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HANNS HEINZ EWERS

DER ZAUBERLEHRLING
ODER DIE TEUFELSJÄGER

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RGL e-Book Cover 2017©



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Georg Müller Verlag, Munich, 1916 Edition



Viele Wunder gibt es, doch das
grösste Wunder ist der Mensch.

Sophokles, Antigone 334



First published by Georg Müller Verlag, Munich, 1910

This e-book edition: Roy Glashan's Library, 2017
Version Date: 2017-12-12
Produced by Roy Glashan

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TABLE OF CONTENTS

Kapitel I
Kapitel II
Kapitel III
Kapitel IV
Kapitel V
Kapitel VI
Kapitel VII
Kapitel VIII
Kapitel IX
Kapitel X
Kapitel XI
Kapitel XII
Kapitel XIII
Kapitel XIV
Kapitel XV
Kapitel XVI



KAPITEL I.

Wer Schönes hier und Zartes sucht,
der sei gewarnt! In diesen Blättern
schläft manches Grau'n, und aus den Lettern
grinst oft, was scheusslich und verrucht.

Osc. Panizza, Heilige Antonius.


»So kommen Sie doch mit!« sagte Frank Braun.

Der alte Pfarrer schüttelte den Kopf. »Unmöglich,« antwortete er, »es ist ganz unmöglich.«

— — Der kleine Gardadampfer hielt; die beiden stiegen mit der Menge an Land. Frank Braun suchte herum, fand endlich den Portier seines Hotels, winkte ihn heran und übergab ihm den Gepäckschein und die Handtaschen. Dann wandte er sich wieder dem Pfarrer zu.

»Darf ich Sie begleiten, Hochwürden?«

»Verzeihen Sie — nein.« sagte der Alte. »Ich muss ins Pfarrhaus, habe dort einiges zu erledigen. Aber wenn Sie gestatten, werde ich Sie heute abend im Hotel aufsuchen.«

»Es wird mir eine grosse Freude sein. — Also zum Abendessen, Don Vincenzo!«

Der Pfarrer gab ihm die Hand. »Auf Wiedersehn.«

Frank Braun ging langsam dem Hotel zu, das dicht am See lag. Er liess sich ein Zimmer geben, wusch sich, schrieb ein paar Briefe. Er machte einen Spaziergang; kam eben zurück, als das Gong schlug. Aber er ging nicht gleich in den Speisesaal, erst hinauf in sein Zimmer. Er rasierte sich sorgfältig, langsam genug; dann legte er den Abendanzug an. Man trug schon den dritten Gang auf, als er unten eintrat. Er fand den Pfarrer an einem kleinen Tische am Fenster sitzen.

»Ich habe Sie warten lassen,« entschuldigte er sich. »Es ist das eine schlechte Gewohnheit von mir — —« Er nahm die Weinkarte und liess sich von seinem Gaste Rat geben. Bald fand er die Marke, die jener liebte.

»Das ist merkwürdig.« lachte er. »Gerade das, was ich selber bevorzuge!«

Aber er trank kaum ein halbes Glas und ass ebensowenig. Er liess sich nicht nachservieren und sorgte nur, dass des Pfarrers Teller nimmer leer wurde. Beim Dessert schälte er ihm ein paar grosse Calvilleäpfel; der Alte ass sie zum Käse.

»Aepfel essen Sie auch nicht?« fragte er.

»Doch.« antwortete Frank Braun. Er nahm eine Scheibe und streute ein wenig Salz darauf.

Der Pfarrer schüttelte den Kopf. »Mit Salz? Aepfel mit Salz?«

»Gewiss, Hochwürden. So kann man erst den Geschmack des Apfels herausfinden.«

Der Pfarrer stippte sogleich seine Apfelscheibe in das Salzfass. »Zu viel, Don Vincenzo, zu viel!« lachte der Deutsche. Jener kratzte das Salz wieder ab.

»Ist es so gut?«

»Ja, so ists gut.«

Der Alte kostete. »Ja — ja — Sie haben recht. Der reine Geschmack kommt wohl bestimmter heraus. Ich werde mir das merken, Doktor; ich werde es nächstens unsern Bischof lehren. Der schätzt solche kleine Feinheiten. — Man muss eben den Dingen auf den Kern kommen!«

»Freilich, Don Vincenzo. — Das ist das Erste.«

»Erlauben Sie — — wieso das Erste?«

Frank Braun füllte das Glas seines Gastes. »Nun, ich meine — die Diagnose ist überall und immer das Erste. Wenn wir zum Beispiel einen Apfel machen wollen, so müssen wir doch erst genau wissen — —«

»Einen Apfel — machen?« unterbrach ihn der Priester. »Aber wir wollen doch keinen Apfel machen!«

Frank Braun sagte: »Warum wollen wir nicht? Wir wollen alles machen. Aber nehmen wir etwas anderes, wenn Ihnen die Zukunftkunst, einen Apfel zu machen, zu ferne liegt. Da ist eine Krankheit — sagen wir die Cholera. Erst in dem Augenblicke können wir daran gehen, sie wirksam zu bekämpfen, wenn wir die Bazillen, die die Krankheit erregen, und deren Lebensart genau kennen. Die genaue Erkenntnis ist immer das Erste — in allen Dingen. Nicht wahr, Hochwürden?«

»O ja — gewiss!« Der Pfarrer leerte sein Glas. »Jetzt verstehe ich, was Sie meinen, Doktor. Aber verzeihen Sie, so ganz bin ich doch nicht einverstanden, wenn Sie mir den Apfel plötzlich wegnehmen und dafür die Cholera hinsetzen. — Den Apfel wollten Sie — machen — — nicht wahr, Doktor? So wie er da Hegt, so wie er auf den Bäumen wächst. Von der Cholera aber wollen Sie gerade das Gegenteil: sie zunichte machen! Man soll sie bekämpfen — — aber doch nicht machen!«

Der andere lächelte. »Nein? — Und warum denn nicht? Sie freilich, Hochwürden, möchten sich allerdings nicht damit abgeben. Und ich — nun ich werde wohl auch kaum jemals eine Gelegenheit dazu haben. Aber andere Leute? Erfinden wir denn nicht in jedem guten Jahr irgendeine neue schöne Sache, um möglichst viele Menschen möglichst rasch und sicher vom Leben zum Tode zu bringen? Torpedos und Revolverkanonen? Unterseeboote und Kriegsflieger? Lyddit, Melinit, Nitroglycerin und all diese hübschen Dinge? Warum sollte man nicht irgendeine furchtbare Pest in Feindesland werfen, so eine schwarze oder gelbe Seuche, die besser arbeitet als alle Mordgewehre der Welt?«

Der Pfarrer bekreuzigte sich: »Heilige Mutter Gottes!« rief er. »Das mögen alle guten Heiligen verhüten!«

Der Deutsche nickte. »Ja, das hoffe ich auch. Ein Krieg ist immer dumm und man kann ihm nur sehr wenige Seiten abgewinnen, für die sich ein kleines Interesse lohnen möchte. Aber die Möglichkeit ist da, Seuchen zu machen, das geben Sie doch zu, Don Vincenzo? Jeder Pfuscher kann es — — heute schon. Aepfel machen freilich, das ist schwerer: aber wir werden auch das lernen — später einmal. Wir sind ja noch so jung.«

»Jung?«

»Nun ja, Hochwürden! Der älteste Mensch, dessen Knochen wir fanden, starb vor kaum dreieinhalb Millionen Jahren.«

»Und das nennen Sie jung?« Der Pfarrer sah ihn scharf an, gerade in die Augen. Hatte er nicht schon einmal — —? Aber er irrte sich gewiss. Nein, er hatte dieses Gesicht noch nie gesehen. Nur der Ausdruck erinnerte ihn — — ja, den kannte er doch! Lächelnd, überlegen, gefangennehmend — gegen allen Willen. Schon einmal hatten ihn diese Züge erschreckt — — irgendwo auf einem Bilde? Oder auf einer Zeichnung in einem alten Buche? Er besann sich, starrte sein Gegenüber an.

Glatt rasiert war dieses Gesicht, schmal und gebräunt. Die Augen hatten keine bestimmte Farbe, mochten blau sein oder auch grün oder grau. Ueber die hohe Stirne — leicht gewölbt über den schwachen Brauen — fiel eine wirre Strähne aschblonden Haares; die Lippen zogen sich ein wenig nach unten um den halboffnen Mund. Der Alte sah das gute, weisse Gebiss, hie und da blitzte das Gold dazwischen. Dieses Gesicht schien jung, sehr jung zu sein — und doch mochte es wieder alt sein — — wie alt nur? Die matten Opalaugen lachten nun, harmlos, fast gutmütig. »Wie ein guter Junge.« dachte der Pfarrer. — »Ein Kind, er ist ein rechtes Kind.«

Der Fremde erwiderte lächelnd diesen langen Blick. Nun aber kehrten sich seine Augen ab, irrten umher, blickten durch das offene Fenster zum See hinaus. Und der Pfarrer begriff sie schnell: verträumt, phantastisch, verirrte Späher aus Seelenland, wo alle Sehnsüchte wohnten. Dann wieder wandte jener den Kopf, blickte ihn voll an, ernst, fast drohend. Jetzt sah der Alte kaum des anderen Augen — aber er fühlte, fühlte diesen Blick. Und doch war ihm, als ob diese seltsame, beschwörende Kraft nicht daher komme. Oder — doch nicht allein daher — —

»Nein, nein, Hochwürden! Sie kennen mich nicht. Heute morgen, als Sie in Sirmione an Bord kamen, sahen Sie mich zum erstenmal.«

Der Deutsche lachte, und es war ein frisches, gesundes Kinderlachen.

»Was heisst das?« fragte der Pfarrer ein wenig verwirrt und doch gleich beruhigt durch das gutmütige Gelächter. »Sie können Gedanken lesen?«

»Ist das so schwer? Sie haben ein tell-tale-face — — so trinken Sie doch, Don Vincenzo!« Er füllte von neuem das Glas. »Rauchen Sie?« Er reichte ihm sein Etui. »Fast alle Menschen haben solche Gesichter und ganz besonders die Geistlichen. — Man hat Mühe, sich das abzugewöhnen. Es ist nicht gut, so als aufgeschlagenes Buch durch die Welt zu laufen.«

»Gott sei Dank können nicht alle Menschen lesen.«

»Richtig, Don Vincenzo, es gibt grässlich viel Analphabeten. — Aber da sind wir wieder: das Lesen ist das Erste. Das ist das Sehen, das Erkennen. Und dann erst kommt das andere — das Schreiben: das ist das Schaffen.«

»Das ist nicht für uns, lieber Doktor, nicht für die Priester.«

»Und doch weiss ich einen, der es wohl konnte.«

»Einen Priester?«

»Ja, er ist Priester wie Sie. Noch mehr: er ist Ihr Namensvetter, und ich denke, Sie sollten ihn kennen.«

»Vincenzo —? — Vincenzo Alfieri — Sie meinen doch nicht Pater Vincenzo Alfieri von Padua?«

»Gerade den meine ich.«

»Und Sie kennen ihn?«

»Ja, ich glaube, dass ich ihn gut kenne.«

»O, er ist ein begabter Mensch! Er war der beste Prediger Italiens.«

»Er kann lesen und schreiben. Er ist ein Schaffender.«

»Erzählen Sie mir von ihm. Ich hörte ihn einmal in Padua sprechen — das war vor acht — nein vor neun Jahren. Ich weiss nicht mehr, was er sagte, aber ich werde nie in meinem Leben vergessen, wie er sprach. Es war, als trüge er meine Seele in weite Höhen. Wo ist er jetzt? Man sagt, der Papst habe — —«

Frank Braun unterbrach ihn: »Ja, ja — man sagt! Man sagt! — Uebrigens kann ich Sie versichern, Don Vincenzo, dass Seine Heiligkeit wirklich keinen Grund hatten, die Tätigkeit Alfieris abzubrechen. Es war eine läppische Intrigue der römischen Jesuiten und schliesslich eine reine Machtfrage gegen Kardinal Méry del Val, dessen Schützling er war. Ich bin überzeugt, dass der Papst das plumpe Spiel wohl durchschaute; aber er wollte eben dem Streit ein Ende machen. So schloss er das Kompromiss und sandte den Paduaner nach Spanien.«

»Er predigt nun in Spanien?«

»Ja, in Madrid. Und mit demselben gewaltigen Erfolg. — Aber ich sage Ihnen, die Bewegung, die er macht, ist ganz, ganz ungefährlich. Er ist ein Helfer der Kirche. — Sperrt ihn sechs Jahre lang in ein Kloster ein — und es mag ein Mahomet aus ihm erstehen oder ein Luther. Er liest, aber er erkennt nur wenig das, was er liest. Und so schreibt er — — verstaubte, abgegriffene Bücher.«

Der Pfarrer sah ihn verständnislos an: »Alfieri schreibt — —? Was schreibt er denn?«

Wieder lachte der Deutsche: »Gar nichts schreibt er natürlich! Aber er schafft — und was er schafft ist verstaubt und abgegriffen. Schlecht. Ungefährlich. — Aber immerhin: es schafft, schafft — — und darum liebe ich ihn.«

»Nun gut, Doktor — aber was in aller Welt schafft er denn?«

Frank Braun beugte sich weit über den Tisch. Er stützte die Ellenbogen auf die Platte und legte die Hände leicht nach vorne. Don Vincenzo fühlte wieder den leisen Zwang dieser seltsamen Augen, aber sein eigener Blick ruhte gebannt auf den Händen des andern. Grosse, starke Hände, Hände wie eines Raubtiers grausame Tatzen. Schmal die gespreizten Finger, aber knochig und dick in den Gelenken — — unerbittliche Hände, die sich wie Stricke um eine Kehle schnüren mussten. Wilde, mitleidlose, fürchterliche Hände — —

Daher kam es, daher, mehr noch wie aus den Augen — —

Der Pfarrer starrte auf diese Hände. Wie von weither kamen zu ihm die langsamen, fast feierlichen Worte:

»Der Paduaner schafft; ein Schöpfer ist er. Aus tausend Leibern reisst er tausend Seelen und schweisst sie zu einer in seiner Rede Flammen. Da stehen sie, Kinder, Weiber und Männer — jedes für sich — ein lächerliches Jammerbild! Und der Paduaner greift sie und formt sie und macht ein Grosses daraus, eine einzige starke Masse: ein gewaltiges, wahnsinniges Tier. — Das schafft er, das schafft er, Don Vincenzo!«

Dann seufzte er, lehnte sich langsam zurück. Er zündete eine Zigarette an, stiess in leichten Kringeln den Rauch von sich. »Nur leider, leider,« fuhr er fort und seine Stimme zuckte beinahe wehmütig, »kann er nicht gut lesen, der Paduaner. So zerschlägt er hunderttausend kleine Gedanken in all den Köpfen und gibt ihnen nicht einen andern dafür — einen — einen — grossen! Allen ergeht es wie es Ihnen erging, Don Vincenzo: zeit Ihres Lebens werden sie wissen, wie er sprach — — aber was er sagte, das haben alle vergessen! — Das Tier ist schon da, das herrliche, gewaltige Tier — — aber es kann nicht laufen, nicht beissen! — Ein Jammer ist es, ein Jammer! Ein Antichrist hätte er werden können — und bleibt zeit seines Lebens ein ungefährlicher Prediger! Wie gerne hätte ich ihn lesen gelehrt! — — — — Trinken Sie doch, Don Vincenzo!«

Der Pfarrer schwieg. Langsam ergriff er das Glas, hob es und stellte es wieder hin. Leise fragte er: »Herr Doktor, sind Sie katholisch?«

Die Frage kam schnell, plötzlich. Aber der andere zögerte nicht mit der Antwort.

»Augenblicklich nicht.« sagte er ruhig. »Wer weiss, ob ich es nicht wieder einmal werde!« — Er trommelte leicht mit den Fingern auf dem Tisch. »Aber lassen wir das, Don Vincenzo, wir wollen uns nicht über Religionen streiten! Ich sprach Sie, ein Wildfremder, heute morgen auf dem Dampfer an und Sie gaben mir so liebenswürdig Auskunft; es wäre recht undankbar von mir, wenn ich Sie jetzt in Dispute verwickeln würde, die immer ärgerlich werden.«

»Nein, nein!« lachte der Pfarrer. »Ich fürchte mich gewiss nicht. Ich stehe auf festem, starkem Grunde.«

»Glauben Sie?« Fast mitleidig klang des Deutschen Stimme. »Sie stehen da, wo Alfieri steht. Hart wie der Stein eurer Berge sieht dieser Boden aus und ist doch nur ein nie fassbares Gemisch loser Nebelflecken. Ah — ein Grund, ein Grund! Geben Sie diesem Manne nur einen festen Punkt, auf dem er stehen mag, und er wird Rom aus ihren Angeln heben! — Es ist immer wieder dasselbe: die grosse Erkenntnis. — Das ist das Geheimnis.«

»Ich verstehe Sie nicht, Doktor!«

»Das glaube ich, Hochwürden! — Aber wollen wir nicht das Thema fallen lassen? — — Ich bat Sie, mir einen stillen, einsamen Ort in Ihrem Sprengel zu nennen, wo ich ganz ruhig ein paar Monate bleiben könnte. Sie nannten mir Val di Scodra —«

»Ja,« sagte der Pfarrer kurz, »Val di Scodra.«

»Ist es still?«

»Ja.«

»Einsam?«

»Ja, ja! Einsam! Sie werden auf der ganzen Welt kein abgelegeneres Dorf finden.«

Frank Braun streckte ihm seine Hand hinüber. »Nicht böse sein, Hochwürden! Wir sind allzumal Sünder — —«

Er sah so harmlos, so gutmütig drein, dass der Alte lachte. Er nahm die Hand und schüttelte sie.

»Ich bin gar nicht böse. — Aber ich gab Ihnen ja schon ganz genau heute morgen jede Auskunft.«

»Und ich weiss auch alles ganz genau — ich habe leider ein sehr gutes Gedächtnis. Ich werde also bei dem braven Gastwirte Peppino Raimondi wohnen und werde — — — Aber warum wollen Sie nicht mitkommen, Don Vincenzo? Sie sagten mir doch, dass Sie eine Inspektionsreise durch Ihren Sprengel machen — — und dieses eine Dorf in den Bergen wollen Sie nicht besuchen? Dabei gehört es doch zu Ihrer engeren Gemeinde und ist Ihr Heimatdorf obendrein?«

Der Pfarrer unterbrach ihn: »Weshalb wollen Sie eigentlich, dass ich mitkomme?«

»Weshalb? Es ist eine Laune — — verzeihen Sie! Ich habe eine Arbeit vor, sehen Sie; ich schreibe nämlich. Und ich brauche dazu ein stilles Loch in den Bergen. Da will ich arbeiten — — wer weiss, vielleicht auch nicht. Aber auf jeden Fall will ich ein paar Monate lang allein sein, ganz allein mit mir selbst. Das ist nun so, wie ein kaltes, eiskaltes Bad. Man steht davor, man zaudert, wartet noch ein, zwei Minuten — dann erst geht man hinein. Sehen Sie, Don Vincenzo, wenn Sie mitfahren, habe ich noch ein oder zwei Tage Gesellschaft, ehe ich in mein kaltes Bad steige.«

»Auf Ihr Wohl, Doktor!« Der Pfarrer lachte fröhlich und leerte sein Glas. »Also ich soll noch ein Weilchen Ihr wärmender Bademantel sein? — — Aber leider: es geht nicht, geht wirklich nicht — ist ganz unmöglich.«

»Unmöglich? Ein Pfarrer, der sein Gemeindedorf nicht besuchen kann?«

»Nicht kann — sagen Sie lieber: nicht will! — Und ich habe heute abend zu Hause einen Brief vorgefunden, der es vielleicht wünschenswert erscheinen lässt, dass auch Sie lieber nicht nach Val di Scodra gehen.«

»Wirklich, Hochwürden, nun machen Sie mich neugierig! — Ich soll auch nicht hingehen? Meinen Sie, dass ich dem Dorfe gefährlich werden würde — oder am Ende gar — — das Dorf mir?«

»Nein, nein, Doktor, beides ganz gewiss nicht! — Aber nach den Nachrichten, die ich erhielt, scheint mir Val di Scodra doch nicht mehr so ganz still und ruhig zu sein. Es geht da etwas vor.«

»Oh, oh — Sie giessen mir warmes Wasser in mein eiskaltes Bad! — — Nun, und was geht denn vor, das für mich Interesse haben könnte?«

»Ich weiss nicht, ob es für Sie ein Interesse hat, wahrscheinlich wohl nicht. — Man hält da schwärmerische Versammlungen ab.«

»Wer?«

»Die Leute von Val di Scodra. Der eigentliche Urheber heisst Pietro Nosclere, oder Mister Peter, wie er sich lieber nennen hört. Der Amerikaner, wie die Leute sagen.«

Frank Braun horchte auf. »Wer ist dieser Mister Peter?«

»Lassen Sie mich Ihnen die Dinge erzählen, so wie sie sich zutrugen, Herr Doktor; da werden Sie gleich den Zusammenhang verstehen. Sie müssen wissen, dass aus unsern armen Bergdörfern alljährlich eine Menge Leute auswandern nach Amerika, aus keiner Gegend so viele im ganzen Trentino. Die meisten bleiben drüben, aber manche können doch ihre alte Heimat nicht vergessen, kehren zurück, sowie sie genug Geld verdient haben, um ein Stück Land hier zu kaufen. So einer war Pietro Nosclere. Vor bald dreissig Jahren wanderte er aus, ein sechzehnjähriger Bube Er war erst in Neuyork, dann in Chicago und schliesslich irgendwo in Pennsylvanien. Nirgends hatte er recht Glück, verdiente kaum genug, um für sich und seine Frau — eine Bergamaskerin, die er drüben kennen lernte — das tägliche Brot zu erwerben. Ein Glück nur, dass keine Kinder da waren! — Es scheint nun, dass er dort, in Pennsylvanien, Beziehungen zu einer Schwarmsekte fand, der er sich im Anfang wohl nur aus materiellen Interessen anschloss. Die Leute kümmerten sich augenscheinlich gut um ihn, von diesem Augenblick an fielen die Nahrungssorgen ab von ihm. Aus dem kleinen Flickschuster wurde ein richtiger Schuhmacher — bald darauf ein Schuhwarenhändler. Dann kam das grosse Glück: bei einer Lotterie, die die Gemeinde zum Bau eines neuen Gotteshauses veranstaltete, zog Pietro den Hauptgewinn: zwanzigtausend Dollars. Er blieb noch ein Jahr dort, aber mit der eingewurzelten Geldvorsicht unserer Bergbewohner konnte er sich doch nicht entschliessen, seinen Reichtum in irgendein Geschäft hineinzustecken. Dazu nagte an ihm, stärker wie je, das alte Heimweh.

So kam er zurück. Er hielt sich nirgend auf, machte genau denselben Weg — oder Umweg — den er vor soviel Jahren gegangen, über Amsterdam, München und Wien. Selbst hier in der Stadt blieb er nur eine Nacht, dann fuhr er in sein Dorf. Er fand bald einen Hof, den er kaufte; nun sitzt der Amerikaner da seit bald drei Jahren.«

Der Deutsche lachte. »So, so! Und Mister Peter vertreibt sich nun die Zeit damit, die fremde Lehre, die ihm selbst so gut bekommen ist, in seiner Heimat auszubreiten?«

»Ja, so ungefähr,« bestätigte der Priester. Uebrigens ist es gar keine Lehre, ich habe mir vergeblich Mühe gegeben, herauszubekommen, was er eigentlich will. Sehen Sie, der Mann lebt da auf seinem Hofe und hat nichts, gar nichts zu tun. Sein Geld hat er auf meinen Rat in Staatspapieren angelegt und das bisschen Landbau, von dem er gar nichts versteht, sowie die Wirtschaft besorgt seine Frau mit einem Knechte und einer Magd. Zuerst beschäftigte er sich eifrig mit seinem kleinen Garten, dazu legte er einen Schuhladen an. Aber beides nimmt ihn noch keine Stunde am Tage in Anspruch. Da kamen ihm die Erinnerungen an die Brüder in Pennsylvanien.«

»Womit fing er an?«

»Er hielt Andachten ab in seinem Hause. Dann zog er allmählich andere hinzu — Leute, die im Tagelohn für ihn arbeiteten, oder denen er ein wenig Geld geborgt hatte. Sie verstehen: er ist ja der Krösus in seinem Dorfe und da kommt das Ansehen von selbst. Jeder will ihm zu Gefallen sein.«

»Was predigt er denn?«

»Busse. Er lässt die Leute gemeinschaftlich beten und singen. Sie langweilen sich ja alle zu Tode in dem verlorenen Dorf, sowie sie nur die Arbeit aus der Hand legen. So bieten denn des Amerikaners Andachten eine willkommene Abwechslung — es kamen immer mehr Leute zu seinen Versammlungen. Seine Stube wurde bald zu klein; nun hat er eine grosse Scheune als Saal herrichten lassen.«

»Ist er denn regelrecht aus der Kirche ausgetreten mit seiner Sekte?«

»Ausgetreten? Gott behüte! — Es scheint, dass auch von seinen Genossen da drüben keiner seine Konfession aufgab, ob er nun Protestant oder Katholik, Quäker oder Methodist war. Ich habe ein paarmal mit Pietro darüber gesprochen, er ist sich gewiss selbst nicht klar, was eigentlich jene Pennsylvaniagemeinde erstrebte. Er führt immer nur dieselben Phrasen im Munde — spricht von Busse tun — von heilig werden, schon hier auf Erden — von der Bekämpfung des Teufels und dergleichen Dingen. Und zu diesem Zwecke scheint ihm die katholische Kirche allein nicht zu genügen.«

»So tritt er offen gegen irgendeine ihrer Einrichtungen auf?«

»Ja — und nein. Er sagt zum Beispiel: die Beichte wäre gut. Aber es genüge nicht, dass man heimlich seine Sünden des Priesters verschwiegenem Ohre vertraue, man müsse den Mut finden, sie in öffentlichen Versammlungen zu bekennen. Nur so möge es gelingen, den bösen Geist zu bannen. Ueberall kröche der Teufel herum auf dieser Erde, man müsse ihn austreiben mit Gesang und Gebet.«

»Das alles ist hübsch im Stile der Heilsarmee, Don Vincenzo. — Und es scheint mir nicht gerade im Sinne der Kirche zu sein, wenn Sie da die Hände in den Schoss legen und ruhig zuschauen, bis Ihnen die Bewegung über den Kopf wächst.«

»Sie kennen unsere Berge nicht, lieber Doktor, sonst würden Sie anders urteilen. Sich gar nicht darum kümmern, ruhig die Leute gewähren lassen, das ist in diesem Falle das einzige, was wir tun können. — Sehen Sie, da wachsen die Menschen auf, unten tief im Tale, rings umgeben von Bergen, die hoch in die Wolken wachsen. Die steilen Wände engen sie ein, wie in ewigem Kerker hausen sie da. Ihre Welt ist so unendlich klein, nie sehen sie den Horizont, nie geht ihr Blick heraus aus ihrem engen, tiefen Loche. Und so wachsen sie auf, Geschlecht um Geschlecht; eng, klein, von Felswänden umgeben ist ihr karges Leben.

Gehen Sie nur hin, Sie werden dann sehen, wie recht ich habe! Alle haben sie irgendein Gebrechen; der ist am Leibe, jener an der Seele verkrüppelt. Wie Blinde tappen sie daher und so sehr haben sie das Leben vergessen, dass sie es nicht einmal kennen lernen, wenn sie draussen sind. Dreissig Jahre war Pietro in Amerika und weiss nicht mehr davon wie diese Flasche da auf dem Tisch! Es ist, als ob die Berge ihren Geist erdrücken, zusammenpressen, in engem Schraubstock halten die Jahrhunderte lang —«

Er unterbrach sich, lächelnd. »Jetzt wollen Sie fragen: ›Nun — und Sie, Don Vincenzo? — Sind Sie nicht auch daher?‹«

»Ich hätte das nicht gefragt.«

»Nicht? — Aber Sie haben es gedacht! Gestehen Sie doch!«

»Gedacht — vielleicht!«

»Ich wusste es wohl,« fuhr der Alte fort. »Gewiss, ich bin aus Val di Scodra und darum kenne ich die Leute, besser wie irgendeiner. Aber ich kam hinaus als kleiner Bube, herunter in die Ebene. Sehen Sie, schon hier am See lebt ein anderer Schlag. Die Menschen hier fliegen hinüber, herüber über die blaue Garda, keiner klebt an seinem Fleck. Und ich war dort unten, wo keine Berge mehr sind. Und dann am Meer, wo der Blick weit schweift, ohne Ende in alle Ferne. Da habe ich begreifen lernen, dass nur im weiten flachen Lande, nur an gewaltigen Strömen und am unendlichen Meere grosse, freie und starke Völker wohnen können.«

Der Alte holte tief Atem, dann leerte er sein Glas.

»Mein Tiroler Volk aber ist klein und schwach und elend, ob es nun deutsch oder wälsch spricht. Wir schreien den guten Andreas Hof er und den tapfern Pater Haspinger als Helden aus und bilden uns ein, dass sie für die Freiheit kämpften. Und sagen Sie einem, dass sie gegen die Freiheit und für die schwärzeste Reaktion zu Felde zogen — so lacht er Sie aus.«

»Und das sagen Sie, Hochwürden, Sie, ein Priester?«

»Ich bin ein Priester. Aber vor allem andern bin ich Italiener, wenn ich auch Untertan des Habsburger Hauses bin. Und das Volk, dessen Sprache ich spreche, das Volk der Ebene und des Meeres, gewann mit Frankreichs Hilfe Freiheit und Einheit und immer wieder im Kampfe gegen Rom und gegen Oesterreich. Die Helden Tirols aber haben stets nur für diese Mächte gekämpft — — das war ihre Freiheit! Heute noch, nach hundert Jahren, erzählen sie von dem guten Kaiser Franz — — und das war derselbe Herrscher, der einmal sagte: ›Völker? Was ist das? — Ich weiss nichts von Völkern, ich kenne nur Untertanen‹.«

Frank Braun lachte leicht. »Und dieser selbe Kaiser Franz — verzeihen Sie, Hochwürden, — war durchaus kein Deutscher. Er gehörte dem Volke an, das Sie lieben, er war Italiener zu neunundneunzig Prozent.«

»Sie mögen recht haben,« sagte der Pfarrer, »ich weiss das nicht. Aber für das Volk der Berge war er nur der Kaiser und seine roten Hosen waren den Tirolern ein Gegenstand der Verehrung und sind es heute noch.«

»Und wie Sie, Don Vincenzo, so denken —«

»— Wenige nur, ganz wenige! Die Berge sind klerikal, römisch und österreichisch! Hofer und Speckbacher sind Freiheitshelden — auch bei uns, die wir wälsch sprechen.«

Er seufzte schwer. »Denken — sie denken überhaupt nicht, diese Höhlenmenschen der Bergtäler. Sie träumen nicht einmal. Sie leben kaum, sie vegetieren, wie ihre morschen Tannen. Klein und plattgedrückt sind ihre Schädel, unförmige Kröpfe hängen an ihrem Halse. Sie lieben Gott und den Heiland und die Madonna, und sind die frommsten Christen der ganzen Welt. Aber selbst uns Priester fasst manchmal ein Grauen, wenn wir sehen, wie sie ihre Heiligen anbeten. Der Bischof sagte einmal: ›Unsere Berge haben mehr Götter, als Hellas und Rom und ganz Asien‹!

Und dann, manchmal, kehrt sich ihr Blick nach innen. Sie werden schwärmerisch, ekstatisch, hellseherisch. In Sempiglio auf der andern Seite des Sees, hinter dem Monte Baldo, lebt ein Bergbauer, der jedes Feuer ansagt, auf viele Meilen im Umkreise und oft Stunden vorher. Und er ist lange nicht der einzige! Auch vergeht kaum ein Jahr, dass nicht in irgendeinem entlegenen Dorfe sich religiöse Schwarmgeister zeigten. Sie sehen also, was in Val di Scodra vor sich geht, ist uns nichts Neues; neu ist da nur, dass Mister Peter einige amerikanische Schlagwörter und Gesten hineinwirft.«

»Und Sie lassen die Leute dann ruhig gewähren, Hochwürden?«

»Ja, das tun wir. Das ist die Taktik, die seit über zwölf Jahren unser Bischof verfolgt. Er ist ein sehr kluger Mann; ich versichere Sie, es ist das allerbeste so. Manche unserer Priester haben im Anfang den Kopf geschüttelt — heute haben alle längst eingesehen, dass er recht hat. — Haben Sie nie von den ekstatischen Schwarmgeistern von Mezzoveneto gehört?«

»Nein, Hochwürden, ich glaube nicht.«

»Das war vor einem Vierteljahrhundert. Die Leute des weltfernen Tales predigten Busse; irgend so ein kleiner Prophet führte sie. Sie machten grosse Prozessionen, sangen, beteten, schrieen, zogen auch wohl in die Nachbardörfer. Der streitbare Pfarrer suchte mit allen Mitteln sie zur Vernunft zu bringen, mit Güte erst und dann mit Strenge. Und der damalige Bischof wandte sich an die Behörden — die Bewegung wurde unterdrückt, mit regelrechten Kämpfen. Was war die Folge? Einige Tote und manche Verwundete auf beiden Seiten; drei Leute kamen ins Irrenhaus, nicht weniger wie sechsundfünfzig ins Zuchthaus oder ins Gefängnis. Viele flohen, eine ganze Reihe wanderte aus — — noch heute steht das halbe Dorf leer! Und dann ein grosser Skandal, ein Geschrei in allen Blättern — — nein, nein, unser Bischof hat ganz recht: man muss alles tun, um ein neues Mezzoveneto zu verhüten!«

»Und Sie tun nun alles, indem Sie — nichts tun?«

»Ja, Doktor, nichts, rein gar nichts! Und damit erzielen wir die ausgezeichnetsten Erfolge. — Wir lassen die Leute ruhig gewähren, ziehen uns still zurück. Nach kurzer Zeit ist dieser merkwürdige Rausch wieder vorbei, alle strömen zurück in die Kapellen, als sei nichts geschehen. Es ist ein flackerndes Strohfeuer, an dem die Schwärmer sich wie Kinder freuen, und es erlischt so schnell wie es kam. — Denn sehen Sie, es ist ja nie eine greifbare Idee dabei, keiner weiss, was er eigentlich will. Es ist eine harmlose Krankheit der Berge, weiter nichts; unser Bischof nennt sie das Talfieber.«

»Und weiss er auch von der neuen Seuche in Val di Scodra?«

»Gewiss. Ich habe unlängst in Trient Bericht erstattet, als mir die Sache gar zu lange dauerte und grössere Dimensionen annahm. Der Bischof lachte und meinte, dass es wenigstens mal eine kleine Abwechslung sei mit dieser neuen pennsylvanischen Mode. Er hat ein schönes Wort gesprochen, das ich mir wohl gemerkt habe; ich will es Ihnen wiederholen: »Lange nachdem der brüllende und brausende Gebirgsbach dieser seichten Schwärmer seinen Wahnsinn ausgeschäumt hat, sieht man den tiefen und ruhigen Strom der Kirche noch majestätisch dahinfliessen, jenen Strom Gottes, an dessen Fluten die heilige Stadt fröhlich ist, die Stätte, da die Wohnungen des Höchsten sind.« — So sprach mein Bischof und er riet mir dringend, nur ja mich still zu verhalten — — jeder Druck muss stärkeren Gegendruck erzeugen, sagte er.

Nun war ich schon seit Monaten nicht mehr dort. Das letzte Mal hielt ich die Messe in ihrer Kirche — für einen Menschen — oder für anderthalben, wenn Sie wollen! Mister Peter hält nämlich jetzt auch Sonntagmorgens Versammlungen ab und alle laufen natürlich dahin. Meine Gläubige war Teresa, mein Beichtkind, die Tochter des Gastwirtes, den ich Ihnen empfahl, — und dieser selbst war mein anderer Gast. Nur — er ist nur halb zu zählen, denn er ist recht und schlecht ein Ungläubiger, der sonst nie zur Messe geht. Er kam damals nur so mit — aus Höflichkeit sozusagen. Vielleicht auch ein wenig aus Opposition gegen den Amerikaner! — Sehr schwer ist ihm das Opfer gewiss nicht geworden, da er arg schwerhörig ist und sicher kein Wort verstand, von dem, was ich sagte. Uebrigens ist ihm dieser Gang schlecht genug bekommen: er war Ortsvorsteher—bei den neuen Wahlen aber hat man den Amerikaner gewählt. Das schreibt mir eben Teresa, mein Beichtkind — — sie ist mein kleiner Spion in Val di Scodra.«

Er zog einen Brief aus der Tasche und blickte hinein. »Immer dasselbe, immer dasselbe!« fuhr er fort. »Und kein Ende abzusehen. Viermal in der Woche grosse Bussversammlungen mit Singen und Lärmen auf allen möglichen wüsten Instrumenten! Das ist auch so eine amerikanische Erfindung, die mein lieber Neffe importiert hat!«

»Er ist Ihr Neffe, Don Vincenzo?«

»Ja, sagte ich Ihnen das nicht schon? Pietro ist meiner einzigen Schwester Kind. Und das ist auch ein Grund, weshalb ich alle Auseinandersetzungen mit weltlichen und geistlichen Behörden ihm ersparen möchte, die doch letzten Endes diese ganze Sache nur noch schlimmer machen würden. — Aber Sie begreifen jetzt, Doktor, warum ich Sie nicht begleiten kann. Ich darf nicht noch einmal hingehen und wieder vor leeren Bänken predigen — — das hiesse die Würde unserer heiligen Kirche aufs Spiel setzen. Sich Watte in die Ohren stopfen, nichts hören und nichts sehen, die Leute ganz in Ruhe lassen, das ist das rechte Mittel. — Nur weiss ich nicht, ob man Sie auch so hübsch in Ruhe lassen würde, bei den wilden Konzerten von Trommeln und Klappern und Pfeifen! Freilich, Raimondis Haus liegt an einem Ende des Dorfes, dicht an dem kleinen See, des Amerikaners Hof aber, mit seiner Versammlungsscheune, weit am andern Ende, ein wenig den Berg hinauf.«

Frank Braun lachte. »Nun, so wird es nicht so gefährlich sein mit dem ruhestörenden Lärme in Val di Scodra.«

»Sie wollen es also versuchen, Doktor?«

»Gewiss will ich das, morgen schon. Vielleicht ist der Amerikaner ein Mann, den ich gebrauchen kann.«

»Den Sie — gebrauchen können?«

»Ja, Hochwürden. Ich sammle merkwürdige Menschen — das ist so eine Marotte von mir.«

»Aber — was wollen Sie denn mit ihm?«

»Kann man das wissen? Der Augenblick gibt es. — Da war Kolumbus, der lief herum mit einem hübschen Gedanken, den er einem guten Freunde gestohlen hatte. Die katholische Isa bella gab ihm drei alte Kähne und hundert Zuchthäusler — — da zog er aus und fand eine Welt. — Wer weiss, was Pietro finden mag?«

Der Alte zuckte ungeduldig die Achseln.

»Er? — Ich sage Ihnen, er hat gar keinen Gedanken!«

»Und wenn man ihm nun den Gedanken gäbe?«

»Den Gedanken? — Welchen Gedanken?«

»Ich weiss nicht. — Irgendeinen.— — Den, den er braucht! — Eine Kraft liegt da, in den tiefen Tälern dieser Berge — irgendeine geheimnisvolle, schwärmerische, ekstatische Kraft. Und sie verpufft, Jahr um Jahr — in jämmerlichem Strohfeuer. — Man sollte keine Kraft brach liegen lassen.«

»Es ist eine Krankheit, diese Kraft! Je schneller das Feuer verpufft, um so besser für alle!«

Der Deutsche lehnte sich weit in den Stuhl zurück, sein Auge nahm einen seltsamen Glanz an. »Nein, alter Mann!« sagte er halblaut. »Das ist nicht wahr. Nichts soll zugrunde gehen, ehe es gelebt hat.«

»Doch, das Böse!«

»Nein, auch das Böse nicht. Es hat sein Recht zu leben, wie alles andere. — Nur was klein ist, ist hässlich!« Seine Stimme schwoll, seine Hand krallte sich um die Serviette. »Aber lassen Sie es nur wachsen—das, was Sie böse nennen! Es wird gross werden — und alles ist schön, was gross ist.«

»Ich stehe auf dem Boden — —«

Er unterbrach ihn: »Ich weiss, Don Vincenzo, auf welchem Boden Sie stehen. Aber müssen darum alle auf diesem selben Boden stehen? Lassen Sie doch Ihren Neffen sein Glück da suchen, wo er es zu finden hofft I Warum soll man wünschen, dass auch diese Flamme verlischt, weil sie nirgend mehr Nahrung findet? Warum soll man nicht Brennstoff hineinwerfen, Balken und Zunder, dass sie hoch auflodert aus ihrem Talkessel, eine rote Fackel, über die Berge hinaus weit wächst in die Wolken?«

Der Alte wiegte den Kopf. »Gut, gut, lieber Doktor! Nur — mein armer Neffe wird nie verstehen, was Sie da sagen!«

»Er braucht es ja gar nicht zu verstehen. — Wenn er nur schaffen kann, schaffen! Wenn er nur aus seinen Bergleuten eine einzige Masse formt, so wie der Paduaner tat. Das Tier will ich haben, das gewaltige Tier, Don Vincenzo: glauben Sie mir, ich will es schon beissen lehren!«

Der Pfarrer schlug ein Kreuz. »Das wird Gott im Himmel verhüten!«

Da beugte sich der Deutsche leicht über den Tisch, seine Lippen zuckten. »So — meinen Sie, Hochwürden? — — Nun — da muss man eben an eine andere Türe klopfen!«

Der Alte sprang auf, seine Stimme bebte.

»Was sagen Sie da?« — Aber er erhielt keine Antwort.

Seine Lippen bebten leise, seine Hände zitterten. Er bezwang mühsam seine Erregung; mit weit offenen Augen starrte er hinüber.

»Wollen Sie mir eine Frage beantworten, Herr Doktor?«

»Gewiss.«

»Nun denn — wer sind Sie?«

Da stand auch der andere auf; ein helles Kinderlachen spielte auf seinem Gesicht. »Wer ich bin?« antwortete er. »Nichts Sonderliches. Frank Braun heisse ich. — Ich kann lesen und schreiben.«


KAPITEL II.

»Dem Indra tropfe der Trank.«

Relig. d. Veda.


Frank Braun musste einige Tage warten bis zum Posttage. Die Post ging nur einmal wöchentlich nach Val di Scodra — oder vielmehr, sie fuhr auf der Bergstrasse darüber hinweg, weit zur Grenze hin. Hoch über dem Dorf machte sie Halt und lud die wenigen Briefe und Pakete aus. Jemand wartete dort und trug alles hinunter ins Tal.

»Nehmen Sie nicht die Post.« riet ihm der Oberkellner. »Fahren Sie mit unserm Automobil. Wir veranstalten Ausflüge, alle paar Tage jetzt in der Saison, sowie genug Beteiligung ist. Sie lassen dann bei Val di Scodra halten und steigen aus.«

»Wird man meine Koffer mitnehmen können?«

»Warum denn nicht! Es ist ein schwerer Opelwagen, vierundsechzig Pferdekräfte. Mit der Post werden Sie hinauf sieben bis acht Stunden gebrauchen, so aber sind Sie in kaum zwei Stunden da.«

»Gut also.«

— Das Auto stieg in die Berge über weite, staubige Serpentinen. Die Reisenden schwatzten und lachten, gewillt den teuren Ausflug nach besten Kräften auszukosten. Ein dicker Herr aus Dresden hatte seinen Baedeker genau durchgelesen, jede neue Bergspitze, jeden Wasserfall nannte er stolz bei Namen. Wenn ein Ochsenkarren vorüberkam, wenn irgendeine scharfe Kurve den Abhang besonders deutlich zeigte, kreischten die Damen; das Hochzeitspärchen, das vorne sass, rückte dann noch enger zusammen.

Frank Braun starrte in die Landschaft, gleichgiltig, gelangweilt. Kein Wort sprach er.

»Sehen Sie dort — rechts — da ragt der Monte Terlago auf!« erklärte ihm sein Nachbar. Aber er bekam keine Antwort.

Das Auto hielt. »Hier ist Val di Scodra! Sie müssen aussteigen!« rief der Chauffeur. Er sprang ab, schnallte die Koffer los und stellte sie auf die Landstrasse.

Frank Braun kletterte aus dem Wagen. »Wo liegt das Dorf?«

»Dort unten. Erst ein wenig weiter die Strasse hinauf hat man einen Ausblick ins Tal. Ich habe aber gleich hier gehalten, weil hier der Pfad hinabführt.«

»Und wie bekomme ich mein Gepäck ins Dorf?«

Der Chauffeur lachte. »Ja, das werden Sie nun wohl einstweilen auf der Strasse liegen lassen müssen. Gehen Sie nur hinunter und lassen Sie es dann holen. — Es liegt ja sicher genug da — übrigens ist auch jemand da, der aufpassen kann. — He, Alte!« rief er. »Komm doch einmal her!«

Frank Braun wandte sich um, er sah ein altes Bettelweib, das an das Auto getreten war und höchst gewissenhaft einem Reisenden um den andern die hohle Hand hinstreckte. Sie beeilte sich nicht, wartete, bis auch der letzte ihr seinen Kreuzer gab; dann erst kam sie näher. Ihr Rücken war von irgendeinem Leiden gekrümmt; wie ein Bogen spannte er sich steif nach vorne hin, so dass der Kopf mit den wirren, grauen Haaren sich kaum über Hüfthöhe hinaushob. Sie pflegte das Gesicht zur linken Seite zu drehen und schielte merkwürdig von unten herauf.

»Hallo, Sibylla Madruzzo,« rief der Chauffeur, »so kommt doch! Ihr sollt auf die Koffer da am Wegrand aufpassen. Der Herr geht zum Dorfe und lässt sie später holen. — So, setzt Euch oben drauf, das ist das beste.«

Frank Braun gab der Bettlerin ein paar Nickelstücke. »Wie lange Zeit werde ich gebrauchen?«

Die Alte bewegte die Lippen, sie hob den kurzen Krückstock und machte mit den Fingern ein paar absonderliche Zeichen.

»Sie ist stumm.« erklärte der Chauffeur. »Aber der Weg führt steil den Berg hinab. Ich denke, Sie werden in dreiviertel Stunden unten sein.« Er grüsste, drehte die Kurbel an und sprang rasch auf seinen Sitz. In dichten Staubwolken verschwand sein Wagen.

* * *

Frank Braun stieg den Berg hinab. Es fiel ihm auf, wie anders hier die ganze Natur war. Vor ein paar Stunden noch war er am Ufer der Garda gegangen — unter Palmen. Unter schwindsüchtigen, langweiligen, gestutzten Hotelpalmen freilich, aber es waren doch Palmen. Bambusbüsche deckten den kleinen Zierteich, Magnolien und breitblättrige Bananen wuchsen auf den Beeten. Verschnittene Pinien, spindeldürre Zypressen ragten hier und da auf, dann und wann auch ein starker Eukalyptus. Zitronen wuchsen unter Schutzdächern am Berghange und weithin zogen sich die Kulturen verkrüppelter Oelbäume am See hin.

Hier war nichts von alledem, weit hinter ihm lag der Süden. Und der Frühling, der unten am See in voller Pracht stand, wagte hier kaum erst anzuklopfen mit bescheidenem Finger.

Ziemlich steil führte der schmale Weg hinab. Ein paar Ziegen begegneten ihm, die das dünne Gras zwischen den Felsen suchten. Dann, bei einer Wendung, blieb er stehen. Hier war endlich ein Ausblick; von einem breiten Steine konnte er hinabsehen. Fast kreisrund lag dort unten ein kleiner See. Ihm gegenüber, und auch nach beiden Seiten hin, fielen die Felswände glatt in das Wasser hinab, es sah aus, als ob kaum ein Hund da noch vorbeilaufen könnte. Zu seinen Füssen weitete sich das Tal ein wenig — da stand das Dorf. Unregelmässig lagen die Dächer verstreut — braunrote Klumpen verwitterter Ziegel. Hier war ein Haufen von Häusern zusammengeballt — da standen zwei — oder eines nur — wie es gerade die ebene Fläche erlaubte. Langsam stieg das Dorf nach Nordosten zu die Berge hinauf — ganz hinten leuchtete matt noch ein letztes, grösseres Dach. Mitten im Dorfe lag die kleine Kirche, von ihr führte ein breiter Weg über den buschbestandenen Abhang der Nordseite weiter hinauf, lief zu einer starken Platte, die fast über dem See hing. Sie schien ganz frei und eben, am äussersten Ende trug sie drei mächtig aufragende Kreuze. Das grösste, ein wenig erhöht, in der Mitte — da hing der Erlöser; zu beiden Seiten ragten die Kreuze der Schacher. Es musste wohl ein Kalvarienberg sein, deutlich sah er auf dem Wege die vierzehn Stationen.

Langsam schritt er tiefer hinab. Er traf einen Buben, der eine Kuh grasen Hess. »Wo ist das Gasthaus des Raimondi?« fragte er. Aber der Bengel starrte ihn an, wie ein Gespenst, zog seine Kuh am Stricke in den Busch hinein und gab keine Antwort.

Er ging weiter. Kleine Fluren waren eben in den Abhang geschnitten, unten sah er einen Oelgarten, hie und da rankten ein paar alte Reben zwischen verschnittenen Weidenstämmen. Ein Knecht bearbeitete den Boden mit dem Spaten.

»Wo ist das Gasthaus des Raimondi?« fragte Frank Braun. Der Bursche rührte sich nicht. Er hatte ein breites, bartloses, hartes Gesicht, über die Massen dumm und hässlich. Ein verschmitztes, starres Bauernlächeln lag über dem weitoffenen Munde.

Frank Braun wiederholte seine Frage.

»Ich bin nicht von hier —« grinste der Knecht.

Der Deutsche wurde ungeduldig. »Zum Henker — du wirst doch wissen wo das Gasthaus ist!« Er gab ihm ein paar Kreuzer. »Da! Führe mich hin!«

Der Knecht nahm seinen Spaten über die Schulter und schritt voran.

»Wie heisst du?« fragte Frank Braun.

Er grinste, aber antwortete nicht.

»Nun, es scheint, dass man dich alles zweimal fragen muss! Wie du heisst, will ich wissen!«

»Angelo.« sagte er. »— Aber ich bin nicht von hier.«

»Das weiss ich bereits. Also woher bist du?«

Der Bursche hob den Spaten und wies nach Norden. »Daher!« Dann besann er sich und zeigte nach Westen. »Nein — daher! — Aus Turazzo.«

Ein Haus lag vor ihnen, dicht am See. Eine breite Steintreppe führte zu einer kleinen Veranda; Crimson Rambler kroch dicht darüber, aber noch blühte keine der kleinen, roten Rosen. Der Knecht stellte seinen Spaten an die Wand und schickte sich an durch die niedrige Seitentüre in den Stall zu treten.

»Dienst du hier?« fragte Frank Braun.

»Ja.«

»Aber du solltest mich doch zu Raimondis Gasthaus führen.«

»Das ist hier.«

»Hier? — Also du dienst bei ihm, Bursche? — Und vorhin wolltest du nicht einmal wissen, wo er wohnt?«

Der Knecht lachte blöde. »Ich bin nicht von hier.« Dann stapfte er in seinen Stall; ein frohes Ziegenmeckern empfing ihn.

Frank Braun stieg die Treppe hinauf, öffnete die Türe und blickte in das Zimmer.

»Niemand da?« rief er. Er trommelte mit der Faust auf den Tisch. Aber es kam niemand. Er trat ans Fenster und blickte hinaus über den See, über den kleinen Platz vor dem Hause, über die Strasse — — nirgends sah er einen Menschen. Er wartete eine Weile und rief von neuem — vergebens.

Vielleicht hatte ihn der blöde Knecht doch in ein falsches Haus geführt? Er ging hinaus und wanderte über die Gassen. Vorbei an den Häusern und Höfen. Er blickte durch ein paar offene Türen und Fenster, trat hier und da in einen Garten. Nirgends war ein Mensch in dieser toten Stille — ein einziger starker, schwarzer Hund lag auf der Gasse und blinzelte ihn verwundert an.

»Verwunschenes Dorf!« dachte er.

Von Osten drang ein verworrenes Geräusch zu ihm her. Er ging darauf zu, langsam stiegen die Häuser hier höher hinauf. Bald genug unterschied er—es war ein Singen — dann die gezogenen Töne der Harmonika. Und dazwischen zerhackte Klänge von Tamburin und Triangel.

»Des Amerikaners Konzert.« dachte Frank Braun. »Da also ist das ganze Dorf heute versammelt.« Er überlegte, ob er zu der Versammlung gehen sollte, schliesslich schüttelte er den Kopf. »Ein andermal!«

Er wandte sich und ging wieder zurück. Hinten im See, ganz am andern Ende, sah er ein Boot liegen. Eine kleine Bucht schob sich da in die Felsen, die ein wenig zurücktraten, er sah das Schilf vorne, dahinter einen schmalen dreieckigen Landstreifen. Hinten sprang ein Giessbach hoch herunter in selbstgesprengtem Spalt — der mochte das bisschen Land da angeschwemmt haben. Er sah, wie ein Mädchen sich hob in dem Kahn, dann sich niederbückte, wie sie die Reusen aus dem Schilfe hob und vorsichtig am vorderen Ende die langen Weidenkörbe aufnahm.

Da war also wieder jemand, der nicht in der Versammlung war! — Oben: Sibylla Madruzzo, das krumme und stumme alte Bettelweib — dann der kleine Bub mit seiner Kuh und Angelo, der Knecht, — der ja freilich nicht von hier war! — Und nun das Mädchen.

Gemächlich schritt Frank Braun zurück, dem See zu. Auf der breiten Bank vor dem Hause, in das er zuerst getreten war, sass ein graubärtiger Mann in Hemdsärmeln, bequem vornübergebeugt, die Ellenbogen auf den runden Steintisch gestützt.

»Wieder einer. Der fünfte, der nicht bei Mister Peter ist!« lachte der Deutsche. »Ich habe dem Dorfe unrecht getan, es ist doch noch Leben da.«

»Guten Abend.« sagte er. »Seid Ihr Peppino Raimondi?«

Der Gastwirt stand auf, brummte etwas und schaute ihn verwundert an. Dann nahm er die Pfeife aus den Zähnen und sagte: »Wo kommt Ihr denn her, Herr?«

»Ich möchte hier bleiben und bei Euch wohnen.« antwortete Frank Braun. »Ihr seid doch Raimondi, was? — Don Vincenzo wies mich an Euch.«

Der Wirt nickte. »Ja, ja, schönes Wetter.« sagte er.

»Kann ich bei Euch wohnen?« wiederholte Frank Braun.

»Ja, ja! Der Frühling kommt.« brummte jener.

»Ob ich bei Euch wohnen kann?« rief Frank Braun noch lauter. Dann fiel ihm ein, dass ja der Pfarrer schon von des Wirtes Schwerhörigkeit gesprochen hatte. Er hatte keine Lust zu schreien, so nahm er ein Stück Papier und schrieb seine Wünsche auf.

Raimondi nahm das Blatt, setzte seine Brille auf und las bedächtig, langsam, Wort um Wort.

Dann sah er ihn über die Gläser hin an und fragte: »Ihr wollt ein paar Monate in Val di Scodra bleiben? Wollt zwei Stuben? — Wollt bei mir wohnen?«

Frank Braun nickte.

Aber der alte Wirt begriff es noch immer nicht. »Hier — hier bleiben? — Ein paar Monate? — Herr, ist das Euer Ernst?«

Da schrie ihm der andere ins Ohr: »Ja, ja, ja!«

Raimondi kratzte sich den Kopf und sagte: »Ja — ich verstehe sehr gut! — Bitte, Herr — —warten Sie einen Augenblick.« Er nahm seinen Rock von der Bank und zog ihn an.

»So —« fuhr er fort. »Also Sie wollen hier bleiben? Einige Monate? — Ja und was wollen Sie denn bezahlen?«

»Was wollen Sie haben?« gab Frank Braun zurück.

Beide gingen ins Haus, setzten sich an den Tisch. Der Wirt begann zu handeln. Was denn der Gast verlange? Zwei Stuben? Gleich zwei? — Ja, wenn er es nicht anders wolle, dann müsse man es eben einrichten. Und was er zum Frühstück wolle? — Auch Eier? — Gut also — zwei Eier — —

Er flocht immer ein paar deutsche Worte in seine Rede — da sprach Frank Braun ihn deutsch an. Aber der Alte verstand nur wenig. Nein, nein, er hatte alles vergessen — — in den Jahren. Früher — ja, früher! Als er noch Kaiserjäger war. Und seine selige Frau — die war eine Deutsche gewesen — aus Brixen. Die Pfeife da — von ihrem Vater stammte sie noch her. — Aber seine Tochter, ja — die Teresa — die sprach so gut Deutsch wie der Kaiser selbst — Gott erhalte ihn!

»Jemand muss meine Koffer herunterschaffen.« sagte Frank Braun.

Koffer — Koffer habe er auch? Und wo sie denn seien? Auf der Landstrasse oben — — o, er sei mit dem Automobil gekommen? Nun, der Knecht müsse sogleich hinaufgehen, die Post zu holen. — Wie? — Ja, ja, der Postmeister, das sei er. Er zog eine Schublade auf, nahm eine Handvoll Karten heraus und ein paar Bogen mit Freimarken.

»Sehen Sie — das ist die Post von Val di Scodra.« Dann ging er ans Fenster und rief dem Knechte. »Angelo! Angelo! Leg dem Maultier den Lastsattel auf. Und vergiss die Stricke nicht. Du musst die Koffer herunter holen, die auf der Landstrasse stehen. Die alte Sibylla bewacht sie.«

Der Knecht nickte und schritt dem Stalle zu. — »Sag mal, warum bist du denn nicht in der Versammlung?« rief ihm Frank Braun nach.

Angelo grinste: »Ich bin nicht von hier.«

»Gewiss! Ich konnt es mir denken!« lachte der Deutsche. »Und so musst du wohl dein Leben hier für dich leben.« Dann folgte er dem Alten die Treppen hinauf.

Der Wirt stiess ein paar Türen auf. — »Es sind genug Zimmer im Hause.« sagte er. »Welche wollen Sie, Herr?«

Drei Stuben lagen zur Seeseite hin, aber nur eine schien bewohnt, die beiden andern standen beinahe leer. Frank Braun wählte die erste und den anstossenden Raum. »Wer wohnt hier?« fragte er. Er sah ein Muttergottesbild mit einem kleinen Weihwasserbecken zur rechten und einem ewigen Lämpchen zur linken Seite. Frische Buchsbaumzweige steckten im Rahmen.

»Meine Tochter.« gab der Wirt zurück. »Aber sie muss dann ausziehen.«

»Also gut.« sagte Frank Braun.

Er half Raimondi die Sachen des Mädchens in das dritte Zimmer tragen. Dann stellte er die Möbel um, nach seinem Behagen. »Gehen Sie nur überall herum.« sagte der Alte. »Nehmen Sie das, was Sie haben wollen.«

Der Deutsche ging hinunter und wieder hinauf, suchte sich zusammen, was ihm gefiel. Er rückte einen alten Lehnsessel ans Fenster, schob Holzleisten unter die Füsse des wackligen Tisches. Er schleppte auch einen kleinen Weinkorb heran, den er als Papierkorb benutzen wollte —

»Da, tragen Sie die Uhr hinaus.« sagte er zu dem Wirte und zeigte auf die alte Pendule, die über der Türe hing.

»Warum denn?« fragte jener.

»Ich mag keine Uhr im Zimmer. Keine Uhr und keinen Kalender. — Immer das Datum wissen, immer die Stunde — nein, ich lebe anders.«

»Aber sie geht ja gar nicht.« beteuerte der Alte.

»Sie geht nicht? — Dann mag sie bleiben. — Eine Lampe?«

»Ja, eine Lampe ist auch da.« — Der Alte brachte sie.

Endlich war er fertig. »Bringen Sie mir Wasser!« rief er. Der Wirt ging hinunter und füllte die grossen Krüge. Aber er trug sie nicht selbst hinauf, gab sie dem Knecht, der eben mit dem Maultier vom Berge kam.

Angelo schleppte die Krüge hinauf, dann die Koffer und Taschen.

Frank Braun begann auszupacken. Schnell, gewandt — eine gewohnte Arbeit. Er war fertig, ehe die Sonne sank. Wusch sich und ging hinunter.

* * *

Im Gastzimmer, neben dem Wirt, sass ein dicker, schnauzbärtiger Grenzgendarm, trank in mächtigen Zügen aus der Korbflasche. »Auf Ihr Wohl!« rief er dem Fremden auf deutsch zu.

»Danke.« sagte Frank Braun.

Der Gendarm schnäuzte sich. »Wissen Sie, das war ein gescheiter Gedanke, dass Sie hierher — —« Aber er stockte, lachte, trank wieder — der Gedanke schien ihm doch nicht so ganz gescheit zu sein. »Immerhin — es ist sehr gut,« fuhr er fort, »sehr gut! — Was hab ich dir gesagt, Raimondi,« brüllte er dem Wirte zu, »was hab ich gesagt? — Kommen die Betbrüder nicht, kommt ein anderer! — Na, und da ist er nun! Hätts ja selbst nicht geglaubt — aber da ist er, das ist nun wahr! Und bringt dir mehr Geld ein als alle Teufelsjäger zusammen!«

Frank Braun horchte auf. »Als — wer?« fragte er.

»Als die Teufelsjäger!« lachte der Gendarm. »Sie müssen nämlich wissen, in diesem verrückten Dorf hat ein Amerikaner — —«

»Ja, ich weiss.« unterbrach ihn der andere. »Ich habe davon gehört. Sie nennen sich also Teufelsjäger?«

»Ja, Herr!« bestätigte der Grenzer. »Weil sie nämlich den Teufel verjagen und mit Stumpf und Stiel ausrotten wollen — mit ihrem Beten und Singen. Diese wälschen Fack'n! — Na, wenn ich hier wäre, würds anders werden! — Was, alter Freund?« — Er stiess den Wirt lachend vor den Bauch. — »Ich jage auch den Teufel — aber besser, verdammt noch mal!« Er hob sein Glas hoch. »Komm her, alter, roter Alkoholteufel — wir haben keine Angst vor dir.« Er leerte es in einem Zuge und setzte es klirrend auf den Tisch zurück. Dann wischte er sich den Schnurrbart. »So — das Beelzebübchen da wäre vernichtet. — Was, Raimondi, wir sind die wahren Teufelsjäger!«

»Die Leute trinken also nicht?« fragte Frank Braun.

»Nicht einen Tropfen!« rief der Gendarm. »Wollen fromme Christen sein und erklären den Wein für Teufelswerk, den doch unser Herrgott wachsen liess. — Der alte Noah soff sich alle Tage toll und voll und war doch ein Patriarch. — Seit nun bald zwei Monaten haben die Kerls keinen Schritt mehr ins Wirtshaus gesetzt — — ich bin des Alten einziger Gast und ein schlechter dazu. — Ich zahle nämlich nicht, müssen Sie wissen.« Er hustete in überstürztem Lachen.

»Trink nur, Drenker.« sagte der Wirt seufzend. »Für seinen alten Regimentskameraden muss man ja wohl seinen Keller offen halten.«

»Na, hab dich nur nicht,« rief der Grenzer, »ich komme selten genug her ins Dorf. Alle drei Wochen, auf ein paar Stunden, wenn mans möglich machen kann. — Die verdammten Pascher lassen einem ja keine Ruhe in den Bergen.«

Ein Lichtschein drang durch die Türe, die ein junges Mädchen öffnete. Sie trug zwei grosse Kerzen ins Gastzimmer und stellte sie auf den Tisch.

»Ihre Tochter?« fragte Frank Braun den Wirt.

»Ja, das ist die Teres, seine Tochter!« sagte der Grenzer. »Ein braves Mädchen. Komm her Teres!« Aber das Mädchen drehte sich gleich herum und ging wieder hinaus, ohne ein Wort zu sprechen.

»Bring das Essen,« rief ihr der Vater nach, »die Gäste haben Hunger.«

Nach einer Weile kam sie zurück, breitete ein weisses Leintuch über den Tisch und trug die Gedecke auf. Dann stellte sie das Essen auf den Tisch.

Frank Braun bot ihr guten Abend, aber sie nickte kaum. Sie nahm auch nicht am Tische Platz, sondern setzte sich an das andere Fenster auf die Bank, zog ihr Nähzeug heraus.

Er betrachtete sie. Sie war hoch gewachsen und schlank — wohl zwanzig Jahre alt. Schwarzhaarig wie der Vater, aber mit grossen blauen Augen — — man sah wohl, dass ihre Mutter eine Deutsche war. Er rief sie an, bat sie, ihm Brot zu geben. Sie brachte das Brot, aber sie antwortete nicht auf seine Fragen. Sah ihn gross und misstrauisch an, ging dann zurück zu ihrem Platze.

Er ass und trank und plauderte mit dem Gendarm, während Raimondi neben ihm sass und schweigend seine Pfeife rauchte. Er beobachtete das schöne Mädchen — bemerkte wohl, wie sie hin und wieder, rasch und verstohlen, einen fragenden Blick auf ihn warf. Dann sah er, wie sie einen Brief aus der Tasche zog, ihn las und dazwischen wieder still zu ihm hinblickte.

Frank Braun dachte: » Dir also hat die Post einen Brief gebracht heute abend, dir, mein Kind! — Und er ist ganz gewiss von Don Vincenzo, deinem Beichtvater! Und er warnt dich darin vor mir. — Wie, mein Kind? — Darum also bist du so misstrauisch.«

Er lächelte und dachte: »Alter Mann — wie dumm du doch bist. Ich würde sie ja nicht ansehen und nicht anrühren, dein armes, kleines Beichtkind. — Nun aber — warum reizt du mich, Pfarrer? Bist so alt und weisst nicht, dass man nur das will — was verboten ist? — Und — du und ich, alter Mann? — — Welch ein ungleicher Kampf um dies Kind da!! — O, wie dumm du doch bist.«

Er sah hinüber und begehrte sie im Augenblicke. Diese Stirn war steil und nicht hoch, sie sprang zurück an beiden Schläfen. Die dichten schwarzen Brauen wölbten sich über den tiefblauen Augen, die die langen Wimpern beschatteten. Und die Nüstern der geraden Nase blähten sich und zitterten bei jedem Atemzuge. Ihr Mund schien ihm ein wenig zu gross, und die Lippen, leicht aufgeworfen, leuchteten wie starke Granatblüten in dem wachsbleichen Gesicht. Eine Demut, eine stille Sanftmut lag auf diesen weichen Zügen, aber darunter schien irgendein anderes zu schlummern.

Ein Genialisches vielleicht. Dieses Mädchen mochte einmal eine gute Künstlerin werden. Oder auch eine grosse Kokotte — —

Er sah, wie ihre Brust sich hob und senkte in zu engem Mieder. Er zog sie aus mit gierigen Blicken, riss ihr das Tuch vom Nacken und den schweren Silbergürtel vom Leibe —

Da fing sie seinen Blick. Sie wurde rot — eine Scham machte sie die Lider schliessen und ein rascher Hass hob sie von neuem. Ihre Hand zitterte. Sie stand auf, blieb stehen, steckte den Brief in die Tasche. Dann wandte sie sich; rasch, festen Schrittes ging sie durchs Zimmer. Klatschend fiel die Tür hinter ihr ins Schloss.

Frank Braun starrte ihr nach. Langsam verlor sich der wilde, gierige Zug. Seine Lippen glätteten sich, die Augen nahmen einen stillen verträumten Ausdruck an.

»Armes, schönes Kind.« murmelte er. Dann fuhr er mit der Hand durchs Haar und schüttelte wild den Kopf, als wolle er alle Gedanken fortjagen.

»Ich will singen!« rief er. »Und du, Wirt, bring uns von deinem besten Wein!«

Er lief auf sein Zimmer, nahm die Guitarre von der Wand und kam zurück. »Auf Ihr Wohl, Herr Drenker!« rief er. Er stiess mit dem Gendarmen an, dann mit dem Wirt. »Es ist gut, dass doch wieder einmal ein paar Leute im Dorfe sind, die wissen, wozu der Wein gut ist! Was gilt die Wette, ich trinke Sie unter den Tisch!«

»Bravo!« lachte der Grenzer. »Aber wetten Sie lieber nicht. Sie wissen nicht, was Aloys Drenker leistet.«

Frank Braun rief: »Ich will wetten! — Also Ihr Helm gegen meine Guitarre?«

»Mein Helm — —?«

»Ja — fürchten Sie sich?«

»Ich? Aber, lieber Herr —«

»Also angenommen?«

»Angenommen!« brummte der Grenzer und hob sein Glas. Bedächtig stand er auf, löste die Koppel von seinem dicken Leibe und stellte den schweren Säbel in die Ecke.

»So.«

Frank Braun stimmte die Guitarre. »Was wollt ihr hören?«

»Ist ganz gleich.« rief der Gendarm. »Was Sie eben können.«

Der Deutsche sang. Freche Studentenlieder. Dann lüsterne Couplets, die er aufgelesen irgendwo in wüsten Tingeltangeln. Und Soldatenlieder, strotzend von derben Zoten — begeistert brüllte der Grenzer den Kehrreim mit.

Unerschöpflich war er. Verse napolitanischer Strassensänger, triefend von Kot, andalusische Coplas, deren schwermütige Melodien den obszönen Inhalt noch stärker heraushoben. Matrosenlieder, die wie geile Schreie abgesperrter Affen nach Weiberfleisch brüllten, Strophen vom Montmartre, in denen Wort und Ton sich geschickt verbanden zu witzig zyninischen Spitzen —

Der Wirt verstand nur wenig, brummte still die Melodien mit, sog an seinem Glase und an der Pfeife. Aber der Gendarm wieherte vor Lachen, schlug mit der breiten Faust auf den Tisch, dass die Flaschen sprangen. Und er brüllte den Kehrreim:


»Kommt 'ne verheira-tö-te
Oder 'ne andre Kröte
Durch den dustern, dustern, dustern Wald — —«


Ein Glas leerte er um das andere.

Und nicht eines blieb ihm Frank Braun schuldig. Lächelnd, still, als sei es klares Wasser, goss er den Wein hinunter. Immer ein Glas auf einmal — dann griff er wieder in die Saiten.


»Ja, in Hamburg, da bin ich gewesen
In Samt und in Seide gehüllt,
Meine Ehre, die hab' ich verloren,
Denn ich bin ja ein Mädchen für Geld!

Meine Schwester, die tut mir immer schreiben:
›Liebe Alma, o kehre doch zurück!
Deine Mutter liegt sterbend im Bette,
Sie beweinet dein elendes Glück.‹

Meiner Schwester, der tu ich immer schreiben:
›Liebe Schwester, ich kehre nicht zurück!
Meine Ehre ist längst ja verloren,
In der Heimat da blüht für mich kein Glück!‹

Ja in Hamburg, da bin ich gewesen
In Samt und in Seide gehüllt!
Meine Ehre, die hab' ich verloren,
Denn ich bin ja ein Mädchen für Geld!«


Er sang Bordellieder. Abgestandene, sentimentale Weisen, Hurenlieder, die mit Gefühlen hausierten, wie mit Jahrmarkthonigkuchen. Und Herr Aloys Drenker schluchzte und gluckste und seufzte und nahm einen tiefen Schluck nach jedem guten Seufzer.

»Hör zu, Gendarm! Ich sing dir das Lied der hallischen Dirnen!«


»Gestern Abend in dem Sturm
Ging ich um den roten Turm!«


— — Dann, wenn dem Grenzer die Wehmut hoch in den roten Hals stieg und dicke Tropfen den stieren Blick verschleierten, warf ihm Frank Braun plötzlich helle, höhnische, freche Strophen ins Gesicht.


»Mädchen mit den striffen, straffen Brüsten,
Warum sollt mich nicht nach dir gelüsten?
Bin so jung — — wie ein Aff!
Und mein Vater war ein Pfaff!«


Da grinste Aloys Drenker, blähte sich vor Vergnügen. Er suchte mit trunkenen Augen rings herum, als stände da irgendwo eine dicke Dirne, als wolle er hintatschen mit seinen plumpen, roten Fingern auf die straffen Brüste.

»Trink, du Schwein!« rief ihm der Deutsche zu.

Der Gendarm fuhr auf. Tief blau stieg ihm das Blut ins Gesicht, zugleich vor Wut und vor Scham. Aber er traf einen ruhigen, lächelnden Blick — da duckte er sich. »Prosit!« sagte er und trank.

Frank Braun gab ihm Bescheid. Wieder und wieder. Er legte die Guitarre auf die Bank und trank.

»Noch ein paar Flaschen.« sagte er.

»Nein — es ist genug.« lallte der Gendarm.

»Genug — schon? Geh, hol Wein, Raimondi!«

Der Wirt erhob sich; tappend, mühsam auf den Beinen sich haltend, wanderte er zum Keller — zum achten Male schon. Er kam zurück, stellte die Flaschen auf den Tisch. Aber er setzte sich nicht mehr; schweigend, ohne Gruss wankte er hinaus. Ging hinüber in seine Stube; man hörte, wie er schwer auf das Bett fiel.

Die beiden tranken. Es war, als ob Frank Braun jetzt erst beginne, so leicht hob er sein Glas. Keiner sprach mehr — sie tranken.

»Nein — nun nicht mehr.« murmelte der Grenzer.

»Trink, wenn du ein braver Kerl bist!« Er drängte ihm das volle Glas in die Hand. Und der Gendarm leerte es, langsam nippend, aufstossend, in kleinen Zügen. Der Arm fiel ihm herunter, das Glas zerschlug an der Tischkante. Schwer sank der mächtige Kopf vornüber.

Frank Braun lachte. Er stand auf, nahm die Guitarre und trat ans Fenster. Trübe Wolken lagen da und dort am Himmel, dazwischen warf der schmale Neumond ein mattes Licht über den See.

* * *

Schweigend sass er auf der Fensterbank, lange Zeit. Fast unbewusst nahm er das Instrument, griff leicht in die Saiten — Töne, leise Akkorde. Und von neuem wuchsen Lieder aus den verträumten Klängen und aus seiner Stimme, die leise und schwermütig hinauszitterte in diese stille Nacht.

Bretonische Lieder, Lieder, die das Meer gebar, und die Einsamkeit — und die grosse Sehnsucht —


»J'aime Paimpol et sa falaise,
Son vieux clocher, son grand pardon,
J'aime encore mieux la Paimpolaise
Qui m'attend au pays breton.«


Und irgendeine Felswand gab ihm im Echo ein leises Flüstern zurück: ›Au pays breton‹.

Das Wort lag ihm im Ohre, eindringlich, still lärmend, wie die Weise einer alten Spieluhr. Er lauschte auf diese Melodie, wie auf eine stille, versteckte Wahrheit, die unter Efeu und Steinen schlummert. Die Bretagne — ja — die Bretagne—. Und Tirol — ja —

Und plötzlich begriff er — instinktiv. Fand die feste Gewissheit dessen, was er tastend, zweifelnd in jahrelangem Forschen gesucht hatte. — Ein Grosses gewann er, in diesem Augenblicke: den festen Glauben an das Schlussglied dieser langen Kette neuer Gedanken.

Ja — ganz gewiss — nun würde er arbeiten können. Wie schwer doch das alles war — gestern noch. Ein ungeheures Material, mühselig zusammengesucht auf ewigen Reisen und in tausend Büchern. Wirr, unlösbar fast, ein ungeheures Labyrinth abenteuerlicher Hypothesen —

Jetzt sah er den Weg — jetzt hielt er das Ziel in der flachen Hand! — Ein Ball, den er leicht aufwarf mit sicheren Schlägen. Siegesgewiss schien ihm das Spiel —

Er hätte jemandem danken mögen — für diesen Glauben, den ihm der Augenblick schenkte.

Fast laut sagte er:

»Es gibt keine Germanen. Es gibt keine Slaven. Es gibt keine Romanen. Es gibt keine Kelten und keine Juden. Und weder Griechen, noch Albanier, noch Armenier —

Das ist alles Unsinn. Dumme, abgeschmackte, historische Lügen —

Es gibt nur drei Rassen in Europa —

Die nordische: langschädlig, blondhaarig, blauäugig — — meine Rasse.

Und die mittelländische — rund herum um ihr Meer — — —

Ja — und — zwischen ihnen — die Rasse der Berge. Ein Volk — alle: die wilden Kurden und die Stämme der Karpathen und des Balkan. Die Bergvölker der Alpen: in Tirol und in Salzburg, in der Schweiz und in Bayern. Dann die Auvergnaten — und endlich — das letzte Glied der langen, schmalen Reihe: die Leute der Bretagne — — Kurzschädlig — klein — brünett — —«

— — Ah, die Juden, die Juden — welch eine Granitsäule für seinen Bau! Ein kleiner Bruchteil — blauäugig, blond — nordische Rasse! Heine war einer davon, Heine! Wie oft hatte er sinnend und träumend sein Bild betrachtet. Irgendein Rätsel lag da, irgendein seltsames Geheimnis. — Nun aber hielt er es fest: — seine eigene Rasse war es, seine — —

Dann ein grösserer Teil — mittelländisches Blut — Spinoza — Da Costa — Disraeli —

Und endlich die Hauptmasse — Alpenvolk, Bergleute—hässlich und kurzschädlig —

Er verlor sich. Er zerschlug Rassen wie Flaschenscherben, tilgte mit einem lachenden Striche jahrtausendealte Fragen — —

So klar stand das alles nun vor ihm, so frei und klar.

Nun, da er den trunkenen Glauben hatte.

— Wie war es denn nur gekommen — jetzt gerade?

Woher kamen ihm diese alten Lieder vom Meer, die er seit manchen Jahren nicht mehr gesungen? Und woher kam ihm dieses seltsame Gefühl, dass hier so gut ihre Heimat sein müsse wie dort — in diesen Löchern der Berge nicht weniger wie in den Höhlen der Falaise?

Diese Lieder — schwermütig — einsam — sehnsüchtig — —

Wie diese Rasse der Berge. — Und fanatisch — schwärmerisch — ekstatisch — —

O ja, Don Vincenzo kannte sie gut, seine Landsleute!

Frank Braun stand auf, ein wirres Licht flackerte in seinen Augen. Er trat an den Tisch, goss ein Glas hoch voll und leerte es. Seufzend stellte er es dann zurück —

»Ah — zum Henker, kann man gar nicht mehr trunken vom Weine werden?!«

Er zog die Brieftasche heraus, entnahm ihr ein kleines Blättchen. Sorgfältig entfaltete er es, schüttete den Inhalt, ein feines, weisses Pulver, in den Wein. Und in Absätzen, kostend, prüfend mit der Zunge, leerte er dieses Glas.

Er setzte sich, schloss die Augen, stützte die Ellenbogen auf und legte den Kopf in die Hände. Langsam, wie der Pendel einer alten Uhr, wiegte sich der Oberkörper hin und her.

Endlich stand er auf, tiefseufzend. Schleppenden Schrittes ging er hinaus. Einen Augenblick blieb er stehen auf der Freitreppe, dann schritt er zum See hinab.

Ein leichter kühler Wind schlug ihm ins Gesicht. Und plötzlich, ohne Uebergang, verlor sich das klare Bild vor seinen Augen — wich einem wirren Meer flammenden Nebels. Eine heisse Blutwelle jagte in seinen Schläfen, schwoll an, in kurzen, taktmässigen Stössen. Raste durch den Körper, durch Beine und Arme, bis tief in alle Zehen und Fingerspitzen.

Diese Glut — diese höllische Glut — —

Er dehnte die Brust, schöpfte tief Atem, spannte weit die Arme.

Dann wandte er sich — auf dem Flecke.

— Oben, am dritten Fenster, sah er einen schwachen Lichtschimmer — —


KAPITEL III.

Innocentia — quid est innocentia? —
Ubi libido dominatur, innocentiae leve
Präsidium est.

Cicero


Il est passé le moment des plaisirs
Dont la vitesse a trompé mes désirs,
II est passé.

Evariste de Parny, Délire.


Frank Braun erwachte sehr spät. Er schaute um sich — ein wenig verwundert — nicht gleich sicher, wo er sich befände. Dann sprang er auf, trat ans Fenster.

»Nun gut — also in Val di Scodra.« sagte er.

Er besann sich, aber er wusste nicht recht, was er suchte.

Sein Kopf schmerzte ihn nicht, er fühlte sich leicht und frisch. Nur eine Müde lag in ihm, eine angenehme, leise plaudernde Müde, die in allen Gliedern schlummerte.

Er lachte. Ja — er hatte getrunken — wie in alten Zeiten. Und gesungen. Hundert Lieder und hundert Glas Wein. Gesungen hatte er und getrunken.

Mit wem doch? — Da war Peppino Raimondi, der Wirt — und Herr Aloys Drenker, der dicke Grenzgendarm. Richtig — den hatte er unter den Tisch getrunken.

Und dann? Was war dann geschehen? Er setzte sich auf den Bettrand, dachte nach. Ja, das war es: er hatte das Ziel gefunden. Ein Glauben kam ihm. — Fast liebkosend streifte sein Blick den Tisch, der hoch bedeckt war mit Büchern und Blättern. Ah — nun war das keine Arbeit mehr, nun war es ein Spiel.

Und er lachte: »Das hat mir der Wein geschenkt. — Was nutzt das Denken? — Die Weisen sehen, dann verstehen sie.«

— Sein Blick fiel auf die Kleider; wirr, verstreut lagen sie auf der Erde herum. Er pflegte doch sonst—

So berauscht war er also gewesen? Doch auch dann —?

Er hob die Jacke auf — da fiel sein Blick auf die Hände; lange Kratzstreifen liefen quer darüber. Er trat vor den Spiegel: sein Gesicht zeigte kleine Wunden und Risse, überall — geronnenes Blut klebte dazwischen.

Was war das? Er schloss die Augen, fuhr mit der Hand über die Stirn. Aber er suchte nicht in seiner Erinnerung — nein — er wehrte sich fast gegen diese Gedanken.

Dann schüttelte er den Kopf; die Lippen pressten sich aufeinander, zogen sich hinunter, hart, resignierend, wie im Gefühl stark bewussten Leidens.

»Es nutzt nichts,« sagte er. »Ich kann einmal nicht vergessen.«

Er ging im Zimmer herum, suchte seine Kleider zusammen und legte sie übers Bett. Er schritt ein paarmal auf und ab, mit langen, festen Schritten.

»Also gut denn!« fuhr er fort. »Man muss Klarheit schaffen.«

Es fiel ihm auf, dass er laut sprach und er lachte darüber. — »Nun ja — wie alle Menschen, die viel allein sind!«

Er blieb stehen, nahm einen neuen Anlauf. Er trank ein Glas Wasser, zündete eine Zigarette an. Er stiess den Rauch weit hinaus, dann rief er, laut, scharf, sich selbst peitschend: »Machen wir ein Ende! — So also wars!«

Und er schlug Stein um Stein aus den Stollen seiner Erinnerung.

* * *

So fing es an: er sah diesen Lichtschein vom dritten Fenster her. Ein schwacher, dünner Schimmer — und wie auf langer Lunte kroch der Funke herüber. Er sah ihn kommen — fühlte ihn näher, näher fliegen — schneller und immer schneller. Aber er fürchtete sich nicht, es war, als ob diese Mine in seiner Brust in gieriger Wonne warte auf den heissen Feuerkuss. Bis zum Rande voll waren Leib und Seele — da mochte es zünden!

Rasch lief er zum Hause, sprang die steinernen Stufen hinauf. Mit einem Blick ins Gastzimmer sah er den Gendarmen da liegen, bäuchlings auf dem Boden, mit beiden Händen den Helm fest umklammernd.

»Willst ihn nicht hergeben?« lachte er. Aber er flog die Treppen hinauf — als jagte ihn das Schicksal. Ja, das war es, was er dachte als er in sein Zimmer trat: »Es ist das Schicksal.« Er warf die Kleider ab, im Augenblick schlüpfte er in den Schlafanzug.

Und hinaus —

In der Türe schlug ihm ein starker Zugwind entgegen, trieb ihm den Atem, den er hastig ausstiess aus den Lungen, zurück ins Gesicht. Schweren, schwülen Alkoholatem. Da kehrte er um. Sein Blut kochte nicht weniger, und doch ward es im Augenblicke zurückgedrängt durch die Kultur der Kinderstube. »Ich bin kein Tier.« flüsterte er.

Er ging in sein Schlafzimmer, trat an den Waschtisch. Er mischte sein Mundwasser, gurgelte und spülte, putzte die Zähne. Dann wusch er sich. Und langsam ging er hinaus.

Vor ihrer Türe zögerte er, fast ängstlich. Er lauschte — — nichts hörte er. Dann, schnell, griff er die Klinke, trat hinein. Er sah das Bild der Gottesmutter, mit dem Buchsbaum im Rahmen — es fiel ihm auf, dass jetzt noch drei blaue Anemonen dabeistaken. Er sah das kleine Weihwasserbecken zur rechten Seite, und zur linken, dicht beim Fenster, die ewige Lampe — —

Der leichte Schein fiel hinüber auf des Mädchens Bett. Sie war hell wach, weit offen starrten ihn die grossen Augen an. Ihr Gesicht schien bleich und die Lippen bebten. Kein Wort sprach sie — ihre blauen Augen wandten sich flehend hinüber zur Gottesmutter. Eng verschränkten sich ihre Finger. Ja, sie betete.

Er folgte ihrem Blick. Trat rasch näher, zwischen sie und die Jungfrau.

»Die Madonna rief mich!« sagte er heiss. Er griff nach ihr, fasste das Hemd, riss es in langen Fetzen von den Schultern. Das weisse Fleisch lag wie Wogenschaum vor seinen Augen; keuchend wiederholte er: »Die Madonna schickt mich.«

Sie schrie laut, wie er sich auf sie warf. Sie sprang auf, stiess ihn zurück. Er fühlte ihre Faust in seinem Gesicht, fühlte ihre Nägel, die sich ihm ins Fleisch gruben. Er griff sie um die Hüften, stiess sie zurück, presste ihr mit der Rechten den Kopf hinab. Dann, irgendwie, kam sein Finger zwischen ihre starken Zähne. Er schrie hell auf, biss sich in die Zunge, rasend vor Schmerz. Nun griff er in ihre Zöpfe, drehte sie um die Hand, riss ihren Kopf tief hinein in die Kissen — da liessen ihre Zähne los. Seine Rechte schnürte sich um ihre Kehle, während die Linke ihre Hand umdrehte, hinter dem Rücken hochzog zur Schulter —

So nahm er sie.

Aber sie schloss die Augen nicht und sie schrie nicht. Unbeweglich lag sie in ihren Schmerzen, sah ihn an, wie ein entsetzliches, furchtbares Gespenst, vor dem kein Entrinnen war. Und ihr Blick ruhte auf dieser Hand, die ihren Arm umspannte, dieser grässlichen, mitleidlosen, furchtbaren Hand.

Regungslos lag sie neben ihm — — keine Klage, keine Träne kam von ihren Lippen. Aber die jähe Kraft seiner wilden Fäuste floss hinein in seine Seele: da gebar die heisse Brust eine volle, reine Harmonie. Er sprach und seine Stimme war weich und still, wie eine ferne Musik. Seltsam lockend klangen ihr seine Worte ins Ohr.

Er fühlte wohl, dass sie ihn hören musste. Und alle zärtlichen Worte, die er je schönen Frauen gesagt, wurden nun lebendig, flossen von seinen Lippen; alle, und viel mehr noch, schönere und seltsamere. Er fand Töne, die ihn selbst berauschten, schmeichelnde Klänge, die wie Harfen sangen. Wie süsser Sommerregen tropften seine Worte, kühlten und hüllten ihren nackten, gemarterten Leib.

Da weinte sie.

Aber er schloss sie in seine Arme, vorsichtig, behutsam, wie ein Kind. Seine Finger glitten leicht über ihre Wangen, wie ein Duft von Akazienblüten. Und sein Atem spielte um ihre Schläfen, zitterte in ihren Haaren, wie ein Rauch geweihter Weihrauchbecken.

»Die Madonna will es.« flüsterte er.

Sie warf sich herum und sah ihn an. Und es war ihr, als ob das ein ganz anderer sei, als der, der eben — —

Diesen kannte sie nicht, ihn nicht. Ein grosses Staunen ruhte in ihrem stummen Blick. Eben noch —

Nein, sie wusste nicht mehr, was eben war. Diesem lag sie im Arme, diesem da. Und leicht, ohne dass sie es wollte, drückten ihre Finger seinen Arm. Sie erschrak, schnell zog sie die Hand zurück.

Er aber schwieg nicht. Seine Zunge sprach und sein Auge und seine Hand. Er knüpfte das Netz, Masche um Masche, spann ihre Seele ein in süsse Liebesworte. Sie schloss ihre Augen, liess es geschehen, dass er die Lider küsste.

Enger schlangen sich seine Arme um ihren Leib, sie fühlte, wie seine Pulse an ihr Fleisch schlugen. Solche Wärme ging von ihm aus, fasste sie, hüllte sie rings. Nicht leichte Tropfen mehr trafen ihre Haut: wie ein lindes Bad umfing sie rings diese schmeichelnde Liebe.

Und sie wehrte ihm nicht, als er ihre Lippen suchte. Nun schien alles ein Traum — und sie liess es geschehen.

Er aber fühlte, wie in seinen Armen ein Leben wuchs. Das Mädchen war tot — — und leicht hob sich aus harter Puppe der Schmetterling. Und er genoss in Seligkeiten diesen Sieg: wie das Weib wach wurde in ihr.

Sie schämte sich nicht ihrer Zärtlichkeiten. Sie sprach kein kleines Wort, aber sie gab ihm ein ganzes Leben von Liebe. Ein Fieber fasste sie, und die Zähne, die seine Finger zerfleischt hatten in Wut und Hass, schlugen sich nun in seine Lippen, tief in die Schultern, unersättlich in jäher Gier.

Sie drängte ihre Brüste in seine Arme, warf den Kopf zurück und bot ihm ihren Leib. Sie griff mit beiden Händen in sein Haar, zog ihn nieder zu sich, trank gierig seine heissen Küsse.

Einmal richtete sie sich halb auf. »Nimm mich!« rief sie. »Die Madonna sandte dich!« Dann warf sie sich über ihn, glühend, irr lallend, ihn erstickend mit Küssen und Umarmungen.

Und sie nahm seine Hände. Sie schienen ihr gut und schön, und waren die Hände des Mannes, den sie liebte. Sie suchte etwas, das sie gesehen hatte in diesen Händen — einmal — vor langer Zeit. Aber sie fand es nicht und wusste nicht, was es war. Sie küsste seine Hände.

Sie wachten nicht mehr, noch schliefen sie. Keines sprach; sie lagen da, heiss atmend, stöhnend vor Gier, fortgerissen in diesem Maelstrom strahlender Lüste.

— — Dann, später, wachte er auf. Er fand sie schlummernd, leise atmend. Ihr Kopf ruhte an seiner Brust; ihre Arme schlangen sich um seine Schultern. Vorsichtig löste er ihre Hände, stand leise auf, ohne einen Kuss. Eilte hinaus. Er wunderte sich, dass die Türe noch immer weit offen stand. Nun ging er hinüber, warf sich auf sein Bett. Und im Augenblicke schlief er, traumlos, fest, ohne ein Glied zu rühren.

