besuch eines amerikanischen Geschwaders in Havanna hatte bei einem Festessen an Bord des Flaggschiffes »General Steuben« ein Kapitän eine etwas unvorsichtige Rede gehalten, in der er unter anderem auf ein kommendes Husarenstückchen gegen Jamaika anspielte. Ferner drang jetzt einiges in die Öffentlichkeit von einer Unterredung, die der amerikanische Botschafter in dieser Angelegenheit im Foreign Office gehabt hatte. In Ausdrücken, wie sie im diplomatischen Verkehr, gelinde gesagt, als selten bezeichnet werden müssen, hatte er den Standpunkt seiner Regierung überaus scharf vertreten. Es sickerte auch weiter durch, daß die amerikanische Regierung ihrem Botschafter eine Reprimande erteilt hatte, aber von einer Abberufung des Botschafters Stamford verlautete nichts.—

Mr. Stamford ging im Garten des Botschaftspalais auf und ab. Immer wieder dachte er an jenen Besuch im Foreign Office zurück. »Unglaublich, unmöglich!« sagte er immer wieder zu sich selbst. »Wie konnte ich mich so hinreißen lassen? Dieses Gesicht Northcotts ... nur zu deutlich gab es seinen inneren Gefühlen über den hemdärmeligen Amerikaner Ausdruck. Sein Schweigen ... seine Abschiedsworte ... unser persönliches Verhältnis war doch immer ganz freundschaftlich ... welche eisige Ablehnung ... welche unberührte Überlegenheit drückten sie aus ...« Erstaunlich, daß man in Washington sein Vorgehen nicht noch stärker gemißbilligt hatte ...

Wie war er dazu gekommen? Immer wieder legte er sich die Frage vor. Seine Nerven? ... Vollkommen intakt. Sein körperliches Befinden? ... Gut. Von besonderem Verdruß oder Ärger in seinem Amt keine Rede. Kurz, eine geistige Indisposition, für die er keinerlei Erklärung hatte.

Sein Freund Warner, Botschaftsrat in Paris, der ihn auf der Durchreise gestern besuchte, hatte lachend gemeint: »Sie hatten vielleicht vorher zu gut gegessen oder ... getrunken.«

Aber an so etwas überhaupt zu denken, war ja lächerlich ...

Am späten Nachmittag war er im Foreign Office gewesen. Am Mittag vorher hatte er an einem Frühstück in der chinesischen Botschaft teilgenommen. Er hatte dort von den mannigfachen chinesischen Delikatessen nur genascht. Ein paar Gläser leichten Weins getrunken.

Seine Gedanken blieben eine Weile bei diesem Frühstück hängen. Dieser Mr. Turi, der ihm von den Gästen am stärksten in Erinnerung geblieben war—welch bedeutender Kopf war das! Es war nicht leicht gewesen, der geistvollen, interessanten Konversation dieses Asiaten in gleicher Weise zu dienen. Daß es jener Mr. Turi verstanden hatte, ihm unbemerkt ein gewisses weißes Pulver in das Glas gleiten zu lassen, ahnte er nicht.—

Als Mr. Turi zwei Tage später in das Flugzeug London—Paris stieg, ließ der japanische Botschafter sich durch den Botschaftsrat Ukuru in besonders herzlicher Weise verabschieden.—

War schon die Stimmung in der diplomatischen Welt überall sehr schwül, so zeigte sie in Paris eine besondere Spannung. Die eigenen ostasiatischen Interessen Frankreichs traten ganz zurück gegenüber den vielversprechenden Möglichkeiten, die gespannte Weltlage zu Frankreichs Gunsten auszunutzen. Offiziell war das Verhältnis des Quai d'Orsay zu den konfliktbeteiligten Staaten vollständig korrekt. Irgendwelche stärkeren Reibungspunkte gab es nirgends. Aber die Aussicht, bei etwaigen kommenden Auseinandersetzungen im trüben zu fischen, war so günstig, daß man alle Vorgänge mit besonderem Interesse verfolgte.

Daß die Stimmung der Presse stark zu den Gegnern Englands neigte, ließ die Regierung unberührt. Immerhin gab es nicht zu unterschätzende Schwierigkeiten in der Kammer, wo auch eine starke antienglische Stimmung festzustellen war.

Auf die Anfrage eines Abgeordneten über einen Artikel in dem halboffiziösen »Matin«, der in einem für England freundlichen Ton gehalten war, antwortete der Minister des Auswärtigen in der üblichen ausweichenden Weise. Darauf meldeten sich von verschiedenen Seiten Redner, welche diese ausweichende Stellungnahme aufs heftigste kritisierten, wobei eine starke englandfeindliche Tendenz nicht zu verkennen war.

Da trat der angesehene normannische Abgeordnete Robert Roux auf die Tribüne und hielt eine lange Rede im Sinne einer englandfreundlichen Politik. Er warf darin das im französischen Parlament stets unangenehme Thema der Rassenfrage auf und beleuchtete in überaus scharfer Weise die ostasiatischen Vorgänge vom Standpunkt des Rassenproblems aus. In flammenden Worten verlangte er eine unbedingte Stellungnahme der Regierung gegen die gelbe Gefahr.

Seine Ausführungen riefen erst zögernden, darin immer stärkeren Beifall hervor. Es war nicht zu verkennen, daß seine Rede einen tiefen, nachhaltigen Eindruck auf die übrigen Parlamentsmitglieder gemacht hatte. Als gegen Abend die Sitzung abgebrochen wurde, ließ sich mit ziemlicher Sicherheit ein starker Umschwung in der Beurteilung der außenpolitischen Fragen feststellen, und die Gegner Robert Roux' dachten jedenfalls mit Unbehagen an die nächste Sitzung, falls diese unter denselben Auspizien wiederaufgenommen werden würde.—

Da geschah etwas so Ungeheuerliches, Unverständliches, daß sich die Blätter aller Richtungen tagelang damit beschäftigten. Robert Roux hatte sich vom Parlamentsgebäude zu Fuß nach seiner Wohnung begeben wollen. Als er über den Pont Alexandre III kam, sprang er plötzlich über die Brückenbrüstung in die durch starke Regengüsse hoch gehende Seine und verschwand sofort vor den Augen der entsetzten Zuschauer in den Fluten.

Die allgemeine Meinung ging fast übereinstimmend dahin, daß Roux in einem Anfall von starker Nervenüberreizung den Tod gesucht habe. Es war ja auch ganz ausgeschlossen, daß sich irgendein Mensch darüber Gedanken machen konnte, daß Mr. Turi dem Abgeordneten vom Parlamentsgebäude bis zur Seinebrücke ganz unauffällig gefolgt war.

Die Gegner Roux' triumphierten innerlich. Die nächste Sitzung des Parlaments gab ihren Erwartungen durchaus recht.

Noch am Abend desselben Tages bestieg Mr. Turi ein Überseeflugzeug, das ihn in zwei Tagen nach Washington brachte.—

Auch hier geschah bald darauf etwas, was überaus verwunderlich war, wenn auch außer den direkt Beteiligten kein Mensch je etwas davon erfuhr. Der Vorsitzende des Außenpolitischen Ausschusses, Millington, fand am Morgen nach einer Unterredung mit dem japanischen Botschaftsrat Ohama und dessen Begleiter, Mr. Turi, in seiner Brieftasche die Summe von zweihunderttausend Dollar.

Er erinnerte sich, nachdem er sich von seiner Überraschung erholt hatte, nach und nach daran, daß ihm das Geld von dem Botschaftsrat Ohama übergeben worden war ... und daß er im Anschluß an diese Unterredung an einer Sitzung des Auswärtigen Ausschusses teilgenommen hatte, in der wichtige außenpolitische Fragen besprochen worden waren. Millington fuhr sofort in das Gebäude des Ausschusses und ließ sich das Protokoll über die Sitzung vorlegen. Kopfschüttelnd, mißmutig überlas er das Schriftstück und überlegte, wie er in einer neuen Sitzung einiges daran ändern könne. Doch eine Rücksprache im Sekretariat ergab leider, daß der Inhalt schon an die zuständigen Stellen weitergeleitet worden war.

Das war sehr bedauerlich, denn die Beziehungen zu England mußten durch die Beschlüsse dieser Sitzung eine weitere Verschlechterung erfahren. Aber all das traf ihn ja persönlich viel weniger als das Bestechungsgeld—anders konnte er es ja nicht bezeichnen—, das wie Feuer in seiner Tasche brannte. In tage- und nächtelangem Grübeln suchte er aus diesem peinigenden, nervenzerrüttenden Zustand einen Ausweg zu finden.

Das Geld zurückgeben? ... Dem Präsidenten Mitteilung machen? ... Es ins Feuer stecken? ... Nichts konnte ihn von dem Odium befreien, daß er es zunächst doch einmal angenommen hatte. Immer wieder suchte er vergeblich nach Gründen, die ihn zu diesem ungeheuerlichen Verbrechen bewogen haben konnten. Immer wieder versagte jede klare Überlegung. Nach langen, schweren Seelenqualen beschloß er, so bald als möglich seine Demission einzureichen. Als eines Tages die Zeitungen eine Notiz brachten, daß der Armenverwaltung New Yorks von ungenannter Seite die Summe von zweihunderttausend Dollar zugeflossen sei, dachte kein Mensch in den Vereinigten Staaten, daß dieser große Betrag von Herbert Millington stammte, von dem man wußte, daß er mit Glücksgütern keineswegs reichlich gesegnet war.—

Verfolgte man die Reise Mr. Turis weiter, die sich im Luftschiff über Frisko und Hawai nach Japan fortsetzte, so mochten die wenigen, die um Turi Chans Kunst und Ziel wußten, auch jenen Zwischenfall in Hawai auf seine Landung dort zurückführen. Auf einem Ball beim Gouverneur wurde der Kommandant eines dort ankernden englischen Kriegsschiffes, der auch zu dem Fest geladen war, von einem amerikanischen Offizier in schwerster Weise brüskiert. Der Notenwechsel darüber endete mit einer Entschuldigung der Washingtoner Regierung, die den Offizier scharf maßregelte. Immerhin vermieden es in Zukunft englische und amerikanische Offiziere, an irgendwelchen Veranstaltungen gemeinschaftlich teilzunehmen.

* * *

Der Dampfer »James Cook« hatte Italien hinter sich gelassen und näherte sich Malta, als er ein Radiogramm erhielt, auf der Höhe vor Malta zu stoppen und einige Passagiere aufzunehmen. Gegen Abend des gleichen Tages sichtete man vom »James Cook« aus ein Torpedoboot, das in rascher Fahrt auf den Dampfer zukam.

Da die Passagiere gerade beim Souper im Speisesaal saßen, kümmerten sich nur wenige um die Ankunft des Bootes, das einige höhere englische Offiziere an Bord des »James Cook« brachte. Als am nächsten Morgen Georg Astenryk auf Deck kam und nach einem vorüberfahrenden Schiff ausschaute, fühlte er sich am Arm ergriffen, und eine bekannte Stimme rief ihm zu: »Sind Sie's wirklich, Herr Astenryk, oder ist es Ihr Geist?«

»Ah, Herr Major Dale! Welche Überraschung! Sie kamen wohl gestern abend an Bord und wollen ...«

»... nach Australien«, vollendete Dale nickend. Fuhr dann fort, als er Georgs Gesicht freudig ausleuchten sah: »Wohin Sie augenscheinlich auch wollen, Herr Astenryk.« »Sie haben recht, Herr Major. Ich bin auf der Fahrt zu meinem Bruder Jan. Die Verhältnisse in der Heimat haben sich für mich so gestaltet, daß ich dessen Angebot, zu ihm zu kommen, gefolgt bin.«

»Oh, Herr Astenryk, da mögen aber einige Tränen geflossen sein! Sie wissen wohl, daß ich das Vergnügen hatte, Ihr Fräulein Braut kennenzulernen.«

»Natürlich, Herr Dale! Meine Verlobte schrieb mir darüber sehr ausführlich. Wenn sie wüßte, daß wir jetzt zusammen auf dem ›James Cook‹ reisen!«

Ein Steward trat zu Dale und sagte: »Herr Oberst Gamp bittet den Herrn Major zu sich.«

»Nun, die Reise ist lang, Herr Astenryk. Wir werden uns noch öfter als einmal treffen. Auf Wiedersehen!«—

Es wurde für Georg eine sehr interessante, anregende Fahrt. Wenngleich er sich von den Bordvergnügungen geflissentlich zurückhielt, hatte er durch Dale doch bald einen größeren Bekanntenkreis gefunden. Darunter auch einen englischen Radioingenieur Roger Clennan. Der machte die Fahrt mit, weil der »James Cook« mit einer neuartigen Funkstation ausgerüstet worden war, die von ihm überwacht werden sollte. Georg unterhielt sich oft und gern mit Clennan, der erfreut war, einen sachverständigen Zuhörer in ihm gefunden zu haben.

Schon vor seiner Abreise hatte sich Georg vorgenommen, während der Fahrt Empfangsversuche mit seinem Verstärker zu machen. Er sagte sich, daß die Verhältnisse auf dem Schiff besonders bei Nacht sehr günstig sein müßten. Außer den zwei bis drei Personen auf der Kommandobrücke waren alle übrigen, die sich um diese Zeit unter Deck befanden, durch die eisernen Wände und Decken des Schiffes derart abgeschirmt, daß Wellen von ihnen seinen Empfangsapparat nicht beeinflussen konnten. Er hatte sich noch am Wilden Rain eine Nürnberger Schere angefertigt, an deren Spitze ein Draht befestigt war. Aus dem Bullauge seiner Kabine herausgespreizt, stellte sie eine brauchbare Antenne dar.

In manchen Nächten hatte er, besonders wenn Land in der Nähe war, versucht, Gedankenwellen durch seinen Verstärker zu empfangen. Diese Versuche waren meist recht unbefriedigend verlaufen. Dagegen war es ihm ein paarmal gelungen, von Schiffen, die nachts dem »James Cook« begegneten, klare Eindrücke von den Gesprächen und Gedanken der dort befindlichen Wachtpersonen zu bekommen. Es war ihm ein Vergnügen, bei diesen Experimenten sehr häufig auch die Nationalität der fremden Schiffe festzustellen.

Mehrmals war er drauf und dran gewesen, mit Clennan über diese Dinge zu sprechen. Clennan war Oberingenieur bei der englischen Firma Tyrell & Co. und galt in wissenschaftlichen Kreisen als ein Fachmann ersten Ranges. Doch immer wieder schien es Georg richtiger, sein Problem aus eigener Kraft bis zur endgültigen Lösung durchzuführen.

So hatte er nur Marian als Vertrauten, der ihm bei seinen Versuchen assistierte. Der hatte vor Beginn der Reise kategorisch erklärt, er wolle in der Touristenklasse fahren. Nach einigem Überlegen hatte Georg seinen Gründen beistimmen müssen. In der Tat wurden durch diese Trennung viele Schwierigkeiten, die sich aus der verschiedenartigen Stellung der beiden ergeben mußten, aus dem Wege geräumt. Aber indem Marian als Diener Georgs in die Schiffsliste eingetragen wurde, war es ohne die sonst üblichen Umständlichkeiten jederzeit für ihn möglich, zu Georg zu kommen. So konnten sie viele Stunden des Tages zusammensein und über zukünftige Pläne sprechen.

Eines Abends erzählte Marian mit seinem trockenen Humor von einigen klingenden Anerbietungen jenes Herrn, der sich am Quai in Genua von Mr. Forestier verabschiedet hatte. Georg hatte ihn gelegentlich durch seinen Steward als einen Herrn Crouzard, Handelsagenten, feststellen können. Marian berichtete eine amüsante Geschichte, wie er den neugierigen Franzosen, der allerlei wissen wollte—wohin Georgs und Marians Reise ging, und was sie da drüben vorhätten—, mit allerhand verwirrenden Märchenerzählungen genasführt hätte.

»Die Kerls haben bei uns wenig Glück«, sagte Georg schließlich lachend. »Weiß der Teufel, wie es kommt, daß die so eine ungeschickte Hand bei der Wahl ihrer Leute haben! Oder sollte es an etwas anderem ... gar an uns selbst liegen? Nein! Wir tun doch eigentlich recht wenig dabei. Immerhin stimmt es mich nachdenklich, daß man uns andauernd auf den Fersen bleibt.

Wozu diese Herrschaften fähig sind, das haben wir ja am Wilden Rain erleben müssen. Was da eigentlich geplant war, habe ich in seinem ganzen Umfang erst jetzt von Dale erfahren, der während der Fahrt nach Brüssel so allerhand aufgeschnappt hat. Jedenfalls beweist diese unglaubliche Sache, daß wir stets auf der Hut sein müssen.«—

Mit Major Dale war Georg sehr oft zusammen. Durch ihn hatte er auch die vier englischen Offiziere kennengelernt, die mit Dale nach Sydney fuhren. Zwar trat er diesen nicht sehr nahe, doch gewann er aus ihren Gesprächen manchen interessanten Aufschluß über die australischen Verhältnisse und insbesondere über die gelben Aspirationen auf das große, menschenarme Land. —

Als er eines Tages wieder mit den Offizieren zusammensaß, fiel ihm auf, daß sie sehr wortkarg und mißgestimmt waren. Später, als er mit Dale allein war, fragte er ihn offen nach dem Grund dieser veränderten Stimmung.

Dale zögerte einen Augenblick und meinte dann: »Das ist eine Angelegenheit, über die ich Ihnen nicht viel sagen kann. Oberst Gamp vermißt seit gestern einige wichtige militärische Schriftstücke, die er in seinem Kabinenkoffer mit sich führte. Es wäre sehr folgenschwer, wenn diese Papiere in falsche Hände gekommen wären. Dazu käme noch die bedenkliche Unvorsichtigkeit, die Oberst Gamp beging, daß er die Papiere nicht in den Schiffstresor gab.«

»Haben Sie irgendeinen Verdacht, daß Sie von falschen Händen sprechen?«

»Nur den allgemeinen Verdacht, daß wahrscheinlich gelbe Hände im Spiel sind. Wobei es aber keineswegs festzustehen braucht, daß der Diebstahl direkt von gelber Hand ausgeführt ist. Für klingende Münze finden sich auch weiße Hände, die so etwas tun. Natürlich richtet sich unser Verdacht in erster Linie gegen die gelben Passagiere des Schiffes, und da haben wir unser Auge besonders auf einen Reisenden der ersten Klasse namens Soyjen aus Yokohama gerichtet. Beim Passieren des Suezkanals wurde dem Kapitän gefunkt, daß man auf Soyjen ein Auge haben möchte, er wäre dem englischen Nachrichtendienst als gefährlicher politischer Agent Japans gemeldet worden. Unter diesen Umständen ist natürlich eine Untersuchung seiner Kabine vorgenommen worden, aber ergebnislos.«—

Am Abend dieses Tages kam Marian zu Georg und fragte ihn, ob nicht das Kreuz des Südens bald am nächtlichen Himmel zu sehen wäre. Sie gingen beide auf Deck und hielten Umschau an dem von tausend Sternen überstrahlten Nachthimmel. Während sie dastanden und suchten, erzählte Georg Marian von dem Diebstahl bei Oberst Gamp.

Sie wollten sich eben trennen, da ging ein japanischer Passagier an ihnen vorbei. Georg erkannte im Strahl einer Laterne das Gesicht Soyjens, den ihm Dale gelegentlich gezeigt hatte. Als sie ein paar Schritte weiter waren, machte Georg Marian auf Soyjen aufmerksam. Marian drehte sich schnell um, eilte zu dem Platz, an dem sie eben gestanden hatten, tat, als wenn er etwas aufnähme, was er da verloren hätte, und fand dabei Gelegenheit, dem Japaner ins Gesicht zu sehen.

Georg war schon an der Treppe zu seiner Kabine angekommen und nickte Marian zum Abschied zu, da kam der hinter ihm her und ging mit in Georgs Kabine. Was Marian ihm hier berichtete, erregte Georgs Interesse aufs allerhöchste. Nach längerer Beratung trennten sie sich. Beim Fortgehen sagte Marian: »Auf alle Fälle bleibe ich noch bis zur Ablösung der Wache auf Deck. Vielleicht kriege ich ihn noch heute nacht.«—

Am nächsten Morgen in aller Frühe kam Marian in Georgs Kabine. »Ich hab's heraus!« sagte er flüsternd zu Georg.

Der machte große Augen. »Hast du das wirklich fertiggebracht, Junge? Unglaublich, daß dir das tatsächlich so gelungen ist! Na, wenn nun alles klappt, wirst du wohl viel Schmeichelhaftes zu hören bekommen. Vielleicht wird aber mancher in großem Bogen um dich herumgehen, wenn er dich einmal von dieser Seite kennengelernt hat.«

Georg hatte sich inzwischen angezogen, trat aus der Tür und ging zu Dales Kabine. Der lag noch in tiefem Schlaf, als Georg an die Tür klopfte. Seine unwillige Miene hellte sich jedoch schnell auf, als er den Störenfried erkannte. Er wunderte sich nicht wenig, als Georg ihn dringend zu sprechen wünschte. Was der ihm da erzählte, erregte bei Dale zunächst nur ungläubiges Kopfschütteln. Doch allmählich wurde er von Georgs bestimmten Worten so gepackt, daß er sich eiligst in die Kleider warf. Er bat Georg, auf ihn zu warten, ging zur Kabine des Obersten Gamp und ließ auch den Ersten Offizier des »James Cook« dorthin bitten. Nach längerer erregter Besprechung verließen der Erste Offizier und Major Dale die Kabine.

Sie begaben sich mit einem Maschinisten in das Logis, in dem die chinesischen Heizer des Dampfers hausten. Der Maschinist ging auf die Koje eines Heizers zu, riß das Bettzeug herunter und tastete alles ab.

»Ah, hier! Bei Gott, hier knistert es! Hier stecken Papiere!« Er zog sein Taschenmesser, schnitt den Bettsack auf und griff hinein.

»Wahrhaftig! Da sind sie!« rief Dale mit unterdrückter Stimme. Er nahm die Papiere an sich. »Was wir wollten, haben wir Gott sei Dank wieder. Den Heizer und all das andere darf ich wohl Ihnen überlassen«, wandte er sich an den Ersten Offizier. »Ich eile zu Oberst Gamp. Er wird es kaum erwarten können, das Resultat zu erfahren.«

Als Dale wieder in seine Kabine kam, fand er den Oberst und Georg in höchster Spannung.

»Hier sind sie!« rief er dem Oberst freudestrahlend zu. »Es verlief alles programmäßig.«

Der Oberst sprang auf, konnte beim Anblick der Schriftstücke kaum seine Selbstbeherrschung bewahren.

»Bei Gott, es ist wahr!« Sorgfältig prüfte er die Dokumente. »Alles ist beisammen. Nichts fehlt! ... wirklich ... wenn mir das gestern einer erzählt hätte, ich hätte ihn ausgelacht ...

Nun müssen Sie mir aber unbedingt diesen Marian Heidens vorstellen, Herr Astenryk. Ich möchte doch den Menschen kennenlernen, der so übernatürliche Kräfte besitzt. Ich erinnere mich aus meiner Dienstzeit in Indien, daß von solchen Jogikünsten manchmal die Rede war, aber man hielt das doch allgemein für Märchen.«

Georg ging und kam bald darauf mit Marian wieder. Oberst Gamp drückte Marian die Hand.

»Herr! Wie soll ich Ihnen danken? Da haben Sie wirklich ein Meisterstück vollbracht. Nun müssen Sie aber mal selbst erzählen, wie Sie das fertigbekommen haben.«

Marian schüttelte verlegen den Kopf und sah zu Georg hinüber. Der warf ihm einen aufmunternden Blick zu. »Nur los, Marian! Mir wollten sie ja nicht recht glauben. Erzähl alles von Anfang an!«

Und Marian begann, wie er eines Abends sah, daß ein Passagier der ersten Klasse, ein Gelber, zum Zwischendeck kam und dort an der Reling eine Zeitlang wie wartend stand. Nach einiger Zeit kam einer der chinesischen Heizer auf Deck und begab sich auch zur Reling, wobei er dicht an dem Passagier vorbeistrich. Obwohl das sehr schnell geschah, habe er doch gesehen, wie der Passagier dem Heizer etwas zusteckte. Da es sich um zwei Gelbe handelte, habe er der Sache kein besonderes Gewicht beigelegt ...

»Als ich ein paar Tage später«, fuhr er fort, »durch Mr. Astenryk von dem Diebstahl der Papiere hörte und er mir den Passagier Soyjen, der gerade vorüberkam, als verdächtig bezeichnete, erinnerte ich mich sofort jenes Vorfalls mit dem Heizer ... und das Weitere war ja nun nicht allzu schwer.«

»Das sagen Sie, Mr. Heidens«, warf Dale lachend ein. »Damit kommen Sie aber bei uns nicht weiter. Wir wollen jetzt mal ganz genau wissen, wie Sie aus dem Heizer 'rausgebracht haben, daß die Papiere in seinem Logis und ausgerechnet in seinem Bettsack versteckt wären. Also bitte, mein lieber Herr ...«

Marian warf Georg wieder einen bittenden Blick zu. Doch der lachte. »Nur 'raus mit der Sprache! Die Herren wissen ja längst, daß du über eine so außergewöhnliche Gabe verfügst. Sie wissen auch, daß wir uns untereinander in dieser Weise verständigen können.«

Marian senkte den Kopf, begann dann mit leiser Stimme:

»Ich wartete an dem Abend, wo Mr. Astenryk mir von dem Diebstahl erzählt hatte, bis der Heizer nach Beendigung seiner Wache auf Deck kam. Dann trat ich wie von ungefähr neben ihn und unterhielt mich mit ihm in englischer Sprache ...

Während unserer Unterhaltung suchte ich ihn geistig zu fassen. Als es mir endlich gelungen war, zwang ich ihn, in Gedanken alles zu erzählen, was auf die gestohlenen Papiere Bezug hatte. Sobald ich über ihren Verbleib genau Bescheid wußte, ließ ich ihn allmählich wieder los, lenkte in das alte Gespräch ein und führte es harmlos zu Ende.«

Gamp und Dale hatten mit gespanntester Aufmerksamkeit Marians Bericht gelauscht.

»Das ist doch eine merkwürdige Veranlagung, die Ihnen die Natur da mitgegeben hat«, meinte Dale nach einiger Zeit. »Daß Sie mit Mr. Astenryk, den Sie von Kindheit an kennen, in dieser Weise Gedanken austauschen können, wäre ja schließlich begreiflich. Aber einen anderen. Fremden ›fassen‹ ihn zwingen ... ihn loslassen ... ohne daß er sich dessen bewußt wird, sich später an die Vergewaltigung seines Hiras erinnert ... das ist mehr als wunderbar.«

Gamp stand auf und drückte Marian die Hand. »Der Dienst, den Sie uns geleistet haben, wird Ihnen nicht vergessen werden. Wir wissen von Herrn Astenryk, daß irgendeine Belohnung von Ihnen nicht angenommen werden würde. Vielleicht gibt es aber doch einmal eine Gelegenheit, wo unser Dank Ihnen nützlich sein kann. Und Ihnen, Herr Astenryk, muß ich selbstverständlich auch danken. Sollten Sie drüben einmal irgendwie in Verlegenheit kommen, wenden Sie sich bitte an mich oder Major Dale. Jetzt aber will ich Sie nicht länger aufhalten, ich muß zum Kapitän. Dieser gelbe Schurke Soyjen muß sofort festgemacht werden.«—

Der »James Cook« hatte Colombo angelaufen. Mr. Soyjen und der chinesische Heizer waren den englischen Behörden übergeben worden. Das Schiff nahm Kurs auf die Malakkastraße.—

Am Mittag desselben Tages saßen die Passagiere des »James Cook« beim Lunch, als ein Steward in den Speisesaal kam und dem Kapitän eine anscheinend wichtige Meldung machte. Der stand sofort auf und ging hinaus.

Der schnelle Aufbruch des Kapitäns beunruhigte die Passagiere. Viele verzichteten auf den Nachtisch und verließen nach und nach den Kaum. Aber auch die Letzten strömten nach oben, als ganz deutlich zu merken war, daß das Schiff seine Fahrt verlangsamte und schließlich stoppte.

Als Georg mit Dale auf Deck kam, sahen sie, wie ein Flugzeug eben auf das Meer aufsetzte, während gleichzeitig ein Rettungsboot vom Schiff abstieß. Georg wandte sich zu Clennan und bat ihn um Auskunft. Der sagte, das Flugzeug habe wegen Motordefekts niedergehen müssen. Es habe vorher den »James Cook« angefunkt und ihn um Hilfe gebeten. In dem Flugzeug befände sich der neue Gouverneur für Singapore, Sir Reginald Wegg, mit seinem Adjutanten.

Mit einigen Schwierigkeiten wurden die Passagiere des Flugzeuges mit ihrem Gepäck von dem Rettungsboot übergenommen. Die hoch gehende See machte eine Bergung des Flugzeuges unmöglich.

Bald darauf betraten Sir Reginald Wegg und sein Adjutant das Deck. Sir Reginald dankte dem Kapitän für seine sofortige Hilfeleistung und begab sich mit ihm unter Deck.

»Der kleine Koffer, Herr Kapitän, den mein Adjutant Hauptmann Clifton da bei sich trägt, enthält äußerst wichtige Dinge. Staatsgeheimnisse sind darunter. Verschließen Sie ihn sofort im Tresor.«

Vor den Augen Weggs öffnete der Kapitän den schweren Panzerschrank und tat den Koffer hinein.

»Gott sei Dank, Clifton, daß die Schatulle in Sicherheit ist. Wenn ihr Inhalt in falsche Hände geraten wäre, würde es schlimmer sein, als wenn uns die Haifische gefressen hätten.«

* * *

»Das war wirklich ein Meisterstück, meine allergnädigste Frau Helene.«

Mr. Shugun beugte sich immer wieder über die Hand Helenes und küßte sie. »Es gibt bei Ihnen eine Geschichte von einem Mann, der auszog, einen Esel zu suchen, und der ein Königreich fand.«

Wieder beugte er sich über Helenes Hand und streichelte sie.

»Diese glückliche Hand! Nun müssen Sie uns ...«, er warf einen Blick aus Forbin, der im Zimmer auf und ab stolzierte, wie ein geblähter Pfau ... »aber auch berichten, wie Ihnen das Stückchen gelang.«

Er nahm Helenes Arm und führte sie zu einer Stuhlgruppe, von der man den schönen Blick über den Hafen von Cannes genießen konnte. Helene ließ sich nieder, schlug die schlanken Beine übereinander und betrachtete einen Augenblick sinnend ihre wohlgepflegten Hände. Ihr Gesicht, strahlend in Freude über den errungenen Erfolg, schien Shugun schöner denn je. Mit brennenden Augen verschlang er das wunderbare Bild. Seine Seligkeit hätte er für ihren Besitz gegeben. Und doch ... diese entzückende Frau ... wie konnte sie innerlich so kalt sein? Was für ein Mann mußte das sein, der ihr Blut zu entflammen vermochte?

Er warf einen neidvoller Blick auf Forbin, den glücklichen Besitzer dieses Meisterwerkes. Doch der hatte ganz andere Gedanken. Dessen Augen hingen an dem prachtvollen Geschmeide, das Helene um den Hals trug, einem Geschenk Shuguns. Ihm wäre es lieber gewesen, wenn der Japaner die gewiß ganz anständige Summe, die Forbin in seiner Brieftasche trug, um den Betrag des Schmuckes erhöht hätte. Unter zwanzigtausend Mark war der sicher nicht zu haben. Andererseits war aber der Gedanke tröstlich, für gewisse Notfälle ein wertvolles Versatzstück in Reserve zu haben.

»Ja also, meine Herren« begann Helene, »von großen Schwierigkeiten oder interessanten Zwischenfällen kann ich nichts berichten. Die Sache vollzog sich sehr einfach. Das sechssitzige Eilflugzeug London-Kairo startete planmäßig in Croydon. Die von Ihnen ...« sie warf einen Blick zu Shugun »... bezahlten drei Plätze blieben leer, da die Herren Jones, Brown und Smith programmäßig nicht da waren. Ich war also mit Sir Reginald Wegg und seinem Adjutanten Clifton allein im Flugzeug.

Der erste Teil des Fluges über Frankreich verlief ziemlich eintönig. Die beiden hatten viel miteinander zu sprechen. Als wir uns gegen Abend der Côte d'Azur näherten, ging ich zu der gegenüberliegenden Kabine, um das wundervolle Bild der tausend Lichter, die wie eine Perlenkette die Küste säumten, zu genießen.

Hatte Clifton denselben Gedanken oder hatte er einen kleinen Ermunterungsblick von mir empfangen?—er trat auch in diese Kabine und ergoß sich ohne weiteres in einer Flut von bewundernden Worten über den unvergleichlich schönen Fernblick. Einmal ins Gespräch gekommen, dauerte es nicht lange, und Clifton verschwendete keinen Blick mehr an das schöne Landschaftsbild unter ihm. Er widmete sich ganz dem Bild, das handgreiflich in seiner nächsten Nähe war. Ich schickte ihm einen zweiten Blick zu, der ihm Mut machte, noch mehr aus sich herauszugehen.

Nach dem Abendessen, das wir zu dritt in der Kabine des Gouverneurs einnahmen, legte sich Wegg bald schlafen. Nach einiger Zeit trafen wir uns wieder in der leeren Kabine. Da es empfindlich kühl geworden war, beeilte sich Clifton, meinen Wunsch nach einem Glas Wein zu befriedigen. Es war zweifellos ein vergnügter Abend. Es fiel mir nicht schwer, meine Rolle als lebenslustige junge Witwe zu spielen, denn Clifton war ein sehr angenehmer Partner. Jung, hübsch, elegant, geistreich ... alle Vorzüge, die eine Frau bei einem Mann sucht, waren da.

Trotzdem war ich froh, als gegen Mitternacht Clifton vergeblich gegen die immer stärker werdende Schlafsucht ankämpfte. Dies war eigentlich der gefährlichste Moment. Denn Clifton hätte sich doch wundern müssen, daß sein Liebesfeuer, das ich mich allerdings hütete zu steigern, nicht imstande war, die unerklärliche körperliche Müdigkeit zu überwinden, die mein Schlafpulver ihm verursachte.

Bald nachdem er sich zur Ruhe begeben hatte, ging ich in seine Kabine und holte mir die Schlüssel zu dem kleinen Handkoffer, den Sie mir ja genau beschrieben hatten, Herr Shugun. Ich öffnete den Koffer und fand darin eine Schatulle. Sie enthielt die gewünschte Typenscheibe für die Chiffriermaschine des Gouverneurs.

Der übrige Inhalt der Schatulle, die Zeichnungen, schienen mir, nach dem Aufbewahrungsort zu schließen, jedenfalls nicht unwichtig. Ich photographierte die Scheibe und sämtliche Zeichnungen. Daß es sich dabei um die Pläne der Festungswerke von Singapore handelte, ließ ich mir nicht träumen.«

»Um so größer ist natürlich unsere Dankbarkeit, gnädigste Frau. Und ich glaube«, hier sah Shugun zu Forbin hinüber, »Sie werden zufrieden sein. Bei dieser Gelegenheit möchte ich den Herrschaften einen Vorschlag unterbreiten, der mir von anderer Stelle nahegelegt ist ...«

»Hm ... hm ... und der wäre?« sagte Forbin.

»Wären die Herrschaften vielleicht geneigt, fest in unsere Dienste zu treten?«

Forbin zog überlegend die Brauen zusammen, doch schon kam Helenes Antwort: »Auf keinen Fall, Herr Shugun! Jedes Muß ist mir verhaßt. Frei will ich sein. Vielleicht ...«—sie schwenkte die Hand—»kommen Sie früher oder später mit einem Wunsch, den zu erfüllen ich geneigt bin, dann werde ich dabeisein.«—

Als nachher Forbin und Helene allein waren, fragte Helene mit offenbarer Neugierde: »Nun, wie war es in Creusot? Hast du wieder nichts erreicht?«

Über Forbins Gesicht ging ein selbstgefälliges Schmunzeln.

»Diesmal habe ich mehr Glück gehabt. Doch komm! Gehen wir zum Strand, wo wir möglichst allein sind. Denn das kann ich dir sagen, jetzt begreife ich die Heimlichtuerei Castillacs und Shuguns sehr wohl.«—

Am Strande angekommen, setzten sie sich auf die Bänke eines hochgezogenen Bootes. Dann begann Forbin zu erzählen, wobei er sich bemühte, möglichst mit gedämpfter Stimme zu sprechen.

»Die Waffen sind für Rußland bestimmt.«

»Für Rußland? Das ist deine ganze Weisheit?« Helene lachte laut auf.

»So laß mich doch erst ausreden, Helene. Gewiß, für Rußland, das heißt nicht für die jetzige russische Regierung, sondern für eine russische Armee, die da hinten im Fernen Osten aufgestellt wird, um gegen die Moskauer Regierung zu kämpfen.«

Helene zuckte die Achseln. »Das scheint mir alles fauler Zauber. Dabei wird sicherlich nichts 'rauskommen.«

»Kann sein, kann auch nicht sein. Man rechnet augenscheinlich auch nicht mit einem unbedingten Erfolg. Aber einerlei, wie es schließlich auch ausgeht, der Hauptzweck, den man in Tokio im Auge hat, ist der, der Moskauer Regierung Schwierigkeiten zu machen und sie so zu beschäftigen, daß sie nicht Gelegenheit findet, sich in die ostasiatischen Händel zu mischen. Japan hat natürlich großes Interesse daran, während einer Auseinandersetzung mit England den Rücken frei zu haben.«

»Das läßt sich hören. Damit hätte jedenfalls Japan seine Position gestärkt. Aber erzähle weiter. Wie stellt man sich in Frankreich dazu?«

Forbin machte eine zweifelnde Handbewegung.

»Ich weiß nicht, wie weit man dort von dem Plan Wind bekommen hat. Jedenfalls sind bisher keine Schwierigkeiten entstanden. Gegebenenfalls wird man sich dahinter verschanzen, das Kriegsmaterial wäre für Japan bestimmt.«

Helene dachte einige Zeit nach.

»Es wäre doch von großem Interesse, zu wissen, wer dieser Herr Krall ist. Ich sagte schon einmal, es würde natürlich vorteilhafter für uns sein, wenn wir ohne Castillac Geschäfte machen könnten. Von Shugun ist eine Auskunft kaum zu erwarten. Du mußt es irgendwie selber herausbekommen. Noch besser wäre es natürlich, wenn wir die Leitung und speziell den Führer dieses Unternehmens ermitteln könnten. Vielleicht würde ich da noch mehr erreichen.«

»Das wäre allerdings sehr erwünscht, Helene. Ich halte es unter diesen Umständen für richtiger, wir brechen unsere Zelte hier unten ab und verzichten auf die Genüsse und kleinen Geschäfte, die der Saisonbetrieb an der Riviera uns bringen könnte. Wir müssen nach Paris zurück. Anne wird wieder ein Gesicht machen, daß wir sie so lange allein gelassen laben.«

»Es geht unmöglich, Alfred, daß wir Anne fernerhin bei uns behalten. Jetzt sitzt sie wieder allein in Paris, langweilt und ängstigt sich. Aller Wahrscheinlichkeit nach werden wir in nächster Zeit viel auf Reisen sein. Sie mitzunehmen ist ausgeschlossen. Sie allein zu lassen ist ebenfalls nicht möglich. Was sollen wir mit ihr machen?«

»Ja, wenn ich das wüßte, Helene! Was du sagst, ist vollkommen richtig. Das beste wäre, wir täten sie irgendwo in eine Pension. Den Preis für ein Jahr würden wir gleich erlegen. Wir haben's ja.« Er klopfte an seine Brieftasche.

»Die Idee ist nicht schlecht, Alfred. Ich will mir das mal überlegen, wo wir Anne unterbringen.«


6. Kapitel.

Dasselbe dachte Georg, der allein auf dem Deck des »James Cook« stand und auf Clennan wartete, der ihn gebeten hatte, einem interessanten Versuch mit beizuwohnen. Je weiter er sich von Europa und von Anne entfernte, desto größer wuchs seine Sehnsucht nach ihr. Desto stärker drängte sich ihm der Gedanke auf: Durfte er sie so schutzlos in den Händen der Forbins lassen? Hätte er nicht alles versuchen müssen, sie doch woanders, vielleicht bei einer befreundeten Familie, unterzubringen? Immer wieder machte er sich den Vorwurf, daß er nicht gut an Anne gehandelt habe. —

Clennan riß ihn aus seinen Grübeleien. Sie gingen zusammen zur Funkkabine, und Clennan begann mit einer neuen Peilvorrichtung zu experimentieren. Nach längeren Versuchen arbeitete die Apparatur exakt. Zum Schluß war Clennan sehr befriedigt, und auch Georg hielt mit seiner Anerkennung nicht zurück. —

Schon seit einiger Zeit hatten sie backbords achteraus ein Schiff bemerkt, das, wie die aufkommenden Positionslichter zeigten, mit großer Geschwindigkeit fahren mußte. Georg und Clennan waren aufgestanden und wollten sich unter Deck begeben. Das fremde Schiff war inzwischen mit dem »James Cook« auf die gleiche Höhe gekommen und lief etwa sechs Kilometer nach Backbord ab neben ihm. Da klangen in der Funkkabine Morsezeichen. Gewohnheitsmäßig blieb Clennan stehen und horchte. Auch Georg hörte auf die Zeichen.

Wie? ... Was wurde da gemorst? Ob Mr. Soyjen an Bord wäre? ... Einen Augenblick des Überlegens, dann sprang Clennan zur Kabine und riß die Tür auf.

Zu spät! Der Funker hatte gerade geantwortet: »Nein. Mr. Soyjen ist in Colombo an Land gegangen.«

»Schade!« murmelte Clennan, der einer der wenigen war, die von den Gründen für Mr. Soyjens vorzeitige Landung wußten. »Schade! ... Wahrscheinlich hätte ich ein bißchen aus dem Burschen 'rausholen können. Ob der Anruf vielleicht von dem Dampfer da drüben kommt? ... Nach der schnellen Fahrt zu schließen, muß das ein Kriegsschiff sein.«—

Clennan wunderte sich, daß Georg diesen doch zweifellos nicht ganz uninteressanten Zwischenfall so unbeachtlich zu finden schien. Der hatte ihm die Hand zum Abschied gereicht und drängte offensichtlich, fortzukommen.

Kaum war er in seiner Kabine, so stieß er die Antenne durch das Bullauge, schaltete ein und setzte sich unter die Ausgangsantenne seines Verstärkers. —

Wohl eine Stunde hatte Georg dort gesessen, hatte auf sich wirken lassen, was sein Apparat aus dem Raume fing und millionenfach verstärkt auf ihn niederstrahlte.

Daß der Anruf von dem Schiff da drüben stammte, und daß das der japanische Kreuzer »Ito« war, hatte er unschwer feststellen können. Außer den Wachoffizieren auf der Brücke hatte sich noch ein einzelner Mann auf dem Achterdeck befunden, der, wie es Georg schien, nicht zur Besatzung gehörte. Nach kurzer Zeit war es ihm gut gelungen, sich auf dessen Gedankenstrahlung und Gedankengänge einzustellen. Doch was der dachte, fühlte, war Georg so fremd, daß er in das Vernommene keinen rechten Sinn bringen konnte. Er nahm den Block vor, auf dem er sich Notizen gemacht hatte, las, verglich.

Was war das für ein Mann, der diese Gedanken dachte, strahlte? ... Der hatte Indien bereist. Hatte dabei mit vielen maßgebenden Persönlichkeiten der indischen Freiheitsbewegung Fühlung genommen ... ihnen Freiheit ... Unterstützung versprochen ... der hatte an Nachrichten gedacht, die er aus China bekommen hatte, wo die japanfreundliche Bewegung in den militärischen Kreisen außerordentliche Fortschritte machte ... Dann wieder waren Gedanken an einen Aufenthalt in England gekommen ... an eine Flucht unter schwierigen Verhältnissen aus Indien ... an eine Aufnahme auf hoher See durch einen japanischen Kreuzer ...

Vieles andere, was er gehört und notiert hatte, war Georg unverständlich. Es betraf innere japanische Verhältnisse, die ihm ja völlig fremd waren. Er wollte eben den Apparat abschalten ... da auf einmal hörte er von neuem die Gedanken dieses Mannas, der mit drei anderen wieder auf Deck gekommen war.

Die Unterhaltung der vier Männer war anscheinend sehr erregt. Man sprach über ein geheimnisvolles Unternehmen. Zwei Stimmen machten sich dabei besonders bemerkbar. Die eine, die des Mannes, der vorher allein auf Deck gewesen war, und jetzt von den anderen mit Exzellenz und bisweilen auch mit dem Namen Turi Chan angeredet wurde. Die zweite besonders bemerkbare Stimme war die eines Offiziers namens Umliu. Sie bekämpften einander mit scharfen Worten. Die Stimmen der anderen, darunter auch die des Kommandanten, waren seltener zu hören, doch schienen sie sich auch gegen den Offizier Umliu zu wenden. Aber es war Georg unmöglich, aus diesen sich kreuzenden, sich überlagernden Gedankenwelten einen logischen Sinn zu entnehmen.

Da ... jetzt trennten sich die Männer. Nur der Offizier Umliu blieb auf Deck. Jetzt waren dessen Gedankengänge reiner und klarer zu vernehmen. Doch der Offizier schien in starker seelischer Erregung zu sein. Wild gingen seine Gedanken durcheinander, wechselten in ihrer Stärke fortwährend. Sie bezogen sich wohl auf die Unterredung mit den dreien, die unter Deck gegangen waren.

In nervös-fiebrigem Grübeln lauschte Georg den Gedanken dieses Mannes. Er hatte den Eindruck, es müßte ein stolzer, gerader Charakter sein, der ein geplantes gewaltsames Unternehmen als eine unfaire, feige Tat ansah im Gegensatz zu jenen drei anderen.

Aber was Georg am höchsten interessierte ... Das Unternehmen?! ... Gegen wen richtete es sich? Ein paarmal war von Brisbane die Rede gewesen. Aber das hatte doch keinen Sinn ... ein Angriff auf die Stadt Brisbane? ... Es war doch kein Krieg ... oder ... noch kein Krieg ... Und der Angriff sollte mit Minen gemacht werden ... ja, war es denn ein kriegerischer Angriff oder ein verbrecherischer Anschlag? ... Das war für Georg schwer zu unterscheiden ... Dann wieder hatte der Offizier sich entrüstet, daß zweitausend tapfere Soldaten heimtückisch aus dem Hinterhalt getötet werden würden ...

Da, jetzt ... Georg schrak zusammen ... der Mann, der da dachte ... der Offizier Umliu ... was hatte der jetzt für einen entsetzlichen Entschluß gefaßt? ... Die befleckte Ehre des Vaterlandes zu reinigen ... sich selbst zu töten ... Harakiri zu machen ... Als sähen seine Augen das Schreckliche vor sich geschehen, schlug Georg die Hände vors Gesicht, wollte aus dem Bannkreis der Antenne fliehen, doch seine Glieder waren wie gelähmt. Mit tiefstem Entsetzen ... der Herzschlag stockte ihm ... nahm er wahr, wie der Offizier einen Dolch zog, den Wachoffizieren auf der Brücke zurief: »Für die Ehre des Vaterlandes!« ... sich die Waffe in den Leib stieß ...

Ins Tiefste erschüttert stürzte Georg aus der Kabine hinaus aufs Deck. Der japanische Kreuzer hatte den »James Cook« längst überholt und war nicht mehr zu sehen. Lange ging er auf dem menschenleeren Deck hin und her. Die durch das mit geistigem Auge Geschaute aufgepeitschten Nerven kamen nur schwer zur Ruhe.

Er hatte das stärkste Bedürfnis, sich irgendwie jemand mitzuteilen. Nicht Marian, der dachte und fühlte wie er. Der konnte ihm hier nicht helfen, raten. Ein anderer ... vielleicht Clennan oder Major Dale.—

Die Sterne verblaßten, da begab er sich wieder in seine Kabine und legte sich nieder.—

Die Sonne stand hoch am Himmel, als er erwachte. Marian mochte wohl schon in der Kabine gewesen sein. Das Frühstück stand auf einem Tischchen neben dem Bett.

Georg stand auf und zog sich hastig an, stürzte dabei eine Tasse Tee hinunter. Dann ging er zur Kabine Dales und atmete erfreut auf, als er den allein vorfand. Daß Dale sehr nachdenklich war fiel ihm nicht auf.

»Hallo, Mr. Astenryk! So eilig? Aber ...« Dale stand auf und trat auf Georg zu. »Mann, wie sehen Sie aus? Was ist mit Ihnen? Sind Sie krank?«

»Nein, Herr Major. Ich bin nicht krank. Aber meine Nerven sind erregt durch Vorgänge, die ich in dieser Nacht erlebte. Ich muß einen Menschen haben, mit dem ich mich aussprechen kann. Würden Sie so liebenswürdig sein und mit mir in meine Kabine kommen?«

Dale sah ihn erstaunt an. »Wenn Sie wünschen, gern, Herr Astenryk.«

Sie traten in Georgs Kabine.

»Entschuldigen Sie, Herr Major, daß es hier noch unaufgeräumt aussieht, ich bin eben erst aufgestanden. Warten Sie bitte einen Augenblick, ich will auch Mr. Clennan holen«

Dale sah ihm kopfschüttelnd nach. Bald darauf kam Georg mit Clennan zurück.

»Sie betreten meine Kabine zum erstenmal, Herr Clennan«, sagte Georg mit gezwungenem Lächeln, »ich weiß nicht, ob es Ihnen aufgefallen ist, daß ich es bisher stets vermied, Sie hier zu empfangen. Jetzt will, muß ich Ihnen das erklären. Verzeihen sie, Herr Major, wenn ich Herrn Clennan jetzt einen kleinen Vortrag halte, dem Sie vielleicht nicht in allen Einzelheiten folgen können. Aber es ist nötig, um das, was ich dann später zu sagen habe, glaubwürdig zu machen.«

Georg ging zu dem Fußende seines Bettes, zog ein Tuch, das über den Verstärker gebreitet war, fort und deutete darauf.

»Diesen Apparat, Herr Clennan, werden Sie wohl ohne weiteres als einen Elektronenverstärker erkennen.« Er öffnete den Deckel und ließ Clennan hineinschauen. »Es ist jedoch nicht ein Verstärker gewöhnlicher Art, sondern ein Verstärker von absoluter Aperiodizität.«

Clennan fuhr erstaunt zurück.

»Wie? Was? ... Absolut aperiodisch?! Ist das überhaupt möglich? Wie kommen Sie dazu? ...«

»Ihnen das zu erklären, würde die schon an sich lange Besprechung, die ich mit Ihnen haben werde, unnötig verlängern. Darüber bei einer anderen Gelegenheit. Ich will jetzt nur die Einzelheiten dieses Verstärkers erklären, damit Sie imstande sind zu begreifen, was er zu leisten vermag.«—

Eine halbe Stunde wohl hatte Georg gesprochen. Immer wieder von Clennan unterbrochen, der ihm mit brennenden Augen zuhörte. Als Georg geendet, stand Clennan auf und lief in dem engen Raum erregt hin und her.

»Gewiß, das ist ja alles richtig, was Sie sagten. Theoretisch durchaus denkbar. Aber ... um mich völlig zu überzeugen ... müssen Sie schon mir und ...« er deutete auf Dale, »dem Herrn Major einen praktischen Beweis geben.«

»Selbstverständlich, Herr Clennan! Und das ist ja sehr leicht zu machen. Bitte, wollen Sie sich hierhin setzen, und Sie, Herr Dale, dorthin. Sie, Herr Major, sitzen jetzt unter der Eingangsantenne, Sie, Herr Clennan, unter dem Ausgang des Verstärkers.

Bitte, Herr Dale«, Georg ging zu einem Schalter, »denken Sie etwas, sobald ich eingeschaltet habe.«

Clennan hatte einen Block gegriffen, horchte mit gespanntem Gesicht und schrieb. Ab und zu ging ein leichtes Lächeln über seine Züge. Nach einer Weile schaltete Georg den Apparat ab.

»Nun, meine Herren?!«

Clennan, in dessen Gesicht sich die verschiedensten Gefühle widerspiegelten, stand auf und griff Georg an beiden Händen.

»Mann, was haben Sie da geschaffen!« Er starrte Georg an von Kopf bis zu Füßen, als könne er nicht begreifen, daß dieser Mensch hier vor ihm schon ein Problem, das von der Welt als kaum lösbar betrachtet wurde, in höchster Vollendung beherrschte. Auch Dale, der inzwischen das von Clennan Geschriebene überlesen hatte, trat jetzt zu Georg heran und schüttelte ihm die Hand.

»Besser als Ihre verwickelten technischen Ausführungen, die mir ja leider zum größten Teil zu hoch waren, hat mir der gelungene Versuch den Beweis für Ihre Kunst erbracht. Ich revoziere daher alles, was ich gedacht habe.«

»Und da war manches gerade nicht schmeichelhaft für Herrn Astenryk«, sagte Clennan lachend. »... Total verrückte Sache ... der Astenryk scheint entweder einen Sonnenstich zu haben oder hat die Nacht mit zuviel Whisky-Soda verbracht ... bin neugierig, was Clennan sagt' ... Nette Gedanken unseres Freundes Dale ... Doch Scherz beiseite—über Ihren wunderbaren Verstärker und Ihre fabelhafte Entdeckung werden wir später reden—jetzt zur Hauptsache! Was war denn das, was Sie heute nacht von dem vorüberfahrenden japanischen Kreuzer ›Ito‹ hörten und was Sie so ungewöhnlich erregt hat?«

Georg nahm den Block, auf dem er seine Notizen gemacht hatte, legte ihn auf den Tisch und bat Clennan und Dale, die Aufzeichnungen zu lesen ... vielleicht, daß sie, mit den politischen Verhältnissen des Ostens gut vertraut, sie besser verstehen würden.

In diesem Augenblick kam Marian in die Kabine.

»Gut, daß du kommst, Marian, ich habe auch mit dir zu sprechen. Ich gehe auf Deck, meine Herren. Lesen Sie inzwischen bitte alles das. Ich bin in kurzer Zeit wieder hier. Es ist besser, wenn Sie erst einmal alles lesen, ehe wir darüber sprechen.«

Als Georg nach einiger Zeit wieder in die Kabine kam, fand er die beiden in höchster Erregung. Dale stand auf und trat zu ihm.

»Ach, hätte ich doch alles mitangehört! Vieles, was Sie nicht begriffen haben, würde mir wohl verständlich gewesen sein. So sind viele und anscheinend sehr wichtige Dinge nur zu erraten.

Das eine ist mir klar. Über die Person der mysteriösen Exzellenz Turi Chan werde ich sofort durch unseren Nachrichtendienst Erkundigungen einziehen. Das wird nicht schwer sein, nach den Anhaltspunkten, die wir hier haben. Dann werde ich der Regierung umgehend ausführlichen Bericht erstatten.«

»Herr Major, bitte kommen Sie schnell! Um Gottes willen, was lese ich hier!«

Dale fuhr herum, eilte zu Clennan. Der deutete mit dem Finger auf ein paar Zeilen, die sie bisher noch nicht gelesen hatten.

»Ist das möglich? Ist das denkbar? Ein solches Verbrechen! Was machen wir?«

Dale überflog die Zeilen, fuhr einen Schritt zurück. Das Gesicht totenbleich, die Augen funkelnd in höchster Empörung, die Fäuste geballt, als wolle er sich aus einen unsichtbaren Gegner stürzen.

»Diese Schufte! Diese Verbrecher! So also ist es gewesen!«

Georg starrte von einem um anderen.

»Meine Herren, was ist das? Was bedeuten denn die Worte, die ich da aufgeschrieben habe?«

Clennan hob die Hand. »Ach ja, Sie wissen es noch nicht, Herr Astenryk, weil Sie außer uns noch niemand auf dem Schiff gesprochen haben. Vor ein paar Stunden erreichte uns eine Funknachricht der australischen Regierung. Der neue Kreuzer ›Brisbane‹ ist im Hafen von Talufuata bei einem starken Sturm in die Luft geflogen. Fast die gesamte Besatzung ist ertrunken.«

Dale, der, während Clennan zu Georg sprach, wie ein Rasender in der Kabine hin und her gelaufen war, blieb jetzt stehen.

»Was ist zu tun, meine Herren? Es ist klar, daß das Verbrechen so geschickt eingefädelt wurde, daß nicht die Spur eines Verdachtes auf Japan fallen wird ... und doch ... sind wir nicht verpflichtet, unserer Regierung Aufklärung zu geben? Wir wissen doch, wie es geschah.«

Er unterbrach sich. Ein Steward kam herein und überreichte Clennan eine Depesche. Der überflog sie: »Von den 2130 Mann der Besatzung des gesunkenen Kreuzers ›Brisbane‹ sind nur vier Leute gerettet. Die Hälfte davon hat so starke Verletzungen, daß an ihrem Aufkommen gezweifelt wird. Am Strande von Talufuata wurden von Eingeborenen Sprengstücke von Minen gefunden, von denen eins den Fabrikationsstempel › KMV Kiel‹ trägt.«

Clennan reichte die Depesche wortlos Dale. Der las sie langsam vor.

»Natürlich!« meinte er ironisch. »So muß es gewesen sein! Ein paar deutsche Treibminen aus dem Weltkrieg sind durch einen unglücklichen Zufall gegen die ›Brisbane‹ getrieben worden und haben die Katastrophe verursacht.

Aber nochmals, meine Herren! Diesen frechen Betrug dürfen wir nicht ruhig mitansehen, wo wir wissen, daß ein japanisches U-Boot die Treibminen vor der ›Brisbane‹ ausgelegt hat.«

Clennan zuckte die Achseln und sah zu Georg hinüber.

»Ich glaube«, begann er zögernd, »daß Herr Astenryk anderer Meinung ist. Und ich, Herr Major«, sagte er zu Dale gewendet, »bin auch dagegen, wenn auch aus anderen Gründen.«

Dale wollte aufbrausen, doch Georg legte beruhigend die Hand auf seinen Arm.

»Hören Sie mich bitte erst einmal in Ruhe an, Herr Major. Gewiß, Sie haben recht. Ich wäre in der Lage, klipp und klar den Beweis zu erbringen, daß dies abscheuliche Verbrechen von japanischer Seite inszeniert und durchgeführt ist. Dazu müßte ich aber meine Erfindung bis in alle Einzelheiten publizieren. Das ist allein schon eine höchst bedenkliche Sache. Denn dadurch würden die Gegner auf ein Machtmittel aufmerksam gemacht werden, über dessen große Bedeutung Sie sich zweifellos schon in dieser kurzen Zeit ein Bild gemacht haben.

Der beste Teil einer neuen Waffe, das Überraschungsmoment, würde dann wegfallen, von Abwehrmaßregeln, die vielleicht entwickelt werden könnten —ich sage: vielleicht—ganz zu schweigen.«

Hier unterbrach ihn Clennan.

»Ich bin durchaus der Meinung des Herrn Astenryk. Außerdem glaube ich, Herr Major, daß es unserer Regierung im Augenblick keineswegs angenehm wäre, mit Japan in Kriegszustand zu geraten.«

Dale zog mißmutig die Brauen zusammen.

»Das ist leider sehr wahr, Herr Clennan. Man hat in London schlechte Politik getrieben, daß man sich nicht rechtzeitig militärisch und politisch auf den Zerfall des angelsächsischen Blocks eingestellt hat.«

Clennan zuckte die Achseln.

»Wer hätte auch annehmen können, daß die Amerikaner so töricht sein würden, ein solch unbegreifliches Desinteressement an den ostasiatischen Angelegenheiten zu zeigen.«

»Alles Gründe genug, um mich zu nötigen, die Herren bei Ihrem Wort zu halten. Ich bitte Sie, über alles, was ich Ihnen anvertraut habe, strengstes Stillschweigen zu bewahren«, schloß Georg.—

In den nächsten Tagen begann ein eifriges Experimentieren mit dem Verstärker. Es war für Georg eine große Erleichterung bei seinen Arbeiten, daß Clennan nun um die Sache wußte. Georg konnte jetzt mittels größerer Antennen, die auf Deck gespannt waren, arbeiten und erreichte damit viel bessere Empfangsverhältnisse.

Auch mit Dale, der technisch weniger geschult war, hatte er viel zu tun. Der betrachtete die ganze Angelegenheit hauptsächlich auf die militärische Verwendbarkeit hin und stellte alle möglichen und unmöglichen Fragen.

Wie Dale vorausgesagt hatte, beruhigte sich die Welt bald über den Untergang des Kreuzers »Brisbane«. Die Ursache des Unglücks war ja so klar, daß niemand mit irgendwelchen anderen Möglichkeiten rechnete.—

Für Alfred Forbin war es zunächst nicht gerade ein angenehmer Gedanke, daß durch seine Tätigkeit, den Ankauf der zum Verschrotten lagernden alten deutschen Minenkörper, der Untergang der »Brisbane« indirekt verursacht worden war.

»Dafür hätte man mich eigentlich besser bezahlen müssen«, meinte er zu Helene, mit der er sich jetzt wieder in seiner Pariser Pension befand.

In diesem Augenblick klirrte die Flurglocke. Anne kam herein und sagte, ein Herr sei da, der Herr Forbin zu sprechen wünsche.

»Führe ihn hierherein!«

Bald darauf trat ein Herr ins Zimmer, der sich als Monsieur Fabre vorstellte. Er bat, mit Herrn Forbin allein sprechen zu dürfen.

»Ist nicht nötig, mein Herr!« sagte Forbin, »meine Frau kann alles hören«, wobei er das Wort »alles« betonte.

Der Fremde zögerte eine kurze Weile, während er die Augen prüfend über Helene gehen ließ. Dann ließ er sich, mit einer bedeutsamen Verbeugung zu ihr, am Tisch nieder.

»Ich komme, um Sie um einen Dienst zu bitten, Herr Forbin. Herr Shugun gab mir Ihre Adresse.«

Forbin tauschte einen schnellen Blick mit Helene. Der Name Shugun klang ihnen immer angenehm im Ohr.

»Wenn ich mich Ihnen, Herr Forbin, in einer sehr diffizilen Angelegenheit rückhaltlos anvertraue, so tue ich das, nachdem Herr Shugun sich für ihre Person verbürgte ...

Ich habe im Auftrag eines japanischen Herrn eine größere Anzahl Banknoten einer fremden Macht drucken lassen. Bisher ist alles gut verlaufen. Jetzt, wo ich den Rest der Summe zu liefern habe, fühle ich mich beobachtet. Auch der Drucker ist der Polizei verdächtig. Er hat den bewußten Rest des Betrages daher aus seiner Wohnung entfernt und ihn in der Wohnung eines pensionierten verwitweten Polizeikommissars, der im selben Hause wohnt, versteckt.«

Forbin sah ihn erstaunt fragend an. Fabre lächelte.

»Natürlich ohne Wissen dieses Polizeikommissars. Das Wie ist leicht zu erklären: indem er sich in Abwesenheit des Kommissars mittels Nachschlüssel Zugang zu dessen Wohnung verschaffte.

Ich möchte Ihnen nun den Vorschlag unterbreiten, daß Sie, der Sie ja der Polizei gänzlich unverdächtig sind, dieses Geld dort abholen. Eine gute Provision ist Ihnen selbstverständlich sicher.«

Ein Blick Helenes zu Forbin genügte, um den sofort sagen zu lassen: »Ich muß sehr bedauern, Herrn Fabre. Gerade im Interesse meiner Unverdächtigkeit muß ich Ihren Vorschlag ablehnen.«

Fabre nickte. »Ich kann Ihren Standpunkt verstehen, Herr Forbin. Deshalb möchte ich Ihnen noch einen anderen Vorschlag machen, der für Sie keinerlei Risiko birgt.

Sie fahren morgen früh um acht Uhr im Auto nach Moreville, wo Sie um neun Uhr sein dürften. In dem Gasthaus zum Löwen stellen Sie Ihren Wagen in die große Garage, die hinter dem Hotel liegt. Ihr Gepäck tun Sie in einen Koffer, den ich in meinem Wagen unten mitgebracht habe. Der Wagen, in dem Sie fahren, wird mitsamt dem Chauffeur von mir gestellt. Sie gehen mit dem Chauffeur in das Restaurant des Gasthofes.

Eine Viertel- oder halbe Stunde später werde ich in einem anderen Wagen dorthin kommen mit einem Koffer, der die Geldscheine enthält. Er wird dreißig Kilo wiegen. Sie müssen dafür sorgen, daß Ihr Koffer das gleiche Gewicht hat. Die beiden Koffer sind von derselben Firma und äußerlich in nichts zu unterscheiden.«

Forbin nickte.

»Ah, Sie verstehen, mein Herr?«

»Natürlich«, meinte Forbin, »das ist ja alles sehr einfach. Sie werden Ihren Wagen auch in der Garage einstellen, die beiden Koffer vertauschen und ich werde gleich darauf in meinem Wagen weiterfahren.«

»So ist es, mein Herr. Und zwar müßten Sie bis Lille fahren und Ihren Wagen im Hotel Bristol einstellen. Ein Herr wird dort unauffällig den Koffer übernehmen.«

Helene und Forbin sahen sich eine Weile überlegend an.

»Gut, Herr Fabre! Der Vorschlag erscheint mir annehmbar. Doch ehe ich zustimme, möchte ich Sie um eine Erklärung bitten, wie Sie den Koffer bei dem verdächtigen Drucker abzuholen gedenken.«

Fabre zuckte die Achseln.

»Das ist vielleicht eine riskante Geschichte. Ich fahre mit meinem Wagen an dem Haus, in dem der Drucker wohnt, langsam vorbei. In dem Augenblick, wo ich die Haustür passiere, wird er herauseilen, mir den Koffer ins Auto werfen, und ich fahre mit größter Geschwindigkeit fort. Werde ich verfolgt, muß ich mich auf die Schnelligkeit meines Wagens verlassen, die allerdings sehr groß ist.«

Forbin zögerte einen Augenblick. Der Gedanke an die eventuelle Verfolgung war ihm zweifellos unangenehm, doch Helene sagte kurz entschlossen:

»Wir nehmen an!«

Nachdem Forbin seinen Besucher vorsichtigerweise durch den Ausgang des Hinterhauses entlassen hatte, trat er händereibend zu Helene ins Zimmer.

»Das wird jedenfalls ein sehr ertragreicher Fischzug werden, Helene. Ein Risiko für mich sehe ich nirgends dabei.«

Helene wollte etwas sagen, da schrillte das Telephon. Forbin ging zum Apparat und kam nach einer Weile mit einem halb mißmutigen, halb vergnügten Gesicht zurück.

