Roy Glashan's Library
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GUSTAV MEYRINK

GUSTAV MEYRINKS
WACHSFIGURENKABINETT
SONDERBARE GESCHICHTEN

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RGL e-Book Cover 2016©

BUCHSCHMUCK VON ANDRÉ LAMBERT



Erstausgabe: Verlag Albert Langen, München, 1908

Diese illustrierte E-Buch-Ausgabe: Roy Glashan's Library, 2016
Erstellt von Roy Glashan

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"Wachsfigurenkabinett," Verlag Albert Langen, München, 1908



FRITZ WAERENDORFER
DEM GRÜNDER DER »WIENER WERKSTÄTTE«
IN FREUNDSCHAFT GEWIDMET.



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INHALTSVERZEICHNIS



Der Albino

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I.

»Sechzig Minuten noch—bis Mitternacht«, sagte »Ariost« und nahm die dünne holländische Tonpfeife aus dem Mund. »Der dort« —und er wies auf ein dunkles Porträt an der rauchgebräunten Wand, dessen Züge kaum mehr kenntlich waren—»der dort wurde Großmeister gerade vor hundert Jahren weniger sechzig Minuten.«

»Und wann zerfiel unser Orden?—Ich meinte, wann sanken wir zu Zechbrüdern herab, wie wirs jetzt sind, Ariost?« fragte eine Stimme aus dem dichten Tabakqualm heraus, der den kleinen altertümlichen Saal erfüllte.

Ariost flocht die Finger durch seinen langen weißen Bart, fuhr wie zögernd über die Spitzenhalskrause an seinem samtnen Talar:—»Es wird in den letzten Dezennien gewesen sein—vielleicht —kam es auch nach und nach.«

»Du hast da eine Wunde in seinem Herzen berührt, Fortunat«, flüsterte »Baal Schem«, der Arche-Zensor des Ordens im Ornate der mittelalterlichen Rabbiner, und trat aus dem Dunkel einer Fensternische an den Frager heran zum Tisch.—»Sprich von etwas anderem!«

Und laut fuhr er fort: »Wie hieß denn dieser Großmeister im profanen Leben?«

»Graf Ferdinand Paradies«, antwortete rasch jemand neben Ariost, verständnisvoll auf das Thema eingehend, »ja, illustre Namen waren das damaliger Zeit—und früher noch. Die Grafen Spork, Norbert Wrbna, Wenzel Kaiserstein, der Dichter Ferdinand van der Roxas!—Sie alle zelebrierten das ›Ghonsla‹—den Logenritus der ›asiatischen Brüder‹ im alten Angelusgarten, wo jetzt die Hauptstadt steht. Vom Geiste Petrarcas umweht und Vola Rienzos, die auch unsre ›Brüder‹ waren.«

»So ist es. Im Angelusgarten! Nach Angelus de Florentia benannt, Kaiser Karls IV. Leibarzt, bei dem Rienzo Asyl fand bis zu seiner Auslieferung an den Papst«, fiel eifrig der »Skribe« Ismael Gneiting ein.

»Wißt ihr aber auch, daß von den ›Sat-Bhais‹, den alten asiatischen Brüdern, sogar Prag und—und—Allahabad, kurz alle jene Städte, deren Namen soviel wie ›die Schwelle‹ bedeutet, begründet wurden?! Gott im Himmel, welche Taten, welche Taten! Und alles, alles verraucht, verflogen. Wie sagt doch Buddha: ›Im Luftraum bleibet keine Spur.‹—Das waren unsere Vorfahren! Wir aber Saufbrüder!! —Saufbrüder!! hip hip hurra;—es ist zum Lachen.«

Baal Schem machte dem Sprecher Zeichen, er möge doch schweigen. Der aber verstand ihn nicht und redete weiter, bis Ariost sein Weinglas heftig zurückstieß und das Zimmer verließ.

»Du hast ihn verletzt«, sagte Baal Schem ernst zu Ismael Gneiting, »seine Jahre schon hätten dir Rücksicht gebieten sollen.«

»Ah bah«, murrte dieser, »habe ich ihn denn kränken wollen! Und wenn auch! Übrigens wird er ja zurückkommen. In einer Stunde beginnt die hundertjährige Feier, der er doch beiwohnen muß.«

»Immer ein Mißton, wie ärgerlich«, meinte einer der Jüngeren, »hat es sich doch so gemütlich getrunken.«

Verstimmung lag über der Tafelrunde.

Stumm saßen alle um den halbkreisförmigen Tisch und sogen an ihren weißen holländischen Pfeifen.

In den mittelalterlichen Ordensmänteln, behangen mit kabbalistischen Zierarten sahen sie wie eine spukhafte Versammlung seltsam und unwirklich aus in dem trüben Lichte der Öllampen, das kaum bis in die Ecken des Zimmers und hin zu den vorhanglosen gotischen Fenstern drang.

»Werde ihn besänftigen gehen, den Alten«, sagte endlich »Corvinus«, ein junger Musiker—und ging hinaus.

Fortunat neigte sich zum Arche-Zensor: »Corvinus hat Einfluß auf ihn? —Corvinus?!«

Baal Schem brummte etwas in den Bart:—Corvinus sei mit Beatrix, Ariosts Nichte, verlobt.

Wieder nahm Ismael Gneiting die Rede auf und sprach von den vergessenen Glaubenssätzen des Ordens, der zurückreiche bis in die graue Vorzeit, wo die Dämonen der Sphären noch die Vorfahren der Menschen gelehrt.

Von den schweren düsteren Prophezeiungen, die alle, alle mit der Zeit ihre Erfüllung gefunden hätten, Buchstabe um Buchstabe, Satz für Satz, daß es einen verzweifeln lasse an der Willensfreiheit der Lebenden; -´- und von dem »versiegelten Briefe von Prag«, der letzten echten Reliquie, die heute noch der Orden besitze. »Kurios! Wer ihn vorwitzig öffnen wolle, diesen ›sealed letter from Prague‹, ehe die Zeit erfüllet sei, der —wie heißt es doch im Original, ›Lord Kelwyn‹?« wandte Ismael Gneiting fragend seinen Blick zu einem uralten Bruder, der zusammengesunken und unbeweglich gegenüber in einem geschnitzten und vergoldeten Lehnstuhl saß. »Der verderbet, ehe er beginnt! Sein Angesicht wird die Finsternis verschlingen und nicht mehr herausgeben.«—?

»Die Hand des Schicksals wird seine Züge verbergen im Reiche der Form bis zum Jüngsten Tag«, ergänzte langsam der Greis, bei jedem Worte mit dem kahlen Kopfe nickend, als wolle er den Silben besondere Kraft verleihen—»und wird sein Gesicht austilgen aus der Welt der Umrisse. Unsichtbar wird sein Antlitz werden: unsichtbar für alle Zeit! Verschlossen gleich dem Kern in der Nuß—, gleich dem Kern in der Nuß.«

—Gleich dem Kern in der Nuß!—die Brüder in der Runde sahen sich erstaunt an.

Gleich dem Kern in der Nuß!—seltsames, unverständliches Gleichnis!

Da ging die Türe auf, und Ariost trat ein.

Hinter ihm der junge Corvinus.

Der zwinkerte den Freunden fröhlich zu, als wolle er sagen, alles sei wieder in Ordnung mit dem Alten.

»Frische Luft! Lassen wir frische Luft ein«, sagte jemand und ging zu den Fenstern und öffnete eins. Viele standen auf und schoben ihre Sessel zurück, hinauszusehen in die Vollmondnacht, wie die Mondesstrahlen opalgrün auf dem buckligen Pflaster des Altstätter Ringes glänzten.

Fortunat wies auf den blauschwarzen Schlagschatten, der von der Teinkirche über das Haus hinweg auf den alten menschenleeren Platz fiel und ihn in zwei Hälften zerschnitt: »Die riesige Schattenfaust da unten mit den zwei vorgestreckten Spitzen—die mit Zeige- und Merkurfinger nach Westen deutet, ist sie nicht wie das uralte Abwehrzeichen gegen den bösen Blick?«

In den Saal kam der Diener und brachte neue Chiantiflaschen—mit langen Hälsen—wie rote Flamingos—Um Corvinus hatten sich in einer Ecke seine jüngeren Freunde geschart und erzählten ihm halblaut und lachend von dem »versiegelten Briefe von Prag« und der verrückten Prophezeiung, die sich an ihn knüpfe.

Aufmerksam hörte Corvinus zu, dann blitzte es übermütig in seinen Augen auf wie ein lustiger Einfall.

Und in hastigem Flüsterton machte er seinen Freunden einen Vorschlag, den sie mit Jubel begrüßten.

So ausgelassen wurden ein paar von ihnen, so ausgelassen, daß sie auf einem Bein tanzten und sich vor Tollheit kaum mehr zu halten wußten.—

Die Alten waren allein.

Corvinus hatte sich mit seinen Kumpanen in großer Eile auf eine halbe Stunde beurlaubt; er müsse sich bei einem Bildhauer das Gesicht in Gips abgießen lassen, um ein spaßiges Vorhaben, wie er sagte, noch rasch vor Mitternacht, ehe die große Feier beginne, auszuführen.—

—»Närrische Jugend«, murmelte Lord Kelwyn. »Das muß wohl ein seltsamer Bildhauer sein, der so spät noch arbeitet«, sagte jemand halblaut.

Baal Schem spielte mit seinem Siegelring: »Ein Fremder, Iranak-Essak heißt er, sie sprachen vorhin von ihm. Er soll nur in der Nacht arbeiten und bei Tage schlafen;—er ist ein Albino und verträgt kein Licht.«

—»Arbeitet nur in der Nacht?« wiederholte zerstreut Ariost, der das Wort Albino überhört hatte.

—Dann blieben alle stumm eine lange Zeit.

»Ich bin froh, daß sie fort sind—die Jungen«,—brach endlich Ariost gequält das Schweigen.

»Wir zwölf Alten sind so wie die Trümmer aus jener vergangenen Zeit, und wir sollten zusammenhalten.—Vielleicht treibt dann unser Orden nochmals ein frisches grünes Reis. Ja!—Ja, ich trage die Hauptschuld am Zerfall.«

Stockend fuhr er fort: »Ich möchte euch gerne eine lange Geschichte erzählen;—und mein Herz ausschütten, bevor sie zurückkommen die andern,—und ehe das neue Jahrhundert einzieht.«

Lord Kelwyn in dem Thronsessel sah auf und machte eine Bewegung mit der Hand, und die übrigen nickten zustimmend.

Ariost sprach weiter: »Ich muß es kurz machen, sollen meine Kräfte ausreichen bis zum Ende. Hört also.

Vor dreißig Jahren, ihr wißt, war Doktor Kassekanari Großmeister und ich sein erster Arche-Zensor.

Das Steuer des Ordens lag nur in unserer Hand.—Doktor Kassekanari war Physiolog—ein großer Gelehrter. Seine Vorfahren stammen aus Trinidad—ich denke von Negern—daher wohl seine grauenhafte exotische Häßlichkeit! Doch das wißt ihr alle noch.

Wir sind Freunde gewesen;—wie aber heißes Blut auch die festesten Dämme niederreißt, so—. Kurz, ich betrog ihn mit seiner Frau Beatrix, die schön war wie die Sonne und die wir beide liebten über alle Maßen.—

Ein Verbrechen unter Ordensbrüdern!!

—Zwei Knaben hatte Beatrix, und einer von ihnen —Pasqual—war mein Kind.

Kassekanari entdeckte die Untreue seiner Gattin, ordnete seine Angelegenheiten und verließ Prag mit den beiden kleinen Kindern, ohne daß ich es hätte verhindern können. Zu mir hat er kein Wort mehr gesprochen, mich nicht einmal mehr angeblickt.«

Einen Augenblick lang schwieg Ariost und starrte wie geistesabwesend an die gegenüberliegende Wand. Dann fuhr er fort:

»Nur ein Hirn, das die finstere Phantasie eines Wilden mit der durchdringenden Verstandesschärfe des Gelehrten, des tiefsinnigsten Kenners menschlicher Seelenvorgänge, verband wie das seine, konnte den Plan ersinnen, der Beatrix das Herz im Leibe verbrannte, mir arglistig den freien Willen stahl und mich langsam hineinzwang in die Mitschuld an einem Verbrechen, das grauenvoller kaum gedacht werden kann.

Meiner arme Beatrix erbarmte sich wohl bald der Wahnsinn, und ich segne die Stunde ihrer Erlösung.«

Des Sprechers Hände schlugen wie im Fieber und verschütteten den Wein, den er zur Stärkung zum Munde führen wollte.

»Weiter! Nicht lange war Kassekanari fort, da kam ein Brief von ihm mit einer Adresse, die alle ›wichtigen Nachrichten‹, wie er sich ausdrückte—an ihn befördern werde—wo immer er sich auch aufhalten möge.

Und gleich darauf schrieb er, nach langem Grübeln sei er zur Überzeugung gekommen, der kleine Manuel sei mein Kind, der jüngere Pasqual dagegen zweifellos das seinige. Während es in Wirklichkeit sich gerade umgekehrt verhielt.—

Aus seinen Worten klang eine dunkle Rachedrohnung, und ich konnte mich einer leisen Regung selbstsüchtiger Beruhigung nicht erwehren, meinen kleinen Sohn Pasqual, den ich anders ja nicht zu schützen vermochte, infolge dieser Verwechslung gegen Haß und Verfolgung gefeit zu wissen.

So schwieg ich denn und tat unbewußt den ersten Schritt jenem Abgrunde zu, aus dem es kein Entrinnen mehr gab.

Viel, viel später erschien es mir wie Arglist,—als habe Kassekanari mich an eine Verwechslung nur glauben lassen, um mir die unerhörtesten Seelenqualen aufzubürden. Langsam zog das Ungeheuer die Schraube zu.

In regelmäßigen Intervallen, mit der Pünktlichkeit eines Uhrwerkes trafen mich seine Berichte über gewisse physiologische und vivisektorische Experimente, die er,—›um fremde Schuld zu sühnen und zum Wohle der Wissenschaft‹—an dem kleinen Manuel—der ja nicht sein Kind sei, ›wie ich doch stillschweigend zugegeben‹ —vornehme,—wie an einem Wesen vornehme, das seinem Herzen ferner stehe als ein beliebiges Versuchstier.

Und Photographien, die beilagen, bestätigten die entsetzliche Wahrheit seiner Worte.—Wenn solch ein Brief ankam und verschlossen vor mir lag, da glaubte ich, ich müsse meine Hände in lodernde Flammen stecken, um die furchtbare Folter zu übertäuben, die mich bei dem Gedanken zerriß, wieder von neuen gesteigerten Schrecknissen erfahren zu müssen.

Nur die Hoffnung, endlich, endlich doch den wahren Aufenthalt Kassekanaris entdecken und das arme Opfer befreien zu können, hielt mich vom Selbstmord zurück.

Stundenlang lag ich auf den Knien, Gott anflehend, mich die Kraft finden zu lassen, den Brief ungelesen zu vernichten.

Aber niemals fand ich die Kraft dazu.

Immer wieder habe ich die Briefe geöffnet, und immer wieder bin ich in Ohnmacht zusammengebrochen. Kläre ich ihn auf über seinen Irrtum, sagte ich mir vor, so fällt wohl sein Haß auf meinen Sohn, der andere aber—der Unschuldige—ist erlöst!

Und ich griff zur Feder, um alles zu schreiben, zu beweisen.

Doch der Mut verließ mich—ich konnte nicht wollen und wollte nicht können und wurde so zum Missetäter an dem armen kleinen Manuel,—der doch auch Beatrix' Kind war,—indem ich schwieg.

Das Fürchterlichste jedoch in allen meinen Qualen war das gleichzeitige grauenvolle Emporzüngeln eines fremden, finsteren Einflusses in mir, über den ich keine Gewalt hatte, der sich in mein Herz schlich,—leise und unwiderstehlich—eine Art haßerfüllte Befriedigung, daß es sein eigenes Fleisch und Blut sei—gegen das das Ungeheuer raste.«

Die Logenbrüder waren aufgesprungen und starrten Ariost an, der sich in seinem Sessel kaum aufrecht erhielt und die Sätze mehr flüsterte als sprach.

»Jahrelang hat er Manuel gefoltert—, ihm Martern zugefügt, deren Schilderung ich nicht über die Lippen bringe—hat ihn gefoltert und gefoltert, bis ihm der Tod das Messer aus der Hand schlug,—hat Bluttransfusionen von weißen entarteten Tieren und solchen, die das Tageslicht scheuen, an ihm vollzogen,—ihm die Gehirnteilchen exstirpiert, die nach seinen Theorien die guten und milden Regungen im Menschen erwecken,—und ihn dadurch zu dem gemacht, was er einen ›seelisch Gestorbenen‹ nannte. Und mit der Ertötung aller menschlichen Regungen des Herzens, aller Keime des Mitleids, der Liebe, des Erbarmens, trat bei dem armen Opfer, genau wie Kassekanari in einem Briefe vorausgesagt, auch die körperliche Degeneration ein, jenes grausige Phänomen, das die afrikanischen Völker den ›echten, weißen Neger‹ nennen.—

Nach langen, langen Jahren verzweiflungsvollen Forschens und Suchens —die Verhältnisse des Ordens und meine eigenen ließ ich achtlos ihrer Wege treiben—gelang es mir endlich (Manuel war und blieb spurlos verschwunden) meinen Sohn—als Erwachsenen aufzufinden.

Aber ein letzter Schlag traf mich dabei: Mein Sohn nannte sich Emanuel Kassekanari—!

Derselbe Bruder ›Corvinus‹, den ihr ja alle in unserem Orden kennt. Emanuel Kassekanari.

Und er behauptet unerschütterlich, niemals mit dem Vornamen Pasqual genannt worden zu sein.

Seitdem verfolgt mich der Gedanke, daß der Alte mich belogen und Pasqual und nicht Manuel verstümmelt haben könnte,—daß also doch mein Kind zum Opfer gefallen ist.

Die Photographien damals zeigten die Gesichtszüge so undeutlich, und im Leben sahen die Kinder einander zum Verwechseln ähnlich.

Doch das darf, das darf, das darf ja nicht sein,—das Verbrechen, all die ewiglange Gewissenspein umsonst!—Nicht wahr?« schrie plötzlich Ariost wie ein Wahnsinniger auf;—»nicht wahr, sagt Brüder, nicht wahr, ›Corvinus‹ ist mein Sohn, mir wie aus den Augen geschnitten!«

Die Brüder sahen scheu zu Boden und brachten die Lüge nicht über die Lippen.

Nickten nur stumm.

Ariost sprach leise zu Ende:

»Und manchmal in schreckhaften Träumen, da fühle ich mein Kind verfolgt von einem scheußlichen, weißhaarigen Krüppel, mit rötlichen Augen, der —lichtscheu—im Zwielicht haßerfüllt auf ihn lauert: Manuel, der verschwundene Manuel,—der—der grauenhafte—›weiße Neger‹.« Keiner der Logenbrüder konnte ein Wort hervorbringen.—Totenstille.—

Da,—als ob Ariost die stumme Frage gefühlt hätte—sagte er halblaut, wie erklärend vor sich hin: »Ein seelisch Gestorbener!—Der weiße Neger—ein echter Albino.«

Albino?—Baal Schem taumelte an die Wand.

»Barmherziger Gott, der Bildhauer!—Der Albino Iranak-Essak!«


II.

»Kriegstrompeten erschallen—weit durch Morgenrot«, —sang Corvinus das Turniersignal aus »Robert der Teufel« vor dem Fenster seiner Braut Beatrix,—Ariosts blonder Nichte,—und seine Freunde pfiffen unisono die Melodie. Gleich darauf flogen die Scheiben auf und ein junges Mädchen im weißen Ballkleid sah in den altertümlichen, im Mondlicht flimmernden »Teinhof« hinab und fragte lachend, ob denn die Herren das Haus zu stürmen gedächten.

»Ah, du gehst auf Bälle, Trixie,—und ohne mich?« rief Corvinus hinauf, »und wir fürchteten, du schliefest schon längst!«

»Da siehst du, wie ich mich ohne dich langweile, daß ich schon vor Mitternacht zu Hause bin! Was willst du denn nur mit deinen Signalen; ist etwas los?« fragte Beatrix.

»Was los ist?—Wir haben eine gro—o—oße Bitte an dich. Weißt du nicht, wo Papa den ›versiegelten Brief von Prag‹ liegen hat?«

Beatrix legte beide Hände an die Ohren: »Den versiegelten was?«

»Den versiegelten Brief von Prag—die olle Reliquie« schrien alle durcheinander.

»Ich verstehe doch kein Wort, wenn Sie so brüllen, Messieurs«—und Trixie zog das Fenster zu, »aber warten Sie, gleich bin ich unten, ich suche nur den Hausschlüssel und schleiche mich an der braven Gouvernante vorbei.«

Und in wenigen Minuten war sie vor dem Tore.

»Reizend, entzückend, - so im weißen Ballkleid, im grünen Mondschein«, die jungen Herren umdrängten sie, ihr die Hand zu küssen.

»Im grünen Ballkleid,—im weißen Mondschein«, Beatrix knixte kokett und verbarg abwehrend ihre winzigen Hände in einem riesigen Muff,—»und mitten unter lauter ganz schwarzen Femerichtern! Nein, muß so ein ehrwürdiger Orden etwas Verrücktes sein!«

Und neugierig musterte sie die langen feierlichen Gewänder der Herren mit den unheimlichen Kapuzen und den goldbestickten kabbalistischen Zeichen.