* * *

So also war es. — Frank Braun stand auf, trat ans Fenster und schaute auf den sonndurchglühten See. Ein starkes Gefühl grosser Genugtuung fasste ihn, mischte sich seltsam mit der wohligen Müdigkeit. Er reckte sich, streckte die Arme, lachte froh.

Siege waren es, drei gute Siege.

»So kann ich noch trinken wie einst und kann Offenbarungen finden! — Und ich kann lieben, wie einst!«

Und er freute sich wie ein Junge, dass er ein Meister war in drei grossen Künsten.

Er zog den Pyjama aus, nackt trat er vor den Spiegel. Sorgfältig wusch er mit dem Schwamm die Blutspuren von Gesicht und Schultern, von Armen und Händen. Sein Zeigefinger war stark geschwollen, er kühlte ihn, wusch ihn mit Tonerde und legte einen Verband auf. Kosend führte er den Finger über die wunden Lippen, über die runden Halbmonde, die ihr Gebiss ihm tief in seine Schultern schlug.

Das Lied von Edith Schwanenhals fiel ihm ein und er sagte:


»Auf seiner Schulter erblickte sie auch —
Und sie bedeckte sie mit Küssen —
Drei kleine Narben, Denkmäler der Lust,
Die sie einst hineingebissen.«


Und er lachte froh, dass ihn die Wunden der Liebe mehr, o viel mehr schmerzten, wie die andern.

Dann nahm er sein Bad, kleidete sich an. Und erst auf der Treppe kam ihm der Gedanke, wie wohl das Mädchen ihm gegenübertreten möchte, und in welchen Gefühlen der junge Tag sie gefunden.

Er ging in das Gastzimmer; der Wirt kam und brachte das Frühstück. Er schien übellaunisch und gab ihm zugleich die Rechnung über den Wein.

»Sie sind vorsichtig!« schrie ihn Frank Braun an.

»Je nun,« meinte der Alte, »es ist immer besser.« Er strich das Geld ein, zählte es genau durch und ging.

Das Mädchen kam nicht. Er frühstückte, dann ging er in den Garten. »Vielleicht ist sie auf dem See,« dachte er. Aber es war nirgend ein Boot zu sehen. Er machte einen Spaziergang, kam zurück zum Mittagessen.

Wieder bediente ihn der Alte, immer noch missgestimmt. »Sollte sie ihm etwas gesagt haben?« dachte er. Aber er gewann es nicht über sich, nach ihr zu fragen.

Doch nach dem Gendarmen fragte er. »Der ist längst weg.« brummte der Wirt. »Mit einem mächtigen Jammer ritt er fort. — Dem war noch elender wie mir.«

»Und mein Helm?« fragte Frank Braun.

»Ach ja,« nickte Raimondi, »das sollt ich bestellen. Er hat ihn mitgenommen, er konnte doch nicht ohne Helm reiten. Aber er würde sich einen neuen kaufen, sagte er, und den alten bringen, wenn er wieder käme.«

Der Deutsche nickte. »Ja! — Und wo steckt —« Aber er vollendete den Satz nicht. Irgendwo musste sie ja wohl sein — er würde sie schon finden.

Am Nachmittage ging er auf sein Zimmer, richtete die Bücher, machte alles handgreiflich für seine Arbeit. Er kaute an seinem Federhalter, aber er hatte keine Lust anzufangen. Dann stand er auf, ging in ihr Zimmer. Sie war nicht da. So ging er aus, wanderte durch das enge Tal, hinauf, hinab — hastig, nervös ungeduldig.

Zum Nachtmahl trug ihm wieder der Wirt die Speisen auf. Er konnte nicht mehr warten, so fragte er rasch:

»Nun — und ist Ihre Tochter nicht da?«

Der alte Wirt setzte sich zu ihm. Sein Jammer schien verschwunden und damit die üble Laune.

»Die Teresa —?« sagte er ruhig. »Sie ist zur Stadt.«

Frank Braun nickte. Er war froh, den unangenehmen Gedanken los zu sein, dass sie vielleicht dem Vater etwas gesagt habe. Das hatte ihn gequält, obwohl er es nicht einen Augenblick glaubte.

»Zur Stadt?« wiederholte er.

»Ja.« sagte der Alte. »Sie wollte zum Pfarrer, ihrem Beichtvater.«

Ihrem Beichtvater! Also wollte sie beichten! Er lachte — — was musste Don Vincenzo für ein Gesicht machen, wenn er hörte, welchen Erfolg sein Warnungsbrief hatte! — Aber es war ihm doch nicht ganz wohl dabei.

Raimondi stopfte seine Pfeife. »Ich hab ihr auch einen Brief an ihn mitgegeben. Um mich zu bedanken — dass er Sie hergeschickt hat.« Wieder lachte Frank Braun, er fasste sehr scharf das verzerrt Komische der Lage. Was mochte wohl der alte Pfarrer antworten?

»Wann ging sie fort?« fragte er.

»Wann? — Sie fuhr um elf Uhr mit der Post.«

»Aber die Post fuhr doch heute nicht?«

»Gerade heute! Gestern fuhr sie nach Attola und heute kommt sie zurück zur Stadt. Darum fuhr Teresa heute — sonst hätte sie eine ganze Woche warten müssen.«

Frank Braun fragte: »Und nun wird sie die Woche über in der Stadt bleiben?«

Der Wirt schüttelte den Kopf. »Gewiss nicht.« sagte er. »Sie wird wohl die Nacht über bei ihrer Tante schlafen und morgen zu Fusse zurückkommen. — Was wollen Sie heute trinken, Herr?«

»Nichts.« antwortete Frank Braun. Er stand auf und ging zur Türe.

Der Wirt sah ihm nach, legte die Pfeife hart auf den Tisch. »Nichts? — Gar nichts, Herr?«

Der Deutsche wandte sich. »Nein, gar nichts, Freund! — Ich trinke überhaupt nie etwas — — nur alle paar Jahre einmal habe ich Lust dazu.«

»Alle paar Jahre?« Der Wirt stand auf, fasste mit der knochigen Hand nach dem Kinn und rieb sich darüber. »Herr,« stammelte er, »Herr — —«

Frank Braun sah, dass er irgend etwas wollte und nicht recht heraus konnte mit der Sprache. Er trat auf ihn zu. »Also, was gibts, Alter?«

»Ja — Herr,« stotterte der Wirt, »ja — — ich habe geglaubt, dass Sie jeden Tag ein paar Flaschen trinken möchten — —«

»Und das tue ich also nicht.« unterbrach ihn der Deutsche. »Und das ist Ihnen nun gar nicht angenehm, was?«

Der Wirt sagte: »Ja Herr, da Sie doch so billig hier leben — —«

»Billig?« Frank Braun lachte laut. »Billig nennen Sie Ihre Preise? Na, wissen Sie, Raimondi, mir scheint, als ob das, was ich Ihnen für Wohnung und Essen zahle, recht erheblich sei.«

»Ja, Herr,« sagte der Wirt, »ja — — aber es ist doch auch nicht Wohnung und Essen allein —«

»Nicht allein? — Was denn sonst noch?«

Raimondi zögerte. Er spie bedächtig aus, dann stopfte er seine Pfeife, öffnete die Lippen und schloss sie wieder. »Herr,« sagte er, »Herr — —«

»Was also noch, zum Teufel?«

»Nun also, Herr, — Sie waren doch heute nacht bei der Teresa?«

Er sah ihn lauernd an, gierig, von unten her. Einen Augenblick schwieg der Deutsche, wusste nicht recht, was er sagen sollte.

»Hat Ihnen das Mädchen das gesagt?« fragte er.

Raimondi schüttelte lebhaft den Kopf. »Nein, nein, Herr, sie hat nichts gesagt, gar nichts! Ich habe es gehört.«

»So? Sie haben es gehört? Ich denke, Sie sind stocktaub, Raimondi? Ich muss schreien wie ein Korporal, dass Sie mich verstehen können. Dazu waren Sie gestern abend betrunken. — Nichts haben Sie gehört, gar nichts! Sie haben phantasiert.«

Aber der Wirt zwinkerte mit den kleinen Augen und lachte, ein heiseres, trockenes Lachen. »Nein, Herr, nein, ich habe nicht phantasiert. Sie waren bei dem Mädchen. Teresa hat geschrieen — wie hat sie geschrieen! Da bin ich aufgewacht und hinaufgegangen. Die Türe stand auf; das Licht brannte in dem ewigen Lämpchen. Ich habe Sie gesehen in ihrem Bett — — alle beide habe ich gesehen.«

Frank Braun fasste ihn am Arm. »Und dann, Raimondi — —, dann sind Sie ruhig wieder hinunter gegangen?«

Der Wirt nickte eifrig. »Ja, Herr, gewiss! Und verzeihen Sie, ich würde auch nicht ein Wort gesagt haben, wenn — wenn —«

Der Deutsche lachte bitter. »Wenn ich ein besserer Gast wäre, nicht wahr? Wenn ich jeden Tag ein paar Flaschen Wein trinken würde, was?«

»Herr,« sagte der Wirt, »Herr — —«

Aber Frank Braun schnitt ihm das Wort ab. »Schweig, Raimondi!« rief er. »Das weitere interessiert mich nicht. — Nun, natürlich sollst du nicht zu kurz kommen. Wenn ich nicht trinke, musst du sonst entschädigt werden.« Er griff in die Tasche und nahm ein paar Scheine heraus. »Hier.« sagte er. »Zähl nach.« Er warf ihm die Scheine auf den Tisch und ging hinaus.

— Er las lange, ehe er zu Bett ging. Noch einmal trat er ans Fenster und sah hinaus. Kam sie nicht?

Aber das Tal schlief.

»So ist sie dreimal mein!« murmelte er. »Erst nahm ich sie mit Gewalt. — Dann schenkte sie sich mir. — Und endlich verkaufte sie mir der Vater.«

* * *

— Als er am nächsten Morgen hinunterkam, brachte ihm Teresa das Frühstück. Er begrüsste sie froh, griff nach ihrem Arm. Aber sie machte sich schnell los, bot ihm leise einen ›guten Tag‹ und eilte hinaus. Er sprang auf, ging ihr nach, da lief er in der Türe ihrem Vater in die Arme.

»Teresa ist wieder zurück?« fragte er.

»Ja, seit einer Stunde.« sagte der Alte. »Sie hat den Pfarrer nicht getroffen.«

Frank Braun fragte: »Sie hat ihn nicht getroffen?«

»Nein, er ist auf einer Inspektionsreise. Da hat sie meinen Brief dagelassen und ist gleich wieder umgekehrt.«

»Sie ist die Nacht durch gegangen?«

Der Wirt nickte: »Ja, die ganze Nacht durch.«

— Frank Braun frühstückte langsam genug. Er hoffte, Teresa würde ins Zimmer kommen, aber sie kam nicht. Später traf er sie im Garten; da ging sie weg, wie er auf sie zuschritt.

Er versuchte einige Male mit ihr zu sprechen, heute, und an den nächsten Tagen. Sie wich ihm aus, versteckte sich fast vor ihm. Einmal versuchte er nachts in ihr Zimmer zu dringen, fand aber die Tür verriegelt.

»Lass sie nur.« dachte er. Er begehrte sie noch, aber nur so leichthin, unbewusst und auf Augenblicke. Sonst vergass er sie.

Seine Gedanken waren bei seiner Arbeit. Bis tief in die Nacht sass er über den Büchern, ordnete seine Auszüge und Tabellen, trug Notizen und Aufzeichnungen zusammen, die er durch Jahre gemacht hatte. Er schätzte und wog ab, machte einen Plan und verwarf ihn; schuf ein neues Bild. Und er sah das Werk wachsen, Form annehmen, greifbare Gestalt.

Sein Mastodon nannte er es lachend, nun da er Cuviers Knochen in der Hand hielt.

* * *

Einmal ging er zu Mister Peters Scheune. Die ferne Musik störte ihn nie, er brauchte ja nur seine Antiphone in die Ohren zu stecken. So hatte er des Amerikaners Treiben fast vergessen — wie Teresas Liebe.

Auf einem Spaziergang kam er vorbei, gerade als sie drinnen ein Lied anstimmten. Er trat ein, stellte sich hinten an der Türe auf und hörte zu. Sie sangen das Fastenlied:


Lass mich deine Lieder singen,
Dir des Mitleids Opfer bringen,
Unverschuldetes Gotteslamm,
Das von mir die Sünden nahm!

Jesus drücke deine Schmerzen
Tief in aller Christen Herzen,
Lass mir deine Todespein
Trost in meinem Herzen sein.


Alle sieben Strophen sangen sie, meist auswendig, nur wenige warfen einen Blick in das Gesangbuch. Frank Braun sah sich um in der alten Scheune. Es war ein sehr grosser Raum mit drei Steinwänden, nur die vordere Wand war aus Bohlen gezimmert. Die Umänderung zum Saale war nur dadurch bewirkt, dass man die Holzdecke, die quer in der Mitte die Scheune in zwei Stockwerke teilte, herausgebrochen und mit den Brettern weiter oben das Dach abgedeckt hatte. Ausserdem hatte man an einer Seitenwand ein Fenster eingelassen, das wenig genug Licht und Luft in den Raum liess. Nirgends war irgendein kirchlicher Schmuck zu sehen, nur auf der Rückwand hing ein ziemlich grosser Kruzifix.

Die Bussversammlung nahm im allgemeinen den Verlauf irgendeiner Heilsarmeezusammenkunft. Man sang und betete inbrünstig; darauf hielt der Amerikaner — sein Gesicht konnte Frank Braun in dem Dämmerlichte kaum erkennen — eine Busspredigt, kämpfte gewaltig gegen den Teufel, aller Sünden Vater. Ab und zu mischte er in ungeheuerlichem Englisch eine schöne Phrase in seine Rede, die ihm augenscheinlich von Pennsylvanien her im Gedächtnis geblieben war. Er forderte auf, Busse zu tun, und schloss mit einem heissen Gebete.

Dann fragte er, ob jemand in der Versammlung »seine Seele sagen wolle«.

Ein starker Knecht mit einem ungeheuren roten Kropfe trat vor und »sagte seine Seele«. Er erzählte stotternd, dass er früher ein schrecklicher Trunkenbold gewesen sei, der nur einen Gedanken gekannt habe, den Wein. Mindestens viermal in der Woche sei er betrunken gewesen, und Sonntags zweimal. Er schwelgte ordentlich in den Erinnerungen dieser sündhaften Zeit, übertrieb furchtbar und malte sich so schwarz wie nur möglich — um jetzt um so weisser und unschuldvoller zu strahlen. Denn nun hatte ihn der Herr Jesus in seiner Gnade erleuchtet, nun verabscheute er den Trunk als das schrecklichste Laster und fand sein einziges Glück in dem Aufblick zum Lamme und zum Blute des Heilands.

»Ich bin so schwarz gewesen wie der Teufel der Hölle,« grunzte er, »aber jetzt bin ich durch die Gnade des Erlösers rein. Gott hat mich nun drei Monate vor jeder Sünde behütet und wird es auch weiter tun. Früher war ich voll des Weines, heute aber bin ich vom Heiligen Geiste voll!«

Der riesige Kerl verdrehte die Augen zum Himmel, seine Stimme klang glucksend und krächzend und der gewaltige Kropf blähte sich und baumelte hin und her.

Frank Braun konnte ein kurzes Lachen nicht unterdrücken; auf einen Augenblick wandten sich die Blicke der Versammlung auf ihn. Aber gleich darauf hoben sich wieder die Stimmen zu einem inbrünstigen Gebet an den Sohn Gottes.

Er stellte fest, dass auch hier, wie bei allen Schwarmsekten, der Herr Jesus die grösste und fast die einzige Rolle spielte. Selbst bei diesen urkatholischen Bergbauern schienen alle Heiligen verschwunden, sogar der Jungfrau Maria wurde kaum Erwähnung getan. Alle Lieder und Gebete waren aus dem katholischen Gebetbuche der Trentiner Diözese und ausser den kurzen Busspredigten und dem Seelesagen schien der Amerikaner nichts in seine alte Heimat hinüber gerettet zu haben.

So folgten sich, in eintönigem Einerlei, gemeinsame Lieder und Gebete, eine kurze Ansprache, ein Seelesagen.

Ein wenig enttäuscht und sehr gelangweilt ging Frank Braun aus dem Saale, als die Versammlung zum vierten Male das Fastenlied anstimmte. Er dachte, dass Don Vincenzo recht habe und dass die Leute bald genug den trostlosen Unfug leid werden möchten. Dieser Amerikaner war kaum aus gleichem Holze geschnitzt wie der Pater Vincenzo Alfieri von Padua!

* * *

Frank Braun sass über seiner Arbeit. Tage vergingen und Wochen, er sah nichts, hörte nichts. Manchmal blickte er durch das Fenster auf den See hin — musste sich dann erinnern, wo er eigentlich war. Es fiel ihm nicht mehr auf, dass das Mädchen ihm auswich; er sprach mit ihr wie mit irgendeiner Fremden. Brauchte sie nur, wie ihren Vater, wie Angelo, den Knecht — wenn er irgend etwas wünschte.

Die Bogen häuften sich. So wollte er beginnen: erst all das zertrümmern, was da war; von Grund aus alles zerstören. Und dann, auf reinem Felde, den neuen Tempel bauen.

Siegesgewiss warf er seine: »Nein!«

Mit grossen Buchstaben überschrieb er ein Kapitel: Die Romanen. Und gleich, im ersten Satze schon, schrie er, dass das Wort ein leerer dumpfer Rauch sei, eine lächerliche Seifenblase, die in der Luft zerplatze.

Er griff die Länder. Die pyrenäische Halbinsel. — Irgendein Volk bewohnte sie — — Iberer? Was tat der Name? — Römische Heere trugen ihre Sprache hinüber — römische Heere, die aus aller Welt stammten und kaum zum zehnten Teile italisch waren. Besiegte nahmen des Siegers Sprache an. Das war alles. Und eine kleine Vermischung — verschwindend gering. Dann kamen die Goten: da nahmen die Sieger der Besiegten Sprache. Und wieder Mauren und Berber und Juden vom Süden her, Franken vom Norden. Im Westen aber: unreine Völker von allen Inseln und Küsten nach Lusitanien. Neue Vermischungen immer wieder — —

Nur die Sprache blieb. Die römische Sprache. Siegte über alle Sieger.

Warum aber nahm das Lateinische im Sturmlauf das Land und hielt es fest gegen jahrtausendlange Herrschaft fremdsprachiger Herren? Weil das Land noch keine Sprache hatte, als die Römer kamen: Keine gemeinsame — nur hundert kleine Sprachen. Genau so wie die Staaten englisch wurden, wie Mexiko und ganz Südamerika dem Spanischen erlagen: tausend Stämme und alle feind, tausend Sprachen und alle fremd einander.

Frank Braun legte die Feder hin und lachte.

Einmal, irgendwo im bolivianischen Chaco, hatte er einen starken Ameisenbären angetroffen. Der Kerl stand in einer Lichtung, aufgerichtet, an einem hohen Termitenhaufen. Er sah sich um nach ihm, neugierig, dumm und furchtlos, dann wühlte er mit den Vordertatzen in dem losen Sand. Es war, als ob er ihn einladen wollte, doch teilzunehmen an dem leckeren Mahl. Wimmelnd zu vielen Tausenden liefen die aufgescheuchten Ameisen; da schob der Bär seine lange, spitze Wurmzunge vor, wälzte sie wie eine klebrige Schlange in den hastenden Tieren. »Das ist die spanische Zunge!« dachte Frank Braun. »Gleich auf einmal frisst sie hundert Indianer.«

»Verfluchter Dago!« rief er und jagte dem Tier die Kugel durch den Kopf. Er hasste die Spanier.

Ja, und so frass die römische Sprache die hundert Sprachen der Halbinsel, und nur eine von allen blieb — das Euscaldunac in den baskischen Bergen. Wie lange noch? — — Roms Sprache setzte sich fest, zäh, standhaft gegen alle Eroberer. Freilich, sie brach sich, zerfetzte sich, mischte sich; so, dass heute noch der Kastilianer nicht ein Wort verstand von dem was der Katalane sagte, dass der Gallego stumpf schwieg, wenn ihn der Andalusier anredete.

Immerhin: Roms Sprache siegte.

Wo aber war die romanische Rasse? Da sass das Volk in seinem Lande und empfing ein kleines Tröpflein italischen Blutes. Wie es später — o viel mehr — gotisches, maurisches, jüdisches Blut empfing. Und alles wurde längst ausgeschwitzt und das alte Volk blieb, besiegt und siegend, immer das gleiche.

Welcher Unsinn, es romanisch zu nennen!

— Und Frankreich — — bot es nicht in allem das gleiche Bild? Besiegt nahm Gallien Roms Sprache an, dann aber zwang es den siegenden Goten, Burgunden, Franken und Normannen diese selbe Sprache auf. Von dem einen Eroberer nahm es die Sprache, von dem andern den Namen — und blieb doch was es war.

Rumänien — das Land, das Namen und Sprache von Rom hat. Und dessen Volk doch nur ein winziges Tröpflein Römerblut hat, weniger wie alle andern. Blut von Verbrechern, im zweiten Jahrhundert von Kaiser Trajan zur Donau gespritzt.

Blieb Italien, das Mutterland. Griechen im Süden, Gallier im Norden: dazwischen Latium und Rom. Dann unzählige Sklaven von allen Ländern und Breiten. Und endlich Goten und Vandalen, Langobarden, Normannen und Sarazenen. Und immer wieder durch alle Jahrhunderte neue blonde Haufen über die Alpen. Roms Sprache siegte über hundert Sieger.

Aber was hat die Sprache mit der Art zu tun? Weniger als nichts.

War der Haitineger darum romanischen Stamms, weil er Französisch sprach? Waren es die Indianer Mexikos und Brasiliens, weil sie Spanisch und Portugiesisch redeten? Waren die schwarzen Drohnen der Staaten nun Germanen, weil sie Englisch schwatzten?

Sprache war ein Ding und Art war ein anderes. Nichts hatte das eine mit dem andern gemein! Und alle Schlüsse zur Erkenntnis menschlicher Art, die sich auf die Sprache gründeten, mussten notwendig falsch sein.

Wie gut, dass im Süden die Geschichte ein wenig älter ist, dachte er. Freilich kaum elende zwei- bis dreitausend Jahre alt, aber doch alt genug, um das Märchen der lateinischen Völker in Stücke zu schlagen. Sonst möchte die Weisheit von der Gemeinsamkeit romanischer, wie der slavischer und germanischer Art in alle Ewigkeit feststehen, nur weil die Gemeinsamkeit der Sprache feststand. Wie leicht war doch die lateinische Welt auseinander zu blasen und wie schwer die der germanischen und slavischen Völker.

Nur, weil hier die Geschichte fehlte.

Kaum Anhaltspunkte hatte man da, kleine Keile nur in die groben Klötze dickschädliger Hypothesen. — Die Bulgaren, Uralfinnen, die in das Donauland brachen. Sich dort vermischten mit dem slavisch redenden Volke und dem Lande den Namen der Sieger gaben, während sie selbst der Besiegten Sprache nahmen. Stammverwandte der Magyaren, die sich wie die Bulgaren mit den Besiegten vermischten, untergingen in deren Volkstume; aber mit dem Namen auch die Sprache dem eroberten Lande aufzwangen.

Er verirrte sich, suchte mühsam nach zersprengten Völkersplittern. Griff die Kutzo-Walachen am Pindus, die Zinzaren in Thessalien — gewiss in der Art den finnischen Mordwinen Kasans verwandt und dabei romanisch in ihrer Sprache. Und die Lappen und Kwänen Skandinaviens, die schwedisch oder finnisch sprachen, und doch weder uralisch noch germanisch waren. Dann die türkischen Rumänen in Ungarn, und die seltsamen Permier und Syrjänen in Wologda und Archangelsk —

Dann fand er sich zurück. Legte eine frische Lanze ein, ritt mit fliegendem Fähnlein gegen die Sprache. Es machte ihm Spass, eine lange Seite zu schreiben, jeden Satz in einem andern Idiom. Bin ich nun ein Russe? lachte er. Nun ein Spanier? Nun ein persischer Hochländer und ein Guaraniindianer?

Er nahm die Pfeile, wo er sie fand. Schmiedete scharfe Spitzen aus hundert Kleinigkeiten, die er aufgelesen hatte am Wegrand.

Da hatte er einen gekannt, einen guten Gymnasialprofessor im Sachsenlande. Der gab deutschen Unterricht und deklamierte seinen Jungen mit ehrlichem Pathos Klopstocksche Oden. Dann, irgendwie, kam er nach Ostpreussen, in ein kleines verlorenes Städtchen. Sein Unterricht liess ihm so viele freie Zeit und so begann er eines schönen Tages Masurisch zu lernen. Kein Mensch kannte ein Wort mehr von dieser Sprache, er aber behauptete, dass alle Masuren ihre Muttersprache kennen müssten, und dass das die herrlichste Sprache der Welt sei. Er übersetzte Schiller und Klopstock ins Masurische, und Ramler und Eichendorff und alle patriotischen Dichter. Und es gelang ihm wirklich, so ein kleines Parteichen zu gründen, er kandidierte als masurischer Kandidat für den Reichstag und erhielt mehrere Dutzend Stimmen. Er entdeckte irgendeinen masurischen Vorfahren bei seinem geliebten Schiller, und, versteht sich, bei sich selbst: nun wird er nicht ruhen und rasten bis alles Land masurisch ist von der Elbe zur Düna.

Früher war er ein Deutscher — nun aber ist er Masure, weil er allein in der Welt masurisch sprechen kann.

— Die Sprache — das war das Löwenfell aller Esel!

Frank Braun dachte an Herrn Friedrich Wilhelm Bandmann. Der war Rahmenmacher und wohnte in seiner Heimatstadt neben dem Hause seiner Eltern. Ein Junggeselle und ein grosser Patriot, mehr noch als der Gymnasialprofessor; er schwur auf Bismarck und alles, was der tat. Dann, als man Bismarck absetzte, kochte seine Seele, er verkaufte sein Haus und sein Geschäft, betrank sich noch ein letztes Mal im Kriegerverein, nahm tränenden Auges Abschied von allen Kameraden und ging nach Amerika. Der Dampfer landete in Hoboken, und da Herr Bandmann kein Wort Englisch verstand, blieb er in dieser deutschen Stadt und fuhr nur ein einziges Mal in sicherer Begleitung über den Fluss nach Neuyork — zwei und eine halbe Stunde blieb er dort. Aber es gefiel ihm dort ebensowenig wie in Hoboken: so fuhr er mit dem nächsten Dampfer nach Deutschland zurück. — Drei Wochen war er fort gewesen. Frank Braun traf ihn auf der Strasse und sagte: »Nun, Herr Bandmann, wieder zurück in Deutschland?« Da sah ihn Herr Bandmann staunend an und fragte verletzt: ›Schpiek ju inglisch?‹ — Er war Amerikaner geworden.

Und Frank Braun schrieb: »Mein Papagei spricht so gut Deutsch wie ein Pastor. Er ist ganz sicher ein Germane.«


KAPITEL IV.

Verirrte Seele
Von Golgatha,
Satan ist gütig;
Heloise ist da!

G. Carducci, Hymne an den Satan.


Teresa kniete auf der kleinen Beichtbank; ihre Stirne lag auf den gefalteten Händen. Ihre Augen waren fest geschlossen, sie sah den alten Pfarrer nicht, der in seinem Lehnstuhl vor ihr sass.

Sie erzählte.

Ihre Worte kamen ohne Pause, klanglos, still, in stetem, ruhigem Flusse. Geduldig, ohne sie zu unterbrechen, horchte der Greis. Seine Augen suchten herum an den Wänden seines Zimmers, hafteten schliesslich an einem kleinen, goldgerahmten Bild, das farbenfroh und unbeholfen genug das heimatliche Val di Scodra darstellte. Er sah den runden See tief unten im Kessel, sah die braunen Dächer, die wie rostige Moosflecke auf dem Grün des Abhanges klebten.

Er seufzte. Wie lange war es doch her, seit er dort herumstieg mit seiner gelben Ziege! Und dort sass nun dieser Deutsche —

Dieser Deutsche, den er selbst dahin geschickt. Und der nun sein armes Beichtkind —

Teresa schwieg. Langsam hob sie den Kopf, blickte ihn an — ratlos, tief fragend.

Der alte Mann sah ihre Augen unter den Wimpern leuchten, gross und blau. — War sie denn nicht auch eine Deutsche?

Er dachte an ihre Mutter. Eines Lehrers Kind — eines von siebzehn. So mochte sie froh genug sein, als Raimondi um sie freite, ein Feldwebel der Kaiserjäger. Aber dann, gleich nach der Heirat, starben seine Eltern; er nahm seinen Abschied und zog mit der jungen Frau nach Val di Scodra. War es nicht ein Grab, in das er sie brachte? Sie war allein, hatte nicht einen Menschen, mit dem sie ein Wort nur sprechen konnte, nicht einen. Aber nicht die Sprache war es, die sie trennte von den Leuten des Tales, die lernte sie schnell genug. Nur das kleine bisschen Bildung trennte sie, wie gering es auch war, dennoch weit von diesen Tieren der Berge, liess sie als eine Fremde erscheinen, als einen Eindringling, den man hassen musste.

Nur ihr Töchterlein blieb ihr, Teresa. Und vierzehn Jahre lang lebte sie für diese; still, demütig, in ewiger wehmütiger Sehnsucht, die keine Hoffnung mehr kannte. Sie verblühte schnell und verblich, und was endlich starb nach manchen Jahren, war nur ein kläglicher Schatten der schönen Maria von Brixen.

Minuten verrannen. Er antwortete seinem Beichtkinde nicht — wusste nicht, was er ihm sagen sollte. — — Wo war denn die Sünde des Mädchens?

Wohl — o gewiss — es war eine Sünde. Aber welche? Wo begann sie? Und wie sollte er sie fassen?

Wieder bewegten sich ihre Lippen. Unendlich leise kamen die Worte; er hörte sie kaum, las sie mehr ab von ihrem Munde: »Hochwürden — ist es wahr? — — Sandte ihn die Madonna?«

Er erschrak, ein leichter Schweiss trat ihm auf die Stirne. Und er grübelte wieder: »Wo ist ihre Sünde?«

Dann, schnell, unvermittelt, stellte er eine Frage. — »Geht er oft zu dem Amerikaner?«

»Nein.« sagte das Mädchen.

Der Priester wunderte sich. »Nein?« wiederholte er. »War er nie da?«

»Doch.« antwortete sie.

»Erzähl mir alles, was du davon weisst,« forderte er.

Sie sagte gelehrig: »Er war einmal da, abends; gerade um sieben Uhr trat er in den Saal. Ich weiss es genau, ich sah ihn eintreten, da ich zufällig am Fenster stand und hinausblickte.« Sie wurde rot, unterbrach sich. »Nein, Hochwürden, nein — verzeiht mir — das war nicht zufällig. Wenn er ausgeht, treibt es mich in mein Zimmer und ans Fenster. Ich stehe da und schaue ihm nach. Sehe zu, wohin er geht, wie er bald hier ist im Tale und bald da. — Ich will es nicht tun und ich muss doch.« Sie senkte den Kopf, ihre Augen blieben trocken, aber ihre Stimme weinte.

»Weiter!« drängte der Pfarrer.

Teresa sagte: »Er war kaum eine Stunde dort. Dann kam er zurück zum Abendessen. Da erzählte er dem Vater, wo er gewesen sei. Und er sagte, dass sie alle Dummköpfe seien, die Teufelsjäger, und dass der Vater und Angelo, unser Knecht, die einzigen Vernünftigen seien im Dorfe, weil sie den Unfug nicht mitmachen. — Das ist alles.«

Der Alte schöpfte tief Atem. Es war, als sei eine schwere Last von ihm genommen, er fühlte sich befreit von einer grossen Angst. Er wusste nicht, was er fürchtete, aber dieser dumpfe Druck quälte ihn nun schon Wochen lang. Und nun schien er fort. Es deuchte ihn, als ob das Uebel, das noch da war, nur ein geringes sei, zu dem andern, unbekannten, dem er entronnen.

Aber immer noch wusste er nicht, was er dem Mädchen sagen sollte. So suchend begann er wieder zu fragen, forschte sie aus nach allem was der Fremde treibe.

Sie gab ihm geduldig Antwort. »Er arbeitet tagsüber, und oft tief in die Nacht. Dann geht er spazieren. Zuweilen auch rudert er auf dem See.«

Der Alte fragte: »Fischt er?«

Da sagte sie: »Nein, er fischt nicht. Er ist gut zu allen Tieren. — Aber er quält die Menschen —«

Sie stockte, aber der Pfarrer winkte ihr fortzufahren. »Wenn er eine Raupe auf dem Wege sieht, nimmt er sie auf und trägt sie ins Gras, dass sie niemand zertreten möge. Er schalt mich, weil ich ein Spinnweb wegnahm von seinem Fenster, und er füttert mit seinem Brote die Hühner und Tauben. Alle unsere Tiere laufen ihm nach, die grosse Ziege klettert die Treppen hinauf und kommt zu ihm ins Zimmer, zusammen mit unserm Kater.«

Der Alte lächelte. Er sah das Gesicht des blonden Deutschen, so jung, so froh und lachend. »Er ist doch ein grosses Kind,« dachte er.

Das Mädchen sagte: »Aber die Menschen schlägt er. Einmal, als der Knecht das Maultier schirrte, sah er, dass die Gurten zu eng waren und dass das Leder dem Tiere die wunde Haut scheuerte. Da fasste ihn ein Zorn, er riss die Riemen herunter und schlug sie dem Knechte ins Gesicht.«

»Er hat recht getan.« sagte der Pfarrer.

Das Mädchen hob die Augen; diese kleine Zustimmung richtete sie auf, füllte sie mit froher und stiller Gewissheit. Dann, wieder zweifelnd, senkte sie den Kopf.

»Auch mich schlug er.« murmelte sie.

»Auch dich?« fragte der Pfarrer rasch.

»Ja.« sagte sie tonlos. »Sonst bekümmert er sich nie um mich, sieht mich kaum, weiss oft nicht einmal, dass ich da bin. Aber eines Morgens, als er frühstückte, kam ich ins Gastzimmer. Ich hatte in der Falle eine Maus gefangen, nahm sie heraus und warf sie dem Kater hin. Da sprang er auf und schlug mich ins Gesicht. Dann jagte er dem Kater die Maus ab und liess sie laufen.«

Der Alte fragte: »Und was tatest du?«

Verwundert sah sie ihn an. »Ich? — Nichts. Er schrie und schalt mich aus. Er sagte, wenn Mäuse da wären, so möge der Kater sich selbst so viele fangen wie er wolle, das sei seine Sache. Und wenn ich in der Falle welche finge, so möge ich sie ersäufen, oder sie totschlagen. Aber ich solle Tiere nicht unnütz quälen. — Er fragte mich, ob ich das verstehe? Und da ich keine Antwort gab, griff er meine Hände und presste sie zusammen, dass ich glaubte, die Knochen brächen. Ich schrie nicht, aus Trotz, aber ich sank vor ihm in die Knie. Er aber gab nicht nach, bis ich ihm versprach, nie wieder dem Kater eine Maus zu geben.«

»Und hast du das gehalten?« fragte der Alte.

»Ja.« sagte das Mädchen rasch. »Ich musste es ihm geloben bei der Madonna.« Sie stockte wieder, suchte nach Worten. Nach einer Weile fuhr sie fort: »Dann liess er mich los und ich ging hinaus. Aber ich hörte, wie er noch vor sich hinsprach — das tut er oft. Hochwürden. Und jetzt sagte er etwas Merkwürdiges, das ich nicht verstand. Er sagte es wie zu mir, obwohl ich gar nicht mehr da war. Er sagte leise: ›Du darfst ja quälen. Aber doch nicht unnütz. Quälen ist gut. Es ist eine Kunst — und vielleicht die grösste. Aber die Menschen sind dumme Tiere: sie quälen, ohne es zu wissen.‹ — So sagte er.«

Sie schwieg, ihre Augen suchten eine Antwort. Aber der alte Pfarrer blieb stumm. Wieder sah er des Fremden Gesicht, doch hatte es jetzt diesen starren Ausdruck, der ihn bannte und ängstigte.

Sie stand auf, trat auf ihn zu. »Was soll ich tun?« fragte sie.

Aber der Alte schüttelte den Kopf. »Ich weiss es nicht.« murmelte er.

Da warf sie sich auf die Knie ihm zu Füssen, bettete ihren Kopf in seinen Schoss. Sie schluchzte, und er fühlte, wie ihre Tränen seine Soutane netzten. Er wollte ihr helfen und konnte doch nicht. Schweigend legte er seine Hand auf ihr Haupt, strich leicht ihre Locken.

Plötzlich hob sie sich, griff seine Hand. Ihr Atem flog und er spürte ihren heissen Druck. »Hochwürden,« rief sie, »ist es wahr? — — Sandte ihn die Madonna?«

Und in ihren Augen leuchtete ihr Wunsch und ihre Sehnsucht und diese heisse Bitte um ein Ja.

Er fühlte es wohl. Und er sah in ihren Augen des Fremden drittes Bild: den Jüngling, träumerisch, glühend, alle Himmel stürmend. Und er wusste, dass dieses Bild ihre ganze Seele füllte.

Das Wort drängte sich auf seine Lippen, fast gewaltsam. Aber er bezwang sich, wandte den Blick ab und sagte: »Ich weiss es nicht.«

Er hörte ihren tiefen Seufzer und ihr Schmerz stach ihn wie sein eigener. Ihre Finger lösten sich, um gleich wieder zuzugreifen, krampften sich nun in seine Hände.

»Hochwürden,« stammelte sie, »Hochwürden! — Oder aber — oder — —«

Sie brach ab, aber er verstand ihre Frage wohl. — Welche Macht sandte diesen Fremden? Die Madonna — oder — —? Und ratlos, ohnmächtig, wie das Mädchen, antwortete er wiederum: »Ich weiss es nicht.«

Sie brach zusammen, fiel über seine Knie. Ein Schluchzen griff sie, warf ihren armen Leib; es schien dem Pfarrer, als müsse sie in Stücke brechen hier zu seinen Füssen. Ein unendliches Mitleid fasste ihn, er nahm ihren Kopf und richtete sie auf.

»Liebst du ihn denn so?« fragte er gütig.

Da hauchte sie: »Ja, Vater, mehr als mein Leben.«

Er küsste leise ihre Stirn. »So geh, mein Kind. Nimm dein Schicksal auf dich. Es ist Gottes Fügung.«

Sie sah ihn an, dankbar, unfähig eines Wortes. Dann bedeckte sie seine Hände mit Tränen und heissen Küssen.

* * *

Frank Braun kam spät herunter, er hatte bis zum Morgengrauen gearbeitet. Er frühstückte, schaute dabei versonnen durchs Fenster. Teresa bediente ihn, sie stand still neben ihm und wartete auf einen Blick.

Aber er sah sie kaum. Er hatte nicht bemerkt, dass sie fort war und bemerkte nun nicht, dass sie wieder zurück war. Er ass schnell und stand auf.

Am Abende, und am nächsten Tage, immer stand sie neben ihm, wenn er speiste. Sie wagte es nicht, ihn anzureden, bediente ihn stumm wie eine Sklavin.

Einmal sagte sie leise: »Ich soll Ihnen Grüsse bestellen vom Pfarrer.«

Er sah auf. »Von welchem Pfarrer?«

»Von Don Vincenzo.« sagte sie.

Er nickte gleichgiltig. »Ach so. — Danke schön.«

Seine Gedanken waren weit fort — nach einer Weile erst fielen ihm ihre Worte auf. Er sah sie an — und sah, dass sie schön war.

»Du hast den Pfarrer gesehen?« fragte er.

Sie senkte die Augen nicht, erwiderte seinen Blick. »Ja, vor vier Tagen war ich in der Stadt.«

Er fragte: »Du hast gebeichtet?«

Da nickte sie. Dann, leise genug: »Er hat gesagt, es sei Gottes Fügung.«

Frank Braun lachte. »So? Das hat er gesagt? — Er auch?!« — Er schlug sie leicht auf die Wange und ging hinaus.

Zuweilen plauderte er nun mit ihr, aber er rührte sie nicht an. Er war freundlich und gut zu ihr, wie zu einem hübschen Buben, dessen Gegenwart er duldete. Manchmal, wenn er die Laute nahm, rief er sie. Dann durfte sie still bei ihm sitzen und lauschen.

Oder er stieg in den Kahn und gab ihr die Riemen. Sie ruderte und schweigend sass er vor ihr, sann und träumte auf das Wasser. Und er gewöhnte sich daran, dass sie neben ihm lief, wenn er spazieren ging, geduldig, aufmerksam, wie ein wohlerzogener Hund.

Eines Abends, als sie im Boote sassen, fiel ihm ein, dass sie ja Deutsch sprach. Das war ihm lieb, er fühlte das Bedürfnis, mit jemandem zu sprechen über seine Arbeit. Aber er dachte deutsch und wenn er zu ihr in ihrer Sprache reden würde, so hätte ihn das mehr daran erinnert, dass sie ihn doch nicht verstehe. Nun aber erzählte er alles, was er dachte. Er fragte ihren Rat und antwortete auch gleich für sie. Das half ihm, er sah klarer, schärfer, wenn er so laut zu ihr sprach.

Teresa hörte ihm zu, ernst, geduldig, stundenlang. Sie begriff wenig genug von alledem, aber es schien ihr ein Grosses und Wunderbares zu sein.

Sie sass vor ihm und schwieg, glücklich, selig in dem Gefühle, dass ihr Herr zu ihr sprach.

* * *

Frank Braun zählte die Tage nicht. Der Frühling schied und der Sommer lag im Tale, das sah er wohl. Er ging mit dem Mädchen durch die Fluren und fühlte: ein Gemeinsames war zwischen ihm und den Leuten, die das Land bestellten. Ihre Hände warfen die Saat, eggten und pflügten, schufen alles, was da wuchs. Und so wuchs sein Werk. Er war heiter und froh in der starken Kraft seines Schaffens, liess auf seinem Boden die Früchte zur Sonne reifen.

Manchmal, am Tage, wenn das Mädchen im Garten war, oder weit im See, rief er die weisse Ziege oder den Kater. Keines hatte einen Namen, aber er hatte die Ziege Marfa und den Kater Fritzi getauft. Und die Tiere hörten auf diese Namen, kamen schnell die Treppe hinauf, wenn er sie rief, stiessen an die Türe. Dann liess er sie ins Zimmer, setzte sich und las ihnen vor.

Aber die Ziege liess ihm keine Ruhe, stiess ihn leicht an und schnupperte an seiner Tasche, wo er den Zucker trug. »Geh nur, Marfa,« sagte er, »du hast kein Interesse für Rassefragen.«

Dann wieder, mitten in der Nacht, ging er hinüber zu Teresa. Er weckte sie, setzte sich auf den Bettrand und sprach zu ihr. Sie lauschte, ernst, still, wie immer. Dann ging er wieder. Manchmal auch blieb er, nahm sie lachend in seine Arme. Und sie schloss die Augen und zitterte vor Glück.

* * *

Eines Abends schlug es an seine Türe. Angelo, der Knecht stolperte herein, keuchte, überstürzte sich, hoch vollgestopft von seiner wichtigen Sendung. Der Herr möge ins Dorf kommen zu dem Hause des Mariano Venier. Seine Frau, die Matilda, sei schwer krank und läge im Sterben. Da möge der Doktor gleich kommen.

»Ich bin nicht Arzt.« sagte Frank Braun.

Aber der Knecht rührte sich nicht. Frank Braun wiederholte, dass er nichts verstände von dieser Kunst und nicht helfen könnte. Da zuckte Angelo mit der Schulter, resigniert, als ob er er sagen wollte: »Nun, was gehts mich an?« — Er drehte um und brummte: »Ich bin nicht von hier.«

Von unten her hörte Frank Braun ein hastiges, lautes Sprechen. Gleich darauf trat der Wirt ins Zimmer und mit ihm Teresa.

Raimondi sagte: »Der Venier steht unten und will nicht fort! Gehen Sie doch zu seiner Frau, Herr!«

»Aber was soll ich denn dort?« rief der Deutsche. »Ich sage Euch, ich bin nicht Arzt!«

Raimondi nickte höflich mit dem Kopfe. »Aber Sie sind doch Doktor?« sagte er.

»Freilich!« rief Frank Braun. »Aber ich bin kein Mediziner. Ich sage Euch, ich kann der Frau nicht helfen.«

Der Wirt nickte wieder, kratzte sich am Kinn und spie aus. »Gewiss nicht!« bestätigte er. »Aber die Leute werden es nicht glauben. Sie meinen, weil Sie ein Doktor sind, müssten Sie auch kurieren können.« Und man sah ihm an, dass er selbst durchaus diese Meinung teilte und dass es ihm sehr unlieb wäre, wenn der fremde Doktor, den er beherbergte, nicht gehen würde. Er nahm einen neuen Anlauf: »Jetzt ist der Amerikaner da und will sie gesund beten. Soviel können Sie doch auch noch, wie der!«

Aber Frank Braun fühlte gar keinen Ehrgeiz, sich mit dem Amerikaner zu messen. »Nein,« sagte er, »ich habe weder Zeit noch Lust zu solchen Albernheiten.«

Da trat das Mädchen zu ihm. »Gehen Sie zu der armen Frau,« bat sie. »Vielleicht können Sie ihr doch helfen.«

Er lachte. »Aber Kind, ich wiederhole dir, dass ich es durchaus nicht kann!«

Sie blieb ernst, sah ihn gross an. »Doch!« beharrte sie. »Du kannst alles!« Sie griff seinen Arm. »Ich bitte dich, geh zu der armen Frau!«

Er seufzte. Achselzuckend zog er die Schublade auf und nahm ein paar Fläschchen und Schachteln heraus. Opiumtropfen, Chinin, Pyramidon — was er so da hatte. Triumphierend sah der Wirt ihm zu, brachte ihn die Treppen hinunter. »Der Doktor kommt!« rief er dem Bauern entgegen.

Es war ein schmutziger, untersetzter Kerl, schwarzhaarig, mit niederer Stirn und leichtem Kropfansatz. Hastig lief er vor ihm her, Frank Braun folgte mit langen Schritten. Venier führte ihn in sein Haus, dann durch die Diele ins Schlafzimmer.

Viele Menschen waren dort, die laut beteten. Er erkannte den starken, rotkröpfigen Knecht, auch Sibylla, die alte, krumme Bettlerin von der Landstrasse. ›So bist du auch fromm geworden?‹ dachte er. Als er eintrat unterbrach man den Gesang, schnell schritt er zu dem Bette.

Die Luft im Raume war schwül zum Ersticken. »Oeffnet das Fenster.« befahl er. Venier ging zum Fenster. Aber sein Weib richtete sich auf im Bette. »Nein!« schrie sie. »Lass es geschlossen! Pietro Nosclere hat gesagt, es müsse geschlossen sein!«

Frank Braun wandte sich zur Seite. Neben ihm stand der Amerikaner. Er war schwarz gekleidet, trug einen langen Rock, der eng am Halse geschlossen war, wie bei einem innern Missionar. Sein Gesicht war bartlos; die Augen, klein, stechend, tief in den Höhlen liegend, schielten ein wenig. Der Schädel war prognathisch, das Kinn fehlte, die Nase schien plattgedrückt. Dagegen standen nach beiden Seiten mächtig die grossen Ohren ab, angewachsen an den Läppchen. Alte Skrofelnarben zogen sich über den Hals; seine Bewegungen waren hastig, fast epileptisch. Frank Braun dachte: ›Da könnte ich leichter eine Diagnose stellen, als bei der Kranken.‹

»Geben Sie den Puls.« sagte er. Doch die Frau zog den Arm unter die Bettdecke, sah ihn hasserfüllt an.

Er wandte sich an den Bauern, froh einen Grund zum Gehen zu haben. »Du siehst, deine Frau will nicht.« fuhr er fort. »Wie kann ich da helfen?«

Da sagte der Amerikaner: »Gib deine Hand, Schwester.« Gehorsam hob sie den Arm.

Er fühlte ihren Puls, sah, dass sie ein starkes Fieber hatte. Er liess sich eine Kerze geben, um besser sehen zu können in der Dämmerung, dann hiess er sie den Mund aufsperren. Die Zunge und die ganze Mundhöhle waren stark belegt. Sie hustete und röchelte.

»Also krank ist sie gewiss,« dachte er, »das steht fest!« Er hatte keine Ahnung, was ihr fehlte und überlegte, was er nun tun solle.

»Wie lange hat sie nicht geschlafen?« fragte er unsicher.

Der Amerikaner antwortete: »Seit drei Nächten nicht. Und seit gestern nun sind wir hier und beten mit ihr. Wenn Jesus will, so wird er unsere Schwester heilen. Alles Heil kommt vom Blute des Lammes.«

»Gewiss.« nickte Frank Braun. Er dachte: »Auf keinen Fall wird es schaden, wenn sie ordentlich schläft; ich will ihr etwas Opium geben.«

»Wasser!« rief er. »Ich will ihr eine Medizin geben.«

Die Frau schrie, schlug mit den Händen um sich. »Nein, nein, er will mich vergiften!« Dann begann sie laut zu singen und alle Anwesenden fielen ein.


»O Sünder, sieh das Gotteslamm
An dem Kreuz, an dem Kreuz, an dem Kreuz,
Das unsere Schulden auf sich nahm,
An dem Kreuz, an dem Kreuz, an dem Kreuz.
O sieh sein Blut, o hör den Schrei:
Es macht dich los von Sklaverei,
Von Satansbanden wirst du frei
An dem Kreuz, an dem Kreuz, an dem Kreuz!«


Der Bauer winkte leicht mit dem Kopfe und Frank Braun folgte ihm in den vorderen Raum. Venier nahm die Wasserkaraffe vom Bord und stellte sie auf den Tisch.

»Geh und schick mir Mister Peter her.« sagte Frank Braun. Er füllte zwei Gläser halb mit Wasser und gab Opiumtropfen hinein.

Dann kam der Amerikaner. »Was wünschen Sie, Doktor?« fragte er.

»Hier steht die Medizin.« sagte der Deutsche. »Ich gehe nun fort und du wirst sie der Kranken geben. Bleibst du die ganze Nacht hier?«

»Ja,« sagte Pietro Nosclere, »wir werden wachen und beten.«

»Also gut.« fuhr Frank Braun fort. »Das eine Glas gibst du ihr gleich. Sie wird die Medizin eher nehmen, wenn du sie ihr reichst. — Hoffentlich wird sie sich darnach ruhiger fühlen und bald einschlafen. Wenn sie wieder erwacht, wirst du ihr das andere Glas geben. Hast du mich verstanden?«

Mister Peter nickte. »Wirst du es auch tun?« fragte der andere.

Da schwieg der Amerikaner. Aber man sah ihm leicht seine Absicht an: die Gläser zu nehmen — und sie auszugiessen, sowie nur jener den Rücken kehrte.

Frank Braun ärgerte sich. Er griff die Schulter Pietros und schüttelte ihn. »Sieh mich an!« herrschte er. »Du wirst das tun, was ich dir sage! Ich will es, verstehst du?«

Der Amerikaner murmelte: »Ja, ich werde es tun.« Er nahm die Gläser und ging zurück zu der Kranken.

* * *

Am nächsten Tage traf Frank Braun den Bauer vor seinem Hause. »Nun, wie gehts Eurer Frau?« fragte er.

Mariano Venier antwortete misstrauisch: »Sie haben ihr nicht geholfen. — Ich werde nichts bezahlen.«

»Ich habe ja nichts verlangt.« sagte der Deutsche. »Und ich will auch gar kein Geld. Ich will nur wissen, wie es der Kranken geht.«

Venier wurde höflicher. »Es geht ihr besser, Herr; sie wird wohl gesund werden. Ich danke Ihnen, dass Sie gekommen sind.« Schnell fügte er hinzu: »Aber gerettet hat sie der Amerikaner.«

Dann drehte er um und eilte in sein Haus.

— Das Dorf war voll von der Heilung der Matilda Venier. Man sagte, dass sie unrettbar verloren gewesen, und dass selbst die Kunst des berühmten deutschen Arztes vergeblich gewesen sei. Mister Peter aber habe bei ihr gewacht und gebetet drei Nächte lang und habe ihren Leib gerettet, der schon in den Klauen des Teufels war.

* * *

Teresa kam in sein Zimmer. »Nicht wahr, Sie haben die Matilda gerettet — und nicht der Amerikaner?«

Frank Braun dachte: ›Sie wird sich schon selbst gerettet haben.‹ Aber er sagte: »Es wird wohl der Amerikaner gewesen sein. Er hat so schön gebetet.«

Das Mädchen wusste nicht, ob er im Ernste spräche. »Nein, nein!« beharrte sie.

»Doch, doch!« unterbrach er sie. »Ich sagte dir ja, dass ich kein Arzt wäre.« — »Herein!« rief er, als er ein leichtes Pochen an der Türe vernahm.

Das Mädchen öffnete. Als sie Pietro sah, erschrak sie, lief schnell hinaus.

Der Amerikaner kam näher. Frank Braun begrüsste ihn und bot ihm einen Stuhl.

Verlegen rieb sich Mister Peter mit den grossen, roten Händen über die Hosen. Dann begann er stotternd, sagte, dass er komme, um sich bei ihm zu bedanken für die Heilung der Schwester. Zwar sprächen alle Leute im Dorfe, er selbst habe die Frau des Venier gerettet, weil es ja niemand gesehen habe, dass ihm der Doktor die Medizin gegeben; er selbst aber wisse es besser.

»So haben Sie die Leute aufgeklärt?« fragte Frank Braun.

»Nein,« sagte Mister Peter, »noch nicht. Aber ich werde es tun, Sonntagnachmittag, in der Versammlung. Ich werde verkünden, dass nicht ich, sondern der deutsche Doktor unsere Schwester gerettet hat.«

Frank Braun sah ihn an. »Das wirst du nicht tun.« sagte er ruhig.

»Und warum denn nicht?« Pietro rückte auf einem Stuhle hin und her. »Warum denn nicht? — Ich muss es sagen. Es ist die Wahrheit. Man soll der Wahrheit alle Ehre geben.«

»Du wirst es nicht sagen. Ich werde hinkommen und aufpassen. Und wenn du es sagst, so werde ich aufstehen und allen erklären, dass du lügst.«

Der Amerikaner sprang auf von seinem Stuhle, aber Frank Braun fasste ihn am Arme und drückte ihn wieder nieder. »Bleib nur sitzen,« fuhr er fort, »du wirst mich gleich verstehen. — Nicht ich heilte die Frau des Mariano Venier: du tatest es!«

Pietro griff mit beiden Händen an den Kopf. »Ich?« stammelte er. »Ich? — Aber Sie gaben mir doch die Medizin?«

Frank Braun log. »Nein, ich gab dir nur klares Wasser. Ich bin kein Arzt. Ich kann nicht heilen. Nur du hast die Kranke gerettet — du und dein Gebet. — Dir gab der Herr Jesus die Macht der Gnade, nicht mir!«

Pietro drehte seinen Hut in den Händen. Mühsam grübelte er, langsam bildeten sich in seinem Hirne die Gedanken. Frank Braun wiederholte ihm noch einmal eindringlich das alles; dann erst begriff er.

Er stand auf, seine Augen glühten. »Herr Doktor,« fragte er, »ist das wirklich wahr?« Frank Braun griff die ausgestreckte Hand und schüttelte sie kräftig. »Ja! Das ist wirklich wahr!« Und er dachte: ›Warum sollte ich nicht lügen, wenn es dir so gut gefällt?‹

Eine seltsame Lust kitzelte ihn, wie er den Amerikaner betrachtete. Der hob die Brust, dehnte die schmalen Schultern, es war, als ob er wüchse im Augenblicke. Er streckte die Hand aus, öffnete halb die Lippen, als wollte er zu seiner Gemeinde sprechen.

Frank Braun dachte: »Du solltest mir dankbar sein, mein Junge. Nun glaubst du erst an dich.«

Er geleitete ihn zur Türe; der Amerikaner schritt schwankend, unsicher, fast wie ein Berauschter. Auf seinen dünnen, blutleeren Lippen lag ein stolzes, triumphierendes Lächeln. Aber es verschwand im Augenblicke, wie er den andern ansah, wie er sich nur dessen Daseins wieder bewusst wurde. Er zweifelte nicht an sich, aber mit dem grossen Glauben zu sich selber gewann er noch einen andern Glauben: den an die überlegene Macht des Fremden.

Demütig sagte er: »Ich danke Ihnen, Herr Doktor.«

Frank Braun erwiderte: »Nichts zu danken. — Nächstens werde ich in deine Versammlung kommen.« Er winkte mit der Hand. — »Fahr wohl, Elias.«

Pietro öffnete die Türe, grüsste. — Plötzlich blieb er stehen, fragte stotternd: »Herr — warum nennen Sie mich — Elias?«

Frank Braun dachte: ›Hässlicher Narr! — Fühlst du dich nicht schon als Prophet?‹ — Und er sagte: »Geh nur. Ich werde es dir ein andermal sagen.«

Kaum war Pietro aus dem Hause, als Teresa wieder in sein Zimmer trat.

Sie schien aufgeregt, ihre Wangen brannten. Atemlos fragte sie: »Was hat er gesagt? Weshalb kam er her?«

Frank Braun antwortete: »Was gehts dich an? — Er kam zu mir und nicht zu dir.«

Aber sie zitterte, keuchte. »Ich will nicht, dass er hierher kommt! Er soll nicht kommen!« — Sie trat dicht zu ihm, griff seinen Arm.

Er sah sie scharf an, da zuckte sie zusammen. Leise, wie entschuldigend sagte sie: »Er hat den bösen Blick.«

Frank Braun zog sie zu sich hin, setzte sie leicht auf sein Knie. Sie wollte sprechen, aber er winkte ihr ab, bedeutete sie still zu sein. Er lehnte ihren Kopf an seine Schulter, dann strich er schnell mit der Hand über ihre Schläfen. Sie wehrte sich nicht, ruhig atmend lag sie an seiner Brust.

Er hielt sie mit der Linken, während seine Rechte die einschläfernden Striche machte. Er beobachtete sie scharf, sein Blick grub sich in ihre Augen. Dann plötzlich stockte das leichte Blinzeln ihrer Lider, die Bindehäute röteten sich leicht, die Augen standen weit offen.

Befriedigt nickte er. Er stellte sie auf, sie blieb auf dem Flecke stehen. Er erhob sich, nahm ihren Arm, ihre Hand. Alle Glieder zeigten grosse Nachgiebigkeit, machten automatisch die Bewegungen, die er wünschte, verharrten steif in der Stellung, die er ihnen gab. Grosse Tränen tropften aus den Augen der Kataleptischen.

Er stach sie heftig mit einer Nadel in die Arme, ihr Gesicht zeigte keinen Ausdruck des Schmerzes. Das genügte ihm, er hatte wenig Lust zu oft wiederholten Spielereien. Rasch schloss er mit dem Finger ihre beiden Augenlider.

Ihre Augen öffneten sich wieder, schlossen sich dann von neuem. Standen noch einmal weit auf und blieben schliesslich halb geöffnet stehn. Die Augäpfel waren krampfhaft nach oben gerichtet, die Lider in heftig schwingender, zitternder Bewegung. Ihr Kopf hing tief auf die Brust herab, das leichte Geräusch einer schluchzenden Bewegung drang aus der Stimmritze. Er hob ihren Arm: wie Blei fiel er herab. Er nahm ihren Ellenbogen und suchte den Nerv, drückte ihn stark. Sofort zogen sich die Muskeln, die dieser Nerv bediente, heftig zusammen, ihre Hand formte sich zu einer Kralle.

»Lethargie.« murmelte er. »Nur zu, mein Kind — es ist nicht gut, einen eigenen Willen zu haben!«

Er drückte sie zurück auf den Stuhl, setzte sich vor sie auf den Tisch und zündete eine Zigarette an.

Er schaute sie an, rauchte und grübelte. »Wie seltsam das doch ist,« dachte er, »sieht es nicht aus, als ob ich der Zauberer wäre? — Und doch weiss ich gut, dass nicht ich die Kraft habe, sondern nur du, mein Kind! — Und wenn ich je mit dir, oder mit dem Narren, den du nicht leiden magst, dem Amerikaner, etwas machen werde, so ist es doch immer nur eure Kraft, die es schafft und nicht die meine! Ich kann nur denken, ihr aber könnt handeln! — Die Wissenschaft sagt, dass ihr arme Kranke seid, und sie hat wohl recht. — Sie will euch heilen, wenn sie es kann. Ich aber bin kein Arzt und ich will euch nicht heilen. Eure Krankheit ist eine Kraft und ich will sie benutzen, wie ich es kann.« Er seufzte und warf seine Zigarette durch das offene Fenster. »Das heisst,« fuhr er fort, »wenn ich Lust habe. — Wer weiss, ob ihr mich morgen noch interessiert? — Vielleicht lohnt es sich der Mühe nicht, euch Puppen tanzen zu machen — wer kann das wissen? Vielleicht seid ihr nur dummes, hysterisches Dutzendzeug, Klinikfutter für neugierige Aerzte! — Denn, siehst du, mein Kind, auf der Bühne, wo ich Herr bin, soll es hoch hergehen! Haupt- und Staatsaktionen!« — Er zeigte mit der Hand durch das Fenster, auf das Dorf und den See. »Da schau her, mein Püppchen,« rief er, »da liegen deine Bretter! Willst du tanzen? Einen hübschen Pas de Deux mit deinem lieben Mister Peter? Das ganze Dorf stellt den Chor.« Er lachte laut. »Ah, es müsste ein hübsches Stück werden. — Denn ich bin kein Arzt. — Dank dem Himmel! Ich bin ein Charlatan. — Aber nur ein Charlatan kann Wunder wirken.«

Er schwieg, trat zu ihr hin. »Komm, mein Kind,« sagte er, »wir wollen einen Schritt weiter gehen.« Er legte ihr die Rechte auf den Kopf, strich mit dem Zeigefinger, löste einen leisen Reiz aus vom Scheitel her. Nach wenigen Augenblicken schlossen sich ihre Augen vollständig, dann holte sie tief Atem, die Lethargie verschwand. Mehr aus Gewohnheit, als um sich von dem Eintreten des dritten Zustandes ihres Schlafes zu überzeugen, machte er einige Versuche; stellte fest, dass durch einen leichten Hautreiz sich die Muskeln der Somnambulen zusammenzogen und ebenso leicht durch dieselbe Bewegung wieder lösten. Er sprach sie an, gab ihr ein paar Befehle; sie antwortete leise und führte sofort aus, was er wünschte.

Dann langweilte er sich, dachte daran, sie wieder zu erwecken. Und nur obenhin, ohne rechten Glauben an Erfolg, machte er einen weiteren Versuch.

Er befahl ihr, weit die Augen zu öffnen. Und plötzlich, ohne Uebergang, brachte er sein Gesicht ganz nahe an das ihre, sah sie starr, durchdringend an. Ihre Wangen röteten sich, alles Blut stieg ihr zu Kopf, die Pupillen dehnten sich mächtig. Er griff ihre Hand, ohne den Blick zu senken und zählte den Puls — hundertundfünfundzwanzig Schläge. — Und nun hing sie, klebte sie an seinem Blick.

Er ging rückwärts; das Mädchen folgte ihm, den Kopf weit vorgestreckt, die Schultern in die Höhe gezogen, die Arme lang am Körper herunterhängend. Eigentümlich leer schien ihr Gesicht, unbeweglich die Züge. Die Augen waren starr, nicht eine Fiber zuckte, nicht ein Wort kam über die hart geschlossenen Lippen. Versteinert war dieser Ausdruck und ihr Hirn trieb nur einen Gedanken: diesen leuchtenden Punkt, seine Augen, nicht zu verlieren — mochte es auch eine Welt kosten.

Und das war das Grosse: jetzt fühlte das Mädchen, was mit ihm geschah. Sie war bei hellem, klarem Bewusstsein, jede kleinste Bewegung prägte sich in ihr Hirn. Er schritt rasch auf sie zu, kniff sie in den Arm, nahm vom Tische ein scharfes Messer, stach sie zwei-, dreimal, dass das Blut hell floss. Sie sah es wohl und wusste, was er tat, aber sie spürte keinen Schmerz und es war ihr nicht unangenehm. Nicht einmal Angst fühlte sie — Unbeweglich, starr, hing sie an seinen Augen, wie ein kleiner Vogel an dem Blick der Schlange.

Frank Braun hielt sie an seinen Augen. Aber sein Blick wurde froh, still lächelnd, wie eine süsse Wärme fühlte er eine grosse Freude in sich wachsen. »Die Verzückung!« murmelte er. »O, das Mädchen ist gut — sie ist gut!«

Er nahm ihren Kopf in die Arme und blies sie leicht auf die Augen. Sofort wachte sie, der starre Ausdruck verlor sich, alle Beweglichkeit kehrte zurück. Sie schien erstaunt und verwirrt, aber nicht ängstlich. »Was hast du mit mir gemacht?« fragte sie.

Er antwortete: »Du weisst es ja.« Dann hob er ihren Arm und küsste ihr das Blut von den Wunden. »Tat es weh?« fragte er.

Sie lächelte: »Nein, gar nicht! Aber warum hast du es getan?«

»Warum?« lachte er. »Warum? Ich weiss es nicht. Und wenn ichs wüsste und es dir sagte, so würdest du es doch nicht verstehen. — Darf ich nicht machen mit dir, was ich will?«

Sie küsste ihm beide Hände. »Doch,« sagte sie, »du darfst alles tun, was du willst.«

Er dachte: ›Wie rührend! Mit deiner gütigen Erlaubnis und der deines Vaters und deines Beichtvaters! — Nun, ich habe ja auch jetzt deine Erlaubnis erst nach dem Feste bekommen!‹ Aber er sagte: »Danke schön, du bist sehr lieb. — Nächstens wirst du mit mir in die Versammlung des Amerikaners gehen.«

Sie senkte die Augen und gab keine Antwort. Ihre Brust hob sich und er sah, wie sie kämpfte. Endlich sagte sie still: »Ja.«

»Doch noch ein bisschen Willen?« fragte er leise. »Komm her, mein Kind.«

Er zog sie an sich, fuhr ihr leicht mit der Hand über Kopf und Gesicht, über Schultern, Arme und Brust. Hier und da machte er einen leichten Strich, suchte irgendwo eine bequeme hypnogene Stelle. Endlich fand er eine, unten an der Maus des linken Daumens. Er drückte sie leicht, sofort fiel das Mädchen in Schlaf.

Aber er blies sie gleich wieder an und erweckte sie »Nun ist sie mein Ding.« dachte er.

— »Du, ich habe schrecklichen Hunger!« sagte er. »Gibt es nichts zu essen heute abend?«

»Doch, doch,« rief sie, »ich laufe gleich in die Küche! Im Augenblick ist alles fertig.«

»So eil dich.« sagte er. »Und dann wollen wir im Boote hinausfahren in den See. Du ruderst und ich will dir erzählen. Magst du?«

Sie fiel ihm um den Hals. »Ob ich mag!«

Er küsste sie leicht. »Aber weisst du, kein dummes Zeug von meinen Arbeiten da. — Ich will dir ein Märchen erzählen.«

Da jauchzte das Mädchen: »Ja — ja! Ein Märchen! Ein Märchen!«

* * *

Er trat ans Fenster, sah wie sie zum Garten eilte, die Erdbeeren zu pflücken. Da lief ein Bub auf sie zu, brachte ihr in beiden Händen grosse Büschen weisser Johannisranken. Er erkannte ihn, es war der kleine Junge, den er gesehen hatte, als er zum erstenmal hinabstieg in das Tal von Scodra. Er winkte ihm zu und fragte: »Wie heisst du?«

Teresa sah hinauf. »Er versteht nicht.« sagte sie. »Gino heisst er; er ist taubstumm.« Sie streichelte ihm die Wangen und machte ihm Zeichen mit den Fingern; da sah der Bub zum' Fenster hinauf, wurde rot und grüsste täppisch und verlegen.

Frank Braun fragte: »Er ist dein Schützling?«

Das Mädchen nickte. »Ja, das ist er wohl. Er ist ein Gemeindekind, hat weder Vater noch Mutter; niemand bekümmert sich um ihn.« Sie machte ihm wieder ein paar Zeichen mit den Händen; sein mageres Gesicht strahlte, rasch lief er zur Küche.

Der Deutsche stieg die Treppen hinab. Er warf einen Blick in die Küche, da lag der kleine Bube schon auf dem Boden neben dem Herde und schnitt Späne. Der Knecht trat hinein, nahm einen schweren Korb von den Schultern und schüttete die Holzkloben vor ihm auf die Erde. Marfa, die Ziege, lief hinter ihm her.

»He, Angelo!« rief ihn Frank Braun an. »Wie geht es der Frau des Venier?«

Der Knecht blieb stehen und zog die Achseln hoch, über sein Gesicht legte sich wie stets ein breites, blödes Grinsen.

Frank Braun sah dieses dumme Lachen — war es denn nicht möglich, diesen ewigen dumpfen Gleichmut ein einziges Mal aus dem Lot zu werfen? Eine übermütige kindische Lust fasste ihn, er sprang die Steintreppe hinab und schlug Rad vor dem Hause wie ein tollgewordener Kreisel. Dann zog er den grinsenden Knecht aus der Türe, stellte ihn in der Mitte auf und sprang Bock über ihn. Endlich stellte er sich auf den Kopf, lief dann auf den Händen hin und zurück, sang dazu und brüllte wie ein Besessener. Teresa kam aus dem Garten zurück, den Korb mit den Erdbeeren in der Hand; einen Augenblick starrte sie verwundert auf sein tolles Treiben, dann schrie sie hell auf und setzte sich lachend auf die Steinbank. Gino, der Bub, guckte aus der Türe, seine schwarzen Augen funkelten; er klatschte voller Freude in seine Hände.

Aber der Knecht stand stumm und dumm wie ein breiter Klotz auf seinem Fleck und rührte sich nicht. Frank Braun sprang auf die Füsse, schlug dann einen mächtigen Purzelbaum, der ihn dicht vor Angelo hinwarf.

»Nun, Angelo,« rief er, »gefällt dir das?«

Der Knecht grinste verlegen. »Herr,« stammelte er, »ich bin nicht von hier!«


KAPITEL V.

Die Dinge sind — weil wir sie sehen.

Osc. Wilde, Verfall der Lüge.


Das Mädchen löste den Strick vom Pfahle, setzte sich auf die Bank und griff die Riemen. Er nahm das Ruder, lenkte mitten in den See.

»Alle Hände!« rief er. Lachend legte sie sich ein. Sie war stark und das Boot glitt schnurgerade über den See, hart auf das Westufer zu. Er machte eine schöne Schleife, dass sie dicht unter den Felsen drehten, und gab scharf acht — kaum einen Zoll vom Steine tauchte der Riemen ins Wasser. So hetzte er sie, rund herum um den See, dicht am Ufer entlang. Und noch einmal.

Heiss ward ihr, sie schlug die Aermel hoch und knöpfte die Bluse auf. Ihre Muskeln strafften sich, mit aller Kraft lag sie in den Riemen. Aber ihre Augen leuchteten vor Stolz, als er sie lobte.

Zwischen dem Schilf hiess er sie die Riemen ins Boot legen. Sie lagen still unter den hängenden Weiden, deren lange Zweige ein dichtes Nest um sie bauten. Der Mond stieg im Westen über die Berge und warf hundert tanzende Silberflocken durch die Blätter. Hinten sprang die Fiavè mit langen Sätzen von dem Felsen, ihr Rauschen hüllte die beiden wie ein weiter grauer Mantel.

Da stand das Mädchen auf von ihrer Bank und sass nieder zu seinen Füssen. Sie warf die Zöpfe nach hinten und blickte zu ihm auf. »Erzähle!« bat sie. »Das Märchen!«

»Das Märchen?« fragte er langsam. »Ach, es ist eine traurige Geschichte.«

Seine Hand ruhte auf ihrem Kopfe und doch fühlte er sie nicht. Er blinzelte durch die Zweige nach dem hellen, stillen See — und hinauf in den Mond. Er fühlte sich sicher in seinem einsamen Versteck im Tale von Scodra, rings wohl gedeckt von himmelhohen Bergen. Und nun da wieder still verborgen in dieser grünen Grotte — weit ab von allem Leben. Hier war er sicher vor allen Menschen und kein Feind mochte ihn finden in diesem Mauseloch. Hier war er allein.

Wohl war etwas bei ihm. Ja. Was nur? Etwas, das ihn liebte, etwas, dessen Dasein ihm eine stille, frohe Ruhe gab. Marfa, die Ziege. Oder der Kater. Oder auch Teresa. Irgendeines. Gewiss aber ein Stück der Natur — — da galt es ja gleich, wie es hiess. Er fühlte nur: irgend etwas war da, das Leben hatte und Atem, das ein Fremdes war und das doch sein Ding war, welches ihm gehörte.

Das war es, was er brauchte. Ein stummes Ding, zu dem er sprechen konnte.

Er kannte es wohl, dies Gefühl, das allen Menschen eignet. Diese grosse Sehnsucht zur Beichte. Fromme Leute haben es gut, dachte er, sie gehen zum Priester. Und die nicht fromm sind, wählen doch einen Beichtvater, gehen zur Geliebten oder zum guten Freunde. Der muss hören und der muss vergeben.

Er aber hatte keinen Freund und hatte keine Geliebte.

Früher hatte er einen Pudel gehabt, und den grossen Augen dieses Tieres hatte er vieles erzählt. Wenn er ihm die Hand leckte, wenn er wedelte mit dem Schwanz, dann war ihm vergeben.

Aber sein Pudel war tot.

Er streichelte Teresa, wie seinen treuen Hund. Es war ihm, als ob er zu Hause läge, wie in alter Zeit, als er zur Schule ging. Auf weichen Fellen lag er vor dem Kamin, abends zur Dämmerung, wenn kein Mensch da war in dem grossen Hause. Er nur allein und das schwarze Tier.

»Komm, Ali, komm,« sagte er, »ich habe so lange nicht gesprochen mit dir! Komm du, ich habe dir so viel zu erzählen!«

Das Mädchen kauerte still zu seinen Füssen, regte sich nicht.

Er sprach: »Siehst du, mein gutes Tier, das ist nun wieder passiert. Erinnerst du, wie wir zwei spazieren gingen, eines Abends in der letzten Woche, unten am Schlosse? — Da kam Thekla! — Nein, nein, du weisst es nicht, du warst ja unten im Garten, die Enten zu jagen. — Immer mit deinen Enten! Gestern ist wieder ein Protokoll von der Polizei gekommen — zehn Mark, weil es schon das dritte Mal ist in diesem Herbste. Die Mutter ist böse und sagt, sie zahle es nicht und ich müsse dich abschaffen. Aber sie zahlt es doch und ich schaffe dich nicht ab. — Uebrigens: was möchte es nützen, wenn man dich auch abschaffte? Du wärst ja doch am andern Tage wieder da!

Ja, du hast es gut! Du benimmst dich gar nicht wie ein wohlerzogener Hund. Du zerkratzt die Beete und jagst die Enten und zerreisst den Leuten die Hosen, die du nicht leiden magst. Das ganze Haus machst du schmutzig, so dass man auf den Treppen schon keinen Teppich mehr legen kann. Zweimal am Tage müssen die Mädchen von oben bis unten aufwaschen, deinetwegen, und um dich reinzuhalten brauchen sie Stunden, du Schmutzfink du! Wenn ich zwei Paar reine Stiefel gebrauche am Tage, dann maulen sie, aber hat sich je eine beklagt, über die Arbeit, die du ihnen machst? Sie sind stolz, wenn du gnädig einmal in die Küche gehst oder gar eine begleitest ein paar Strassen weit. Ja, schlag nur den Takt mit dem Schwanz dazu, ich weiss recht gut, dass das deine Art ist, mich auszulachen.

Komm, sei brav, Ali! Sag mir doch, wie du es machst, dass alle Menschen gut sind zu dir?

Denn sieh, zu mir ist niemand gut. Niemand. Alle quälen mich. Alle treten mich. Alle schlagen mich.

Hör zu:

— Also Thekla kam den Graben entlang am alten Schlosse. Ich wurde rot und schämte mich. Ich schäme mich immer.

Lieber Hund, warum nur? Warum? Warum hab ich immer dieses grässliche Gefühl?

Wenn ich ein Schulheft kaufen soll, stehe ich eine Viertelstunde vor dem Ladenfenster und wage nicht hineinzugehen. Ich schäme mich. — Wenn Besuch ist im Hause, so komme ich nicht heraus aus meinem Zimmer. Ich schäme mich.

Warum denn nur? Ich weine vor Wut und beisse in mein Taschentuch und es nutzt nichts.

— Thekla kam daher. Ich schämte mich und wurde rot und grüsste sie nicht. Dann ging ich ihr nach und wollte sie ansprechen. Sie ging langsam und an der Ecke wartete sie ein wenig. Aber ich drehte wieder um und sprach sie nicht an. Ich schämte mich.

Zu Hause schrieb ich ihr. Oder vielmehr, ich wollte ihr schreiben. Aber es wurde nichts daraus: ich schämte mich zu sagen, dass ich mich so schämte.

Dann kam es, dass ich ein Gedicht machte. Ich schrieb es ab und schickte es ihr.

Weisst du, Ali, was sie getan hat? Sie hat es ihrer Tante gegeben! Und die Tante hat es meinem Mathematiklehrer geschickt. Und der hat es dem Direktor gebracht. — Nun habe ich zum Samstag zwei Stunden Karzer und der Mutter werden sie's auch noch sagen und das ist das Schlimme.

Siehst du, das ist passiert.

Nun sag doch, was hab ich getan, dass sie alle so schlecht zu mir sind? Wenn Thekla mein Gedicht nicht mag, warum zerreisst sie es nicht? Und die Tante — warum ruft sie mich nicht? Sie kommt doch oft genug her ins Haus — ich hätte ihr gewiss gerne versprochen, nie wieder ein Gedicht für die Thekla zu machen. — Nein, sie schickt es aufs Gymnasium! Wenn sie es noch dem deutschen Professor gegeben hätte oder dem griechischen — die sie doch auch kennt! Die hätten ja beide gelacht und mir nur einen Verweis gegeben.

Aber nein — sie muss es dem ekligen Mathematikprofessor schicken! Weisst du, warum? Weil sie recht gut weiss, dass ich gar nichts kann in der Mathematik, und dass der dumme Kerl mich nicht ausstehen mag. Darum! — Und der natürlich muss auch gleich ein grosses Geschrei machen und zum Direktor laufen!

Was habe ich nun getan? Ich habe die Thekla nicht gegrüsst, das ist wahr. Aber sie weiss doch recht gut, dass ich sie sehr gerne grüssen will, und mit ihr sprechen und noch viel mehr. Und dann habe ich ihr ein Gedicht gemacht. Ja, das ist doch auch nichts Böses? Ich habe es doch gemacht, weil ich sie lieb hatte und weil ich mich entschuldigen wollte. — Das war sehr unpassend, sagte der Direktor. Wenn ich schon Gedichte mache, dürfe erstens, sagte er, nichts von Mädchen darin stehen. Nun frage ich dich, Ali, was soll denn sonst darin stehen? Ich kann ihr doch keine Ballade machen mit Riesen und Rittern — weil ich sie nicht gegrüsst habe und mich nun entschuldigen will! Und zweitens, sagte er, dürfe ich keinesfalls so ein Gedicht abschicken. Ja, aber die Dichter haben doch sicher ihre Gedichte auch abgeschickt, an die, für die sie bestimmt waren. — Man kann sie doch nicht liegen lassen, bis man ein Buch voll hat!

Nein, ich habe ihr nichts Böses getan, der Thekla. Den ganzen Sommer über habe ich jeden Tag Rosen geschnitten im Garten — die Mutter schimpfte, wo sie nur immer blieben. Ihr kleiner Bruder musste sie ihr bringen. Das habe ich getan. Sie hat sie alle genommen und nun hat sie mich der Tante verklatscht. Und dieser selben alten Tante habe ich vor drei Wochen erst zwei von meinen weissen Meerschweinchen geschenkt, als sie bei uns war. Sogar dem alten Mathematikprofessor habe ich einmal etwas Gutes getan; er verlor neulich sein Taschentuch auf der Strasse und ich hob es auf und brachte es ihm.

Warum also sind sie alle so schlecht zu mir?

Sieh, Ali, ich bin gut zu dir, nicht wahr? Und ich möchte gut sein zu allen Menschen — — aber man darf es nicht. Alle tun mir Böses an, alle. Nur die nicht, die mich gar nicht kennen.

Du darfst es mir ruhig glauben, Ali, ich kenne keinen, gar keinen Menschen, der mir nichts Böses tut. Sag mir, wie muss man es machen, dass sie gut sind?«

Er schwieg, seine Augen blickten sehnsüchtig durch die Zweige.

Das Mädchen zu seinen Füssen trank seine Worte. Sie verstand gar nicht, was das alles sollte, aber seine weiche, traurige Stimme trieb ihr Tränen ins Auge. Sie sah ihn an, die blonden Haarsträhnen fielen ihm über die Stirne, die jungen Lippen standen halboffen über den blanken Zähnen. Seine Hände ruhten auf den Knien, als ob sie ein offenes Buch hielten, aber er blickte weit darüber hinweg.

Wie ein fünfzehnjähriger Bube sah er aus, der da vor ihr sass, einsam, totverlassen auf weiter Welt.

Sie hätte aufspringen mögen und seinen Kopf an ihre Brust betten; wie eine Mutter fühlte sie für ihren armen Jungen.

* * *

»Nun bin ich wieder zurück.« sagte Frank Braun. »Wieder einmal. Komm her, komm dicht zu mir, mein gutes Tier!

Weisst du, warum ich so gerne zurückkehre in den Ferien? — Um dich zu sehen, du alter, lieber Kerl.

Warum ich dich nicht mitnehme zur Universität, so wie früher? Sieh, es geht nicht, wirklich nicht! — Was hast du denn auch draussen? Nur mich! — Hier aber hast du alles und darfst tun, was du willst, und bist der Herr!

Draussen bist du nur — irgendein Hund.

Da! Ich hab dir ein Halsband mitgebracht. Sieh dirs nur an, ein schöneres gibt es nicht in der Welt! Es ist ganz aus getriebenem Silber und zeigt den Jagdzug der Diana. Ascanio von Tagliacozzo arbeitete es, Benvenutos Schüler, für die starke Dogge der blonden Herzogin von Ferrara.

Weisst du, wer mirs gab? Eine schöne und kluge Frau. Und es bedeutet, dass sie mich nie wieder küssen will — nie wieder, verstehst du wohl?

So war es, mein liebes Tier. Ich war im Palazzo Gerelli, wie in jeder Nacht. Als wir aufwachten, ich und die schönste Frau in Pisa, brannten die gelben Becken noch und zugleich drang ein weisser Schein durch die offne Tür vom Altane her.

Das ist ein hässliches Gift, weisst du, das erste Licht des jungen Tages. Es macht die Menschen schlecht und böse.

Wir lagen auf dem breiten zerwühlten Bett; Wein stand auf dem Tische in Karaffen und Gläsern, und hohe Schalen standen dabei mit Früchten und Gebäck. Reste unseres Mahles vom Abende. Und viele Rosen, in Gläsern und Vasen und zerstreut auf dem Boden und in den Kissen. Meine Laute aber hing über dem goldenen Bettpfosten.

»Spiele.« sagte die schöne Fürstin Ginevra.

Aber ich war müde und wollte nicht spielen; auch war eine Saite gerissen auf der Laute. Der Raum war voll von einem schweren Hauch, es war also ob da tiefe Schatten lägen von dem Dufte des Malvasiers, von den heissen Rosen und dem Rauche der myrrhengetränkten Becken. Aber ihr nackter Leib und alles Linnen atmete den Duft Armide de Perse und ein schwüler Klang schwebte daher von wehen Umarmungen, die nun alle tot waren.

Ihre Lippen bluteten und sie sagte: »Singe!«

Ich nahm die Laute und zog eine neue Saite auf. Und ich nahm die Malmaisons und gab sie ihr ins Haar, grüne Ranken dazu, und weisse Boules de Neige, die alle Träume binden.

Ich sang ihr Lancelots Lied und ich sagte:


»Amor, che a nullo amato amar perdona,
Mi prese del costui piacer' si forte
Che, come vedi, ancor' non m'abandonna.«


Dann nahm sie Kirschen von den Schalen und wand sie um ihre Zehen. Und sie gab nur den süssen Fuss zum Kusse und ich ass die Kirschen und küsste ihre Zehen — eine Kirsche um einen Kuss — einen Kuss um jede Kirsche.

Sie legte kleine, blaue Feigen auf ihre Brüste und süsse Erdbeeren in ihren Schoss. Und ich küsste ihre Brüste und ihren Schoss und ich ass die Feigen und die Erdbeeren. Und ich trank den Wein, den sie mir bot in ihren blutenden Lippen.

Sie fragte mich, ob es etwas gäbe in der Welt, das ich noch liebe, ausser der Ginevra Gerelli.

Und ich sagte, dass es nichts gäbe in der weiten Welt, das ich noch liebe, ausser dem Leibe der schönen Ginevra Gerelli.

Da sagte sie, ich solle es schwören bei der Madonna und bei allen Heiligen.

Ich aber schwur ihr bei der Madonna und bei allen Heiligen, dass es nichts gäbe, das ich liebe, ausser dem süssen Leibe der Ginevra Gerelli.

Und ich sann nach, und es war wirklich wahr, dass ich nichts liebte in der Welt — ausser dieser Frau.

Nichts, gar nichts — — nur dich, mein schwarzes Tier.

Ich lachte und ich sagte der Fürstin, dass es doch noch ein Ding gäbe, das ich liebte. Mein schwarzer Pudel, zu Hause, am Rhein.

Da richtete sie sich auf, und des frühen Tages giftiges Licht sprang in ihre Augen. Grün wurden sie und bitterböse und grausam. Und sie sagte, ich müsse nach Hause fahren am Tage noch und müsse den Hund töten.

Ich müsse dich töten, sagte sie.

Ich weigerte es, da weinte sie und jammerte. Sie lag an meinem Halse und sie bat und flehte, ich solle dich töten, dich töten.

Und sie riss sich los und sagte, sie wolle selbst fahren und wolle es selbst tun.

Aber meine Sinne waren trunken von dieser Nacht und von aller Liebe und allem heissen Duft. Und ich rief, dass sie eher mich töten müsse, wie meinen schwarzen Hund.

Sie schlug mich und schalt, und sie schrie, dass ich sie nicht liebe. Ich wusste wohl, dass ich nur ein Wort zu sagen brauchte, nur sagen, dass ich es tun wolle. Sie würde es doch vergessen haben zum Abende.

Aber ich konnte es nicht sagen. Nicht einmal sagen konnte ich, was sie wollte. Sie raste und ihr Schrei gellte in mein Ohr. Oh, ich hätte sie morden mögen, da sie nicht abliess, mich zu quälen.

Da nahm ich den langen Dolch, der auf dem Tische lag. Ich drückte ihr den Griff in die Hand und bot ihr meine Brust. Sie möge nur zustossen, rief ich. Dann würde sie auch meinen Hund töten — denn er möchte wohl sterben vor Gram, wenn ich nicht mehr heim käme.

Die Fürstin Ginevra hob ihren Arm — einmal, zweimal hob sie den Arm gegen meine Brust. Und wieder hob sie ihn, ein drittes Mal, gegen die eigene Brust. Aber sie stiess nicht zu.

Sie lachte — wie wohl einer lachen mag, der seine Mutter erschlug. Sie sprang auf vom Bett und ging an den Schrank. Sie zog den Kasten heraus, der ihre Juwelen hielt und nahm das silberne Halsband. Sie warf es mir zu, wie ein Stück Brot dem Bettler.

Sie sagte: »Da, Knabe, bring das deinem Hunde!«

Und wieder lachte die nackte Fürstin Ginevra Gerelli und wandte sich und warf keinen Blick zurück und schritt aus dem Raum.

Hier, Ali, mein schwarzer Pudel, hier ist dein Halsreif. Ascanio von Tagliacozzo schuf ihn, Cellinis Schüler. Trag ihn, mein liebes Tier — — es kleben Tränen daran.

Tränen von mir — den du lieb hast.

Denn ich liebte diese schöne Frau. Ich weiss nicht, wie andere Männer lieben, aber es deucht mich, dass keiner je sie besser liebte als ich. Ich machte einen Tempel aus ihrem Leibe —

Und sie jagte mich fort.

Nun bin ich wieder zu Hause, bin bei dir. Willst du mich trösten? — Weisst du, es ist gut, einen grossen Schmerz zu haben, weil man alle die kleinen vergisst.«

* * *

Frank Braun lachte. »Nein, es ist nicht wahr, was ich sage. Man vergisst nichts, weder die grossen noch die kleinen Schmerzen. Alle kommen wieder, zu irgendeiner Stunde tauchen sie auf, in endloser Reihe. Und martern und quälen.

Nur die Freuden schwinden — im Augenblick. Aber die Schmerzen bleiben. Des Menschen Seele ist ein goldener Gral mit blitzenden Steinen. Aber drinnen kriechen schwarze Würmer.

Weisst du das, Teresa?

Sie fressen uns auf, dich und mich und alle Menschen, die eine Seele haben. Ich weiss nicht, ob du eine Seele hast, und ich wünschte, du hättest keine, mein armes Kind. — Aber mir gab ein schlimmer Teufel eine Seele, nun lauf ich damit herum mein Leben lang.

Ali, mein schwarzer Pudel, hatte auch eine Seele. Und seine Seele liebte meine Seele. Nun ist er tot und seine arme Seele fliegt einher durch alle Welt und ich suche sie. — Aber ich finde sie nie.

Ich weiss nicht, vielleicht starb sie auch, als mein Hund starb. Vielleicht fressen sie die Würmer in meinem Garten, wie sie seinen Leib fressen.

Soll ich dir sagen, wie er starb?

Einmal war ich zu Hause, wieder einmal. Wir gingen aus, am alten Schlosse vorbei, den Graben entlang. Da kam ein Wagen und darin sass mein guter Freund. Er hielt an und wir sprachen zusammen. Mein Pudel aber mochte den Wagen nicht leiden und die Pferde nicht, weil ihn, vor Jahren einmal, der Kutscher mit der Peitsche schlug. Als wir einander die Hand reichten und Lebewohl sagten, bat ich meinen Freund, einen Augenblick zu warten, ich wollte den Hund an die Leine nehmen. Er aber lachte und winkte dem Kutscher und fuhr davon. Da jagte der Pudel wild in die Pferde und bellte sie an. Eines trat ihn, er fiel, und der Wagen ging über ihn hin. Da lag er und richtete sich auf mit den Vorderbeinen, mit zerbrochenem Rückgrat. Und suchte den Leib nachzuschleppen und sah mich an. Ich hob ihn auf und trug ihn nach Hause in meinen Armen, eine halbe Stunde weit. Der Arzt kam und untersuchte ihn und schüttelte den Kopf. Er lag in meinen Armen auf den weichen Fellen am Kamin, wo wir so oft gelegen. Er klagte nicht und er jammerte nicht. Er sah mich an und leckte die Tränen, die auf meine Hände fielen.

So starb er.