»Morgen werden wir endlich das Vergnügen haben, den geheimnisvollen Herrn Krall kennenzulernen.«

Helene sprang auf und eilte zu ihm.

»Wie? Was? Hat Meunier endlich Farbe bekannt? Das ist ja glänzend. Wann sollen wir zu ihm kommen?«

»Morgen früh um neun Uhr.«

»Ah, das ist ärgerlich! Was machen wir nun mit der Fabreschen Sache?«

»Ja, das ist's ja eben! Zwei so gute Gelegenheiten, von denen man sich keine entgehen lassen möchte. Was ist da zu tun?«

Helene überlegte einen Augenblick und sagte dann zögernd: »Anne muß morgen früh in Fabres Auto fahren.«

Forbin stutzte einen Augenblick, lachte dann.

»Der Gedanke ist wieder mal gut. Viel zu tun hat sie ja bei der ganzen Sache nicht. Ob es dem Herrn Fabre recht ist oder nicht, soll mir egal sein. Wenn ihr nachher in Lille der Koffer fehlt, dann wird sie gewiß zunächst unglücklich darüber sein. Aber das ist ja weiter nicht schlimm.«

Als nach einiger Zeit Anne in das Zimmer kam, war Forbin beschäftigt, verschiedene Teile seiner Garderobe in einen neuen Koffer zu packen.

»Nun, schon wieder verreisen, Alfred?« fragte sie beiläufig.

Der nickte gleichgültig. »Ja! Wir fahren morgen im Auto nach Lille. Dort werden wir ein paar Tage bleiben, ich habe da Geschäfte.«—

Als am folgenden Morgen Anne reisefertig in das Zimmer ihrer Schwester kam, fand sie die und ihren Schwager in scheinbar erregtem Gespräch. Forbin trat auf sie zu und sagte in gespielt brüskem Ton:

»Du mußt vorausfahren, Anne. Hier dies«, er übergab ihr ein versiegeltes Päckchen, »muß heute noch in Lille in die Hände eines Herrn Mirette kommen, der mich dort erwartet. Du steigst im Hotel Stadt Brüssel ab, bestellst Zimmer für uns drei und sagst dem Portier, wenn ein Herr Mirette nach Forbin fragt, solle er ihn an dich weisen. Du wirst ihm das Päckchen dann übergeben. Helene und ich werden vielleicht erst spät am Abend in Lille sein.«

Anne, an derartige plötzliche Änderungen der Reisepläne längst gewöhnt, ging, von ihrer Schwester begleitet, aus dem Hause zu einem dort haltenden starken Kraftwagen. Einen Augenblick ging es ihr durch den Sinn, als wäre der Abschied ihrer Schwester heute herzlicher als sonst.—

Als eine Stunde später Forbin und Helene aus dem Hause traten, um sich ein Auto zu suchen, sah wohl mancher mit bewundernden Blicken der schönen Frau nach.

Helene hatte mit besonderer Sorgfalt Toilette gemacht. Es war ihr wohl bewußt, wie oft der Reiz ihrer Persönlichkeit und ihr gewinnendes Wesen, das sie, wenn es darauf ankam, zu berückendem Zauber zu steigern wußte, bei geschäftlichen Verhandlungen ihrem Mann die Wege geebnet hatten.

Als sie vor dem Hause Meuniers ankamen, warf Helene einen flüchtigen Blick über das große Schild über der Tür. »C. Meunier, Versicherungsagentur« stand in schweren Goldbuchstaben darauf. Sie lachte. Meinte dann, auf das Schild deutend: »Schöne Versicherung, die gleichzeitig bemüht ist, recht viele ums Leben zu bringen.«

Nach einer kurzen Wartezeit wurden sie in das Privatbüro Meuniers geführt. Bei ihrem Eintritt begrüßte Meunier, ein kleiner, untersetzter Herr von jovial-liebenswürdigem Wesen, Helene mit besonderer Freundlichkeit. Ein anderer Herr, der im Hintergrund des Zimmers stand und die Eintretenden von der Seite mit scharfem Blick musterte, trat hinzu und wurde als Herr Krall vorgestellt.

In kurzer Zeit entwickelte sich ein lebhaftes Gespräch. Dieser Herr Krall, aus dessen Sprechweise selbst die geübten Ohren des Ehepaares Forbin keinen Schluß auf seine Nationalität zu ziehen vermochten, sprach zur Freude Helenes anscheinend ganz freimütig und ohne Rückhalt.

Zwar vermied er es, sich über das Unternehmen an sich irgendwie näher auszulassen, doch war er, soweit es die geschäftlichen Dinge betraf, durchaus offen. Hin und wieder ließ er ein paar Andeutungen zwischenfallen, daß es nicht ohne Gefahr für jeden der Beteiligten wäre, auch nur im geringsten von dem Versprechen strengster Verschwiegenheit abzuweichen. Doch Helene sah mit Genugtuung, daß er sich bei solchen Worten stets nur an Alfred Forbin wendete.—

Nach stundenlanger Verhandlung hatte Forbin einen Vertrag in der Tasche, der eine große Lieferung von Kavallerie-Ausrüstungsstücken betraf. Man erhob sich zum Abschied. Da trat ein Mann ins Zimmer, bei dessen Anblick Helene auch ohne die devoten Begrüßungen durch Meunier und Krall sofort wußte, daß hier eine hohe Persönlichkeit, vielleicht gar einer der Führer des Unternehmens, vor ihr stand.

Es war ein schon älterer Mann von straffer, gerader Haltung, trotz der Jahre, die seine Augen dicht mit Krähenfüßen umgeben hatten. Die leicht vorspringenden Backenknochen, die stumpfe, fleischige Nase über dem buschigen Schnurrbart gaben dem Gesicht einen unverkennbar slawischen Typ. Doch dies fast alltägliche Gesicht wurde von den großen, durchdringenden Augen, die beim Sprechen in fast jugendlichem Feuer glänzten, so vollkommen beherrscht, daß der ganze Mann einen ungemein kraftvollen, faszinierenden Eindruck machte.

Ein paar leise geflüsterte Worte Kralls mochten ihm über Forbin und Helene Aufklärung gegeben haben. Nach einer kurzen Vorstellung—»General Borodajew«—begrüßte er flüchtig Forbin, wandte sich dann mit großer Liebenswürdigkeit zu Helene und verwickelte sie schnell in eine angeregte Konversation. Doch dies Gemisch von alltäglichen und dann wieder aktuellen politischen Fragen gab der Unterhaltung einen so eigenartig interessanten Charakter, daß Helene, aufs stärkste gefesselt, alle Kräfte und Künste ihres klugen, blendenden Geistes heranziehen mußte, um dem General eine ebenbürtige Partnerin zu sein. Sie fühlte dabei sehr wohl, das es Borodajew auf eine kleine Probe ihrer intellektuellen Kräfte und Fähigkeiten ankam. Mit geheimer Befriedigung stellte sie aber auch fest, daß der General jedenfalls nicht unempfänglich für ihre körperlichen Vorzüge geblieben war.—

Auch das gehörte zu den angenehmen Erinnerungen, die Helene von diesem Zusammensein mit sich nahm. Sehr einsilbig ging sie neben ihrem Gatten her, der, in großen Hoffnungen schwelgend, sich in kühnen geschäftlichen Projekten überschlug.

Ein Mann! Endlich einmal ein Mann! dachte sie immer wieder.—

Als am Spätnachmittag Forbin und Helene reisefertig die Wohnung verlassen wollten, um nach Lille zu fahren, wurde ihnen ein Telegramm aus Brüssel gebracht. Forbin riß es auf. Er las: »Bin in Ostende, Hotel d'Angleterre. Bitte kommen. Anne.«

Er fuhr zurück, reichte es mit erschrecktem Gesicht Helene. Die las es und erblaßte leicht.

»Was ist das? Anne ist in Ostende? Was ist da passiert?«

Je länger sie sich anschauten, desto unruhiger wurden sie beide. Allem Anschein nach war das Unternehmen mißglückt.

»Vielleicht ist es am besten, wir fahren auch über die Grenze. Es ist doch nicht ausgeschlossen, daß wir indirekt in diese höchst bedenkliche Affäre verwickelt würden. Ich will sofort an Anne depeschieren, daß wir kommen.« —

Als sie am Abend in Ostende ankamen, trat außerhalb des Bahnhofs ein Mann zu ihnen, in dem Helene den Chauffeur von heute früh wiedererkannte. Der gab folgenden Bericht:

»In Moreville ist alles programmäßig verlaufen. Sofort nachdem Monsieur Fabre die Koffer vertauscht hatte, bin ich mit der Dame weitergefahren. Beim Verlassen der Garage sah ich aber von Paris her ein Polizeiauto kommen, das vor dem Hotel haltmachte. Ich ahnte nichts Gutes und fuhr mit größter Schnelligkeit.

Als ich in das Städtchen Boucy kam, mußte ich tanken. Ich ließ den Wagen vor einem kleinen Wirtshaus stehen. Vorsichtshalber führte ich die Dame hundert Schritte weiter in ein Café. Als ich wieder auf die Straße kam, um irgendwo Brennstoff aufzutreiben, sah ich neben meinem Wagen jenes Polizeiauto halten. Ein starker Tourenwagen, der vor dem Café stand, brachte mich auf einen rettenden Gedanken. Ich ging in das Café und bat die Dame, sofort mit mir zu kommen. Draußen forderte ich sie auf, in den Wagen zu steigen. Als sie zögerte, sagte ich ihr, wir müßten unverzüglich fliehen, die Polizei wäre hinter uns her.

Noch ehe sie sich besinnen konnte, hatte ich sie in den Wagen gedrängt, sprang auf den Führersitz und fuhr in der Richtung der Grenze los. Ich baute meine Hoffnung darauf, unangehalten über die grüne Grenze zu kommen. Und das, meine Herrschaften ...« er lachte, »ist, wie Sie sehen, geglückt. Der Koffer ist allerdings zum Teufel.«

Mit diesen Worten verschwand der Chauffeur in dem Gedränge der Passanten. Sehr einsilbig und nachdenklich erreichten die beiden das Hotel d'Angleterre.

Als sie in Annes Zimmer traten, fanden sie die mit verweinten Augen in verzweifelter Stimmung. Forbin wollte tröstend die Hand auf ihre Schulter legen. Da fuhr sie auf und überschüttete ihn mit einer Flut leidenschaftlicher Vorwürfe.

»Keinen Tag länger will ich bei euch bleiben! Es war schon übergenug, daß ich euer abenteuerliches Leben und Treiben mitansehen, mitleben mußte. Mich jetzt in ein so verbrecherisches Unternehmen zu verwickeln, daß ich genötigt war, mich heimlich über die Grenze bringen zu lassen, das ist das Schlimmste, was mir durch euch passieren konnte. Morgen fahre ich nach Neustadt zurück. Irgendeine Beschäftigung werde ich ja finden, die mich vor dem Verhungern schützt.«

Helene, die wortlos die ja nur zu berechtigten Klagen Annes mitangehört hatte, schickte Forbin hinaus und setzte sich dann neben sie. Wie immer gelang es ihren schmeichelnden, so herzlich klingenden Worten, den Zorn ihrer Schwester zu besänftigen, sie zu beruhigen. Anne atmete erleichtert, als Helene zum Schluß sagte:

»Ich sehe ein, Anne, daß dein Wunsch, dich von uns zu trennen, berechtigt ist. Den Gedanken, nach Neustadt zu fahren, schlage dir aber aus dem Kopf. Ich werde mich bemühen, dir so bald als möglich eine passende Unterkunft zu verschaffen.«

»Unterkunst verschaffen? ... Was verstehst du unter Unterkunft, Helene? Glaubst du vielleicht, ich wollte in irgendeiner Pension von eurem Gelde leben? Ausgeschlossen! Niemals werde ich in Zukunft einen Pfennig anrühren, der von euch kommt.«

Helenes Züge verfinsterten sich.

»Du sprichst da sehr unfreundliche Worte, Anne. Ich will sie deiner Erregung zugute halten. Jedenfalls kann ich dir versichern, daß es keineswegs meine Absicht ist, dich in irgendeiner Pension unterzubringen. Ich werde versuchen, dir eine angemessene Position zu schaffen. So lange mußt du natürlich noch bei uns bleiben ... so schwer es dir auch fallen mag«, setzte sie mit einem bitteren Zug um den Mund hinzu.—

Nicht ohne Grund machte Helene in dem in vollem Gang befindlichen Saisonleben Ostendes frische Bekanntschaften und erneuerte alte. Was da in französischen Zeitungen—die sie aber Anne geflissentlich vorenthielt —über die üble Affäre stand, war recht bedenklich. Zwar hatte man aus dem im Auto gefundenen Gepäck Annes glücklicherweise nichts anderes feststellen können, als die Anfangsbuchstaben ihres Namens A. E. Dagegen war in den Zeitungen eine ziemlich genaue Personalbeschreibung Annes und des Chauffeurs enthalten.

Auch Forbin ging sehr gedrückt umher. Aus den Zeitungen hatte er ersehen, daß der Inhalt des bewußten Koffers aus dreißigtausend falschen Hundertpfundnoten bestand. Die entgangene—zweifellos hohe—Provision schmerzte ihn tief.—

Eines Morgens begrüßte Helene ihre Schwester mit freudigem Gesicht.

»Ich habe eine Stellung für dich gefunden, Anne, die dir sicherlich gefallen wird. Gestern abend lernte ich im Kurhaus eine englische Dame kennen. Es ist Lady Evelyne Wegg, die Gattin des Gouverneurs von Singapore. Sie fährt in der nächsten Woche ihrem Manne nach, der schon dort ist. Sie sucht eine Gesellschafterin, die über gute Sprachkenntnisse verfügt und sich gleichzeitig etwas um den Haushalt kümmert. Ich meine, diese Position müßte dir liegen.«

Über Annes bleiches Gesicht ging ein froher Zug. Während Helene sprach, waren ihr mancherlei Gedanken durch den Kopf gegangen. Es war ihr sehr wohl aufgefallen, daß Forbin und Helene sich bemühten, sie am Tage möglichst im Hotel zu lassen. Der Grund war ihr nicht verborgen geblieben, es geschah sicherlich der Polizei wegen.

Der andere Gedanke: In Singapore war sie Georg ein großes Stück näher. Mochte die Lady Wegg sein, wie sie wollte! Das Gefühl, fort von hier zu kommen, überwog alles. Blieb nur die Frage, ob sie der Lady gefallen würde.

Auch diese Sorge war schon am selben Tage behoben. Lady Evelyne Wegg hatte sie fest engagiert. Am übernächsten Tage schon sollte sie mit der nach England fahren, von wo dann in der folgenden Woche die Reise nach Singapore angetreten würde.

* * *

Clennan trat mit einem Telegrammstreifen in Georgs Kabine. »Ich bringe Ihnen eine erfreuliche Nachricht, Herr Astenryk.« Der nahm erstaunt das Papier in die Hand und las: »Begleite Lady Evelyne Wegg als Gesellschafterin nach Singapore. Anne.«

In Georgs Gesicht spiegelte sich eine Flut von Empfindungen. Die erste Frage: Was war geschehen, daß Anne das Haus ihrer Schwester verlassen? Die nächste: Wie war sie zu dieser Stellung gekommen? ...

»Nun, Sie machen ja ein Gesicht, Herr Astenryk, als wüßten Sie nicht, ob Sie weinen oder lachen sollen.«

Der schaute auf. Die Schatten auf seinem Gesicht verschwanden.

»Ich glaube, ich habe tatsächlich allen Grund, mich zu freuen.«

»Oh, dann lassen Sie mich mich mitfreuen«, sagte Dale, der gerade in die Tür trat, »Was haben Sie da?«

Georg reichte Dale das Telegramm.

»Ah! Das ist ja eine ebenso merkwürdige wie glückliche Fügung. Das freut mich für Sie und für Ihre Verlobte.«

»Nun, Sie sprechen ja so, als kennten Sie die junge Dame«, sagte Clennan.

»Gewiß kenne ich sie. Ich hatte das Vergnügen, sie auf einer Fahrt von Paris nach Brüssel kennenzulernen und muß gestehen ...« er sah mit einem vieldeutigen Blick zu Georg hinüber, »Herr Astenryk ist zu beglückwünschen.« —

Das Heulen der Sirenen des »James Cook« rief die drei auf Deck. Das Schiff war im Begriff, in den Hafen von Penang einzulaufen. Langsam schob sich der mächtige Rumpf durch ein Gewimmel von Booten, Prähmen und Dampfbarkassen zu seinem Liegeplatz. Ein Tender, der den Passagierwechsel besorgte, machte längsseit fest.

Neue Reisende kamen an Bord. Darunter zwei englische Kolonialoffiziere, die mit Sir Reginald Wegg eine längere Unterredung hatten. Als die Offiziere wieder von Bord gingen, schien das ernste, strenge Gesicht des Gouverneurs noch um einige Nuancen düsterer zu sein. Ein paar merkwürdige Fälle militärischen Verrats in Penang, die andernfalls sehr nachteilige Folgen gehabt hätten, konnten gerade noch im letzten Augenblick aufgedeckt werden. Die Forts von Penang waren in den letzten Jahren mit Rücksicht darauf, daß die Insel den Eingang der Malakkastraße beherrschte, stark ausgebaut worden. Wichtige Nachrichten über die neuen Befestigungsanlagen wären um ein Haar zur Kenntnis eines fremden Agenten gekommen. Fast ebenso schlimm wie dieser Verrat selbst war der Umstand, daß er von einem hochangesehenen, bis dahin völlig untadligen Offizier versucht worden war.

Sir Reginald wollte sich unter Deck begeben, da trat ihm einer der neuen Passagiere in den Weg und begrüßte ihn wie einen alten Bekannten. Der Gouverneur schien sich einen Augenblick zu besinnen und gab dann den Gruß mit kühler Freundlichkeit zurück. Sie machten noch ein paar Schritte auf dem Deck hin und her, dann ging Sir Reginald Wegg nach unten.

Georg, der zufällig vorbeikam, hörte noch, wie der Gouverneur sich von dem Herrn mit den Worten verabschiedete: »Auf Wiedersehen, Mr. Turi.«

Bei den Worten »Mr. Turi« gab es Georg innerlich einen Ruck. Er hatte sich den neuen Passagier schon vorher genauer angesehen, weil dessen Äußeres sein Interesse erregte. Der Mann mußte verschiedenes Blut in sich haben. Für einen Ostasiaten war er verhältnismäßig groß. Machte in der tadellos sitzenden Tropenkleidung auch für europäische Begriffe einen guten Eindruck. Nur die etwas schräg gestellten Augen und das starke, tiefschwarze Haar verrieten den Exoten. Ein Eurasier besten Formats, dachte Georg im stillen, und sicherlich ein Mann von Bedeutung.

Bei der Anrede »Mr. Turi« war es ihm, als fiele ein Schleier von seinen Augen ... Mr. Turi ... Turi Chan ..., die Gedanken des Mannes auf dem japanischen Kreuzer, die er in jener Nacht, da die »Brisbane« unterging, vernommen hatte, konnten wohl zu diesem Kopf passen.

Lange stand er und überdachte eine Idee, die sich ihm bei seinen Überlegungen immer wieder aufdrängte. Dann war sein Entschluß gefaßt. Er suchte Clennan auf und bat ihn um eine kurze Unterredung.

Alles, was er an Verdachtsgründen hatte, legte er dem dar und bat ihn zum Schluß, ihm bei der Ausführung seines Planes zu helfen. Es handelte sich darum, eine kleine Vorrichtung zu schaffen, die nur Clennan ausführen konnte.

Der war ohne Zögern sofort bereit, das zu tun, was Georg wünschte. Und das war, während des Mittagessens in der Kabine des Mr. Turi unauffällig einen isolierten Draht zu verlegen, der bis zu der drei Türen entfernten Kabine Georgs führte. Dale, der immer in Gesellschaft Gamps war, konnte er erst im letzten Augenblick, als man sich schon zu Tisch setzte, von seinem Verdacht und seinem Vorhaben verständigen.

Wie erwartet, saßen Wegg und Turi am gleichen Tisch. Georg hatte seinen Platz zu weit entfernt, um ein Wort ihrer Unterhaltung zu verstehen, doch betrachtete er immer wieder die Erscheinungen dieser beiden Männer. Neben dem dunklen Eurasier der schmale, blonde Kopf des Angelsachsen. Die etwas großen Augen schimmerten in einem harten, hellen Blau. Nicht die geringste Spur von Freundlichkeit milderte die hochmütige Kälte dieser Züge. Wenn er lebhafter sprach und die Lippen das starke Gebiß enthüllten, legte sich ein brutaler Zug um den massigen Mund. Wenn diese Köpfe einmal zusammenstießen, dann mochten wohl Funken sprühen.

Mit Ungeduld erwartete Georg das Ende der Mahlzeit. Ob es wohl Clennan gelungen war, unbemerkt die Leitung zu legen? Ob Dale, der mit Gamp näher an dem Tisch Weggs saß, etwas zu berichten wußte? Der hatte ihm verschiedene Male bedeutsam zugenickt. Als endlich Oberst Gamp aufstand, machte sich Dale frei und ging zu Georg. Er wollte mit ihm auf Deck gehen, doch Georg zog ihn mit zu seiner Kabine. Hier fanden sie Clennan, der eben sein vollendetes Werk betrachtete.

»So! Das wäre in Ordnung. Aber ich habe auch noch eine andere gute Nachricht Während Sie beim Mittagessen saßen, ließ ich in Penang anfragen, ob man sagen könne, wann ein gewisser Mr. Turi dort angekommen sei. Die Antwort lautete: ›Gestern oder vorgestern.‹ Genaueres konnte man mir sofort nicht sagen. Jedenfalls hat er gestern ein chiffriertes Radiogramm nach Tokio gegeben ...«

»Und jetzt komme ich, meine Herren«, sagte Dale. »Oberst Gamp mag sich wohl über meine Zerstreutheit bei Tisch gewundert haben. Ich lauschte natürlich gespannt auf die Unterhaltung am Tische Weggs. Mr. Turi erzählte von seinem Aufenthalt in England und nannte verschiedene Namen, die auch mir bekannt sind. Nehmen wir alles zusammen, so kann es wohl keinem Zweifel unterliegen, daß der Passagier Turi oder Turi Chan identisch ist mit dem bewußten Manne auf dem japanischen Kreuzer. Jetzt wäre die Frage: Was will dieser Teufel hier an Bord? Weswegen hat er den japanischen Kreuzer verlassen?«

»Wie ich vom Zahlmeister erfuhr«, sagte Clennan, »hat er Passage bis Singapore und will dort auf den Anschlußdampfer nach Hongkong übergehen. Er hat jedenfalls telegraphisch auf dem niederländischen Dampfer ›Utrecht‹ eine Kabine belegt.«

»Nun, die vielen Fragen, die wohl jeder von uns unausgesprochen bei sich stellt, werden wir, wenn dieser Mensch nicht im letzten Augenblick seine Kabine wechselt, sehr wahrscheinlich heut abend beantwortet bekommen.« —

Sir Reginald Wegg hielt sich gegen seine Gewohnheit bis zum Abend unter Deck auf. Er erschien erst im Speisesaal, als das Supper fast beendet war, und ging sofort nach dem Essen wieder in seine Kabine. Mr. Turi, der von den drei Verbündeten scharf beobachtet wurde, ging erst sehr spät nach unten.

Die Neugier Dales und Clennans war derart groß, daß Georg die Ausgangsantenne seines Verstärkers so legte, daß sie alle drei bestrahlte. Sie vernahmen deutlich, wie Mr. Turi mißmutig über fehlgegangene Erwartungen nachsann. ... Die heutige Nacht würde günstiger gewesen sein, Wegg durch die Kraft meiner Gedanken zum Sprung in die See zu zwingen, dachte es in ihm wiederholt ... Ehe das Schiff stoppte, ein Boot klarmachte, wäre es wohl gesunken ... Jemitsu wird mir vielleicht zürnen, wenn er es hört ... sein Charakter ist so ganz anders ... er kämpft am liebsten nach altem Brauch mit Schwert und Schild ...

Aber einerlei, geschehen muß es ... morgen soll er mir nicht entgehen ... lebend soll Reginald Wegg, was an mir liegt, nicht nach Singapore kommen ... und bleibt er wirklich von den Haifischen verschont, ist er die längste Zeit Gouverneur gewesen ... ein Mann, der offensichtlich geistesgestört einen Selbstmord begehen will, ist für diesen Posten unmöglich ...

Ob wohl die schöne Evelyne noch die begehrenswerte Witwe zu spielen vermag? ... Sie war nicht in London, war ja in Ostende, als ich drüben war ...

Bei Robert Roux ging ich fast zehn Schritte hinter ihm, als ich ihn zwang, von der Seinebrücke zu springen ... allerdings hatte ich Zeit, ihn mir auf dem langen Weg ganz gefügig zu machen ... hier muß es schneller gehen ... Wegg wird wohl nicht leicht geneigt sein, mich zu längerem Beisammensein aufzufordern ... Für den stolzen, selbstbewußten Sohn Albions werde ich immer das tiefer stehende Halbblut bleiben ... daß ich neben ihm zu Tisch sitzen durfte, war wohl in seinen Augen eine unverdiente Auszeichnung ...

Wären wir nicht von einem Herrn, der ein Stück weiter saß, ständig beobachtet worden ... es wäre mir vielleicht doch gelungen, Wegg beim Einschenken des Weines etwas von dem Pulver Allgermissens in das Glas zu tun ... wie ärgerlich, daß ich vergaß, mich bei einem Steward zu erkundigen, wer der Fremde war ... sein Gesicht gab mir viel zu denken ... Wenn auch wohl die meisten an ihm vorübergehen mögen, ohne ihm irgendwelche Bedeutung zu schenken, er ist bestimmt ein ungewöhnlicher Mensch ... hinter diesen Augen schlummern Kräfte, hinter dieser Stirn brüten Ideen, die den Mann eines Tages hochtragen werden ... er scheint noch jung zu sein. In einigen Jahren, wenn alles in ihm ausgereift, möchte wohl sein Name weithin klingen ... wenn er's erlebt ... ... Doch ich will schlafen. Mein Geist muß morgen stark sein. —

Mit verhaltenem Atem ... kaum daß ihre Augen sich anzublicken wagten ... hatten die drei die Gedanken Turi Chans vernommen. Auch jetzt, wo der sich zur Ruhe gelegt hatte, saßen sie noch in tiefem Schweigen. Und doch bewegten jeden die gleichen Gedanken.

Der Name Algermissen ... öfters von Georg genannt ... jetzt hier in die Gedanken Turi Chans verwoben!

Turi Chan im Besitze jenes anderen Teiles von Allgermissens Kunst! Wie war er dazu gekommen? Wieweit hatte er es verstanden, sie sich anzueignen? Wo lagen die Grenzen, die seinen übernatürlichen Kräften gezogen waren? ...

Wegg wollte er ermorden ... so, wie Robert Roux vernichtet worden war?!

Sie erschauerten bis in ihr tiefstes Innere bei der Vorstellung, wie ein gesunder, starker Mann, so seines eigenen Willens beraubt, einem anderen Willen unterjocht ... völlig geistig versklavt, sich selbst den Tod geben mußte ...

Wie das Verbrechen verhindern? Sir Reginald Wegg würde sicher der Letzte sein, der Warnungen solch mysteriöser, unwahrscheinlicher Art Glauben schenkte.

Clennan und Dale schauten zu Georg hinüber, der plötzlich aufgestanden war und an dem Verstärker schaltete, dann sich an die Eingangsantenne setzte und stumm in sich gekehrt dasaß. Jetzt schaltete er den Verstärker aus und sagte:

»So nur können wir diesen Verbrecher unschädlich machen. Ich habe den Apparat durch Umschaltung zum Verstärker der von mir ausgehenden Gedankenwellen gemacht. Mit einem Wort: die Situation ist umgedreht. Turi Chan unterliegt jetzt meinen durch den Apparat vielfach verstärkten Gedankenwellen vollständig.

Ich habe ihm befohlen, sofort einzuschlafen. Da der Moment günstig liegt —er war schon zur Ruhe gegangen—, wird sich ohne mein Zutun der natürliche Schlaf sofort daran anschließen. Es steht in unserem Belieben, wie lange wir ihn schlafen lassen wollen, vorausgesetzt, daß einer von uns unter der Eingangsantenne sitzenbleibt und den Befehl unablässig weiterdenkt. Morgen früh zur gegebenen Zeit werde ich ihn aufwachen lassen ...«

»Und dann?« drängte Dale. »Was dann weiter!?«

»Nun, dann werde ich ihn nur den einen Gedanken haben lassen: ›Ich kann nicht aufstehen, meine Beine sind gelähmt.‹ Und das so lange, bis wir morgen abend in Singapore sind, der Gouverneur das Schiff verlassen hat und Turi Chan auf den Dampfer ›Utrecht‹ übergeht.«

»Aber wird Turi Chan nicht, sobald er aus dem Bereich der Antenne kommt, wieder Herr seines eigenen Willens und seiner Glieder sein?«

»Allerdings! Das ist richtig. Aber ich stelle mir das doch etwas anders, für uns günstiger, vor. Es ist mit Sicherheit anzunehmen, daß, wenn Turi Chan erklärt hat, nicht aufstehen zu können, der Arzt geholt wird. Ich werde dann Turi Chan befehlen, folgendes zu sagen: ›Ich kann nicht aufstehen, Herr Doktor, und habe überaus große Schmerzen in den Füßen. Geben Sie mir bitte ein Betäubungsmittel und lassen Sie mich in Singapore zu dem Anschlußdampfer hinüberbringen.‹«

Clennan schüttelte Georg vergnügt lachend die Hand.

»Das haben Sie sich vorzüglich ausgedacht. Klappt alles so, wie Sie sagten, dann Hut ab vor Ihrem Verstärker! Dann sehe ich tatsächlich einige Träume unseres Freundes Dale Wirklichkeit werden.«

Doch der machte ein finsteres Gesicht.

»Was? ... Wir sollen diesen Schurken, diesen Verbrecher laufenlassen? Wir wissen, was er schon alles auf Kerbholz hat ... können bestimmt annehmen, daß er noch andere Verbrechen für die Zukunft plant.—Ginge es nach mir, würden wir diesem Teufel den Tod bereiten, den er Wegg zugedacht hat ... aber ich muß mich fügen, weil ich im voraus weiß, daß Sie beide anderer Meinung sind. Ich weiß aber bestimmt, daß Sie es eines Tages bereuen werden, wenn Sie nicht jetzt die Gelegenheit benutzen, diesen Satan für immer unschädlich zu machen.«

Georg wiegte nachdenklich den Kopf.

»Vielleicht haben Sie recht ... Wir wollen uns jetzt die Mühe, Turi Chan in unserer geistigen Gewalt zu halten, erleichtern, indem wir uns an dem Apparat ablösen und auch meinen Marian dabei zu Hilfe nehmen.«—

Als Turi Chan am nächsten Morgen erwachte, fühlte er eine unerklärliche Müdigkeit in seinen Gliedern. Er bemühte sich vergeblich, die Füße aus dem Bett zu bringen. Ebenso unbegreiflich erschien es ihm, daß er trotz schärfster Anstrengung nicht fähig war, seine Gedanken klar zu ordnen. —

Waren das vielleicht physische oder psychische Folgen des häufigen Genusses der Allgermissenschen Pulver? Als er sich gestern den Adjutanten des Kommandanten von Penang gefügig machte, um wichtige militärische Geheimnisse zu erfahren, hatte er große Dosen genommen. Oder ... hier stockte er, wie von einer schlimmen Ahnung befallen ... sollte ein anderer, noch stärkerer, Geist über ihm sein?

Sein Zustand ähnelte dem, den er immer gehabt, wenn er mit Jemitsu Versuche gemacht hatte, um die Wirkung der Pulver an sich selbst auszuprobieren ... Aber wen auf der Welt gäbe es ... außer vielleicht Sifan-Arngrim ... der um solche Kräfte wüßte? ...

Der eintretende Steward riß ihn aus seinen Gedanken. Er hieß ihn den Schiffsarzt holen.—

Dr. Oné trat gerade in die Kabine Turi Chans, als Clennan auf Georgs Kabinentür zuging.

»Er hat den Doktor holen lassen«, sagte Clennan lachend zu Georg, der unter der Antenne saß. »Eben ist er zu ihm 'reingegangen. Das wird eine harte Nuß für Dr. Oné geben.«

Georg schüttelte den Kopf, winkte Clennan zu schweigen. Dachte mit stärkster Konzentration.—

Und so geschah es, daß zum Erstaunen Turi Chans Dr. Oné sofort nach seinem Eintritt erklärte: »Jawohl, Sie haben starke Schmerzen in den Füßen. Sie können sich nicht bewegen. Ich werde Ihnen eine ordentliche Morphiumspritze geben.«

Er zog ein Etui aus der Tasche und verabfolgte Turi Chan eine einschläfernde Einspritzung. »Wenn Sie beim Einlaufen in Singapore noch nicht erwacht sein sollten, werde ich Sie auf Ihren Anschlußdampfer hinübertragen lassen.«

Turi Chan sah den Arzt mit Augen an, aus denen größte Überraschung sprach. Wie konnte der Mann wissen, daß er selbst das alles gedacht hatte und dem sagen wollte? Sollte das Sendepulver, das er gestern genommen hatte, noch so stark bei ihm nachwirken?

Die Flut der vielen sich in seinem Kopf kreuzenden Gedanken verebbte in der immer stärker werdenden Müdigkeit, die das Morphium ihm brachte. Gleich nachdem Dr. Oné die Kabine verlassen hatte, lag er in festem, tiefem Schlaf, aus dem er erst erwachte, als der Dampfer »Utrecht« den Hafen von Singapore verlassen hatte und auf die hohe See hinaussteuerte.—

Es setzte ihn kaum in Erstaunen, daß seine Füße wieder ihren Dienst versahen, als er den Versuch machte, aufzustehen.

Darüber, daß die Lähmung, die Schmerzen, überhaupt sein ganzer Zustand nicht auf eine natürliche Indisposition zurückzuführen war, hatte er wenig Zweifel. Während der ganzen langen Fahrt bis Hongkong beschäftigte er sich fast ausschließlich mit Gedanken über das rätselhafte Erlebnis. Kaum daß er nachts einige Stunden Schlaf fand.

* * *

Das alte Städtchen Georgetown im Nordosten von Neusüdwales war nach einer kurzen Zeit unverhoffter wirtschaftlicher Blüte in seinen alten Schlummerzustand zurückgesunken.

Auf die Kunde von den Diamantenfunden am Naomi River waren vor einem Jahrzehnt eine Menge von Menschen dort zusammengeströmt. Die Zahl der Einwohner hatte sich in kurzer Zeit vervielfacht, die Grundstücksspekulanten machten Riesengewinne, Handel und Wandel erlebten eine tropische Blüte.

Doch der Traum von der werdenden Großstadt war bald zerronnen. Die Diamantenfunde wurden spärlicher. Die Nachrichten von neuen, besseren Funden in den Bergen lockten den größten Teil der Diamantensucher fort. Wenige Jahre später, und die letzten Spuren des Diamantenfiebers waren mit dem letzten Gräber verschwunden. Die damals über Nacht entstandenen neuen Stadtteile ... in Wirklichkeit nur roh zusammengezimmerte Holzbaracken ... waren den Weg alles Irdischen gegangen. Ein Ausgewanderter, der nach langen Jahren zurückkehrte, fand das Städtchen in demselben Zustand, in dem er es verlassen hatte.

Eine der wenigen Erinnerungen an die große Zeit war ein schönes Sandsteingebäude, das errichtet war, um für die größere Stadt als Rathaus zu dienen. Doch da der Traum von der werdenden Großstadt eher ausgeträumt war, als der Neubau fertig wurde, war er nicht bezogen worden.

Nachdem er mehrere Jahre leergestanden, erbarmte sich die Regierung und übernahm den Bau für staatliche Zwecke. Sie richtete in einem Flügel eine landwirtschaftliche Schule ein und bestimmte den anderen Teil des Gebäudes für ein kleines Pflanzenphysiologisches Institut.

Hier hatte Dr. Musterton als Leiter dieses Instituts mit seinem Assistenten Arngrim seine Tätigkeit aufgenommen. An das Gebäude schloß sich ein großer Garten, der ursprünglich als Park der zukünftigen Großstadt gedacht war, nun aber als Botanischer Garten für Akklimatisierungsversuche mit allerlei ausländischen Gewächsen Verwendung fand.

Die eigentlichen Versuchsfelder für die Züchtung von ausländischen Nutzgräsern sollten überall in der Umgegend verstreut auf Privatfarmen angelegt werden, um die besten Verhältnisse für die erste Akklimatisierung feststellen zu können. Die Regierung hatte sich die Sache viel Geld kosten lassen. Lag es doch im Interesse der australischen Viehzucht, die einheimischen Weidegründe mit allen Mitteln moderner Pflanzenforschung in reichem, widerstandsfähigem Wuchs zu halten.—

»Das hier ist mein Versuchsfeld«, sagte Jan Valverde zu Georg Astenryk, dem er eben von dem neuen Institut der Regierung in Georgetown erzählt hatte. Er wies dabei auf ein größeres, frisch gepflügtes eingezäuntes Areal, das sich von dem Abhang, auf dem sie standen, bis zum Fluß hinunterzog.

»Ich denke, wir steigen hier von den Pferden und nehmen unseren Imbiß unter dem großen Eukalyptus da oben. Da haben wir einen weiten Blick, und ich kann dir alle Schönheiten der Gegend zeigen. Gestehe ruhig, daß du von dem, was du hier siehst, angenehm enttäuscht bist. Du hattest sicherlich so eine flache, öde Steppe mit halb verdorrtem Gras erwartet, wie sie allerdings weiter landeinwärts im Busch reichlich zu finden sind, von den großen Wüsten ganz abgesehen.«

Sie schritten die Höhe hinauf, banden ihre Pferde fest, und traten in den Schatten des alten Eukalyptusbaumes. Während Georg mit dem Feldstecher die Bergkämme im Süden und Osten betrachtete, hatte sich Jan zwischen den Wurzeln des mächtigen Stammes ausgestreckt und begann sein Frühstück zu verzehren.

Sein rotes Gesicht, die gutmütigen, braunen Augen hinter der Schildpattbrille deuteten auf Hang zu ruhiger, behaglicher Lebensführung. Wenn auch seine Haare an den Schläfen schon stark ergraut waren, so bewiesen doch die breiten Schultern und die elastische Haltung der kräftigen Figur, daß er die erste Hälfte der Dreißig kaum überschritten hatte.

»Ja, Georg, so nahe wie an deinem Wilden Rain hast du die Berge hier nicht. Aber wenn du mal Lust hast, da oben ein bißchen 'rumzukraxeln, will ich dich an einen Bekannten verweisen, der da drüben am Abhang der Cotchilly Mountains eine Farm hat.

Der kleine Flußlauf da unten ist die Grenze meines Besitzes. Auch da glaube ich dich eines Besseren belehren zu können. Du hast wohl im stillen gedacht, ich wäre hier der Besitzer einer Farm von der Größe eines deutschen Herzogtums. Weit gefehlt, mein Junge! Dieser fruchtbare Weizenboden hier ist nicht billig. Mein ganzer Besitz ist nicht viel größer als ein anständiges Rittergut in Deutschland, hat aber ebensoviel Wert. Denn dort erntet man noch nicht die Hälfte von dem, was wir in guten Jahren hier haben.

Aber komm, setz dich zu mir, und iß, wir haben noch einen gehörigen Ritt vor uns. Und fahre fort mit deinen Erzählungen aus Deutschland. Du glaubst ja gar nicht, wie ich mich gefreut habe, als du schriebst, du würdest hierherkommen. Und nicht zum wenigsten freue ich mich, nun mal wieder aus der Heimat zu hören. Von Neustadt, dem alten Nest, vom Rhein und seinen schönen Städten.«

Georg streckte sich neben Jan aus, begann wieder zu erzählen, und er hatte wohl nie einen aufmerksameren Zuhörer gehabt, als er, von den vielen Erinnerungen der Jugendzeit ausgehend, von Land und Leuten in und um Neustadt berichtete.

Am Tage zuvor war er mit Marian bei Jan angekommen, und seitdem hatte er kaum was anderes zu tun gehabt, als Jan zu erzählen. Das war ja auch begreiflich, Deutsche saßen in dieser Gegend nur sehr wenig. Die großen Entfernungen verhinderten einen engeren Verkehr.

Die Tante Mila in München hatte in ihren Briefen an Jan nur das wenige über die alte Heimat schreiben können, was sie gelegentlich von Georg erfuhr. Eine Person, die zu erwähnen Georg immer vermieden hatte, war Helene Forbin. Obwohl das doch so nahe lag, da er natürlich oft von Anne Escheloh, ihrer Schwester, sprach.

Es gab ihm einen kleinen Ruck, als jetzt Jan, während er sich eine Pfeife anzündete, unvermittelt fragte: »Wie geht es Helene Escheloh ... oder vielmehr Forbin, wie sie ja wohl jetzt heißt. Der Mann ist Kaufmann, wie ich hörte. Wo leben sie?«

Georg begann zu berichten. Ab und zu warf er einen Blick zu Jans Gesicht, doch das blieb anscheinend ganz gleichmütig. Nur daß er immer wieder seine Pfeife ausgehen ließ, verriet, daß da Saiten angeschlagen waren, die in Erinnerung an diese Episode seines Lebens stark nachklangen.

»Und von Rochus Arngrim hast du nie wieder etwas gehört?« fragte Jan, als Georg geendet hatte.

»Nein, Jan! Es ist sicher anzunehmen, daß er Europa verlassen hat.«

»Nun, Georg, lassen wir jetzt die Vergangenheit ruhen. Besonders die Kapitel, unter die ich für immer einen Strich gezogen habe. Komm, wir wollen weiterreiten! Unterwegs kannst du mir noch einmal etwas Näheres über deine Kohlenenergie erzählen, und besonders über deine Absicht ...« hier sah Jan den Bruder mit einem zweifelnden Lächeln von der Seite an, »Diamanten zu machen.«

Sie bestiegen ihre Pferde und ritten den Abhang hinunter zum Flußufer. Dabei berichtete ihm Georg nochmals über seine Arbeiten und was er da alles erreicht hatte.

»Wenn wir nach Hause kommen, Georg, werden wir sofort das Material, das du brauchst, von Brisbane kommen lassen. Vielleicht würde es auch schon in Warwick zu haben sein. Aber sicherer ist Brisbane, wenn es auch etwas länger dauert.«

Sie waren von dem Flüßchen abgebogen und folgten jetzt dem Lauf eines Baches, der in schnellen Sprüngen aus den Bergen zu Tale eilte.

»Hier waren meine Claims«, sagte Jan und deutete auf den Boden, der an vielen Stellen Löcher und Gräben zeigte. »Das heißt, ich selbst habe mich mit diesem unlohnenden Geschäft nicht abgegeben. Die armen Teufel, die hier gruben, verdienten trotz sechzehnstündiger Arbeit gerade soviel, um ihr Leben kümmerlich fristen zu können. Von den erhofften Reichtümern war nie die Rede.

Das mag einen schweren Aufruhr rundherum geben, wenn wir nun nach einiger Zeit mit einem Schubkarren voll deiner künstlichen Diamanten hierherfahren und die Gegend damit besäen. Na, ich bin gespannt wie ein Flitzbogen, wie wir damals als Jungen in Neustadt sagten.

Aber jetzt wird es allmählich Zeit, umzukehren. Wir müssen gut zureiten, um zum Mittagessen zu Hause zu sein. Meine Haushälterin, die alte Brigitt, liebt die Pünktlichkeit.«

Auf dem Heimweg gab Georg immer wieder seiner Bewunderung über das landschaftlich so schöne, fruchtbare Tal Ausdruck.

»Freut mich, alter Junge, daß es dir hier gefällt. Wenn es nun mit deinen Kohlenideen doch nicht so klappen sollte, wie du denkst, schmeiß den ganzen Kram in die Ecke und werde Farmer wie ich!

Du siehst mich so von der Seite an, Georg. Nein, das ist kein Scherz. Du heiratest deine Anne Escheloh, setzest dich hier zu mir auf Paulinenaue und lernst von mir die Wirtschaft. Später werden ja deine Kinder doch mal alles zu Erbe kriegen.«

»Du meinst es sehr gut mit mir, Jan«, sagte Georg lachend. »Aber willst du denn wirklich ewig Junggeselle bleiben?«

»Natürlich will ich das. Ich hab' mich nun mal an das Junggesellenleben gewöhnt. Was hier in der Gegend so an jungen Mädchen 'rumläuft, ist nicht nach meinem Geschmack. Also ... Aber jetzt fix, da steht schon die biedere Brigitt und winkt.«—

Eine Woche später war das neue Laboratorium fertig eingerichtet. Georg hatte Jan um einen nicht unbedeutenden Vorschuß bitten müssen. Der Gedanke, etwa längere Zeit seinem Bruder, der ihm zweifellos von Herzen jede Unterstützung gewährte, auf der Tasche liegen zu müssen, spornte ihn zu intensivster Arbeit an der Diamantensynthese an.

Zwar waren die Aufzeichnungen des betreffenden Protokollbuches im Ofen am Wilden Rain stark beschädigt worden, doch ließen sich die Bestandteile der Elektrolyten, die wahrscheinlich in Frage kamen, wenigstens noch qualitativ feststellen. In vielen Dutzenden von Versuchsgläsern waren danach Lösungen verschiedener quantitativer Zusammensetzung gemischt worden. Doch selbst wenn eine unter diesen war, die sowohl in qualitativer wie quantitativer Zusammensetzung jener glücklichen am Wilden Rain entsprach, mußten viele Tage, Wochen vergehen, ehe vorsichtig dosierte Verdunstung die kostbaren Kristalle erzeugen konnte.

Selbstverständlich hatte Georg auch nach und nach die Kohlenbatterien aufgebaut, um das Problem der Kohlenenergiegewinnung, dem doch seine Hauptarbeit galt, weiter zu fördern. Bei all dem war Marian eine unentbehrliche Hilfe für ihn, soweit der nicht seinem Wanderdrang folgte und zu allen möglichen Tages- und Nachtzeiten in unbekannter Gegend umherschweifte oder auf die Jagd ging, wofür er eine besondere Passion entwickelte.

Von seinem Verstärkerapparat hatte Georg Jan vorläufig nichts gesagt, wohl aber benutzte er dessen große Radioantenne, um immer wieder neue Versuche und Verbesserungen zu machen.

Der Abschied von Major Dale und Clennan war nicht leicht gewesen. Nur schwer hatten die beiden eingewilligt, sich von ihm zu trennen und ihn mit seinem Verstärker auf die Farm ziehen zu lassen. Dale hatte Georg vorgeschlagen, seinen Wohnsitz in Canberra, der Hauptstadt des Australischen Union, zu nehmen. Ihm werde es sicher gelingen, aus dem Geheimfonds für die Landesverteidigung Mittel für Georg zu bekommen, ohne dabei etwas von dem Geheimnis der Erfindung preisgeben zu müssen. Auch Clennan hatte Georg dringend gebeten, diesen Vorschlag Dales anzunehmen. Doch Georg hatte ihre Bitte rundweg abgeschlagen. Sein Stolz, sein Selbstbewußtsein wehrten sich dagegen, wieder einmal, jetzt sogar von Fremden, abhängig zu werden.

So hatte sich schließlich Dale damit begnügt, dafür zu sorgen, daß Clennan von der Regierung als Experte für Hochfrequenztechnik übernommen wurde. Denn Clennan, nun einmal in alles eingeweiht, würde gegebenenfalls nur schwer zu erreichen sein, wenn er mit dem »James Cook« wieder nach Europa zurückkehrte ... und man wußte doch nicht, wann dieser »Fall« eintreten würde.—

Eines Morgens beim Frühstück klingelte das Telephon in Paulinenaue. Es war Dr. Musterton, der sich für einen Besuch der Farm im Laufe des Nachmittags ansagte.—

Musterton und Arngrim saßen in ihrem Kraftwagen, der ein halber Lieferwagen war, da sie die zur Aussaat bestimmten Gräsersamen mit sich führten. Paulinenaue lag ungefähr vierzig Kilometer nordwestlich von Georgetown. Sie hatten gedacht, schon um drei Uhr dort zu sein, doch eine Panne, deren Reparatur sie lange Zeit aufhielt, ließ sie erst um die vierte Stunde des Nachmittags die Farm in Sicht bekommen.

Der Wagen, der von Arngrim gesteuert wurde, bog eben von der großen Straße auf den Weg zu Jans Farm ab, als ihnen ein Mann vom Gutshause her entgegenkam. Die umgehängte Büchse verriet, daß er wohl zur Jagd wollte. Interessiert sahen beide dem Näherkommenden entgegen. Vielleicht, daß es der Besitzer selbst war.

Arngrim verringerte die Fahrgeschwindigkeit und fuhr langsam. Plötzlich zuckte er zusammen und stoppte den Wagen. Auch der Mann war stehengeblieben, schaute in seltsamer Erstarrung auf Arngrim.

»Herr Arngrim?!« kam es zögernd aus seinem Munde.

Der, als müsse er sich besinnen, gab nach einer Weile zur Antwort: »Ja, Marian ... ich bin es.«

Dr. Musterton, der mit verständnislosem Blick dies unerwartete Zusammentreffen angesehen hatte, unterbrach die Stille:

»Nun, Herr Arngrim, haben Sie hier plötzlich einen alten Bekannten getroffen?«

Doch Arngrim schwieg. Er öffnete die Tür, ging auf Marian zu und reichte dem die Hand. Musterton, ein wenig verwundert über das auffällige Benehmen seines Assistenten, schaute Neugierig zu den beiden hin.

»Wo kommst du her, Marian? Wohnst du hier? Bei wem bist du?« überstürzten sich die Fragen aus Arngrims Munde.

Marian zögerte, als müsse er sich erst sammeln, die richtigen Worte suchen. Dann begann er leise und stockend:

»Ich bin hier mit Georg Astenryk. Vor einigen Wochen sind wir erst von Europa hierhergekommen ...« Er machte eine Pause, als erwarte er die weiteren Worte von Arngrim.

Der hatte sich jetzt des Eindrucks der Erinnerungen erwehrt, welche ihn beim Anblick des ihm von Jugend auf bekannten Mannes überfallen hatten. Mit etwas freierer, festerer Stimme sagte er: »Ah, das ist ja ein merkwürdiger ... ein glücklicher Zufall. Ich freue mich sehr, Georg wiederzusehen. Aber sag' doch, Marian, wie kommt Georg hierher? Was treibt er hier?«

Er hielt inne, starrte wie gebannt, wie gelähmt in Marians Gesicht. Dieser rätselhafte Ausdruck darin ... die Augen ... bald drohend, bald mitleidig, schauten sie ihn an.

Da öffnete der den Mund, sprach leise mit fast monotoner Stimme:

»Wir sind hier ... bei Georgs Bruder ... Jan Valverde.«

»Jan Valverde?! ... Jan lebt?! ...«

Ein Zittern ging durch die Gestalt Arngrims. Er wäre gestürzt, wenn nicht Marian zugesprungen wäre, ihn umfaßt hätte. Erschrocken sprang Musterton vom Wagen und bemühte sich mit Marian, den halb Ohnmächtigen im Schatten eines Baumes zu betten.—

Eine Viertelstunde später kam Dr. Musterton auf die Farm gefahren und fragte nach Georg Astenryk. Als der, aus dem Hause gerufen, zu ihm trat, überreichte ihm Musterton ein zusammengefaltetes Papier. Georg öffnete es und las.

Einen Augenblick war es ihm, als drehe sich das Haus und alle Gebäude in wirbelndem Kreis um ihn. Was stand da geschrieben von Marians Hand?

»Ich bin hier an dem alten wilden Birnbaum mit Rochus Arngrim.«

Ohne sich um Musterton zu kümmern, eilte er in das Haus. Der Doktor, völlig verwirrt durch das ganz unerklärliche Benehmen dieser Leute, setzte sich resigniert auf eine Bank und wartete. Irgendwie mußte ja dieses Rätselraten einmal zu Ende kommen. Nach einiger Zeit kam ein Mann aus dem Hause und ging auf dem Wege, den Musterton gekommen, nach dem Birnbaum hin.

Marian sah ihn kommen. Nach einem langen Blick auf Arngrim, der an den Baum gelehnt dastand wie einer, der gerichtet werden soll, wandte er sich um und ging auf der anderen Seite des Weges weiter.—

Was die beiden, Jan Valverde und Rochus Arngrim, da gesprochen, hat niemals einer erfahren.—

Georg, der in bangen Zweifeln den Ausgang dieser Begegnung erwartete, atmete auf, als er, am Hoftor stehend, Jan und Arngrim auf die Farm zukommen sah. Mit raschem Blick umfaßte er die Gesichter der beiden. Der ruhige, fast frohe Ausdruck in ihren Mienen ließ sein Herz höher schlagen.

»Willkommen, Rochus!« Georg griff Arngrims Hand, preßte sie.

War's die neue Erschütterung? Der, von seinen Gefühlen übermannt, schwankte. Da legte Jan den Arm um ihn und führte ihn ins Haus.


7. Kapitel.

Das starkmotorige kleine Flugzeug, das Turi Chan von Australien nach Japan brachte, setzte auf dem Flugplatz von Tokio auf. Er wollte zu einem Autostand gehen, da fiel sein Blick auf eines der modernen, großen Übersee-Flugzeuge. Interessiert schaute er nach den zahlreichen Passagieren, die noch neben dem Flugzeug standen, aus dem ein umfangreiches Gepäck ausgeladen wurde. Unter den Fluggästen erkannte er General Borodajew, der neben einer Dame stand und sich lebhaft mit ihr unterhielt.

Turi Chan ging auf die Gruppe zu, um Borodajew zu begrüßen. Der sah ihn erst, als Turi Chan neben ihm stand und ihn anredete.

»Das nenne ich ein glückliches Zusammentreffen, Mr. Turi! Sie kamen wohl mit diesem Flugzeug, das eben landete.«

»Und Sie, Herr General, sind, wie ich sehe, auch erst vor kurzem gekommen.«

»Ja, ich kam vor einer Viertelstunde.«

»Hatten Sie eine angenehme Reise, Herr General?«

»Danke. Sie verlief ohne Zwischenfall sehr angenehm.«

»Sehr angenehm ... nun, wie hätte es auch anders sein können in der Begleitung einer so schönen geistvollen Dame wie Frau Helene Forbin.«

Borodajew stutzte.

»Sieh da, Mr. Turi, Sie kennen die gnädige Frau?«

»Noch nicht persönlich. Als ich vor einigen Monaten in Paris war und in der Oper saß, machte mich Legationssekretär Obori auf die gnädige Frau aufmerksam. Ich freue mich außerordentlich, jetzt die persönliche Bekanntschaft von Frau Helene Forbin zu machen, die doch schon soviel für uns geleistet hat.«

Er trat auf Helene zu, die ihm lächelnd die Hand reichte, und verneigte sich tief.

»... Ich bedaure jedoch sehr, meine Gnädigste, daß Sie, wie ich sehe, einen kleinen Flaggenwechsel vorgenommen haben. Hoffentlich werden Ihre neuen Interessen immer gleichzeitig die unsrigen sein.«

»Ich denke, darüber kann kein Zweifel sein«, warf General Borodajew dazwischen, »jedenfalls muß die gnädige Frau«, er legte bei diesen Worten seine Hand auf Helenes Arm, »als meine Sekretärin in jeder Weise von allen Stellen respektiert werden.

Wenn wir in nächster Zeit einmal Gelegenheit finden, zusammen zu konferieren, werden Sie, glaube ich, meinen Wunsch begreifen. Doch Verzeihung, meine Herrschaften, hier, sehe ich, kommt das Gepäck der gnädigen Frau.«

Er trat zu der Tür des Flugzeuges und gab Anweisung für das Gepäck.

»Der General ist von einer rührenden Sorgfalt um meine Person«, sagte Helene lachend. »Selbst meine Koffer bewacht er wie Heiligtümer ...«

»Enthalten sie doch sicher eine Reihe schönster, neuester Schöpfungen der Pariser Modemeister«, vollendete Turi Chan mit einer verbindlichen Handbewegung.

»Sie irren, Mr. Turi. Ich hoffe doch, in nicht allzu langer Zeit festländischen Boden betreten zu können. Im Feldlager fehlt die weibliche Konkurrenz und damit der Anreiz, Pariser Gesellschaftstoiletten zu tragen ... oder dürfte sich unser Aufenthalt hier länger hinziehen, Mr. Turi?«

»Das hängt von den Umständen ab, gnädige Frau. Die Lieferungen aus Europa gehen langsam ein. Übrigens ... ich bitte im voraus um Verzeihung für die Frage ... waren Sie oder Ihr Gemahl nicht auch an diesen Lieferungen beteiligt?«

Helene quittierte die eigentliche Frage, die in diesen Worten versteckt war, mit einem verstehenden Lächeln.

»Allerdings, mein Herr. Noch kurz vor meiner Abreise wurde Herrn Forbin ein sehr großer Auftrag erteilt«, sie lachte hell auf, »als Douceur gewissermaßen.«

Turi Chan erwiderte Helenes Lachen mit sichtlichem Vergnügen.

»Und war der Herr Gemahl damit zufrieden? Ich bezweifle es ...«

Helene zuckte die Achseln. »Es blieb ihm nichts anderes übrig, und so mußte er sich trösten ...«

»Auf später?!«

»Nein!« sagte Helene kurz und bestimmt. Ihr Gesicht war plötzlich wie verwandelt. »Ich habe nicht die Absicht, jemals zu Herrn Forbin zurückzukehren.«

General Borodajew war bei den letzten Worten zu ihnen getreten. Mochte er sie wohl gehört haben? Er schob seinen Arm unter den Helenes, drückte ihn leicht an seine Brust, sagte:

»So, meine Gnädige. Das Gepäck ist alles beisammen. Ich glaube, wir könnten jetzt ...«

»Verzeihung, meine Herrschaften, daß ich Sie so lange aufgehalten habe. Es war mir ein großes Vergnügen, die gnädige Frau persönlich kennenzulernen. Hoffentlich habe ich noch öfter die Gelegenheit.«

Nach ein paar Abschiedsworten wandte Turi Chan sich zum Gehen. Dachte, während er auf einen Kraftwagen zuschritt: Hm ... das hätte ich nicht erwartet. Die schöne Frau ... Borodajew hat Glück ... ist doch nicht mehr der Jüngste ... scheint auch mehr zu sein, als eine bloße Liaison. Nun ... so oder so ... dieses schöne Weib wird auch hier ein sehr wertvolles Instrument für uns sein.—

Eine Stunde später trat Turi Chan in das Kriegsministerium und stand bald darauf Jemitsu in dessen Arbeitszimmer gegenüber.

»Was ist, Turi Chan? Du siehst nicht sehr zufrieden aus. Ist es da drüben nicht so gegangen, wie du hofftest?«

Der schüttelte den Kopf. »Nein, Jemitsu!«

Der General runzelte die Brauen und fragte mit etwas beklommener Stimme: »Haben deine Pulver keine Wirkung gehabt?«

Turi Chan machte eine beruhigende Handbewegung. »Das war es nicht, Jemitsu, aber ... man wich mir in Australien aus. Wo ich auch hinkam, alte Beziehungen aufzufrischen, empfing man mich kühl, wies man mich ab. Ich begegnete Schwierigkeiten, wo ich sie nie erwartet hätte.

Alle meine Pläne, durch frühere Freunde, Bekannte mit militärischen Stellen in Verbindung zu treten, scheiterten. Kurz, der Erfolg meiner Reise ist sehr gering. Ich hatte das Gefühl, auf Schritt und Tritt beobachtet zu werden, und daß allen Personen; mit denen ich in Verbindung treten wollte, im voraus Ungünstiges über mich berichtet worden wäre.«

»Vielleicht, daß man von London aus in Erinnerung gewisser Vorgänge da drüben gewarnt hat.«

»Das wäre eine Möglichkeit, Jemitsu ...«

Turi Chan wollte weitersprechen. Da besann er sich ... wozu Jemitsu vielleicht unnötig beunruhigen? Er war in Canberra, der jungen Hauptstadt Australiens, Major Dale und Clennan begegnet, deren Gesichter er vom »James Cook« her in Erinnerung hatte. Im Begriff, zu einem hohen Regierungsbeamten zu gehen, den er von England aus kannte, hatte er vorher Allgermissens Pulver genommen ...

Während der kurzen Zeit des Vorbeigehens an den beiden waren Gedanken zu ihm gedrungen ... beunruhigend ... drohend. Dazu die Mienen der beiden ... es konnte nicht anders sein, als daß diese beiden Männer Verdacht gegen ihn hatten ... und dann die Erinnerung, die er immer wieder vergeblich zu bannen suchte ... die Erinnerung an das, was mit ihm auf dem »James Cook« vorgegangen war ...

Er machte eine befreiende Bewegung, ging zum Fenster, riß es auf. —

»Turi Chan! Warum verschwiegst du mir das?«

Der drehte sich erschrocken um und schaute zu Jemitsu hin, der mit ernstem, nachdenklichem Gesicht dastand. »Was willst du von mir? Was meinst du, Jemitsu?« Der schüttelte den Kopf. »Turi Chan, dein Geist ist nicht gesund, hast du doch ganz vergessen, daß du von dem Pulver genommen hast, ehe du hierherkamst. So habe ich vieles von dem verstanden, was du eben dachtest. Jetzt verlange ich von dir vollkommene Offenheit. Sage mir alles, was dich drückt, was du fürchtest. Nur so kann Rat werden.«—

Lange saßen sie zusammen und sprachen.

»So muß unverzüglich gehandelt werden«, sagte Jemitsu. »Ich werde dafür sorgen, daß einige unserer geschicktesten Agenten sofort im Flugzeug nach Australien gehen. Diese Leute ... Major Dale und der Ingenieur Clennan ... jener Dritte müssen unter schärfster Beobachtung gehalten werden. Wie nanntest du doch seinen Namen? ... Georg Astenryk ...«

»Vor allem dieser Deutsche«, sagte Turi Chan. »Wenn mich meine Menschenkenntnis nicht trügt, müssen wir in ihm die größte Gefahr erblicken ... warum ich das Gefühl habe ... ich weiß es nicht ...«

Nach einer Pause setzte er leiser hinzu: »Wäre er nicht mehr auf dieser Welt, würde ich freier atmen.«—

Eine Ordonnanz trat ein und meldete:

»Seine Exzellenz Tanyu und General Sotatsu lassen die Herren bitten.«

Jemitsu und Turi Chan gingen hinunter zu dem großen Konferenzraum, in dem sie den Kriegsminister und den Generalstabschef bereits antrafen.

»Nachdem soeben General Borodajew mir seine Ankunft telephonisch mitgeteilt hat, halten wir es für richtiger, ihn zu dieser Besprechung mit hinzuzuziehen«, sagte Tanyu, »ich habe ihn bitten lassen, hierherzukommen. Inzwischen möchte ich noch einmal kurz daran erinnern, daß wir in den nächsten Tagen irgendwie zu dem fortwährenden Geschrei der russischen Blätter über die Zustände in der Mandschurei Stellung nehmen müssen. Der Pressechef wird von den in- und ausländischen Berichterstattern überlaufen.«

»Es müssen vor allen Dingen«, nahm Sotatsu das Wort, »die vorläufig gänzlich überflüssigen Schießereien an der Grenze aufhören. Sie führen häufig zu Grenzverletzungen und machen unnötig böses Blut.

Die Presse muß informiert werden, daß diesseits Anweisungen gegeben sind, welche derartige Vorkommnisse in Zukunft unmöglich machen dürften. Über die Bildung der Freiwilligenarmee müssen wir, wie schon früher, die Erklärung abgeben, daß die Aufstellung der Truppenformationen im Sungarigebiet keinerlei Bedrohung russischer Interessen bedeute, daß sie ausschließlich für die mandschurische Regierung als Truppe zur Aufrechterhaltung der inneren Ordnung dienen solle.«

Jemitsu und die anderen nickten lachend.—

»Ich muß dich jetzt allein lassen, Helene«, sagte General Borodajew. »Ich fahre ins Kriegsministerium. Ich hoffe, daß du mit diesen Aufenthaltsräumen zufrieden bist. Wenn noch irgend etwas fehlt, wende dich bitte an Oberst Taratin. Es ist ein liebenswürdiger, treuer Mensch. Du kannst dich in allem auf ihn verlassen.

Den Adjutanten Dubow konnte ich leider hier nicht unterbringen. Er wohnt nicht weit von hier in einem kleinen Hotel. Es war ja bedauerlicherweise nicht zu vermeiden, daß wir getrennt untergebracht wurden und die größeren, besseren Hotels meiden mußten, um nicht Grund zu unliebsamen Gerüchten zu geben.«

Er legte den Arm um Helenes Schulter, die sich fest an ihn schmiegte. »Sind wir erst einmal im Kampfgebiet, wird meine teure Helene mit schlechterer Unterkunft zufrieden sein müssen.«

Helene fuhr ihm mit zärtlicher Bewegung über das Gesicht.

»Immer wieder die unnötige Sorge um meine Person, Alexei! Und ich will doch nicht mehr die verwöhnte Großstadtdame sein. Eine Schütte Stroh und schließlich auch der harte Boden soll mir genügen, wenn du bei mir bist.«

Sie hob ihr Gesicht Borodajew entgegen, ließ in seliger Hingabe die Flut von Küssen über sich ergehen.—

Sie stand am Fenster und sah Borodajew nach. Während er dem Kraftwagen zuging, umfaßte sie mit brennenden Augen die hohe Gestalt, wie sie elastisch dahinschritt ...

Immer wieder in ihr die Gedanken ... wie war es möglich, denkbar, daß sie sich so mit Leib und Seele diesem Manne verschrieben hatte ... dies Gefühl, als sie zum erstenmal das Pochen ihres Herzens spürte, wenn sie Borodajew gegenübertrat, wenn sie an ihn dachte ... halb ungläubig, halb erschreckt hatte sie diesen ungewohnten Tönen gelauscht ...

Sie, die Kalte, Unnahbare, die nichts anderes kannte, liebte als sich selbst ... sie, auf die noch nie der Anblick eines Mannes einen tieferen Eindruck gemacht hatte ... die sich höchstens dazu herabgelassen hatte, mit dem Schwarm von Verehrern zu spielen, die sich um sie scharten, wenn sie nach glücklichen Geschäften Forbins kometengleich in den elegantesten Modebädern der Alten Welt auftauchte ... war sie doch heißer Liebe fähig? ...