»Wir sind so Hals über Kopf davongelaufen, daß wir uns gar nicht umkleiden konnten, Trixie«, entschuldigte sich Corvinus und ordnete zärtlich ihr seidenes Spitzentuch.

Dann erzählte er ihr in fliegenden Worten von der Reliquie, »dem versiegelten Brief von Prag«, der verrückten Prophezeiung und daß sie einen prächtigen Mitternachtsspaß ersonnen hätten.

Nämlich zu dem Bildhauer Iranak-Essak zu laufen, einem höchst kuriosen Kerl,—der in der Nacht arbeite, weil er ein Albino sei, übrigens aber eine wertvolle Erfindung gemacht habe:—eine Gipsmaske, die sofort an der Luft hart und unverwüstlich werde wie Granit. Und dieser Albino solle ihm nun rasch einen Gesichts-Abguß verfertigen—

»Dieses Konterfei nehmen wir dann mit, wissen Sie, mein Fräulein«, fiel Fortunat ein, »nehmen ferner den ›geheimnisvollen Brief‹ den Sie uns gütigst im Archiv aufstöbern und ebenso gütig herabwerfen wollen. Wir öffnen ihn natürlich sofort, um den Blödsinn, der darin steht, zu lesen, und begeben uns dann ›verstört‹ in die Loge.

Natürlich wird man uns bald nach Corvinus fragen, und wo er denn stecke. Da wollen wir laut weinend die entweihte Reliquie zeigen und gestehen, er habe sie aufgemacht, und plötzlich sei unter Schwefelgestank der Teufel erschienen, und habe ihn beim Kragen genommen und in die Luft entführt; Corvinus aber, der das vorausgesehen habe, habe sich vorher noch schnell in Iranak-Essaks unzerstörbarem Gipsstein abgießen lassen, zur Sicherheit! Um die schauerlich-schöne Prophezeiung ›vom gänzlichen Verschwinden aus dem Reiche der Umrisse‹ ad absurdum zu führen. Und hier sei nun diese Büste, und wer sich als etwas Besonderes dünke, ob einer der alten Herren, oder alle zusammen, oder die Adepten, die den Orden gegründet, vielleicht der liebe Gott selber,—der trete vor und zerstöre das Steinbild—wenn er könne. Übrigens lasse Bruder Corvinus alle recht herzlich grüßen, und in längstens zehn Minuten werde er aus dem Hause zurücksein.«

»Weißt du, Schatz, das hat noch das Gute«, unterbrach Corvinus, »daß wir damit den letzten Ordensaberglauben entwurzeln, die öde Zentenarfeier abkürzen und um so schneller dann zum fröhlichen Gelage kommen.

Aber jetzt Adieu und gute Nacht, denn: eins, zwei, drei, im Sauseschritt —läuft die Zeit—«

»Wir laufen mit«, ergänzte jauchzend Beatrix und hängte sich in ihres Bräutigams Arm,—»ist's weit von hier zu Iranak-Essak—heißt er nicht so? Und wird ihn auch ganz gewiß nicht der Schlag treffen, wenn wir in solchem Aufzug bei ihm einbrechen?!«

»Wahre Künstler trifft nie der Schlag«, schwur Saturnilus, einer der Herren.—»Brüder! Ein Hurra, Hurra, für das mutige Fräulein!«

Und vorwärts ging's im Galopp.

Über den Teinhof, durch mittelalterliche Torbogen, krumme Gassen, um geschweifte Ecken herum und an barocken verwitterten Palästen vorbei. Dann machte man halt.

»Hier wohnt er, Nummer 33«, sagte Saturnilus, atemlos—»Nummer 33, nicht wahr, ›Ritter Cadosh‹? Schau du hinauf, du hast bessere Augen.«

Und schon wollte er läuten, da öffnete sich plötzlich das Haustor nach innen, und gleich darauf hörte man eine scharfe Stimme Worte in Niggerenglisch die Treppen hinaufkreischen. Corvinus schüttelte erstaunt den Kopf: »The gentlemen already here?!—Die Gentlemen bereits hier, —das ist ja, als hätte man schon auf uns gewartet!!

Vorwärts also, aber Vorsicht, es ist stockdunkel hier; Licht haben wir nicht, in unseren Kostümen fehlen schlauerweise die Taschen und mit diesen daher auch die so beliebten Schwefelhölzer.«

Schritt für Schritt tappte die kleine Gesellschaft vorwärts Saturnilus voran, hinter ihm Beatrix, dann Corvinus und die andern jungen Herren: Ritter Cadosh, Hieronymus, Fortunat, Pherekydes, Kama und Hilarion Termaximus.

Enge gewundene Treppen empor nach links und nach rechts, der Kreuz und der Quer.

Durch offene Wohnungstüren und leere, fensterlose Zimmer tasteten sie sich, immer der Stimme folgend, die unsichtbar und anscheinend ziemlich weit entfernt vor ihnen herging und ihnen kurz die Richtung wies.

Endlich landeten sie in einem Raum, in dem sie wohl warten sollten, denn die Stimme war verstummt und niemand antwortete mehr auf ihre Fragen.

Nichts regte sich.

»Es scheint ein uraltes Gebäude zu sein, mit vielen Ausgängen, wie ein Fuchsbau,—eines jener seltsamen Labyrinthe, wie sie noch aus dem 17. Jahrhundert her in diesem Stadtviertel stehen«, sagte endlich halblaut Fortunat, »und das Fester dort geht wohl auf einen Hof, daß so gar kein Schein hereinfällt!?—Kaum daß sich das Fensterkreuz etwas dunkler abhebt—«

»Ich denke, eine hohe Bauer dicht vor den Scheiben nimmt alles Licht« —antwortete Saturnilus—»finster ist es hier,—nicht die Hand sieht man vor Augen. Nur der Fußboden ist etwas heller. Nicht?«

Beatrix klammerte sich an den Arm ihres Verlobten. »Ich fürchte mich unsagbar in dieser grauenhaften Dunkelheit hier.—Warum bringt man kein Licht—«

»Sst, sst, ruhig alle«, flüsterte Corvinus, »sst! Hört ihr denn nichts!? —Es nähert sich leise irgend etwas. Oder ist es schon im Zimmer?«

»Dort! Dort steht jemand«, fuhr plötzlich Pherekydes auf, »dahier,—kaum zehn Schritte von mir,—ich sehe es jetzt ganz genau. Heda, Sie!«—rief er überlaut und man hörte seine Stimme beben vor verhaltener Furcht und Erregung.—

»Ich bin der Bildhauer Pasqual Iranak-Essak«, sagte jemand mit einer Stimme, die nicht heiser klang und doch seltsam aphonisch war.

»Sie wollen sich den Kopf abgießen lassen!—Schätze ich!«

»Nicht ich, hier unser Freund Kassekanari, Musiker und Komponist«, machte Pherekydes den Versuch, in der Dunkelheit Corvinus vorzustellen.

Ein paar Sekunden Stille.

»Ich kann sie nicht sehen, Herr Iranak-Essak, wo stehen Sie?« fragte Corvinus.

»Ist's Ihnen nicht hell genug?« antwortete spöttisch der Albino. »Machen Sie beherzt ein paar Schritte nach links—es ist hier eine offene Tapetentüre, durch die Sie müssen—, sehen sie, ich komme Ihnen schon entgegen.«

Es schien, als schwebte bei den letzten Worten die klanglose Stimme näher heran, und plötzlich glaubten die Freunde einen weißlichgrauen verschwommenen Dunst an der Wand schimmern zu sehen,—die undeutlichen Umrisse eines Menschen.

»Geh nicht, geh nicht, um Christi willen, wenn du mich lieb hast, gehst du nicht«,—flüsterte Beatrix und wollte Corvinus zurückhalten. Dieser wand sich leise los: »Aber Trixie, ich kann mich doch nicht so blamieren, er denkt gewiß schon, wir fürchten uns alle.«

Und entschlossen ging er auf die weißliche Masse zu; um mit ihr im nächsten Augenblick hinter der Tapetentür in der Finsternis—zu verschwinden.

—Beatrix jammerte angsterfüllt vor sich hin, und die Herren versuchten alles mögliche, ihr Mut einzuflößen.

»Seien sie doch ganz unbesorgt, liebes Fräulein«, tröstete Saturnilus, »es geschieht ihm nichts.

Und wenn Sie das Abgießen sehen könnten, würde es Sie sehr interessieren und unterhalten. Zuerst, wissen Sie, kommt gefettetes Seidenpapier auf Haare, Wimpern und Augenbrauen.—Öl aufs Gesicht, damit nichts haften bleibt, —und dann drückt man, auf dem Rücken liegend, den Hinterkopf bis an die Ohrränder in eine Schüssel mit nassem Gips. Ist die Masse hart geworden, wird auf das noch freiliegende Gesicht gegossen, so daß das ganze Haupt wie in einen sehr großen Klumpen eingehüllt erscheint. Nach dem Erhärten werden die Verbindungsstellen aufgemeißelt und so ergibt sich die Hohlform für die prächtigsten Abgüsse und Konterfeis.«

»Da muß man doch unfehlbar ersticken«, jammerte das junge Mädchen. Saturnilus lachte: »Natürlich,—wenn man nicht zum Atmen Strohhalme in Mund und Nasenlöcher gesteckt bekäme, die aus dem Gips herausragen, so müßte man ersticken.«

Und um Beatrix zu beruhigen, rief er laut ins Nebenzimmer: »Meister Iranak-Essak, dauert's lange und wird es weh tun?«

Einen Augenblick herrschte tiefe Stille, dann hörte man die klanglose Stimme von ferne antworten,—wie aus einem dritten, vierten Zimmer herüber oder wie durch dicke Tücher hindurch:

»Mir tut's gewiß nicht weh! Und Herr Corvinus wird sich wohl kaum beklagen,—he, he. Und lange dauern?! Manchmal dauert's bis zu zwei und drei Minuten.«

Etwas so unerklärlich Erregendes, ein so unbeschreiblich boshaftes Frohlocken lag in diesen Worten und der Betonung, mit der sie der Albino sprach, daß es wie ein erstarrender Schrecken auf die Zuhörer fiel.

Pherekydes krampfte seines Nebenmannes Arm. »Seltsam, wie der redet! Hast du es gehört?—ich halte es nicht länger mehr aus vor wahnsinnigem Angstgefühl. Woher kennt er denn plötzlich Kassekanaris Logennamen ›Corvinus‹? Und gleich anfangs wußte er, weshalb wir gekommen sind?!! Nein, nein;—ich muß hinein. Ich muß wissen, was da drinnen vorgeht.«

In diesem Augenblick schrie Beatrix auf: »Da,—da oben, da oben, —was sind das für weiße scheibenförmige Flecke dort,—an der Wand!—«

»Gipsrosetten, nur weiße Gipsrosetten«, wollte sie Saturnilus beruhigen, »ich habe sie auch schon gesehen, es ist viele heller jetzt—und unsere Augen sind besser an die Dunkelheit gewöhnt—«

Da schnitt ihm eine heftige Erschütterung, die durch das Haus lief wie der Fall eines schweren Gewichtes,—das Wort ab.

Die Wände zitterten und die weißen Scheiben fielen herab mit klingendem Schall wie von glasiertem Ton, rollten einen Schritt weit und lagen still.

Lagen still und grinsten mit leeren weißen Augen zur Decke empor.

Aus dem Atelier drang ein wilder Lärm herüber, Poltern, Fallen von Tischen und Stühlen.

Dröhnen—.

Ein Krachen, wie von splitternden Türen, als schlüge ein Rasender um sich im Todeskampf und bahne sich verzweifelt einen Weg ins Freie.

Ein stampfendes Laufen, dann ein Aufprall—und im nächsten Augenblick brach ein heller unförmiger Steinklumpen durch die dünne Stoffwand —Corvinus' umgipster Kopf!—Und leuchtete—mühsam sich bewegend—weiß und gespenstisch aus dem Zwielicht. Körper und Schultern aufgehalten von den kreuzweise stehenden Latten und Sparren.

Mit einem Ruck hatten Fortunat, Saturnilus und Pherekydes die Tapetentüre eingedrückt, um Corvinus beizuspringen: doch kein Verfolger war zu sehen.

Corvinus, in der Wand eingekeilt bis zur Brust, wand sich in Konvulsionen.

Im Todeskampf bohrten sich seine Nägel in die Hände seiner Freunde, die, fast von Sinnen vor Entsetzen, ihm beistehen wollten.

»Werkzeuge! Eisen!« heulte Fortunat, »holt Eisenstangen, schlagt den Gips entzwei,—er erstickt! Das Scheusal hat ihm die Halme zum Atmen herausgezogen—und den Mund vergipst!«

Wie rasend stürzten viele umher, Rettung zu bringen, Sesselstücke, Latten, was sich in der blinden Eile fand, zerbrach an der Steinmasse.

Umsonst!

Eher wäre ein Granitblock zersplittert.

Andere stürmten durch die finsteren Räume und schrien und suchten vergebens nach dem Albino, zertrümmerten, was in den Weg kam; verfluchten seinen Namen; fielen in der Dunkelheit zu Boden, und schlugen sich wund und blutig.

Corvinus' Körper regte sich nicht mehr.

Wortlos und verzweifelt umstanden ihn die »Brüder«.

Beatrix' herzzerreißendes Schreien gellte durch das Haus und weckte ein grausiges Echo, und ihre Finger riß sie blutig an dem Stein, der das Haupt ihres Geliebten umschloß.

Lang, lang war Mitternacht vorüber, da erst hatten sie den Weg ins Freie gefunden aus dem finsteren, unheimlichen Labyrinthe und trugen gebrochen und stumm durch die Nacht die Leiche mit dem steinernen Kopf.

Kein Stahl, kein Meißel hatte vermocht, die grausame Hülle zu sprengen, und so hat man Corvinus begraben im Ornate des Ordens:


»unsichtbar das Antlitz
und verschlossen gleich dem Kern in der Nuß.«

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Tschitrakarna, das vornehme Kamel

Erstveröffentlichung: Simplicissimus, 1905, Jg. 10, Heft 17, Seite 194

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»Bitt' Sie, was ist das eigentlich: Bushido?« fragte der Panther und spielte Eichelas aus.

»Bushido? hm«, brummte der Löwe zerstreut. »Bushido?«

»Na ja, Bushido«,—ärgerlich fuhr der Fuchs mit einem Trumpf dazwischen,—»was Bushido ist?«

Der Rabe nahm die Karten auf und mischte. »Bushido? das ist der neueste hysterische ›Holler‹! Bushido, das ist so ein moderner ›Pflanz‹,—eine besondere Art, sich fein zu benehmen, —japanischen Ursprungs. Wissen Sie, so was wie ein japanischer ›Knigge‹. Man grinst freundlich, wenn einem etwas Unangenehmes passiert. Zum Beispiel, wenn man mit einem österreichischen Offizier an einem Tisch sitzen muß, grinst man. Man grinst, wenn man Bauchweh hat, man grinst, wenn der Tod kommt. Selbst wenn man beleidigt wird, grinst man. Dann sogar besonders liebenswürdig.—Man grinst überhaupt immerwährend.«

»Ästhetentum, mhm, weiß schon,—Oscar Wilde—ja, ja«, sagte der Löwe, setzte sich ängstlich auf seinen Schweif und schlug ein Kreuz, —»also weiter.«

»Na ja, und der japanische Bushido wird jetzt sehr modern, seit sich die slawische Hochflut im Rinnstein verlaufen hat. Da ist z. B. Tschitrakarna —«

»Wer ist Tschitrakarna?«

»Was, Sie haben noch nie von ihm gehört? Merkwürdig! Tschitrakarna, das vornehme Kamel, das mit niemandem verkehrt, ist doch eine so bekannte Figur! Sehen Sie, Tschitrakarna las eines Tages Oscar Wilde, und das hat ihm den Verkehr mit seiner Familie so verleidet, daß es von da an seine eigenen einsamen Wege ging. Eine Zeitlang hieß es, es wolle nach Westen, nach Österreich,—dort seien nun aber schon so unglaublich viele—«

»Kscht, ruhig,—hören Sie denn nichts?« flüsterte der Panther —. »Es raschelt jemand—«

Alle duckten sich nieder und lagen bewegungslos wie die Steine.

Immer näher hörte man das Rascheln kommen und das Prasseln von zerbrochenen Zweigen, und plötzlich fing der Schatten des Felsens, in dem die vier kauerten, an zu wogen, sich zu krümmen und wie ins Unendliche anzuschwellen—

Bekam dann einen Buckel, und schließlich wuchs ein langer Hals heraus mit einem hakenförmigen Klumpen daran.

Auf diesen Augenblick hatten der Löwe, der Panther und der Fuchs gelauert, um sich mit einem Satz auf den Felsen zu schnellen.

Der Rabe flatterte auf wie ein Stück schwarzes Papier, auf das ein Windstoß trifft.

Der bucklige Schatten stammte von einem Kamel, das den Hügel von der andern Seite erklommen hatte und jetzt beim Anblick der Raubtiere in namenlosem Todesschreck zusammenzuckend sein seidenes Taschentuch fallen ließ.

Aber nur eine Sekunde machte es Miene zur Flucht, dann erinnerte es sich: —Bushido!! blieb sofort steif stehen und grinste mit verzerrtem käseweißem Gesicht.

»Tschitrakarna ist mein Name«, sagte es dann mit bebender Stimme und machte eine kurze englische Verbeugung,—»Harry S. Tschitrakarna! —Pardon, wenn ich vielleicht gestört habe«—dabei klappte es ein Buch laut auf und zu, um das angstvolle Klopfen seines Herzens zu übertönen.

Aha: Bushido! dachten die Raubtiere.

»Stören? Uns? Keineswegs. Ach, treten Sie doch näher«, sagte der Löwe verbindlich (Bushido), »und bleiben Sie, bitte, solange es Ihnen gefällt. —Übrigens wird keiner von uns Ihnen etwas tun,—Ehrenwort darauf,—mein Ehrenwort.«

Jetzt hat der auch schon Bushido, natürlich jetzt auf einmal, dachte der Fuchs ärgerlich, grinste aber ebenfalls gewinnend.

Dann zog sich die ganze Gesellschaft hinter den Felsen zurück und überbot sich in heiteren und liebenswürdigen Redensarten.

Das Kamel machte wirklich einen überwältigend vornehmen Eindruck.

Es trug den Schnurrbart mit den Spitzen nach abwärts nach der neuesten mongolischen Barttracht. »Es ist mißlungen« und ein Monokel—ohne Band natürlich—im linken Auge.

Staunend ruhten die Blicke der vier auf den scharfen Bügelfalten seiner Schienbeine und der sorgfältig zur Apponyikrawatte geschlungenen Kehlmähne.

Sakerment, Sakerment, dachte sich der Panther und verbarg verlegen seine Krallen, die schwarze, schmutzige Ränder hatten vom Kartenspiel.

Leute von guten Sitten und feinem Takt verstehen einander gar bald.

Nach ganz kurzer Zeit schon herrschte das denkbar innigste Einvernehmen, so daß man beschloß, für immer beisammen zu bleiben.

Von Furcht war bei dem vornehmen Kamel begreiflicherweise keine Rede mehr, und jeden Morgen studierte es »The Gentlemans Magazine« mit derselben Gelassenheit und Ruhe wie früher in den Tagen der Zurückgezogenheit. Zuweilen wohl des Nachts—hie und da—fuhr es aus dem Schlafe mit einem Angstschrei auf, entschuldigte sich aber stets lächelnd mit dem Hinweis auf die nervösen Folgen eines bewegten Vorlebens.

Immer sind es einige wenige Auserwählte, die ihrer Umgebung und ihrer Zeit den Stempel aufdrücken. Als ob ihre Triebe und ihr Fühlen wie Ströme geheimnisvoller lautloser Überredungskunst sich von Herz zu Herz ergössen, schießen heute Gedanken und Ansichten auf, die gestern noch mit kindlicher Angst das zagende, sündenreine Gemüt erfüllt hätten und die vielleicht schon morgen das Recht der Selbstverständlichkeit werden erworben haben.

So spiegelte sich schon nach wenigen Monaten der erlesene Geschmack des vornehmen Kamels überall wieder.

Nirgends mehr sah man plebejische Hast.

Mit dem stetigen gelassenen, diskret schwingenden Schritte des Dandy promenierte der Löwe—weder rechts noch links blickend, und zum selben Zwecke wie weiland die vornehmen Römerinnen trank der Fuchs täglich Terpentin und hielt streng darauf, daß auch in seiner gesamten Familie ein gleiches geschah.

Stundenlang polierte der Panther seine Krallen mit Onglissa, bis sie rosenfarbig in der Sonne glänzten, und ungemein individuell wirkte es, wenn die Würfelnattern stolz betonten, sie seien gar nicht von Gott erschaffen worden, sondern, wie sich jetzt herausstellte, von Kolo Moser und der »Wiener Werkstätte« entworfen.

Kurz, überall sproßte Kultur auf und Stil, und bis in die konservativen Kreise drang modernes Fühlen.

Ja, eines Tages machte die Nachricht die Runde, sogar das Nilpferd sei aus seinem Phlegma erwacht, frisiere sich rastlos die Haare in die Stirne (sogenannte Giselafransen)—und bilde sich ein, es sei der Schauspieler Sonnental.

Da kam der tropische Winter.

Krschsch, Krschsch, Prschsch, Prschsch, Krschsch, Prschsch.

So ungefähr regnet es zu dieser Jahreszeit in den Tropen. Nur viel länger.

Eigentlich immerwährend und ohne Unterlaß von Abend bis früh, von früh bis Abend.