Ich grub ihm ein Grab in meiner Mutter Garten. Eine grosse Yucca wächst darauf. Manchmal denke ich, dass sie tief hinunter reicht mit drei langen Wurzeln. Zwei stecken in den Höhlen seiner Augen, die dritte aber treibt aus seinem Herzen. Und die starken Wurzeln saugen und trinken, und mein toter Freund wird immer kleiner und immer geringer und die grosse Yucca immer mächtiger und immer schöner und herrlicher. Hundert weisse Glocken läutet ihr starker Stab.

Dann meine ich wohl: sie ist mein Freund.

Aber ich kann nicht zu ihr sprechen. Die Yucca ist blind und böse — so sind alle Wesen, die blind sind. Sie haben keine Seele.

Nein, nein, die Yucca ist nicht mein schwarzer Hund. Sie hat ihn gefressen, wie er tot im Grabe lag.

Siehst du, kleines Mädchen, so herrlich sieht sie aus — und so schlecht ist sie doch!«

— Teresa sah, wie seine Augen leuchteten. Die Lippen zogen sich zusammen, schmerzlich, doch voll hoher Sehnsucht, es schien ihr, als ob er zwischen den Zähnen eine halboffene, glührote Rose halte. Seine Arme hoben sich leicht, wie zum greifen: irgendein grosser Traum wuchs in des Jünglings Seele. Er aber wollte ihn fassen und formen und zum Leben küssen.

Und das Mädchen dachte, dass sie glücklich wäre, wenn sie nur ein kleines Stäubchen sein könnte in dem grossen Wirbel dieser Träume.

Lange blieb er so und sprach kein Wort und regte sich nicht. Doch die Flamme brannte in seinen Augen und es war, als brenne sie tief hinab in die Brust. Seine Wangen wurden bleich und fielen ein und es schien dem Mädchen, als könne sie durch die Haut die harten Knochen sehen. Die Rose aber tropfte aus seinen Zähnen und fiel herab, wie ein grosser Blutstropfen.

Aengstlich sah sie weg und barg ihr Haupt auf seinen Knien. Sie fühlte wie seine Finger sich auf ihre Locken legten.

* * *

Da sagte er: »Ali, mein lieber Hund, ich komme zurück. Nach vielen Jahren komme ich zurück. So leg dich zu mir auf die weissen Felle — siehst du das Feuer im Kamin? Warte, ich will Scheite ins Feuer geben.

Man muss immer neue Scheite hineinwerfen, sonst stirbt es. Das Feuer frisst und ist unersättlich. Aber gib ihm nur immer und immer zu fressen, so wird es ewig leben. Solch ein Feuer, mein schwarzes Tier, brennt da irgendwo in meinem Hirne. Unersättlich ist es.

— Viele Jahre war ich nun da draussen in vielen Landen. Ich bin ein Renegat, weisst du, und bin aus allen Lagern entwichen.

Immer war es gut zu Beginn und ich glaubte an die neue Fahne. Aber da war keine, die nicht für eine Lüge in der Luft wehte. So brach ich meine Eide — um nicht meineidig zu werden an mir selbst.

Das ist alles.

Mit vielen Brüdern trank ich und ich küsste viele Frauen. Aber die Frauen waren Dirnen und die lieben Brüder erbärmliche Schufte Sie nahmen mein Geld und assen mein Brot, sie tranken meinen Wein und gaben mir Gift ins Glas.

Ich sass zu den Füssen kluger Männer: und ihr Mut war eine Lüge.

Ich ritt ins Feld mit fröhlichen Reitern: und ihr Mut war eine Lüge.

Ich grub den Boden mit braunen Bauern: und ihr Fleiss war eine Lüge.

Ich schwärmte zur Nacht mit Malern und Dichtern: und ihre Kunst war die frechste Lüge von allen.

Hart wurde meine Hand von tausend Händedrücken und meine Lippe wund von tausend Küssen. Aber ein jeder Kuss und ein jeder Handschlag war eine Lüge am letzten Ende. Alle Tage kamen die Lügen und jede arme Nacht. Selbst in die Träume schlichen sich die Lügen.

Ich watete in einem Sumpfe roter Lügen und nirgend war ein festes Land. Wo ich den Fuss hinsetzte, brach er ein, tiefer sank ich mit jedem Schritte. Wenn ich gen Abend ging, stak ich im Schlamm, wenn ich gen Morgen zog, klebte ich im Moor. Ueberall sank ich ein und nirgend führte ein Weg hinaus.

Dann, weisst du, als es dunkel war, hing ich am Baum — mir selbst geweiht von mir selber. Ein Fetzen Land und die Erde darauf, und rings um mich der Sumpf. Da hing ich am Baume und lauschte. Etwas aber sass in den Zweigen und sang.

Und ich verstand, dass es nur zwei Dinge gab, und das eine war Ich. Das andere aber war alles — das nicht Ich war.

Und es war ein Ding und nicht viele tausend Dinge, wie ehedem. Ein grosses Ding und doch kleiner als das andere war — das Ich selbst war.

Doch es sang aus den Zweigen:


›In hoher Freude leben wir, feindlos in der Welt der Feindschaft.
Unter Feindschaft erfüllten Menschen leben wir ohne Feindschaft.

In hoher Freude leben wir, gesund unter Kranken.
Unter den Kranken weilen wir ohne Krankheit.

In hoher Freude leben wir, ohne Trachten unter den Trachtenden.
Unter den trachtenden Menschen leben wir ohne Trachten.

In hoher Freude leben wir, denen nichts angehört.
Fröhlichkeit ist unsere Speise, wie der lichtstrahlenden Götter.‹


Ich lauschte den süssen Worten. Und ich fühlte wohl, dass das andere Ding, das nicht — Ich war —, nicht war: dass es das Nichts war. So war nur noch ein Ding in der Welt: Ich war. Und ausser mir war das Nichts und das Uebernichts.

Wieder sang es durch die dunkle Nacht. Aber nicht ein anderes sang, sondern mein Herz war eine Laute, wie das Israels, des Engels. Mein Herz war eine Laute und sang. Und war ein helles Licht und leuchtete in die Nacht. Und war eine rote Wunde und blutete aus süssen Wonnen das grosse Opfer.

So aber sang die Laute:


›Wo unerschöpfliches Licht, die Welt darinnen die Sonne gesetzt ist: in die trage mich, Flamme, in die unvergängliche Welt der Unsterblichkeit. Dir selber tropfe dein Blut.

Wo man nach Lust sich bewegt, am dreifachen Firmament, an des Himmels dreifachem Himmel, wo die Lichtwelten sind, dort lass mich ewig sein. Dir selber tropfe dein Blut.

Wo Wunsch und Belieben, wo des rötlichen Himmels Fläche, wo Götterspeise und Sättigung, dort lass mich ewig sein. Dir selber tropfe dein Blut.

Wo Freude und Wonne, Genuss und Geniessen wartet wo des Wunsches Wünsche erlangt sind, dort lass mich ewig sein. Dir selber tropfe dein Blut.


So sang die Laute, die mein Herz war.

Und dann fühlte ich, wie mein Ich zerrann.

Denn ich schwebte in dem ersten Wasser der Glückseligkeit.

Kein Gegensatz mehr zwischen Ich und Nicht-Ich: eines ward ich mit dem Nichts.

Das Nichts war die Gottheit und Ich war in dem Nichts und in der Gottheit.

So, zum ersten Male fühlte ich Gottes Nähe und er war das Nichts, in das ich zerrann. Mit mir berührte sich Gottes Geist und zeugte in mir das Kind der Zeiten.

Denn das ist Gottes Wesen, dass es durch alle Ewigkeiten den Sohn gebären will.

So rauschten die Schauer Gottes und aus heiligen Quellen tropfte das zweite Wasser.

Wie der Tropfen verdunstet auf sonndurchglühtem Stein, so zerrannen im Nichts die beiden Gewaltigen: Raum und Zeit.

Es war keine Vergangenheit und war keine Zukunft, war nur eines, der Augenblick. In dem ungeheuren Augenblicke versank alles Geschehen.

Und der Augenblick wuchs und spannte sich über alle Zeiten und Räume und war eine Flamme und ein Klang und eine Wunde.

Und die Flamme sang das Lied, und der Klang tropfte das Blut, und die rote Wunde brannte himmelhoch: so wuchs aus der Gottheit des Nichts das dritte Wasser, das das grosse Licht war.

Das Licht aber hob sich und alles schwebte. Nur ein Glanz war überall. Es lässt sich nicht sagen, was war, denn das kann keiner sagen, der je es erschaute, wie das Nichts ist, das der Gottheit ewiges Sein ist.

Alles ist Licht und Glanz, wo das dritte Wasser ist. Und ist herrlich über alle Maassen.

Und ist doch nur ein jämmerlich Ding vor dem letzten Wasser. Denn das letzte Wasser — das ist Gott selbst. Nicht ein Zerrinnen in ihm, nein, ein Wachsen und Werden zu Gott. Und wer es fühlt, der ist Gott.

Ich aber sah, wie es kam. Näher und näher, aus mir und in mir und zu mir hin von allen Seiten —

Und ich fühlte mich nahe dem Hauche des höchsten Wassers.

Da glühten viele Legionen riesiger Würmer aus dem Sumpfe. Und brachen heraus und zogen heran, unzählbar aus allen Ewigkeiten, rote, glührote Lügen. Und alles zerbrach und der Glanz zerstob und in grässlichem Dunkel versank alles — und die feurigen Würmer.

So starb, ehe er vollendet, der grosse Augenblick.

Der Strick riss, an dem ich hing und ich lag am Boden auf feuchter Erde unter dem Erlenbaum. Die roten Lügen der Welt frassen den heiligen Strick, und die Vollendung starb und alle Erlösung.

Und es gab wieder zwei harte Dinge, die sich stiessen: Ich und das andere. Alles war, wie es einst war, und ich war elender, wie ich gewesen. Nun, da ich alle Himmel weit offen gesehen.

Gesehen — o nur gesehen!

Denn die roten Lügen frassen das letzte, heilige Wasser.

Da wuchs in mir der grosse Hass. Ich sprang auf und griff das Pferd, das neben mir graste. Ich stieg auf das schwere, schwarze Pferd und ritt dahin.

Hinter mir aber und mir zu Diensten ritten die vier gewaltigen Reiter.

Die Krone trug der erste und den sieghaften Bogen und ritt ein weisses Ross.

Das Schwert trug der zweite und ritt ein rotes Ross, der nahm allen Frieden.

Die Wage trug der dritte, die strenge Wage. Das war der, der das schwarze Ross ritt.

Der vierte aber war der Tod. Und er ritt ein fahles Ross und die Hölle flog in seinem Mantel.

So ritten wir und zwanzig harte Hufe stampften auf nackte Leichen. Die vier Reiter schwiegen, ich aber lachte laut durch die dunkle Nacht.

— So war mein Traum. Und es war doch nur das Leben, das ich träumte.

Wie ich aber wach war, schlang ich mit Gier alles, was böse war. Und ich sah, dass alles, was die Hölle gab, gross war und schön, so schön wie das, was aus dem Himmel kam. Nur was die Erde gab, war nicht gut und nicht böse: so war es hässlich und klein.

Ich aber war nur ein Mensch. So blieb ich unrein für des Himmels Brot und blieb doch zu schwach für der Hölle heisses Blut. Und ging und ass die Speise der Menschen und lebte ihr Leben und tat ihre Taten.

Und alles war verfault und verrottet, was ich tat, und mein Atem stank nach verwestem Aase.

Da floh ich noch einmal in die stille Höhle und war allein mit mir selbst drei Tage lang und drei lange Nächte. Und lag krank und zerrissen und verbrannt in giftiger Fäulnis.

Dann aber brach ich alle Ekel aus. Und so, weisst du, ward ich sehr gesund.

Nun bin ich frei. Alle Liebe starb und aller gute Hass. Und nichts gibt es mehr für mich in aller Welt, nichts mehr. — Nur du, mein Tier, lebst noch, ein müder Traum aus der toten Zeit. Wie ein Schatten huscht er vorbei, rasch wie ein Wind — einmal, alle hundert Jahre.

Nun bin ich frei. Alle Ketten fielen und alle Rosen und stark und sicher gehe ich meinen Weg. Ein guter Panzer liegt um mein Herz, und das Feuer muss stark brennen, das ihn schmelzen mag.

Die Ratten flohen und ich bin gefeit.

Den Frieden habe ich und die grosse Ruhe. Das ist das letzte, das ein Mensch erreichen mag. Ich aber habe es, denn ich bin frei.

Und selten, selten nur zeigt die zerschlagene Sehnsucht ihr blutwundes Haupt. Ich lasse sie sagen und singen, und ich denke, dass sie zu einem Fremden spricht. Zu einem, der längst tot ist — nicht aber zu mir.

Nur traurig macht mich ihr seltsam Lied, das ich kaum mehr verstehe.

— Ali, du bist mein lieber Freund. Du bist meine Seele und meine Sehnsucht. Du bist das, was zurück blieb von allem zerschlagenen Glück.

Komm, gib deinen Kopf, lass mich deine schwarzen Locken streicheln, mein altes Tier. Frierst du? Ich will neue Scheite ins Feuer werfen. Glaub mir, es war ein schlimmer Kampf. Aber keiner erschlug mich, und ich sitze da und mein Auge fliegt durch alle Weiten. Nur die alten Wunden bluten und brennen — —«

* * *

Seine Rede erstarb, eng und fest schlossen sich die Lippen. Das Mädchen hob den Blick, und er schien ihr grösser und viel älter. Hoch aufgerichtet sass er da, das Haupt in den Nacken geworfen, die Augen scharf geradeaus spähend. Sein Gesicht war bleich und die Züge herb und hart. Sie erschrak und es schien ihr, als ob er auf den Knien mit beiden Händen ein grosses, nacktes Schwert halte.

Dann sah sie, wie seine Lippen zuckten. Und sie sah, wie sich die Augen trübten und wie zwei Tränen langsam über die hohlen Wangen schlichen. Sie tropften hinab und ihr war, als ob sie wie glühende Nadeln scharf in ihr Herz sprängen.

Sie schluchzte laut und griff seine Hand und grub ihren Kopf in seinen Schoss. Und weich und leicht, wie ein treuer Hund, leckte sie seine Hand.

Er merkte es wohl, er zitterte und wollte die Hand ihr wegziehen. Aber es tat so wohl und so gut, nichts deuchte ihn so schön, wie diese weiche Liebkosung uralter Tage.

»Ali, mein alter Freund!« flüsterte er. — »Mädchen, liebes Mädchen!«

Er hob sie auf, streichelte ihre Wangen. »Du bist sehr gut.« sagte er. Er sah ihre Augen und sah, dass sie geweint hatte. »Um mich?« fragte er. »Warum weinst du um mich? — Das ist wahr, man soll nicht so traurige Geschichten erzählen. Ich will singen, das ist schon besser. Gib mir die Laute.«

Er küsste sie leicht, dann hiess er sie hinausrudern aus den Weiden, weit in den See und den Mondschein. Er winkte ihr, dass sie die Riemen beilegte; dann sang er durch die blaue Nacht. Halblaut, träumerisch — sehnsüchtige Lieder, wie das Mädchen sie liebte.

Er sang für sie und sie fühlte es wohl. Ein leichter Wind trug sie über den See.

Er sang und er sah sie an und sah, dass sie glücklich war.

* * *

Ihr Gesicht, eben noch vom vollen Monde beschienen, verdunkelte sich plötzlich, während die vorgestreckten, gefalteten Hände noch in hellem Lichte erglänzten. Im nächsten Augenblick schien ihr Gesicht wieder hell, aber der Schatten, der sie getroffen, huschte nun über ihn selbst, verliess das Boot, lief über das Wasser und blieb dann, lang und breit, fast in der Mitte des Sees stehen. Verwundert blickte Frank Braun hinauf. Der Mond hing über dem Kamme der Nordseite, sein Schein fiel schräg auf den See, über der steilvorspringenden, überhängenden Platte hin, die die drei grossen Kreuze trug. ›Es ist der Schatten des Christusbildes.‹ dachte er. Aber er irrte sich, die Kreuze standen dicht an der Bergwand, lagen längst im tiefen Schatten.

Da griff das Mädchen seinen Arm, zeigte mit der Hand hinauf zu der Platte: »Dort, dort,« flüsterte sie, »schau dorthin!«

Er folgte ihrem Blick und sah, dicht am äussersten Ende, eine seltsame Gestalt. Sie schien schwarz und ihre Silhouette hob sich scharf von der Wand ab. Sie blieb einen Augenblick stehen, dann glitt sie weiter, immer dem letzten Rande der Platte entlang, ruhig, Schritt um Schritt.

»Rudere hin!« befahl er. Das Mädchen griff in die Riemen, mechanisch, gewohnt seinem Wort zu gehorchen. Aber die Arme versagten den Dienst, zitterten vor Angst. Frank Braun stiess sie fort, nahm selbst die Riemen auf. Sie kauerte vor ihm, umklammerte seine Knie.

Mit raschen Schlägen trieb er das Boot heran, versuchte nach Möglichkeit jeden Lärm zu meiden.

»Es ist der Amerikaner!« flüsterte Teresa. Frank Braun drehte das Boot bei und blickte hinauf.

Ja, es war Mister Peter. Die Augen weit offen, stand er am Abhang. Seine Lippen bewegten sich, die Arme hoben und senkten sich, als ob er eine Ansprache hielte. Das Gesicht schien reglos, ohne Bewegung, und nicht ein Wort kam aus seinem Munde.

Frank Braun fühlte, wie das Mädchen sich an ihn presste. Sie bebte vor Furcht, wimmerte und schluchzte. Er sah, wie sich ihre Lippen öffneten, um ihre Angst gellend hinaus zu schreien. Schnell schloss er ihr mit der Hand den Mund.

»Still, still!« flüsterte er. »Siehst du denn nicht, dass er im Schlaf wandelt? Du wirst ihn wecken und er wird sich zu Tode stürzen!«

Aber es war zu spät. Gellend, qualvoll drang der Schrei aus ihrer Brust, hallte laut wieder von allen Seiten des Tales. Befreit und erleichtert, dann erschreckt über ihre Tat, presste sie sich noch enger an ihn, biss sich fest in seinem Rock.

Der Amerikaner rührte sich nicht; sein Ohr, nur nach innen gerichtet, hatte nichts von dem Schrei gehört. Ruhig blieb er noch eine Weile stehn, heftig predigend; kniete dann nieder und betete inbrünstig mit ausgestreckten Armen. Endlich erhob er sich, ging zurück über die Platte und den breiten Stationsweg hinunter. Frank Braun folgte ihm mit dem Blick, bis er hinter den Büschen verschwand.

Schweigend ruderte er zurück, band das Boot an, trug das schwer auf ihm hängende Mädchen in das Haus.


KAPITEL VI.

Agnis est felicis urbis
lumen inocciduum.

Petrus Damianus,
Erzbischof von Ostia.


»Montez, montez, Voilá l'echelle!«

A. de Musset.


So begann sein Tag:

Er sprang auf vom Bett, pfiff, schlüpfte in den Bademantel. Dann lief er die Treppen hinunter, aus dem Hause und an den See. Mit einem Kopfsprung war er im Wasser. Jedesmal wenn er auftauchte, sagte er: »Pfui Teufel! — Eine Lausekälte!« Aber er badete doch, schwamm weit hinaus in den See.

Später frühstückte er und sass bald bei seiner Arbeit.

Er schrieb:

»Im Anfang war das Gefühl. Und als es die Welt beherrschte, machte es sich alles untertan und nichts herrschte ausser ihm. Dann kam ein Neues: die Vernunft. Schritt um Schritt kämpfte sie mit der alten Macht und gewann doch nie die gewaltige Alleinherrschaft, die einst jene hatte. Denn, lange ehe sie das Gefühl besiegen konnte, erschien eine neue, grössere Kraft, die die beiden alten bedrängte. Schnell schlug die Erfahrung mit starken Schlägen die Vernunft, aber nicht so leicht fertig wurde sie mit der uralten Herrscherin, dem Gefühl.

So steht es nun: kleine Festen verteidigt schwach die arme Vernunft. Grosse Lande aber hält noch zäh fest das blinde Gefühl. Und beiden nimmt ihr Land mit immer neuem Rüstzeuge die unbesiegbare Erfahrung.

Das Gefühl war die Herrschaft der Theologie. Gegen sie trat die Philosophie auf — die Vernunft. Dann aber lernte der Mensch durch Erfahrung, er erforschte die Natur und er fand, dass ihm weder das Gefühl noch die Vernunft die Gesetze dieser Welt erschliessen könnten. Freilich braucht er sie beide und sie mögen ihn wohl führen: erkennen aber mag er nur durch ein Schürfen zu den letzten Wirklichkeiten der Dinge, die aller Erscheinungsformen entblösst sind. So also steht der dreieinige Gott: Gefühl, Vernunft und Erfahrung.

Mit ihm magst du die Welt erobern.

Das Gefühl fragt: ›Woher stammt der Mensch?‹ Und es gibt seine Antwort, die für alles passt: ›Ein Gott schuf ihn.‹ Kommt die Vernunft und sagt: ›Nein. — Und es gibt keinen Gott.‹ Aber sie antwortet gar nicht auf die grosse Frage. Kommt endlich die Erfahrung und lehrt dich, woher der Mensch stamme. Gibt dir eine lange Kette und zeigt dir Glied um Glied seinen Stammbaum. Die Vernunft bläht sich und schreit: ›Es sind Lücken da!‹ Aber die Erfahrung füllt die Lücken, heute eine und wieder eine andere morgen.

Das Gefühl ist schlau, es sagt gar nichts. Es ist blind und hält sich beide Ohren zu.

Das Gefühl predigt sein uraltes Sprüchlein: ›Alle Menschen stammen von Adam und Eva.‹ Die Vernunft aber geht hin und macht Systeme und dünkt sich, wer weiss wie klug. Drei Menschenrassen gibt es auf der Welt, meint der eine, fünf der andere, sieben der dritte, und zwölf der vierte. Hundert Weise machen hundert Systeme und einer nennt den andern einen Dummkopf. Sie haben alle recht.

Aber man soll sie nicht schelten. Wir suchen und schürfen und es nützt uns nichts, wenn nicht irgendein Zufall uns hilft. Da! Du findest einen alten Knochen und weisst nun plötzlich mehr als alle Gelehrten vor dir wussten. Sei nicht hochmütig — weil du Glück hattest.

Denn die Erfahrung allein mag kaum zur letzten Erkenntnis führen. Das Gefühl muss den Weg zeigen und die Vernunft muss helfen, dass man sich nicht verrenne in alle Irrgärten.«

— Er blickte über den Tisch, über grosse Stösse von Büchern und Manuskripten. »Da liegt meine Erfahrung!« dachte er. »Den Weg offenbarte mir das Gefühl — ich weiss, dass er gut ist. — So helfe mir nun die Vernunft!«

Er grübelte, schloss die Augen, stützte den Kopf in beide Hände. Langsam, Stück um Stück, griff er auf, was er zusammengetragen, formte wieder dasselbe grosse Bild. Prüfend sann er über jede Einzelheit, suchte hartnäckig da und dort nach einem Irrwege. Und er fand keinen — so musste wohl alles stimmen. Immer wieder suchte er an einer Stelle einzusetzen, die einen Angriff zu bieten schien — und immer wieder fand er, dass sie fest war.

* * *

Nein — er irrte sich nicht: die Rasse von Cro-Magnon war verschwunden aus Europa. »Schade,« dachte er, »sie war gewiss die beste!«

Riesen waren sie, diese Cro-Magnon-Leute; über zwei Meter hoch schritten sie daher. Um ein Viertel war ihr Schädel grösser als der der andern Rassen ihrer Zeit. Nase und Kinn sprangen vor und sie glichen — zur Zeit des Mammut — schon den Europäern unserer Tage. Grosse Jäger waren sie und treffliche Künstler, heute noch sehen wir im Vezèretale staunend auf den Felswänden die Zeichnungen von Tieren, die sie eingruben zum Ende der Eiszeit. Wir haben ihre Spuren in Spanien, in Frankreich und in Mähren — aber ihre Rasse ist tot und sie sind nicht unsere Väter.

Bleiben die Grimaldi-Menschen, die Galley-Hill-Leute und die vom Neandertal. In den Grotten der Roussé, der roten Felsen von Mentone, fand man, unter einer Reihe von Cro-Magnon-Leuten, zwei Skelette von einem andern Typus. Diese Grimaldirasse erinnerte in ihrem Gebiss an heutige Zuluneger, zeigte auch sonst negroide Anklänge. Nun aber war gewiss, dass zu ihrer Zeit die Trennung Europas von Afrika eine viel geringere war, als sie heute ist. Kein Wunder also, dass Tiere und Menschen der beiden Kontinente einander näher standen. Und auch heute noch fanden sich negroide Anklänge bei den Bewohnern der Länder des Mittelmeeres.

Nichts aber hatte die Grimaldirasse mit den Leuten von Galley-Hill zu tun. Man fand sie nur im Norden, wie man die Grimaldimenschen nur im Süden fand. Und sie waren von ihnen ebenso verschieden wie von der Neandertalrasse der Mitte. Ihr Schädeldach war sehr lang und schmal, höher gewölbt und zeigte keine Augenbrauenwülste. Der Unterkiefer aber trug den Kinnvorsprung, wie bei der edlen Rasse von Cro-Magnon.

Dann, in der Mitte, wohnte in breiter Linie die Rasse vom Neandertal. Nach Norden und Süden mussten sie weit sich ausdehnen, zu ihrer Zeit, als die Alpen vergletschert waren. So fand man die Reste dieser Leute vom Berge überall an den äussersten Enden der Höhen: in den Ardennen, im Bergischen Land und am Neckar, in den letzten Ausläufern des Karst, der Karpathen und der westlichen Alpen. Und es stand fest: der Mensch vom Neandertal und der von Spy, der von Krapina und der von Corrêze — sie gehörten alle zu derselben Rasse, wie der Knabe von Moustier und die Frau von Kerkuelen.

Ein grosses Volk, weit von den Ausläufern der Karpathen bis hin zu den Felsen der Bretagne.

Leute der Berge — — wie heute.

Frank Braun träumte. War denn der Unterschied ein gar so grosser von einst zu jetzt? Drei Millionen und fünfmalhunderttausend Jahre schätzte man — und für diese Zeit schien ihm die Entwicklung unendlich gering. Erinnerten nicht Pietro Nosclere und der kurze, halslose Venier erschreckend an Menschen der Urzeit? Sah nicht der dichtbehaarte, langarmige Knecht des Amerikaners, mit seiner riesigen Wampe und dem furchtbaren Gebiss genau so aus wie ein starkknochiger Zeitgenosse des Mammut? So, vornübergebeugt, wie er hinter seiner Egge ging, mochte er hinein schleichen in die Grotten, sich mit dumpfem Schrei auf den Höhlenbär werfen, in der Hand das plumpe Steinbeil! Er sah ihn, wie er da sass, kauernd, zusammengedrückt, wie er das rohe Fleisch zerriss, die harten Knochen zerschlug an den Felsen und das Mark sog.

Ja, das sollte der kropfige Knecht tun, es stand ihm besser, als seine Seele zu sagen!

Das Tal von Scodra schien ihm ein grosser Käfig zu sein, voll von wilden Tieren. Rings um den See in die Schlüfte und Höhlen stiegen die Väter der Urzeit — und da kroch noch heute ihr Wurf.

Tiere! Tiere!

Er hob den Arm, als ob er eine Peitsche schwänge. — Sie sollen durch den Reifen springen!

* * *

An diesem Tage ging er zu Mister Peter Die Sonne war herunter und die Bauern krochen in ihre Häuser. »Wie die Hühner.« dachte er.

Er ging durch das Dorf, stieg hinauf zum Hause des Amerikaners. Im Garten traf er die Frau, klein und stark, rund überall. Sie grüsste und zeigte zur Scheune hin. »Mein Mann ist im Saal,« sagte sie, »er wird gleich kommen.«

Sie führte ihn ins Haus, bot ihm einen Stuhl. Er sagte ihr ein Lob über die blanken Kupferkessel und Kannen, die über dem Herde hingen. »Das glänzt und leuchtet!«

Sie nickte missvergnügt. »Ich bin es nun so gewohnt. Aber mein Mann sagt, dass ich zuviel Zeit verschwende auf irdisches Tun und zu wenig aufwärts blicke zum Herrn Jesus.« Sie begann zu reden. Es war immer »Mein Mann!« und »Mein Mann!« Unaufhörlich wie weisses Mehl floss das »Mein« aus ihrer Mundmühle.

Frank Braun unterbrach sie. »Sag einmal, ist dein Mann auch bei Nacht so fromm? Da schläft er doch?«

Die Bergamaskin schüttelte den Kopf: »Ja, aber auch im Schlafe vergisst mein Mann den Herrn nicht. — Dann steht er plötzlich auf vom Bett, kniet nieder und betet. Mein Mann ist so fromm. Manchmal geht mein Mann auch hinüber in den Saal oder gar ins Dorf, mitten in der Nacht. Und er kommt wieder und legt sich zu Bett und weiss am Morgen nichts von alledem. Mein Mann —«

Plötzlich stand sie erschreckt auf. »Da kommt er.« flüsterte sie.

Sie öffnete ihm die Türe. »Der Herr Doktor ist da!« Dann stellte sie eine Kerze auf den Tisch und schlich leise hinaus.

Pietro begrüsste ihn, mürrisch, zurückhaltend. Er trug den Kopf gesenkt, sah ihn scheu und giftig von unten her an.

Frank Braun dachte: »Warte nur, mein Tier, du sollst schon tanzen lernen.« Er schrie ihn an: »How's business?«

Mister Peter fuhr zusammen, duckte sich wie unter einem Peitschenhieb. Dann, lächelnd, sauer und süss zugleich, sagte er: »Danke.« Er wagte nicht einmal sich zu stellen, als habe er den Fremden nicht verstanden, der sein heiliges Tun ein Geschäft nannte. »Danke, alles ruht in des Herrn Hand. Ich bete zu ihm, dass er mein Werk segnen möge.«

Frank Braun sagte: »Der Herr wird dein Werk nicht segnen. Er verlangte mehr als Gesang und Gebet.«

An sich selbst zweifelnd, halb überzeugt von dem bestimmten Tone des Fremden hob Pietro den Blick. »Was verlangt er?« fragte er scheu.

Frank Braun schwieg. Alles was der Amerikaner tat in seinen Versammlungen, war ein sinnloses Nachäffen seiner Pennsylvaniasekte. Dieses Singen und Predigen, dies Beten und Seelesagen und Musikmachen konnte ja nur den einen Zweck haben: Glauben zu wecken. So mochte es gut sein für protestantische Massen, die den Glauben verloren hatten, mochte stumpfsinnige Haufen, die längst der Kirche den Rücken kehrten, mit seinem Lärm wieder für eine Weile zum Kreuze locken, so wie die Trompete des Ausschreiers die Leute in die Jahrmarktsbuden trieb! Was aber sollte es hier? Alle diese Tiere von Val di Scodra standen in ihrem Glauben fest wie ihre Berge; nie war ihnen irgendein Zweifel aufgestossen an alle dem, was sie einst aus den Zitzen der Mutter sogen.

Glauben für Val di Scodra! Er wuchs ja in allen Ritzen, wucherte mächtig von den Wänden und erstickte das Tal.

Nein, dieses Volk brauchte ein anderes. Wenn es überhaupt irgendwo eine Sehnsucht hatte, unbewusst verlangte nach einem Ereignis, das die träge Leere der Alltagsjahre unterbrach, so konnte das nur eines sein, das Wunder.

— Er legte dem Amerikaner die Hand auf die Schulter; seine Stimme klang weich, still und doch seltsam eindringlich.

»Höre, Pietro Nosclere! Der Herr verlangt ein Wunder von dir.«

Entsetzt starrte ihn Mister Peter an. »Ich soll ein Wunder tun? — Ich? — Menschen tun keine Wunder.«

Frank Braun antwortete: »Versündige dich nicht! Lies die Geschichte der Heiligen — dann weisst du, dass auch Menschen Wunder tun. — Du sollst ein Wunder tun und du kannst es, Pietro. Du bist Elias!«

Pietro starrte ihn an, regungslos, unfähig einer Antwort. Der Deutsche fuhr fort: »Ja, du bist Elias. Elias, der Prophet. Weisst du nicht, dass die Seelen der Heiligen in einen neuen Körper schlüpfen können, wenn es der Herr befiehlt? Du trägst die Seele des Elias!« Seine Worte kamen langsam, gewiss, keinen Zweifel duldend. »Nicht umsonst hat der Herr dich so seltsam begnadet auf deinem Lebenswege. Er führte dich hinüber über das grosse Meer, liess dich in langen Jahren bitter arbeiten um dein täglich Brot. Dann leitete er deine Schritte in die Gemeinde deiner Brüder, dass das Licht seines Geistes dich erleuchte. Und in seiner unermesslichen Gnade gab er dir ein grosses Geschenk und machte dich zum reichen Manne.«

Mister Peter nickte stumm. Jedes Wort ging ihm ein, grub sich tief in die Windungen seines Hirns.

Der andere fuhr fort: »Aber der Herr hatte Grösseres mit dir im Sinne. Da trieb er dich fort von dem fremden Lande: du solltest im Tale deiner alten Heimat sein Reich verkünden und des Heilandes Gnade. Und hier, während du schliefest, senkte er in deinen Leib die Seele seines frommen Dieners Elias.«

Pietro taumelte wie berauscht, hielt sich fest an der Kante des Tisches. »Es ist wahr,« flüsterte er, »ich träume in jeder Nacht vom Blute des Lammes. Und meine Frau sagt, dass ich aufstehe und im Schlafe wandele.«.

»Ja.« nickte Frank Braun. »Aber nicht du bist es, es ist Elias, der Prophet, der in dir wohnt. Er steht auf und preist den Herrn im Schlaf. Und er sinnt, wie er das Reich und die Herrlichkeit verkünden könne, und ausbreiten hier auf Erden.« Er neigte seinen Kopf und sah ihn starr an. »Pietro Nosclere, du bist ein Auserwählter!«

Der Amerikaner vermochte sich kaum aufrecht zu halten. Seine Arme bebten in kurzen Stössen, dünner Geifer floss aus den halboffenen Lippen. Aber sein Blick leuchtete in stolzer Seligkeit, verlor sich in verwirrten Vorstellungen vom höchsten Herrn, dessen Mantel er trug. Er hörte nicht mehr, was der andere sprach, seine starren Augen erblickten des Reiches Herrlichkeit.

Frank Braun schüttelte ihn ärgerlich. »Komm zu dir, Pietro, ich spreche mit dir!«

Herausgerissen, verwirrt, schielte er misstrauisch auf den Deutschen. — Was wollte dieser Fremde, dieser Ungläubige? Wie sass er da vor ihm, kalt, lächelnd, blies ihm den Rauch der Zigarette ins Gesicht? Ihm — der Elias war, der Prophet!

Frank Braun schlug ihm leicht aufs Knie. »Du sollst zuhören, Pietro, verstehst du mich?«

— Ja, er musste zuhören, das merkte er wohl. Er fühlte, dass der Fremde die Nebel zerriss, die vor seinen Augen lagen und dass er ihm den Weg zeigte, den er gehen sollte. — Aber gerade deshalb hasste er ihn. Er glaubte jedes Wort, das der andere sprach und allmächtig wuchs in ihm die grosse Verehrung, die er selbst vor sich haben musste, wie alle Welt. Vor ihm, dem Propheten, dem Auserwählten des Herrn!

Da aber sass vor ihm dieser hergelaufene Doktor, der schmählich versagt hatte bei der kranken Frau, die er selber geheilt. Dieser ungläubige Hund, der laut gelacht hatte in der Versammlung, als sein Knecht Scuro seine Seele sagte. Da sass er und mit jedem Blick, und mit jeder Geste zeigte er ihm seine grenzenlose Nichtachtung.

Er knirschte mit den Zähnen. Warum gerade der ihm gesandt wurde? — — Dann besann er sich. »Die Wege des Herrn sind unerforschlich.« murmelte er. Er neigte sich, sagte klanglos: »Sprechen Sie, Doktor, was soll ich tun?«

Frank Braun sah das verzerrte Gesicht und er las wohl, was jener dachte. Es reizte ihn, ihn zu kränken, es zuckte in seinem Fusse, als ob er ihn treten möchte.

»Bring Wein!« befahl er.

Der Amerikaner blickte auf, er fühlte die Peitsche. »Herr,« stotterte er, »ich habe keinen Wein. Es war nie ein Tropfen in meinem Hause.«

»Nicht?« sagte Frank Braun gleichgiltig. »So geh zum Wirtshause des Raimondi. Schläft er, so weck ihn auf: er wird sich freuen, dir Wein zu verkaufen.«

Mühsam erhob sich Pietro. Seine Fäuste krallten sich; wie ein geschlagener Hund schlich er zur Türe.

Frank Braun lachte ihm nach. Hell, kurz, wie er damals gelacht hatte, als der Knecht seine Seele sagte.

Er zündete eine frische Zigarette an und dachte nach, was er dem Amerikaner sagen sollte. Er nickte und sagte halblaut: »Ja, so wird es gehen!«

* * *

Mister Peter brachte den Wein. Er stellte schweigend die Flasche auf den Tisch und ging, ein Glas zu holen.

»Zwei!« rief Frank Braun.

Jener gehorchte und der Deutsche zwang ihn, mit ihm anzustossen. Er musste sein Glas leeren und sich gleich ein neues eingiessen.

»So, Pietro, nun wirst du mich besser verstehn!«

Der Amerikaner biss sich auf die Lippen und presste die Hände ineinander. Man sah, welche Mühe er sich gab, den Worten des Fremden zu folgen, jeden Gedanken zu verstehen und recht fest sich einzuprägen. Der ungewohnte Wein erhitzte ihn, liess ihn alles, was jener sagte, noch klarer, noch natürlicher erscheinen.

Aber ehe Frank Braun begann, fragte er ihn: »Pietro, liebst du mich?« Da der andere schwieg, fuhr er fort: »Du weisst doch, man soll seinen Nächsten lieben, wie sich selbst.«

Der Amerikaner blickte zu Boden, wand sich wie ein Schulbube. Aber der Deutsche schenkte ihm nichts. »Du wirst die Wahrheit sagen, Pietro! — Gleich im Augenblick. — Liebst du mich?«

Da stammelte er: »Nein, Herr, — ich glaube nicht.«

Frank Braun lachte. »Nun, es ist auch nicht nötig — wenn du nur gehorchst! Und du musst mir gehorchen, denn niemand wird dir den Weg zeigen, wenn ich es nicht tue.« Mister Peter seufzte, er fühlte wohl, dass es so war.

»So höre zu, Pietro.« fuhr Frank Braun fort. »Was hast du getan in deinem Heimatdorfe? Du hast den Leuten den Glauben gepredigt — aber es war niemand da, der ungläubig war. Du hast von der Busse geredet — und sie alle waren bussfertig, längst ehe du kamst. Du hast sie bestimmt, ihre Sünden zu bekennen, öffentlich, vor der Gemeinde — aber meinst du, dass das genüge vor den Augen des Herrn? Du hast sie weiter vermocht, dem Wein zu entsagen — wer möchte leugnen, dass es ein wohlgefälliges Werk sein! Aber glaube mir, Pietro, der Herr verlangt mehr. Und auch die, die dir folgen, werden bald genug dessen überdrüssig sein, was du sie lehrst. Auch sie verlangen ein Grösseres von dir! Du hast sie aufgefordert, den Teufel zu bekämpfen und du hast ihnen versprochen, du wollest ihn verjagen. Doch was war dein Rüstzeug? Gesang und Gebet — hölzerne Waffen! — Ich aber sage dir, Pietro, der Teufel schert sich nicht um Singen und Beten, er lacht dabei und bleibt ruhig hocken hinterm Ofen. — Willst du ihm zuleibe gehen, so brauchst du ein besser Werkzeug!

Wo aber ist die Rüstkammer, die dir Waffen geben kann, stark genug gegen des Satans Macht?

Merke auf, Pietro Nosclere, ich will sie dir zeigen, ich, der ich die Welt kenne und all ihre Tiefen. — Siehe, ich führe dich ein in das Leben der Heiligen.

Wie sagt Sankt Paulus, der Apostel? ›Ich kasteie meinen Leib und zähme ihn, dass ich nicht andern predige und selbst verwerflich werde!‹ — Auch du predigst, Pietro, aber wann je hast du deinen Leib kasteit?

Ich will dir eine Geschichte erzählen, die uns Sankt Vincent berichtet. In dem Kloster des Heiligen Sylvester, bei Urbino, starb vor nun siebenhundert Jahren ein Mönch. Wie immer sangen die Brüder die Totenklagen, Lieder und Psalmen; als sie aber zum Agnus Dei kamen, stand der Tote auf. Alle drängten sich um ihn, zu hören, was er sprechen möchte, er aber fluchte und lästerte Gott, das Kreuz und die heilige Jungfrau. Die Qualen der Hölle seien so grausam, sagte er, und kein Beten und Singen könne ihm helfen. Sie beschworen ihn, zu bereuen; doch aus seinem Munde kamen immer mehr grässliche Flüche. Da beschlossen die Mönche für seine Seele zu beten; zuletzt aber, als alles nichts half, zogen sie die Kleider aus, griffen die Geisseln und schlugen sich. Da endlich kehrte dem verzweifelten Toten die Vernunft zurück, er bereute seine Fehler und betete um Vergebung. Und so lebte er und lobte und pries Gott den Herrn, bis zum nächsten Tage.

Verstehst du den Sinn der Geschichte, Pietro? Was Gesang und Gebet nicht gelang, das erreichte die Geisselung: sie trieb den bösen Feind aus dem Leibe des armen Klosterbruders.

Das ist der Weg, den uns die Heiligen weisen. Franziskus von Assisi kannte ihn wohl und seine Geissel riss schwere Wunden in sein Fleisch und in das seiner Brüder und Schwestern. Sankt Dominikus von Guzman schlug sich, bis er bewusstlos umsank; aber die Mutter Gottes selbst pflegte seine Wunden. Wenn er sich kasteite, war die Luft voll von bösen Geistern, die heulten und fluchten, weil durch die Taten dieses Mannes viele tausend Seelen dem ewigen Feuer entrissen wurden. Johannes Tauler war sein Schüler und die Zierde seines Ordens; er schwang die Peitsche nicht weniger stark wie sein Herr. Und so handelte Sankt Ignaz von Loyola und führte die Geissel gegen den sündigen Leib.

Höre, Pietro, auf die Lehre, die uns Sankt Johannes von Nitria gibt. Das Blut, sagt er, das dir die Geissel entlockt, vermischt sich mit dem Blute des Erlösers, vergossen am Kreuze, um dich zu retten. Selbstkasteiung macht alle Beichte überflüssig und ist verdienstlicher selbst als der Märtyrer Tod, denn sie ist freiwillig, jener aber erzwungen. Sie ist eine neue Taufe und eine Taufe im Blute des Lammes: in seinem eigenen Blute sollte jeder wahre Christ getauft sein. Selbstgeisselung bewirkt die Vergebung aller früheren und zukünftigen Sünden, sie ist besser als alle guten Werke.

So war dieses heiligen Mannes Lehre.

Vater Achatius, ein frommer Kapuzinermönch des Klosters zu Düren ruft uns zu: ›Unfähig ist der Mensch, des Fleisches Wünsche zu beherrschen. Aber wenn auch der Leib sündigt, so mag doch die Seele dem Herrn dienen. Die Seele gehört Gott und der Leib der Welt. Von oben her spricht zu dem Menschen Gott und von unten her die Welt, jedes verlangt sein Teil. Durch die Geisselung des Leibes aber wird die Sünde, welche die Welt dem Menschen befiehlt, weggewaschen und vergeben.‹

Glaube aber nicht, Pietro Nosclere, dass nur heilige Männer ihren Leib demütigten und kasteiten! Schwache Frauen standen nicht hinter ihnen zurück und oft öffnete sich der Himmel dem Anblick ihrer Wunden.

Sankta Teresa, die den Orden der Karmeliter gründete, war die erste, die neben dem Gebetbuche die Geissel trug. Kaum sieben Jahre alt las sie das Leben der Heiligen, das du, Pietro, heute noch nicht kennst. Mit ihrem kleinen Bruder beschloss sie unter die Heiden zu gehen, um den Märtyrertod zu erleiden. Die Eltern hielten sie zurück und das fromme Kind führte nun das Leben eines Einsiedlers. Eben erwachsen, ging sie ins Kloster, da wurden das härene Gewand, die Rute und die Geissel ihre einzigen Freunde. Nur eine Wonne empfand sie: zu schlagen und geschlagen zu werden; sie hätte ihr Leben darum gegeben, die ganze Welt zu geisseln oder sich geisseln zu lassen von der ganzen Welt! Und ihr herrliches Beispiel fand grosse Nachahmung bei allen Mönchen und Nonnen des Klosters, alle wetteiferten darin, die Geissel zu führen und so zum Reiche des Herrn zu gelangen. Täglich kasteiten sich alle, und manche zwei- und dreimal am Tage. Die fromme Schwester Maria, der die Geissel nicht genügte, schlug sich mit einem Feuerhaken, Bruder Alexander gar mit glühenden Eisen.

Noch frommer aber war Schwester Caterina von Cardona. Sie trug ein härenes Gewand und eiserne Ketten, die tief in ihr Fleisch schnitten. Sie lebte als Einsiedlerin tief unten im Keller, schlief auf dem feuchten Grunde, einen Stein zum Kopfkissen. Sie hatte viele Instrumente sich zu kasteien, und peitschte sich ununterbrochen drei Stunden lang. Sie stach sich mit Nadeln und Dornen und verbrannte ihr Fleisch; selbst in der Nacht schlief sie kaum, sondern fuhr fort in ihrem heiligen Werke. Wenn der fromme Bischof Eulogius von Biserta nur ihren Namen hörte, so weinte er vor demütiger Ehrfurcht.

Eine andere Schwester der Karmeliterinnen war Maria Magdalena dei Pazzi aus Florenz. Sie begann mit zehn Jahren sich selbst zu kasteien. Im Kloster geisselte sie sich viermal am Tage und schlief mit einer Dornenkrone um den Kopf und einen Stachelgürtel um den Leib. Als der Bischof die fromme Nonne bat, einen Wunsch zu äussern, bat sie darum, Sonntags nackt am Altare festgebunden und ausgepeitscht zu werden. Und Gott blickte gnädig auf ihre Demut und nahm das Opfer ihres Blutes wohlgefällig auf. Oft ward sie begnadet mit Visionen und sah weit offen den Himmel und seine Herrlichkeit.

Mutter Pasidea von Siena, die zum Zistercienserorden gehörte, war nicht weniger streng. Sie schlug sich mit Eisenstücken, schlief im Winter im Schnee und im Sommer in Nesseln und Dornen. Wenn die Geissel ihre Haut in Fetzen riss, liess sie Salz und Essig in die Wunden giessen. Sie peitschte ihren Leib mit Dornenzweigen und lag auf Steinen und harten Erbsen. Auch ihr war durch die Geissel die Gnade gewährt, den Herrn Jesus mit eigenen Augen zu schauen, gleichwie der frommen Schwester Elisabeth von Genton.

Clara Seiffo war die fromme Freundin des Sankt Franziskus von Assisi, und wie er ihr die Gunst gewährte, ihren nackten Leib mit Ruten zu streichen, so geisselte sie den Leib des Heiligen. Sie beteten zusammen, sie peitschten einander, und beiden erschien zum Lohne die Madonna mit dem Kinde.

Isabella, König Ludwigs XIII. von Frankreich Tochter, gründete den Orden des Heiligen Urban; sie selbst und ihre Schwestern nahmen täglich das Brot der Geissel. Maria Laurentia Longa gründete in Neapel die Kapuzinerinnen und man sagt, dass keine Stelle auf ihrem Leibe und dem ihrer Schwestern gewesen sei, die nicht bedeckt war mit Blut. Ihrem heiligen Beispiele folgte Louise von Lothringen in Marseille, Johanna von Valois in Paris, Angelina von Kortain in Foligny und Beatrice de Portalegre in Madrid. Nie ruhten die Peitschen in diesen frommen Händen.

Sankt Benedikt hat uns gesagt, dass nur die Geissel das Gehör schärfen könne für die Worte, die Gott der Herr zu uns spräche. Zu seinen Nachfolgern gehörte Königin Anna von Oesterreich, die sich oft peitschen liess von frommen Männern.

Soll ich dir noch mehr Namen nennen, Pietro? Die Geschichte der Heiligen ist voll von frommen Männern und Frauen, die wohl wussten, welche Gnade der Herr in die Geisselschläge legte und in ihre Wunden.

Er denkt daran, wie die Juden seinen Sohn Jesum wegrissen von des Landpflegers Pilatus Haus. Wie ihn die Kriegsknechte banden und auszogen, wie sie ihm eine Dornenkrone aufs Haupt setzten, ihn bespien und schlugen. Und es ist wohlgefällig in den Augen des Herrn, wenn die Frommen freiwillig die Schmach und die Qual ertragen, die sein geliebter Sohn erlitt, um der Welt Heil willen.

Das ist der Weg, der zum Lamme führt, und es gibt keinen andern, ausser ihm.

Alle Heiligen gingen diesen Weg und allen zeigte sich der Herr und gab allen die Gnade des Wunders.

Fiel nicht auf einen Wink Sankt Benedikts der Tempel des Heidengottes Apollon in Monte Cassino in Trümmer? Tat nicht Sankt Ignatius allein über zweihundert Wunder? Und wer mag die zählen, die Sankt Franziskus wirkte?

So nimm die Geissel und peitsche deinen Leib, Pietro Nosclere, der du Elias bist, der Prophet!«

Frank Braun schwieg. Der Amerikaner starrte ihn an; seine Lippen bewegten sich stumm, dann die Zunge; es schien, als ob er die Sprache verloren hätte. Und mühselig, stotternd, rissen sich die Worte los: »Herr — Herr — — wer bist du?«

»Dummes Vieh!« fuhr ihn der Deutsche an. — Dann goss er ein Glas voll Wein und drückte es ihm an die Lippen. »Da — trink! — So! — Wer ich bin, geht dich nichts an, du Narr! — Denk du nach über das, was ich dir sagte, es ist genug für dein Hirn.«

Er stand auf und wandte sich zum Gehen. »Noch etwas will ich dir sagen, Pietro, und merk es dir wohl! Das ist wahr, was dich deine Brüder in Pennsylvanien lehrten, dass der Alkohol ein Gift sei und dass der Teufel darin wohne. Und du tatest recht, als du predigtest, wie sie, dass man den Wein fliehen sollte und nicht einen Tropfen trinken. Doch eines vergassest du: dass in der Hand des Gesalbten, wenn er vor der Gemeinde zu den Füssen des Herrn steht, der Wein sich verwandelt in das Blut, das der Heiland vergoss für der Menschen Wohl. Du hast vergessen, was du so oft sahst, wenn du zur heiligen Messe gingst. Und sie alle hier, deine Brüder und Schwestern, hast du betört, und alle haben vergessen das grosse Mysterium der heiligen Wandlung. Nun, Pietro, in dir wohnt des Herrn höchster Diener, du bist ein Erwählter und Gesalbter und in deiner Hand muss sich des Teufels Saft zum Blute des Erlösers wandeln. Nicht hier freilich — nicht jetzt, wenn du trinkst, was ich dir gebe! Jetzt trinkst du des Satans unreines Gift! — Aber wenn du in der Versammlung stehst, dann wandelt sich, so gut wie in jedes Priesters Hand, auch in der deinen der Wein. Und dann sollst du ihn trinken und sollst ihn deinen Brüdern und Schwestern geben, dass auch ihr Leib teilhaftig werde der geheimnisvollen Gnade des Blutes des Lammes.«

Er griff das Glas, füllte es von neuem und nippte daran. Dann fuhr er fort: »Merke es dir, Pietro! — Aber nun, mein Prophet, nimm aus meiner Hand des Satan Mekatrig glühendes Gift! Da, setze deine Lippen hierhin, wo ich getrunken, und leere dies Glas!«

Der Amerikaner sprang auf und stiess ihn zurück. Dann lief er fort, aber Frank Braun vertrat ihm die Türe. Angstvoll duckte Pietro sich in die Ecke des Zimmers hinter der Bank.

»Nein, nein, ich will nicht! Geh fort! Lass mich!«

Frank Braun ging auf ihn zu, das Glas in der Hand. Er sagte: »Ich weiss, dass du nicht willst, Pietro. Aber du musst! Hörst du: du musst!«

Er gab ihm das Glas, zitternd brachte es Nosclere zum Munde. Er nahm einen Schluck, spie ihn wieder aus, die Lippen brannten ihm wie höllisches Feuer.

»Du musst trinken.« beharrte der Deutsche.

Und Mister Peter trank. Seine Beine schwankten, die Augen verdrehten sich. Das war flüssiges Blei, was ihm durch den Hals rann.

»So ist es gut,« sagte Frank Braun. »Gute Nacht!«

Dann ging er.

* * *

Pietro Nosclere kauerte in seiner Ecke. Die Beine schlotterten, versagten den Dienst; wie ein Sack fiel er zusammen. »Er hat mich vergiftet!« stöhnte er. Er kroch auf allen vieren an den Tisch, richtete sich mühsam auf, nahm die Flasche und zerschlug sie an der Kante.

Seine Eingeweide brannten. Er presste die Hände auf den Leib, glaubte zu verbrennen von innen heraus. Es war der Teufel, der in ihm steckte und ihn marterte. Sein Leib schwoll zu einer gewaltigen Kugel und darin sass grinsend der Satan, wieherte laut und schlug Purzelbäume. Er war ein schwarzer Riese und seine Krallen waren lang und hart wie Stahl. So griff er in seine Därme, stiess mit den spitzen Hörnern und blies Rauch und Feuer. Pietro fühlte, wie ihm der giftige Qualm aufstiess in die Gurgel, wie der Glutatem aus seinem eigenen Munde drang. Er heulte, wälzte sich am Boden, als könnte er so das Feuer ersticken, das seinen Leib verbrannte. Aber der Satan griff hinauf, stiess ihm den spitzen Nagel des Daumens von unten in den Kopf: da drehte sich Pietro um sich selbst wie ein tollwütiger Hammel.

Er spürte, wie der Teufel von innen her ihn zusammenzog, den Kopf herunterriss und die Knie hochzog zu den Schultern. Wie ein Knäuel, wie ein runder Ball, lag er da; so wollte der Feind in ihm ihn nun vorwärts rollen — die Treppe hinunter und zum See, tiefer, immer tiefer, hinein in das höllische Feuer. Dann würde er platzen mit lautem Krach, und Beelzebub würde wieder hinausspringen aus ihm, mit höllischem Gelächter, mitten unter seine schwarzen Gefährten.

Mit letzter Kraft warf sich Pietro auf die Knie.

»Herr Gott im Himmel hilf deinem Diener Elias!«

Da geschah es, dass der Satan aus ihm fuhr. Es riss ihn vorne über, wie eine dicke Kugel stieg es ihm hoch in die Kehle. Es presste und würgte, dann riss es seinen Mund weit auf. Und durch die Zähne, mit Unrat und Gestank, sprang der Satan, den des Herren Name verjagte —

Er spie —

* * *

Als Frank Braun die Türe des Hauses schloss, sah er im Schatten der Bäume eine Gestalt; er erkannte Teresa. Er pfiff ihr, wie einem Hund. Sie flog auf ihn zu, hinter ihr kam in grossen Sprüngen die Ziege Marfa.

»Ihr habt auf mich gewartet?« fragte er. »So lange?«

»Ja.« sagte das Mädchen. »Verzeih mir.«

Er streichelte ihre Wangen. Er legte einen Arm um ihren Hals, die andere Hand ruhte auf dem Kopfe der Ziege.

Und er wusste, dass sie beide glücklich waren.

So gingen sie nach Hause.


KAPITEL VII.

Sie war eine Blume zu Saron
und eine dunkle Rose im Tale.

Hohelied.


Die rauhe polternde Stimme des Gendarmen rief vor dem Hause; Frank Braun trat ans Fenster. — Er sah den breiten Leib Aloys Drenkers sich herschieben, der sein kräftiges Pferd am Zügel führte. Auf dem Sattel hing, wie zwei alte Säcke, die übereinander lagen, die Bettlerin Sibylla Madruzzo.

»Halloh!« rief er herunter. »Was ist mit ihr geschehn?«

Drenker schwenkte grüssend den Arm. »Nichts!« antwortete er. »Was soll geschehen sein? Sie ist meine alte Freundin und immer, wenn ich abends zum Dorfe komme, hebe ich sie aufs Pferd oben auf der Strasse. Da kommt sie bequemer herab mit ihren steifen Knochen.«

Der Knecht und Teresa halfen der Alten vom Pferde; sie nickte dankend mit dem Kopfe. Drenker lud sie ein mit hineinzukommen sie solle essen und einen Schluck Wein trinken. Aber sie wehrte heftig ab, kroch mühselig an ihrem kurzen Stabe ins Dorf hinein.

»Die Sibylla trinkt nicht mehr.« erklärte das Mädchen. »Sie hat jetzt auch das Heil gefunden, das der Amerikaner predigt.«

»Sie auch?« Der Gendarm sah ihr nach. »Arme Frau!« Dann rief er hinauf zu Frank Brauns Fenster: »Ich habe Ihnen etwas mitgebracht, Doktor! Kein Mensch soll sagen, dass Aloys Drenker sein Wort nicht halte!«

Teresa kam auf sein Zimmer und brachte ihm wohlverpackt den blankgeputzten Helm. »Hier ist noch etwas.« sagte sie zögernd. »Ein Brief des Pfarrers — er hat ihn Herrn Drenker mitgegeben!«

»So?« lachte er. »Für mich? — Nicht für dich?«

Sie senkte den Blick. »Nein, es steht Ihr Name darauf.«

Er nahm den Brief. »Hast du ihm denn nicht mehr geschrieben?«

Sie schüttelte den Kopf. »Nein.« Ihre Stimme klang ein wenig beschämt. Dann ging sie hinaus.

Er öffnete den Brief und las ihn. So schrieb der Pfarrer:


»Mein lieber Herr! Ich bin beunruhigt, weil ich nichts höre von Val di Scodra; Teresa Raimondi hat in all der Zeit nicht geschrieben, seit sie zum letzten Male zur Beichte kam. Das Mädchen hat Ihnen ja gewiss gesagt, dass sie mir beichtete, so wissen Sie, dass ich ein Mitwisser Ihres Geheimnisses bin. Ich kann zu Ihnen, lieber Herr, ja nicht sprechen wie ein Priester und wie zu meinen Beichtkindern, aber lassen Sie mich zu Ihrem Herzen sprechen, als ein alter Mann, der nichts weiter mehr auf dieser Welt zu tun hat, als zu versuchen, nach seinen schwachen Kräften ein wenig Elend zu lindern und ein wenig Gutes zu stiften.

Ich wäre selbst gerne, trotz allem, nach meinem Heimatdorfe gefahren, um nach dem Rechten zu sehen, ich habe das ungewisse Gefühl, als ob irgend etwas Böses sich da vorbereite. Aber der Bischof, dem ich meinen Wunsch noch einmal vortrug, hat es mir ausdrücklich verboten; ich dürfe nicht eher hin, als bis die Gemeinde selber wieder nach ihrem Hirten rufen würde. Sie kennen ja seine Grundsätze.

Nun war Teresa mein einzig treues Schäflein in dem Tale der Teufelsjäger — wolle Gott, dass der Satan, den sie vertreiben wollen, nicht die Rolle umkehre und aus den Jägern ein hilflos Wild mache! — Teresa aber ist mir genommen durch Sie, lieber Herr. Es liegt mir durchaus fern, Ihnen Vorwürfe zu machen, über die Sie ja doch nur lachen möchten. Ich habe das alles in Gottes gütige Hand gestellt, und Sie mögen mir glauben, dass mein Gebet ebenso warm wie für mein armes Beichtkind, auch für Sie, lieber Herr, zum Himmel dringt.

Mein heisser Wunsch — und einen glühenderen habe ich seit langen Jahren nicht gehabt — ist der, dass der Höchste alles zum Guten wenden möge! War ich es doch, der Sie, lieber Herr, nach Val di Scodra sandte — und so ist meine Schuld eine nicht geringere, wenn — etwas geschähe — —

Ich weiss ja nicht, was eigentlich geschehen könnte und ich schelte mich aus und nenne mich einen Dummkopf, dass ich mir solche Sorge mache um ein Nichts. Es ist nur diese graue, trübe Ahnung, die mich nicht loslässt und Tag und Nacht verfolgt, Und eine Schuld an dem Unglück — das des Himmels barmherzige Güte gnädigst verhüten möge — trage ich noch weit mehr, wie Sie wohl wissen, lieber Herr! Als ich mein armes Beichtkind so qualvoll elend zu meinen Füssen sah, als ich sah, wie sich ihre junge Seele verzehrte in dieser heissen Liebe zu Ihnen, lieber Herr, wie alles in ihr schrie, sie nicht wegzureissen von dem Wege, der ihr höchste Seligkeit schien auf Erden, da — Sie wissen es ja — stiess ich sie nicht zurück.

Wenn ich heute ruhig überdenke, was ich tat in jenem verhängnisvollen Augenblicke — und ich denke hundertmal am Tage daran — so scheint mir, dass ich ein schweres Unrecht beging an dem armen Kinde. Nun liegt sie frei in Ihren Armen, und ich selbst war es, der ihr den Segen gab. Und doch, wenn ich mir den Moment wieder vergegenwärtige, mich ganz zurück versetze in diesen Augenblick, so glaube ich, würde ich wieder so handeln. So werfen mich meine Gefühle hin und her und ich kann kein Ende finden.

Ich denke auch, lieber Herr, an unsere Unterredung, als ich Ihnen von Val di Scodra sprach. Vielleicht habe ich das, was Sie so hinwarfen im Gespräche, viel zu ernst genommen — oder vielmehr, es kommt mir jetzt erst, wenn ich, fast gegen meinen Willen, mich immer damit beschäftige, viel ernster vor, als es wohl gemeint war. Ich grübele vergebens darüber nach, was ich denn eigentlich befürchte, und was Sie, lieber Herr, denn in meinem Heimattale gar so Schlimmes anrichten könnten! Aber ich kann mir gut sagen, dass ich mich grundlos fürchte und dass Sie gewiss den armen Verblendeten von Val di Scodra nicht einen Streich spielen werden — — es ist, als ob mich diese unheilvolle Ahnung nicht loslassen wolle. Und ganz ähnlich geht es mir, wenn ich an mein Beichtkind denke. Freilich ist Ihr Verhältnis zu Teresa unerlaubt und ein Greuel vor dem Herrn — verzeihen Sie, lieber Herr, einem alten Priester, wenn er zuweilen in seiner Sprache spricht. Ich kenne die Welt ja ein wenig und ich weiss sehr gut, dass man nicht jedes Schäflein nach demselben Kamme scheeren darf. Teresa liebt Sie und diese Liebe ist das Glück ihres Lebens — vielleicht das einzige, das sie je haben wird. Hatte ich das Recht, ihr dieses kurze Glück zu rauben? Was durfte sie erwarten in dem weltverlassenen Tale unter den rauhen Bauern ihrer Heimat? Ein langsames Verblühen und Sterben — wie ihre arme Mutter. Und der Zufall, der Sie, lieber Herr, in das Tal warf, gab ihr ein Glück, das sie nie vergessen wird, so kurz es auch sein mag und so alt sie auch werden wird.

Keiner aber, glauben Sie mir, lieber Herr, gönnt ihr dieses Glück mehr wie ihr Beichtvater. So sehr, dass ich mich über alles, was die Religion, was die Sitte der Welt verlangt, hinweggesetzt habe, ich, ein Priester! — Und ich würde mich belohnt sehen, wenn ich für einen Augenblick nur die völlige Gewissheit haben könnte, dass es wirklich ihr Glück wäre!

Aber sehen Sie, lieber Herr, je mehr ich denke und grüble, je mehr ich mich eingrabe in diese Gedanken, um so mehr wächst meine trübe Furcht. Ich wehrte mich dagegen, so gut es geht, aber es hilft nichts; immer fester nistet sich der Gedanke in mein Hirn, dass Ihre Anwesenheit im Tale ein Böses bringen wird für Teresa wie für das Dorf. Noch ist nichts geschehen, aber irgend etwas — Furchtbares — kann — ja, wird geschehen! Und ich, ich trage letzten Endes die Schuld daran!

Nennen Sie mich einen alten Narren, lieber Herr, sagen Sie mir, dass ich auf meine alten Tage wieder zum albernen Kinde würde — Sie mögen recht haben. Vielleicht ist es das Greisenalter, das sich plötzlich so meldet und mich am hellen Tage Gespenster sehen lässt. Aber was es auch sei, glauben Sie mir, ich leide sehr darunter. Ich habe alles versucht, um die trüben Gedanken abzuschütteln, aber es geht nicht, geht nicht, mit immer erneuter Heftigkeit leben sie wieder auf.

So wende ich mich nun an Sie, lieber Herr, als an den einzigen, der hier helfen kann. Ich bitte Sie: packen Sie Ihre Koffer, reisen Sie ab von Val di Scodra! So unsinnig Ihnen meine Bitte erscheinen mag — ich beschwöre Sie, sie zu erfüllen. Während ich dieses schreibe, fasst mich der Gedanke mit unentrinnbarer Gewissheit: es wird irgend etwas geschehen, schrecklich für Val di Scodra, schrecklich für Teresa — schrecklich auch für Sie.

Ich bitte Sie, kniefällig bitte ich Sie, lieber Herr, reisen Sie ab! — Dann wird alles gut werden —

Reisen Sie gleich, in dieser Stunde noch —«


Frank Braun las nicht weiter. »Also auch du bist hellseherisch, Don Vincenzo?« dachte er. »Aber sie ist ein wenig billig, deine Prophezeiung! — Ein grosses Unglück — das klingt wie die Orakel einer Kartenlegerin: man wird eine Reise machen, man wird Geld bekommen.«

»Pfarrer, Pfarrer,« fuhr er langsam fort, »du weisst nicht, was du tust. — Dein Brief ist gut und ist sehr rührend und so anständig. Aber die Zeit ist nun lange vorbei, wo mir das einen Eindruck machte, was rührend war und anständig und gut.«

Er steckte den Brief in die Tasche, dann ging er hinunter.

* * *

Der Gendarm empfing ihn lärmend, er sass mit dem Wirt am Tisch, während Teresa das Essen auftrug. Er zeigte stolz seinen neuen Helm und sagte, dass er die Nacht in seinem Leben nicht vergessen wolle, in der er den alten vertrank. Bewundernd sah er Frank Braun an — ja, das war ein Kerl!

Frank Braun war nicht in der Laune zu singen und zu trinken. Die Reden Drenkers belästigten ihn, so lenkte er ab. »Die alte Bettlerin ist Ihre Freundin?«

Der Grenzer sagte: »Gewiss ist sie meine Freundin. Aber so alt ist sie gar nicht: ein paar Jahre jünger als ich und wenigstens zehn Jahre jünger als Raimondi!« Er wiederholte das dreimal, dass ihn der Wirt verstehen könne.

Der nickte bestätigend. »Sie sieht nur so alt aus.«

Drenker lachte. »Die Sibylla sieht aus wie achtzig, oder hundert, oder hundertundzwanzig! Das ist alles eins. Und doch ists wahr, dass wir alle drei verliebt in sie waren!«

Frank Braun war froh, dass der Wein und der Helm erledigt waren. Er hielt ihn fest. »Drei? Wer war in die Alte verliebt?« fragte er.

»Ho, nicht in die alte — in die junge Sibylla!« verbesserte ihn Drenker. »Wir drei waren in sie verliebt: Raimondi, Ussolo und ich — drei flotte Kaiserjäger! Bessere Liebhaber hatte nie eine Dirne in Val di Scodra. — Was Raimondi? — Aber schlimm ists ausgelaufen und die arme Sibylla schleppt noch heute ihr Kreuz herum. Denn damals, Herr, war sie schlank und gerade wie eine Tanne und kein Mädel war hübscher in ganz Tirol. — Als der arme Ussolo so jämmerlich zugrunde ging, da bekam sie den Knacks.«

»So erzählen Sie doch.« drängte Frank Braun.

»Erzählen — ja, es ist eine ganze Geschichte!« rief Drenker. »Aber trocken?« Er goss die letzten Tropfen aus der Flasche in sein Glas.

Frank Braun hiess den Wirt ein paar Flaschen Vino Santo holen, vom Tobliner Tal. Er baute sie dicht vor dem Gendarmen auf. Drenker wollte ihm einschenken, aber er wehrte ab. »Nein, danke, ich mag heute nicht trinken.«

Drenker schüttelte den Kopf. »Komische Leute seid Ihr gelehrten Herrn! Einmal trinken sie wie zehn alte Schiffskapitäne und dann wieder keinen Tropfen! — Es ist kein Sinn und Verstand darin.«

»Nein,« bestätigte Frank Braun, »es ist durchaus kein Sinn und Verstand darin. — Aber nun trinken Sie, Drenker, und erzählen Sie von den drei Liebhabern der jungen Sibylla Madruzzo.«

Der Gendarm schneuzte sich und brannte seine Pfeife an. Er hob das Glas an die Lippen, trank und schnalzte lobend mit der Zunge.

Dann begann er. Er erzählte laut, hastig, in zerhackten Sätzen. Immer wandte er sich schreiend an den Gastwirt: »Wars nicht so, Raimondi?« Der nickte stumm oder brummte ein »Ja!« zwischen den Zähnen.

Aloys Drenker sagte: »Das sind wohl dreissig Jahre her. Wir standen in Bozen alle drei, und waren die besten Freunde von der Welt. Ussolo — der war auch aus Val di Scodra; dort, wo es zur Kreuzplatte hinaufgeht, stand seiner Leute Haus. Nun ist das längst verfallen — der arme Ussolo liegt auf dem Kirchhof und seine Verwandten sind alle drüben in Argentinien. Nichts ist mehr da von der ganzen Sippe! — Also wir drei waren Kaiserjäger in Bozen; Ussolo und ich waren Unteroffiziere — aber Raimondi war gerade Feldwebel geworden. Was, Alter? — Nun gut, wenn die beiden Urlaub hatten, fuhren sie nach Hause und da bin ich ein paarmal mit ihnen gewesen. Denn, wissen Sie, ich hatte kein Heim, mich hat meine selige Mutter im Strassengraben gefunden und ist an dem Schreck schnell drauf gegangen. So wurde ich herumgestossen und geschlagen bei fremden Leuten, und wohl wurde mir erst, als ich in der Kompagnie war. Die Kaiserjäger — das war meine Familie — und eine fesche dazu, nicht Raimondi? Hols der Teufel, eine bessere Truppe gibts auf der ganzen Welt nimmer! Also gut, ich fuhr ein paarmal mit meinen Freunden hinunter nach Val di Scodra — einmal mit Raimondi und zweimal mit Ussolo. Na, Sie können sich denken, wie die Leute schauten, wenn wir ankamen! Das ganze Dorf war vernarrt in uns. Und wir drei — alle drei — waren in die Sibylla vernarrt und jeder tat sein Bestes, ihr zu gefallen.

Aber keiner von uns sagte etwas, weder den andern, noch dem Mädchen. Jeder überlegte, und jeder fasste seinen Plan, aber heraus kam keiner damit. Wir schrieben ihr alle drei und sie schrieb uns auch — aber, wissen Sie, immer zusammen allen drei. Da, eines Winterabends, wie wir zusammen in der Kantine beim Gossensasser sitzen, sagt der Ussolo, dass er seinen Abschied nehmen wolle und nicht weiter kapitulieren. Ich denke, der Schlag rührt mich und ich frag ihn, ob ihn der Teufel stäche? Da kommts heraus! Er sagt, dass er die Sibylla liebe und sie heiraten und mit ihr leben und sein Land bebauen wolle in Val di Scodra. Er habe seiner Mutter schon geschrieben — denn der Vater war tot — und die sei einverstanden, dass er den Hof übernehme. Nun, zum nächsten Urlaub wolle er mit dem Mädchen sprechen. Da fuhr der Raimondi los! — Brauchst dich nicht zu schämen, Alter, es war doch so! — Denn wissen Sie, damals kannte er die schöne Maria noch nicht, des Brixener Schulmeisters Tochter, die dann später seine Frau und Teresas Mutter wurde. Damals war sein Gedanke nur Sibylla und immer wieder Sibylla! — Na, wars nicht so, Alter? — Also, er fuhr los auf den Ussolo und sagte, dass er sich nicht unterstehen sollte, an das Mädchen zu denken. Er müsse sie haben und niemand sonst! Und er sei der Aeltere und er sei Feldwebel — Da konnte ich auch nicht mehr an mich halten. Aelter oder jünger, Feldwebel oder nicht, das sei ganz gleichgültig, sagte ich. Und ich liebe die Sibylla auch und ich wolle sie haben und kümmere mich den Teufel um die wälschen Fack'n. Ich schrie und der Raimondi brüllte und der Ussolo heulte und ehe wirs uns versahen, lagen wir einander in den Haaren und prügelten darauf los, dass es eine Freude war. Ein Leutnant kam dazwischen und störte den Spass; dann hatten wir im Mittelarrest alle drei genug Zeit, über unsere Liebe und unsere Dummheit nachzudenken. Als wir herauskamen, war unsere Aufregung merklich abgekühlt und wir sahen nun ein, dass es herzlich dumm sei, uns wegen des Mädchens zu zanken, das doch nur einer haben konnte. Wir beschlossen also, der Sibylla selbst die Wahl zu überlassen und zu dem Zweck zum nächsten Septemberurlaub alle drei nach Val di Scodra zu fahren. Inzwischen war abgemacht, dass keiner ihr besonders schreiben sollte; so schrieben wir immer zusammen Briefe und schickten ihr auch zu Weihnachten und zu Ostern gemeinschaftlich ein Geschenk. Na, es war ja nicht viel, ein seidenes Kopftuch und eine silberne Schnalle — aber die Sibylla hat sie bis heute aufbewahrt und die Briefe auch. Also gut, der Frühling kam und der Sommer und wir fühlten uns alle nicht recht wohl. Jeder war misstrauisch auf die andern beiden und alle paar Tage musste einer dem andern schwören, dass er ganz gewiss nicht hinter dem Rücken doch einen Brief geschrieben habe. Endlich kam das Manöver und dann der Tag, da wir Urlaub bekamen. Es hielt schwer genug, dass wir alle drei loskamen, da Raimondi und ich bei derselben Kompanie waren — aber schliesslich gings doch. — Die Fahrt werd ich meiner Tage nicht vergessen! Keiner sprach ein Wort und jeder machte ein Gesicht, als ob er die andern lebendig auffressen wollte. Ich glaube, es war nur die Uniform, die uns noch zusammen hielt, sonst hätten wir aufeinander losgeschlagen wie an dem Abende in der Kantine.

Damals fuhr noch keine Post ins Tal und wenn es eine gegeben hätte, hätten wir doch nicht drauf gewartet. Wir marschierten los und spät in der Nacht kamen wir an. Raimondi ging zu seinen Eltern, ich ging mit Ussolo nach Hause. Geschlafen aber habe ich keinen Augenblick, immer fürchtete ich, mein Kamerad möchte aufstehen um zu dem Hause der Madruzzo zu gehen. Ihm aber gings ebenso. Es war kaum hell, als wir aufbrachen, um Raimondi abzuholen, aus Angst, dass der uns zuvorkommen möchte. Kaum standen wir hier vor dem Hause, als er auch schon herauskam — offenbar mit demselben Gedanken wie wir. Nun sahen wir wohl ein, dass es noch viel zu früh wäre zur Sibylla zu gehen, zumal es gerade ein Sonntag war. Wir gingen wieder in Raimondis Haus, kochten Kaffee und frühstückten. Dann trat Ussolo vor den Spiegel — so sehr hatten wir uns beim Aufstehen geeilt, dass wir kaum die Haare gekämmt hatten. Er frisierte sich und machte sich schön — — und da zeigte sichs, dass wir doch noch gute Freunde und Kameraden waren. Raimondi holte alles heran, was er hatte, Stiefelglanz, Bürsten, Kämme, sogar Schnurrbartwichse, und wir halfen einander, uns so stattlich herauszuputzen wie nur möglich. Fesch muss der Kaiserjäger sein, was Raimondi? So ging die Zeit herum, schneller wie wir geglaubt. — Dann kamen Raimondis Eltern und wir mussten noch einmal mit ihnen Kaffee trinken. Endlich brachen wir auf, schnitten im Garten noch ein paar Rosen für die Mützen und dann gings zum Hause der Madruzzo. Aber ehe wir noch da waren, rief Ussolo: »Da kommt sie!« Und wirklich, da stand sie vor uns im Olivengarten und lachte. Sie war im Sonntagputz und sie war so sauber und hübsch, dass mir das Herz lachte im Leibe. Aber dabei klopfte es doch so stark, und ich fühlte eine solche Angst, dass ich kaum wagte, einen Schritt weiter zu gehen. Aber auch den beiden Kameraden ergings nicht anders und sie blieben stehn wie ich. Sagt der Raimondi: »Freunde, ich bin der älteste!« »Ja,« sag ich, »das bist du wohl — doch —« Er aber flüsterte: »Sei still und hör, was ich sag! Wir haben ausgemacht: der, den sie will, der soll sie haben. Aber die andern beiden sollen ihm deshalb nicht feind sein, sondern gute Freunde wie zuvor.« — ›Bist du deiner Sache so sicher?‹ dachte ich. Aber ich war meiner Sache auch sicher, denn ich glaubte bestimmt, dass sie gerade mich anlachte und nicht die andern. Darum sagte ich: »Hand drauf!« und schlug ein. Der Ussolo sagte gar nichts, aber er gab auch seine Hand. »Gut denn.« sagte Raimondi. »Vorwärts, marsch! — Und ich spreche, weil ich der älteste bin und Feldwebel!« — Das wollte mir nun gar nicht gefallen, aber es war nichts mehr zu reden, denn er ging mit langen Schritten vor und wir mussten laufen, ihm beizubleiben. Wir grüssten mit der Hand an der Mütze und Raimondi wollte eine Rede beginnen. Aber es kam nichts heraus. Wir standen stumm vor ihr und glotzten sie an. Da lachte die schwarze Sibylla und streckte uns die Hände hin und fragte, wie es uns gehe, und sagte, das sei nett, dass wir alle drei zusammen zum Urlaub gekommen. Sie bedankte sich für die Briefe und die Geschenke und sagte, dass sie für jeden von uns eine Uhrkette geflochten habe aus ihren Haaren. So plauderten wir, aber eigentlich sagten wir gar nichts und nur die Sibylla lachte und schwatzte, und wir standen da wie die dummen Bauern und starrten sie an. Ich sah wohl ein, dass es eine Schmach wäre für uns Kaiserjäger und stiess den Raimondi an, dass er sprechen sollte. Aber der tat, als merkte er es gar nicht. Dann flüsterte ich dem Ussolo zu: »So red doch!« — Der Ussolo redete auch — aber was! Er erzählte stotternd, wo wir im Manöver gewesen. Da wollte ich sprechen, aber es ging auch nicht. Wenn nur die andern nicht dagewesen wären, hätte ichs ganz leicht gekonnt, das fühlte ich. Darauf also gründete ich meinen Plan. Ich sagte der Sibylla, wir drei hätten einen Augenblick etwas allein zu besprechen. Sie lachte und wollte gleich nach Hause gehen, ich aber sagte ihr, dass sie ein klein wenig warten möchte; da ging sie etwas abseits in den Olivengarten. Nun sagte ich den beiden, dass sie Esel seien — und ich auch: alle drei seien wir Esel! Und so ginge es nicht weiter. Ich nahm drei Grashalme und hielt sie in der Hand: wer den längsten ziehe, der solle zuerst mit ihr sprechen dürfen — allein. Damit waren sie einverstanden. Der Feldwebel zog zuerst, dann Ussolo: er fand den längsten Halm. Ich aber hatte den allerkleinsten, kam also zuletzt daran. Nun, ich tröstete mich, war ich doch überzeugt, dass die beiden Wälschen einen Korb bekämen, und dass sie auf mich warten würde. Ussolo ging inzwischen zu der Sibylla und wir beide setzten uns ins Gras, drehten ihnen den Rücken und warteten. Ein Soldat, wissen Sie, ist das Warten gewohnt; das lernt man schon beim Postenstehen. Aber obwohl wir zu zweit waren, ist mir doch nie ein Warten so lange geworden wie dieses. ›Sind sie denn immer noch nicht fertig?‹ dachte ich. Keiner von uns sprach ein Wort; ich sah, wie der Raimondi stier vor sich hinguckte. Plötzlich sagte er: »Nun halt ichs nicht mehr aus. Der Ussolo könnte doch längst fertig sein!« Wir drehten uns um, aber die beiden waren verschwunden. Wir standen also auf und gingen ein wenig hinein in den Olivengarten, spähten rechts und links, aber sahen niemanden. Ich rief halblaut und dann lauter: »Ussolo!« Aber niemand gab eine Antwort. Da brüllte Raimondi, als wenn er drei Regimenter vor sich habe: »Ussolo! Ussolo!« — Jetzt antwortete der Kerl: »Ja! Ja! Wir kommen schon!« Und gleich darauf kamen sie auch angelaufen. Ussolo lachte über das ganze braune Gesicht und streckte uns beide Hände entgegen. »Verzeiht mir, Kameraden, wir beide hatten euch wirklich ganz und gar vergessen!« Dann, wie er unsere verdutzten und ärgerlichen Gesichter sah, nahm er vor Raimondi Stellung, legte die Hand an die Mütze und sagte: »Herr Feldwebel, melde gehorsamst: Unteroffizier Ussolo nebst Braut Sibylla Madruzzo.« Und das Mädchen machte ein sehr ernstes Gesicht dazu und einen tiefen Knix. Später habe ich einmal die Sibylla gefragt, wer von uns wohl ein dümmeres Gesicht gemacht habe, Raimondi oder ich. Aber sie hatte leider darauf nicht acht gegeben, und so wird sich das nie feststellen lassen. Dumm aber waren sie beide — das schwöre ich!

Raimondi fasste sich zuerst. Er griff in die Tasche und zog ein hübsches, silberbeschlagenes Portemonnaie heraus, das gab er der Sibylla und gratulierte beiden. Da holte ich auch die Ohrringe hervor, die ich für sie gekauft hatte, und gab sie ihr als Brautgeschenk. Ussolo schlug sich vor den Kopf und rief: »Herrgott — und ich habe ganz vergessen, ihr mein Geschenk zu geben!« Damit zog er eine hübsche kleine Uhr heraus. So hatten wir alle drei ihr heimlich etwas mitgebracht, aber nur dem Ussolo kam es zugute. — Der arme Kerl, wenn er nur gewusst hätte, wie kurz sein Glück sein sollte!

Dann liessen wir die beiden allein und ich ging mit Raimondi nach Hause. Wir waren recht niedergeschlagen, aber dennoch fühlten wir uns erleichtert, dass wenigsten der bisherige unerträgliche Zustand zu Ende war. Wir beschlossen, recht brüderlich zu den beiden zu sein, wie echte Kameraden, die so lange Jahre treue Freunde waren. Aber es ging nicht so leicht, wie wir dachten; jedesmal, wenn wir Ussolo und Sibylla sahen, in ihrem grossen Glück, wurden wir neidisch und man sah uns wohl an, wie wenig wir im Grunde es ihnen gönnten. So dachten wir, dass es wohl das beste wäre, wieder abzureisen nach Bozen, ehe der Urlaub zu Ende. Hätten wirs doch getan! Aber Ussolo drängte uns und quälte, wir möchten doch bleiben, wenigstens bis zum nächsten Sonntag. Da war Kirchweih in dem Nachbardorfe — in Cimego, wissen Sie, sieben Stunden über die Berge nach der Grenze zu. Jetzt ist die Gendarmeriestation dort, und ich wohne da. Dahin hatte uns Ussolo eingeladen; er hatte Verwandte dort, und denen wollte er seine schöne Braut zeigen — und zugleich uns, seine Freunde von den Kaiserjägern. Wir hatten nur wenig Lust, unser Sinn stand gar nicht nach Festen und Kirchweih. Aber Ussolo gab nicht nach und die Sibylla half ihm mit Bitten, so liessen wir uns überreden. Wir wollten also nach Cimego, um dort Abschied zu feiern, ehe wir zurückfuhren zum Regiment. Wir beschlossen nachts aufzubrechen, unterwegs in einer Köhlerhütte zu ruhen, um früh am Morgen im Nachbardorfe einzutreffen.

Nun muss ich sagen, dass Ussolo gerne trank. Nicht, dass er ein Säufer war, aber er konnte so wenig vertragen und nach ein paar Glas schon wurde er sehr lustig und manchmal wild. Und jetzt in seiner Freude als Bräutigam, und daheim im Urlaub unter alten Bekannten und Freunden, die ihn einluden, ein Glas mit ihnen zu trinken, war er jeden Abend fidel und lärmte und randalierte durch die Gassen. Das mochte nun die Sibylla gar nicht leiden, denn was trinken heisst, das wusste sie von Kindesbeinen an. Ihr Vater nämlich, der alte Carlo Madruzzo, hatte die ausgepichteste Kehle im Dorfe, und da verging kaum ein Tag, an dem sie seine schweren trunkenen Fäuste nicht fühlte. So war es denn kein Wunder, wenn sie bei ihrem Bräutigam die Flasche nicht gerade gerne sah; sie machte ihm Vorwürfe und er versprach ihr, kein Glas mehr anzurühren — — aber am Abend war er doch wieder betrunken. Daher kam es, dass Sibylla den Wein, den Ussolo trank, noch mehr hasste, wie den, der durch ihres Vaters Gurgel floss. Als wir nun in der Nacht zum Sonntage — sie war finster und kein Stern war am Himmel — aufbrachen, richtete die Sibylla es so ein, dass sie mit mir ging, während Ussolo und der Feldwebel ein wenig voranschritten. Raimondi und Sibylla trugen Laternen; ihr Schatz schleppte einen schweren Korb, in dem er in frisches Laub Fische verpackt hatte, die er am Abende im See gefangen hatte und nun seinem Onkel in Cimego bringen wollte. Den Rucksack, den auch Ussolo eingepackt hatte, trug ich; es war Brot darin, Schinken und Wurst, dazu fünf Flaschen guten Weines. Darauf hatte nun die Sibylla es abgesehen. Als wir nach einer halben Stunde an eine Quelle kamen, blieb sie stehen und bat mich, ihr den Rucksack zu geben. Sie wartete noch eine Weile, bis sie die beiden andern genügend weit entfernt glaubte, dann nahm sie die Flaschen heraus und öffnete sie. Sie fragte, ob ich noch einmal trinken wolle und ich nahm auch ein paar gute Züge. Dann schüttete sie den Wein aus, eine Flasche nach der andern. Ich wollte sie hindern, aber sie lachte und sagte, für diese eine Nacht könnte ich doch wohl verzichten auf den Wein, morgen gäbe es ja genug in Cimego. Sie füllte die Flaschen bis zum Rande mit Wasser voll und verkorkte sie wieder sorgfältig; beide freuten wir uns dabei auf das Gesicht, das Ussolo machen würde, wenn er entdeckte, dass sein Wein so zu Wasser geworden war.

Wir schritten rüstig aus und holten bald die andern ein. Wir brüllten unsere Soldatenlieder und dazwischen sang die schöne Sibylla. So vergingen die Stunden. Ein paarmal schlug Ussolo vor, man solle nun ein Glas Wein trinken; aber ich rückte nicht heraus damit, sagte ihm, dass er warten müsse, bis zu dem Rastplatze in der Köhlerhütte.

Wir waren um neun Uhr abmarschiert Und konnten so bequem gegen drei Uhr morgens in der Hütte sein. Dort wollten wir uns stärken und dann etwas ausstrecken; wir hatten ja unsere Mäntel und für die Sibylla war eine warme Decke da, die Raimondi trug. Dann wollten wir nach ein paar Stunden das letzte Stückchen hinabsteigen ins Cimegotal. Es war kalt genug auf dem Wege, und Ussolo hängte seiner Braut seinen Mantel um. Aber wir waren alle froh und gut gelaunt und wie wir so zusammen marschierten, hintereinander im Gänsemarsch, oder auch Arm in Arm, wenn der Weg etwas breiter war, kam es uns vor, als ob die schöne Rose nicht ihm allein gehöre, dem Ussolo, sondern gemeinsam allen drei Brüdern von den Kaiserjägern.

Es war ein Uhr vorbei, als wir durch die Schlucht des Boazol schritten. Raimondi ging voran mit der Laterne, ich war hinter ihm. Dann kam Sibylla und den Schluss machte Ussolo. Plötzlich hörte ich ihn fluchen; er war ausgeglitten und lag auf den Steinen. Aber er sprang gleich wieder auf. Ich wandte mich und sah nach ihm, Sibyllas Laterne beleuchtete ihn hell genug.

»Verdammtes Vieh!« rief er, und ich sah, wie er in dem Lichtschein eine kleine Schlange in der Hand hielt. Er fasste sie am Schwanz und zerschlug ihr den Kopf an den Felsen.

»Hat sie dich gebissen?« fragte das Mädchen ängstlich.

Er lachte und sagte, er habe jedenfalls nichts davon gemerkt. Wir waren alle zu ihm hingetreten und sahen, dass er sich Gesicht und Hände ein wenig zerschunden hatte bei dem Fall. Sibylla reinigte ihn mit ihrem Tuche. Dann nahm er seinen Korb wieder auf und wir gingen weiter; diesmal schritt er hinter Raimondi und ich war der letzte.

Noch keine fünf Minuten waren vergangen, als Ussolo zähneklappernd stehen blieb; er zitterte vor Frost und bat Raimondi ihm seinen Mantel zu leihen. Er zog den Mantel an und legte noch die Decke, die für Sibylla bestimmt war, über die Schultern, aber es fror ihn immer noch. Ich rief ihm zu, tüchtig auszuschreiten und das tat er denn auch. Nach einer Weile sah ich, wie er sich mit der Hand an den Felsen stützte, es war, als ob er betrunken wäre. Aber er sagte nichts und so schwieg ich auch, um seine Braut nicht zu erschrecken. Das ging so eine Zeitlang, dann fasste ihn wieder ein Schwindel; er taumelte nach vorne über und wäre lang hingeschlagen, wenn Raimondi ihn nicht gestützt hätte. Er setzte den Korb nieder und hielt sich mühsam an der Felswand aufrecht.

»Was ist dir?« schrie die Sibylla. Er schüttelte den Kopf und versuchte zu lachen.

»Nichts.« sagte er. »Ich weiss nicht —«

Der Feldwebel hielt ihm die Laterne ins Gesicht. Dann griff er seine linke Hand und betrachtete sie genau von beiden Seiten. »Da, du Esel,« rief er, »natürlich hat sie dich gebissen!« Wir drängten heran und ich bemerkte eine ganz kleine Wunde dicht am Puls; ein Blutströpfchen kam heraus, kaum grösser wie ein Nadelknopf. Die Hand und das Gelenk waren geschwollen, und schwollen schnell immer mehr an, fast unter unsern Augen. Raimondi, der einen Samariterkurs durchgemacht hatte, griff schnell in seine Tasche und nahm ein Tuch. Dann fiel sein Blick auf den Rucksack, er steckte das Tuch wieder ein und befahl mir die Schnüre abzuschneiden. Wir banden die Hand ab, oberhalb der Wunde, und zogen die Schnur zu, so fest es nur gehen mochte, sodass sie ihm tief in die Haut schnitt. Inzwischen taumelte Ussolo hin und her und wir mussten ihn platt auf den Boden legen.