Borodajew ... sooft sie mit ihm in Berührung gekommen, war er zwar stets der ritterliche, liebenswürdige Kavalier gewesen, doch nie hatte ein Blick, ein Händedruck gezeigt, daß er auch nur die Spur eines tieferen Gefühls für sie besäße ... Da war der Tag gekommen, an dem sie auf einem gemeinsamen Spazierritt durch das Bois de Meudon von einem Gewitter überrascht wurden. Ihr Pferd, durch einen besonders heftigen Donnerschlag erschreckt, bäumte sich, daß sie aus dem Sattel glitt, zu Boden stürzte.

In dem ersten Schrecken über den Sturz hatte sie sekundenlang die Augen geschlossen. Da ... noch jetzt, wenn sie daran dachte, glaube sie die stürmischen Schläge ihres Herzens zu spüren wie damals ... hatten sich zwei starke Arme um sie geschlungen, zwei Lippen die ihrer berührt ... sie hatte die Augen aufgeschlagen, die Arme um den Hals des Mannes gelegt und in ungekannter Seligkeit die Flut seiner Liebesworte lechzend in sich aufgenommen ...

Ohne einen Augenblick zu zögern, hatte sie Fordin verlassen, war zu Borodajew gegangen. Und als wolle das Schicksal ihr Herz, das so lange vergeblich nach Liebe gedürstet, entschädigen ... jenem Tage, da sie alles hinter sich gelassen, in Borodajews Arme geeilt ... war eine ununterbrochene Reihe schöner, glücklicher Tage gefolgt. Was auch immer kommen sollte ... es gab Stunden, wo sie dunkle Zweifel an dem glücklichen Ausgang von Borodajews Unternehmen befielen ... sie würde nie von ihm weichen, jedes Los teilen, das ihn träfe.—

»Es ist klar, daß der Ausgang der russischen Affäre höchst zweifelhaft ist«, sprach Tanyu und sah zu Turi Chan hinüber, der starr vor sich hinblickte. Jemitsu wiegte überlegend den Kopf.

»Das hängt sehr davon ab, ob es gelingen wird, größere russische Truppenverbände zum Abfall zu bringen. Zu der in der Nordmandschurei sich bildenden Freiwilligenarmee habe ich nicht allzuviel Vertrauen. Ihr fehlt die Schulung in den modernen Waffen. Gelingt es aber, mit vereinten Kräften einen größeren Erfolg zu erzielen, so kann man wohl mit Sicherheit darauf rechnen, daß sich die Abfallbewegung fortsetzt und bei weiteren Erfolgen über ganz Ostsibirien ausdehnt.«

»Viel wird bei all dem auf die Person Borodajews ankommen«, warf General Sotatsu dazwischen. »Ich kann seine Wahl zum Führer des Unternehmens nur als glücklich bezeichnen. Was dem kühlen, überlegenden Kopf seines Generalstabschefs Taratin fehlt, das forsche Draufgängertum und die Lust zum kühnen Wagen, besitzt Borodajew in höchstem Maße.«

Turi Chan, der in langem Schweigen dagesessen, machte eine kurze Handbewegung, als wolle er das Gespräch der anderen abschneiden.

»Ich denke, wir zerbrechen uns unnütz den Kopf über den Erfolg oder Mißerfolg Borodajews. Es genügt meiner Meinung nach durchaus, wenn er eine Zeitlang die russischen Militärkräfte hier im Osten stark beschäftigt. Das heißt, wenigstens so lange, als unser Kampf dauert: Sind wir Sieger, werden wir ihm vielleicht weiterhelfen.«—

Einen Augenblick herrschte eine etwas verlegene Stille unter den Versammelten. Der kalte Kalkül Turi Chans widerstritt ihren Gefühlen als Offiziere ... Kameraden Borodajews. Nachdem sie in vielmonatiger Arbeit zusammen mit Borodajew und Taratin das Unternehmen besprochen, die Pläne ausgearbeitet und alles vorbereitet hatten, war ihr persönlicher militärischer Ehrgeiz zu sehr engagiert, um einen Mißerfolg gleichmütig hinzunehmen. Unwillkürlich begrüßten sie den jetzt eintretenden General mit besonderer Herzlichkeit.—

Viele Stunden saßen sie, über die Karten gebeugt, an dem Verhandlungstisch. Ehe die Auseinandersetzung mit England beginnen konnte, mußte hier der Anfang gemacht sein, und es gab Gründe genug, diesen so stark als möglich zu beschleunigen.

Schon am nächsten Tage sollte Turi Chan mit Briefen Borodajews nach Wladiwostok fliegen, um dort bei höheren militärischen Führern die ersten Schritte zu tun. Taratin sollte sich unverzüglich nach Sansing am Sungari begeben, um mit den Führern der sich dort bildenden Freiwilligenarmee engere Fühlung zu nehmen. Borodajew sollte sich bereit halten, auf den ersten Ruf Turi Chans hin sofort abzureisen.

* * *

Gleichmäßig trommelte der Märzregen auf das Kupferdach des Gouvernementsgebäudes in Singapore. Ein bleifarbiger, schwüler Dunst lag über der Landschaft, die noch vor wenigen Stunden unter der tropischen Sonne geglüht hatte.

Im Schutze einer gedeckten Glasveranda ruhte Lady Evelyne Wegg auf einem Liegestuhl. Die Flut ihrer Seufzer wetteiferte mit den unermeßlichen Regenfluten, die aus den dunklen Wolken niederrauschten.

»Oh, wie konnte Sir Reginald so töricht sein, diesen Posten anzunehmen! In der Hölle kann es ja nicht schlimmer sein. Ich begreife nicht, Miß Escheloh, wie Sie, die immer an den schönen Ufern des Rheins wohnten, dies Klima so gleichmütig ertragen.«

Sie drehte den Kopf zu Anne hinüber, die in einem leichten weißen Kleid vor einem Tisch mit Zeitungen und Journalen saß.

»Sie Glückliche! Sie können sogar noch lesen. Ich fühle mich ständig so matt, so abgespannt, daß ich zu nichts Lust habe.«

»Darf ich Ihnen vielleicht etwas aus dem ›Singapore Herold‹ vorlesen, Mylady?«

Lady Evelyne machte eine abwehrende Handbewegung.

»Nein. Wenn Sie schon so liebenswürdig sein wollen, lesen Sie mir etwas aus der neuesten ›Times‹ vor. Sie ist zwar schon eine Woche alt, aber Sie brauchen mir ja nichts aus der gräßlichen Politik vorzulesen. Nehmen Sie doch die Seite mit den Hof- und Gesellschaftsnachrichten.«

Anne begann zu lesen, doch nach einiger Zeit hielt sie inne. Die tiefen, gleichmäßigen Atemzüge der Lady Evelyne gaben zu verstehen, daß auch diese Lektüre nicht ihren Beifall gefunden hatte, daß sie sanft eingeschlafen war.

Anne erhob sich, trat neben die Schlafende hin und zog das Fliegennetz fest. Mit Teilnahme betrachtete sie die Schlummernde. Diese verwöhnte schöne Frau mochte sich allerdings in der langweiligen, heißen Tropenstadt nicht wohlfühlen. Das gesellschaftliche Leben in Singapore konnte einer Dame der ersten englischen Kreise nur wenig bieten. Gesellige Vergnügungen, Unterhaltungen nach europäischem Muster waren von vornherein durch die außergewöhnliche Wärme unmöglich gemacht oder doch stark behindert.

Anne mußte viel Geduld aufbringen, um die unaufhörlichen Klagen der Lady Evelyne mit immer gleicher Ruhe und Gelassenheit anzuhören. Trotz alledem war sie mit ihrem Los zufrieden. Ihre Beziehungen zu Lady Evelyne waren zwar nicht sehr herzlich, aber doch stets korrekt und freundlich. Im Anfang ihres Zusammenseins hatte Lady Evelyne geglaubt, durch starke Betonung ihrer verschiedenartigen Herkunft und Stellung eine stärkere Schranke ziehen zu können. Aber sie war es müde geworden, als sie sah, daß alle diesbezüglichen Bemerkungen und Blicke an Annes gleichmäßig gelassenem Wesen abprallten.

Den Gouverneur sah Anne außerhalb der Mahlzeiten gar nicht. Für ihn schien sie nicht zu existieren. Selten, daß er einmal bei Tisch ein Wort an sie richtete. Aber nicht viel anders ging es auch Lady Evelyne, und das war auch wieder ein Grund, der ihr zu bitteren Auslassungen Gelegenheit gab.

Die Notwendigkeit, sich mit den Verhältnissen seines neuen großen Wirkungskreises schnell vertraut zu machen, die große Verantwortung, welche die unsicheren politischen Verhältnisse ihm auferlegten, nahmen den Gouverneur so vollständig in Anspruch, daß er sich um Haus und Familie wenig kümmerte. So war Lady Wegg fast ausschließlich auf die Gesellschaft Annes angewiesen.—

Anne hatte wieder an dem Tisch Platz genommen und blätterte in den Zeitungen. Darunter befand sich auch die ›Australian World‹, die sie sich privat hielt und verhältnismäßig schnell bekam, weil sie mit der Luftpost ging.

Land und Leute von Australien hatten ja ein besonderes Interesse für sie gewonnen, seitdem Georg bei seinem Bruder Jan weilte. Einmal hatte sie eine Nachricht in der Zeitung gefunden, die ihr geraume Zeit zum Nachdenken Veranlassung gab.

In einem Artikel, der mit »Georgetown« überschrieben war, wurde ausführlich über das neue Pflanzenphysiologische Institut dort berichtet, über dessen Leiter Dr. Musterton—und seinen Assistenten Rochus Arngrim.

Der Name ... welche häßlichen Erinnerungen waren da ihr wach geworden, als sie ihn gelesen! Sie vermochte den Eindruck erst zu überwinden, als Georg ihr in seinem letzten Brief ausführlich von seinem Wiedersehen mit Arngrim und von dessen Aussöhnung mit Jan Valverde schrieb.

Sie zog den Brief aus ihrer Handtasche und las. Mit tiefer Freude überflog sie immer wieder die Zeilen, aus denen es herausklang, wie wohl und glücklich Georg sich bei seinem Bruder Jan fühle.

Mehr als sonst schrieb er diesmal über den günstigen Fortgang seiner Arbeiten. Über seine Hoffnung auf baldigen Erfolg in einer Sache, die zwar nicht das alte Problem betraf, aber doch eng damit zusammenhing und sehr fruchtbringend zu werden versprach. Und dann kam die Zeile, wo stand:

»Dann wird es mein erstes sein, zu dir zu kommen und dich hierherzuholen. Die Verhältnisse werden mich zwingen, noch längere Zeit hierzubleiben. Dein Wunsch, nach Europa und gar in die alte Heimat zurückzukehren, wird leider noch nicht in Erfüllung gehen können.«—

Ein Boy trat ein und brachte die eingegangene Post. Anne, die schon seit langem auf ein Lebenszeichen von Helene wartete, überflog die Adressen der Briefe. Da, zuunterst ... sie erschrak ... lag ihr letzter Brief an Helene, den sie vor einiger Zeit abgesandt hatte, mit dem Vermerk: Adressatin unbekannt verzogen.

Dies allein wäre zwar nicht geeignet gewesen, sie zu beunruhigen, denn sie wußte ja, wie oft die Forbins ihren Aufenthalt wechselten. Aber der Vermerk war ganz unverkennbar von der Hand ihres Schwagers Alfred Forbin geschrieben.

Lange saß sie in stärkster Erregung, Verwirrung. Was war mit Helene? Wie war es gekommen, daß sie sich von ihrem Manne getrennt hatte? Allerlei schlimme Befürchtungen gingen ihr durch den Kopf. Schließlich beruhigte sie sich etwas bei dem Gedanken, daß Helene doch nichts Schlimmes passiert sein könne ... verhaftet etwa oder gefangen. Denn dann würde sich ja Alfred Forbin sicherlich in derselben Lage befinden ... Oder daß vielleicht Helene, müde dieses gefährlichen, abenteuerlichen Lebens, sich von Alfred getrennt hätte, um irgendwoanders ein ruhigeres Dasein zu führen. Der Gedanke, daß Helene um der Liebe willen zu einem anderen Mann Alfred verlassen habe, kam ihr nicht in den Sinn. Wie sie Helene kannte, war so etwas gänzlich ausgeschlossen.

Um der quälenden Unruhe Herr zu werden, trat sie hinaus in den Garten, der jetzt, nach dem Aufhören des Regens, einen erfrischenden Aufenthalt bot. Sie schritt gedankenverloren unter den Bäumen dahin, deren Äste tief herniederhingen unter der Last der Regentropfen, in denen sich die Sonnenstrahlen in tausend Farben und Lichtern brachen ...

Da erschütterte ein Stoß wie von einem Erdbeben den Boden. Gleichzeitig das donnerähnliche Krachen einer schweren Explosion in nächster Nähe. Sie taumelte, stürzte zu Boden, raffte sich wieder auf, starrte zu dem Hause hin, über dem jetzt eine schwere gelbbraune Wolke hing. Noch einen kurzen Augenblick, dann schlugen helle Flammen aus dem Dach.

So schnell ihre Füße sie trugen, stürzte sie dem Hause zu. Die große Glasveranda war durch die Erschütterung und herabfallende Gesteinsbrocken arg verwüstet. Sie eilte zu dem Ruhelager der Lady Evelyne, atmete auf, als sie die unverletzt fand. Doch war sie augenscheinlich in eine schwere Ohnmacht gefallen.

Während Anne noch um sie bemüht war, kam der Gouverneur hinzugeeilt. Nachdem er sich schnell überzeugt hatte, daß die Lady unverletzt war, stürmte er, ohne ein Wort zu verlieren, in den Garten zu dem Weg, der um das Haus herum zur Nordseite des Gouverneurspalastes führte. Dort machte die Feuerwehr eben ihre Löschgeräte bereit. Eine alarmierte Pionierkompanie näherte sich im Laufschritt vom Fluß her.—

Das Feuer im Dachgeschoß war schnell gelöscht. Die Soldaten machten sich unter der Leitung Weggs unverzüglich an die Aufräumungsarbeiten.

Wie durch ein Wunder war kein Menschenleben verlorengegangen. Ein paar Leute des Dienstpersonals hatten leichte Verletzungen davongetragen. Nach ein paar Stunden rastloser Arbeit war es möglich, die Ursache des Unglücks festzustellen. In einem wenig benutzten Raum des Erdgeschosses war eine Höllenmaschine explodiert, die dort von verbrecherischer Hand gelegt war.

Die Polizei bemühte sich, aus den gefundenen Sprengstücken Näheres darüber zu ermitteln, wie sie zusammengesetzt war, und wer eventuell als Urheber des Anschlags in Betracht kommen könnte. Der Schaden an dem Gebäude, speziell an dem Nordflügel, wo die Explosion stattgefunden hatte, war sehr groß. Die unmittelbar über dem Explosionsherd liegenden Räume, darunter das Arbeitszimmer des Gouverneurs, waren vollständig zerstört. Personen, die sich hier aufgehalten hätten, wären unzweifelhaft getötet oder schwer verwundet worden.

Der Zeitzünder der Höllenmaschine war so eingestellt, daß die Zündung während des um diese Jahreszeit jeden Nachmittag eintretenden schweren Tropenregens erfolgen mußte. Zu dieser Zeit hielten sich alle Bewohner im Haus auf. Der Gouverneur war gewöhnt, gleich nach dem Ende des Regens in seinem Kraftwagen zum Regierungsgebäude in der Stadt zu fahren. Das ausnahmsweise vorzeitige Aufhören des Regens wurde seine Rettung. Auch heute hatte er beim ersten Sonnenstrahl sofort sein Arbeitszimmer verlassen. Er wollte gerade seinen Kraftwagen besteigen, als die Bombe platzte.

Der südliche Teil des Gebäudes, in dem sich die Wohnräume des Gouverneurs befanden, war dank der mit Rücksicht auf Erdbeben sehr stark gebauten Fundamente bis auf eine Menge zersprungener Fensterscheiben unversehrt geblieben.—

Als Anne gegen Abend in den Raum trat, in dem die Familie zu speisen pflegte, fand sie den Gouverneur allein mit seinem Adjutanten. Sir Reginald Wegg wandte sich mit ein paar freundlichen Worten an Anne und dankte ihr für ihre Bemühungen um seine Gattin.

Lady Evelyne, deren Nerven schon an sich nicht die besten waren, hatte durch die Explosion einen schweren Nervenschock davongetragen. Der Arzt hatte ihren Zustand für nicht unbedenklich erklärt und dringend gebeten, eine geübte Krankenschwester ins Haus zu nehmen. Doch Anne, die fürchtete, die Lady könne ein neues fremdes Gesicht lästig und unangenehm empfinden, hatte dem widersprochen und sich bereit erklärt, die Kranke selbst zu pflegen, und so widmete sie sich, von Natur aus hilfsbereit, mit herzlicher Hingabe der Fürsorge um die Leidende.—

»Sie meinen also, Clifton, daß die Verhaftungen der Polizei doch zu einer gewissen Aufklärung des Verbrechens führen könnten?« wandte sich jetzt der Gouverneur zu seinem Adjutanten, nachdem Anne das Speisezimmer verlassen hatte.

Clifton bejahte lebhaft. »Aus dem verdächtigen Gelben war ja, wie zu erwarten, nichts herauszubringen. Aber die Aussage dieses malaiischen Mischblutes dürfte uns doch auf die richtige Spur bringen.«

»Es würde mir schon genügen«, sagte Wegg, auf dessen Gesicht ein düsterer Ernst lag, »wenn man im Verfolg dieser Spur mit Sicherheit feststellen kann, daß der Plan des Verbrechens nicht hier, sondern«—er machte eine Bewegung nach Osten—»da drüben irgendwo entstanden ist. Schicken Sie morgen früh Major Curwood, den Leiter des Sicherheitsdienstes, zu mir. Die Bewachung der militärischen Anlagen muß unbedingt verschärft werden. Alle, auch die kleinsten, Verstöße gegen militärische Sicherheitsvorschriften, werden in Zukunft in rigoroser Weise bestraft werden.«

Der Gouverneur erhob sich, um zu dem Zimmer seiner Frau hinüberzugehen. Hier fand er den Arzt, der eben wiedergekommen war. Auf einen Wink des Gouverneurs traten sie in das angrenzende Zimmer.—

Nach einer längeren Besprechung mußte Wegg den Gedanken, Lady Evelyne nach England zurückzuschicken, aufgeben. Der Arzt wollte die Verantwortung für eine so lange Seereise bei ihrem augenblicklichen Zustand nicht übernehmen ...

»Es dürfte sich vielleicht empfehlen. Miß Escheloh noch eine Hilfe zur Verfügung zu stellen. Eine bessere und verständnisvollere Pflege als durch Miß Escheloh könnte die Kranke jedenfalls nicht finden.«—

Annes Gesicht glühte hoch auf, als der Gouverneur zu ihr kam und sie um die Adresse ihres Verlobten bat.

»Es ist wohl anzunehmen«, meinte er mit ungewohnter Freundlichkeit, »daß Herr Astenryk durch die Nachricht von dem Ereignis hier in Sorge versetzt ist. Ich will in Ihrem Namen ein Telegramm senden, das ihn beruhigt.« —

Und damit hatte er recht. Zwar hatte der öffentliche Nachrichtendienst ausdrücklich betont, daß bei dem Attentat in Singapore niemand ums Leben gekommen oder schwer verletzt sei. Aber Georg atmete doch erleichtert auf, als er das Telegramm Weggs in der Hand hielt.

»Brenzlige Gegend da«, sagte Jan in seiner gelassenen Weise. »Kann absolut nicht begreifen, daß du deine Anne nicht längst von da weggeholt hast. So ein verdrehter Bursche wie du ist mir doch noch nicht vorgekommen. Will absolut erst auf eigenen Füßen stehen, ehe er die Angebetete in sein Heim führt«, setzte er ironisch hinzu.

Georg wehrte ab.

»Warten wir erst mal, was Anne in ihrem nächsten Brief schreibt. Vielleicht, daß ich dann doch ...«

»... so schlau bin und sie mir hole«, vollendete Jan. »Sehr verständig, mein Junge!«—

Es war ein paar Tage später. Georg war bei Jan in dessen Arbeitszimmer und las die Zeitungen. Jan saß, ihm den Rücken zukehrend, an seinem Schreibtisch. Ab und zu klang von dorther ein unterdrückter Ausruf des Ärgers, der Besorgnis. Georg sah wieder zu seinem Bruder hinüber, der mit einer anscheinend unangenehmen Korrespondenz beschäftigt war.

Schon am Abend vorher war es Georg aufgefallen, daß die sonst so gleichmäßig freundliche, vergnügte Stimmung Jans sich stark verändert hatte. Er hatte dies zunächst auf irgendwelche Mißhelligkeiten im Betriebe der Farm zurückgeführt. Jan war früh zu Bett gegangen, und Georg hatte keine Gelegenheit mehr gehabt, mit ihm zu sprechen.

Als er eben hier ins Zimmer gekommen war, um die Zeitungen zu lesen, hatte ihn Jan zwar, wie immer, freundlich begrüßt, aber sein Gesicht zeigte deutlich die Spuren einer schlecht verbrachten Nacht.

Scherzend fragte er ihn: »Nun, Jan, mal ausnahmsweise nicht gut geschlafen? Siehst gar nicht so frisch aus wie sonst.«

Jan wandte sich kurz zu seinem Schreibtisch und sagte dabei:

»Ja, ja. Habe viel Verdruß gestern gehabt, aber ...« Ohne den Satz zu vollenden, setzte er sich wieder an den Schreibtisch und fuhr in seiner Arbeit fort.—

Da kam Marian ins Zimmer. In seinen Augen war ein so lebhaftes, freudiges Funkeln, daß beide ihn erwartungsvoll anschauten, was er wohl sagen würde.

Doch der sagte nichts. Winkte nur beiden, mit ihm zu kommen. Neugierig schritten sie hinter ihm her zu dem Laboratoriumsraum.

Marian, noch immer stumm, ging zu einem Trockenschrank und nahm daraus einen Glasbehälter.

»Bitte, meine Herren, Diamanten gefällig?«

Mit diesen Worten hielt er ihnen das Glas vor die Augen. Während Georg in freudiger Überraschung einen Schritt zurückwich, neigte Jan mit höchster Spannung prüfend seine Augen über das Glas. Nach einer Weile wandte er sich stumm zurück, ging zu dem Tisch und nahm eine Lupe. Verwundert sah Georg, wie in dessen Gesicht freudige, ängstliche Spannung jagte. Jetzt hielt Jan die Lupe über die Steine und betrachtete sie lange. Dann richtete er sich auf, seine Brust hob und senkte sich wie in befreienden Stößen.

»Bei Gott, Junge, du hast's geschafft! Es sind Diamanten! Und von jetzt an will ich dir alles glauben, was du sagst. Offen gestanden, viel Vertrauen zu der Sache hatte ich nicht.« Er reichte Georg die Hand und drückte sie in überquellender Freude so stark, daß der, schmerzhaft lachend, das Gesicht verzog.

»Aber, Jan, du machst ja eine Miene, als wenn dir ein großer Stein vom Herzen gefallen wäre. Haben dich diese Arbeiten so interessiert? Wäre ja bei einem alten Claimbesitzer nicht sehr zu verwundern ...«

»Natürlich haben mich deine Arbeiten sehr interessiert«, erwiderte Jan zerstreut. »Aber«, fuhr er dann nach einer Pause fort, »wie ist das, Georg? Kannst du nicht auch größere Steine machen? Das kleine Zeug da ...« er machte ein dünn verlegenes Gesicht, »flutscht nicht so recht.«

Georg wiegte den Kopf nachdenklich hin und her.

»Schneller gesagt als getan, mein Lieber. Selbstverständlich müssen die Steine größer ausfallen. Fragt sich nur, auf welchem Wege man das erreichen kann. Es gibt da nämlich mehrere Wege. Der Gedanke, der da zuerst auftaucht, ist der, einen Teil dieser Steine in eine neue Lösung der gleichen Art zu bringen, in der Hoffnung, daß der Kristallisationsprozeß an den einzelnen Oktaedern weitergeht und die kleinen Steine wachsen. Andere Wege wären es, neuartige Lösungen anzusetzen und andere Verdunstungszeiten zu wählen.«

»Nun, so schlage doch alle Wege gleichzeitig ein«, drängte Jan.

Georg lachte. »Der Rat ist billig. Aber immerhin, ich werde ihn gern befolgen. Für heute bin ich jedenfalls zufrieden, denn ich weiß jetzt, daß ich in der Hand habe, die Kristallisation zum wenigsten in solch kleinen Exemplaren zu erzwingen. Marian muß mal gleich nach Georgetown fahren und allerhand Einkäufe für mich machen.«

Er wandte sich zu dem. »Versorge dich aber mit einem ordentlichen Frühstück. Es könnte sein, daß du hier oder da warten mußt.«—

Bald darauf fuhr Marian mit einem langen Bestellzettel in Jans Kraftwagen zur Stadt.—

Georg, der mit draußen gewesen war, suchte Jan in seinem Zimmer auf. Der saß am Schreibtisch und brütete über einem Schriftstück, das vor ihm lag. Georg ging zu ihm und legte ihm die Hand auf die Schulter.

»Jan, wie kommst du mir vor? Ich sehe ganz deutlich, daß du seit gestern abend ständig in Erregung und Sorge bist. Warum sprichst du nicht offen zu mir? Vielleicht könnte ich dir helfen.«

Jan schüttelte mißmutig den Kopf.

»Helfen?! Ja, vor einer halben Stunde glaubte ich, du würdest, mir helfen können. Aber jetzt habe ich auch diese letzte kurze Hoffnung nicht mehr.«

Er stand auf und trat vor Georg. »Aber da hast recht, es ist dumm von mir, dir nicht alles zu sagen, dir nicht reinen Wein einzuschenken ...

Die Sache ist schnell erzählt. Komm! Setz dich doch bitte her zu mir. Das hier ist ein Schreiben der Bank of Queensland aus Brisbane. Darin wird mir mitgeteilt, daß mein Freund Lurnley Konkurs gemacht hat und ich mit zehntausend Pfund, für die ich mich für ihn verbürgt hatte, in Anspruch genommen werde.

Lurnley war jahrelang mein Nachbar hier. Vor zwei Jahren verkaufte er seine Farm und beteiligte sich bei der Firma seines Schwiegersohnes Williams. Vor einem Jahr kam er zu mir und bat mich, eine Bürgschaft von zehntausend Pfund zu übernehmen, da sie einen anderen stillen Teilhaber der Firma herauskaufen möchten.

Ich tat das unbesehen, denn Lurnley hatte allein aus dem Verkauf seiner Farm das Dreifache herausgeschlagen. Heute steht fest, daß das Geschäft von Lurnleys Schwiegersohn schon seit längerer Zeit sehr wacklig war, und es ist jedenfalls Tatsache, das Lurnley mehr als sein ganzes Vermögen verloren hat. Die Gläubiger nehmen mich wegen der Bürgschaft in voller Höhe in Anspruch und verlangen binnen kurzem ihr Geld ...«

»Das ist allerdings eine sehr unangenehme Sache, Jan. Bist du auch überzeugt, daß da alles mit rechten Dingen zugeht?«

»Unbedingt, Georg! Auch heute noch lege ich für Lurnley jederzeit die Hand ins Feuer. Er ist eben von seinem sauberen Schwiegersohn gehörig betrogen worden.

Ich weiß beim besten Willen nicht, wie ich zehntausend Pfund so schnell aufbringen soll. Auf dem Geldmarkt sieht es traurig aus. In anderen Zeiten würde ich die Summe ohne besondere Schwierigkeiten von einer Hypothekenbank auf Paulinenaue geliehen bekommen. Heute ist die Situation so, daß ich so gut wie ruiniert bin, wenn die Gläubiger sich nicht letzten Endes doch erweichen lassen ...

Das heißt«, sagte er, als er Georgs erschrockenes Gesicht sah, »etwas würde mir ja beim Verkauf von Paulinenaue noch übrigbleiben. Aber ich müßte doch einen großen Sack Hoffnungen begraben. Als Marian uns vorher die ersten künstlichen Diamanten zeigte, war ich voller Zuversicht. Aber mit jedem Wort, das du dann sprachst ... wie schwer es sein würde, größere, wertvolle Steine zu machen ... sank meine Hoffnung. Ist es wirklich so, wie du sagtest, Georg, oder ...«

Georg war aufgestanden und ging nachdenklich im Zimmer hin und her.

»Gewiß, Jan! Was ich da sagte, ist an sich durchaus richtig. Aber wenn ich meine Anstrengungen verdoppele und ... mit etwas Glück rechne ... dann ...«

»Georg!« Jan war auf ihn zu geeilt und griff ihn am Arm. »Glaubst du wirklich, daß ...?«

»In welcher Zeit müßtest du das Geld aufbringen, Jan?«

»Die äußerste Frist wären drei Wochen.«

Georg ging unruhig auf und ab.

»Es ist zum Verzweifeln! Solche Dinge lassen sich nun einmal nicht übers Knie brechen, verlangen ihre natürliche physikalische Entwicklung. Es ist unmöglich, dir zu versprechen, daß ich in drei Wochen großen Erfolg habe ... aber es ist auch nicht unmöglich ... ich kann dir daher nur folgenden Rat geben:

Setz deine Bemühungen, einen Geldgeber zu finden, der dir die zehntausend Pfund leiht, unausgesetzt fort ... Gleichzeitig belege für alle Fälle auf deinem Grund und Boden erneut Diamantenclaims. Was an mir liegt, soll jedenfalls geschehen.«—

Marian hatte die lange Liste seiner Einkäufe in Georgetown erst gegen Nachmittag beendet. Jetzt noch ein Weg zu Dr. Musterton, bei dem er eine Bestellung Jans ausrichten sollte, und dann konnte er wieder zurückfahren.

In Mustertons Hause traf er Rochus Arngrim allein an. Der Doktor sei über Land, werde aber bald zurückkehren.

Müde von dem vielen Herumlaufen, nahm Marian gern die Einladung Arngrims an, mit ihm eine Tasse Tee zu trinken. Einmal ins Gespräch gekommen, wurde ihre Unterhaltung immer lebhafter. Sie waren in ihren Gedanken wieder in dem Neustadt von früher ...

Dann kam, wie von selbst, die Rede darauf, in welcher Weise Georg und Marian erfuhren, wie sich damals das schreckliche Ereignis an dem See im Park in Wirklichkeit abgespielt hatte. Lange sprachen sie über das geheimnisvolle Phänomen, wie Marian und Georg das grausige Geschehen gesehen, durchlebt hatten. In schärfstem Nachdenken bemühten sie sich, eine möglichst natürliche Erklärung dieser mysteriösen Erscheinung zu geben. Doch sie fanden keine irgendwie passende Lösung, weil keiner von ihnen sich ganz offenbarte, weil jeder für sich das zurückhielt, was zusammen eine vollkommene Erklärung ergeben hätte, wenn jeder offen gewesen wäre.

Die Ankunft eines Kraftwagens vor dem Hause riß sie aus ihrer Unterhaltung. Marian trat zum Fenster, rief: »Da ist ja Doktor Musterton! Aber«, fragte er über die Schulter zurück, »wer ist denn die junge Dame, Herr Arngrim? Ist das eine Tochter von ihm?«

»Nein, Marian, das ist eine Pflegetochter Doktor Mustertons. Sie heißt Lydia Allgermissen. Er hat sie während seines Aufenthaltes im Himalaja vor mehreren Jahren als flüchtige Waise zu sich genommen. Ihren Vater haben die Bolschewiken erschossen.«

Es war gut, daß Marian immer noch am Fenster stand und Arngrim den Rücken zukehrte. So konnte der nicht sehen, wie bei der Nennung des Namens das Gesicht Marians in Überraschung, Erstaunen zusammenzuckte. Wie der sich bemühte, seine Selbstbeherrschung wiederzugewinnen, bevor er sich zu Arngrim zurückwendete. Als er es dann tat, sah er Arngrim gerade durch die Tür aus dem Zimmer nach unten eilen.

»Gut, daß der weg ist«, sagte Marian leise vor sich hin. »Die Überraschung war doch zu groß, um sie im Handumdrehen zu verdauen ... Lydia Allgermissen ... es kann ja nicht anders sein, als daß sie die Tochter dieses Professors ist, von dem Lönholdts Tagebuch berichtet ... Georg wird Augen machen ...«

Da öffnete sich die Tür. Arngrim rief Marian zu Dr. Musterton. Zu Marians Freude ließ ihn der noch kurze Zeit warten, um einen schriftlichen Bescheid auf Jans Brief zu geben. Währenddessen hatte Marian Gelegenheit, Lydia Algermissen, die vor der Schreibmaschine am Fenster saß und Mustertons Diktat aufnahm, zu betrachten.

Er schaute sie in heimlicher Neugier unverwandt an. Sie war jetzt barhäuptig. Das reiche braune Haar, vorher in der Autokappe verborgen, glänzte in den Strahlen der Sonne, die durch das Fenster fielen. Noch nie glaubte Marian so wundervolles Haar, solch reine weiße Haut, solch schöne Augen gesehen zu haben. Ihre an sich unregelmäßigen Züge waren zwar nicht schön zu nennen, doch war darüber ein solch gewinnender Ausdruck von tiefer Güte und Freundlichkeit gebreitet, daß Marian glaubte, nie ein schöneres Gesicht gesehen zu haben. Er hätte sie gern noch länger betrachtet, doch zu seinem Leidwesen war Musterton jetzt mit seinem Diktat fertig und entließ Lydia.—

Was Marian sich vorgenommen hatte, Georg eine möglichst große Überraschung zu bereiten, war ihm völlig gelungen. Nach langem vergeblichem Rätselraten war Georg endlich auf das kaum Denkbare, kaum Glaubliche gestoßen: Lydia Allgermissen, die Tochter Professor Allgermissens, war hier in Georgetown ...

Aber sobald er sich von der Überraschung erholt hatte, verfiel er in ernstes Nachdenken. Er hatte Arngrim gegenüber nie etwas von seinen Arbeiten, insbesondere nicht von denen mit Allgermissens Verstärker, erwähnt, obwohl er inzwischen öfter mit ihm zusammengekommen war. Wenn er sein Geheimnis weiter bewahren wollte, durfte er von der Gegenwart Lydia Allgermissens keine Notiz nehmen, obwohl es ihn drängte, mit ihr über ihren Vater und jene Ereignisse in Irkutsk zu sprechen.—

Er ging zu seinem Verstärker, betrachtete ihn sinnend. Ob wohl Algermissen den so weit entwickelt hatte wie er jetzt? Eine neue Schaltung war in den letzten Tagen fertig geworden, die dem Apparat einen wesentlich höheren Wirkungsgrad gab. Er hatte sich sehr gefreut, als heute morgen ein Brief von Clennan kam, in dem dieser seinen Besuch für den nächsten Tag, um die elfte Vormittagsstunde, ankündigte. Der würde staunen!

Da schoß Georg ein lustiger Gedanke durch den Kopf. Er ging zum Fenster und schaute prüfend nach dem Berghang, über dem die Straße zum Tale herunterführte, auf der Clennan kommen mußte. Mit dem Glas konnte er das weiße Band der Straße da, wo sie die Anhöhe überschritt, genau erkennen. Es mochten vier bis fünf Kilometer sein. Mit Jans schärfstem Feldstecher würde er auf diese Entfernung Clennan mit seinem Wagen zweifellos feststellen können.—

Am nächsten Vormittag stand er mit Jan an demselben Fenster und beobachtete mit dem die Straße. Wirklich tauchte zu der vermuteten Zeit ein Kraftwagen auf dem Kamm des Hügels auf.

Jan, der gerade das Glas vor Augen hatte und beobachtete, schrie: »Los! Da kommt er!«

Georg stand im Nu unter der Eingangsantenne des Verstärkers und gab in Gedanken den Befehl, sofort zu halten.—

»Anscheinend großer Klamauk in dem Wagen ... Clennan schimpft mit dem Chauffeur«, sagte Jan lachend. »Aha, jetzt steigt Clennan aus und setzt sich selbst an das Steuer. Nun aber mal tüchtig, Georg!«—

»Proste Mahlzeit, Herr Clennan!« lachte Jan laut heraus, »nichts zu machen ... so, Georg, jetzt mal zu mir kommen ... beide sind ausgestiegen und gucken sich ihren Wagen an, als ob der schuld wäre. Schade, daß ich nicht da oben sein kann, um zu hören, was sie da sprechen! Muß doch zum Totlachen sein!«

Georg, der jetzt das Glas Jans vor Augen hatte und sich die Szene ansah, ließ plötzlich das Glas sinken.

»Ei, zum Teufel, Jan! Das ist ja gar nicht Clennan. Mann, was hast du denn gemacht? Das ist ja ein Fremder. Mir kam die Sache gleich nicht ganz geheuer vor, denn Clennan fährt doch immer ohne Chauffeur.«

»Nun, schaden tut's ja weiter nichts«, meinte Jan etwas verlegen. »Allmählich werden sie ihre Köpfe wieder in die Reihe bekommen und dann weiterfahren. Allerdings, die vielen unnützen Gedanken, die sie sich wohl noch lange machen werden, hätte ich ihnen ersparen können. Na, ja!« schloß er dann und deutete nach dem Berghang, »jetzt sind sie wieder eingestiegen. Der Wagen fährt an.«

»Das nächste Mal werde ich aber vorsichtiger sein«, sagte Georg, »das nächste Mal werde ich hier den Posten am Fenster übernehmen. Setz du dich unter die Antenne!«

Das erste Auto war schon unten im Tal verschwunden, da tauchte ein zweites auf der Anhöhe auf. Georg konnte mit Sicherheit Clennans Gestalt am Steuer erkennen.

»Jetzt los, Jan! Diesmal ist's der Richtige.«—

»Aber, Jan! Bist du verrückt geworden? Was machst du für Unsinn! Du solltest ihn doch nur anhalten!«

Was da oben mit Clennan passierte, war so spaßig, daß Georg laut lachen mußte. Clennan war auf Jans gedanklichen Befehl hin von der Straße ins freie Feld abgebogen und fuhr dort nach der Art eines Geschicklichkeitsfahrers die verrücktesten Kreise und Schleifen auf dem unebenen Gelände.

»Genug, genug! Jan! Tu ruinierst ja den Wagen vollständig! Jetzt laß Clennan kommen!«—

Als der zehn Minuten später in das Haus trat, wurde er von Jan und Georg mit lautem Gelächter empfangen.

»Aber, Herr Clennan!« rief Jan ihm prustend zu, »haben Sie für ein Gymkhana gemeldet und wollten da oben ein bißchen trainieren? Sie machten ja eine verteufelte Fahrerei auf dem holprigen Acker.«

Clennan streckte ihm drohend die Faust entgegen.

»Natürlich! Sie waren es, der diesen schönen Scherz mit mir gemacht hat! Habe ich mir gleich gedacht.

Aber mögen Sie mich auch noch so sehr ausgelacht haben, mit diesem Scherz haben Sie mir eine Probe gegeben ...«, hier drückte er Georg die Hand, »die mich für Ihren Spaß reichlich entschädigt. War das das Maximum der Reichweite oder ...«

»Die neue Schaltung ist erst gestern fertig geworden. Ich habe andere Versuche noch nicht gemacht. Jedenfalls steht fest, daß ich jetzt auf fünf Kilometer mit Sicherheit wirken kann. Aber Sie kommen zur rechten Zeit, heut nachmittag wollte ich weitere Versuche anstellen.«

»Das paßt ja ausgezeichnet«, sagte Clennan. »General Scott will sich von Dale nicht mehr länger hinhalten lassen. Er brennt darauf, Sie persönlich kennenzulernen und Proben Ihres Apparates zu sehen. Hoffentlich ...«, er sah mit ungewisser Erwartung in Georgs Gesicht.

Der nickte zustimmend. »Ja! Jetzt mag er endlich kommen. Eine Einwirkung der Gedankenstrahlung auf fünf Kilometer kann sich am Ende sehen lassen ... Im Kriegsfalle ist sie doch schon durchaus genügend, um größere Truppenmassen zu beeinflussen, denn mit der jetzt natürlich viel stärkeren Sendeenergie kann ich auch metallische Abschirmungen in Form von Drahtmasken und Drahtwesten durchdringen. Das war ja immer ein wunder Punkt, daß die Strahlung des Verstärkers, wie ich ihn in Deutschland entwickelt hatte, von schwachen metallischen Abschirmungen verschluckt wurde. Ich erinnere mich noch, wie ich einen Versuch machte, indem ich Marian eine Imkerhaube über den Kopf stülpte. Schon in geringer Entfernung war er dadurch geschützt.

Sie sehen also, daß ich jetzt einem Besuch der Herren vom Generalstab mit größter Ruhe entgegensehen kann. Ich möchte Sie aber nochmals dringend bitten, daß der in der unauffälligsten Form geschieht.«

»Da können Sie beruhigt sein, Herr Astenryk. Außer General Scott wird nur sein Generalstabschef Oberst Trenchham mitkommen, der einzige, der außer Dale um die Sache weiß. Sobald ich wieder in Canberra bin, werde ich Dale sofort benachrichtigen, er wird dann mit Ihnen einen Tag verabreden.«—

Als sie sich am Abend zu Tische setzten, waren sie alle in sehr gehobener Stimmung. Mit solch überraschenden Resultaten hatte keiner gerechnet. Noch auf acht Kilometer waren die Wirkungen der durch den Verstärker gesendeten Gedankenwellen, soweit sie Willensakte betrafen, zwingend. Auf fünf Kilometer durchdrangen sie noch metallische Abschirmungen, wie sie vom Gegner im Kriegsfalle benutzt werden konnten. Für einfache Gedankenübertragung war die Reichweite des Senders noch viel größer.—

Sie waren eben vom Tische aufgestanden, da kam Arngrim an. Nach einer kurzen Bekanntmachung mit Clennan wandte er sich an Jan und bat, ihn in dessen Wagen nach Georgetown zu bringen. Er habe ein Stück jenseits des Flusses auf einem Feldweg eine schwere Panne gehabt und könne den Wagen nicht wieder in Gang bekommen.

Clennan, der Arngrims Worte gehört hatte, erbot sich sofort, diesen in seinem Wagen nach Georgetown mitzunehmen. »Der kleine Umweg macht mir nichts aus, und ich wollte mich sowieso gerade verabschieden.«—

Bald darauf rollte Clennans Wagen mit Arngrim den Zufahrtsweg, der vom Gute zur großen Landstraße führte, entlang. Als Clennan auf die Straße einbog, sahen sie dort einen Kraftwagen halten, dessen beide Insassen sich um den Motor des Wagens bemühten. Der eine der beiden hob die Hand hoch, so daß Clennan seinen Wagen anhielt.

»Verzeihen Sie bitte, meine Herren, daß ich Ihnen einen kleinen Aufenthalt bereite. Ich möchte Sie um die Liebenswürdigkeit bitten, uns einen solchen Schlüssel wie den hier zu leihen. Dieser ist uns eben abgebrochen.«

Bereitwillig öffnete Clennan den Werkzeugkasten und gab dem Mann einen ähnlichen Schlüssel. Wandte sich dann, während der Fremde sch an seinem Motor zu schaffen machte, an Arngrim.

»Das ist ja ein merkwürdiger Zufall, der Sie, Herr Arngrim, mit Jan Valverde und Georg Astenryk hier in Australien zusammengeführt hat. Es wird Ihnen gewiß nicht unangenehm sein, in dieser ganz fremden Gegend, wo noch obendrein sehr wenig Deutsche wohnen, zwei Jugendfreunde aus Deutschland wiedergefunden zu haben.«

Arngrim nickte ihm freundlich zu. »Natürlich, Herr Clennan! Hier hat der Zufall mehr als glücklich ... ich mochte fast sagen segensreich für mich gespielt. Ich werde den Tag, an dem ich die beiden Brüder nach so langer Zeit wiedersah, nicht vergessen ...«

»Nun, schon erledigt, mein Herr?« sagte Clennan und nahm den Schlüssel, den ihm der Fremde reichte, zurück.

»Gewiß, mein Herr. Es war ja nur eine Kleinigkeit. Für Ihre freundliche Hilfe meinen besten Dank.«—

Clennan ließ seinen Wagen anspringen und fuhr mit Arngrim in der Richtung auf Georgetown weiter.—


8. Kapitel.

Der Brief, den Turi Chan ein paar Tage später von einem der Agenten, die Jemitsu nach Australien geschickt hatte, bekam, war für ihn sehr aufschlußreich und wichtig. Für jeden anderen mußte er so gut wie unverständlich sein. Auch der Agent, der ihn geschrieben, mochte sich über die wirkliche Bedeutung seiner Worte nicht klar gewesen sein. Doch er hatte den Befehl, bei seinen Beobachtungen über alles—auch über das, was ihm nicht verständlich erschien—zu berichten.

Insofern jedoch war der Bericht des Agenten falsch, als er darin schrieb, auch ein Herr Arngrim hätte sich während jenes Tages in Paulinenaue aufgehalten. Daß Arngrim erst spät zu Fuß von den Feldern her zu dem Hause gekommen war, hatte er nicht gesehen.

So stand jetzt Turi Chan vor einem doppelten Rätsel. Manche unerklärliche Erscheinung, die der Agent zu berichten wußte, würde er ohne weiteres mit Arngrim in Verbindung gebracht haben ... er konnte ja nicht wissen, wie weit Arngrim hinter sein, Allgermissens, Geheimnis gekommen war ... Aber wie waren dann die Vorkommnisse an Bord des »James Cook« zu erklären, wo doch Arngrim nicht zugegen war ... oder sollte der vielleicht doch auch an Bord des Schiffes gewesen sein und sich, solange Turi Chan auf dem »James Cook« war, verborgen gehalten haben? Möglich war das ohne weiteres. Bei eingehender Nachforschung war es aber schließlich festzustellen ... doch, wie es auch sein mochte, es wäre gut, sich Arngrims Person zu versichern.

Sobald er wieder in Japan war, würde er einen Plan entwerfen, um sich zweier Menschen zu entledigen, welche weniger Überlegung als Instinkt ihm gefährlich erscheinen ließ.—

Sein Aufenthalt in Wladiwostok ging zu Ende. Seine Aufgabe war erfüllt. Sie war schneller erledigt, als er gedacht hatte.

Die größte Schwierigkeit, zunächst einmal mit den höchsten militärischen Stellen in Berührung zu kommen, hatte ihm ein Zufall glücklich erleichtert. Als er sich auf der alten Karawanenstraße in seinem Auto der Stadt näherte, war er auf die Trümmer eines Kraftwagens gestoßen, der gegen einen Baum gerannt war. Der Chauffeur war tot. Die beiden Insassen, zwei höhere russische Offiziere, lagen bewußtlos unter den Trümmern des Wagens, doch waren sie, wie er feststellte, anscheinend nicht schwer verletzt. Seiner Erfahrung gelang es, die beiden zum Bewußtsein zu bringen und ihnen Verbände anzulegen.

In der Stadt angekommen, hatte er sie zu einem Militärlazarett gefahren, wo er dann hörte, daß es General Tjetnikow und sein Adjutant, Major Chlobujew, wären. Die beiden Offiziere hatten schon nach wenigen Tagen die Folgen des Unfalles überwunden und sprachen dem amerikanischen Kaufmann Mr. Bryan—auf diesen Namen lautete Turi Chans Paß—ihren Dank aus.

Einmal mit ihnen in persönliche Beziehung gekommen, verstand es Turi Chans weltgewandtes Wesen, verstärkt durch Allgermissens Pulver—und Gold, die Beziehungen zu festigen und zu erweitern. Schon nach wenigen Wochen waren viele einflußreiche Militärs so unter seinen Einfluß gekommen, daß es ein Zurück für sie nicht mehr gab.

Man wartete nur, daß die Freiwilligenarmee in der Mandschurei, in fester Hand vereinigt, über die Grenze ging, um die östlichen Garnisonen zum Anschluß an die Bewegung und damit zum Abfall von der russischen Zentralregierung zu bringen. Um sich persönlich von den Zuständen im Sungarigebiet zu überzeugen, nahm Turi Chan den Rückweg über die Mandschurei.

In Sansing stieß er auf Borodajew mit seinem Stab. Überall in Feld- und Waldlagern waren die Freiwilligen in größeren oder kleineren Abteilungen untergebracht. Wo man hinkam, wurde fleißig exerziert. Leider jedoch war die Ausbildung noch nicht gleichmäßig, weil die Bewaffnung und Ausrüstung für manche Truppenteile noch nicht vollständig war.

Immerhin stellte Turi Chan mit Befriedigung fest, daß ein guter Geist in der Truppe herrschte und die Führer mit Eifer und Begeisterung an ihre Aufgabe herangingen. Die großen Lastautos, die ununterbrochen die Straße am Sungari hinunterrollten, brachten Tag und Nacht das fehlende Material herbeigeschleppt. Nach einer längeren Unterredung mit Borodajew und Taratin konnte Turi Chan hoffen, daß in wenigen Wochen zwei kriegsstarke Divisionen fertig ausgerüstet zum Abmarsch bereitstehen würden.

Nach Schluß der Besprechung folgte Turi Chan dem General Borodajew in sein Quartier. Es war das Haus eines reichen Kaufmannes, der für gewinnbringende Heereslieferungen die unfreiwillige Räumung gern in Kauf nahm. Das reichlich geräumige Gebäude war vom Keller bis zum Dach gefüllt mit Militärs aller Grade.

In dem Privatzimmer Borodajews empfing Helene die Eintretenden. Unter Verzicht auf jede frauliche Eitelkeit trug sie einfache, schmucklose Kleidung. Doch die knapp anliegende Bluse, der faltige Reitrock ließen trotz des groben Militärstoffes die schönen Formen ihrer Gestalt erkennen und verliehen der ganzen Erscheinung einen eigenartigen Reiz.

Nach einer freundlichen Begrüßung begann Helene mit flinker Hand den Teetisch zu decken. Der General protestierte: »Eine Ordonnanz kann das ebensogut machen.«

»Nein, Alexei! Warum? In wenigen Wochen, wenn wir einmal in Feindesland sind, werden diese Hände gröbere, schlimmere Arbeit zu machen haben.«

»Nun, aber hoffentlich keine blutige, meine Gnädigste«, setzte Turi Chan hinzu, »oder ...

»Mit dem ›oder‹ scheint Helene ziemlich sicher zu rechnen«, unterbrach ihn Borodajew. »Sie übt sich jedenfalls fleißig im Gebrauch von Gewehr und Revolver, das Maschinengewehr nicht zu vergessen.«

»Wie sagen Sie, Herr General? Sogar Maschinengewehr? ... Wollen Sie wirklich, gnädige Frau, als Amazone in vorderster Linie mitkämpfen?«

»Ich möchte das zwar nicht so ganz von der Hand weisen, Turi Chan. Aber selbstverständlich würde ich es niemals gestatten«, erwiderte der General und legte den Arm um Helenes Schulter.

»Der Grund ist sehr einfach«, warf Helene ein, »ich habe mich, seitdem wir hier auf dem Festlande sind, von Major Petschnikoff, dem Chef unseres Flugwesens, als Pilotin ausbilden lassen. Im Flugzeug nutzen Gewehr und Revolver gar nichts. Es blieb mir also, um mich gegebenenfalls vom Flugzeug aus verteidigen zu können, nichts übrig, als auch die Handhabung des Maschinengewehrs zu erlernen ... was ja nicht schwer ist, Mr. Turi.«

»Wirklich, meine Gnädigste?« sagte Turi Chan, »Wer hätte das gedacht, als ich Sie vor einigen Monaten als verwöhnte Weltdame in der Loge der Pariser Oper sah.«

»Dasselbe hörte ich schon von anderer Seite ... General Borodajew nicht zu vergessen«, sagte Helene scherzend.

»Aber später, meine gnädigste Frau, wenn es heißt Tag und Nacht im Sattel zu sein, unter freiem Himmel zu kampieren, wird man sich denn nicht sehnsüchtig des schönen Paris erinnern?«

Helene verzog geringschätzig den Mund.

»Davon wird nie die Rede sein, Turi Chan. Wenn es nach mir ginge, würden wir schon morgen aufbrechen und die Grenze überschreiten. An der Seite Alexeis will ich gern alle Strapazen auf mich nehmen, allen Gefahren trotzen ... Gewiß, manchmal kommt mir mein Leben hier wie ein Traum vor. Dann aber erscheint es mir wieder als die Erfüllung eines lange heimlich in mir schlummernden Wunsches, der endlich Wirklichkeit geworden ist.«—

Während sie am Teetisch saßen, versuchte Turi Chan, das Gespräch immer wieder nach Paris und Europa zurückzulenken, obgleich Helene nur Interesse für die Verhältnisse hier und die kommenden Ereignisse zeigte.

»Vermissen Sie wenigstens nicht die fehlende Verbindung mit Ihren Angehörigen, gnädige Frau?«

Helene machte eine gleichgültige Handbewegung. »Außer einer Schwester habe ich keine näheren Verwandten. Wir stehen gegenwärtig natürlich nicht in brieflicher Verbindung. Aber das läßt sich ja später nachholen. Immerhin haben Sie mich auf einen Gedanken gebracht, der sich wohl leicht ausführen läßt. Ich werde nachher einen Brief an meine Schwester schreiben und Ihnen zur Beförderung übergeben. Wie das am passendsten geschieht, werden Sie sicherlich besser wissen als ich. Ich möchte natürlich nicht meinen Aufenthalt hier bekanntgeben. Vielleicht empfiehlt es sich sogar, den Brief erst mit der Luftpost nach Frankreich gehen zu lassen und ihn von dort an meine Schwester zurückzusenden.«

»Zurück? Wie meinen Sie das, meine Gnädigste? Ist etwa Ihre Schwester ...?«

»Ah, richtig, verzeihen Sie! Sie können ja nicht wissen, daß meine Schwester auch hier im Osten, in Singapore, ist.«

»In Singapore, gnädige Frau? Das setzt mich in Erstaunen. Darf ich wohl fragen, in welcher Eigenschaft die Dame dort ist?«

»Sie ist dort als Gesellschafterin bei der Lady Wegg, der Gattin des Gouverneurs.«

Turi Chan führte die Tasse zum Munde, um seine Überraschung zu verbergen.

»Oh ... das ist ja ein merkwürdiges Zusammentreffen ... Schicksalsfügung ... Übrigens ... Sie haben doch wohl auch von der Explosion im Gouvernementsgebäude gehört, gnädige Frau?« setzte er nach einer Pause hinzu.

»Natürlich, Turi Chan«, warf Borodajew ein. »Wir haben uns zunächst stark beunruhigt. Wir bekamen aber vor einigen Tagen eine englische Zeitung in die Hand, in welcher der Vorfall eingehend geschildert war. Menschenleben sind ja dabei nicht verlorengegangen. Von den Urhebern des Attentats hat man anscheinend noch nichts entdeckt.«

»Vielleicht spielte da ein ähnlicher Zufall mit wie bei der Explosion des Kreuzers ›Brisbane‹«, meinte Helene mit einem bedeutsamen Blick zu Turi Chan.

Der zuckte mit ernstem Gesicht die Achseln. »Wer kann das alles wissen?«

»Hoffentlich wird meine Schwester unter den kommenden Ereignissen nicht direkt zu leiden haben«, meinte Helene nachdenklich.

»Aber, meine Gnädige, wir führen doch nicht mit Frauen Krieg! Darüber brauchen Sie sich keine Sorgen zu machen.«

»Ich möchte fast annehmen, daß meine Schwester Anne gar nicht mehr in Singapore ist. Möglich, daß ihr Verlobter, der in Australien wohnt, sie auf die Nachricht von dem Attentat von Singapore fortgeholt hat.«

»Ah, eine Überraschung! Der Verlobte Ihrer Schwester lebt in Australien? Wie doch das Schicksal die Menschen auseinanderreißt ... wieder zusammenwürfelt. Ist es ein Deutscher oder ein Australier, gnädige Frau?«

»Es ist ein Deutscher, der vor kurzem erst dorthin gegangen ist. Er stammt auch aus unserer engeren Heimat, heißt Astenryk.«

Diesmal vermochte Turi Chan nicht sofort seine Überraschung zu verbergen. Als er sich wieder gefaßt hatte, fuhr er fort:

»Astenryk? ... Der Name ist mir bekannt ... ein Passagier dieses Namens war auf dem ›James Cook‹, auf dem ich vor längerer Zeit von Penang nach Singapore fuhr ...«

»Das ist er sicherlich gewesen!« sagte Helene in lebhaftem Ton, »sind Sie persönlich mit ihm bekannt geworden?«

»Nein, gnädige Frau. Doch ...«

Hier wurden sie in ihren Gespräch durch lautes Rufen auf der Straße unterbrochen. Ein Offizier kam in das Zimmer und meldete erregt, ein russischer Flieger kreise über Sansing. Im Nu waren sie aufgesprungen und eilten vor das Haus.

Mit fragenden Gesichtern schaute da alles zu Borodajew. Was würde geschehen? Würde man den Russen herunterschießen, oder ...?

Turi Chan, der mit einem scharfen Glas den Flieger beobachtet hatte, flüsterte Borodajew ein paar schnelle Worte zu. Der nickte erfreut.

»Das ist eine angenehme Nachricht, Turi Chan. Aber warten wir ab, ob er wirklich die von Ihnen erwartete Botschaft abwirft.«

Der Flieger kreuzte jetzt über dem freien Feld vor der Stadt, das zu einem Exerzierplatz umgewandelt war, kam tiefer und tiefer. Da löste sich von seinem Rumpf ein bunter Ball, der auf den Platz niederfiel. Gleich darauf flog der Pilot nach Norden zurück.—

Borodajew und Turi Chan lasen mit unverhüllter Freude die Nachricht, die der Ball enthalten. So war das kaum Gehoffte wahr geworden. General Nostojew in Nikolajewsk hatte sich der Bewegung angeschlossen.

Mit dem Besitz dieser wichtigen Hafenstadt an der Mündung des Amur war wieder ein wesentliches Stück von Borodajews Plänen verwirklicht.

* * *

Zwei Wochen waren seit jener Unterredung zwischen Jan und Georg vergangen. Wie oft war Jan in dieser Zeit in das Laboratorium gekommen und hatte mit ängstlich forschenden Augen die Gläser mit den Kohlenstofflösungen betrachtet, aus denen die Steine sich kristallisieren sollten. Doch immer vergeblich.

Georg sah bei Jans häufigen Besuchen ein wenig belustigt, daß der anscheinend seine ganze Hoffnung auf die Gläser gesetzt hatte, in die kleine Steine als Kristallisationskerne eingelegt waren. Den anderen, mit neuen Lösungen beschickten Gläsern schenkte er gar keine Beachtung.

Und doch waren es gerade die, auf die Georg seine größten Hoffnungen gesetzt hatte. Dazu glaubte er allen Grund zu haben, da ein kleines Versuchsglas in verhältnismäßig kurzer Zeit schon gute Kristalle geliefert hatte. Um aber bei Jan keine Hoffnungen aufkommen zu lassen, die vielleicht —er wußte es ja selbst nicht genau—sich doch als trügerisch erweisen konnten, hatte er dem von dem kleinen Erfolg nichts gesagt. War doch trotz sorgfältigster Beachtung aller Momente des Kristallisationsprozesses mit so vielen Zufälligkeiten zu rechnen, daß die Proben der kleinen Versuchsgläser keinen zwingenden Beweis boten. Trotz dieser Unsicherheit waren seine Hoffnungen jedoch hoch gespannt.—

Wie man einen eventuellen Erfolg der Diamantensynthese ausnützen könne, war oft und eingehend besprochen worden. Jan hatte, wie ihm Georg geraten, in der Nähe der verlassenen Schürfstellen auf Alluvialboden erneut Claims belegt.

Um einen wirtschaftlichen Erfolg mit der künstlichen Diamantenherstellung zu erzielen, mußte man die Entdeckung der Synthese natürlich geheimhalten. Denn in demselben Augenblick, wo nach wissenschaftlicher Feststellung eine künstliche Herstellung möglich war, mußte ja zwangsläufig und gleichzeitig der Preis der natürlichen Steine, verglichen mit dem jetzigen Marktpreise, ins Ungemessene fallen.

Man mußte also zur Täuschung schreiten, so tun, als hätte man die Steine in diamanthaltiger Erde gefunden. Für das Gelingen dieser Täuschung war es äußerst günstig, daß auf Jans Grund und Boden schon früher, wenn auch mit geringem Erfolg, nach Diamanten geschürft war. So konnte man, über die Herkunft der Diamanten befragt, ohne weiteres Glauben finden, wenn man sagte, sie seien in der Nähe jener alten Schürfstellen als natürliche Steine aus der Erde gegraben worden.

Irgendein Betrug war ja rechtlich damit nicht verbunden, da die künstlichen Diamanten sich in nichts von den natürlichen unterschieden. Und doch fühlte Georg sich in seinem innersten Herzen nicht ganz frei von sittlichen Bedenken.

Wurden die Käufer dieser Steine auch zunächst einmal materiell nicht geschädigt, später, wenn die Synthese öffentlich bekanntwurde, mußten sie doch unter dem allgemeinen Preissturz mitleiden. Vielleicht, daß man auch vom ethischen Standpunkt aus eine intellektuelle Täuschung konstruieren konnte.

Doch, wie dem auch war, die Not, die Liebe zu Jan ließen Georg solche Gedanken beiseiteschieben.

Für den Fall, daß die Synthese gelänge, hatten sie verabredet, die gewonnenen Steine unter Beachtung der für die Diamantenfunde geltenden gesetzlichen Bestimmungen in der allgemein üblichen Weise zum Verkauf zu bringen. Über alle diese Dinge war Jan von früher her ja vollkommen orientiert.

Aber auch die Leute der Farm mußten in eine gewisse Täuschung versetzt werden. So waren denn Jan und Marian in der letzten Zeit sehr häufig nach jenem Bachlauf gegangen, wo die Diamanten »gefunden« werden sollten. Selbstverständlich hatten sie auch Handwerkszeug dort, mit dem sie den Boden aufrissen, um die Komödie möglichst natürlich zu spielen. Daß dies nach einiger Zeit den Angestellten der Farm auffallen mußte, war klar. Aber das schadete ja nichts, war im Gegenteil der Täuschungsabsicht günstig. —

Inzwischen wurde die Frist, in der Jan das Geld aufzubringen hatte, immer knapper. Seine Bemühungen, einen Geldgeber zu finden, waren erfolglos geblieben. Die immer größer werdende Nervosität Jans drohte auch auf Georg überzuspringen. Immer wieder stand er vor den Gläsern ... zaudernd, zögernd. Sollte er vielleicht das eine oder andere entleeren, um nachzuschauen, was da vorgegangen? Von außen war ja in der tiefschwarzen Lösung nicht das geringste zu sehen. Immer wieder mußte er sich mit Gewalt zur Geduld zwingen.

Es würde vollkommen genügen, wenn noch im letzten Augenblick vor Ablauf der Frist die Synthese in einem einzigen Glase gelang. Denn schon allein die Tatsache, daß Jan im Besitz von Diamanten wäre, die er in seinen Claims gefunden, würde ja genügen, um ihm vorläufig Kredit zu geben. Die Versteuerung der Funde und die Verkaufsverhandlungen mit den zuständigen Stellen des Diamantensyndikats mußten natürlich eine längere Zeit in Anspruch nehmen, die aber nicht ins Gewicht fiel, wenn eben Jan seine Gläubiger auf die »gefundenen« Steine hinweisen konnte.

Je näher der Tag heranrückte, an dem Jan den Weg zur Bank nach Brisbane antreten mußte, desto gedrückter und unruhiger wurde bei allen die Stimmung. Um sich zu betäuben, hielt sich Jan fast den ganzen Tag in den Claims auf und arbeitete wie ein Rasender mit Hacke und Schaufel.—

Der letzte Tag war gekommen. Georg, von brennender Unruhe gefaßt, war in den Garten gegangen und lief rastlos durch die Gänge. Nach seinen Berechnungen und bisherigen Erfahrungen war es noch zu früh. Sollte er es doch darauf ankommen lassen und die Gläser entleeren? ... Es blieb ihm ja nichts weiter übrig, er mußte ja.

Mit schwerem Herzen ging er wieder zum Haus zurück und stieg die Treppen empor. Im Labor war Marian an der Werkbank beschäftigt, einige Stahlstäbe zurechtzumachen, die er für ein Fenstergitter verwenden wollte.

Georg hatte gerade die Türklinke in die Hand genommen, da hörte er drinnen einer klingenden Schlag und gleich darauf ein Bersten und Splittern von Glas. Er riß die Tür auf und sah Marian dastehen, der erschreckt nach den Lösungsgläsern schaute, von denen eines zertrümmert war.

»Scheußliche Geschichte, Georg! Ich hatte eben den Stahlstab angefeilt und wollte ein Stück abhauen. Das flog ausgerechnet zu den Gläsern hinüber und ... nun, du siehst es ja, da schwimmt die Brühe.«

Im nächsten Augenblick stand Georg neben den Glasscherben, warf sich über die Trümmer.—

»Da! Hier das Bodenstück!« Er hob es auf. Ein Jubelruf hallte durch das Laboratorium.

»Es ist gelungen! Hier sind sie!«

Marian fuhr unwillkürlich zurück, so blendete seine Augen der Glanz der schönen großen Steine, die ihm Georg entgegenstreckte.

Sie waren noch in der ersten Freude des Erfolges, als Jan müde verdrossenen Gesichts von den Claims zurückkam und in das Haus trat. Georg eilte auf den Treppenflur und rief nach unten.

»Mach schnell, alter Bursche! Hier ist etwas, was dich ...«

In großen Sätzen kam Jan die Treppen hinaufgestürmt ins Laboratorium.

Einen Blick auf Georg. Er stürzte auf ihn zu. Fast riß er ihm die Steine aus der Hand.

»Ah! Endlich!« rang es sich von seinen Lippen. »Endlich! Das sind Dinger! ... Die können sich sehen lassen! ... Aber ... einen Augenblick wich die Freude von seinem Gesicht, »ist das alles, Georg?«

»Nein, Jan! Das ist nur die Ausbeute aus einem Glas, das Marian eben mit glücklicher Hand zerschmettert hat.« Er erzählte ihm mit raschen Worten, wie es gekommen.

»Aber die anderen Gläser?« klang es besorgt aus Jans Mund, »wird es da ebenso sein?«

»Das dürfen wir ruhig annehmen. Die Lösungen sind dieselben.«

»Nun, dann aber los!«

Jan war zu den Gläsern getreten und nahm eins in die Hand. Georg sah lachend zu, wie er das Glas neigte und die Lösung in eine Schüssel goß.

»Ah! Hurra!«

Jans große massige Gestalt tanzte mit dem Glas im Arm jubelnd durch das Laboratorium. »Beinahe ebenso wie die hier. Es sind zwar weniger, aber die hier sind dafür um so schöner.«—

In kurzer Zeit waren alle Gläser geleert, und die Diamanten lagen in einem flachen Körbchen auf dem Tisch.