Dabei steht die Sonne am Himmel, mies und trübfarbig, wie ein Lebkuchen.

Kurz, es ist zum Wahnsinnigwerden.

Natürlich wird man da gräßlich schlecht aufgelegt. Gar wenn man ein Raubtier ist.

Statt sich nun eben jetzt eines möglichst gewinnenden Benehmens zu befleißigen—schon aus Vorsicht—, schlug ganz im Gegenteil das vornehme Kamel des öfteren einen ironisch überlegenen Ton an, besonders, wenn es sich um wichtige Modefragen, Schick und dergleichen handelte, was naturgemäß Verstimmung und mauvais sang erzeugen mußte.

So war eines Abends der Rabe in Frack und schwarzer Krawatte gekommen, was dem Kamel sofort Anlaß zu einem hochmütigen Ausfall bot.

»Schwarze Krawatte zum Frack darf man—man sei denn ein Sachse —bekanntermaßen nur bei einer einzigen Gelegenheit tragen« hatte Tschitrakarna fallen lassen und dabei süffisant gegrinst.

Eine längere Pause entstand,—der Panther summe verlegen ein Liedchen, und niemand wollte zuerst das Schweigen brechen, bis sich der Rabe doch nicht enthalten konnte, mit gepreßter Stimme zu fragen, welche Gelegenheit das denn sei.

»Nur, wenn man sich begraben läßt«, hatte die spöttische Erklärung gelautet, die ein herzliches, den Raben aber nur noch mehr verletzendes Gelächter auslöste.

Alle hastigen Einwendungen wie: Trauer, enger Freundeskreis, intime Veranstaltungen usw. usw. machten die Sache natürlich nur noch schlimmer.

Aber nicht genug damit, ein anderes Mal—die Sache war längst vergessen—als der Rabe mit einer weißen Krawatte, jedoch im Smoking, erschienen war, brannte das Kamel in seiner Spottlust förmlich nur darauf, die verfängliche Bemerkung anzubringen:

»Smoking? Mit weißer Krawatte? Hm! wird doch nur während einer Beschäftigung getragen.«

»Und die wäre?« war es dem Raben voreilig herausgefahren.

Tschitrakarna hüstelte impertinent: »Wenn Sie jemanden rasieren wollen« —

Das ging dem Raben durch und durch. In diesem Augenblick schwor er dem vornehmen Kamel Rache bis in den Tod.

Schon nach wenigen Wochen fing infolge der Jahreszeit die Beute für die vier Fleischfresser an, immer knapper und spärlicher zu werden, und kaum wußte man, woher auch nur das Allernötigste nehmen.

Tschitrakarna genierte das natürlich nicht im geringsten; stets bester Laune, gesättigt von prächtigen Disteln und Kräutern, lustwandelte es, wenn die andern mit aufgespannten Regenschirmen fröstelnd und hungrig vor dem Felsen saßen, in seinem raschelnden wasserdichten Mackintosh—leise eine fröhliche Melodie pfeifend—in allernächster Nähe.

Und das ging Tag für Tag so!

Mitansehen müssen, wie ein anderer schwelt und selbst dabei verhungern!!!

»Nein, hol's der Teufel«, hetzte eines Abends der Rabe (das vornehme Kamel war gerade in einer Premiere), »hauen wir doch dieses idiotische Gigerl in die Pfanne. Tschitrakarna!! Hat man denn was von dem Binsenfresser? Bushido!—natürlich Bushido!—ausgerechnet jetzt im Winter; so ein Irrsinn. Und unseren Löwen—Bitte, sehen Sie doch nur, wie er von weitem aussieht jetzt,—wie ein Gespenst—unseren Löwen, den sollen wir glatt verhungern lassen, hm? Das ist vielleicht auch Bushido, ja?«

Der Panther und der Fuchs gaben dem Raben rückhaltlos recht.

Aufmerksam hörte der Löwe die drei an, und das Wasser lief ihm zu beiden Seiten aus dem Maul, während sie ihm Vorstellungen machten.

»Töten?—Tschitrakarna?«—sagte er dann. »Nicht zu machen, gänzlich ausgeschlossen; pardon, ich habe doch mein Ehrenwort gegeben«, und erregt ging er auf und nieder.

Aber der Rabe ließ nicht locker: »Auch nicht, wenn es sich von selbst anbieten würde?«

»Das wäre natürlich was anderes«, meinte der Löwe. »Wozu aber all diese dummen Luftschlösser!«

Der Rabe warf dem Panther einen heimtückischen Blick des Einverständnisses zu.

In diesem Augenblick kam das vornehme Kamel nach Hause, hängte Opernglas und Stock an einen Ast und wollte eben einige verbindliche Worte sagen, da flatterte der Rabe vor und sprach:

»Weshalb sollen alle darben:—besser drei satt, als vier hungrig. Lange habe ich—«

»Verzeihen Sie recht sehr, ich muß aber hier allen Ernstes—schon als Älterer—auf dem Rechte des Vortrittes bestehen«, damit schob ihn der Panther—nach einem kurzen Wortwechsel mit dem Fuchs höflich aber bestimmt zur Seite mit den Worten:

»Mich, meine Herrschaften, zur Stillung des allgemeinen Hungers anzubieten, ist mir nicht nur Bushido, ja sogar Herzenswunsch; ich äh—ich äh—«

»Lieber, lieber Freund, wo denken Sie hin«, unterbrachen ihn alle, auch der Löwe (Panther sind bekanntlich ungemein schwierig zu schlachten), »Sie glauben doch nicht im Ernst, wir würden—Ha, ha, ha.«

Verdammte Geschichte, dachte sich das vornehme Kamel, und eine böse Ahnung stieg in ihm auf. Ekelhafte Situation;—aber Bushido, übrigens—ach was, einmal ist's ja schon geglückt, also Bushido!!

Mit lässiger Gebärde ließ es das Monokel fallen und trat vor.

»Meine Herren, äh, ein alter Satz sagt: Dulce et decorum est pro patria mori! Wenn ich mir also gestatten darf—«

Es kam nicht zu Ende.

Ein Gewirr von Ausrufen ertönte: »Natürlich, Verehrtester, dürfen Sie«, hörte man den Panther höhnen.

»Pro patria mori, jauchhu,—dummes Luder, werde dir geben Smoking und weiße Krawatte«, gellte der Rabe dazwischen.

Dann ein furchtbarer Schlag, das Brechen von Knochen, und Harry S. Tschitrakarna war nicht mehr.

Tja, Bushido ist eben nicht für Kamele.

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Das verdunstete Gehirn

Erstveröffentlichung: Simplicissimus, 1906, Jg. 11, Heft 33, Seite 531

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Dem Schuster Voigt in Ehrfurcht gewidmet

Hiram Witt war ein Geistesriese und als Denker gewaltiger und tiefsinniger noch als Parmenides. Offenbar,—denn über seine Werke sprach überhaupt nicht ein einziger Europäer.

Daß es ihm schon vor zwanzig Jahren gelungen war, aus animalischen Zellen unter dem Einfluß des magnetischen Feldes und durch mechanische Rotation vollständig ausgebildete Gehirne auf Glasplatten wachsen zu lassen, Gehirne, die, nach allem zu schließen, sogar selbständig zu denken vermochten,—hatte zwar hie und da in Zeitungen gestanden, wissenschaftliches, tieferes Interesse aber hatte es nicht geweckt.

Derlei Dinge passen auch gar nicht in unsere Zeit. Und dann,—was sollte man in Deutsch sprechenden Ländern mit selbständig denkenden Gehirnen?!

Als Hiram Witt noch jung und ehrgeizig war, hatte er fast jede Woche ein oder zwei der von ihm mühsam erzeugte Gehirne in die großen wissenschaftlichen Institute geschickt,—man möge sie prüfen, sich äußern über sie! Das war denn auch gewissenhaft geschehen;—der Wahrheit die Ehre.

Man hatte die Dinger in gläsernen Dosen warm gestellt, ihnen sogar von dem berühmten Gymnasialprofessor Aurelian Fließpapier gründliche Vorträge über Häckels Welträtsel halten lassen—auf die Einmischung einer hohen Persönlichkeit hin natürlich—, aber die Resultate waren derart unerfreulicher Natur gewesen, daß man von weiteren Bildungsversuchen abzusehen sich fast gezwungen sah. Man denke nur: schon bei Einleitung des Vortrages waren die meisten Gehirne unter lautem Knall geplatzt, andere wieder hatten ein paarmal wild gezuckt, waren alsbald unauffällig krepiert und hatten dann gräßlich gestunken.

Ja, eines sogar, ein starkes lachsfarbenes Exemplar, soll sich blitzschnell umgedreht, seine gläserne Dose gesprengt haben und die Wand hinaufgeklettert sein.

Und was der große Chirurg Professor Wasenmeister über die Gehirne gesagt hatte, war auch recht abfällig gewesen.

»Ja, wenn es noch Blinddärme waren, die man herausschneiden könnte«, hatte er gesagt,—»aber Gehirne! In Gehirnen gibt es doch gar keine Blinddärme.«

Die neue Erfindung war damit abgetan.—

Das ist jetzt Jahre her.

Hiram Witt hat seitdem Gehirne nur noch an den Restaurateur Kempinski geliefert,—fünfzig Prozent billiger als die Metzger der Stadt und mit dem Erlös sein Leben und die Kosten neuer Versuche bestritten.

Eines Tages nun saß er wieder einmal in seinem Studierzimmer, Schnedderedengsstraße Nr. 8 im dritten Stock, regungslos wie ein Steinbild, vor einer Glasscheibe, die sich in stählernen Achsensystemen mit so rasender Schnelle drehte, daß sie nur noch einem matt leuchtenden Nebel glich.

Die ganze Nacht hatte er bei dem Experimente zugebracht und mit starrem Auge den Verlauf beobachtet.

Wissen die verborgenen Kräfte der Natur den Zeitpunkt gekommen, wo sie ihr Geheimnis der Willkür des Menschen preisgeben müssen, so verschließen sie eifersüchtig mit unsichtbaren Händen die Pforten seiner Sinne vor dem Außen und verraten im kaum vernehmlichen Flüstertone der Seele den verborgenen Pflanzort ihres Wesens, ihren Namen und wie sie gerufen sein wollen und wie man sie bannt; sie hassen die müßigen Horcher, die an den Schwellen des Bewußtseins lungernden Gedanken, und da darf kein Mitwisser sein. In solchen Augenblicken überfällt uns ein fremdartiges, lauerndes Wachsein der Innenwelt, und es ist, als hämmere sich der Puls einen neuen ungewohnten Rhythmus. Als hätte der Atem sein eigenes Leben vergessen, drängt sich eine andere als die grobe atmosphärische Luft—ein unbekanntes, unwägbares Flüssiges—heran, unser Blut zu ernähren.

So schien seit Mitternacht Hiram Witt—ohne Atem, fast ohne Herzschlag—nichts anderes mehr wahrzunehmen, als die schimmernde gläserne Scheibe, die vor ihm—ein aus seinem Körper ausgetretener stoffgewordener Gedanke—surrend um ihre Achse wirbelte.

Die hallenden, langgestreckten Töne, die nächtlich eine schlummernde Stadt durchziehen, wie einsam fliegende Eulen, trafen sein Ohr nicht.

Und die schattenhaften Arme des Schlafdämons, wie er um die zweite und fünfte Stunde leise, leise aus dem Boden wächst,—hinter Schränken und Türen hervor hinter die Wachenden huscht, mit flaumweichen schwarzen Riesenhänden nach den noch glimmenden Funken des Bewußtseins der Wesen zu schlagen,—glitten machtlos an ihm ab.

Der tappende Morgen ging an ihm vorbei, die Sonne schob das zwergenhafte Licht seiner Lampe beiseite,—er fühlte es nicht und wußte es nicht.

Unten auf der belebten Straße die schrillenden Pfeifen und das klingende Spiel der Soldaten, die—goldbeknopft—vor sich das symbolische Ochsenhorn, die Stadt durchzogen, er hörte es nicht.

Es wurde zwölf Uhr, und die Mittagsglocken fielen brüllend über das kläffende Gassengelärm her, da endlich zuckte Hiram Witts Hand in die schwirrenden Räder und brachte das Getriebe zum Stehen.

In einer Mulde der Glasscheibe war jetzt ein kleines menschliches Gehirn sichtbar und an ihm,—wie sich der Gelehrte mit einem hastigen Blick überzeugte,—ein winziger Nervenansatz,—der Beginn, der Keim —eines Rückenmarkes!

Hiram Witt taumelte vor Erregung.

Da! Da!

Gefunden,—endlich hatte er es gefunden,—das letzte fehlende Glied in der Kette: Mathematische, rein gedankliche Größen die Achsen des Weltalls! Nichts sonst!

Kein Rest, kein Kern mehr, um den sich die Eigenschaften scharen, bloß Gleichgewicht-gebärende Zahlen;—und ihr Verhältnis zueinander allein des Lebens einzige Wurzel.—Sichtbarkeit, Greifbarkeit, Schwere, —wie sie verschwinden! Wie Rechenfehler verschwinden!—

Gehirn verhält sich zu Rückenmark, wie die Schwerkraft zur Zentrifugalen. Das war des letzten Rätsels Lösung.

Ja, ja, wer richtig es begreift und die simplen Handgriffe kennt, der kann es auch sichtbar machen und fühlbar,—»stofflich«, wie es die Tölpel nennen.

Hiram Witt sah ganz verstört um sich,—die Brandung seiner Gedanken, die sein Inneres durchbrausten,—verwirrte ihn.

Er mußte sich orientieren, wo er eigentlich sei, und beinahe wäre er heftig erschrocken, als sein Blick auf den nackten menschlichen Körper fiel —gegenüber an der Wand,—den er mühsam durch volle zwanzig Jahre aus winzigen Zellen großgezogen,—wie man einen Gummibaum großzieht,—und der nun als erwachsenes, bewußtloses Geschöpf vor ihm stand. Hiram lächelte froh: »Auch eine meiner überflüssigen Arbeiten!

Wozu überhaupt einen Körper bauen?

Kann ich nur Gehirn und Rückenmark hervorbringen, was soll mir da noch solcher Betätigungsplunder?«

Und wie der wilde Jäger ruhelos mit seinen gespenstischen Hunden vorwärts rast, so stürmte seine Seele mit krausen Gedanken in eine phantastische Zukunft, wo er Weltenkörper aus dem Reiche des Seins werde schwinden machen können, wie ein Divisor Zahlenmassen zerstört.

Ein hundertstimmiges Hurra von der Straße herauf zerriß die Luft, Hiram Witt öffnete schnell das Fenster und blickte hinaus:

Ein Strolch mit einer Soldatenmütze und ein Pavian in Offiziersuniform waren in einer Droschke vorgefahren und musterten—umstanden von einer begeisterten Menge und einem Halbkreis in Ehrfurcht versunkener Schutzleute —die Fassade des Hauses.

—Und gleich darauf begannen die beiden, der Affe voran, den Blitzableiter hinaufzuklettern, bis sie im ersten Stock anlangten, die Scheiben zerschlugen und einstiegen.

Einige Minuten später warfen sie Kleider, Möbel und einige Handkoffer durch das Fenster auf die Straße hinab, erschienen dann wieder auf dem Sims und setzten ihre Kletterei zum zweiten Stock fort, wo sich dasselbe Schauspiel wiederholte.

Hiram Witt begriff sofort, was ihm bevorstand, und suchte rasch in seinen Taschen zusammen, was er an Geld und Goldeswert besaß.

Im selben Augenblick schwangen sich der Affe und der Strolch auch schon über die Fensterbrüstung ins Zimmer.

—»Ich bin«, sagte der Strolch, »ich bin ...«

»Ja, ja, ich weiß, Herr Hauptmann, Sie sind der Gauner, der gestern das Rathaus von Köpenick erobert hat«, fiel ihm der Gelehrte in die Rede.

—Eine Sekunde nur war der Strolch sprachlos, dann wies er stolz auf das buntgefärbte Hinterteil des Pavians und sagte: »Dieser Herr in Uniform ist meine Legitimation, äh.«

»Wahrlich, das Gesäß, man überschätzt es heutzutage allzusehr«, dachte Hiram Witt und reichte schlicht 4 Mark 50 Pfennig, eine Uhrkette aus Silber und drei goldene ausgefallene Zahnplomben hin: »Das ist alles, was ich für Sie tun kann.«

Der Strolch wickelte die Beute sorgsam in Papier, steckte sie in die Tasche und schrie: »Schweinehund! Äh! Hacken zuu—samm'!«—

Und während Hiram Witt gehorsam Folge leistete, schwangen sich der Pavian und der Strolch in würdevoller Haltung aus dem Fenster.—

Unten ertönte das Hurra der Schutzleute, als man der Uniformen abermals ansichtig wurde.

Traurig setzte sich der Gelehrte wieder an seinen Experimentiertisch: »Da heißt es schnell sechs Gehirne für Kempinski fertig zu machen, um den Schaden wieder einzubringen. Übrigens halt, eines, scheint mir, ist noch von gestern übrig.«

Und er holte unter dem Bett einen Teller mit einem prächtigen lebenden Gehirn hervor und stellte ihn auf den Tisch. Setzte die Glasscheibe in Bewegung und wollte eben die Arbeit beginnen, da klopfte es energisch und gleichzeitig erschütterte dumpfes, mächtiges Dröhnen das Haus.

Hiram Witt stieß wütend seinen Sessel zurück.

»Kommt man heute denn gar nicht zur Ruhe!«

Da wurde die Türe aufgerissen, und im Stechschritt marschierte ein Off'ßier, gefolgt von einigen Kanonieren, ins Zimmer:

»Äh! Sie sind der Jehirnfatzke Hiram Witt?! Äh!—Schweinehund! Stillje—stann'! Hände an die Hosennaht!«

Gehorsam richtete Hiram Witt sich auf, fuhr mit den Händen zuerst unschlüssig am Körper herum und steckte sie dann,—wie plötzlich erleuchtet,—zwischen seine Beine. Der Off'ßier zog die Schnauze schief:

»Äh! Kerl, verrückt jeworden! Hosennaht, äh, Hosennaht.«

»Pardon, meine Hosen sind nämlich innen genäht; ich bin nicht Reserveleutnant; ich weiß nicht, welche Hosennaht Sie meinen«, antwortete unsicher der Gelehrte.

»Was wünschen Sie denn überhaupt von mir«, wollte er weiter sprechen, »der Herr Hauptmann aus dem Rathaus war doch soeben hier; oder sollten gar Sie der Schuster Voigt aus Köpenick sein?«—aber der Off'ßier unterbrach ihn: »Hier! Äh! Lejitimatziong.«

Und Hiram Witt las:


Lejitimatziong

Ick bestätije hiemit auf Off'ßiersehrenwort, daß ick Hauptmann Fritz Schnipfer Edler von Zechprell bin.

gez. Fritz Schnipfer von Zechprell Hptm. Jarde Re'ment 1000


und erkannte auf den ersten Blick an der Handschrift, daß der Schreiber sich im ersten Stadium der Gehirnparalyse befinde. Er machte dem Off'ßier eine tiefe Verbeugung.

Unterdessen waren die rhythmischen Stöße, die das Haus erschütterten, immer näher gekommen, und schließlich schob eine Kanone neugierig ihr rundes Maul zur Türe herein.

Das war aber eigentlich überflüssig, denn der Gelehrte legte sowieso nicht die geringsten Zweifel mehr an den Tag, und als dem Hauptmann bei einer Handbewegung gar ein Zettel aus der Tasche fiel, auf dem deutlich zu lesen ein Rezept über Zinksulfat stand, wurden Hiram Witts Mienen nur noch überzeugter.

»Äh, Jehirnfatzke Witt, sechzig Jarhe alt, Beruf: Individuum, wohnhaft Schnedderedengstraße 8, Sie erzeugen sei zwanzig Jahren künstliche Menschen, —wa?« inquirierte der Off'ßier, nahm seinen Helm ab und stülpte ihn achtlos über das Gehirn, das auf dem Tische lag.

Der Gelehrte verbeugte sich zustimmend.

»Wo sind se?« fragte der Off'ßier weiter.

Hiram Witt zeigte auf den nackten Menschen ohne Hirn, der an der Wand lehnte.

»Is er zum Militärdienst jemeldet?«

Der Gelehrte verneinte befremdet.

»Flichtvajessna Schweinehund!« brüllte der Off'ßier und gab seinen Kanonieren ein Zeichen, worauf diese sofort die Wohnung auszuräumen begannen und Stühle, Betten, Kleider, Apparate und schließlich auch den künstlichen Menschen aus dem Zimmer trugen.

»Wollen wir ihm nicht das Gehirn einfüllen, wenn er schon zum Militär soll?« fragte Hiram Witt resigniert und hob, obwohl der Off'ßier verächtlich verneinte, den Helm vom Teller ab.

Was sich da nun zeigte, war derart überraschend und unheimlich, daß dem Gelehrten der Helm aus der Hand fiel. Das Gehirn, das sich darunter befunden, war nicht mehr vorhanden, und an seiner Stelle lag—an seiner Stelle lag—ein Maul!

Ja, ja, ein Maul.

Ein schiefes Maul mit eckig aufwärts gebogenem Schnurrbart.

Hiram Witt starrte entsetzt auf den Teller.

Ein wüster Hexentanz begann in seinem Schädel.

So schnell also verwandelt der Einfluß eines Helmes ein Gehirn in ein Maul!!

Oder liegt die Ursache anderswo?

Hat vielleicht die scharfe metallene Helmspitze eine Art galoppierende Verdunstung eingeleitet?