Raimondi sagte: »So das wäre das erste. Nun müssen wir die Wunde aussaugen.« Sofort warf sich Sibylla über ihren Bräutigam, aber Raimondi riss sie zurück. Er leuchtete ihr ins Gesicht und stiess sie gleich weg: sie habe einen kleinen Sprung in der Lippe, da könne sie sich auch noch vergiften, sagte er. Dann zog er mich heran, hiess mich den Mund aufsperren und suchte mit seiner Laterne. »Du kannst es tun!« rief er.

Ich nahm also Ussolos Hand und sog aus Leibeskräften. Der Speichel lief mir zusammen und ich spie aus zur Seite hin, es war mir, als schmeckte ich das Gift mit der Zunge. Aber es mag wohl nur eine Einbildung gewesen sein. Ich sog, bis mich Raimondi wegriss. »Jetzt muss er trinken.« sagte er. »Je mehr, je besser. Alles was wir haben. Da bleibt das Herz in rascher Tätigkeit.«

Er griff in den Rucksack und entkorkte die erste Flasche. Ich hörte einen leisen Schrei der Sibylla, sie hielt sich fest an meinem Arm. Sie stammelte leise: »O Madonna — Madonna!« Und ich verstand, dass sie zur Mutter Gottes betete und sie bat, ein Wunder zu tun. Ich war so erschreckt und verwirrt, dass ich leise mit ihr betete, und ich weiss heute noch, dass ich in jenem Augenblicke wirklich die Hoffnung hatte, das Wasser möchte sich wieder in Wein verwandeln. Aber leider geschehen heute keine Wunder mehr, wie auf der Hochzeit zu Kanaan!

Ussolo setzte die Flasche an die Lippen und trank gierig — aber gleich spie er alles wieder aus. »Wasser!« stöhnte er. Raimondi trank selbst einen Schluck, schüttelte den Kopf und warf die Flasche in die Schlucht. Er glaubte wohl an einen zufälligen Irrtum und öffnete die nächste Flasche. Sibylla zitterte und wagte in ihrer Todesangst kein Wort zu sagen; Und ich war auch von meiner Mitschuld so niedergedrückt, dass ich nicht eine Silbe über die Lippen brachte.

Wieder nahm Ussolo einen Schluck Und wieder spie er ihn aus. Raimondi nahm die nächste Flasche und schlug ihr den Hals ab, sah, dass auch diese voll Wasser war und warf sie fort. Nun fasste ich mir ein Herz und sagte, was geschehen wäre. Aber ich sagte, dass ich den schlechten Witz gemacht hätte und sprach kein Wort von Sibylla — — noch heute bin ich froh darüber, dass ich das tat. Raimondi schrie, ich wäre ein Verbrecher; aber Ussolo sagte schwach, dass er wohl wüsste, dass ich es nicht böse gemeint hätte. Er streckte mir die andere Hand hin zum Zeichen der Vergebung, und er sagte, dass es ja nicht so schlimm wäre und dass er wohl bald wieder auf könnte. Ich redete auch und versuchte ihn zu trösten, doch Raimondi riss mich auf, und schrie, dass jetzt keine Zeit sei zu schwatzen. Er nahm sein Taschenmesser, steckte die schärfste Klinge in die Flamme der Laterne und befahl mir, meines zu nehmen und ein gleiches zu tun. Als sein Messer glühend heiss war, schnitt er in die Wunde und vergrösserte sie. Dann nahm er mein Messer und ich musste das andere in die Flamme halten; so wechselte er immer und schnitt und brannte in der Wunde. Der arme Ussolo litt entsetzlich, er versuchte seinen Schmerz zu verbeissen, wie ein guter Soldat; es war jämmerlich, wie wir ihn quälten — so völlig nutzlos. Die Sibylla kniete vor ihm und hielt seinen Kopf und er stöhnte Und knirschte mit den Zähnen.

Endlich war der Feldwebel fertig. Wir sahen ein, dass wir nicht einen Schritt mit ihm weiter konnten, da war es das beste, dass einer von uns nach Cimego lief, um Hilfe zu holen. Ich kannte den Weg nicht, so ging Raimondi; er hoffte beim Pfarrer Aetzkali und Salmiakgeist zu bekommen. Er nahm seine Laterne und schritt rasch aus, nach einer kurzen Weile war er verschwunden.

Die Stelle, wo wir lagen, war misslich genug. Rechts stieg die Felswand auf — links fiel die Schlucht ab, nicht gerade steil, aber doch unbequem genug in der Dunkelheit. Der Weg dazwischen war sehr schmal. Ich rollte einen Mantel zusammen und gab ihn Ussolo als Kopfkissen, auf dem andern Mantel lag er. Ueber ihn breitete ich die Decke und den dritten Mantel. Aber er fror trotzdem; ein Frostschauer schüttelte ihn über den andern. Nach einer Weile begann er nach Atem zu ringen, er schnappte, und es war, als ob die Lungen nur mühsam arbeiten könnten. Er sagte nichts, nur manchmal stöhnte er leise. Die Sibylla kniete vor ihm; auch sie sprach kein Wort, ganz erstarrt schien sie zu sein. So schwatzte ich denn drauf los, sagte ihm, dass ja nun die Quälerei vorüber wäre und dass der Feldwebel bald kommen werde mit guter Hilfe. Dann wusste ich nichts Rechtes mehr und sagte dasselbe noch einmal — — ich glaube, ich habe es wohl hundertmal gesagt in dieser gottverlassenen Nacht. Aber es war ja auch ganz gleichgiltig, was ich sagte, es hörte doch keiner zu von den beiden. Manchmal liess die Atemnot nach, dann befiel sie ihn wieder; auch die Schwindelanfälle kehrten regelmässig zurück.

Eine Stunde verrann nach der andern. Die Nacht sank und die Nebel krochen von den Bergen. Es wurde Tag, und der kalte, feuchte Frühwind strich durch die Schlucht. Zuweilen, wenn er ruhig dalag, glaubten wir, dass es besser würde, aber bald überfiel ihn wieder ein kräftiges Zittern; auch bewusstlos war er für Augenblicke. An der Handwurzel hatte er stechende, sehr heftige Schmerzen; die Hand war entsetzlich angeschwollen und die wunde Stelle sah tief blaurot aus. Gegen sechs Uhr morgens bekam er Krämpfe, er hob den Leib hoch und liess ihn schwer zurückfallen. Dann riss es ihn in den Muskeln, die Finger der gesunden Hand krampften sich und die Beine stiessen nach vorne in starken Zuckungen. Wir hielten ihn mit Mühe fest und er wurde auch wieder ruhiger; aber bald fing die Atemnot von neuem an und mit ihr der Schüttelfrost.

Es wurde acht Uhr; Raimondi musste längst zurück sein nach meiner Schätzung. Ussolo war um diese Zeit ein wenig stiller geworden und schien zu schlummern; so dachte ich, dass es das beste sei, wenn ich aufbräche, um den Feldwebel zu suchen. Ich sprang also auf und lief den Pfad entlang, der nach Cimego führte, so schnell mich nur meine Beine tragen mochten. Nach einer Stunde etwa kam mir Raimondi entgegen, mit ihm waren der Pfarrer und drei Burschen von Cimego.

»Lebt er noch?« schrie der Feldwebel. Ich nickte und kehrte mit ihnen um. Raimondi sah aus wie ein Wilder, seine schöne Uniform war von oben bis unten voll Schmutz; Gesicht und Hände starrten von Blut und Schweiss. Er war fehlgetreten, abgestürzt und hatte dabei seine Laterne zerschlagen. Nun hatte er im Finstern seinen Weg gesucht, sich verirrt, und erst bei Tagesanbruch gemerkt, dass er in ein falsches Tal geraten war. Er musste also wieder zurück und fand nur mit Hilfe eines Geisbuben, den er unterwegs traf, den Weg nach Cimego. Dort hatte er gleich den Pfarrer geholt, von der Messe weg, und war dann zurückgelaufen mit den Leuten. Während er mir noch erzählte, hörten wir plötzlich einen wilden, grässlichen Schrei. Wir erkannten Sibyllas Stimme und rannten nun wie rasend weiter. Raimondi weit voraus, hinter ihm sprang der Pfarrer von Cimego, die schwarze Soutane mit beiden Händen hochhebend. Er war ein braver Mann; konnte er mit seinen Doktormitteln nicht zur rechten Zeit kommen, so hoffte er doch, als Priester nicht zu spät zu sein, um dem Sterbenden die letzte Oelung zu geben.

Aber es war zu spät für beides. Wie wir herauskamen aus der Schlucht, sahen wir dicht vor uns einen Toten liegen. Sein Gesicht war furchtbar verzerrt, die Augen quollen ihm weit aus den Höhlen. Die rechte Hand war festgekrallt in seinen Mantel, die Beine hoch an den Leib gezogen. Vor ihm stand Sibylla, aufrecht, aber den Leib vornüber gebeugt — — so, wie sie jetzt geht und steht. Wir gaben zuerst wenig acht auf sie, beschäftigten uns nur mit Ussolo, rieben ihn, gossen ihm Wein in die offenen Lippen und hielten ihm Aether unter die Nase. Aber wir sahen bald ein, dass alles zu spät war, und dass es aus war mit ihm. Wir breiteten einen Mantel über ihn und wandten uns zu seiner Braut.

Wir fragten sie, wie er gestorben sei, sie gab uns keine Antwort. Wir drängten sie und sahen wohl, dass sie uns verstand; ihre Lippen bewegten sich, aber ihr Mund war stumm: sie hatte die Sprache verloren. Ihre Augen blieben trocken, keine Träne fiel, und nicht einmal mehr in all den Jahren — selbst an seinem Grabe nicht — hat sie weinen können. Der Pfarrer nahm sie in die Arme und versuchte sie aufzurichten; es gelang ihm nicht und er bat mich, ihm zu helfen. Alle halfen wir — — aber sie blieb steif wie sie war — den Oberkörper gerade nach vorne gerichtet. Wir wollten es nicht glauben, fassten sie rauh an und versuchten es mit Gewalt: es war unmöglich.

Was da vorging in diesen letzten zwei Stunden, die Ussolo lebte, das weiss ich bis heute nicht. Ich habe später oft die Sibylla darnach gefragt, bat sie, sie möchte es mir aufschreiben. Aber sie schlug die Hände vor das Gesicht, schauderte und schüttelte den Kopf — so gab ich es endlich auf. Schrecklich muss es gewesen sein — das las man auf ihrem Gesicht! Ihre Züge waren verzerrt und starr, es war, als habe sie in die offene Hölle gesehen. Und dieser Schreckensausdruck wich nicht, er blieb; erst mit den Jahren, als ihre Haut runzlig und braun wurde, als sie alterte, weit vor ihrer Zeit, ist der Ausdruck allmählich geschwunden, Heute sieht man nur wenig mehr davon.

Aber der furchtbare Krampf, der ihren Körper brach, gab sich nicht, noch fand sie jemals die Sprache wieder. — Wir machten Bahren und trugen sie und Ussolo nach Cimego — dort liegt er begraben.

Das ist die Geschichte von der schönen Sibylla und ihrem armen Bräutigam.«

Der Gendarm schnaufte und trank drei grosse Gläser Wein, um seine Rührung zu ersticken. Frank Braun fragte: »Und machte man keinen Versuch sie zu heilen?«

»Keinen Versuch?« Drenker lachte. »Wir haben alles getan, was wir konnten, Raimondi und ich! — Als wir sie zurücktrugen in ihr Heimatdorf, war ihr Alter betrunken, wie gewöhnlich. Er schrie und schimpfte und hätte sie am liebsten geschlagen in seiner blinden Wut. Da nahm sie Ussolos Mutter auf. Später fuhren wir sie zur Stadt; aber der Arzt sagte, dass er nicht helfen könnte, sie müsste nach Innsbruck — da lag sie Jahr und Tag im Spital. Man quälte sie gehörig mit allen möglichen Mitteln und experimentierte so an ihr herum. Aber es war nichts zu machen und endlich schickte man sie wieder nach Hause — krumm und steif, wie sie war. — Inzwischen war der Vater gestorben — ertrunken im See, als er wieder einmal völlig besoffen war; ihr Erbteil bestand aus Schulden. Sie wohnte dann wieder bei Ussolos Mutter, und haust noch jetzt in der zerfallenen Hütte, obwohl die Alte auch schon lange tot ist. — Sie braucht ja nicht viel und die paar Kreuzer bettelt sie auf der Landstrasse zusammen an den Posttagen. — Sie ist eine krumme, alte, hässliche Bettlerin geworden, aber solange Aloys Drenker lebt, wird er gut zu ihr sein.«

Teresa sagte: »Der Vater ist auch gut zu ihr. Er schickt ihr immer Milch und alles, was übrig bleibt vom Essen.«

Aber der Gendarm fuhr auf. »Ach was!« schrie er. »Du tust es, und nicht dein Vater. Und er möchte es nicht einmal dulden, wenn er sich nicht schämen würde vor mir! Ich weiss es genau. Dein Vater ist ein Geizkragen geworden auf seine alten Tage, wie alle Bauern in diesen wälschen Lausedörfern!«

Raimondi spuckte bedächtig aus, aber er antwortete nicht. Er zeigte auf die leeren Flaschen, und als Frank Braun nickte, stand er ruhig auf, um neue zu holen.

Das Mädchen fragte rasch: »Bleiben Sie zur Nacht, Herr Drenker? Soll ich ein Bett zurechtmachen?«

»Nein.« sagte der Grenzer. »Ich muss gleich wieder weg, zur Stadt. Nur der Gaul soll fressen und sich ausruhen.« Er wandte sich an Frank Braun. »Doktor, soll ich Don Vincenzo eine Antwort bringen?«

Der Deutsche sann einen Augenblick nach. Dann schickte er das Mädchen hinauf, Papier zu holen. Er setzte sich an den Fenstertisch und schrieb dem Pfarrer:


»Lieber Don Vincenzo: ich danke Ihnen sehr für Ihren freundlichen Brief, der mir den sicheren Beweis dafür gibt, dass Sie das sind, was die Welt einen wirklich guten Menschen nennt — wenn ich es nicht schon längst gewusst hätte. Um so mehr bedaure ich, Ihrem Wunsche nicht nachkommen zu können. Sie befürchten — verzeihen Sie, wenn mir Ihre ungewissen Ahnungen klarer zu sein scheinen, als Ihnen selbst — dass ich hier in Val di Scodra auf eine Weise Schicksal spielen könnte, die durchaus nicht in dem Interesse liegt, das Sie für Ihr Heimatdorf für das beste halten. — Sie begnügen sich nicht mehr damit, Don Vincenzo, das, was geschehen mag, getrost in Gottes Hand zu stellen, sondern Sie befürchten, dass ich dem Höchsten hier auf durchaus unehrerbietige Weise ins Handwerk pfuschen möchte. Ist es nicht so, Hochwürden? — Nun gut, ich leugne nicht, dass ich die allergrösste Lust dazu habe, namentlich jetzt, nachdem Sie mich so freundlich noch einmal darauf aufmerksam machten. Gott ist doch das, was Heiden und Ungläubige Schicksal nennen — — wenn also der Mensch Schicksal spielt, so spielt er Gott Er ist vielleicht unfromm und wenig christlich, dieses Spiel, aber Sie werden mir zugeben müssen, dass es gewiss das höchste Spiel ist, das der Mensch überhaupt spielen kann. Und wenn sich nun hier — ich weiss nicht, ob es so ist — wenn sich mir hier eine Gelegenheit zu diesem edlen Spiel bieten sollte, aus welchem Grunde sollte ich sie wegstossen? Unser Leben ist nicht so reich, als dass wir das wenige Gute verschmähen dürften, das uns ein Zufall schenkt.

Ich werde also einstweilen hier bleiben und ich wünschte, Hochwürden, dass Sie recht hätten mit Ihren Ahnungen! Ich freilich sehe weniger optimistisch — oder pessimistisch, wie Sie wollen — wie Sie, Don Vincenzo: ich glaube, dass leider das, was vielleicht geschehen könnte, nur ein sehr Kleines und Geringes und Lächerliches und gar nichts Schreckliches sein wird! Das ist meine ehrliche Ueberzeugung, die Sie vielleicht ein wenig beruhigen wird. Ich werde mir gewiss die beste Mühe geben, ein Spektakelstück heraus zu bringen — aber es ist das gar nicht so leicht auf der Bühne des Lebens. Ich bin leider kein Hexenmeister, wie Sie zu glauben scheinen, sondern nur ein armseliger Zauberlehrling! Und so werden Sie voraussichtlich lachen und nicht weinen!

Ich bin, lieber Don Vincenzo,

Ihr sehr ergebener Frank Braun


Er winkte Teresa an den Tisch. Dann faltete er den Brief, gab ihr die Feder und wies ihr die unbeschriebene vierte Seite. »An deinen Beichtvater!« sagte er. »Willst du ihm nicht einen Gruss schicken?«

Ihr Gesicht leuchtete. Sie nahm den Bogen und schrieb in grossen Buchstaben:

»Ich bin sehr glücklich! Teresa.«

* * *

Der Gendarm war längst fortgeritten; Frank Braun stand in seinem Zimmer und starrte in die Nacht hinaus. Es war ein Wetter aufgezogen und die Wasser des kreisrunden Sees kochten wie in einem Kessel. In langen Stössen schlugen die Wellen an die Felswände, stiegen hoch, als ob sie hinaus wollten aus diesem Loch, in das sie doch gebannt waren für alle Ewigkeiten. Aber es gab keine Flucht, die Felsen hielten sie in hartem Ring und lachten laut über die ohnmächtigen Rebellen.

Frank Braun schloss das Fenster und setzte sich an den Tisch. Es war spät genug und er fühlte, dass er doch nichts mehr arbeiten könnte heute. Aber er hatte auch keine Lust zu Bett zu gehen; so sass er müssig da, schaute zerstreut in die Bücher und lauschte auf das Heulen und Brausen des Regens, dieses Klatschen und Zischen und tiefdröhnende Rollen. Er nahm des Pfarrers Brief und las ihn noch einmal durch. Leise murmelte er vor sich hin: »Es wird irgend etwas geschehen, schrecklich für Val di Scodra, schrecklich für Teresa — schrecklich auch für Sie.«

Er wiederholte die Worte, zwei-, dreimal. Sprach sie langsam, bedächtig, fast liebkosend. Dann hielt er den Brief über die Lampe; die Flamme griff ihn im Augenblick. Er streute die Asche in den Papierkorb.

Plötzlich war ihm, als hörte er ein Geräusch an der Türklinke. Er horchte auf und fragte: »Teresa?« Aber es kam keine Antwort. Der Wind raste und riss an den Laden und Fenstern, zog auch durch das Zimmer und rüttelte an der Tür. Frank Braun hatte das Gefühl: etwas steht da draussen und will herein. »Mag es kommen.« dachte er. »Ich bin bereit.«

Dann schüttelte er die Gedanken ab und lachte. Er öffnete ein Buch und blätterte darin. Aber wieder, und jetzt deutlich genug, hörte er ein Geräusch von der Türe her. Er rief noch einmal des Mädchens Namen, ging dann in die Mitte des Zimmers. Nein, nein, das war nicht der Sturm — — jemand arbeitete an dem Schloss. Er ging zur Türe und öffnete sie rasch: niemand stand davor. Dann aber hörte er, wie das Geräusch von der andern Türe, der des Schlafzimmers herkam, die von innen verriegelt war. Er vernahm ganz deutlich, dass die Klinke, leise und vorsichtig, immer wieder vergeblich niedergedrückt wurde. Er tat einen Schritt auf den Gang und sah, die Hand an der Klinke, eine weisse Gestalt. Instinktiv trat er zurück und warf die Türe ins Schloss.

Er hatte wenig sehen können in dem dunklen Flur, in den nur schwach der Schein seiner Lampe fiel. Teresa war es gewiss nicht, sie wusste ja, dass diese Türe verschlossen war. Ihr Vater vielleicht? Oder der Knecht? Was wollten sie in seinem Schlafzimmer um diese Stunde?

Er ging an den Tisch und nahm aus der Schublade seinen Browning. Er überzeugte sich, dass das Magazin gefüllt war, und löste die Sicherung. Dann wandte er sich wieder zur Türe. Aber ehe er noch einen Schritt getan, sah er, dass sich die Klinke bewegte — die Türe öffnete sich weit.

Das volle Licht fiel auf den Eindringling: es war Pietro Nosclere. Er war in schmutzigem, völlig vom Regen durchweichten Hemde, auf den schwarzen Haaren hing schief eine weisse Nachtmütze. Die nackten Füsse trieften von Kot, die Beine, unbedeckt bis zum Knie herauf, waren schwarz von langer dichter Behaarung, zwischen der der Schmutz klebte.

»Eine seltsame Besuchstoilette.« dachte Frank Braun. Er rief, aber Pietro hörte ihn nicht. Seine Augen waren weit geöffnet und blickten starr gerade aus. Aber sie sahen nichts. Frank Braun nahm die Lampe und leuchtete ihm nahe ins Gesicht — nicht einmal die Wimpern zuckten. Wie in tiefster Dunkelheit tappte er dahin, griff an die Wand und tastete weiter.

Plötzlich blieb er stehen. Er schien sich zu besinnen, die Stirn zog sich in Falten. Dann drehte er um, tastete langsam wieder zur Türe zurück und ging hinaus. Der Deutsche folgte ihm, die Lampe in der linken, den Revolver in der rechten Hand. Er sah, wie Pietro sich zur Treppe hinschlich, dann hinunter tappte und unten in das Gastzimmer trat. Rasch ging er ihm nach und trat zugleich mit ihm ein.

Der Amerikaner schlich vorbei an der langen Bank und betastete den Kamin; es war augenscheinlich, dass er etwas suchte. Schliesslich fand er den Wirtschaftschrank, wühlte darin herum und zog ein langes spitzes Fleischermesser heraus. Er prüfte mit dem Daumen die Schneide und ein breites Grinsen glitt über sein Gesicht. Er fasste den Griff fest mit der Rechten und stieg vorsichtig wieder die Treppe hinauf.

Diesmal ging er gleich durch die offene Tür des Wohnzimmers. Frank Braun stand zwei Schritte neben ihm und beobachtete jede Bewegung; stets bereit, mit seinem Browning das erste Wort zu sprechen. Aber der Nachtwandler gab ihm auch nicht die kleinste Veranlassung, die Hand zu heben; es war ganz offenbar, dass er durchaus nichts sah und hörte. Er stand nun vor der Verbindungstür und öffnete sie mit einem leisen vorsichtigen Druck, dann ging er in das Schlafzimmer.

Frank Braun trat hinter ihm in die Türe und sah ihm zu. Pietro schritt gerade hin auf das Bett, das nahe dem Fenster stand, er nahm das Messer in den Mund und tastete vorsichtig mit beiden Händen nach dem Kopfende. Der helle Schein der Lampe fiel ihm ins Gesicht und Frank Braun sah, wie es verzerrt war in massloser Wut.

Endlich schien er seiner Sache gewiss zu sein; er fasste das Kopfkissen mit der Linken, griff das Messer und führte dann mit wahnsinniger Kraft einen Stoss. Noch einmal riss er das Messer hoch und stiess wieder zu, dann wischte er sich mit der Hand über die Augen, als ob ihm das Blut ins Gesicht gespritzt wäre. Und wieder und wieder stiess er das Messer bis zum Heft in die Kissen.

Ein seliges Lächeln voll innerster Befriedigung legte sich auf seine Lippen. Er atmete ein paarmal tief auf, dann liess er das Messer fallen. Mit ruhigen, fast festen Schritten ging er zur Türe. Frank Braun liess ihn vorbei und folgte ihm dann wieder, durch das Zimmer und die Treppen hinunter. Er sah, wie der Nachtwandler die Haustüre öffnete und sorgfältig hinter sich schloss. Der Regen schlug ihm ins Gesicht, aber er merkte es nicht, langsam schritt er durch die aufgeweichten Gassen seinem Hause zu.

Der Deutsche ging zurück in sein Zimmer, trat ans Bett und betrachtete es. Die Decken und Kissen waren durchbohrt, die Stiche gingen tief hinein in die Matratze. »Es ist wohl besser für uns beide, dass ich da nicht gelegen habe.« sagte er.

Und jetzt erst fasste ihn eine stille Furcht. Die Hand zitterte und er musste die Lampe rasch niedersetzen.

Langsam entkleidete er sich und legte sich nieder.


KAPITEL VIII.

Dann werden sich öffnen die Augen der Blinden
und die Ohren der Tauben sich erschließen.
Der Lahme soll springen, wie ein Hirsch,
und des Stummen Zunge sich lösen.

Jesaias XXXV, 5.


Mit nackten Beinen, ein weisses Tuch um die Schultern, auf dem Kopf einen grossen Papierhut zog Gino durch die Gassen, er trug ein langes Holzschwert in der Hand. An kurzer Leine schleppte der taubstumme Junge eine Ziege hinter sich her, die am Halse und am Schwanze, an den Hörnern und allen vier Beinen grosse Schellen trug. Um den Leib hatte man ihr eine Decke gebunden und darauf rittlings, das Gesicht zum Schwanze hin, eine grosse Puppe befestigt. Sie war primitiv genug aus Werg und schwarzen Lappen gefertigt; zwei rote Perlen dienten ihr als Augen. Sie hatte zwei Hörner, eine lange rote Zunge und einen grünen Schwanz; die Leute begriffen, dass sie den Satan darstellen sollte.

Gino krächzte seine heiseren Laute, dazu schlug er mit dem Schwert auf den Teufel los. Die Ziege meckerte ängstlich und läutete dabei mit elf lauten Schellen. So zogen sie durchs Dorf, und hinter ihnen liefen die Kinder und Weiber. Zuweilen griff der Junge in seine Tasche und verteilte kleine Zettel unter die Leute.

Teresa stellte das Brot auf den Tisch und ging ans Fenster. »O,« rief sie, »sie haben einen Aff aus dem armen Kind gemacht!«

Frank Braun trat zu ihr. »Das hat gewiss der Amerikaner getan.« lachte er. »Es ist eine Erinnerung an das Yankeeland. Er macht Fortschritte, der Mister Peter, er ist der Barnum von Val di Scodra! — Siehst du nicht, dass der Gino den Erzengel Gabriel vorstellen soll?«

Teresa lief hinaus. Sie löste der Ziege die Schellen und die drückende Decke und warf den schwarzen Puppenteufel in die Gosse. »Armer Junge!« rief sie und streichelte ihn. »Was haben sie mit dir angestellt?«

Aber der Erzengel Gabriel schien gar nicht so mitleidbedürftig, seine Rolle hatte ihm augenscheinlich Freude gemacht. Die Tränen standen ihm in den Augen, als ihm Teresa die Mütze und das Holzschwert abnahm, und ihn bedeutete, die Ziege hinauszuführen zur Weide. Trotzdem gehorchte er, warf dem Teufel einen sehnsüchtigen Blick nach und schlich davon.

»Seit wann spielst du Dorfpolizei und untersagst öffentliche Aufzüge?« fragte Frank Braun lachend. »Gib ihm doch seinen Säbel zurück.«

»Ich werde ihm etwas geben, das er lieber hat.« antwortete sie. Sie winkte Gino wieder heran, ging ins Haus und machte ihm ein grosses Butterbrot.

Der taubstumme Junge grinste und biss gierig hinein. Dann griff er in die Tasche und gab Teresa alle die Zettel, die er noch hatte. Sie warf einen Blick darauf und schleuderte sie auf den Boden.

»Warum so wild?« lachte Frank Braun. Er hob einen der Zettel auf und las ihn. Da stand, mit kantigen unbeholfenen Buchstaben:


HEUTE ABEND 8 UHR PÜNKTLICH
Im Versammlungslokale

GROSSE TEUFELSSCHLACHT.
Alle Christen sind herzlich geladen.

Elias, der Prophet


»Sieh doch, der Amerikaner kommt in Schuss!« rief er. »Wollen wir hingehen, Teresa?«

»Nein.« sagte das Mädchen.

»Doch!« bestand er. »Wir wollen hingehen. Er wird gewiss eine Ueberraschung haben heute abend; ich habe ihm neulich ein paar gute Lehren gegeben.«

Das Mädchen bat ihn: »Ich möchte nicht hingehen.«

»Und warum nicht?« fragte er. »Das ganze Dorf wird dort sein, warum willst du allein nicht hinkommen?«

»Vater ist auch nicht da.« wandte sie ein. Er lachte. »Dein Vater? Nun, ich werde ihm zwanzig Kronen geben, dann wird er gewiss mitkommen.«

Sie schwieg, das Blut stieg ihr ins Gesicht.

Aber er liess sie nicht los. »Glaubst du nicht, dass ers tun wird?«

Sie richtete sich auf und sah ihn an: »Ja, ich weiss wohl, dass er dann gehen wird. Ich weiss, dass er alles tut für Geld. Und ich weiss auch, dass er Geld von dir nahm, für — für mich — —« Ihre Brust ging hoch, sie rang nach Atem. So gefiel sie ihm gut und er liess wieder die Peitsche fallen, sie weiter zu treiben. Er sagte: »Nun, war es nicht sein Recht — seinen Anteil an dir zu Gelde zu machen?«

Sie wich einen Schritt zurück, hob die Arme und schloss sich die Ohren mit den Händen: »Schweig still!« rief sie. »Schweig still, ich will es nicht hören! — Er ist mein Vater.«

»Dein Vater ist ein Schuft,« sagte er lachend, »und du weisst es gut.«

Da brach sie zusammen. Sie warf sich schluchzend auf die Bank. »Was willst du von ihm? — Und was willst du von dem schmutzigen Amerikaner? — Ist es nicht genug, dass du mich hast?«

Er fragte: »Willst du mitkommen heute abend?«

Sie nickte.

* * *

Er liess sie allein und ging auf sein Zimmer. Er war sehr unzufrieden mit sich und pfiff ärgerlich durch die Zähne. Warum nur quälte er dieses Mädchen? Was wollte er mit seiner kindischen, aufgeblasenen Herrschsucht, die so leer und töricht war, so kaum Augenblicke ausfüllend? Ach ja: er war Caesar im Tale von Scodra. Er beherrschte den giftigen Pietro Nosclere, den Propheten, und mit ihm seine ganze Gemeinde. Was machte es aus, dass der Heilige in seinen Träumen sich selber fand, so sehr, dass er ihn bis zur Vernichtung hasste? Wenn er nur im Wachen seinen Willen tat!

Mit seinem Gelde aber beherrschte er den geizigen Raimondi, mit seinem Blicke das Mädchen, das ihn liebte. Wirklich: er war der König.

Er lachte bitter. Er wusste wohl, was ihm fehlte: nur ein wenig guter, dummer Köhlerglauben. Wenn er nur glauben könnte, dass dieser alte fleckige Lappen ein Purpur wäre — so war es ja ein Königsmantel! Sein Wille geschah, wohin er nur blickte in diesem Tale, o — warum konnte er nicht glauben an diesen einen Willen? Nur einmal stark und fest glauben an sich und seinen Willen zur Tat!

Ach, nicht einmal das war nötig! Nur ein wenig, ein ganz klein wenig brauchte er von dem wilden Glauben, der hier im Tale üppig blühte und wucherte. Val di Scodra glaubte für ihn, stark und unerschütterlich: Pietro an seine Sendung, Raimondi an die unermesslichen Schätze des Fremden. Das Mädchen aber an seine Liebe.

Drei grosse Lügen —

Waren es wirklich Lügen? Hatte sie der grosse Glauben des Tales nicht längst zur Wahrheit gemacht? Ach, wenn er selbst daran glauben könnte, einen kleinen Augenblick nur, so standen sie schon da, blank und klar, wie je eine grosse Wahrheit.

Er fühlte es wohl: nur der Glauben gab ein Glück. Er hätte hingehen mögen zu dem letzten kielkröpfigen Bettler und ihn anflehen: »Barmherzigkeit! Gib mir von deinem Glauben!« — Ein Quentchen Glauben war mehr wert als alle grosse Vernunft.

Er warf sich auf sein Bett und wühlte den Kopf in die Kissen. Er peitschte alle Gedanken zusammen, trieb sie in die Hürde, wie eine Rinderherde. Er liess sie einander begatten und Frucht tragen, immer neue tolle Bilder zur Welt werfen.

Pietro war der Prophet, der Jan Bockelson der Berge, der Zionskönig von Val di Scodra. Und Teresa wurde zur Heiligen, zugleich Divara und die Rose von Lima. Wunder geschahen und seltsame Taten in dem einsamen Tale, ein Hexensabbath hub an und ein toller Tanz aller wilden Wahne. Die ganze Welt war geladen zu diesem Schauspiel; er aber sass in seinem Kasten und zog die Drähte seiner Puppen.

War es nicht doch wert zu leben für dieses Narrenspiel?

Er sprang auf und rief nach Teresa; atemlos kam sie in sein Zimmer.

»Was soll ich?« fragte sie.

Er schrie sie an: »Glaubst du? Glaubst du? — An was glaubst du?«

Sie sah ihn an, ängstlich und scheu. »An, was willst du, dass ich glauben soll?«

Er nahm ihren Arm und schüttelte sie. »Ich will wissen, an was du glaubst. Nenne mir alles, woran du glaubst! — Glaubst du an Gott?«

»Ja.« sagte sie.

»Und an Jesum Christum, seinen Sohn?«

»Ja — ja.«

»Und an den heiligen Geist? Und an die Madonna? Und an die Heiligen?«

Sie zitterte. »Ja,« rief sie, »ja, ja!«

»An die Auferstehung der Toten? An den Himmel? An das Fegefeuer?«

Sie nickte.

»An alles, was die Kirche lehrt?«

»Ja,« sagte sie, »an allles was sie lehrt. — Warum fragst du?«

Aber er fuhr fort, seine Worte schlugen hart auf, wie Hagelkörner: »Glaubst du an die Liebe? Glaubst du, dass die Erde rund ist? Glaubst du, dass das da ein Stuhl ist? Und das ein Tisch? Dass du ein Mensch bist? Glaubst du, dass es ein Glück gibt auf dieser Welt?«

Sie erschrak, wich fast zurück vor ihm. »O, lieber Herr —« sagte sie.

Er schrie: »Gib Antwort!«

Da sagte sie furchtsam: »Ja, ich glaube das alles.«

Er lachte wild. »Alles, alles? — Du kannst alles glauben! — Wenn ich dir sage, dass heute der Pfarrer kommt, wirst du es glauben?«

»Ja — warum sollte ich es nicht glauben, wenn du es sagst.«

»Natürlich — warum nicht?! Ich werde dir sagen, die Sonne wird vom Himmel stürzen und du wirst es glauben. Ich will dir sagen, dass ein Wurm durch mein Hirn kriecht — du glaubst es — — du wirst ihn sehn und ihn fangen!«

Sie trat dicht zu ihm, streichelte leicht seinen Arm.

»Du bist krank,« sagte sie.

»Nein,« schrie er, »nein! Ihr seid krank — ihr alle: euer Glaube ist eure Krankheit! — Erschrick nicht, es ist eine gute selige Krankheit, und doch die ansteckendste, die es wohl gibt. Und ich sage dir, Kind, dass ich nichts sehnlicher wünsche, als angesteckt zu werden von ihr! Aber siehst du, das ist das Schlimme — ich bin immun!« Er lachte bitter.

Er setzte sich auf das Bett und zog sie zu sich. »Du bist der Glauben.« sagte er. »Ich will dich trinken, ich will mich baden in dir. — Weisst du, was ein Moorbad ist? Krüppel gehen hin und Lahme, kommen an Stöcken und Krücken und werfen sich nackt in den schmutzigen Schlamm. Und sie steigen heraus und recken die Glieder und gehen frei in alle Welt. — Ich bin nackt und bin rein und will mich nun baden in dem Schmutze des Glaubens. Ich kann nicht mehr gehen, siehst du, und alle meine Glieder sind lahm und steif. Küsse mich, Mädchen, nimm mich und küsse mich! Lass mich baden in deines Glaubens Schlamm.«

Er zog sie an sich, drängte sich an ihre Brust. »Antworte doch, antworte! Fühlst du denn nicht, was ich will? Du hast soviel starken Glauben, und ein bisschen, ein kleines bisschen nur sollst du mir geben! So viel Glauben nur, dass ich darauf stehen mag, oh, so viel nur, um mich festzugreifen mit einer schwachen Hand!«

»Liebster,« sagte sie, »Liebster! Ich will zur Madonna beten — Tag und Nacht —«

Er schüttelte heftig den Kopf. »Nein, nein, sie kann mir nicht helfen! Du musst es selbst tun, du! — Du bist die Madonna!«

Sie erschrak, ihre Arme zitterten. »Ich — bin — die Madonna —?« stammelte sie.

»Ja!« rief er. »Jeder hat seinen eigenen Gott. Und eines jeden Menschen Gott sieht so aus, wie er selbst ist. Niemand mag ihn schaffen nach fremdem Bilde. Deines frommen Beichtvaters Gott ist gut und milde, wie er selbst. Des Amerikaners Gott ist klein und schmutzig, wie er selber ist. Und deine Madonna ist voller Liebe — wie du!« — Er kniete und warf den Kopf in ihren Schoss. »Alle Menschen,« schluchzte er, »haben einen Gott, an den sie glauben dürfen. Nur ich habe keinen, nur ich nicht. — — Ich kann nicht glauben!«

Seine Stimme gellte, wie eines Ertrinkenden Schrei, brannte ihr wie ein Blitzschlag seine Verzweiflung ins Herz. »Nimm mein Leben!« hauchte sie.

Da sprang er auf und stiess sie zurück. »Ich will dein Leben nicht!« schrie er. »Was nutzt mir dein Leben? — Deinen Glauben will ich, den heissen Glauben! — Gib mir die Kraft an mich selbst zu glauben, so bin ich ein Gott, der dich hoch durch alle Himmel tragen will!«

»Ich glaube an dich.« sagte sie.

Er riss sie auf, griff sie und hob sie auf die Arme. »Du?«

Sie schlang ihre Arme um seinen Hals und bedeckte ihn mit Küssen. Aber er machte den Kopf frei, wiegte sie hin und her wie ein leichtes Bündel. »Du? — Ja, du glaubst an mich! Ihr alle glaubt an mich, dein Vater und Pietro und das ganze Dorf. Sogar dein Pfarrer glaubt an mich. Warum kann ichs selber nicht tun? — Sag mir, bin ich ein König, wenn alle Welt es sagt?«

Sie sah ihn an, aus ihren Augen brach der strahlende Glaube: »Du bist ein König.«

»Und du glaubst an mich? Mehr wie an alles, alles andere?«

Da klang es tief und klingend, wie ein Läuten abgestimmter Glocken: »Nur an dich will ich glauben.«

Ihm schwindelte, seine Füsse schwankten, er liess sich, ohne sie loszulassen auf das Bett fallen.

»Geliebte!« flüsterte er. —

* * *

Ihres Vaters Stimme drang durch das Haus. Sie löste sich aus seinen Armen, setzte sich auf.

»Wo willst du hin?« fragte er.

»Der Vater ruft mich.« sagte sie. Sie ordnete das Haar, strich die Kleider zurecht. Aber er hielt sie fest.

»Nein, du darfst nicht gehen,« rief er, »ich lasse dich nicht.«

Sie lächelte und küsste seine heisse Stirn. »Ich muss das Essen bereiten, Liebster. Wenn du nicht unten essen willst, bringe ich dir alles herauf.« — Sie beugte sich zu seinem Ohre. »Und zur Nacht bin ich wieder in deinen Armen.«

Er schloss die Augen und lachte bitter. »Zur Nacht? — Nein, nein, ich kann dich nicht lassen, du darfst keinen Augenblick von mir gehen!« Seine Lippen verzogen sich, ein grosser Schmerz lag auf seinen Zügen. »Geh nicht, geh nicht, sonst kommt es wieder.«

»Was kommt wieder?« fragte sie.

Er zog ihren Kopf herab und hielt ihn fest. »Höre, Teresa, ich will es so sagen, dass du es vielleicht verstehen magst. Der Zweifel kommt wieder, die Hölle und der Tod. Ich weiss, dass es kommt — es kommt im Augenblick, wenn du gehst, und es frisst das auf, was du mir gabst. Du musst bleiben. Nur so kann ich glauben, dass ich lebe. Du musst bei mir sein, ich muss dich sehen und fühlen.«

Sie lachte still und sicher, sie küsste seinen Mund und beide Augen. Dann sagte sie: »Nun — wenn du willst — so komm mit und hilf mir.«

So einfach kamen ihre Worte, so leicht und gewiss. Und ihm war, als ob der Weg, auf dem sie kamen von ihr, so klein sei und kurz: wie aus seinem Munde sprach sie zu ihm.

»Sags noch einmal!« bat er.

»Ja,« sagte sie, »so hilf mir in der Küche, wenn du magst.«

Er sprang auf, fröhlich wie sie. Hand in Hand eilten sie die Treppe hinab.

Sie warf einen Blick auf die Uhr. »O wie spät es schon ist!« rief sie. »Wir müssen uns eilen, der Vater wird brummen! — Was willst du essen?«

»Speckpfannekuchen!« rief er.

Sie liess ihn den Teig rühren, dann musste er den Salat anmachen. Sie band ihm eine Schürze um und er trug die Schüsseln ins Gastzimmer.

Nach dem Essen half er ihr im Garten. Sie schnitten die Zweige von den Maulbeerbäumen, und streiften die Blätter für die Seidenraupen ab.

Ihr Vater rief sie; sie solle die Bücher für die Post in Ordnung bringen.

Frank Braun biss sich in die Lippen und fuhr mit der Hand in die Tasche: »Er soll dich in Ruhe lassen.« zischte er. »Ich will ihm Geld geben.«

Aber sie sah ihn bittend an; da schwieg er. Sie nahm die Bücher und trug sie auf sein Zimmer. »Bist du nun zufrieden?«

Er nickte und küsste sie.

* * *

Das Mädchen sagte: »Es ist acht Uhr vorbei. Wir wollten doch zu Pietros Teufelsschlacht?«

Er sah sie an. »Willst du hingehen?« fragte er unsicher.

Sie lachte. »Natürlich will ich! Mit dir!« Sie gingen langsam, machten einen grossen Umweg durch die Olivengärten. Einmal hielt sie ihn fest am Arm, zog ihn, dass er den Fuss rückwärts setzte.

»Was hast du?« fragte er.

Sie bückte sich, hob sorgsam einen Regenwurm auf, warf ihn in das Gras. »Du hättest ihn fast zertreten!« sagte sie vorwurfsvoll.

Er fragte: »Und du nimmst ihn auf? — Früher hättest du keinen Wurm angerührt.«

Sie sah ihn voll an. »Nein — früher nicht.«

Sie kamen spät genug zu Pietros Scheune. Der grosse Raum war gedrängt voll und sie standen hinten an der Türe. Die Leute sangen laut, niemand bemerkte ihr Kommen. Es gelang ihnen, sich durch zu schieben zur Seite hin, dort setzte er einen Stuhl auf die lange Bank, die an der Wand stand. Teresa kletterte hinauf und er stellte sich dicht neben sie. Sie legte den Arm auf seine Schulter.

Der Saal war schlecht genug beleuchtet und es dauerte eine Weile, bis ihre Augen sich gewöhnt hatten an den stickigen Dunst. Jedoch hatte der Amerikaner manche Verbesserung angebracht, von allen Querbalken hingen alte Laternen, in den plumpen Pfählen, die hinten das First trugen, staken vier schwälende Pechfackeln. Grosse weisse Pappschilder schmückten die Wände und Balken und durchbrachen leuchtend die trübe Luft. Teresa las die Sprüche und flüsterte sie ihm ins Ohr.

»Alleluja! Denn der allmächtige Gott hat das Reich eingenommen!« — »Selig sind, die zum Mahle des Lammes berufen sind.« — »Das Lamm, das erwürgt ist, ist würdig zu nehmen Kraft und Reichtum und Stärke und Weisheit und Ehre und Preis und Lob.« — »Und der Teufel, der sie verführte, ward geworfen in den feurigen Pfuhl und Schwefel.«

Frank Braun lächelte. »Alles aus der Offenbarung —« murmelte er. »Er geht schon den rechten Weg!«

Die Gemeinde sang das Fronleichnamslied; schrill klangen die gellenden Stimmen der Weiber. Frank Braun hörte die überstolpernde Stimme der Frau des Venier, die vorne in der ersten Reihe sass. Viele standen, andere sassen und knieten; gerade unter dem Christusbilde hockte ein zweijähriges Kind auf dem Boden und lutschte eifrig an einem Stückchen Wurzel, unbekümmert um den Lärm ringsum.

Die Musik sass vorne in der linken Ecke des Saales; abscheulich schrieen die Instrumente durcheinander: Triangel, Tamburin und Harmonika.

Nicht weit von ihnen sass, auf derselben Bank, ein hageres Weib, ihre Bluse stand weit offen und an jeder ihrer schlaffen Brüste sog ein mageres Kind. Trotzdem sang sie eifrig, wie ihre Nachbarin, eine hässliche uralte Matrone, vor der ein fünfjähriger Bube kniete. Er schlief, den Kopf in ihrem Schoss, und die Alte suchte eifrig die Läuse aus den verfilzten Haaren. In der Mitte, auf einem niedrigen Schemel, den Leib weit vorgestreckt, hockte Sibylla Madruzzo, auf ihren kurzen Stab gestützt; etwas vor ihr sass ein alter Bauer, der stets jedes Wort dann erst begann, wenn die andern damit fertig waren. Um das Christusbild war ein kleiner Halbkreis freigelassen; da sass, ein wenig vor den andern, Pietro Nosclere, neben ihm Girolamo Scuro, sein riesiger Knecht.

Gino, Teresas Schützling, stand auf der andern Seite. Aber er schlüpfte durch die Menge, kroch auf allen Vieren zwischen den Röcken und Beinen durch, bis er bei ihr war. Er küsste ihr das Kleid und kauerte sich unter die Bank.

Das Lied war zu Ende. Der Amerikaner drehte sich um, da stand hinter ihm ein Mann auf und trat in den Halbkreis. Er war mager und dürr, wie ausgetrocknet von der Sonne, die Haut fiel in ledernen Falten über die Knochen. Er hielt das kleine, schwarze Gebetbuch in der Hand.

»Es ist Ronchi, der Schneider!« flüsterte Teresa. »Der, der neben der Kirche wohnt.«

Pietro ergriff das Buch, schlug es auf und gab es ihm dann zurück. Der Schneider nahm es, wischte sich mit dem Tuche über die Stirne. Er las die Litanei vom heiligen Namen Jesu, stockend, mühsam die Worte mit dem Finger verfolgend.


»Herr, erbarme dich unser!
Christe, erbarme dich unser!
Herr, erbarme dich unser!
Christe, höre uns!
Christe, erhöre uns!
Gott Vater im Himmel, erbarme dich unser!
Gott Sohn, Erlöser der Welt — —«


Und die Gemeinde antwortete: »Erbarme dich unser!«

Er hob ein wenig seine Stimme. »Gott heiliger Geist —«

»Erbarme dich unser!« rief die Gemeinde.


»Heilige Dreifaltigkeit, ein einiger Gott —«
»Erbarme dich unser!«
»Jesu, du Sohn des lebendigen Gottes« —
»Erbarme dich unser!«
»Jesu, du Abglanz des Vaters —«
»Erbarme dich unser!«
»Jesu, du Glanz des ewigen Lichtes —«
»Erbarme dich unser!«
»Jesu, du König der Glorie —«
»Erbarme dich unser!«


Und so ging es weiter, springend, stolpernd, in endlosem Falle. Jesu, du Licht der Bekenner Jesu, du Reinheit der Jungfrauen — Jesu, du Krone der Heiligen — weiter, weiter —

Die Worte füllten den Saal, troffen von den Wänden, drängten sich in die stickige Luft. Stiegen wie faule Blasen zur Decke, senkten sich drückend und erstickend auf diese armen Bauern.

Der Schneider sagte:


»Von allem Uebel, erlöse uns, o Jesu!
Von deinem Zorne, erlöse uns, o Jesu!
Von den Nachstellungen des Teufels —«


Und wieder fiel die Gemeinde ein: »Erlöse uns, o Jesu!«

»Von dem ewigen Tode —«
»Erlöse uns, o Jesu!«
»Von Verachtung deiner heiligen Einsprechungen —«
»Erlöse uns, o Jesu!«
»Durch das Geheimnis deiner heiligen Menschwerdung —«
»Erlöse uns, o Jesu!«


O, wie sie schrien! Wie sie all diese Mittel aufgriffen, um erlöst zu werden! Durch Kindheit und Geburt, durch das göttliche Leben und die Arbeiten, durch Todesangst und Leiden, durch Schmerzen, Tod und Begräbnis, durch Auferstehung und Himmelfahrt, durch die ewige Freude und die Glorie — — sie wollten erlöst sein!

»Erlöse uns, o Jesu! — Erlöse uns, o Jesu!«

Der Schneider las die Anrufungen des Lammes Gottes, betete das Vaterunser und das Gebet des heiligen Namens. Und die Gemeinde kniete und fiel ein, im lauthallenden »A-men«.

Pietro erhob sich und fragte, wer jetzt das Bedürfnis fühle, der Gemeinde zu beichten.

Sofort erhob sich sein rotkröpfiger Knecht. Er schob mit der schwieligen Faust die gewaltige Wampe zur Seite und sagte sein Sprüchlein — nun wohl schon zum hundertsten Male. Jedermann wusste es längst, dass er ein furchtbarer Säufer gewesen war, den nun die Gnade des Herrn erleuchtet hatte. Früher sei er viermal in der Woche betrunken gewesen und Sonntags zweimal —

Das vergass er nicht, das war sein Trumpf: Sonntags zweimal. Und die Gemeinde dankte ihm grinsend und nahm inbrünstig sein reuiges Bekenntnis auf. Die furchtbare Kropfstimme stiess schnell und heiser die Kehllaute aus der hohlen Brust, dazwischen sprangen, sich überstürzend, seltsame Schnalzer.

Frank Braun lauschte auf diese Stimme. »Wie die Hottentotten,« murmelte er, »wie die Clicksprache der Hottentotten.«

Kaum war er zu Ende, als sich hastig die Frau des Venier erhob. Sie wartete das Gebet nicht ab, das gewöhnlich der Amerikaner nach einer jeden Beichte sprach, sie drängte sich hastig durch die Reihen, warf sich vor dem Christusbilde in die Knie, berührte den Boden mit der Stirn und betete schluchzend. Dann sprang sie auf und wandte sich zur Gemeinde. »Ich will meine Seele sagen!« rief sie. »Ich habe immer geschwiegen und große Sünde auf mich geladen. Da hat der Herr in seinem Zorne seine Plagen geschickt und die Krankheit fasste mich und brachte mich an den Rand des Grabes. Kein Mensch konnte mir helfen, selbst der berühmte deutsche Doktor und seine Kunst waren ohnmächtig gegen den Willen des Herrn. Aber die Brüder und Schwestern verliessen mich nicht und knieten an meinem Bette und flehten zum Lamme, dass es mir Zeit lassen möge, noch auf dieser Erde die Sünden zu bereuen, die ich einst beging. Und Pietro Nosclere schrie zum Herrn und der Herr erhörte das Gebet seines Dieners. Und er legte in seine Hand meine Rettung und durch seine Hand bin ich gesund. Liebe Schwestern und Brüder, heute bin ich zum ersten Male wieder in unserer Gemeinschaft und da drängt es mich, allen zu sagen, wie schlecht ich war. Mein ganzes Leben war eine Kette von Sünden, und erst seit Bruder Pietro in unser Dorf kam und uns lehrte, den Weg zu gehen, der zum Heile führt, erst seit der Zeit bin ich ein treues Kind des Lammes. Ich war fest in den Krallen des Satans, aber sein heiliges Gebet brach die Gewalt des Bösen. Höret zu, wie schlecht ich war, und betet, liebe Schwestern, für meine arme Seele!«

Sie sprach schnell, überstürzte sich; sie schluchzte und rang die Hände. Ihr Gesicht war bleich und fast grün, abgezehrt von dem Fieber, aber ihre schwarzen Augen strahlten in heissem Glänze.

»Betet für mich, liebe Brüder und Schwestern, um Vergebung meiner Sünden. Mein Kind, das zweite, die Fiametta, ist nicht das Kind meines Mannes, des Mariano Venier. Ich war in des Teufels Klauen und brach das Wort, das ich ihm gelobte vor dem Tische des Herrn. Tritt her, Fiametta, dass dich alle sehen, du Frucht meiner Sünden!«

Sie drang in die Bänke, riss an den Haaren das verdutzte, kaum achtjährige Kind heraus. Es versuchte sich festzuhalten an dem Rocke des Vaters, heulte und schrie, aber das Weib zerrte es und stiess es vor sich her.

»Da steht es,« schrie sie, »die lebende Erinnerung sündiger Umarmung. Aloys Drenker, der Gendarm, ist sein Vater, mit ihm brach ich die Ehe! — O Brüder, o Schwestern, vergebt mir, betet mit mir zum Lamme um Vergebung meiner grossen Sünden!«

Sie schlug die Arme hoch in die Höhe, liess sie schwer niederfallen auf die mageren Schultern des Kindes. »Auf die Knie mit dir, schmutziger Bankert, und bete für die Sünden deiner Mutter!«

Sie kniete und stiess das Kind in die Knie.

»O, du Lamm Gottes, welches du hinwegnimmst die Sünden der Welt, erbarme dich unser, o Jesu!«

Und das Kind schluchzte unter heissen Tränen: »Erbarme dich unser, o Jesu!«

Frank Braun dachte: »Sieh doch, der Gendarm!« — Er sah, wie sie alle hindrängten zu dem Weibe, wie sie schielten nach des Kindes blondem Schopfe. Er sah Venier, der stumpf dastand, das Maul weit aufsperrte und sich in den Haaren kratzte.

Da hörte er Teresas Stimme, dicht an seinem Ohre. »Lass uns gehen, Liebster, lass uns gehen! Diese Leute sind schrecklich.«

Er suchte loszukommen, aber es schien unmöglich. Manche Nachzügler waren noch gekommen und der Raum war so überfüllt, dass man sich kaum regen konnte. Dazu war eine starke Bewegung in dem Saale, alles schob und drängte nach vorne, um Matilda Venier zu sehen, ihren Mann und das arme Kind, das die Frucht ihrer Sünden war.

»Es geht nicht.« flüsterte er ihr zu. »Wir müssen warten, bis sie ein wenig ruhiger sind.« Sie drängte sich eng an ihn, hielt seine Hand in ihren heissen Händen.

Der Amerikaner sagte ein Gebet, alle knieten und sprachen seine Worte mit. Dann hiess er sie aufstehen und begann seine Ansprache. Er sprach ruhig und fast flüssig, aber es war, als ob unter seinen Worten ein wildes Feuer laure, bereit jeden Augenblick zu hellen Flammen auszubrechen. Es waren dieselben armen, alten Gedanken — dass der Herr gnädig sei — und dass er auch voll Zornes sei. Dass der Heiland sein Blut gegeben habe für der Menschen Sünde — und dass man mit ihm kämpfen müsse gegen des Satans Gewalt. Die Macht des Teufels sei unendlich gross — aber des Erlösers Kraft sei noch viel stärker. Und der Mensch müsse unter des Heilandes Fahne ausziehen und in seinem Herzen die Schlacht schlagen gegen den Satanas.

Leise klatschend, wie aus einer Regenrinne bei leichtem Schauer flössen die alten Sätze. Aber Frank Braun fühlte, dass ein Wind wehte und dass ein wilder Sturm durch die drückende Schwüle fahren müsse. Er presste Teresa fest an sich, als wollte er sie einhüllen in einen Mantel. »Hör zu,« flüsterte er, »hör zu.«

Die Finger des Amerikaners krampften sich ineinander, in der dumpfen Stille hörte man die Gelenke knacken. Einen Augenblick schwieg er, dann riss es sich von seinen Lippen:

»Gott gab mir ein Zeichen!«

Und laut schrie er noch einmal: »Gott gab mir ein Zeichen!«

Es war, als habe er mit diesem Wort den grossen Fluss überschritten, der ihn aufhielt auf seinem Wege. Er blickte rasch über die Versammlung, sah die Augen, die sich in starrer Erwartung auf ihn richteten.

»Wartet nur, geliebte Brüder und Schwestern, ich werde es offenbaren. Aber zuvor höret ein anderes und nehmet mit mir Christi Blut, um eure Seelen zu stärken für den Kampf, in den ich euch führen werde.«

Er ging zum Christusbilde, bückte sich und hob vom Boden einen runden, kupfernen Wasserkessel, den er dem Knechte reichte. Dann nahm er zwei Flaschen roten Weines und goss ihren Inhalt hinein. Er fasste den Kupferkessel mit beiden Händen und wandte sich zu dem Gekreuzigten.

»O Herr Jesu Christe, der du der Welt Sünden trägst! In deines Priesters Hand wandelst du den Wein zu deinem Blute, dass er davon geniesse und deine göttliche Kraft empfange! Du hast auch mich gesalbt in deines Vaters Haus, so wolle auch diesen Wein durch das Wunder der Gnade zu deinem Blute wandeln.«

Langsam kniete er nieder, seine Lippen murmelten leise Gebete.

Niemand sprach, es herrschte eine Totenstille. Kaum zu rühren wagte sich die Gemeinde, selbst die Kinder drängten sich atemlos in die Röcke der Mütter. Und nur das Zweijährige, das dicht neben ihm sass auf dem Boden und an seiner Wurzel lutschte, beachtete ihn nicht und schwenkte die nackten Aermchen in der Luft.

Minuten vergingen, Pietro kniete und betete. Leise begann er und flehte um den Segen des Herrn. Bald aber wurde aus seinem Gebet ein lautes Schreien, ein Brüllen, ein Ringen mit Gott, als wolle er ihn zwingen hernieder zu kommen und ihn zu segnen. Die Augen fest geschlossen, warf er sich mit dem ganzen Körper hin und her, krümmte sich und riss sich mit den Händen in den Haaren, während ringsum, bald vereinzelt, bald im Chore die Leute »Amen« riefen und »Gelobt sei Gott«. Die schwälenden Pechfackeln hüllten sie in einen dicken roten Nebel.

Plötzlich, mit einem Ruck, stand Pietro auf. Er drehte auf dem Fusse um und streckte den kupfernen Kessel mit beiden Händen der Gemeinde entgegen. Ein weisser Glanz lag auf seinem Gesicht.

»Der Herr hat mein Gebet erhört!« rief er und führte den Kessel an die Lippen. »Und auch ihr, ihr alle sollt seiner Gnade teilhaftig werden. Kommt her und trinket des Heilandes Blut!«

Ein Schauder ging durch die Versammlung; keiner sagte ein Wort, aber die Lippen aller schienen sich zu bewegen. Ihre Augen standen weit auf und die Köpfe streckten sich nach vorne.

Matilda Venier nahm den Kupferkessel aus seinen Händen, sie trank.

»Es ist Blut!« schrie sie auf. »Es ist Blut! Der Herr hat den Wein verwandelt!«

Ihr greller Schrei brach sich an den Wänden, sprang von allen Seiten durch den Raum. Die Versammlung drängte nach vorne; Girolamo Scuro nahm den Kelch. »Blut! Blut!« gurgelte er aus seinem Kropf. Er setzte noch einmal an und tat einen tiefen Zug.

Die Umstehenden tranken, in wenigen Augenblicken war der Kessel geleert. Pietro goss ihn von neuem voll, kniete nieder, betete und bot den verwandelten Wein. Man gab das Gefäss der kleinen Fiametta Venier, sie drängte sich durch die Reihen und gab jedem zu trinken. Als sie vor ihrem Vater stand, zitterten ihre Arme, aus Furcht, er würde sie schlagen; es sah aus, als ob sie den Kessel fallen liesse. Aber Venier griff zu und nahm den Kessel, er setzte an und leerte ihn mit einem gewaltigen Zuge. Dann liess er sich schwer auf die Bank fallen.

Wieder goss der Amerikaner Wein hinein und betete um das Wunder der Verwandlung. Und Fiametta lief herum und bot die Gabe den Gläubigen. Die Männer brummten: »Blut! Blut!« und die Weiber kreischten: »Es ist des Heilandes Blut!« Ein kleiner Junge weigerte sich und spie den Schluck aus, den er getrunken, aber man hielt ihn fest, goss ihm den Wein in die Lippen und zwang ihn, zu schlucken. Die alte Sibylla fasste den Kessel mit beiden Händen und gab dem Mädchen ihren Stock zu halten. Sie betete stumm und tat einen tiefen Zug. Eine alte Bäuerin, die neben ihr sass, fragte: »Blut?«

Die Bettlerin nickte glückselig und reichte der Nachbarin den kupfernen Kessel.

Alle tranken. Immer neue Flaschen gossen sich in das Gefäss und verwandelten ihren Inhalt zu Blut. Geschäftig trippelte Fiametta durch den Saal, ihr Gesicht strahlte und aller Schmerz war vergessen. Sie reckte sich auf den Fussspitzen und reichte Teresa den Trank.

Das Mädchen schüttelte den Kopf und machte eine abweisende Handbewegung. Aber Frank Braun flüsterte ihr ins Ohr: »Nimm doch, tu so, als ob du tränkest!«

Teresa gehorchte, dann reichte sie ihm den Kessel. Er fühlte, wie aller Augen sich auf ihn wandten. Er schlug ein Kreuz, dann trank er.

Es war guter, klarer Wein.

Er wollte das Gefäss zurückreichen, aber der taubstumme Gino kroch unter der Bank hervor und griff darnach; hastig trank er, in kurzen, gierigen Schlucken. Er war der letzte von allen.

»War es Blut?« flüsterte Teresa. Frank Braun nickte. Sie machte keine Miene mehr zu gehen; ihre Hände brannten, eng drückte sie sich in seinen Arm. Sie zog ihr Tuch über den Kopf, trotz der unerträglichen Hitze, und nur ihre Blicke brachen heraus aus dieser sicheren Hut und hefteten sich fest an das Christusbild und an den Mann, der darunter stand.

Unbeweglich stand er da mit geschlossenen Augen, die Hände eng ineinander verschränkt

Girolamo Scuro, der Knecht, hatte sich neben ihm erhoben. Er stimmte das Fastenlied an, und dröhnend fiel die Gemeinde ein. Der Gesang schien wilder, rauschender zu sein — diese trägen Köpfe, seit vielen Monaten jeden Alkohols entwöhnt, entzündeten sich rasch an den Tropfen, die sie genossen hatten. Wie ein Schlachtgesang scholl es durch den Raum:


»Wundenvoll, erblasst, entkräftet,
An das Opferholz geheftet,
Seh ich wie ein Gottmensch stirbt
Und den Sündern Heil erwirbt!
Jesu, drücke deine Schmerzen
Tief in aller Christen Herzen!
Lass mir deines Todes Pein
Trost in meinem Tode sein.«


Der Amerikaner winkte und sie schwiegen im Augenblick. Er sang leise, wie zu sich selber, die Strophe:


»Dich zu binden und zu schlagen,
Zu beschimpfen und zu plagen,
Nahet sich der Feinde Schar
Und du gibst dich willig dar!«


Und in dröhnender Begeisterung heulte die Gemeinde den Chorus und trampelte dazu den Takt mit den Füssen:

»Jesu drücke deine Schmerzen
Tief in aller Christen Herzen!
Lass mir deines Todes Pein
Trost in meinem Tode sein!«


Dann sprach er, hastig, fanatisch, mit beiden Händen weit in die Luft greifend:

»Brüder! Schwestern! Gott hat euch reiche Gnade geschenkt und euch allen seines Sohnes heiliges Blut gereicht. Aber er will mehr von euch, als nur das Lob eurer Lippen, mehr als Gebet und Gesang! Wir wollen ihm dienen mit Leib und mit Seele und für des Sohnes Blut, das er uns gab, wollen wir ihm unser Blut geben. Das Lamm Gottes wurde gehöhnt und geschlagen, von seinem heiligen Leibe tropfte das Blut unter der Geissel Hieben! Nun wohl, lasst uns seinem Beispiel folgen, lasst uns den Leib kasteien und unser Blut hingeben für den, der sein Blut vergoss um der Welt Sünden willen!«

Er ging hinter seinen Stuhl und schleppte mit Scuros Hilfe von der Wand her einen Sack heran. Er band ihn auf und schüttete seinen Inhalt auf den Boden. Stöcke fielen heraus und Dornenzweige, kurze Hundspeitschen, Birkenruten und Haselgerten. Er ergriff eine starke Rute, in der zwischen den Weidengerten Akazienzweige mit harten, langen Dornen staken. Dann, dicht unter dem Christusbilde, zog er den Rock aus und das Hemd.

Bis zur Hose stand er nackend da. Sein Leib sah schwarz aus, sogar die Arme waren dicht behaart. Lange Zotteln bedeckten die Brust, er schien irgendein seltsamer Affe und kein Mensch.

»Ich will euch ein Beispiel geben!« rief er. Er nahm noch eine Rute vom Boden auf und hob beide Hände hoch in die Luft. »O Lamm Gottes, erlöse uns!« schrie er und liess die Ruten mit mächtigen Streichen niederfallen. Sie trafen den Rücken und die Schultern und die Stacheln bohrten sich heftig ins Fleisch. Er riss sie wieder hoch, sogleich sah man durch die langen, schwarzen Haare hindurch rote Blutstropfen sickern. Und wieder zischten die schweren, schwarzen Ruten durch die Luft und fuhren klatschend über Arme und Brust. Ein vorstehender Dorn traf die linke Wange, ritzte sie der Länge nach und hinterliess einen roten Streif.

Seine Züge verzerrten sich, schneller und immer schneller fielen die Streiche. In der dumpfen Stille hörte man das Sausen und Pfeifen in der Luft und das laute Klatschen der Gerten auf der nackten Haut. Sein Oberkörper wiegte sich hin und her, die bleichen Lippen bewegten sich unaufhörlich in leisem Gebete.

Plötzlich hielt er inne. Seine Brust ging hoch, der Atem stiess sich wie aus Kolben aus den mächtig arbeitenden Lungen. Er streckte beide Arme nach vorne aus, wie Palmenzweige hielt er die Ruten über die Gemeinde.

»Hört Brüder!« rief er. »Hört Schwestern! Ich will euch das Zeichen geben, das mir Gott der Herr offenbarte. Er will euch erretten, alle, alle, von den Qualen des ewigen Todes Und darum senkte er in meinen Leib den Geist seines treuesten Knechtes: ich bin Elias, der Prophet!«

Er sprang in die Höhe, mit beiden Beinen zugleich, es war, als ob er fliegen wollte. Er wandte sich zu dem Gekreuzigten, hüpfte vor ihm auf und nieder und rief: »O Lamm Gottes, welches du hinwegnimmst die Sünden der Welt, erlöse uns o Jesu!«

Und über beide Schultern sausten in scharfen Hieben die dornigen Ruten und zerfleischten den blutigen Rücken.

Die Frau des Venier sprang hoch von den Knien. Sie streifte hastig die blaue Bluse ab und riss in Fetzen ihr Hemd von den Schultern.

»Schlage mich!« schrie sie heiss. »Schlage mich! Du bist Elias, du bist der Prophet! Schlage mich! Ich will leiden für den Herrn, der uns sein Blut gab!«

Ronchi, der Schneider, griff eine Peitsche und fasste sie mit den Zähnen, um mit den Händen den Rock auszuziehen. Girolamo Scuro folgte ihm, seine riesigen Fäuste griffen zwei schlanke Haselstäbe.

Wieder wandte sich der Amerikaner zu der Versammlung. »Brüder! Schwestern! Der Teufel geht umher auf dieser Welt und spottet des Lammes, das seinen Leib gab für unsere Sünden. Ueberall schlägt er sein höllisches Haus auf, doch besonders in den Leibern der armen Menschen. Wir aber wollen ihn austreiben! Wir wollen ihm zu Leibe rücken, mit Gebet und Gesang und wenn er nicht weichen will, so greift zu den Ruten und Geisseln! Da wird er fliehen, wie ein Gestank, und der Sieg ist unser. Auf Brüder, auf Schwestern, singet und betet! Folget mir in die Schlacht gegen die Rotte der Hölle, folget dem, der euch voranschreitet im Kampfe, Elias, dem Propheten! — Ich führe euch: schlaget mich, peitschet mich! Mein Blut fliesse für Jesum Christum, unsern Herrn!«

Er wandte sich an die ihm zunächst stehenden, aber keiner wagte es den Arm gegen ihn zu erheben. Da schrie er sie an: »Was zaudert ihr, Saumselige? Glaubt ihr, der Herr liesse Spott treiben mit sich? Hört ihr nicht den Satan lachen ob eurer Schwäche? Schlage mich, Ronchi, schlage mich, Girolamo, und du Matilda Venier, nimm die Rute und schlage mich!«

Das Weib hob eine Dornenrute vom Boden, aber sie schlug ihn nicht. Auch die Männer zauderten und standen still mit erhobenen Armen.

Da schrie er: »Ihr sollt mich geisseln, hört ihr? Ich befehle es, der Prophet Elias! Mein Blut soll fliessen zum Preise des Herrn! Schlage zu, Schwester Matilda, schlage zu!«

Das Weib schloss die Augen und schlug. Und der Schneider schlug zu und Girolamo Scuro mit beiden mächtigen Fäusten.

»Stärker, stärker!« schrie Pietro.

Die Streiche klatschten und fielen hageldicht. Das Weib heulte: »Schlagt mich auch, mich auch! Ich will leiden für den Herrn!«

Der Knecht gab ihr einen Streich mit dem Haselstock, der sich von den Schultern herab bis zur Hüfte rot abzeichnete. Sie schrie aufheulend vor Schmerz, brach fast in die Knie. Aber gleich richtete sie sich wieder auf und brüllte: »Mehr, mehr! Schlagt mich! Treibt den Satan aus meinem Leibe!«

Zugleich schlug sie mit wilder Kraft ihre Dornenrute über Scuros Brust.

Pietro Nosclere rief: »Singet und betet! Höret, Brüder, den achtunddreissigsten Vers des achtundsiebzigsten Psalmes: ›Er aber war barmherzig und vergab die Missetat und vertilgte sie nicht und wandte oft seinen Zorn ab und liess nicht seinen ganzen Zorn gehen‹.«

Er wiederholte den Vers halb singend wieder und wieder und die Gemeinde sprach ihn mit in seinem Tonfall. Im Takte fielen die Ruten und Peitschen auf die nackten Leiber.

Girolamos braunrote Haut bedeckte sich mit Blut. Ein Streich Pietros traf den riesigen Kropf, er schien noch mehr zu schwülen und hing wie ein ungeheurer rotblauer Kürbis über der mächtigen Brust. Der Schneider war dürr, die Rippen schienen ihm durch die straffe Haut, über der sich Krusten von Blut und Schmutz bildeten. Am grässlichsten aber schien das Bild des Weibes des Venier. Abgezehrt, bleich von ihrer Krankheit, leuchteten ihre heissen Augen von fanatischer Begeisterung. Ihre Arme waren dünn wie Kinderärmchen, die kleinen Brüste hingen wie leere Beutelchen herab. Aber sie raste springend und tanzend herum und schrie: »Schlagt mich! Schlagt mich! Treibt den Teufel aus meinem Leibe!«

Das zweijährige Kind brüllte, der Knecht schob es mit dem Fusse zur Seite. Die kleine Fiametta ergriff es, hielt es, in der Angst, selbst getroffen zu werden, wie einen Schild vor sich und drückte sich eng an die schützende Wand.

Hinten schrie einer: »Lasst mich durch, lasst mich durch!« Sie schoben sich zusammen und machten ihm Platz. Es war ein junger, stiernackiger Bursch, er riss rasch Jacke und Hemd mitten im Saale ab und warf sie in die Versammlung. Ihm folgte noch einer, ein Alter, und der Junge half ihm den Rock ausziehen. Frank Braun kannte sie, es waren die Ulpos, Vater und Sohn, die Nachbaren des Venier.

Jeder nahm eine Peitsche.

Teresa liess keinen Blick von dem Schauspiel. Sie rührte sich nicht, ihre Augen standen starr offen. Nur ihre Hände pressten seine Linke, es war, als erschauerte ihr Körper bei jedem Hiebe.

Plötzlich hörte er sie rufen: »Lasst sie durch, lasst die alte Sibylla durch!« Sie erschrak selbst über ihren Ruf und presste sich noch enger an ihn.

Er sah, wie die alte Bettlerin sich vergeblich mühte, durch die Menge zu dringen. Sie riss an Jüppen und Jacken und stiess mit ihrem Stocke, aber niemand kümmerte sich um sie, alles starrte gebannt nach vorne. Wie vor einer Mauer stand sie.

Keiner achtete auf Teresas Ruf, er schien verloren in dem Lärm der Musik und in dem Takt der Gebete und der Schläge. Doch sah der Amerikaner zu ihr hin und schrie gleich darauf in hellem Tone: »Macht Platz für Sibylla Madruzzo!«

Sie bildeten eine Gasse und die alte Bettlerin kroch hindurch. Sie schob sich nach vorne, mitten unter die blutenden Männer.

Der Gesang verstummte und die Arme hoben sich nicht mehr. »Was willst du, Schwester Sibylla?« fragte der Prophet.

Sie bewegte die Lippen und deutete mit dem Stock auf ihren Rücken.

Der Amerikaner zauderte, er trat einen Schritt zurück. Aber die Alte kroch ihm nach, sie griff die Rute in seinen Händen und küsste sie. Da fasste er sich und gab ihr einen leichten Schlag auf den krummen Rücken.

Aber sie gab nicht nach, sie hob den Hals und drehte den Kopf seitwärts von unten herauf. Unaufhörlich bewegten sich die stummen Lippen.

»Du bist alt und krank,« sagte Pietro. Sie liess seine Hand nicht los und flehte stumm.

Er tat, als verstände er sie nicht. Da wandte sie sich um und machte die Geste des Schreibens. Einer gab ihr einen Fetzen Papier und der Schneider zog einen Bleistift aus der Hosentasche. Die Alte kauerte auf dem Boden und schrieb. Dann hielt sie das Blatt in die Höhe.

Der Knecht griff es und warf einen Blick darauf, aber er konnte nicht lesen. Da nahm es der junge Giovanni Ulpo und las laut: »Du hast gesagt, wir sollen alle unser Blut vergiessen für Christus! Warum stösst du mich zurück?« Er gab das Blatt an Pietro und fügte hinzu: »Ja, das hast du gesagt!«

Noch immer zauderte der Prophet. Er hielt das Blatt in der Hand, von seiner Wange fielen dunkle Blutstropfen darauf.

Sibylla trat zu der Frau des Venier, sie knöpfte langsam ihr Kleid vorne auf und bedeutete jener, ihr zu helfen. Die Frau griff zu, zog ihr mühsam einen Arm aus dem Aermel und streifte das Hemd zurück, so dass eine Schulter entblösst war und ein Teil des Rückens.

Pietro sah ihr zu. »Schlag sie.« befahl er. Und Matilda liess ihre Rute auf den Rücken der Alten fallen.

Aber Sibylla stiess sie zurück. Sie warf sich vor Pietro auf die Knie nieder und umschlang seine Füsse.

»Sie will, dass du es tun sollst.« sagte der alte Ulpo.

Und der Schneider rief: »Du musst es tun! Du bist der Prophet!«

Der Amerikaner kniete nieder neben der Bettlerin. Beide lagen vor dem Gekreuzigten in heissem Gebete.

»Herr, helfe mir! O Lamm Gottes, erhöre mich!« stöhnte Pietro.

Dann sprang er auf und seine Rechte fasste fest die dornige Rute. Er schloss die Augen, und schnell, ohne Unterlass, fielen die schweren Streiche auf die arme Alte. Ihr gelähmter Leib wand sich und krümmte sich zu seinen Füssen, die zerrissene Schulter schimmerte rot.

Und er schlug sie und schlug, blind und rasend.

Da geschah es —

Sibylla Madruzzo richtete sich auf. Erst kniete sie, dann reckte sie sich zu voller Höhe. Und ihr Leib, durch dreissig Jahre gekrümmt in grässlichem Krampfe, hob sich hoch und überragte um Kopfeslänge den Propheten.

Er stand vor ihr, zitternd, seine Hand liess die Rute fallen.

Aber ihre Lippen öffneten sich, laut und klar klangen die Worte: »Der Herr hat mich gesegnet durch deine Hand. Gesegnet seist du, den der Herr sandte!«

Und sie beugte sich und nahm seine Hand und küsste sie demütig.

Ein furchtbares Schweigen lag in der Halle, keiner wagte die Lippen zu öffnen. Selbst Pietro schwieg. Da rief Giovanni Ulpo: »Ein Wunder! Pietro hat ein Wunder getan!«

Aber Ronchi, der Schneider, unterbrach ihn: »Schweig doch! Elias hat es getan. Er ist Elias, er ist der Prophet! Elias, der Prophet, hat ein Wunder getan!«

Alle schrien, alle heulten durcheinander. »Ein Wunder! Ein Wunder!« Sie schoben, sie drängten nach vorne, jeder wollte die Geheilte sehen, jeder den Propheten berühren. Sie traten sich und schlugen, die Weiber kreischten und die Kinder heulten laut.

Dann hörte man die Stimme des Propheten: »Auf die Knie, Brüder und Schwestern, auf die Knie! Danket alle unserm Herrn Jesu Christo! Nicht ich tat das Wunder, Gott tat es durch meine Hand! Betet und danket ihm und singt ihm Preis in alle Ewigkeit!«

Er stimmte das Osterlied an und alle fielen ein:


»O Meer der Seligkeiten,
Für dich, o Lamm zu streiten!
Der Satan sank zur Nacht,
Gewonnen ist die Schlacht!

Alleluja! Alleluja! Alleluja
Wie du vom Tod erstanden bist,
Lass uns erstehn, Herr Jesu Christ!
Alleluja!«


Und das Lied schwoll, als wollte es die Wände zerbrechen und die Decke in Trümmer reissen und aus dem Tale hinaus in alle Himmel steigen. Alleluja! Alleluja! Alleluja!

* * *

Frank Braun hob das Mädchen von dem Stuhle, willenlos liess sie sich führen. Er musste sie unter den Armen stützen und festhalten, jeden Augenblick schien sie zu fallen. Es gelang ihm endlich, an der Wand vorbei zu kommen, zwischen den Knieenden die Türe zu erreichen.

Er warf noch einen Blick zurück. Alle lagen betend auf den Knien, nur Pietro stand unter dem Kruzifix und neben ihm, hoch aufgerichtet, Sibylla Madruzzo. Der rote Schein der Pechfackeln fiel auf ihr hageres, scharf geschnittenes Gesicht, die grossen, grauen Augen lagen tief in den Höhlen —

O ja, sie musste einmal schön gewesen sein!

— Hinten in der Ecke kauerte der taubstumme Gino. Er hatte den kupfernen Kessel gefunden und leckte begierig die letzten Tropfen —


KAPITEL IX.

In manchem Münster nistete die Taube,
Vor der Legende bog die Welt das Knie,
Des Mittelalters frommer Köhlerglaube,
Ich weiß es wohl, auch er war Poesie.

Arno Holz, Buch der Zeit.


Der kühle Seewind schlug ihnen ins Gesicht. Teresa taumelte, wie ein Trunkener, der aus dumpfem Keller heraussteigt auf die Strasse und in dem Augenblicke erst, wo ihn die frische Luft umfängt, seines Rausches sich bewusst wird.

Er musste sie fast tragen, setzte ihr mühsam einen Fuss vor den andern.

Sie gingen den näheren Weg durch das Dorf; er suchte vergeblich nach einer Bank, auf der sie hätte ruhen können. Als sie an der Kirche vorbeikamen, fiel ihm ein, dass man dort wohl rasten könnte. Er drückte auf die Klinke, die Tür war nicht verschlossen.

Sie traten ein, der Mond fiel durch die langen Scheiben. Nirgends standen Bänke, nur niedrige Schemel an den Seiten; so führte er sie zum Altar und setzte sie dort auf die Stufe. Er wollte ihre heisse Stirn kühlen, ging zum Weihwasserbecken und tauchte sein Taschentuch hinein. Aber das Wasser war faul und stank.

Er kehrte zurück zum Altare, setzte sich neben sie und streichelte leise ihre Schläfen und Hände. Langsam beruhigte sie sich. Schweigend sassen sie nebeneinander, lange Zeit.

Er glaubte, sie würde aufstehen, um zu beten. — Ueber dem Altar hing das Bild der Madonna; sie trug das Knäblein im Arme und sieben silberne Schwerter staken in ihrem Herzen. Zu ihren Füssen lagen viele frische Rosen, und er wusste, dass sie Teresa geopfert hatte.

Aber das Mädchen sah nicht einmal auf. Sie schien sich gar nicht bewusst zu sein, dass sie in der Kirche war. Frank Braun dachte: »Arme Madonna, der Prophet hat dich entthront.«

Er fühlte eine tiefe Befriedigung. Das alles war sein Werk; die Marionetten tanzten und spielten das Spiel, das er ihnen einblies. Die Probe war gemacht und sie klappte. Er war ein guter Regisseur und er wollte sein Stück schon so herausbringen, dass es Aufsehen erregte in dem Narrentheater der Weltgeschichte.

Sein Kopf war eine gute Requisitenkammer; aller Mummenschanz der Historie lag da hübsch aufgestapelt, schön geordnet nach Völkern und Jahrhunderten. Die Rollen waren verteilt, und er würde seine Puppen anziehen, so bunt und wild, würde einen Fasching machen, wie die Welt noch keinen gesehen.

Teresa aber sollte der Star werden — trotz dem Propheten.

— Und warum sollte er nicht Entree nehmen? War das Geschäft eines Theaterdirektors nicht so gut wie jedes andere? Dies war ein guter Job und er konnte viele, viele Millionen tragen.

Ach, Val di Scodra war ein so schöner Name wie es Delphi war und Kevelaer und Lourdes und Valle di Pompei! — Bartolo Longo war heute schon der reichste Mann in Italien und doch war seine jämmerliche Muttergottes von Pompeï nicht drei Franken wert, als er sie erstand! — Er aber begann hier gleich mit einem ganzen Heer von Wundertätern und hatte allererste Kräfte in seinem Ensemble.

Frank Braun überlegte. Man musste das Tal von Scodra kaufen, alle Häuser und alles Land. Das wäre schnell genug gemacht und würde kaum ein paar hundert Mille kosten. Und dann dreimal soviel für die Reklame — — ach, er würde kaum eine Million brauchen, das genügte durchaus für den Anfang.

Freilich, die hatte er nicht. Aber er hatte Freunde, die sicher intelligent genug waren, ihm für diese Sache Kredit zu geben. Er würde eine G.m.b.H. gründen mit einem schönen Titel — Gesellschaft zum Heiligen Herzen Jesu. Und das war gewiss: er wollte nur Juden hineinnehmen in diese christliche Genossenschaft, tüchtige Leute, die etwas verstanden vom Geschäft.

Dann kamen die Gründungen. Gleich ein Dutzend grosse Hotels, auf halber Höhe im Halbkreise um den See. Acht deutsche, zwei englische, ein italienisches und ein slavisches. Auch eines für die Franzosen? Ach nein, das möchte sich nicht rentieren, die Franzosen waren Heiden und würden doch nicht kommen.

Und eine Reihe mächtiger Herbergen für die Pilger und eine Basilika, hinter der sich die des Bartolo Longo verkriechen musste. Auch Sanatorien und entzückende kleine Chalets.

Rings um den See liess er eine Galerie durch den Felsen schlagen, schuf einen kreisrunden Pfad. Ueberall ankerten schwimmende Badehäuser und der See selbst war die grosse Wanne und der Gesundbrunnen für alle Leiden.

Wunder — — darum war ihm nicht bange! Eines hatte er, das hunderte von Menschen mit ihren Augen sahen! Wie viel Wunder hatte Lourdes im Jahre? Selbst der alberne Schwindler von Valle di Pompeï brachte ja schon einen guten Rekord! — Wo fünfhundert Menschen glaubten, da würden es auch fünfzig Millionen tun — so würde er jede Woche sein Wunder haben!

Von vorneherein musste man die Industrie organisieren. Da war das Wasser des Sees, das man in ungeheuren Mengen exportieren konnte, es würde mit fünf Nullen alle Konkurrenz schlagen, Jordanwasser und Eau de Lourdes. Heilige Oelbäume pflanzte man um die Basilika und jedes Blatt war seine Krone wert. Die Souvenir-Artikelchen, die Rosenkränze und all den billigen Tand für die Pilger musste man an Ort und Stelle fertigen. Oben bei der Landstrasse, eine halbe Stunde nur vom Dorfe, war zwischen den Felsen eine geräumige flache Stelle, auch ein Giessbach ging da herab. Da war die Wasserkraft — dort musste die Fabrik hinkommen. Aus Sachsen holte man die Werkmeister — —

Die Fiavè aber gab das elektrische Licht für den Wallfahrtort, sie hatte Kraft genug um zehn Val di Scodra zu speisen. Den Verkehr zur Stadt besorgte alle Stunden eine Autoverbindung — die Pilgerzüge freilich mussten zu Fusse kommen: das erhöhte die Spannung und war sehr zuträglich für alle Wunder.

Und welche Einnahmen! Nicht einen Schritt konnte der Fremde gehen, ohne die Tasche zu öffnen. Eine Kurtaxe und einen Preis für jedes Bad. Fromme Zeitungen und Andenken in jedem Hause. Man sollte nicht umsonst leben in der heiligen Stadt, die den Weg öffnete zum Himmelreich.

Aber dafür bot man auch etwas! Grosse Prozessionen, so recht im Pöbelgeschmack, die Brüderschaften Sevillas neu aufgeputzt à la Barnum und Bailey. Passionspiele, raffiniert albern, zurechtgeschnitten auf triefäugige Tränendrüsen; Flagellantenstückchen, hinter denen sich alle heulenden Derwische verkriechen mussten; Kastratenchöre, so lieblich, dass alle Herzen schwellen sollten vor gottseligem Entzücken.

Und ein Spielsaal — — warum nicht auch ein Spielsaal? War der Zweck nicht ein überaus heiliger? Und würden diesem Zwecke die Behörden des frommen Landes die Erlaubnis verweigern, wenn sie und die Kirche Prozente bekämen? Ach — mit beiden Händen würden sie zugreifen.

Die Kirche? O sie würde mit vollen Backen Ja und Amen sagen und ihren Segen geben. Hatte nicht auch Bartel ihren vollen Segen und war doch Herr in seinem Hause? Man würde alles hübsch laufen lassen im römischen Mäntelchen; bei den kleinen Seitensprüngen würde die Kirche beide Augen zudrücken. Im Gegenteil, sie würde froh sein, zu helfen beim heiligen Werke und der Herr Bischof würde selbst seine kleine Rolle spielen.

Freilich, die Hauptrollen waren schon vergeben. Da war Pietro, der Prophet, erste Attraktion, allein schon das Entree wert. Und der Schneider Ronchi — der musste Enoch werden — denn wo Elias ist, da darf Enoch nicht fehlen. Dann Girolamo Scuro, der Knecht, der alle Frömmigkeit in seiner Kürbiswampe trug und Matilda Venier mit diesen Feueraugen, die allen fanatischen Glauben sprühten. Da war Sibylla Madruzzo — — wie gut doch, dass sie damals nach Innsbruck ins Spital kam! Man müsste die Papiere dorther kommen lassen, auch die Bescheinigung des Pfarrers von Cimego und der Behörden. — Ein kleines Buch würde er drucken lassen mit dem schönen Titel:


DREISSIG JAHRE GELÄHMT
oder
Sibylla Madruzzo,

Die Wundergeheilte von Val di Scodra.


Vorne ihr Bild und hinten ihr Bild: vor und nach der Heilung — wie bei einer Bartreklame. Stück für Stück eine Krone, ach, man würde Hunderttausende absetzen.

Auch der junge Ulpo würde sich schon entwickeln — und wie viel Talente schlummerten noch in dem gottesfürchtigen Haufen des Bergdorfes! Und das war ja nicht das einzige Feld für den Nachwuchs — immer neue Ueberraschungen würden ihm die Pilgerscharen bringen. Welch ein Material! Fromme, Hysterische, Heissgläubige, Epileptiker, Spiritisten, Idioten, Fanatiker, Nervenkranke, Mystiker, Neurastheniker — o eine Fundgrube für den Teig, den er kneten wollte! Die Fischlein sprangen von selbst in den grossen Kessel von Val di Scodra, kochten in Weihrauch und in heiligem Weine, in Beten und Singen, Fasten und Geisseln. All ihre armen Sinne wurden aufgepeitscht, bis ins letzte Mark jede Vernunft erschlagen.

Was — jede Woche? — An jedem Tag würde er sein Wunder haben! — Und sein Dorf würde das grösste Narrenhaus der ganzen Welt werden.

Aber sein grosser Trumpf blieb doch Teresa. Sie musste eine Heilige werden, eine Prophetin, dass die delphische Priesterin sich neben ihr schmählich verkriechen sollte in den letzten Spalt ihrer pythischen Grotte. Aller fromme Schwindel der Weltgeschichte musste aus ihren blanken Zähnen tropfen und ihre blauen Augen waren der Honigleim, auf den die Gimpel aus fünf Erdteilen flogen.

Er aber war der grosse Herrscher über allen Wahnsinn der Welt. Wie Tabak, wie Zündhölzer oder Alkohol, so wollte er den Wahnsinn zum Monopol machen. Fürwahr, ein jungfräuliches Land, kaum betreten von mystischen Buschkleppern, die barfuss und blind da herumtappten! Er aber hatte alles Wissen und alle Klugheit, die seine Zeit ihm gab und er kannte dies Nebelland gut von einem Ende zum andern. Er allein konnte seine unermesslichen Schätze heben. Ah, die Welt war schön und der grösste Charlatan war ihr König!

»Es lebe König Charlatan!« rief er.

Seine Stimme hallte lautjauchzend durch die leere Kirche; Teresa schreckte auf.

»Was — was ist?« fragte sie.

Er besann sich. Ach ja, sie sassen noch auf der Treppe des Altars. »Ist dir besser?« fragte er. »Wollen wir gehen?«

Sie nickte und stand auf. »O es ist alles wieder gut.« Seine Augen fielen auf die rote Ampel, die an einem Pfeiler unter dem Bilde des heiligen Franziskus hing.

»Versiehst du sie mit frischem Oele?« fragte er.

»Ja.« sagte sie. »Er ist mein Schutzheiliger.«

Es war ein jämmerlicher, halbzerfetzter Oeldruck. Die gekrönte Madonna mit dem Kinde erschien dem Franz von Assisi und begnadete ihn mit den Malen des Erlösers. Um diese alle zu zeigen, war die Stellung des Heiligen eine höchst komplizierte, ein merkwürdiges Mittelding von Stehen, Fallen und Schweben. An beiden Händen und Füssen trug er die Stigmata, dazu war in seine braune Franziskanerkutte ein Loch geschnitten, damit man auch das Wundmal an der Seite des Leibes recht sehen konnte.

»Er ist dein Schutzheiliger?« wiederholte er nachdenklich. »Er, der die Stigmata trägt?« — Er sah sie an und im Augenblick begriff er die Rolle, die sie spielen sollte in seinem grossen Stücke. Ein Uebermut fasste ihn und eine grosse Lust; schnell trat er zu dem Bilde.