»Nun, Marian, habe ich nicht gehalten, was ich dir am Wilden Rain versprach? Du solltest einmal deine Hände in Diamanten baden. Jetzt kannst du es.«—

Jans Kraftwagen stand vor der Tür.

»Der große Festtrunk, mit dem wir diesen Tag eigentlich beschließen müßten, soll stattfinden, wenn ich wieder zurück bin. Jetzt heißt's, so schnell wie möglich nach Brisbane, um den Herren der Bank mit diesem Korb Diamanten ins Gesicht zu springen. Auch wenn der Wert der Steine gegen meine Erwartungen die zehntausend Pfund nicht erreichen sollte, so wird man bei ihrem Anblick doch sehr zahm und freundlich werden.«

Er stieg auf den Führersitz. Ein kurzes Winken, und der Wagen sauste fort. —

Drei Tage später war Jan wieder in Paulinenaue. »Du hättest sie sehen sollen, Georg«, sagte er, während er mit vergnügtem Schmunzeln ein Glas Wein trank. »Diese Augen, als ich mit den Diamanten vor sie trat ... wie sie da auf einmal so ungemein liebenswürdig, sogar herzlich zu mir wurden. Unaufhörlich lagen sie mir in den Ohren, eine Kompanie zu gründen zur Ausnutzung dieser wunderbaren Claims. Ich konnte mich überhaupt nicht mehr vor den mit jeder Viertelstunde günstiger werdenden Vorschlägen retten. Mußte Ausflüchte machen, lügen, daß sich die Balken bogen, um wegzukommen.

Aber glaube nur nicht, daß wir damit alle derartigen Angebote für immer los sind. Laß erst mal die »Funde« allgemein bekanntwerden, dann werden sie von allen Seiten ankommen, um uns die Sorge um die schönen Claims möglichst zu erleichtern. Verdient hätten es ja diese Aasgeier, mal ordentlich aufzusitzen. Aber das wäre ja denn doch letzten Endes Betrug.

Doch halt! Sag, Georg, hast du denn nun nicht gleich an deine Anne telegraphiert daß sie herkommen soll? Jetzt hast du es doch endlich geschafft, auf eigenen Füßen zu stehen, um dann ›die Geliebte in das traute Heim zu führen‹, wie es so schön in den alten Romanen hieß.«

»Telegraphiert habe ich zwar nicht, Jan. Ich habe ihr aber einen Brief geschrieben, der mit der Luftpost ging. Von den künstlichen Diamanten sagte ich natürlich nichts. Aber ich ließ Anne nicht im Zweifel, daß ich über die nötigen Mittel verfüge und bat sie zu kommen, sobald sie sich frei machen könne.«—

Als sie sich spät am Abend getrennt hatten, ging Georg, ehe er sein Schlafzimmer aufsuchte, noch einmal wie immer in das Laboratorium. Mit Befriedigung glitt sein Blick über die Batterien und die Belastungslampen, die in hellem Lichte strahlten. Dann flog sein Auge über die Meßinstrumente und Tabellen.

»... Hier achtundachtzig ... da neunzig ... hier sogar zweiundneunzig Prozent Ausnutzung der Kohlenenergie ... wenn ich heute damit an die Öffentlichkeit träte, würde ich materiell zweifellos alles erreicht haben. Die Auswirkungen auf die Wirtschaft würden auch zunächst einmal dieselben sein wie bei einer hundertprozentigen Ausnutzung ... Aber wie lange würde das dauern? ... Unverzüglich würden sich Tausende von Erfindern, Gelehrten daranmachen, auf meiner Arbeit fußend, höhere Prozente und schließlich vielleicht gar das Maximum, das theoretisch zwischen achtundneunzig und hundert Prozent liegt, zu erreichen.

... Ein solcher Erfolg, mit dem nötigen Reklame- und Pressegeschrei aufgemacht, von der betreffenden Regierung tatkräftig propagiert, würde gar mich und meine Arbeiten in den Hintergrund drängen. Es heißt also weiterarbeiten, bis ich das erreiche, was nach menschlichem Ermessen zu erreichen ist.«

* * *

Die Nachricht von den neuen Diamantenfunden hatte sich mit Blitzesschnelle im Lande verbreitet. Georgetown wurde wieder einmal ein vielgenannter Name. Von allen Seiten strömten Diamantenschürfer, Abenteurer in der Stadt zusammen. Ein reges Leben und Treiben herrschte in Georgetown. Claims wurden belegt, Lebensmittel und Werkzeuge gekauft. Ein neues Schürfen begann.

Nur diejenigen, welche durch die Mißerfolge von früher gewitzigt waren, blieben von dem Diamantenfieber verschont. Und sie sollten recht behalten.

Die gewerbsmäßigen Prospektoren, die mit großen Hoffnungen herbeigeeilt waren, machten bald trübe Gesichter. Nicht lange, dann waren sich die meisten darüber einig, daß Jan Valverde seine reichen Funde nur einem außergewöhnlichen Glückszufall zu verdanken habe. In dem Alluvial des Kingsonbaches mochten hier und da mehr oder weniger reiche Diamantennester zusammengeschwemmt sein. Der Bach floß, soweit er von Alluvialboden umgeben war, durch Jan Valverdes Besitz. Die anschließenden Gebiete kamen für lohnende Funde nicht in Betracht, wie die früheren Schürfungen schon bewiesen hatten.

So verlief sich bald wieder die Masse der Zugewanderten. Nur ein kleiner Rest, der mit dem letzten Pfennig nach Georgetown gekommen war, trieb sich, zum Leidwesen der Bewohner, noch in und um Georgetown herum. Die Eisengitter, die Marian zur Sicherung vor diesem Gesindel schon längst in Arbeit hatte, waren bedauerlicherweise erst zum Teil fertig. Er hatte viel in den »Claims« zu tun, wo mit allerlei Täuschungsmanövern noch eine Zeitlang der Anschein aufrechterhalten werden sollte, daß man weiter grabe und Diamanten finde.

Marian war bewunderungswürdig in der Erfindung von Tricks, um die Farmarbeiter, die man herangezogen hatte, hinters Licht zu führen. Mit Vorliebe bohrte er ungesehen Löcher in die Erde, in die er dann kleine, wenig wertvolle Steine tat. Bei den Abraumarbeiten wurden diese dann von den Leuten gefunden und, soweit sie nicht unter Marians verzeihenden Augen in den Taschen verschwanden, abgeliefert.—

Auch im Hause Mustertons sprach man viel über das Glück von Jan Valverde. Lydia Algermissen dachte mit besonderem Vergnügen daran. Sie hatte von Georg einen schönen Stein als Geschenk erhalten. Man hatte sich im Hause Mustertons darüber einigermaßen gewundert, war doch Lydia nur wenig mit Georg Astenryk in Berührung gekommen. Besonders Arngrim war es, der sich öfters vergeblich fragte, warum wohl Georg Lydia dies ebenso kostbare wie seltsame Geschenk gemacht habe.

Georg selbst dachte jetzt fast ähnlich. Als er Lydia den Stein schenkte, hatte er einem plötzlichen Impuls nachgegeben. Sie war mit Dr. Musterton zu einem Besuch nach Paulinenaue gekommen, als ihm gerade ein schöner Versuch mit dem Verstärker gelungen war. In dem Gedanken, daß er all dies schließlich doch nur Algermissen, Lydias Vater, verdanke, hatte er ihr in einer schnellen Aufwallung den Stein verehrt.

Als Lydia später voller Freude Arngrim den Diamanten zeigte, gab es dem einen Stich ins Herz. Sein erster Gedanke war, daß Georg eine starke Zuneigung zu Lydia empfände ... Doch konnte das sein? ... Georg war doch mit Anne Escheloh verlobt ... aber trotzdem! Sooft er den Stein sah, immer wieder die leise eifersüchtige Regung, zwischen Georg und Lydia bestände ein geheimes Einverständnis ...

In peinigenden Zweifeln zergrübelte er sein Herz. Durfte er überhaupt daran denken, um die an Jahren viel jüngere Lydia zu werben? Und dann ... die andere, noch schwerere Frage ... konnte er auf Lydias Gegenliebe rechnen?

In allem, was er tat und sprach, verhehlte er nie, daß sie ihm teurer war als alles andere. Lydia bewahrte ihm gegenüber immer die gleiche Liebenswürdigkeit und Freundlichkeit, aber niemals glaubte er bemerkt zu haben, daß sie eine wärmere Zuneigung zu ihm empfände.

In rastloser Tätigkeit suchte er sich von den quälenden Gedanken zu befreien. Arbeit gab es Gott sei Dank genug. Während Dr. Musterton es in der Hauptsache übernommen hatte, die Versuchsfelder unter steter Aufsicht zu halten, war ihm die Errichtung und Betreuung des großen Pflanzengartens, der sich an das Haus anschloß, übertragen worden. Diesen Arbeiten widmete er sich mit einem solchen Eifer, daß Musterton Lydia gegenüber nicht genug Worte des Lobes für ihn fand.

Dem war die Neigung Arngrims zu Lydia nicht verborgen geblieben, und er hätte es gern gesehen, wenn er auch bei Lydia Anzeichen von einer Liebe zu Arngrim gefunden hätte. Doch vergeblich suchte er in seinen Gesprächen mit ihr irgendwelche Zeichen einer Gegenliebe zu entdecken.—Man saß heute etwas länger am Teetisch, Dr. Musterton hatte die neuen beunruhigenden Nachrichten von der russisch-mandschurischen Grenze vorgelesen. Die ewigen Plänkeleien dort nahmen in der letzten Zeit einen immer schärferen Charakter an. Sie beschränkten sich nicht mehr auf kleine Schießereien zwischen den Grenzwachen, sondern nahmen durch das Eingreifen regulärer Truppen allmählich einen bedrohlichen Umfang an. Auch die internationale Presse, stark beunruhigt, sprach bereits von einem latenten Kriegszustand an der Grenze. —

Lydia hörte dem Gespräch Mustertons und Arngrims interessiert zu. Jetzt, als die Dämmerung ins Zimmer fiel, erinnerte sie sich, daß sie noch in die Stadt müsse, um eine Besorgung zu machen. Musterton, der Lydia nicht gern den Weg bei Dunkelheit allein machen ließ, bat Arngrim, sie zu begleiten. Der nahm, wie immer, gern die Gelegenheit wahr, mit Lydia in die Stadt zu gehen. —

Sie hatten ihren Einkauf erledigt und schlugen den Rückweg zu dem Institut ein. Der Weg war außerhalb der Stadt in einem sehr mangelhaften Zustand. Nachdem Lydia auf der holprigen, schlecht erleuchteten Straße ein paarmal ausgeglitten war, schob sie ihren Arm unter den Arngrims und sagte scherzend: »Wozu hat denn ein schwaches Wesen wie ich einen Ritter ohne Furcht und Tadel neben sich, wenn sie sich nicht in solchen Gefahren seiner als Stütze und Stab bedienen sollte?«

Arngrim durchzitterte es glühend, als sie sich so vertrauensvoll an ihn lehnte. Unwillkürlich drückte er ihren Arm fester an sich. In seinem Herzen wallte es heiß auf ... sollte er jetzt sprechen? ... Durfte er vielleicht ihr Wort und Tun so auffassen, wie es sein tiefster Wunsch war? ...

Seine Gedanken überstürzten sich ... dann ... war's ihm, als fiele ein kalter Reif auf seine Seele, als lege sich ein Panzer aus Eis um sein Herz ... nichts dachte, fühlte er mehr von Lydias Nähe. Ein anderer, stärkerer, furchtbarer Geist war über ihn gekommen, der ihn zwang, alles um sich herum zu vergessen ... sich sklavisch zu beugen einem fremden Willen.

Auch Lydia ... wie hätte Arngrim gejubelt, wenn er noch eben in ihr Herz hätte sehen können ... auch Lydia war es, als versänke ein schöner, seliger Traum plötzlich in Bangen und Angst. Willenlos machte sie mechanisch ihre Schritt neben denen Arngrims ... fühlte es kaum, wie der jetzt stehenblieb, sich von ihrem Arm frei machte ... sich umwandte, zur Stadt zurückging ...

In ihrer hilflosen Verwirrung, in ihrer geistigen Betäubtheit hatte sie kaum des Mannes geachtet, der ihnen bisher unbemerkt gefolgt war und jetzt neben Arngrim ging ...

Sie kam nach Hause, kam in Mustertons Zimmer. Der erschrak, als er sie ansah.

»Was ist dir, Lydia, was ist geschehen? Wo ist Arngrim?«

Bei dem Worte Arngrim zuckte sie zusammen, schaute ihn einen Augenblick starr an, brach in lautes Weinen aus. Musterton wollte beruhigend den Arm um sie legen, da brach sie zusammen und fiel in eine tiefe Ohnmacht.—

Kurze Zeit später stand der Arzt an Lydias Lager. Was Musterton dem berichtete, konnte ihm natürlich nicht den geringsten Anhaltspunkt darüber geben, was mit dem jungen Mädchen vorgegangen war. Daß eine schwere Nervenerschütterung vorlag, war klar erkennbar. Da aber Lydia bisher kein Wort gesprochen hatte—Arngrim war immer noch nicht zurückgekehrt —standen beide Männer vor einem Rätsel.

Die einzige Erklärung, die Musterton schließlich fand, war die, daß vielleicht Arngrim ihr seine Liebe erklärt und sie ihn abgewiesen hätte. Möglich, daß sich dann ein etwas stürmischer Auftritt angeschlossen hatte. Aber mochte vorgefallen sein, was wollte, niemals würde Arngrim so unritterlich gehandelt haben, Lydia nicht nach Hause zu geleiten. Wo blieb er?

Für alle Fälle rief Musterton die Polizeiverwaltung an und bat um eventuelle Nachforschung.—

Die Nacht war vergangen. Musterton, der sie am Bett Lydias verbracht hatte, ließ sich von der Haushälterin ablösen. Auf einen erneuten Anruf bei der Polizei erhielt er die Antwort, daß man bisher keine Spur von Rochus Arngrim gefunden hätte.—

Mehrere Tage und Nächte lag Lydia in wirren Fieberträumen. Nur das eine konnte Musterton immer wieder zu seinem Erstaunen feststellen, daß sie eine heiße Liebe zu Arngrim im Herzen trug. Was sie im Fieber sprach, entzog sich jedem Verständnis. Bald schien es, als habe Arngrim sie von sich gestoßen, bald wieder, als habe ein fremder, finsterer Mann ihn mit Gewalt von ihr gerissen ...

Dieser Mann ... wer konnte das sein? Daß er nicht nur in den Fieberträumen Lydias existierte, hatte sich am nächsten Tage herausgestellt. Zwei Personen hatten auf der Polizei ausgesagt, daß sie Rochus Arngrim in Begleitung eines Fremden zu einem Kraftwagen hätten gehen sehen. Das Auto sei dann nach Süden fortgefahren.

Auch nach Paulinenaue kam die Nachricht von Lydias Krankheit und Arngrims rätselhaftem Verschwinden. Georg begab sich nach Georgetown, um Musterton aufzusuchen. Lydia selbst konnte er noch nicht sprechen. Sie war zwar wieder zum Bewußtsein gekommen, aber noch so schwach, daß nicht einmal Musterton es wagen konnte, mit ihr über die geheimnisvollen Vorgänge an jenem Abend zu sprechen.

Mit großer Teilnahme und Spannung hörte Georg Mustertons Erzählung. Der wunderte sich, daß Georg soviel Interesse für die doch ganz unverständlichen Fieberreden Lydias bekundete, fragte aber nicht nach dem Grunde.—

Nachdem Georg sich von Musterton verabschiedet, begab er sich zur Polizeiverwaltung und ließ sich dort die Aussage der beiden Zeugen vorlegen, welche Arngrim zusammen mit dem Fremden gesehen hatten. Wie erwartet, hatten die Zeugen eine ungefähre Beschreibung dieses Mannes zu Protokoll gegeben. Das las er mehrmals sehr genau durch. Als er fortging, war es für ihn ziemlich gewiß, daß jener Mann Turi Chan gewesen sein müsse.

Wohin hatte der Arngrim gebracht? Was hatte er mit ihm vor? Tausend Gedanken gingen Georg durch den Kopf. Die Erinnerung an das Schicksal von Robert Roux tauchte immer wieder in ihm auf. Er beschloß, um sich mehr Gewißheit darüber zu verschaffen, daß er keinen falschen Verdacht hege, alles, was er von Musterton gehört hatte, mit Marian zu besprechen ... wie der darüber denke.

Zu Hause angekommen, berichtete er Marian alles so, wie es Dr. Musterton ihm gesagt hatte. Kaum, daß er geendet, sagte Marian: »Das war Turi Chans Werk.«

Georg nickte nur. Eine Zeitlang saßen sie in grübelndem Nachdenken, was man wohl tun könne. Doch nirgends zeigte sich ein Weg, wie man Turi Chans und Arngrims Spur folgen könne.

»Ich sehe eine Möglichkeit!« Georg sprang auf, griff den Telephonhörer und bat um eine Verbindung mit Major Dale in Canberra.—

Es war eine sehr erregte Unterredung zwischen Georg und Dale. Dann, nachdem Dale so gut wie möglich informiert war, schloß er das Gespräch, er werde alles tun, um von Regierungsseite aus den Aufenthalt Turi Chans und Arngrims festzustellen.—

Aber immer wieder blieb die Frage: Was hatte Arngrim mit Turi Chan zu tun? Welches Interesse hatte Turi Chan, Arngrim mit sich zu nehmen? Zweifellos mußten sie doch früher in Beziehungen gestanden haben. Wahrscheinlich mußten sie sich irgendwie in Asien kennengelernt haben.

In seinem Sinnen wurde Georg von Marian unterbrochen.

»Mir ist es, Georg, als wenn Arngrim in seinen Erzählungen aus seiner Klosterzeit auch einmal den Namen des Klosterabtes genannt hätte. Ich meine jetzt bestimmt, daß es der Name Turi Chan gewesen ist.«

Georg horchte auf.

»Ich selbst kann mich nicht daran erinnern, Marian. Aber wenn es so ist, wie du sagst, dann sind wir, glaube ich, diesen rätselhaften Zusammenhängen ein großes Stück nähergekommen. Auf jeden Hall werde ich einmal Musterton beiläufig danach fragen.«

* * *

Eine Woche vor diesen Ereignissen war in Numea auf Neukaledonien bei der Verwaltung der Strafkolonie ein Herr erschienen, der den Chefdirektor zu sprechen wünschte. Vor Direktor Rabaud geführt, stellte sich der Fremde als ein Herr Crouzard aus Paris vor.

Schon nach den ersten Sätzen, die aus dem Munde Crouzards kamen, glaubte Rabaud, einen Verrückten vor sich zu haben. Dieser Fremde wollte einen der Deportierten, der zwei Eigenschaften besitzen mußte—nämlich Chemiker und gewandter Einbrecher zu sein—geliehen haben—geliehen!

Rabaud änderte jedoch seine Meinung, je länger der merkwürdige Fremde sprach. Als der schließlich geendet hatte, schüttelte der Direktor immer wieder lachend den Kopf.

»Das ist allerdings ein tolles Stückchen, was Sie da vorhaben, Herr Crouzard. Indes ... wir leben jetzt gerade in der heißen Jahreszeit ... Ihr Kopf könnte ein wenig unter der tropischen Hitze gelitten haben ... Sie werden mir wohl gestatten, daß ich mich vorher genau in Paris über alles das informiere, was Sie mir da erzählten.«

»Aber gewiß, Herr Direktor. Ich werde Ihnen die Namen und Adressen, an die Sie sich zu wenden hätten, sofort aufschreiben. Die Adresse des Herrn Ministers Duroy ist Ihnen ja bekannt. Es dürfte sich aber vielleicht empfehlen, während Sie mit Paris verhandeln, immer schon nach einem geeigneten Subjekt unter den Sträflingen suchen zu lassen.«

»Das will ich gern tun«, sagte Rabaud. »Ich nehme an, daß Sie sich hier in Numea einlogiert haben. Sobald ich die nötigen Auskünfte eingezogen habe, werde ich Sie wieder zu mir bitten. Ich habe da gegebenenfalls eine Nummer sechstausendvierhundertneunzig, die für Ihre Zwecke passen würde. Also warten wir ab!«—

Zwei Tage später erhob sich vom Flugplatz in Numea ein Privatflugzeug, in dem außer dem Piloten zwei Herren saßen. Der eine war Herr Crouzard, der andere Nummer 6490, jetzt wieder Herr Dr. Anatole Dufferand. Beide befanden sich in einer interessanten, angeregten Unterhaltung. Ein besonderer Unterschied zwischen ihnen bestand auch nicht. Die Taten des Herrn Crouzard gaben denen des Herrn Dr. Dufferand an Gesetzwidrigkeit nicht viel nach. Der Unterschied war nur der, daß Herrn Crouzards ungesetzliches Tun sozusagen konzessioniert war, während Herr Dufferand, ohne solche glückliche Protektion, für sein Tun mit aller Schärfe des Gesetzes bestraft worden war.

Dr. Dufferand war Angestellter in einer großen chemischen Fabrik gewesen. Ein paar gestohlene Platintiegel gaben den Grund zu seiner Entlassung und gleichzeitig zur ersten Bekanntschaft mit dem Gefängnis. Einmal auf die schiefe Ebene geraten, hatte er sich im Laufe der Jahre in allen möglichen Branchen des Pariser Verbrechertums betätigt. Er war also für Crouzard ein durchaus geeignetes Subjekt. Hinzu kam noch, daß er von den zehn Jahren Deportation bereits neun verbüßt hatte, so daß man das fehlende Jahr unter diesen Umständen leicht nachsehen konnte.—

In Brisbane ließ Crouzard sein Flugzeug zurück und fuhr nach Erledigung einiger Einkäufe in einem selbstgesteuerten Mietwagen mit Dufferand nach Westen weiter.

Ohne Georgetown zu berühren, kamen sie kurz vor Einbruch der Dunkelheit in der Gegend von Paulinenaue an. Crouzard fuhr den Wagen in ein Gehölz, in der Nähe der Straße und ging, von Dufferand begleitet, im Schutz des großen, parkartigen Gartens bis in die Nähe des Hauses. Mit Hilfe eines guten Nachtglases konnte er Dufferand das Wohngebäude und die Lage der Zimmer genau zeigen.

Der Raum, auf den es allein ankam, das Laboratorium Georgs, war ein Eckzimmer im Obergeschoß an der Ostseite des Hauses. Vor Jahren war es nur eine große Veranda, von der man auf einer Eisentreppe direkt zum Garten hinuntergehen konnte. Später wurde der Raum zu einem geschlossenen Zimmer ausgebaut. Die Treppe zum Garten blieb stehen, obgleich sie nur sehr selten benutzt wurde. Seitdem Georg hier sein Laboratorium eingerichtet hatte, war die Treppentür von innen mit Schloß und Riegel ständig gut verwahrt. —

Nach stundenlangem Warten sahen sie endlich das letzte Licht im Haus erlöschen. Eine Weile verhielten sie sich noch ruhig, bis wohl alles in tiefem Schlaf lag. Dann traf Dufferand seine letzten Vorbereitungen. Mit vergnügter Kennermiene betrachtete er das neue schimmernde Werkzeug, das Crouzard in Brisbane für ihn gekauft hatte. Erst als er die gewohnten Instrumente wieder in seinen Händen fühlte, schien ihm endlich Wirklichkeit zu werden, was er bisher immer noch für einen Traum gehalten hatte. Der Einbruch hier ... gewiß eine ganz einfache Sache. Das Stehlen von Proben der Elektrolyte ... eine Kleinigkeit ... und dafür eine hohe Belohnung ... Erlaß des letzten Jahres seiner Deportation ... ein besseres Geschäft glaubte Dufferand nie gemacht zu haben.

Ehe sie sich trennten, wies Crouzard noch in die Richtung des Gehölzes, wo der Wagen stand. »Daß Sie mir nur nicht in der Dunkelheit den Weg verlieren und nachher, mit dem Zeug in der Tasche, auf den Feldern umherirren. Ich gehe jetzt zu dem Wagen, mache ihn startbereit und warte auf Sie.«

Noch nie in seinem Leben hatte sich Herr Dufferand mit soviel Vergnügen an einen Einbruch gemacht wie hier. Das Bewußtsein, eine Probe von seinen Kenntnissen als Einbrecher sowohl wie als Chemiker geben zu können, versetzte ihn in eine sehr gehobene Stimmung.—

Schloß und Riegel an der Treppentür waren bald aufgebrochen. Im Laboratorium betrachtete er mit großem Interesse die dort aufgestellten Kohlenbatterien. Nach einigem Suchen hatte er diejenige, welche den höchsten Wirkungsgrad aufwies, gefunden. Rasch zog er aus einer Handtasche mehrere Fläschchen und füllte sie aus den Batteriegläsern mittels einer Pipette. Dann verschloß er die mit den Elektrolytproben gefüllten Fläschchen sorgfältig und tat sie wieder in die Ledertasche.

Vorsichtig stieg er die eiserne Treppe hinunter und schritt in der Richtung auf das Gehölz zu, das ungefähr dreihundert Meter vom Hause entfernt lag.

Er näherte sich gerade dem Zaun, der den Garten von den Feldern trennte, da fühlte er sich plötzlich gepackt. Drei Männer warfen sich über ihn. Im Nu war er geknebelt und gefesselt. Eine Binde wurde ihm über die Augen gelegt. Die Überraschung war für ihn so groß, daß er zunächst kaum merkte, was mit ihm weiter geschah. Er fühlte nur, daß man ihn aus dem Garten trug.

Ein Kraftwagen, der auf der großen Landstraße mit abgeblendeten Lichtern stand, kam herbeigerollt, Dufferand wurde hineingehoben. Die drei anderen stiegen zu ihm. Dann fuhr der Wagen mit großer Geschwindigkeit auf der Straße in der Richtung nach Osten fort.—

Sie waren wohl eine Stunde gefahren, da hielt das Auto plötzlich an. Neben ihm auf der Straße stand ein großer, schwerer Wagen, dessen Inneres hell erleuchtet war. Der einzige Insasse, ein elegant gekleideter Herr, stieg aus und trat auf den Wagen Dufferands zu.

»Habt ihr ihn?« fragte er mit gespannt verhaltener Stimme.

Gleichzeitig ließ er eine Taschenlampe aufflammen und leuchtete Dufferand ins Gesicht.

»Was ist das?« rief er in wütender Enttäuschung. Mit schnellem Griff riß er Dufferand die Binde von den Augen. »Schafsköpfe ihr! Ihr habt einen Falschen gegriffen. Werft ihn hinaus! Fort mit euch!«

Dufferand fühlte sich in die Höhe gehoben und in großem Schwung im Straßengraben landen. Der Sturz war so heftig, daß er die Besinnung verlor und erst wieder zu sich kam, als die Sonne am Himmel stand.—

Das einzige handgreifliche Ergebnis dieser Crouzardschen Expedition war, daß man eine geraume Zeit später in Paris wußte, wie nahe Georg Astenryk dem Ziel seiner Arbeiten gekommen war.

Wie das zunächst so glücklich verlaufene Unternehmen ein so unerwartet schlechtes Ende gefunden hatte, war und blieb für alle, die von der Sache wußten, ein großes Rätsel. Daß von anderer Seite zu gleicher Zeit das gleiche Unternehmen geplant worden sei, widersprach jeder Wahrscheinlichkeit. Wer waren aber die Leute, die Dufferand irrtümlich überfallen hatten? Wem hatte in Wirklichkeit der Überfall gegolten?—

Auch Georg und die übrigen Bewohner von Paulinenaue suchten sich vergeblich von dem, was hier in der Nacht vorgegangen war, ein klares Bild zu machen. Fest stand, daß die Treppentür zum Laboratorium erbrochen war. Ebenso war es außer Zweifel, daß der Einbruch geschehen war, um sich in den Besitz von Proben der Batterielösungen zu setzen. Die im Garten gefundene Handtasche Dufferands mit den Probefläschchen gab ja den untrüglichen Beweis. Was aber dann weiter geschehen, das war trotz scharfsinnigster Überlegung nicht zu ergründen.

Die Lösung des Rätsels sollte aber doch eines Tages erfolgen, und zwar von einer Seite, von der man sie nicht erwartet hatte.—

Dale und Clennan kamen in ihrem Kraftwagen nach Paulinenaue.

»Ah, endlich sehe ich Sie einmal wieder«, empfing Georg die Gäste, »ich habe Sie schon längst erwartet.«

»Den Grund, warum wir so lange nicht kamen«, sagte Clennan, »sollen Sie vorweg hören, um uns zu entschuldigen. Wir hatten beide festgestellt, daß wir unter Beobachtung standen, und wollten deshalb nicht hierherkommen, um unsere Verfolger nicht auf Sie zu hetzen. Inzwischen hat sich jedoch herausgestellt, daß unsere Vorsicht überflüssig war. Es ist sicher, daß man es auf Sie noch mehr abgesehen hat als auf uns.«

Mit einem Blick auf Georgs ungläubiges Gesicht fiel Dale Clennan ins Wort: »Das ist eine Tatsache, die leider nur allzu wahr ist. Doch darüber später! Zunächst einmal möchte ich die Grüße von General Scott und Oberst Trenchham an Sie ausrichten.«

»Danke, lieber Dale! Wie haben sich denn die beiden Herren Ihnen gegenüber im einzelnen über unsere Versuche geäußert? In unserem Telephongespräch drückten Sie sich etwas sehr gewunden aus.«

»Na, darüber kann doch kein Zweifel bestehen! Sieg auf der ganzen Linie, Herr Astenryk. Besonders gefreut hat's mich, wie Oberst Trenchham pater, peccavi sagte. Daß dieser große Skeptiker, der, wie mir Scott erzählte, alles als faulen Zauber, zum mindesten als Aufschneidereien hinstellte, so gründlich bekehrt wurde, ist mir ein besonderes Vergnügen.

Wenn Sie Trenchham näher kennten, würden Sie sich denken können, wie er seitdem Tag und Nacht an allen möglichen Operationsplänen für Sie und Ihren Verstärker arbeitet. Auch ich habe ihn völlig auf meiner Seite, wenn ich gegen Scott opponiere. Der General will ja absolut, daß Sie sich mit Ihrem Apparat von hier fort nach einem militärisch gesicherten Ort begeben. Wir haben ihm deshalb auch keine Silbe von Turi Chans Absichten gegen Sie erzählt. Doch davon mag Ihnen Clennan berichten.«

Was der jetzt Georg mitzuteilen hatte, war ebenso interessant wie aufschlußreich ... Den Bemühungen der Geheimpolizei sei gelungen, nachträglich festzustellen, daß zwei Männer, auf welche die Beschreibung von Turi Chan und Arngrim genau paßte, am Tage nach Arngrims Verschwinden im Kraftwagen nach Canberra gekommen wären und nach einigem Aufenthalt in dem dortigen japanischen Konsulat in einem Privatflugzeug weitergereist seien. Wenige Tage später sei Turi Chan wieder nach Canberra zurückgekehrt. Die Polizei habe sofort von seiner Ankunft Kenntnis erlangt und ihn auf Schritt und Tritt bewachen lassen.

»... Hier ...« Dale verzog das Gesicht, »muß ich leider sagen, daß sich die Polizei auffällig schlecht bewährt hat. Die Beamten, die mit seiner Überwachung betraut waren, verloren ihn immer wieder aus den Augen. Sie erklärten später, sie seien wie verhext gewesen. Obwohl sie sich stets dicht hinter ihm halten wollten, sei er ihnen immer wieder aus den Augen gekommen. Ein Beamter wußte zu berichten, daß ihm das sogar mehrmals in stillen, wenig belebten Straßen passiert sei. Ein gesetzlicher Grund, Turi Chan zu verhaften, lag ja leider nicht vor. So ist es ihm gelungen, unangefochten und ohne daß wir vollständig in Erfahrung bringen konnten, was er dort eigentlich vorhatte, Canberra im Flugzeug zu verlassen.«

»Über die Gründe für das rätselhafte Versagen der Polizei dürften wir wohl Bescheid wissen«, sagte Georg, »aber ... was er in Canberra wollte, darüber ...«

»Darüber haben wir wenigstens etwas durch die Reste eines Briefes erfahren, welche der Polizei in die Hände fielen. Bei einer passenden Gelegenheit ließ ich einen Mann, von dem ich wußte, daß er mich ständig beobachtete, kurzerhand verhaften. Auf der Polizeiwache wurde er von einem anderen Beamten als einer der Leute festgestellt, mit denen Turi Chan Verbindung gehabt hatte. Als man den Inhalt seiner Taschen prüfen wollte, gelang es ihm, einen Brief zu zerreißen und in den Mund zu stecken. Nur wenige Fetzen des Schriftstückes konnten gerettet werden. Was aber auf diesen stand, betrifft zweifellos Ihre Person, Herr Astenryk. Aus den Briefresten und mit Schriftvergleichung konnte man ungefähr feststellen, daß der Verhaftete von Turi Chan den Auftrag bekommen hatte, sich gewaltsam eines gewissen G.A. in P. im Bezirk von Georgetown zu bemächtigen.«

Kopfschüttelnd, ungläubig lächelnd, hatte Georg zugehört. »Das klingt ja wie ein Märchen, mein lieber Herr Dale. Was weiß Turi Chan vor mir?«

Dale sah achselzuckend vor sich hin. Clennan sagte nach einer Weile: »Es wäre natürlich nicht ausgeschlossen, daß Sie, Herr Astenryk, ohne es zu wissen, ebenso unter Beobachtung gestanden haben wie wir, und daß man irgend etwas von unseren Versuchen bemerkt hat. Andererseits wäre es auch möglich, daß Turi Chan schon auf dem ›James Cook‹ irgendwelchen Verdacht gegen Sie gefaßt hat. Das hat schon deshalb viel für sich, weil wir beide, Major Dale und ich, damals ständig in Ihrer Gesellschaft waren, und wir sind ihm gewiß irgendwie verdächtig. Unsere Überwachung ist ja der beste Beweis dafür. Leider war aus dem Verhafteten in Canberra nicht das geringste über seine Beziehungen zu Turi Chan herauszubringen.«

Georg, der Clennans letzten Worten nur mit halbem Ohr zugehört hatte, schlug sich vor die Stirn. »Aber, meine Herren ... wozu das Hin- und Herraten? Die Sache scheint mir durchaus klar. Ebenso wie mein Verstärker arbeitet das Gehirn Turi Chans in zweierlei Weise. Es empfängt die Gedankenwellen anderer und sendet eigene Wellen aus. Daß dabei gewisse Toxine, eben jene Allgermissenschen Präparate, die Hauptrolle spielen, wissen wir. Nach all dem, was uns Arngrim berichten konnte, handelt es sich dabei um zwei verschiedene pflanzliche Extrakte. Durch das eine wird die Strahlungsfähigkeit des denkenden Gehirns verstärkt, es arbeitet als ein Gedankensender. Durch das andere wird die Empfänglichkeit für fremde Gedankenwellen erhöht. Je nachdem Turi Chan also das eine oder das andere Mittel anwendet, ist er imstande, entweder anderen seine Gedanken und seinen Willen aufzuzwingen, oder umgekehrt, die Gedanken anderer mitzuempfinden. Da liegt nun aber doch die Vermutung nahe, daß er auf dem ›James Cook‹ mancherlei von unsern Gedankengängen aufgeschnappt hat, und das würde sein unerwünschtes Interesse für uns wohl zwangslos erklären.«

Clennan nickte zustimmend. »Gewiß, Herr Astenryk. So kann, muß es sein ... Übrigens, ein gewisses Beispiel haben wir ja bei Ihrem Marian. Nur daß es bei dem eine natürliche Begabung ist und sich in schwächeren Ausmaßen hält.«

»Ist mir alles ein ganz unverständlicher, verrückter Zauber«, brummte Dale vor sich hin. »Das sind meiner Meinung nach alles Dinge für den Irrenarzt. Das müssen doch krankhafte Hirne sein, die so abnorm reagieren.«

»Sagen Sie das nicht, Major Dale«, erwiderte Clennan. »Unter den lamaistischen Priestern oder Heiligen ... wie man sie dort in Hochasien auch nennt ... gibt es zweifellos solche, die durch langjährige Übung, durch häufiges Aufeinandereinspielen ... wir können das wissenschaftlich als gegenseitiges Abstimmen bezeichnen ... die Fähigkeit erworben haben, sich durch Gedankenwellen zu verständigen. Ob das auf kleinere oder größere Entfernungen möglich ist, tut nichts zur Sache. Ich möchte aber hierzu noch bemerken, daß man doch auch bei uns oft genug von Fällen gehört hat, wo Personen von Vorgängen und Ereignissen, die ihnen nahestehende oder blutsverwandte Personen betrafen, über weiteste Entfernungen im Augenblick des Geschehens gedankliche Kenntnis erhielten.«

Dale machte eine zweifelnde Handbewegung. »Gewiß! Gehört hat man wohl von solchen Dingen. Aber ...«

»›... so ihr nicht sehet, glaubet ihr nicht‹!—wenn ich die Bibel zitieren darf, mein lieber Herr Major«, fiel ihm Clennan ins Wort.

»Fehlt nur noch, Herr Clennan, daß Sie auch noch das von überspannten Köpfen geprägte Wort ›geistige Seuchen‹ heranziehen«, scherzte Dale.

»Sie lachen, Herr Dale! Wer weiß, ob in diesem Wort nicht doch ein Körnchen Wahrheit steckt. Ob nicht so manche Vorkommnisse im Leben der Menschen ... der Völker, auf solch eine geistige Verseuchung zurückzuführen sind ... in der Weise vielleicht, daß Gedankenstrahlungen eines großen Geistes, verstärkt durch eine mit der Zahl der Anhänger wachsende Menge menschlicher Hirne, größere ... immer größere Kraft und Weite gewannen ...«

»Nun, Herr Astenryk, Sie sagen ja gar nichts dazu. Was meinen Sie denn zu dieser doch sehr problematischen Theorie unseres verehrten Freundes Clennan?«

»Darüber ein Urteil abzugeben«, sagte Georg zögernd, »ist eine mißliche Sache. Die Wissenschaft ist oft genötigt gewesen, über feststehende Tatsachen erst nachträglich ihre Theorien zu bilden. So wird es auch hier sein, wenn erst einmal alle diese Erscheinungen, die uns vorläufig noch sehr geheimnisvoll vorkommen, von wissenschaftlicher Seite nachgeprüft sind. Über die verschiedenen Theorien, die dann wohl aufgestellt werden, wollen wir uns heute nicht den Kopf zerbrechen. Wir wollen uns vorläufig nur an die gegebenen Tatsachen halten ... und damit rechnen«, vollendete er mit ernster Stimme.

»Man muß sich auch leider immer wieder vor Augen führen«, sagte Clennan nach einer Pause, »daß Turi Chan eine gewisse Überlegenheit besitzt. Er ist mit seinen psychischen Kräften nicht an eine Apparatur und, was noch wichtiger ist, nicht an eine Energiequelle gebunden.«

»Diese letztere Schwierigkeit hoffe ich in absehbarer Zeit beheben zu können«, meinte Georg mit einer Miene, die ganz unbefangen sein sollte. Doch Clennan, der ihn scharf beobachtete, bemerkte, wie dabei über sein Gesicht ein Zug stolzer Befriedigung ging. Er hütete sich aber, eine Frage darüber an Georg zu richten. Ahnte er doch längst, daß hinter diesem geheimnisumwitterten Gesicht noch manches andere verborgen lag, was wohl einst die Welt in Erstaunen setzen würde. So hatte es ihn schon sehr gewundert, daß Georg über den rätselhaften Einbruch im Laboratorium mit wenigen gleichgültigen Worten hinweggegangen war. Er hatte gehofft, daß Dale, der mit Georg stets sehr offen sprach, nähere Fragen stellen würde, doch der hatte anscheinend der Sache kein besonderes Gewicht beigelegt.—

»Ich glaube, Herr Dale, daß Paulinenaue auch einst zu den Orten gezählt werden wird, aus denen der Welt Gutes gekommen ist«, sagte Clennan, als er eine Stunde später mit Dale auf dem Heimweg war.—

»Schade, daß die beiden schon fort sind!« sagte Georg zu Jan, der den Radioapparat zum Empfang der Tagesnachrichten eingestellt hatte. »Was da von Moskau gemeldet wird, klingt ja, als wenn sich heute oder morgen ein Krieg entwickeln wolle. Diese Zusammenstöße von russischen und mandschurischen Fliegern sind auf jeden Fall ein bedrohliches Symptom ... von den üblichen Grenzverletzungen der mandschurischen Truppen gar nicht zu reden. Ich vergaß leider, Dale zu fragen, wie man in Canberra zur Zeit über die politische Lage denkt. Dale weiß doch immer gut Bescheid.«

»Was soll man aber von den Vorgängen in Singapore halten?« fragte Jan. »Die Radionachricht von der Explosion des großen Munitionsdepots,—wie die Meldung besagt, ist sie unzweifelhaft auf einen verbrecherischen Anschlag zurückzuführen—muß doch nachdenklich stimmen. Daß der englische Kreuzer ›Suffolk‹ vor ein paar Tagen bei Penang nur mit knapper Not einer Treibmine entging, ist auch nicht gerade ein beruhigendes Moment. Es ist natürlich denkbar, daß diese Mine deutschen Fabrikats sich ebenso wie jene andere bei Talufuata seit dem Weltkriege unbemerkt bis heute im Meer herumgetrieben hat. Aber schon bei einem geringen Grade von Mißtrauen muß man diese Duplizität der Ereignisse sehr skeptisch betrachten.

Vielleicht wird dir Anne in ihrem nächsten Brief etwas Näheres darüber mitteilen können. Noch besser wäre es, sie käme selber. Was sie da zuletzt schrieb, sie sei jetzt nicht abkömmlich, dürfe die kranke Lady Wegg nicht verlassen, ist ja aller Achtung wert. Man sollte aber denken, in einer großen Stadt wie Singapore müsse es auch noch andere Leute geben, welche die kranke Lady pflegen könnten.«

»So ist sie nun einmal, Jan. Immer hilfsbereit, immer bereit, sich für andere aufzuopfern ... meine liebe Anne. Ich bin überzeugt, ihre Schwester Helene wird sie stark vermissen. Anne hat sich in ihrer Gutmütigkeit von den Forbins in einer Weise ausnutzen lassen, die nicht gerade schön war.«

»Daß sich dieses ehrenwerte Paar nun doch einmal verkracht hat und auseinandergegangen ist, ist auch nicht übel«, warf Jan ein. »Anne macht sich da sicherlich unnötige Sorgen um ihre Schwester. Helene wird auch ohne Herrn Alfred Forbin ihren Weg finden.«


9. Kapitel.

Im japanischen Kabinett herrschte seit kurzem eine fieberhafte Hochspannung und Tätigkeit. Wollte man die bisherige günstige politische Lage ausnutzen, war höchste Eile geboten.

Im Anschluß an eine Rede des hochangesehenen amerikanischen Senators Harob hatte sich beinahe über Nacht in der gesamten angelsächsischen Presse ein politischer Meinungsumschwung vollzogen, der in seinen Auswirkungen von umwälzender Bedeutung werden konnte. Senator Harob hatte ausgeführt:

Japan stehe auf dem Sprunge, unter Ausnutzung der englisch-amerikanischen Differenzen neues Land für seine hungrigen Menschenmassen zu gewinnen. Der Fall liege ähnlich wie bei der Besetzung der Mandschurei. Damals habe England im Gegensatz zu den Vereinigten Staaten dem japanischen Anschlag auf die chinesische Mandschurei keinen Widerstand entgegengesetzt. Es ging dabei von der Erwartung aus, daß mit dem Erwerb der Mandschurei der japanische Landhunger auf absehbare Zeit gestillt sei und damit Japans Aspirationen auf das menschenarme Australien in den Hintergrund treten würden.

Jetzt stelle sich jedoch heraus, daß dieser Kalkül falsch gewesen sei. Alle Anzeichen deuteten darauf, daß die Großmacht im Fernen Osten eher früher als später einen neuen Landraub beabsichtige. Gelänge er, würden die Folgen unabsehbar sein. Die Besitzungen der weißen Rasse im Fernen Osten würden eine nach der anderen Opfer gelber Landgier werden. Leider sei auf eine geschlossene Front der weißen Staaten nicht zu rechnen. Manche, darunter in erster Linie Frankreich, sympathisierten ganz offensichtlich mit den gelben Plänen. Immerhin könnte das Unheil noch abgewendet werden, wenn sich England und die Vereinigten Staaten einig wären. Der Zerfall des früheren angelsächsischen Blockes sei nicht zum wenigsten durch die geschickten Machenschaften Japans verursacht worden.—

Den stärksten Widerhall fand die Rede Harobs in England. Allgemein wurde ein Wechsel der Regierung verlangt. Man schrieb offen, daß die Differenzen zwischen den beiden angelsächsischen Mächten zu einem gewissen Teil durch persönliche Unstimmigkeiten leitender Staatsmänner entstanden seien. Besonders einige konservative Mitglieder des Kabinetts mußten scharfe Vorwürfe einstecken.—

Da in Ostsibirien die Ouvertüre zu dem großen Kampf gespielt werden sollte, galt es, das Unternehmen Borodajews so schnell wie möglich in Gang zu bringen. Oberst Macoto vom japanischen Generalstab wurde in das Sungarigebiet geschickt, um an Ort und Stelle den Stand der Dinge zu prüfen.—

Seit einer Woche weilte er dort. Seine Berichte lauteten durchaus zufriedenstellend.

Heute hatte er noch mit Borodajew die am weitesten vorgeschobenen Feldlager und Formationen der Freiwilligenarmee besichtigt. Während sie jetzt nach dem Quartier des Generals zurückritten, lenkte er sein Pferd an die Seite der schönen Frau, die, vom frühen Morgen an ununterbrochen im Sattel, Borodajew begleitete.

Immer wieder hatte Macoto, während sie von einem Lager zum anderen ritten, Gelegenheit gehabt, den klaren, praktischen Blick und das sichere Empfinden Helenes zu bewundern, die treffende Art, mit der sie sich über das Gesehene äußerte und geschickte Ratschläge über Änderungen oder Verbesserungen von diesem und jenem gab.

Jetzt, der militärischen Pflichten ledig, drängte es Macoto, die Konversation dieser schönen, klugen Frau zu genießen. Er kannte Europa und seine Kultur durch einen langen Aufenthalt dort sehr genau. Nicht lange, so war er in eine lebhafte, angeregte Unterhaltung mit Helene verwickelt. —Während er so Seite an Seite mit ihr den langen Weg heimritt, konnte er sich nicht genug wundern. Wie vermochte es diese, in ersten europäischen Gesellschaftskreisen heimisch gewesene, Frau ohne eine Spur sehnsüchtigen Bedauerns von den Erinnerungen an ihr früheres Leben zu sprechen! Immer wieder mußte er sich fragen: Wie konnte diese, auch für westliche Verhältnisse nicht alltägliche, Frau sich in dem einfachen, rohen Soldatenleben wohl fühlen?—

Sie hatten das Ufer des Sungari erreicht. Aus einer gebrechlichen Fähre setzten sie nicht ohne Gefahr über den angeschwollenen Fluß zu dem armseligen Dörfchen hinüber, in dem General Borodajew jetzt sein Quartier hatte.

Er hatte es seit kurzem hierhin verlegt. Statt des für mandschurische Verhältnisse immerhin recht gut ausgestatteten, behaglichen Quartiers in Sansing hatte man jetzt nur ärmliche Dorfhütten zur Verfügung. Doch nie war ein Wort der Unzufriedenheit, des Mißvergnügens aus Helenes Mund gekommen. Unberührt von dem Fehlen all der gewöhnten Lebensannehmlichkeiten zeigte sie stets ein heiteres, zufriedenes Gesicht.

Der General war glücklich in seiner Liebe. Hätte er jedoch tiefer in Helenes Herz schauen können, würde er wohl gemerkt haben, daß ihre frohe Laune zum Teil auch ihrer natürlichen Lust an solchem abenteuerlichen Leben entsprang.—

Macoto hatte den Bericht über seine Mission abgeschlossen. Sie saßen um den summenden Samowar. Da traf ein Radiogramm aus Mukden ein, das ihm befahl, nach Erledigung seiner Aufträge alsbald dorthin zu kommen.

Der Oberst schaute auf die Uhr und trat ans Fenster. Die Mondsichel war hinter schweren Wolken verborgen, der Himmel sternenlos, eine undurchdringliche Finsternis draußen.

»Kaum möglich, in dieser Nacht im Flugzeug die Reise anzutreten. Ich kann mir auch nicht denken, daß man mich sofort erwartet. Wenn ich morgen früh fliege, bin ich gegen Mittag dort. Das dürfte wohl genügen.« Der Gedanke, noch einige Stunden in der Gesellschaft der schönen Frau Helene zu verbringen, versöhnte den Obersten mit der Verzögerung seiner Abreise.

Helene verließ einen Augenblick den Raum. Als sie wiederkam, wandte sie sich mit schmeichelndem Mund zu Borodajew:

»Du mußt mir gestatten, Alexei, daß ich selbst Oberst Macoto im Flugzeug nach Mukden bringe, das heißt, wenn er sich meiner Führung anvertrauen will.«

Der General runzelte die Brauen, sein starker Schnurrbart sträubte sich. Helene strich ihm liebkosend über die Stirn und sagte mit ihrem gewinnendsten Lächeln halblaut: »Es gibt Dinge, Alexei, die eine Frau selbst im Felde schwer entbehren kann.«

Der General beugte den Kopf zur Seite, als wolle er doch widersprechen. Da fuhr sie fort: »... darunter solche, deren Einkauf sie am liebsten selbst besorgt. In Mukden werde ich alle diese Dinge finden. Wenn ich bei einbrechender Dunkelheit noch nicht zurück sein sollte, sorge bitte für eine gute Beleuchtung des Flugplatzes.«

Oberst Macoto nahm die Einwilligung Borodajews vorweg und dankte Helene mit liebenswürdig-begeisterten Worten für ihr Anerbieten.

»Dann aber jetzt sofort zu Bett!« sagte Borodajew brummend, »Punkt sechs Uhr mußt du startbereit sein.«

Helene drückte ihm strahlend die Hand. »Immer wieder muß ich sagen, du sorgst dich unnötig, Alexei. Die vier bis fünf Stunden Flug sind doch ein Kinderspiel für mich.«

»Sag das nicht, Helene! Die um diese Jahreszeit oft so plötzlich auftretenden Orkane können den besten Piloten gefährlich werden.«

»Keine Angst, Alexei, ich werde mich schon vorsehen. Weiß auch sehr wohl, schweren Wettern rechtzeitig auszuweichen.«—

Mukden, der Sitz der mandschurischen Regierung, hatte während der letzten Jahre seine Einwohnerzahl fast verdoppelt. Ganz neue Viertel waren an den Ufern des Hun Ho entstanden. Tausende japanischer Gewerbetreibender hatten sich hier niedergelassen und die europäischen und amerikanischen Unternehmungen fast verdrängt. Japanische Firmenschilder in allen Straßen, japanisches Militär, wohin man sah, japanisch der Stempel, welcher der Stadt den Charakter gab.

Hinter den schimmernden Spiegelscheiben der großen Kaufhäuser lagen alle Erzeugnisse westlicher Kultur. Helene schwelgte ein paar Stunden in lang entbehrten Genüssen. Dann ließ sie sich zum Flughafen fahren. Macoto hatte sie gebeten, dort noch einmal mit ihm zusammenzutreffen, für den Fall, daß er gewisse Weisungen vom japanischen Oberkommandierenden für Borodajew erhalten würde.

Sie betrat den Platz und fand Macoto im Hafenrestaurant.

Er hatte eine versiegelte Mappe bei sich, die für General Borodajew bestimmt war. Wiederholt und dringend bat er sie jedoch, den Rückflug auf den nächsten Morgen zu verschieben. Die Auskunft, die er fürsorglich bei der meteorologischen Station eingeholt hatte, sagte ungünstiges Flugwetter voraus.

»Erst recht ein Grund für mich, doch zu fliegen«, sagte Helene eigensinnig. »Ich bin gewöhnt, das Gegenteil von den Voraussagen der Wetterpropheten anzunehmen, und habe damit meistens das Richtige getroffen.«

Sie stand auf und ging, von Macoto gefolgt, zur Startbahn. Selbstsicher wies sie auf ihre Maschine.

»Sie sind im Fliegen nicht ausgebildet, Herr Oberst, sonst würden Sie wohl zugeben, daß diesem schnellen, schnittigen Zweisitzer so leicht nichts anzuhaben ist. Kommt mir wirklich ein Unwetter in den Weg, werde ich mir die große Schnelligkeit meiner Schwalbe zunutze machen und ausweichen.«

Sie wollte eben in ihr Flugzeug steigen, da fiel ihr Blick auf eine andere Maschine, die gerade aufgesetzt hatte und jetzt ausrollte. Sie sah neugierig hinüber, wer die Fluggäste wären.

»Polizeiflugzeug«, sagte Macoto. »Anscheinend zwei Kriminalbeamte, die einen Gefangenen transportieren ... ein Westländer, wie es scheint.« Interessiert trat Helene ein paar Schritte vor und sah zu dem anderen Flugzeug hin ... einen Augenblick schien ihre Gestalt zu wanken. Tief erblaßt stand sie da, starrte wie gebannt auf den Gefangenen.

Macoto war an ihre Seite geeilt, legte den Arm in ihren. »Meine gnädigste Frau, ich bitte Sie, was ist Ihnen? ... Sind Sie krank geworden? ... Oder ist es ... der Gefangene? ...«

Bei Macotos Worten schreckte Helene auf und drehte sich um.

»Aber, meine Gnädigste ... wie sehen Sie aus? ... Weshalb sind Sie so erschüttert? ... Wie kann ich Ihnen helfen? ... wie ...«

Helene senkte den Kopf und strich mit einer schmerzlichen Gebärde über die Augen. »Rochus«, kam es tonlos von ihren Lippen. »Rochus ... hier sehe ich dich wieder ...«

»Oh, meine teure gnädige Frau, wie muß ich Sie bedauern! Der Gefangene ist Ihnen bekannt ... ja noch mehr, er steht Ihnen nahe? Ich bin ratlos, wie ich Ihnen helfen könnte. Der Gefangene ... alle Umstände deuten darauf, daß seine Lage sehr ernst ist. Immerhin, ich will versuchen ... doch nein ... zuvor möchte ich Sie in das Restaurant zurückführen. Sie bedürfen unbedingt einer Erholung ... einer Erfrischung.«

»Ja, ja, Herr Oberst, gehen wir dorthin! Ich bedarf einer kurzen Ruhe ... doch nein ... lassen Sie bitte meinen Arm, ich finde allein den Weg. Gehen Sie bitte zu den Kriminalbeamten und fragen Sie, wer der Gefangene ist und wessen man ihn beschuldigt.«—

Als Oberst Macoto kurze Zeit später zu Helene in das Restaurant kam, fand er sie wieder gefaßt. Sie sagte kein Wort, doch ihre Augen verrieten deutlich, mit welcher Spannung sie auf seine Mitteilungen wartete.

Macotos Gesicht war ernst, als er zu sprechen begann:

»Eine sehr bedenkliche Angelegenheit, gnädige Frau. Ich kann Ihnen vorläufig nur das Wenige sagen, was mir die Beamten mitteilten, die, wie ich merkte, über das eigentliche Vergehen des Mannes nicht informiert sind. Es handelt sich um einen der Spionage verdächtigen Ausländer namens Arngrim. Er ist vor einiger Zeit aus dem Gefängnis in Tokio entflohen und in Yokohama an Bord eines französischen Dampfers gegangen. Bei der Landung in Niutschwang ist er auf telegraphischen Befehl von dem Schiff heruntergeholt und hierhergebracht worden. Was weiter mit ihm geschehen wird, kann ich nicht sagen. Ich hörte nur, daß er vorläufig hier in das neue Gefängnis am Hun Ho gebracht wird.«

In Helenes Gesicht vollzog sich, während Macoto sprach, eine gewisse Wandlung. Ihre Augen gewannen den alten Glanz wieder, ihre Züge den gewohnten Ausdruck. Sie konnte sich sogar zu einem Lächeln zwingen, als sie jetzt zu Macoto sagte: »Ich danke Ihnen für Ihre Teilnahme, Herr Oberst. Sie waren ja so besorgt um mich. Nun will ich Ihnen auch erzählen, warum mich der Anblick des Gefangenen so stark traf.«—

Während sie jetzt sprach, schienen die letzten Spuren der Erschütterung verschwunden zu sein. Doch wer Helene etwa so kannte wie Alfred Forbin, würde sich sagen: Ah, jetzt hat sie einen schlauen Plan ausgeheckt, auf dessen Ziel sie mit aller Geisteskraft und Energie losgeht! Wie wohl eine schöne Frau einem Verehrer aus ihrer Tanzstunden- und Backfischzeit Reminiszenzen serviert, in humoristischer, leicht ironischer Weise über Anbeter von damals plaudert, so sprach Helene von fröhlichen Jugendtagen, von frohen Stunden, die sie mit der Neustädter jeunesss dorée ... darunter auch Arngrim ... einst verlebt hatte. Dieser Arngrim habe später ihre Heimatstadt verlassen, um auszuwandern. Was er in der Zwischenzeit getrieben, wisse sie nicht. Sein plötzlicher Anblick hier als Gefangener ... Verbrecher habe sie natürlich sehr ergriffen ...

Helene zog die Uhr. »Ich sehe, Herr Oberst, daß ich dem Gefangenen nicht helfen kann, so leid er mir auch tut. Ich fühle mich wieder vollkommen wohl. Lassen Sie uns zur Startbahn gehen.«

»Gnädige Frau! Sie wollen doch nicht etwa jetzt den Rückflug antreten?«

»Aber warum nicht, Herr Oberst?«

»Habe ich schon vorher dringend abgeraten, so muß ich jetzt darauf bestehen, gnädige Frau, daß Sie bis morgen warten. Gewiß, Sie haben die schwere Erschütterung scheinbar überwunden. Aber ich glaube doch, daß sie im Unterbewußtsein noch nachwirkt. Mit Nerven, die nicht völlig intakt, dürfen Sie den Flug bei solcher Wetterlage unmöglich wagen.«

Helene machte ein mißmutiges Gesicht. »Ich habe es Alexei versprochen, und ...«

»Höhere Gewalt, gnädige Frau, geht über alle Versprechen. Ich werde sofort mit Ihrer Erlaubnis ein Radiogramm an General Borodajew schicken, daß Sie erst morgen fliegen.«

»So mag's denn sein, Herr Oberst«, sagte Helene zögernd, »obgleich ich Ihre Besorgnisse für übertrieben halte. Ich werde die Gelegenheit benutzen, heut abend das Theater zu besuchen. Vielleicht treffen wir uns danach noch einmal in meinem Hotel.«

»Aber selbstverständlich, meine Gnädige! Es wird mir ein großes Vergnügen sein, noch ein Stündchen mit Ihnen im Hotel zu plaudern.«—

Als Macoto gegen die elfte Abendstunde in das Restaurant des Hotel Mandschuria kam, fand er Helene in einer anscheinend recht vergnügten Stimmung. Sie sprachen über das Theaterstück und über die künstlerischen Genüsse Mukdens. Nur ab und zu meinte Macoto aus ihren scherzenden Worten einen nervösen Unterton herauszuhören. Als es die zwölfte Stunde schlug, erhob sich Helene und reichte ihm die Hand zum Abschied. Der Oberst versprach, am nächsten Vormittag auf den Flugplatz zu kommen, um ihr die Mappe für Borodajew zu bringen. Bald nachdem er fortgegangen, trat auch Helene vor die Tür des Hotels. In der Fliegerkleidung unter dem weiten Mantel, eine Reisemütze über den Kopf gezogen, konnte sie in der Dunkelheit für einen Mann gelten. Nach einigen Kreuz- und Quergängen schlug sie den Weg zum Hun Ho ein. An einem Kaischuppen unweit des Gefängnisses blieb sie stehen.

Eine Viertelstunde mochte sie wohl gewartet haben, da kam vom Gefängnis her ein Mann. In der Nähe des Schuppens gab er einen leisen Pfiff von den Lippen, den Helene ebenso beantwortete. Der Mann flüsterte ihr ein paar Worte zu, worauf sie ihm ein Päckchen Geldscheine in die Hand drückte. Es war der Rest des Bestechungsgeldes für Arngrims Befreiung.

Der Unbekannte verschwand in einer Seitengasse, Helene schlug den Rückweg zum Hotel ein. Er ist frei! Er ist frei! murmelte sie vor sich hin, was ich tun konnte, habe ich getan. Ob es ihm gelingen wird, ungesehen einen Hafen zu erreichen? Dann wäre er gerettet. Irgendein Schiff wird sich schon finden, das ihn aufnimmt. Das Geld, das ich ihm in den Seemannsanzug einnähte, wird ihm helfen. Das heißt, setzte sie etwas nachdenklich hinzu, wenn dieser Gefängniswärter es nicht gestohlen hat.—

Auch am folgenden Tage war die Wetterlage wenig verheißungsvoll. Die Prognose war ebenso ungünstig wie gestern. Doch diesmal waren alle Bitten Macotos, den Rückflug noch einmal zu verschieben, vergeblich. Helene bestand auf ihrem Willen.

Ihre Maschine wurde aus der Halle auf die Startbahn gezogen. Ein kurzer Händedruck, dann stieg sie in ihr Flugzeug und ließ den Propeller anwerfen. Wenige Minuten später sah Macoto die Maschine nur noch als kleines Pünktchen nach Norden entschwinden.

»Selbst sie ist nicht frei von Weiberlaunen, läßt sich nicht raten«, brummte er vor sich hin. »Das Postflugzeug nach Söul da drüben wird in die Halle zurückgezogen. Es folgt der Wetterwarnung, unterläßt den Flug.« —

Zwei Stunden hielt Helene ihre Maschine mit einer Geschwindigkeit von fast dreihundert Kilometer auf Nordkurs, da stieg im Westen eine schwarze Wetterwand auf. Nicht ohne Sorge sah Helene sie mit bedrohlicher Schnelle näher kommen, doch verlor sie keinen Augenblick die kühle Überlegung.

Eine Landung auf dem zerklüfteten, größtenteils mit Wald bedeckten Erdboden war ausgeschlossen. Es blieben ihr nur die beiden Möglichkeiten, umzukehren oder ihren Weg weiter zu verfolgen, indem sie aus ihrer Maschine das Letzte herausholte, was die an Schnelligkeit zu leisten vermochte.

Zweifellos wäre es richtiger gewesen, zurückzufliegen und das Unwetter dann von Süden her westwärts zu umgehen. Dann war es aber ausgeschlossen, noch am selben Abend den Heimathafen am Sungari zu erreichen. Entschlossen setzte sie deshalb den Weg nach Norden fort und suchte dabei größere Höhen zu gewinnen, um das Unwetter vielleicht unter ihr Flugzeug zu bringen.

Die Luft war inzwischen so diesig geworden, daß sie vom Boden nichts mehr erkennen und nur nach dem Kompaß fliegen konnte. Die in immer schnellerer Folge einsetzenden Böen zeigten ihr, daß ihre Lage von Minute zu Minute ernster wurde. Eine einigermaßen sichere Aussicht dem Wetter zu entgehen war nur bei einem Kurs nach Nordosten vorhanden. Das bedeutete aber unweigerlich das Überfliegen des Ussuristromes und damit des russischen Küstengebietes.

Mit verbissener Energie blieb sie auf dem alten Kurs. Der Versuch, dem Unwetter durch Gewinnung großer Höhe zu entgehen, erwies sich als erfolglos. Schon zeigte der Höhenmesser fast fünftausend Meter, das Atmen fiel ihr schwer.

Da war es plötzlich, als würde ihr Flugzeug von einer unsichtbaren Hand gepackt und in rasendem Sturz in die Tiefe gerissen. Sekunden verstrichen, dann hatte sie sich und die Maschine wieder in der Gewalt. Ihre Augen gingen zum Kompaß, zum Höhenmesser. Noch ehe sie die Orientierung wiedergefunden, traf sie ein neuer Stoß, der sie beinahe aus dem Führersitz warf.

Es dauerte geraume Zeit, bevor sie das Flugzeug wieder zu meistern, einen Blick auf die Instrumente zu werfen vermochte. Da erkannte sie mit Schrecken, daß die Maschine mit dem Sturm geradeswegs nach Osten jagte. Mit einem schnellen Ruck drehte sie das Steuer, zwang das Flugzeug wieder in die Nordrichtung zurück.—

Wohl eine Stunde kämpfte sie gegen das Wetter, dann hatte sie das Zentrum des Sturmes hinter sich. Sie konnte freier atmen ... Wo war sie? ... Wie weit hatte der Orkan sie aus ihrem Kurs geworfen?

Entschlossen stieß sie durch die Wolkenwand, die ihr die Sicht versperrte, nach unten durch. Zunächst bot das Landschaftsbild unter ihr nicht den geringsten Anhaltspunkt zur Orientierung. Doch in der Überzeugung, daß sie weit nach Osten auf russisches Gebiet abgetrieben, nahm sie reinen Kurs nach Westen. Der Grenzfluß Ussuri, die Eisenbahnlinie Chabarowsk-Mukden mußten die Bestätigung dieser Ansicht bringen, wenn es so war.

Eine halbe Stunde war sie geflogen, da sah sie im Sonnenschein das doppelte Band des Flusses und der Eisenbahn schimmern. Ihr Blick ging flußauf-, flußabwärts, blieb an den Häusern und Türmen einer größeren Stadt hängen. Sie schätzte die Entfernung bis zur Grenze auf einige zwanzig Kilometer. In wenigen Minuten mußte sie die überflogen haben.

Da sah sie von Norden, von Chabarowsk her, zwei Flugzeuge herankommen, die sich anschickten, neben der Stadt niederzugehen. Nach ihrer Karte konnte die Stadt vor ihr Wasiliewa sein, wo eine Fliegerabteilung stationiert war. —

Schon hoffte sie, ungesehen über die Grenze entwischen zu können, da sah sie zu ihrem Schrecken, wie die beiden Flieger wieder größere Höhen suchten. Der eine kam direkt auf sie zu, während der andere nach Westen ausbog, offensichtlich um ihr den Weg zu verlegen. Der letztere war der gefährlichere Feind, weil er den kürzeren Weg hatte. Mit ein paar schnellen Griffen machte sie das eingebaute Maschinengewehr fertig, nahm aber doch mit Vollgas Kurs nach Südwesten. Vielleicht, daß ihre Maschine, schneller als die feindliche, die Grenze vor der erreichte.