So, wie z. B. der Blitzableiter ein Ausströmen der Erdelektrizität begünstigt!?

Hat die Polizei vielleicht deshalb Kugeln auf den Helmspitzen, um solche Verdunstungen aufzuhalten? Aber nein, denn dann hätte man die Folgen doch schon bemerken müssen.—Bemerken müssen.—Bemerken müssen—Der Bürgermeister von Köpenick —Ein Pavian—Null dividiert durch Null gibt eins. Hilfe, Hilfe, der Wahnsinn. Hilfe, ich werde verrückt.—

Und Hiram Witt schrie gellend auf, drehte sich einigemal um sich selbst und fiel dann lang hin. Aufs Gesicht.

Der Off'ßier, die Mannschaft und die Kanone waren längst fort. Die Wohnung leer.—In der Ecke kauerte Hiram Witt, ein blödsinniges Lächeln auf den Lippen, und zählte rastlos an seinen Knöpfen ab: »Hauptmann Zechprell, Schuster Voigt, Schuster Voigt, Hauptmann Zechprell, echt, unecht, echt, unecht, Zinksulfat, echt, Gehirnerwechung, Hauptmann Zechprell, Schuster Voigt.«

Schließlich steckte man den Ärmsten ins Irrenhaus, aber sein Wahnsinn läßt nicht nach:—an stillen Sonntagen kann man ihn singen hören:


»Von der Maas bis an die Me—he—mel,
Von der Etsch bis an den Belt,
Deutschland, Deutschland, üü—ber
a—ha—lles, Über alles in der Welt.«

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Der Buddha ist meine Zuflucht

Erstveröffentlichung: Simplicissimus, 1906, Jg. 11, Heft 16, Seite 252

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Das hab' ich gehört:

Zu einer Zeit lebte ein alter Musiker in dieser Stadt; arm und verlassen. Das Zimmer, in dem er wohnte, in dem er einen Teil der Nacht zubrachte und einen Teil des Tages, war eng, düster, armselig, und in dem armseligsten, engsten, düstersten Viertel gelegen.

Nicht von je war der Alte so verlassen gewesen. An Jahre konnte er nicht zurückdenken, an Jahre voll Pracht und Prunk—und was an Glanz die Erde dem Reichtum bietet, das hatte sie einst ihm geboten.

Was an Freude der Erde vom Freudvollen bietet, das hatte sie einst ihm geboten.

Was an Wonnen und Schönheit die Erde dem Glücklichen bietet und dem Schönen bietet, das hatte sie auch ihm geboten.

An einem Tage aber war die Wende in seinem Glück gekommen. So wie an einem hellen Morgen die Sonne aufsteigt im wolkenlosen Himmel, ihren Höhepunkt erreicht an Klarheit, um dann niederzugehen und in trübes Dunkel zu tauchen, in dichtes Dunkel zu tauchen, in undurchdringliches Dunkel zu tauchen, dann unsichtbar wird, in Nacht versinkt.

Und als die Wende in seinem Glücke gekommen war und jeder neue Tag neues Unheil brachte, hatte er Hilfe im Gebet gesucht;—auf daß sein Untergang aufgehalten werde, auf den Knien gelegen lange und viele Nächte.

Aber Pracht und Prunk verblaßten, Freude und Glanz schwanden dahin, sein Reichtum zerbrach. Sein Weib verließ ihn, sein Kind starb, als er in seiner Armut nichts mehr besaß, es zu pflegen.

Da hatte er um nichts mehr gebetet.

So trat seine Seele in die Dunkelheit.

Wie in tiefer Nacht, wenn Finsternis die Formen und Kanten und Farben der Dinge und Wesen verschlungen hat, und eines dem andern nicht mehr kann unterschieden werden,—wie in tiefer Nacht der Himmel sich leise, unmerklich hellt vom Schimmer des kommenden Mondes und flüsternd die verschwundenen Formen und Kanten der Dinge und Wesen zu einem anderen Leben weckt, so tauchten leise, unmerklich, flüsternd aus dem Dunkel seines Herzens die Worte auf, die er einstmals vernommen, gelesen irgendwann in der Zeit seines Reichtums,—die Worte des Buddha:


»Daher schließ dich an Liebes nicht,
Geliebtes lassen ist so schlimm!
Kein Daseinsband verstricket den,
Dem nichts mehr lieb noch unlieb ist.
Aus Liebem sprießet Gram hervor,
Aus Liebem sprießet Furcht hervor,
Wer sich von Liebem losgesagt,
Hat keinen Gram und keine Furcht.
Dem Lebenstrieb entsprießt der Gram,
Dem Lebenstrieb entsprießt die Furcht:
Wer losgelöst vom Lebenstrieb,
Hat keinen Gram und keine Furcht.«


Da trat seine Seele in die Dämmerung.

Alles Wünschen und alles Hoffen war von ihm abgefallen, aller Gram, alle Gier, alles Leid, alle Freude.

Morgens, wenn er erwachte, sandte er seine Liebe und sein Mitleid nach Osten, nach Westen, nach Süden, nach Norden, nach oben, nach unten, und wenn er seine Arbeit begann, murmelte er: »Der Buddha ist meine Zuflucht«, und wenn er sich schlafen legte, murmelte er: »Der Buddha ist meine Zuflucht.«

Wenn er sein karges Mahl einnahm, wenn er trank, wenn er aufstand oder sich niedersetzte, wenn er fortging oder wiederkam, murmelte er: »Der Buddha ist meine Zuflucht.«

Verschlossen wurden da die Tore seiner Sinne, daß Wünschen und Hassen, —Gier, Leid und Freude keinen Einlaß mehr fanden.

An Feiertagen, wenn die Glocken läuteten,—zuweilen—, holte er eine Glasplatte hervor und befestigte sie an seinem Tisch, schüttete feine Sandkörner darauf, und wenn er mit dem Bogen seines Cello an dem Rande des Glases niederstrich, daß es sang, schwingend und klingend, tanzte der Sand und bildete kleine, regelmäßige Sterne.—Klangfiguren.

Und wie die Sterne und Formen entstanden, wuchsen und vergingen und wieder entstanden, gedachte er dumpf der Lehre des Buddha Gautama vom Leiden, von der Leidensentstehung, von der Leidensvernichtung, von dem zur Leidensvernichtung führenden Pfad.

»Der Buddha ist meine Zuflucht.«

In das Land zu ziehen, wo die Heiligen leben, die um nichts mehr zu beten haben—, wo einst der Erhabene, Vollendete geweilt—der Asket Gotamo—und den Weg zur Freiheit gewiesen,—war seine glühende Sehnsucht.

Dort zu suchen, zu finden den Kreis der wenigen, Erkorenen, die den lebendigen Sinn der Lehre behüten, den von Herz zu Herzen vererbten, unverdeuteten, unverwirrten, zur atmenden Kraft gewordenen,—war seine glühende Sehnsucht.

Und das Geld zu erwerben, nach Indien pilgern zu können, in das Land seiner glühenden Sehnsucht, spielte er mit verschlossenen Sinnen sein Cello in Schenken seit Tagen und Wochen und Monaten und vielen, vielen Jahren.

Wenn seine Gefährten ihm seinen schmalen Teil reichten, von dem, was sie ersammelt, dachte er an den Erhabenen, Vollendeten,—daß er Ihm wieder näher sei um einen Schritt: »Der Buddha ist meine Zuflucht.«

Weiß und gebrechlich war er so geworden, da kam der Tag, der ihm die letzten noch fehlenden Kreuzer brachte.

In seinem armseligen düsteren Zimmer stand er und starrte auf den Tisch.

Was sollte das Geld dort auf dem Tisch!?—Warum hatte er es gesammelt?

Sein Gedächtnis war erloschen.

Er sann und sann, was sollte das Geld dort auf dem Tisch!

Sein Gedächtnis war erloschen.

Er wußte nichts mehr und konnte nicht mehr denken. Nur immer wieder und wieder, wie eine Welle aus den Wassern springt und zurückfällt, tauchte der Satz auf in seinem Hirn: »Der Buddha ist meine Zuflucht. Der Buddha ist meine Zuflucht.«

Da öffnete sich die Türe, und sein Gefährte, der Geiger, ein mildtätiger, mitleidsloser Mensch, trat herein.

Der Alte hörte ihn nicht und starrte auf das Geld.

»Wir sammeln heute für die Kinder der Armen«, sagte endlich leise der Geiger.

Der Alte hörte ihn nicht.

»Wir sammeln heute für die Kinder derer, die vom Wege stehen.

Wir alle, arm und reich.—Daß sie nicht frieren und nicht verderben, nicht hungern. Daß sie gepflegt werden, wenn sie krank sind. —

Willst du nichts geben. Alter?—Und bist doch so reich!«

Der Alte begriff den Sinn der Worte kaum; das dumpfe Gefühl, er dürfe nichts wegnehmen, nichts hergeben von dem Gelde dort auf dem Tisch, hielt sein Herz fest wie ein Bann. Er konnte nicht sprechen, ihm war, als hätte er diese Welt vergessen.

Ein Traumgesicht zog an ihm vorüber.—Er sah die glühende Sonne Indiens über regungslosen Palmen und schimmernden Pagoden und in der Ferne die weißen Berge blinken.

Die unbewegliche Gestalt Gautama Buddhas kam wie von weitem heran, und wie ein Echo hörte er im Herzen die kristallene Stimme des Vollendeten erklingen, wie sie einst im Walde bei Sumsumaragiram die seltsamen Worte gesprochen:

»So seh' ich dich denn hier, Böser!—Laß die Hoffnung fahren: ›Er sieht mich nicht!‹

Wohl kenn' ich dich, Böser, laß die Hoffnung fahren: ›Er kennt mich nicht‹—Maro bist du, der Böse.

Nicht den Vollendeten plage, nicht des Vollendeten Jünger.—

Weiche von hinnen aus dem Herzen, Maro, weiche von hinnen aus dem Herzen, Maro.«

Da fühlte der Alte, als lasse eine Hand von ihm. Er gedachte seines eigenen Kindes,—das gestorben, weil er in seiner Armut nichts hatte, es zu pflegen.—Da nahm er all das Geld, das auf dem Tisch lag, und gab es dem Geiger.

»Der Buddha ist meine Zuflucht.

Der Buddha ist meine Zuflucht.«

Der Geiger war fort, und der Alte hatte, wie an Feiertagen, zuweilen—, wenn die Glocken läuteten, die Glasplatte hervorgeholt und am Tische befestigt.

Und feine Sandkörner darauf geschüttet.

Als er mit dem Bogen seines Cello an dem Rande des Glases niederstrich, daß es sang, schwingend und klingend, tanzte der Sand und bildete kleine, regelmäßige Sterne.

Und wie die Sterne und Formen entstanden, wuchsen und vergingen und wieder erstanden, gedachte er dumpf der Lehre des Buddha Gautama vom Leiden, von der Leidensentstehung, von der Leidensvernichtung, von dem zur Leidensvernichtung führenden Pfad. Da begab es sich, daß durch das löchrige Dach des Zimmers eine Schneeflocke herab auf den Tisch fiel, einen Augenblick verweilte und zerging.—Ein kleiner, feiner, regelmäßiger Stern.

Wie ein Blitz die Finsternis zerreißt, plötzlich—so war da das Licht der Erkenntnis in das Herz des Alten gefallen:

Töne, unerkannte, unhörbare, jenseitsliegende, sind der Ursprung dieser Flocken, dieser Sterne, sind der Ursprung der Natur, der Ursprung aller Formen, der Wesen und Dinge, sind der Ursprung dieser Welt.

Nicht ist diese Welt die wirkliche: klarward er sich dessen bewußt.

Nicht ist diese Welt die wirkliche, nicht entstehende, nichtvergehende, nichtwiederumentstehende Welt:—klar ward er sich dessen bewußt.

Und klaren bewußten Sinnes erkannte er des Weltalls verborgenen Pulsschlag und das Innere seines Herzens des Abgeklärten, Trieberstorbenen, Wahnversiegten, darinnen die Stille des Meeres herrschte und eine letzte Welle schlafengehend sprang und fiel:


»Der Buddha ist meine Zuflucht ...
Der Buddha ist meine Zuflucht.«

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Die Urne von St. Gingolph

Erstveröffentlichung: Simplicissimus, 1906, Jg. 10, Heft 42, Seite 496

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Von St. Gingolph eine halbe Wegstunde—hinter den Hügeln—liegt ein uralter Park, verwildert und einsam—auf keiner Karte vermerkt.

Vor Jahrhunderten schon mag das Schloß, das einst in seiner Mitte stand, zerfallen sein; Reste weißer Grundmauern—kaum bis zur Kniehöhe eines Mannes—ragen verloren aus dem wilden, tiefen Gras wie gebleichte gigantische Zahnstümpfe eines Ungeheuers der Vorzeit.

Alles hat achtlos die Erde verscharrt und der Wind vertragen, Namen und Wappen, Tor und Tür.

Und auf Türme und Giebel hat die Sonne gestarrt, bis alles langsam und unmerklich in Atome zerfiel,—um dann als toter Staub mit dem Dunste des Tales emporzuwandern.

So ruft die zehrende Sonne die Dinge dieser Erde.

Eine verwitterte steinerne Urne, tief im Schatten von Zypressen, hat sich der Park noch bewahrt aus der Zeit eines vergessenen Lebens; die dunklen Äste haben sie verborgen vor den Ungewittern.

Neben dieser Urne warf ich mich einst ins Gras, habe auf das verdrossene Treiben der Krähen da oben in den Wipfeln gehorcht, wenn über die Sonne die Wolken ihre Hände legten;—und als schlössen sich traurig tausend Augen um mich her, war mir dann, wenn das Licht des Himmels erlosch.

Lange lag ich so und rührte mich kaum.

Die drohenden Zypressen hielten finster Wache bei der Urne, die auf mich herniedersah mit ihrem verwitterten Steingesicht wie ein Wesen ohne Atem und Herz—grau und empfindungslos.

Und meine Gedanken glitten leise in ein versunkenes Reich hinab, voll Märchenhaus und dem heimlichen Klingen metallener Saiten;—ich dachte, geschmückte Kinder müßten kommen und auf den Zehenspitzen stehend mit kleinen Händen Kieselsteine und dürres Laub in die Urne werfen. Dann grübelte ich lange nach, warum ein schwerer Deckel auf dieser Urne lag wie eine steinerne trotzige Hirnschale, und mir wurde so eigen seltsam bei dem Gedanken, daß der Luftraum in ihr und die armseligen paar vermoderten Dinge, die sie bergen mochte, vom Herzschlag des Lebens so zwecklos und geheimnisvoll wohl für immer geschieden seien.

Ich wollte mich bewegen und fühlte, wie meine Glieder fest im Schlafe lagen und wie die farbigen Bilder der Welt langsam verblaßten.

Und ich träumte, die Zypressen seien jung geworden, und unmerklich schwankten sie in leisem Windhauch.

Auf der Ulme schimmerte das Licht der Sterne, und der Schatten eines nackten riesigen Kreuzes, das stumm und gespenstisch aus der Erde ragte, lag wie der Eingang in einem finsteren Schacht auf dem weißen nächtlichen Glanz der Wiese.

Die Stunden schlichen, und hie und da für eine Spanne Zeit flossen leuchtende Kreise auf das Gras und über die glitzernden Dolden des wilden Fenchel, der dann zauberhaft erglühte gleich farbigem Metall,—Funken, die der Mond durch die Stämme des Waldes warf, wie er über die Hügelkämme zog.

Der Park wartete auf etwas oder auf jemand, der kommen sollte, und als vom Wege—vom Schlosse her, das in tiefer Dunkelheit versunken lag, der Kies unter Schritten leise klirrte und die Luft das Rauschen eines Kleides herübertrug, schien es mir, als streckten sich die Bäume und wollten sich vorneigen, dem Ankömmling warnende Worte zuzuraunen.

Es waren die Schritte einer jungen Mutter gewesen, die aus dem Schlosse kam, sich vor dem Kreuze niederzuwerfen, und jetzt den Fuß des Holzes verzweifelt umschlang.

Es stand aber ein Mensch im Schatten des Kreuzes, den sie nicht sah und dessen Hiersein sie nicht ahnte. Er, der ihr schlummerndes Kind in der Dämmerung aus der Wiege gestohlen hatte und hier auf ihr Kommen wartete, Stunde um Stunde—ihr Gatte, von nagendem Argwohn und quälenden Träumen aus der Ferne heimgetrieben.

Er hielt sein Gesicht an das Holz des Kreuzes gepreßt und lauschte mit angehaltenem Atem den geflüsterten Worten ihres Gebetes.

Er kannte die Seele seines Weibes und die verborgenen Triebfedern der inneren Natur und hatte gewußt, sie würde kommen. Zu diesem Kreuz. So hatte er es auch im Träume gesehen.—Sie mußte kommen, ihr Kind hier zu suchen.

Wie das Eisen zum Magnetstein muß, wie der Instinkt die Hündin ihr verlorenes Junges finden läßt, so wird dieselbe dunkle rätselhafte Kraft —und wäre es im Schlafe—auch den Fuß einer Mutter lenken. —

Der Betenden zur Warnung rauschten die Blätter und Zweige, und der Tau der Nacht fiel auf ihre Hände. Sie aber hielt die Augen gesenkt, und ihre Sinne waren blind in Sorge und Gram um ihr verschwundenes Kind.

Darum fühlte sie nicht, daß das Kreuz nackt war und den nicht trug, zu dem sie rief, und der da gesagt hatte: gehe hin und sündige hinfort nicht mehr.

Der aber statt Seiner die Worte ihrer Pein hörte, wollte ihr ein Beichtiger ohne Erbarmen sein.

Und sie betete und betete, und immer deutlicher formte sich ihr Flehen zu dem Geständnis—Siehe, Herr, nicht an meine Schuld, und wie du vergabst jener Ehebrecherin ...—da stöhnten die alten Äste laut auf in Qual und Angst und griffen wild nach dem Horcher hinter dem Kreuze und faßten seinen Mantel—, ein Windstoß raste durch den Park.

Die letzten verräterischen Worte riß sein Sausen fort, ein haßerfülltes Ohr aber täuscht auch der Sturm nicht, und blitzartig reift zur Gewißheit, was als Argwohn lange gekeimt.

Wieder Todesstille ringsumher.

Die Beterin am Kreuz war zusammengesunken,—regungslos wie in tiefem Schlafe gefangen.

Da drehte sich leise, leise der steinerne Deckel, und die Hände des Mannes leuchteten weiß aus der Dunkelheit, wie sie langsam und geräuschlos gleich großen furchtbaren Spinnen um den Rand der Urne krochen.

Kein Laut im ganzen Park.—Lähmendes Entsetzen schlich durch die Finsternis.

Linie um Linie senkten sich und schwanden die steinernen Schraubengänge.

Da traf durch das Dickicht ein winziger Mondstrahl ein Ornament der Urne und schuf auf dem geschliffenen Knauf ein glühendes, gräßliches Auge, das mit glotzendem, tückischem Blick weit aufgerissen in das Gesicht des Mannes starrte.

Von Grauen und Furcht gehetzte Füße flohen durch das Gehölz, und das Prasseln des Reisigs schreckte die junge Mutter auf.

Das Geräusch wurde schwächer, verlor sich in der Ferne und erstarb.

Sie aber achtete nicht darauf und lauschte in die Dunkelheit mit stockendem Pulse einem unmerklichen, kaum hörbaren Laut nach, der wie aus der Luft entstanden ihr Ohr getroffen hatte.

War das nicht ein leises Weinen gewesen? Ganz dicht bei ihr?

Unbeweglich stand sie und horchte und horchte mit verbissenen Lippen; ihr Ohr wurde scharf wie das Ohr eines Tieres,—sie hemmte den Atem bis zum Ersticken und hörte dennoch den Hauch aus ihrem Munde wie das Rauschen des Sturmwindes;—das Herz dröhnte, und ihr Blut brauste in den Adern gleich tausend unterirdischen Quellen.

Sie hörte das Scharren der Larven in der Rinde der Bäume und die unmerkbaren Regungen der Halme.

Und die rätselhaften Stimmen der keimenden ungeborenen Gedanken des Innern, die das Schicksal des Menschen bestimmen, seinen Willen in unsichtbare Fesseln zu schlagen, und doch leiser, viel viel leiser sind als der Atem der wachsenden Pflanzen, schlugen fremdartig und dumpf an ihr Ohr. Dazwischen ein Weinen, ein schmerzliches Weinen, das sie ganz umhüllte, das über ihr und unter ihr ertönte—in der Luft—in der Erde.

Ihr Kind weinte,—irgendwo—da—dort—ihre Finger krampften sich in Todesangst—Gott würde es sie wieder finden lassen.

Ganz, ganz nahe bei ihr mußte es sein,—Gott wollte sie nur prüfen, —gewiß.

Jetzt klingt das Weinen näher—und lauter; der Wahnsinn schwingt seine schwarzen Fittiche, die den Himmel verfinstern werden—ihr ganzes Gehirn ist ein einziger schmerzender Hörnerv.

Einen, nur einen Augenblick Erbarmen noch, o Gott, bis ihr Kind wiedergefunden ist.—Verzweifelt will sie suchend vorwärts stürmen, doch schon verschlingt das Geräusch des ersten Schrittes den feinen Laut, verwirrt das Ohr und bannt ihren Fuß an die alte Stelle.

Und hilflos muß sie stehen bleiben—regungslos wie ein Stein, um nicht jede Spur zu verlieren.