»Heiliger Franz von Assisi.« sprach er. »Ich danke dir von ganzem Herzen für den vortrefflichen Gedanken, den du mir eben geschenkt hast. Du bist wirklich ein guter Heiliger, der Schlechtes mit Gutem vergilt. Wir sind ja gute Bekannte, du und ich, waren Nachbarn in meiner Vaterstadt am Rhein: deines Klosters Garten stösst da an den meiner Mutter. Und du weisst gut, wie schlecht wir Buben immer zu dir waren und welchen Unfug wir mit deinen frommen Patres trieben. Wir haben uns lange Beichten gemacht und den guten Vätern Mord und Totschlag vorgelogen. Wir haben uns die Hände gewaschen in deinem geweihten Wasser oder auch Kröten und dicke Blutigel hineingesetzt. Und wenn der Pater Cyprian und der Pater Barnabas und die andern im Garten wandelten, den Rosenkranz in der Hand, dann haben wir geheult und geschrien und sie mit Kartoffeln beworfen. Aber wenn sie nicht da waren, so stahlen wir ihnen Kirschen, Aepfel und Trauben — und nie, glaube ich, ist etwas reif geworden in diesem schönen Garten. Sie schalten und waren wütend und liefen uns nach — aber man kann ja so schlecht laufen in deinen braunen Kutten, du heiliger Franz von Assisi! — Ach, nie hat mir Obst so gut geschmeckt, wie das, was ich aus deinem Garten stahl. — Aber jetzt, siehst du, will ich es niemals wieder tun, nie mehr, das verspreche ich dir. Zum Danke dafür, dass du mir nichts nachträgst und mir nun gesagt hast, was ich tun soll mit diesem Mädchen hier, das unter deinem heiligen Schutze steht.«

Er sprach sehr ehrbar und voller Salbung; das Mädchen merkte nicht, wie darunter der Spott lustig flackerte.

»Was hat er dir gesagt?« fragte sie.

»Etwas, das dich angeht.« antwortete er. »Ich werde es dir schon sagen. — Er ist ein guter Heiliger und ich war immer so schlecht zu ihm.« Er trat an die Ampel und pustete das Licht aus.

Sie erschrak. »Was tust du?«

Doch er blieb ernsthaft. »Er soll schlafen. Glaubst du, dass er nicht müde würde, wenn immer das Licht unter ihm brennt?«

Er nahm ihren Arm und führte sie aus der Kirche. Aber an der Tür blieb sie stehen. »Nein,« sagte sie fest, »ein Heiliger wird nicht müde. Und dies ist nur sein Bild und die ewige Lampe brennt zu seiner Ehre. Bitte, lass mich sie wieder anzünden.«

Er lachte: »Ich wusste nicht, dass du so aufgeklärt bist.« Er gab ihr Streichhölzer, sie lief und brannte den Docht wieder an. Dann kam sie zurück.

»Warum hast du nicht frisches Wasser ins Weihbecken gefüllt?« fragte er.

Aber sie gab ihm zurück: »Wer hätte es weihen sollen?«

Sie gingen durch die Türe und schlossen sie. Die Gasse war still und menschenleer, noch immer scholl von des Amerikaners Scheune ein verworrener Klang von Musik und Gesang. Als sie ins Haus traten, fragte er: »Kennst du das Leben der Heiligen, deren Namen du trägst?« Sie schüttelte den Kopf. »So will ichs dir erzählen.« fuhr er fort.

Sie stiegen die Treppe hinauf. »Geh in dein Zimmer,« sagte er, »zieh dich aus und leg dich zu Bett. — Ich komme gleich zu dir.«

Er ging in sein Schlafzimmer, legte die Kleider ab, wusch sich und zog den Pyjama an. Dann kniete er vor dem schweren Bücherkoffer, öffnete ihn und wühlte herum. Endlich fand er, was er suchte — ein dickes Buch und ein paar Heftchen. Er schlug sie auf, blätterte und nickte befriedigt. Dann ging er zu ihr.

Ihr Zimmer war dunkel. »Du hast kein Licht?« fragte er. Er holte seine Lampe, zog einen Stuhl heran und stellte sie darauf. Dann setzte er sich zu ihr aufs Bett.

Sie bemerkte die Bücher und seufzte. Sie schloss die Augen und streckte die Arme nach ihm aus. »Komm doch,« flüsterte sie, »ich bin so müde.«

»Willst du nicht hören, was ich dir erzählen will?« fragte er.

Sie nickte gehorsam. »Doch. Erzähle.«

Sie nahm das dicke Buch, neugierig buchstabierte sie den Titel: »Acta Sanctorum«. »Willst du mir daraus vorlesen?«

»Ja,« sagte er, »ich will dir von der heiligen Teresa von Jesu erzählen, deren Namen du trägst. Von ihr und von andern frommen Frauen.«

Sie streichelte seine Hände. »Willst du nicht lieber singen?«

Er sagte: »Nein. Ich will nicht singen. Man soll nicht singen in Val di Scodra, es sei denn die Lieder, die der Amerikaner singt.« Er nahm eines der kleinen Heftchen. »Hast du je einmal von Louise Lateau gehört?«

»Nein.« antwortete sie. Sie seufzte, sie wehrte sich immer noch, mit ihm von heiligen Dingen zu sprechen.

Doch er liess sie nicht los. »Aber du kennst das Bild des heiligen Franziskus gut?« fuhr er fort. »Weisst du, was es darstellt? Den Augenblick in dem Leben des frommen Mannes, in dem ihm die Mutter Gottes erscheint und in dem er die Wundmale des Herrn empfängt.«

»Ja, ich weiss.« sagte das Mädchen.

»Nun gut, diese grosse Gnade schenkte der Herr nicht nur ihm, sondern noch manchen andern gläubigen Herzen, insbesondere aber frommen Frauen. Die Stigmata trugen Maria von Mörl und Katharina Emmerich von Dülmen; die letzte aber, die des Erlösers Hand mit seinen Wundmalen zeichnete, war die Jungfrau Louise Lateau aus Bois d'Haine in Flandern.«

Mit leiser, einschmeichelnder Stimme erzählte er, nur zuweilen warf er einen Blick in das Buch. Er hielt ihre Hand und er fühlte wohl, wie ihr Widerwillen schwand; sie lauschte und ganz langsam kehrte die stille mystische Stimmung bei ihr ein, die sie in seltsamen Wonnen erzittern liess, wenn sie zu den Füssen des Pfarrers sass. Dieser süsse klingende Nebel, den sie nun so lange nicht mehr geatmet hatte.

Er sprach ihr von Jeanne des Anges, von der Schwester Katrei und von Marguerite Alacoque, die den Kultus zum heiligen Herzen Jesu stiftete. Er sagte ihr, dass diese gelähmt war und geheilt wurde durch ein Wunder wie heute die Sibylla Madruzzo. Dass ihr Leben reich gesegnet war mit frommen Visionen, so wie das der heiligen Teresa, der alle sieben Himmel schon auf Erden geöffnet wurden.

»Was ist eine Vision?« fragte das Mädchen leise.

Er antwortete: »Ich kann es dir nicht mit meinen Worten sagen, die du doch nicht verstehen würdest. Ich will dir vorlesen, was die Heilige darüber sagt, deren Namen du trägst: ›Es tritt ein Schlaf der Seelenkräfte ein, die sich weder gänzlich verlieren, noch auch ein Bewusstsein ihrer Wirksamkeit haben. Die freudenvolle Erregung, die Lieblichkeit und Wonne fasst dann die Seele, sie kann noch nicht weiter kommen und weiss auch nicht, wie sie zurückkommen soll. Sie möchte die grosse Herrlichkeit gerne geniessen. Sie gleicht einem Sterbenden, dem man bereits die Kerze in die Hand gegeben, und welchem nur noch wenig daran fehlt, um den ersehnten Tod zu sterben; sie empfindet in diesem Todeskampfe die höchste Wonne, welche man aussprechen kann. Es kommt mir vor, wie ein fast gänzliches Absterben für alle Dinge der Welt, und die Seele weiss nicht, ob sie dann sprechen oder schweigen, ob sie lachen oder weinen soll. Es ist eine Verrücktheit voll Herrlichkeit, eine himmlische Torheit und für die Seele ein Zustand des wundervollsten Genusses‹.«

Er unterbrach sich: »Verstehst du, was die Heilige sagt, Teresa? — Kannst du dir diesen Zustand denken?«

Ihre Augen waren geschlossen, aber sie hob sie langsam und sah ihn voll an. »Ja,« flüsterte sie. »Es ist, wie — wenn ich in deinen Armen liege — —«

Er streichelte leicht ihre Wange. »Und doch, Teresa,« fuhr er fort, »ist all dies nur der Anfang. Das Glück der Seele, als Braut in Christi Armen zu liegen, ist viel grösser als alles, was Menschen geben können.«

»Und was sieht man?« fragte sie.

Er sagte: »O es ist so schwer zu sagen. Höre zu, was Anna Katharina Emmerich, die auch die Male des Lammes trug, darüber sagte.« Er nahm ein anderes Heftchen, blätterte und las: »Ich habe unendlich viele Dinge gesehen, welche sich mit Worten nicht ausdrücken lassen. Wer kann auch mit der Zunge sagen, was er anders, als mit den Augen, gesehen hat? — Ich sehe dieses nicht mit den Augen, sondern es scheint mir vielmehr, als sehe ich es mit dem Herzen, hier in der Mitte der Brust; es verursacht mir auch an dieser Stelle Schmerz. — Begreifst du das, Teresa, dass man sehen kann mit dem Herzen und nicht mit den Augen?«

Sie sagte leise: »O ja, ich begreife es sehr gut. Wenn ich still liege zur Nacht und alles dunkel ist, sehe ich dich doch. Ich fühle, dass du da bist und lebst in meiner Brust. — Manchmal ist mir, als schlügen zwei Herzen da.«

Sein Blick war fast vorwurfsvoll. »Musst du immer an mich denken, Teresa? — Die Frauen, von denen ich dir erzähle, dachten an keinen Menschen und nur an Gott.«

»Sie waren Heilige —« wandte sie schüchtern ein. »Der heilige Geist wohnte in ihnen.«

»Und woher weisst du,« rief er, »dass er in dir nicht wohnen will? Glaubst du, dass Gott dich fragen würde um deine Erlaubnis? So sagt die heilige Teresa: ›Gott kommt, wann er will, offen und ohne unser Zutun. Wenn wir uns auch widersetzen, er fasst unsern Geist, wie ein Riese einen Strohhalm ergreifen würde; ein Widerstand dagegen hilft nicht. Wer könnte glauben, dass Gott, wenn er einmal will, erst warte, bis der aufgeblasene Wurm von selbst auffliegt?‹«

Sie erschrak und es lag eine Angst in ihrer Stimme: »Ich bin voller Sünden — —« flüsterte sie. »Glaubst du, dass er doch zu mir kommen könnte?«

Er sagte ernst: »Ja, das glaube ich. Hat Gott nicht des Elias Geist in die Seele Pietro Noscleres gesenkt? Das Buch Jalkuth Rubeni lehrt uns, dass die Seelen von neunhundertundvierundsiebzig Generationen in Labans Schafe fuhren; von dort kamen sie zurück in Menschenleiber — deshalb war Israel so fruchtbar in Aegypten. Und des Herrn Gnade ruht sichtbar auf Val di Scodra — wer weiss, ob nicht deine Heilige in dir lebendig wird?«

Das Bild der Versammlung wurde in ihr wach, alle Ruhe verliess sie. Sie zitterte, sie sah wieder diese wilden, halbnackten Menschen mit ihren Peitschen und Ruten, sie sah die blutigen Wunden in dem roten Scheine der Pechfackeln —

Aber sie sah auch Sibylla Madruzzo langsam sich aufrichten, wachsen, stehen, geheilt durch ein grausiges Wunder, alle überragend —

»Erzähle weiter.« bat sie rasch. »Erzähle von den frommen Frauen.«

Er sprach: »Zur heiligen Katharina von Siena trat einst der Heiland und sagte: ›Ich werde dein Leben mit so überraschenden Wundern anfüllen, dass die unwissenden und fleischlichen Menschen sich weigern werden, sie zu glauben; ich werde deine Seele mit einer solchen Fülle der Gnade schmücken, dass dein Leib selbst die Wirkungen davon spüren und nur noch auf ganz aussergewöhnliche Weise leben wird.‹ Und die Heilige genoss durch viele Jahre, bis zu ihrem Tode weder Speise noch Trank: das Licht des Erlösers allein nährte sie. So war es auch mit Louise Lateau — nur das heilige Sakrament empfing sie und verschmähte alle irdische Speise. Alle Freitage bluteten ihre heiligen Wunden: rings um die Stirne, an der linken Seite und an den Händen und Füssen. Dann sah sie den Herrn. Sie erzählt uns: ›Ich werde dann von einem so grossen Gefühl der Gegenwart Gottes ergriffen, dass ich nicht weiss, wo ich mich lassen soll; ich sehe ihn so gross und mich so klein, dass ich nicht weiss, wo ich mich verbergen soll. Und ich sehe ein helles Licht, aber es ist kein Licht, das die Augen des Körpers berührt, es berührt die Seele nach Art eines Blitzes; es ist ein Licht, dessen Ende man nicht sieht, es zeigt mir die Grösse Gottes und mein Nichts. Ich befinde mich in einer andern Welt; dasselbe Licht, welches mich von den äusseren Dingen trennt, vereinigt mich mit Gott ohne Unterbrechung, ohne Zwischenraum.‹ Sie sah den Erlöser, seine Kleider, seine Wunden, seine Dornenkrone und das Kreuz; sie sah ihn knieen und fallen, sie sah, wie ihn die Knechte ans Holz schlugen. Und sie litt mit ihm und kämpfte mit ihm den Todeskampf. Dann aber, wenn sein letzter Seufzer entflohen war, sah sie die Wolken sich öffnen, sah, wie in einem Meere himmlischen Lichtes der Vater seinen Sohn in die Arme schloss.«

Teresas Augen leuchteten. »Es muss herrlich sein.« sagte sie.

Er nickte. »Es ist das höchste Glück, das Menschen widerfahren kann,« fuhr er fort. »Und das Seltsame ist, dass dann das furchtbarste Leiden sich zur höchsten Wonne wandelt. — Wenn du das weisst, so wirst du verstehen, dass die Geisselungen Pietros und der andern nicht Schmerzen, sondern Wonne für sie bedeuten. Du kennst sie ja alle gut und begreifst wohl, dass sie nie von selbst zu den Dornen greifen würden, wenn nicht der Herr sie triebe! Hier, lies, was die Mutter des heiligen Herzens Jesu, Maria Marguerite Alacoque, über die Wonnen der Schmerzen berichtet.«

Er suchte und reichte ihr das Buch. Sie nahm es und las leise: »Es ist ganz gewiss, dass ich ohne das Kreuz und das heilige Sakrament nicht leben und die Länge meiner Verbannung in diesem Tränentale nicht ertragen könnte. Ich habe niemals eine Linderung meiner Leiden verlangt. Je mehr mein Körper von ihnen bedrängt war, desto mehr freute sich mein Geist und desto mehr Freiheit genoss er, sich mit meinem leidenden Jesus zu vereinigen. Der Herr meiner Seele entfernte sich niemals von seinem unwürdigen Opfer, dessen Schwäche und Unfähigkeit er wohl kannte. Bisweilen sagte er zu mir: ›Ich erweise dir viel Ehre, meine liebe Tochter, indem ich mich so edler Werkzeuge bediene, um dich zu kreuzigen. Mein ewiger Vater hat mich in die Hände der Henker geliefert, um mich zu kreuzigen und ich gebrauche für dich zu diesem Zwecke mir geweihte Priester. Ich will, dass du mir zur Erlösung alles darbringst, was du leiden wirst.‹ — So redete der Herr. — Ich aber spreche nun von dem Glücke des Leidens mit solcher Genugtuung, dass es mir scheint, ich könnte ganze Bücher vollschreiben, ohne mein Verlangen zu befriedigen.«

Er nahm ihr das Buch fort. »Siehst du, so wächst aus dem Leiden das höchste Glück; wie es aber ist, das kann niemand sagen. Ueber aller menschlichen Wonne und Seligkeit liegt dieses Glück: die Vereinigung mit Gott. Jeder der diese Wonne kennen lernt, der ist in Gott und der ist Gott selbst. Als die fromme Schwester Katrei so Gott wurde, kam sie dahin, dass sie alles Endliche vergass und so weit über sich und alles Geschaffene hinausgehoben wurde, dass sie bis auf den dritten Tag dalag und für tot galt. Dann erst kam sie zu sich und sprach: ›Ach ich Arme, bin ich wieder hier?‹ Was sie aber empfand, das konnte sie keinem Menschen sagen. — Möchtest du nicht solches Glück erleben, Teresa?«

Sie seufzte wieder: »Ich bin so voller Sünden — —«

Da unterbrach er sie: »Es gibt nur eine Sünde vor dem Herrn.«

Sie fragte: »Nur eine? — Und welche ist das?«

»Nicht in Gott zu sein. Das ist die eine grosse Sünde. Wenn du in Gott bist, wie es die heilige Teresa war und Katharina und Louise und Marguerite und Katrei und so viele andere fromme Frauen — so bist du frei von aller Sünde für diese kurze Zeit. Wenn sie aber vorbei ist, wenn du wieder auf Erden wandelst und ein Mensch bist, so ist das die grosse Sünde und es tut nicht gut, zu unterscheiden zwischen der und jener Sünde, die grösser sein mag oder kleiner. Sie alle verschwinden in dem gewaltigen Meere der einen grossen Sünde: nicht in Gott zu sein. — Aber du wirst es nicht verstehen und nicht erkennen, wenn nicht Gottes Hand dich einmal fortreisst von dieser Erde in seines Feuers Sturm und dich hochhebt in seine Herrlichkeit.«

Das Mädchen sagte träumerisch: »Ich verstehe es nicht, aber ich glaube wohl, dass ich es empfinden könnte.«

Er nahm ihre Hand und streichelte sie. »Es ist so schwer zu sprechen.« sagte er. »Deine Sprache ist nicht meine Sprache und deine Worte sind nicht meine Worte.« — Er unterbrach sich: »O nein, Teresa, ich meine nicht die deutsche Sprache. Aber sieh, die Welt, in der du lebst, hat eine andere Sprache, als die, aus der ich komme. Die Worte sind dieselben überall, aber wir sagen etwas anderes mit diesen Worten, als ihr darunter versteht Deshalb nahm ich die Bücher und las dir vor, was diese Frauen sagten, welche der Kirche Sprache sprechen, die auch an dein Ohr klang dein Leben lang. So, meinte ich, würdest du es vielleicht verstehen.«

Sie hob die Arme und schlang sie um seinen Hals. »Geliebter,« sagte sie, »sprich du in deiner Sprache. Wenn ich auch nichts begreife, so fühle ichs doch und fasse es heiss in der Brust! — Geliebter — ich weiss, dass du tief in mir lebst!«

Er sass schweigend, starrte verträumt in die Luft. Dann begann er:

»Einer, der mein Ahne war, suchte viel nach dem höchsten Glück. Er baute in seinem Herzen der Gottheit einen herrlichen Tempel, aber er vergass, dass man nie des Teufels entraten darf, der ein Teil ist des ewigen Gottes. Und der Teufel rächte sich und zerschlug des armen Narren jungen Leib und gab seine schöne Seele dem Gespötte der Gassenbuben. Hör zu, Teresa, was er sang.«

Seine Stimme zitterte und es war gewiss, dass seine Seele sich einhüllte in die süsse Hymne Novalis. Inbrünstig sprach er:


»Wenige wissen
Das Geheimnis der Liebe,
Fühlen Unersättlichkeit
Und ewigen Durst.
Des Abendmahles
Göttliche Bedeutung
Ist den irdischen Sinnen Rätsel;
Aber wer jemals
Von heissen, geliebten Lippen
Atem des Lebens sog,
Wem heilige Glut
In zitternden Wellen das Herz schmolz,
Wem das Auge aufging,
Dass er des Himmels
Unergründliche Tiefe mass,
Wird essen von seinem Leibe
Und trinken von seinem Blute
Ewiglich.
Wer hat des irdischen Leibes
Hohen Sinn erraten?
Wer kann sagen,
Dass er das Blut versteht?
Eins ist alles Leib,
Ein Leib,
In himmlischem Blute
Schwimmt das selige Paar. —
O dass das Weltmeer
Schon errötete!
Und in duftiges Fleisch
Aufquölle der Fels!
Nie endet das süsse Mahl,
Nie sättigt die Liebe sich:
Nicht innig, nicht eigen genug
Kann sie haben den Geliebten:
Von immer zarteren Lippen
Verwandelt wird das Genossene,
Inniglicher und näher.
Heissere Wollust
Durchbebt die Seele,
Durstiger und hungriger
Wird das Herz:
Und so währet der Liebe Genuss
Von Ewigkeit zu Ewigkeit.
Hätten die Nüchternen
Einmal gekostet,
Alles verliessen sie,
Und setzten sich
An den Tisch der Sehnsucht,
Der nie leer wird.
Sie erkennten der Liebe
Unendliche Fülle,
Und priesen die Nahrung
Von Fleisch und Blut.«


Er sprach — aber es war ein süsser Sang. Stille Worte kamen über seine Lippen — aber sie tropften in ihre Hände wie ein Duft heisser Lindenblüten. Und ihre Brust bebte und ihre Augen sahen ein silbernes Licht.

»Was fühlst du?« fragte er.

Da sagte sie leise: »Es ist, als ob die Seele entfliehen wolle in des Bräutigams Arme.«

Er nickte: »Ja — so kann es wohl sein!« Er küsste ihre Augen rasch und sagte: »So, nun magst du schlafen!«

Er griff schnell ihre linke Hand und streichelte leicht mit dem Finger die hypnogene Stelle an der Maus des Daumens. Sie wehrte sich — sekundenlang; dann schlief sie ein. Schnell schloss er ihre Augenlider.

Er legte die Bücher weg. Er sass auf ihrem Bette, regungslos, überlegend und träumend —

»Ja, es wird gehn.« rief er laut. »Es muss gehen.«

Schnell beugte er sich über sie und hob ihren Kopf. Er schob alle Kissen darunter, dass sie hoch lag, dann sprach er sie an: »Hörst du mich, Teresa?«

Sie murmelte: »Ja.«

Er brachte seinen Mund dicht an ihr Ohr. Er sprach flüsternd, schnell und befehlend. Oft wiederholte er seine Sätze, sagte sie noch einmal, langsamer und bestimmter. Dann wieder unterbrach er sich. »Hörst du mich?« fragte er sie. Oder: »Du wirst es tun?«

Und immer kam ihr gelehriges, gehorsames: »Ja.«

Manchmal lächelten ihre Lippen, dann wieder verzogen sie sich in Angst und Entsetzen. Aber ihr »Ja« nahm gleich dankbar und demütig die Wonnen und Leiden für alle Ewigkeiten.

Er hielt inne, besann sich; beugte sich wieder herab, irgend etwas hinzuzufügen. Und zum Schlusse wiederholte er hoch einmal kurz und scharf alle Befehle.

Dann sagte er: »Nun will ich dich wecken. — Aber du wirst müde sein, sehr müde. Deine Augen werden dir zufallen und du wirst gleich einschlafen.«

Er blies sie leicht an, sie öffnete die Lider. Sie sah ihn an, streckte lächelnd die Hände nach ihm aus. Es war gewiss, dass sie nichts wusste von alledem, das er ihr eben gesagt. Die halb erhobenen Arme fielen zurück, ihre Augen schlossen sich.

Sie schlief.

Er stellte die Lampe fort und blies sie aus. Langsam ging er zur Türe. Und heftig, gegen seinen Willen, drängte es sich auf seine Lippen: » Nun wirk es fort — —«

Er ging in sein Zimmer und legte sich zu Bett.

»Ich bin ein Sieger.« sagte er. »Ich bin ein König. Ich bin ein Gott.«

Irgend etwas lachte — aber er wollte es nicht hören. Er sprach trotzig und stolz: »Ich bin ein Gott. Ich schaffe. Ich schaffe eine grosse und seltene Welt.«

Er fühlte, dass es raschelte und tuschelte. Irgendwo, unter dem Bett, in der Ecke — oder in seinem Hirne. Und er rief sehr laut: »Jagt mir die Ratten weg — ich bin gefeit.«

Er wollte nicht mehr denken — jetzt nicht. Er wollte schlafen — jetzt schlafen, sogleich, im Augenblick. Er wollte schlafen. Er schloss die Augen und biss die Zähne zusammen.

Er wollte schlafen.

So schlief er ein.

* * *

Hundert Ratten krochen aus seinem Schädel.

Der Vorhang war hochgezogen und die Bühne zeigte des Propheten Saal. Alle traten sie auf, Pietro und Sibylla, Ronchi, Ulpo und Matilda Venier. Wo nur Teresa war? — Er sah sie nicht.

Girolamo Scuro kam von hinten heran, ein einziger gewaltiger blutroter Kropf, ein Kropfballon mit rotem Blut gefüllt. Pietro Nosclere war ein schwarzer, langhaariger Affe, der Unterkiefer schob sich weit vor und die langen Arme berührten mit den Fingern den Boden. Wie ein rundes Rad war Sibylla Madruzzo gekrümmt, ihre Zähne bissen in die Fussspitzen, so rollte sie herum. Der Schneider, dürr wie ein Faden, trieb sie mit seiner Peitsche —

Alle zogen auf und warteten auf ihr Stichwort. Denn er sass vor ihnen, unten im Souffleurkasten.

Und dieser Kasten — war seines eigenen Schädels Dach.

Hundert Ratten aber sprangen aus seinem Schädel.

Sie liefen über die Bühne, da verschwanden die Menschen. Und die Ratten raschelten und tuschelten — lächelten.

Sie lächelten. Irgend etwas wollten sie sagen.

Dann aber setzten sie sich auf und jede nahm ihren langen Schwanz in die Zähne und biss ihn ab. Und es waren hundert lange, nackte Würmer, die auf ihn zukrochen. Wo sie krochen, da liessen sie einen weichen, hellen Schleim zurück, und der ganze Boden glänzte von diesem Schleim.

Er aber wusste: die Würmer krochen heran, sie krochen heran. Sie mussten kriechen und kriechen — — in seinen Mund und in die Ohren, in die Augen und in die Nasenhöhlen —

Hundert lange, nackte, schleimige Würmer —

Und er schrie — —

* * *

Seine Schläfen glühten, als er erwachte, und ihre Pulse hämmerten auf das Hirn. Die Decken lagen am Boden und der Wind vom See kühlte schnell den heissen Angstschweiss, der aus allen Poren brach. Seine Zähne klapperten, er fröstelte, nahm die Decken auf und hüllte sich eng hinein.

»Ich bin krank.« murmelte er. »Und das wird ein Fieber.« Er schalt sich; wie dumm war es doch, stundenlang auf des Mädchens Bett zu sitzen in dem dünnen seidenen Pyjama! — Warum nur?

Nun würde er nicht mehr schlafen können — — Sie kamen — immer mehr, Ratten, Würmer: Gedanken. Es gab kein Loch sich zu verkriechen; er war nackt und bloss und aller Glauben war in Stücke geschlagen.

Er war ein Bettler, ohne den Glauben, und sein Königreich ging in Rauch auf.

Er fühlte es wohl: er war kein Wundertäter. Er war nur ein Zauberer und ein schlechter dazu. Er dachte:

Wunder ist legitime Zauberei, erzielt durch himmlische Kräfte. Pietro glaubt an den Himmel und so ist er ein Wundertäter. Magie aber ist ein illegitimes Wunder, gewirkt durch die Kräfte des Abgrundes: und dieser Abgrund ist des Menschen Hirn. Er war ein schwarzer Magier und würde nimmer die weisse Kunst erlernen, die er verachtete.

Und beneidete zugleich. — Denn sie allein barg mit dem Glauben das Glück.

Er wusste wohl, es gab keine Grenzen für seines Geistes Macht. Der Mensch war der Schöpfung Herr und so musste diese seine Einwirkung empfinden. Wohin er wollte, wehte der Geist, und es gab keine Trennung zwischen Geist und Natur.

Nur eines gab es: eine furchtbare Mauer, die alles Glück umschloss. Und wer einmal heraus war aus ihrem engen Kerker, der konnte nie wieder hinein und irrte elend herum im gewaltigen Nichts und fand keinen Grund, auf den er den Fuss setzen konnte. Leicht kam man hinaus aus den starren Quadern des Glaubens, aber kein kleiner Weg führte dahin zurück.

Heute hatte er wohl gedacht, des Mädchens Hand möchte ihn führen. Wenn er an sich glaubte, so war er der Gott und die Welt war sein. Und er glaubte an sich in diesen Stunden.

Nun war es zu Ende.

— Er dachte nach über das, was geschehen war. Sie waren in der Scheune des Amerikaners gewesen. Mister Peter hatte alles getan, was er ihm eingeblasen; und der Erfolg war ein grosser und lehrte wohl, dass die Puppen tanzten, und welch ein guter und kluger Regisseur er war. Pietro hatte mit dem Herrn gerungen wie Jakob mit dem Engel: »Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn!« Und er hatte den Herrn gezwungen ihn zu segnen und in seiner Hand den Wein in Blut zu wandeln und durch seinen Schlag die gelähmte Sibylla zu heilen.

Alle sahen es und alle glaubten es. Warum nur durfte er allein es nicht glauben? Warum musste er wissen, dass das Ringen mit dem Engel' nur eine schöne Phrase des Morgenlandes war, nichts anderes hiess, als ›Krämpfe bekommen‹, und dass der Verfasser des Pentateuch nur sagen wollte, dass der arme Jakob ein Epileptiker war!? War es nicht viel schöner, ihn kämpfen zu lassen mit dem Engel des Herrn, wie es alle christlichen Dummköpfe taten?

Für Blut tranken die Leute von Val di Scodra Pietros Trank — warum nur musste seine Zunge schmecken, dass es ein guter, klarer Wein war? Für ein Wunder nahmen sie der Sibylla Madruzzo Heilung — warum konnte er allein nichts darin sehen? Warum musste er hundert solcher Schwindelheilungen kennen und musste wissen, wie leicht sie zu erklären waren?

Allein das Grab des heiligen Franz von Paris, brachte ja zu Dutzenden solche Heilungen hervor. Annemaria Couronneau war so vollständig gichtbrüchig und gelähmt, dass alle Aerzte sie für unheilbar erklärten — und sie trug vom Grabe ihre Krücken auf der Schulter weg. Das Fräulein von Coirin litt durch zwölf Jahre am Krebs in der Brust und im Beine, und das heilige Grab von Sankt Médard heilte sie im Augenblick. Don Alfons de Palacios war unheilbar blind auf beiden Augen, doch der tote Herr Franz machte ihn sehend im Handumdrehen. Und so ging es fort, durch ein gutes Dutzend Jahre!

Der Heilige Rock von Trier liess die Freifrau von Droste-Vichering ihre Krücken fortwerfen und tanzen. Lourdes und Knock, Kevelaer und Valle di Pompeï wetteiferten in weisser Magie. Freilich ihre Wunder liessen nach, wurden weniger und immer weniger in dieser Zeit. Und die schwarze Magie trumpfte nun auf und Apollonius von Thyana wurde ein scharfer Konkurrent des Nazareners. Alle die Scherze, die die ägyptischen Magier vor Pharaos Thron Mosi vormachten, konnte der Reisende sich jeden Tag auf dem Fischmarkt Kairos oder auf der Messe zu Tanta vorgaukeln lassen. Die Saidije-Derwische lockten die Schlangen aus allen Winkeln, machten sie starr, wie Mosis Schlangenstab, und spazierten damit herum. Die Ilwanije-Bettelmönche steckten sich ein Schwert durch den Leib, trieben lange Nägel tief ins Fleisch, hielten die Arme ins Feuer, frassen glühende Kohlen und stiessen sich Eisenstachel zolltief in die Augen. Ultranghi-Wahrsager weissagten aus dem Becher oder aus einem Tropfen blauer Gallwespentinte und zeigten darin dem Beschauer deutlich die Personen, die er zu sehen wünschte. Die indischen Yoghi lagen sechzig Tage in starrem Schlafe in der Erde, die Alvinthrapriester liessen Blut aus der Luft speien und die Belgogs von Annam beherrschten wie Mephisto das gewaltige Heer der Flöhe, Wanzen und Läuse. Die Ysdrazauberer der Parsen schrieben mit sieben kabbalistischen Worten das Siegel Salomonis in die linke Hand und auf ein Ei die Namen der vier Hauptengel, legten es dann auf die flache Hand, sprachen ihr Sprüchlein und liessen es sich aufrichten, oder hingen es, wie einen Ring, an das Ohrläppchen. Die Magier der Afghanen fingen die Devas in den Lüften, so wie die gelben Kerle von Theben und Luksor die Geister der Toten, und die Urgamönche von Yemen schwebten in ihrem Tempel daher und lachten über alle Naturgesetze vom Schwergewichte.

Sie waren alle schwarze Magier; ihre Wunder krochen aus ihrem Hirn. Sie waren Menschen und der Meister lehrte den Schüler. Aber sie konnten glücklich sein, denn sie hatten doch etwas, an das sie glaubten: ihrer Geheimnisse Macht.

Er aber hatte nichts. Er kannte viele Geheimnisse; aber da er sie kannte, wusste er auch wie jämmerlich die grosse Herrlichkeit des Wunders war. Und er wusste gut, dass es viel schwerer war, einen Motor zu bedienen, als alle Wunder der Welt zu vollbringen.

Nun ekelte ihn sein Traum. — Val di Scodra. das grosse Zion aller Narren der Welt, dessen König er war! Dieser gewaltige Schwindel, der ihm Milliarden zu Füssen legen sollte! Er fühlte: er würde desertieren aus diesem Lager, wie aus allen andern.

»Nun wirk es fort — —« hatte er gesagt.

Nein, es sollte nicht fortwirken. — Ach, er würde ja nicht einmal lachen können! Er würde leer bleiben, wie er war, und wenn die ganze Welt mitritt in dem Sabbath des Wahnsinns, so würde doch sein Leben ohne Inhalt bleiben.

Denn er, er wusste ja, dass das alles doch nur eine faule, leere Blase war!

Teresa fiel ihm ein. Nun lag sie und schlief, traumlos. Morgen aber würde geschehen, was er befohlen —

Eine Stigmatisierte — eine Heilige mehr unter Hunderten?! — Was war es Grosses? Gab es nicht genug von der Sorte?

Und war es etwa ein gar so Besonderes, dass er sie dazu machte, er, mit seiner posthypnotischen Suggestion? Nicht einmal neu war sein Scherz — wenn auch nicht draussen, so war er doch im Experimentiersaale gemacht worden. Nancy und die Salpetrière kannten ihn gut, sahen manche blutende Transsudation bei ihren Hysterischen. Nein, die Suggestion der Stigmata war ein Charlatantrick wie jeder andere. Bah, er hätte gerade so gut ein wenig Eisenoxyd und Rhodankalium nehmen können, um die blutenden Male zu erzeugen!

»Nein, nein!« rief er. »Man muss ein Ende machen.«

Er sprang auf und ging hinüber in ihr Zimmer. Er setzte sich auf ihr Bett und lauschte ihrem stillen, ruhigen Atem. Dann schüttelte er sie heftig; sie wachte erschreckt auf.

»Teresa!« rief er.

»Ja,« antwortete sie schlaftrunken, »ja, was soll ich?«

»Teresa, du wirst das nicht tun, was ich dir sagte! Nichts wird geschehen von alledem! Nichts, hörst du?«

Sie richtete sich auf und rieb sich den Schlaf aus den Augen: »Was soll ich nicht tun?« fragte sie erstaunt.

Er wiederholte: »Du sollst nicht — —« Aber die Zähne zerbissen den Satz — ah, er hatte vergessen, dass sie wach war! Rasch griff er ihre Hand und drückte heftig die hypnogene Stelle. Gleich fiel sie zurück.

Und er wiederholte ihr, was er eben gesagt. Und er sagte ihr, dass nie wieder, im Wachen nicht und nicht im Schlafe, je ein Gedanke in ihr wieder auftauchen würde an das, was er ihr vorhin befohlen. Gelöscht solle es sein und verschwunden für immer.

Er sprach schnell und wartete auf keine Antwort. Fast erleichtert atmete er auf. Dann weckte er sie rasch, liess sie liegen und ging zurück in sein Zimmer.

Bitter zogen sich seine Mundwinkel herab.

Er dachte: »Nun würde der Pfarrer sagen, ich hätte ein gutes Werk getan. Aber meine Tugenden sind meine schlimmsten Sünden und meine grossen Sünden waren immer Tugenden. — Ach, wenn ich nur den Unterschied wüsste!«

Und es fasste ihn ein unendliches Mitleid zu sich selbst.


KAPITEL X.

Was nützt das Gebet des Hohenpriesters
um Regen, wenn der Rabbi
Chaninaber Dosa es rückgängig
machen kann?

Talmud, Joma Fol. 53, Taanith. 24


Frank Braun warf einen Blick auf das zerwühlte Bett — es war gewiss, dass er nicht mehr würde schlafen können. Der Morgen brach an und sein schwindsüchtiger Schein mischte sich mit dem grünen Lichte der Lampe.

O dieses fahle Leuchten des frühen Morgens, ehe die Sonne herauf war! O dieses kalte, trostlose, vor der Zeit geborene Licht!

Mechanisch kleidete er sich an, zitternd und fröstelnd. Dann ging er die Treppe hinab.

Wohin wollte er denn?

Einerlei, nur weg von Val di Scodra. Er trat in das Wirtszimmer und schrieb auf einen Zettel: »Ich bin zur Stadt.« — Nein, er wollte nicht länger zögern. Er wollte gleich gehen, zu Fuss, seine Sachen konnte er ja immer noch holen lassen. Er legte das Papier auf den Tisch und trat vor die Türe.

Das Licht tat ihm weh, er schloss die Augen. Er seufzte schwer und nahm seinen Weg; leer, zerschlagen, jämmerlich elend, wie diese blutlose Luft, die der Frühwind trieb.

Er stieg den Berg hinauf; setzte Schritt vor Schritt, hastig, automatisch. Er wusste kaum wohin er ging und warum er ging — er ging nur. Eine Bewegung war es und nichts sonst, ein Steigen und Schreiten, aufwärts, durch taunasse Büsche.

Irgendein Nebel lag um ihn und legte sich kühl und eng um seine Brust. Es schmerzte ihn, wenn er Atem holte.

Dann blieb er stehen und dachte nach. Aber es machte ihm Mühe zu überlegen und er wusste nicht, was er denken sollte. Endlich fiel ihm auf, dass er die Bergstrasse schon vor einer Weile passiert hatte. Er musste wieder zurück, dies war der Weg nach Cimego.

Aber er mochte nicht zurückgehen. ›So geh ich eben nach Cimego,‹ dachte er.

Er sah nicht rechts und nicht links und lief weiter. Immer den Weg nach, still, schwer atmend, gedankenlos.

Stundenlang.

Der Tag kam, aber die Sonne brach nicht durch die dicken Wolken. Es war kalt da oben, und doch nässte seine Haut ein heisser Schweiss. Da erinnerte er sich, dass der Gendarm von einer Köhlerhütte gesprochen hatte. Aber er fand sie nicht.

So lief er weiter. Er sah einen Ziegenpfad links eine Schlucht hinabsteigen und ging ihm nach. ›Er wird abkürzen.‹ dachte er.

Dann verlief er sich und verlor den Pfad. Er kroch die Abhänge hinab und stieg in die Täler, wieder hinauf und hinab. Doch die Füsse schmerzten und die Lungen stachen bei jedem Atemzuge.

Unter einer verkrüppelten Tanne setzte er sich nieder. Er wollte nur einen Augenblick ruhen und stützte den Rücken an den Stamm. Irgend ein weisses Rad kreiste in seinem Kopfe und er fiel zur Seite.

Als er wach wurde, fror ihn jämmerlich. Ein feiner Regen fiel, bis auf die Haut war er durchnässt. Es schien ihm längst Mittag vorbei zu sein, hastig sprang er auf. Er lief nun, um sich ein wenig zu erwärmen und begann wieder nach dem Wege zu suchen. Da er ihn nicht fand, beschloss er immer geradeaus zu gehen und sich möglichst in der Höhe zu halten, in der er sich befand. So schleppte er sich weiter.

Einmal fiel ihm ein, dass er doch rufen könnte, vielleicht war irgendein Hirt in der Nähe. Aber er vergass es wieder. Müde, sinnlos, abgetrieben schleppte er sich durch Stunden und lange Stunden.

Dann wurde es dämmerig, da machte er eine letzte Anstrengung. Er sprang und lief; nun schrie er auch, aber niemand hörte ihn. Als es dunkel war, setzte er sich auf die Steine nieder. ›Es ist gleichgiltig,‹ dachte er, ›ob ich nun sitze oder laufe. Ich will hier warten — vielleicht kommt jemand.‹

Tief unten aus der Schlucht kam ein leiser Schall. Er horchte gespannt und erkannte den Ton: Ziegenglocken. Er schrie nun wieder, aber niemand antwortete, nicht einmal ein Echo warf ihm seine Worte zurück. ›Ich muss hinunter.‹ dachte er. Er stand auf, seine Glieder waren so steif geworden, dass er sie kaum zu rühren vermochte. ›Ich muss hinunter.‹ wiederholte er. ›Ich muss doch hinunter.‹

Er stieg hinunter. Es war sehr finster; das half ihm und machte ihn blind für alle Gefahr. Er hielt sich an Felskanten und an Wolfsmilchsträuchern; manchmal glitt er, rutschte lange Strecken, überschlug sich auch. Einmal fiel er mit der Stirne auf und schlug sich blutig, zerriss sich am Stechginster Hände und Gesicht.

Unten standen Büsche; er drängte sich durch, so gut es gehen mochte. Er schrie wieder; aber er hörte keine Antwort, auch die Ziegenherde musste längst fort sein. Die Schlucht war eng und führte rasch hinab; er fand einen Giessbach und trat hinein. Er schob und tastete sich weiter, kroch auf allen vieren.

Dann sah er plötzlich, nicht weit unter sich, ein paar Lichter. Er suchte nun rechts und links, endlich fand er den Ziegenpfad, der längs des Baches lief. Er folgte ihm und kam nun hinaus aus dem Engpass.

Er trommelte an die Türe der ersten einsamen Hütte und bat um Einlass. Aber das alte Weib öffnete nicht, rief ihm durchs Fenster zu, er solle sich fortscheren.

»Wie heisst das Dorf?« fragte er. Aber sie schloss das Fenster. Er ging weiter, fand auf der Strasse einen Bauern mit einem Ochsenkarren. Von ihm erfuhr er, dass er dicht bei Cimego sei.

»So fahrt mich zum Grenzgendarmen.« sagte er. Der Bauer wollte nicht; da griff er in die Tasche und gab ihm Geld. Nun erst bemerkte er. wie seine Kleider in Fetzen um ihn hingen. Aber er lachte nicht einmal mehr.

»Donnerwetter!« schrie Herr Aloys Drenker. »Donnerwetter! — Sie sind es? Ich glaubte, einen Landstreicher schlimmster Sorte zur Einquartierung zu bekommen.« Er half ihm vom Ochsenwagen und griff ihm unter die Arme, als er sah, wie er schwankte. »Was ist Ihnen?« fragte er erschreckt.

»Ich glaube, ich habe ein wenig Fieber.« sagte Frank Braun.

Der Gendarm nickte. »Das scheint mir auch so!« Er führte ihn und schrie nach der Magd. Er setzte den Kranken auf einen Stuhl und entkleidete ihn vorsichtig, dann wusch er ihm Schmutz und Blut ab mit dem heissen Wasser, das die Magd in hölzernem Kübel holte. Er reichte ihm ein frisches Hemd und brachte ihn zu Bett.

Frank Braun sah immer diese grossen plumpen Hände, die ihn hier anfassten und da, zärtlich, fast mütterlich, mit unendlicher Sorgfalt. Sie waren rot und hart, waren gute und starke Hände, die zu jeder Arbeit taugen mochten. Und er fühlte sich sicher und geborgen in diesen Händen.

Der Gendarm trat an sein Bett und reichte ihm ein hohes Glas. »So!« sagte er. »Grog! Das wird Ihnen gut tun. Trinken Sie, so lange er heiss ist.«

Er gab nicht nach, bis sein Freund das Glas geleert hatte. Er brachte ihm ein zweites und ein drittes Glas und Hess ihn trinken ohne abzusetzen. »Das beste Mittel.« lachte er. »Hol mich der Teufel, das einzige Mittel.«

Frank Braun sank zurück, er wollte ihm danken, aber die Zunge war schwer und versagte den Dienst. Er lallte ein paar Laute, dann schlief er ein.

— Der Grenzer sass an seinem Bette, als er erwachte. Das Fieber schien verschwunden und er fühlte sich frisch genug. Doch taumelte er, als er aufstehen wollte, und musste sich wieder niederlegen.

»Es ist gleich Mittag.« sagte der Gendarm. »Ich werde sehen, ob das Essen fertig ist, Sie werden gewiss Hunger haben.«

Den hatte er, einen wilden, grossen Hunger. Er sah sich um, sein Bett nahm die eine Wand der kleinen einfenstrigen Stube ein. In der Mitte standen ein Tisch und ein paar Stühle, an der andern Wand ein niedriger Schrank, auf dem ein paar ausgestopfte Eulen Staub sammelten. Die Wände waren dicht behangen mit alten Säbeln, Musketen und Pistolen, dazwischen prahlten Pfeifen und Pulverhörner.

Aloys Drenker brachte ihm eine Hühnersuppe. »Selbst gekocht!« rief er stolz. Er trug Eier auf und das Huhn, dazu einen starken Rotwein. Und er freute sich, dass es seinem Kranken so gut schmeckte.

»Ich muss nun ausreiten.« sagte er. »Aber Sie sollen mir versprechen, ruhig liegen zu bleiben.«

Frank Braun versprach es. Das Fieber kehrte wieder; bald schlief er ein wenig, bald lag er wach, in Schweiss gebadet. Zum Abend wurde er ruhiger; doch blieb er aufgeregt und fast schlaflos die Nacht. Dann wieder lag er ein paar Tage ohne Bewusstsein.

Als er erwachte, sah er, dass der Gendarm ihm kalte Umschläge um die Stirne machte. Drenker sagte ihm, dass er recht besorgt gewesen sei und den Pfarrer habe rufen lassen. Der sei schon zweimal dagewesen.

»Es ist immer besser,« entschuldigte er sich, »so für alle Fälle! Und dann versteht er auch ein bisschen was von Medizin.«

Bald darauf kam dieser Pfarrer, ein dicker, verschwollen er Herr, der schnupfte und etwas schielte. Er meinte, es sei wohl eine Lungenspitzenentzündung, aber nun schon bald überwunden. Frank Braun mochte ihn nicht leiden, er schloss die Augen und steckte die Ohren in die Kissen. Als der Pfarrer draussen war, bat er den Gendarm, ihn nicht wieder herzulassen.

Aloys Drenker lachte: »Mir solls recht sein. Wenn er nicht nötig ist — um so besser!«

Er war wirklich nicht mehr nötig. Das Fieber liess nach und mit ihm die Stiche in der Brust. Nach ein paar Tagen konnte Frank Braun aufstehen für einige Stunden.

Der Gendarm tat für seinen Kranken, was er konnte. Er erzählte ihm Schmugglergeschichten und wurde nicht müde, neuen Grog zu brauen, oder heissen Würzwein. Und seine Kur half, das war nicht zu leugnen.

Frank Braun berichtete ihm von der wunderbaren Heilung der Sibylla Madruzzo, auch von der Beichte von Veniers Frau.

Der Gendarm fuhr auf: »Diese Kanaille! Und geschlagen hat sie das Kind auch noch?« Er war wütend und erklärte, dass er gleich hinreiten wollte und Ordnung stiften. Frank Braun riet ihm, das lieber noch ein wenig aufzuschieben; aber der Grenzer wollte nur schwer einsehen, dass er jetzt dem Kinde nur schaden könnte.

»Ach was!« schrie er. »Dieser gottverfluchte Firlefanz der Teufelsjäger! Ungebrannte Holzasche — das ist das beste Mittel für den ganzen Wahnsinn. Ich bin grade kein Schriftgelehrter, aber das weiss ich doch, was der Apostel sagt: — ›Soll ich euch mit der Rute kommen?‹«

Frank Braun sagte: »Na, mit der Rute würden Sie nur Jubel erwecken; die ist tägliches Brot geworden im Tale von Scodra.«

Aloys Drenker schüttelte bedenklich den Kopf. »Ja, was soll man denn tun?« Dann erzählte er von seinem Abenteuer mit der Matilda Venier. »Ich war der Dumme, wirklich das war ich.« brüllte er. »Sie hielt mich fest durch die Nächte in dem verdammten Loch von Val di Scodra und derweil zog ihr Mann mit dicken Ballen über den Pascherweg von Sampiglio nach Brescia hin. Recht gut wusste er Bescheid, was seine Frau machte, und ich war der Betrogene und nicht er! Ihm hat sie gewiss nichts Neues erzählt in der Scheune des Mister Peter, ihm nicht. Aber ich schlag ihm den Schädel ein, wenn er dem Kinde ein Haar krümmt.«

Frank Braun versuchte ihn zu beschwichtigen; er glaube, dass Venier viel zutunlicher sei zu der kleinen Fiametta wie die Mutter. Doch der Grenzer war nicht abzubringen von seinem Vorsatz: er würde hinreiten, morgen schon, um Ordnung zu schaffen in dem verfluchten Schweinestall.

Aber ein dienstliches Telegramm hielt ihn ab; es befahl ihm, sogleich nach Spologna zu reiten, einem kleinen Dorfe dicht an der Grenze. »Das gilt der Bande des Faluppio,« rief er, »derselben, der auch Venier früher angehörte. Unser Hauptmann hat gewiss einen Schlag vor, das werden Sie sehen!« Er fuhr in seine Stiefel; fünf Minuten später schlugen die starken Eisen seines Gaules auf die kleinen ausgewaschenen Steine der Strasse.

* * *

Frank Braun war allein. Die alte Magd sorgte für ihn; der Gendarm hatte ihm einen alten Pallasch auf die Kissen gelegt, das war seine Schelle. Er ratterte mächtig auf den Holzboden, wenn er die Magd wünschte.

Mit einiger Not bekam er ein glattes Brett, das musste als Tisch dienen im Bette. Er liess sich Feder und Papier bringen und begann wieder zu schreiben.

Es war ein Spiel, wie alle Wissenschaft, und zwecklos wie jedes Spiel. Der eine legte Patiencen und der andere entzifferte Keilschriften. Der baute ein logisches System seiner Weltanschauung und der rechnete aus, wieviel »a« in der Bibel vorkommen. Gott, man unterhält sich eben dabei!

Dann war da noch etwas anderes. Er fühlte nun wohl, dass seine — wie alle — Arbeit zwecklos war und kindisch. Aber nun war sie einmal angefangen: ein angeschlagener Akkord, und er musste ihn auflösen. War es nicht Zelter, dem die Geschichte mit dem Schusterjungen passierte? Der Bengel sang immer:

»Wir winden dir den Jungfernkranz.« Und noch einmal: »Wir winden dir den Jungfernkranz.« Und wieder und immer wieder, nur die eine Zeile und kein Wort mehr. Zelter ging hinter ihm und schrie wütend: »Aus veilchenblauer Seide! Aus veilchenblauer Seide!« Worauf ihm der Bub zurief: »Wenn Sie den Jungfernkranz singen wollen, dann fangen Sie'n sich ooch alleene an!«

Er lachte. Weiss Gott, der Schusterjunge war ihm viel sympathischer als Goethes Freund! Ihm genügte der Jungfernkranz und er hatte weiter keine Ambitionen; er tat, was er wollte, und war ein freier Mensch. Dem armen Zelter aber sass der Satan im Nacken, er musste die veilchenblaue Seide spinnen und war ein elender Sklave seiner Kunst.

Und Frank Braun wusste wohl, dass es nichts nützte, sich zu wehren. Man muss enden, man muss, und kein Widerstand nützt.

Er seufzte lachend und spann seine veilchenblaue Seide.

— Die Paläontologen spielten Osterhäschen. Die Mutter Vorzeit hatte ihnen hübsche Ostereier in die Erde versteckt und nun schnüffelten die artigen Kinder überall herum und suchten. »Kalt.« rief die Mama, da machten sie ein betrübtes Gesicht. »Warm!« rief sie, da leuchteten ihre Augen.

Aber es war ein köstliches Spiel, diese Wissenschaft. Den Neandertaler fand man vor fünfzig Jahren, und die Begeisterten schrien, dass er das ›Missing Link‹ sei, der Affenmensch; das war das allerschönste Osterei, das es gab, und der wurde König, der es fand. Aber die neidischen Ekel sagten, dass er gar nicht echt sein; er sei krankhaft, sagten sie, und anormal — so haben aller Zeiten Dummkopfs ja immer das genannt, was sie gar nicht begreifen konnten. Und sie stritten herum und das Ende war, dass sie alle beide unrecht hatten: echt war er wohl, der Neandertaler, aber doch nicht das ›Missing Link‹! Es war ein schönes Osterei, aber doch nicht das grosse goldene.

Also das Uebergangsglied war er nicht: das musste noch weiter zurückliegen — so um eine kleine Million von Jahren. Im Tertiär lag es gewiss und da musste man suchen.

Man suchte auch und fand alle möglichen hübschen Eier. Aber immer noch nicht das gelobte. Und so, um sich die Zeit zu vertreiben, sah man diese genauer an. Alle Neandertaler glichen in einem Stücke den Menschen von heute: im Gebiss. Affenhaft aber war das Fehlen des Kinnes, affenhaft waren die mächtigen Augenbrauenwülste. Darum, überlegte man, musste der Uebergangsmensch, nach dem man suchte, auch im Gebiss äffischer sein: eine starke Gorillaschnauze haben und mächtige Eckzähne.

Ach, wenn man nur wüsste, wo das Ei lag! Da man es nicht fand, überlegte man weiter und ging einen recht guten Weg. Man fand, dass das einfache Gebiss das ursprüngliche war, und sah diese hübsche Regel überall bestätigt. Mit einem Normalgebiss begannen die Säugetiere und hielten es bei in dem Hauptast. Erst in den Nebenästen begünstigte diese oder jene besondere Anpassung die eine oder andere Zahngruppe: Eckzähne, Backzähne oder Schneidezähne. So stellte man fest: der Mensch hat das einfache, ursprüngliche Gebiss und der Orang ein abgeirrtes, und also ist der Mensch der Vater des grossen Affen und nicht umgekehrt. Und man schloss: wenn das so ist, so muss der Schatz im Tertiär in allem andern noch viel affenähnlicher sein als der Neandertaler — — dabei aber doch das menschliche Gebiss haben.

So also musste der Urahne aussehen: Affenzüge und Menschengebiss.

Die Söhne dieses urväterlichen Menschenaffen aber teilten sich. Der artige Abel behielt das Gebiss und legte die Affenzüge ab, der böse Kain aber entwickelte mächtig die starken Zähne und verlor zur Strafe an Schädel und Hirn.

Die guten Kinder, die Paläontologie spielten, malten hübsche Bilderchen, wie das goldene Ei wohl aussehen würde — wenn sie es finden möchten. Und da sie gar so brav waren, rief die Mama sie nach Heidelberg und sagte:

›Heiss — Heiss!‹ Richtig, da fanden sie das Ei und waren unendlich froh und stolz, weil es genau so aussah wie sie es hingemalt hatten.

Sie fanden den Heidelberger Menschen: er war viel affenhafter wie der vom Neandertal und er hatte doch das einfache menschliche Gebiss. Die braven Kinder sagten: »Aetsch!« und machten eine lange Nase den andern, die falsche Bilderchen gemacht hatten.

Nun war der Heidelberger der Stammvater aus urgrauer Zeit. Und von ihm und seinen Brüdern stammten alle, die Riesen von Cro-Magnon, die Galley-Hillleute, die Grimaldiner und die Neandertaler.

— Ach, die Neandertaler! Wie oft war er als Junge in diese Höhle hinein geklettert — die alte Leiter war morsch und zerbrochen und der Strick verfault. Das erhöhte den Reiz, es kam ihm so ungeheuer gefährlich vor. Da hatte er gesessen und geträumt: er wäre der Neander und würde verfolgt und dürfte sich nicht rühren in seinem Versteck. Und um es echter zu machen, sang er laut des Verfolgten Lied: ›Lobe den Herrn, den mächtigen König der Ehren, lob ihn, o Seele, vereint mit den himmlischen Chören — —‹ Dann, da er Stimmen hörte von unten her, brach er ab und dachte: ›Das sind die Sbirren!‹ Aber es war nur die Mutter, die sehr unzufrieden war, weil jeder Aufstieg in die Neanderhöhle ein Paar neue Hosen kostete. — Später hatte er gar kein Interesse mehr für den frommen Liederdichter, aber um so mehr für den alten Menschen, der dessen Namen trug. Nun borgte er Schaufel und Spaten aus einem Bauernhause, oder Hammer und Axt von den Steineklopfern am Wege. Wenn ein Affenmensch da war — warum nicht noch mehr, dachte er. Und grub und suchte eifrig nach dem goldenen Ei.

Gar nichts fand er und hörte betrübt auf, wenn die Dämmerung kam. Aber er blieb in seiner Höhle, wenn die Schatten lang fielen und sein Wachskerzchen unruhig flackerte. Immer betrachtete er den engen Spalt an der Seitenwand; kein Mensch konnte sich durchzwängen, aber wohl konnte man Steine weit hineinwerfen. Und er dachte, dass dieser Spalt unendlich lang sei, stundenlang konnte man da hineinkriechen in den Bauch der Erde. Dann aber öffnete er sich und wurde weiter, lief in eine gewaltige Höhle aus. Und aus dieser Höhle trat man in ein tiefes Tal. Es war rund wie ein alter Krater und die Felswände überdachten es und spitzten sich kegelförmig zu; nur in der Mitte zeigte ein Loch den blauen Himmel. Darunter war ein kleiner See; mächtige Schachtelhalme wuchsen an seinen Ufern und Farrenwälder zogen sich zu den Abhängen hin.

Hier hausten die Neandertaler. Sie waren geblieben durch die Jahrtausende — fischten und jagten, kämpften um ihr Leben mit den mächtigen Sauriern. Ach, wer nur einmal durch den engen Spalt könnte?

— Frank Braun zeichnete mit hilfloser Feder merkwürdige Dinge auf das Papier. Er musste immer dazu schreiben, was es war, sonst hätte er es selbst nicht erkennen können. So schrieb er ›Brontosaurus‹ und ›Hatteria‹ und ›Plesiosaurus‹ und ›Neandertaler‹. Aber er fand doch, dass der eine seiner Neandermenschen eine ausserordentliche Aehnlichkeit mit Pietro Nosclere hatte, und dass der andere dem Girolamo Scuro glich. Nur im Gebiss war der Knecht viel stärker: — er war abgeirrt und affenähnlicher geworden —

* * *

Vier Tage blieb der Gendarm weg. Frank Braun lag im Bette, er schrieb und träumte. Und er genoss diese stille Freude: Rekonvaleszent zu sein, ohne eigentlich krank gewesen zu sein. Dazwischen stand er auf, schritt langsam durch die Gassen des alten Dorfes. Als der Grenzer zurückkam, lag er im Fenster.

»Nun, haben Sie einen guten Fang getan?« rief er ihm zu.

Aloys Drenker sprang von seinem Gaul. »Ach was.« brummte er. »Vier Nächte haben wir im Regen gelegen für nichts und wieder nichts! Die Kerle hatten Wind bekommen — keine Laus hat sich sehen lassen. Aber wir werden sie doch noch kriegen!«

— Frank Braun blieb noch ein paar Tage bei seinem Gastfreunde. Er fühlte sich wieder ganz gesund, aber der Grenzer wollte ihn nicht ziehen lassen; man dürfe die Kur nicht vor der Zeit abbrechen, sagte er. Und er füllte ihn an mit Wein und Grog und nahm tüchtig mit von der guten Medizin — aus Kameradschaft. Eines Morgens kam er früh an sein Bett. »So!« sagte er. »Wenn Sie nun wollen, so können Sie mitreiten. Ich muss zur Stadt Und will Sie mitnehmen.«

Frank Braun beeilte sich aufzustehen, die Magd brachte ihm das Frühstück. — Der Gaul stand angebunden vor dem Hause, aber er sah den Gendarm nicht. »Wo ist Herr Drenker?« fragte er die Magd.

»Schon voraus.« sagte sie. »Ich sollte Ihnen sagen, dass Sie sich nicht beeilen und nur in Ruhe frühstücken möchten; Sie würden ihn schon einholen. Er wartet auf Sie. — Das Pferd kennt den Weg.«

Er ritt langsam den Berg hinauf; nach einer guten Stunde erst traf er den Grenzer, der zu Fuss ging und mächtig schnaufte.

»Nun, und Ihr Gaul?« fragte er verwundert.

Drenker lachte. »Sie sitzen ja drauf. — Ich gehe zu Fuss.« Frank Braun wollte absteigen, aber der Gendarm litt es nicht. Er nahm das Pferd am Zügel und führte es. »Na, Tierchen, du wirst auch zufrieden sein, dass du einmal fünfzig Kilo weniger den Berg hinauf zu schleppen hast. Aber warte nur, wenn wir in Val di Scodra ankommen, bin ich auch um ein paar Kilo leichter.«

Er schnaufte und schwitzte, aber er schritt weit aus mit seinen schweren Stiefeln. »Das wäre noch schöner, wenn ein alter Kaiserjäger nicht mehr bergsteigen könnte! Wir haben andere Partien gemacht, glauben Sie mir, und feldmarschmässig.«

Unter der Spitze des Teldo rasteten sie; dann ging es weiter. Auf der Landstrasse über dem Scodratale stieg Frank Braun ab und der Grenzer hob sich in den Sattel. Sie reichten einander die Hände.

»Grüssen Sie das verdammte Dreckloch!« lachte der Gendarm. »In ein paar Tagen bin ich da, Sie werden schon sehen, wie ich den Herrschaften aufgeige.«

Dann ritt er davon. Frank Braun setzte sich auf den Stein, auf dem die Sibylla zu sitzen pflegte.

So zog er also noch einmal hinunter zum Tale von Scodra. Hierher war er geflohen vor nun bald fünf Monaten — in ein stilles Versteck, in das er sich verkroch. Und war dann wieder geflohen, geflohen vor sich selber. Ach, auch im verborgensten Loche fand ihn dieser Feind.

Was wollte er noch im Dorfe? Er musste wegfahren mit der nächsten Post. Jeder Stein erinnerte ihn an seine jämmerliche Niederlage. Fort! Die Koffer packen und dann fort! Irgend wohin — —

Die Teufelsjäger —? Wie gleichgiltig sie ihm doch waren. Und damit hatte er spielen wollen?

Oder Teresa? — Ach Gott, Teresa —

Langsam stieg er hinab.

Heulten sie wieder? Er hörte die wirren Klänge der Musik des Amerikaners, erkannte das Fastenlied. — »Immer das Fastenlied,« dachte er, »können sie denn gar nichts anderes singen?«

Aber der Lärm kam nicht von der Scheune her, kam von unten herauf, dicht vom See her. Hatten sie eine Prozession gemacht? — Er beschleunigte seine Schritte.

Nun sah er sie, sie standen alle um Raimondis Haus. Männer, Weiber und Kinder, rings im Halbkreise. Der Schneider Ronchi stand auf dem Tische und leitete die Musik, zu seinen Füssen spielte die kleine Fiametta Venier.

Er bahnte sich einen Weg durch die Reihen, niemand achtete auf ihn. »Was gibt es?« fragte er hastig. Aber sie sangen weiter. In der Türe traf er den jungen Ulpo, fasste ihn am Arm. »Was ist hier los?« fragte er.

Der Bursche sah ihn erstaunt an. »Was los ist? — Wir verehren die Heilige?« Dann rannte er hinaus.

Eng gedrängt standen die Menschen auf der Treppe. Ebenso im Gastzimmer. Raimondi schenkte grosse Gläser voll Milch und Himbeerwasser aus, er reichte sie herum und nahm jedem ein Nickelstück ab. »Wo ist Teresa?« rief er ihm zu.

Raimondi blickte auf, verstand nicht und nickte aufs Geratewohl. Aber ein Weib, das vor ihm stand, sah ihn gehässig an und sagte: »Die heilige Teresa ist oben.«

Mühsam arbeitete er sich die Treppen hinauf. »Lasst mich durch!« bat er. Ich muss sie sehen.« Manche kehrten sich nicht daran, hielten ihren Platz, den sie hatten und sangen weiter; andere aber rückten zusammen, so gut es gehen mochte. Er stiess und drängte, Fuss um Fuss musste er sich durchkämpfen.

Der Gesang verstummte, er hörte nun ein leises Gebet und erkannte Pietros Stimme. Er sprach leise, fast flüsternd und Frank Braun verstand nur abgerissene Worte: ›Dank dem Lamme‹ hörte er und ›neue grosse Gnade‹ und ›Finger des Herrn‹.

»Lasst mich durch!« zischte er. »Lasst mich durch!«

Endlich stand er vor ihrer Türe. Das Zimmer war dicht gefüllt mit Menschen; aber alle knieten, so konnte er gut über sie wegsehen. Der Raum sah wie eine kleine Kapelle aus, ausser dem Madonnenbilde hing an der andern Seite noch ein Bild des heiligen Franziskus; unter beiden brannten grosse Kerzen. Das Fenster war geschlossen und dicht mit weissen Tüchern behangen, die mit Latten gestützt zu einer Art von Baldachin sich nach vorne zogen. Darunter, auf einem langen Korbsessel, ruhte Teresa.

Das Licht war matt genug, es dauerte eine Weile, bis seine Augen sich daran gewöhnt hatten. Er sah das Mädchen, halb sitzend, halb liegend, die Augen starr auf den Cruzifix gerichtet, den ihr der Amerikaner vorhielt. Ein weisses Gewand bedeckte den ganzen Leib; die Hände lagen auf den beiden Lehnen, die nackten Füsse ruhten auf einem Schemel, neben dem der taubstumme Gino kauerte.

Und Frank Braun sah grosse rote Wundmale auf ihren Händen und Füssen.

Pietro Nosclere kniete nieder, beugte das Haupt und küsste inbrünstig die blutigen Male ihrer Füsse. Ihm folgte der alte Ulpo, dann Matilda Venier. Alle drängten heftig heran, aber Girolamo Scuro hielt Zucht und stiess sie zurück. Von der linken Seite liess er die Leute vortreten, einen nach dem andern, dann abtreten nach rechts hin. Es entstand ein Drücken und Stossen, aber schliesslich kam eine Ordnung in die Menge; viele mussten zum Hause hinaus, so dass ein Weg frei wurde auf dem Gange und der Treppe. Nun zogen sie der Reihe nach in langem Gänsemarsche durch die Haustüre, die Treppe hinauf und durch den Gang in das Zimmer, um die blutigen Füsse zu küssen, die des Herrn Zeichen trugen. Dann zurück, die Treppe hinab und hinaus, langsam schiebend, in unendlicher Geduld.

Eine Hand legte sich auf seine Schulter. Frank Braun sah sich um, es war Angelo, der Knecht. Der Wirt hatte ihn geschickt, ihm die Schlüssel seines Zimmers zu bringen. Schnell schlüpfte er durch die Leute, öffnete und trat ein. Da lag alles noch so, wie es gelegen hatte vor vierzehn Tagen, kein Buch schien verrückt.

Er trat an das Fenster und sah in den Abend hinaus. Unten stand die Menge, aufgestellt in Reih und Glied, geduldig wartend, bis sie eintreten durfte. Das Blut stieg ihm heiss in die Schläfen, seine Gedanken verwirrten sich.

Er fühlte wohl, dass ein Grosses geschehen war. — Durch ihn? Trotz ihm? Das wusste er nicht. Aber es war geschehen und war nun eine grosse Erfüllung. War ein Wunder, das viele Wunder versprach.

Er sass still und hörte den leisen Bittgesang der Leute. Aber er fasste die Worte nicht und es war nur ein dumpfes Tönen, ein Klangfallen und Steigen, das ihn seltsam einlullte.

Er sass still durch lange Zeit. Und eine gute Wärme füllte seine Brust, und seine Augen leuchteten und sein Mund sprach inbrünstig: » Ah — ah — meine Geliebte trägt die Stigmata des Herrn.«

* * *

Dann sah er draussen eine Bewegung. Alle kamen heraus aus dem Hause und wichen zurück, der Schneider Ronchi und Giovanni Ulpo ordneten sie. Keiner sprach ein lautes Wort, aber aller Augen hingen gespannt auf der Türe.

Und langsam und vorsichtig trug man den Sessel heraus, auf dem Teresa ruhte. Vier lange Stäbe schoben sie kreuzweise darunter, so dass die Enden gleichmässig herausstanden, dann luden acht junge Burschen die Last auf ihre Schultern. So zogen sie ab, in stiller schweigender Prozession.

Frank Braun sah ihnen nach, dann stürzte er die Treppe hinab. Er lief durch eine Seitengasse und stellte sich an der Kirche auf, um sie vorbeiziehen zu sehen. Vorauf eilten die Kinder, oft rückwärts laufend und immer wieder stehen bleibend und sich umschauend. Dann kam der krumme Schuster Lucilio Ratti, der Polizeidiener des Dorfes; er trug seinen alten Lederhelm mit der hohen Kokarde und hielt den kurzen blankgeputzten Säbel über der Schulter. Neben ihm schritt, doppelt so lang wie er, der Knecht Scuro. Ihnen folgte unter der Führung des Schneiders, die Musik, neun Männer und sieben Frauen — aber sie spielten nicht, schritten still und schweigend, wie alle andern. Hinter ihnen ging Pietro Nosclere, zwei alte Männer waren mit ihm. Die acht Burschen folgten, die Teresas Sessel trugen; sie hielt auf ihrem Schosse den Cruzifix, ihre Augen waren fest geschlossen. Gino lief nebenan mit dem Fussbänkchen, seine linke Hand hielt einen Zipfel ihres Kleides. Hinter ihr kamen die Weiber in langem Zuge, darnach die Männer —

Er sah ihnen nach, sie gingen an der Kirche vorbei, wandten sich nach rechts und zogen hinauf zu Pietros Halle. Langsam schritt er zurück.

An der Stalltüre traf er Angelo; der fragte lachend: »Der Herr ist wieder zurück?«

»Ja,« sagte Frank Braun, »wie du siehst.« Er wollte ihn fragen, was vorgefallen wäre, aber er besann sich — Angelo war ja nicht von hier. So sagte er nur: »Na — und du bekümmerst dich um nichts?«

Angelo grinste. »Um was soll ich mich bekümmern?«

Frank Braun trat ins Haus, er fand den Wirt im Gastzimmer, wie er die Einnahme durchzählte. Er setzte sich zu ihm. »Nun erzählen Sie, Raimondi; was ist hier vorgegangen, während ich fort war?«

Der Wirt kramte in der Schublade und holte eine Rechnung heraus. »Sie waren ja nicht da,« sagte er, »aber Sie hatten doch nicht gekündigt. Ich habe die Zimmer gleich abgeschlossen, niemand ist darin gewesen — ich habe sie für Sie freihalten müssen. Sonst hätte ich sie ja wohl an einen andern Fremden vermieten können — —«

Frank Braun griff in die Tasche. »Bemühen Sie sich nicht weiter.« rief er. »Ich will gerne zahlen. Wieviel wollen Sie?« — Er warf ihm das Geld auf den Tisch. Der Wirt zählte es und seufzte — warum hatte er nicht mehr gefordert?

»Die Geschäfte gehen gut, wie es scheint?« fragte Frank Braun. »Die Leute kommen wieder zu Ihnen?«

Raimondi nickte. »Es hat einen schweren Kampf gekostet. Als das mit Teresa passierte, kamen sie in Strömen ins Haus gelaufen, aber keiner wollte etwas verzehren. Da erklärte ich dem Amerikaner, dass ich keinen zur Tür herein liesse, der nicht etwas geniessen würde. Er hat mir eine lange Rede gehalten, aber ich blieb fest. So haben wir uns denn geeinigt: Wein trinken sie ja hier nicht, die Teufelsjäger, aber Milch und Fruchtsaft müssen sie eben nehmen. — Dazu bezieht dann der Amerikaner noch eine Menge Wein von mir, den er für das Abendmahl braucht.«

Er schob das Geld in einen alten Lederbeutel, legte ihn in die Schublade und schloss ab. »Wenn es jeden Tag so geht, bin ich zufrieden.«

Frank Braun sagte: »Na, und du trinkst auch Himbeersaft? — Geh in den Keller und hol ein paar Flaschen Vino Santo. Wir wollen trinken und du wirst mir alles erzählen.«

Die Gläser waren gefüllt, Raimondi brannte sich seine Pfeife an.

»Ja — was soll ich erzählen?« sagte er. »Teresa ist eben eine Heilige geworden. Mir solls recht sein — es bringt wenigstens Geld ins Haus.« Er spie aus in weitem Bogen.

Frank Braun starrte ihn an. Es bringt Geld ins Haus! — Hatte er das Wundertal von Scodra nicht auch von dem Standpunkt aus angesehen? Freilich, er wollte sich nicht damit begnügen für Nickelstücke Milch auszuschenken!

Und war er nicht richtig dieser Standpunkt? Geld — Geld, das war die grosse Macht, der nichts standhielt. Und wenn er aus dieser Goldgrube Schätze ohne Ende ziehen würde — — würde nicht schliesslich auch er glauben können an die Allmacht seines Reichtums? Wenn es für ihn keine Schranke mehr geben würde für die wildeste seiner Launen — würde da die Allmacht des Geldes nicht seine Allmacht sein? Und würde er nicht dahin gelangen — auch an sich selbst zu glauben?

Dieser armselige Geizbauer sammelte Heller, die ihm ein fremder Zufall zutrug. Er aber hatte den Samen gesät: nun blühten die Bäume. Warum sollte er die Früchte nicht pflücken?

Wohl hatte er sich getäuscht, als er meinte, dass die Sache selbst ihn befriedigen könnte. Vielleicht möchten Einzelheiten ihm Spass machen, aber der ganze grosse Schwindel würde ihn kaum berühren und seine erste Begeisterung War ein kindisches Strohfeuer. Nicht einen Augenblick würde er glauben können an seinen grossen Zauber.

Aber welcher Kaufmann glaubte denn an die Mission seines Hauses? Bei Festbanketten freilich schwatzte der Reeder in beschaulichen Toasten über das Netz seiner Linien, das die Welt umspannte, Völker verband und seines Landes Ruhm in fernste Zonen trug. Aber das alles war ihm doch recht gleichgiltig: Geld verdienen wollte der Mann und seine Aktionäre wollten ihre Dividenden haben. So war ihr Glauben!

Er kannte manche Leute, die es gut verstanden, Millionen zu verdienen. Aber nicht einen kannte er, der sie gut auszugeben verstand! — Das war viel schwerer — und er, o gewiss, er würde es können.

Ja, auch da war ein Königreich.

Er würde — er würde — —

Er besann sich und schüttelte die Träume ab. — Er nahm sein Glas auf: »Trink Raimondi, und erzähl mir.«

Der Wirt trank. »Ja, Herr,« begann er, »es ist nicht leicht zu sagen. An dem Tage, als Sie fortgingen, ist noch gar nichts geschehen, wenigstens habe ich nichts bemerkt. Ich fand Ihren Zettel auf dem Tisch und ging sogleich hinauf und schloss Ihre Zimmer ab.« Er unterbrach sich. »Ach, ich glaube, das Bett ist noch gar nicht gemacht worden!«

»Ich habe nicht nachgesehen.« antwortete Frank Braun. »Teresa machte es doch immer, war sie nicht mehr in meinem Zimmer?«

Der Alte schüttelte den Kopf. »Nein, sie war nicht da. Ich hatte die Schlüssel in der Tasche und sie hat sie nicht einmal verlangt. — Ich muss nun das Bett selber machen.« Er wollte aufstehen, aber Frank Braun hielt ihn zurück.

»Dazu ist ja immer noch Zeit.« sagte er.

»Ich werde eine Magd halten müssen.« brummte Raimondi nachdenklich. »Angelo ist zu nichts zu gebrauchen im Hause, nur für das Feld taugt er und für den Stall. Und auf Teresa kann ich nun nicht mehr rechnen. Ich muss eine Magd nehmen — es wird zu viel Arbeit für mich hier werden. Ich will auch vor dem Hause einen Ausschank machen, weil ja doch nur immer ein Teil der Leute ins Haus hereinkann; da wird sichs schon auszahlen. Ich habe an die dicke Maria gedacht, die Tochter des Ulpo — aber es wird besser sein, wenn ich kein Mädchen vom Dorfe nehme. Die haben alle den Kopf voll mit ihrem frommen Getue. Ich will zur Stadt fahren und eine mieten, die sich auskennt, so eine freche Dirne, die nicht so leicht angesteckt wird von den Betbrüdern.«

Frank Braun wurde ungeduldig. »Mieten Sie in Gottesnamen, was Sie wollen, Raimondi. Aber jetzt erzählen Sie mir.«

Der Wirt sog an seiner Pfeife und spie bedächtig aus. »Gut, Herr, wie Sie wollen. Also an dem Tage geschah nichts. Die Teresa kam sehr spät herunter und ich schalt sie aus. Aber sie antwortete gar nichts, tat ihre Arbeit wie gewöhnlich und schwieg.«

»Hat sie nicht nach mir gefragt?«

»Nein, Herr. Ich sagte ihr, dass Sie weggegangen seien für ein paar Tage, aber sie hat nicht gefragt wohin. Nicht einmal hat sie von Ihnen gesprochen in der Zeit.« Er sah ihn lauernd an, dann fuhr er fort: »Das heisst — eigentlich hat sie überhaupt nicht gesprochen. Wenigstens zu mir nicht — nur zu ihren Betbrüdern und -Schwestern.

Am Abende ging sie dorthin, zu der Halle des Mister Peter — jetzt ist nämlich jeden Abend grosse Versammlung, und jeden Abend ist Teresa dabei. Sie kam spät zurück — noch später wie die Nacht vorher mit Ihnen. — Ich lag noch wach und hörte wie sie die Treppe hinauf ging. Der nächste Tag verlief ebenso; nur arbeitete sie wenig und blieb meist auf ihrem Zimmer und las.«

Frank Braun fragte: »Was las sie?«

»Ich weiss nicht.« sagte der Wirt. »Ich habe mich nicht darum bekümmert. Ich rief sie zu irgendeiner Arbeit und da sie nicht hörte, ging ich sie holen. Da sass sie auf ihrem Bett und las, so eifrig, dass sie nicht einmal hörte, dass ich eintrat. Abends war sie wieder bei den Teufelsjägern. So ging es auch den nächsten und den übernächsten Tag — bis zum Freitag.«

»Zum Freitag?«

»Ja, am Freitag geschah es dann. Sie kam nicht herunter und als ich endlich ging, nach ihr zu sehn, lag sie krank im Bett. Ich fragte, was ich tun könnte für sie, aber sie antwortete nicht und schüttelte nur den Kopf. So Hess ich sie denn. Was dann geschah, weiss ich nicht, ich liess ihr durch den Knecht das Mittagessen hinauftragen, aber sie wies es zurück. Endlich, gegen Abend, hörte ich sie den Angelo rufen. Ich dachte, sie wollte nun essen, aber sie schickte ihn weg, den Amerikaner zu holen. Der kam und blieb über eine Stunde bei ihr. Dann kam er herunter und hielt mir eine lange Rede, aber ich verstand nicht viel, da er zu leise sprach. Ich fragte ihn, ob er nicht etwas verzehren wollte, da fing er an zu schreien — na, es endete damit, dass ich ihn zur Türe hinaus warf. Aber nach einer Viertelstunde kam er wieder und mit ihm kamen Venier und Ronchi und Ratti und die beiden Ulpo und andere mehr. Auch einige Weiber waren bei ihnen. Ich wollte keinen hineinlassen und hielt die Türe verschlossen, aber Girolamo Scuro schrie, dass er sie einbrechen würde. Ich hielte ihre Schwester gefangen, und man müsste sie befreien, rief er. Schliesslich legte sich der Amerikaner ins Mittel und sagte, dass sie alle etwas trinken würden, wenn ich Milch hätte. Da öffnete ich denn und gab ihnen Milch.

Sie liefen alle gleich die Treppe hinauf und ich hinter ihnen. Teresa lag in ihrem Bette — krank war sie, das war gewiss. Sie zeigten mir ihre Hände, die bluteten leicht an beiden Seiten, als ob sie durchstochen wären mit einem Nagel. Und so war es auch mit ihren Füssen. Ich ging hinab und holte Sublimat und Verbandwatte. Die Betbrüder wollten nichts davon wissen, aber ich wusch ihre Wunden aus; einen Verband liessen sie mich freilich nicht anlegen, nur die grosse Wunde an der Seite verband ich trotz ihrer Proteste. Uebrigens sind alle diese Wunden nicht gefährlich und gar nicht tief, nur die Haut ist verletzt und tropft ein wenig Blut. — Das ist eigentlich alles.«

Frank Braun fragte: »Und was geschah am nächsten Tag?«

»Am nächsten? Nichts Besonderes. Ihre Wunden blieben, sonst wurde sie besser. Sie stand auf, blieb aber meist in ihrem Zimmer. Der Amerikaner, den sie jetzt den Propheten Elias nennen, räumte mit ein paar Weibern ihr Zimmer um und schleppte dann jeden Abend die ganze Gesellschaft hierher. Darnach ziehen sie alle zusammen nach der Halle und da gibt dann die Teresa noch besondere Spässe zum besten. — Na, mir solls recht sein, so lange sie Gäste ins Haus bringt.«

Frank Braun biss sich auf die Lippen, um nicht auszubrechen; dieser Vater widerte ihn an. »Was für Spässe?« fragte er.

»Ich weiss nicht,« brummte der Wirt, »und will auch nichts davon wissen. Ich schere mich nicht darum. Mag sie allein ihre Albernheiten treiben.«

Frank Braun sah ihn scharf an: »Sagen Sie mal, Raimondi, was denken Sie denn von den seltsamen Wundmalen Ihrer Tochter?«

Wieder spie der Wirt aus. »Was ich denke? — Je nun — gar nichts! Ich will nichts zu tun haben mit alle dem. Man soll mich zufrieden lassen. Ich will meinen Wein verkaufen — oder Milch und Fruchtsaft, wenn das den Teufelsjägern besser schmeckt — und basta!« Er lachte breit. »Aber ich will Ihnen einmal etwas sagen. Ich war fünfzehn Jahre lang Soldat und weiss, wie viele Burschen sich das erste Glied vom Daumen oder Zeigefinger abhacken, um nicht dienen zu müssen. Oder sie kochen sich einen Absud aus Fingerhutblüten und Lorbeerblättern — gerade in unsern Bergtälern ist das sehr beliebt. Wenn sie dann zur Untersuchung kommen, sehen sie stier und starr und ihr Herz arbeitet wie eine Dampfmaschine. Aber unsere Doktoren sind schlau und lassen sich nicht so leicht was vormachen von solchen Schwindlern.«

Frank Braun stand auf, der Wirt ekelte ihn an. »Und in solchem Verdacht haben Sie Ihre Tochter?« Er wartete keine Antwort ab, ging schnell hinaus.

Er eilte die Treppe hinauf und öffnete Teresas Zimmer. Die Luft war schwül, schwer von Weihrauch und dem Schweissgeruch schmutziger Menschen. Er zwängte sich hinter den Baldachin, öffnete weit die Fenster und machte einen guten Durchzug. Alle Möbel waren herausgerückt auf den Flur, nur das Bett stand dicht an der Türe und daneben ein kleiner Stuhl. Da sah er seine Bücher liegen.

Er nahm sie auf und blätterte darin, überall fand er kleine Heiligenbilder als Lesezeichen. Es war augenscheinlich, dass Teresa die Bücher eifrig gelesen hatte, hier und da fand er, mit Bleistift an den Rand gekritzelt, kleine Bemerkungen von ihrer Hand. O ja, vorbereitet hatte sie sich — — wenn auch ein wenig anders, als ihr Vater glaubte.

Er setzte sich auf ihr Bett und grübelte. Hier hatte er gesessen, ehe er ging, hier hatte er das erste Gift in ihr Herz geträufelt.

Gift? — War es ein Gift, weil es aus seinem Munde kam? War es nicht möglich, dass er ihr wirklich ein höchstes Glück bot?

So hatte er doch zu ihr gesprochen — — und kann man nicht Wahrheiten sagen, die man selbst für Lügen hält?

Oder vielmehr — ein Ding war Lüge und Wahrheit zugleich, so wie Tugend und Sünde ein Ding war. Lüge bei ihm, Wahrheit bei ihr: und doch eines.

Wie war es nur gekommen? Wie nahmen seine wilden Lügen Gestalt an und jagten herum, lebendig und stark, voll von aller Urkraft? Er dachte nach. Er hatte ihr lange gesprochen von allen Heiligen, von ihrem Leben und ihren Wundern. Hatte ihr vorgelesen und erzählt von Ekstasen und von Visionen, von der seltsamen Gnade des Stigma. Ihre Seele war aufgeregt durch all das, was sie gehört und gesehn in des Amerikaners Halle, und ganz gewiss empfänglich für alles Wunderbare. Und ihr Glaube, immer gross und stark, wuchs nun ins Unermessene durch ihre Liebe zu ihm und durch all das Unerhörte, das ihre Augen sahen und ihre Ohren hörten. O gewiss — ihr Leib war wohl vorbereitet für jedes Wunder.

Dann gab er ihr seine Suggestion und sie nahm sie an. Sie war Hypnotikerin und hysterisch genug, und er zweifelte keinen Augenblick, dass sie alles tun würde, was er ihr befahl. — Aber er hatte sie ja wieder eingeschläfert und hatte dann alles widerrufen?! Hatte seine Befehle aufgehoben und ihr gesagt, dass sie das alles vergessen müsse, im Wachen wie im Schlafen. Alles sollte ausgelöscht sein und vernichtet in ihrem Gedächtnisse und nie wieder sollte es glimmen in der stillen Asche verbrannter Erinnerungen.

Es fiel ihm ein, dass sie da nicht geantwortet hatte. O ja, er kannte Beispiele genug, wie ein bestes Medium, sonst eine Puppe in der Hand seines Lenkers, sich plötzlich weigerte, irgend etwas auszuführen, das durchaus gegen sein Gefühl ging. Er kannte auch andere seltene Fälle, wo ein posthypnotischer Befehl, einmal gegeben, fest wurzelte in dem Hirne des Mediums und durch keine neue Suggestion zu beseitigen war. — Sollte es hier so sein? Sollte das Mädchen den Befehl, der ihm einmal lieb war, ausgeführt haben — — auch gegen seinen späteren Willen?

Aber das, was dann vorging, war ein anderes, als das, was er ihr suggerierte. Was ihm Raimondi erzählt hatte, enthielt freilich alle seine Gedanken in den grossen Zügen und war doch ein anderes in allen Einzelheiten. War viel stiller und einfacher und entbehrte völlig all der tollen Schnörkel und Arabesken seiner Phantasie.

Nein, nein — — wie es einmal war, war es nicht sein Werk!

Was ihm blieb, war der Gedanke. Aber den Tempel hatte ein anderer gebaut.

Ein anderer — Teresa selbst.

Ein Wunder? — Nein, das war es immer noch nicht. Freilich stand sie nun völlig gleich mit der Maria von Morl, mit der heiligen Teresa, der Katharina Emmerich, der Marguerite Alacoque und der Louise Lateau. Mit all den heiligen Frauen, von denen er ihr erzählt. Und doch war im Grunde wenig verschoben: nur ein kleines Wörtchen musste man ändern.

Autosuggestion statt Fremdsuggestion. Das war alles.

Ja, das war alles. — Aber war es nicht wirklich — alles? — Alles?

Hatte sie nicht ein Ungeheures getan? Die Flamme ihres heissen Glaubens geschürt zu solchem Feuer, dass sie hinaussprang aus dem Hirn und hell brannte vor aller Augen?

Er biss nervös seine Nägel. Er hielt das Geheimnis in flacher Hand und mochte es doch nicht greifen. Er verstand bis in die letzte Faser das Wachsen des Wunders — — und eben weil er es verstand, musste er unfruchtbar bleiben auf ewig. Er konnte arbeiten und sich mühen, irgendein Einfachstes formen in seinem Hirne und ihm Leben geben und alle Glut und Kraft — es war doch immer eingeschlossen in seinem Schädel und konnte nie hinaus und ein Eigenes werden. Da lag die starre Grenze — und nur der Glauben führte hinüber.

Sie aber überschritt die Brücke leichten Schrittes. Wo er eindrang in das dunkle Neuland, da war es hell und ein sehr Bewusstes — sie aber blieb in dem Unbewussten und wandelte schlafsicher in dem, was jenseits lag. Wenn er hinausschauen wollte über die engen Grenzen der Natur, so musste er wühlen in fremden Hirnen: da nur blühten die Wunder, die er schuf. Und so lief er im Kreise, denn alles Jenseits ward zum klaren Diesseits vor seinen scharfen Augen. Sie aber schuf blind und ging im Traumlande aller Nebel. Alles Unbewusste trug sie in das Leben und ihr Leben ward ein Uebernatürliches mitten im Diesseits. So war ihr Weg.

Das war es: sie hatte keine Seele. Ihr fehlte das volle Bewusstsein des Gegensatzes von ihrem Ich zu der Aussenwelt: so war sie eines mit allem andern, das Nicht-Sie war. So aber war sie in Gott — — ja, so war sie Gott selbst.

Das war die Lösung des Geheimnisses: die alte, ewige Wahrheit der Mystiker. Wahrheit? — Für ihn gewiss nicht! Aber ob es auch eine grosse Lüge war für den Wissenden, so blieb die Wahrheit doch nicht geringer für den, der glaubte.

Und sie glaubte. Ihre Wahrheit war es. Sie aber war eins mit Gott — — und so geschah das Wunder — — —

* * *

Stunde verrann um Stunde, er hörte die Uhr im Gastzimmer schwer schlagen. Längst war die Nacht herein gebrochen, immer noch sass er auf ihrem Bette.

Dann vernahm er Stimmen vor dem Hause und Schritte, hastig sprang er auf und ging hinüber in sein Zimmer. Er hörte die Haustüre öffnen und schliessen, er ging ans Fenster und sah die Leute, die sich entfernten. Er erkannte keinen. Aber Schritte tönten nun von der Treppe her, er stellte sich an die Türe und lauschte. Zwei gingen da — er erkannte des Mädchens Schritt. Wer war der andere?

Sie sprachen nicht, aber er hörte, wie sie die Türe ihres Zimmers öffneten. Beide gingen hinein.

Und keiner kam zurück. — Wer war der andere?

Frank Braun zitterte. Er nagte an den Lippen und stampfte mit den Füssen auf. Mit langen Schritten durchlief er das Zimmer. Zum Kuckuck, was ging es ihn an, wer der andere war? War er etwa eifersüchtig auf Teresa?

Er lachte. Er ging an den Schreibtisch, zündete die Lampe an und setzte sich nieder. Aber nicht lange litt es ihn da. — Wer war es nur, der da bei dem Mädchen war? Und bei ihm blieb in der Nacht?