Aber schon nach wenigen Augenblicken mußte sie einsehen, daß das nicht gelingen würde, ohne in das Feuer jenes Fliegers zu kommen. Kaum daß sie es erkannt, warf sie ihre Maschine herum und stürmte in gerader Linie auf das Flugzeug los, das ihr den Weg abschnitt.

Ein paar Sekunden später fuhren die Geschosse aus ihrem Maschinengewehr dem Russen in die Flanke. Plötzlich eine dunkle Rauchwolke bei dem. Eine glückliche Kugel mußte den Benzintank getroffen haben. In einer roten Feuergarbe schoß das russische Flugzeug nach unten.

In Helene jubelte es auf. Gerettet! dachte sie. In einer Minute bin ich über mandschurischem Boden. Da sah sie etwas Dunkles vor ihrer Maschine durch die Luft fliegen. Ein Treffer des anderen Gegners hatte ihr einen Propellerflügel zerschlagen. Jäh kippte ihr Flugzeug zur Seite. Ein paar Herzschläge höchster Gefahr, dann hatte sie es aufgefangen, suchte in langem Gleitflug über den Ussuri hinweg mandschurischen Boden zu erreichen.

Vergeblich die Hoffnung! Trotz aller Anstrengungen schlug ihre Maschine auf dem Fluß auf.—

Als Helene wieder zu sich kam, befand sie sich in einem militärischen Wachlokal auf einer Soldatenpritsche. An einem Tisch in der Mitte des Zimmers saß ein Soldat, der ihr den Rücken zukehrte.

Gefangen! Ihr erster Gedanke. Eine Flut anderer hinterher ... der abgeschossene Flieger ... die Papiere in ihrem Flugzeug ... der photographische Apparat ... Spionage ... Hoheitsverletzung ... was werden sie mit mir machen? ...

Vorsichtig begann sie ihren Körper zu untersuchen, ob sie irgendwie bei dem Sturz verletzt sei. Alles in bester Ordnung ... ein gutes Zeichen ... nirgends Schmerzen. Nur der Kopf brummt ein bißchen. Wahrscheinlich bin ich bei meiner unfreiwilligen Landung gegen die Wand geschleudert worden. Also vorläufig kein Grund, alle Hoffnung aufzugeben.

»Hallo, mein Bester! Möchten Sie mir nicht lieber Ihre freundliche Seite zukehren?«

Bei dem Klang ihrer Stimme fuhr der Soldat auf, drehte sich zu ihr um. Er war, wie sie aus den Abzeichen erkannte, ein Unteroffizier der Fliegertruppe. Mit ein paar raschen Schritten trat er auf sie zu, streckte ihr drohend die Faust entgegen und überschüttete sie mit einer Flut von Worten.

Da ihr russischer Sprachschatz nur klein war, quittierte sie seine zweifellos recht unfreundliche Ansprache mit einer Nichtverstehen bedeutenden Handbewegung.

Der Soldat drehte sich wütend um, verließ das Zimmer und kam bald darauf mit einigen Offizieren zurück. Ein junger Leutnant sprach sie auf englisch an und bedeutete ihr, daß er bei dem jetzt folgenden Verhör durch Major Opiskin als Dolmetscher dienen würde.

Während die Offiziere an dem Tisch Platz nahmen, fragte sie der Leutnant in ziemlich rücksichtsvollem Ton, ob sie irgendwelche Beschwerden habe und ob sie schon jetzt, eine Stunde nach dem Unfall, geistig frisch genug sei, dem Verhör zu folgen.

»Nun«, sagte Helene lächelnd, »mein Kopf ist zwar bei dem Sturz etwas in Mitleidenschaft gezogen, aber ein Glas Tee und eine Zigarette werden genügen, um mich voll verhandlungsfähig zu machen.«

Während der Dolmetscher hinausging, um das Gewünschte zu besorgen, hatte sie Gelegenheit, die Offiziere am Tisch zu betrachten. Das tat sie in voller Ruhe, ohne sich daran zu kehren, daß sechs Augen sie mit größter Spannung und Neugierde prüften. Der Eindruck, den sie von den Offizieren und besonders von dem Führer, Major Opiskin, bekam, war nicht schlecht. Sie versuchte eine Unterhaltung mit ihm anzuknüpfen und redete ihn abwechselnd in allen europäischen Sprachen an, die sie beherrschte. Der Major antwortete ihr in gebrochenem Französisch, daß außer dem Dolmetscher niemand hier eine andere Sprache als Russisch spräche.

Der kam jetzt zurück und stellte ein Kännchen Tee und Zigaretten neben ihr Lager. Helene hielt es für besser, liegenzubleiben, um sich unauffällig vor der scharfen Beobachtung schützen zu können. Außerdem war sie sich bewußt, daß sie in dem unvorteilhaften Fliegerkostüm keinen besonderen Eindruck auf die Offiziere machen konnte. So gab sie, die Arme unter dem Kopf verschränkt, die Augen auf eine Wanduhr ihr gegenüber gerichtet, Antwort auf die vielen Fragen, die ihr gestellt wurden. Ihr Benehmen während des Verhörs machte den Eindruck, als fühle sie sich in keiner Weise schuldig und halte ihr Tun und Handeln für durchaus berechtigt.

Um fünf Uhr hatte das Verhör begonnen. Der Zeiger näherte sich der achten Stunde, und noch immer hatte es kein Ende genommen. Helene fühlte, wie ihre Kräfte nachließen. Der lange, anstrengende Flug, der Kampf in der Luft mit Natur- und Feindesgewalt, das zermürbende Verhör ... ihre Nerven drohten zu versagen. Kurz entschlossen sprang sie auf:

»Meine Herren! Ihr Benehmen ist nicht ritterlich. Sie vergessen, daß ich eine Dame bin. Sie quälen mich.«

Einen Augenblick sahen die Offiziere sie verdutzt an, brachen dann in ein lautes Gelächter aus. Solche Worte aus dem Munde einer Frau, die mehrfach den Tod verdient hatte, schienen ihnen denn doch der Gipfel der Kühnheit. Einer von ihnen, der Hauptmann Gregorieff, trat entrüstet zu Helene heran und suchte ihr in einem sehr kauderwelschen Französisch klarzumachen, daß man das Verhör jetzt beende ... nicht weil die gnädige Frau es wünsche, sondern weil der festgestellte Tatbestand vollkommen genüge, um sie vor die Flintenläufe zu bringen. War es Helenes verächtlich-spöttisches Gesicht, waren es ihre französischen Worte »Dummer roher Patron!« ... der Offizier geriet in Wut und hob schon die Hand gegen sie, da faßte ihn Major Opiskin am Arm und zog ihn aus dem Raum.

Etwas nachdenklich sah Helene sie gehen. Die mehr oder weniger gespielte Sicherheit, mit der sie das Verhör bestanden begann zu wanken. Mit nervösen Fingern griff sie zu der Tabaksdose und zündete sich eine Zigarette an. Nach ein paar beruhigenden Zügen bekam sie ihre Nerven wieder in die Gewalt.

»Der Weg vor die Flintenläufe, Herr Hauptmann Gregorieff, ist sicherlich weiter, als Sie denken«, murmelte sie vor sich hin und schnippte die Asche der Zigarette beiseite. »Noch lebe ich, und das bedeutet allerlei, mein verehrter Herr Hauptmann!«—

Als am nächsten Tage das Kriegsgericht zusammentrat, um gegen Helene Forbin zu verhandeln, hatte ihre an sich schon schlimme Lage soweit möglich noch eine Verschlechterung erfahren. Kurz vor Beginn der Verhandlung war der Kommissar Schtschetinin aus Chabarowsk gekommen.

Schtschetinin hatte keinen offiziellen Posten in der Verwaltung. Er war sozusagen ein Minister ohne Portefeuille und ständig unterwegs, um überall nach dem Rechten zu sehen. Da er niemand unterstellt und nur der Regierung in Moskau verantwortlich war, waren seine Machtbefugnisse unbegrenzt. Die Art und Weise, wie er sie ausnutzte, hatte ihn im ganzen Fernen Osten sehr verhaßt und gefürchtet gemacht.

Äußerlich erweckte er durchaus keinen ungünstigen Eindruck. Noch verhältnismäßig jung, mit regelmäßigen Gesichtszügen und von schlanker, hoher Figur, ging er stets aufs beste gekleidet. Auch suchte er etwas darin, im Verkehr überaus korrekt und höflich aufzutreten. Doch wehe, wenn er auch nur das geringste fand, einem etwas am Zeuge zu flicken. In liebenswürdigster, freundlichster Weise verabschiedete er sich von dem, um ihn ein paar Tage später in schärfster Weise maßregeln und bestrafen zu lassen. Nur in einem Punkt war Schtschetinin verwundbar, er hatte eine Schwäche für Frauenschönheit. Daß er die unzweifelhaften Erfolge, die er auf diesem Gebiete aufweisen konnte, in erster Linie seiner Stellung verdankte, ließ ihn seine Eitelkeit nicht zugeben. Der Fall Helene Forbin hatte aus mehrfachen Gründen großes Interesse für ihn.—

Die Verhandlung vor dem Kriegsgericht nahm einen kurzen Verlauf. Die Angeklagte erklärte von vornherein, daß sie außer den bereits gestern gemachten Aussagen nichts weiter mitzuteilen habe. Sie werde auf alle weiteren Fragen, die an sie gerichtet würden, keine Antwort geben. So mußte sich nach vergeblichem Zureden der Vorsitzende des Gerichts damit begnügen, auf Grund des in der Sitzung vorgelesenen Protokolls das Urteil zu finden. Wie es ausfallen mußte, stand ja außer Zweifel.

Wohl keiner lauerte auf die Verkündung dieses Urteils mit solchem Interesse wie Schtschetinin. Mit einer Art perverser Neugier sah er der Reaktion der Angeklagten auf den Todesspruch entgegen. War ihre Fassung wirklich echt? Würde sie sie bewahren? Er glaubte, wünschte es nicht. Was würde sie tun? Würde sie das gequält-gemachte Lächeln der Gleichgültigkeit zeigen? Würden ihre Nerven gänzlich versagen und sie zusammenbrechen unter der Wucht des Spruches? Würde sie um Gnade bitten? ...

Noch kürzer als die Verhandlung war die Beratung des Gerichtshofes. Dann wurde das Urteil verkündet: Tod durch Erschießen.

Schtschetinin erlebte eine ärgerliche Enttäuschung. Keine seiner Erwartungen erfüllte sich. Die Angeklagte hörte das Urteil mit ungespielter Ruhe und Gleichmütigkeit an. Nicht anders, als hätte der Vorsitzende eine belanglose Meinung über das Wetter geäußert.—

Eine Stunde später hielt Borodajew den Funkspruch eines seiner Agenten in Händen, der ihm meldete, daß Helene am nächsten Morgen erschossen werden würde.

* * *

Dale kam mit mehreren anderen Offizieren aus dem Generalstabsgebäude in Canberra. Sein Gesicht sah gerötet und erhitzt aus, eine tiefe Falte war zwischen den buschigen Augenbrauen eingegraben. Ein Ausdruck starker Verbitterung und Enttäuschung stand um seinen Mund. Vergeblich sein langer Kampf, vergeblich alle Anstrengungen, die höheren Militär- und Regierungsstellen von der nahen Kriegsgefahr zu überzeugen. Die Zahl seiner Gegner war zu groß gewesen.

Die Konferenz, die sich vom frühen Morgen bis zum Spätnachmittag hingezogen hatte, war von dem neuernannten Landesverteidigungsminister einberufen worden. Es war zu erwarten, daß der Minister infolge gewisser Presseangriffe vor dem Parlament in nächster Zeit verschiedene Anfragen, die Landesverteidigung betreffend, zu beantworten haben würde. In der »Australian World« waren eine Reihe von Artikeln erschienen, die in eindringlichster Weise Maßnahmen der Regierung zum Schutze des Landes verlangten.

Unter anderem war darin gesagt, der Ausbruch der Feindseligkeiten an der russisch-mandschurischen Grenze würde keineswegs eine Entspannung der Lage für den übrigen Osten bedeuten, ein Krieg in Ostsibirien würde—einerlei, wie er auch ausginge—auf jeden Fall die militärischen Kräfte Rußlands derart fesseln, daß es bei etwaigen anderen Konflikten zu vollständiger Untätigkeit verurteilt wäre. Nur aus diesem Grunde unterstütze Japan die Aufstandsbewegung in Sibirien. Die Ausführungen des Artikelschreibers über die Möglichkeiten, bei einem englisch-japanischen Konflikt Australien und in erster Linie die großen Handelsstädte an den Küsten vor einer Invasion zu schützen, waren sehr pessimistisch gehalten. Auch die übrige Presse hatte sich, angeregt durch die Artikel, immer nervöser mit diesen Problemen beschäftigt.

Erfolglos hatte Dale, unterstützt von einigen wenigen anderen Militärs, darunter Scott und Trenchham, in der Konferenz den Standpunkt des Artikelschreibers der »Australian World«—er war es in Wirklichkeit selbst—aufs energischste vertreten. Die Mehrzahl der Anwesenden wollte nichts von einer drohenden Kriegsgefahr wissen.—

Während Dale die Straße hinunterging, sah er auf der anderen Seite Clennan winken, der eben in das Café Edinburgh eintreten wollte. Er überschritt den Fahrdamm und begrüßte ihn. Dessen Aufforderung, mit in das Café zu kommen, lehnte er ab. »Mir raucht der Kopf schon zur Genüge, Clennan.«

In kurzen Worten erzählte er dem von den Vorgängen in der Konferenz und seiner Niederlage gegenüber den unbelehrbaren, schwerfälligen Bürokratenseelen, die immer nur die Meinung von Downing Street verträten. Im Foreign Office könne man sich nun einmal nicht von den Scheuklappen frei machen, hinter denen man seit geraumer Zeit das Weltgeschehen betrachte.

»Ich werde mir Urlaub nehmen und mich bei Georg Astenryk für einen der nächsten Tage zum Besuch anmelden.« Er verabschiedete sich von Clennan und ging weiter.

Im Café lenkte Clennan zunächst wie üblich seine Schritte zu einer Tischreihe direkt hinter der großen Fensterscheibe. Doch mitten auf dem Weg dorthin schien er sich eines anderen zu besinnen. Er wandte sich zur Seite und nahm an einem Tisch im Hintergrund des Lokals Platz. Es kam ihm noch kurz zum Bewußtsein, daß die Blicke des Kellners, der gewöhnt war, ihn an einem der Fensterplätze zu bedienen, verwundert fragend aus ihm ruhten. Dann war es, als lege sich ein dunkler Schleier über sein Hirn.

Er fühlte sich zwar noch Herr aller seiner Sinne, indem er genau wußte, was er tat und dachte. Aber jede seiner Handlungen, jeder seiner Gedankengänge schienen ihm fremd, ungewollt. Er fühlte sich nach Puls und Herz, dachte an einen Fieberanfall, der ihn plötzlich überkommen hätte. Da sah er einen Herrn, der bisher am Nebentisch, den Rücken ihm zugekehrt, gesessen hatte, aufstehen und zu ihm kommen. Er nahm die Hand, die der Fremde ihm entgegenstreckte und sagte mit freundlichem Lächeln:

»Guten Tag, Mr. Turi. Ich freue mich, Sie begrüßen zu können.«

Turi Chan nahm wie ein alter Bekannter an Clennans Tisch Platz und verwickelte ihn in eine lebhafte Unterhaltung. Der Kellner sah öfter verwundert zu dem Tisch der beiden hinüber, wo ab und zu lautes, vergnügtes Lachen erklang. Ein paar gute alte Freunde, die sich da wiedergefunden haben, dachte er im stillen.

Nach einer halben Stunde erhoben sich beide und zahlten. Ehe sie das Lokal verließen, gingen sie zusammen zu einer der Telephonzellen und verweilten dort kurze Zeit.—

»Georg, komme bitte herauf! Clennan ruft von Canberra aus an.«

»Ich komme sofort, Marian.«

Gleich darauf trat Georg in sein Arbeitszimmer, wo ihn Marian, den Hörer in der Hand, erwartete.

»Nun, was hat denn der gute Clennan auf dem Herzen. Will er mich auch besuchen wie Dale, der vorher anrief?«

Marian schüttelte den Kopf und gab Georg den Hörer. Der sprach mit Clennan. Nach einiger Zeit legte er den Hörer zurück und sagte: »Ich soll morgen so bald als möglich nach Canberra kommen und Clennan aufsuchen. Er meinte, er hätte mir allerlei Wichtiges mitzuteilen. Ich habe ihm versprochen, so früh zu fahren, daß ich um halb zwölf bei ihm bin ... Aber was hast du denn? Du machst ja ein Gesicht, Marian, als käme dir meine Reise nicht zupasse.«

Marian hob den Kopf und schaute Georg unsicher an. »Fiel dir nichts auf, Georg, während du mit Clennan sprachst?«

Der sah verwundert auf. »Nicht daß ich wüßte! Wie kommst du darauf?«

Marian schnitt ein Gesicht und druckste ein paarmal, wie im Zweifel, was er sagen sollte, sagte dann: »Es gefiel mir nicht, wie Clennan am Telephon sprach. Gewiß, es war seine Stimme, aber ihr Klang ... so eintönig leblos, als spräche eine Puppe.«

Georg lachte laut heraus: »Marian, Marian! Du scheinst mir neuerdings an Einbildungen zu leiden. Clennan sprach durchaus vergnügt und munter. Mir schien es eher, er hätte noch lebhafter als sonst gesprochen.«

»Ich meine nicht die Worte, die er sprach ... den Ton, in dem er es sagte.«

»Nun laß aber gut sein, alter Junge! Ich werde Clennan zum Spaß von deinen Halluzinationen erzählen.«—

Die Uhr von St. Mary's Cathedral in Canberra schlug das zweite Viertel nach elf, als Georg Astenryk seinen Kraftwagen auf einem Parkplatz am Victoria Square abstellte. Wenige Minuten später betrat er Clennans Wohnung. Daß die Tür schon offen stand, als er klingeln wollte, fiel ihm nicht weiter auf. Der Freund mochte ihn wohl schon vom Fenster aus gesehen haben.

Er ging in das Arbeitszimmer. Erstaunt sah er um sich, Clennan war nicht hier. Er wandte sich um und wollte den Raum verlassen, da war es ihm, als riefe ihn etwas zurück. Gleichzeitig hörte er die Portiere zum Nebenzimmer rauschen. Er wollte sich schnell herumdrehen, fühlte aber plötzlich eine solche Schwere in den Füßen, daß er nur eben den Kopf zu wenden vermochte.

Der Mann da ... Georgs Augen weiteten sich zu unnatürlicher Größe, wie ein elektrischer Schlag durchzuckte es ihn beim Anblick der Gestalt, die jetzt aus der Portiere hervortrat und auf ihn zukam. Mit ungeheurer letzter Willensanstrengung raffte er sich zusammen. Mit geballten Fäusten, blitzenden Augen, die Kiefer fest aufeinandergepreßt, verharrte er sekundenlang, alle Nerven aufs stärkste gespannt.

Dann, als striche ein magnetischer Strom über ihn hin, entspannten sich alle Organe, Körper und Geist versanken in lähmende Ruhe. Die Arme schlaff zur Seite, den Kopf gesenkt, stand er völlig apathisch da, hörte mit gleichgültigem Ohr die Worte, die jetzt zu ihm drangen:

»Sie wollten Herrn Clennan besuchen, Herr Astenryk. Ihr Freund ist leider verhindert, Sie hier zu empfangen. Doch sein Aufenthaltsort ist mir bekannt. Ich werde Sie sofort zu ihm bringen. Er wartet mit Sehnsucht auf Sie. Gehen Sie bitte voran. Wir werden zu dem Parkplatz gehen und Ihren Wagen benutzen. In kurzer Zeit werden Sie Freund Clennan wiedersehen.«—

Von Georgs Arm, Turi Chans Willen gelenkt, rollte der Wagen durch das Straßengewühl nach Norden aus der Stadt heraus, bis er vor einem einzeln stehenden Landhaus hielt. Wohl eine Stunde saßen sie dort in einem kahlen, nüchternen Raum des Erdgeschosses. Dann erhob sich Turi Chan mit einer leichten Verneigung:

»So weiß ich denn alles, was Sie dachten und wollten mit Ihrem Verstärker. Ich werde meine weiteren Maßnahmen danach einrichten. Nochmals meinen besten Dank für Ihre wertvollen Mitteilungen, Herr Astenryk.«

Der gewollt ironische Ton, in dem Turi Chan dies sprach, gelang nur unvollkommen. Ein anderer hätte sehr wohl den Unterton starker Bewunderung und Anerkennung hindurchklingen hören.

»Bitte, folgen Sie mir jetzt! Ich werde Sie zu Ihrem Freunde Clennan bringen.« Er führte Georg in den Keller hinunter, schloß eine Tür auf und stieß ihn hinein. Der stand einen Augenblick verwirrt, wie betäubt, da klang es an sein Ohr:

»Sie sind's, Herr Astenryk?! Also doch!«

Die Stimme, die Georg entgegenschlug, schien aus dunkler Tiefe zu kommen.

»Clennan?« kam es fragend aus seinem Munde.

»Gewiß, ich bin's. Doch halt! Bewegen Sie sich nicht weiter. Ich bin gleich bei Ihnen. Vor Ihnen liegen mehrere Stufen.

So! Jetzt bitte!« Damit griff Clennan Georg beim Arm und führte ihn wohl ein halbes Dutzend Stufen hinunter. »So, da wären wir.«

Er fühlte, wie Georgs Hände seinen Arm wie mit eisernen Klammern umspannten. »Ist's denkbar, Clennan, daß wir beide Opfer, Sklaven dieses Turi Chan geworden sind?« kam es heiser vor Wut und Haß aus Georgs Munde.

»Lassen Sie, Herr Astenryk! Sprechen Sie noch nicht! Vermutlich hat Sie das Ungeheuer eben erst aus seinem Bann entlassen. Kommen Sie hierher, setzen Sie sich an den Tisch. Allmählich werden Sie sich an die Dunkelheit gewöhnen. Das kleine Luftloch da oben läßt soviel Licht herein, um bei Tage das Notwendigste zu erkennen. Hier, greifen Sie das Glas. Es ist ein ganz anständiger Wein. Genügend Vorrat ist da. Zu Ihrer linken Hand steht auch ein Kasten Tabak. Rauchen können wir also.«

Lange Zeit saßen sie sich schweigend gegenüber. Clennan hatte das Gefühl, er müsse Georg erst Zeit gönnen, das seelische Gleichgewicht wiederzufinden. Mahnte ihn nur öfter, von dem Wein zu trinken.

Mit einem Male fuhr dessen Faust donnernd auf den Tisch herunter, daß Flasche und Gläser tanzten. Ein Gelächter brach aus Georgs Kehle, so voll gräßlichen Spotts und Hohns, daß Clennan sich entsetzt zu ihm hinüberbeugte, ihm die Hand um die Schulter legte.

»Lassen Sie, Clennan! Keine Angst, daß ich verrückt geworden bin. Ist doch alles tatsächlich zum Lachen! Wir ... noch vor wenigen Stunden im Hochgefühl unserer allem überlegenen Macht ... lassen uns von diesem Verbrecher wie dumme Lämmer am Gängelbande führen.«

»Ruhe, Ruhe, lieber Freund! Noch ist nicht aller Tage Abend. Ebenso wie meine Annahme, Sie heute hier begrüßen zu können, eingetroffen ist, werden sich wohl auch meine anderen Vermutungen als richtig erweisen.«

»Und die wären, Herr Clennan?«

»Lassen Sie jetzt ... davon später! Zunächst einmal möchte ich wissen, was Ihnen passiert ist.«

Eine Weile hörte Clennan nur das stoßweise, heftige Atmen Georgs.

»Nun, ich kann es mir ungefähr denken«, sagte er mitleidig. »Sie sind auf meinen telephonischen Anruf prompt in meine Wohnung gekommen. Dort hat Sie der Halunke, wie Marian sich so schön ausdrückt, ›gefaßt‹. Hat Sie mit sich genommen hier in dieses Haus und Ihnen unter dem Zwang seines Willens alle Ihre Geheimnisse entrissen. Dann hat er sie zu mir in den Keller gebracht, wo wir vorläufig seine Gefangenen sind ...«

Georg fuhr auf. »Sie sagen vorläufig? ... Haben Sie irgendeinen Plan, eine Idee? ... Mir ist der Kopf noch so schwer, daß ich kaum einen klaren Gedanken fassen kann.«

»Das gerade nicht, Herr Astenryk. Ich habe bisher nur versucht zu kombinieren, was jetzt weiter geschehen wird. Ich zweifle nicht, daß es Turi Chan in erster Linie auf Ihren Verstärker abgesehen hat. Über den haben wir ihm ja beide in unserer geistigen Ohnmacht alles Wissenswerte erzählt. Ich nehme als sicher an, daß er ihn mit seiner teuflischen Kunst bekommen wird ...«

Georg stöhnte laut auf. »Um Gottes willen, Clennan! Wirklich? So wäre alles vergeblich gewesen? So würde alle unsere Hoffnung zunichte werden? Ich kann, will es nicht glauben, daß der gelbe Schuft Herr über all das wird, was wir in mühevoller Arbeit ersannen, erschufen.«

»Ganz so meine ich es ja auch nicht. Ohne Zweifel wird es Turi Chan zwar gelingen, sich in den Besitz Ihres Verstärkers zu bringen. Aber damit hat er noch lange nicht gewonnen. Bedenken Sie, wie unendlich schwierig es selbst für einen Fachmann sein würde, diesen komplizierten Apparat in Tätigkeit zu setzen. Da können Sie wohl sicher sein, daß Sie oder ich—oder wir beide—von Turi Chan herangeholt werden, um die Konstruktion und Inbetriebsetzung des Apparates zu erklären ...«

»Lieber sterben!« Georg sprang auf und lief wie wahnsinnig durch den engen Raum.

»Ja, ja, Herr Astenryk«, sagte Clennan mit gemachter Ironie, »wenn das so ginge, das Sterben! Selbst das können Sie ja nicht, wenn ›Er‹ es nicht will.«

»So will ich's lieber gleich ...!«

»Unsinn, Herr Astenryk! So schnell dürfen wir nicht den Mut verlieren. Was ich sagte, sind doch alles nur Annahmen. Aber wie dem auch sei, gerade aus dieser letzten Kombination schöpfe ich eine gewisse Hoffnung. Nehmen wir einmal an, er holte sie, um sich von Ihnen den Verstärker in Betrieb setzen zu lassen ...«

»Hm!« meinte Georg, »Sie denken, das wäre eine Gelegenheit ...«

»Allerdings, Herr Astenryk.«

»Ja, aber wie? Was? ... Er wird mich doch zweifellos für diesen Zweck wieder in seinen Bann zwingen. Da bin ich ja völlig kraft- und willenlos.«

»Hm, hm ... gewiß, Herr Astenryk ... so muß man ohne weiteres annehmen. Aber ... es ist doch ein kleiner Unterschied dabei.

Als er uns ›faßte‹, waren wir gänzlich unvorbereitet. Wenn Sie jetzt wieder mit ihm zusammenkommen, werden Sie das nicht sein ... und da meine ich, wir als Fachleute sollten bei einigem Nachdenken doch Mittel und Wege finden können, um uns seinem höllischen Zauber zu entziehen.«

»Gut, gut, Clennan! Ich schöpfe neue Hoffnung ... und damit ist schon einiges gewonnen. Die Wellen aus Turi Chans Hirn sind nichts anderes als die aus meinem Verstärker ... und wie die in ihrer früheren geringen Intensität von allem Metallischen verschlungen wurden, das wissen wir. Die Energie, mit der das menschliche Hirn Wellen aussendet, kann nur den Bruchteil eines Watt betragen. Mag Turi Chan die Energie seiner Gedankenstrahlung mit seinem Teufelspulver selbst bis zu einem Watt steigern, so muß sie doch an der schwächsten metallischen Abschirmung scheitern.

Zunächst mal trinke ich Ihnen auf Ihren guten Gedanken zu. Und jetzt den Kopf angestrengt, was wir tun können!«

Clennan durchkramte seine Taschen. Schlüsselbund, Messer, Uhr waren alles, was er an Metallischem bei sich führte. »Ihr Metallvorrat wird nicht viel anders sein, Herr Astenryk. Oder sollten Sie etwa zufälligerweise eine Imkermaske bei sich führen?« fragte er in einem Anflug von Galgenhumor.

Georg dachte angestrengt nach. Sein Auge hing an dem Sonnenstrahl, der durch das Luftloch in den Keller fiel ... Plötzlich sprang er auf.

»Ha, ich greife dich! Ein Strahl vom Himmel, Clennan! Im wahrsten Sinne des Wortes ...«

Er griff mit der einen Hand in den Lichtbalken, deutete mit der anderen nach dem Mauerloch.

»Sehen Sie das feinmaschige Drahtgewebe in dem Loch da oben?«

Clennan schaute in die Höhe. »Bei Gott, Sie haben recht, Herr Astenryk. Das könnte uns helfen.«

Er schob den Tisch an die Außenmauer und stieg hinauf. Ein paar Griffe, dann hielt er das Gewünschte in den Fingern. Es war ein schmaler Holzrahmen, mit Drahtgaze überspannt, wie man ihn wohl zum Schutz gegen Ungeziefer vor Kelleröffnungen setzt. Er maß ungefähr acht Zoll im Quadrat.

»Ausgezeichnet!« sagte Georg und wog ihn in der Hand. »Da läßt sich allerlei draus machen. Gehen wir gleich an die Arbeit!«

* * *

Oberst Baranow, der Kommandeur des Vierten sibirischen Reiterregiments in Wasiliewa, kam mit seinem Adjutanten die Straße von den Bergen her zur Stadt geritten.

»Wir haben jedenfalls getan, was wir tun konnten, Ushdan. Wäre dieses Vieh von einem Kommissar nicht gekommen, würde man vielleicht einen anderen, bequemeren Weg gefunden haben, Borodajews Freundin frei zu machen. Wie die Sachen jetzt liegen, konnten wir nicht mehr riskieren, ohne sehr viel ... vielleicht sogar alles aufs Spiel zu setzen.«

»Unbedingt, Herr Oberst. Wenn wir—und hoffentlich recht bald —vor Borodajew treten, können wir mit gutem Gewissen sagen, daß von unserer Seite alles getan wurde, um Helene Forbin zu helfen.«

»Verflucht, Ushdan! Das klingt sehr pessimistisch. Haben Sie so wenig Hoffnung?«

Der wippte mit seiner Reitgerte durch die Luft.

»Offen gesagt, ja, Her, Oberst. Zunächst einmal hängt doch alles davon ab, daß Sie den Zettel findet.«

»Allerdings, das ist eine verzweifelte Sache und hängt sehr vom Zufall ab. Es ist natürlich ausgeschlossen, daß die Gefangene das ganze Stück Brot verzehrt. Sie braucht nur die Hälfte liegenzulassen, dann steht das Verhältnis eins zu eins, daß sie den Zettel nicht findet.«

»Das andere, Herr Oberst, ist nach meiner Meinung mindestens ebenso vom Zufall abhängig.«

»Das sagen Sie nicht, Ushdan! Ich weiß wohl etwas besser über diese außergewöhnliche Frau Bescheid. Sie können sicherlich nicht bestreiten, daß sie hervorragenden Mut besitzt. Klug und verschlagen ist sie mehr als tausend andere. Wüßte ich, daß sie den Zettel gefunden hat, wäre ich nur halb so besorgt.«

Der Adjutant widersprach nicht weiter. Er wußte, daß dem Oberst die Sache mit Borodajews Freundin sehr zu Herzen ging.

War doch Baranow dem General Borodajew in besonderer Freundschaft und Bewunderung zugetan. Unter den vielen anderen Gleichgesinnten erwartete er mit stärkster Ungeduld den Tag, da Borodajew losschlagen, er zu ihm übergehen würde.

Ushdan deutete leicht mit der Hand nach einem Manne, der auf einem Seitenweg der Straße zugeschritten kam.

»Vielleicht merken sich Herr Oberst dieses Gesicht. Ich habe gewisse Nachrichten, daß es einer von Schtschetinins Agenten ist.«

»Danke, Ushdan! Werde mir den Kerl merken! Übrigens ... es ist nicht der einzige. Ich bin ja auch nicht umsonst heute mit Ihnen in die Berge geritten. Wollte mir auf diese Weise das Pack, das mich im Auftrage des Kommissars dauernd beobachtet, eine Weile vom Halse schaffen. Heute abend muß ich jedenfalls besonders vorsichtig sein, um nicht verdächtigt zu werden, wenn etwas im Gefängnis passieren sollte.

Wenn wir jetzt nach Wasiliewa kommen, bringen wir unsere Pferde zur Kaserne und gehen dann geradeswegs in das Kasino. Hoffentlich findet sich ein kleines Spielchen zusammen, daß wir recht lange dort bleiben können.«

»Das wird vielleicht auch in anderer Hinsicht gut sein«, meinte der Adjutant. »Möglicherweise ereignen sich heute nacht auch noch andere Dinge. Ich kann mir nicht recht denken, daß General Borodajew seine schöne Freundin erschießen läßt, ohne einen Finger zu rühren.«

Baranow machte ein zweifelndes Gesicht. »Ich glaube, Sie verkennen Borodajew. Er ist ein unbedingter Pflichtmensch. Glauben Sie ja nicht, daß er etwa sein Unternehmen irgendwie schädigen oder gar aufs Spiel setzen würde um einer schönen Frau willen ... und mag er sie noch so gern haben.«

Der Oberst schlug den Weg ein, der nach Süden um die Stadt bog. Während sie auf der Esplanade am Fluß entlang zur Stadt ritten, deutete Baranow zu den Baulichkeiten der Fliegerkaserne zur Linken.

»Dort drüben steckt sie, die schöne Frau Helene. Wie ihr wohl zumute sein mag?«

»Nun, das richtet sich wohl ganz danach, ob sie unsere Sendung entdeckt hat. Nach Ihrer Meinung, Herr Oberst, müßte sie sich dann ja für die Nacht schon einen Plan zur Befreiung gemacht haben.«

* * *

Was soll ich tun? ... Stets dieselbe Frage, die sich Helene schon stundenlang immer wieder vorlegte. In der Unrast ihrer Gedanken war es ihr trotz aller Willensanstrengung nicht möglich, die äußere Ruhe zu bewahren. Bald legte sie sich auf die Pritsche in der Zelle, bald durchmaß sie mit ungeduldigen Schritten den engen Raum.

Sie hatte Freunde hier. Ein kleiner Trost! Und die hatten wohl getan, was sie konnten, als sie ihr die sonderbare Waffe in der Matratze versteckten. Daß diese Leute es nicht wagen konnten, ihr den Zettel mit dem Hinweis auf die Waffe in besserer Weise zukommen zu lassen, zeigte, wie vorsichtig die wohl sein mußten.

Sie hatte nur ein kleines Stückchen von dem Brot gegessen. Eine ganze Weile später hatte sie zum Zeitvertreib begonnen, aus der weichen Krume des Restes Figürchen zu formen, so wie sie es einst als Kind im Spiel getan. Da hatte sie plötzlich aus dem Brotstück etwas Weißes hervorlugen sehen. Neugierig zerbröckelte sie das Brot vorsichtig weiter. Dann hielt sie einen Zettel in der Hand. Man hatte das Brot von der Seite ein Stück eingeschnitten, den Zettel in den Schnitt geschoben und den wieder irgendwie verklebt.

Auf dem Zettel stand in französischer Sprache geschrieben: »Im Bettsack. Zettel verschlucken!«

Oh, dieses freudige, wohlige Gefühl: Freunde sind hier, die sich um dich sorgen! Im Nu hatte sie den Zettel in den Mund gesteckt, zerkaut verschluckt. Dann legte sie sich, wie um zu ruhen, auf die Pritsche, und betastete den Bettsack nach allen Seiten. Sie wagte es nicht, das offen zu tun, weil sie befürchtete, man könne sie von draußen durch den Türschieber beobachten.

Da an der rechten Seite spürte ihre Hand etwas Hartes, Festes. Ohne sich zu erheben, befühlte sie die Stelle genauer. Hier war die Naht der Matratze nur flüchtig vernäht. Sie bohrte mit einem Finger in der Naht, riß die Fäden auf. Griff dann mit der ganzen Hand hinein, zog das Versteckte vorsichtig heraus.

Es war ein verschnürtes Säckchen. Behutsam löste sie die Fäden, tastete in dem Inhalt herum. Was waren das für Dinge? Jetzt fühlte sie ein Stückchen Papier. Sie nahm es an sich und stand auf. Ging ein paarmal auf und ab, setzte sich dann so, daß sie der Tür den Rücken zukehrte, und las beim Schein der kleinen Lampe auf dem Tisch das sonderbare Schreiben:

»Der flache Glaskörper enthält ein betäubendes Gas, das kleine Fläschchen ein Gegenmittel. Wenn Sie das größeres Glas mit der Hand zerbrechen oder, besser, mit dem Fuß zertreten, entwickelt sich ein geruchloses Gas, das sofort betäubt. Wenn Sie den Inhalt des anderen Fläschchens in Ihr Taschentuch schütten und dieses sofort vor die Nase halten, wird Ihnen das Gas nichts anhaben können. Ob und wie Sie das verwenden können, steht bei Gott und Ihrem Glück.«—

Das Gebäude, in das man Helene gebracht, war ein kleineres Haus in unmittelbarer Nähe der Kaserne der Fliegerkompanie. Da die Flieger auch mit Wasserflugzeugen ausgerüstet waren, lagen die Baulichkeiten und die Startplätze für das Landen und Wassern in dem breiten Grunde, der sich südlich der Stadt zwischen dem Fluß und dem Eisenbahndamm hinzog. Das Haus diente neben Bürozwecken auch zum Unterbringen von Arrestgefangenen. Es war ein langgestrecktes, einstöckiges Gebäude, an dessen Südseite die Zelle lag, in der Helene gefangen war.—Mitternacht war schon vorüber. In Helenes Lage hatte sich nichts geändert, seitdem sie in den Besitz dieser eigenartigen Waffe gekommen war. Mit jedem Uhrenschlag, der von der Fliegerkaserne zu ihr drang, wuchs ihre Unruhe.

Was tun? Wieviel hundertmal hatte sie die beiden Worte gedacht! Wohin auch ihre Gedanken gingen, immer wieder kehrten sie zu dem einen Plan zurück, der allein bei einigem Glück auszuführen war.

Seit sie hier in dieser Zelle war, kam ungefähr jede Stunde der Gefängniswärter, ein Unteroffizier der Fliegertruppe, herein, und untersuchte den Raum. Die übertrieben scharfe Überwachung machte Helene nervös. An sich war ja die Durchsuchung ziemlich überflüssig. Die Möglichkeit, daß die Gefangene mit ihren schwachen Kräften in der verhältnismäßig kurzen Zeit ihrer Gefangenschaft eine Wand oder den Fußboden durchbrechen konnte, war doch ausgeschlossen.

Der Plan, auf den Helene immer wieder zurückkommen mußte, war der, während einer solchen Revision die Gasampulle zu öffnen und, während der Wärter betäubt am Boden lag, sich der Schlüssel zu bemächtigen. Dann müßte sie die Kleidungsstücke des Betäubten anziehen und versuchen, mit Hilfe der Schlüssel aus dem Gebäude zu entkommen. Der an sich wohl ausführbare Plan wurde aber einfach dadurch unmöglich gemacht, daß ein Wachtposten, solange der Wärter in der Zelle war, sich draußen vor der Tür aufhielt, meistens auch neugierig durch den Türschieber hindurch in die Zelle sah.—

Eine halbe Stunde seit der letzten Durchsuchung der Zelle war wohl vergangen. Helenes Unruhe steigerte sich ins Unerträgliche. Sollte sie es doch wagen, wenn der Wärter das nächste Mal kam, das Gas spielen zu lassen? Sie sah ein, daß ihre Nerven versagen mußten, wenn sie noch länger wartete. Und dann war alles verloren.

Da hörte sie draußen den Tritt zweier Männer. Vor ihrer Zelle blieben sie stehen. Die Tür wurde aufgeschlossen und herein kam der Kommissar Schtschetinin.

Bei seinem Eintritt setzte sich Helene an den Tisch. Wer es war, wußte sie nicht genau, da sie in Unkenntnis der russischen Sprache während ihrer Gefangenschaft mit niemand hatte sprechen können. Sie hatte ihn nur während der Verhandlung im Hintergrunde des Richtertisches sitzen sehen und sich wohl gedacht, was seine Anwesenheit zu bedeuten hätte.

Nachdem Schtschetinin die Zelle verschlossen hatte, trat er an die andere Seite des Tisches und setzte sich, indem er sich in überaus höflicher Form als Kommissar Schtschetinin vorstellte.

Er sprach ein recht gutes Französisch. Nach der langen Zeit des Schweigens war es zunächst für Helene ein Genuß, Worte von einem Menschen zu hören, die sie verstand.

Mit geschärften Sinnen lauschte sie dem, was er sagte. Dachte dabei: Zu welchem Zweck kommt er? Ist das als günstiges Zeichen zu betrachten? Vielleicht doch eine Begnadigung? Sie vermochte in den Schwall von Worten, die zwischen schneidender Härte und phrasenhafter Liebenswürdigkeit wechselten, keinen Sinn zu bringen.

Als gute Menschenkennerin prüfte sie immer wieder die Züge des Mannes. Die Augen besonders waren ihr rätselhaft. Erst allmählich begriff sie, daß ihr gleichbleibender freundlicher Ausdruck zu der Maske gehörte, die er über sein Gesicht gelegt hatte. Bisher hatte das Gespräch sich hauptsächlich auf die Freiwilligenarmee in der Mandschurei bezogen. Zwischendurch versuchte der Kommissar, durch geschickte versteckte Fragen allerlei aus Helene herauszulocken. Darunter vieles, was ihre eigene Person betraf. Aber wenn er gehofft hatte, auf diese Weise Interessantes und Wichtiges zu erfahren, so sah er sich enttäuscht.

Helenes Gewandtheit und Menschenkenntnis ließ sie keinen Augenblick im Stich. Ohne jemals in Verlegenheit zu kommen, bestand sie das gefährliche Verhör, indem sie Schtschetinin, soweit es möglich war, durch falsche Antworten täuschte oder Unkenntnis vorschützte.

Doch immer wieder fragte sie sich: Ist das alles wirklich der alleinige Zweck, weshalb er jetzt mitten in der Nacht hierherkommt?

Ein paarmal, wenn sie den Kopf zur Seite gewandt und er sich unbeobachtet glaubte, war es ihr gewesen, als ginge ein begehrliches Funkeln über die Augen des Mannes. Hatte sie recht gesehen ... dann ...

Sie beschloß, eine Probe zu machen. Fiel die so aus, wie sie dachte, würde sich einer der vielen Pläne, die seit dem Eintritt des Kommissars ihr Hirn kreuzten, vielleicht ausführen lassen. Sie strich sich ein paarmal wie erschöpft über die Stirn, stellte sich, als ob es ihr zu warm würde in der eng geschlossenen Fliegerbluse, die sie immer noch trug. Sie griff zu dem Halsverschluß, nestelte daran, ihn zu öffnen, wobei sich jedoch anscheinend versehentlich auch einige weitere Knöpfe der Bluse lösten. Ein schneller Seitenblick zeigte ihr, daß ihr Auge vorher richtig gesehen hatte. Beim Anblick des schlanken, weißen Halses und des schönen Ansatzes war der gleichmütig ruhige Ausdruck aus den Zügen des Kommissars verschwunden. Mit unverhüllter Begierde blitzten seine Augen zu Helene hinüber.

Der wurde sofort ein gutes Stück leichter ums Herz. Das Spiel mit Männern war Helene Forbin nicht ungeläufig. Wenn es ihr im weiteren Verlauf gelingen würde, den Posten vor der Tür zu entfernen, dann glaubte sie gewonnen zu haben. Sie fühlte noch einmal vorsichtig nach den Gläsern, die sie in ihrem Kleid verborgen hatte ... legte dann die Hände wie zerstreut auf den Tisch, bewegte wie in müßigem Spiel die Ringe an ihren Fingern.

»Ah, sieh da, meine Gnädige! Welch schöner, alter Ring an Ihrer schönen Hand! Ein Familienstück oder ...«

Während Schtschetinin sich vorbeugte, um den Ring besser zu betrachten, ergriff er Helenes Hand und ließ seine heißen Finger schmeichlerisch darübergleiten. Sie machte keinen Versuch, ihm ihre Hand zu entziehen und sagte mit leichtem Lächeln: »Das ›oder‹, Herr Kommissar, ist richtig. Der Ring ist von General Borodajew.«

Der harte Druck, den Helene in demselben Augenblick empfand, zeigte ihr, wie der Name ihres Freundes auf den Kommissar wirkte.

»Ah, richtig, meine Gnädige! Hier ist ja auch der Namenszug des Generals eingraviert ... hm, Sie dürfen mir die Frage nicht übelnehmen, wie kommt es, daß Sie, so jung ... so schön ...« seine Hand umklammerte immer fester die Helenes ... »sich gerade diesem immerhin nicht mehr ganz jungen Herrn attachiert haben?«

Helene machte mit der freien Hand eine unsichere Bewegung. »Ich glaube nicht fehlzuraten, wenn ich Ihnen, Herr Kommissar, eine nicht geringe Frauenkenntnis zutraue.«—Mit Vergnügen sah sie an dem selbstgefälligen Zug, der über Schtschetinins Gesicht ging, wie gut diese Schmeichelei angebracht war. »... Da dürften Sie doch auch wissen, daß die Herzensregungen einer Frau manchmal schwer begreiflich sind. Nicht immer sind es die körperlichen Vorzüge, die Jugend eines Mannes, die eine Frau fesseln ...«

»Ah, natürlich, meine Gnädigste! Wie oft haben die schönsten, liebenswertesten Frauen einen unscheinbaren Mann von glänzenden Geistesgaben einem Adonis vorgezogen! Immerhin ...«

Helene lachte. »Gut gesagt, Herr Kommissar! Sie meinten, es gäbe immerhin auch Männer, die beide Eigenschaften vereinen. Ich gestehe, daß ich in meinem Leben solche Exemplare nur selten gesehen habe.«

»Oh, das wundert mich, gnädige Frau! Ich dächte eine ganze Reihe solcher Männer zu kennen.«

Er hatte dabei den Kopf etwas weiter vorgebeugt und versenkte seine Augen tief in die Helenes.

Du meinst wohl in erster Linie dich selber, dachte Helene halb belustigt, halb angewidert von dem Gesicht Schtschetinins, der jetzt die letzte Maske abgeworfen hatte und sie in unverhüllter Begehrlichkeit mit den Augen verschlang. Halb im Scherz, halb im Ernst schlug sie mit der freien Rechten Schtschetinin kräftig auf die Finger, die von ihrer Hand weiter an ihrem Arm emporglitten. Der Kommissar zog seine Hand zurück, da deutete Helene mit dem Kopf zur Tür.

»Ist es Ihre Gewohnheit, Herr Kommissar, vor Zeugen den Damen Ihrer Bekanntschaft Courtoisie zu erweisen?«

Die Wolke des Unmuts auf dem Gesicht des Kommissars schwand ebenso schnell, wie sie gekommen. Er sprang sofort auf, ging zur Tür und schrie den Posten in nicht mißzuverstehender Weise an, sich fortzuscheren.

Jetzt oder nie! dachte Helene. Leise ließ sie die Glasampulle unter den Tisch fallen und zertrat sie. Fast gleichzeitig hatte sie das andere Fläschchen geöffnet und den Inhalt in ihr Taschentuch geschüttet. Der Kommissar war inzwischen von der Tür zurückgekommen und setzte sich auf seinen alten Platz. Willig überließ ihm Helene ihre eine Hand, während sie sich mit der anderen das Tuch vor den Mund hielt und tat, als ob sie einen Hustenreiz unterdrücken müsse.

Würde es eintreffen, wie die Freunde geschrieben? ... Sie glaubte die wilden Schläge ihres Herzens zählen zu können. Ihre Erregung war so groß, daß sie es nicht wagte, dem anderen ins Gesicht zu sehen. Da war es ihr, als lockere sich der Griff seiner Hand. Ihre Finger schoben das Tuch höher, daß es auch die Augen deckte ... nicht sehen, was mit dem da drüben geschah.

Jetzt ... mit Mühe unterdrückte sie einen Schrei ... in schwerem Fall stürzte der Kommissar zu Boden. Sie nahm das Tuch an zwei Zipfeln und band es sich fest über Nase und Mund, wandte sich dann zu dem am Boden Liegenden.

Was sie jetzt tat, machte sie rein mechanisch. Das war in früheren Plänen ja alles durchdacht. Das erste war, die Schlüssel an sich zu nehmen. Dann streifte sie ihm die langen Militärstiefel ab und zog sie über ihre Füße. Nicht ohne Mühe bemächtigte sie sich seines Mantels. Sie mußte den schweren Körper ein paarmal hin und her wälzen, um den Mantel zu bekommen. Jetzt noch die Mütze des Kommissars übergestülpt, und sie konnte an den zweiten Teil ihres Planes gehen.

Sie prüfte zunächst das Schlüsselbund, an dem mehrere kleinere und zwei größere Schlüssel hingen. Es war anzunehmen, daß die kleineren Zimmerschlüssel, die größeren Torschlüssel waren. Nach einigem Suchen hatte sie den Schlüssel gefunden, der zu ihrer Zelle paßte. Noch einen letzten Blick auf den Kommissar ... ah, wie konnte sie das vergessen! Er durfte nicht an dieser Stelle liegenbleiben. Der Posten würde ihn entdecken und Alarm schlagen. Sie griff den wie tot Daliegenden unter den Armen und zog ihn zu der Pritsche. Nicht ohne Mühe gelang es ihr, den Bewußtlosen hinaufzuheben. Sie breitete eine Decke darüber, die ihn völlig verbarg.

Dann ging sie zur Tür zurück, schloß sie festen Griffes auf und trat mit harten Schritten hinaus. Unsicheres Benehmen mußte sie verdächtig machen. Ohne jedes Zögern ging sie geradeswegs den Gang entlang zum Tor des Gebäudes.

Bei der Einlieferung hatte sie gesehen, daß der Haustür gegenüber die Wachtstube lag. Jetzt kam ein gefährlicher Augenblick. Würde einer der Soldaten oder der Wachhabende heraustreten, sie anreden ... oder würde der Respekt vor dem Kommissar so groß sein, daß man es vermied, ihm unnötig in den Weg zu laufen?

Auf gut Glück steckte sie den größten Schlüssel in das Tor. Gott sei Dank, er paßte! In diesem Augenblick rann es wie ein eisiger Schauer über ihren Rücken, sie hörte, wie die Tür des Wachlokals hinter ihr aufgeklinkt wurde.

»Pascholl!« schrie sie gewaltsam beherrscht über die Schulter zurück ... hörte erleichtert, wie die Wachstubentür sofort wieder ins Schloß fiel. Sie trat hinaus. Über einen breiten Graben führte eine Brücke zu der hölzernen Palisadenwand, die das Gebäude umgab. Jetzt den anderen größeren Schlüssel! Auch der paßte ... sie stand im Freien.

Der Himmel war zum Teil von Wolken überzogen, die das Mondlicht nur zeitweise durchließen. Die Richtung; die sie einzuschlagen hatte, war unverkennbar. Das Rauschen des angeschwollenen Ussuri drang deutlich an ihr Ohr. Zur Sicherheit beschloß sie indes, erst ein Stück flußaufwärts nach Süden zu wandern und dann hart am Flußufer zurückzugehen. Sie vertraute darauf, irgendwo am Ufer ein passendes Fahrzeug zu finden, um über den Strom zu setzen. Im äußersten Fall war sie entschlossen, sich auf ihre Schwimmkunst zu verlassen.

Doch je länger sie das Ufer entlangwanderte, desto ungeduldiger wurde sie. Mehrmals kam sie an Fahrzeugen vorbei, die wegen des starken Stromganges hoch an Land gezogen waren, aber ihre Kräfte reichten nicht aus, ein Boot ins Wasser zu bringen. Sie war dabei immer näher an die Startstelle der Fliegerabteilung gekommen. Nur mit größter Vorsicht, indem sie jede Deckung wahrnahm, durfte sie sich vorwärtsbewegen. Es war ja sicher anzunehmen, daß dort, wo die Wasserflugzeuge vertäut waren, Posten standen.

Im Schutze eines langen Bretterschuppens gelangte sie beinahe in unmittelbare Nähe der Flugzeuge und da ... da lag ein leichter Kahn am Uferrand. Im Schein des Mondlichts konnte sie erkennen, daß auch die Riemen dabei waren. Aber um dorthin zu gelangen, mußte sie offenes Gelände überschreiten.

Wo war der Posten? ... Sie lauschte angestrengt in die Nacht hinaus. Nichts war zu hören als das eintönige Rauschen des Flusses. Sie warf sich zu Boden, kroch ein Stück weiter bis zu einer roh gezimmerten Hütte, die wohl als Schilderhaus dienen mochte ... da blieb sie plötzlich regungslos liegen. An die Hütte gelehnt, stand der Posten.

Behutsam schlich sie zurück, bis sie wieder im Schutze des Schuppens war. Fiebernd vor Ungeduld lag sie dort. Wenn es das Unglück wollte, konnte der Posten noch bis zur Ablösung da stehenbleiben. Sie erhob sich vorsichtig, griff einen kleinen Stein und warf ihn, soweit sie konnte, schräg landeinwärts. Wie sie erwartete, schreckte das Niederfallen des Steines den Soldaten auf. Er ging sofort beschleunigten Schrittes in der Richtung davon, aus der das Geräusch gekommen war.

Jetzt galt's. Mit ein paar hastigen Sprüngen überquerte Helene den Raum bis zum Fluß. Im Nu hatte sie den Strick gelöst und sprang in den Kahn. Kaum hatte sie die Ruder ergriffen und war vom Ufer abgestoßen, als der Posten zurückkam.

Mit aller Kraft legte sie sich in die Riemen, bestrebt, so schnell wie möglich vom Ufer wegzukommen. Doch alsbald merkte sie, daß es bei der starken Strömung unmöglich war, den Fluß in gerader Richtung zu überqueren. Sie wurde flußabwärts abgetrieben, an dem Posten vorüber.

Sobald er sie zu Gesicht bekam, rief ihr der Soldat ein lautes »Halt!« zu. Wenn er jetzt schoß, konnte er sie unmöglich verfehlen. In der Verzweiflung entsann sie sich des rettenden »Pascholl!« im Gefängnis. Schrie mit aller Kraft »Pascholl!« zum Ufer hinüber. Der Soldat zögerte ein paar Augenblicke, rief ihr dann erneut »Halt!« zu. Helene hörte kaum hin. Sie hatte ihr Augenmerk auf einen treibenden Baumstamm gerichtet, bemüht, dem auszuweichen.

Da ... ein Knall. Eine Kugel sauste über ihren Kopf hinweg. Das war zu deutlich, um sich noch länger offen im Boot zu zeigen. Schnell warf sie sich am Boden nieder. Die starke Strömung mußte, auch ohne daß sie ruderte, das Boot von dem Schützen wegführen. Jetzt ein zweiter Schuß. Helene hörte deutlich das Splittern des Holzes. Die Kugel hatte den Kahn getroffen. Hoffentlich nicht unter der Wasserlinie! dachte sie erschreckt ... fühlte aber gleich darauf das Wasser in den Kahn dringen.

Noch ein paar solcher Treffer, und ich bin verloren ... da kam unvermutete Hilfe. Eine dunkle Wolkenwand schob sich vor den Mond. Im Augenblick war alles um sie herum in tiefes Dunkel gehüllt. Schnell setzte sie sich wieder auf die Bank und begann aus Leibeskräften zu rudern.

Plötzlich war das Ufer in helles Licht getaucht. Durch die Schüsse des Postens waren die Wachmannschaften alarmiert worden. Im Schein der Magnesiumfackeln konnte Helene deutlich sehen, wie der Posten einem Offizier die Richtung wies, in der sie geflohen war, während andere ein Motorboot klarmachten.

»Jetzt fehlt nur noch, daß sie einen Scheinwerfer haben, dann fangen sie mich doch noch.«

Da blitzte es schon am Bug des Motorbootes auf, ein breiter Lichtkegel huschte über die Wasserfläche. In der Hoffnung, daß das Motorboot seine Richtung nach dem anderen Ufer nehmen würde, ruderte sie mit der Strömung flußabwärts. Doch die Leute in dem Boot mochten sich wohl auch sagen, daß der leichte Kahn nur flußabwärts gesucht werden könne. Nicht lange, dann drehte das Boot nach Norden, sein Scheinwerfer leuchtete die Wasserfläche von Ufer zu Ufer ab. Bei der Schnelligkeit des verfolgenden Bootes dauerte es nicht lange, dann hatte der Lichtkegel sie erfaßt. Fast im selben Augenblick begann ein Maschinengewehr zu arbeiten.

Doch Helene gab sich noch nicht verloren. »Vielleicht kann ich sie täuschen.« Schnell warf sie die hindernden Kleidungsstücke ab und ließ sich ins Wasser gleiten ... suchte mit kräftigen Stößen möglichst schnell vom Kahn wegzukommen, der jetzt von einen Kugelregen überschüttet wurde. Dabei kam das Motorboot in schneller Fahrt immer näher ...

War's das eisige Wasser, war's die Hoffnungslosigkeit ihrer Lage, Helene fühlte, wie ihre Kräfte schwanden ... da plötzlich der dumpfe Knall eines Geschützes schräg links von ihr, das Bersten einer Granate weit hinter ihr. Gleich darauf ein zweiter, ein dritter Schuß. Sie raffte sich zu letzter, verzweifelter Kraftanstrengung auf. Freunde! ...

Schon bei der ersten Granate hatten die Verfolger im Motorboot den Scheinwerfer ausgeschaltet und einen Haken geschlagen. Doch mochten wohl die Positionslaternen dem unbekannten Angreifer genügendes Ziel bieten, die dritte Granate faßte das Motorboot mitschiffs. Eine hohe Feuergarbe schoß zum Himmel, das Krachen des explodierenden Benzintanks folgte ...

In dem Licht, das ein paar auf dem Strom treibende brennende Trümmer warfen, erkannte Helene eine dunkle Masse, die sich aus der Richtung der Schüsse her langsam über das Wasser schob. Mit letzter Kraft warf sie sekundenlang ihren Körper hoch, daß sie den Fluß besser überschauen konnte.

Gerettet! jubelte es in ihr auf. Das massige, ungefüge Fahrzeug vor ihr war einer der Amphibientanks Borodajews. Ein Tank, der sich zu Wasser und zu Lande gleich gut vorwärtsbewegen konnte.

Mit erlöschender Stimme rief sie immer wieder: »Borodajew!« ... Dann verließ sie das Bewußtsein.—

Als sie wieder erwachte, fand sie sich, auf einem Lager gebettet, in einer Mongolenhütte allein. Sie wollte sich erheben, doch die Glieder versagten den Dienst. Nur daß sie den Mund zu öffnen vermochte, um einen Ruf auszustoßen. Da sprang eine Mongolenfrau, die hinter dem Lager gekauert, auf, eilte zur Tür. Ein paar Sekunden später stürmte Borodajew herein, stürzte zu ihrem Lager, schlang die Arme um sie.

* * *

Jan Valverde hatte sein Mittagsschläfchen beendet und stieg aufs Pferd, um in die Felder zu reiten. Als er die Brücke des Baches passierte, sah er Marian mit einem fremden Herrn vom Park her kommen und zum Wohnhaus gehen. Er hielt sein Pferd an, um genauer zu sehen, wer das wohl wäre, da waren die beiden schon in der Haustür verschwunden. Wird irgendein Geschäftsmann aus Georgetown sein, dachte er, und ließ sein Pferd antraben.

Marian war inzwischen mit dem Fremden die Treppe zum Laboratorium hinaufgestiegen. Hätte Jan sein Gesicht gesehen, er wäre entsetzt gewesen. In den Augen ein trüber, glasiger Schimmer, der Mund krampfhaft zusammengepreßt, totenbleich. Das ganze Gesicht nur ein Zerrbild seiner selbst.

Vor der Tür zum Laboratorium blieb er einen Augenblick stehen. Ein Zittern ging durch seine Gestalt, wie wenn er noch einmal letzten Widerstand versuchen wollte. Seine Hände gingen vorwärts, er trat auf den Fremden zu, als wolle er ihn erwürgen. Da traf ihn dessen Blick wie ein schwerer Schlag. Er taumelte zurück, noch im Sturz ein kurzer Blick des Triumphs aus seinen Augen. Sein Arm hatte, halb gewollt, halb zufällig, den verborgenen Schutzschalter am Pfosten der Tür getroffen ... Mechanisch ging seine Hand zum Türgriff. Mit gesenktem Kopf schritt er vor Turi Chan über die Schwelle des Heiligtums seines Herrn. Turi Chan ließ hinter ihnen die Tür ins Schloß fallen. Er wollte sie abschließen, doch fehlte der Schlüssel. Dann wandte er sich um, wollte auf Marian zugehen, blieb plötzlich stehen, schaute den verwundert an.

Was war in dem Augenblick, in welchem er dem den Rücken zugekehrt, geschehen? Mit ein paar Schritten war er bei ihm, richtete die Augen auf ihn, wollte ... Da ... »Haha, haha, Mr. Turi! So habe ich Sie doch noch unschädlich gemacht!«

Turi Chan trat verdutzt zurück. Was sprach der da? Der lachte ihn aus? Wie war es möglich, daß der seiner Macht widerstand? Er drehte sich um zur Tür. Doch da war niemand.

»Was soll das heißen, du Schuft? Was hast du gemacht?« schrie er Marian an. »Wie kannst du es wagen, dich mir zu widersetzen?«

Er hob die Hand gegen Marian, da griff der zu einem Eisenrohr, schwang es drohend über Turi Chans Kopf.

»Zurück, du! Sonst zerschmettere ich dir den Schädel.«

Mit wutverzerrtem Gesicht, schwer atmend, wich Turi Chan zurück. »Was ist? Was soll das? Was hast du ...«

Da war es ihm wie damals auf dem »James Cook«. Ein sonderbares, lähmendes Gefühl ging über ihn hin. Seine Hand tastete nach einem Stuhl. Er griff ihn, setzte sich darauf. Doch auch der andere hatte dasselbe getan, saß jetzt ihm gegenüber.

»Ja, ja, Mr. Turi«, lachte Marian. »Sie können hier nicht fort ... ich allerdings auch nicht. Wir sind beide gefangen. Sie kamen hierher, um den Verstärker da drüben zu stehlen. Aber so leicht läßt sich der nicht stehlen. Er verteidigt sich selbst. Sie bekommen jetzt eine Probe von dem, was er kann. Als wir hier hereinkamen, gelang es mir trotz Ihrer teuflischen Gewalt doch noch, den Schalter am Türrahmen, der den Apparat betätigt, anzustoßen.

Blicken Sie doch über sich. Da sehen Sie die Antenne, in deren Bann wir sind. Dort drüben läuft eine Wachsplatte. Als wir hereinkamen befahl uns diese Platte, das Zimmer nicht zu verlassen. Wenn wir jetzt hier sitzen, so tun wir das nach den weiteren Befehlen der Platte ... und so werden wir sitzen, bis man kommt und uns befreit. Das Wie und Wann kann ich Ihnen allerdings nicht sagen. Aber wir haben ja viel Zeit«

Hätten Blicke brennen können, Marian wäre im nächsten Augenblick zu Asche geworden.

»Sparen Sie sich alle Anstrengungen, Mr. Turi«, Marian deutete zu dem Apparat, »diese Kraft ist stärker als Ihre Teufelskunst.«

Turi Chan lehnte sich in seinem Stuhl zurück und schloß die Augen. Nur an der schweratmenden Brust konnte man sehen, wie es in ihm tobte, stürmte. —

Wohl eine Stunde hatten sie so gesessen.

»Es wird ein bißchen langweilig, Mr. Turi«, sagte Marian mit spöttischem Lachen. »Plaudern wir doch etwas zum Zeitvertreib. Fangen Sie bitte an! Ich glaube wir werden noch einige Zeit hier sitzen müssen. Sie haben sicherlich viel Stoff zum Erzählen. Was Sie alles auf dem Kerbholz haben, dürfte doch Bände füllen.«

Turi Chan verharrte stumm in seiner Stellung und warf nur ab und zu einen schrägen Blick unter den Augenlidern hindurch auf Marian. Da sah er jetzt, wie der erwartungsvoll den Kopf hob, nach irgend etwas zu lauschen schien.

Nicht lange, dann klangen Schritte im Hausflur. Gleich darauf ein lautes »Hallo!« Turi Chan vernahm ein Hin und Her von Schritten, dann kam jemand die Treppe herauf.

Die Tür ging auf und ... Turi Chan schrak unwillkürlich zurück ... da stand eine große Gestalt in einer merkwürdigen Kleidung. Ein Gewand aus glitzernden Drahtmaschen war es, beinahe wie das Kettenhemd eines mittelalterlichen Ritters. Nur daß es auch den Kopf bis auf einen schmalen Schlitz für die Augen vollständig einhüllte. Das Bild, schon wunderlich an sich, wurde noch grotesker, als der so mittelalterlich Gewappnete einen modernen Browning aus der Tasche zog und ihn auf Turi Chan richtete.

»Nun, Marian, was ist das für ein seltener Vogel, der auf unserer Leimrute klebt?«

»Ein guter Fang, Herr Valverde. Es ist ... Turi Chan!«

»Wie? ... Was? ... Der gelbe Schuft, der Verbrecher? Soll ich nicht gleich losdrücken, Marian? Ich glaube, es wäre das beste.«

»Ruhe! Ruhe, Herr Valverde! Erst müssen wir Georg wieder haben, den er sicherlich irgendwo gefangenhält. Aber ich habe das Sitzen satt. Stellen Sie doch erst den Verstärker ab, damit ich aufstehen kann.«

»Ah, richtig! Mitgefangen, mitgehangen, Marian.«

Jan Valverde ging zur Wand und schaltete den Strom aus.

»Na, nun kann ich ja auch den lästigen Kittel abwerfen.« Mit einem Ruck stülpte er sich das Drahtkleid ab, das ihn gegen Gedankenstrahlungen schützte ... im selben Augenblick, als Marian schrie: »Halt! Nicht! Um Gottes willen nicht!«

Zu spät! Wie zum Tode getroffen taumelte Marian auf den Stuhl zurück. »O Gott! Was haben Sie getan? Jetzt sind wir in seiner Hand.«

»Was sagst du da?« Jan hob die Rechte mit der Schußwaffe ein Stückchen in die Höhe. Da ... ein Zittern ging durch die Riesengestalt. Dann war es, als breche etwas in ihm zusammen. Der Arm sank kraftlos herunter. Mit schleppendem Schritt wankte Jan zu dem Stuhl, auf dem eben Turi Chan gesessen.