Wieder hört sie ihr Kind,—jetzt schreit es nach ihr, da bricht das Mondlicht durch den Park und fließt von den Wipfeln in schimmernden Strömen; und die Zieraten der Urne leuchteten wie nasses Perlmutter.

Die Schlagschatten der Zypressen deuten: Hier, hier ist dein Kind gefangen, den Stein zertrümmere. Schnell, schnell, eh' es erstickt; doch die Mutter hört nicht und sieht nicht.

Ein Lichtschein hat sie betrogen, besinnungslos hat sie sich in das Dickicht gestürzt, reißt sich blutig an den Dornen und zerwühlt das Strauchwerk wie ein rasendes Tier.

*

Grausig gellt ihr Schreien durch den Park.

Und weiße Gestalten kommen aus dem Schloß und schluchzen und halten ihre Hände und tragen sie mitleidig fort.

Der Wahnsinn hat seinen Mantel über sie gebreitet, und sie starb in derselben Nacht.

Ihr Kind ist erstickt, und niemand hat den kleine Leichnam gefunden; —die Urne hat ihn gehütet—bis er in Staub zerfiel. Die alten Bäume haben gekrankt seit jener Nacht und sind langsam verdorrt. Nur die Zypressen halten Leichenwacht bis zum heutigen Tag.

Nie sprachen sie ein Wort mehr und sind vor Gram starr und regungslos geworden.

Das Holzkreuz aber haben sie stumm verflucht, bis der Nordsturm kam —der riß es aus und warf es aufs Gesicht. Die Urne wollte er zerschmettern in seiner Wut, doch das hat Gott verboten; ein Stein ist immer gerecht, und dieser da war nicht härter gewesen als ein Menschenherz.

Schwer lastet es auf meiner Brust und macht mich erwachen. Ich sehe mich um, und der Raum unter dem Himmel ist erfüllt mit gebrochenem Licht.

Die Luft heiß und giftig.

Ängstlich scheinen die Berge zusammengerückt;—und schreckhaft deutlich jeder Baum.—Einzelne weiße Schaumstreifen jagen über das Wasser, von einer rätselhaften Kraft gehetzt!—der See ist schwarz; —wie der geöffnete Rachen eines tollen Riesenhundes liegt er unter mir.

Eine langgestreckte violette Wolke, wie ich sie noch niemals gesehen, schwebt in furchteinflößender Unbeweglichkeit hoch über dem Sturm und greift —ein gespenstischer Arm—über den Himmel.

Noch liegt wie ein Alp der Traum von der Urne auf mir, und ich fühle, das ist der Arm des Föhns—da oben—und seine ferne unsichtbare Hand tastet und sucht auf Erden nach jenem Herzen, das härter gewesen ist als Stein.

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Das Buch Hiopp

oder wie das Buch Hiob ausgefallen wäre, wenn es
Pastor Frenssen und nicht Luther übersetzt hätte.


Erstveröffentlichung: Simplicissimus, 1907, Jg. 12, Heft 22, Seite 342

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I.

Heute nu, meine Seele du, mußt de ma üwasetzen.


II. — Wohlßtand des frommen Hiopp


Nu paßt ma auf, ihr.

Lebte da ma 'n Mann recht schlecht, der hieß Hiopp und wohnte im Lande Uz —(N' komischen Name, nöch?)

Und der mied allens Böse wie ein ächten Pastohr.

War doch Hirte oder Pastohr. Is ja dasselbe.

Und zeugte sieben Söhne und drei Töchter.

Der älteste von den sieben war ein Bangbüx, der zweite aber dej war duckerisch und ein wetterwendschen Bengel und der dritte, achott, der Muttersohn—Awa das gehört jetzt allens nicht hieher.

Wollen ma ßpäter tühnen von,—nöch?

Also Hiopp zeugte sieben Söhne und drei Töchter und sein Beßtreben war, nu ma eben noch sieben Töchter und drei Söhne zu zeugen.—War ein tüchtigen Pastohr eben.

Hätte zusammen zwanzig ergeben, aber Jehova wollte es nich haben.

Denn hatte hej außerdem noch fumpfzichtausend Kamele, die hätten nu bei Hagenbeck sicher sonn Sstück zehn Millionen Reichsmark gekostet.

Er war ein auserwählten Knecht Gottes und hatte n' Mop op n' Buuk, das war groß und rot wie ein Reichsdahler, und denn hatte er seine Frau, ne ungeheuer runde Frau, allens war rund an ihr.

Eines Tages nu, der Tach war helle und ßteil, ßtückte er man eben gerade früh und schob seine Tasse hart torüch, da hieß es mit eins, Quittjes aus Chaldäa sind gekommen und haben drei Rotten gemacht und die Kamele wechgetrieben. Quatsch, tühn man nich, saschte Hiopp da und wollte es nich glauben.

Denn awa kam seine Frau und beßteetichte es.

Gotte doch, Hiopp, hatte sie gesaacht und an ihren Tränen gewischt.

Hiopp aber hatte nischt gesaacht.

Nur so vor sich hin gewunderwerkt hatte er. Und sein schweren Kopf zur Seite geleecht hatte er. Ja, das hatte er. Er truch es eben ßtattlich wie Königskleid!

Das allens war nu so gekomm': Im Text heißt es, Sahtahn hätte von Gott die Erlaubnis gekriecht, Hioppen heimzusuchen und wäre denn auch mit eins mit einem Arm wie der Wind in fünf Schornsteine gefahren.

Is natürlich allens Quatsch. Sahtahn gibt's doch gar keinen, und für Hiopp war es eben nich möchlich gewesen, sich zu damaligen Zeit gegen Einbruch zu vasichern.

Sind eben noch die dollen Zeiten gewesen, wo's norddeutschen Drill noch nich gab.

Und denn neigen nu überhaupt die Südländer in einsenfort gerne zu die phantastische Annahme von Sahtahn. Wenn sonn Südländer nu man eben bloß zur Welt kommt, is er all halbwegens Knülle.

Kam da nu wieder mit eins sonn dolles Malöhr.

Schluch das Haus, als alle seine Söhne in waren, längelang hin und begrub se alle.

Hiopp war nämlich arch unkluch gewesen und seine Häuser waren alle an die Ecke von der Wüste gebaut gewesen und denn war ne arch dolle Böö gewesen und hatte allens umgeprustet.

Bei uns in die Freien- und Hanse-ßteedte Hamburch und Lübeck wäre so was man nich möchlich gewesen, da sorcht die Baubehörde gegen.

Nur n' Fahl war übhrich nu.—Ein einzigen staakichen Fahl.

Haben auch sonn Fahl die reichen Rheeders Gebrüder Deependorf im Kneesebeekschen Garten in Winterhude bei Hamburch—Nöch? Ssteht heute noch!

Als es sich nu begeben hatte, daß Hiopp von dem Boten diese Hiobsbotschaft gehört hatte, riß er an seinen Augen und saachte: Dittmal lüggt hej, Gott sei Dank, dittmal lüggt hej. Und ßpuckte leise und trocken.

Der hiobsbote awa hatte nich gelogen!

Das ging nu Hiopp übern Sspaaß und hej schlenkerte mit die weiten Beinkleider und booch die großen Zehen nach unten, daß der liebe Gott angst und bange wurde.

Kiek nu ma, [Fußnote] hatte Sahtahn gesaacht,—hett Beene wie Uhlanenlanzen, Gitt i Gitt!—Wer hat dies hochßtrebende Wesen?

Hol dien Muul, Düwel, hatte Jehova da gesaacht, kann auch von komm', daß hej von königlichen Geblüte is.

Hiopp awa war arch ßtöckrich und raufte seine Haare.

Und zu seine Frau saachte er: is doll, nu könnwa von vonre beginn'.


III. — Hiopp von Sahtahn weiter verklaacht, denn von seine
Gattin gekränkt und denn von drei Freunden besucht. Na!


Als nu Sahtahn sah, daß allens nicht half, ballerte er immer los auf Hiopp los,—immerlos und saachte zu sich: dej sull dat verßpeelen!

Er meinte damit die guten Schangsen, die Hiopp als Knecht bei Gott hatte.

Und Hiopp bekam da mit eins ne Schweinsbeule an der Fußsohle von.—'s war arch doll.

So unkluch waren damals die Leute, daß se nich wußten, daß ne Schweinsbeule doch von sowas nicht kommen könne.

Sahtahn gibt's nich, und denn hätte der liebe Gott es auch nich erlaubt.

Es war man ne ganz einfache Bazillengeschichte.

Und nu nahm noch der Unglücksmensch ne Scherbe—so heißt es im Urtext—und schabte sich mit.—Doll!—Nöch?

Und setzte sich denn in Asche und sah den Kippelgang hinunter, der nach die Bake führte.

Mit ein büschen Borwassline oder ne saure Flaume auf, wie se se in Itzehoe verkaufen, wär' es man n leichtes gewesen gegen die Schweinsbeule.

So awa war's Ende von wech und kam da mit eins Schweinsbeule auf Schweinsbeule.

Wenn er wenichstens da nu was getan hätte gegen.—Oder n' Arzt zugezogen.

Als die Schweinsbeulen all bis auf den Scheitel kamen, war er ganz bedeckt mit.

Seine Gattin aber saachte, er hat eine Hornhaut und fühlt sich nicht menschlich an.

Und denn saachte sie: Na, na, laß man, kannst es gerne wissen, daß sein wüstes Jugendleben doch wohl schuld an sein müse, und: is ja nicht zu leugnen, saachte sie.

Und denn saachte se noch: Minsch, ßtell dich man nich an, um allens in die Welt, ßtell dich nich an!

Da saß nu Hiopp mit sein blasses Kleistergesicht, und seine Augen waren wie die von schmutzigem Glaß.

Wie nu die dolle Geschichte von Hiopps Ausschlachch im Lande Uz ruchbar wurde, kamen mit eins seine Freunde an und hatten dat Muul voll Snack.

Eliphas von Theman, Bildad von Suah. Und Zophar von Naema, der dicke Butt; —wer kennt ihn? Er war von ßtraffe Fülle.

Gab ein arch Quäsen da.

Erst hatten sie ein schwächlich Feuerlein gelegt und denn hatten sie um die Flamme geßprungen und denn ging eine leise Verschiebung in ihnen vor und sie setzten sich zu Hiopp auch in Asche sieben Tage und sieben Nächte.

War auch wieder n gar zwecklos Beginnen und hätte leicht zu ne allgemeine Anßteckung führen können.


IV. — Hiopps Klagen


Was nu kommt, is man bloß n' schrecklich Gejaule.

Hiopp brummelte vor sich hin, daß er man bloß noch n' Haus ohne Scherwände sei und habe; gewissermaßen.

Es sei viel besser gewesen, saachte er, man hätte ihn gar nich geboren!

Sonn Quatsch!

Er konnte eben nicht einsehen, daß allens das ganz natürliche Dinge seien, die selbst heutzutache bei unsere ßtramme und vorgeschrittene Kultur noch vorkommen können.

Na, und das mit de Schweinsbeulen?—Achott wer scheuert sich nu man bloß auch mit ne olle muddige Scherbel!? Ein fixen plattdütschen Jung von die Woterkant hätte sich eben gesaacht: secker is secker und wat sien möt, möt sien und hätte denn gleich anfangs herzhaft in ne Balje mit Seifenwasser geßprungen. Nöch?

Awa, saach es ja, Hiopp war zu unkluuch und zeichte nich die Sspur von die Gabe des Regierens.

Die Südländer sind n' gutes, awa n' schlappes Volk.

Und sind faul.—


V. — Eliphas, Bildad und Zophars Reden und Hiopps Gegenreden


Na, die drei Onkels hatten grade noch gefehlt.

Wird da nu gerühmt und gequäst immer los Taach und Nacht.

Immerlos fraachten se sich, ob es Gott so gewollt habe oder nich so gewollt habe.

Und der eine war schwach und der andere hatte n' Grützgesicht.—Für gewöhnlich so scheu, wie n' Junghase, aber plötlich, ehe man sich' versieht, wird er groß und wild und schlägt hinten und vorn aus und ist ein Protz und hat das ganze Paradies zu vergeben.

Saachte's doch: Döösköppe!

Schade nur, daß nich Pastor Rohde aus Eimsbüttel mit bei war. Hätte ne heiße Predicht gegeben da.

Saage nu man ein einzigen Mensch, um allens in die Welt, was hat der liebe Gott mit Hiopps Krankheit zu schaffen! Bildad aus Suah, das lange Rekel, na, bei dem war nu's Ende von wech.

Fuhr ßteil auf zuweilen und kukte mit ßpiegelnden Augen nach Eliphas von Theman oder plinkte nach dem ßtattlichen Zophar und ßprach denn um so lauter und fiel denn wieder in einen tiefen Flüsterton, so wie ein Junge von oben herab in ein tiefes Sstrohhaufen fällt.

Und Hiopp krümmte sich, als hett hej Lievweh hat, und saß immerlos da, mit n' Stert in die olle Asche, die Hände in die Büxen vergraben und booch die großen Zehen nach unten.

Ach was, saachte er denn, ach was!

Und denn dachte er innerlich: wenn sie nu man bloß eben nich immertau quäsen wollten.

Und denn dachte er noch von Bildad von Siah:

Du? Du kannst mich in Mondschein begegnen.—

Ja, ja, es war in ihm ein unruhich Verwundern und Verbittern gekommen. —


VI. — Elihus Rede


Als se nu keiner mehr was zu sagen hatten, da ßtand mit eins Elihu auf, ein jungen Schlaaks, und der war bannich ßtolz auf, der Sohn Baracheels von Bus aus dem Geschlechte Rams zu sein.

So ßtolz, als ob er mit Makler Klempkes von die alte Fuhlentwiete verwandt sei oder ne geborene Söötbier zur Mutter hätte. Ja, is n' gar hochfahredn Volk, die Rams.

Dabei war Elihu sonne Art Nestküken unter den Weisen. Und hatte ein lappich gedunsen Grützgesicht und ne Puffschnute.—Tja, dasd habense alle die Baracheels.

Awa schwiech nich.—Gotte doch!

Hiopp saachte er, Minsch! Junge! loot dat sien und schweich ßtill. Ich maach den Quatsch nich mehr hören. Jehova tut man doch, was er will. Du saachst immerlos, du büß nich schuld an, awa ich sage dich, jeder is schuld an. Thün morgen mehr und allens das is nich wahr, das prahlst du alles.

Du hattest sieben lütte Butjes to Huus und drei Deerns. Du erinnerst! Soite Deerns. Und nu? Alle sind se wech.—Ja, ja, is ja arch doll, awa was kannste machen gegen?

Und denn wies er auf n' Gewitter hin, das in Lee aufzog und auf den Donner und Blitz, der bannich knatterte.

Das is allens Jehovas persönliche Sstimme, saachte er denn, und machte se alle bange.

Und denn biß sich Hiopp auf die Lippe und schwiech verbaast.

War ja nu für die damaligen Zeiten und für ein Südländer ein recht fixen Jung, dieser Elihu, awa in Naturgeschichte nich auf n' Damm und arch in Awaglauben versunken, gewissermaßen.

Was der Donner is, lernen in Hamburch die lütten Gören in die Domschule beim Glockengießerwall und sonn langen Schlaaks dachte, er sei die Stimme Gottes!—Doll! Nöch?

War üwahaupt n Fatalist, dieser Elihu.


VII. — Die Wunder der Tierwelt


Kiek ma: den Behemoth! Ißt Graß wie n' Ochse und is bannich ßtaark in den Lenden und liecht im Schatten, wenn Sonne scheint.

So ßteht es wörtlich im Urtext und is auch richtig so, denn der Behemoth is ein Nilpferd.

Was awa denn außer dem über ßteht, is wieder ma ne komische südländische Üwatreibung.

Wie wir's neulich wieder ma gelesen haben, als wir bei Passtohr Stühlken zu Vesperbrot waren, achott, wa haaben wir gelacht!


»Die Sehnen seiner Schenkel sind dicht geflochten.
Siehe er schluckt in sich den Strom,
und achtet's nicht groß.
läßt sich dünken,
Er wolle den Jordan mit seinem Munde ausschöpfen.«


heißt es in der deutschen Übersetzung.

Und denn is noch ne dolle Beschreibung da von Leviahthahn.

Der Leviahthahn is natürlich n' Krokohdill.

Da ßtellen se die Frage, ob man den Leviahthahn mit ne Angel fangen kann!

Ein Krohkohdill mit ne Angel!

Achot, was haaben wir gelacht!

Und denn ßteht noch in die Übersetung:


»Sein Herz is so hart wie Stein.
Und so fest
Wie ein unterer Mühlstein!
Aus seinem Munde gehen Flammen.
Auf seinem Halse wohnet die Stärke.
Und vor ihm her hüpfet die Angst.«


Na, ja, is ja korrekt, awa so gar nich ein büschen Poesie in. Nöch?—Schade um!—Wie konnte doch nu sonne Üwasetzung die große Auflage erleben!?

Und denn hat ein Krohkohdill gar nich sonn festes Herz.

Scheint unter den Juden sonne Art Schreckpopanz gewesen zu sein für Gören.

So ähnlich wie Lebertran!

Lewertrahn = Leviahtahn!—Klingt bannich ähnlich.—Nöch? Wollen ma eben an die »deutsche Bibelforschung« berichten über.


VIII. — Hiopp mehr gesegnet denn zuvor


Ach Pappe, dachte's doch gleich, die Sache mit den Schweinsbeulen war bei Hiopp gar nich so schlimm gewesen.

Hörten nu mit eins auf und da heißt es denn, Jehova habe mit Hioppen geßprochen und gesaacht, daß er nu man eben bloß endlich auf zu quäsen hören solle.

Und denn hatte Hiopp die Kehle verengt und ßtille geschwiegen.

Is natürlich nu wieder bannich doll, der liebe Gott wird doch nich wegen ne Schweinsbeule mit ein Menschen persönlich ßprechen.

Und denn hören Schweinsbeulen all von selbst auf. Is ne ganz periodische Krankheit, hat unser Hausarzt erst neulich wieder gesaacht, nur soll se immer wieda komm.—Saachte er.

Mit eins war nu Hiopp wieder auf 'n Damm und bekam von seinen Verwandten zweimal fumpfzichtausend Kamele.

Und denn hatte er mit eins wieder sieben Söhne und drei Töchter.

Seine Gattin hatte da nämlich inzwischen gesorcht für.

Die Deerns hießen Jemima, Kezia und Keren-Happuch.

Keren-Happuch is ja nu ma wieder ein ganz aufdringlichen Namen, heiratete ßpäter aber doch ein reichen Makler.

Hatte ein schön weichen wiegenden Gang:—Keren-Happuch!

Und Hiopp soll denn noch hundertfumpfzich Jahre gelebt haben.

Na!—Wird wohl ein andern Hiopp gewesen sein.

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Das Geheimnis des Schlosses Hathaway

Erstveröffentlichung: Simplicissimus, 1906, Jg. 10, Heft 48, Seite 572

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Ezechiel von Marx war der beste Somnambule, den ich in meinem Leben gesehen habe.

Oft mitten in einem Gespräch konnte er in Trance fallen und dann Geschehnisse erzählen, die sich an weit entfernten Orten zutrugen oder gar erst nach tagen und Wochen abspielten.

Und alles stimmte mit einer Präzision, die einem Swedenborg Ehre gemacht hätte.

Wie nun diese Trance bei Marx absichtlich und beliebig herbeiführen?!

Alles mögliche hatten wir bei unserem letzten Beisammensein versucht —meine sechs Freunde und ich—, hatten den ganzen Abend experimentiert, magnetische Striche angewandt, Rauch von Lorbeer usw. usw., —aber alles schlug fehl, Ezechiel von Marx in Hochschlaf zu bringen.

»Blödsinn«, sagte endlich Mr. Dowd Galagher, ein Schotte. »Sie sehen doch, es geht nicht. Ich werde Ihnen lieber etwas erzählen, etwas so Sonderbares, daß man Tage und Nächte vergrübeln könnte, dem Rätsel, dem Unerklärlichen darin auf die Spur zu kommen.

Fast ein Jahr ist es her, daß ich davon gehört habe, und kein Tag verging, an dem ich nicht Stunden vergeudet hätte, um mir wenigstens eine halbwegs zureichende Erklärung zurechtzuzimmern.

Schon als Schriftsteller setzte ich meinen Ehrgeiz dahinter, zumindest eine theoretische Lösung zu finden.

Alles umsonst!

Dabei kenne ich doch jeden Schlüssel, den der Okkultismus des Ostens und Westens bieten könnte.

Das wissen Sie doch!

Finden Sie—wenn Sie können—zu der Geschichte den auflösenden Divisor!

Es würde mir imponieren.

Also hören Sie zu (er räusperte sich):

Soweit die Familienchroniken der Earls of Hathaway zurückgehen, kehrt von Erstgeborenem zu Erstgeborenem das gleiche dunkle Schicksal immer wieder.

Ein tötender Reif fällt auf das Leben des ältesten Sohnes an dem Tage, an dem er das einundzwanzigste Jahr erreicht, um nicht mehr von ihm zu weichen bis zu seiner letzten Stunde.

Verschlossen, wortkarg, gramvoll vor sich hinstarrend—oder tagelang auf einsamer Jagd—bringen sie auf Hathaway-Castle ihr Leben zu, bis wiederum der älteste Sprosse—mündig geworden—nach dem Gesetze sie ablöst und das traurige Erbe antritt. Früher noch so lebensfroh, sind sie dann mit einem Schlage wie verwandelt—die jungen Earls —und verlobten sich vorher nicht, später eine Gattin in ihr freudloses Heim zu holen, ist fast Unmöglichkeit.