Pietro Nosclere?! — Das Blut stieg ihm in die Schläfen. Er? Er?

Er lachte bitter. Also dafür hatte er mit allem Feuer gespielt, um dem Propheten die Kastanien zu braten! Dafür alle Wetterwolken vom Himmel gerissen, dass in ihrem Nebel dieser stinkende Betbruder das süsse Mädchen mit schleimigen Lippen beleckte! — Das war das banale Ende seines gewaltigen Traumes?

Er rannte hinaus, riss heftig an der Klinke ihrer Türe. Sie war verschlossen; er schlug mit den Fäusten dagegen. »Aufmachen!« schrie er. »Wenn du nicht aufmachst, trete ich die Türe ein.«

Er hörte ein leises Flüstern, aber nichts rührte sich.

»Aufmachen!« brüllte er. »Aufmachen!«

Wieder kam keine Antwort. Da warf er sich mit beiden Schultern gegen die Türe. Das Schloss brach aus der Füllung, noch ein Stoss und weit flog die Türe auf.

Zwei grosse Kerzen brannten. Bei ihrem Scheine sah er Teresa, sie lag im Bette, ihre Hände umschlossen den Kruzifix. Auf dem Boden, am Fussende, kauerte der kleine Gino.

Ihr Blick traf ihn. »Was willst du?« fragte sie leise.

Frank Braun antwortete nicht. Er schloss die Tür, so gut es gehen wollte. Dann wankte er in sein Zimmer.


KAPITEL XI.

Wem Zeit wie Ewigkeit
Und Ewigkeit wie Zeit,
Der ist befreit
Von allem Streit.

Jacob Böhme.


Die späte Septembersonne kochte das Tal. Der See dampfte und die nackten Felswände warfen die Glut zurück. Das Gras verkohlte auf den Steinen und die Menschen krochen stumpf in dem siedenden Kessel.

Immer noch war Frank Braun in Val di Scodra. Er hatte seine Koffer und Kasten zur Stadt gesandt; sie lagerten an der Dampferstelle; so hatte er sie gleich zur Hand, wenn er dort ankam und abfahren wollte. Das gab ihm einige Sicherheit — — nun konnte er jeden Augenblick fort.

Aber er blieb von einem Tage zum andern. Er versuchte einige Male mit Teresa allein zu sein; sie wich ihm nicht gerade aus, aber sie kam ihm auch in keiner Weise entgegen. Und stets war sie umgeben von den Teufelsjägern. Der taubstumme Junge klebte an ihrem Rock; schon früh am Morgen kam Pietro Nosclere, meist in Gesellschaft einiger anderer. Ein junges Mädchen, Carmelina Gaspari, eine Base der Venier, blieb den ganzen Tag um sie; sie besorgte ihr Zimmer, das Teresa kaum mehr verliess. Am späten Nachmittag kam dann das ganze Dorf, und schliesslich zogen alle unter ihrer Führung in die Halle des Propheten.

Um Frank Braun schien sich niemand zu kümmern; instinktiv, ohne dass je einer zu dem andern darüber sprach, hielten sie sich abseits von ihm. Früher grüsste ihn jeder tief auf den Gassen, die Kinder liefen ihm nach, um einen Kreuzer zu bekommen, die Weiber und Mädchen schielten aus den Türen und Fenstern und die Männer baten um eine Zigarette. Es war eine Ehre, wenn er mit ihnen sprach. Nun sah man ihn kaum an. Man grüsste ihn wohl, wenn man gerade an ihm vorbei kam und nicht ausweichen konnte, aber man ging lieber zur Seite weg oder sprach einen andern laut an, um sich den Anschein zu geben, als bemerkte man ihn nicht. Raimondi kroch immer noch vor seinem Gelde, aber in seinem Blicke lag ein schlecht verborgener Hohn; der Amerikaner wich ihm scheu aus, wo er ihn sah. Und in den Leuten vom Dorfe schlummerte eine stille Feindseligkeit und ein versteckter Hass.

Nur Angelo, der Knecht, blieb der gleiche. Er lachte und grinste breit, wie ein scheues, oft geschlagenes Tier, das wohl wusste, dass er ihm nichts tat. Zutraulich genug — und doch ohne die letzte Scheu zu verlieren: vielleicht hebt er doch einmal die Hand. Er steckte den Kopf in den Sand — er tat seine Arbeit und schlief und frass und das alles ging ihn nichts an. Manchmal gab ihm Frank Braun des Abends eine Flasche Wein, dann ging er in den Stall, legte sich auf das Stroh neben die Ziege und trank.

Selbst die Kinder wichen ihm aus. Als er Fiametta Venier anrief, das Boot zu lösen, rannte sie fort. Ein vierjähriger Bube, des Schusters Ratti Junge, bettelte: »Kraizer, Kraizer!« und er gab ihm ein paar Kupferstücke. Aber seine Schwester schlug ihm das Geld aus der Hand, griff seinen Arm und lief mit ihm weg.

So keimte im Tal der Gedanke: ›Er ist ein Fremder!‹ Brach überall aus zu gleicher Zeit, wuchs schnell wie die Wasserpest und bedeckte die breite Fläche: ›Er gehört nicht zu uns, er ist ein Fremder.‹ — Und dann frass es weiter — — er war der Fremde und war der Feind.

Jedermann wusste von seinen Beziehungen zu Teresa. Man hatte sie hingenommen als selbstverständlich, und die jungen Dirnen beneideten sie. Nun aber war sie eine Heilige — und die Bauern fühlten: er hatte sie beschmutzt. Sie dachten nicht nach, aber der Hass wuchs in ihnen.

So waren nur zwei Geschöpfe, die ihm treu blieben, der schwarze Kater und die Ziege Marfa. Die waren froh, als er zurückkam. Jeden Tag kamen sie auf sein Zimmer, und wenn er ausging, liefen sie ihm nach.

Die Bauern dachten: ›Welcher Christ ist gut zu Tieren? — Er ist kein Christ.‹ Und es kam eine versteckte Wut in ihren Hass.

Des Abends, wenn alle zu Raimondis Haus kamen, pflegte er auszugehen und die Tiere liefen mit ihm. Dann schlugen die Leute nach den Tieren, traten sie mit den schweren Stiefeln, hinter seinem Rücken. Eines Nachmittags hatte er gerudert auf dem See; als er nach Hause kam, fand er den Kater vor seiner Türe liegen. Er war bedeckt mit Blut, die Nase klaffte herunter, abgetrennt mit mächtigem Messerhiebe. Ueberall hatte er tiefe Stiche, vier Rippen waren ihm gebrochen. Das Tier hatte sich hinaufgeschleppt vor seine Türe, es starb, wie er es ins Zimmer trug. Ein heller Zorn fasste ihn, er rannte die Treppe hinunter. Vor dem Hause standen die Leute; der Schneider ordnete sie, wie jeden Abend, in weitem Halbkreise.

Frank Braun schritt auf sie zu. »Wer von euch hat den Kater totgeschlagen?« Keiner antwortete, stumm und feige sahen die vorderen zu Boden. Aber aus den hintern Reihen klang ein dünnes, gehässiges Kichern. Und Girolamo Scuro, der zur Seite stand, lachte breit über das ganze Gesicht.

Der Deutsche ging auf ihn zu: »Warst du es?« zischte er ihn an.

Der riesige Knecht wich einen Schritt zurück. »Nein,« sagte er zögernd, »ich weiss nichts davon.« Aber sein Grinsen blieb und die rote Wampe blähte sich wie bei einem Truthahn.

Frank Braun hob den Arm. »Nimm das,« rief er, »und gib es dem Schuft, der den Kater tötete.« Er zielte gut und stiess ihm mit voller Kraft die Faust auf die Nase, im Augenblick brach das Blut heraus. Der Knecht heulte vor Schmerz und stürzte sich auf ihn, da gab er ihm einen furchtbaren Stoss vor den Magen; dann, als jener zusammenfuhr und sich krümmte, einen dritten Schlag von oben auf den Kopf, der ihn zu Boden streckte.

Einen anderen Burschen, der auf ihn zusprang, fasste er bei der rechten Hand, drehte ihm schnell den Arm um und warf ihn zu Boden.

Dann pfiff er der Ziege. Sie sprang aus dem Stalle hinaus und lief ihm nach. Rechts Und links stiess er rauh die Leute zur Seite; sie wichen und machten ihm eine Gasse, keiner wagte es ihn anzurühren. So schritt er mit dem Tier durch die Menge.

Er stieg in die Olivengärten; seine Brust ging hoch. »Das tat gut,« murmelte er, »das tat sehr gut.« Er setzte sich in das Gras und nahm Zucker aus der Tasche. »Da friss, Marfa.« sagte er. »Hab keine Angst, dir werden sie nichts tun. Du gibst ja Milch — — du bist ein Kapital. — Sie müssten dich dem Raimondi bezahlen, wenn sie dich töteten. — Aber Fritzi, weisst du, war kein Kapital. Er war nur ein Kater, er frass nur und gab nichts: so war er nichts wert. Darum wagten sie sich an ihn, die frommen Leute — darum!«

Er zitterte vor Zorn. Ah, er wollte es schon zahm machen, dieses Vieh vom Berge; sie sollten springen und seine Peitsche küssen. Sein Blut schrie und verlangte wild die Macht des Herrn über die niedere Rasse.

Aber dann kam wieder eine stille Traurigkeit. — Wozu nur, wozu? Welche Genugtuung war es denn, ihnen die Reitgerte durchs Gesicht zu schlagen? Und wie billig war dieser Stolz: du bist ein höheres Wesen.

Er streichelte die weisse Ziege. Er brockte ihr Minze ab, kleine grüne Blätter, und führte sie zu den Brombeersträuchern; er ass die Beeren und sie nahm die frischen Ranken. »Wenn ich ein Faun wäre,« sagte er, »wenn ich zwei Hörner hätte und haarige Bocksbeine, einen langen Bart wie du! Sieben Ziegenfrauen möchte ich haben und zwischen ihnen liegen und die Flöte blasen. Manchmal, zum Abende, würde ich zum See schleichen, wo die Dirnen waschen — — ach, du brauchst nicht zu meckern, alte Marfa! Was ist denn so ein Menschenmädchen?! Hat es kühle Zitzen, straff voll von süsser Milch? Kann es springen und klettern über steilste Felsen? Bah, man jagt es und fängt es — man nimmt es und lässt es wieder laufen.«

Von der Scheune her drangen die abgerissenen Laute. »Hörst du sie, Marfa? Sie singen und beten. Und sie wissen nicht einmal, was ein Lachen ist. — Aber wir wissen es gut, Faune und Ziegen und der grosse Pan in seinem Busch.«

Er ging zurück. Vor der Stalltüre stand Angelo, die Ziege lief auf ihn zu, sprang auf und legte die Hufe auf seine Schulter. Der Knecht grinste, fast verlegen; mit seiner plumpen Tatze kraulte er sie am Halse.

»Der Herr war wieder aus mit der Ziege?« fragte er. Es lag ein seltsames Zucken in seiner Frage, wie der Schimmer eines stillen Wissens und Einverständnisses. Frank Braun sah ihn erstaunt an.

»Was meinst du?« fragte er. Angelo stotterte, wurde rot wie Mohn und grinste breit und dumm. Dann nahm er die Ziege, ging in den Stall und verschwand im Dunkeln.

Frank Braun sah ihm nach — langsam verstand er. »Du bist also ein Faun!« lachte er. — — »Armer Kerl — und musst bei Christenmenschen dienen!«

— Er ging in sein Zimmer; er sah gleich, dass jemand dagewesen war. Der Tisch war in Unordnung, die Bücher waren verrückt, das Papier zur Seite geschoben, als ob man etwas gesucht hätte. Er öffnete die Schublade: sein Browning fehlte.

Davor also hatten sie Angst? Seine Nasenflügel blähten sich, die Oberlippe zog sich spöttisch hinauf. Als ob er der Pistole bedürfte für diese Tiere!

Er ging hinunter und speiste. Dann eilte er zu des Amerikaners Halle. Er trat leise ein und stellte sich hinter einen schrägen Balken, der die Wand abstützte. Wieder hatte Pietro Nosclere einige Veränderungen vorgenommen, an allen Wänden und Balken waren nun Pappschilder mit frommen Sprüchen angebracht. In die ganze Rückwand waren in Mannshöhe lange Nägel eingeschlagen, daran hingen die Geisseln, Peitschen, Ruten und Stäbe. Es waren viele Dutzende, man sah, dass der Prophet Schule gemacht hatte. Darunter war mit Brettern ein fusshohes Podium aufgeschlagen, von dem man nun ein wenig auf die Versammlung hinabsehen konnte. Dort, unter dem Christusbilde, stand Teresas Stuhl, sie ruhte darauf mit geschlossenen Augen, immer den kleinen Cruzifix in der Hand. Zu ihren Füssen hockte Gino, rechts sass der Prophet. Zu ihrer Linken stand der alte verwitterte Ulpo.

»Wie ein ausgeblasenes Licht sieht er aus.« dachte Frank Braun.

Nahe bei ihm war der Schneider Ronchi; er stand vor der Musik, die die ganze linke Seite des Podiums ausfüllte. Neben dem Amerikaner sass Girolamo Scuro. Die rechte Seite nahm ein gutes Dutzend junger Burschen ein, die alle eine grosse Kerze in der Hand hielten; vor ihnen stand der krumme Ratti, er schlug mit seinem Säbel den Takt zu ihrem Gesang.

Als man das Lied geendet, trat Matilda Venier auf das Podium und sagte ihre Seele. Ihr folgte Carmelina Gaspari, die sich weinend anklagte, früher Böses gesprochen zu haben von der Heiligen.

Er dachte: »Wenn nur nicht Teresa ihre Seele sagt!« Doch sie rührte sich nicht und öffnete nicht die festgeschlossenen Lider.

Aber die Frau des Venier stiess ihre Tochter nach vorne, Die kleine Fiametta zögerte nicht, hurtig sprang sie die Stufe hinauf, beugte den Kopf, schloss die Augen, faltete die Hände und betete laut. Dann begann sie, stotterte anfangs ein wenig, kam aber schnell in Fluss und sprudelte frech und hastig ihr eingelerntes Sprüchlein. Ihre Schuld sei gross, sagte sie, weil sie nicht ihres Vaters Kind sei, sondern in Sünden empfangen von ihrer Mutter. Durch den Gendarmen, Herrn Aloys Drenker, der ein Säufer und Sünder sei und ein Sohn des Satans. »Nun aber bin ich gerettet,« schloss sie, »und ich danke dem Lamme, dass meine Mutter und ich auf dem Wege zum Himmel sind. Und wir wollen kämpfen gegen den Teufel, bis wir sterben. Aber mein Vater ist noch nicht ganz gerettet und ich bitte euch, meine lieben Mitkämpfer, betet für ihn, dass er zu Jesus komme und um des Kreuzes willen gerettet werde. Amen.«

Frank Braun spie aus, ein bitterer Geschmack lag ihm auf der Zunge. »Die Wände sollten sich erbrechen vor Ekel.« murmelte er. Er sah scharf zu Teresa hin, aber keine Miene ihres Gesichtes rührte sich. Wusste sie nichts von dem, was um sie her vorging?

Ein junger Bursche sagte seine Seele, dann Ratti und Maria Grazia, Ulpos Tochter. Frank Braun dachte: »Will keiner aufstehen und erzählen, dass er den Kater totschlug?« Aber er besann sich — sie waren ja Christen und das war keine Sünde.

Teresa bewegte die Hand und sprach leise. Der Amerikaner und der alte Ulpo streckten die Köpfe vor, auch Scuro und Ronchi traten heran. Sie nickten, dann ging der Schneider nach vorne und sagte, dass man zum Beschlusse das Fastenlied singen würde.

So war man schon zu Ende heute abend? Frank Braun trat aus der Halle in den Abend hinaus. Aber er wartete; er wollte Teresa sehen und mit ihr sprechen — trotz allen Leuten.

Alle sieben Strophen sangen sie und fünfmal den Kehrreim jeder Strophe. Ungeduldig schritt er auf und nieder. Endlich wurden sie doch fertig, drängten hinaus aus der Türe. Zuletzt kam Teresa, sie ging barfuss, die linke Hand leicht gestützt auf des Knaben Schulter. Aber sie wandte sich nach rechts, schritt geradezu auf das Haus des Propheten. Um sie waren die Weiber, Celestina, die Frau Pietros, dann Carmelina, Matilda Venier und Maria Grazia; auch einige der Männer gingen ins Haus. Pietro Nosclere schritt langsam hinter ihnen, er sprach mit seinem Knechte.

Rasch trat Frank Braun auf sie zu, verstellte den beiden die Türe, ehe sie eintraten. Er schob den Knecht mit dem Ellenbogen zur Seite, dann fasste er den Amerikaner am Arm. »Ich will mit dir sprechen, Pietro.« sagte er ruhig. »Mach, dass du weg kommst, Scuro.« Der Knecht zögerte, da wandte sich Frank Braun zu ihm »Muss ich dich wieder schlagen? Weg!« Knurrend schlich der Riese in das Haus.

Der Prophet sah scheu zur Seite. »Was wollen Sie von mir?« fragte er. »Warum sind Sie zurückgekommen?«

Frank Braun antwortete: »Das geht dich nichts an. Ich werde dich fragen und du wirst antworten. Hörst du?«

»Ja.« sagte der Prophet. Seine Zähne knirschten.

»Also gib mir Bescheid: sagt Teresa ihre Seele?«

Der Amerikaner schüttelte den Kopf: »Nein.« antwortete er. »Warum sollte eine Heilige ihre Seele sagen?«

»Geisselt sie sich?« fragte Frank Braun weiter.

Mister Peter schwieg. »Gib Antwort!« herrschte er ihn an.

»Warum kommen Sie nicht in die Versammlungen?« sagte Pietro. »Sie sind frei, jeder mag hingehen und sehen, was sie tut.«

Frank Braun fasste ihn am Rock. »Mach keine Ausflüchte! Führt sie die Geissel?«

»Ja.« gab Pietro zu.

Frank Braun atmete schnell, das Herz schlug ihm bis hinauf zur Zunge. »Sie führt die Geissel.« wiederholte er langsam. — »Wen schlägt sie?«

Der Amerikaner versuchte sich loszumachen. »Herr,« rief er ungeduldig, »sie führt des Herrn Rute gegen alle ihre Brüder und Schwestern. Sie schlägt das sündige Fleisch und vergiesst das Blut für den, der am Kreuze starb.«

Ein roter Nebel legte sich vor seinen Augen. Aber er gab den Amerikaner nicht frei, hielt ihn fest, wie er sich auch wand.

»Und ihr,« forschte er, »ihr schlagt sie auch?«

Mister Peter schüttelte heftig den Kopf. »Wir! Wir sollten die Heilige schlagen?«

Er liess ihn los; er hätte ihn umarmen mögen für diese Worte. Aber nur auf einen Augenblick schwand sein Misstrauen, kehrte sogleich wieder in doppelter Stärke. Rasch fragte er:

»Was macht sie jetzt in deinem Hause?«

»Ich weiss es nicht.« stammelte Pietro.

Da hielt er ihm die Faust unter die Augen.

»Sprich, du Hund!« zischte er. »Wenn du nicht willst, dass ich dir den Schädel einschlage.«

Der Prophet zitterte in jämmerlicher Angst. »Herr, ich weiss es nicht, ich weiss es wirklich nicht. Es ist das erste Mal, dass sie zu mir kommt. Sie sagte uns plötzlich, der Herr Gott wäre in ihr und sie müsste gleich fort von all den Menschen. Da fragte ich sie, ob sie vielleicht in mein Haus kommen wollte. Und sie nickte. — So war es.«

Er sah wohl, dass Pietro die Wahrheit sprach; so liess er ihn los. »Ich werde mit dir hinein gehen.« sagte er. Der Amerikaner sah ihn bitterböse an, wagte aber kein Wort der Einrede. Zusammen schritten sie durch die Türe.

Am hinteren Ende der Diele sah er Teresa auf der Ofenbank sitzen; nur der Knabe war dicht bei ihr. Alle andern hielten sich möglichst zurück; es schien, als ob die Heilige das so gewünscht habe. Ungefähr zehn Leute mochten im Zimmer sein; sie blickten ihn neugierig und misstrauisch an, als er eintrat, aber niemand sagte ein Wort. Seine Absicht war, gleich zu ihr zu treten, um mit ihr zu sprechen, aber er sah, dass ihre Augen starr ins Leere blickten, dass ihr Geist fern ab war von allem, was rings um sie vorging. So setzte er sich auf einen Stuhl, dicht ans Fenster, stützte die Ellenbogen auf die Knie und den Kopf in die Hände und blickte hinüber zu ihr.

Niemand sprach ein Wort, alle warteten auf irgend etwas, das vorgehen sollte.

Teresa hielt den Cruzifix fest in den Händen, aber ihre Augen sahen weit darüber hinweg.

Dann umspielte ein seliges Lächeln ihren Mund; langsam erhob sie sich, das Kreuz glitt aus ihren Fingern. Es war, als ob sie den Herrn sähe. Sie kniete nieder, stand wieder auf, ihre Hände falteten sich, erhoben sich dann, nahmen endlich die Stellung des Priesters beim Dominus Vobiscum an. Endlich sank sie wieder in die Knie und blieb so lange Zeit.

Frank Braun liess kein Auge von ihr, verfolgte jede kleinste Bewegung. Es war kein Zweifel, Teresa war in einem heissen visionären Zustande. Er riss seine Gedanken zusammen, wie ein gutes Pferd, fasste fest die Trense und ritt in das Land ihrer Erscheinungen.

Und er verstand sie wohl.

Sie lag im Oelgarten und betete mit dem Heilande. Ihr Gesicht spiegelte alle Versuchungen, die den Gottessohn als Menschen bedrängten, allen Widerwillen gegen das Leiden und den Tod. Und sie betete inbrünstig und rang sich heraus aus den menschlichen Aengsten durch die Kraft des Gebetes. Kniend sah sie und erlebte sie alle die Foltern und Martern von der Gefangennahme bei Gethsemane bis zur Kreuzigung.

Sie erhob sich von den Knien, langsam fiel ihr Leib nach hinten. Sie lag nun auf dem Rücken, breitete die Arme weit aus und streckte die nackten Füsse vor. Legte einen Fuss auf den andern, als wäre sie selbst das Lamm auf der Schlachtbank des Kreuzes. Aber dann richtete sie sich wieder auf, schaute knieend mit tränenden Augen nach oben — so wie die Mutter Gottes in qualvollem Aufblicke auf den Sohn sieht.

Und sie fühlte tief in der Brust die Leiden dessen, der am Kreuze hing. Eine grässliche Todesangst ergriff sie, die Kraft ihrer Glieder schien völlig gebrochen. Bleicher und bleicher verblasste ihr Antlitz, eine Farbe des Lebens um die andere erstarb. Aber die heiligen Male an Händen und Füssen glühten immer lebendiger. Blau unterliefen die Nägel, schlaff und trocken hingen die Lippen um den offenen Mund. Ihre Haare lösten sich, kalter Schweiss troff von der Stirn und den eingefallenen Wangen und netzte die Locken. Bittere Tränen brachen aus den starren Augen und fielen herab in grossen Tropfen.

Nun aber leuchteten andere rote Tropfen auf ihrer Stirne auf und mischten sich mit den Tränen, ein blutiges Diadem umfing das Haupt: Stigmata der Dornenkrone des Erlösers.

Zuckungen sprangen aus den Winkeln des klaffenden Mundes, fuhren hinab wie Blitze eines nahen Gewitters und warfen den Leib in Todesschauern. Ein schwerer Atem stiess sich laut aus der keuchenden Brust, dazwischen jagte ein ächzendes Seufzen und Stöhnen. Alle Wundmale öffneten weit ihre Quellen, ihr Gesicht bedeckte sich mit Blut, rot färbte sich, von der Wunde an der Seite, ihr weisses Gewand, und lange Streifen Blutes brachen aus den Händen und Füssen.

Das Schluchzen des nahen Todes ergriff sie, immer heftiger schüttelten die Konvulsionen ihren Körper, der immer weniger Widerstand leistete. Das Stöhnen und Seufzen wandelte sich in ein Röcheln des Todes, die Augen schienen zu brechen und der arme Leib rang, verzweifelnd und ermattend, mit dem überall angreifenden Tode. Das Uebermass aller Schmerzen strömte von innen heraus in steigender Kraft und verzerrte ihr Gesicht zur Unkenntlichkeit.

Dann brach sie zusammen. Die Arme fielen schlaff herab, die Kinnladen klafften weit auseinander. Dunkelblau quoll aus den bleichen Lippen die im Krämpfe unförmig aufgeschwollene Zunge, die Lider senkten sich, aus den Augen entfloh der letzte Schimmer in schweren Tränen. Heftig schluchzte sie in kurzen Pausen nach innen auf, dann endlich sank sie nieder, von den Qualen völlig erschöpft Aus dem Gesicht und den Gliedern wichen die Zeichen des Krampfes; starr lag sie da wie eine Leiche.

Alle blickten stumm auf die Leblose, keiner rührte sich von seinem Platze. Der taubstumme Junge hockte eng zusammengekauert unter ihrem Stuhle, starr vor Angst, kaum fähig Atem zu holen.

Ueber des Propheten Gesicht flog ein epileptisches Zucken und ein dünnflüssiger Geifer säberte aus seinen Mundwinkeln. Kurze Stösse gingen durch seinen Leib, hart und eckig flogen seine Arme.

»Sie ist tot.« flüsterte er. »Die Heilige ist tot.« Er machte Miene zu ihr zu stürzen.

Aber mit einem Satze war Frank Braun bei ihm, umspannte fest sein Handgelenk und riss ihn mit gewaltsamem Ruck auf die Bank nieder. »Rühr dich nicht!« fuhr er ihn an. »Rühr dich nicht!«

Pietro Nosclere erschrak heftig, seine Zähne klapperten und sein Leib zitterte. Aber der drohende Anfall war erstickt; ruhig blieb er auf seiner Bank sitzen.

Nach wenigen Minuten richtete Teresa den Kopf wieder auf, kniete nieder in neuer Kontemplation. Ihr Gesicht schien ruhig, jeder Ausdruck der Marter war verschwunden; die Augen öffneten sich. Sie wandte sich halb im Kreise, verfolgte mit den Blicken irgend etwas, das sie umschritt. Dann erhob sie sich, stand aufrecht, unbeweglich, ihre Blicke richteten sich nach oben. Die Augäpfel hoben sich immer mehr, verschwanden schliesslich ganz unter den Lidern. Langsam hob sie zu gleicher Zeit die flachausgestreckten Hände.

Frank Braun betrachtete sie gespannt. »Die Vision ist fort.« flüsterte er. »Sie gerät in Ekstase.«

Helle Freude lachte aus dem Gesicht des Mädchens. Als wollte sie jubelnd die ganze Schöpfung an ihr Herz drücken, und ihre Wonne hinausküssen in die Welt, so streckte sie Arme und Hände weit aus und schloss sie, wie zum Umfangen, eng und stark, als ob sie das, was sie hielt, nie wieder loslassen wolle. Ihr Antlitz strahlte in einer heissen Wonne und einer Fülle des Entzückens, ihre Brust ging hoch in einem seligen Schauer der Umarmung.

Und sie hob sich auf den Füssen, stand hoch auf den Zehenspitzen, die kaum den Boden berührten. Sie schien zu schweben, alles in ihr jagte nach oben, trug sie in die Luft empor. Und ganz leise sangen ihre Lippen: »Lasset uns wegfliegen, lasset uns wegfliegen zur ewigen Freude!«

Das war nichts Menschliches mehr. Frank Brauns Augen öffneten sich weit, er verschlang diese süsse Gestalt, sog sie in sich ein mit allen Poren. Wie Granatblüten leuchteten die Blutstropfen auf der weissen Stirne, die schwarzen Locken fielen weit über die nackten Schultern, ihr weisses Gewand, hier und da mit Blut bespritzt, floss wie eine weisse Wolke, auf die die scheidende Sonne die letzten Grüsse ihres Herzblutes wirft.

»Wenn ich ein Maler wäre!« murmelte er.

Plötzlich, ohne Uebergang, schlug sie zu Boden. Lang ausgestreckt lag sie auf dem Rücken, die Augen schlossen sich im Augenblick. Es war, als wäre sie hinabgestürzt aus unendlicher Höhe. Immer noch streckte sie die Arme hoch, fasste mit den Händen in die Luft, als suche sie etwas, um sich zu halten. Dann hob sich ihr Leib, krümmte sich in heftigem Krämpfe wie ein Bogen, ruhte nur auf den Füssen und dem Hinterkopfe. In der nächsten Sekunde warf sie sich herum; nun rissen klonische Krämpfe ihre armen Glieder. Sie flog auf, dass sie den Boden nicht mehr berührte, schlug wild mit Armen und Beinen um sich und schrie in fürchterlichem Paroxismus. Endlich sprang sie in die Knie, stiess einen entsetzlichen Schrei aus und raufte sich grosse Hände voll Haare aus dem Kopf. Alle grässliche Furcht, alle wilde Verzweiflung schrie aus ihren Zügen und sie rief: »O der Abgrund! Der Abgrund!« — Sie kauerte sich zusammen, kroch auf allen vieren in die Ecke, wie ein zu Tode gehetztes Beutetier.

Dort lag sie, unbeweglich durch lange Minuten. Ihr Atem wurde ruhig, ihre Züge still.

Behutsam kroch der taubstumme Junge zu ihr heran. Er kniete vor ihr, griff mit beiden kleinen Händen einen Zipfel ihres Gewandes. Und nun kam wieder Leben in ihren Körper. Die Augen öffneten sich nicht, aber sie streckte den Kopf vor, es schien, als ob sie durch die geschlossenen Lider auf den Knaben blickte. Ihre Wangen färbten sich rot, der Mund öffnete sich halb und ein verlangendes Lächeln lag auf ihrem Gesicht. Sie hob die Arme ein wenig zu dem Knaben hin, es war, als sähe sie vor sich eines schönen Engels süssen Leib. Die Brüste dehnten sich, ein leichtes Zittern lief durch ihren Körper. Nun lehnte sie sich zurück, lag auf dem Rücken, den Kopf leicht angestützt an die Wand. Und leise, unmerklich fast, hob sich ihr Leib, schoben sich unter dem hüllenden Linnen die Beine zur Seite. Wie zum Kusse öffnete und schloss sich ihr Mund, ein tiefer Seufzer heissen Glückes löste sich aus den weissen Zähnen.

Frank Braun sah sie an, sah diese Glieder, die aufgelöst zitterten in höchster Wonne, diese Lippen, die alle wollüstige Seligkeit tranken.

»Incubus, incubus!« flüsterte er.

In solchen Augenblicken hatte er ja oft ihr Gesicht gesehen. Und doch — jetzt war es ein anderes, war ein Bild unerhörtester Wollust, wie sie keine irdische Umarmung je geben mochte. Und er dachte an Berninis Marmor in S. M. della Vittoria in Rom, an den weissen Stein, der der Heiligen Teresa Transverberation gab. Ja, so, so sah das Mädchen aus, wie die fromme Frau von Avila in dem Genusse der englischen Umarmung. Freilich, der Engel der spanischen Heiligen war ein schöner Page, ein reizender Cherubin von vierzehn jungen Jahren, recht geschaffen zum wonnig heissen Liebestroste für grosse Damen. Das Mädchen von Scodra hatte nur einen armen, magern, taubstummen Knaben, aber in ihren Augen wuchs er zum schönsten Jüngling. Ihre Arme hingen zu beiden Seiten herab, ihre Kniee hoben sich leicht nach oben. Und von den Wundmalen der Füsse bis hinauf zu denen der Stirne war ihr Leib nur ein Gefäss, das voll sich füllte mit den süssen Schmerzen himmlischer Umarmung.

»Incubus, incubus!« wiederholte er.

Sie lag still da, vollgesogen in allen Poren, ein köstliches Bild der Empfängnis. Und langsam nur, in stillen Minuten wich diese grosse Wonne aus ihren Zügen.

Frank Braun trat dicht zu ihr hin. Schwer öffnete sie die Augen, die nun wieder nach oben strebten, sich an die Decke hefteten, nur das Weisse noch sehen liessen. Es war wieder ein Schweben, ein Streben nach oben, aber diesmal nur innerlich und aussen kaum zu bemerken. Kaum zollhoch hoben sich die Hände.

So sass sie unbeweglich, starr und steif. Aber Frank Braun sah wohl, dass kein tonischer Krampf sie hielt und dass ihr Zustand nichts Kataleptisches hatte. »Nun ist sie bei Gott.« flüsterte er. Er stützte den Kopf in die Hände und seine Blicke streichelten liebkosend die Ekstatische.

Er dachte: »Nun bist du ein Steinbild am Strome der Zeit und siehst mit ewigen Augen der Schöpfung Geheimnis. Nun bist du kein Mensch mehr, bist nicht Teresa und bist kein ›Ich‹, bist ein Namenloses und Unpersönliches. Dein Auge ist tot, aber dein Geist ist allumfassend, wie das Nichts und das All — nun schwebst du im Leeren und haust bei den Müttern. Du bist zurückgekehrt in die Ewigkeit und dein Bewusstsein begreift sich selbst in seinem Wesen, das keine Form mehr kennt, und in sich selbst Vergangenheit, Zukunft und Gegenwart enthält. Dies Wesen ist ein Nichts, das alles umschliesst, es ist die Bewegung der Welt, die sich löst aus sich selbst, um ihr ureigenstes Sein in ewiger Reinheit zu erfassen. Wenn deine Seele eine volle Rose war, so ist sie nun zur Knospe geworden. Alles zerfliesst, alles zergeht und kehrt zurück zum Urbeginn. Nun quälen dich nicht mehr grause Visionen gekreuzigter Götter, nun bist du weit ab von ihnen und von allem was Leben hat Und du erkennst, du Glückliche, die Empfindung des Unendlichen!«

Er seufzte schwer. »Wie ich dich beneide, armes Mädchen! Deine Seele steht vor ihrem Ursprung, steht nackt und namenlos, ohne alles Wesen. Du hobst dich hinaus über die Zeit und weisst nichts mehr von gestern und morgen, sondern nur vom ewig Gegenwärtigen. Denn auch der kleinste Teil aller Zeit, das Jetzt, hat ja noch etwas von der Zeit — du aber bist über der Zeit und dem Jetzt. Und du bist über dem Raum und erkennst alles zugleich in allen fernsten Welten. Wir Menschen denken in der Zeit, du aber schaust alles in ewigem Augenblick. Zeit und Raum sind die Grenzen, die uns von Gott trennen, du aber hast sie überschritten, deine Seele erkennt über Raum und Zeit.

Gestaltlos stürzt deine Seele in den gestaltlosen Gott. Denn Gott — das weisst du nun, dreimal Glückliche, — ist ja nichts anderes als dein Erlebnis. Du bist in Gott — und so bist du Gott.

Fühlst du nun, Geliebte, wie deiner Seele Flügel wachsen? Ein Licht umfängt dich und eine süsse Wärme, da schmilzt alles starre und harte und die grässliche Schwere, die uns kleben macht an der Kruste der schmutzigen Erde. Alles löst sich in grenzenlosem Lichte und senkt sich in dich — und du bist das Licht und das All.«

Er nahm sein Taschentuch und deckte es über ihr Gesicht. »Es ist nicht gut, dich anzusehen, du Glückliche.« flüsterte er. »Es ist, als ob man nach der Sonne schielte, und man weiss doch, dass man sie nimmer greifen kann. Darum soll man sie nicht begehren: man mag blind werden, wenn man Gott schaut.

Die Menschen, die an Gott glauben, wissen nichts von ihm. Dem einen ist er ein Begriff, irgendeine Ursache, ein bequemes Ding, das sie notwendig brauchen für ihre Weltanschauung, ein unsichtbarer Motor, der alle Räder laufen macht. Dem andern ist er ein grosser Name, ein Alexander oder Cäsar und Napoleon, ist ein Held wie diese — mit dem Unterschied, dass er heute noch lebt. Man muss mit ihm rechnen und mit seiner Gewalt, muss sich mit ihm abfinden, wie mit dem Steuerbeamten und der Polizei. — Die Heiligen allein aber sind es, die Gott kennen. Sie glauben nicht, was sie hören von andern Menschen, sie sehen mit ihren Augen und greifen mit ihren Händen: aus ihrer Erfahrung heraus kennen sie Gott, wie eine Blume, wie einen Becher Weines. Wie andere die Liebe erleben — so erlebt ihr Gott.«

* * *

Langsam stand er auf und schritt durch das Zimmer. Er ging auf Pietro zu und legte ihm die Hand auf die Schulter. »Ich bin durstig,« sagte er, »gib mir einen Schluck Wasser.« Der Amerikaner stand auf und sprach mit seiner Frau; sie ging hinaus und blieb eine Weile fort. Frank Braun wurde ungeduldig: »So sieh doch, wo deine Frau bleibt! Ist es denn so schwer, einen Schluck Wasser zu bekommen in diesem Hause?«

Pietro ging selber, endlich brachte er das Wasser. Der Deutsche nahm das Glas und brachte es an die Lippen. Dann fasste ihn ein plötzlicher Verdacht, er setzte es wieder ab. »Trink du zuerst.« sagte er.

»Warum?« fragte der Prophet. »Ich bin nicht durstig.«

»Trink!« befahl er.

Er sah, wie Pietro einen tiefen Zug tat.

»Ich habe mich geirrt.« dachte er. »Wie kam ich nur darauf?« Er leerte hastig das Glas.

Teresa rührte sich noch immer nicht. Gino war dicht zu ihr hingekrochen und rieb ihr leicht die totkalten Füsse. Die Männer und Weiber, ruhiger geworden durch die Stille der Heiligen, standen und sassen in Gruppen und flüsterten leise. Celestina Nosclere ging herum und reichte ihnen Holzbecher voll Milch. »Willst du uns nicht das Blut des Lammes geben?« fragte der Knecht den Propheten. Aber Pietro schüttelte den Kopf.

Dann bewegte sich das Mädchen. Das Tuch fiel von ihrem Gesicht, erstaunt blickte sie in den Raum. »Bin ich hier?« fragte sie leise.

Alle drängten zu ihr hin. Die Venier sagte: »Ja, Schwester, du bist nun bei uns. — Und wo warst du?« Aber Teresa antwortete nicht Man hob sie auf und setzte sie auf die Bank. Carmelina Gaspari holte grosse Kissen und schob sie ihr in den Rücken. Sie schien schwach und müde, aber ihre Augen blickten klar und frei. Sie machte dem Buben ein paar Zeichen mit den Fingern, er sprang schnell auf und brachte ihr einen Becher Milch vom Tische. Sie nahm ihn und dankte, aber sie netzte kaum ihre Lippen.

Die Venier drang in sie. »Heilige Schwester, willst du nicht sagen, was du gesehen hast?« Teresa streichelte die wirren Strähne des Knaben. »Nein, nein,« murmelte sie, »man kann es nicht sagen. — Man kann es nicht sagen mit Menschenworten.«

Ihre Augen fielen auf Frank Braun. »Du bist hier?« sagte sie. »Komm her zu mir.« Sie sprach ruhig und sanft, aber es lag ein fester Klang in der weichen Stimme, der nicht befahl und doch ein Gehorchen als selbstverständlich nahm. Er empfand das wohl; so antwortete er nicht und rührte sich nicht vom Flecke.

Da sagte sie still: »Bringt ihn her zu mir.«

Die Leute drängten heran. Erstaunt sah er sie an — sie schienen verwandelt in einem Nu. Er sah ihre Gesichter, sie schauten entschlossen und fest aus, jede Scheu war verschwunden. Er drehte auf dem Fusse um, zur Türe hin. Aber Girolamo Scuro trat vor ihn hin mit ausgebreiteten Armen. »Sie sollen zu ihr kommen!« sagte er. Und Ratti sagte: »Ja, Herr, Sie sollen zu ihr gehen.«

Dieser kleine Schuster, der sonst zusammenkroch vor seinem Blick vor Respekt und Furcht! Nun stand er da und riss die Augen weit auf und krampfte die Finger, jeden Augenblick bereit sich auf ihn zu werfen, festzubeissen, wie ein Fox.

Frank Braun blieb stehen, verwirrt, unschlüssig —

Was war denn geschehen? Vor wenigen Stunden noch schritt er durch diese feigen Bauern, er allein durch hunderte. Er schlug sich seinen Weg mit der Faust und keiner war da, der nur wagte, die Lippen zu öffnen. Jetzt aber standen sie da, drohend, stark — und der Schwächste von ihnen würde sich auf ihn werfen ohne Bedenken.

Er wandte sich um, schaute auf Teresa. Ihre Augen sahen nieder, ihre Hände streichelten leicht den Kopf des Knaben. Sie blickte nicht einmal auf; alle Ruhe und alle weiche Sanftmut lagen über dem Mädchen.

Und doch war sie es, die den Widerstand gebar, das fühlte er wohl. Das Volk von Val di Scodra war ein grosses Tier ohne Hirn, scheu und feige kroch es daher und floh vor seinem Blick. Nun aber, hatte es einen Willen. Teresas Willen.

Nun fühlte es sich stark, riss das Maul auf und trat ihm in den Weg. Und wich nicht mehr. Des Herren Stimme zerflog im Wind, nun, da ein anderer Herr befahl.

Eng standen sie um ihn wie ein guter Wall. Er sah, wie Ronchi zur Seite lief und hörte wie der Schlüssel sich drehte mit heiserem Knirschen. Nun war er gefangen. Die Kraft seines Willens war fortgeblasen und er konnte ihn wegwerfen wie einen alten Handschuh. Nichts blieb mehr, das ihn überlegen machte den Bauern; nun war es ein wilder Kampf der Fäuste. Er zählte sie schnell. Ratti, Ronchi, der alte Ulpo und der Prophet — das war der Mühe nicht wert. Aber der riesige Girolamo Scuro, dem nun keine Hemmung verbot, die Sklavenfäuste zu heben. Und der kräftige junge Ulpo, und Venier und noch drei Bauern. Und die Weiber dazu — diese Weiber — — sie würden mit Nägeln und Zähnen an ihm hängen.

Es war kein Zweifel, er musste unterliegen Und wenn auch verletzter Stolz und zornige Verachtung seine Muskeln zu Stahl machen würden, und wenn Gewandtheit und Uebung ihn leicht Herr machten über jeden einzelnen — — sie würden ihn doch halten und würden doch triumphieren. Und endlich: auch sein bester Sieg war doch immer nur Flucht!

Er biss die Lippen, schweigend trat er zu Teresa.

Sie fragte ihn: »Warst du die ganze Zeit hier?«

Er nickte stumm. »Was ist geschehen?« fragte sie weiter.

Die Fragen beleidigten ihn; es kam ihm wie ein Verhör vor. Trotzdem antwortete er: »Du warst in Ekstase.«

Sie schwieg eine Weile. Langsam sagte sie: »Ja. — Ich habe Gott gesehen.«

Er wartete; dann, als sie zögerte, rief er brüsk: »Was willst du von mir? — Ich will gehen, hörst du? — Bleib du allein bei deinem Propheten.«

Da sprang sie auf, heftig, mit einem Rucke. Dicht stand sie vor ihm; ihr heisser Atem traf sein Gesicht, ihre Augen bohrten sich scharf in die seinen. »Vergisst du, wer mich zu ihm hin geführt hat?«

Aber er schwieg nicht, nahm den Kampf auf, den sie ihm bot. »Ich war es!« rief er laut. »Ich!« Er blickte zur Seite, griff den Amerikaner, der neben ihm stand, am Arme und riss ihn vor. »Ich war es!« wiederholte er scharf. »Ich habe Pietro Nosclere zum Propheten gemacht und dich zur Heiligen! Ich habe mit euch gespielt, wie mit Puppen, an meinen Drähten tanzt ihr herum! Meine Geschöpfe seid ihr: Lehmklösse, denen ich Atem einblies!«

Er warf den Kopf zurück, seine Fäuste ballten sich. Jetzt, fühlte er, hatte er die Kraft, jetzt würde ihn keiner zurückhalten können. Jetzt war er frei.

Teresa sah ihn an, es war, als verstünde sie seine Gedanken. »Du willst fort?« fragte sie ruhig.

Er antwortete: »Es geht dich nichts an, ob ich bleibe oder gehe. Aber da du fragst, magst du es wissen: ich werde wegfahren, übermorgen nachmittag um zwei Uhr mit der Post.«

Sie lächelte still. »Die Post wird fahren, übermorgen nachmittag um zwei Uhr. Aber du wirst nicht fahren!« — Sie wandte sich an die andern und hob die Stimme. »Hört ihrs? — Er soll nicht fahren! Und sagt es allen Leuten im Dorfe, dass er nicht fahren darf.«

Er griff ihre Hand und schüttelte sie. »Was?« schrie er. »Ich werde nicht fahren? Ich werde fahren, sage ich dir!«

Sie machte sich los. »Lass meine Hand,« sagte sie ruhig, »du tust mir weh.« — Dann aber wiederholte sie: »Du wirst nicht fahren. Du gehörst mir.«

Er lachte ihr ins Gesicht. »Wirklich? — Dir? — Sieh einmal, und ich habe immer das Gegenteil angenommen.«

Sie sah ihn an, ruhig und gewiss. »Schweige doch,« sagte sie. »Willst du sagen, dass ich deine Geliebte war? — Wem denn? — Mir? Ich weiss es. Und den andern? — Jeder weiss es im ganzen Dorfe. Ja, ich habe in deinen Armen gelegen und leugne es nicht. Noch auch das andere, das mehr ist: dass du es warst, der mir den Weg wies, der zu Gott führt. Glaubst du, Pietro würde leugnen — er so wenig wie ich.« Sie wandte sich zu ihm, sicher lächelnd. »Sags ihm doch selber, Bruder.«

Der Amerikaner zögerte einen Augenblick. Dann begann er laut: »Ja, er hat mich den Pfad geführt. Er hat mir gesagt, dass der Herr mich gesegnet habe mit seiner Gnade und dass des Propheten Elias Geist in mir lebe. Er hat mich gelehrt, welche Kraft Gott in die Schläge der Geissel legte und er hat mir gezeigt, wie in meiner Hand sich der Wein zum Blute des Lammes wandeln müsste.«

»Hörst du es?« sagte Teresa. »Und so will auch ich sagen, was du tatest. Du warst es, der mich mitnahm zu des Propheten Halle, du allein. Du weisst, dass ich nicht wollte und nur gehorchte aus Liebe zu dir. Und du warst es, der mir sprach von all den Dingen, von denen ich nichts wusste. Du erzähltest mir von dem Leben der Heiligen, die des Herrn Wunden trugen und sein Antlitz schauten — du nur allein. Und wenn das hohe Tor aller Gnaden sich auftat in Val di Scodra — du warst es, der uns den Schlüssel brachte.« Ihre Stimme hob sich, klang hell und klar, in grossen vollen Akkorden. »Wir wissen es wohl, dass der Herr es war, der dich sandte! — Aber wir wissen auch, dass du allein nicht glaubst an seine Kraft. Sein Werkzeug warst du und meintest, dass du der Meister wärest. Weil du das Tor aufschlossest zum Reiche der Herrlichkeiten, wähntest du, dass es dein Reich sei. — Nun aber ziehen alle ein durch die hohe Pforte — und du allein musst draussen stehn.«

Prophetisch tönten ihre Worte, sie hob die Arme hoch, unmerklich wiegte sich der Kopf hin und her. »Beschwerlich ist der Weg, der empor führt, voll von Stacheln und spitzen Steinen. Dornen zerreissen die nackten Füsse und Blut fliesst in hellem Quell. Ich aber gehe den Weg und oben erstrahlt ein helles Licht: da wird die Braut der himmlische Bräutigam umfangen. Dorthin fliegt mein Auge, dorthin und achtet nicht der Schlange, die zwischen den Steinen kriecht. Sie wird mich stechen, sie wird mich stechen, aber mein Fuss schreitet doch weiter hinauf — hinauf!« Ihre Augen glühten, ihre Hand legte sich auf seine Schläfe. »Du bist die Schlange!« rief sie. »Du wirst mich stechen! — Dann aber, wenn diese letzte Qual überwunden, wenn das Fleisch besiegt und die Seele selig jauchzt in dem Kusse des Bräutigams, dann stehst du unten und blickst empor und der Wurm des Leides wird dich fressen. Ewig wirst du kleben an dem Boden der schmutzigen Erde, unstet wandern durch alle Lande, ruhelos, freudenlos, ohne Ende.«

Sie atmete tief, liess sich schwer zurückfallen auf die Bank. Sie schloss die Augen, schwieg eine kurze Weile. Dann bewegten sich wieder ihre Lippen, leise, fast flüsternd. Er musste den Kopf hinabbeugen, um zu verstehen, was sie sagte.

»Da fliehst du, und der ewige Tod sitzt dir im Nacken. Ueber Berge und Seen, durch lange Täler und weite Ebenen. Ich sehe dich sitzen auf dem weiten Platze, und die Sonne strahlt von dem weissen Marmor. Rings erheben sich hohe Paläste, du aber starrst stumm auf den Boden. Und jemand ruft deinen Namen — du aber hörst meine Stimme. Und die Wolken decken die Sonne — —« Ihr Flüstern erstarb, tonlos bewegten sich ihre Lippen weiter.

Er nahm ihre Hände. »Weiter, Teresa, sage mir, was du weiter siehst.«

Sie zuckte zusammen und richtete sich auf, als ob sie aus einem Schlafe erwache. »Ich weiss nicht,« sagte sie leise, »ich weiss es nicht.« Dann erhob sie sich. »O, ich bin müde. Bringt mich nach Hause.«

Carmelina Gaspari huschte heran und stützte sie. Teresa legte den rechten Arm schwer auf ihre Schultern und schritt zu. »Gute Nacht, Schwestern!« sagte sie. »Gute Nacht, Brüder. Betet für mich.«

Gino ging voran, alle andern folgten und brachten sie nach Hause. Langsam schritt Frank Braun hinter ihnen. Er ging zum Ufer hinab, machte das Boot los und ruderte hinaus. Er legte sich mit aller Kraft in die Riemen, suchte in körperlicher Anstrengung ein Ventil für seine heisse Aufregung. Aber es gelang ihm nicht; nach einer Stunde kehrte er zurück und seine Pulse klopften nicht weniger.

Das Haus war umstellt von allen Seiten, unter seinem Fenster sah er den Knecht stehen. Der junge Ulpo und sein Freund Pasquale Pederzoli sassen vor der Türe auf den Treppenstufen. Frank Braun redete sie an: »Ihr bewacht mich? Wollt ihr nicht lieber schlafen gehen?«

Ulpo antwortete: »Die Heilige hat es befohlen. Wir können später schlafen, in drei Stunden werden wir abgelöst.« Er stand auf und machte ihm Platz zur Türe hin.

»Hineinlassen wollt ihr mich also?« fragte Frank Braun. »Aber nicht hinaus aus dem Hause?«

»Doch, Herr,« antwortete der Bursch, »auch hinaus. Sie können gehen, wohin Sie wollen, in das Dorf und in die Gärten. Auch auf den See dürfen Sie hinaus. Aber immer werden zwölf ihnen folgen und man wird Sie nicht weglassen. So hat es Ratti bestimmt.«

Frank Braun lachte. — Ratti, der Nachtwächter! Der also war Oberbefehlshaber und er war der Gefangene des kleinen, buckligen Schusters! »Ist Ratti da?« fragte er.

»Ja, Herr.« sagte Ulpo. »Er liegt in der Wirtsstube auf der Bank. Soll ich ihn rufen?«

Der Deutsche trat in das Haus und ging in das Gastzimmer; Ratti schlief nicht, er sass bei der Lampe, den Rosenkranz in der Hand.

Frank Braun ging auf ihn zu und nahm eine Banknote aus der Tasche. »Hier sind tausend Kronen!« sagte er. »Willst du sie? Lass mich gehen heute nacht und du bekommst das Geld.«

Der kleine Schuster drehte sich um. »Ihr seid der Versucher!« sagte er. »Ihr seid der Antichrist!«

»Schon gut.« sagte Frank Braun. »So hatte ich es erwartet. — Gute Nacht, Ratti!«

Pfeifend ging er in sein Zimmer. Sein Anerbieten war nicht ernsthaft, er hatte keinen Augenblick gedacht, dass jener es annehmen würde. Nur ein Wille herrschte in Val di Scodra — — und das war Teresas Wille.

Er entkleidete sich langsam. Wie sich doch alles gewandt hatte, das Innerste sich nach aussen gekehrt! Er war der Mittelpunkt gewesen, um den alles im Kreise lief, er stand still und war die Sonne, um die die Welten von Val di Scodra heiss sich drehten. Und Teresa war ein Stäubchen, das mitflog im wilden Wirbel rund um ihn herum. Nun aber hatte der tote Stern sein eigenes Leben und Licht, er aber war ein kalter Mond, längst gestorben, fest gehalten und gefangen in den engen Banden ihrer Sonnenmajestät.

War es nicht sein Feuer, von dem sie lebte? War es nicht sein gutes Licht, das sie stahl?

Er schüttelte den Kopf — o nein, es war ihr ureigenes Licht und Leben. Er hatte es nur angezündet und aufgeweckt. Er selbst war immer tot gewesen, kalt und starr, ein hässlicher Nebelfleck, der sich blähte und auflog zur Sonne. Sie aber war die echte und starke Sonne.

Freilich, er hatte gute Augen; sie blendete ihn nicht, wie alle andern. Er mochte hineinsehn bis in ihr tiefstes Herz, und ihre Strahlen sengten ihn nicht und brachen vor seinem Blick.

Was denn nur? — Ihr Stigma quälte ihn nicht; wohl war es ein nicht gewöhnliches Geschehn, aber kein Aussergewöhnliches. Und die Erklärung schuf ihm wenig Mühe. Dann war ihr Hellsehen. Sie hatte ihm seltsame Worte gesagt, die auf irgend etwas wiesen in naher oder ferner Zukunft. Aber er musste sie wegwerfen — jetzt! Dann erst, wenn wirklich ein Leben erwachen sollte aus ihrem Stammeln, dann erst dürfte er damit rechnen, dann erst konnte er suchen und schürfen nach Gründen und Zusammenhängen. So lange aber waren es Worte, wirre Worte einer Halluzinantin, wertlose Spreu.

Auch ihre fromme Vision war ein Geringes und erklärlich genug; er brauchte sich nicht aufzuhalten mit Dingen, die nur armen Narren ein Uebernatürliches erschienen.

Und die Transverberation? Der incubische Engel, der sie auf das Pfühl zog, auf dem Maria lag? Bah, es war nur ein Grosses für den Künstler, der in seinem Auge wohnte und ein recht Kleines für den Gelehrten in seinem Hirn!

So blieb nur eines: die Ekstase.

Das war kein Zweifel; Teresa Raimondi war in dieser Nacht in Ekstase. Sie liess damit weit die Louise Lateau hinter sich, die Marguerite Alacoque, die Maria von Morl und die Tiroler ekstatische Jungfrau. Alles, was diese erlebten und was gute Leute Ekstase nannten, war doch nichts anderes, als nur religiöse Vision. Sie sahen, was alle sehn auf frommen Bildern, was jedem Kinde der Pfarrer erzählt: nie aber sahen sie Gott. Die Ekstasen der Heiligen Teresa und der Katharina von Siena freilich waren reiner und echter, aber selbst da drängte sich häufig genug das störende Moment christlicher Vision hinein. Vielleicht blieb nur eine unter all den Frauen: Schwester Katrei —

Was aber war es nun? Wo fand er eine Bresche, einzudringen in diesen höchsten Tempel und die freche Fackel der Zerstörung zu werfen?

Er nahm ein anderes Bild. Die Ekstase war Ophir, das Goldland Salomonis, oder die geheimnisvolle Kupferstadt, von der die Senussi erzählen. Oder Atlantis, das das Meer verschlang, oder das Dorado, oder das Bimini, das die Konquistadoren suchten. Irgendwo lag das Land — und so musste es einen Weg geben, der dahin führte.

Er wog die Möglichkeiten. Das Psychische war von dem Physiologischen nicht zu trennen, und wenn die Deszendenzlehre richtig war für die Eigenschaften des Körpers, so musste sie auch stimmen für die der Seele. Wenn in der Entwicklung der Jahrbillionen das Protoplasma zum Menschen wuchs, wenn sich Knochen und Muskeln, Blut und Nerven bildeten, verwandelten und änderten, so musste auch die Form des Bewusstseins eine andere geworden sein. Nun aber war das gerade der Kern aller Ekstase: dass das Bewusstsein des ekstatischen Menschen ein verändertes war. War es also möglich dieses andere zu finden, irgendwo auf der langen Stufenleiter der Entwicklung?

Dann fiel ihm Faust ein, leise deklamierte er:


»Zwei Seelen wohnen, ach, in meiner Brust,
Die eine will sich von der andern trennen;
Die eine hält in derber Liebeslust
Sich an die Welt mit klammernden Organen,
Die andre hebt gewaltsam sich vom Dust
Zu den Gefilden hoher Ahnen.«


Das war es doch! Nicht zwei Seelen freilich, die sich trennen: eine Seele nur, die zu einer andern wird. Eine Seele, die Heimweh hat nach dem Schmutz der Väter, die sich zurücksehnt aus der freien Luft in die dumpfen Höhlen niederer Ahnen. Mochte sie Goethe immerhin ›hohe Ahnen‹ nennen in seinem Bilde: es war doch derselbe kluge Instinkt, der ihn später zu den »Müttern« führtet

Die Seele des Menschen in diesem Sinne war das Bewusstsein des Gegensatzes vom Ich zur Aussenwelt. Daran wagte nun keiner mehr zu rütteln seit Descartes. Das niederste Tier aber hatte keine Nerven und kein Hirn, der Reiz der Oberfläche löste allein eine unmittelbare Wirkung aus: der Anfang eines Bewusstseins mochte da liegen, wo einzelne Teile des Körpers sich ausbildeten um den Reiz den andern Teilen zuzuführen, die seine Reaktion ausübten. Noch kein kleinstes Hirn war da, wohl aber erste Nerven, die ohne Sammelpunkt sofort den Reiz vermittelten. Das Tier sah und fühlte die im Wasser schwimmenden Nahrungsteilchen nicht, nur die rein äusserlichen chemischen oder auch Druckreize lösten ohne eine Wahrnehmung und ohne Willensentschluss die Wirkung aus. So aber war es unmöglich, dass ein solches Tier ein Bewusstsein hatte, das dem unsern ähnlich war und den Gegensatz des Ich's, und der Aussenwelt fasste: sein Bewusstsein konnte nur ein Gefühl der Einheit von Ich und Aussenwelt sein. Es gab für das Tier noch keine Grenzen zwischen beiden.

Das aber war ja der Inbegriff aller Ekstase! Sie riss die Grenzen ein und machte den Menschen zum All und das All zum Menschen.

Er verstand das gut und suchte nach einem physiologischen Moment, das ihm den Weg zeigen konnte zu diesem Schlusse. Was bot da die Ekstase, das abweichend war vom normalen Zustand und so irgendeine Handhabe bieten konnte? Wenig genug freilich — und doch mochte es genügen.

Einmal war es das Gefühl des Schwebens und Fliegens. Jeder Mensch kannte es aus seinen Träumen — waren Träume nicht verwandt der Ekstase? — Hundert Berichte erzählten von Menschen, die durch die Luft flogen. Gautama Buddha und Maha Sumata schwebten dahin, Platons Schüler Jamblichos hob sich zehn Ellen über den Boden, die Geschichte christlicher Ekstatiker war voll von Berichten von Frommen, deren Körper frei sich erhob, wie der Leib der Teresa von Jesu. Hier, wie immer, war es die christliche Mystik, die am tiefsten schürfte, die weit Grösseres und weit mehr Wunderbares hervorbrachte, als alle indischen und ägyptischen Heiligen. Die heilige Christina von St. Proud flog weit über Städte und Dörfer zum Himmel hinauf und die ›Acta‹ starren von Zeugnissen von Bürgern und Bauern, die die gebenedeite Fliegerin durch die Lüfte schweben sahen.

Was tat es denn, ob die Berichte über die heilige Christina, deren Flug Diepenbeck malte, und über alle die andern christlichen und heidnischen Flieger objektiv wahr waren oder nicht? Subjektiv waren sie es gewiss. Wie jeder sagen konnte: ›Ich bin im Traume geflogen‹, so konnten die Heiligen gewiss mit aller Wahrheit sagen: ›Ich flog auf in der Ekstase.‹ Und es war über allen Zweifel, dass sich für dieser Frommen Bewusstsein das Gefühl der Schwere verlor.

Ein anderes Gefühl trat dafür ein, das der Gewichtslosigkeit: das Gleichgewichtbewusstsein. Kein Wesen konnte es haben, das in der Luft lebte, nur dort konnte es sein, wo ein Körper annähernd ein gleiches spezifisches Gewicht hatte wie das ihn umgebende Element. Die Fische hatten es — unsere niederen Ahnen. Und wie für den Schwimmer die Lunge wieder zur Schwimmblase wurde, aus der sie entstand, so mochten wohl in nervösen Zentralorganen uralte Reste rudimentär vorhanden sein, die in der Ekstase diese längst verlorene Empfindung des Gleichgewichts wieder wach riefen.

Das andere Moment war das Licht. Alle Ekstatiker sahen es, allen war es das grösste Glück und die höchste Wonne. Aber sie fassten es nicht mit den Augen — sie fühlten es auch mit geschlossenen Lidern und im Dunkeln: es war ein inneres Licht, das sie nicht sahen, sondern empfanden. War das nicht dasselbe, was vor Jahrbillionen unsere Ahnen taten? Jene Tiere, deren Augen nicht sahen, nicht Gegenstände unterschieden, sondern nur als lichtempfindliche Organe dienten, zentralen Teilen zugeordnet, die diese Lichterscheinung als Erregung aufnahmen?

Wie viel Dinge barg der menschliche Körper, die langsam erstarben, aber doch durch Jahrtausende nutzlos fortlebten, rudimentäre Erinnerungen aus uralter Zeit! Organe, die früher einen Zweck erfüllten, den sie längst verloren und die nun, scheinbar belanglos, nur da waren, um Grund zu geben zu irgendeiner Erkrankung. Aber wenn sie, wie der Blinddarm, pathologisch auf den Gesamtorganismus schädlich wirken konnten — war es nicht möglich, dass sie auch in anderer Beziehung unter gewissen Umständen Einfluss ausüben konnten? Vielleicht war die Zirbeldrüse der Ueberrest eines alten Sinnesorganes —

Nun schloss sich die Kette. Ein Glied noch fehlte ihm: die Möglichkeit zu ergründen, dass sich das menschliche Bewusstsein ändern konnte für Augenblicke, dass es zurückgreifen konnte auf frühere Stufen. Er brauchte nicht lange zu suchen, jeder Tag brachte ihm da viele Beispiele. — Wollust, Wut oder Schreck, boten sie nicht immer wieder das rudimentäre Auftreten von uralten tierischen Instinkthandlungen mit jenem Bewusstsein, das diese einst begleitete? So eng war hier die Verbindung zwischen körperlichem Vorgang und dem Bewusstseinszustand, dass beide nicht zu trennen waren: nur aus ihrer engsten Gemeinschaft wuchs der Affekt. Wenn man dem Schreck die körperlichen Symptome nahm, wenn man den Puls ruhig schlagen liess, den Blick fest sein, die Bewegung sicher und schnell, die Farbe gesund, kräftig die Sprache und klar die Gedanken — — ja, was blieb dann noch vom Schreck?

Und ebenso schwand beim Verdurstenden, beim Verhungernden die Form des Bewusstseins des heutigen Menschen: irgendeine Ahnenform trat an seine Stelle, die wir Instinkt nennen.

Alle diese Effekte aber waren der Ekstase verwandt. Plotinos sagte, dass selbst die Tiere im Zeugungsakte Ideen sähen und sich sehnten nach einem ewigen Schauen — Goethe würde ihr Gefühl das ›hoher Ahnen‹ genannt haben Aber es blieb doch immer das niederer Väter — ein Zurück und kein Empor! — Die Ekstase aber war bei allen Heiligen der höchsten Wollust letzter Schluss.

Hunger — Durst — Kasteien waren stets Mittel für den grossen Zweck. Panischer Schreck oder Berserkerwut — wie oft gingen sie Ekstasen voraus. Und Musik und Rausch und alle Mittel zum Affekte mussten auch hier ihre Dienste tun.

So war die Ekstase die Spitze — — oder vielmehr sie war der letzte Grund. Brachten die Affekte das Bewusstsein des Menschen zurück zum Tiere, so war es die Ekstase, die am tiefsten hinab führte: dorthin, wo das Bewusstsein der Einheit von Ich und Aussenwelt lag.

Frank Braun atmete tief, nun hielt er den Kern in spitzen Fingern. Die Ekstase war ein Rückfall in den Zustand des niedersten Tieres, bei dem die Reize nicht die Veranlassung zur Bildung von Vorstellungen gaben, sondern sofort die Reaktion auflösten. War ein atavistisches Ereignis, ein Kind mit einem Wolfsrachen, ein Pferd mit drei Hufen an jedem Fuss. Es war ein Zustand, in dem Wille und Vorstellung ungeschieden, bei dem alle Grenzen zur Aussenwelt verwischt waren. Es fehlten die Merkmale der Vorstellung von Raum und Zeit, es fehlte das Bewusstsein des individuellen Wollens. Es fehlte die Einwirkung des Nicht-Ich auf das Ich und die andere des Ich auf das Nicht-Ich: so fehlte Vorstellen und Wollen. Und so geschah es, dass das Ich das Nicht-Ich aufnahm und zum reinen Ich wurde.

Es wurde zu Gott: das war der letzte Atavismus, den es gab.

* * *

Frank Braun stand auf und ging zum Fenster, blickte lange in die ungeheure Ruhe der Nacht Wohl war er nun der Sieger, aber dieser Sieg freute ihn nicht, und er fühlte wohl, dass alle Möglichkeit eines Glückes — nur in der Niederlage war.

Reines Glück aber war am letzten Ende das einzige, das erstrebenswert war. Und war viel mehr wert als jeder schönste Sieg der Erkenntnis, Reines Glück — — und es lag immer hinter und niemals vor ihm.

Als im Kampf ums Dasein die ersten Tiere aus dem Wasser stiegen und sich an das Leben auf dem Lande gewöhnten, da war gewiss das nasse Element das Ideal ihres Daseins. Als die Nachttiere, um nicht verhungern zu müssen, die Scheu vor dem Licht überwanden, war ihnen sicher die Helle ein Schlimmes und das Dunkel ein Glück. Das war die ewige Lüge der ›alten guten Zeit‹: wo immer ein Mensch glücklich sein wollte, da stieg er hinab von der höheren Sprosse, auf der er stand. Er griff zum Rausch und zur Wollust und wurde zum Tier: aber er war glücklich in dieser Zeit.

Und so bot die Ekstase, die niederste Stufe, auf die des Menschen Bewusstsein zurückgelangen konnte, ihm zu gleicher Zeit auch das höchste Glück.

Eines aber gab es, das alles erschlug: die Erkenntnis. Und der freie Geist, der unheilbar an ihr litt, der konnte nichts mehr verbergen und verleugnen und sein Herz war zerbrochen für alle Zeit

* * *

Etwas trieb ihn zu Teresa hin. Er ging hinaus aus dem Zimmer und klopfte an ihrer Türe. Er hörte ein Flüstern, dann schob sich der Riegel zurück. Carmelina Gaspari stand vor ihm, ein Licht in der Hand. »Was wollen Sie, Herr?« flüsterte sie.

»Gib das Licht!« sagte er. Er nahm es und trat zu Teresas Bett. Gino schlummerte ihr zu Füssen auf dem Boden. Die Heilige lag da, tief schlafend.

Sie war schön, wie die Mutter Gottes, und von ihren Zügen strahlte ein grosser Friede und ein ewiges Glück.


KAPITEL XII.

Vexilla regis prodeunt infern
Verso di noi.

Dante, Inferno, Can. 34.


Die Bauern hielten ihr Wort. Nacht für Nacht standen sie um das Haus und schliefen nicht. Sie wechselten sich ab, wie Wachtposten, alle drei Stunden zogen andere auf. Tagsüber stand ein Bursch vor seiner Zimmertüre, wenn er ausging, folgte ihm dicht ein gutes Dutzend, starke Knüppel in den Händen. Anfangs machte es ihm Spass, sie herumzuführen; er kletterte Abhänge hinauf und hinunter, hielt sie auf den Beinen, stundenlang. Sie schnauften, aber sie wichen nicht. Auf die Landstrasse liessen sie ihn nicht kommen, stellten sich breit vor ihm auf und versperrten den Weg. Dennoch hätte er leicht genug entkommen können, es gehörte kaum viel Geschicklichkeit dazu, diese Tölpel hinters Licht zu führen.

Aber er wollte gar nicht. Etwas hielt ihn zurück, eine Neugier, ein gieriges Bedürfnis, irgendeines zu erwarten, das kommen würde. So lief er herum, ruhelos, fuhr auf dem See, strich durch die Gassen, stieg kreuz und quer durch die Olivengärten. Dann wieder legte er sich lange Stunden ins Gras und träumte.

Keiner aber von den Burschen sprach mit ihm. Das quälte ihn; er musste irgendeinen haben, mit dem er redete. Raimondi ekelte ihn an und mit dem Knechte Angelo konnte er ja mit dem besten Willen nicht sprechen. Selbst die Ziege Marfa hatte er nun verloren, seit er wusste, dass sie dem Knechte gehörte; er gab ihr Zucker, wie er immer tat, aber er nahm sie nicht mehr mit aus und sprach nicht mehr zu ihr.

Endlich gebrauchte er eine kleine List. Er hungerte die Burschen aus, brachte sie um den geistlichen Trost, der ihr tägliches Brot war. Abends, wenn das ganze Dorf zu Raimondis Haus kam, um die Heilige zu der Halle des Propheten zu holen, ging er aus. Dann machte er seine wildesten Ausflüge, flog wie ein Ball durch das Tal von Scodra. Die Folge war, dass man die gewandtesten Burschen vom ganzen Dorfe für diese Stunde aussuchte — die mussten nun fern bleiben der Versammlung. Das verdross sie sehr, namentlich den jungen Ulpo, der sie führte.

Frank Braun trat zu ihm, eines Abends als er aus dem Hause kam: er zeigte mit der Hand auf die Spitze über der Kreuzplatte. »Siehst du, mein Junge, da werden wir nun herumklettern, fünf Stunden lang. Macht es euch Freude?«

Ulpo blickte hinauf, aber er antwortete nicht

»Ich will dir was sagen, Bursche,« fuhr der Deutsche fort, »wir wollen Frieden schliessen. Ihr braucht mir nicht mehr nachzulaufen, ich gehe mit euch in die Versammlung. Heute, morgen — jeden Tag, wenn ihr wollt. Aber ich habe eine Bedingung, weisst du. Es langweilt mich, wenn ihr immer hinter mir herlauft, wie stumme Schatten, und das Maul nicht aufreisst. Ihr sollt antworten, wenn ich euch frage!«

Der Bursche sah verlegen drein. Dann drehte er um und sprach mit dem Schuster Ratti, der in der Türe stand. Der zuckte die Achseln, spie aus und kaute an seinem grauen Schnauzbart — war es nicht eine grosse Sünde mit dem Versucher zu reden? Jedenfalls müsste man den Propheten fragen —

In diesem Augenblick trat Teresa aus dem Hause.

»Heilige Schwester,« sagte der junge Ulpo, »der Herr will in die Versammlung kommen —«

Das Mädchen unterbrach ihn. »Ja, er soll hinkommen.« sagte sie.

Sie wagten kein Wort mehr. Die Burschen nahmen ihn in die Mitte und geleiteten ihn zur Halle, stolz, wie auf eine eroberte Kriegsbeute. Sie führten ihn hinauf auf das Podium, stellten ihm einen Stuhl hin, froh wie Kinder, ihre grossen Kerzen wieder in die Hand nehmen zu dürfen.

So sass er da, Abend für Abend.

Dafür sprachen sie mit ihm, tagsüber, wenn er ausging. Sie richteten selbst kein Wort an ihn, aber sie antworteten doch, wenn er sie anredete. »Seid ihr zwölf jetzt stets als Wachen bestimmt?« fragte er Ulpo.

Der Bursche nickte. »Ja, für den ganzen Tag. Für die Nacht sind zwei andere Gruppen da, die sich ablösen.«

»Und ihr arbeitet nicht mehr?«

Ulpo sah ihn gross an. »Arbeit ist Sünde, jetzt, wo das Himmelreich so nahe ist. Niemand arbeitet mehr im Dorfe. So hat es der Prophet angeordnet.«

Frank Braun seufzte leicht. »Also da seid ihr schon?« dachte er. »So ist es doch immer das Gleiche! Wen des Herrn Geist erweckt, für den wird die Arbeit zur Sünde.«

Ein andermal fragte er: »Nehmt ihr nicht mehr die Geisseln? Abend für Abend hängen sie an der Wand und schlafen still.«

Giovanni Ulpo sagte: »Die heiligen Wunden sollen schmerzen, aber sie sollen auch heilen — das sind die Worte des Propheten. Nun aber sind sie bald vernarbt.« Er öffnete Jacke und Hemd und blickte wohlgefällig auf die verkrusteten Striemen. »Zum nächsten Sonntag soll das Blut wieder fliessen in einer neuen Schlacht gegen den Satan.«

»Nun, es ist doch eine kleine Abwechslung.« lachte der Deutsche.

* * *

Der Prophet hatte manche Vorbereitungen getroffen zu dieser neuen Schlacht. Aber sie reizten Frank Braun wenig und er hatte keine Lust zuzusehen. Sein Kontrakt mit den Burschen gab wirklich zu sehr alle Vorteile auf ihre Seite und er beschloss, ihn nicht mehr einzuhalten. Er wartete bis zum Abend, dann erklärte er, dass er heute nicht zur Halle gehen würde, sie sollten sich also bereit halten, mit ihm spazieren zu gehen. Er lachte, als er sah, wie niedergeschmettert die Burschen waren, und freute sich seiner kleinen Bosheit.

Nun kamen sie und baten, und er liess sie bitten. Schliesslich gab er doch nach, erklärte ihnen, dass er zu Hause bleiben wollte; sie könnten ihn dort bewachen in seinem Zimmer: da möchte wohl die Hälfte genügen. Die Burschen losten und sechs zogen freudig ab mit der Prozession; recht betrübt blieben die andern zurück, darunter Ulpo. Drei stellten sich unter sein Fenster, drei blieben vor seiner Türe.

Er setzte sich an seinen Schreibtisch. Er schrieb einen langen Brief an Don Vincenzo und zerriss ihn, als er fertig war. Dann schrieb er an Aloys Drenker und zerriss auch diesen Brief.

Es klopfte; auf sein Herein trat Ulpo ins Zimmer und die andern Burschen, die vor der Türe standen. Sie stammelten ein paar Worte, baten durch das Fenster mit ihren Kameraden sprechen zu dürfen. Er fragte, warum sie nicht hinunter gegangen seien vor das Haus? — Sie hätten es nicht gewagt: er hätte derweil das Zimmer verlassen und sich irgendwo verbergen können —

Sie riefen die andern herauf, dann machte Ulpo den Vorschlag, dass noch vier zur Halle gehen sollten — — die andern beiden würden genügen, einer vor der Türe, der andere vor dem Fenster.

»Geht doch alle sechs!« sagte Frank Braun. »Ich verspreche euch, das Haus nicht zu verlassen.«

Aber sie trauten ihm nicht. Ulpo riss sechs Schnitzel Papier von einer alten Zeitung, vier grosse und zwei kleine. Sie losten und wieder zog Ulpo einen kleinen Fetzen. Die hellen Tränen stürzten ihm aus den Augen, schweigend nahm er seinen Platz vor der Türe wieder ein. Frank Braun hörte ihn mit langen Schritten auf und abgehen auf dem Flure, dazwischen sein schlecht unterdrücktes Seufzen.

Eine Stunde verging und wieder eine.

Spät genug ging er hinunter zum Abendessen; er rief die beiden Burschen ins Gastzimmer und lud sie ein, mit ihm zu speisen. Pasquale ass, aber Giovanni Ulpo vermochte nicht einen Bissen herunter zu würgen; auch die Milch liess er stehn. »Alle sind da, alle.« seufzte er. »Nur wir nicht!«

Frank Braun nahm eine Krone aus der Tasche. »Bild oder Schrift?« rief er. »Noch einer darf gehen.«

»Einer ist nicht genug hier.« sagte Ulpo.

Der Deutsche lachte. »Zwei sind auch nicht genug. — Glaubt ihr nicht, dass ich mit euch beiden fertig würde? — Aber ich will heute nicht fortgehen. Ich will rudern. Einer von euch soll mich rudern.«

»Bild!« rief Giovanni Ulpo. Aber die Münze warf die Schrift. Pasquale sprang auf und lief zur Tür hinaus.

Der andere brach in Tränen aus. »Nun bin ich allein zurück! Ich allein! — Und ich habe alle Verantwortung.«

Frank Braun zog ihn am Arme auf. »Komm, mein Junge! Die Nacht ist schön, wir wollen rudern!« Draussen griff er den Burschen an den Handgelenken, drehte sie herum, zog beide Arme hinten hoch zwischen den Schultern. So führte er ihn zum Boote, hielt ihn fest, trotz allem Zappeln und Schreien. Er nahm den Strick des Kahnes und band ihm die Hände auf dem Rücken fest.

»Siehst du, nun bist du mein Gefangener!« lachte er. »Schweig nur, dein Schreien nützt dir nichts; die Brüder singen und keiner hört dich. Oder glaubst du, dass dir der alte Raimondi helfen könne, oder Angelo der Knecht?«

»Schlagt mich tot, Herr,« wimmerte Ulpo, »schlagt mich tot!«

»Nein,« sagte Frank Braun, »warum soll ich dich totschlagen? Du bist ein Narr und ein braver Bursch! Komm, rudere mich ein wenig im See, dann will ich dich begleiten zu den Teufelsjägern!« Er löste ihm die Bande und sprang ins Boot.

Einen Augenblick stutzte Giovanni Ulpo, stand verwirrt da, atemlos, ohne ein Glied zu rühren. Dann sprang er ihm nach, stürzte in die Knie und küsste seine Hände.

Frank Braun stiess ihn zurück. »Nimm die Riemen!« befahl er. Aber er liess ihn nur wenige Schläge machen. »Fahr nur zurück, armes Tier, warum soll ich dich quälen?«

Langsam ging er mit dem Burschen zu Pietros Halle.

Maria Grazia sagte ihre Seele; sie warteten am Eingang bis sie zu Ende war. Dann führte Ulpo den Fremden hinauf, alle machten ihnen bereitwillig Platz. Sein Gesicht strahlte vor Glück, aber auch seine Kameraden grinsten, froh genug, den Mann, den sie bewachen sollten, nun sicher bei sich zu haben. Sie boten ihm einen Stuhl, gerade vor ihnen, aber Frank Braun lehnte ab, setzte sich neben sie auf die erste Bank, dicht an der Wand.

Alles, was gewöhnlich vorging in der Versammlung, war schon abgewickelt, man war zu Ende mit dem Beten und Singen und Seelesagen. Der Prophet erhob sich, um das Abendmahl zu reichen, Girolamo füllte ein gutes Dutzend kupferner Kessel mit Wein. Pietro betete und weihte sie und die Buben und Mädchen liefen durch die Versammlung und boten jedem zu trinken. Scuro, der Knecht, nahm allein einen grossen Kessel und leerte ihn in mächtigen Zügen: allem Wein hatte er abgeschworen, seit ihn der Herr gerettet hatte, aber vom Blute des Lammes konnte kein Frommer genug trinken. Auch Teresa trank, und Frank Braun sah, wie ihr das Blut in die bleichen Wangen stieg. Dann reichte sie den Kupferkessel dem kleinen Gino, der wie immer zu ihren Füssen hockte.

Frank Braun schaute über die Versammlung, das ganze Dorf drängte sich in der Scheune. Nur Raimondi fehlte. Und natürlich Angelo — der war bei seiner Ziege.

Auch Sibylla Madruzzo vermisste er. Und es fiel ihm ein, dass er sie auch an den letzten Abenden nicht mehr gesehen hatte. War sie krank?

Die Schwärmer tranken. Immer von neuem füllten sich die Kupferkessel und wandelten unter der betenden Hand des Propheten ihren Inhalt in des Heilandes Blut. Die Kinder lachten verstohlen, manche Frauen lallten und sangen die Kehrreime ihrer Lieder. Aber die Männer sassen auf den Bänken und standen herum und tranken schweigend. Die Pechfackeln warfen ihr rotes Licht auf die heissen Köpfe und liessen die braunen Züge noch röter und wilder leuchten. Ihr Schein brach sich an den kupfernen Gefässen, die wie glänzende Kugeln durch die Menge rollten, und an den weissen Pappschildern mit den frommen Sprüchen, die den Augen weh taten. Ein dicker Qualm und stickiger Dunst lag überall und machte das Atmen fast unerträglich; aber niemand schien es zu bemerken ausser ihm. Er führte die Lippen an einen Spalt in der Holzwand und versuchte von da ein wenig frische Luft zu bekommen.

Ronchi schlug mit einem Stabe auf den Boden und die Musik setzte ein; Triangel, Harmonika und Tamburin schrien ihre hetzenden Schreie. Die Musikanten auf der rechten und die zwölf Burschen auf der linken Seite begannen zu singen:


»Ob wir auch Sünder sind allzumal:
Jesus starb!
Ob der Teufel auch schreitet durchs Erdental:
Jesus starb!
Wir greifen die Waffen, wir nehmen die Krone,
Wir eilen zu Hilfe dem Menschensohne
Und nehmen die himmlische Wonne zum Lohne,
Jesus starb!«


Sie sangen den Vers dreimal, dann erst fiel die Gemeinde ein. Und nun sangen alle, immer wieder und wieder dieselben Worte. Sie schlugen dazu in die Hände und stampften mit den Füssen den Takt. Immer aufgeregter und wilder, immer schneller wurde ihr Singen, ging über in lautes Heulen und Schreien.


Frank Braun sah gespannt auf die Menge und beobachtete die seltsame Wirkung dieser rhythmischen Töne, die den Taumel steigerten von einer Minute zur andern. Worin lag nur diese geheimnisvolle Macht der Musik?

Die Musik war ein Hauch vom Jenseits, das war gewiss. Sie war nur Form und war nie Stoff, war geboren aus dem ungeheuren Meere des Negativen, das man Gefühl nannte. Sie gab viele tausend Bilder von allen möglichen Erregungen und Aeusserungen des Willens, aber nie die Erscheinung selbst, nur ein schemenhaftes Innerstes, das kein Wesen mehr hatte. Sie war nie ein Abbild der Erscheinung, nur eines des Willens und war recht eigentlich das Ding an sich. Sie erweckte Gefühle, deren Möglichkeit man nicht kannte und deren Bedeutung man nicht begriff, sie gab uns Dinge, die man nie sah und auch nie sehen würde.

Denen, die an sie glaubten, gab sie das Glück.

Wie der Rausch ein Glück gab, wie es die Wollust tat — denen, die an sie glaubten.

Nicht das letzte Glück, das nur die Ekstase gab — aber doch ein Glück.

Unser Glück aber lag bei den Ahnen, unser Glück war ein Hinabtauchen in vergessene Zeiten, war eine grosse Wandlung des Bewusstseins.

Und es war gewiss, dass die Musik eines der besten Mittel war, dahin zu gelangen —

Der Prophet riss ihn aus seinen Gedanken Er hielt eine Ansprache, nur wenige Worte Er sagte, dass man den Satan bekämpfen müsse, mit den Waffen aus der Rüstkammer des Erlösers, und wer nun wolle, der möge vortreten. Die zwölf Burschen legten ihre Kerzen auf den Boden, warfen Röcke und Hemden ab und nahmen von der Rückwand Geisseln, Ruten und Peitschen. Sie knieten nieder vor dem Christusbilde, der Prophet gab einem jeden noch einmal des Lammes Blut zu trinken.

Dann hoben sie die Arme auf, standen ruhig einen Augenblick.

Der Schneider gab das Zeichen. Die Musik setzte ein und die Geisseln fielen auf die nackten Körper. Und zugleich füllte die Halle aus allen Kehlen das Wundenlied:


»Des wunden Kreuzgotts Bundesblut,
Die Wunden — Wunden — Wundenflut,
Ihr Wunden, ja, ihr Wunden,
Macht Wunden — Wunden — Wundenmut
Und Wunden, Herzenswunden, Wunden!
Geisselwunden! Dornenwunden!
Nagelschrunden! Speerschlitzwunden!
Grüss euch Gott, ihr Wunden!«


Niemand schlug sich selbst, eines jeden Peitsche fiel auf des andern Leib. Sie schlugen ohne Erbarmen, rücksichtlos, zum Ruhme des Herrn, ihre Augen verdrehten sich, ihre Körper krümmten sich unter den furchtbaren Schlägen. Und nach dem Takte hoben sie die Beine, sprangen auf und nieder, tanzten rund im Kreise herum.

Frank Braun sah auf Teresa. Sie hatte sich aufgerichtet im Stuhl, beugte Leib und Kopf weit vor und liess kein Auge von den frommen Tänzern. Gino kniete neben ihr, zuweilen nahm sie aus seinen Händen das Kupfergefäss und tat einen tiefen Zug von dem heiligen Tranke.

»Schlagt zu!« schrie sie. »Schlagt euch stärker! — Oh Wunden! Wunden — Wunden!«

Die zwölf Burschen rasten auf dem Podium, ihr Blut floss zu Boden und spritzte an die Wände. Einer fiel, die andern rissen ihn wieder hoch. Und immer wilder klatschten die Geisseln auf ihre Körper.

Andere drangen auf das Podium, entkleideten sich, griffen zu den Ruten und mischten sich unter die Tänzer.

Matilda Venier war die erste der Frauen, die hinauftrat; ihr folgten vier, fünf andere. Hier und dort brach einer zusammen; man schleppte ihn zur Seite, sogleich trat ein anderer an seine Stelle.

Teresa stiess Carmelina Gaspari, die vor ihr stand, in die Seite. »Geissele dich,« rief sie, »geissele dich!« Das junge Mädchen zuckte zusammen, aber gehorsam entkleidete sie sich, der Prophet gab ihr eine Peitsche. Ihr Körper zitterte, ohne sich zu regen blieb sie stehen, dicht vor dem Stuhle der Heiligen.

Neben ihr entkleidete sich Girolamo Scuro. Seine Nüstern flogen, sein Maul stand weit auf und zeigte das blanke, riesige Gebiss. Er drehte Hemd und Rock zusammen zu einem Bündel und setzte sich darauf; dann zog er die Stiefel aus, erhob sich und legte die Hose ab. Völlig nackt stand er nun da. Er riss eine Geissel von der Wand, kniete nieder vor dem Christusbilde und betete. Dann sprang er mit wildem Geheul unter die Tänzer. Und wo seine Peitsche hintraf, da riss die Haut in Fetzen.

Erschöpft hatte sich die Frau des Venier zurückgezogen, heftig atmend kauerte sie auf der ersten Bank. Aber der Anblick des rasenden Riesen schien ihr neue Kräfte zu geben. Heiss sprang sie auf, in einem Augenblick streifte sie die Röcke von den Beinen. Und nackt wie er, sprang sie in den Kreis der Teufelsjäger, bereit, ihr Blut von Kopf zu den Füssen hinzugeben für den Erlöser.

Und wie diese beiden, so mischten sich andere völlig nackt unter die Menge. Wozu Hosen und Röcke, die ja nur da waren den halben Leib zu schützen, den sonst der Geissel blutige Gnadenhiebe treffen konnten! Fort mit den Kleidern, mit allem — fort, es war ein frommes Werk —

Und alle stampften und schrien und schwangen die Peitschen. Immer mehr drängten sich hinzu, man schob die Bänke zu den Wänden hin, hob sie aufeinander, um Platz zu schaffen. Und jeder freie Raum füllte sich mit den Tanzenden. Keiner schloss sich aus, nur Greise und alte Weiber, kleine Buben und Mädchen sassen und standen eng zusammengedrängt an den Wänden.

Nackt kniete der Prophet vor dem Christusbilde, ein Regen von Geisselhieben fiel auf seinen blutigen Rücken. Er schien sie kaum zu fühlen, wand sich nicht, zuckte nicht einmal; die Stirne auf dem Boden lag er in inbrünstigem Gebet vor dem Gekreuzigten.

Frank Braun liess kein Auge von der Heiligen. Ihre Augen standen weit auf, tranken gierig die wilde Szene. Und er glaubte in ihnen noch einmal das grausige Bild zu sehen: alle diese wahnsinnigen nackten Tänzer, die ihren Leib zerrissen zur Ehre des Reiches Gottes. Ihre Lippen öffneten sich, laut sang sie in die Halle:


»Geisselwunden, Dornenwunden!
Nagelschrunden, Speerschlitzwunden!
Grüss euch Gott, ihr Wunden!«


»Gib, gib!« rief sie. Sie riss dem Buben den Kupferkessel aus den Händen und schlürfte lange. Dann erhob sie sich.

Ihr Blick fiel auf Carmelina, die immer noch zitternd und bebend, nackt bis zur Hüfte, neben ihr stand.

»Zieh dich aus!« schrie sie. Carmelina gehorchte und streifte die Röcke ab. Die Heilige wandte sich zur Musik. »Und ihr, ihr?« rief sie. »Wollt ihr Gott nur mit den Instrumenten dienen?« Alle sprangen auf, aber Teresa trat ihnen entgegen. »Nicht alle zugleich!« sagte sie. »Komm du, Linda, und du, Clementina Cornaro. — Du auch, Tullio Tramonte! Ihr andern bleibt sitzen und spielt!«

Tullio zog sich aus, ein hagerer Bursche von siebzehn Jahren. Und die Cornaro riss die Kleider vom Leibe, ein starkes üppiges Weib mit brandrotem Haar. Aber das Mädchen zögerte, streifte langsam und ängstlich das Kleid ab und behielt ihr Hemd und den Rock. Teresa eilte zu der Fünfzehnjährigen. »Du hast Furcht, Linda!« schrie sie. »Du fürchtest dich vor des Erlösers Gnade!« Sie zog ihr das Hemd von den Schultern, fasste den Rock und riss ihn hinab. »Der Herr wird dich segnen, das Blut deiner Lenden wird deine Sünden abwaschen.«

Sie stiess Carmelina zu den dreien und nahm eine schwere Hundepeitsche von der Wand. »Kniet nieder!« befahl sie. »Beugt den Kopf zur Erde und betet zum Herrn!«

Die vier Leiber waren blank und rein, keiner trug Spuren von früheren Narben und Wunden. Aber in der Heiligen schwachen Arm legte des Herrn Gnade eine Kraft, die ihre Schläge furchtbarer machte als die des riesigen Knechtes. In wenigen Minuten waren die Leiber bedeckt mit Blut, die Haut barst und hing in Fetzen. Die vier wälzten sich auf dem Boden, schrien und heulten in wehen Qualen. In verzweifeltem Schmerze fasste Carmelina mit den Zähnen die volle Schulter der Cornaro und biss sich hinein, die aber umfing den Burschen mit heissen Armen und grub ihre Nägel tief in sein Fleisch. Sie wanden sich zu einem wirren Knäuel, umschlangen sich mit Armen und Beinen, dampften von Schweiss und Blut. Und unablässig sauste die schwere Peitsche der Heiligen auf das zerschlagene Fleisch.