Der stand mit verschränkten Armen vor ihnen. Ein gräßliches Lachen machte sein Gesicht fürchterlich.

»So! Jetzt habe ich euch.«

Er trat zu Marian heran, holte mit dem Arm aus. »Du elender Knecht! Ich möchte dich zu Boden schlagen, wenn du mir nicht zu erbärmlich wärst. Doch sei gewiß, dir soll nichts geschenkt werden. Alles, was du sagtest, tatest, steht in meinem Gedächtnis aufgeschrieben. Und du magst es ruhig glauben, Turi Chan vergißt eine Beleidigung nie!«

Er zog die Uhr und warf einen Blick darauf.

»Auf! Vorwärts, ihr beiden! Das soll der kleinste Teil meiner Rache sein, daß ihr mir helft zu tragen, was ich mitnehmen will.«

Er deutete mit der Hand auf den Verstärker. Wortlos, mit gesenkten Köpfen, gingen Jan und Marian zu dem Apparat und lösten ihn von seinen Verbindungen.

»Herunter mit dem Ding zu meinem Wagen! Und keine Dummheiten gemacht! Hier ...« er ergriff Jans Revolver »habe ich noch eine zweite Waffe.«

Turi Chan ging hinter den beiden her, die den Verstärker die Treppe hinuntertrugen. Von dem Haus wandten sie sich zu dem Park. An dessen Ende stand der Kraftwagen.

Wie ihnen Turi Chan befahl, stellten sie den Apparat sorglich in den Wagen und banden ihn fest.

»So! Das wäre erledigt. Nun, was mache ich mit euch?« Er wog den Browning in der Hand. »Irgendwie muß ich euch loswerden, damit ihr mir nicht Verfolger auf den Hals hetzt. Das einfachste wäre, ich schösse euch beiden eine Kugel durch den Kopf ...«

Er überlegte einen Augenblick, sagte dann kopfschüttelnd: »Nein! Das wäre wohl falsch. Noch seid ihr nicht reif dafür. Selbst du, erbärmlicher Hund«, er sah Marian mit verächtlichem Haß an, »mußt noch am Leben bleiben. Wahrscheinlich werde ich dich noch eines Tages nötig haben. Aber töten werde ich dich noch einmal ... Jetzt zurück ins Haus!«

Jan und Marian wandten sich um und gingen, wie Turi Chan es ihnen befahl, in den tiefsten Keller des Wohnhauses. Der schaltete das Licht ein und sah sich prüfend in dem Raum um. Es lagen da allerlei Kisten und sonstiger Kram. Er stöberte eine Weile darin herum und fand ein paar kräftige Stricke. Schnell waren die beiden gefesselt. Dann noch jedem einen Knebel in den Mund, und Turi Chan verließ den Keller.—

Während er in schneller Fahrt nach Süden eilte, dachte er triumphierend: Jetzt zu meinen beiden schlimmsten Feinden! Der Dritte soll auch nicht lange warten. Die Artikel in der »Australian World« machen mir ganz den Eindruck, als ob Major Dale sie geschrieben hat. Ich fürchte, er wird eines Tages das Schicksal von Robert Roux teilen müssen.—

In seine Gedanken versunken, achtete er kaum auf den Kraftwagen, der ihn halbwegs Canberra passierte. In dessen Fond saß Dale, der Georg Astenryk besuchen wollte. In der Hand hielt er einen frischen Bürstenabzug der »Australian World«, den er sorgfältig korrigierte. Noch einmal las er jetzt den Schluß dieses Artikels mit einem Gefühl der Befriedigung, Erleichterung durch. Da stand:

»Jene Mine mit dem Werkzeichen K.M.V., die den Kreuzer ›Brisbane‹ zum Sinken brachte, ist keineswegs eine noch vom Weltkrieg her im Meere treibende deutsche Mine gewesen.

Im Sommer des vorigen Jahres kam ein japanischer Agent nach Kiel und hat dort Altmaterial, darunter auch mehrere zum Verschrotten bestimmte alte Minenkörper, erworben. Diese Körper sind nach dem Osten transportiert und dort mit Sprengladung versehen worden.

Die Mine, welche bei Talufuata die ›Brisbane‹ sprengte, war eine davon. Sie wurde kurz vor der Katastrophe von einem japanischen U-Boot ausgelegt.«

Dale ließ das Blatt sinken. Ich denke, das wird seine Wirkung haben. Gern habe ich es nicht getan. Habe die Veröffentlichung dieses Aufsatzes immer wieder aufgeschoben. Jetzt konnte ich nicht anders handeln. Wenn die Schlafmützen in Canberra und Downing Street sich jeder politischen Einsicht versagen und im alten Schlendrian weiterwursteln wollen, so sollen sie sich verrechnet haben. Der Artikel wird jedenfalls wie eine Bombe wirken und einige Perücken zum Wackeln bringen.

Die Scherereien, die daraus entstehen—vielleicht auch mich treffen —sollen mich gleichgültig lassen. Gespannt bin ich darauf, wie die Londoner City den Artikel aufnehmen wird. Vielleicht gelingt es ihr jetzt im Verein mit der Presse, den Rücktritt der englischen Regierung zu veranlassen. Das einzige Unangenehme bei der Sache ist, daß ich Georg Astenryk gegenüber nicht ganz fair gehandelt habe. Aber ich glaube, er sowohl wie Clennan werden einsehen, daß hier endlich mal ein kräftiges Wörtlein gesprochen werden mußte.

Nun, ich werde ja gleich sehen, was er für ein Gesicht dazu macht. —

Und dann hielt Dales Wagen vor Jans Haus. Von dem anstoßenden Wirtschaftsgebäude her kam der Chauffeur Jans, um ihm den Wagen abzunehmen.

»Die Herrschaften zu Haus?« fragte Dale.

»Herr Astenryk ist gestern mit seinem Auto nach Canberra gefahren. Wo die anderen Herren sind, weiß ich nicht. Ich bin eben erst mit unserem Wagen von Georgetown zurückgekommen.«

»Hm«, brummte Dale, »Herr Astenryk ist nicht da? Schade! Wissen Sie, wann er zurückkommt?«

Der Chauffeur schüttelte den Kopf.

»Nun, ich werde es ja gleich erfahren.« Dale ging ins Haus. Bei seinem Eintritt in die Halle kam von hinten her eine der weiblichen Angestellten und führte Dale in Jans Arbeitszimmer. Sagte dabei, als sie das Zimmer leer fand: »Herr Valverde und Herr Marian werden wohl wieder oben sein. Sie hatten vorher Besuch. Der fremde Herr war mit ihnen oben. Er ist vor kurzem weggefahren.«

Bei diesen Worten wollte das Mädchen nach oben eilen, doch Dale hielt sie zurück. »Lassen Sie schon! Ich gehe selbst hinauf.«

Als er in das Laboratorium treten wollte, prallte er erschrocken zurück. Diese seltsame Unordnung in dem Raum ... und da ... der Platz, wo der Verstärker stand ... leer! Neben einem umgeworfenen Stuhl auf dem Boden das Strahlen abschirmende Schutzkleid ... was war hier vorgegangen? Wo war der Verstärker? Wo waren Jan und Marian?

Gewaltsam zwang er sich in der Flut der tausend sich kreuzenden Fragen und Befürchtungen zur Ruhe ... Ach was! Unsinn ... wozu sich unnütz sorgen? Valverde und Marian werden ja gleich alles sagen können.

Er ging aus dem Laboratorium und klopfte an alle Türen des Obergeschosses, rief dabei laut: »Herr Valverde, wo sind Sie?«

Vergeblich ... Kopfschüttelnd ging er die Treppe hinunter und traf dort auf das Mädchen, das verwirrt dastand, stotternd sagte: »Hier unten sind sie auch nicht. Ich bin in allen Zimmern gewesen. Ich weiß gar nicht, wo sie sein können? Im Hause müssen sie doch sein.«

Bei den Worten des Mädchens legte es sich Dale wie ein schwerer Alp auf die Seele ... die beiden im Hause ... und antworteten nicht? ... Der rätselhafte Besucher? ... Der Verstärker fort? ... War er geraubt? ... Jan und Marian ermordet? ...

Da kam der Chauffeur Jans hinzu. »Nun«, sagte der lachend, »die Herren können doch nicht verschwunden sein. Wenn sie nicht hier oder oben sind, sind sie vielleicht im Keller. Herr Valverde ...«, ein breites Grinsen ging über das Gesicht des Chauffeurs, »bekam doch in der letzten Woche mehrere Sendungen Wein. Die Herren werden vielleicht im Keller sein und eine Probe machen.«

Etwas beruhigt durch das gelassene Wesen des Chauffeurs nickte Dale dem zu und sagte: »Nun denn mal los! Führen Sie mich nach unten. Vielleicht«, er versuchte sich zu einem Scherz zu zwingen, »finde ich sie gerade bei einer ausgiebigen Weinprobe.«

»Sehen Sie, Herr Major Ich habe recht gehabt, hier brennt ja die Kellerlampe.«

Der Chauffeur ging zu der Tür des Weinkellers. Sie war verschlossen. Er klopfte daran, nichts war zu hören. Enttäuscht drehte er sich um und schaute Dale verdutzt an. Er wollte sprechen, da zuckte er plötzlich zusammen. Hastig schlich er zu einem anderen Kellerraum und legte lauschend das Ohr an die Tür.

»Was ist? ... Was haben Sie?« raunte Dale. Der Chauffeur machte ein paar Schritte auf ihn zu und flüsterte: »Jetzt habe ich's deutlich gehört. Da drin stöhnt jemand.«

»Schlüssel! Wo ist der Schlüssel zu der Tür?«

Der Chauffeur schien sich besinnen zu wollen, da fiel Dales Blick auf ein Stück Eisenrohr. Er griff es und bog damit das Türschloß auseinander. Die Tür sprang auf, sie traten hinein. Ein Streichholz flammte in Dales Hand auf.

»Hier sind sie!« rief der Chauffeur und deutete auf einen wirren Haufen von Packmaterial und Kisten.—

Wenige Augenblicke später waren Jan und Marian von ihren Fesseln und Knebeln befreit.

Der Chauffeur, noch ganz erfüllt von dem Entsetzen über das hier verübte Verbrechen, wurde völlig verwirrt, als die anderen aus dem Keller gingen, ohne etwas zu dem Geschehenen zu äußern. Daß Marian sofort Dale das Wort »Turi Chan« zugeflüstert hatte, war ihm entgangen. Er fühlte eine gewisse Erleichterung, als Jan ihm befahl, ein paar Flaschen Burgunder aus dem Weinkeller zu holen. Aber sein richtiges Gleichgewicht fand er erst wieder, als er im Keller von der Treppe herab endlich die erwartete Flut von Verwünschungen und Flüchen vernahm, mit denen Jan Valverde jetzt seinem Herzen Luft machte.—

Kaum hatte Dale Aufklärung über die Vorkommnisse erhalten, als er ans Telephon eilte und Clennans Wohnung anrief.

Das wenige, was er von dessen Wirtschafterin hörte, genügte, um ihn ins Bild zu bringen, was mit Clennan und Georg geschehen sein mußte. Er ließ sich danach mit dem Landesverteidigungs-Ministerium verbinden und führte ein langes Gespräch.

»So!« sagte er aufatmend, »sämtliche Polizeistellen sind alarmiert. Es wird Turi Chan nicht leicht fallen, mit seinem Raube aus dem Land zu kommen.«

Und dann saßen die drei lange zusammen. Immer wieder gingen ihre Blicke zu der leeren Stelle, wo der Verstärker gestanden hatte, während sie sich die Köpfe zermarterten, wie sie von sich aus Turi Chan irgendwie auf die Spur kommen könnten. Vergeblich all ihr Sinnen und Überlegen. Sie sahen keine Möglichkeit.


10. Kapitel.

Wenn ich denke, daß jetzt wahrscheinlich der gelbe Schuft in Paulinenaue ist und sich mit seiner teuflischen Kunst den Verstärker und wer weiß was sonst noch alles aneignet ... man möchte verzweifeln. Sollte es denn wirklich ganz unmöglich sein, aus diesem Kellerloch zu entkommen? ...«

Georg ging Schritt für Schritt die Wände ab, fühlte und suchte.

»Sparen Sie sich doch die Mühe, Herr Astenryk. Das habe ich schon alles in der langen Stunden meiner Gefangenschaft ausprobiert, hätten wir irgendein eisernes Werkzeug, um die Mauer bearbeiten zu können, würden wir bald frei sein. Aber hier ist ja nichts, hier gibt es keinen Gegenstand aus Eisen, den man vielleicht zu einem Werkzeug formen könnte. Alles ist aus Holz.«

»Haben Sie eine Ahnung, was das für ein Haus ist, in das er uns gebracht hat, Clennan?«

»Das habe ich einigermaßen genau feststellen können. Es ist eine der ganz vereinzelt stehenden Villen weit hinter dem Stadtpark. Wahrscheinlich hat das Haus leer gestanden und Turi Chan hat es für seine Zwecke gemietet.«

»Haben Sie etwas von Dienerschaft gesehen?«

»Ja, als ich in Turi Chans Auto hierherkam, öffnete ein Mann die Gartentür und ein anderer empfing uns am Haustor. Beides waren Weiße. Wahrscheinlich irgendwelche Galgenvögel, die er sich in einer südlichen Hafenstadt aufgegabelt hat ...«

Clennan wollte weitersprechen, da bedeutete ihm Georg zu schweigen. Es war deutlich zu hören, daß ein Wagen über den Gartenkies fuhr und an der Hintertür des Hauses hielt.

»Das ist sicherlich Turi Chan ... ob es ihm wirklich gelungen ist, auch die in Paulinenaue zu überwältigen und den Verstärker mitzunehmen?«

Georg sprang auf und lief wie gehetzt in dem Keller hin und her. Er faßte an seinen Kopf ... »Das Netz! ... Es allein kann uns retten ... wenn er es nicht vorzeitig bemerkt«, setzte er bedrückt hinzu.

»Bei Ihnen befürchte ich nichts, Herr Astenryk. In Ihrem dichten, starken Haar ist sicherlich nichts davon zu entdecken. Anders bei mir. Verflixtes Pech, daß ich mir vor ein paar Tagen die Haare kurz scheren ließ! So deckt es nur den Oberteil meines Schädels.

Aber ich glaube immer noch, daß Sie, Herr Astenryk, der erste sein werden, den Turi Chan zu sich holen wird. Fassen wir uns in Geduld. Hoffentlich dauert es nicht mehr lange.«—

Während Turi Chans Abwesenheit hatten die beiden eine sonderbare Arbeit verrichtet. Sie stellten den Tisch an die Außenwand und zerpflückten in dem Lichtstrahl, der durch das Luftloch fiel, das Gewebe sorgfältig in seine einzelnen Drähtchen. Dann durchzogen sie ihr Haar mit den einzelnen Drähten in Form eines engmaschigen Netzes so, daß die Kopfhaare das Flechtwerk verbargen. Nach ihren Erfahrungen mußte diese metallische Einlage genügen, um den Kopf gegen Gedankenstrahlen abzuschirmen, soweit sie reichte. Und letzteres war der wunde Punkt bei ihrer so sinnreich erdachten Schutzmaßnahme. Stirn und Gesicht mußten selbstverständlich frei bleiben. Das Netz konnte daher nur schützen, wenn man sich Turi Chan gegenüber in einer abgewandten Stellung befand, daß dessen Gedankenwellen nur die geschirmten Teile trafen.

Diese unzweifelhafte Schwäche der Erfindung hatte aber andererseits wieder ihr Gutes. Wenn es Turi Chan einfiel, anstatt mit Worten nur mit Gedankenwellen seine Befehle zu geben, konnte man wenigstens nach Wunsch empfinden, was er wollte, indem man ihm abwechselnd geschützte und ungeschützte Teile des Kopfes zuwandte.

Da Turi Chan sicherlich eine Feuerwaffe mit sich führte und wahrscheinlich auch seine beiden Diener zur Hand hatte, war es ausgeschlossen, daß einer allein ihm mit offenem Widerstand begegnen konnte. So hieß es also, mit größter Geistesgegenwart und Umsicht, je nachdem es nötig würde, sich seinen Wellen auszusetzen oder sich gegen sie abzudecken.

Das war die Aufgabe, welche den beiden bevorstand. Immer wieder sagte einer dem anderen, es müsse unbedingt gelingen, obgleich jeder dabei im Innern stärkste Zweifel hatte.—

Der Abend nahte heran. Das Licht in dem Keller schwand immer mehr, die Ungeduld der beiden wurde immer größer. Endlich hörten sie, wie sich jemand der Tür näherte, sie aufschloß. Gleich darauf blitzte eine Taschenlampe auf. Turi Chan stand in der Türöffnung mit einem Browning in der Hand, hinter ihm seine beiden Diener.

»Kommen Sie heraus, Herr Astenryk. Sie werden ein erfreuliches Wiedersehen mit Ihrem Verstärker feiern ... übrigens, damit Sie nicht länger im Zweifel sind ... Ihr Bruder Valverde und Ihr sauberer Diener Marian befinden sich in derselben Lage wie Sie. Nur daß Sie beide den Vorzug haben, nicht geknebelt und gefesselt zu sein.«

Georg, der ungeduldig die Stufen hinaufkam, hätte sich am liebsten mit bloßen Händen auf seinen Feind gestürzt. Mit Gewalt bezwang er sich. Turin Chan ließ ihn an sich vorbeigehen und schritt denn hinter ihm her die Treppe zum Obergeschoß empor.

Schon hier fühlte Georg die Unsicherheit seiner Lage. Jetzt, wo er Turi Chan den Rücken zuwandte und das Netz ihn schützte, war er im Zweifel, ob der ihn nicht gedanklich beeinflusse. Doch anscheinend war das nicht der Fall, denn Turi Chan befahl ihm jetzt mit lauten Worten, in ein Zimmer zur Rechten zu treten. Als er die Tür öffnete, sah er auf einem Tisch seinen Verstärker stehen. Ein Blick zur Decke zeigte ihm, daß auch die Antenne schon gespannt war.

Die Aufregung in ihm war so groß, daß er kaum etwas beim Anblick des geraubten Apparates empfand. Nur der eine Gedanke in ihm: Wird es mir gelingen, Turi Chan so zu täuschen, daß ich ihn in die Gewalt des Verstärkers bekomme?

Mit gemacht gleichgültigem Gesicht stellte er sich vor Turi Chan hin und fragte, was er solle.

Der stutzte einen Augenblick, öffnete den Mund. »Wie? Was fragen Sie? ...« Er wollte weiter sprechen, besann sich, gab das, was er sagen wollte, Georg durch Gedankenwellen zu verstehen. Es war der Befehl, den Verstärker nach bestem Wissen und Gewissen betriebsfertig zu machen und Turi Chan in keiner Weise zu täuschen.

Georg stand, hörte, nickte. »Ich brauche Handwerkszeug. Haben Sie etwas hier?«

Turi Chan deutete auf einen anscheinend neu gekauften Kasten mit allerhand Werkzeug. Georg kramte lange darin.

Die erste Probe hat mein Netz bestanden, dachte er befriedigt. Er hatte mir doch anscheinend schon auf der Treppe einen gedanklichen Befehl gegeben, als ich ihm den Rücken zukehrte. Er verwunderte sich offensichtlich, als ich ihn fragte, was ich solle. Ah, verdammt, jetzt drehe ich ihm wieder den Rücken zu. Vielleicht befiehlt er mir wieder was.

Schnell wandte er den Kopf etwas zur Seite, um sich, wenn auch nicht vollständig, doch zum Teil für Turi Chans gedankliche Befehle empfänglich zu machen. Doch nein, der befahl nichts. Anscheinend wartete der, bis er das nötige Werkzeug beisammen hätte.

Nach einer Weile ging Georg mit dem Werkzeug in den Händen zum Apparat. Wieder den Kopf halb zu Turi Chan gewandt, vernahm er dessen immerfort wiederholten Befehl: Mach den Verstärker betriebsfertig und hüte dich, mich zu hintergehen!

Es war Georg ein Vergnügen, festzustellen, wie das Netz wirkte. Wenn er den Kopf nach vorn wandte, stand er sofort im vollen Banne Turi Chans. Wendete er das Gesicht ganz ab, vernahm er nichts von dessen Befehlen. Innerlich frohlockend, schloß er den Verstärker, der anscheinend völlig intakt geblieben war, an das Netz und die Antenne an.

Eben hatte er die letzte Verbindung gelegt, da entfuhren ihm die unbedachten Worte: »Der Apparat ist betriebsfertig.« Im selben Augenblick hatte Turi Chan die Waffe gegen ihn gerichtet und rief ihm zu: »Weg von dem Apparat, sonst ...« gab dabei stärksten gedanklichen Befehl.

Georg wandte beim Anblick der Waffe unwillkürlich den Kopf zur Seite. Die Wellen Turi Chans wurden durch das Netz abgeschirmt. Er tat, als taumele er vor Schreck zurück, ließ sich dabei mit abgewandtem Gesicht neben den Verstärker fallen, daß sein Kopf unter die Eingangsantenne kam. Dann, als wolle er sich erheben, stützte er sich auf die Hände und hob dabei die blanke Stirn gegen die Eingangsantenne. In blitzschnellem Entschluß ließ er seine eigenen Gedanken in den Verstärker strahlen.

Ein paar bange Augenblicke, dann wagte er es, das Gesicht immer noch nach oben gerichtet, den Kopf langsam zu drehen, bis er Turi Chan sehen konnte. Der stand da ... totenbleich ... die Augen in Furcht und Entsetzen weit geöffnet.

Gelungen! frohlockte es in Georgs Herzen. Mit eiligen Händen riß er die Drähte aus seinem Haar. Jetzt erst konnte er es wagen, sich—immer noch mit dem Kopf unter der Eingangsantenne—aufrecht zu setzen, Turi Chan in aller Ruhe anzusehen.

Der bot jetzt ein ganz verändertes Bild. Vollkommen ruhig, still gelassen stand er da ... willenlos im Banne von Georgs Willen, der durch den Apparat millionenfach verstärkt in sein Hirn drang.

Die Waffe her! Georgs nächster Gedanke. Gehorsam ging Turi Chan auf ihn zu und gab ihm den geladenen Browning. Dann ging er ebenso gehorsam zu dem Werkzeugkasten und kam mit einer Rolle Draht, wie er zu der Antenne benutzt war, zu Georg zurück. Mit der starken Kupferlitze fesselte Georg Turi Chan an Händen und Füßen. Dann umwand er mit dem Draht dessen Kopf vielfach nach allen Seiten.

»So, mein Lieber, jetzt bist du wirklich unschädlich gemacht, jetzt kann ich aufstehen.« Er schaltete den Verstärker aus und schob Turi Chan einen Stuhl unter. Ein Blick auf dessen Mienen ließ ihn zusammenfahren. Der, jetzt frei von dem Banne des Verstärkers, wieder ganz Herr seines eigenen Willens, saß da mit einem Gesicht, so voll von Haß und Wut, daß Georg bis ins Innerste erschauerte. Aus dem starken, unablässigen Mienenspiel war zu sehen, wie sehr er sich gegen seinen Überwinder wehrte. Wie sehr er sich bemühte, durch seine Wellen Georg, der ungeschützt vor ihm stand, wieder in seine Gewalt zu bringen. Ein Bild, fürchterlich, grausig! Georg wandte den Kopf zur Seite. Ein Tiger, in der Wildnis gefangen, zum erstenmal hinter den Gittern des Käfigs, konnte sich nicht rasender gebärden als die Gedanken in Turi Chans Hirn. Ob der überhaupt wußte, daß die metallische Umwicklung seines Kopfes die Kraft seiner Gedankenstrahlung zunichte machte? Daß die Kupferdrähte seine Gedanken festhielten wie die Käfigstäbe den Tiger?

Ich muß Clennan holen. Selbst jetzt noch kann man Furcht vor der Bestie haben. Georg ging zur Tür und machte den Browning schußfertig. Dachte: Wehe seinen Dienern, wenn sie mir in den Weg laufen! Bei der Kellertür angekommen, drehte er den Schlüssel und stieß die Tür auf.

»Kommen Sie 'raus, Clennan! Ich habe ihn.«

»Wirklich?« schrie es aus dem Dunkel. »Ist es wahr?«

Mit ein paar Sätzen war Clennan bei Georg. Einer der Diener, der wohl den lauten Ruf Clennans gehört hatte, steckte neugierig den Kopf aus einer anderen Tür, verschwand aber sofort, als er Georgs Waffe sah.

»Die Burschen scheinen uns nicht gefährlich zu werden«, lachte Georg. »Kommen Sie mit nach oben!«

Mit Clennan zusammen ging er in den Raum, wo Turi Chan saß, wie Georg ihn verlassen hatte. Der Gefesselte mochte wohl eingesehen haben, daß all seine Mühe umsonst. Still, regungslos verharrte er da wie ein Toter.

»Herr Astenryk!« Clennan schlang die Arme um Georgs Schultern. »Gehofft hatte ich's, geglaubt habe ich's nicht. Jetzt will ich's Ihnen eingestehen. Setzen wir uns. Erzählen Sie! Ich brenne zu hören, wie Sie es geschafft haben, diesen Starken in ein hilfloses Bündel zu verwandeln?«

Georg berichtete in kurzen Worten, was geschehen, fuhr dann fort:

»Aber was nun? Was machen wir jetzt mit ihm?«

»Das müssen wir uns gründlich überlegen«, erwiderte Clennan.

»Tun Sie das, mein lieber Clennan, während ich mal sehen werde, ob ich hier ein Telephon finde. Ich bin um die in Paulinenaue in starker Unruhe, wie die es wahrscheinlich auch um mich sind. Mit einem kurzen Anruf werde ich da für alle Beteiligten Klarheit schaffen.«—

Als Georg nach geraumer Zeit zu Clennan zurückkehrte, sagte er lachend: »Es hat lange gedauert. Nicht wahr? Ich habe schließlich den Hörer angehängt, sonst stünde ich heut abend noch am Apparat. Was die in Paulinenaue alles zu fragen hatten!

Ihnen will ich nur kurz sagen, daß Dale, bald nachdem Turi Chan mit dem Verstärker abgefahren war, dort ankam. Glücklicherweise ging er nach einigem Suchen in das Laboratorium, wo ihm das Fehlen des Verstärkers und das Kettenhemd am Boden sofort verrieten, daß da was Schlimmes passiert sei. Zusammen mit dem Chauffeur Jans fand er nach einigem Suchen die beiden gefesselt und geknebelt im Keller. Aber jetzt frage ich Sie, was wollen wir mit Turi Chan anfangen?«

»Darüber bin ich mir jetzt klar. Bleiben Sie bitte hier. Ich gehe zum Telephon und mache der politischen Polizei Mitteilung. Ist er einmal in deren Hand, dürfen wir, glaube ich, beruhigt sein. Daß er nichts Unrechtes mit in seine Zelle nimmt, wird meine Sorge sein. Den schönen Maulkorb behält er jedenfalls so lange auf, bis die Wirkung seines niederträchtigen Giftes verraucht ist. Natürlich werde ich mit dem zuständigen Dezernenten persönlich sprechen und ihn auf die Gefährlichkeit dieses Menschen aufmerksam machen.«

»Ah! Übrigens, das vergaß ich zu sagen«, unterbrach ihn Georg, »Dale hat sich auf den Rückweg begeben. Er dürfte in ein paar Stunden hier sein. Ich glaube, wenn Dale dann das Weitere übernimmt, dürfen wir wirklich ohne Sorge sein. Der hat ihn ja so ins Herz geschlossen, der läßt ihn sicherlich nicht lebend entrinnen.«—

Eine halbe Stunde später standen Clennan und Georg vor der Tür des Hauses und schauten einem Polizeiauto nach, das mit dem Gefangenen der Stadt zueilte.

»Hoffentlich kommt der andere Wagen auch bald«, sagte Clennan. »Ich will froh sein, wenn wir Ihren kostbaren Verstärker in meiner Wohnung haben. Sie müssen sich wohl oder übel darauf einrichten, mit dem Apparat noch einige Tage hierzubleiben. Ich überlege es mir schon im stillen, wie ich es bei einer hohen Behörde erreiche, mit Ihnen und dem Verstärker in das Gefängnis zu gelangen, um Turi Chan alle ... auch seine tiefsten Geheimnisse, abzuzwingen. Wahrscheinlich muß ich dabei Dales Hilfe in Anspruch nehmen. Es muß ja auf jeden Fall vermieden werden, daß irgend jemand etwas von dem Verstärker hört oder sieht und Ihre Erfindung bekannt wird.«

»Da kommt ein Wagen«, unterbrach ihn Georg, »er hält auf das Haus zu. Er wird es sein. Kommen Sie mit! Wir tragen den Apparat herunter und dann fort damit zu Ihrer Wohnung!«

* * *

Drei Tage waren vergangen, seitdem Turi Chan in das Gefängnis gebracht worden war. Georg Astenryk saß bei Clennan in dessen Wohnung. Der Verstärker stand, sorgsam mit Tüchern umhüllt, zum Transport bereit. Sie warteten auf Major Dale, um mit ihm ins Gefängnis zu fahren. Mit größter Spannung sahen sie der nächsten Stunde entgegen.

In der Gefängniszelle wollten sie mit Hilfe des Verstärkers Turi Chan zwingen, alle, auch die letzten Falten seines Herzens zu öffnen, seine letzten Geheimnisse zu enthüllen. In mühevoller Arbeit hatten sie eine lange Reihe von Fragen aufgeschrieben, die an den Gefangenen gerichtet werden sollten. Zunächst: Wo war Arngrim? Wie war Turi Chan zu Allgermissens Künsten gekommen? Woraus bestanden die Pulver, die das Hirn zu solchen Leistungen anzuregen vermochten? ... Und dann weiter die Unmenge von Fragen, die sich auf die früheren üblen Machenschaften Turi Chans bezogen.

»Das wäre wirklich der Untergang der weißen Rasse im Osten geworden, wenn Turi Chan zu seiner eigenen Kraft auch noch die des Verstärkers gewonnen hätte.«

»Allerdings, Herr Astenryk, denn es wäre uns nicht möglich gewesen, einen Ersatz für diesen Verstärker zu bauen. Es ist doch ein quälender, deprimierender Gedanke, daß wir nicht in der Lage sind, die Kristalle Allgermissens nachzubilden. Es besteht ja kein Zweifel, daß sich die absolute Aperiodizität nur mit Hilfe dieser Kristalle erreichen läßt. Sobald wir andere einsetzten, versagte der Verstärker. Ob es uns jemals gelingen wird, einen Ersatz für diese einzigartigen Gebilde zu schaffen, ist sehr fraglich. Bisher sind alle Versuche fehlgeschlagen.«

»Mir scheint es bisweilen«, warf Georg ein, »als ob hier ein elektrisches Phänomen mitspielt, das auf optischem Gebiet seine Parallele in der Doppelbrechung gewisser Kristalle findet.«

»Mag sein, Herr Astenryk. Jedenfalls würde es die Mühe und Arbeit vieler Jahre losten, Kristalle wie die Allgermissens zu schaffen. Ob es überhaupt gelingen wird? ...«

»Wer weiß? ... Und vielleicht wird es auch gut so sein«, murmelte Georg vor sich hin. »Was sollte geschehen, wenn es uns ... anderen gelänge ... unausdenkbar die Folgen ...«

»Lassen wir das, Herr Astenryk! Begnügen wir uns mit dem, was wir haben und versuchen wir, die Kräfte Ihres Apparates möglichst auszunutzen. Schon allein die zu erwartenden Enthüllungen Turi Chans ... welch ungeheure Bedeutung müssen sie für Trenchham, für die australische Regierung haben ...«

Das Telephon rasselte. »Es wird Dale sein«, sagte Georg, während Clennan zu dem Apparat eilte. Der griff den Hörer, nickte. Im nächsten Augenblick schien es, als entfiele der Hörer seiner Hand. Röte und Blässe wechselten in seinem Gesicht, in tiefem Erschrecken richtete er die Augen auf Georg.

Der sprang auf. »Was ist los, Clennan?«

Da ließ Clennan den Hörer kraftlos auf die Gabel zurückfallen: »Turi Chan ist entflohen.«—

Eine halbe Stunde später kam Dale zu ihm. Er war gefaßter, als die beiden erwarteten.

»Unsere Schuld, meine Herren! Anders kann ich's nicht nennen. Trotz schärfster Maßregeln—es wurde ihm alles, selbst die Kleidung weggenommen—ist es Turi Chan gelungen, etwas von seinem Pulver mit in die Zelle zu schmuggeln. So war er imstande, zwei Leute des Gefängnispersonals in seinen Bann zu bekommen, die dann willenlos alles taten, was er wollte.«

Eine Weile herrschte Schweigen.

»Das ist sehr schlimm«, begann Georg mit leiser Stimme. »Ich meine damit nicht allein, daß wir persönlich uns in Zukunft aufs äußerste vorsehen müssen. Das schlimmste ist, daß er nun wieder sein unheilvolles Wesen treiben kann und dem Bereich unserer Macht entrückt ist.«

»Hätten wir ihm wenigstens gleich, nachdem er gefesselt war, all sein Wissen um die Dinge entrissen, die uns doch so interessieren«, sagte Clennan.

»Damit wäre schon sehr viel gewonnen gewesen«, setzte Dale hinzu. »Denn die meisten der Pläne, die er uns dann enthüllt hätte, wären—einmal eingefügt in den großen Gesamtplan der Gelben—nicht mehr abänderbar gewesen. Es sei denn, man hätte alles auf unbestimmte Zeit verschoben.«

Georg stand auf, recke sich.

»Diese Schlappe darf uns nicht kleinmütig machen. Ich will die Macht der Gelben ... Turi Chans nicht unterschätzen. Aber, wenn wir unser Bestes tun, wird unsere Rasse doch Sieger bleiben.«

»Wahrscheinlich wird aber bis dahin eine Menge guten Blutes vergossen werden. Man hätte das sparen können, wenn man rechtzeitig Vorkehrungen getroffen hätte, den Krieg überhaupt unmöglich zu machen«, brummte Dale vor sich hin. »Doch halt! Daß ich's nicht vergesse! Ich rate Ihnen dringend, Herr Astenryk, sich mit Ihrem Apparat sofort wieder nach Paulinenaue zu begeben. Jetzt habe ich sogar Oberst Trenchham gegen mich.

Sie müssen sich darauf gefaßt machen, daß man Sie—ob Sie wollen oder nicht—irgendwo interniert, um Ihren Verstärker vor solchen unangenehmen Fällen sicherzustellen. Die Wut von Trenchham können Sie sich wohl denken. Was Sie alles aus Turi Chan herauspressen wollten, ist ja gar nichts gegen dessen Programm. Sind Sie einmal mit Ihrem Apparat wieder in Paulinenaue ...« er lachte laut heraus, »sind Sie ja für jeden Vergewaltigungsversuch von Scott oder Trenchham unangreifbar ... und ich glaube nicht, daß es die beiden auf eine gewaltsame Entführung ankommen lassen würden ... schon weil dann von einer Geheimhaltung keine Rede mehr sein könnte.«

Georg stand auf. »Gut, daß Sie mir das sagen, Herr Dale! In zehn Minuten werden die ein leeres Nest finden.«—

Dale sah nach der Uhr. »Ehe ich gehe, möchte ich Ihnen auch noch sagen, daß man natürlich bei der Polizei wieder einmal Himmel und Hölle in Bewegung setzt, um vielleicht doch noch Turi Chans habhaft zu werden.«

Clennan machte eine wegwerfende Handbewegung. »Den kriegt so leicht wohl niemand. Wenn er sein Pulver bei sich hat, kann er sich ja selbst in schlimmster Bedrängnis immer noch mit Erfolg seiner Haut wehren.«

»Ist leider nur zu wahr, Clennan.« Dale war aufgestanden und schickte sich zum Gehen an. »Entschuldigen Sie mich jetzt! Ich habe eine kleine Besprechung mit Mr. Hodison vor.«—

Eine Viertelstunde später saß Dale im Garten einer kleinen Vorstadtkneipe mit Mr. Hodison, dem Chefredakteur der »Australian World«, an einem einzelnstehenden Tisch, wo sie vor Lauschern sicher waren.

»Ich halte Sie unbedingt bei Ihrem Wort, Herr Hodison, nichts über den Verfasser jener politischen Artikel verlauten zu lassen.« Dale legte sich dabei in seinen Stuhl zurück und sah Hodison mit kühlem, unbewegtem Blick an.

»Oh, lieber Herr Major«, seufzte Hodison, »wenn Sie in meiner Lage wären! Ich weiß mich nicht mehr vor den Anfragen zu retten, die ich von allen Seiten bekomme. Ich hatte ja allerlei erwartet. Die Stöße, die sich da in meinem Zimmer aufgehäuft haben, übersteigen aber meine kühnsten Träume.«

»Freuen Sie sich doch, Herr Hodison«, meinte Dale mit etwas gelangweiltem Gesicht. »Sie müssen doch zugeben, daß Ihr Blatt und Ihr Verleger aus der Artikelserie große Vorteile gezogen haben.«

»Gewiß, gewiß, Herr Dale! Mein Verleger war bisher auch durchaus damit einverstanden, daß wir den Namen des Verfassers geheimhielten. Aber da ist gestern ein Beamter vom Pressebüro der Regierung bei ihm gewesen und hat sehr nachdrücklich verlangt, daß der Regierung Name und Adresse des Verfassers mitgeteilt würden. Der Verleger möchte es nicht gern mit der Regierung verderben und sitzt mir jetzt im Nacken, deren Wunsch zu erfüllen. Würden Sie mir vielleicht nicht doch ...«

»Ausgeschlossen, Herr Hodison! Halten wir uns an unsere Abmachungen. Ich habe Ihr Wort.«

»Ach, Herr Major, in welche Lage bringen Sie mich! Herrgott im Himmel, da habe ich ja noch etwas vergessen! Hier lesen Sie bitte dies vorhin eingetroffene Radiogramm. Das halboffizielle japanische Nachrichtenbüro verbreitet ein Dementi der Regierung, wonach die ungeheuerlichen, von der ›Australian World‹ verbreiteten Vorwürfe jeder Begründung entbehren.«

Dale erwiderte gelassen: »Haben Sie etwa etwas anderes erwartet, Herr Hodison?«

»Natürlich nein, Herr Dile.«

»Nun, so regen Sie sich nicht weiter darüber auf! Im übrigen«—Dale zögerte einen Augenblick—»notieren Sie sich doch bitte folgende Worte. Sie sind meine Antwort auf das japanische Dementi.«

Hodison hatte sofort den Bleistift ergriffen und sah erwartungsvoll zu Dale hinüber, der jetzt weitersprach.

»Auf die Auslassungen der halboffiziellen japanischen Nachrichtenkorrespondenz bezüglich des Falles ›Brisbane‹ erlauben wir uns folgende Anfrage:

Ist der japanischen Regierung bekannt, daß der Marineleutnant Umliu am 16. Oktober vorigen Jahres an Bord des Kreuzers ›Ito‹ aus Scham über die hinterlistige Versenkung der ›Brisbane‹ und die damit verbundene Ermordung von zweitausend tapferen Soldaten Harakiri beging? Daß seine letzten Worte dabei waren: ›Für die Ehre des Vaterlandes!‹?«

Hodison sah Dale mit funkelnden Augen an.

»Herr Major, ist das wirklich wahr?« Dale nickte. »Und das darf ich veröffentlichen?«

»Jawohl! Ich werde zu gegebener Zeit die volle Verantwortung dafür übernehmen, Herr Chefredakteur.«

Hodison hätte Dale am liebsten umarmt. Dieser neue Artikel, welch neue Propaganda! Hatten doch schon die früheren die Auflageziffer der »Australian World« gewaltig anschwellen lassen. Und dabei nahm dieser Major nicht einmal Honorar für seine unbezahlbaren Beiträge.

»Ich glaube, Herr Hodison«, sagte Dale leicht lächelnd, als ob er dessen Gedanken erraten hätte, »damit dürfte der Druck Ihres Verlegers sich etwas mildern. Im übrigen können Sie ihm bestellen, daß andere Artikel von ähnlicher Bedeutung einer anderen Zeitung zugeleitet würden, falls das Redaktionsgeheimnis seitens der ›Australian World‹ nicht streng gewahrt werden sollte. Was die Neugierde der australischen Regierung anbelangt, können Sie deren Vertreter ja zu verstehen geben, daß wegen dieser Artikel mit Sicherheit eine Anfrage im englischen Parlament zu erwarten ist. Sie möge sich bis dahin gedulden.«

Hodison wollte sich erheben, da hielt ihn Dale noch einmal zurück.

»Übrigens, erinnern Sie sich vielleicht, daß Sie heute oder gestern eine Photographie in die Redaktion geschickt bekamen? Das Bild soll den politischen Gefangenen darstellen, der, wie Sie und die anderen Zeitungen ja berichteten, in so mysteriöser Weise aus dem Gefängnis entfloh.«

»Ja, gewiß, Herr Major. Das Bild wurde uns zugeschickt von einem Farmer namens Valverde.«

»Sehr richtig, Herr Hodison! Können Sie sich auch erinnern, was in dem Begleitschreiben stand?«

»Aber natürlich! Der Farmer schreibt darin, vor ein paar Tagen sei bei ihm ein Einbruch versucht worden. Der Verbrecher sei durch eine Alarmvorrichtung verscheucht, aber durch die mit dieser Schutzvorrichtung verbundene Kamera bildlich festgehalten worden.

Ich muß offen sagen, Herr Dale, daß der Brief mich zunächst in Verwunderung setzte. Wozu hat ein Farmer derartig komplizierte Sicherungsanlagen nötig? Nun ... ich zog gleich bei unserem Korrespondenten in Georgetown Erkundigungen ein und hörte, daß der Farmer allerdings allen Grund dazu hat. Denn das ist ja der Glückspilz, der die reichen Diamantenfunde gemacht hat. Der Farmer schrieb weiter, er hätte das Signalement des politischen Gefangenen in der Zeitung gelesen und wäre überzeugt, daß der mit seinem Einbrecher identisch sei.«

»Und nun ...?«

Hodison zuckte die Achseln. »Ich möchte es schon gern veröffentlichen. Wäre keine schlechte Reklame für unser Blatt! Aber solche, wenn auch sicherlich nach bestem Wissen aufgestellten Behauptungen ... hm! ... es könnte Scherereien mit der Polizei geben ...

»Nehmen Sie das ruhig auf Ihre Kappe als Chefredakteur, Herr Hodison!«

Der machte ein unschlüssiges Gesicht. »Warum hat dieser Farmer das Bild nicht an die Polizei geschickt? Das wäre doch eigentlich das Natürlichste gewesen.«

Ein listig-vergnügtes Schmunzeln ging über Dales Gesicht.

»Nehmen Sie an, Herr Hodison, daß Herr Valverde von der Bedeutung und Verbreitung der ›Australian World‹ so überzeugt ist, daß er sie der Polizei vorzog.«

»Herr Major, ich bewundere, was Sie nicht alles wissen ... will auch keine weiteren Fragen stellen. Ihr Wunsch ist mir Befehl.«


11. Kapitel.

Mit der täglichen Luftpost war auch diese Nummer der »Australian World« zu ihrer Abonnentin Anne Escheloh nach Singapore gekommen. Sie hielt das Blatt weniger der politischen als der allgemeinen Nachrichten wegen. Aus den Briefen Georgs hatte sie sich unter Zuhilfenahme einer guten Landkarte ein recht genaues Bild von der Landschaft um Paulinenaue gemacht und verfolgte die Nachrichten aus dieser Gegend mit besonderem Interesse.

So hatte sie auch die ausführlichen Berichte aus Georgetown über die Diamantenfunde Jans mit größter Aufmerksamkeit gelesen. Georg schrieb in seinen Briefen in einer Weise davon, als lege er der Sache gar keine besondere Bedeutung bei, und gerade das machte sie argwöhnisch. In den vielen freien Stunden des Tages hatte sie immer wieder lange Ketten von Gedanken, Kombinationen aneinandergereiht. Und fast immer waren ihre Finger dann mechanisch zu dem Diamanten geglitten, jenem Geschenk Georgs, das sie auf der Brust trug. Georg hatte diesen Stein sonderbarerweise nie wieder erwähnt. Vermutungen, Hoffnungen tauchten in ihr auf, die sie, kaum gedacht, immer wieder verwarf.—

Sie hielt die neue Ausgabe der ›Australian World‹ in der Hand, warf von der Zeitung bisweilen sorgende Blicke zu Lady Wegg. Das Befinden der Kranken war wieder einmal recht schlecht und stellte Annes Geduld oft auf harte Proben. Das schon an sich nervöse Wesen der Lady hatte sich seit der Explosionskatastrophe zu einer übertriebenen Reizbarkeit gesteigert. Ausbrüche grundloser Unzufriedenheit und häßlicher Tadelsucht wechselten unvermittelt mit Stimmungen, in denen sie Anne mit überströmender Herzlichkeit für ihre liebevolle Pflege dankte und sie um Verzeihung bat.

Der Gouverneur, der nur zu wohl sah, wie wertvoll und unentbehrlich Annes Anwesenheit für die Leidende war, gab der Anerkennung dafür des öfteren in seiner wortkargen Weise Ausdruck.—

Am Nachmittag ging Anne zur Stadt, um einige Besorgungen für sich zu machen. Auf dem Rückweg benutzte sie die Straßenbahn. Ihr gegenüber auf dem Perron stand ein Herr, der eifrig in einer Zeitung las. So hatte sie Gelegenheit, Gestalt und Gesicht des Mannes unauffällig zu betrachten. Irgendwie kam er ihr bekannt vor, doch vergeblich suchte sie in ihrem Gedächtnis, wo sie ihn wohl schon gesehen haben könnte.

Als sie nach Hause kam und in ihrem Zimmer stand, fiel ihr Auge auf die letzte Nummer der ›Australian World‹. Unwillkürlich fuhr sie zusammen, als sie das Bild des entsprungenen politischen Gefangenen aus Canberra sah. Jetzt wußte sie, warum ihr der Mensch in der Straßenbahn so bekannt vorgekommen war.

Während sie sich für die Abendtafel umkleidete, überlegte sie, ob sie sich nicht sofort dem Gouverneur mitteilen sollte, doch ihre ständige Befangenheit Sir Reginald gegenüber hielt sie davon ab. Sie hoffte auf Clifton. Wenn der an der Mahlzeit teilnahm, wollte sie sich an ihn wenden.

Hauptmann Clifton stand schon im Speisezimmer, als sie eintrat. Während der Mahlzeit wartete sie, bis Sir Reginald in ein Gespräch mit Lady Wegg verwickelt war und machte dann dem Adjutanten Mitteilung von ihrer Entdeckung. Clifton hörte zunächst etwas belustigt über den Eifer, mit dem sie ihre Beobachtungen hervorsprudelte, zu. Doch zum Schluß wurde sein Gesicht sehr ernst.

»Was Sie mir da sagen, Miß Escheloh, kann doch äußerst wichtig sein. Ich möchte Sie bitten, die Zeitung sofort zu holen. Ich werde Ihr Fortgehen bei Lady Wegg entschuldigen.«—

Als Anne in das Speisezimmer zurückkam, schauten ihr beide Männer gespannt entgegen. Clifton hatte dem Gouverneur inzwischen von ihrer Entdeckung berichtet. Sie reichte das Blatt dem Adjutanten. Der warf einen kurzen Blick darauf und gab es an Wegg weiter. Der Gouverneur betrachtete das Bild lange eingehend. Die finstere Falte zwischen seinen Brauen vertiefte sich dabei noch stärker. Er winkte Clifton zu sich, sprach eine Zeitlang flüsternd mit dem. Dann wandte er sich zu Anne, reichte ihr die Hand und sagte:

»Miß Escheloh, ich bin Ihnen zu großem Dank verpflichtet.«—

In den nächsten Tagen herrschte in den höheren Regierungsstellen von Singapore eine nervös emsige Tätigkeit. Man war gerade noch rechtzeitig einem ungeheuerlichen Verbrechen auf die Spur gekommen. Ungeheuerlich auch insofern, als ein höherer Militär—der Fall lag ähnlich wie vor einiger Zeit in Penang—in ganz unbegreiflicher Weise Pflicht und Ehre vergessen hatte.

Auf Grund von Nachrichten, die trotz des Geheimcode ganz unerklärlicherweise zur Kenntnis einer anderen Macht gekommen waren, hatte sich ein Agent an jenen Offizier herangemacht, in dessen Abteilung die neuen Pläne für die veränderten Minensperren bearbeitet waren. Wie es dem Agenten gelungen war, den Offizier zu solch unglaublichem Verrat zu bewegen, blieb rätselhaft. Der Beschuldigte, der sofort verhaftet wurde, erklärte immer wieder, er müsse in Geistesverwirrung gehandelt haben. Einen Tag später wurde er in seiner Zelle erschossen aufgefunden. Er hatte einen Revolver, den ein mitleidiger Kamerad bei einem Besuch vergaß, benutzt, um seinem Leben ein Ende zu machen.

Tagelang gingen in einer neu zusammengestellten Geheimchiffre Depeschen zwischen London und Singapore. Der Name Turi Chan war darin sehr oft erwähnt. Sein Bild befand sich alsbald bei allen Stellen der politischen Polizei des englischen Reiches.—

Daß auch in der englischen Botschaft in Tokio ein Beamter war, der Staatsgeheimnisse preisgab, ließ sich in London wohl niemand träumen. So hatte Turi Chan alsbald von den Maßnahmen der englischen Regierung erfahren, und so kam es, daß er einige Tage später auf dem Wege zu Jemitsu einer Fülle sehr unangenehmer Gedanken nachhing.

Er würde es in Zukunft nur in sehr geschickter Verkleidung wagen können, englische Gebietsteile zu betreten. Dazu die unablässig wie Gift an ihm fressende Erinnerung an die Ereignisse in Australien. Diese schmählichen Niederlagen trotz stärkster Benutzung der Allgermissenschen Mittel raubten ihm Tag und Nacht die Ruhe ...

Die furchtbare Macht in den Händen dieses Astenryk ... unausdenkbar ihre Wirkung! ... Mußte nicht alles, was er in langer, mühevoller Arbeit erdacht, geschaffen, an ihr zerschellen ... wie konnten er und seine Kraft in offenem Kampf gegen jene bestehen? ... Wurden nicht einfach alle seine ... Jemitsus Pläne vollkommen in Frage gestellt? ...

Die Furcht, seine Unterlegenheit, seine Schwäche Jemitsu einzugestehen ... diesen vielleicht zu veranlassen, das große Unternehmen hinauszuschieben oder gar aufzugeben ... diese quälende Furcht hielt immer wieder die Worte auf seinen Lippen fest, in denen er all das Verhängnisvolle Jemitsu offenbaren wollte. Die unabweisbare Folge mußte es ja sein, daß Jemitsus Zuversicht auf den Sieg aufs schwerste erschüttert wurde ... Wie durfte ein Krieger ohne Siegesbewußtsein in die Schlacht gehen ...?

Er erreichte das Kriegsministerium und betrat das für ihn reservierte Zimmer.

Von dem Schreibtisch leuchtete ihm von weitem die verhaßte »Australian World« entgegen. Wieder ein Artikel von M. D.? dachte er wütend. Er griff das Blatt, sein Auge ging zu der gewohnten Spalte. Und während er langsam Satz für Satz die Worte vom Tode Umlius las, wurde sein Gesicht immer düsterer, ernster.

Er ließ sich schwer in den Stuhl fallen, starrte wie hypnotisiert auf die Zeilen, deren ganze Bedeutung nur er allein fassen konnte. Welch neue furchtbare Entdeckung für ihn! Daß man auf gegnerischer Seite durch Verrat von all dem erfahren hatte, war ja ausgeschlossen. Man mußte sie belauscht haben—mit Hilfe des Verstärkers—damals, als der »Ito« den »James Cook« überholte ...

Diesen Zauberapparat hatte er den Gegnern entrissen, hatte ihn sicher in den Händen gehabt ... Oh, er Tor, warum hatte er damit nicht sofort Australien verlassen? ... Warum hatte er ihn nicht gleich nach Japan gebracht, ihn dort durch japanische Physiker prüfen und in Gang setzen lassen? ...

Oh, daß er dieser kleinlichen menschlichen Schwäche nachgegeben hatte, daß er sich nicht den Gipfel seines Triumphes versagen konnte ... daß er den unterlegenen, in seinem Bann befindlichen Feind aufs tiefste erniedrigen wollte! ... Georg Astenryk selbst sollte ihm, dem Sieger, den Apparat in allen Teilen erklären, sollte ihn in der Kunst, den zu bedienen, unterweisen ...

Für solch kleinliche, unwürdige Tat hatten ihn die Götter gestraft. Wäre es ihm nicht doch gelungen, etwas von Allgermissens Pulver mit in die Gefängniszelle zu nehmen, er wäre noch heut in der Hand des Feindes ... des Feindes, der über alle gegen ihn geplanten Dinge unterrichtet wäre ... und durch wen? ... Durch Turi Chan selbst, den Urheber all dieser Pläne ... Welch tödliche Ironie!—

Mit wütender Gebärde ballte der die Zeitung zusammen und warf sie weit von sich.

Verflucht der Name Allgermissens und all das, was der je erdacht, ersann! Verflucht der Tag, der mir das Geheimnis seiner Pulver in die Hände spielte, während seine andere große Erfindung dem Deutschen zufiel. Verflucht ich selbst, daß ich mir den Apparat Allgermissens im letzten Augenblick noch entreißen ließ von dem, der schon gefangen in meiner Hand war!

Doch mißgönnten mir auch die Götter die Macht dieses Kleinodes, froh soll der andere seines Besitzes nicht werden, solange ich atme. Ich will ihn samt seinem Zauberapparat vernichten. Mögen mir die Himmlischen wenigstens dazu ihren Beistand leisten ... sonst wäre alles verloren.

Er ging zu dem Buddhabild, wollte niederknien, da kam Jemitsu in das Gemach.

Schon beim ersten Blick sah Turi Chan, daß der etwas Großes, Wichtiges sagen wollte. Mit erhobenem Haupt, festen Schrittes, die Augen funkelnd in freudiger Genugtuung, kam Jemitsu auf ihn zu, legte ihm die Hände auf die Schultern, sah ihm tiefatmend ins Gesicht.

»Morgen nacht, Turi Chan, beginnt das eiserne Spiel! ...«

Er hielt einen Augenblick inne, erwartete wohl, daß der seiner freudigen Überraschung Ausdruck geben würde. Doch Turi Chan hatte sich bei dessen letzten Worten angstvoll vorgebeugt, daß seine Brust an der Jemitsus lag, sein Kopf auf dessen Schulter ruhte. Ein Zittern ging durch seinen Körper.

Jemitsu, der nichts anderes glauben konnte, als daß der Freund durch den Eindruck seiner Worte zu erschüttert sei, um seiner Freude offenen Ausdruck zu geben, sprach mit erhobener Stimme weiter:

»General Borodajew wird mit seiner gesamten Armee morgen nacht den Ussuri überschreiten und Chabarowsk angreifen. Gelingt dieser erste, schwierigste, Schritt, sich in den Besitz von Chabarowsk zu setzen, hat er gewonnen. Alle zum Abfall neigenden russischen Heeresteile werden nach dem Erfolg zu ihm übergehen. Sein weiterer Vorstoß zum Meer wird dann in dreimal vierundzwanzig Stunden geschehen sein. Wie die Ereignisse weitergehen, weiß niemand. Das hängt davon ab, ob sich die Abfallbewegung schneller oder langsamer fortpflanzt ... Auf die Nachricht, daß Borodajew das Meer erreicht hat, fällt der erste Schuß auf Singapore!«

Jemitsu schwieg. Seine Hände gingen zu Turi Chans Kopf, wollten ihn umwenden, ihm ins Gesicht zu schauen, sich zu weiden an der großen Wirkung seiner Worte. Doch der hielt in festem Widerstreben sein Gesicht stumm an Jemitsus Schulter gepreßt.

So tief, so gewaltig die freudige Erschütterung! dachte Jemitsu, während ein frohes Lächeln über sein Gesicht lief. Nicht ein Wort vermag er zu sprechen, so erfüllt ist er von dem Gehörten! Mit liebevoller Berührung strich er über Turi Chans Kopf, als der sich jetzt frei machte, die Hände vor das Gesicht gepreßt, sich umwandte, zu dem Buddhabild eilte, sich dort im Gebet niederwarf. Während die Rosenperlen des Gebetkranzes langsam durch seine Finger rannen, verließ Jemitsu den Raum. Alle Fragen, die er Umlius wegen auf den Lippen hatte ... einer anderen Stunde mußten sie vorbehalten bleiben.

* * *

Die Enthüllungen der »Australian World« über den Untergang des englischen Kreuzers »Brisbane« wurden von der europäischen Presse viel besprochen und, je nach der politischen Einstellung, mehr oder weniger scharf kritisiert.

Waren schon die sehr gemäßigten Besprechungen der französischen Zeitungen Alfred Forbin stark auf die Nerven gegangen, so fluchte er Stein und Bein, als er die Urteile der englischen Presse in die Finger bekam. Er brannte darauf, deswegen mit Mr. Shugun Rücksprache zu halten. Kaum hatte er gehört, daß der in Paris wieder anwesend, so suchte er ihn auf.

Der Japaner hörte seine wenig gewählten Ausdrücke des Mißvergnügens und der Sorge mit seinem ewig gleichbleibenden Lächeln an und suchte ihn zu beruhigen. Shuguns Anteilnahme an dem Wohlergehen seines Freundes Forbin hatte stark abgenommen, seitdem Helene sich von ihm getrennt. Ganz fallen lassen konnte er ihn nicht; Alfred Forbin wußte zuviel.

Als Forbin sich von Mr. Shugun verabschiedete, war ihm nur wenig leichter ums Herz. Innerlich verwünschte er den Tag, an dem er nach Kiel gefahren war. Er nahm sich vor, in der nächsten Zeit London zu meiden.

Einige Tage später leistete er sich auf sein Vorhaben einen heiligen Schwur und erweiterte das Gelübde dahin, in seinem Leben keinen Fußbreit englischen Bodens zu betreten. Die Parlamentsberichte aus England waren allerdings von seinem Standpunkt aus sehr wenig erfreulich.

Eine der ersten Anfragen in der neuen Session betraf die Vorgänge beim Untergang der »Brisbane«. Schon nach den ersten Worten des Ministers war zu erkennen, daß der Regierung diese Anfrage offenbar recht ungelegen kam. Der Minister erklärte, sichtlich nicht ganz frei, die Regierung hätte schon vor dem Erscheinen des Artikels in der »Australian World« eine Nachricht bekommen, in welcher der anonyme Schreiber die gleichen Behauptungen bezüglich der »Brisbane«-Katastrophe aufstellte. Die sofort angestellten Recherchen hätten allerdings ergeben, daß tatsächlich im Sommer des vorigen Jahres in Kiel eine größere Menge Schrott, darunter auch alte Minenkörper, von einem Manne, der sich als ein Mr. Newstead aus Alexandria auswies, gekauft und nach dem Osten verschifft worden seien. Es hätten sich jedoch keinerlei Anhaltspunkte ergeben, diese Tatsache irgendwie mit dem Untergang der »Brisbane« in Verbindung zu bringen.

Auf eine erneute Anfrage wenige Tage später erwiderte der Minister, daß er zu dem Fall nichts weiter zu sagen habe. Selbstverständlich werde die Regierung diese Angelegenheit nicht aus den Augen lassen.

Presse und Publikum zeigten sich von der ministeriellen Antwort wenig befriedigt, doch trat die Angelegenheit allmählich in den Hintergrund. Neue alarmierende Nachrichten von der russisch-mandschurischen Grenze lenkten die allgemeine Aufmerksamkeit dorthin. Ein englischer Korrespondent, dem es gelungen war, unerkannt das Sungarital zu besuchen, sandte von Schanghai aus mehrere Berichte, welche die flagrante Kriegsgefahr im Fernen Osten in krassen Farben malten.—

Auch in dem Kreis der Freunde in Paulinenaue verfehlten diese Artikel ihre Wirkung nicht. Man besprach indessen weniger die Nachricht an sich als die Kommentare in- und ausländischer Zeitungen darüber.

»Es ist unglaublich«, sagte Dale, »daß es überall noch Leute gibt, die sich Politiker nennen und doch anscheinend noch immer nicht begriffen haben, daß dies das Vorspiel—wenn der Teufel will—zu der Tragödie der weißen Rasse hier im Osten werden kann. Sie können sich keinen Begriff machen, wie man im Generalstab bei uns über diese unglaubliche Verbohrtheit in London denkt. Trenchham darf man nicht in die Nähe kommen. Er steht ständig in Gefahr, zu explodieren.

Doch lassen wir das unfruchtbare Gerede! Was kommen muß, wird kommen. Wir wollten doch eigentlich von der Person sprechen, die letzten Endes alle diese üblen Dinge verursacht hat, von Turi Chan.«

Mit der Nennung dieses Namens war das Stichwort für die weitere Unterhaltung gegeben. All die Geschehnisse, die Erlebnisse, wie sie doch jeder von ihnen mit diesem furchtbaren Manne gehabt, wurden besprochen.

Jan Valverde äußerte immer wieder seine Unzufriedenheit über das Entkommen Turi Chans. Er nannte es eine traurige Blamage. Seine nachträglichen Ratschläge, wie man das hätte vermeiden können, waren ja auch nur allzu richtig.

»Das beste wäre gewesen«, meinte er, »Turi Chan in Clennans Wohnung zu schaffen und dort unter den Bann einer schnell gefertigten Platte zu bringen. Die hätte ihn besser festgehalten als Gefängnismauern. Dann hättet ihr Zeit und Muße genug gehabt, ihm nach und nach sämtliche Würmer aus der Nase zu ziehen. Später konntet ihr ihn meinetwegen in das Gefängnis abliefern, obgleich ich ein einfacheres, besseres Mittel gewußt hätte, ihn unschädlich zu machen. Wenn er mir noch einmal in den Weg laufen sollte, weiß ich jedenfalls, was ich zu tun habe.«

Dabei tat Jan Valverde einen nicht mißzuverstehenden Griff nach seinem Browning. »Ich werde ihm nie vergessen, wie er mich behandelt hat.«

Bei diesen Worten bewegte Jan unwillkürlich die Lippen, als wolle er einen schlechten Geschmack vertreiben. »Die infame Bestie! Hätte er wenigstens mein Taschentuch als Knebel benutzt. So nahm er einen alten schmierigen Lappen, der schon zu Gott weiß welchen Zwecken gedient hatte ...«

»›Der Einbrecher wurde jedoch durch die Sicherheitsvorrichtungen verscheucht‹ ... stand wohl in der ›Australian World‹?« Clennan sah bei diesem Zitat Jan verschmitzt von der Seite an.

»Der Teufel soll den holen, der das 'reingesetzt hat!« schrie der erbost.

Gesicht und Haltung Jans waren dabei so drollig, daß alle in ein herzhaftes Gelächter ausbrachen.

»Wie gut es war, Herr Dale, das Bild mit dem Bericht zu veröffentlichen ...«

»Ah, Sie waren's, Herr Major!« knurrte Jan.

»... wie gut das war«, fuhr Georg fort, »haben wir ja gesehen. Der Luftpostbrief meiner Verlobten aus Singapore zeigt es zur Genüge. Meine gute Anne drückt sich anscheinend bewußt diplomatisch aus. Aber zwischen den Zeilen ist doch zu lesen, daß man auf diese Veröffentlichung hin rechtzeitig ein schweres Verbrechen verhindern konnte.«

Dale machte ein finsteres Gesicht. »Ich kann Ihnen nichts Näheres über die Vorfälle in Singapore sagen. Die Angelegenheit ist streng geheim. Jedenfalls hat dieser Teufel ein wertvolles Menschenleben mehr auf dem Gewissen.«

Während die anderen weitersprachen, saß Dale in Gedanken versunken ... Singapore ... vor Singapore würde einst der Tanz beginnen, hatte er mehr als einmal im Kreise seiner Kameraden geäußert.

Was ihm jetzt durch andere militärische Stellen über die Vorgänge in Singapore bekanntgeworden, erfüllte ihn mit schwerer Sorge. Wer konnte wissen, ob nicht schon früher ähnliche Fälle von Verrat vorgekommen waren. Diese überaus komplizierten mechanischen Verteidigungsanlagen einer modernen Festung waren ja wie das Nervensystem eines menschlichen Körpers. Durch die Verletzung einer lebenswichtigen Stelle wird doch die Kraft auch des stärksten Mannes gebrochen ...

Auch Georg war nachdenklich. Was ihm Anne über ihre Schwester Helene schrieb, erregte in ihm recht zweifelhafte Gefühle. Diese exzentrische Frau ... woher hatte sie das unruhige Blut, das sie zu solch abenteuerlichem Leben trieb? Gewiß kein Schade, daß sie sich von Alfred Forbin getrennt hatte. Aber in welche neue unmögliche Situation hatte sie sich da begeben? ...

»Nun dürfte bald Herr Arngrim kommen«, unterbrach Clennan die Stille. »Ich war reichlich erstaunt, Herr Astenryk, als Sie mir vorgestern telephonierten, daß er wieder nach Georgetown zurückgekehrt ist. Als seine Leidensgefährten haben wir doch wohl einiges Interesse, zu hören, wie es ihm ergangen und wie er den Klauen dieses Teufels entronnen ist.«

»Turi Chan, Turi Chan! Du hast dir mit der Zeit ein schönes Süppchen eingebrockt«, tönte Jans Baßstimme.

»Turi Chan?! Wer spricht hier von Turi Chan?«

Wie aus Geistermunde gekommen hallten die Worte durch den Raum. Aller Köpfe wandten sich erschreckt zur Tür.

Da stand Arngrim mit bleichem, finsterem Gesicht. Eine Weile herrschte tiefe Stille. Der Anblick des Mannes, seiner Züge, so voller Haß und Pein, lähmte ihnen die Zunge.

Georg war der erste, der sich dem Bann entzog. Er sprang auf, eilte auf Arngrim zu, griff freudig dessen Hand. Auch die anderen umdrängten ihn, bestürmten ihn mit Fragen. Nur allmählich kehrte die Ruhe wieder, kam Ordnung in ihr Gespräch.

Arngrim hatte am Tisch Platz genommen und erzählte. Es war eine lange Geschichte, die in dem deutschen Neustadt anfing, nach Gartok ... nach Georgetown führte ... Seine Begegnung mit Turi Chan ... seine geistige Knebelung ... seelische Martern ... nach Tokio verschleppt ... Flucht aus dem Gefängnis auf ein Schiff ... in Niutschwang erneut verhaftet, nach Mukden ins Gefängnis gebracht ... und von dort ...