Dennoch hat keiner von ihnen je Hand an sich selbst gelegt. Dennoch hat all diese Trauer und Qual, die keine Stunde mehr von ihnen wich, nicht genügt, auch nur in einem von ihnen den Entschluß zum Selbstmord reifen zu lassen.

Mir träumte einmal, ich läge auf einer Toteninsel—einer jener mohammedanischen Begräbnisstätten im Roten Meer, deren verkümmerte Bäume schneeweiß im Sonnenlicht leuchteten wie mit Milchschaum übergossen.

Ein weißer ›Schaum‹, der sich zusammensetzt aus Millionen von bewegungslos wartender Geier. Ich lag auf dem Sandboden und konnte mich nicht rühren.—Ein unbeschreiblicher, entsetzlicher Verwesungsgeruch wehte warm aus dem Innern der Insel zu mir.

Die Nacht brach herein. Da wurde der Boden lebendig,—aus dem Meer eilten durchsichtige Taschenkrebse von erschreckender Größe lautlos über den Sand;—hypertrophiert von der Mästung an menschlichem Aas.

Und einer von ihnen, träumte mir, saß an meinem Halse und sog mir das Blut aus.

Ich konnte ihn nicht sehen, mein Blick erreichte ihn nicht,—nur ein trüber, bläulicher Schein fiel auf meine Brust—von der Schulter her—wie das Mondlicht durch den Krebs schimmerte, der so durchsichtig war, daß er kaum mehr einen Schatten warf.

Da betete ich zu dem Meister in meinem Innern, er möge erbarmungsvoll das Licht meines Lebens verlöschen.

Ich rechnete aus, wann mein Blut zu Ende sein könnte, und hoffte doch wieder auf die Sonne des fernen Morgens.—So denke ich mir, wie in meinem Traum, muß auch im Leben der Earls von Hathaway noch ein leises Hoffen glimmen in all ihrer weiten, dunklen Trostlosigkeit. Sehen Sie,—den jetzigen Erben Vivian—damals noch Viscount Arundale—lernte ich persönlich kennen. Er sprach viel von dem Verhängnis, da sein zweiundzwanzigster Geburtstag nahe war, und fügte noch in lachendem Übermut hinzu, der Pest selber,—trete sie mit blauem Antlitz im entscheidenden Augenblick vor ihn, nach seinem Leben zu greifen —sollte es nicht gelingen, ihm auch nur eine Stunde lang Frohsinn und Jugend zu vergällen.

Damals waren wir in Hathaway-Castle.

Der alte Earl jagte seit Wochen im Gebirge;—ich habe ihn nie zu Gesicht bekommen.—

Seine Gemahlin—Lady Ethelwyn—Vivians Mutter, sprach, —gramvoll und verstört,—kaum ein Wort.

Nur eines Tages,—ich war mit ihr allein in der Veranda des Schlosses und, um sie aufzuheitern, erzählte ich ihr von den vielen tollen und lustigen Streichen ihres Vivian, die doch die beste Sicherheit für seine fast unzerstörbare Heiterkeit und Sorglosigkeit böten,—da taute sie ein wenig auf und sagte mir allerlei, was sie selbst über das Verhängnis teils in den Familienaufzeichnungen gelesen, teils selbst gesehen und entdeckt hatte in den vielen Jahren ihrer langen einsamen Ehe.—

Schlaflos lag ich damals die Nacht und konnte die seltsamen, schreckhaften Bilder nicht bannen, die die Worte der Lady Ethelwyn vor meine Seele gerufen hatten:—Im Schlosse sei ein geheimes Gemach, dessen verborgenen Zugang außer dem Earl und dem Kastellan—einem finsteren, scheuen Greise—niemand kenne.

Dieses Zimmer müsse an dem gewissen Zeitpunkte der junge Erbe betreten.

Zwölf Stunden bleibe er darin, um es dann bleich—ein gebrochener Mann—zu verlassen.—

Einmal war der Lady der Einfall gekommen, aus jedem Fenster ein Wäschestück heraushängen zu lassen, und auf diese Weise hatte sie entdeckt, daß immer ein Fenster ohne Wäsche blieb, also zu einem Gemach gehören mußte, dessen Eingang unauffindbar war.

Weiteres Forschen und Suchen blieb vergeblich; die labyrinthartig angelegten alten Gänge des Schlosses hemmten jede Orientierung.

Zuweilen aber, immer zur selben Jahreszeit, überkomme jeden das bedrückende undeutliche Empfinden, als sei für eine Zeit in Hathaway-Castle ein unsichtbarer Gast eingezogen.

Ein Gefühl, das sich allmählich—vielleicht durch eine Kette ungewisser unwägbarer Anzeichen verstärkt—zur grauenvollen Gewißheit steigert.—

Und als Lady Ethelwyn in einer Vollmondnacht, von Schlaflosigkeit und Furcht gequält, in den Schloßhof hinabblickte, nahm sie in grenzenlosem Entsetzen wahr, wie der Kastellan eine gespenstische, affenähnliche Gestalt von schauerlicher Häßlichkeit, die röchelnde Töne ausstieß, heimlich umherführte.—«

Mr. Dowd Galagher schwieg, legte die Hand vor die Augen und lehnte sich zurück.

»Diese Bilder verfolgen mich heute noch«, setzte er seine Schilderung fort, »ich sehe das alte Schloß vor mir, wie ein Würfel gebaut, inmitten einer in seltsam geschweiften Linien angelegten Parklichtung von traurigen Eichenbäumen flankiert.

Ich sehe wie eine Vision die wäschebehängten Bogenfenster und ein dunkles, leeres dazwischen. Und dann—dann—.

Ja richtig, etwas habe ich Ihnen zu sagen vergessen: Immer wenn die Anwesenheit des unsichtbaren Besuchers fühlbar wird, durchdringt eine schwache, unerklärliche Ausdünstung—ein alter Diener behauptete, sie röche ähnlich wie Zwiebel—die Gänge des Hauses.

Was das alles bedeuten mag?!

Wenige Wochen, nachdem ich Hathaway-Castle verlassen, drang das Gerücht zu mir, Vivian sei tiefsinnig geworden! Also auch der!

Dieser Tollkopf, der einen Tiger mit bloßen Fäusten angegangen hätte!!

Sagen Sie mir, haben Sie eine Erklärung, meine Herren?

Wäre es ein Spuk, ein Fluch, ein magisches Spektrum, die Pest in eigener Person gewesen,—um Gottes willen doch wenigstens einen Versuch zum Widerstand hätte Vivian—«

Das Zerklirren eines zerbrochenen Glases unterbrach den Erzähler.

Wir alle sahen erschreckt auf: Ezechiel von Marx saß kerzengerade und steif in seinem Sessel—die Augachsen parallel.—Somnambul!

Das Weinglas war ihm aus der Hand gefallen.

Ich stellte sofort den magnetischen Rapport mit Marx her, indem ich ihm über die Gegend des Sonnengeflechtes strich und flüsternd auf ihn einsprach.

Bald war der Somnambule soweit, daß wir uns alle mit ihm durch kurze Fragen und Antworten verständigen konnten, und es entspann sich folgende Unterhaltung:


Ich: »Haben Sie uns etwas zu sagen?«

Ezechiel von Marx: »Feiglstock.«

Mr. Dowd Gallagher: »Was heißt das?«

Ezechiel von Marx: »Feiglstock.«

Ein anderer Herr: »So seien Sie doch deutlicher!«

Ezechiel von Marx: »Feiglstock Attila, Bankier, Budapest, Boulevard Nr. 7.«

Mr. Dowd Gallagher: »Ich verstehe kein Wort.«

Ich: »Hängt das vielleicht mit Hathaway-Castle zusammen?«

Ezechiel von Marx: »Ja.«

Ein Herr im Frack: »Was ist die affenähnliche Gestalt im Schloßhof mit der röchelnden Stimme?«

Ezechiel von Marx: »Dr. Max Lederer.«

Ich: »Also nicht Feiglstock?«

Ezechiel von Marx: »Nein.«

Der Maler Kubin: »Wer ist also Dr. Max Lederer?«

Ezechiel von Marx: »Advokat und Kompagnon von Feiglstock Attila, Bankier in Budapest.«

Ein dritter Herr: »Was will dieser Dr. Lederer in Hathaway-Castle?«

Ezechiel von Marx (murmelt etwas Unverständliches).

Der Maler Kubin: »Was haben denn die Earls von Hathaway mit der Bankfirma Feiglstock zu tun?«

Ezechiel von Marx (flüsternd in tiefer Trance): »—von Anbeginn—›Geschäftsfreunde‹ der Earls.«

Ich: »Worin wurden die Erben des Earltitels an dem gewissen Tage eingeweiht?«

Ezechiel von Marx (schweigt).

Ich: »Beantworten Sie doch die Frage.«

Ezechiel von Marx (schweigt).

Der Herr im Frack (brüllend): »In was sie eingeweiht wurden?«

Ezechiel von Marx (mühsam): »In das Fami—in das Fami—lienkonto—«

Mr. Dowd Galagher (nachdenklich vor sich hin): »Ja so!!—In das Fami—lien—konto.«

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Schöpsoglobin

Erstveröffentlichung: Simplicissimus, 1906, Jg. 11, Heft 7, Seite 106

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I.

Motto: Dulce et decorum est pro patria mori.


Professor Domitian Dredrebaisel, der weltberühmte Bakteriologe, habe eine wissenschaftliche Entdeckung von geradezu verblüffender Tragweite gemacht, lief das Gerücht von Mund zu Mund, von Zeitung zu Zeitung.

Ein Umgestalten des Militärwesens—gewiß wohl—, vielleicht sogar einen völligen Umsturz alles Bestehenden auf diesem Gebiete werde man zu gegenwärtigen haben;—warum hätte denn sonst der Kriegsminister es gar so eilig gehabt, den berühmten Gelehrten zu sich zu bescheiden? Hm?—hieß es allgemein.

Und gar erst, als sich herausstellte, daß sich bereits an den Börsen geheime Syndikate gebildet hatten, die Entdeckung auszubeuten und Professor Dredrebaisel eine große Summe vorzustrecken, um ihn eine dringend nötige Studienreise nach—Borneo zu ermöglichen, da war des Mund- und Augenaufreißens kein Ende mehr.

... »Bitt' Sie, wie kommt Borneo zum Kriegsminister«, hatte gestikulierend der Herr Galizenstein, der angesehene Börsianer und Verwandte des Gelehrten gesagt, als man ihn eines Tages interviewte,—»wie kommt Borneo zum Kriegsminister!?!! Wo liegt überhaupt Borneo?«

Silbe für Silbe brachten am nächsten Tage die Zeitungen diese so sympathischen Worte des weitblickenden Finanzmannes und sie fügten noch hinzu, daß ein Experte der amerikanischen Regierung, Mr. G.R.S. Slyfox M.D. und F.R.S., soeben in Audienz bei Professor Dredrebaisel empfangen worden sei.

Natürlich steigerte sich die Neugier des Publikums bis zur Fieberhitze.

Spürnasen bestachen die Schreiber im Kriegsministerium, um Genaues über die eingereichten neuen Erfindungen usw. zu erfahren, und förderten dadurch oft ein Material zutage, das dem rastlosen Streben, das Militärwesen immer noch mehr und mehr zu vervollkommnen, wieder einmal das glänzendste Zeugnis ausstellte.—Ganz neuartig, so urteilten Fachkreise, sei zum Beispiel eine vorgeschlagene sinnreiche Einrichtung, das Funktionieren des »Train« in Kriegs- und Manöverfällen betreffend, die es ermögliche, den bisher erzielten Erfolgsprozentsatz von Null auf das Fünffache (!!) zu erhöhen.

Geradezu hors concours jedoch, darüber waren alle einig, sei der genial erdachte Ehrenratautomat des Infanteriehauptmannes Gustav Bortdiner, eines wegen seiner ungemein eigenartigen Auffassung des Ehrenwortes bis weit über die Landesgrenzen berühmten Offiziers.

Man denke nur, ein Uhrwerk, schon von jedem Leutnant ohne Instruktion und Vorkenntnisse leicht zu handhaben,—ein Apparat—kurz und gut: ein maschineller Offiziersehrenkodex mit Wasserspülung—mit einem einzigen Griff nach jeder Richtung hin zu drehen,—der all das langwierige und mühselige Eindrillen und Vorschreiben der für die einzelnen Fälle wünschenswerten Ehrauffassung entfallen mache und an dessen Stelle das reinliche mechanische Getriebe setzte.

Vieles, vieles dergleichen kam zutage, aber von einer Erfindung oder Entdeckung des Professors Dredrebaisel nicht eine Spur. So hieß es denn, sich in Geduld zu fassen, die Dinge reifen lassen wie die Früchte des Feldes und die Resultate der Expedition in Borneo abwarten.

—Und Monate vergingen.—

Alle Gerüchte von der großen Erfindung waren längst schlafen gegangen und hatten neuen Fragen Platz gemacht, da brachte eine europäische Zeitung die Nachricht, daß Professor Dredrebaisel und mit ihm vielleicht alle seine Begleiter jämmerlich umgekommen seien,—in den knappen Worten eines Telegrammes:


13. Mai. Silindong, Distrikt Pakpak, Borneo. (Kabelbericht unseres Berichterstatters)

Professor Domitian Dredrebaisel wurde gestern nachts von einer Schar Orang-Utans in seinem Wohnhause in Stücke gerissen. Viele Diener und Wärter teilten sein Schicksal. Assistent Dr. Slyfox wird vermißt. Der Schreibtisch des Gelehrten ist zertrümmert. Zahllose zerfetzte Schriften und Notizen des Forschers bedecken den Fußboden.


Das war die kurze Leichenrede, mit der eine herrliche Sache zu Grabe getragen wurde.


II.

Motto:

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»Mit Knöpfen das Gesäß verziert, ist stolz der Zwockel sehr,
und daß er nichts zu denken braucht, macht ihn noch stolzerer.«


Ein Brief, den ein gewisser Dr. Ipse drei Jahre später aus Borneo an einen Freund schrieb:

Silindong (Borneo), 1. April 1906

Mein lieber, alter Freund!

Weißt du noch, wie wir uns vor langen Jahren in Maaders »Box« das Wort gaben, einander sofort zu berichten, wenn wir auf unseren Lebenswegen auf Vorkommnisse stoßen sollten, die, weit ab von den Wegen des Trosses liegend, irgend etwas Außergewöhnliches, Geheimnisvolles—in den »Ginggang« der trivialen Ereignisse, möchte ich es nennen—nicht Hineinpassendes an sich tragen?—

Siehe, mein Lieber, da hätte ich nun heute das Glück, Dir von etwas dergleichen berichten,—Dich von Deinen alchimistischen Schmökern, oder was du sonst zurzeit wohl durchgrübeln magst berechtigterweise aufscheuchen zu dürfen.

Wie wird Dir da drüben in Europa zumute sein, wenn einer in dem fernen Borneo es wagt, die Axt der Erkenntnis an die Wurzeln Deiner unbegrenzten Verehrung gegenüber allem, was da heißet: »Kriegerkaste«, zu legen?—

Könnte ich Dich doch, wenn Du diesen Brief gelesen, ein Weilchen belauschen, ob sich nicht gar bald in Deiner Seele da die Begriffe Uniformstolz und Vaterlandsliebe voneinander lösen mögen, etwa wie die tragantene Inschrift von einem Pfefferkuchenreiter abfällt, auf den es schon zu lange geregnet hat.—

Sag, hast Du nie darüber nachgedacht, woher es wohl kommen mag, daß gebildete Leute gleichen Standes—ja sogar Friseure einander »Kollegen« (auf deutsch soviel wie Menschen, die etwas gemeinsam lesen, studieren) nennen, während der »Zwockel«-stand—erinnerst Du Dich noch dieses famosen, phonetisch so überaus bezeichnenden Spitznamens für Offiziere?—, während der Zwockelstand sich untereinander mit »Kamerad« anredet?! (von camera = Kammer = in einer gemeinsamen Kammer schlafen, lungern).

Mir fällt da immer die gelungene Überschrift des mittelalterlichen Gelehrten van Helmont zu einem seiner Kapitel ein: »Was für Tieffsinnen und Geheimbnus in denen Worten und Ausdrücken lieget.«

Doch nun kopfüber in den Strudel der Begebnisse!—

Also rate einmal, wen ich hier kennen gelernt habe. Niemand anders, als Mr. G.R.S. Slyfox M.D. und F.R.S., den ehemaligen Assistenten des unglücklichen Professors Dredrebaisel. Denke nur!

Hier in Silindong, in den tiefsten Urwäldern Borneos! —Mr. Slyfox ist nämlich der einzig Überlebende der damaligen Expedition und hatte sofort nach dem Tode des Professors D. D., dessen Versuche er ganz allein, und zwar von Anbeginn leitete,—in Wahrheit war Professor D. D. immer nur vorgeschobene Person,—Borneo verlassen und vor allem denjenigen, der gleich anfangs ein so großes Interesse gezeigt und den wir alle so ungemein schätzen und lieben,—seine Entdeckung oder besser gesagt Erfindung in einem vervollkommneten Zustande anzubieten.

Wie dies Vorhaben ausfiel, davon später,—genug, gegenwärtig sitzt Mr. Slyfox wieder hier in Silindong—arm wie eine Kirchenmaus—und setzt seine Studien fort.

Worin denn Professor D.s, besser gesagt Mr. Slyfox' Erfindung eigentlich bestand, möchtest Du Ungeduldiger gerne wissen? Nicht wahr? Also höre:

Jahrzehntelang hatte Mr. Slyfox sich mit Impfstatistik abgegeben und war zu der Wahrnehmung gelangt, daß in Länderstrichen, in denen der Blatternimpfstoff nicht mehr vom Menschen, sondern vom Kalbe genommen wurde, sich eine auffallende Zunahme von »Vaterlandsverteidigungstrieb«, auch da, wo nicht der geringste Anlaß vorlag, geltend machte.

Von dieser Wahrnehmung bis zu seinen späteren epochalen Versuchen war in Mr. Slyfox' Erfinderhirn nur ein Schritt. Mit der Treffsicherheit des Amerikaners, dem nichts heilig ist, brachte er das erwähnte Symptom direkt mit dem minderwertigen Denkvermögen des Kalbes in Zusammenhang, und eine Kette von Experimenten war gegeben.

Schon die ersten Versuche mit einigen ausgewählten Exemplaren männlicher, aber chirurgisch korrigierter Schafe—das, was wir Laien kurzweg »Schöps« nennen—schlugen glänzend ein.

Passierte der von solchen Schöpsen gewonnene Impfstoff —das sogenannte Schöpsoglobin simplex A—überdies noch die Blutbahn von ein bis zwei Faultieren, so wurde er derart wirksam, daß er, auf jugendlich unbefangene Personen übertragen, in kürzester Zeit eine Art primären, patriotischen Kollers hervorrief.

Bei erblich belasteten Individuen steigerte sich dieser Zustand in zwei Fällen sogar bis zur sogenannten unbehebbaren progressiven Patriomanie.

Welch tiefgehende Veränderung sich dabei auch im künstlerischen Innenleben des Geimpften abspielte, belegt wohl am besten der Fall, daß ein solcher Impfling, einer unserer geschätztesten berittenen Dichter, seinen neuesten Gedichtband mit den Zeilen beginnen ließ:

»Sie, Schwert an meiner Linken—äh, Was soll Ihr heitres Blinken—ah!« Usw. usw.

Doch das nur so nebenbei.

Anfangs, das weißt Du ja, interessierte sich die Regierung sehr für die Erfindung, die unter dem Namen des Professors Dredrebaisel starten sollte, und ein Syndikat schoß die Kosten der Expedition vor.

In Silindong, in den dichtesten Urwäldern Borneos, der Heimat des Orang-Utans, wurden auch so rasch wie möglich etwa zweihundert solcher Affen eingefangen und unverzüglich mit Schöpsoglobin simplex A geimpft.

Mr. Slyfox sagte sich nämlich, daß die potenzierten Lymphprodukte, wie sie aus dem Faultier gezogen werden können, schon infolge der großen Seltenheit solcher Tiere für die Massenanwendung im Militärwesen viel zu teuer kämen. Was nun dem Faultier angesichts seines wesentlichen Überschusses an Stupidität zugunsten der Impfstoffverstärkung anhafte, das lasse sich gewiß, so hoffte der Gelehrte, durch das überwiegend Affenartige beim Orang-Utan vorteilhaft ersetzen. Die unheilvollen Folgen, die das Zusammensperren so vieler starker Tiere nach sich ziehen sollte, konnte natürlich niemand vorausahnen.

Die Schreckensnacht, in der die Affen ihre Käfige zerbrachen und alles kurz und klein schlugen, den Professor D. D. und die malaiischen Wärter töteten, hätte bei einem Haare auch Mr. Slyfox (er entrann nur wie durch ein Wunder dem Tode) das Leben gekostet.

Nach vollbrachtem Zerstörungswerk hatten die Orang-Utans tagelang eine Beratung abgehalten, deren Zweck und Ziel anfangs völlig rätselhaft erschien, später aber jenes durchdringende Licht auf die Wirkung des Schöpsoglobins und was damit zusammenhängt werfen sollte.