»Grüss euch Gott, ihr Wunden!«

Der Prophet sprang auf, wankte, taumelte, fiel dann nieder vor Teresa. »Schlag du mich!« winselte er. Und die Peitsche wand sich ihm in blutigen Striemen um Arme und Brust.

Nun drängte Scuro heran und die Venier. »Mich auch! Mich auch!« Sie knieten nieder und empfingen die Gnadenstreiche der Heiligen. Sie aber rief laut: »Lasset uns freuen und fröhlich sein und ihm die Ehre geben, denn die Hochzeit des Lammes ist kommen, und sein Weib hat sich bereitet!«

Alle drängten heran, jeder verlangte nach den seligen Schlägen ihrer Peitsche. Wieder war es Ronchi, der Ordnung schuf. Zu drei und drei liess er alle herantreten und niederknien, und der Heiligen Arm erlahmte nicht. Jeder Rücken empfing ihrer Geissel Hiebe und es war, als ob ihre Streiche aufleuchteten aus dem wunden Fleische und rot und breit sich abzeichneten vor allen andern.

Dabei vergass sie nicht die, deren Leib noch unberührt war. Immer wieder rief sie zur Musik hin. »Zieh dich aus, Silvia! — Komm her, Alessandro Ricciuli.« Es schien, als ob ihre Augen höher leuchteten bei denen, die noch kein Blut befleckte, als ob ihre Stimme lauter jauchzte, wenn sie diese weissen, nackten Leiber in ein feuchtes rotes Gewand hüllte. »Grüss euch Gott, ihr Wunden! Grüss euch Gott, ihr Wunden!«

Und sie wurde nicht müde. Immer wuchtiger, immer schrecklicher fielen ihre Streiche, als ob sie die Halle ertränken wolle in einem Meere von Blut. Ihr weisses Gewand, um die Hüften zusammen gewunden mit einem breiten Stricke, war bedeckt mit Blut, die gelösten Haare flogen und warfen die schwarzen Wellen nach vorne bei jedem Hiebe.

Die Plätze in den Ecken und längs der Wände füllten sich von Ermatteten, immer leerer wurde das Podium. Einer kroch hinab nach dem andern, totmatt, halb bewusstlos, niedergebrochen; wie verendende Tiere lagen sie herum. Sie griffen nach den Kesseln, schlürften verlechzend den heiligen Wein. Zu Rattis Füssen lag auf dem Bauche totwund Giovanni Ulpo, sein Rücken schien eine einzige grässliche Wunde. Aber die Heilige hatte nicht genug, ein wirres Lachen brach aus ihrem Blutrausche. »Niemand mehr?« schrie sie. »Verlangt niemand mehr nach der Gnade des Herrn?« Sie hob die Peitsche hoch und winkte damit. »Der Geist und die Braut sprechen: Komm! Und wer es hört, der spreche: Komm! Und wen dürstet, der komme, und wer will, der nehme das Wasser des Lebens!«

Ein alter Mann trat zitternd heran, mühsam versuchte er die Jacke auszuziehen. Auf Krücken humpelte ein Weib heran, zwei andere Greisinnen folgten ihr. Girolamo half ihnen, und die Heilige peitschte unerbittlich das armselige Fleisch.

Sie stand unter dem Christusbilde, die blutige Peitsche in der Hand. Ihr Blick flog über die Halle und suchte irgendein vergessenes Opfer. Und plötzlich schrie sie laut in frommer Eingebung:

» Lasset die Kindlein zu mir kommen!«

Die Frau des Venier griff nach ihrer Tochter, aber Fiametta entfloh und verbarg sich unter der Bank. Die Kinder kreischten und schrien, krochen unter die Röcke der Mütter, versteckten sich hinter den Balken. Aber man fasste sie doch.

Scuro zog die kleine Fiametta an einem Beine heraus und hielt sie fest. Die Mutter riss ihr die Kleider vom Leibe, splitternackt brachten sie das dünne, magere Geschöpf zu der Heiligen. »Knie nieder!« befahl Teresa. »Bete!« Ratti brachte seine Kinder, die Cornaro ihr rotblondes Mädchen. Ueberall zogen die Mütter die heulenden, zappelnden Kleinen hervor, rissen ihnen die armen Kleider vom Leibe und schleppten sie hinauf. Teresa stand ruhig, wie eines Raubvogels Blick jagte ihr Auge durch den Saal. »Dort!« rief sie. »Fangt ihn! Nicolino Gaspari sitzt da oben!« Der zehnjährige Bube war einen Tragbalken hinauf geklettert, hing geduckt hinter einem Pappschild. Die rote Pechfackel, die an der andern Seite stak, stiess ihm den beissenden Qualm in die tränenden Augen und röstete ihn fast.

Scuro rannte durch den Saal. Er sprang in die Höhe, fasste beide Beine des Buben und riss ihn herunter. Er entkleidete den Heulenden und warf ihn über die Köpfe der Leute auf den Haufen der Kinder. »Singt!« schrie die Heilige. »Singt!« Und ihre rasende Stimme hub an:

»Des wunden Kreuzgotts Bundesblut —«

Die Menge heulte das Wundenlied und übertönte das jämmerliche Geschrei des Haufens kleiner Leiber. Unbarmherzig sauste die fromme Peitsche und die Heilige gab wohl acht, dass kein Streich fehlte, und dass jeder der zuckenden Leiber einen blutroten Streifen trug zum Zeichen von des Herren grosser Gnade.

Frank Braun sah die Heilige die Geissel heben und sie inbrünstig küssen. Die Kinder krochen und flohen schreiend hinab, sie aber schritt gross und hoch daher und ihre nackten Füsse wateten in Blut. Er sah sie eines der Kindlein greifen, sah, wie sie ihre Lippen auf den blutigen Striemen drückte, den ihre Hand geschlagen. — Seine Arme zitterten in seltener Erregung und er empfand tief die grosse Wesenseinheit von Wollust, Religion und Grausamkeit. Diese wilde Grausamkeit, die die Sinne peitschte, das war ja alle Phantasie niederer Kultur, die den Menschen seinem Gotte näher brachte. Diese Raserei blutdürstigen Wahnsinns, dieser Anblick blutiger, gequälter Opfer, der Rausch des starken Weines, der jagende Tanz und die nie rastende, lärmende Musik — — mit allen möglichen Mitteln zogen und rissen die Menschen zur Tiefe, hinab zu den letzten Gründen, zu dem Urbewusstsein der Welt, zum blinden Willen, der ihr wahrstes Wesen war. Weg von allen Höhen und hinab zum letzten Ursprung aller Dinge. — Hinab zu Gott!

Die Heilige warf die Geissel zu Boden, trat nach vorne und winkte mit beiden Armen der Gemeinde. Sie kamen und schlossen einen dichten Kreis, viele blutige Leiber um die weisse Königin.

»Jesus Christus verlangt ein Opfer.« rief sie. »Wer will seinen Leib hingeben zur Erlösung des Herrn?«

Keiner gab eine Antwort. Sie standen stumm, mit offenen Mäulern, als verständen sie nicht, was die Heilige verlangte. Nur hier und dort brach aus den Ecken das Winseln und Wimmern der Kinder. Dann drängte sich der Prophet an ihre Seite.

»Wachet und betet!« schrie er. »Der Versucher ist nahe, der Antichrist! Immer noch sehe ich das Heer des Satans uns bedräuen; er will uns überwinden! Wir müssen kämpfen und streiten — wer will sein Leben lassen für Christus?«

Die Venier drängte sich vor: »Schlagt mich!« rief sie. »Erschlagt mich! Ich will gerne sterben für der Brüder Seelen!«

Und der junge Ulpo hob sich mühsam, taumelnd und wankend. »Opfert mich!« stammelte er. Nun mochte keiner zurückbleiben, sie schoben sich, rissen sich fort in heiligem Eifer. »Ich bin bereit!« — »Nimm mein Leben!« — »Ich sterbe gern!«

Unschlüssig blickte Teresa im Kreise herum. Da fiel ihr Auge auf Gino, der unter ihrem Stuhle hervorlugte. Dorthin hatte er sich verkrochen, als man die Kinder griff und heranschleppte und niemand hatte auf ihn geachtet. Sein Leib war rein von jedem Blutstropfen, unberührt, unbefleckt — der einzige unter allen.

Die Augen der Heiligen leuchteten, hoch reckte sie die Arme. »Der Herr gab mir ein Zeichen!« rief sie. »Dank sei dem Herrn und seiner Güte!« Sie winkte dem Knaben, er kroch hervor und schmiegte sich zutunlich an sie. Sie hob ihn hoch auf die Arme, umschlang ihn heiss und küsste ihn. Dann setzte sie ihn auf den Stuhl und kniete vor ihm nieder.

»Willst du deinen Leib geben für den, der am Kreuze für uns starb?« fragte sie laut und übersetzte ihm zugleich die Worte mit den Fingern. Der taubstumme Junge verstand wohl die Worte, aber nicht den Inhalt. Er nickte eifrig, fast fröhlich. Wieder schloss sie ihn in ihre Arme und bedeckte sein Gesicht mit heissen Küssen.

»Gino wird für euch sterben!« rief sie. »Ihn hat der Herr erwählt!«

Girolamo griff nach ihm, ihn zu entkleiden, da schrie der Junge und drängte sich an die Heilige.

»Lass ihn nur.« sagte Teresa. »Er braucht die Geissel nicht. Sein Opfer ist mehr wert wie alle eure Wunden!« Sie erhob sich, den Knaben im Arm. »Geht, bringt Nägel her und einen Hammer!«

Scuro machte sich auf, um nach Hause zu laufen, aber Ronchi hielt ihn zurück. Er hatte die Pappschilder angeschlagen und holte nun den schweren Hammer aus der Ecke. Dazu eine Handvoll langer, grosser Nägel.

Teresa nahm des Knaben Hand und kniete mit ihm vor dem Christusbilde. Sogleich warf sich auch der Prophet zur Erde, und im Augenblicke kniete die ganze Gemeinde. Er sprach vor und alle beteten mit ihm das heilige Gebet zu den fünf Wunden Jesu.

»O mein Jesu, ich küsse deine heiligen fünf Wunden und sage dir Dank für die vielen und grausamen Schmerzen, welche du um unserer Erlösung willen an all deinen Wunden erlitten hast. Ich bitte dich, lass das Blut und Wasser, welches aus deinem gebenedeiten Herzen geflossen ist, nicht an uns verloren gehen, sondern führe uns in dein Reich zur ewigen Seligkeit. Amen.«

Dann wandte sich die Heilige zu dem Knaben, bedeutete ihn mit sanften, zärtlichen Berührungen, sich niederzulegen auf den Rücken. Sie breitete seine Arme lang aus nach beiden Seiten, legte seine Hände hin und kreuzte die nackten Füsse übereinander. Da lag nun Gino, ahnungslos, was mit ihm geschehen solle, fröhlich wie bei einem Spiele. Teresa küsste die offenen Hände, dann winkte sie den Knecht heran. Girolamo nahm den Hammer, kniete nieder und setzte den langen Nagel auf die Handfläche. Im Augenblick zog der Knabe die Hände weg, sah entsetzt auf den Knecht und umschlang Teresa mit beiden Armen. Aber es gelang ihr, ihn zu beruhigen, sie küsste und streichelte ihn und streckte wieder seine Arme aus nach beiden Seiten hin. Sie beugte sich nahe über ihn, so dass er nur sie sehen konnte und nicht mehr den riesigen Mann mit dem roten Kropf, den er fürchtete.

Beruhigt liess der Knabe die Hände liegen, erlaubte es still, dass Scuro die Linke griff und fest auf den Boden hielt. Teresa wandte ein wenig den Kopf, sah, wie er mit dem Nagel die Mitte berührte und den Hammer erhob. »Schlag zu!« rief sie. Sie warf sich schreiend über Gino, küsste seinen Mund und grub ihre Zähne in die dünnen Lippen des Knaben. Und der Schlag fiel und heftete die kleine Hand fest auf den Boden.

Der Knabe stiess sie zurück mit dem rechten Arm, er krächzte jämmerlich und hob sich hoch. Ein furchtbares Entsetzen malte sich in seinen Zügen, mit seiner schwachen Kraft versuchte er die Linke loszureissen. Aber er zerrte vergebens und riss nur in seiner Wunde und vermehrte die Schmerzen.

Die Heilige sprang auf, ihre Brust flog in schnellen Stössen. Matilda Venier griff die Füsse des Knaben und hielt sie fest. Scuro schritt über ihn hinweg und fasste den andern Arm. »Macht schnell!« schrie Teresa. »Macht schnell!«

Wieder setzte Girolamo einen langen Nagel auf die Handfläche und schlug zu. Aber er schlug fehl, der Hammer rutschte aus und traf die mageren Finger. Gino hob sich hoch, jämmerlich röchelnd, mit einer verzweifelten Anstrengung gelang es ihm seine Linke herauszureissen aus dem Nagel, der sie hielt. Er warf sich herum, deckte die rechte Hand, die immer noch der Knecht festhielt in eisernen Klammern, mit seinem Kopf und dem Leib. Die Heilige sank auf ihre Knie und ihr lauter Schrei mischte sich mit dem fürchterlichen, heiseren Krächzen des Knaben. »Mach ein Ende!« schrie sie. »Schlag ihm den Schädel ein, Scuro! — Mach ein Ende!«

Und der Arm des riesigen Knechtes sauste herab. Dumpf dröhnend fiel der schwere Hammer auf des Knaben Kopf. Lautlos brach er zusammen.

Teresa schob sich auf den Knien zu ihrem Stuhle, hielt sich an der Lehne, faltete eng die Hände und betete zum Christusbilde. Dann liess sie kraftlos den Kopf sinken. Matilda Venier und Ronchi richteten sie auf und setzten sie nieder; sie hielt die Hand vor das Gesicht, durch ihren Leib ging ein krankhaftes Zucken. »Ist er tot?« flüsterte sie. »Ist er tot?«

Der Prophet nickte. »Ja, heilige Schwester. Er starb den Opfertod für den Herrn.«

Sie nahmen die kleine Leiche und trugen sie zur Seite, legten sie in die Ecke, dort, wo die Kerzen lagen. Sie standen starr und stumm und ein dumpfes Brüten lag in der weiten Halle.

Aber Ronchi rief der Musik. Sie kamen und nahmen die Instrumente auf, Triangel, Tamburin und Harmonika. Sie erhoben die Stimme und sangen, wie erlöst von grässlichem Drucke fiel die Gemeinde ein. Und das Lied von der Braut Gottes jauchzte durch den Saal:


»Der Braut ist nichts als Lust bewusst;
Gott sieht an ihrer Schönheit Lust,
Sie glänzet in der Sonne.
Man führt sie in den Brautpalast,
Ins Freudenhaus, zur stolzen Rast,
Zu ihres Königs Wonne.
Klagen,
Zagen,
Sonnenhitze,
Donnerblitze
Sind verschwunden!
Gottes Lamm hat überwunden!«


Und während sie sangen, liess der Prophet von neuem alle Gefässe füllen mit frischem Weine. Er betete und breitete seine Hände aus, segnete den Wein und wandelte ihn. Den ersten Trunk bot er der Heiligen, aber sie schüttelte den Kopf und trank nicht. Regungslos sass sie in ihrem Stuhle. Doch die andern tranken. Sie suchten ihre Kleider zusammen und hingen sie über die blutigen Glieder und dabei tranken sie und hörten nicht auf mit ihrem Gesang:

»Gottes Lamm hat überwunden!«

Frank Braun erhob sich von seiner Bank. Sein Kopf schmerzte, ihm war, als hätte er selbst den Schlag empfangen, der des Knaben Kopf traf. Das alles drehte sich um ihn zu einem wirren Bild, halb blind tappte er die Wand entlang dem Ausgange zu. Er trat durch die Türe, wankte taumelnd gerade aus. Dann setzte er sich auf einen starken Haufen von Holzklaftern, der unter den hohen Linden vor Pietros Garten lag. Er rückte höher hinauf, legte sich nieder, schob den Arm unter den Kopf und starrte zum Himmel empor. Er versuchte nachzudenken, sich klar zu werden über das alles — aber es gelang ihm nicht. Nur Atem holen — tief Atem holen, die Lungen weit füllen mit der reinen, frischen Luft der Nacht —

Dann sah er die Leute aus der Halle treten. Still, schweigend kamen sie, allein und in Gruppen; zerstreuten sich da und dorthin in ihre Häuser. Keiner sprach zu dem andern, nicht einmal ›Gute Nacht‹ sagten sie einander. Er sah Venier kommen, zwei Kinder hielt er auf den Armen, Fiametta und der ältere Bube fassten seinen Rock. Er sah den buckligen Schuster Ratti und seine grosse, magere Frau; mit acht Kindern zogen sie heim. Alle brachten ihre Kinder, zerschunden und zerschlagen freilich — aber sie lebten doch! Und es war ihm, als ob diese Tiere an diesem Abende eine grössere Liebe zeigten zu ihrer Brut und sie zärtlicher in ihren Armen trugen.

Nur Gino blieb zurück, nur der kleine, taubstumme Gino. Das Gemeindekind, vaterlos und mutterlos — und da war keiner, der sich kümmerte um seinen armen, mageren Leib. »Armer, kleiner Junge!« dachte er.

Zuletzt kam der Prophet und seine Hausgenossen. Teresa schritt über die Schwelle, Carmelina Gaspari mühte sich, sie zu stützen. Aber selbst völlig entkräftet, schwankte sie, stolperte und fiel zur Erde. Linda Vuoto hob sie auf, und Ronchi übernahm es, die Heilige zu führen. Dann kam Scuro, ihm zu helfen, aber Teresa schrie auf und stiess ihn fort; nun trat der Amerikaner an ihre andere Seite Und stützte sie. Langsam, Schritt für Schritt, stiegen sie hinauf zu seinem Hause.

Er sah sie eintreten, einen nach dem andern, auch den jungen Ulpo, den sein Freund Pasquale führte. Der Knecht war der letzte, bedächtig schloss er die niedere Türe.

Frank Braun erhob sich und ging durch die Gassen. Kein Mensch war zu sehen, nun lag die Ruhe des Todes über Val di Scodra. Er ging nach Hause und hinauf in sein Zimmer. Er trat ans Fenster und sah hinaus — in dieser Nacht stand keine Wache da.

Er entkleidete sich, dann wusch er sich von Kopf zu den Füssen, rieb sich hart mit Schwamm und Tuch, als ob auch sein Leib befleckt sei mit Blut — wie alle andern in dieser Nacht.

Er ging zu Bett —

* * *

Aber er schlief nicht. Seine Gedanken jagten und liefen ihren Weg, zurück zu der Halle des Propheten. Er trat ein durch die offene Türe, taumelte fast zurück, so schwer schlug ihm der Dunst entgegen, dichter Qualm der Pechfackeln, heisser Rauch von Wein, Schweiss und Blut. Er ging hinein, öffnete das Fenster und setzte sich auf die Bank. Wie gut dieser Durchzug war, frische Nachtluft des Lebens, die in die dumpfe Höhle brach, wo aller Wahnsinn rauchte.

Hinten sah er Gino liegen, ein kleines elendes Häufchen zwischen den starken Weihekerzen. Das war es, was noch übrig war von der Teufelsschlacht dieser Nacht.

Noch einmal sah er das wilde Bild in dem roten Scheine der Fackeln. Der Prophet weihte den Wein und alle tranken. Alle sangen, alle tanzten, alle griffen zur Geissel. Und das Blut floss.

Wie beim Stierkampf war es. Erst kam die Cuadrilla, spielten und hüpften um den Stier die Toreadores mit bunten Tüchern. Dann, in der Garocha, floss das erste Blut und die Picadores fielen und die Mähren brachen zusammen mit aufgerissenen Leibern.

Aber die Banderilleros hefteten ihre Pfeile und dicke, rote Tropfen brachen aus des Stieres Rücken. Wie ein kleines, zierliches Vorspiel. So liess die Heilige die Kindlein kommen. Dann aber hob der Matador die Klinge. Und das Opfer fiel. Lautlos und stumm.

So fiel der Knabe von Girolamos Hand.

Wie beim Stierkampf war es. Man ekelte sich, schimpfte und schwor, nie wieder hinzugehen. Man verachtete laut das widerliche Schauspiel und fand nicht Worte des Hasses genug für den elenden Pöbel, der ihm zujauchzte. Die ganze Woche hindurch, bis zum Montage — noch um zwei Uhr schimpfte man beim Luncheon. Und dreiviertel Stunden später schrie man nach einem Wagen und fuhr zur Corrida, und um drei Uhr sass man in seiner Loge auf der Schattenseite. Und man sah die Gäule in ihre Eingeweide treten und sah den Sand rot werden vom Blute. Und man blieb doch, bis der letzte Stier gefallen.

Was war es nur? Was jagte uns zu der Arena und klebte uns fest auf die Bänke? Trotz all unserem besseren Wissen, trotz allem Denken, das uns ekeln machte vor uns selber?

Ah, die grausame Wollust der Väter, die rasende Blutgier, die der Ahnen Phantasie war Und die immer noch nicht in uns starb!

Die ewige dunkle Sehnsucht — zum Glück — zum Urbewusstsein — und zu Gott.

Und es lag wohl ein Sinn darin, wenn die Toreadores knieten vor dem Bilde der Madonna. Frömmer als sie konnte kein Mensch sein im frommen Spanien.

Religion, Wollust und Grausamkeit!

— Warum war er nicht aufgesprungen, als Teresa die Kindlein rief? Als ihre Peitsche blutig fiel auf die nackten, kleinen, mageren Leiber? Als sie Ginos Lippen zerbiss, als das trunkene Vieh des Knaben Hand auf den Boden nagelte? Und als der furchtbare Knecht den Hammer hob und ihn niedersausen liess, durch den schwachen Schädel tief hinein in des Knaben Hirn? — Was hielt ihn ab?

»Es hätte ja doch nichts genutzt!« seufzte er. »Was sollte ich tun gegen all die Wahnsinnigen!?« Aber er wusste wohl, dass er log. Nein, nein, es war nicht Angst und Furcht und war auch keine Ueberlegung, die ihn abhielt —

Es war ein anderes. War der ewige Zauber, der ihn festbannte auf seiner Bank, war der Fluch der Väter, dem kein Sterblicher entging —

Es war die siegende Macht des Blutes.

Er hatte den Atem angehalten, hatte die Augen weit aufgerissen. Hatte sich gereckt und den Kopf gehoben, dass ihm nicht ein Kleinstes entgehe von alle dem, was da vorging. Und ob er auch still sass auf seiner Bank, war er doch teilhaftig an allem, was nur geschah in des Propheten Halle.

Und war das viel mehr, als ein jeder der Leute, die nur begriffen, was sie gerade taten und nur teil hatten an dem, das sie anging. Er aber erlebte alles, was geschah und aller rasender Wahnsinn brannte in seiner Seele und spie heisse Flammen. Trunken waren jene und sprangen und sangen und schwangen die Geisseln und wussten doch kaum, was sie taten.

Ihn aber verliess nicht einen Augenblick dieses schreckliche, immer wache Bewusstsein. Und was immer geschah: er war es selbst, der es tat

* * *

Er lag still auf dem Rücken und rührte kein Glied. Sein Atem ging ruhig, sein Herz schlug so leise, dass er es selbst nicht fühlte. Es kam ihm vor, als ob ein Fremder dort ruhe, als ob er selbst weit ausserhalb sei und nichts zu schaffen habe mit diesem lang ausgestreckten Leibe.

Und er sagte laut: »Das ist die Zukunft.«

Plötzlich, unvermittelt kam ihm dieser Gedanke, flog durch die Nacht wie ein heller Meteor. Aber er verlor ihn nicht, hielt ihn wohl im Auge und fand die Stelle, wo er niederfiel. Nahm den braunen Stein, schliff ihn und fasste ihn gut. Denn es war ein Ding, das sich losriss aus seinem Stern, das weithin floh, durch unendliche Weiten und ein Eigenes ward.

Wie der Mensch! Im Anfang war er bei Gott und war ein Teil des unteilbaren Alls. Und er riss sich los trotz alledem, und aus dem Bewusstsein der Gemeinsamkeit erwuchs in Jahrbillionen das Bewusstsein des Gegensatzes: Ich — und die Welt! Aber noch klebte an diesem Ich ein Teil aller Welt, noch war es gebannt in dem Leibe, wuchs mit ihm und starb mit ihm und war nicht zu trennen von diesem Erdenreste. Und die grosse Sehnsucht der Befreiung lief den falschen Weg und tappte in schmählichem Dunkel. Lief zurück, immer wieder zurück, den Weg, den sie gekommen war, zum Ursprung und zur Gemeinschaft des Ich mit dem Nicht-Ich. Wusste nicht, dass das Ziel am andern Ende lag.

Die Seele war das Bewusstsein des Gegensatzes von Ich zum Nicht-Ich, aber dieses Bewusstsein nahm den Leib als einen Teil des Ich, ja als das Ich selbst. Und wusste nicht, dass er doch ein Teil des Nicht-Ich war. So aber war des Menschen Leib die unselige Brücke, die immer wieder zurückführte in die Welt, dessen Teil er war. Und alle die, welche die Sehnsucht trieb, zogen hinüber und schritten hinab — tiefer und tiefer, bis sie versanken in Gott.

Wie komisch war es doch, wenn die Frommen schrien: man müsse den Leib überwinden! So gut war das Wort und so schlecht das, was sie darunter verstanden. Sie überwanden den Leib nicht — sie stärkten vielmehr seine Kraft mit allem, was sie taten. Sie überwanden des Menschen Seele und wurden zum Tiere, sie überwanden das Tier und wurden zu Gott.

Aber die Zeit musste kommen für des Menschen freien Schritt. Wenn die Erkenntnis so tief wurde, so festgewurzelt und stark, dass ein jeder wusste, dass sein Leib nichts anderes war, wie irgendein Baum, der im Walde stand, wie ein Vogel, der in den Lüften flog: irgendein fremdes Ding, das weit aussen lag! Wenn ein jedes heiss fühlte, dass der Leib nichts gemein habe mit seiner Seele und so fremd ihm war, wie jeder Stein auf der Gasse. Wenn dem Bewusstsein gewiss ward, dass die Welt da draussen allumfassend war und nur eines nicht hielt: die Seele. Dann kam die grosse Zeit.

Ah, des Menschen Geist würde den Leib wohl pflegen, wie einen Tempel, wie ein gutes Haus, in dem er wohnte. Nur — — ein Fremder war er, ein Aussenstehendes und diese Erkenntnis allein war die grosse Ueberwindung des Leibes. Dann war die Brücke zerbrochen, die hinabführte, dann versank aller Wahnsinn der Väter, dann küssten Freiheit und Wahrheit glückselig die ewige Sehnsucht, die unter Tränen lachte über die dunklen Irrwege der Jahrtausende.

Er lächelte — beinahe war er glücklich in diesem Augenblicke. »Nun will ich zurückkehren in meinen Leib.« dachte er.

So schlief er ein.

* * *

Spät erwachte er. Er nahm den Bademantel, ging hinab und sprang in den See. Es fiel ihm ein, dass er nie einen der Leute von Val di Scodra hatte baden sehen. Nicht einmal die Buben plätscherten im Wasser.

Er kleidete sich an und ging in das Gastzimmer; er rief dem Wirte, aber niemand kam. Er suchte durch das ganze Haus, ging in Keller und Küche. Endlich traf er Angelo vor seinem Stall.

»Wo ist dein Herr?« fragte er.

»Er will eine Magd mieten.« antwortete der Knecht. »Er ist zur Stadt.«

»Zu Fuss?«

»Nein, mit der Post. Heute ist Posttag. Er ist vor einer Stunde fortgegangen.«

Frank Braun schnaubte ihn an. »Warum hast du mir das nicht gesagt? Ich wäre mitgefahren.«

Der Knecht grinste blöde. — »Geh, setz Wasser auf den Herd, ich will frühstücken.« befahl er ihm.

In diesem Augenblicke schrillte die helle Pfeife eines Autos durch das stille Tal. Frank Braun sah auf, dann wandte er sich, blickte nach der Westseite. Dort an einer schmalen Stelle zwischen den Felsen konnte man die Landstrasse sehen. Das Auto jagte vorbei — eine dichte Sandwolke zerstäubte am Abhang. Aber er hatte den Wagen wohl erkannt, es war der schwere Opel des Hotels.

»Wann kommt er zurück?« fragte er den Knecht. Angelo lachte und nickte.

Frank Braun fasste ihn am Arm und schüttelte ihn. »Hör zu, Bursche, so gut es gehen mag! Das Auto von der Stadt ist soeben vorbeigefahren, nach Turazzo hin —«

»Da bin ich her!« sagte Angelo.

»Gott sei Dank — so wird es dich also endlich einmal interessieren! Also wie lange bleibt es dort?«

»Wie soll ich das wissen?« grinste der Knecht.

»Aber du weisst doch, wann es gewöhnlich zurückkommt, wenn es morgens hingefahren ist?«

»Nachmittags.« sagte der Knecht.

»Wann — nachmittags?«

Angelo besann sich. »Ja,« sagte er, »ja — —«

»Sieht man die Sonne noch?« fragte ihn Frank Braun.

Wieder zögerte der Knecht. »Nein, man sieht sie dann nicht mehr. — Aber es ist doch noch ganz hell.« Er sprach zögernd, wie fragend; dieses seltsame Phänomen schien ihn zu bedrücken.

Frank Braun lachte. »Man sieht sie nicht mehr, weil sie die Berge verdecken.« erklärte er. »Also gut, es kommt nach fünf Uhr vorbei, und das mag wohl stimmen. — Nun pass auf, Angelo. Um vier Uhr — weisst du, wanns vier Uhr ist?«

Der Knecht nickte: »O ja, wenn der Herr es mir sagt.«

»Wenn ich kann, will ich dirs sagen. Aber auf alle Fälle merk dir das: wenn die Sonne dort über den Bergen steht —« Er zeigte nach Westen hin und Angelo folgte seinem Blick. — »Also, wenn dort oben die Sonne steht über dem Monte Almego, dann trägst du meinen Handkoffer hinauf zur Landstrasse. Verstehst du? — Du darfst nicht warten, bis sie ganz fort ist über die Berge, du musst gehen, so lange sie noch über ihnen steht.«

Angelo nickte eifrig. »Das will ich schon treffen!« sagte er.

Frank Braun fuhr fort. »Oben setzt du dich auf die Strasse und wartest auf mich. Du darfst niemand sagen, dass ich abreise, hörst du?«

Der Knecht lachte, er wusste wohl, dass man den Fremden bewachte, wenn er sich auch nicht darum kümmerte, warum und weshalb.

»Fragt dich einer, was du mit meinem Koffer machst, so sagst du, du solltest ihn dem Autoführer abgeben! — Jetzt will ich packen, dann nimmst du den Koffer und verbirgst ihn in deinem Stall. — Aber so, dass es niemand sieht, verstehst du? Und auch, wenn du hinaufgehst, gib gut acht, dass keiner dich sieht!«

Angelo wurde ernst, die Heftigkeit, mit der der Herr sprach, liess ihm das alles ungeheuer wichtig erscheinen. »Ich werde den Ziegenpfad hinaufgehen.« sagte er leise.

Frank Braun nickte. »Ja, geh nur, und nimm Marfa mit!« Er gab ihm einen Zehnkronenschein. »Da nimm! Und wenn ich in dem Wagen sitze, bekommst du noch einen.«

Der Knecht hielt den Schein in losen Fingern, als wagte er nicht, ihn fest anzufassen »Herr,« stammelte er, »Herr —«

»Ist schon gut!« sagte Frank Braun.

Dann ging er ins Haus. Angelo kochte ihm Eier, brachte Milch, Brot und Schinken; so frühstückte er. »Zum letzten Male in Val di Scodra!« murmelte er. Es schmeckte ihm ausgezeichnet und er ass doppelt so viel wie sonst.

Er packte schnell den kleinen Koffer, dann pfiff er dem Knecht. Er ging vor ihm die Treppe hinunter und zur Türe hinaus — aber niemand war da. Er winkte Angelo, der einen grossen Sack über den Koffer geworfen hatte und ihn so mit wichtigem Grinsen in seinen Stall trug.

Langsam schritt er dem Dorfe zu. Wo waren nur seine Burschen? — Wurde er nicht mehr bewacht? Er bedauerte es fast; es hätte ihn mehr gereizt, ihnen einen kleinen Streich zu spielen, als so weggehen zu können, frei, vor aller Augen.

Er ging durch die Gassen, zwischen den Häusern. Nirgends war ein Mensch, leer und ausgestorben schien das ganze Dorf. Die Sonne brannte steil von oben herab; auf den runden Steinen vor der Kirche wälzte sich ein hässlicher, räudiger Hund.

Er kannte ihn wohl, es war Fido, des Nachtwächters Ratti Hund —

Und sonst nichts. Nicht einmal die Kinder spielten auf den Gassen. »Schläft denn das ganze Dorf noch?« dachte er. Er lauschte scharf auf irgendeinen Laut in dieser heissen Stille.

Dann ging er dem Ende des Tales zu, stieg hinauf zu des Amerikaners Scheune. Er öffnete die Tür und trat hinein. Niemand war da, aber er sah wohl, dass man Ordnung gemacht hatte. Die Bänke waren aufgeräumt, der Boden aufgewaschen. Die Kupferkessel und Kerzen waren hinausgeschafft, auch die Geisseln hingen nicht mehr an der Rückwand. Er suchte nach der Leiche des kleinen Gino — sie war verschwunden.

Er stieg durch das Fenster hinaus, blickte nach dem Hause des Propheten. Aber auch dort regte sich nichts. Grosse blaue Libellen spielten über dem Bach, der den Garten durchfloss.

Er ging den schmalen Pfad weiter, der dem Bach folgte, zwischen Weidenbüschen und Heckenrosen. Da sah er jemanden kauern und schritt rasch auf ihn zu.

Es war Giovanni Ulpo. Er stand in den Hosen, eifrig beschäftigt Brust und Rücken einzureiben mit einem stinkenden Schmalz. Er hatte sein blutiges Hemd gewaschen im Bache, dann zum Trocknen in die Zweige gehängt.

»Wo sind die Leute von Val di Scodra?« fragte Frank Braun. »Niemand ist auf den Gassen und das Dorf scheint ausgestorben.«

»Sie sind in ihren Häusern.« antwortete der Bursch. »Jeder bereitet sich vor und legt Festkleider an. So hat es der Prophet befohlen.«

»Ist heute ein Fest?«

Ulpo nickte. »Ja.« sagte er ruhig. »Das Fest der Heiligen. Die Heilige wird zum Himmel fahren.«

»Was wird sie?« fragte Frank Braun.

»Zum Himmel fahren. So hat sie selbst verkündet. Der Prophet hat es aufgeschrieben und Ratti und Ronchi haben es vorgelesen vor allen Häusern.«

»Was wird denn geschehen?«

»Ich weiss es nicht. Erst wird man Gino begraben. Man wird eine Prozession machen. Sonst weiss ich nichts.«

Frank Braun erinnerte sich, dass er auch Ulpo in der Nacht in das Haus Pietros hatte gehen sehen. »Warst du nicht auch bei dem Propheten heute nacht?« fragte er. »Was ist dort vorgegangen?«

»Nichts, Herr. — Wir haben gebetet und ich glaube, die Heilige hat die ganze Nacht durchgebetet. Ich aber war zu schwach und schlief ein. Dann ging ich weg bei der ersten Sonne.«

»Und sonst weisst du nichts?«

»Nichts, Herr.«

Frank Braun wandte sich zum Gehen. »Ach,« rief er, »und mich habt ihr vergessen? Oder hat der Prophet die Bewachung aufgehoben für den Festtag? — Und wenn ich nun weggehe heute?«

Der junge Ulpo sah auf, ein heftiger Schreck fasste ihn. Im Augenblicke sprang er auf und lief ohne ein Wort mit langen Schritten dem Hause des Propheten zu.

Frank Braun sah ihm nach. »Da habe ich eine dicke Dummheit gemacht!« dachte er.

Langsam ging er weiter, setzte sich dann an den Bach und sah einer grossen Spinne zu, die quer darüber ihr Netz gebaut hatte. Ein Marienkäferchen fing sich in den Fäden; er befreite es, ehe die Spinne kam. Aber zwei dicke Fliegen liess er ihr und sah zu, wie sie sie einspann und aussog.

Er ging weiter, schlug auf das Gras des Randes und freute sich, wenn die kleinen, grünen Frösche kopfüber ins Wasser sprangen. »Sie mögen die Spinne fressen.« dachte er.

Als er nach Hause kam, sah er Ulpo unter seinem Fenster stehen mit fünf andern Burschen. Sie sahen müde und zerschlagen aus, aber ihr Blick zeigte ihm, dass sie ihn wohl halten würden, wenn er Miene machte zu gehen, und dass sie nicht daran dachten, ihn frei zu geben.

»Da haben wir die Bescherung,« dachte er.


KAPITEL XIII.

»Do hedde sich der konnick kostlick uth
gemacket mit sammeten paltrocken und
kostlick mit gulden ketten, die gulden krone
up sin hoevet. Und die konnickin iss auch
kostlick gerüstet gewest mit sammeten rock,
sie hau auck ein gulden krone up irem hoevet.«

H. Gresbeck, Summarische ertzelungk der
wiederdope und wat sich binnen der stal
Monster zugetragen im jair MDXXXV.


»Wer die Kraft des Reigens kennet,
wohnet in Gott, den er weiss
wie Liebe tötet. Allah hu!«

Dschalaleddin Rumi.


Frank Braun ging in seine Zimmer; sie schienen kahl und unwohnlich, nun nichts mehr, darinnen war, das ihm gehörte. Eine Ungeduld fasste ihn, ein heisser Wunsch fort zu kommen aus Val di Scodra. Warum war er. nicht gleich gegangen, am Morgen schon? Dann wäre er nun längst aus den schmutzigen Händen der Bauern! — Und zum ersten Male fasste ihn eine Angst.

Still, unbestimmt, langsam hinaufkriechend in die Kehle.

Er blickte hinaus — nun standen schon zehn Burschen da. Und Ratti lief auf sie zu vom Dorfe her, mit kurzen hastigen Schritten. Er trug seinen hohen Lederhelm und der kurze Säbel schlug ihm um die Beine.

Sie steckten die Köpfe zusammen und flüsterten. Dann gingen Ulpo und Pasquale in das Haus, kamen die Treppe hinauf und klopften an seine Türe.

»Was wollt ihr?« fragte er.

Sie baten ihn mitzukommen zu dem Begräbnis des Gino. »Nein!« schrie er. »Ich werde nicht gehen!« Aber er besann sich — war es nicht besser, sich mitten unter die Menge zu mischen? Gewiss würde dieses Begräbnis nicht vorübergehen ohne eine neue wilde Aufregung — da würde man nicht so auf ihn acht geben und er möchte leicht eine Gelegenheit finden zu entwischen.

»Liegt euch soviel daran dabei zu sein?« sagte er schnell. »Also gut, ich werde mit euch kommen. — Holt mich nur ab, wenn es Zeit ist.«

Die zwei gingen; er warf sich aufs Bett, überlegte, wie er fliehen könnte. Er rief den Knecht, wiederholte noch einmal alles, was er ihm gesagt hatte, und schärfte ihm Vorsicht ein. Gott sei Dank, er schien es begriffen zu haben.

Wie sollte er es nur anstellen wegzukommen von dem Begräbnis? Er brütete die abenteuerlichsten Pläne aus. Sollte er Angelo ins Dorf schicken, derweil alle draussen auf dem Friedhof waren, Feuer legen lassen in fünf, sechs Häusern? Da möchten sie schon zurückrennen und ihn vergessen im Augenblicke. Und es wäre doch ein Spass, von oben her zuzusehen wie Val di Scodra in Flammen aufging! Und ein hübscher Abschied!

Aber er lachte nicht einmal; eine atemlose Unruhe fasste ihn, die ihm die kindischsten Gedanken überlegenswert machte. Er wollte fort aus dem Tale, er musste fort — — es gab irgend etwas, vor dem er fliehen musste um jeden Preis.

Es kostete ihn eine starke Anstrengung, sich zu sammeln, einen Augenblick nur ruhig nachzudenken. Er beschloss, bei Ginos Begräbnis sich möglichst weit nach hinten zu stellen, erst ruhig stehen zu bleiben und sich dann, ganz allmählich, Schritt um Schritt rückwärts gehend, dem Ausgange des Friedhofes zu nähern. Dann, wenn alle sangen, alle sich geisselten oder sonst einen Unfug machten, wollte er rasch entschlüpfen. Hinauf rennen zur Landstrasse und ihr folgen — irgendwo musste ihn das Auto ja einholen. Er war nass von Schweiss, als ob er jetzt schon ein paar Stunden getrabt wäre auf der staubigen Strasse.

Man schlug an die Türe — er schrak heftig zusammen. Er erkannte Ulpos Stimme, sprang auf und steckte Kopf und Hände in das Waschbecken. Die frische Kühle tat ihm wohl, er fühlte sich ein wenig ruhiger: »Geht nur hinunter,« rief er, »ich komme gleich nach.«

Vor dem Hause traf er die zwölf Burschen unter Rattis Führung. »Wie seht ihr denn aus?« rief er sie an.

Jeder hatte sich in ein grosses Leintuch gehüllt, durch einen Riss in der Mitte schaute der Kopf heraus; in den Händen trugen sie die starken Kerzen. »Der Prophet hat es so befohlen.« erklärte Ulpo.

Ratti trat an ihre Spitze mit gezogenem Säbel, sie folgten in Reih und Glied. Frank Braun ging zuletzt, zwischen Pasquale und Giovanni Ulpo. Sie bogen links ab an der Kirche. »Geht ihr nicht zum Friedhofe?« fragte er.

»Nein, zum Hause des Propheten.« antwortete Ulpo.

Noch war niemand auf den Gassen zu sehen. Rattis Hund lag an der selben Stelle, er blickte neugierig auf, aber er rührte sich nicht. Sie stiegen vorbei an der Scheune; erst im Garten des Amerikaners sah er durch das Buschwerk ein paar Leute stehen.

Vor der Türe des Hauses nahmen die Burschen Aufstellung; Ratti allein überschritt die Schwelle und Frank Braun folgte ihm. Die Fenster der Diele waren verhangen, der Raum war dunkel, nur von wenigen Kerzen matt erleuchtet. Als er die Augen ein wenig an die Dunkelheit gewöhnt hatte, sah er hinten auf zwei Stühlen einen kleinen, braunen Sarg stehen. Er trat näher; da lag, in weisse Tücher gehüllt, der kleine Gino.

Sie hatten ihm das Gesicht gewaschen, nur in den Haaren klebte noch geronnenes Blut. Die Hände lagen versteckt unter dem Leintuch.

Ronchi trat heran. Er hob einen Stuhl auf die Bank und setzte zwei Leuchter darauf mit brennenden Kerzen; nun fiel ihr warmer Schein auf das bleiche Gesichtchen. Auch der Schneider war in ein weisses Tuch gehüllt.

Frank Braun sah sich um — da waren noch mehr Leute in dieser Umhüllung, Männer und Frauen. Niemand sprach, wie weisse Schatten glitten sie durch den düstern Raum.

Dann hörte er flüsternde Stimmen von der Treppe her. Er blickte auf zu den weissen Gestalten, da kamen Venier und seine Frau, Scuro, Alvassi, der Schmied, und der alte Ulpo. Dann die Cornaro, Maria Grazia und Celestina Nosclere. So füllte sich der Raum.

Hinter ihnen schritt der Prophet herab. Er sah wunderlich genug aus, eine grellrote Wolldecke umschlang ihn, ungeschickt über die linke Schulter geworfen und um den Leib mit einem Frauengürtel zusammen gehalten. Auf dem Kopfe trug er, aus Pappe geschnitten und mit Goldpapier beklebt, eine grosse Krone, in der Rechten führte er einen kurzen Stab, der mit Oellaub dicht umwunden war und wohl ein Zepter vorstellen sollte.

Der Prophet schritt langsam dem Sarge zu blieb dort stehen und schaute zurück. Nun kam die Heilige die Treppe hinab. Sie trug dasselbe weisse Gewand wie gestern und sie schien es nicht abgelegt zu haben in der Nacht. Es war voll von Staub und Schmutz und klebte dicht von schwarzroten Blutflecken. Ihre Haare fielen tief herab, auf dem Kopfe trug sie eine goldene Krone, wie der Prophet. Ihre Augen waren geschlossen, ihre Lippen bewegten sich im Gebet; sie schritt langsam und mühevoll, als ob sie zusammenbräche unter ihren Schmerzen. Carmelina Gaspari und Linda Vuoto führten sie, trugen sie fast und stützten sie zärtlich.

Die Heilige schritt zu dem Sarge, eilig brachten ihre Frauen einen Stuhl. Aber sie wies ihn zurück, kniete nieder und lehnte Kopf und Hände auf den kleinen Sarg.

Der Prophet trat vor. Er sprach ein paar halblaute Worte — von Opfer — von Erlösung — von der Gnade des Heilandes — von ewiger Herrlichkeit. Dann kniete er zur Seite der Heiligen. Alle knieten und alle beteten stumm, kein leises Wort flog durch den Raum.

Ronchi öffnete die Tür und winkte mit dem Arm. Die zwölf Burschen traten ein mit ihren Kerzen, knieten am Eingang nieder und beteten. Nach wenigen Minuten schickte Ronchi sie hinaus und winkte andere herein. Die knieten schweigend, beteten und gingen wieder, abgelöst von neuen Scharen. Das ganze Dorf kam, verrichtete seine Andacht und betete für die arme Seele des Knaben, der seinen Leib geopfert hatte für ihre Erlösung.

Endlich erhob sich der Prophet. Die beiden Mädchen kamen und richteten die Heilige auf. Sie legte die Arme auf ihre Schultern; so stand sie zwischen ihnen, sah still zu, wie Venier und Alvassi den kleinen Sarg nahmen und hinaustrugen.

Frank Braun ging vor die Türe, dort ordnete der Schneider den Zug. Und die Leute von Val di Scodra sahen seltsam genug aus in den weissen Tüchern. Alle waren barhaupt und barfuss, aber alle trugen irgendeine Waffe in der Hand. Die meisten hatten Geisseln und Ruten, andere trugen Spaten, Aexte, oder auch Sensen und lange Mistgabeln. Es war, als ob sie zum wilden Kriege auszögen.

»Wollen sie damit heute den Satan bekämpfen?« dachte er. »Das mag blutig genug werden.«

Ratti setzte sich an die Spitze des Zuges mit gezogenem Säbel. Ihm folgte die Musik mit ihren Instrumenten — aber sie spielte nicht, auch sang niemand. Es war still ringsum, selbst die Kinder schwiegen. Hinter der Musik trugen die beiden Männer den Sarg, zu dessen Seiten sechs kleine, weisse Mädchen schritten. Dann folgte der Prophet, hinter ihm ging die Heilige mit ihren Frauen. Die zwölf Burschen kamen und endlich die Menge, die Ronchi führte und Girolamo Scuro.

Frank Braun blieb stehen am Hause, wandte sich dann langsam dem Garten zu. Er glaubte sich schon gedeckt hinter den dichten Büschen; plötzlich aber sah er den jungen Ulpo zurücklaufen. »Kommt mit uns, Herr!« sagte der Bursche.

Er biss sich in die Lippen, doch blieb ihm nichts übrig, als schweigend zu folgen. Sie schritten rasch aus, bis sie den Zug einholten. Missmutig ging er in den Reihen der Kerzenträger, gleich hinter der Heiligen. Der Gottesacker lag dicht bei des Amerikaners Garten, aber der Eingang war von der andern Seite; so musste man hinunter gehen in das Dorf, an der Kirche vorbei.

Der Friedhof war nicht eben, er senkte sich herab in schmalen Terrassen, auf der untersten lag die kleine, offene Grube, die für Gino bestimmt war. Die Leute drängten heran, aber Ronchi wies sie fort; gehorsam stiegen sie höher hinauf, um von dort zu schauen. Pasquale sprang in das Grab, die beiden Träger reichten ihm den leichten Sarg hinunter.

Der Prophet trat vor und Ronchi winkte allen zu noch grösserer Stille. Aber ehe noch Pietro begann, rief die Heilige laut: »Habt ihr ein Kreuz? Habt ihr ein Kreuz für Gino?«

Sie sahen sich an, der Schneider schüttelte den Kopf. »Nein,« sagte er, »daran hat niemand gedacht.«

Die Heilige blickte sich um und wandte sich an die Gemeinde. »Ihr sollt ein Kreuz machen,« sagte sie, »ein grosses Kreuz — grösser als eines auf dem Kirchhofe. So gross — wie die dort oben!« Sie zeigte mit der Hand hinauf zu der Kreuzesplatte. »So gross sollt ihr es machen!«

Ronchi sagte: »Ja, Schwester, wir werden es tun. Morgen werden wir es machen.«

Aber sie rief heftig: »Nicht erst morgen! Heute sollt ihr es machen! Jetzt gleich!«

Girolamo Scuro warf sein weisses Leintuch ab. Er fasste den neben ihm stehenden Alvassi am Arm: »Komm, wir wollen das Kreuz bauen.« Ronchi folgte ihnen und noch ein vierter. Sie schwangen sich über die niedere Mauer in den anstossenden Garten des Propheten. Frank Braun sah ihnen nach. Sie gingen zur Scheune, dort stand an der Rückwand das Holz Pietros aufgeschichtet. Scüro wählte einen langen, vierkantigen Balken, sie schnitten ihn ab und nagelten mit starken Haken ein schmales Brett darauf, gaben ihm zur Stütze vier kleine Schrägbalken. Ronchi aber ging in die Halle und kam wieder mit einem Stück weisser Pappe und einem Fetzen Goldpapier. Er schnitt grosse Buchstaben daraus, klebte sie auf und heftete die Pappe oben auf das Kreuz. Die goldenen Lettern glitzerten in der Sonne: I. N. R. I.

Unterdessen stellte Ratti die Musik am Grabe auf und dazu seine zwölf Burschen. Sie begannen ihren Sang und die Gemeinde fiel ein. Sie sangen das brünstige Lied vom Corpus Domini. Dann kniete der Prophet zum stillen Gebet nieder und alle folgten seinem Beispiel. Scuro und die andern kamen zurück, sie legten ihr Kreuz zur Erde, knieten und beteten mit den andern. Der Prophet stand auf Und segnete stumm das Grab, er nahm seine Krone ab und warf drei Hände voll Erde auf den Sarg. Venier nahm eine Schaufel, füllte sie mit Erde und reichte sie der Heiligen; sie griff hinein und küsste die Erde. »Gino ist glücklich,« flüsterte sie, »er ist auf ewig bei Gott.« Sie warf ihre Erde, dann kniete sie schluchzend nieder.

Alle traten heran, so wie sie Ronchi winkte. Sie warfen das Grab zu und häuften einen kleinen Hügel darauf. Wieder sangen sie ein Lied, wieder sprach der Prophet ein leises Gebet. Dann gingen sie. Die Frauen richteten die Heilige auf; wankend schritt sie zwischen ihnen her. Und der Zug setzte sich in Bewegung, langsam zogen sie durch die glühheisse Sonne, zurück zu des Propheten Halle — ihrer aller Heimat.

Als sie auf dem Platze vor der Kirche waren, blieb die Heilige stehen. Sie machte sich los, reckte sich und rief laut durch die Stille: »Wo ist das Kreuz?«

Ein paar Leute stürzten zurück, sie aber schritt die Treppe zur Kirche hinauf. Auf der obersten Stufe wandte sie sich und rief wieder: »Jauchzet und frohlocket! Das Lamm hat überwunden! Ihr sollt tanzen und singen zum Preise des Herrn! — Die Musik soll spielen!«

Die Musikanten traten auf die Kirchentreppe und spielten, niemand aber hob die Beine zum Tanz. Was ihnen das Natürlichste erschien in der dunklen Fackelnacht der Halle, kam ihnen unmöglich vor am hellen, sonnenglänzenden Tage.

Die Heilige sah es wohl. »Holt Wein!« rief sie. »Holt die kupfernen Kessel. Der Prophet wird euch zu trinken geben vom Blute des Lammes. Und singet dazu, singet!« — Der Gesang schwoll an und füllte das Tal.

Scuro rannte weg mit einigen Weibern, sie brachten die Kessel. »Bruder,« sagte er zu dem Propheten, »es ist kein Wein mehr im Saale.«

Die Heilige hörte es. »Lauft zu meines Vaters Hause!« rief sie.

Ratti sagte: »Dein Vater ist nicht da. Er ist zur Stadt, Schwester.«

Sie stiess ihn zurück. »Lauft hin!« befahl sie. »Geht zum Keller und öffnet die Türe!«

Sie rasten hinunter zum See, allen voran mit langen Sätzen der riesige Knecht. Und sie brachten den Wein, sechs grosse Körbe voll.

Der Prophet reckte die Hände zum Himmel: »Heiliger Vater, segne in Gnade Elias, deinen Knecht. Wandle den Wein zu deines Sohnes Blut, der am Marterholze starb zur Vergebung unserer Sünden!« Er fuhr mit den Armen über die Körbe und wandelte aller Flaschen Inhalt zugleich.

Da wandte sich der Schneider an die Heilige. »Segne auch du den Wein, heilige Schwester.«

Sie streckte ihre Arme aus über die Körbe, ihre Lippen murmelten ein Gebet. Die goldene Krone funkelte in der Sonne — ah, sie war wohl eine Hohepriesterin! Ronchi zitterte, starrte sie gebannt an.

»Giesst ein!« befahl der Prophet.

Der Schneider sprang gierig hinzu, griff eine Flasche, schlug ihr den Hals ab und füllte einen Kessel. Rasch führte er ihn zum Mund und trank. Seine Augen strahlten in heissem Glauben.

»Ja!« rief er. »Ja — man schmeckt es wohl! — Heilige Schwester, ich schmecke das Wunder deines Segens: das ist Christi Blut, vermischt mit der Milch der Jungfrau!«

»Mariae Milch!« riefen sie. »Mariae Milch! Des Heilandes Blut und die heilige Milch der Madonna!«

Sie füllten die Kessel und tranken. Und des Herrn Blut und seiner Mutter Milch verliehen ihnen Kraft und liessen ihre Augen leuchten und machten den strahlenden Sommertag zu dunkelster Nacht.

»Tanzt!« rief die Heilige. »Jauchzet und singet!«

Nun, wo der heilige Trank mitten in den nüchternen Sonnentag eine Gasse gebrochen hatte für allen frommen Wahnsinn — nun wirkte auch die Musik.

Sie warfen die Peitschen und Geräte zu Boden, Hand in Hand schlossen sie sich zu Kreisen. Die zwölf Burschen in der Mitte, um sie ein anderer Kreis von Weibern. Und noch ein Kreis und ein vierter und fünfter — wie Wellen, die in stillem Wasser rund weiterlaufen, wenn man einen Stein hineinwirft. In der Mitte stand die Heilige und der Prophet, auch Ronchi; um sie herum schwang sich der Wirbel. Rechts herum drehte sich der erste und dritte, der fünfte und siebente Kreis, alle Männer — aber links herum sprangen die Weiber. So begann der Reigen. Sie sangen das Osterlied, heulten das ›Allelujah‹ aus vollen Kehlen und wiederholten es zehn-, zwölfmal bei jedem Verse.


»Der Heiland ist erstanden,
Befreit von Todesbanden,
Der als ein wahres Osterlamm
Für mich den Tod zu leiden kam.

Allelujah!

Nun ist der Mensch gerettet,
Der Satan angekettet,
Der Tod hat keinen Stachel mehr,
Der Stein ist weg, das Grab ist leer.

Allelujah!

Der Sieger führt die Scharen,
Die lang gefangen waren,
In seines Vaters Reich empor,
Das Adam sich und mir verlor.

Allelujah!

O wie die Wunden prangen,
Die er für mich empfangen!
Wie schallt der Engel Siegsgesang
Dem Starken, der den Tod bezwang!

Allelujah!«


Es war ein triumphierender Siegessang und lauter hätte der Engel Chor auch nicht schallen können. Ihr starker Glaube brach durch das Tal von Scodra, als wollte er die Felswände einreissen und in den See stürzen.


»Mein Glaube darf nicht wanken,
O tröstlicher Gedanken!
Ich werde durch sein Auferstehn
Gleich ihm aus meinem Grabe gehn.

Allelujah!

Die Nacht, die mich dort decket,
Bis mich der Himmel wecket,
Ist kurz, dann ruft mein Heiland mich
Ins Reich, wo niemand stirbt, zu sich.

Allelujah!

O Meer von Seligkeiten!
Ein Ort mir zu bereiten,
Ging mein Erlöser hin vor mir,
Erstandener, ich folge dir.

Allelujah!«


»Allelujah!« schrien sie. Sie waren bereit zu folgen, jeden Augenblick. Sie sprangen und rissen sich im Kreise, als wollten sie im wilden Reigen dem Erlöser folgen, einziehen in sein Reich, ihren Lobgesang vereinen mit dem der Heerscharen.


»Dann werd ich im Gerichte,
Vor deinem Angesichte
Von deinem Blute glänzend stehn
Und zu des Lammes Hochzeit gehn.

Allelujah!«


Ihre Begeisterung stieg, immer wieder sangen sie diese letzte Strophe. Hatten sie nicht alle des Lammes Blut getrunken? Und war ihr Leib nicht voll des Blutes, das sie selbst vergossen hatten für den Gekreuzigten? Wie musste der Herrgott sich freuen, wenn sie kamen, wie musste der Gerichtstag zum grossen Festtag werden für alle Himmel!

Und sie jauchzten und sprangen, glänzendweisse Scharen in der glühenden Sonne. —

Allelujah! Allelujah!

Manche fielen, man öffnete die Hände und liess sie hinaus, dann schlossen sich wieder die Kreise. Sie wurden kleiner und enger, aber ihr Gesang liess nicht nach in seiner wilden Raserei. Immer von neuem winkte Ronchi den Musikanten, mit neuer Kraft fielen sie ein, sowie nur um ein Geringes der Sang der Tanzenden nachliess. Einer nach dem andern brach erschöpft zusammen, kroch mühsam auf die Kirchentreppe, ächzte in heisser Beklemmung.

Aber der Prophet mischte sich in den Tanz und sein Eintritt gab dem letzten Kreise, der noch herumraste, neue Kräfte. Er fasste die Hände der Venier und der Cornaro und riss sie mit sich in schwindelndem Reigen. Dann liess er sie und drehte sich um sich selbst, wie ein blutroter, wahnsinniger Kreisel. Alle folgten ihm; Allelujah schrien sie, Allelujah!!

Sie tanzten und sangen und brachen nieder. Sprangen wieder auf und tanzten von neuem weiter.

Der Prophet blieb stehn, plötzlich, unvermittelt, mitten in rasendem Wirbel. Er streckte die Arme aufwärts, hob den Kopf und reckte sein Zepter zur Sonne. »Der Himmel steht offen!« schrie er. »Der Himmel hat seine Tore weit geöffnet. Ich sehe Christum sitzen auf dem Throne zur Rechten des Vaters!«

Alle blickten hinauf in die weissglühende Sonne. »Auch ich sehe ihn!« rief die Venier. »Der Erlöser breitet seine Arme aus Und segnet uns.« Die Gemeinde kniete und es war, als ob ein Schauer durch die Luft führe und sich niedersenkte auf sie.

»Ich fühle die Hand Gottes!« schrie Maria Grazia. Der junge Ulpo aber sprang auf vom Boden, blutiger Schaum trat ihm aus den Lippen. Er lief mit raschen Schritten hin zur Heiligen, kniete nieder, warf den Kopf zurück und schlug mit den Armen durch die Luft. Worte bildeten sich auf seinen Lippen, leise und heiser, wurden lauter dann und brachen stöhnend und krächzend heraus.

Alle sammelten sich um ihn, auch Frank Braun kam die Stufen herab und näherte sich dem Burschen.

Dort oben hatte er gestanden und dem Tanze zugesehen. Seine Flucht bekümmerte ihn nicht mehr, seit er mitten unter den Leuten war. Schon auf dem Friedhofe hatte er gesehn, dass es ihm leicht sein würde, zu entkommen; er brauchte nur umzudrehen und ruhig seiner Wege zu gehn. Niemand bekümmerte sich um ihn, sah ihn auch nur an. Und hier auf dem Kirchplatz vollends, als sie ihren wilden Tanz begannen, schien kein Auge auch nur einen Moment auf ihm zu ruhen. So blieb er — in der festen Gewissheit, immer gehen zu können, wann er nur wollte.

Neugierig blickte er auf Giovanni Ulpo; es war gewiss, dass seine Besessenheit nichts Visionäres hatte. Aber auch epileptisch war dieser Anfall gewiss nicht.

Der junge Bursche sprach nicht — er erbrach seine wirren Worte. Sie kamen einzeln, tief aus der Kehle, begleitet von Geifer und Blut. Und sie waren in irgendeiner fremden Sprache.

Frank Braun glaubte ein griechisches Wort zu hören, dann ein spanisches. Aber er konnte sich nicht Rechenschaft darüber geben, so schnell, so abgehackt stürzten die Laute aus dem verzerrten Munde.

Und dann, plötzlich, fiel des Burschen Blick auf den Deutschen. Ein jähes Entsetzen warf ihn zurück, vor seinen Augen schien sich ein grässlicher Abgrund zu öffnen. Und langsam, hell und klar, mit einer Stimme, die nichts gemein hatte mit der, die er sonst führte, sprach Giovanni Ulpo und zeigte auf ihn mit hoch erhobenem Finger:

»Et vidi bestiam — — Et apprehensa est bestia et cum ea pseudopropheta qui fecit signa coram ipsa; quibus reduxit eos qui acceperunt characterem bestiae et qui adoraverunt imaginem ejus. Vivi missi sunt hi due in stagnum ignis ardentis sulphure. Et ceteri occisi sunt in gladio sedentis super equum, qui procedit de ore ipsius: et omnes aves saturatae sunt carnibus eorum.«

Frank Braun suchte in seinem Gedächtnis. Alle Fächer riss er auf in fieberhafter Hast — — wo, wo lagen diese Worte? Und endlich fand er sie und zog sie hervor —

Er sah wohl: niemand verstand das Zungenreden des Burschen — das war ein Glückt Ah, sie möchten ihn sonst zu Stücken reissen! Und auch Ulpo verstand seine Worte nicht, mochte er ihren Sinn auch fühlen in seiner Besessenheit. — Nein, noch konnte er sicher sein!

Leise wiederholte er die Verse der Offenbarung:

»Und ich sah das Tier — — Und das Tier ward gegriffen und mit ihm der falsche Prophet, der die Zeichen tat vor ihm, durch welche er verführte, die das Malzeichen des Tieres nahmen und die das Bild des Tieres anbeteten; lebendig wurden diese beiden in den feurigen Pfuhl geworfen, der mit Schwefel brannte.

Und die andern wurden erwürget mit dem Schwert des, der auf dem Pferde sass, das aus seinem Munde ging; und alle Vögel wurden satt von ihrem Fleisch.«

Wie kam nur Giovanni Ulpo an die Worte der Vulgata, dieser Bauernbursche, der nie ein anderes Wort gehört hatte als den Dialekt seiner Berge? Es sei denn die rasch gemurmelten lateinischen Brocken des Priesters in der Messe! — Wie kam er nur dazu?

War es nicht wieder ein Rückfall in die Gefilde der Ahnen — — wie alles, was vorging in diesem Tale? War er vielleicht ein Urenkelkind irgendeines Pfaffen, wie Fiametta Venier des Gendarmen Tochter? Und sprach dieses Ahnen Rede aus Ihm?

Was war es nur, dieses: ? ??ssa?? ?a?e?? Paulus, den Apostel, ärgerte es grimmig, denn die Zungenredner priesen nicht nur den Herrn, sie fluchten ihm noch mehr. Aber ob er dagegen eiferte, es blühte fort und lebte weiter in den Jahrtausenden. Die Camisarden in den Sevennen pflegten es weidlich und die Mormonen machten ein heiliges Studium daraus. In allen Methodistenkirchen konnte man es hören, jahraus, jahrein —

Was war es nur?

— Die Heilige streifte ihn mit ihrem Gewande. Sie schritt an ihm vorüber auf Ulpo zu und hob ihn auf: »Was hast du gesehen, Bruder?« fragte sie.

Er stammelte: »Der Boden ist rot von Blut. Und das Tier lebt und es ist der Hölle Rachen. Der Rachen öffnet sich weit und will uns verschlingen.«

Da schrie die Heilige: »Er hat recht! Giovanni Ulpo hat recht! Die Hölle will uns verschlingen.«

Sie stürzten heran, klammerten sich an sie, als wollten sie Schutz finden bei ihr vor aller Gefahr. »Die Hölle will uns verschlingen!« schrien sie.

Die Heilige reckte den Arm aus. »Der Prophet hat den Himmel offen gesehn und mit ihm die Schwester Matilda Venier. Christus hat uns gesegnet! Des Reiches Tore stehen offen und der Herr-Gott erwartet uns. Bereitet euch alle zum Wege des Herrn!« Sie ging rückwärts, stieg einige Stufen der Treppe hinauf, lehnte beide Arme über die Schultern ihrer Frauen. »Aber Bruder Ulpo, Giovanni Ulpo, des Vittorio Sohn, sah wie die Hölle sich öffnete! Der Satan missgönnt uns unseren Sieg und rüstet alle seine Scharen euch zu verschlingen. Blut bedeckt den Boden und nur durch Blut führt unser Weg! Seid ihr bereit, den Weg zu gehen, anzukämpfen gegen des Satans Macht?«

»Ja,« schrien sie, »ja! Du sollst uns führen!« Sie drängten sich heran auf die Stufen, griffen ihre Waffen auf, jeden Augenblick bereit, sich auf den wilden Feind zu stürzen, der sie angreifen wollte.

Der Heilige rief: »Verzaget nicht, Brüder und Schwestern! Christus ist der Erlöser, unter seinem Banner werdet ihr siegen! Der Teufel speit sein Höllenfeuer auf uns, stösst nach uns mit den Hörnern, greift nach uns mit langen Krallen! Lasst euch nicht fassen, kämpfet gegen seine unsichtbare Macht! Ueberall ist er um uns: schlagt ihn, tretet ihn, stosset ihn! Wehrt euch alle, kämpft gegen den Satan! Schlagt zu, schlagt zu und wehrt euch bis aufs Blut!«

Und die Venier schrie: »Ich sehe den Satan, den Schelm, den Seelenmörder! Da ist er, da steht er und streckt seine Arme nach mir aus!« Sie hob die Peitsche und schlug wie rasend in die Luft.

Alle stürzten heran. Sie schlugen mit den Spitzhacken gegen die Kirchenmauer, peitschten den Boden mit Geisseln, Stöcken und Ruten. Sie hoben Hämmer und Beile, stiessen mit den Spaten und den langen Heugabeln. Ratti bearbeitete mit seinem Säbel die Holztüre der Kirche, Alvassi warf seine Sichel hoch durch die Luft. Die langen Sensen leuchteten in der Sonne, die Harken und Spaten wirbelten über den Köpfen.

»Haut zu!« schrien sie. »Lasst euer Leben für Christo! — Seht ihr ihn dort, den Beelzebub, den Mörder!? — Auf ihn! Auf ihn! — Das ist der Zorn Gottes! — Herr, erbarme dich unser! — Die Hölle bricht los! — Haut zu!«

Der Prophet rief: »Wer sein Leben in Christo verliert, der wird es gewinnen, wer es behalten will, wird es verlieren! — Haut zu! So werden die Seelen erlöst und der Satan überwunden!«

Sie kämpften in der heissen Sonne. Schmutziger Schweiss brach aus ihren Poren, mischte sich mit dem Blut, das aus den aufgescheuerten Wunden brach. Aber sie wichen nicht und wankten nicht, unermüdlich tobten ihre Waffen.

Die Heilige rief ihre Frauen: »Ihr seid die barmherzigen Schwestern! Gehet hin und stärket die Streiter des Herrn!« Sie liess die Kessel füllen, segnete sie und liess sie von dem Propheten segnen. Und Linda und Carmelina nahmen sie auf, Maria Grazia und die kleine Silvia, Ronchis Tochter. Sie liefen zwischen den Kämpfern, stärkten ihre verschmachtenden Lippen mit des Heilandes Blut.

So tobte der rasende Kampf. Sie zerschlugen die starke Wand der Kirche, krachend fiel die Holztüre zusammen. »Er ist in der Kirche!« heulte der Schmied. »Der Satan verbirgt sich im Hause Gottes!«

Sie rasten hinein, zogen die Decken von dem Altare, zerfetzten die Bilder, rissen sie herab und zertrampelten sie mit den Füssen. Sie zerschlugen, was sie nur greifen konnten, legten die starken Aexte an die Tragbalken. Krachend stürzten sie zusammen, prasselnd fiel das alte Dach hinab und begrub fünf, sechs der Streiter Gottes. Da lag Pasquale mit zerbrochenen Beinen, aber mit ungeschwächter Kraft schwang sein Arm das Beil und hieb um sich.

»Haut zu! — Schlagt den Seelenmörder! — Lasst euer Leben für Christo!«

Scuro lief heran. Er kam von der Halle, vier brennende Pechfackeln trug er in den Händen. Und er warf sie in hohem Bogen in die zertrümmerte Kirche.

»Wir wollen ihn ausräuchern, den Hund, den Satan!«

Im Augenblicke fing das trockene, morsche Holzwerk Feuer, flammte auf wie Zunder und füllte die Kirche mit einem Meer von Rauch und Flammen. Sie stürzten heraus, retteten sich, so gut sie konnten, tobten draussen von neuem gegen die Wände.

Die Heilige trat mitten auf den Platz, auf ihren Wink sammelte Ratti die Musik. ›Herrgott, dich loben wir!‹ spielten sie. Triangel, Tamburin und Harmonika —

Sie liess alle heranrufen: »Ihr habt überwunden!« rief sie. »Brüder, Schwestern, ihr habt überwunden!« Sie lauschte auf, dann fuhr sie fort und hob ihre Stimme: »Hört ihr? Hört ihr? Droben spielen die himmlischen Chöre!« Wieder hielt sie inne, wieder lauschte sie. Und fanatisch jauchzend gellte sie: »Und dort, dort! In der Kirche! Der Satan stirbt — hört ihr ihn stöhnen und ächzen?«

Alle lauschten gespannt — wirklich, es drang ein jämmerliches Stöhnen aus der brennenden Kirche.

»Gelobt sei Jesus Christus!« brüllten sie. »Gelobt sei der Herr! Allelujah! Allelujah!«

Und sie sangen:


»Heilig, Herr Gott Zebaoth!
Heilig, Herr der Kriegesheere,
Starker Helfer in der Not!
Himmel, Erde, Luft und Meere
Sind erfüllt mit deinem Ruhm,
Alles ist dein Eigentum!«


Frank Braun stand immer noch nahe der Kirchentreppe, er lauschte atemlos auf die quälenden Töne, die von drinnen kamen. Von vier, fünf Stellen schienen sie zu kommen — ein Stöhnen hier, da ein verzweifeltes Aechzen. Dann, von links her, drangen ein paar Worte zu ihm. »Barmherziger Gott —« verstand er und wieder: »Christus, Christus, verlass mich nicht!«

»Himmel!« murmelte er. »Es ist des jungen Ulpo Stimme!— Sie haben ihn vergessen, er verbrennt lebendig!«

Ohne Ueberlegung sprang er die Stufen hinauf, bahnte seinen Weg durch die Türe über die flammenden Balken. Aber er kam nicht durch, sah nichts in dem dicken, beissenden Rauch, der ihm in die Augen schlug. Von allen Seiten versuchte er vorzudringen — und musste wieder zurück. Dann brach ein langes Brett aus dem Dach, schlug herunter und fiel ihm auf die Schulter, dass er in die Knie sank. Die Wände brannten hell und ihr Einsturz drohte in jedem Augenblick — Er musste zurück.

Schwächer wurde das Stöhnen und schwächer. Schrie noch einmal auf. Dann verstummte es. »Nun ist er erstickt!« flüsterte der Deutsche.

Und draussen sangen die Wilden den letzten Vers — Te deum laudamus.

Der Prophet sprach ein Dankgebet, knieend pries er den Herrn mit seiner Gemeinde. Die Heilige sagte: »Danket dem Herrn! Preiset und lobsinget ihm! Ihr werdet eingehen in das Himmelreich, wenn die Zeit erfüllet ist. Der Heiland selbst hat mir offenbart, was geschehen soll.«

Sie lauschten gespannt. Der Prophet fragte: »Was ist es, heilige Schwester?«

Sie aber sagte: »Küsset euch alle, Brüder, und Schwestern, der Augenblick ist da, wo das grosse Opfer gebracht wird!« Und sie trat hin zu dem Propheten, legte ihre Arme auf seine Schultern und küsste ihn auf beide Wangen. Dann küsste sie Ronchi, Ratti und alle ihre Frauen. Auch Scuro trat heran, da zögerte sie einen kleinen Augenblick. Dann aber hob sie beide Arme: »Küsse mich, Bruder.«

Alle küssten einander, alle traten zu der Heiligen und zu dem Propheten. Und sie grüssten: »Küsse mich, Schwester!« und: »Sei willkommen, Bruder, im Namen des Herrn.«

Jeder küsste die Heilige und jedem reichte sie Stirne und Wangen. Dann plötzlich riss sie sich los aus den frommen Umarmungen. »Eilet, eilet,« rief sie, »dass das Zeichen erfüllet werde!« Aber wieder umschlang sie ihre Frauen, küsste sie und benetzte mit warmen Tränen ihre Wangen. »Nehmet Abschied von mir! Nehmt Abschied.«

Es schien, als ob sie sich kaum trennen könnte von Carmelina und Linda Vuoto. Gestern noch hatte ihre grausame Geissel die Leiber der Mädchen zerfleischt und zerschlagen, nun aber lag sie in ihren Armen, zärtlich, weich, lächelnd unter heissen Tränen. »Nehmt Abschied.« sagte sie. »Es muss sein; Christus befiehlt es.« Sie liess ihnen beide Hände, die die Frauen mit Küssen bedeckten. Sie reckte sich, hob den Kopf und warf das Haar zurück.

»Wo ist das Kreuz?« fragte sie. »Bringt das Kreuz heran.«

Scuro schleppte es her. »Hier, heilige Schwester.« Die Heilige trat heran, legte die Hand auf den Querbalken und streichelte es leicht.

»Hört an, Schwestern und Brüder, was Christus mir offenbart hat: Er will, dass ich sterben soll für euch. Das ist das Pfand, das der Herr-Gott verlangt zur Erlösung eurer Seelen: mein Opfer!« Und leiser, fast zärtlich, fuhr sie fort: »Ihr müsst mich kreuzigen!«

Sie standen um sie, stumm und starr, mit weit offen hängenden Mäulern. Niemand sprach, selbst der Prophet bewegte die Lippen nicht. Aber die Heilige schwankte nicht.

»Hebt die Blicke!« rief sie. »Schaut dorthin!« Sie reckte den Arm, aller Augen folgten ihrer Bewegung und schauten nach der Kreuzesplatte. »Brüder! Schwestern! Seht ihr die drei Kreuze? Jesus Christus dort zwischen den Schächern? — Da sollt ihr nun ein viertes errichten — — dieses Kreuz. Und ich werde hängen und meinen Leib lassen zur Vergebung eurer Sünden und meiner! — So hat es der Herr-Gott bestimmt!«

Immer noch schwiegen sie, niemand wagte ein Wort. Und es schien, als ob in diesen Köpfen, die gewohnt waren, alles zu greifen ohne Frage, ohne Widerstand, etwas sich sträubte gegen dieses Letzte, Ungeheuerliche.

»Wollt ihr es tun?«

Und sie antworteten nicht.

»Seid ihr zagmütig? Wollt ihr euch stemmen wider des Herrn Wille und locken gegen den Stachel? — Wollt ihr, dass ich mit eigener Hand den Hammer führe, mich ans Holz zu heften?« — Sie griff fest die Hand des Knechtes, »Girolamo Scuro — du wirst es tun!«

»Heilige Schwester —« lallte der Riese, »heilige Schwester —«

Sie schrie: »Du wirst es tun, du wirst es tun! Die Hölle wird dich verschlingen, wenn du dich weigerst — du musst es tun, Girolamo!«

Und der rotkröpfige Knecht sagte — und seine Stimme klang dünn und hell wie die eines Knaben — »Ja, heilige Herrin!«

»Ich wusste es wohl,« sprach sie leise, »ich wusste es wohl. Deine Hand wird mich ans Kreuz heften — deine Hand!« Sie griff diese grosse furchtbare Hand, beugte sich und küsste sie demütig. Und langsam, sinnend und zweifelnd, fuhr sie fort: »Und doch — soll ich nicht sterben — durch diese Hand —«

Es war, als ob sie nach innen spräche, als ob sie frage und wieder antworte einem, das tief in ihr war.

Aber sie entriss sich ihren Gedanken. »Wie der Herr Jesus Christus es will — in seine Hände befehle ich meinen Leib — es wird geschehen nach seinem Willen!«

Sie wandte sich zu dem Propheten: »Bruder, führe uns hinauf! Auf dass erfüllet werde der Wille des Herrn!« Dann trat sie zurück zu ihren Frauen, schaute ruhig zu, wie der Prophet mit Ronchi und Ratti die Prozession ordnete.

Frank Braun hatte jedes Wort gehört, das sie sprach. Er stand still auf der Treppe, fast unfähig, ein Glied zu rühren. »Sie wird sich opfern,« flüsterte er, »sie wird hängen am Kreuze, um die Seelen der Brüder zu erlösen.« Sie — Teresa Raimondi — seine Geliebte — Die er geküsst hatte mit heissen, durstigen Lippen, die in seinen Armen gelegen, durch manche Stunde der Nacht —

Sie wird — hängen — dort oben — am Kreuze —

Er begriff es nicht, er fuhr sich mit den Händen über die Augen. Aber er träumte nicht — schon ordneten sie sich zum Zuge: Scuro und Venier hoben das gewaltige Kreuz.

Er erschrak, irgend etwas legte sich eng Um seine Kehle. Er schluckte nach Atem, krampfte die Fäuste zusammen —

Das also war das Ende seines Spieles?!

Und er war hilflos, machtlos, ein erbärmlicher, armseliger Wurm! Seine Geschöpfe aber, seine Puppen lebten und wuchsen riesengross, schritten weit über ihn hinweg und stiessen alle Himmel ein —

»Fort,« murmelte er, »fort — —«

Es war nicht mehr zu ertragen — er musste weg, ehe der Vorhang sich hob über dieser letzten entsetzlichen Szene.

Er riss sich zusammen. Er ging geradeaus, taumelnd, den Häusern zu. Er blickte rings um sich — dort die Gasse hinauf — die Gärten entlang, nach dem Friedhofe zu, das war das beste. Hinter den Büschen war er sicher — — Er ging die Strasse hinauf, hielt sich dicht an den Häusern. Noch hätte man ihn sehen können, so schritt er langsam, um nicht aufzufallen. Aber unwillkürlich wurde sein Gang hastiger, schneller und schneller. Dann lief er. Nun war er bei den grünen Weidenbüschen.

Da hörte er laut schreien.

»Haltet ihn! Greift den Fremden!«

Es war Teresas Stimme — und die Stimme — ihre Stimme, — hielt ihn fest auf dem Flecke, mitten im Lauf. Er stand gebannt, wie festgewurzelt in dem Boden, keinen Fuss konnte er mehr vor den andern setzen.

›Greift den Fremden!‹ hatte sie gesagt. — Den Fremden! — Das war er — der Fremde! — Sie, Teresa, hatte ihn so genannt.

Sechs Burschen liefen auf ihn zu, er rührte sich nicht. Girolamo Scuro schlug ihn auf die Schulter, griff fest seinen Rock und warf ihn herum. Er schnaufte und der rote Kropf blähte sich wie ein widriger, armloser Polyp.

Aber Frank Braun wehrte sich nicht, willenlos liess er sich zu der Heiligen führen. Sie sah ihn an und sein Auge las in ihrem Blick. Aber es lag nichts darin, was eine kleine Gemeinschaft mit irgend einem hatte, das vergangen war.

»Gebt acht auf ihn.« sagte sie still. »Es ist Gottes Wille, dass er zugegen ist, wenn ich sterbe.«

Da mischte eine heisse Wut sich in seine klägliche Angst. Ein Fluch und eine wilde Gotteslästerung jagten sein Blut. »Es ist Gottes Wille,« wiederholte er, »und — —«

Aber er sprach nicht weiter, seine Zähne zerbissen den Satz in ohnmächtiger Wut.

Dann plötzlich, in einem Augenblick, gebar sein heisses Hirn einen neuen Gedanken. Er stand still, rührte sich nicht, schloss die Augen, als möchten so auch die Nerven Ruhe halten. Und es gelang ihm wohl, er atmete leichter, seine Züge erhellten sich, um seine Lippen spielte ein freies Lächeln —

O, das war ja die leichte, die grosse Rettung! Warum nur hatte er nicht einmal daran gedacht? — Ach, alles hätte er wohl verhüten können! Ginos schmählichen Tod und den Giovanni Ulpos und der andern, die verbrannt waren in den Trümmern der Kirche!

Zu spät für sie, zu spät! — Aber doch früh genug für Teresa!

Rasch trat er auf sie zu. Er griff ihre linke Hand, suchte mit dem Finger nach der Maus des Daumens. Da war die Stelle! Diese kleine hypnogene Stelle, die sie Untertan machte seinem Willen.

Kräftig drückte er sie —

Sie zog ihre Hand nicht weg. Ruhig sah sie ihn an, und erstaunt. »Was willst du?« fragte sie.

Ein Fieber fasste ihn. »Ich — ich —« stammelte er.

Vielleicht hatte er sich geirrt? War es die andere Hand? Er griff ihre Rechte, drückte dieselbe Stelle.

Aber sie senkte die Augen nicht. »Was willst du?« wiederholte sie leise.

Seine Augen umschleierten sich, rings sah er rot. Seine Macht war verschwunden, weggewischt und zerbrochen! Armselig, jämmerlich stand er vor ihr — sie war frei, und alle kleinste Gemeinschaft war zerrissen. Wie einen schreienden letzten Verrat empfand er es.

»Fahr zur Hölle!« flüsterte er heiser.

— Schwer fasste ihn Alvassi am rechten Arme, Cornaro griff ihn am linken. Die starke Geissel schwang der eine und der andere, schleppte eine mächtige Heugabel mit langen eisernen Zinken. Rund herum stellten sich die jungen Burschen auf, jeder trug seine Waffe in der einen, die brennende Kerze in der andern.


KAPITEL XIV.

Amor mea crucxaifi.

St. Ignatius.


Ronchi ordnete die neue Prozession; derweil liess der Prophet Wein in die Kupferkessel füllen und wandelte ihn. Ratti trat mit der Musik an die Spitze des Zuges, hinter sie stellte er den alten Ulpo und alle Greise und alten Weiber. Der Prophet folgte mit vier Männern, die Geisseln trugen, dann Girolamo Scuro und Venier, das schwere Kreuz auf den Schultern.

Und die Heilige schritt hinter dem Kreuze, umgeben von ihren Frauen.

Dann kam Ronchi selbst, er schwang seine Peitsche hoch durch die Luft. Der Schmied Alvassi und Cornaro führten den Fremden Und hinter ihnen schritten die Burschen mit ihren Kerzen. Und das Volk drängte nach in dichten Haufen. Rechts und links aber, zu beiden Seiten des Zuges liefen zehn Knaben und zehn Mädchen auf und nieder; sie trugen die Kessel und reichten dem, der sich erquicken wollte am Blute des Herrn und an Mariae Milch. So zogen sie die breite Strasse hin, die erst hinabführte zum See und dann langsam aufstieg zur Kreuzesplatte. Ronchi liess keinen Blick von der Heiligen, seine schwarzen Augen glühten in frommer Liebe und heisser Verzückung. Und plötzlich, als die Musik schwieg, begann er mit überlauter Stimme die grosse Litanei, die man die Lauretanische nennt. Er rief den Herrgott an, den Vater im Himmel, seinen Sohn, den Erlöser der Welt, den heiligen Geist und die Dreifaltigkeit. Aber seine Stimme hob sich zu fanatischer, inbrünstiger Liebe, als er dann zu den Anrufungen der Madonna gelangte.

»Heilige Maria — — bitt für uns!
Heilige Gottesgebärerin —
Heilige Jungfrau aller Jungfrauen —
Mutter Christi —
Mutter der göttlichen Gnade —
Du allerreinste Mutter —
Du allerkeuscheste Mutter —
Du ungeschwächte Mutter —
Du unbefleckte Mutter —
Du liebliche Mutter —
Du Mutter des Schöpfers —
Du Mutter des Erlösers —
Du allerweiseste Jungfrau —
Du ehrwürdige Jungfrau —
Du lobwürdige Jungfrau —
Du gütige Jungfrau —
Du getreue Jungfrau —
Du Spiegel der Gerechtigkeit —
Du Sitz der Weisheit, bitt für uns.«


Die Gemeinde fiel ein, aus allen Kehlen klang das: ›Bitt für uns!‹ nach jeder Anrufung. Leise erst, fast flüsternd, schwoll dann an und wurde immer lauter und begehrlicher, wie eine gerechte Forderung, die sicherer Erfüllung sich bewusst war.


»Du Ursache unseres Heils —
Bitt für uns!
Du ehrwürdiges Gefäss —
Bitt für uns!
Du vortreffliches Gefäss der Andacht —
Bitt für uns!
Du geistige Rose —
Bitt für uns!
Du Turm Davids —
Bitt für uns!


Aber Ronchis Blicke hoben sich nicht nach oben, wo in blauen Himmeln die Madonna thronte. Sie ruhten nur auf der Heiligen und es war, als ob ihr und ihr nur allein alle die Anrufungen gelten sollten. Sie war es, sie allein, die er pries.


Du elfenbeinerner Turm —
Du goldenes Haus —
Du Arche des Bundes —
Du Pforte des Himmels —
Du Morgenstern —«


»Du Morgenstern!« jauchzte er ihr zu. »Du Morgenstern!« Und die Gemeinde fiel ein: »Bitt für uns! — Bitt für uns!«


»Du Heil der Kranken —
Du Zuflucht der Sünder —
Du Trösterin der Betrübten —
Du Helferin der Christen —
Du Königin der Engel —«


Er lief zu ihr, warf sich zur Erde und küsste den Saum ihres Gewandes. »Du Königin der Engel!« lallte er.

»Du Königin der Patriarchen —
Du Königin der Propheten —
Du Königin der Apostel —
Du Königin der Märtyrer —
Du Königin der Beichtiger —
Du Königin der Jungfrauen —


»Bitt für uns!« schrien die Leute. Und es war, als ob die heilige Verehrung, die Ronchi beseelte, übergriff und Besitz nahm von allen. Die hinter ihr schritten, drängten sich näher heran, die vor ihr gingen, drehten sich um, sie zu sehn. Ihre Frauen aber scharten sich um sie, glückselig ein Stück ihres Gewandes berühren zu dürfen. Sie riefen laut zu ihr hin — Und alle fielen ein:

»Du Königin des heiligen Rosenkranzes, bitt für uns! — O du Lamm Gottes, welches du hinweg nimmst die Sünden der Welt, erbarme dich unser!«

Sie sprachen das Vaterunser und das Ave Maria und es war die Heilige, zu der sie beteten. Sie, die nun einging zum Vater, sollte der Bote sein ihrer frommen Wünsche. Sie war ihre Fürbitterin am Throne Gottes. Sie war die Braut des Erlösers.

Sie blieben stehen. Der Prophet wandte sich zu der Heiligen und sprach das Salve Regina.

»Gegrüsst seist du, o Königin, Mutter der Barmherzigkeit, des Lebens Süssigkeit und Unsere Hoffnung, sei gegrüsst! Zu dir schreien wir elenden Kinder Evas, zu dir seufzen wir Trauernden und Weinenden in diesem Tale der Zähren. Eja, unsere Fürsprecherin, wende deine barmherzigen Augen zu uns in diesem Elende, zeige uns Jesum, die gebenedeite Frucht deines Leibes, o gütige, o milde, o süsse Jungfrau Maria!«

Sie sprachen fünf Vaterunser und fünf Ave Maria; dann segnete sie der Prophet. Sie zogen weiter, hinauf zum Kalvarienberg. Rechts, in der Felswand war das Bild der ersten Station; Ronchi hob den Arm und sie machten Halt.

Der Prophet sagte: »Wir beten dich an, Herr Jesu Christe und preisen dich!« Und sie antworteten: »Denn durch dein heiliges Kreuz hast du die Welt erlöst.«

Frank Braun blickte auf das Bild; es zeigte Christus vor Pilatus. Der Landpfleger sass auf seinem Stuhle, soeben hatte er das Urteil verkündet. Nun griffen die Knechte den Nazarener, setzten ihm die Dornenkrone aufs Haupt und geisselten ihn.

Die Heilige kniete und betete. Dann erhob sie sich, still und ergeben lächelnd. »Löset mein Gewand.« befahl sie ihren Frauen. »Und du, Bruder Ronchi, schaff eine Dornenkrone.« Der Schneider sann einen Augenblick, dann entfernte er sich mit raschen Schritten. Die Frauen aber gingen zaudernd ans Werk, lösten ihr langsam das Gewand von den Schultern, so dass der Nacken frei war.

Ronchi kam zurück, er brachte ein Stück Stacheldraht. Er zerschnitt eine Dornenrute und flocht ihre Stücke um den gewundenen Draht. Er stach sich und seine Finger bluteten.

»Gib her, Bruder!« sagte die Heilige. Sie nahm die goldene Krone ab; die blutigen Stigmata glänzten auf ihrer Stirne. Sie küsste die Dornenkrone und setzte sie fest aufs Haupt.

»Es ist die Krone des Herrn!« sagte sie. »Sie schmerzt, aber es sind die süssen Schmerzen des Erlösers.« Dann zeigte sie auf das Bild. »Seht ihr, Brüder, wie Christus litt unter den Händen der Juden? So muss ich nun leiden — nehmet eure Geisseln und schlaget mich!«

Sie zögerten wieder und sie musste ihren Befehl wiederholen. Aber die Schläge waren schwach und zaghaft.

»Ihr müsst mich schlagen wie man Christus schlug.« sagte sie. »Gott stärke euren Arm!«

Und sie gehorchten und schlugen zu —

Aber sie klagte nicht. Sie lächelte still und sagte: »Es sind die Schmerzen des Erlösers.« Dann wandte sie sich zu dem Propheten. »Spei mich an,« bat sie, »wie die Juden auf den Heiland spieen.«

Der Prophet antwortete: »Verlange das nicht, Schwester! — Wie darf ich dein heiliges Antlitz bespeien?«

Sie gab nicht nach. »Du musst es tun.« sprach sie. »Ihr müsst es alle tun, auf dass erfüllet werde der Wille des Herrn. — Girolamo Scuro — spei mich an.«

Der Knecht spie und sein schwarzer, entsetzlicher Speichel klebte auf ihrer süssen Wange.

Demütig dankte sie ihm — dann wandte sie sich zu Carmelina: »Spei mich an.« Aber das Mädchen schrie auf, sank schluchzend nieder und küsste ihre nackten blutigen Füsse. Die Heilige streichelte das Mädchen und hob es auf. »Liebe Schwester, du musst es tun; der Herr verlangt es.«

Das arme Mädchen warf sich in ihre Arme und gehorchte. Aber sie küsste sie mehr, als sie spie.