Jeder der Zuhörer merkte, wie Arngrim hier in seiner Erzählung etwas ins Stocken geriet, wie er nach Worten suchte, um seine Flucht aus dem Gefängnis dort zu erklären. Offensichtlich war er bemüht, die näheren Umstände zu verschleiern.

In Seemannskleidung war er von Mukden nach Niutschwang gekommen und hatte einen deutschen Dampfer gefunden, der ihn nach Schanghai brachte. Von dort war er im Flugzeug nach Australien zurückgekehrt.—

Zum Schluß seiner Erzählung waren die Züge Arngrims immer ruhiger, freier geworden. Als er mit seinem Eintreffen bei Musterton in Georgetown schloß, lag es wie heller Sonnenschein auf seinem Gesicht ... seine Gedanken kehrten zu der Stunde zurück, da er in Mustertons Haus trat und Musterton ihn in die Arme schloß. Nach einer Weile war der hinausgegangen, hatte die Tür hinter sich geschlossen ... Wenige Minuten später ... in der geöffneten Tür stand Lydia Algermissen. Ein Aufschrei aus ihrem Munde, als sie ihn sah ... dann lag sie in seinen Armen.—

Lange noch saßen sie zusammen, sprachen von Turi Chan und vor allem von Algermissen. Georg teilte Arngrim das Geheimnis von Allgermissens Verstärker mit. Arngrim wußte, wenn nicht alles, so doch Wichtiges über die Pulver Allgermissens, denen Turi Chan seine Macht verdankte, zu berichten. —

Die Nacht war fast herum, als Arngrim sich verabschiedete.

In ihm war eine glückliche Wandlung vorgegangen. Jetzt, da man ihm alles berichtet hatte, was man von Turi Chans Taten und Worten wußte, atmete er erleichtert auf; was ihm so lange als Versäumnis auf der Seele gebrannt —nicht längst das, was er von Turi Chan und seinen Plänen wußte, jemandem mitgeteilt zu haben—war kein Versäumnis. Die wußten das ja schon alles und noch mehr. Sein langer Brief an Major Dale, in dem er dem alle seine Wahrnehmungen mitteilte, konnte ruhig in Turi Chans Händen bleiben.—

Immer wieder gingen seine Gedanken zu seiner Flucht aus Mukden zurück. Sicherlich hatten die anderen wohl gemerkt, daß er die näheren Umstände seiner Flucht absichtlich unvollständig und unrichtig wiedergab ... Zu ärgerlich, daß ich mir die Sache nicht vorher in anderer Weise klarlegte! Oder ... warum habe ich eigentlich nicht alles so erzählt, wie es in Wirklichkeit war?

Wären die Gäste aus Canberra nicht dagewesen, hätte ich keinen Grund gehabt, etwas zu verschweigen. Ist doch Helene Forbin für Jan und für mich tot ... für mich? ... Wo sie mich erst vor kurzem aus der Gefangenschaft der Gelben befreit hat? ... Ihr verdanke ich mein Leben. Ihr, an die ich stets nur mit Haß und Verachtung zurückgedacht habe. Sie, die mich beinahe zum Mörder machte ... die mein ganzes Leben zerstörte ... Sie—so wollte es das Schicksal—mußte mich aus Todesnot erretten!

Wollte ich nicht im ersten Augenblick, als ich in den Seemannskleidern versteckt den Brief fand, ihre wohlbekannten Züge las, die gereichte Hand zurückstoßen ... es verschmähen, die Freiheit durch ihre Hilfe wiederzugewinnen? Was war es, was mich nach quälendem Zögern bewog, doch die gebotene Hilfe anzunehmen?

Die Lust am Leben nur war's sicherlich nicht! ... Lydia! ... Wäre sie nicht gewesen, hätte ich nicht mit allen Fasern meines Seins daran gehangen, sie wiederzusehen, ihre Liebe zu gewinnen, dann ...

Die ersten Häuser von Georgetown tauchten auf. Die hohen weißen Mauern des Instituts leuchteten ihm entgegen. »Lydia!« Unwillkürlich drängte der Name über seine Lippen. Verschwunden, wie weggewischt, die Gedanken an Helene und all das andere.

* * *

Die Sonne kam eben über dem Horizont, da heulte die Sirene der Alarmvorrichtung durch das Gutshaus von Paulinenaue. Marian, der in der Nähe des Laboratoriums schlief, war im Augenblick aufgesprungen und stürzte dorthin. Ein Apparat, der herannahende Flieger signalisierte, hatte das Alarmzeichen ertönen lassen und automatisch den Verstärker und eine Wachsplatte in Tätigkeit gesetzt, deren Befehle jetzt mit einer Kraft von fünfzig Kilowatt aus der Antenne in den Äther spritzten.

Noch einen schnellen Blick über die Apparatur, ob alles in Ordnung, dann eilte Marian ins Freie. Nach und nach trafen auch die anderen bei ihm ein. Mit Feldstechern konnte man deutlich erkennen, wie vier Flugzeuge in der Richtung nach Süden wegflogen.

»Sind es Freunde«, sagte Georg zu Dale und Clennan, »werden sie ihren Flug —wohl etwas verwirrt, erstaunt—fortsetzen. Sind es Feinde, werden sie sicherlich umdrehen und wiederkommen.«

»Zum Teufel, Herr Astenryk! Was soll das bedeuten? Was haben Sie sich da wieder ausgedacht?«

»Lassen Sie sich das von Marian erzählen. Ich muß die vier Flugzeuge beobachten.«

Marian erklärte den erstaunt Zuhörenden die Konstruktion des von Georg so geistvoll ersonnenen Apparates, der Flugzeuge schon auf weite Entfernungen meldete. Durch eine automatische Verbindung sei er mit dem Verstärker und einer Wachsplatte gekoppelt, die jetzt unaufhörlich den Befehl »Fliegt weg! Fliegt weg!« in den Raum strahlte.

Georg sah währenddessen mit grimmen Behagen, wie die Flieger jetzt wieder kehrtmachten. Er schloß daraus, daß sie, aus dem Zwangsbereich des Verstärkers gekommen, nun wieder Herren des eigenen Willens, ihr ursprüngliches Ziel von neuem ansteuern wollten.

»Geh nach oben«, rief er Marian zu, »setze dich unter den Verstärker. Wenn die Flieger näher kommen, gib deine Kommandos.«

»Sie nehmen wohl an, Herr Astenryk, daß es japanische Flieger sind?« fragte Clennan.

Georg zuckte die Achseln. »Das werden wir gleich wissen.«

Dale, der, den Feldstecher vor den Augen, die Flieger beobachtete, rief jetzt: »Unsinn! Es sind australische Flugzeuge. Ich sehe es genau am Bau und an den Abzeichen.«

»Hm, hm«, brummte Georg, »kann sein, kann nicht sein.« Wiederholte dann seine Worte von vorher, »Das werden wir gleich wissen«. Er wandte den Kopf zu Marian empor, der am Laboratoriumsfenster stand. »Nun mal los, mein Junge!«

Marian verschwand von Fenster. Kurz darauf bogen die vier Flieger scharf nach links ab.

»Es sind Japaner, Herr Major.«

»Japaner ... die mit falschen Abzeichen fliegen?« In Dales Gesicht blitzte es auf »Das wäre doch wirklich eine Unverschämtheit sondergleichen.«

»Für mich gibt es keinen Zweifel, meine Herren«, sagte Georg, während er zu den Fliegern hinaufschaute. »Marian steht am Verstärker und kommandiert: Australier rechts! Japaner links! Und es dürfte den Herren doch bekannt sein, daß ein Widerstand gegen die Befehle meines Verstärkers nicht möglich ist.«

»Was haben Sie jetzt weiter vor«, drängte Dale. »Sie werden sie doch nicht einfach nach Hause schicken?«

»Keineswegs! Marian ist für diesen Fall schon instruiert. Sie werden gleich sehen, wie die vier Flugzeuge auf der großen Koppel dort hinten niedergehen. Ich denke, wir steigen in unseren Wagen und fahren dorthin. Marian wird uns auf unserem Weg mit dem Fernglas folgen und die entsprechenden Befehle geben. Nämlich«, setzte er scherzend hinzu, »denen befehlen, uns nicht totzuschießen und sich widerstandslos von uns gefangennehmen zu lassen.«

Sie waren eben in den Wagen gestiegen und rollten aus dem Hof, da hörten sie von weitem den Donner einer schweren Explosion.

»Aha!« nickte Dale befriedigt, »Bombenflieger! Eine der Karren ist beim Landen unsanft aufgestoßen und glatt in die Luft geflogen.«

Eine Minute später fuhr der Wagen durch das Gattertor auf die Koppel. Schon von weitem sahen sie, daß Dale mit seiner Vermutung recht hatte.

Eine gewaltige schwarzgelbe Wolke hob sich über einer Stelle, wo Trümmer eines Flugzeuges in hellen Flammen standen.

»Die anderen sind vorsichtiger gewesen«, rief Clennan, »sehen Sie dorthin! Da kommen uns drei Flieger entgegen. Und jetzt ... Marian arbeitet wirklich prompt ... heben sie die Hände über dem Kopf.«

»Feine Sache, Herr Astenryk!« Dale drückte Georg die Hand, daß der sein Gesicht schmerzlich verzog. »Hoffentlich werden Sie dieses Experiment zu gegebener Zeit recht oft erfolgreich wiederholen. Ich werde General Scott und Trenchham den Bericht über den Vorfall persönlich geben. Zunächst mal mache ich mich auf einen furchtbaren Anranzer gefaßt. Auf die erste Nachricht von den Ereignissen werden die sich natürlich sagen: Das kommt alles davon, daß dieser deutsche Eckkopf keine Vernunft annehmen will und sich nicht lieber unter militärischen Schutz begibt.«

»Na, ich danke«, scherzte Georg, »meine Schutzeinrichtung, die uns auch nachts einen sicheren Schlaf garantiert, wird denen eine bessere Meinung von dem deutschen Querkopf geben.«—

Die Gefangenen wurden nach Paulinenaue gebracht. Dale telephonierte nach Canberra. Gegen Mittag würde eine Kommission in Paulinenaue sein, um das Weitere zu veranlassen. Im Banne des Verstärkers hatten die gefangenen Flieger, über Zweck und Ziel ihres Fluges befragt, übereinstimmend geantwortet: Paulinenaue durch Bombenabwürfe vom Erdboden zu vertilgen.

»Ich glaube, Herr Astenryk«, sagte Clennan, nachdem die Japaner in einem sicheren Raum untergebracht waren, »ohne Ihre brillante Idee mit dem automatischen Fliegeralarm wäre Paulinenaue und alles was darin jetzt in Atome zerrissen. Von den vier Bomben, die jedes der vier Flugzeuge mit sich führte, hätte schon eine einzige dazu genügt.«

»Bin mal neugierig, was man mit den Burschen anfängt«, sagte Jan, der von Georgs Einrichtung nichts wußte und den Vorgängen mit beinahe wortlosem Staunen gefolgt war.

»Das soll nicht meine Sorge sein«, meinte Georg, »dafür mag Freund Dale sorgen. Ich bin zufrieden, daß mein Apparat auch diese Probe gut bestanden hat.«

»Sagen Sie nicht Apparat, Herr Astenryk. Bei solcher Leistung müssen Sie schon Großsender sagen.«

»Nennen Sie es, wie Sie wollen«, nickte Georg vergnügt.

»Bei dieser Gelegenheit, Herr Astenryk«, sagte Dale, »möchte ich ... muß ich eine Frage anschneiden, die uns in Canberra schon lange auf der Seele liegt. Immer, wenn ich Sie fragte, wie Sie sich die Mobilisierung Ihres Verstärkers im Kriegsfalle denken, gaben Sie ausweichende Antworten. Sie sagten, das wäre eine nebensächliche Angelegenheit.—

Selbstverständlich bietet es keine Schwierigkeiten, die fünfzig bis hundert Kilowatt, die Ihr Verstärker braucht, aus irgendeiner fahrbaren Motordynamo zu nehmen. Gestern abend machten Sie gelegentlich die Bemerkung, Sie würden demnächst mit einer Energie von hundertfünfzig Kilowatt und noch mehr arbeiten ...«

»Ja, gewiß, Herr Dale. Da sagte ich. Aber warum ...«

»Nun, diese hundertfünfzig Kilowatt sind natürlich auch in Form eines fahrbaren Aggregats zu beschaffen. Aber hier fängt die Sache an, etwas umständlich zu werden. Sie würden dazu doch eines umfangreichen Fuhrparks benötigen. Den im gegebenen Augenblick in der besten Form bereitzustellen, dürfte vielleicht Schwierigkeiten bieten. Ich hatte, als ich hierherkam, die Absicht, diese Frage mit Ihnen zu besprechen, um danach sofort die nötigen Anschaffungen zu machen.«

»Nicht nötig, Herr Dale! Ich werde Ihnen gleich zeigen, daß der erste beste solide Kraftwagen genügt.«

»Aha!« entschlüpfte es Clennan unwillkürlich.

Georg lachte.

»Habe mir längst gedacht, Herr Clennan, daß Sie da schon allerhand gerochen haben. Nun, jetzt ist es wohl an der Zeit, Ihnen auch darüber volle Aufklärung zu geben. Kommen Sie, bitte, mit nach oben in das Laboratorium.«

Während Georg auf dem Weg zum Hause voranging, flüsterte Clennan Dale zu: »Ich glaube, Herr Major, wir werden etwas Außerordentliches erleben.« Auf Dales fragenden Blick fuhr er fort: »Hinter der Energiequelle, die Astenryk zum Betrieb seines Verstärkers benutzt, steckt ein Geheimnis oder—ich will es noch anders sagen—steckt das wirkliche Geheimnis dieses Mannes. Ein Mensch von der Tatkraft und den geistigen Qualitäten Astenryks sieht das Ziel seines Schaffens nicht in den Arbeiten mit dem phantastischen Verstärker. Dieser nüchterne, klare Kopf hat sich—darüber war ich mir nie im Zweifel—höhere, realere Aufgaben gestellt. Ich denke, wenn wir wieder herunterkommen, werden wir etwas gesehen haben, was über kurz oder lang die Welt in Staunen setzen wird.«

»Lassen Sie doch, Clennan! Meine Neugierde ist schon groß genug. Sie machen's ja noch schlimmer.«

Sie gingen zu Georg ins Laboratorium. Der begann: »Meine Herren, aus Gründen, die Sie begreifen werden, bin ich genötigt, mich vorweg Ihres unverbrüchlichen Schweigens über das zu versichern, was ich Ihnen jetzt vorführen will. Wenn Sie, Herr Major«, er wandte sich zu Dale, »es für erforderlich halten, dem General Scott eine Mitteilung zu machen, sei es Ihnen unbenommen. Aber überlegen Sie es sich, bitte, genau. Ihnen, Herr Clennan, will ich zunächst einmal zeigen, wohin das Stromkabel des Verstärkers führt. Das hat ja, wie ich wohl merkte, schon längst Ihre Neugier erregt.«

Er öffnete die Tür zu einem kleinen Nebenraum.

»Hier endet das Kabel des Verstärkers. Die Batterie, an die es angeschlossen ist, macht beim flüchtigen Hinblick vielleicht den Eindruck einer Akkumulatorenbatterie. Das ist sie aber keineswegs. Sie haben hier ...«, Georg machte eine wohlberechnete Pause, »... die primäre Energiequelle!«

Obwohl die Spannung und Erwartung der beiden schon sehr hoch war, verschlug es ihnen bei diesen Worten Astenryks doch die Sprache. Da standen in einem einfachen Holzkasten von der Größe eines Kabinenkoffers mehrere Reihen von Elementen, Georg schaltete das Kabel ein. »Der Sender ist jetzt betriebsfertig. Sehen Sie, bitte, hierher auf das Wattmeter.«

»Hundertfünfzig Kilowatt?!« kam es fragend, staunend, ungläubig von den Lippen Clennans und Dales.—

Als beide eine Stunde später allein durch den Park gingen, sagte Clennan scherzend zu Dale:

»Nun, so schweigsam, Herr Major? War ein toller Brocken, den uns Astenryk da vorsetzte. Bißchen schwer zu verdauen! Was?«

»Sie haben gut lachen, Herr Clennan. Sie ahnten schon etwas von dieser phänomenalen Sache. Das wird ein schönes Geschrei in der Welt geben, wenn sie eines Tages davon erfährt. Schon die wenigen Andeutungen Astenryks genügten, um mir eine völlig veränderte Energiewirtschaft zu zeigen.

Aber lassen wir das jetzt und denken wir an nichts anderes als den Verstärker. Jetzt bekommt die Sache natürlich ein ganz anderes Gesicht. Jetzt kann man den Verstärker in der einfachsten, unauffälligsten Weise mobilisieren. Der erste beste Kraftwagen genügt, um darin die ganze Apparatur betriebsbereit zu installieren.«—

Es war am Abend des folgenden Tages. Die drei japanischen Gefangenen waren unter militärischer Obhut nach Canberra gebracht worden. Auch Clennan und Dale hatten Paulinenaue verlassen.

Georg war im Laboratorium beschäftigt. Ein Batterieglas zeigte eine ganz unerklärliche Abweichung an seinen Meßinstrumenten. Während die anderen mit dem gleichen Elektrolyten gefüllten Elemente die frühere Leistung von zweiundneunzig Prozent auswiesen, waren hier fünfundneunzig Prozent zu lesen. Die an sich so erfreuliche Tatsache bereitete Georg gewaltiges Kopfzerbrechen. Wie war diese Abweichung von den anderen Elementen zu erklären? Sollte es wieder, wie damals bei der Diamantensynthese, ein Zufallstreffer sein, der erst in langwieriger Arbeit erforscht werden mußte, um die Gründe für das unerwartete Ergebnis zu finden?

Aus seinem Nachdenken schreckte er auf, als Jans Stimme neben ihm erklang.

»Immer wieder die alte Geschichte!« sagte der behäbig lächelnd. »Schweifst in die Ferne, wo das Gute doch so nahe liegt. Hast du immer noch keine frischen Kohlenlösungen angesetzt ... für neue Diamantensynthesen?«

»Laß mich doch damit in Ruhe, Jan! Diese Arbeiten sind für mich erledigt. Was ich da unter dem doppelten Zwang wissenschaftlichen Ehrgeizes und der Notwendigkeit, dir zu helfen, einmal tat, genügt ... muß genügen. Oder ...« er machte einen Versuch, zu scherzen, »hast du noch eine faule Bürgschaft am Halse?«

»Gott sei Dank nicht. Aber man braucht ja nicht gerade in solcher Klemme zu sein, um sich noch so ein nettes Schüsselchen mit Diamanten zu wünschen. Es war doch ein unbeschreibliches Gefühl, als ich wie Marian mit den Händen in die Schale fuhr und meine Finger in den Steinen badete.«

»Bist ein Schlemmer, Jan! Mach's wie die anderen Menschen, da drüben steht ein Waschbecken. Was du so gern möchtest, würde ich zum zweitenmal nur im Falle höchster Not tun, und selbst dann nicht ohne schwere Bedenken. Es ist und bleibt für mich ein unbehagliches Gefühl, jemandem synthetische Steine zu verkaufen. Wenn sie auch den natürlichen nicht im geringsten nachstehen, der Käufer würde sich doch betrogen fühlen, wenn er ihre Herkunft kennte.«

»Ach was, deine Sophistereien! Dem Manne in Georgetown, der sein Brötchen ißt, ist es ganz egal, ob der Weizen dazu auf meinem oder auf des Nachbars Acker gewachsen ist. Willst du es denn etwa ewig für dich behalten, daß du Diamanten machen kannst?«

»Keineswegs, lieber Jan. Dagegen würde sich mein Erfinderehrgeiz denn doch mit Recht wehren.«

»Na, das mag ja einen schönen Krach geben, wenn die Welt von deiner Kunst erfährt!«

»Krach ist gut gesagt, Jan, aber in anderem Sinne. Der Krach hieße Bankerott. Es muß daher auf alle Weise vermieden werden, daß Milliardenwerte auf einen Schlag wertlos werden. Denke an die unglückseligen Juweliere in der ganzen Welt, die über Nacht ruiniert wären. Denke an die Unsummen, die in den Diamantengruben der Welt investiert sind. All die Leute, die mit diesem Industriezweig verbunden sind, zu Bettlern zu machen, ist nicht meine Absicht.«

»Ja! Aber? ... Was denn? ...« Jan stand mit offenem Mund da, schaute Georg fragend an.

»Ich denke mir die Sache folgendermaßen, Jan: Beiläufig wird eines Tages die Öffentlichkeit erfahren, daß es mir gelungen ist, winzige Diamanten auf synthetischem Wege herzustellen. Ein Zusatz, daß es leider auf absehbare Zeit ausgeschlossen scheine, größere Diamanten zu machen, wird das erste Warnungszeichen sein.

Nach einer gewissen Zeit werde ich in vorsichtigster Form weitere Mitteilungen in die Presse lancieren, die von Fortschritten in der Diamantensynthese sprechen. In dieser Weise werde ich über einen längeren Zeitraum hin Schritt für Schritt vorgehen. In der gleichen abgebremsten Form wird sich dann auch wohl die Deroute auf dem Diamantenmarkt vollziehen. Eine Umstellung wird sich auf diese Weise ohne allzu große Schädigung der interessierten Kreise erreichen lassen, wie es ja auch früher schon bei anderen Erfindungen der Fall war.«

»Schade!« brummte Jan mit enttäuschtem Gesicht vor sich hin. »Ich glaube, Georg, die meisten Leute, die davon wüßten, würden dich für einen Narren halten.«

»Nun«, lachte Georg, »bleibe du bei deiner Auffassung, ich bleibe bei meiner. Aber komme bitte mal hierher und sieh dir das Element an. Das Meßinstrument zeigt fünfundneunzig Prozent ...«

Georg wollte noch weitersprechen, da kam es hastig aus Jans Mund: »Oh, das ist ja sehr interessant, aber ich muß ... entschuldige mich ...« Bei den letzten Worten verließ Jan ziemlich fluchtartig das Laboratorium. Georg schüttelte sich vor Lachen. Mit wissenschaftlichen Erklärungen konnte man Jan sehr schnell loswerden.

Gleich darauf saß Georg wieder bei seiner Arbeit. Der Wirrwarr von Gedanken, in den er sich verstrickt hatte, war gewichen. Die Unterbrechung durch Jans Besuch erwies sich als sehr heilsam. Mit kühlem Kopf ordnete er das ganze Material der letzten Versuchsreihen und verglich systematisch alle Ansätze der Elektrolyte mit den Resultaten. Und dann ... hatte er die Lösung dieses »Fehlresultates«. In freudiger Hast mischte er frische Elektrolyts, füllte eine neue Batterie damit.

»... Habe ich auch das theoretische Maximum noch nicht völlig erreicht, so wäre es doch wahrscheinlich in Kürze zu erwarten ... Aber jetzt habe ich Wichtigeres zu tun ... vor allem muß ich wissen, warum der versprochene Kraftwagen für meinen Verstärker nicht kommt.«

Er ging zum Telephon und ließ sich mit Clennan verbinden.

»Der Kraftwagen wird morgen bestimmt in Paulinenaue sein«, sagte der. »Dale hielt es für richtig, einige Verbesserungen daran vornehmen zu lassen. Wenn möglich, komme ich selbst mit.«—

Am nächsten Tage begann in dem Autoschuppen Jans ein geheimnisvolles Schaffen. Der Kraftwagen war gekommen. Dale hatte ihn mit einer wirksamen, unauffälligen Panzerung versehen lassen. Georg und Marian waren eifrig beschäftigt, die Installation für den aufschiebbaren Antennenmast zu machen. Gleichzeitig wurden die Stellen, wo der Verstärker und die Batterie ihren Platz finden sollten, vorgerichtet.—

Als sie nach getaner Arbeit ins Haus kamen, fanden sie Jan am Radioempfänger. Bei Georgs Eintritt stand er auf und rief ihm entgegen:

»Das Neueste, Georg! Bericht aus Canberra: Es geht los!«

Der stutzte. »Was meinst du damit? Was geht denn los?«

»Der Krieg in Sibirien! Die russische Freiwilligenarmee unter General Borodajew hat den Grenzfluß Ussuri überschritten!«

»Hm! ... Also doch ... aber nun ja ... nach den letzten Nachrichten konnte es ja kaum anders kommen.«

Er wandte sich zur Treppe, nach oben zu gehen. Dachte dabei: Sollte wirklich, wie Dale immer prophezeit, der Krieg in Sibirien der Auftakt zu dem anderen großen Kriege sein?

Die Nachrichten in den folgenden Stunden überschlugen sich. Russische Meldungen sprachen von schweren Kämpfen im Ussurigebiet. Nachrichten aus Mukden meldeten erfolgreiche Kämpfe um Chabarowsk und schon kurz danach die Einnahme der Stadt.—

Chabarowsk, an der Mündung des Ussuri in den Amur gelegen, war ein strategischer Schlüsselpunkt erster Ordnung. Durch seine Wegnahme war das ganze südliche Küstengebiet mit Wladiwostok von seiner Landverbindung mit dem russischen Mutterland abgeschnitten. Offensichtlich war es die Absicht Borodajews, sich von hier aus näher an Wladiwostok heranzuschieben, wobei ihm ja die Bahnverbindung längs des Ussuri gute Dienste leisten mußte, während er gleichzeitig vom Westen her Truppen über den Ussuri warf. Hierbei würden ihm die Amphibientanks ebenso wie beim Übergang nach Chabarowsk sehr nützlich sein.

Doch alle diese Vermutungen erwiesen sich als falsch. Sämtliche russischen Garnisonen im südlichen Küstengebiet gingen in den nächsten Tagen zu Borodajew über. In Rücken und Flanke gedeckt, setzte der General seinen Marsch nach Nordosten fort. In drei Tagen mußte seine motorisierte Vorhut das Meer erreicht haben.—

Während Presse und Publikum überall in der Welt je nach ihrer politischen Einstellung mit mehr oder weniger Interesse den weiteren Verlauf des Borodajewschen Unternehmens verfolgten, tobte in den englischen Zeitungen ein heftiger Streit gegen die Regierung. Jedermann schien sich jetzt bewußt zu sein, wie leicht der Brand in Ostsibirien sich zu einem großen Feuer entfachen und den ganzen Fernen Osten ergreifen könne. Dies um so mehr, als jetzt allmählich bekanntwurde, daß in den letzten Wochen—am stärksten in den letzten Tagen—alle militärpflichtigen Japaner in Europa ganz unauffällig die Rückreise in ihre Heimat angetreten hatten.

Das englische Kabinett tagte in Permanenz. Die Verhandlungen mit dem japanischen Botschafter wurden immer schwieriger. Als endlich die Regierung, von allen Seiten gedrängt, eine schärfere Sprache annahm, erfolgte das Gefürchtete. Der Botschafter brach im Auftrage seiner Regierung die diplomatischen Beziehungen zu Großbritannien ab und verlangte seine Pässe.

Die unmittelbar danach erfolgende Abreise bewies zweifellos, daß man sich schon seit Tagen auf diesen Moment vorbereitet hatte. Die in letzter Stunde vom Botschafter vorgebrachte Forderung, Australien müsse das Einwanderungsverbot für japanische Untertanen aufheben, konnte nach Lage der Dinge nur als ein allzu durchsichtiger Vorwand für den gewollten Bruch gelten. Die letzten Schleier fielen, als bekanntwurde, daß Japan den Schutz seiner Untertanen in allen Teilen des britischen Reiches den diplomatischen Vertretungen Frankreichs übertragen habe.


12. Kapitel.

Marian war auf die Jagd gegangen. Georg saß bei Jan in dessen Zimmer. Der Radioapparat war auf Kurzwelle Köln eingestellt. Rheinische Volkslieder erfüllten den Raum, gespielt, gesungen in der fernen Heimat.

In Gedanken versunken, lauschten sie den alten, bekannten Weisen. Da hörte die Musik jäh auf. Der Ansager rief: »Meine Damen und Herren, wir unterbrechen das Konzert wegen einer wichtigen politischen Meldung. Soeben trifft die Nachricht ein, daß Japan an England den Krieg erklärt hat. Die englische Seefestung Singapore an der Malakkastraße wird von japanischen Luft- und Seestreitkräften bombardiert.«

Mit einem schweren Fluch sprang Jan auf. »Also hatte Dale doch recht, wenn er immer wieder sagte, in Singapore werde es zuerst losgehen.«

Georg stand einen Augenblick wie betäubt ... Singapore ... Anne! ... Dann eilte er zum Telephonapparat, um Clennan und Dale anzurufen. Doch vergeblich, keiner der beiden war zu erreichen. Mißmutig legte er den Hörer wieder auf, da schrillte der Apparat.

»Hier Flugplatz Canberra. Dale und Clennan. Haben Sie die Nachricht von Singapore gehört? ... Ja? ... Wir starten jetzt. In einer Stunde sind wir mit einer ausgesuchten Maschine bei Ihnen. Bereiten Sie alles zum Einbau Ihres Verstärkers vor. Wir wollen mit Ihnen nach Singapore!«

In Georgs Augen blitzte es auf. Nach Singapore?! Zu Anne! ... Eine rasende Flut von Gedanken, Überlegungen überstürzte sich in ihm. Sein Verstärker sollte dort Rettung bringen ... eine Aufgabe, deren ungeheure Schwierigkeiten ihm sofort bewußt wurden ... Würde es glücken? ... Vergeblich zwang er sich zu ruhigem Denken. Wenn es gelingen sollte, mußte doch nach einem vorher genau festgelegten Plan gearbeitet werden. Wo da den Anfang machen? Die kämpften doch auch schon zu Lande mit den englischen Streitkräften. Was war der gefährlichste Teil der japanischen Angriffsmacht? ... Die Richtung seiner Wellenstrahlen ... die eisernen Schiffe und ihre Kommandotürme boten denen stärkste Abschirmung ... die Landstreitkräfte, durch die Stahlhelme stark geschützt ... von oben schwer angreifbar ...

Jans Stimme riß ihn aus diesem Gedankenwirbel.

»Komm, Georg! Wir wollen den Verstärker und die Batterie herunter in den Kraftwagen bringen. Da man noch nicht genau wissen kann, wo Dales Flugzeug aufsetzen wird, lassen wir den Wagen mit den Apparaten ruhig so lange in der Garage stehen. In ein paar Minuten können wir dann da sein, wo das Flugzeug landet.«

Während sie die Sachen aus dem Laboratorium in die Garage brachten, fragte Georg: »Wo bleibt nur Marian?«

»Willst du den etwa mitnehmen, Georg?«

»Das wird wohl nicht möglich sein«, meinte der bedauernd. »Sicherlich müssen wir die Besatzung des Flugzeuges nach Möglichkeit einschränken, um desto mehr Brennstoff mitnehmen zu können. Denn müßten wir unseren Kampf mit den Japanern aus Brennstoffmangel unterbrechen, würde vielleicht der ganze Erfolg in Frage gestellt.«—

Sie waren wieder in Jans Wohnzimmer gegangen und saßen am Radioapparat, den Jan auf gut Glück auf die Welle von Batavia einstellte. Er meinte dabei: »Vielleicht bekommt man von den nahegelegenen Neutralen bessere Nachrichten.«

Kaum war der Apparat auf Batavia eingestellt, kaum drangen die ersten Worte aus dem Lautsprecher, da erstarrten sie in sprachlosem Staunen, in fiebernder Überraschung. Was war das da in dem Apparat? Das klang ja, als wenn der Gang einer Manöverschlacht in einer erstklassigen Funkreportage berichtet würde! Diese Fülle von Bildern ... ihre Schilderung so aufregend, nervenpeitschend ... die ganze Darstellung von solch packender Lebendigkeit ...

Wie war das möglich? Und dazu die Sprache des Mannes deutsch?! Und jetzt ... War's nicht, als hörte man das Pfeifen von Kugeln, Krachen von Granaten ... Der Berichterstattende sprach—wie zu sich selbst: »Verfluchter Japs! Laß mich in Ruhe! Scher dich weg! Ich tu dir ja gar nichts. Was? Noch eine Ladung ... ich muß mich schwach machen, 's wird ungemütlich ... So, Herrschaften, kleine Pause—, gleich werde ich aus dem Dicksten 'raus sein ...«

»Meine Damen und Herren«, klang es jetzt in holländischer Sprache, »während der kurzen Unterbrechung möchten wir den neu hinzugekommenen Hörern noch mitteilen, daß ein glücklicher Zufall uns in die Lage versetzt hat, ihnen einen authentischen Bericht von dem Gang der Schlacht bei Singapore zu bringen. Der deutsche Flieger Bölhofen, auf einem Ostasienflug begriffen, war heute nachmittag in Penang aufgestiegen, um nach Batavia zu fliegen. Während er sich auf der Höhe von Singapore bei unserem Flugplatzleiter anmeldete, begann gerade der japanische Angriff. Dem kühnen Deutschen, der, wie ja schon mitgeteilt, unter großer Lebensgefahr—einige Male mußte er vor japanischen Kampffliegern flüchten—der Schlacht als Zuschauer beiwohnt, verdanken wir diesen Bericht. Achtung, wir schalten auf sein Flugzeug um.«

Wieder lauschten sie in atemloser Spannung der packenden, hinreißenden Schilderung von der furchtbaren Schlacht. Nur ab und zu dröhnte die Stimme Jans dazwischen: »Das ist der Gipfel! Ein Bravo unserem Landsmann!«

Vollkommen im Banne der Reportage wandte er sich mit drohender, wegscheuchender Gebärde zu dem Chauffeur, der ins Zimmer kam. Doch der ließ sich nicht abweisen, schrie:

»Herr Valverde, ein Flugzeug landet eben auf der Koppel.«

Georg sprang sofort auf und eilte hinaus.

»Herrgott, ja! Das hatte ich ganz vergessen!« brummte Jan und stürmte hinter Georg her. »Hoffentlich hat Dales Maschine auch eine Senderanlage! Ich werde jedenfalls nicht von meinem Empfänger weichen.«

Er war noch so benommen, daß er gar nicht auf die letzten Worte Georgs achtete, der ihm beim Hinauslaufen zurief: »Komm mit dem Auto nach!« Mit seinen langen Beinen hatte er Georg eingeholt, als er gerade Dale und Clennan begrüßte, die ihm ein Stück entgegengekommen waren.

»Aber Jan! Du solltest doch mit dem Auto kommen.« Er machte eine ärgerliche Bemerkung und wandte sich ab. »Nun, da werde ich den Wagen selbst holen.«

Eilig lief er dem Hause zu. Da ... da kam ja Marian. Georg winkte, rief ihm von weitem zu. Doch der ... Georg wunderte sich, warum bleibt er nicht stehen? Was hat er? Er sah ihn um die Hausecke gehen und dann verschwinden ...

Merkwürdig! dachte Georg. Er hatte das Haus erreicht und wollte zur Garage abbiegen, da hörte er aus dem Schuppen krachende Schläge. Sekundenlang durchschoß ihn glühende Angst. Was war das? Was bedeutete das ...? Noch ein paar Schritte—er konnte durch die offene Tür das Innere der Garage sehen—er stutzte, stand wie angewurzelt, seine Augen quollen über in tödlichem Schrecken und Entsetzen ... Marian ... was machte der da? Jetzt wieder ... krachend fiel das Beil in dessen Hand auf den schon halb zertrümmerten Verstärker nieder. Georg wollte schreien, doch die Stimme versagte ihm. Nur ein unartikulierter Laut kam aus seiner Kehle. Stolpernd, stürzend eilte er auf Marian zu ... da blickte der auf, sah Georg.

Was jetzt geschah, kam Georg kaum zum Bewußtsein ... das Jagdgewehr in Marian Hand ... ein Schuß daraus ... die Kugel scharf an seinem Kopf vorbei. Der wollte noch einmal schießen, da war Georg über ihm. Ein wilder Kampf entspann sich, bis es Georg gelang, Marian die Waffe zu entreißen ... noch im letzten Augenblick löste sich ein zweiter Schuß. Dann warf er sich erneut auf Marian, der das Gewehr wieder ergreifen wollte, schlang seine Arme um den und drückte ihn zu Boden.

»Marian! Marian!!« kam es keuchend, stöhnend aus Georgs Mund, »was hast du getan? ... Mich ermorden?! ... Bist du wahnsinnig?! ...«

Der wandte den Kopf zu Georg empor. Der trübe, glasige Glanz in seinen Augen schwand. Mit verständnislos fragendem Blick sah er Georg an.

»Was sagst du, Georg? ... Dich ermorden? ... Wer will dich ermorden? ...«

»Marian! Was ist mit dir? Weißt du nicht, was du getan hast?«

Unter dem drängenden, beschwörenden Ton Georgs wandelte sich Marians Gesicht immer stärker, sein Blick wurde klarer, seine Züge straffer.

»Marian! Ist es möglich? Du weißt wirklich nicht, was du eben getan hast? Daß du auf mich schossest? Daß du unser Heiligtum ... den Verstärker, vernichtet hast? ...«

Marian starrte Georg mit entsetzten Augen, zitternden Lippen wie ein Gespenst an.

»Ich ... ich ...« Er stützte sich auf die Hände und schob den Oberkörper in die Höhe. Sein Blick folgte Georgs Arm, der auf den zertrümmerten Verstärker deutete. »Ich ... ich war das?!« Er schloß die Augen, fiel zurück. Ein letzter Schrei aus seinem Munde: »Turi Chan!«, dann umfing ihn tiefe Ohnmacht.—

»Aber wo bleibst du, Georg? Wir warten! Was ist denn mit dem Karren? Warum ...« Wie zur Salzsäule erstarrt stand Jan. Seine Augen irrten wie geistesabwesend über die Szene.

Da stand Georg leichenblaß, schwer atmend gegen die Wand gelehnt. Vor ihm auf dem Boden Marian ausgestreckt ... wie ein Toter. Neben ihm das abgeschossene Gewehr. Dort der Verstärker ... ein Trümmerhaufen ... Noch war kein Wort gefallen, da kamen auch Dale und Clennan herein. Ein Blick ... dann dasselbe Bild ... sprachlos, zum Tode erschrocken verharrten sie ...

Dale war es, der sich zuerst aufraffte. »Herr Astenryk, was ...?«

Da hob der wie mit Mühe langsam den Kopf, sprach wie ein zum Tode Getroffener: »Turi Chan!«—

In dem Wäldchen an der Straße nach Georgetown lag ein Mann auf den Knien. Den Gebetkranz in den Händen, murmelte der Dankgebete zum Himmel. Doch nur schlecht paßten die demütigen Worte, in denen er den Göttern dankte, zu den in wildem Triumph glühenden Augen. Während seine Lippen Gebete sprachen, waren seine Gedanken dort drüben in der Autohalle ... jetzt der Leichenhalle seines Feindes ... Der Verstärker zertrümmert! Oh, wie wohlig war ihm das Krachen der Schläge von weitem her an sein Ohr gedrungen. Das so empfindliche, leicht zerstörbare Gebilde unter Axtschlägen ... was konnte übrig sein als ein Haufen nutzloser Splitter! ... Fortan war jede Gefahr aus der Welt geschafft. Georg Astenryk hatte ja in seinem Banne eingestanden, daß es nicht möglich wäre, einen zweiten derartigen Verstärker zu bauen ... Und dann der Schuß. Wie dieser Knecht wohl seinen Herrn getroffen haben mochte? Ob er ihn tödlich verwundet? ... Und der zweite Schuß, mit dem er sich selbst den Tod geben sollte ... ob auch der tödlich getroffen? ...

Mögen die Himmlischen mein Werk auch weiter segnen! Jetzt will ich zurück zu Jemitsu, will nicht Tag, nicht Nacht rasten, ihm zu helfen. Mir ist, als wenn sich meine Kräfte verdoppelt hätten, seit ich weiß, daß ich diesen stärksten aller Gegner vernichtet habe.

Weh euch, ihr Weißen! Nicht lange mehr sollt ihr euch eurer Kolonien erfreuen, dieses Raubes an den Kindern der Sonne!

Er erhob sich und sprang in den starken Kraftwagen, der ihn nach Brisbane führte. Mit grimmem Behagen, mit triumphierender Freude vernahm er auf dem Flugplatz die Nachrichten vom Fortgang der Schlacht bei Singapore ... überall die Japaner im Vorteil. Wie lange noch, dann war sie über, die stolze Feste. —

Es war ein ganz anderer Mann, der am nächsten Morgen Jemitsu gegenüberstand. Nicht der Turi Chan, der mit aller Kraft seines Geistes bemüht sein mußte, seine Mutlosigkeit, die quälenden Sorgen, die in seinem Innern wühlten, vor dem Freunde zu verbergen. In fester Zuversicht ging er auf Jemitsu zu und legte ihm die Hände auf die Schulter. So standen sie sich gegenüber. In wessen Augen brannte wohl stärkeres Feuer, leuchtete stolzeres Siegesbewußtsein?

»Der Sieg wird unser sein!« Fast gleichzeitig kamen die Worte von ihren Lippen.—

In kurzer, gedrängter Darstellung gab Jemitsu dem Freunde einen Bericht von dem bisherigen Verlauf der Schlacht.

»Wie werden sie überall in der Welt erstaunen, erzittern!« kam es fast jauchzend aus Turi Chans Munde. »Mit Neid und Schrecken werden sie unsere Siege erleben.«

Einen Augenblick huschte ein dunkler Schatten über Jemitsus Gesicht. »Die Vereinigten Staaten ...« kam es langsam aus seinem Munde, »die Stimmung dort ist nicht unbedenklich. Presse und Publikum drängen die Regierung einzugreifen. Wenn die doch nachgiebig würde? ...«

Turi Chan machte eine verächtliche Handbewegung.

»Laß sie kommen! Früher oder später wird das Sternenbanner das Schicksal des Union Jack teilen.«

»Du vergißt die anderen großen weißen Staaten der Welt«, warf Jemitsu ein. »Ein Zusammenschluß ...«

»... wird niemals kommen«, vollendete Turi Chan den Satz. »Ihre Uneinigkeit ist zu groß, als daß sie sich zu einer solchen Tat aufraffen könnten. Ganz abgesehen davon, daß das starke Frankreich mit uns durch enge freundschaftliche Bande verbunden ist.

Wann erwartest du den Fall Singapores, Jemitsu?«

Der wiegte nachdenkend den Kopf. »Wäre ein anderer Mann als Sir Reginald Wegg Kommandant von Singapore, ich würde sagen in drei Tagen. Wegg ist ein zäher, tapferer Krieger, ein echter Repräsentant seiner Rasse, er wird bis zum letzten Blutstropfen ausharren. So wird es länger dauern.«

Turi Chan runzelte die Brauen. »Das wird doch wohl nicht bedeuten, daß die Transporte nach Australien sich verzögern?«

Jemitsu verneinte. »Wir werden nicht warten, bis Singapore gefallen ist. Aber ehe wir nicht den Fall der Festung sicher erwarten können, wird unsere Australienflotte nicht auslaufen.«

Turi Chan ging mit unruhigen Schritten durch das Zimmer. »Unerträglich die kommenden Stunden untätigen Harrens! Ich vermag nicht, hier länger müßig zu sitzen. Laß Weisung geben, das nächste Großflugzeug, das an die Front geht, solle mich mitnehmen.«

Er wollte sich verabschieden, wandte sich noch einmal um und fragte: »Wie steht's in Sibirien, Jemitsu?«

Der ging zu einer Wandkarte und deutete darauf. »Nachdem auch Nikolajewsk zu Borodajew übergegangen ist, ist das ganze Land bis zum Jablonoigebirge in seiner Hand.«

Turi Chan nickte befriedigt. »Borodajew hat in kurzer Zeit viel erreicht«, sagte er anerkennend.

»Gewiß, Turi Chan. Doch vergiß nicht, daß ihm dazu der Abfall der russischen Garnisonen sehr geholfen hat. Ich möchte noch hinzufügen—ich weiß es aus sicherer Quelle—, daß er dabei auch viel dem Rat und der Hilfe seiner schönen Geliebten zu verdanken hat ... übrigens: hier habe ich einen interessanten Bericht von Oberst Macoto über Boradajews Freundin. Sie war in russische Gefangenschaft geraten. Wie das kam und wie sie sich dann befreite, kannst du hier lesen. Ich gehe, um den Befehl für deinen Flug nach Singapore zu geben.«—

Als Turi Chan nach einigen Stunden im Flugzeug saß, gingen seine Gedanken immer wieder zu Helene Forbin—welch wunderbares Weib! Zehn Männer wiegt sie auf in Rat und Tat.

* * *

Es war der dritte Tag der Belagerung von Singapore. Dale kam im Flugzeug nach Paulinenaue. Am Haustor empfing ihn Jan, doch nicht in seiner gewöhnten polternden Art. Still, gedrückt reichte er ihm die Hand.

»Gut, daß Sie kommen. Jetzt werden die drei da oben im Laboratorium mal 'raus aus ihrer Höhle müssen. Mit Mühe habe ich durchgesetzt, daß sie jetzt in Schichten arbeiten. Die ersten Tage und Nächte sind sie nicht aus den Kleidern, viel weniger aus dem Laboratorium gekommen.«

»Was macht Marian, der Unglückliche?« fragte Dale.

Jan machte eine bedauernde Handbewegung. »Nicht besonders, Herr Dale. Es ist gut, sehr gut, daß er so scharf arbeiten kann. Das lenkt ihn von seinen Gedanken ab, zwingt ihn zu anderer, stärkster Konzentration. Wäre das nicht, er würde sich vielleicht ein Leid antun.«

»Das ist doch Unsinn, Herr Valverde. Habt ihr nicht alle unter dem Bann des gelben Teufels gestanden, willenlos tun müssen, was er wollte?«

»Gewiß!« erwiderte Jan. »Und doch, wenn man bedenkt ... Marian, Freund, Bruder Georgs von Jugend auf, zerstört dessen Werk, will Georg ermorden ... welch furchtbare Verstrickung!«

»Wissen Sie jetzt die näheren Umstände, wie Turi Chan ihn in seinen Bann zwang?«

»Ja. Man kann sich wenigstens ein ungefähres Bild aus den Mitteilungen machen, die Georg vorsichtig bruchstückweise aus Marian herauslockte. Danach hat es sich wohl so zugetragen: Marian, auf der Jagd, hatte sich, um zu ruhen, im Schatten eines Busches niedergelegt und war eingeschlafen. Als er erwachte, stand Turi Chan vor ihm. Er zwang Marian, einen Becher zu trinken, in den er irgendein teuflisches Medikament getan hatte. Georg vermutet, das wäre ein Pulver gewesen, um die Empfänglichkeit für Gedankenstrahlungen stark zu erhöhen. Nachdem er Marian so völlig in seinen Bann gebracht hatte, gab er ihm den Befehl, den Verstärker zu zerstören und Georg zu erschießen.

Er muß dann Marian, der nach Hause ging, bis in die unmittelbare Nähe des Gutshofes gefolgt sein. In Turi Chans Bann tat dann Marian das Ungeheuerliche ...

Kommen Sie, Herr Dale. Ich gehe mit nach oben. Clennan schläft. Georg und Marian sind bei der Arbeit. Mit vereinten Kräften werden wir sie 'rausholen, ob sie wollen oder nicht.«—

Eine halbe Stunde später saßen alle—Clennan hatte man inzwischen geweckt—in einer schattigen Laube des Gartens. Jan konnte den Blick nicht von Marian lassen—welche glückliche Veränderung war mit dem vorgegangen! ... Dale hatte, kaum ins Laboratorium gekommen, Marian unter den Arm gegriffen und war mit ihm ins Freie gegangen. Was er da mit ihm gesprochen hatte, wußte man nicht. Jedenfalls hatte er es überraschend verstanden, den Unglücklichen durch verständiges Zureden von seinen selbstquälerischen Wahnideen zu befreien und seelisch aufzurichten.

»Ehe ich Ihnen über die Lage bei Singapore berichte, geben Sie mir, bitte, Herr Astenryk, noch einmal ein genaues Bild von dem Stand Ihrer Arbeiten. Sie glauben nicht, wie froh, erleichtert ich aufgeatmet habe, als ich von Clennan hörte, daß der Verstärker wiederhergestellt werden könne. Von dem Augenblick an habe ich die Hiobsnachrichten aus Singapore leichter genommen.«

Ehe Georg begann, nickte er Marian zu. Beglückte es ihn doch noch viel mehr als die anderen, daß Dales freundlicher Zuspruch auf Marian so heilsam gewirkt hatte.

»Ein gütiges Geschick, stärker als der bannende Haß Turi Chans, lenkte Marians Arm. Gewiß, der Apparat wurde völlig zerstört.

Aber völlig ... das ist nicht ganz richtig. Seine Seele, die Allgermissenschen Kristalle, blieben unversehrt. Die beiden kleinen Kristalle, die ich zunächst vermißte und für verloren hielt, fanden sich Gott sei Dank später weitab zur Seite geschleudert unter Jans Wagen.

Als ich die Kristalle sämtlich beisammen hatte, war ich vollkommen beruhigt. Jetzt handelte es sich für mich nur darum, in planvoller, systematischer Arbeit in kürzester Zeit einen neuen Verstärker herzustellen, um dann die unersetzlichen Kristalle Allgermissens darin einzubauen. Einen Teil des nötigen Materials hatten wir ja schon von jener Zeit her, da ich die Absicht hatte, mit Clennan einen zweiten Verstärker zu bauen. Das mißlang, weil wir die richtigen Kristalle dafür nicht fanden. Was an Einzelteilen noch fehlte, brachte Clennan, der mit Ihrer Maschine nach Canberra flog, schon am nächsten Morgen herbei. Daß wir seit diesem Tage nicht müßig gewesen sind, können Sie sich denken.«

»›Nicht müßig‹ ist gut gesagt, Georg, geschuftet habt ihr wie die Wilden«, unterbrach ihn Jan. »Hätte ich nicht die Schichtarbeit eingeführt, wärt ihr längst am Ende eurer Kräfte.«

»Und wie lange noch ...?« fragte Dale, zu Georg gewandt.

»Genau läßt sich das nicht sagen, Herr Major. Ich hoffe aber spätestens in einer Woche fertig zu sein.«

Dale nickte erfreut. »Oh, das ist ja schneller, als ich hoffte. Aber schonen Sie Ihre Kräfte. Die Arbeit, die danach Ihrer wartet, ist nicht minder schwer. Jetzt will ich Ihnen den versprochenen Bericht über die Lage in Singapore geben.

Wie ich Ihnen schon vorher sagte, ist die Nachricht vom Tode des Gouverneurs falsch. Er lebt. Wie es mit seiner Familie steht, weiß ich natürlich nicht. Ich nehme aber an, daß sie sich in Sicherheit befindet ...

Wie lange sich Singapore halten wird, ist ... ungewiß. Wir hoffen natürlich das beste. Irgendein glückliches Ereignis, wie es ja im Kriege oft vorzukommen pflegt, kann noch eine Wendung zum Besseren bringen. Ohne etwas Derartiges ...« er zuckte die Achseln.

»Aber wie ist das möglich, Herr Major? Singapore, die gewaltige Feste ...« warf Jan ein.

»Ja ... da muß ich auf ein in der Geschichte unglücklicher Kriege mit Vorliebe gebrauchtes Wort ›Verrat‹ zurückgreifen. Die schnellen, überraschenden Erfolge der Japaner am ersten Tage sind einfach undenkbar, wenn man nicht annimmt, daß Verrat ihr Bundesgenosse war.

Über Einzelheiten will ich mich nicht auslassen. Der Feind muß im Besitz zuverlässigster Pläne aller Anlagen gewesen sein, muß über ein fast mathematisch genaues Bild aller unterirdischen Verbindungswege, Kabelleitungen und Kraftzentralen verfügt haben.

Anders ist es nicht zu erklären, daß schon die ersten Geschosse und Bomben Volltreffer auf verteidigungswichtige Punkte waren.

Um Ihnen einen Begriff zu geben, wie ernst die Lage zur Zeit in Singapore ist, möchte ich vorweg bemerken, daß gestern die Befestigungen auf der Insel Blakan Mali und nach den heutigen Nachrichten wahrscheinlich auch die Werke auf der Insel Brani aufgegeben werden mußten. Der Kampf wird also in der Hauptsache von den Küstenforts geführt.

Ich will Ihnen kurz die bisherigen Aktionen skizzieren, wie sie bis jetzt hier bekannt sind. Wenn ich dabei auch einige noch geheimzuhaltende Dinge erwähne, so glaube ich das verantworten zu können. Sind Sie doch alle seit langem unserer Sache aufs engste verbunden.

Vor drei Tagen, kurz vor Sonnenuntergang, erschien ein japanisches Geschwader, bestehend aus drei modernen Kreuzern, zwei Flugzeugmutterschiffen, zwei Torpedobootflottillen und einer größeren Zahl von U-Booten, von Südosten her vor Singapore. Es steht fest, daß dies Geschwader, schon vor längerer Zeit in Marsch gesetzt, den Weg südlich um Java durch die Sundastraße genommen hat.

Die Kreuzer, stark vernebelt, näherten sich ungesehen Blakan Mali, während die Torpedo- und U-Boote einen überraschenden Angriff auf die auf der Außenreede liegenden englische Schiffe, drei Schwere und zwei Leichte Kreuzer, eröffneten.

Während des Kampfes griffen die japanischen Kreuzer von Süden her ein. Überraschend schnell war das englische Geschwader vernichtet. Die englischen Flottenteile, die im Hafen von Singapore zusammengezogen waren, verließen diesen sofort und griffen die japanischen Streitkräfte an. Nach kurzer Zeit waren die drei sich opfernden Kreuzer der Japaner erledigt, während ihre übrigen Schiffe nach Osten zurückwichen. Bei der Verfolgung der japanischen Kräfte trafen unsere Kreuzer auf ein Geschwader japanischer Schlachtschiffe, das von Formosa her, auch stark vernebelt, vorgestoßen war.

Bei der Überlegenheit des Feindes brach der englische Admiral das Gefecht ab und zog sich auf Singapore zurück, wobei jedoch leider zwei unserer Schiffe auf japanische Streuminen liefen.

Drei japanische U-Boote, denen es gelungen war, durch unsere Minensperren in den inneren Hafen zu gelangen, sind zwar nicht wieder herausgekommen, aber sie versanken, nachdem sie unter den englischen Schiffen schlimmes Unheil angerichtet hatten.

Doch all dies war eigentlich nur Beiwerk zu nennen im Vergleich zu dem furchtbaren Luftangriff. Von den beiden Flugzeugmutterschiffen stieg ein Geschwader nach dem anderen auf, wobei sich der Gegner wiederum stärkster Vernebelung bediente. Ehe man noch auf englischer Seite die Größe der Gefahr ganz begriffen hatte, belegten die Geschwader unter dem Schutz ihrer Kampfflieger die Befestigungswerke mit schweren Bomben und zerstörten die wichtigsten Anlagen und Verbindungen. Auch von Penang wird ein Gefecht mit japanischen Kreuzern berichtet, doch scheint es sich da mehr um eine Demonstration zu handeln.«

»Aber die Indienflotte«, warf Clennan ein, »wird sie ...?«

Dale machte ein zweifelndes Gesicht.

»Von ihr wäre nur dann etwas zu hoffen, wenn sie rechtzeitig genug kommt, um Teile der japanischen Flotte von Singapore abzuziehen. Ein Angriff unserer indischen Fluggeschwader in der vergangenen Nacht brachte eine vorübergehende Entlastung. Die heut morgen neu eintreffenden japanischen Luftgeschwader haben jedoch die unsrigen zurückgeschlagen.

Sie sehen also, daß die Japaner trotz ihrer Verluste stark im Vorteil sind. Von außen her hat Singapore, abgesehen von dem indischen Geschwader, in den nächsten Tagen keine Hilfe zu erwarten.«

Eine Weile herrschte ein drückendes Schweigen.

»Und wie betrachten Sie die Lage hier in Australien?« fragte Jan. »Ich weiß, daß viel oder alles davon abhängen wird, ob und wie lange Singapore noch standhalten kann. Vielleicht haben Sie Nachrichten, die ...«

»Ja! Wir haben solche Nachrichten. In verschiedenen Hafenstädten der japanischen Ostküste sind große Truppenmassen versammelt, die ihrer Einschiffung harren. Die ersten Vortransporte mit Kriegsmaterial sind bereits auf den Karolinen ausgeladen worden.

Daß man in dem Pakt von Versailles den Deutschen die Karolinen abnahm und sie Japan gab, war auch eine der vielen genialen Leistungen dieses Friedensvertrages. Wie sich England diese Laus in den Pelz setzen konnte, ist und bleibt unbegreiflich. Man gab es den Gelben damit ganz in die Hand, dort Massen von Kriegsmaterial aufzuhäufen und nach Belieben weiterzuverwenden. Die Befestigungen auf der Insel Jap sind nicht zu unterschätzen.«

»So dürfen wir vielleicht schon bald japanische Truppenlandungen in Australien erwarten?« fragte Jan.

»Damit ist mit unbedingter Sicherheit zu rechnen, Herr Valverde ... es müßte denn sein, daß sich die Lage in Singapore mehr zu unseren Gunsten wendet. Aber ...«

»Haben Sie nicht irgendwelche Anhaltspunkte, wo man solche Landungsversuche der Japaner erwarten könnte?« fragte Georg.

»Nein. Es ist uns trotz aller Bemühungen nicht gelungen, hinter die Pläne der Gelben zu kommen. Wir haben ja darüber schon des öfteren gesprochen. Der westliche Teil unseres Landes scheidet aller Wahrscheinlichkeit nach aus. Im Osten ... doch lassen wir dies unfruchtbare Herumraten. Mögen sie landen, wo sie wollen. Wir werden an keinem Punkte Widerstand bis zum Äußersten leisten.

General Scott hat es, im Vertrauen auf Ihre Hilfe, gegen stärkste Opposition der anderen Kommandanten durchgesetzt, daß den japanischen Landungsmanövern nur so lange Widerstand geleistet wird, als es sich mit der Schonung der Zivilbevölkerung und des privaten Eigentums verträgt. Wir denken nicht daran, unsere großen Küstenstädte nutzlos in Trümmer schießen zu lassen. Je weiter die gelandeten Truppen in das Innere vordringen, desto besser für sie, Herr Astenryk.«

Eine kurze Weile herrsche Schweigen am Tische. Dann sagte Jan: »Ihren Schlachtbericht in Ehren, Herr Dale. Jammerschade, daß es den famosen deutschen Flieger doch noch erwischt hat! Gott sei Dank ist seine Verwundung nicht so schwer. Der letzte Bericht aus Batavia sagt, daß man die japanische Kugel, die in seinem Arm saß, entfernt hat. Was war das für eine prachtvolle Reportage! Ich bin nicht vom Radio weggekommen, solange Bölhofen seine Berichte gab. Diese lebendige Schilderung all der Vorgänge mitten aus der Schlacht heraus war doch prachtvoll ... von höchster Spannung. Viel ...«

»... schöner als mein Bericht«, sagte Dale lachend. »Das glaube ich Ihnen gern, Herr Valverde. Es ist übrigens eine interessante Frage ... Waren die Japaner berechtigt, den vollständig neutralen Beobachter anzugreifen? Es steht doch fest, daß Bölhofens Flugzeug deutsche Heimatszeichen trug. Weiter steht auch fest, daß es sich bei seinem Flug stets über holländischem Gebiet gehalten hat. Vielleicht gibt es darüber später noch eine diplomatische Auseinandersetzung. Deutschland wie Holland haben doch allen Grund zur Beschwerde.«

»Überlassen wir dies der Weisheit des Völkerbundes«, sagte Jan. »Drei Hauptkommissionen und ein Dutzend Unterkommissionen werden die Sache so gründlich zu klären versuchen, daß unsere Enkel vielleicht das Resultat erleben.«

»Wie lauten denn die Nachrichten vom Kriegsschauplatz in Sibirien?« fragte Elennan. »Anscheinend macht die Armee des Generals Borodajew gute Fortschritte.«

»Allerdings«, sagte Dale, »fragt sich nur, ob sich die Abfallbewegung in demselben Maße fortsetzen wird wie bisher. Nach den neuesten Meldungen konzentriert die Moskauer Regierung starke Truppenmassen östlich des Baikalsees. Da Borodajew sich anschickt, das Jablonoigebirge nach Westen zu überschreiten, ist in absehbarer Zeit mit den ersten größeren Kämpfen zu rechnen. Alles hängt davon ab, wie die ausfallen werden. Wird Borodajew geschlagen, dürfte sein Unternehmen erledigt sein. Denn ohne die japanische Unterstützung wird er sich nicht auf die Dauer in dem Küstengebiet halten können. Und ...«, setzte er nach einer Pause hinzu, »die dürfte doch wohl bald illusorisch werden.«

»Das hoffen wir alle!« rief Jan und hob sein Glas. Freudig stießen die anderen mit ihm an.

* * *

Das Riesenflugzeug des japanischen Oberbefehlshabers zog in mächtigen Schleifen ruhig seine Bahn über Singapore. Von den Fliegerabwehrgeschützen der Engländer war nur noch die Hälfte in Tätigkeit. Kein englischer Flieger mehr am Horizont.

Unter dem japanischen Flugschiff das grausige Bild des Schlachtfeldes. Im Hafen die Trümmer der stolzen englischen Schiffe. Am Morgen des Tages waren die letzten Außenwerke gefallen. Ein Regen von Bomben ergoß sich über die Reste der Verteidigungsstellungen.

Von dem Gros der japanischen Flotte lagen nur noch die schweren Schlachtschiffe vor Singapore, während die übrigen durch die Malakkastraße bis auf die Höhe von Penang vorstießen, um der Indienflotte entgegenzutreten, falls England diesen letzten Einsatz wagen sollte. In der Hauptsache blieb es den Bombengeschwadern überlassen, der niedergekämpften Festung den Gnadenstoß zu geben.

»Ich glaube, es wird nicht mehr lange dauern, dann geht da unten die weiße Flagge hoch«, sagte Turi Chan mit einem etwas höhnischen Unterton zu Admiral Chamura, dem Höchstkommandierenden.

Der gab keine Antwort, schaute in ernstem Nachdenken auf die Festung. Wäre es nicht Jemitsu gewesen, der Turi Chan zu ihm beordert, würde er ihn nicht in sein Flugzeug aufgenommen haben. Chamura wußte sehr genau, welche Rolle Turi Chan in der japanischen Regierung spielte. Wußte auch, was der alles getan. Und da war sehr vieles, was den geraden, tapferen Charakter Chamuras abstieß. Vor allem war es die Versenkung der »Brisbane«, die ihm als schmachvolle Tat für immer in der Seele brannte. Die näheren Umstände dieses Anschlags waren ihm wohlbekannt. Er wußte, daß es Turi Chans Werk war.

Auch das mißfiel Chamura in höchstem Grade an Turi Chan, daß der so unverhüllt einen starken persönlichen Haß gegen den Gouverneur von Singapore zur Schau trug. Er erweckte manchmal den Eindruck, als liege ihm weniger an der Eroberung der Festung als an der Demütigung Sir Reginald Weggs.

Chamura war zu Beginn seiner Laufbahn Militärattache in London gewesen. So manches aus Turi Chans Leben dort war ihm gelegentlich zu Ohren gekommen. Bei sich nannte er ihn wohl ein verächtliches Mischblut, einen Renegaten in doppeltem Sinne.

»Ich glaube, es würde nichts schaden, wenn jetzt auch die Stadt mit einigen Bomben belegt würde. Das könnte General Wegg nachgiebiger machen.«

»Das wäre gegen meine Instruktion, Turi Chan. Ich habe den ausdrücklichen Befehl, die Zivilbevölkerung nach Möglichkeit zu schonen. Außerdem glaube ich nicht, daß Wegg sich dadurch in seinen Entschlüssen beeinflussen ließe. Er wird so oder so kämpfen, solange Widerstand noch möglich.«

Turi Chan warf Chamura von der Seite her einen schiefen Blick zu. Er fühlte nur zu wohl, wie wenig der ihm geneigt war.

»Nun, da können wir vielleicht noch bis morgen warten, ehe Singapore kapituliert.«

»Das ist durchaus denkbar«, sagte Chamura kühl, »aber ich glaube es nicht. Ich halte die aufgefangene Nachricht von einer leichten Verwundung des Gouverneurs für irreführend. Wegg ist nicht der Mann, von einer leichten Verletzung viel Wesens zu machen. Ein anderer wird die Meldung gegeben haben, und das bedeutet für mich, daß der Fall ernster liegen muß. Ohne Wegg ist Singapore ...«

»Ah! Wegg schwer verwundet ... Das wäre unangenehm.«

»Warum, Turi Chan?«

»Wollte es der Teufel, daß er nicht transportfähig wäre, entginge uns der Triumph, ihn gefangen nach Japan zu bringen.«

Ein verächtliches Lächeln zuckte über Chamuras Gesicht. So, dachte er, das wäre für dich das Höchste, den unterlegenen tapferen Feind auch noch zu demütigen.

In diesem Augenblick verstummte plötzlich das Feuer. Ein Adjutant kam in Chamuras Kabine. »Die weiße Flagge, Exzellenz! Singapore kapituliert!«

Chamura eilte zum Fenster und sah zur Stadt hinüber. Auf dem Dach des Gouverneurspalastes, dessen helle mächtige Mauern unversehrt im Sonnenschein ragten, war eine weiße Fahne gehißt.—

Die Sonne stand im Zenit, da war die Übergabe der Festung vollendet. Die Reste der englischen Besatzung waren in ihren Kasernen interniert. Auf den Trümmern der zerschossenen Verteidigungswerke wehte die japanische Flagge. —

Aus der Kommandantur kam Chamura, gefolgt von einigen höheren englischen Offizieren. Die letzten Anordnungen über den Abtransport der gefangenen Engländer waren getroffen. Der Admiral bestieg seinen Wagen und fuhr zum Lazarett, um dem verwundeten Gouverneur einen Besuch abzustatten. Er folgte dabei seinem ritterlichen Gefühl, einem tapferen, im offenen Kampf unterlegenen Gegner die gebührende Ehrung zu erweisen. Den Arzt, der mit Rücksicht auf den schlimmen Zustand Weggs den Besuch ablehnen mußte, beauftragte er, den Gouverneur seiner persönlichen Hochschätzung und Teilnahme zu versichern.—

Der einzige, der mit den letzten Ereignissen unzufrieden, war Turi Chan.

Nicht allein, daß ihm der persönliche Triumph, Wegg als Besiegten vor sich zu sehen, unmöglich wurde, auch Chamuras Verhalten gegenüber der Gattin des Gouverneurs paßte ihm wenig. Der Admiral hatte Lady Evelyn mit Rücksicht auf ihren leidenden Zustand gestattet, ihre Räume im Gouverneurspalast mit ihrer persönlichen Bedienung zu behalten.