Von einem sicheren Verstecke aus hatte der Amerikaner genau beobachten können, wie die Affen nach schier endlosem Geschnatter aus ihrer Mitte einen Anführer wählten—und zwar jenes Exemplar, das schon während seiner Gefangenschaft als gänzlich vertrottelt allgemein aufgefallen war—und ihm sodann Goldpapier (!) , das sie in einer zertrümmerten Kiste gefunden hatten, auf das Gesäß klebten. Der Vorgang, der sich unmittelbar darauf vor den Augen des Gelehrten abspielte, war ebenfalls ganz danach angetan, höchstens Erstaunen zu erregen.

Die Orang-Utans scharten sich nämlich in Trupps, nahmen Äste und Ruten, oder was sie sonst in der Eile erwischten, über die Schulter und zogen eng aneinander geschart, während der Anführer mit wichtiger Miene ein Stück vorausschritt, aufrecht durch die Urwaldpfade.

Von Zeit zu Zeit stieß der Goldbeklebte ein schmetterndes:

Gwääh—Gwegg, Gwääh—Gwegg

aus und dann kam es über alle wie eine finstere Ekstase.

Ihr Ausdruck nahm etwas seltsam Verbiestertes an, sie warfen mit einem Ruck das Gesicht nach links und hackten beim Gehen wie die Tobsüchtigen mit den Fersen in die Erde. Es muß ein unvergeßlicher Anblick gewesen sein.—»Augenblicke lang«, das sind Mr. Slyfox' eigene Worte, »war mir, als sei ich nicht mehr im Urwalde, sondern ganz, ganz anderswo. —In irgendeiner Kaserne Europas.

Und als ich später gar mit ansah, wie die Affenschar ein widerstrebendes Exemplar festhielt und vor ihm auf einem erbeuteten Lederhutkoffer so lange einen ohrenzerreißenden Spektakel vollführte, bis auch dieser Widerspenstige von der ›primären patriotischen Ekstase‹ ergriffen war,—da überwältigte mich förmlich eine Flut neuartiger Ideen.

Nie haben diese Affen ein Vorbild gehabt, sagte ich mir, und doch sind auch sie auf den Gedanken gekommen, das Gesäß mit Gold zu verzieren,—wollen dadurch den Eindruck des Kriegerischen erwecken und sind auf Institutionen verfallen, die, im Lichte wahrer Erkenntnis betrachtet, sicherlich von der Einwirkung schöpsoglobinartiger Stoffe herrühren müssen, die das Hirn umnebeln, gleichgültig nun, ob sie eingeimpft wurden, oder durch vererbte Borniertheit in ihrem Wachstum begünstigt im Körper als Eigengifte entstehen.«

Mit Absicht führe ich Dir, mein lieber alter Freund, den Ideengang des Mr. Slyfox nicht weiter aus.

Schon um Dir den raffinierten Genuß, alles selbst zu Ende denken zu dürfen, nicht vorweg zu nehmen.

Wenn mir nun etwa beifiele, zu behaupten, daß Zwockeldünkel mit wirklicher Vaterlandsliebe gar nichts zu tun hat und zum großen Teile aus dem dunklen Wunsch entspränge, auf »Dirnengemüter« beiderlei Geschlechts »Eindruck« zu machen,—eine Art lächerlicher Auernhahnbalz zu imitieren,—sag, müßtest Du mir da nicht recht geben?

Oder wäre es wirklich möglich, daß zwei so alte Freunde —so innig miteinander verwittert—betreffs einer so fundamentalen Wahrheit auch nur einen Augenblick zweierlei Meinung sein könnten?!

Und würde es im andern Falle nicht genügen, sich das Bildungsniveau des »Zwockelstandes«—natürlich habe ich immer auch hier—eine ganz spezielle Großmacht im Auge—zu vergegenwärtigen?

Doch weg mit allen Betrachtungen.

Ich wollte Dir nur noch berichten, wie sich die Staaten, denen Mr. Slyfox das Schöpsoglobin anbot, verhielten.

Der eine refüsierte kurz und wollte erst die Wirkung in anderen Ländern beobachten.

Der zweite Staat äußerte sich, wie üblich inoffiziell und durch eine Mittelsperson, in dem Sinne, daß die überwiegende Mehrzahl seiner Bevölkerung dank angestammter Fürstenliebe und des nachhaltigen tiefen Eindruckes frühzeitig auswendig gelernter Zitate, patriotischer Gesänge, sowie sinnreich erdachten bunten Kinderspielzeugs usw.—sich sowieso schon auf dem wünschenswerten Standpunkt befände.

Ein Impfprozeß wie der vorgeschlagene, dem überdies durch das bedauerliche Hinscheiden des Herrn Professors Dredrebaisel die Garantie entzogen sei, erscheine daher noch verfrüht;—ganz abgesehen davon, daß nach Ansicht von Fachleuten durchaus nicht erwiesen sei, ob nicht auch das Schöpsoglobin nach Art anderer Toxine in einiger Zeit die Veranlassung zur Bildung sogenannter Schutzstoffe im Blute geben könne, wodurch sodann die gerade entgegengesetzte Wirkung eintreten müsse. Im übrigen verfolge man nach wie vor die Versuche des Mr. Slyfox mit lebhaftem Interesse und werde stets usw. usw.

So sitzt nun Mr. Slyfox mit seinem Unternehmen auf dem Trockenen und muß wohl oder übel seine Impfversuche hier an allerlei Getier fortsetzen.

Und ich helfe ihm dabei.

Bleiben wider Erwarten die ganz großen Erfolge aus, so sind wir beide fest entschlossen, ein Rhinozerus einzufangen und zu impfen.

Das muß dann—daraufhin verbürgt sich Mr. Slyfox —jeden Skeptiker überzeugen.

Damit Du aber, alter Freund, nicht etwa um mein Leben zitterst, so wollte ich Dir noch sagen, daß uns von den Affen keine Gefahr mehr droht.

Wir haben uns ebenfalls das Gesäß mit Flitter geschmückt, und wenn wir beim Herannahen der Tiere nur jede Intelligenzäußerung scharf unterdrücken, so werden wir für Offiziere gehalten und hoch geachtet und sind vollkommen sicher. Du wirst vielleicht sagen, es sei das charakterlos von mir, aber ich bitte Dich, was muß man nicht alles tun, wenn man nun schon einmal unter Orang-Utans leben muß.

Jetzt aber heißt es hastig schließen, draußen—ganz nahe schon—höre ich das schneidige

Gwääh—Gwegg, Gwääh—Gwegg

der Vaterlandsaffen.

Herzlichst grüßt Dich daher in Eile

Dein alter Egon Ipse

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Bal macabre

Erstveröffentlichung: Simplicissimus, 1905, Jg. 10, Heft 12, Seite 134

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Lord Hopeleß hatte mich aufgefordert, doch an seinem Tisch zu sitzen, und stellte mich den Herren vor.

Es war spät nach Mitternacht, und ich habe mir die meisten Namen nicht gemerkt.

Den Doktor Zitterbein kannte ich schon von früher.

»Sie sitzen ja immer allein, es ist schade«, hatte er gesagt und mir die Hand geschüttelt,—»warum sitzen Sie immer allein?«

Ich weiß, daß wir nicht viel getrunken hatten und dennoch unter jenem feinen, unmerklichen Rausche standen, der uns manche Worte nur wie von weitem hören läßt, und wie Weiberlachen und seichte Musik uns umhüllt.

Da aus einer Cancanstimmung wie dieser—aus einer Atmosphäre von Zigeunermusik, Cake-Walk und Champagner ein Gespräch über phantastische Dinge auftauchen konnte?! Lord Hopeleß erzählte etwas.

Von einer Brüderschaft, die allen Ernstes existiere,—von Menschen, besser gesagt, von Toten oder Scheintoten,—Leuten aus besten Kreisen, die im Munde der Lebenden schon seit langem gestorben seien, sogar auf dem Friedhof Leichensteine und Grüfte mit Namenszug und Todesdatum besäßen, in Wirklichkeit aber in jahrelangem, ununterbrochenem Starrkrampfe irgendwo in der Stadt, im Innern eines altmodischen Hauses, bewacht von einem buckligen Diener mit Schnallenschuhen und gepuderter Perücke, den man den gefleckten Aaron nenne,—empfindungslos, geschützt vor Verwesung, in Schubladen lägen.—In gewissen Nächten trete ihnen ein mattes, phosphoreszierendes Leuchten auf die Lippen, und damit sei dem Krüppel das Zeichen gegeben, eine geheimnisvolle Prozedur an den Halswirbeln dieser Scheinleichen vorzunehmen. Sagte er.

Frei könnten ihre Seelen dann umherschweifen—auf kurze Zeit von ihren Leibern gelöst—und sich den Lastern der Großstadt hingeben. Mit einer Intensität und einer Gier, die selbst nicht für den Raffinierten ausdenkbar sei.

Unter anderem fände da ein vampyrartiges, zeckenhaftes Sichansaugen an die von Laster zu Laster taumelnden Lebenden statt,—ein Stehlen, ein Sichbereichern am Nervenkitzel der Massen. Sogar Satzungen habe dieser Klub, der übrigens den kuriosen Namen Amanita führen solle,—und Statuten und strenge Bestimmungen, die Aufnahme neuer Mitglieder betreffend. Doch darüber läge ein undurchdringlicher Schleier des Geheimnisses.

Das Ende dieses Gespräches des Lord Hopeleß konnte ich nicht mehr verstehen, zu laut fielen die Musikanten mit dem neuesten Gassenhauer ein:


»Ja, ja die Kla—re
Ist mir die wah—re.
Trala, trala, trala,
Tra—lalala—la.«


Die grotesken Verrenkungen eines Mulattenpaares, das dazu eine Art Niggercancan tanzte, all dies wirkte wie die wortlose Verstärkung des verstimmten Einflusses, den die Erzählung auf mich genommen.

In diesem Nachtlokal mitten unter geschminkten Straßendirnen, frisierten Kellnern und brillant-hufeisengeschmückten Zutreibern bekam der ganze Eindruck etwas Lückenhaftes, Verstümmeltes und gerann in meinen Sinnen zu einem grauenvollen, halblebenden Zerrbild.

Wie wenn die Zeit in unbewachten Momenten plötzlich einen geräuschlos hasteten Schritt tue, verbrennen Stunden in unserm Rausche zu Sekunden, wie Funken in der Seele aufglimmend, um ein krankhaftes Geflecht kurioser, waghalsiger Träume, geschlungen aus wirren Begriffen, aus Vergangenheit und Zukunft zu beleuchten.

So höre ich noch aus dem Dunkel der Erinnerung heraus eine Stimme sagen: »Wir sollten den Klub Amanita eine Karte schreiben.«

Wie ich jetzt schließen kann, muß also das Gespräch immer wieder zum selben Thema zurückgekehrt sein.

Dazwischen dämmern mir Bruchstücke kleiner Wahrnehmungen zu, wie das Zerbrechen eines Likörglases, ein Pfiff,—dann, daß eine Französin auf meinem Knie gesessen, mich geküßt, mir Zigarettenrauch in den Mund geblasen und die Zungenspitze ins Ohr gesteckt habe. Später wieder schob man mir eine verschnörkelte Karte hin, ich solle mitunterschreiben, und mir fiel der Bleistift aus der Hand,—und dann ging es wieder nicht, weil mir die Kokotte ein Glas Champagner über die Manschette goß.

Deutlich weiß ich nur, wie wir alle mit einem Schlage ganz nüchtern wurden und in unseren Taschen, auf und unter dem Tische nach der Karte suchten, die Lord Hopeleß mit aller Gewalt zurückhaben wollte, die aber spurlos verschwunden blieb.


»Ja, ja die Kla—re
Ist mir die wah—re«,


kreischten die Geigen den Refrain und versenkten unser Bewußtsein immer wieder in tiefe Nacht.

Wenn man die Augen schloß, glaubte man auch auf einem dicken, schwarzen Samtteppich liegen—, aus dem nur vereinzelte rubinrote Blumen aufleuchteten.

»Ich will etwas zu essen haben«, hörte ich jemand rufen,—»was,—was?—Kaviar—Blödsinn. Bringen Sie mir —bringen Sie mir, na—bringen Sie mir eingemachte Schwämme.«

Und wir aßen alle saure Schwämme, die mit einem würzigen Kraut in einer fadenziehenden, wasserhellen Flüssigkeit schwammen.


»Ja, ja, die Kla—re
Ist mir die wah—re.
Trala, trala, trala,
Tra—lalala—la.«


Da saß plötzlich an unserem Tische ein seltsamer Akrobat in einem schlotterigen Trikot und rechts daneben ein maskierter Buckliger mit einer weißen Flachsperücke.

Neben ihm ein Weib; und alle lachten.

Wie ist er nur hereingekommen, mit—denen? und ich drehte mich um; außer uns war niemand mehr im Saal.

Ach was, dachte ich mir,—ach was.

Es war ein sehr langer Tisch, an dem wir saßen, und der größte Teil des Tischtuches schimmerte weiß,—leer von Tellern und Gläsern.

»Monsieur Palloides, tanzen Sie uns doch etwas vor«, sagte einer der Herren und schlug dem Akrobaten auf die Schulter.

Sie sind vertraut miteinander, träumte ich mir zurecht, wahr—wahrscheinlich sitzt er schon lange hier, der—der—das Trikot.

Und dann sah ich den Buckligen zu seiner Rechten an, und seine Blicke begegneten meinen. Er trug eine weißlackierte Maske und ein verschossenes, hellgrünes Wams, ganz zerlumpt und voll aufgenähter Flecken.

Von der Straße!

Wenn er lachte, war es wie ein schwirrendes Rasseln.

»Croatalus!—Croatalus horridus«, fiel mir ein Wort aus der Schulzeit ein; ich wußte seine Bedeutung nicht mehr, aber ich schauderte, wie ich es mir leise vorsagte.

Da fühlte ich die Finger der jungen Dirne unterm Tisch an meinem Knie.

»Ich heiße Albine Veratrine«, flüsterte sie stockend, als wolle sie ein Geheimnis verraten, wie ich ihre Hand faßte. Sie rückte dicht neben mich, und ich erinnerte mich dunkel, daß sie mir einmal ein Glas Champagner über die Manschette gegossen hatte.—Ihre Kleider strömten einen beißenden Geruch aus, man mußte fast niesen, wenn sie sich bewegte.

»Sie heißt natürlich Germer,—Fräulein Germer, wissen Sie«, sagte der Doktor Zitterbein laut.

Da lachte der Akrobat kurz auf und sah sie an und zuckte mit den Achseln, als ob er etwas Entschuldigendes sagen wollte.

Ich ekelte mich vor ihm, er hatte handbreite Hautentartungen am Halse —wie ein Truthahn, aber krausenartig—ringsherum und von blasser Farbe.

Und sein mattfleischfarbenes Trikot schlotterte an ihm von oben bis unten, weil er engbrüstig und mager war. Auf dem Kopfe trug er einen flachen, grünlichen Deckel mit weißen Tupfen und Knöpfen. Er war aufgestanden und tanzte mit einer, die hatte eine Kette gesprenkelter Beeren um den Hals.

Sind neue Frauenzimmer hereingekommen? fragte ich Lord Hopeleß mit den Augen.

»Es ist die Ignatia—meine Schwester«, sagte Albine Veratrine, und wie sie das Wort »Schwester« sagte, blinzelte sie mich aus den Augenwinkeln an und lachte hysterisch.

Dann streckte sie mir plötzlich die Zunge heraus, und ich sah, daß sie einen trockenen, langen, roten Streifen darauf hatte, und entsetzte mich.

Es ist wie eine Vergiftungserscheinung, dachte ich mir, warum hatte sie einen roten Streifen?—Es ist wie eine Vergiftungserscheinung.

Und wieder hörte ich wie von weitem die Musik:


»Ja, ja die Kla—re
Ist mir die wah—re«,


und ich wußte bei geschlossenen Augen, wie alle im Takt dazu mit den Köpfen nickten.—

Es ist wie eine Vergiftungserscheinung, träumte ich und wachte in einem Kälteschauer auf.

Dann stand Doktor Zitterbein mühsam auf und knüpfte ihr die Achselbänder los.

»Zwischen Sekunde und Sekunde liegt immer eine Grenze, die ist nicht in der Zeit, die ist nur gedacht. Das sind so Maschen, wie bei einem Netz« —hörte ich den Buckligen reden,—»und diese Grenzen zusammengezählt sind noch immer keine Zeit, aber wir denken sie doch, einmal, noch einmal, noch eine, eine vierte—

Und wenn wir nur in diesen Grenzen leben und die Minuten und Sekunden vergessen und nicht mehr wissen,—dann sind wir gestorben, dann leben wir den Tod.

Ihr lebet fünfzig Jahre lang, davon stiehlt euch die Schule zehn: sind vierzig.

Und zwanzig frißt der Schlaf: sind zwanzig.

Und zehn sind Sorgen, macht zehn.

Und fünf Jahre regnet es: bleiben fünf.

Von diesen fürchtet ihr euch vier hindurch vor morgen, so lebet ihr ein Jahr—vielleicht!

Warum wollt ihr nicht sterben?!

Der Tod ist schön.

Da ist Ruhe, immer Ruhe.

Und keine Sorge vor morgen.

Da ist die schweigende Gegenwart, die ihr nicht kennt, da ist kein Früher und kein Später.

Da liegt die schweigende Gegenwart, die ihr nicht kennt!—Das sind die verborgenen Maschen zwischen Sekunde und Sekunde im Netz der Zeit.«

Die Worte des Buckligen sangen in meinem Herzen, und ich blickte auf und sah, wie dem Mädchen das Hemd heruntergefallen war und sie nackt auf seinem Schoße saß. Sie hatte keine Brüste und keinen Leib—nur einen phosphoreszierenden Nebel vom Schlüsselbein zur Hüfte.

Und er griff mit den Fingern in den Nebel hinein, da schnarrte es wie Baßsaiten, und rasselnd fielen Stücke Kesselstein heraus.—So ist der Tod, fühlte ich,—wie Kesselstein.

Da hob sich langsam die Mitte des weißen Tischtuches wie eine große Blase, —ein eisiger Luftzug wehte und verwehte den Nebel. Glitzernde Saiten kamen ans Licht, die zogen sich vom Schlüsselbein der Dirne bis zur Hüfte. Ein Wesen, halb Harfe, halb Weib!

Der Bucklige spielte darauf, träumte mir, ein Lied von Tod und Lustseuche, das klang in einem fremdartigen Hymnus aus:


»In Leiden kehrt sich um die Lust,
In Wohl gewiß nicht,—sicherlich!
Wer Lust ersehnt, wer Lust erkürt,
Erkürt sich Leid, ersehnt sich Leid:
Wer nimmer Lust ersehnt, erkürt,
Erkürt, ersehnt sich nimmer Leid.«


Und mir kam ein Heimweh nach dem Tode bei diesen Strophen und ich sehnte mich nach dem Sterben.

Doch im Herzen bäumte sich das Leben auf—ein dunkler Trieb. Und Tod und Leben standen drohend einander gegenüber; das ist der Starrkrampf.

Mein Auge war unbeweglich, und der Akrobat beugte sich über mich, und ich sah sein schlotteriges Trikot, den grünlichen Deckel auf seinem Kopf und die Halskrause.

»Starrkrampf«, wollte ich lallen und konnte nicht.

Wie er von einem zum andern ging und ihnen lauernd ins Gesicht blickte, wußte ich, wir sind gelähmt; er ist wie ein Giftschwamm.

Wir haben giftige Schwämme gegessen und Veratrum album dabei, das Kraut des weißen Germers.

Das alles sind Nachtgesichte!

Ich wollte es laut rufen und konnte nicht.

Ich wollte zur Seite gehen und konnte nicht.

Der Bucklige mit der weißlackierten Maske stand leise auf, und die anderen folgten ihm und ordneten sich schweigend in Paare.

Der Akrobat mit der Französin, der Bucklige mit der menschlichen Harfe, Ignatia mit Albine Veratrine.—So zogen sie im fersenzuckenden Cake-Walkschritt zu zwei und zwei in die Wand hinein.

Einmal noch drehte sich Albine Veratrine nach mir um und machte eine obszöne Bewegung.

Ich wollte meine Augen zur Seite drehen oder die Lider schließen und konnte nicht,—ich mußte immer die Uhr sehen, die an der Wand hing, und wie ihre Zeiger wie diebische Finger um das Zifferblatt schlichen.

Dabei tönte mir in den Ohren das freche Couplet:


»Ja, ja, die Kla—re
Ist mir die wah—re.
Trala, trala, trala,—
Tra—lalala-la«,


und wie ein Basso ostinato predigte es in die Tiefe:

»In Leiden kehrt sich um die Lust:
Wer nimmer Lust ersehnt, erkürt,
Erkürt, ersehnt sich nimmer Leid.«


Ich genas von dieser Vergiftung nach langer, langer Zeit, die andern aber sind alle begraben.

Sie waren nicht mehr zu retten,—hat man mir gesagt,—als Hilfe kam.

Ich aber ahne, man hat sie scheintot bestattet, wenn auch der Arzt sagt, Starrkrampf komme nicht von giftigen Schwämmen, Muskarinvergiftung sei anders;—ich ahne, man hat sie alle scheintot begraben und muß schaudernd an den Klub Amanita denken und den gespenstischen buckligen Diener, den gefleckten Aaron mit der weißen Maske.

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Die Weisheit des Brahmanen

Erstveröffentlichung: Simplicissimus, 1907, Jg. 11, Heft 48, Seite 778

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Wenn die Sonne nicht hinter den Hügeln zu Grabe gegangen, wacht Nacht um Nacht ein grausiger Schreckensruf auf und flieht vor den haschenden Händen des Windes wie ein gescheuchtes blindes Tier der Finsternis aus dem Dschungel herüber zum Kloster.