Alle traten heran und alle spieen ihr ins Antlitz. Und die Heilige dankte demütig für jede Beleidigung.

»Lasst uns weiter ziehen.« sagte sie.

Sie kamen zur zweiten Station, deren Bild zeigte, wie Christus das Kreuz nimmt.

»Wir beten dich an, Herr Jesu Christe und preisen dich!« sprach der Prophet. Und die Gemeinde antwortete: »Denn durch dein heiliges Kreuz hast du die Welt erlöst.«

Die Heilige wandte sich zu Scuso und Venier. »Legt das Kreuz nieder.« befahl sie. Sie streckte beide Arme darnach aus und hob es.

»Du wirst es nicht tragen können, heilige Schwester.« sagte Ronchi. Sie antwortete: »Ich muss es tragen. — Hat nicht auch der Herr sein Kreuz getragen?«

Sie wies die zurück, die ihr helfen wollten. Sie nahm das schwere Holz und legte es auf die blutende Schulter. Ihr Rücken bog sich, die scharfe Kante presste sich tief in das Fleisch. »Schlagt mich,« verlangte sie, »treibt mich an, wie die Knechte den Herrn hinauf trieben nach Golgatha.« Sie gehorchten und peitschten sie; Schritt um Schritt stolperte sie weiter mit der furchtbaren Last.

Dann, bei der dritten Station, brach sie zusammen — wie Christus auf dem Bilde. Ohnmächtig blieb sie liegen, während die Gemeinde die Gebete sprach. Sie erhob sich mit ihrer Frauen Hilfe, nahm von neuem das Kreuz und schleppte es weiter, ächzend, stöhnend unter den Schlägen der Geisseln.

Bei der vierten Station hielt sie wieder an, legte das Kreuz zur Erde und kniete nieder. Sie blickte tränenden Auges auf das Bild, sah, wie der Erlöser, unter der Kreuzeslast gebückt, seiner betrübten Mutter begegnet.

»Herr Gott, Vater im Himmel, stärke meine Kraft!« betete sie.

Und weiter zogen sie zum fünften Bilde. Ihre Schulter schien zu klaffen, so tief hatte das scharfe Holz sich eingesenkt in das Fleisch. Und es waren nur die Geisselhiebe, die sie vorwärts trieben; sie schleppte sich mühsam, jeden Augenblick stehen bleibend, wie ein Rind, das man zur Schlachtbank führt. — Das Bild zeigte, wie die Knechte den Simon von Kyrene griffen, ihn zwangen, dem erschöpften Heiland zu helfen, mit ihm das Kreuz zu schleppen.

Scuro sprang rasch heran, griff das Holz und lud den hinteren Teil auf seine breite Schulter. So schritt er hinter der Heiligen und half ihr gut, das Kreuz tragen, das immer noch schwer genug auf der Heiligen lastete. Sie kamen zur sechsten Station, die darstellte, wie Veronika vor dem Herrn kniet und ihm ihr Tuch darreicht, sich Blut und Schweiss wegzuwischen. Der Prophet sprach das Gebet und die Gemeinde antwortete, wie bei jedem Bilde.

»Reicht mir ein Tuch.« sagte die Heilige zu ihren Frauen. Da riss Linda Vuoto ein Stück von dem Linnen, das sie umhüllte und gab es ihr. Sie drückte ihr Gesicht hinein, so wie es Jesus tat auf dem Bilde, dann reichte sie es dem Mädchen zurück.

»Nimm es, herzliebe Schwester,« sprach sie, »hebe es gut auf zu meinem Gedenken.«

Sie schritten weiter und die Leute stiessen und zerrten sie vorwärts, so wie sie befohlen hatte. Das mächtige Kreuz drückte sie schwer, trotz Scuros Hilfe; sie strauchelte und fiel nieder zum andern Male, wie der Heiland auf dem Bilde der siebenten Station.

Aber sie erhob sich rasch und schritt weiter den bittern Kreuzweg. Beim achten Bilde zeigte sie den Leuten, wie Jesus die weinenden Töchter Jerusalems tröstete. Und sie winkte ihren Frauen und küsste ihnen die tränenden Augen und sprach: »Weinet nicht um mich! Ich gehe euch einen Ort zu bereiten bei dem Bräutigam. Und in kurzem werdet ihr bei mir sein im Schosse des Herrn.«

Immer schwächer wurden die Schritte der Heiligen, immer tiefer bog sich ihr armer Leib unter des Kreuzes Last. Und wie Jesus von Nazareth zum dritten Male fiel auf dem Leidenswege, so fiel auch sie wieder — unter dem Bilde der neunten Station. Sie stand auf und schleppte sich mühsam, keuchend zum zehnten Bilde, welches zeigte, wie Jesus seiner Kleider beraubt wird und wie er den Gallenwein zurückweist, den die Schergen ihm reichen.

Die Heilige betrachtete das Bild mit leisem Stöhnen; aber um die Leiden des Heilandes flossen ihre Tränen und nicht um die eigenen. Dann wandte sie sich zu der Gemeinde. »Tut eure Pflicht.« sagte sie ergeben. »Tut, wie die Knechte taten.« Die Frauen lösten den Strick von ihren Lenden und zogen das Gewand von den Schultern, das das Blut fest an die Haut geklebt hatte. Sie stellten sich um sie und zogen sie aus, nur um die Hüften und den Leib wanden sie ein leinenes Tuch, schürzten es hoch und gürteten es mit dem Strick. So stand sie da, nackt von Knien zu Füssen und vom Leibe zum Kopf. Ihr weiches Fleisch leuchtete in der Sonne.

»Zerschneidet das Gewand,« sagte sie, »und loset darum!«

Ronchi zerschnitt es mit einem scharfen Messer. Er warf die Fetzen in einen der Kupferkessel und liess alle herantreten. Jeder zog mit geschlossenen Augen. Sie pressten ihre Stücke an die Lippen — die aber jauchzten laut, auf deren Fetzen ein Blutstropfen war.

Sie schritten weiter hinauf den Kalvarienberg. Scuro trug nun das Kreuz zusammen mit Venier und die Heilige ging an ihrer Seite. Sie kamen zum elften Bilde. »Schaut hin,« sprach sie, »wie sie Jesus ans Kreuz nageln. Und merkt es euch wohl.« Sie knieten, beteten und zogen weiter zur zwölften Station, dem Bilde des Kreuzestodes. Die Heilige betrachtete es lange, als wollte sie tief sich einprägen, was sie tun müsste in der schweren Stunde.

Der Prophet sprach wieder: »Wir beten dich an, Herr Jesu Christe und preisen dich!«

Und die Gemeinde antwortete: »Denn durch dein heiliges Kreuz hast du die Welt erlöset.« Die Heilige sagte: »Er ist gehorsam geworden bis zum Tode.«

Und sie sprachen: »Ja, bis zum Tode am Kreuze.«

Beim dreizehnten Bilde, das die Kreuzabnahme darstellte, sagte der Prophet: »Heilige Schwester, wir geloben zu tun, wie Christi Freunde taten, wie Johannes Nikodemus, wie Josef von Arimathia und die heilige Magdalena.«

Carmelina drängte sich dicht an sie: »Und in meinem Schosse soll dein Haupt ruhen.«

Die Heilige sagte: »Ich danke euch, liebe Schwestern und Brüder. Tut alles, wie es der Herr befiehlt.«

Sie kamen zur letzten Station, deren Bild die Grablegung anzeigte. Und sie sagte: »So wird es geschehn!«

Der Prophet sprach das Gebet zu den heiligen fünf Wunden Jesu, und sie gingen weiter, das letzte kleine Stück des Weges — hinauf nach Golgatha.

Vor dem Bilde des Menschensohnes kniete die Heilige. Dann stand sie auf und bezeichnete eine Stelle vor dem Kreuze des Heilandes. »Hier stellt es auf!« befahl sie.

Ratti und fünf Burschen griffen zu den Schaufeln und Hacken. Sie arbeiteten rasch und das Loch wurde tiefer und tiefer. Sie warfen die Erde zur Seite und hoben mit den Händen die schweren Steine heraus.

»Legt das Kreuz hin!« sagte die Heilige. Scuro und Venier gehorchten.

Dann küsste sie ihre Frauen. Sie legte sich bin auf das Kreuz, schob die Füsse aufeinander und streckte beide Arme weit aus auf den Querbalken.

Der Knecht blickte sie an, dann hob er die Augen prüfend zum Christusbilde. »Man kann die Füsse nicht annageln.« sagte er.

Cornaro sagte: »Man soll sie binden. Das ist besser.«

Aber die Heilige sah ihn an: »Wollt ihr mich richten wie die Schächer? Macht ein Stützholz für die Füsse!«

Scuro schlug mit dem Beile ein Stück des Querbrettes ab, das an beiden Seiten überragte. Er schnitt es zurecht, sah immer hinauf zu dem Christusbilde, wie um dort Mass zu nehmen. Dann nagelte er die Knagge fest auf dem Stamm des Kreuzes zu ihren Füssen.

»Ist es so recht, heilige Schwester?« fragte er.

Sie stemmte die Füsse leicht auf und nickte. »Ja.« sagte sie. »Ich liege gut in des Bräutigams Armen.« Sie schloss die Augen und faltete die Hände zum Gebet.

Und die Bauern gruben das Loch. Ein Bursche sprang hinein, er schlug mit der Hacke die Steine los und reichte sie hinauf. Als die nötige Tiefe erreicht war, mauerten sie einen engen Schacht, um dem Kreuze Halt geben zu können.

Frank Braun stand dicht bei ihnen; immer noch hielten ihn Cornaro und der hässliche Alvassi. Es war keine Möglichkeit, zu entweichen, dicht gedrängt stand das Volk auf der breiten Platte und weit hinab auf dem Kreuzweg —

Sie sprachen die Litanei vom bitteren Leiden Jesu; der rote Prophet rief den Sohn Gottes an und die Gemeinde fiel ein: »Erbarme dich unser! — Erbarme dich unser!«

Sein Ohr hörte die heiseren Anrufungen, fing sie auf und schrie sie in sein Hirn. — Jesu, mit Blutschweiss überronnen — Jesu, ins Angesicht gespieen — Jesu, mit Geisselstreichen zerschlagen — Jesu, mit einer Dornenkrone gekrönet — Jesu, wie ein Lamm zur Schlachtbank geführt — Jesu, der Kleider grausam beraubt — —

Ah, es war die Heilige, es war Teresa!! Sie war der Sohn, wie sie die Mutter war!

Und seine Lippen formten die Worte, die von aller Mund kamen: »Erbarme dich unser!« Er hatte ein Gefühl, als schrumpfte er zusammen, als würde er immer kleiner und niedriger. Aber die Heilige wuchs ins Unermessliche. Er wandte den Blick ab von diesem stillen Gesicht, das dem Tode entgegenlächelte wie einem schönsten Kusse. Er hätte sich verkriechen mögen in die Grube dort, die die Burschen aufwarfen.

Nicht einmal schreien konnte er. Er hatte ein Gefühl, als müsse ein Schrei ihn befreien — aber seine Lippen klebten fest aufeinander. Er schloss die Augen; mit einer wilden, ungeheuren Anstrengung zwang er sich, sich wegzudenken von dieser Kreuzesplatte, diese grässlichen Flammen des Affektes zu löschen in kühlem Abwägen und Ueberlegen. Es war ein verzweifelter Kampf des Herrenbewusstseins, ein furchtbares Ringen um die letzte Möglichkeit sich emporzuheben über alles, was um ihn geschah, hinauszuwachsen zum kühlen Zuschauer über die wilde Tragödie dieser Wahnsinnigen.

Er krampfte die Faust eng zusammen, fasste die Zunge mit den Zähnen. Die Adern an den Schläfen schwollen zum Zerspringen an. So kämpfte er.

Mochte es nicht gelingen?

Was denn? Konnte er nicht mehr zusehen, wie man einen Menschen zum Tode brachte? — War es doch nicht das erstemal! Er erinnerte gut, dass es eine Zeit gab, wo er keine Gelegenheit versäumte zu solchem Schauspiele, wo er zur Hinrichtung hinlief wie zum Stierkampfe.

Und er dachte nach, rief jedes einzelne Mal ins Gedächtnis. Viermal hatte er die Guillotine arbeiten sehen. Und er war dabei gewesen, wie der Henker der Josefa Kreuter den Kopf abtrennte mit dem Beile. Er hatte mehr wie einen am Galgen hängen sehen und wusste wohl, wie die Garotte arbeitete und der grosse Stuhl von Sing-Sing. Bah — er hatte schlechte Witzs dabei gemacht! — Und was war der grosse Eindruck am letzten Ende? Doch nicht viel mehr, als ein bisschen schlechten Geschmacks auf der Zunge — so ein bittersüsser Blutgeschmack.

Er hatte gesehen, wie sie Joe Whiting zum Scheiterhaufen führten, den schwarzen Schuft, der des Aldermans Frau lustmordete. Die Lyncher hatten ihn herausgeholt aus dem Gefängnis und in der fackelhellen Nacht unter die Esche auf das Feld geführt, mit Geschrei und Geheul. O, ein echtes Bild aus Südkarolina — dreitausend schwarzer Lumpen und eine Handvoll Weisser auf ihren Pferden. Sie bauten den Holzhaufen, tränkten ihn mit Petroleum und stellten den Nigger darauf. Sie legten ihm die Schlinge um den Hals und knüpften sie an einen Ast. Der Richter sprach ein paar Worte, der Reverend hielt ihm das Kreuz vor und der Alderman stiess die Fackel in das Holz. Das flammte hoch auf im Augenblick, zugleich aber krachten dreissig Büchsen und dreissig gute Winchesterkugeln trafen den schwarzen Leib. Ach, es war eine Farce, die nur grausam aussah, eine phantastische Komödie, die nur Eindruck machte auf die tierischen Nigger, die laut Beifall brüllten. Nun mochten sie Ruhe halten für ein paar Jahre und die Frauen und Töchter der Weissen durften freier atmen für diese Zeit.

Das alles war nicht so schlimm. Das erstemal — gewiss, das erstemal war es ein wenig aufregend. So wie des Knaben Herz klopft, wenn er zum ersten Male ins Wasser geht, oder das des Studenten, der vor dem Gegner steht, den schweren Säbel in der Hand. Aber dann war das Wesentliche weggewischt und nur die Einzelheiten interessierten: die Technik. Und wie es beim Stierkampfe zur Hauptsache wurde, dass der Espada beim ersten Stich seinen Degen tief senkte in die Schultern des Tieres, so dass er wie ein Kreuz sich erhob zwischen den Hörnern, wie man beim Hahnenkampfe nur mehr darauf achtete, ob das Tier scharf stiess und gut zielte nach des Gegners Augen, so nahm bei der Hinrichtung die Arbeit des Henkers am Ende allein das Interesse. Gut war sie, wenn er schnell war und recht geschickt. Das war ein Positives und die Gefühle versanken.

Hier aber traten sie heiss hervor in schwüler Angst und wehen Beklemmungen, die ihm die Kehle zuschnürten.

Warum denn?

War denn nichts da, das ihn ablenken konnte? Er suchte — —

Giovanni Scuro? — Er schlug das Stützholz auf und nahm Augenmass bei dem Christusbilde, wie ein Tischler in seiner Werkstätte. Oder Ratti und seine Leute, die das Loch gruben?

Nein, sie waren nicht Henker — keiner von ihnen. Keiner hatte seinen eigenen Willen, sie waren Werkzeuge, nichts andres. Beile, Stricke, Guillotinen — aber keine Henker. Sie gehorchten den Befehlen der Heiligen.

Der Henker gehorchte nicht. Er war ein freier Mann, der sein Geschäft versah. Er nahm das Geld und verpflichtete sich dafür den Mörder zu töten. Sein starker Wille war es, ihn zu töten.

Von diesen Leuten aber wollte keiner die Heilige töten. So wenig, dass ein jeder gerne sein Leben gegeben hätte, um das ihre zu retten. Nur ihr Wille verlangte die Hinrichtung: so war sie der Henker, sie allein.

Und ihre Arbeit war ungeschickt und war langsam — sie war ein schlechter Henker.

Aber gut oder schlecht — wie mochte dieser Henker die Blicke wegziehen — zu sich — von seinem Opfer? Dieser Henker — der selbst das Opfer war!

Er griff mit beiden Händen seinen Kopf; sein Hirn schwoll an und drückte nach allen Seiten, als wollte es den Schädel zersprengen. Nein, nein, es war nicht möglich, sich zu befreien — er war ein Teil, irgendein Teil dieser tierischen Menge.

— Die Heilige hob die Augen. »Seid ihr fertig?« fragte sie leise. Ratti nickte: »Ja, heilige Schwester.«

Sie lächelte sanft. »So beginnt.« Sie winkte dem Knechte.

»Womit soll ich anfangen?« fragte Scuro.

Sie sagte: »Hefte die Füsse ans Holz.«

Der Knecht kniete nieder. Er suchte unter den Nägeln, wählte einen sehr langen mit grossem Kopfe und prüfte die Spitze mit den Zähnen. »Soll ich in die Wunden schlagen?« fragte er.

»Ja.« sagte die Heilige, »das ist die Stelle, die der Herr selbst dir zeigt!«

Er setzte den Nagel ein und hob den Hammer. Aber er liess ihn wieder sinken, sein Arm zitterte.

»Worauf wartest du?« fragte die Heilige. Er stammelte: »Heilige Herrin —«

Sie sprach: »Gebt ihm zu trinken vom Blute des Herrn!« — Man reichte ihm einen Kessel und er leerte ihn in gierigem Zuge.

»Fühlst du dich nun stark genug, Bruder Girolamo?«

Er rutschte auf den Knien zu ihrem Haupte. »Herrin, heilige Herrin, wollt Ihr mir vergeben?«

Sie nickte: »Bruder, was du tun sollst, ist Gottes Wille. Es ist das Opfer, das er von dir verlangt — so erlangst du deiner Sünden Vergebung!«

Noch einmal trank er, dann küsste er die heiligen Wunden ihrer Füsse. Er seufzte schwer und setzte den Nagel auf. Er hob den Hammer und schlug —

Frank Braun hörte den Hammer fallen. Des Knechtes Rücken verbarg ihm die Füsse der Heiligen, aber er sah ihr Gesicht. Sie lächelte demütig, ihre Lippen bewegten sich leise. Aber sie fühlte den Schmerz wohl: ihre Hände umkrampften das Holz und die Nägel ihrer Finger gruben sich hinein —

Alle knieten, alle beteten still, wagten nicht, aufzusehen. Und nur die hellen Schläge des Hammers schrien durch die Luft.

Girolamo Scuro erhob sich, wischte mit dem weissen Tuche den schmutzigen Schweiss von der Stirne. »Es ist geschehen.« krächzte er.

Sie dankte ihm. »Jetzt die linke Hand.« befahl sie.

Er gehorchte. Frank Braun sah, wie er den Nagel in das Stigma drückte, ihn durchtrieb mit einem starken Schlag und anheftete ans Holz.

»Die rechte Hand.« sagte sie.

Der Knecht zögerte. »Heilige Schwester — — es ist nicht fest genug — es möchte abreissen —«

Frank Braun wandte sich, ein dickes Knäuel schob sich ihm hoch im Halse, O, dieser Gedanke war scheusslicher als alles andere: sie riss ab mit den Händen, fiel vorne über, hing an den blutigen Füssen —

Aber die Heilige lächelte: »Sorge dich nicht, Bruder, tu, wie ich dir geheissen!«

Er schritt zu der andern Seite, kniete, fasste ihre Hand. Setzte den Nagel in die Wunde und schwang den Hammer.

Sie sagte: »Bruder, ich danke dir. — Nun gib den Hammer dem Propheten.«

Der Knecht gehorchte. Der Prophet nahm den Hammer. »Was soll ich tun?« fragte er.

»Gib einen guten Schlag auf den Nagel der linken Hand!« Er kniete nieder und tat, was sie verlangte.

»Nun du, Bruder Ronchi.« Auch Ronchi schlug, und sie rief den alten Ulpo.

Frank Braun dachte: »Es ist gut so. Nun kann sie nicht mehr abreissen.«

Sie rief ihre Frauen. »Linda Vuoto, nimm den Hammer.«

Das Mädchen hob ihn, aber er entfiel ihrer Hand: »Heilige Schwester, ich kann es nicht tun!«

»Du musst es tun, alle müsst ihr es tun. Gott will es. — Schlage und gib den Hammer an Carmelina.«

Alle nahmen den Hammer. Carmelina schlug leise zu, kaum berührte der Hammer des Nagels Kopf. Aber Matilda Venier fühlte wohl, dass es ein gutes Werk sei, das ihr des Himmels Pforte öffne. Und sie schrie: »Erlöse uns, o Lamm Gottes, das du der Welt Sünde trägst!« Und hob den Arm hoch und schlug kräftig zu, dass sich der Nagel bog.

Die Heilige fragte: »Haben alle ihren Schlag getan?« Und Ronchi sagte: »Ja, heilige Schwester.«

»So richtet das Kreuz auf!«

Scuro und Cornaro hoben es hinten, fünf andere griffen mit an. Sie trugen es vorsichtig zu dem Schacht, drehten um, so dass das untere Ende die Oeffnung berührte. Dann zauderten sie, als erwarteten sie einen neuen Befehl der Heiligen.

»Richtet es auf!« wiederholte sie.

Ratti und Alvassi drückten das Ende in die Grube, die andern hoben das Kreuz. Da fiel ihr die Dornenkrone vom Haupte.

»Haltet ein!« rief der Prophet. Er hob sie auf und setzte sie ihr wieder auf die Stirne.

»Drücke sie fester — fester!« sagte die Heilige. »Ich darf des Erlösers Krone nicht verlieren, mit ihr soll ich auferstehen in dreien Tagen und einziehen in das Reich des Herrn.«

Der Prophet tat, was sie befahl, drückte die Dornen fest ein, hob ihr Haupt ein wenig und schob die Krone darunter, dass sie sich festklemmte zwischen dem Kopfe und dem Holz.

Von neuem hoben sie das Kreuz, bis es lotrecht dastand. Sie hielten es über der Grube und senkten den Stamm hinab, langsam, Zoll um Zoll, dass er nicht fallen möchte. Sie trieben Holzkeile zwischen Stamm und Schacht, ihn zu stützen, rollten schwere Steine heran und füllten die Lücken mit Erde aus.

Und das Kreuz stand fest und überragte hoch das des Menschensohnes und die beiden andern der Schächer.

Sie blickten hinauf, sie schoben sich, drängten sich, und eine tiefe Unruhe trieb sie. Der Prophet trat an das Kreuz: »Heilige Schwester, was sollen wir tun?«

Ihre Lippen flüsterten: »Betet!«

Sie knieten alle; der Prophet sprach das Karfreitagsgebet.

— Frank Braun hob den Blick. Sie war schön — o nie war sie so schön gewesen. Ihr Kopf neigte sich auf die linke Schulter, die langen, schwarzen Locken flossen herab zu beiden Seiten. Der Dornenreif krönte die Stirne und warf korallene Tropfen auf den Grund. Die weissen Brüste, hochgereckt durch die aufgezogenen Arme, lachten in die Sonne, boten sich dar wie reife Früchte auf goldener Schüssel. Das Tuch um ihren Leib bauschte sich hoch, wie bei einem Frauenbildnis von Cranachs Hand, liess die Schenkel frei und zeigte die herrlichen Beine.

Die Wunden an Händen und Füssen waren eingerissen und ergossen dünne Streifen ihres roten Blutes. Er dachte: »Wie lange wird sie so hängen müssen, bis der Tod sie erlöst?

Jesus von Nazareth hing sechs Stunden. Aber die Schächer zu seinen Seiten lebten noch und man musste ihnen die Beine zerbrechen, als die Sonne sich senkte und der Sabbath nahte.

Werden Sie auch Teresa die Beine brechen müssen?«

— Aber das stille Lächeln erstarb auf ihren Lippen; starr und hart wurden ihre Züge. Ein kleiner Blutstropfen drang aus ihrem Munde und fiel hinab. »Wenn sie tot wäre.« flüsterte er.

Sie regte sich nicht, lautlos, unbeweglich hing sie am Kreuze. Dann drang ein Zittern durch die Muskeln ihrer Arme und jagte im Krampf durch den Körper, ihr Leib hob sich hoch und fiel wieder gegen das Holz. Ihr Mund öffnete sich; das Kinn hing tief auf die Brust.

Die Minuten vergingen — oder mochten es Stunden sein? Ah — für ihn waren es Ewigkeiten. Sein Auge hing an ihrem Gesicht, atemlos spähte er nach jeder kleinsten Regung.

»Sie spricht!« flüsterte er.

Der Prophet richtete sich auf. »Heilige Schwester, was sagst du uns?«

Leise, unhörbar fast, kamen von ihren Lippen des Heilandes Worte:

»Mich dürstet.«

»Gebt ihr zu trinken!« rief er. »Schnell, schnell!«

Tullio Tramonte ergriff einen Kessel; Scuro trat dicht an das Kreuz und umschlang es mit beiden Armen. »Steig auf meinen Rücken!«

Tullio kletterte hinauf, stellte sich auf die Schultern des Riesen. Sie gaben ihm den Kessel und er reckte ihn hoch. Aber sein Arm war nicht lang genug, kaum zur Hälfte reichte er hinauf.

Ronchi riss ein Stück von seinem Leintuche, wand es zusammen und tauchte es in den Wein. Dann steckte er es auf Rattis Säbel, langsam und vorsichtig, dass es die Tropfen halten möchte. Er gab den Säbel dem Burschen: »Führ ihr das Tuch zum Munde, Bruder!« Tullio hob den Säbel hoch und drückte das Tuch in ihre offenen Lippen. Sie griff es mit den Zähnen und sog begierig die Tropfen.

»Sie trinkt, die Heilige trinkt.« flüsterte der Prophet.

Alle schauten hinauf. Auch Scuro machte den linken Arm frei vom Kreuze, trat etwas zur Seite, um hinaufsehen zu können; dabei stiess er an einen losen Stein und strauchelte ein wenig. Er fiel nicht, hielt sich gleich wieder fest am Kreuz. Aber Tullio Tramonte, freistehend auf seinen Schultern, verlor das Gleichgewicht und stürzte herab. Unwillkürlich griff er nach einem Halte, fasste das Tuch, das der Heiligen Leib umschlang. Doch der Strick gab nach und löste sich und Tullio fiel. Alvassi fing ihn auf in den Armen.

Frank Braun schrie leicht auf. Einen Augenblick hatte er gefürchtet, der Bursche möchte im Falle die Gekreuzigte selbst herabreissen. Aber er berührte sie kaum — nur das weisse Tuch riss er von ihrem Leibe.

Nur das Tuch —

Noch hing sie oben am Kreuze —

Und er sah, dass ihr Leib hoch sich wölbte. Er starrte sie an—

Sie war schwanger. Sie trug ein Kind Unter ihrem Herzen.

Ein Kind — —

Sein Kind!! Sein Kind!!

Er schrie. Er stiess die zurück, die vor ihm standen, und drang zum Kreuze.

»Teresa!« rief er. »Teresa!«

Aber sie gab keine Antwort. Ihre Augen waren geschlossen, ohnmächtig hing ihr Kopf auf die Brust herab.

Er starrte entsetzt auf den runden Leib. Er sah das heilige Mal ihrer linken Seite; die Wunde stand offen und ergoss einen hellen, dünnen Blutstreifen. »Es ist des Kindes Blut.« dachte er.

Er fasste das Kreuz mit beiden Händen Und rüttelte daran. Sie rissen ihn los, aber er schlug um sich nach allen Seiten, blindwütend, mit unbändiger Kraft. Er schleuderte sie fort Und fasste den Stamm des Kreuzes, als wollte er es hochheben, ausreissen und zu Boden werfen.

»Teresa!« schrie er. »Teresa!«

Er sah, wie ihr Körper zitterte, da liess er los. Sie erwachte aus ihrer Ohnmacht und ihre Augen öffneten sich langsam.

»Wer rief mich?« fragte sie. »Bruder Pietro, wer rief mich zurück zur Erde?«

Der Prophet hob den Arm und zeigte auf Frank Braun. »Er war es, heilige Schwester.«

Sie sah ihn an. Und sie sagte: »Was will der Fremde?«

»Teresa —« flehte er. »Teresa — —«

Aber sie hörte ihn nicht. Ihr Kopf hob sich mit gewaltiger Anstrengung, ihre Augen richteten sich nach oben. Die Lippen bewegten sich stumm. Sie betete und sprach mit ihrem Gott.

Dann senkte sie die Augen, blickte wieder auf ihn. Sie sprach: »Der Herr sandte dich her, auf dass sein Wille erfüllet werde. Nimm die Lanze und tu was er befiehlt.«

Er verstand sie nicht. »Was?« stammelte er. »Was?«

Aber sie rief herunter: »Brüder, hört ihr mich nicht? Der Herr sandte ihn! — Wie der fremde Kriegsknecht tat, der des Erlösers Seite traf mit dem Stich seiner Lanze, so soll er tun. Das ist des Herrn Wille. Eilet, Brüder, eilet.«

Sie griffen ihn. Er schlug, er trat um sich und biss. Aber sie fassten ihn und warfen ihn zu Boden. Sie umschlangen seine Beine und seinen Leib, sie hielten die Hände fest und die Arme; so stellten sie ihn aufrecht hin. Und Girolamo Scuro nahm Alvassis mächtige Heugabel und presste sie ihm in die Hand.

»Tu, was sie befiehlt!« schrie er heiser.

»Nein!« rief er. »Nein!« Er heulte und schrie, aber sie liessen ihn nicht, stiessen ihm einen Tuchfetzen zwischen die Zähne und machten ihn so verstummen. Scuros Hand legte sich schwer um die seine, die den Schaft hielt, presste sie wie ein Schraubstock, dass er nicht loslassen konnte.

Und sie hoben ihn hoch, lehnten die scharfen, krummen Zinken der Heugabel auf der Heiligen Leib.

»Die Heilige will es!« rief der Prophet »Stoss zu!«

Mit allen Kräften suchte er sich zu befreien, die Hand zu lösen, den Schaft nach unten zu reissen. Aber sie hielten ihn, acht starke Männer, mit wilder, fanatischer Kraft. Und der Wille der, die am Kreuze hing, machte ihre Muskeln zu Eisen.

Ihre Puppe war er.

Dann, mit einem gewaltigen Ruck, stiess Girolamo Scuro von unten gegen seinen Ellenbogen, riss ihm den Arm hoch hinauf. Und die Zinke drang in der Heiligen Leib und bohrte sich hinein bis zum Ende —

Tief hinein — durch Mutter und Kind — Dort, wo das Stigma leuchtete — Die Heilige schrie. Einen einzigen, wilden, entsetzlichen Schrei.

* * *

Sie liessen ihn los, dumpf fiel er zu Boden.


KAPITEL XV.

Out — out are the lights — out all!
And over each quivering form
The curtain, a funeral pall,
Comes down with the rush of a storm

E. A. Poe, The Conqueror Worm.


Er schlug mit dem Kopf auf einen harten Stein — nun war auch sein Gesicht vom Blute gefärbt. Bewusstlos lag er da.

Er war ihnen im Wege; sie griffen ihn auf, trugen ihn abseits, warfen ihn in das Gestrüpp des Abhangs. Und sie knieten und beteten.

O Lamm Gottes —

Da lag er und regte sich nicht. Aber in seinen Ohren gellte der Heiligen Schrei.

Ihr Schrei, ihr furchtbarer, grässlicher Todesschrei. Der alle Schleier zerriss und durch alle Nebel sah, der alle Himmel einstürzen machte und sie tief in den Schlund der letzten Hölle warf.

Der riss ihn auf.

Er kroch durch das Buschwerk hinab, vorsichtig, auf allen vieren, wie ein todwundes Tier. Nur fort, fort — — gab es nicht ein Loch, in das er sich eingraben konnte? Er hielt sich an Steinen und Brombeerranken, unter ihm brach das Geröll und stürzte in die Tiefe. Fort — fort — —

Dann stand er auf einem kleinen Vorsprung. Nun ging es nicht weiter; jäh fiel der Fels in den See. Er stand und suchte —

Da klang es oben — — Ah, ihre Stimme, ihre Stimme — noch einmal. Wie Mikrophone saugten seine Ohren und er hörte in der entsetzlichen Stille der Sterbenden leise Worte:

»Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?«

— Fort! Fort!

Alles schwand. Er sah nichts, er hörte nichts. Nur eines jagte durch seine heissen Nerven: fort, fort!

So sprang er hinab.

O, es war gut durch die Luft zu fliegen — Er fiel, fiel; durch viele Stunden fiel er.

Und der See nahm ihn auf. Weich und linde, tat ihm kein Leid. Tief tauchte er hinab, bis zum Grunde fast. Er fühlte: ›Nun bin ich in der Heimat.‹ Und es schien ihm ein süsser Gedanke, auf dem feuchten Grunde zu ruhen.

Aber der See hob ihn hoch, gab ihm kein Asyl. Spie ihn wieder aus, als ob er unrein wäre. Er jappte und schnappte nach Luft; instinktiv schwamm er wie ein Hund und teilte das Wasser.

Quer über den See.

Er stieg ans Land, dicht bei Raimondis Hause; gedankenlos schritt er darauf zu. Dann, vor der Treppe, blieb er stehen — was wollte er nur?

Er blickte aufwärts — ah, die Sonne war weit hinter den Bergen! In tiefem Schatten lag Val di Scodra.

Aber vielleicht war das Fahrzeug noch nicht vorbei, das ihn wegtragen konnte?!

Hinauf, den Berg hinauf zur Landstrasse!

Er wagte nicht, den Kopf zu wenden — rückwärts zur Kreuzesplatte. Er lief, lief. Er sah den Ziegenpfad zur rechten Seite — da floh er hinauf. Sein Atem keuchte, die Kleider trockneten auf dem Leibe. Trockneten und wurden wieder nass von heissem Schweiss.

Wenn sie hinter ihm waren? Wenn sie gesehen hatten, wie er hinabsprang von der Kreuzesplatte und hinüberschwamm über den See? — Wenn sie ihn fingen?

Ihn — der die Heilige am Kreuze erstach?

Schmähliche Angst jagte ihn, Todesfurcht sass ihm im Nacken. Kamen sie nicht hervor aus dem Laube? Hörte er nicht die schweren Schritte und die gurgelnde Kropfstimme des Knechtes? Wenn ihn der Riese griff mit seinen Tatzen, wenn er ihn anspie, wie die süsse Heilige?!

Ah, er würde nicht die Hand heben können, sich zu wehren!

Und es brach in den Büschen! Er hörte es, hörte es genau — Es schob sich und sprang — Er sah die Landstrasse — zehn Schritte nur vor sich —

Und jetzt noch, jetzt!

Er fiel in die Knie vor Angst. Er kroch zur Seite, drückte sich in das Gestrüpp — vielleicht liefen sie vorbei.

Es kam näher heran, näher, den Weg herauf. Er schloss die Augen, drückte den heissen Kopf in das Gras. Aber er wusste wohl, dass es nichts nutzen würde, und das Herz schlug ihm bis hinauf zur Zunge.

Marfa, die Ziege war es. Sie kam heran, leckte ihm rauh und zärtlich über das Gesicht.

»Du bist es, du?« flüsterte er.

Mühsam richtete er sich auf. Er hielt sich an dem Halsgurt des Tieres, liess sich schleppen von ihm. So kam er auf die Landstrasse.

Angelo sass da auf dem Handkoffer.

»Ist das Auto schon vorbei?« fragte er hastig.

Der Knecht antwortete: »Nein, Herr, noch nicht.«

Er seufzte tief auf. — Das war die Rettung.

Er wartete. Er ging die Landstrasse auf und nieder, schaute angestrengt nach dem Monte Almego, dorthin, wo sich fern ein heller Streifen zeigte: das Stück der Strasse. Dort musste es zuerst auftauchen.

Aber es kam nicht, kam noch immer nicht.

Er lauschte — mit hundert Ohren. Die Strasse hinauf, ob er den Lärm des Motors höre. Und hinunter nach Val di Scodra hin, ob nicht ein Geräusch heraufdrang von den Teufelsjägern, die ihn verfolgten.

War es nicht besser die Landstrasse weiterzugehen? So gewann er immerhin einen Vorsprung. — Aber er fühlte wohl: nicht hundert Schritt weit würde er kommen. Er war totmatt, zerschlagen an allen Gliedern.

Er stand am Rand, hielt sich fest an einer Haselstaude und lugte nach Westen. Da kroch etwas zu seinen Füssen, schob sich vorbei an seinen Beinen. Er erschrak heftig; dann besann er sich. »Geh weg, Marfa!«

Aber es war nicht die Ziege. Es war ein Mensch. Sibylla Madruzzo.

Er klammerte sich an den jungen Stamm, Um nicht umzufallen. Da kroch die alte Bettlerin — wie am ersten Tage, als er dies Tal betrat Ihr Rücken war gekrümmt; wie ein Bogen spannte er sich steif nach vorne hin, so dass der Kopf mit den wirren, grauen Haaren kaum sich aus Hüfthöhe hinaushob. Sie drehte das Gesicht zur linken Seite, bewegte die stummen Lippen und schielte seltsam von unten herauf. Sie setzte den kurzen Krückstock auf und streckte ihm die Rechte hin, die um ein Almosen bat.

Er wagte nicht sie zu fragen. Er gab ihr eine Handvoll Silbermünzen und wich scheu zur Seite. »Geh weg!« flüsterte er. »Geh weg!«

— War sie denn nicht geheilt?

War das alles nur ein wilder Traum? Hatte er nie diese Strasse verlassen, um hinabzuziehen in das Zaubertal von Scodra?

Nein, nein! Lebhaft sah er das Bild der ersten Teufelsschlacht — unmittelbar, fast mit den Händen zu greifen. Er stand in des Propheten Halle, hinten am Ende, bei der langen Bank. Und Teresa stand neben ihm und umschlang eng seinen Hals und hielt seine Hände und schmiegte sich an ihn. Teresa — — damals war sie noch Teresa.

Die roten Fackeln schwälten durch den Saal und Pietro stand unter dem Christusbilde und seine ersten Jünger schwangen die Geissel.

Er sah, wie die alte Bettlerin sich abmühte, durch die Menge zu dringen. Wie sie an Jüppen und Jacken riss, wie sie stiess mit ihrem Stocke, um durchzukommen. Wie sie hockte vor dem Propheten, wie sie mühsam ihren Wunsch auf einen Zettel kritzelte. Wie die wilde Frau des Venier ihre Röcke löste, wie die Dornenrute niederfiel auf ihre alte Schulter.

Und wie sie sich aufrichtete —

Erst kniete. Dann sich hob zu voller Höhe. Wie ihr Leib, der gekrümmt war durch dreissig lange Jahre in grässlichem Krämpfe, hoch sich reckte und alle Umstehenden überragte um Haupteslänge —

Sie war geheilt!

Und ein Wunder war es, ein Wunder!

Nun aber kroch sie wieder herum, jammervoll gekrümmt; wand sich am Boden wie ein zertretener Wurm. Und es kam ihm vor, als ob sie noch gebückter ginge, noch steifer Und elender wie zuvor.

Er erinnerte sich, dass er sie nicht mehr gesehn hatte in den Versammlungen der Teufelsjäger, seit er zurück war aus Cimego. Also so kurz, so jammervoll kurz war ihr Glück gewesen?!

Dann dachte er: vielleicht log sie. Vielleicht spielte sie nur die gelähmte Bettlerin und war stark und gesund — gesunder wie er. Vielleicht war sie hierher gestellt von den Bauern, ihm aufzupassen, ihn festzuhalten, ihm an die Kehle zu springen im letzten Augenblicke.

Rief sie nicht? Machte sie nicht Zeichen mit ihrem Stocke den Berg hinunter?

Entsetzt wandte er sich, blickte ihr nach. Aber sie humpelte mühselig, unendlich langsam ihrem Steine zu. Sie setzte sich und er konnte ihr Gesicht sehen. Verwittert, zerstört, wie geschnitten aus braunem wurmstichigem Holze —

Nein, nein, sie log nicht. Sie war gelähmt und verkrümmt — — und nur das Wunder war eine grosse Lüge.

Sie war Sibylla Madruzzo, die alte Bettlerin.

Und er dachte: — Die Heilige — —? O die Heilige —

»Nie!« rief er laut. »Nie, nie! — Sie hängt am Kreuze. — Und ich stach — —« Er hielt beide Hände vor das Gesicht. »Nie. Nie!« schrie er. Und die steilen Wände des Monte Alme griffen den Schall, warfen ihn weit zurück: Nie — nie —

Er biss sich in die Lippen. Warum schrie er nur? Wollte er denn selbst die Verfolger herbeirufen? Atemlos spähte er nach Westen. Kam denn das Auto immer noch nicht? Noch immer nicht?

Er ging zu Angelo. Er wollte ihn bitten, ihm zu helfen, wenn die Feinde kämen. Aber dann schwieg er doch; konnte nicht sprechen.

Er sah den Knecht an, wie er da sass, breit und zufrieden. Den rechten Arm schlang er um seiner Ziege Hals, mit der linken Hand spielte er an ihren Eutern. »Du bist glücklich!« dachte er. »Du allein!«

Er fragte: »Wie lange bist du schon hier?«

»Den ganzen Nachmittag.«

»Weisst du, was unten passiert ist?«

Der Knecht schüttelte den Kopf. »Nein, Herr.«

»Hast du sie nicht lärmen hören?«

Angelo grinste bedächtig. »Doch. Ich hörte so ein Geschrei.— Was gehts mich an, Herr?«

Frank Braun sagte: »Nein, nein, dich gehts nichts an. — Du bist nicht von hier.«

Er liess ihn stehn, lief auf die Mitte der Landstrasse. »Da kommt es!« schrie er. »Da kommt es!«

Oben am Monte Almego tauchte das Auto auf, jagte schnell über das schmale Stück der Strasse, das das Auge fasste, hüllte es in eine dichte Wolke weissen Staubes. Dann hörte er das harte Geräusch des Motors, und nun kam es, pfeilgeschwind, näher und näher.

Der Führer stiess in sein kurzes Horn. Aber Frank Braun blieb stehn, reckte die Arme hoch und zwang ihn zum Bremsen.

»Was wollen Sie?« rief der Führer unwillig.

»Mitfahren!« antwortete Frank Braun. »Mitfahren!«

»Ich kann Sie nicht mitnehmen. Sie sehen ja, dass alle Plätze besetzt sind.«

Frank Braun trat dicht zu ihm hin, fasste ihn am Arm. »Sie müssen mich mitnehmen!« schrie er. »Ich werfe mich unter die Räder, wenn Sie mich nicht mitnehmen.«

Der Führer sah ihn verwundert an, er fühlte wohl, dass es diesem Manne Ernst war. »Herr,« sagt er zu seinem Nachbar, »würden Sie vielleicht ein wenig zur Seite rücken?«

Der Herr tat es, kopfschüttelnd und brummend. Frank Braun stieg auf, klemmte sich neben den Führer. Der Knecht schob seinen Koffer zwischen die Knie der Passagiere, streckte dann die Hand aus.

»Was willst du?« fragte Frank Braun.

Angelo grinste, zog seinen Zehnkronenschein heraus und schwenkte ihn.

Frank Braun warf ihm, ohne hinzusehen, einen andern Schein hinaus. Er flatterte in der Luft und fiel in den Staub. Der Knecht hob ihn auf und warf rasch einen Blick darauf. Dann sprang er mit erschrecktem Gesicht zum Wagen und hielt ihm den Schein wieder hin.

»Herr,« sagte der Chauffeur, »Sie haben dem Burschen hundert Kronen gegeben.«

»Behalts!« rief Frank Braun. »Behalts!« Er presste den Arm des Führers. »Um Gottes willen, fahren Sie zu!«

Achselzuckend sprang der Führer ab und drehte die Kurbel an. Frank Braun wandte unwillkürlich den Kopf, um einen letzten Blick in das Tal zu werfen.

Und — über die Büsche weg — sah er die Platte am See — mit vier grossen, gewaltigen Kreuzen — —

»Fahren Sie zu!« schrie er in wahnsinniger Angst. »Fahren Sie zu!«

Der Führer sprang auf — endlich liefen die Räder. Endlich —

Nun atmete er freier.

Nach einer Weile fragte er: »Werden wir zeitig genug zur Stadt kommen, um den Abenddampfer zu erreichen?«

»Nein.« sagte der Chauffeur. »Ganz gewiss nicht. — Ich hatte hinter dem Monte Almego eine kleine Panne — daher die Verspätung. Uebrigens macht es kaum etwas, alle Mitreisenden sind unsere Hotelgäste, sie bleiben noch und würden doch nicht heute abend abfahren.«

»Aber ich will fahren!« sagte Frank Braun.

Eine neue Angst überfiel ihn. Die Bauern würden ihn vermissen, sie würden ihn suchen.

Sie würden den Knecht fragen und Sibylla Madruzzo. Da würden sie hören, dass er zur Stadt gefahren sei. Dann würden sie sich aufmachen. Marschieren — die ganze Nacht hindurch. Und am andern morgen standen sie wieder unter seinem Fenster —

Oder drangen hinein ins Hotel, in sein Zimmer. Griffen ihn, packten ihn, holten ihn zurück. Zurück nach Val di Scodra. Zur Kreuzesplatte. Zu der Heiligen, die dort oben hing.

O, er war nicht sicher in der Stadt! Er musste auch von dort fort, am Abend noch — verlieren mussten sie jede Spur von ihm.

Er wischte sich den Schweiss von der Stirne; zwang sich ruhig zu sprechen. »Hören Sie,« sagte er dem Führer, »ich muss den Dampfer erreichen, heute abend — um jeden Preis! — Fahren Sie zu, was die Maschine läuft. Sie sehen, dass ich dem Knechte hundert Kronen gab, nicht wahr? — Sie bekommen das dreifache, wenn wir zur Zeit ankommen!«

Der Führer besann sich, seufzte und schüttelte den Kopf. »Es tut mir leid genug, Herr,« antwortete er, »ich möchte, weiss Gott, die Scheine gerne verdienen. — Aber es ist unmöglich. Wenn der Dampfer sich nicht ebenso verspätet, wie ich, so wird es nicht gehen.«

Frank Braun flüsterte: »Fahren Sie, fahren Sie! Vielleicht hat er Verspätung!« Dann kam ihm ein anderer Gedanke. »Wäre es nicht möglich zu einer weiteren Station zu fahren, zu einer, die er später anläuft? Da würde man vielleicht abschneiden und ihn am Ende noch erwischen!«

Der andere schüttelte den Kopf: »Nein Herr. Dahin führt keine Strasse von hier aus.«

Sie schwiegen. Fieberhaft suchte Frank Braun nach einem Ausweg.

Nichts, nichts! O, sie würden ihn fangen! Er fühlte wie des Scuro roter Kropf sich schwer hinschob über sein Gesicht.

Dann hörte man ein Posthorn rufen. Der Führer hielt nach links, sie fuhren vorbei an der Postkutsche, die ihnen entgegenkam. Er blickte hin — da sass der Gastwirt neben einem starken, hässlichen Weibe. Frank Braun duckte sich — hatte ihn Raimondi gesehen?

Ah, nun würden sie ganz gewiss kommen, ihn aufzuheben in der Stadt! Sie würden dem Wirte sagen, dass er es war, der den Stoss führte, er — sie würden mit ihm kommen, alle, alle. Das Weib des Venier würde ihre Krallen in sein Fleisch schlagen und der schmutzige Alvassi seine Hände greifen. Der Prophet würde sie führen, Und Ratti und Ronchi würden vor ihm herschreiten, wenn sie ihn zurückholten im Triumphzuge —

Was würden sie mit ihm tun?

Erst warten drei Tage lang, dass die Heilige auferstehen solle, wie sie verkündet hatte. Und drei Tage lang und drei lange Nächte musste er liegen vor ihrem offenen Grabe. Dann aber? Dann, wenn sie nicht aufstieg aus ihrer Gruft? Wenn die grosse Hoffnung zerriss, wenn der furchtbare Alltag mit entsetzlicher Klarheit allen heiligen Wahnsinn erstickte??

Ah, ihm würde geschehen, so wie es der junge Ulpo sagte: sie würden ihn greifen in rasender Wut und lebendig in den See des Feuers werfen, das mit Schwefel brannte! Sie würden ihn zerreissen mit den Zähnen und die Fetzen verstreuen und die Vögel sättigen mit seinem Fleische!

Er fieberte. Seine Zähne klapperten; in sinnloser Angst barg er den Kopf in den Händen.

— Nach einer Weile sagte der Chauffeur leise: »Vielleicht könnte man nach Tremosine fahren. Das ist nicht weit. Es ist die vorhergehende Station.«

»Fahren Sie hin!« flüsterte der Deutsche.

Der Führer zögerte. »Herr, auch da werden wir den Dampfer nur erreichen, wenn er Verspätung hat. Dazu liegt Tremosine oben auf dem Berge; man kann allerdings mit einer Drahtseilbahn hinunter zum See fahren. Aber es ist nicht ganz ungefährlich — nur die Leute des Ortes benutzen sie und auch die nicht alle. Und dann — — ich kann Sie wohl nach Tremosine bringen, aber ich kann nicht wissen, ob Sie zurecht zum Dampfer kommen würden.«

Frank Braun sagte: »Versuchen wir es. Sie sollen auf jeden Fall Ihr Geld bekommen.«

Der Führer bremste und wandte den Wagen zurück.

»Wohin?« fragte Frank Braun.

»Der Weg nach Tremosine führt rechts ab von der Strasse; wir haben ihn schon passiert. Aber es sind kaum vier Minuten Verlust.«

»Kaum vier Minuten!« rief Frank Braun. »Vier Minuten! Fahren Sie, Mann, fahren Sie, was der Motor hergibt!«

Sie jagten durch die Dämmerung, stiegen hinauf auf einer jammervollen Strasse. Das Fahrzeug sprang wie ein Ball, über Steine und harte Furchen, warf die schimpfenden Reisenden von ihren Sitzen und schüttelte sie durcheinander. Es war völlig finster, als sie den Ort erreichten.

Der Führer sprang ab, schrie laut zu den Bauern; fragte, ob der Dampfer schon vorbei sei. »Eben kommt er.« antwortete man.

Er riss den Handkoffer heraus und warf ihn den Leuten zu. »Fahrt den Herrn hinunter!« rief er.

Frank Braun gab ihm sein Geld, lief mit den Bauern auf die Felsklippe. Die Bahn war alt und erbärmlich schlecht, nur bestimmt, Lebensmittel herauf und hinunter zu befördern; die eisernen Hunde waren kaum grösser, als ein starker Korb. Er sprang hinein in den ersten, ein Bauer mit seinem Koffer in den nächsten. Jemand pfiff und die Hunde setzten sich in Bewegung, unendlich langsam krochen sie senkrecht den Fels hinab. Er sah den Dampfer — er fuhr schnell und tat gar nicht so, als ob er anhalten wollte.

Oben hörte er den Führer schreien und die Bauern. Sie winkten mit Lichtern, heulten in die Nacht hinaus, um den Kapitän zu veranlassen, beizudrehen. Dann schrien sie nach unten, man solle ein Boot zurecht machen.

Nun ging es schneller, es war, als ob der eiserne Hund hinabfiele. Hart schlug er auf den Boden auf, Frank Braun fiel vorne über und schlug mit der Stirne auf den harten Rand. Ein paar kräftige Arme hoben ihn heraus, rissen ihn zum Ufer hin und warfen ihn in den Kahn. Sie griffen zu den Riemen und fuhren hinaus in den See, auf den Dampfer zu, dessen Lichter sich langsam im Dunkel entfernten.

Die Schiffer schrien und lärmten; endlich hielt der Dampfer. Frank Braun kletterte an Bord.

Aber er fand keine Ruhe und keine Sicherheit. Seine Gedanken verwirrten sich. Waren die Leute von Val di Scodra nicht schon in der Stadt? Warteten sie nicht schon — bereit über ihn herzufallen, wenn das Schiff dort anlief? Mit langen Schritten lief er über Deck, hin und zurück, von einer Reeling zur andern.

Dann kam die Stadt und der Dampfer hielt. Die Landungsbrücke war fast leer, auch am Ufer standen nur wenige Menschen. Er spähte vorsichtig herum — — nein, nein, es war niemand da.

Hinten, in dem offenen Schuppen, sah er seine Koffer stehn. Er löste sie aus und liess sie an Bord bringen. Jeden Augenblick spähte er in die dunklen Gassen, ob nicht doch einer da wäre von den Teufelsjägern.

Jemand rannte vom Platze her auf die Brücke zu. Wieder erschrak er. Sah er nicht aus wie Ulpo, wie der junge Giovanni Ulpo? Er besann sich — Giovanni Ulpo war tot. Und nun sah er auch, dass er der Portier irgendeines Hotels war.

Die Dampfpfeife schrie — ein — zwei — dreimal. Man zog den Steg zurück und schloss die Reeling. Die Maschine arbeitete, die Schaufelräder griffen ins Wasser.

Er stand auf Achterbord und blickte zurück, sah wie die Stadt verschwand mit ihren letzten Lichtern. Nun mochten sie kommen, nun war er fortgeflogen! Mochten sie sich doch in den See werfen, ihm nachschwimmen, wie Hunde — bah, nun würden sie ihn nicht mehr erreichen!

Die Angst schwand, aber es blieb eine heisse Unruhe. Er wusste gut, dass er nun gewiss gerettet wäre, wenn anders seine Furcht wirklich mehr Grund hatte, als den barer Einbildung. Aber dennoch spähte er scharf nach dem Ufer, lugte auf die tiefblauen Wasser der Garda, als möchte jeden Augenblick der mächtige Kropf des Girolamo Scuro dort auftauchen.

Der Dampfer kam zur Endstation, er hatte den Zug verspätet, der den Anschluss hielt zu der grossen Strecke nach Norden. Die Reisenden kletterten in die Wagen, feilschten mit den Kutschern und verstreuten sich. Aber er wollte nicht bleiben, auch hier noch nicht. Nur fort, so weit als es möglich war. Ein letzter Zug der Kleinbahn ging noch ab, den bestieg er. Er sass eingekeilt zwischen Weinbauern und Holzwirten, hielt seinen Handkoffer auf den Knien fest. Er starrte vor sich hin und versank in dumpfes apathisches Brüten. Seine Gedanken fassten nichts mehr, seine Lippen bewegten sich leise und formten immer dieselben trostlosen Worte: »O du Lamm Gottes, welches du hinwegnimmst die Sünden der Welt — —«

Ein Schaffner riss ihn auf. »Wollen Sie sitzen bleiben?« fragte er barsch. Er blickte verstört um sich; er war allein. »Nein.« stammelte er.

Er war in Mori. Er ging zum Schalter der Hauptstrecke und verlangte eine Fahrkarte. Er erfuhr, dass der nächste Zug erst am andern Morgen fahre. »Heute nacht kommt kein Zug mehr durch?« fragte er.

»Nein.« sagte der Beamte. »Nur ein Schnellzug, der nach Süden fährt.«

»Bis wohin?«

»Durch nach Venedig.«

»Wann kommt er?«

Der Beamte sah auf die Uhr. »Gleich.« antwortete er. »In fünf Minuten muss er hier sein.«

Frank Braun atmete auf. »Geben Sie mir ein Billett.«

Er stieg in den Zug. Es gelang ihm mit mancher Mühe ein Schlafabteil zu bekommen. Er schloss die Türe. Schwer liess er sich auf das Bett fallen.

Dann kam der Schaffner, kam der Kontrolleur, der Schlafwagenbeamte — jede Minute eine andere Störung. Fast traten ihm die Tränen in die Augen. »Warum quälen sie mich?« flüsterte er.

Ala. — Er musste hinaus, sein Gepäck besichtigen zu lassen. Er schloss auf, stand stumm neben den Zollwächtern, die in seinen Sachen wühlten.

»Zollpflichtiges?«

Er schüttelte den Kopf.

Endlich war er wieder im Zuge. Er entkleidete sich, legte sich nieder.

Schlafen, schlafen!

Aber er schlief nicht. Er zählte die Stösse des Wagens und seines Herzens Schläge. Es klopfte langsam genug, aber schwer und tief, bis in die Kehle hinauf. Er lauschte auf die Stösse des fahrenden Zuges.

»Nun bin ich zurück.« dachte er. »Besiegt, geschlagen, mit Füssen getreten. Wieder einmal.«

Ach — nie würde es anders werden! Und wie gut er auch die Maske nahm und wie stolz er daher schritt, ein Danton, ein Cesare Borgia — einmal fiel doch die Larve.

Dann stand er da, nackt und verzweifelt: Hamlet.

Und das furchtbare Kainszeichen der Erkenntnis leuchtete auf seiner Stirne — da floh der Wille.

Vernunft und Intellekt — o ja, sie erkannten gut, was war und was geschah. Aber zur Ueberwindung hatten sie keine Kraft, sie schleppten am Fusse das schwere Bleigewicht des Gedankens, das sie immer hielt durch das ganze Leben hindurch. So brach die Kraft im Spiel, so zersplitterte sich die Stärke im zwecklosen Scheinkampf. Aber der Wille jagte daher, dumm und froh und zerschlug die Welten und schuf sie von neuem und sprang leicht von Tat zu Tat.

O, diese schöne Larve des Willens! Nun lag sie in heissem Staube des Tales von Scrodra, blutbesudelt, beschmutzt und zerfetzt.

Er schrie nach dem Willen. Und jede Faser seines Leibes dürstete heiss und verging in wilder Sehnsucht nach der Tat. Aber die Gedanken lachten laut und sagten: ›Wer den Willen predigt, der ist ein Schwächling!‹

Nie war Zarathustra so weich und so schwach, als da er rief: ›Werdet hart.‹

Und Nietzsche fühlte wohl, dass es so war, und eben diese Erkenntnis gebar die Tragik, die ihn zum Wahnsinn führte. Ein Lehrling war er, ein Lehrling, und kein Zauberer. Wie er selber.

— Eine Fliege kroch ihm übers Gesicht. Er fasste zu und griff sie zwischen zwei Fingern. ›Werdet hart!‹ lachte er bitter. Und die hundert Gedanken jagten im Augenblick: »Wozu? Lass sie fliegen! Was willst du mit ihrem armseligen bisschen Leben?« Er schob das Fenster hinab und warf das Tier hinaus. ›Werdet hart!‹ schluchzte er.

Der Mensch des Willens hätte es zerquetscht — gedankenlos. Zwischen den Fingern wäre es gestorben und das Ereignis seines Todes wäre kaum hingedrungen zu dieses Menschen Hirn. Er aber musste denken und überlegen —

Unheilbar war er, nie würde sich seine Sehnsucht erfüllen. Seine heisse Sehnsucht nach der Maske, die er so liebte.

Oder doch — vielleicht —? Einmal — am Ende — im Wahnsinn!?

Dann, dann endlich waren die Gedanken frei von der schrecklichen Erkenntnis. Dann war die Kette zerrissen, die ihn schmiedete an die Vernunft. Dann raste der Wille, frei und froh, und zerschlug Welten und schuf sie —

Dann!

War es nicht das beste, wahnsinnig zu sein?

Er lehnte sich ans Fenster, starrte in die Nacht. Er sah die Namen der Stationen, las Buchstaben, Worte — ohne sich Rechenschaft zu geben, was sie bedeuteten. Er warf sich aufs Bett, steckte den Kopf in die Kissen und biss mit den Zähnen hinein.

»O du Lamm Gottes, welches du hinwegnimmst die Sünden der Welt, erbarme dich unser.«

Er stand auf, zog sich wieder an. Lief durch den Zug, von einem Ende zum andern. Kam dann zurück, setzte sich und barg den Kopf in die Hände.

Der Tag kam, und der Zug jagte über die Lagunen. Ueber Venedig lag der erste kalte, giftige Frühschein, den er so hasste. Er stieg in die Gondel; mit geschlossenen Augen fuhr er durch die Kanäle.

Als er die Treppe hinaufstieg zum Hotel, taumelte er und fiel. Der Hausknecht fing ihn in den Armen auf. »Sie sind krank, Herr!« sagte er. Er führte ihn in sein Zimmer, half ihm sich entkleiden. Er lief weg und brachte eine Flasche Wermut. Frank Braun trank gierig drei grosse Gläser.

Dann fiel er auf das Bett —

* * *

Er schlief, schlief fest, stundenlang. Als er erwachte, blieb er einen Augenblick liegen, aber er ermannte sich gleich, sprang schnell auf, klingelte und bestellte ein kaltes Bad. Nicht denken, nicht denken! Nur irgend etwas tun — Er rasierte sich sorgfältig, dann ging er ins Bad. Das kalte Wasser erfrischte ihn, es schien ihm, als ob es einen dicken, fünfmonatigen Staub herunterspülte. Er kleidete sich an, nahm seinen Hut und ging hinaus.

Er schritt über den Markusplatz, setzte sich an einen der kleinen Tische des Café Quadri und frühstückte. Der Kellner brachte ihm eine Zeitung; er las eifrig, interessierte sich für jede dumme Kleinigkeit des Blattes, als ob er es all die Zeit über täglich verfolgt hätte. Als er jede Zeile gelesen, legte er es weg, schaute über den Platz, den die warme Sonne des letzten Septembertages leuchten machte. Er war fast leer, nur hinten bei dem Holzbau des Campanile fütterten frische, englische Kinder die Tauben. Er blickte nach St. Marco und auf die Procuratien —

Seltsam! Wohl hundertmal hatte er hier gesessen und jeden Stein kannte er. Und doch kam ihm heute alles so fremd vor. So traumhaft und unwirklich —

Er liess den Kopf hängen und starrte auf die Steinfliesen. Und irgendwoher trug ihm der Wind diese Worte zu: »Da fliehst du, und der ewige Tod jagt dir im Nacken. Ueber Seen und Berge, durch lange Täler und weite Ebenen. Ich sehe sich sitzen auf einem weiten Platze und die Sonne strahlt auf dem weissen Marmor. Rings erheben sich hohe Paläste, du aber blickst stumm auf den Boden —«

»Der Heiligen Worte.« dachte er. Aber alle Aufregung war gestorben und er wunderte sich fast über diese schwere Ruhe seiner Seele. »Nun wird jemand rufen.« murmelte er.

Und jemand rief seinen Namen. Er sah nicht auf und er staunte nicht. So musste es sein.

»Frank Braun!« rief die Stimme. »Frank Braun!«

Er kannte die Stimme wohl — wer war es doch? Es war nicht die Stimme der Heiligen — aber aus dieser fremden Stimme klang dennoch die ihre. Und er flüsterte ihre Worte: »Jemand ruft deinen Namen — du aber hörst meine Stimme.« Er stand auf und sagte laut: »Und die Wolken decken die Sonne — —«

Die Frau lachte: »Da haben Sie eine tiefe Weisheit gesprochen, Frank Braun, ein Astrolog wird Sie beneiden! Ein Schatten zieht über den Markusplatz und ohne nur aufzusehen, zieht der Herr Philosoph den grossen Schluss, dass wohl eine Wolke die Sonne verdecke! Es ist erstaunlich!«

Er wandte sich der schönen Frau zu, die ihm die Hand hinstreckte.

»Lotte Lewi?« sagte er. »Lotte Lewi, die Phönizierin.«

»Immer noch die Phönizierin?« lachte sie.

»Immer noch.« wiederholte er. »Rote Haare, grüne Augen und dünne schwarze Striche darüber. Schlank wie Baaltis und die Nägel mit Henna gefärbt. Jungfräuliche Brüste, die alle Laster kennen und sich sehnen, neue zu erfinden.« Er wandte den Kopf und suchte herum, »Sind da nicht Ihre Eltern?«

Sie nickte. »Ja, da stehen sie bei dem Juwelier. Ich hoffe, sie werden mir die Perlenschnur kaufen, die mir gefällt.« Sie lachte wieder. »Schweigen Sie nur,« fuhr sie fort, »ich weiss gut, was Sie denken! — Tate Lewi: etwas krummbeinig, klein, schwülstige Lippen, dicke Nase und kluge Augen. Mama Lewi — oder nein, sie würde entsetzt sein! — also Frau Geheime Kommerzienrätin Lewi — leider! — geborene Ludmilla Freiin von Kühlbeck — unterstrichen! — Gross, starkknochig, immer noch schön und ein bisschen dumm. Und dann: Lotte. Schlagwort: Tiergarten. — Richtig?«

»Ja.« sagte er. »Richtig. Bestes Halbblut. Soll Tollkirschen ins Haar stecken.«

Sie lachte leicht: »Oder Myrthen und Orangenblüten. — Ich bin seit drei Wochen mit einem Grafen verlobt. Mama ist entzückt.«

Er sagte: »Schade! Es wird den Schlag verderben.«

Sie trat dicht zu ihm, sah ihn scharf an: »Ich bin fünfundzwanzig Jahre alt. Fünfundzwanzig! Auf wen soll ich warten? — Soll ich Sie vielleicht heiraten?«

»Behüte!« lachte er. »Heiraten Sie nur den Grafen. — Aber kriegen Sie keine Kinder. — Wenigstens nicht von ihm.«

Sie war ärgerlich. »Sie sind unausstehlich!« rief sie.

Er setzte sich und gab auch ihr einen Stuhl. »Ach, Lotte, das glauben Sie ja selber nicht.«

Sie stützte beide Ellenbogen auf den Tisch und sah ihn voll an. »Nun gut, ich glaube es nicht. Sie sollen recht haben, meinetwegen! — Aber Sie müssen mir versprechen, heute abend mit mir auszugehen.«

»Wohin?«

Ihr Auge lauerte, lag auf dem Sprung wie ein Raubzeug. »Einerlei.« sagte sie. »Ich weiss noch nicht. Ich werde Sie schon führen.«

»Gut.« sagte er. »Uebrigens — wenn Sie's hören wollen — gerne. Ich bin froh, dass ich Sie traf.«

»Sie?« Sie sprach leicht und fast gleichgiltig. »Nun, — ich auch! Ich langweile mich.«

Er nahm ihre Hand und küsste sie. »Das ist Ihre Hand, Lotte, nur Ihre. Klug und grausam.«

Sie lachte laut auf. »O, Sie haben es nötig, so zu sprechen. — Gibt es denn grausamere und brutalere Klauen als Ihre eigenen?«

Er schwieg, seine Lippen verzogen sich bitter. »Maske!« dachte er. »Elende Maske.«

Sie blickte ihn lange an. Nach einer Weile fragte sie: »Wie kommen Sie hierher — um diese Zeit? Die Saison beginnt in Berlin — man wartet auf Sie.«

Er nickte müde. »Ja,« sagte er tonlos, »ich werde hingehen.«

Wieder schwieg sie eine Weile. Dann sagte sie: »Seit einem halben Jahre sind Sie verschwunden vom Erdball. — In welchem Erdteile haben Sie gesteckt? Was haben Sie gemacht? Und wo kommen Sie her?«

Er stand schnell auf. Aber er taumelte, hielt sich mühsam an der Tischkante. Sein Gesicht war bleich, seine Blicke starrten ins Leere. »Wo ich herkomme? Aus den Bergen. Aus einem Loch in den Bergen. Was ich gemacht habe? — O — ich habe in den Bauch der Erde gesehn.«

Sie fasste seinen Arm. »Und auf dem Blocksberg getanzt? Und dem Satan Mekatrig einen Sabbat gefeiert?« Sie lachte spöttisch. »Gestehen Sie doch, Frank Braun!«

Er schüttelte müde den Kopf. »Vielleicht habe ich nur einen Roman geschrieben.«

Sie gab ihm rasch die Hand. »Da sind meine Eltern! — Kommen Sie ins Hotel, wenn Sie wollen. Danieli. Und heute abend neun Uhr hier — und lassen Sie mich nicht warten!«

»All right!« nickte er.


KAPITEL XVI.

Souvent femme varie,
Bien fol, qui s'y fie.

Franz I. von Frankreich.


Er fuhr zum Lido hinaus und schwamm im Meer. Er schlenderte am Strande an den Capannen vorbei. Er traf manchen Bekannten, plauderte hier und dort ein paar gleichgiltige Worte —

Am späten Nachmittag fuhr er zur Stadt zurück. Er ging zu Danieli und gab seine Karte ab; die Damen waren aus, aber den Kommerzienrat traf er an. Sie sassen im Rauchzimmer und redeten; der Kommerzienrat erzählte ihm, dass er eine neue Gesellschaft gegründet habe zur Herstellung von Monoplanen.

»Ich denke, Sie arbeiten mit der Motorluftschiffgesellschaft?« fragte Frank Braun.

Der alte Lewi lachte: »War einmal! Alles abgestossen — vorteilhaft! Heute bin ich überzeugter Aviatiker.«

»Ist schon alles in Reih und Glied?« fragte Frank Braun. »Wenn Sie noch eine kleine Aufsichtsratsstelle frei haben, so bitte, denken Sie an mich. Ich sammele solche Posten. Dabei bin ich der geborene Aufsichtsrat, bin ebenso diskret, wie repräsentativ, mische mich in gar nichts und gebe unbesehen jede Unterschrift.«

»Man kann es überlegen.« sagte der Kommerzienrat. »Vielleicht ist noch etwas frei. Uebrigens ist da auch die Karamingesellschaft, die ich gerade gründe; dafür brauche ich noch ein paar gute Namen. Oder versteifen Sie sich auf die Aviatik, Doktor?«

»Durchaus nicht — ich nehme eines wie das andere. — Karamin? — Was ist denn das?«

Herr Siegfried Lewi blies laut den Atem durch die Nase und klatschte auf die Schenkel mit den etwas zu feisten Fingern. »Keine Ahnung, lieber Doktor, keine Ahnung! Es muss so etwas Aehnliches sein wie Mondamin oder Palmin. Aber äusserst reell, eine sehr gute Sache; wir haben fabelhafte Gutachten!«

»Bah, ich zweifle nicht daran. Aber trotzdem — für Karamin bin ich teurer, mit Ihrer Erlaubnis.«

Er verabschiedete sich; fuhr dann ins Hotel, traf wieder Bekannte und speiste mit ihnen zu Abend.

Es war ein Viertel nach neun Uhr, als er zum Markusplatze ging.

»Ich kann heute nicht warten,« dachte er, »so mag sie es tun.«

Lotte Lewi kam ihm mit langen Schritten entgegen. »Ich weiss!« rief er ihr zu. »Uebrigens war es Absicht und nicht Nachlässigkeit. Ich war den ganzen Tag unter Menschen. Ich mochte nicht allein sein heute, auch für Minuten nicht. Das war es.«

Sie bot ihm ihren Arm. »Angst?«

Er zuckte die Achseln. »Wie Sie wollen. Vielleicht — Angst. — Gestern freilich war es ein wenig mehr.«

»Und jetzt?« fragte sie.

Er schob seinen Arm in den ihren. »Jetzt? — Jetzt ists gut. Plaudern Sie nur.«

»Danke. Sie kommen um vor Liebenswürdigkeit. — Also dazu bin ich gerade gut, Ihre schlechte Laune fortzutreiben?«

Er drückte leicht ihren Arm. »Ach, Lotte, wir zwei wollen uns doch nichts vormachen. Freilich ists so, wie Sie denken. Aber ist es nicht auch irgendeine Laune, die Sie veranlasst, heute nacht mit mir durch Venedig zu schwimmen? — So ist es, Lotte: ich will an irgend etwas nicht denken. Und dazu schickte mir ein guter Gott Lotte Lewi hierher, die es wohl versteht, wenn sie will, den Menschen festzuhalten, der neben ihr geht — das ist ein Kompliment, mein kluges Fräulein. — Ich möchte ein anderes denken und aus dem gestern die allerfernste Vergangenheit machen: so bin ich gewiss das allerbeste Objekt für alle Ihre Wünsche zu heute. Sie aber haben irgendeine Idee, die Sie lockt. Ich weiss nicht, was es ist, aber ich weiss gut, dass Ihnen niemand dafür mehr geeignet erscheint, als gerade ich. Sie haben hundert Bekannte hier und Sie konnten keinen davon brauchen — — zu dem, was Sie nun einmal wollen. Mich aber können Sie gut dazu gebrauchen — und deshalb waren Sie froh, als Sie mich trafen heute morgen. So bin ich das Kaninchen, an dem die liebe Lotte irgendein Gift probieren will. Und da das Kaninchen krank ist und sich einbildet, dass ihm Lottes Gift vielleicht helfen mag, so ist es zutunlich und frisst aus der Hand. Da haben Sie unsern Pakt, Lotte!«

Sie sah ihn voll an und sagte: »Ich glaube, ja.«

»Und deshalb, Lotte,« fuhr er fort, »muss man das Kaninchen streicheln und recht lieb zu ihm sein. — Versparen Sie also alle kleine Bosheiten für Ihren gräflichen Bräutigam.«

Sie zog die Lippen. »An den Sie mehr denken als ich, wie es scheint. — Um die Wahrheit zu sagen — nun habe ich fast gar keine Lust mehr dazu.«

»Zum Heiraten?« fragte er.

»Ach was! — Zu dem, was ich heute wollte. — Sie haben mir beinahe meinen Wunsch verleidet, Frank Braun.«

»Verleidet?«

»Ach, Sie sollen nicht jedes Wort wägen. — Also nicht — verleidet. Aber abgeschnitten, glatt an der Wurzel.«

»Warten Sie nur, Lotte, er wird von neuem keimen. — Wo wollen wir hingehen?«

»Es ist mir gleich.« seufzte sie. »Schlagen Sie nur vor.«

Sie schritten unter den Lauben der Procuratien. Er zeigte auf ein Plakat: »Zum Theater Goldoni? — Novelli spielt da.«

Sie nickte: »Wie Sie wollen.«

Er las den Zettel — — Hamlet. »Nein,« sagte er, »nein! Das ist ein furchtbares Stück.«

»Hamlet?« Sie sah ihn erstaunt an.

Er zog sie fort. »Ja,« sagte er — »heute — für mich.«

Sie gingen durch die Merceria. Sie schwiegen, blickten in die Menge, die dicht sich drängte. Oder in die hellen Schaufenster, vollgepfropft mit billigem Fremdentand.

»Plaudern Sie doch, Lotte.« bat er.

Sie blieb stehn, sah unverwandt auf eine grosse bunte Affiche — der Graf von Monte Christo, wie er im Sack ins Meer geworfen wird.

»Ein Kinema!« rief er vergnügt. »Wollen wir hingehen, Lotte? Ach, wie lange habe ich keinen Rollfilm mehr gesehn!«

Sie sagte: »Wie Sie wollen.« Es klang tonlos, unendlich gleichgiltig. Und doch schien ihm, als läge irgendeine Absicht in dieser Gleichgiltigkeit. Er sah sie an, aber sie erwiderte seinen Blick nicht.

Sie traten ein, setzten sich vorne in eine Loge. Sie sahen Blériot, wie er über den Kanal flog mit seinem Vogel. »Ach, prächtig!« flüsterte Frank Braun. »Prächtig! — Uebrigens müssen wir Ihren Vater herführen, er interessiert sich zur Zeit für Aviatik.«

Sie antwortete nicht. — In der Pause bat sie ihn, ein Programm zu besorgen, und las es aufmerksam durch.

Dann kam der Clou des Kinema: die Geschichte des Grafen von Monte Christo. Frei nach Dumas Vater. Ein Riesenfilm von Gaumont, der durch zwanzig Minuten lief. Ein wenig sentimental und bürgerlich romantisch, aber prachtvoll gespielt an Ort und Stelle und mit packenden Einzelheiten, die keine Bühne der Welt entfernt erreichen konnte. Diese Landung auf Château d'If —

Er freute sich, war ausgelassen wie ein Knabe. Er erzählte ihr von seinen Besuchen bei Gaumont und Pathé, sprach entzückt von diesen gewaltigen Etablissements, setzte ihr auseinander, wie man alles mache und erklärte ihr hundert gute Tricks. »Ach, der Kientopp!« rief er begeistert. »Es ist das herrlichste, was unsere Zeit schuf! Ich weiss nicht, wer ihn erfand — sagen wir Thomas Alva Edison in dubio! Aber mir ist der Mann lieber als Marconi und Zeppelin und Röntgen und Koch und Cook und hundert andere!

Der Kinema lässt uns Reisen machen in alle Länder, er ist der beste Historiker, ein Fanatiker der Wahrheit, der keinen Irrtum kennt. Und zugleich ist dieser selbe Kinema der echte Alchemist, er schlägt in Stücke, was die Vernunft predigt und ist der einzige Zauberer der Welt. Er macht Gegenwart zur Vergangenheit und Vergangenheit zur Zukunft, macht die Ursache zur Wirkung und die Wirkung zur Ursache. Ist das nicht herrlich? — Haben Sie schon einmal einen Film rückwärts laufen sehen? Warten Sie, ich will nachher mit dem Besitzer sprechen! Also nehmen Sie ein einfachstes Beispiel! Sie, Lotte, sitzen da und rauchen eine Zigarette: dies kleine Genrebild kinematographiere ich! Sie sehen dann auf dem Film die Lotte, die ein Streichholz nimmt, es anzündet an der Schachtel, die Zigarette in Brand setzt und das Streichholz wegwirft. Dann raucht sie und schlägt die Asche in den Becher; die Zigarette wird kürzer und kürzer. Endlich drückt sie sie aus und zieht die leere Hand fort. — Nun aber, Lotte, lassen wir den Film rückwärts laufen. Was geschieht? Die Lotte streckt die leere Hand zur Aschenschale, drückt die Zigarette — an — nicht aus — und führt sie zum Munde. Sie raucht — das heisst: rings aus der Luft fliegen hübsche runde Kringeln in Lottes runden Mund. Aus dem Aschbecher fliegt die Asche heran, setzt sich vorne ans Feuer, die Zigarette wird länger und länger. Endlich hat sie ihre ursprüngliche Grösse, dann fliegt ein brennendes Streichholz vom Boden auf und löscht sie aus. Das Streichholz aber führt Lotte zur Schachtel, reibt — und die Flamme verschwindet. Dann marschiert die Zigarette in ihr Etui und das Streichholz in seine Schachtel und alles ist aus! — Nun, kluge Lotte, ist das nicht Zauberei?«

Sie sass schweigend, aber er bemerkte es nicht. Lachend plauderte er weiter.

»Oder, Lotte, ich esse Maccaroni. Der ganze Teller ist voll und ich nehme Löffel und Gabel und futtere auf Napolitanerart. Ich greife sie mit der Gabel auf, drehe sie hübsch in den Löffel und lasse sie verschwinden zwischen den Zähnen. Nichts bleibt übrig, glatt leer wird der Teller — ich esse sehr gern Maccaroni, wissen Sie!

So, nun wenden wir den Film. Da steht der leere Teller und ich führe die Gabel zum Mund. Sie kommt zurück, voll von Maccaroni. Die rolle ich im Löffel ab, führe die Gabel zum Teller, dann leer wieder an die Lippen und hole eine neue Portion heraus. — Unästhetisch? — Aber keine Spur! Meine Maccaroni sind so sauber und appetitlich, als wären sie nie zerkaut und verschluckt worden. Und am Ende sitze ich wieder vor meinem hohen Teller mit Maccaroni — die ich doch längst aufgegessen habe.

Aber das sind kleine Spielereien, Lotte, die wir jeden guten Tag machen können! Lassen Sie uns nun ein bisschen unbescheidener werden. Nehmen Sie an, ein Kinematograph begleitet Sie Ihr ganzes Leben hindurch. Er ist fürstlich bezahlt von Ihrem Vater, der will, dass seiner einzigen Tochter Leben allen späteren Geschlechtern im Bilde erhalten bleibt. Der Mann ist also immer um sie; wenn er müde ist, vertritt ihn einer seiner Vizereservekinematographen. Also: die verflossene Baronin Kühbeck, damals aber — entsetzlich — einfache Frau Ludmilla Lewi schenkt ihrem Siegfried das erwartete Kindlein. Zwei Aerzte holen es und eine Wehmutter und der guten Frau Ludmilla ist gar nicht recht wohl dabei, sie schwört leise, dass es ganz gewiss das letztemal sein solle. Aber Lotte wächst, wird ein Mägdlein und ein Backfisch, ein Jungfräulein, ein Fräulein und eine junge Frau. Dann eine ältere Frau und eine noch ältere und eine ganz alte am Ende. Bis sie stirbt und begraben wird — nein, verbrannt wird sie, nicht wahr? Bah, Lotte, es würde ein hübscher, interessanter Film werden, und die liebe Nachwelt möchte allerhand nette Sachen erfahren.

Ich aber, Lotte, der ich noch zwanzig Jahre älter werden will wie Sie, nehme den Film und lasse die Lotte rückwärts leben. Aus der Asche, Zauberlotte, wird im Feuer ein richtiger Leib, ein recht alter, krummer, verhutzelter freilich, aber doch ein Menschenleib. Und die Tote wird zur Lebenden, und die Greisin zur alten Frau. Die alte Frau wird zur jungen und die junge Frau zum Mädchen, zum Kinde und zum Säugling. Und wieder stehen die klugen Leute an Frau Ludmillas Bett, aber sie holen keine Lotte mehr! Der Herr Medizinalrat reicht das frischgewaschene Baby der Wehmutter zurück, die wäscht es: da wird es schmutzig. Und dann nimmt sie es — — und Lotte kriecht wieder in der Mutter Bauch, woher sie einstmals gekommen.

Die Lotte ist weg, weg, als ob sie niemals auf der Welt gewesen sei!

Ach, kann man besser ad oculos demonstrieren, dass alles Leben nur eine grosse Lüge ist?«

Sie sah ihn an, ihre schmalen Lippen zogen sich hinauf. »Sie sind ein lieber Junge.« sagte sie. Dann erhob sie sich schnell, schüttelte den Kopf, als wollte sie irgendeinen Gedanken wegjagen. »Kommen Sie,« fuhr sie fort, »wir wollen gehen.«

Aber er bat sie: »Ach, Lotte, nur eine Nummer noch. Eine, bitte schön! Ja? Nachher tue ich alles, was Sie haben wollen.«

Sie seufzte und setzte sich wieder. Sie nahm ihren Hut ab, strich leicht das rotbraune Haar aus der Stirne. Sie wandte den Kopf, dass er ihr Gesicht nicht sehen konnte, starrte über die Menge.

Dann war die grosse Pause zu Ende. Das Licht erlosch, auf dem weissen Vorhange leuchtete der Name des nächsten Films: Schlangenfang auf Java.

Das Bild zeigte einen Laden in Batavia; ein hübsches Liplapmädchen legte einem weissen Herrn ihre Waren vor — Fabrikate aus Schlangenhaut. Der Herr war sehr kauflustig, er erstand Portemonnaies, Briefmappen, Portefeuilles, Peitschen, Stöcke und entzückende kleine Pantöffelchen. Es war ganz gewiss ein sehr feiner Herr, er fragte gar nicht nach den Einzelpreisen, liess sich nur die Summe nennen, zog ein Scheckbuch und schrieb ihr einen Scheck. Dann gab er ihr die Adresse seines Hotels, zog höflich den Hut und ging.

»Nun werden wir sehen, Lotte, wie alle die hübschen Dinge gemacht werden.« flüsterte Frank Braun.

Einen Moment war es dunkel, dann leuchtete ein ander Bild auf. Malaien strichen durch eine Lichtung des Dschungel, immer zwei und zwei, sie schlugen mit grossen Stöcken in das hohe Gras, um die Schlangen aufzuscheuchen. Dann fanden sie eine und flogen wie Katzen auf sie zu. Der eine betäubte den Python mit einem starken Stockschlag auf den Kopf, der andere warf ihm eine Schlinge um den Hals und zog sie fest zu. Dann hoben sie vorsichtig das gut zwei Meter lange Tier auf und trugen es zu einem grossen Korbe. Bald fingen sie ebenso eine zweite Schlange; andere Burschen brachten noch mehr heran. Sieben bunte, herrliche Pythonschlangen fingen sie. Sie umschnürten den Korb, luden ihn auf einen starken Esel und zogen ab.

Dunkel auf einen Augenblick. Er fühlte Lottes leichten Atem, dicht bei seinem Ohre. Er wollte irgend etwas sagen, aber schon leuchtete ein neues Bild auf.

Ein Hof, rechts eine Bambushütte der Eingeborenen. In der Mitte war ein grosses Reck, daran hingen regungslos, am Halse angebunden, die sieben Schlangen; der Schwanz schleppte ein wenig auf dem Boden. Aber sie lebten wohl, eine — die zweite war es von links aus — hob den Schwanz, kletterte an sich selbst in die Höhe, verschlang sich und wand sich in festem Knoten oben um das Reck. Dann kamen ein paar Burschen heran, es waren dieselben, die vorhin im Walde den ersten Python griffen. Einer trug ein langes Messer in der Hand, er trat an das Reck und näherte sich einer der Schlangen. Er machte einen Kreisschnitt rings um den Hals und einen andern vom Halse bis hinab zur Schwanzspitze. Dann nahm er das Messer in den Mund und setzte alle Finger in die kreisrunde Wunde. Und während zwei andere das Tier am Schwanze griffen, festhielten und streckten, zog er mit aller Kraft der Schlange die starke Haut vom Leibe.

Rasch ging er zur zweiten Schlange und zur dritten, in wenigen Minuten waren die sechs Schlangen geschunden. Nur die letzte, die zum Knoten verschlungen oben am Reck hing, liessen sie dort hängen.

Und ein Leben kam in die sechs Schlangenleiber. Sie sahen schneeweiss aus auf dem Bilde, leuchtend weisser, wie irgend etwas, das es gab. Und im langsamen Todeskampfe arbeiteten die gewaltigen Muskeln der Tiere, sie wanden sich, drehten sich, sahen aus wie die schlanken, gewundenen Marmorsäulen, die man in maurischen Palästen sieht.

Sechs nackte, hautlose, schneeweisse Schlangenleiber —

Die Malaien traten zur Seite, nahmen die Häute und reinigten sie. Aber er sah nicht hin, was sie machten, sah nur auf die sechs lebenden Schlangenleiber, die sich zu Marmorsäulen wanden —

— Einmal — als er ein Sekundaner war, war er ins Affenhaus gekommen im Zoo. Fünf Kinder lachten vor dem Gitter, Buben und Mädchen. Er trat hin und sah, dass sie den Affen kleine Frösche hineinwarfen. Und die Affen griffen die zappelnden Frösche und zogen ihnen lebendig die Haut ab. Das war so possierlich und die Kinder lachten und freuten sich. Er schlug mit seinem Stock nach den Affen, dass sie ihre Beute fallen liessen; er strich mit dem Stock die verstümmelten Frösche heraus aus dem Käfig und zertrat sie in Wut und Angst mit dem harten Absatz. Und dann fiel er über die Kinder her — oh, er erinnerte sich gut, wie jede starke Ohrfeige, die er austeilte, ihm unendlich wohl tat, und wie mit den Schlägen der dumpfe erstickende Druck schwand, der ihm Hals und Kehle zuschnürte.

Er dachte daran —

Hier aber konnte er niemanden schlagen. Es war ja nur ein Bild, das er sah, nur ein Bild. Und nichts gab es, das ihn befreien und ihm Luft schaffen konnte.

Und das Bild, das er anstarrte, war schön, wunderbar schön. Sechs herrliche, weisse, marmorne Säulen.

Und sie lebten —

Es war entsetzlich — es war entsetzlich —

Und so schön war es —

Ihre heisse Hand legte sich auf seine. Er fühlte, dass ihr grüner Blick auf ihm ruhte. Er drang durch das Dunkel und drang durch seine Schädeldecke. Er kroch in sein Hirn und trank sich satt an alle dem, was seine Seele fühlte in diesem Augenblicke —

Ihre kleine Hand streifte über seine Wange. Sie berührte leicht sein Ohr und ihr Finger fuhr unendlich weich rund um seinen Hals. Und es war ihm, als griffe sie in die offene Haut und zöge sie hinab, als hinge er selbst dort, eine nackte, weisse, hautlose Pythonschlange, die sich nun wand zu einer marmornen, lebendigen Säule —

Seine Zähne gruben sich in seine Lippen, er schloss die Augen —

* * *

Es ward hell im Saale; sie standen auf und gingen. Vor der Türe fragte er sie: »Warst du schon einmal hier?«

Sie nickte.

»Das also war es?« fragte er. Und sie nickte wieder.

Sie schritten durch die enge Gasse, dem Kanale zu.

»Der Film ist von Pathé.« sagte sie still. »Zur selben Stunde läuft er nun jeden Abend in tausend Städten, Und viele hunderttausend Menschen sehen ihn. Sehen ihn — wie sie jeden andern sehn. Ich aber wusste —«

Sie brach ab. Sie blickte zur Seite, zupfte an dem Seidentuche, das sie in der Hand hielt. »Darum führte ich dich hin.«

Er fragte: »Und —?«

Sie lachte kurz auf. »O, es ist schon gut so. Ich bin zufrieden.«

Er rief durch die Nacht: »Gondola! Gondola!«

Sie stiegen ein, schweigend fuhren sie durch Venedig. Das sommerfaule Wasser der Kanäle stank, dicker Unrat schwamm überall. Mücken und Motten standen darüber in ungeheuren Mengen, deckten fast die Fläche, wie ein feiner Totenschleier. Hoch hoben sich zu beiden Seiten die Paläste, leuchteten wie nackte Totenschädel im trüben Scheine der Laternen. Attrappen, herrliche Fassaden, die tagsüber einen Schein des Lebens logen. Aber nun blickte aus tausend toten Augen ihre schmutzige Leere, grinste aus allen Ritzen der faule Moder einer verschwundenen Pracht, die längst der Wurm frass.

Und er dachte, dass Venedig eine einzige gewaltige Leiche sei. Längst war das Fleisch verfault, nur die harten Rippen und Knochen standen noch aufrecht. Zerbrochen hie und da, angenagt, morsch und zerfressen, aber doch aufrecht. Sie aber schwammen in diesem toten Riesenleibe, glitten lautlos einher durch seine verfaulten Adern.

Ein Geruch der Verwesung brach aus den Fetzen dieses Fleisches, hauchte seine giftigen Fieber in die Nacht. Feiste Ratten liefen über die Grundmauern, sprangen ins Wasser und tauchten zwischen den Gondelpfählen. Hässliche Aaskrabben flohen seitwärts über die ausgebrochenen Treppen, grosse schwarze Asseln krochen aus ihren Löchern.

Ausgefressen war längst das Gehirn und das Herz und die einstmals atmenden Lungen. Wie Maden hausten die Menschen immer noch in diesem faulen Aase, dessen Moderduft weither alles heranlockte —

— Eine Gondel kam ihnen entgegen, ein schwarzer, schwimmender Sarg, wie alle andern. Sie war gedeckt, unter dem schwarzen Baldachin sass eng aneinander gepresst ein junges Paar.

»Hochzeitleute.« dachte er. »Ein Pärchen von den vielen Tausenden, die Jahr um Jahr durch die Lagunen schwimmen.« — War es nicht, als ob der Maden Brunst eine heissere würde in dieser Luft, die die Verwesung schwängerte?

Dann fühlte er ihre Hand. Sie war feucht und sehr kalt, aber diese Kälte brannte in sein Fleisch.

Sie sagte: »Frank Braun, ich will ein Kind haben.« Ihre Stimme zitterte; sie sah ihn an und ihre Augen glühten in seltsamer grüner Glut.

»Von dir!« sagte sie —


ENDE


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