Wie wohl ein Jäger ein erlegtes seltenes Wild mit höchster Genugtuung und Interesse betrachtet, durchstreiften Turi Chans Augen mit grausamer Befriedigung die zerschossenen Werke der Festung. Überall da, wo die Verbindungsadern in furchtbaren Wunden klafften, verweilte er in selbstgefälligem Triumph. Ihm ... ihm war das alles zu verdanken! ...

Die Sonne sank nieder, noch immer konnte er sich nicht von den grausigen Bildern der Zerstörung losreißen. Dabei steigerte sich das Gefühl, daß nur seine Kraft, geschärft durch Allgermissens Kunst, dies alles vollbrachte ... War es sein übersteigertes Selbstgefühl, waren es seine überreizten Nerven ... er begann laut zu sprechen. Erst langsam, dann immer schneller entströmten seinem Munde wirre Sätze ... Worte. Dabei wurde seine Stimme immer lauter, bis sie weithin über die stummen Trümmerfelder in die stille Nacht erklang.

Ein japanischer Offizier, der mit einer Patrouille vorüberkam und Turi Chan nicht kannte, nahm ihn mit und schaffte ihn trotz seines Widerstandes in ein japanisches Lazarett.

Ein Adjutant Chamuras, der gerade dort weilte, benachrichtigte sofort den Admiral.—

Nachdenklich saß Jemitsu vor der Depesche, die ihm die Erkrankung Turi Chans meldete. Ein bitterer Tropfen in den Becher der Freude! dachte er. Es wäre nicht gut. wenn uns Turi Chans Hilfe in der kommenden Zeit fehlte. Seine Krankheit ... möge es das Schicksal verhüten, daß ihn die Götter strafen! ... wie sie Allgermissen gestraft haben.—

Obwohl man allgemein nach dem Verlauf der Belagerung den Fall Singapores erwartet hatte, machte die Nachricht von der Kapitulation überall in der Welt einen ungeheuren Eindruck. Es war nicht allein das, daß sich dieser aufs modernste befestigte Platz in so kurzer Zeit ergeben mußte. Jedermann wußte, daß jetzt Ereignisse folgen würden, die das ganze Weltbild im Osten von Grund auf ändern könnten.

In allen weißen Staaten, mit Ausnahme Frankreichs, stärkste Entladungen der öffentlichen Meinung. Aller Augen waren auf die Vereinigten Staaten gerichtet. Konnten, durften die noch länger zögern?

Doch die amerikanische Regierung ließ sich nur Schritt für Schritt zu energischeren Maßnahmen drängen. Ein ziemlich lahmer Notenwechsel zwischen Washington und Tokio führte zu keinem auch nur einigermaßen befriedigenden Ergebnis. Die japanische Regierung verschanzte sich hinter ihrer alten Forderung, Australien müsse die japanische Einwanderung gestatten; dann wäre sofort aller Konfliktstoff beseitigt. Als ein gewisser Erfolg wurde es verbucht, daß Senator Harob von einer zweistündigen Unterredung mit dem Präsidenten in anscheinend guter Stimmung zurückkehrte.

Die englische Diplomatie arbeitete in allen Teilen der Welt mit Hochdruck. Man scheute sich sogar nicht, der Moskauer Regierung die verlockendsten Angebote zu machen, falls sie zu einem wirklich großzügigen Vorgehen im Fernen Osten bereit wäre. Die Stimmung gegen Frankreich nahm bedrohliche Formen an. Obgleich es doch weniger das französische Volk war als die Regierung, die mit dem japanischen Vorgehen sympathisierte, kam es häufiger vor, daß französische Reisende in England in schlimmster Weise belästigt wurden.

In allen Teilen des britischen Reiches begann ein fieberhaftes Rüsten. Sämtliche Dominions stellten sich mit Menschen und Mitteln bedingungslos hinter das Mutterland. In Australien benutzte die Regierung ein paar Fälle von Sabotage, um über das ganze Land den Belagerungszustand zu verhängen. Gleichzeitig wurde die Einberufung aller Reserven angeordnet. Sämtliche Industrien, die sich mit der Herstellung von Kriegsmaterial beschäftigten, wurden unter staatliche Kontrolle gestellt. Zur Bildung einer Freiwilligenarmee wurden im ganzen Lande Werbebüros eröffnet.—

Mit ungeheurer Spannung sah die Welt den kommenden Ereignissen entgegen. Ein Heer von neutralen Berichterstattern in Flugzeugen war unterwegs, um authentische Meldungen von den zu erwartenden Kriegshandlungen zu geben. Die japanische Regierung ließ daraufhin durch ihre diplomatischen Vertreter in allen Ländern ein Kommunique verbreiten, sie werde es nicht dulden, daß neutrale Berichterstatter im Kriegsgebiet von Ereignissen und militärischen Bewegungen Nachrichten verbreiteten, die vielleicht geeignet wären, den Gang der Operationen störend zu beeinflussen. Sie betrachte eine solche Berichterstattung, besonders von Flugzeugen aus, als eine Verletzung der Neutralität und werde mit schärfsten Mitteln dagegen vorgehen.

Der Entrüstungssturm, der sich in allen neutralen Ländern auf diese Erklärung hin erhob, blieb wirkungslos.—

Inzwischen häuften sich von allen Seiten die Meldungen über kriegerische Vorbereitungen der anderen im Fernen Osten interessierten Kolonialmächte. Die amerikanische Flotte wurde im Pazifik zusammengezogen. Auf den holländischen Inseln und den Philippinen herrschte Hochspannung.

Da kam die Meldung von einem neuen Zusammenstoß. Ein nächtlicher Angriff japanischer U-Boote auf die im Hafen von Sydney ankernden Kriegsschiffe wurde unter schwersten Verlusten der Angreifer abgeschlagen. Dieser kleine Erfolg wurde aber schon am nächsten Tage durch eine schlimme Nachricht überholt. Die Annahme, daß die englische Indienflotte die Ankunft der Streitkräfte aus dem Mittelmeer abwarten würde, bevor sie in Aktion träte, erwies sich als falsch. Diese Flotte hatte sich mit Südostkurs in Marsch gesetzt, um sich mit den englisch-australischen Streitkräften zu vereinigen. Südlich der Sundastraße traf sie auf das japanische Kreuzergeschwader. Die Schlacht drohte für die englischen Kräfte verhängnisvoll auszugehen, da kam ihnen einer der in jenen Gegenden häufigen Taifune mittelbar zu Hilfe. Im Aufruhr der Elemente gelang es einem Teil der englischen Schiffe, sich vom Gegner zu lösen und die Fahrt fortzusetzen.

In den folgenden Tagen überstürzten sich die Nachrichten. Ein aus schnellen englisch-australischen Kreuzern zusammengestelltes Geschwader stieß von der Torresstraße her gegen japanische Aufklärer vor und trieb sie nach Norden zurück. Die Funkstelle Neuguinea gab Fliegermeldungen weiter, daß große japanische Truppentransporte von Norden her im Anmarsch wären. In atemloser Spannung erwartete alle Welt weitere Nachrichten von der japanischen Invasionsflotte, die den Äquator bereits überschritten hatte. Inzwischen liefen ständig Meldungen von kleineren Zusammenstößen auf der Höhe der Torresstraße ein.

* * *

Georg und Clennan waren auf dem Weg zum Kriegsministerium.

»Das wird ein harter Kampf mit denen werden, Herr Clennan.«

»Fürchte ich auch! Der Plan Trenchhams hat auf den ersten Blick viel für sich. Die Idee, daß Sie mit Ihren Wellen einfach die ganze japanische Invasionsflotte auf die Riffe des Korallenmeers jagen, ist sehr bestechend.«

»Gut, daß uns Dale schon vorher etwas davon erzählte«, meinte Georg. »So konnten wir uns für unsere Ablehnung gut vorbereiten. Ich bin froh, daß ich Sie bei mir habe. Es ist doch eine alte Geschichte: zweien glaubt man mehr als einem. Nun, wir werden sehen.«

Georg überdachte noch einmal alles, was er mit Clennan besprochen hatte. Was ihm von vornherein hauptsächlich gegen den Plan Trenchhams einnahm, war die Tatsache, daß dabei unendlich viele Menschen zu Tode kommen mußten. Ein Militär mochte darüber anders denken. Er konnte sich nicht mit dem Gedanken abfinden, von sicherer, unangreifbarer Position aus unzählige Wehrlose zu vernichten, indem er die Schiffsführer einfach beeinflußte, in voller Fahrt auf die Riffe zu jagen. Eine Tat, die für alle Zeiten mit seinem Namen verbunden sein würde.

Da er aber voraussah, daß er mit solchen Erwägungen bei Scott und Trenchham nicht durchkommen würde, hatte er sich mit Clennan einen Plan gemacht, wie sie die Militärs aus mehr oder weniger begründeten physikalischen Erwägungen heraus von ihrer Idee abbringen könnten. Er wollte sich auf Argumente stützen, die, wenn auch vielleicht etwas übertrieben, doch keineswegs eines realen Kerns entbehrten.

Es war ja durchaus denkbar, daß seine Strahlungen bei den japanischen Kampffliegern nur wenig wirkten. Die metallische Umhüllung dieser Flugzeuge konnte vielleicht so abschirmen, daß der Pilot unbeeinflußt blieb. Ein feindlicher Treffer konnte sein eigenes Flugzeug zum Absturz bringen, und dann wäre alles verloren gewesen. Auch bei den Wasserfahrzeugen war es hinsichtlich der Kriegsschiffe wahrscheinlich, hinsichtlich der Transportschiffe möglich, daß die ganze oder teilweise metallische Ummantelung der Führerstände die Wirkung der Gedankenstrahlung zunichte machte.—

Damals, als er mit Dale nach Singapore fliegen sollte, hatte er sich solcher Bedenken, die ja zweifellos nicht unbegründet waren, in dem Gedanken an Anne entschlagen. Jedenfalls wäre es da möglich gewesen, sich nachts einen Weg durch die Flieger zu bahnen. Von einer sicheren, gut geschützten Stelle hätte er dann seine Wellen wohl mit Erfolg spielen lassen können. Die Überraschung, die Plötzlichkeit von Dales Vorschlag und die Sorge um Anne hatten ihn damals kurzerhand ja sagen lassen.

Anne! ... »Anne Escheloh befindet sich wohl, ist bei Lady Wegg. Läßt grüßen. Clifton.«—Diese wenigen Worte auf einer Postkarte waren am Tage vorher in seine Hände gelangt. Die Karte trug den Poststempel »Bintan, Riouw« und war mit der Luftpost Batavia-Canberra gekommen. Georg wußte aus Briefen Annes, daß Clifton Adjutant bei Gouverneur Wegg war.

Wie war es Hauptmann Clifton gelungen, aus Singapore herauszukommen? Offenbar war er aus der Gefangenschaft entflohen und hatte sich auf die nahegelegene holländische Insel Riouw gerettet.

Einige Wochen später sollte Georg die Lösung dieses Rätsels aus Annes Munde erfahren. Clifton war, wie sie erzählte, nachts aus dem Lager der gefangenen Offiziere entkommen und hatte sich durch einen Nebeneingang in den Gouverneurspalast geschlichen. Hier hatte er sich bei den Frauen Kleider der eingeborenen Dienerinnen verschafft und war in dieser Vermummung unbehindert aus der Stadt gelangt.—

Major Dale saß schon in Erwartung Georgs mit General Scott in Trenchhams Arbeitszimmer.

»Sie meinen also, Herr Major, daß unsere Pläne bei Herrn Astenryk keinen Anklang finden werden?«

»So ist es, Herr Oberst. Er sowohl wie Clennan haben aus physikalischen Gründen Bedenken.«

Oberst Trenchham schob die mit vielen Fähnchen besteckte Karte vor sich unmutig zur Seite. Sein schmales, scharfes Gesicht zuckte in verhaltenem Ärger. Er warf dem General einen fragenden Blick zu. Der wandte sich an Dale.

»Herr Astenryk war aber doch bereit, mit Ihnen nach Singapore zu fliegen? Ich sehe kaum einen Unterschied zwischen den japanischen Belagerungstruppen vor Singapore und den jetzigen Transporten.«

»Gewiß, Herr General«, sagte Dale zögernd, »der Unterschied ist nicht groß.« Im Stillen dachte er, wie stark wohl damals die Anwesenheit von Anne Escheloh in Singapore Georg beeinflußt haben mochte. Aus seiner Verlegenheit riß ihn das Eintreten einer Ordonnanz, welche die Herren Astenryk und Clennan meldete.—

Der General stand auf und ging den Eintretenden entgegen. Georg mußte, wie immer, wenn er mit den beiden zusammentraf, an ein bekanntes Komikerpaar aus Filmen seiner Jugendzeit denken. Der Anblick der langen, hageren Gestalt des Generalstabschefs neben der untersetzten, behäbigen Figur des Generals wirkte unwillkürlich erheiternd. Und das, obwohl beide hervorragend tüchtige Offiziere waren, vor denen man in militärischen Kreisen höchste Achtung hatte.—

Die Unterhaltung der fünf Männer dauerte bis tief in die Nacht hinein. Georg beglückwünschte sich, Clennan bei sich zu haben. Der unterstützte all die vielen Einwände, die er zu machen hatte, aufs nachdrücklichste.

Als sie sich trennten, hielt Trenchham Georg bei der Hand fest. »Seien Sie froh, daß es Ihnen gelungen ist, General Scott auf Ihre Seite zu bringen. Daß der Teufel Sie reiten mußte, zu allerletzt noch dem gutherzigen General mit ihren Humanitätsduseleien zu kommen! Aber denken Sie nicht, mein Lieber ...«, er lachte Georg versöhnlich zu, »daß Sie gleich wieder nach ihrem geliebten Paulinenaue zurückfahren können. Dafür, daß Sie Ihren Willen durchgesetzt haben, sollen Sie jetzt auch was tun.

Wir können natürlich nicht genau voraussehen, wo die Japaner landen werden. Aber wir dürfen immerhin aus guten Gründen einige Orte als wahrscheinlich ins Auge fassen.

Kommen Sie bitte morgen früh wieder hierher. Wir werden dann an Hand von Spezialkarten geeignete Stellen suchen, von wo aus Sie mit Ihrem Apparat wirksam und dabei ungefährdet operieren können.«—

In den nächsten Tagen waren die Nachrichten vom Kriegsschauplatz sehr spärlich. Nur kleine, unbedeutende Zusammenstöße wurden gemeldet. In der Welt zerbrach man sich den Kopf über diese Passivität der australischen Waffen. Aus London wiederholten sich energische Anfragen und Vorhaltungen bei der australischen Heeresleitung.—

Die allgemeine Spannung wurde unterbrochen und in eine andere Richtung gelenkt ... Sibirien. Ziemlich unerwartet hatte General Borodajew in Eilmärschen das Jablonoigebirge überschritten, die noch im Aufmarsch befindliche Moskauer Armee überrascht und unter schweren Verlusten zurückgeschlagen. Der Weg zum Baikalsee stand ihm offen.—

Die Nachrichten von Borodajews Sieg fanden in der Welt starken Widerhall.

Die Zeitungen ergingen sich in kühnsten Kombinationen. Man begann jetzt, Borodajew nicht mehr nur als einen starken Stein auf dem japanischen Schachbrett zu betrachten.

In Japan und Frankreich herrschte eitel Freude. Nur in Tokioter Regierungskreisen sah man Borodajews große Erfolge mit gemischten Gefühlen an. Immerhin bedeutete sein Sieg eine absolute Sicherung der japanischen Stellung nach Westen.—

Es war schon spät in der Nacht, als Jemitsu aus dem Gebäude des Ministeriums kam und den Weg zu Turi Chans Wohnung einschlug. Die Freunde begrüßten sich in langer Umarmung. Immer wieder betrachtete Jemitsu mit banger Sorge das verfallene Gesicht Turi Chans. Die großen dunklen Augen weit in ihre Höhlen zurückgesunken, tiefe Schatten um sie herum. Das starke, schmale Kinn schob sich leise zitternd auf und nieder, als könnten die Muskeln den Kiefer nicht mehr halten.

»Ja, ja, Jemitsu ... ein anderer Turi Chan, den du vor Monden in Gartok trafst, ein anderer, den du heute siehst.«

Jemitsu griff dessen Hand und drückte sie. »Ich kann es begreifen, Turi Chan. Der Anfall in Singapore, deine Krankheit sind es, die deine Seele bedrücken. Du bist niedergeschlagen, daß du, der immer Starke, schwach wurdest ... verzweifelst gar, deine Kraft wiederzugewinnen, der Alte zu werden. Doch da täuschest du dich. Warte, bis der Sieg, der uns winkt, fest in unserer Hand ist. Dann wirst du anders denken, wirst gesunden ... Zuviel war es, was du in dieser langen Zeit tatest ... dachtest ... für unsere Sache. Körper und Geist opfertest du Tag und Nacht unserem Werk. Wo wären wir ohne dich!«

Bei Jemitsus Worten hatte es in Turi Chans Augen ein paarmal kurz aufgeblitzt in Freude, Stolz. Dann lagen sie wieder unter dem trüben, dunklen Schleier.

»Ich danke dir, Jemitsu. Ob deine Worte sich erfüllen werden, steht bei den Himmlischen. Ob die mir verzeihen, daß ich mich an ihrer Macht vergriff? Ich fürchte«—er ließ den Kopf tief sinken—, »ich gehe Allgermissens Bahn.«

»Turi Chan!« Jemitsus Hand umschloß die Rechte des Freundes in angstvollem Griff. »Du fürchtest die Strafe der Götter?! ...«

Der richtete sich auf und warf den Kopf zurück ... rief mit starker Stimme:

»Mögen sie mich strafen, die Götter! Mögen sie mich in geistigen ... körperlichen Tod schicken! Ich will ihre Strafe annehmen, will alles dulden, was sie über mich verhängen, wenn sie's mir nur vergönnen, den Triumph der Sonnenkinder zu erleben.«

»Du wirst es, Turi Chan ... und an unserm Sieg wirst du genesen. Nimm meinen Rat an. Unsere Flotte steht auf der Höhe von Brisbane. Morgen schon wird die Nachricht kommen, daß der Hafen von Brisbane blockiert ist. Drei Tage später werden auch Sydney und Melbourne unser sein. Laß dir raten und nimmt ein gutes, schnelles Flugzeug. Fahre selbst dorthin. Sei Zeuge unseres Triumphs, dann wirst du neue Kraft schöpfen, wirst du genesen.«

Turi Chan schaute sinnend in die Weite.

»So mag es sein!« Er richtete sich auf, reckte seine Gestalt, die schmal und hager geworden war.

»Ich fahre, Jemitsu. Mögen mir die Götter gnädig sein!«—

Mit unbeschreiblichen Gefühlen hatte Turi Chan die Landung der Zwanzigtausend hart südlich von Melbourne erlebt. Nach kurzem, schwächlichem Widerstand waren die australischen Truppen zurückgewichen. Melbourne war jetzt fest in japanischer Hand. Man wartete nur noch auf den bevorstehenden Fall von Sydney, um auf Canberra vorzustoßen.

In Sydney leisteten die Fortifikationen noch heftigen Widerstand. Um ihn zu brechen, waren nördlich der Stadt Truppen gelandet, die sie nach Süden umgehen sollten. Die in dieser Seefestung stationierten englisch-australischen Seestreitkräfte hatten vor der Ankunft der japanischen Schlachtschiffe den Hafen verlassen und waren nach Süden entwichen. Man war darüber erstaunt, denn der Widerstand der Landbefestigungen wäre bei Gegenwart dieser Schiffe viel wirkungsvoller gewesen.

Im japanischen Hauptquartier erklärte man sich das Verhalten der australischen Heeresleitung dahin, daß überhaupt keine längere Verteidigung beabsichtigt war. In dieser Annahme wurde man bestärkt, als die Befestigungswerke, noch ehe die Umgehung der Stadt vollendet war, ihr Feuer einstellten und deren Besatzungen zurückgenommen wurden.—

Es war am Abend nach der Besetzung Sydneys. In Gegenwart des Oberstkommandierenden, des Marschalls Takamori, fand an Bord des Flaggschiffs »Jimmu« eine militärische Besprechung statt, an die sich eine kleine Siegesfeier anschloß.

Takamori, der Jemitsu sehr nahestand, begegnete dessen Freund Turi Chan mit besonderer Auszeichnung. Der war nicht wiederzuerkennen. Jemitsus Rat war gut gewesen. Der Anblick der siegreich vordringenden japanischen Truppen, der fast widerstandslos sich ergebenden reichen Riesenstädte, schien seinen Augen den alten Glanz, seinem Körper die alte Kraft wiedergegeben zu haben. Dazu die Ehrung durch den Marschall. Er schwelgte im Höchstgefühl des Triumphes. In wenigen Tagen würde die japanische Flagge über Canberra wehen. War die Ostküste mit ihren großen, stark bevölkerten, industriereichen Städten in japanischer Hand, mußte auch das übrige Land sich in kurzer Zeit der japanischen Herrschaft fügen.

Unaufhörlich liefen Glückwunschdepeschen ein aus Japan und aus vielen anderen Ländern, wo gelbe Menschen wohnten. Das besondere Telegramm Jemitsus an Turi Chan machte bei den meisten großen Eindruck. Wußten doch nur wenige, wie Turi Chan zu den leitenden japanischen Staatsmännern stand.—

In der übrigen Welt, besonders in den angelsächsischen Staaten, wirkten die überraschend großen Erfolge der Japaner niederschmetternd. Die europäischen Besitzungen im Fernen Osten wurden allgemein als verloren betrachtet, früher oder später mußten sie dem japanischen Expansionsdrang zum Opfer fallen. Unkontrollierbare Gerüchte gingen dahin, daß man von englischer Seite bemüht sei, eine Abwehrkoalition aller im Fernen Osten interessierten Mächte zusammenzubringen. Häufige Besprechungen des amerikanischen Botschafters im Haag mit der holländischen Regierung gaben solchen Vermutungen Nahrung.

In gewissem Gegensatz dazu stand es, daß die amerikanische Regierung sich in ihren Äußerungen zu dem Konflikt sehr reserviert verhielt. Immerhin wurde es in Europa als günstiges Zeichen betrachtet, daß die gesamte amerikanische Flotte an der pazifischen Küste marschbereit versammelt war. Über diese eigenartige Politik der Vereinigten Staaten kursierten die verschiedensten Gerüchte. Die Meinung der meisten ging dahin, in Washington wolle man die Schwierigkeiten Englands erst noch größer werden lassen, ehe man ihm die Hand reiche. Dabei mochte wohl der Gedanke mitspielen, daß man in der Union das wenig freundliche Verhalten Englands in dem amerikanisch-französischen Konflikt nicht vergessen hätte.—

Inzwischen nahmen die Ereignisse in Australien ihren Lauf. Die australisch-englische Flotte, die sich auf Adelaide zurückgezogen hatte, wich einer Blockade aus und zog sich kämpfend nach Westen zurück. Damit waren die volkreichsten Teile Australiens in japanischer Gewalt.—

Die in Sydney und Melbourne gelandeten Truppen traten den Vormarsch an, um alles Gebiet östlich der Linie Darling—Murray von feindlichen Kräften zu säubern. Dabei mußte ihr Augenmerk in erster Linie darauf gerichtet sein, die zerstörten Eisenbahnen so schnell wie möglich wiederherzustellen. Vom Widerstand der australischen Truppen war wenig zu spüren. Er beschränkte sich auf kleine Plänkeleien, die den Vormarsch kaum ernstlich zu verzögern vermochten. Die japanischen Flieger wußten nur von stärkeren australischen Truppenkonzentrationen westlich von Canberra zu melden.

Da wurde die Welt durch einen überraschenden Erfolg der australischen Truppen in Staunen gesetzt. Eine japanische Brigade, die von Melbourne aus das Gebirge überschritten hatte, wurde beim Austritt aus den Bergen von verhältnismäßig schwachen australischen Kräften überrumpelt und gefangen.

Im japanischen Hauptquartier in Sydney herrschte starke Verwirrung. Man stand vor einem Rätsel. Das Auffälligste war, daß dabei überhaupt keine Fliegermeldungen nach rückwärts gekommen waren. Die dieser Brigade zugeteilten Flieger mußten von starken feindlichen Geschwadern überraschend angegriffen und restlos vernichtet worden sein. Auch aus den australischen Berichten war nichts Genaueres über die Einzelheiten dieser Aktion zu entnehmen. Sie sprachen nur kurz von dem Sieg, der mit ganz geringen Verlusten errungen sei.

Die unmittelbare Folge dieser Schlappe war, daß die übrigen japanischen Abteilungen nur langsam und unter Beobachtung größter Vorsichtsmaßregeln vorrückten.

Da traf den japanischen Kommandierenden in Melbourne ein neuer schwerer Schlag. Auf die Nachricht von der Gefangennahme der Brigade und der Vernichtung von deren Fliegerabteilung hatte der General ein starkes Flugzeuggeschwader ausgeschickt. Der Führer des Geschwaders hatte den Befehl, die australischen Flieger aufzusuchen, sie, wo er sie fände, zu vernichten. Außerdem sollte er nach Möglichkeit Nachrichten über die Ereignisse bringen, die zu der Gefangennahme der Brigade geführt hatten.

Von den zwanzig Flugzeugen dieses Geschwaders kehrten nur vier zurück. Es war jedoch nicht möglich, aus den Aussagen der Flieger ein Bild zu gewinnen, was eigentlich den übrigen Flugzeugen zugestoßen wäre. Nach ihren übereinstimmenden Meldungen hatten fünfzehn Flugzeuge der Staffel plötzlich ein Ackerfeld angesteuert und waren dort gelandet.

Nach der Landung waren sie von australischen Soldaten gefangengenommen worden. Der Führer des Geschwaders, der auf dem rechten Flügel flog, war sofort herbeigeeilt, um irgendwie die Ursachen dieser verhängnisvollen Landung festzustellen. Dabei hatte er plötzlich sein Flugzeug abgedreht, war ebenfalls niedergegangen und gefangen worden.

Einem scharfen Verhör unterworfen, konnten die vier Zurückgekommenen nichts anderes sagen, als daß sie durch das rätselhafte Schicksal ihrer Kameraden derartig verwirrt worden wären, daß sie nichts anderes tun konnten, als nach Melbourne zurückzufliegen.

Die Nachricht von diesem unerklärlichen Ereignis kam zu Marschall Takamori, als er mit Turi Chan und mehreren hohen Offizieren auf dem Deck des Flaggschiffs »Jimmu« eine Besprechung abhielt.

Der Marschall las die Meldung und erbleichte. Auch die Offiziere um ihn standen gelähmt wie von einer Furcht vor etwas Unfaßbarem, Unheimlichem. Sie schraken zusammen, als Turi Chan mit kreischender Stimme aufschrie: »Der Verstärker!«, dann in schwerem Fall zu Boden stürzte.


13. Kapitel.

Jan Valverde saß im Schatten einer Platane beim Nachmittagskaffee. Ein Kraftwagen fuhr am Hause vor, Rochus Arngrim und Lydia Allgermissen stiegen heraus. Jan eilte ihnen entgegen.

»Ah, famos! Seien Sie herzlich willkommen. Verlobungsvisite? Ist ja ausgezeichnet! Kommen Sie, wir wollen zusammen Kaffeestunde halten.« Er drückte den beiden die Hand und zog sie ohne sie viel zu Worte kommen zu lassen, in den Garten zum Kaffeetisch.

»Verlobungsvisite ... teils, teils Jan. Da möchte ich ehrlicherweise von vornherein bemerken, Verlobungsvisite ist schon richtig, aber was anderes spricht auch mit.« Arngrim sah dabei Lydia an, die ihm verlegen die Hand vor den Mund halten wollte.

»Weiter, Rochus!« rief Jan. »Immer ehrlich! Sag's doch!«

»Also offen gesagt, Jan, es ist auch ein großes Teil Neugierde von Lydia ... von uns«, verbesserte er sich lachend, als ihm Lydia in gespieltem Zorn drohte. »Aber du wirst das verstehen, Lydia weiß doch, wie eng Georgs Erfindung mit dem Werk ihres Vaters zusammenhängt, und ist nicht wenig stolz darauf. Sie behauptet, ein Anrecht zu haben, etwas Näheres über Georgs Taten, die ja doch ans Wunderbare grenzen, zu hören.«

Lydia wollte gegen Arngrims Worte aufbegehren, da fiel ihr Jan mit seinem gewohnten herzerfrischenden Lachen ins Wort. »Sie haben ganz recht, Fräulein Lydia. Wenn einmal die Öffentlichkeit über diese tolle Geschichte aufgeklärt wird, darf der Name Algermissen nicht vergessen werden. Da kenne ich Georg, er wäre der letzte, der sich mit fremden Federn schmücken würde.«

»Wie lauten denn die neuesten Nachrichten, Herr Valverde?«

»Ja, mein Fräulein, da weiß ich wahrscheinlich nicht mehr als Sie. Von Georg persönlich habe ich über eine Woche nichts gehört und gesehen, weiß auch nur das, was Rundfunk und Zeitungen gemeldet haben. Na, ich denke, der Anfang wäre recht vielversprechend. Wird da so aus dem Handgelenk eine japanische Brigade in die Tasche gesteckt, ohne daß auf beiden Seiten ein Tropfen Blut fließt.

Obwohl ich die Künste dieses Zauberapparates doch schon oft genug miterlebt habe ... als ich von der Gefangennahme der Flieger und der Brigade hörte, war ich einfach platt. Wenn das in dem Tempo weitergeht, werden wir die gelben Burschen ja bald alle hinter Stacheldraht haben.«

»Da kann man sich ungefähr vorstellen, Jan, wie die andere Menschheit, die von Georgs Apparat keine Ahnung hat, aus dem Häuschen ist.«

»Der gute Papa Musterton tut uns so leid«, warf Lydia ein. »Wir haben ihm natürlich, wie es Herr Astenryk wünschte, kein Wort von dem Geheimnis des Verstärkers gesagt.«

»Übrigens ganz interessant, Jan. Doktor Musterton ist doch zweifellos ein kluger, gescheiter Mensch. Aber was er in diesen Tagen alles für Theorien ausgeheckt hat über diese unerklärlichen Vorgänge ...«

»Da kann man sich denken«, fiel Jan ein, »was sie jetzt wohl überall in der Welt an Gehirnschmalz verbrauchen, um möglichst unmögliche Erklärungen zu finden ... ausgenommen einer, Turi Chan. Das Gesicht von dem gelben Satan möchte ich sehen. Der weiß ja Bescheid, der weiß, wie die Dinge stehen. Und dabei war der doch sicherlich überzeugt, daß er Georg samt seinem Verstärker auf immer los wäre.«

Ein Hausmädchen rief vom Garteneingang her: »Herr Valverde! Herr Astenryk ist am Telephon. Wollen Sie ...«

»Ah, ist ja wunderbar! Gleich bin ich da.« Jan war bei den letzten Worten aufgesprungen und eilte ins Haus. Lydia benutzte seine Abwesenheit, um sich nach Verliebtenart mit ihrem Verlobten zu streiten.

»Mich so zu verleumden, Rochus! Du warst doch ebenso neugierig wie ich. Am Ohr müßte ich dich zausen.«

Sie stand auf, wollte zu Arngrim treten ... wandte sich erschreckt um. Ein dunkler Schatten war über den Boden geglitten, ein unbekannter Mensch stand neben ihnen, die Augen in glühendem Haß auf Arngrim gerichtet.

Ein Schauer des Entsetzens überlief Lydia, ihre Blicke suchten angstvoll das Gesicht ihres Verlobten. Der war tief erblaßt, starrte wie fasziniert auf den Fremden. »Turi Chan«, flüsterten noch eben die bebenden Lippen, dann schloß er die Augen, ein Zittern ging durch seine Gestalt ... er wollte sich erheben, als wolle, müsse er dem anderen folgen.

Lydia stieß einen lauten Schrei aus. Ihre Arme umklammerten schützend Arngrims Haupt, ihr Kopf legte sich an seine Schläfe. »Du darfst ihm nicht folgen, mußt bei mir bleiben. Er will dich wieder von mir reißen«, schrie sie in tiefstem Jammer und Entsetzen. »Tue es nicht! Bleibe bei mir!«

Sie sah nicht das in Hohn und Haß verzerrte Gesicht Turi Chans. Sah nicht, wie der in rasender Wut alle Energie seines Willens aufbot, den unerwarteten Widerstand zu brechen ... Aber ein anderer hatte es gesehen, Marian. Der kam von der Jagd zurück, hörte die Stimme im Garten, ging darauf zu, sah das Bild vor sich.

Sekundenlang stand er zu Stein erstarrt, unfähig, in Furcht und Schrecken ein Glied zu rühren. Dann griff er mit zitternden Händen zum Gewehr, machte es fertig ... da ... mit einem wilden Schrei der Verzweiflung stürzte Turi Chan zusammen. Sein Geist war im Kampf mit der größeren Kraft der Liebe Lydias, die den Geliebten schirmend umgab, gebrochen.—Einen Wahnsinnigen, der in schwersten Fieberphantasien tobte, trug man ins Haus.

Dr. Musterton, der sofort herbeigeholt wurde, stellte eine schwere Affektion des Zentralnervensystems fest und erklärte den Zustand des Kranken für sehr bedenklich.

Nach einer langen Unterredung mit Arngrim stand Mustertons Meinung fest. Die Mittel, mit denen Turi Chan seinen Geist zu solchen übernatürlichen Leistungen reizte, mußten naturgemäß Gifte sein. Der häufige Gebrauch derartiger Toxine hatte allmählich krankhafte Veränderungen des Gehirns hervorgerufen. Sicherlich hatte Turi Chan besonders große Dosen dieser Gifte genommen, ehe er nach Paulinenaue kam, wie er in seinen Fieberphantasien verriet, seinen schlimmsten Feind Georg Astenryk zu vernichten. In seinem überreizten Zustand mochte er Arngrim für Georg gehalten haben. Der unerwartete Widerstand—Arngrim von Lydias Körper geschirmt, von ihrem Geist beherrscht—hatte ihn zu letzter, verzweifelter Anstrengung getrieben, an der er zerbrach.

»Der Tod würde für ihn eine Erlösung sein«, schloß Musterton, »denn sein Geist ist für immer zerstört.«—

Zwei Tage noch wehrte sich der Starke ... dann starb er.

* * *

Der Kraftwagenzug, der General Scott und seinen Stab, darunter auch Georg Astenryk, nach Norden trug, hielt auf einer Anhöhe nordöstlich von Brantville. Auf einer der großen Weideflächen unter ihnen streckte sich das Lager für die gefangene japanische Brigade. Scott hatte das Lager einer genauen Besichtigung unterzogen und dabei die Beschwerden des Kommandanten O'Rourke mit anhören müssen, der sich über Mangel an Wachmannschaften und zunehmende Unbotmäßigkeit der Gefangenen beklagte.

Oberst Trenchham stieg jetzt mit mehreren Offizieren aus und untersuchte die Beschaffenheit der Höhe, die von dem Gefangenenlager ungefähr dreihundert Meter entfernt war, sagte dann: »Hauptmann O'Rourke hat recht. Dieser Punkt beherrscht das Lager vollkommen. Hier ein paar Unterstände mit Maschinengewehren werden die gelbe Gesellschaft in Schach halten.«

Scott sprach mit Georg, der an seinen Wagen getreten war.

»Die Schwierigkeiten, die O'Rourke mit den Gefangenen hat, sind begreiflich. Wären die Japaner in offenem Kampf gefangengenommen, wäre ihre Stimmung natürlich ganz anders.«

»Das ist ohne weiteres verständlich«, sagte Dale. »Selbst der dümmste Teufel da unten wird sich doch allerhand Gedanken machen, wie er dazu gekommen ist, die Waffen hinzuwerfen und mit dem festen Willen, sich gefangennehmen zu lassen, unseren Soldaten in die Hände zu laufen. Hätten wir die Offiziere nicht sofort von den Leuten getrennt und nach Georgetown weitertransportiert, wäre sicherlich schon ein gewaltsamer Ausbruch versucht worden.«

»Am rabiatesten sind aber doch die gefangenen Flieger!« warf Georg ein, »sie können sich anscheinend am wenigsten mit dem abfinden, was ihnen passierte.«

»Sie meinten doch damals, Herr Astenryk, es wäre nicht sicher, ob Sie mit Ihren Verstärkerwellen die Piloten überhaupt so beeinflussen könnten, daß sie landen müßten«, sagte Scott lachend, und drohte dabei mit dem Finger.

Georg machte ein etwas verlegenes Gesicht. »Wenn ich gewußt hätte, daß die Zellonscheiben der japanischen Flugzeuge nicht die metallischen Einlagen haben, wie sie doch bei den australischen Maschinen zur Versteifung des Zellons gebräuchlich sind, wäre ich meiner Sache sicherer gewesen. Da aber schon ein teilweiser Mißerfolg verhängnisvoll werden konnte, sprach ich mich damals gegen den Plan von Oberst Trenchham aus.«

»Stimmt's, Clennan?«

»Gewiß, Herr Oberst! Herrn Astenryks Bedenken waren durchaus gerechtfertigt.«

»Es muß doch für die Gefangenen ein sonderbares Gefühl gewesen sein«, sagte Dale, »so plötzlich, ohne einen Feind zu sehen, den Willen in sich zu fühlen: Du mußt die Waffen fortwerfen und dich gefangennehmen lassen. Daß ein tapferer, intelligenter Soldat später alles daransetzen wird, sein unbegreifliches Versagen irgendwie wiedergutzumachen, ist selbstverständlich.«

»Verständlich ist leider auch«, meinte Scott bedrückt, »daß so manche der gefangenen Offiziere Selbstmord begangen haben.«—

Am nächsten Abend kamen sie in ein Städtchen am Ufer des Murrombidgee. Der General hatte die westlich von Canberra zusammengezogenen australischen Truppen besucht. In den Wäldern auf den westlichen Ausläufern der Blauen Berge waren das Dritte und das Vierte australische Infanterieregiment zusammengezogen, gegen jede Sicht gut gedeckt.

»Das Vierte Regiment wird wohl jetzt schon auf dem Marsch sein«, meinte Scott und sah nach der Uhr, »hoffentlich haben seine Kraftwagen keine Pannen.«

»Das ist kaum zu befürchten, Herr General. Die Straße ist in sehr gutem Zustand. Das Regiment wird bestimmt morgen vor Tagesanbruch in den Kingsombergen stehen. Alles hängt davon ab, daß sie nicht von japanischen Fliegern entdeckt werden. Das könnte zu einer Diversion der japanischen Truppen führen, die nicht erwünscht wäre.«

»Aber, Herr Oberst«, mischte sich Georg in das Gespräch, »ist es wirklich so unbedingt erforderlich, noch weitere Gefangene zu machen? Würde nicht eine völlige Aufklärung der japanischen Regierung genügen, um diese zum Abbruch der Feindseligkeiten zu veranlassen? Ich kann mir nicht denken, daß die japanische Heeresleitung selbst an die lendenlahmen Erklärungen glaubt, mit denen sie ihre Verluste zu beschönigen versucht.«

»Mag sein, Herr Astenryk! Aber es gibt für uns doch genügend Gründe, den Gelben noch eindringlicher zu Gemüte zu führen, daß jeder Versuch, den Krieg weiterzutreiben, aussichtslos ist. Es genügt keineswegs, daß die japanische Regierung unsere absolute Überlegenheit eingesehen hat, auch die japanische Armee bis zum letzten Mann muß davon überzeugt sein. Es gibt nichts Schlimmeres als eine Soldateska, die sich um den sicheren Sieg betrogen glaubt und gegen ihre Führer wendet. Das könnte auch für uns unheilvoll sein.«—

Nach kurzer Rast fuhren die Wagen Trenchhams und Georgs weiter. Auf der Kingsomhöhe bogen sie von der Straße ab und drangen, soweit es das dichte Unterholz erlaubte, mit ihren Fahrzeugen noch ein Stück nach Süden vor.

Jenseits der Senke östlich der Kingsomhöhe zog sich am Berghang die neue Landstraße hin, die erst vor kurzem unter großen Schwierigkeiten zur Verbindung Sydneys mit Canberra gebaut war. Die Straße war im allgemeinen durch ihre vielen starken Kurven sehr unübersichtlich. Das Stück gegenüber der Kingsomhöhe verlief jedoch über die Länge einer halben Meile ziemlich gerade. An dieser Stelle zweigte ein Seitenweg ob, der über die Kingsomhöhe führte und nach Sackville am Darling River weiterging.

Durch Meldungen aus der Zivilbevölkerung wurde die australische Führung ständig genau informiert, wie der Marsch der japanischen Kolonnen vor sich ging. Die japanischen Truppen, welche von Sydney auf Canberra vorstießen, waren etwa dreißigtausend Mann stark. Sie marschierten in zwei Kolonnen, von denen die eine, stärkere, auf der neuen Straße vorging, die andere weiter östlich der Bahnlinie nach Canberra folgte.—

Im Morgengrauen machte Georg, der mit Trenchham die Nacht im Wagen verbracht hatte, sein Gerät betriebsfertig. Während sie dann einen kurzen Imbiß nahmen, kam ein Adjutant Scotts und brachte die Meldung, daß das Vierte Regiment seine Stellungen bezogen hätte.

»Achten Sie vor allem auf die Flieger, die nach Westen aufklären wollen«, sagte Trenchham zu Georg. »Alles, was Sie da in Ihren Bereich bekommen, muß 'runter. Was dann mit ihnen geschieht, kann uns zunächst einmal gleichgültig sein. Die Hauptsache ist, daß sie nichts von dem Vierten Regiment sehen und melden. Flieger, die in südlicher Richtung nach Canberra steuern, lassen wir ungeschoren. Es wäre denkbar ungünstig, wenn wir gezwungen wären, viel von dem Fliegervolk herunterzuholen. Das würde die japanische Führung vorzeitig mißtrauisch machen. Auch die fahrenden Truppen interessieren uns erst in zweiter Linie. Das Vorteilhafteste wäre, wenn die beiden letzten japanischen Regimenter sich dicht aufeinander folgten.«

Georg und Clennan sahen sich lachend an.

»Viele Wünsche auf einmal, Herr Oberst! Ich wäre durchaus damit einverstanden, wenn alles so käme, wie Sie's haben möchten. Im allerschlimmsten Falle müßten wir hier so schnell wie möglich verschwinden und uns auf General Scott mit dem Vierten Regiment zurückziehen.«

»Das wäre ein sehr fatales Manöver. Auf drei Kilometer durch offenes Gelände fahren und gleichzeitig von allen möglichen Waffengattungen beschossen werden ...«

Dale hielt lauschend die Hand ans Ohr. »Ich höre Flieger. Bei der schlechten Sicht in dieser frühen Stunde werden sie uns wohl nicht gefährlich werden.« Er deutete bei diesen Worten nach Norden, wo eben in geringer Höhe drei Flugzeuge sichtbar wurden.

Mit gespannten Blicken beobachteten sie die Flieger, atmeten auf, als die, dem Band der großen Straße folgend, stracks nach Süden zogen.

Neues Motorengeräusch lenkte ihre Aufmerksamkeit nach Norden zurück. Eine lange Reihe von Kraftfahrzeugen kam auf der Straße daher. Wie sie mit den Ferngläsern feststellen konnten, war es die motorisierte Vorhut der japanischen Infanterie. Und dann tauchten nach einer Weile die marschierenden Truppen auf. In gemischten Verbänden zog der graue Heerwurm nach Süden. Weit im Osten waren mit den Gläsern größere Fliegergeschwader zu erkennen, welche wohl die Verbindung nach rückwärts und der beiden Kolonnen untereinander aufrechterhielten.—

Die Stunden verstrichen. Immer noch dauerte der endlose Vorbeizug. Die Sonne stand schon hoch am Himmel, da hielt Trenchham den Augenblick für gekommen.

»Die zweite Brigade bildet die Nachhut. Ich erkenne mit dem Glas genau die Abzeichen. Fangen Sie an! Lassen Sie die Spitze auf unsere Straße abbiegen. Die Waffen sollen sie abwerfen, wenn sie die Senke passieren.«—

Und nun vollzog sich ein Schauspiel, so unbegreiflich, so grotesk-furchtbar, daß sich einem ehrlichen Soldaten dabei das Herz im Leibe umdrehen mußte. Fünftausend tapfere, wohldisziplinierte Soldaten folgten widerstandslos einem Befehl, der aus feindlichem Munde kam, legten die Waffen ab und begaben sich geradeswegs in die Gefangenschaft. Auch Georg und die drei anderen erschauerten bis in ihr tiefstes Innere, als sie das sahen ... sahen, wie dann auch die schon weiter vormarschierten Regimenter auf die Nachricht von der »Desertion der Nachhut« zurückkamen und, in den Bereich des Verstärkers geraten, dem Beispiel folgten.—

Obwohl sie ja alle die Wirkung des Apparates kannten, sie hundertfach erprobt hatten, machte doch das übergrandiose Schauspiel dieser über jedes menschliche Verstehen gehenden geistigen Knechtung so vieler Tausende den tiefsten Eindruck auf sie. War es doch ein ergreifender, quälender Anblick, zu sehen, wie diese Massen hier unter fremdem Zwang das Schimpflichste taten, was ein Soldat tun kann, die Waffen wegzuwerfen und sich kampflos gefangen nehmen zu lassen.—

Als der Abend kam, befand sich das Gros der Gefangenen schon weit landeinwärts in wohlvorbereiteten Lagern. Australische Flieger berichteten, daß die andere, mehr östlich marschierende, Kolonne in eiligem Rückzug aus Sydney begriffen sei.

»Mögen sie laufen, wohin sie wollen«, sagte General Scott. »Es wäre kleinlicher Ehrgeiz, auch die andere Kolonne noch gefangenzunehmen. Wenn einmal Friede ist, müssen wir sie doch wieder nach Hause schicken. Wir haben ja auch die japanischen Flieger, die die Debakel mitansahen, unbehindert entkommen lassen. Als Augenzeugen der Katastrophe können sie in Sydney nur Aussagen machen, die unserer Sache günstig sind.

Daß wir auch zu guter Letzt noch den Marschall Takamori fingen, ist sehr wichtig. Sie, Herr Astenryk, werden ihm morgen Proben von Ihrer Kunst geben. Dann werden wir ihn nach Sydney zurückschicken. Die Verhandlungen mit der japanischen Regierung werden dann schneller und leichter vor sich gehen.«

* * *

Die Welt stand noch unter dem ersten Eindruck dieser unglaublichen Ereignisse, da kam eine Erklärung durch die australische Regierung.

In kurzen Worten wurde dargelegt, daß der Zusammenbruch des japanischen Überfalls einzig und allein der wunderbaren Erfindung eines deutschen Ingenieurs zuzuschreiben sei. Dieser Ingenieur, namens Georg Astenryk, habe in langer Arbeit die verschollene Erfindung eines verstorbenen russischen Gelehrten, Algermissen, die Gedankenwellen des menschlichen Gehirns elektrisch zu verstärken, zu höchster Vollkommenheit entwickelt. Er habe einen Sendeapparat geschaffen, mit dem er auf weite Entfernungen hin Gedanken des menschlichen Gehirns unendlich verstärkt ausstrahlen könne. Schon bei den ersten Anzeichen der drohenden Gefahr habe er den australischen militärischen Stellen von seiner Erfindung Kenntnis gegeben. In gemeinsamer Arbeit mit diesen Stellen sei der Apparat zu einem militärischen Verteidigungsmittel entwickelt worden. Das Manifest schloß:

»Es ist uns damit gelungen, große Teile der japanischen Invasionsarmee gefangenzunehmen. Nur aus Gründen der Menschlichkeit haben wir von einer Vernichtung der Eindringlinge abgesehen.

Australien hofft, daß die japanische Regierung genügend Einsicht besitzt, um ihr Unternehmen zu liquidieren. Australien erwartet, daß Japan seine sämtlichen Truppen aus den besetzten englisch-australischen Gebieten sofort zurückzieht. Alles Weitere muß den Friedensverhandlungen vorbehalten werden.«

Diese Erklärung der australischen Regierung, durch Rundfunk verbreitet, wurde zunächst einmal ohne Kommentar sofort von der Presse der ganzen Welt übernommen. Dann kamen die Fachleute zu Wort. Viele gaben unumwunden zu, daß nach der physikalischen Theorie eine solche Erfindung möglich sei. Andere, die Zweifel in die Möglichkeit setzten, taten dies angesichts der Tatsache der unbegreiflichen militärischen Erfolge Australiens sehr verklausuliert. —

Und dann kamen die Auslassungen von Menschen jedes Standes, jedes Ranges, wie sich diese Erfindung im Guten und im Bösen auswirken könne. Man überbot sich in den phantastischsten Folgerungen. War nicht von diesen oder ähnlichen Apparaten das Schlimmste, Tollste zu befürchten? Wo waren der Wirkung der Erfindung Schranken gesetzt? Konnte sich nicht damit ein einzelner ganze Länder, ja schließlich die ganze Welt hörig machen ... alles Bestehende umstoßen ... die im Banne seiner Gedankenwellen versklavte Menschheit in Tod und Untergang hetzen? ... Durfte ein Mensch im Besitz einer solchen Waffe frei herumlaufen? Mußte seine Erfindung nicht unter die Aufsicht eines Weltgremiums gestellt werden?—

Tage-, wochenlang tobte überall in der Welt ein heftiger Meinungsstreit über die Maßnahmen, die ergriffen werden müßten, um die Menschheit aus einer Situation zu befreien, in der das Schlimmste für Leben und Gut, für die Existenz von Staaten und Rassen befürchtet werden mußte.—

Wer war überhaupt dieser deutsche Ingenieur Astenryk, den die australische Regierung als den Erfinder bezeichnete? Wie kam er nach Australien? Hatte er sich der Regierung als Helfer angeboten, oder ...?

In Neustadt am Rhein häuften sich die Anfragen, wimmelte es von Journalisten, die Genaueres von dem über Nacht weltberühmt gewordenen Erfinder wissen wollten. Alfred Forbin saß in einer schnell gemieteten größeren Wohnung und empfing die Zeitungsvertreter, die ihm die bestochenen Hotelboys zuwiesen. Als Schwager des berühmten Erfinders war er doch für alle Fragen die beste Auskunftsperson. Da er sich seine Auskünfte wortweise bezahlen ließ, schwoll seine Brieftasche erfreulich an.—

Die australische Regierung hüllte sich in Schweigen und suchte die Friedensverhandlungen mit Japan so stark wie möglich zu beschleunigen. Die allererste Forderung, daß Japan seine sämtlichen Truppen sofort aus den widerrechtlich besetzten Gebieten zurückziehen müsse, war ja schon als eine Bedingung des Waffenstillstandes erfüllt. Bei dem gemäßigten Auftreten der englisch-australischen Unterhändler ... bei der allgemeinen Weltstimmung, welche den durch nichts gerechtfertigten japanischen Angriff aufs stärkste verurteilte ... nicht zum wenigsten schließlich unter dem starken Druck, den die australische Regierung im Besitz des geheimnisvollen Apparats jederzeit auszuüben imstande war, ließ der Friedensschluß nicht lange auf sich warten. Es war ja in der Hauptsache nur die Höhe der Kriegsentschädigung festzustellen. Nach längerem Feilschen stimmte Japan den englisch-australischen Forderungen zu. Das Friedensinstrument wurde unterschrieben.—

In Australien war naturgemäß der Jubel am größten. Aber auch in den anderen weißen Staaten atmete man froh und erleichtert auf. Es war ja nicht allein Australien, alle die anderen östlichen Besitzungen der weißen Rasse waren damit gerettet.—

Noch vor dem Beginn der eigentlichen Friedensverhandlungen war eine gewisse Komplikation dadurch entstanden, daß Rußland verlangte, an der Konferenz teilzunehmen. Es stellte sich auf den Standpunkt, daß die Bildung der Freiwilligenarmee in der Mandschurei und die Erregung des Aufstandes im Küstengebiet als feindliche Handlungen Japans anzusehen seien. Es betrachte sich deshalb als im Kriegszustande mit Japan befindlich. In den Verhandlungen wollte Rußland verlangen, daß Japan jede Unterstützung und Versorgung der Armee Borodajews unterlasse und dessen Unternehmen gegenüber strengste Neutralität beachte, außerdem eine große Kriegsentschädigung zahle.

Während man sich in den beteiligten Kabinetten in heftigem Für und Wider mit dieser Forderung beschäftigte, trat ein Ereignis ein, das geeignet war, der sibirischen Aufstandsbewegung eine entscheidende Wendung zu geben. —

In Tschita, dem Hauptquartier des General Borodajew, waren Straßen und Plätze menschenleer. Zu vielen Tausenden war die Bevölkerung hinausgeströmt zu dem großen Exerzierplatz westlich der Stadt. Der General hielt über die neuen Regimenter, die am nächsten Tag weiter zur Front gehen sollten, eine Musterung ab.

Das Paradefeld bot einen glänzenden Anblick. In der Mitte des großen Vierecks die wohlausgerüsteten Regimenter. In weitem Umkreis herum die Zuschauermassen. Das ganze farbenprächtige Bild übergossen von dem Licht eines herrlichen Sommertages.

Der letzte Vorbeimarsch war vorüber. Der General ritt vor die Front und hielt eine Ansprache, die von den Truppen und Zuschauern mit begeisterten Zurufen erwidert wurde. Dann lösten sich die Massen, die Truppen marschierten mit klingendem Spiel ab.

Borodajew verabschiedete sich von seinem Stabe und ritt, begleitet von seinem Adjutanten und Helene, die, in Offiziersuniform gekleidet, stets in seiner Nähe war, zur Stadt zurück. Sie ließen ihre Pferde im Schritt gehen, plauderten von den Eindrücken der neuen Regimenter, den Hoffnungen, mit diesen Verstärkungen den Vormarsch zum Baikalsee schneller vorwärtszutreiben, bald einen entscheidenden Schlag zu tun. Immer wieder mußten sie den freudigen Grüßen und Zurufen danken, die ihnen aus der heimkehrenden Menge zuflogen; dankten auch den Insassen eines Kraftwagens, der eben vor ihnen in eine Seitenstraße einbog. Da schrie Helene laut auf, in einem der Insassen hatte sie den Kommissar Schtschetinin erkannt. Der griff jetzt hinter sich. Mit einem Blick voll Haß und Wut schleuderte er eine Bombe gegen die Gruppe der Reiter.

Ein schmetterndes Krachen, ein lautes Wehgeschrei der entsetzten Menge. Zwischen den zuckenden Pferdeleibern lagen die blutenden Körper der Getroffenen.

Was half's, daß man den Wagen Schtschetinins auf der Flucht faßte, alle Insassen sofort erschoß? Borodajew, der Held, die Seele des ganzen Unternehmens, war nicht mehr.—

Schon in den nächsten Tagen zeigten sich unter den Generalen tiefgehende Meinungsverschiedenheiten, wer Borodajews Nachfolger werden sollte. Die Offiziere, die von Anfang an bei ihm gewesen waren, verlangten, daß der neue Führer aus ihren Reihen genommen würde. Andererseits gab es unter den Generalen, die erst nach der Einnahme von Chabarowsk zu Borodajew übergegangen waren, alte, bewährte Soldaten, die sich nicht unterordnen wollten. Mangels einer einheitlichen Befehlsgewalt geriet der Vormarsch der Armee ins Stocken. Gewisse Eifersüchteleien der Unterführer, die sich unter Borodajew nicht hervorgewagt hatten, verursachten vielerorts Unordnung und Mißvergnügen.

Ein verhältnismäßig schwaches Detachement der Regierungstruppen, das von der Selenka aus das Udatal hinaufmarschiert war, stieß unerwartet in die linke Flanke der Borodajewschen Streitkräfte und richtete große Verwirrung an. Viele Gefangene fielen dem Gegner in die Hände, eine Menge des kostbaren Kriegsmaterials ging verloren. Durch diesen Erfolg ermutigt, griffen die Moskauer Truppen die Aufständischen mit immer größeren Erfolgen an. Der neugewählte Oberbefehlshaber; der frühere Kommandant von Wladiwostok, war gezwungen, die Armee rückwärts auf Tschita zu konzentrieren und schließlich über das Jablonoigebirge zurückzunehmen.—

Seit dem Tode Borodajews schien die russische Regierung keinen Wert mehr auf die Teilnahme an der Friedenskonferenz zu legen. Daß sie damit für Japan bedenkliche Hintergedanken verband, war naheliegend.—

Es war am Tage nach dem australisch-japanischen Friedensschluß, da erschien in der »Australian World« ein Artikel ihres Chefredakteurs Hodison, der eine Unterredung mit Major Dale gehabt hatte. Der Aufsatz verursachte allerorts das stärkste Aufsehen. Was er letzten Endes bewirken sollte, die erregte Weltstimmung zu beruhigen, gelang ihm durchaus. Schon die fetten Schlagzeilen—Der Apparat nur einmal in der Welt ... Kann nicht nachgebaut werden ... Gewisse Einzelheiten nicht zum zweitenmal vorhanden ... Der Apparat in diesen unersetzlichen Teilen beschädigt ... Weitere Verwendung nur im äußersten Notfall möglich—verscheuchten alle Befürchtungen und Sorgen.

Eine wissenschaftliche Erklärung der Erfindung sollte in dieser ersten Veröffentlichung keineswegs gegeben werden. Die sollte einem demnächst erscheinenden Aufsatz des Erfinders Astenryk vorbehalten werden. Mit Spannung wartete die Welt auf die Erklärungen des Erfinders selbst.—

Georg saß mit Clennan in dessen Arbeitszimmer. Dale kam dazu.

»Ah, so fleißig, meine Herren? Freut mich! Schriftliche und telegraphische Anfragen häufen sich bei uns zu großen Stößen. Die angekündigte Veröffentlichung des Erfinders Astenryk wird von Fachleuten und Laien in aller Welt mit Spannung erwartet. Also meine Herren, wann kann ich das Manuskript bekommen? Die Sache ist wohl nicht leicht?«

Clennan und Georg sahen sich an und lachten.

»Das schwerste dabei, mein lieber Dale«, sagte Clennan, »ist nicht, der neugieriger Welt eine gut verständliche wissenschaftliche Erklärung zu geben, sondern möglichst viel zu sagen, aber doch dabei Wichtiges für sich zu behalten. Und so zu schreiben, ist gar nicht so einfach. Das können Sie mir glauben.«

»Oh, das glaube ich sehr gern. Besonders die Sache mit den beschädigten Kristallen muß sehr vorsichtig gesagt werden. Einesteils muß die Erklärung beruhigend auf die Welt wirken, andererseits darf sie den Gelben nicht Mut machen, in absehbarer Zeit noch einmal loszuschlagen.«

»Wenn es nur damit getan wäre, Herr Dale, das wäre nicht schlimm. Aber es gibt da noch eine ganze Menge anderer Dinge, die ... patentfähig sind. Wenn Sie jemals in Ihrem Leben eine Patentschrift verfaßt hätten, würden Sie wissen, was das auf sich hat.«

»Jetzt aber mal ganz offen unter uns, meine Herren! Ist das wirklich so bedenklich mit den Kristallen, oder ...?«

»Das ist leider nur allzu wahr«, sagte Georg. »Sie können sich übrigens mit eigenen Augen davon überzeugen, daß wohl die Hälfte der Kristalle stark mitgenommen ist. Ich will mich da nicht in langen wissenschaftlichen Ausführungen verbreiten, sondern versuchen, es Ihnen durch ein ungefähres Beispiel verständlich zu machen.

Sie haben ein Teeglas. Nehmen Sie an, durch allzu heißen Tee hat das Glas einen kleinen Sprung bekommen. Passiert das zum zweiten-, drittenmal, wird der Sprung größer, und schließlich fällt das Glas in Scherben auseinander.«

Georg öffnete ein Etui und holte zwei kleine Kristalle heraus. »Wenn Sie diese hier durch die Lupe betrachten, werden Sie sehen, daß der eine ganz klar und durchsichtig ist, der andere starke wolkige Trübungen zeigt. Das ist einer der kranken Kristalle.

Bei der Gefangennahme der japanischen Kolonne in den Blauen Bergen galt es, das Höchste aus dem Apparat herauszuholen. Das war eine Überanstrengung, welche die Kristalle nicht aushielten. Ich konnte das nicht voraussehen, heute weiß ich, daß ich für eine solche Sendeleistung eines Apparates von doppelter Kristallzahl bedurft hätte.

Diese Trübungen im Kristall entsprechen dem Sprung im Teeglas. Wie alle Vergleiche, hinkt auch dieser, und, rein wissenschaftlich betrachtet, sogar sehr stark. Aber Sie werden sich danach ein Bild machen können, wie es in unserem Verstärker aussieht. Es heißt also sowohl beim Teeglas wie bei dem Apparat: Größte Vorsicht bei weiterem Gebrauch.«

» Capisco!« lachte Dale und setzte nach einer Pause hinzu: »Sollten diese kranken Kristalle nicht zu erneuern sein?«

»Wenn Sie wüßten, Herr Dale«, erwiderte Clennan, »wie viele Versuche ich schon im Lauf der Zeit gemacht habe, solche Kristalle herzustellen ...? Und ich sage nicht zuviel, wenn ich behaupte, daß ich von der Sache etwas verstehe.«

»Glauben Sie aber nicht, Herr Dale, daß Clennan jede Hoffnung aufgegeben hat. Er wird, wie ich ihn kenne, die Versuche weiter treiben, und wenn er darüber hundert Jahre alt werden sollte.«

»Und Sie, Herr Astenryk ...?«

Georg winkte mit ausgestreckten Händen ab.

»Ich denke nicht an so etwas! Für mich ist dieser Fall ein für allemal erledigt. Ich denke jetzt nur noch an meine Kohlenbatterien und ...«

»Fräulein Anne Escheloh«, fiel ihm Dale fröhlich lachend ins Wort.

»Gut, daß Sie es sagen, Herr Dale. Ich möchte eine Wette machen, daß Freund Astenryk eben was anderes sagen wollte«, rief Clennan.

Georg machte einen Augenblick ein verlegenes Gesicht, sagte dann stockend: »Ehrlich gesagt, Clennan hat recht. Ich dachte wirklich an etwas anderes ...« Er war ernst geworden, als er fortfuhr: »Ich wollte etwas sagen, was dieses Land sicher nicht zum wenigsten angehen wird.«

Er ging zu einem Schwank und holte eine Karte von Australien heraus, die mit vielen Fähnchen bestückt war, wie wohl eine Karte vom Kriegsschauplatz im Zimmer des Oberbefehlshabers. Dale und Clennan schauten ihn erwartungsvoll an. Was hatte dieser Deutsche da wieder für eine Überraschung?

»Diese Fähnchen, meine Herren, wurden auf Grund der geologischen Bodenuntersuchungen des Landeskulturamtes gesteckt. Die verschiedenen Farben bedeuten die Tiefe, in der mehr oder weniger starke Wasservorräte zu finden sind. Diese Wassermengen, mit der billigen Energie meiner Kohlenbatterien nach oben gebracht, auf die dürren Steppen verteilt, dürften im Lauf der Jahre das australische Land aufnahmefähig machen für viele Millionen weißer Siedler. Kein besserer Schutz für ein Land, als die Arme seiner bodenständigen Bauern. Sollte dann später wieder einmal eine gelbe Flut gegen Australiens Küste branden, würde die australische Regierung das Land durch Millionen kräftiger Bauernfäuste sicherer verteidigen können als durch solchen empfindlichen Apparat!«

Unter der Wucht seiner Worte waren auch die anderen sehr ernst geworden. Als Georg geendet, drückten sie ihm stumm die Hand.

* * *

Der Tag, an dem Rundfunk und Presse in aller Welt die Kunde von der Erfindung der restlosen Kohlenausnutzung verbreiteten, wurde ein historisches Datum in der Geschichte der Energiewirtschaft.

Eine Zeitlang hatte Georg in Canberra den Ansturm der Besucher, die ihn befragen oder auch nur kennenlernen wollten, über sich ergehen lassen. Dann war er in das stille, abgelegene Paulinenaue entwichen. Mit Clennans Hilfe suchte er die aus allen Teilen der Welt massenhaft einlaufenden Fragen und Wünsche mit einer gewissen Hinhaltung zu erledigen. Es war keineswegs seine Absicht, die Einführung der neuen Energiequelle zu überstürzen. Auch so war die Erschütterung und Beunruhigung der Energiewirtschaft schon schwer genug. Um all die notwendigen Umwälzungen erträglicher zu gestalten, hatte er eine längere Übergangszeit für die unvermeidlichen Umstellungen ins Auge gefaßt.

In dieser Zeit wollte er mit Clennan, der sich auch hier als gewandter, gewissenhafter Freund und Helfer erwies, die notwendigen großen Organisationen aufziehen. Wenn er später mit Clennan nach Europa zurückging, würde Dale mit seinem großen Organisationstalent alle die Arbeiten leisten, die unverzüglich in Angriff genommen werden sollten, um in Australien das Neuland für Millionen weißer Siedler zu bereiten.—

Nach Europa ... nach Deutschland zurück! Nur zu gern hatte er das Anne versprochen, als sie ihn wenige Tage nach ihrer Ankunft darum bat.

Das war ein frohes, glückliches Wiedersehen, als ein englisches Regierungsflugzeug Anne Escheloh auf der allmählich zum Flugplatz avancierten Koppel von Paulinenaue absetzte. Nach all den großen, furchtbaren Ereignissen der letzten Zeit vermochte der Tod Helenes sie nicht so tief und nachhaltig zu erschüttern, wenn auch Anne in stiller Wehmut ihrer Schwester oft gedachte.—

Es war eine kleine Festtafel, an der die Gäste saßen, Georgs und Annes Hochzeit zu feiern. Nur die alten Freunde waren es, wenn man General Scott, der im Auftrag der australischen Regierung gekommen war, dazu rechnen will. Große Reden wurden nicht gehalten, doch jeder der Gäste wußte in kleiner, launiger Ansprache, der auch manch ernstes Wort nicht fehlte, viel Nettes und Liebenswürdiges über Georg und Anne zu sagen.

Da einer den anderen dabei zu übertrumpfen suchte, wurde es ein amüsanter Wettbewerb, bei dem schließlich Jan der Sieger blieb. Seine Rede war allerdings auch die längste. Mit einer Beredsamkeit, die niemand bei ihm gesucht hätte, verstand er es, Georgs Lebenslauf mit solch glücklichem Gemisch von Ernst und Scherz zu schildern, daß ihm der größte Beifall wurde. Noch stärkeren Beifall fand freilich Georg, als er die anderen aufforderte, mit ihm anzustoßen auf die alte Heimat, auf Deutschland.



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"Befehl aus dem Dunkel," Gebrüder-Weiß-Verlag, 1952



THE END


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