Unaufhörlich, ohne die Stimme zu senken, ohne die Stimme zu erheben, ohne Atem zu holen, ohne leiser und ohne lauter zu werden. »Es ist die Maske Madhu des Dämons, die uralte, riesenhafte, die steingemeißelte, halbversunkene, die in den Sümpfen der Wildnis weiß mit leeren Augen aus den faulen Wassern starrt«,—hatten die Mönche geraunt—hatten die Mönche geraunt.

Er kündet die Pest,—Madhu der Dämon!

Und angsterfüllt war der Maharaja nach Norden geflohen mit seinem Gefolge.

»Wenn die Swamijis kommen, die heiligen Pilger, zur Feier des Festes der Bala Gopala und dieses Weges ziehen auf ihrer Fahrt, wollen wir fragen, warum die steinerne Maske in den Dschungeln nachts durch die Finsternis schreit«, —hatten da die Einsiedler beschlossen.

Und am Vorabend Bala Gopala waren die Swamijis die schimmernde Straße gezogen gekommen, schweigend, die Blicke gesenkt,—im trüben Mönchsgewand,—wie wandernde Tote—wie wandernde Tote.

Vier Männer, die die Welt von sich geworfen hatten.

Vier freudlose Leidlose, die die Bürde der Erregung von sich geworfen hatten.

Der Swami Vivekananda aus Trevandrum.

Der Swami Saradananda aus Shambhala.

Der Swami Abhedananda aus Mayavati.

Und ein vierter, uralter, aus der Kaste der Brahmanen, dessen Namen niemand mehr kannte—aus der Kaste der Brahmanen, dessen Namen niemand mehr kannte. Sie hatten das Kloster betreten zur Rast, und geruht dort wachsam und bezähmten Sinnes von Abend bis Morgen.

Und als der Tag versunken war, hatte wieder der Wind den heulenden Schrei des Steingesichtes herübergeweht wie grausige Botschaft—wie grausige Botschaft.

Den heulenden Schrei, den unaufhörlichen, den nicht ansteigenden und nicht abfallenden, den unaufhörlichen—atemlosen.

Um die Zeit der ersten Nachtwache hatten die Einsiedler da den ehrwürdigen Brahmanen, dessen Namen niemand mehr kannte und der so alt war, das Vishnu selber das Jahrhundert seiner Geburtsstunde vergessen hatte, dreimal von links umwandelt und dann nach der Ursache gefragt, die den Dämon, den riesenhaften, aus den Sümpfen weiß emporragenden, bewege, durch die Finsternis zu schreien.

Der Ehrwürdige aber hatte geschwiegen—aber hatte geschwiegen.

Wiederum zur Zeit der zweiten und dritten Nachtwache hatten die Mönche je dreimal den Verehrungswürdigen von links umwandelt und dann gefragt, warum des Nachts das steinerne Antlitz seinen Schreckensruf durch die Wildnis sende.

Und abermals und abermals hatte der Verehrungswürdige geschwiegen.

Als aber um die vierte Nachtwache die Einsiedler den Ehrwürdigen dreimal von links umwandelt und gefragt hatten, öffnete er seinen Mund und sprach:

»Nicht, ihr Einsiedler, ist es jener Madhu, mit der Maske aus weißem Felsen gemeißelt, der da schrie ohne Unterlaß. Wie sollte es denn, ihr Einsiedler, jener Dämon sein?!

Und nicht wird jener Klagelaut den Tag über durch die Sonne zum Schweigen gebracht.

Wie sollte denn, ihr Einsiedler, jener Klagelaut den Tag über durch die Sonne zum Schweigen gebracht werden?!

Bricht die Nacht herein, so wacht der Wind auf und weht von den Ufern der Sümpfe über die Wildnis und über die Wasser und trägt den Schall des Klagerufes zum Kloster Santok-Das—her zum Kloster Santokh-Das.

Der Klageruf aber tönt von Abend bis Morgen und von Morgen bis Abend —ohne Unterlaß—aus dem Munde eines Büßers, der der Erkenntnis entbehrt,—der der Erkenntnis entbehrt.

Niemand sonst, ihr Einsiedler, wüßte ich, der dort schrie—der dort schrie.«

Die Mönche aber warteten, bis sich das Fest des Bala Gopala gejährt, und baten sodann den Brahmanen, den uralten, dessen Namen keiner mehr kannte, daß er den Büßer beruhigen möge.

Und der Ehrwürdige erhob sich schweigend und wanderte im Morgengrauen zu den faulen Wassern hin.

Der klirrende Bambus schloß sich hinter seiner Gestalt, wie die Zähne der Silberkämme sich schließen, wenn die Tänzerinnen des Königs ihr langes Haar lösen.

Weithin durch das Dickicht weiß schimmert die Maske Madhu des Dämons und zeigt dem Weisen den Weg.

Halbversunken—das Antlitz zum Himmel starrend—die Augen leer.

Und der offene Mund—eine steinerne Grotte—haucht die eisige Luft der Felsenhöhlen empor.

Wie lebender Dampf steigt Sumpfdunst aus den brütenden Wassern und rieselt von dem kalten Steingesicht zurück in glitzernden Tropfen—in glitzernden Tropfen. Von den leeren Augäpfeln rinnt es nieder und furcht das glatte, gemeißelte Antlitz, daß es langsam schmerzlich die Mienen verzerrte von tausend zu tausend Jahren.

So weint Madhu der Dämon,—weint Madhu der Dämon. Und auf seiner Stirne perlt der Todesschweiß—mittags, wenn die Wildnis glüht mittags, wenn die Wildnis glüht. Da sah der Brahmane in einer Lichtung —den rechten Arm steif vorgestreckt—einen nackten Büßer stehen, und der schrie laut vor Schmerz. Unablässig, ohne einen Augenblick auszusetzen, ohne Atem zu schöpfen und ohne die Stimme sinken zu lassen.

Abgezehrt war er, daß seine Rückgratwirbel einem geflochtenen Zopfe glichen, seine Schenkel Stäben aus knorrigem Holz—und seine Augen—eingesunken—schwarzen getrockneten Beeren schwarzen getrockneten Beeren.

Die Hand des vorgestreckten Armes aber umkrampft eine schwere eiserne Kugel mit Stacheln besetzt, und je mehr die Finger sie preßten, um so tiefer drangen die Spitzen ins Fleisch—Spitzen ins Fleisch.

Fünf Tage wartete da regungslos der Brahmane, und als der Asket auch nicht einen Augenblick—so lange wie ein kräftiger Mann Zeit gebraucht hätte, die Schultern zu heben und die Schultern wieder zu senken aufhörte, vor Schmerzen zu schreien, umwandelte er ihn dreimal von links. —Dann blieb er an seiner Seite stehen.

»Pardon, mein Herr«, sagte er sodann zu dem Büßer,—»pardon, mein Herr«,—und hüstelte diskret—»welcher Umstand mag es wohl sein, der Sie veranlaßt, Ihrem Schmerze rastlos Ausdruck zu verleihen? —ehüm, rastlos Ausdruck zu verleihen?«

—Schweigend wies der Büßer mit den Blicken auf die Stachelkugel in seiner Hand.

Da verfiel der Weise in tiefes Staunen.

Sein Geist tauchte hinab in den Abgrund des Seins und des Reiches der Ursachen und verglich die Dinge, die da kommen werden, mit denen, die längst gestorben sind.

Der Sinn und der Wortlaut der Reden zog an seinem Gedächtnis vorüber, er aber fand nicht, was er suchte.

Immer tiefer versenkte er sich und es schien, als sei im Grübeln sein Herzschlag gestorben und der flutende ebbende Atem erloschen flutende, ebbende Atem erloschen. Die Gräser der Sümpfe wurden braun und welkten dahin; der Herbst kam und rief die Blumen heim, und die Haut der Erde schauerte—Haut der Erde schauerte.

Und immer noch stand der Brahmane in tiefstem Sinnen. Der tausendjährige Molch war aus dem Sumpfe gekrochen, hatte auf ihn gewiesen mit gesprenkeltem Finger und dem Ohrenhöhler und seiner Frau zugeraunt:

»O, ihn kenne ich wohl, uralt ist er und von unendlicher Weisheit, der verehrungswürdige Swami.

Im Mittelpunkte der Erde, der meine Heimat ist, habe ich seinen Impfschein gelesen, den vergilbten, und weiß seinen Namen und Stand genau:

Der landesfürstliche Normalbrahmane a. D., der ehrwürdige Swami Heng-Tsen-cha-Uph' Allemitananda aus Ko-Shirsh ist es—aus Ko-Shirsh ist es.«

Das hatte der tausendjährige Molch dem Ohrenhöhler und seiner Frau zugeflüstert und hatte dann beide gefressen.

Der Weise aber war aufgewacht.

Und zu dem Asketen gewandt, sprach er gemessen: »La—la—lassen Sie die Kugel fallen, mein Herr!«

Und wie der Büßer die Hand öffnete, rollte die Kugel zur Erde, und einen Augenblick später war der Schmerz erloschen.

Juch—hu aber jodelte der Büßer, und freudig erregt und ledig der Pein entfernte er sich in Hechtsprüngen—entfernte er sich in Hechtsprüngen.


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Die Geschichte vom Löwen Alois

Erstveröffentlichung: Simplicissimus, 1905, Jg. 10, Heft 31, Seite 364

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war so: Seine Mutter hatte ihn geboren und war sofort gestorben.


Vergebens hatte er getrachtet, mit seinen runden Pfoten, die so weich waren wie Puderquasten, sie aufzuwecken, denn er verschmachtete vor Durst in der sengenden Mittagsglut.

»Wie die Sonne frühmorgens die Tautropfen schlürft, wird sie auch sein Leben austrinken«, murmelten pathetisch die wilden Pfauen oben auf der Tempelruine, machten Prophetengesichter und schlugen rauschend stahlblau schimmernde Räder.

Und wären nicht die Schafherden des Emirs des Weges gezogen, hätte es auch so kommen müssen.

Da aber wendete sich das Schicksal.

»Hirten haben wir nicht, unberufen, die dreinreden dürften«, meinten die Schafe—»warum sollen wir diesen jungen Löwen also nicht mitnehmen?

Übrigens die Witwe Bovis macht's gewiß gern, erziehen ist ja ihre Leidenschaft. Seit ihr Ältester nach Afghanistan geheiratet hat—(die Tochter de fürstlichen Oberwidders)—fühlt sie sich sowie so ein bißchen einsam.«

Und Frau Bovis sagte kein Wort, nahm das Löwenjunge zu sich, säugte und hegte es—neben Agnes, ihrem eigenen Kind.

Nur der Herr Schnucke Ceterum aus Syrien—schwarz gelockt und mit krummen Hinterbeinen—war dagegen. Er legte den Kopf schief und sagte melodisch: »Scheene Sachen werden da noch emol 'erauskommen«, aber weil er immer alles besser wußte, kümmerte sich niemand um ihn.—Der kleine Löwe wuchs erstaunlich, wurde bald getauft und erhielt den Namen »Alois«.

Frau Bovis stand dabei und fuhr sich ein ums andere Mal über die Augen; —und der Gemeindeschöps trug ins Buch ein: »Alois + + +«, und statt eines Familiennamens drei Kreuze.

Damit aber jeder sehen könne, daß hier wahrscheinlich eine uneheliche Geburt vorliege, schrieb er es auf eine Extraseite.

Alois' Kindheit floß dahin wie ein Bächlein.

Er war ein guter Knabe, und nie gab er—von gewissen Heimlichkeiten vielleicht abgesehen—Grund zur Klage.—Rührend war es anzusehen, wie er heißhungrig mit den andern weidete und die Schafgarbe, die sich ihm widerspenstig immer um die langen Eckzähne legte, in kindlicher Unbeholfenheit mühsam zerkaute.

Jeden Nachmittag ging er mit klein Agnes, seinem Schwesterchen, und ihren Freundinnen ins Bambusgehölz spielen, und da war des Scherzens und der Lustbarkeiten kein Ende.

Alois, hieß es dann immer, Alois, zeig mal deine Krallen, bitte, bitte, und wenn er sie recht lang herausstreckte, erröteten die Mädchen, steckten kichernd die Köpfe zusammen und sagten: »Ffui, wie unanßtändig«; aber sie wollten es doch immer wieder sehen.

Zur kleinen schwarzhaarigen Scholastika, Schnucke Ceterums lieblichem Töchterlein, entwickelte sich in Alois frühzeitig eine tiefe Herzensneigung.

Stundenlang konnte er an ihrer Seite sitzen, und sie bekränzte ihn mit Vergißmeinnicht.

Waren sie ganz allein, so sagte er ihr das wunderschöne Gedicht auf:


»Willst du nicht das Lämmlein hüten,
Lämmlein ist so fromm und sanft,
Nährt sich von des Grases Blüten
Spielend an des Baches Ranft.«


Und sie vergoß dabei Tränen tiefster Rührung.

Dann tollten sie wieder durch das saftige Gras, bis sie umfielen.

Kam er abends erhitzt vom kindlichen Spiele nach Hause, sagte Frau Bovis, seine Mähne nachdenklich betrachtend, immer nur: »Jugend hat keine Tugend«, —und—»Junge, wie du heute wieder mal unfrisiert aussiehst!« (Sie war so gut.)

Alois reifte zum Jüngling, und das Lernen war seine Lust. In der Schule allen ein Vorbild, glänzte er stets durch Fleiß und gute Sitten,—und im Singen und in »Vaterländischer Ruhmesgeschichte« hatte er durchwegs I a.

»Nicht wahr, Mama«, sagte er immer, wenn er mit einem Lob des Lehrers heimkam, »nicht wahr, ich darf später in die Kadettenschule?«

Da mußte sich jedesmal Frau Bovis abwenden und eine Träne zerdrücken. »Er weiß ja nicht, der gute Junge«, seufzte sie, »daß dort nur wirkliche Schafe aufgenommen werden«,—streichelte ihn, zwinkerte verheißungsvoll mit den Augen und sah ihm gerührt nach, wenn er hochaufgeschossen, wie er war, mit dem ein wenig dünnen Hals und den weichen X-Beinen der Flegeljahre wieder hinaus an seine Schulaufgaben ging.

Der Herbst zog ins Land, da hieß es eines Tages: Kinder, vorsichtig sein, ja nicht zu weit außerhalb spazieren gehen, besonders nicht in der Dämmerung, wenn die Sonne zu sinken beginnt,—wir kommen jetzt in gefährliches Gebiet.—Der persische Löwe—nämlich—mordet und würgt dort.

Und immer wilder wurde das Pundshab und immer finsterer das Gesicht, das die Landschaft schnitt.

Die steinernen Finger der Berge von Kabul krallen sich in die Niederungen, —Bambusdschungel starrt wie gesträubtes Haar, und auf den Sümpfen treiben träge die Fieberdämonen mit lidlosen Augen und atmen vergiftete Mückenschwärme in die Luft.

Die Herde zog durch einen Engpaß, ängstlich und schweigend. Hinter jedem Felsblock Todesgefahr.

Da machte ein hohler, schauerlicher Ton die Luft beben,—in wilder, besinnungsloser Furcht stürmte die Herde davon. Hinter einem Felsen hervor schoß ein breiter Schatten gerade auf Herrn Schnucke Ceterum los, der nicht rasch genug vorwärts kam.

Ein riesiger alter Löwe!

Herr Schnucke wäre rettungslos verloren gewesen, hätte sich nicht in diesem Augenblick etwas Merkwürdiges ereignet. Mit Gänseblümchen bekränzt, ein Sträußchen Georginen hinter dem Ohr, kam Alois mit schmetterndem »Bäh, bäh« im Galopp vorbei.

Als hätte vor ihm der Blitz eingeschlagen, hielt der alte Löwe im Sprung inne und stierte in maßlosem Staunen dem Fliehenden nach.

Lange konnte er keinen Laut hervorbringen, und als er endlich ein wütendes Gebrüll ausstieß, antwortete ihm Alois' »Bäh, bäh« schon aus weiter Ferne.

Eine ganze Stunde noch blieb der Alte in tiefem Grübeln stehen; alles, was er je über Sinnestäuschungen gelesen und gehört, ließ er an seinem Geiste vorüberziehen.

Vergebens!

Die Nacht fällt rasch und kalt vom Himmel im Pundshab; fröstelnd knöpfte sich der alte Löwe zu und ging in seine Höhle.

Aber er konnte keinen Schlaf finden, und als das gigantische Katzenauge des Vollmondes grünlich durch die Wolken starrte, brach er auf und setzte der geflohenen Herde nach.

Gegen Morgengrauen erst fand er Alois—die Blumenkränze noch im Haar—süß schlummernd hinter einem Strauche.

Er legte ihm die Pranke auf die Brust, und mit entsetztem »Bäh« fuhr Alois aus dem Schlafe.

»Herr, so sagen Sie doch nicht immer ›bäh‹. Sind Sie denn wahnsinnig? Sie sind doch ein Löwe, um Gottes willen«, brüllte ihn der Alte an.

»Da irren Sie, bitte—«, antwortete Alois schüchtern, »ich bin ein Schaf.«

Der alte Löwe schüttelte sich vor Wut; »Sie,—wollen Sie mich vielleicht zum besten haben?! Frozzeln Sie gütigst meinetwegen die Frau Blaschke—«

Alois legte die Tatze beteuernd aufs Herz, blickte ihm treuherzig in die Augen und sagte tiefbewegt:

»Mein Ehrenwort—ich bin ein Schaf!«

Da entsetzte sich der Alte, wie tief sein Stamm gesunken, und ließ sich Alois' Lebensgeschichte erzählen.

»Das alles«, meinte er dann, »ist mir zwar gänzlich schleierhaft, aber daß Sie ein Löwe und kein Schaf sind, steht fest, und wenn Sie's nicht glauben wollen—zum Teufel—so vergleichen Sie unser beider Bilder hier im Wasser.

Und jetzt lernen Sie zuvörderst mal anständig brüllen, schauen Sie so:

Uuuaah, uuuuaah.«

Und er brüllte, daß die Oberfläche des Weihers ganz rieselig wurde und aussah wie Schmirgelpapier. »Also versuchen Sie's, es ist ganz leicht.«

»Uhah«, setzte Alois schüchtern an, verschluckte sich jedoch und mußte hüsteln.

Der alte Löwe blickte ungeduldig zum Himmel auf: »Na, meinetwegen üben Sie's, wenn Sie allein sind, ich muß jetzt sowieso nach Hause.«

Er sah auf die Uhr: »Himmelsakra! schon wieder halb fünf!—Also Servus!« Und er salutierte flüchtig mit der Pranke und verschwand.

Alois war wie betäubt—: Also doch!!

Vor ganz kurzer Zeit erst hatte er das Gymnasium absolviert—hatte es sozusagen schwarz auf weiß bekommen, daß er ein Schaf sei—und jetzt!

Gerade jetzt, wo er in den Staatsdienst treten sollte!

Und—und—und Scholastika!

Er mußte weinen—Scholastika!!

So schön hatten sie alles miteinander verabredet, wie er vor Papa und Mama hintreten solle usw.

Und Mama Bovis hatte noch zu ihm gesagt—neulich—: »Junge, den alten Schnucke, den halte dir warm, der hat ein Viechsgeld;—das wäre so ein Schwiegervater für dich bei deinem Riesenappetit.«—Und immer lebendiger zogen die Ereignisse der letzten Tage vor Alois' innerem Auge vorüber: Wie er auf einem Spaziergange Herrn Schnucke über sein blühendes Aussehen und seinen Reichtum Elogen gemacht hatte: »Herr von Schnucke haben, wie ich vernahm, in Syrien einen so schwunghaften Exporthandel in Trommelschlägeln unterhalten, und das soll, höre ich, den Grundstock zu Ihrem Reichtum gelegt haben!?«—

»Auch hab' ich gehandelt dermit—«, hatte Herr Ceterum etwas zögernd geantwortet, ihn aber dabei recht argwöhnisch von der Seite angesehen.

»Sollte ich da am Ende etwas Dummes gesagt haben?«—hatte sich Alois damals gedacht—»aber man spricht doch allgemein—« Ein Geräusch schreckte ihn jetzt aus seinen Träumereien!—Also alles, alles sollte jetzt zu Ende sein! Alois legte sein Haupt auf die Tatzen und weinte lange und bitterlich.

Tag und Nacht vergingen,—da hatte er sich durchgerungen.

Übernächtig, tiefe Schatten um die Augen, ging er zur Herde, trat mitten unter sie, richtete sich majestätisch auf und rief:

»Uh—hah!«

Ein ungeheures Gelächter brach los.

»Pardon, ich meine damit«, stotterte Alois verlegen—»ich meine damit nur—ich bin nämlich ein Löwe.« Ein Augenblick der Überraschung, allgemeine Stille, und wiederum erhoben sich großer Lärm, höhnische Worte, Warnungsrufe, lautes Lachen.

Erst als Dr. Simulans, der Herr Pastor, hinzutrat und Alois in strengem Tone befahl, ihm zu folgen, legte sich der Tumult.

Es mußte ein langes ernstes Gespräch gewesen sein, das die beiden miteinander führten, und als sie zusammen aus dem Bambusdickicht traten, da leuchteten des Predigers Augen in frommem Eifer. »Sei dössen eingedenk, mein Sohn«, waren seine letzten Worte,—»mannigfaltig sind die Fallstricke des bösen Feindes! Tag und Nacht versuchet ör uns, auf daß wir gögen den Stachel löcken, dörweilen wir im Fleische wandeln allhier.

Siehe, das ist ös ja eben, wir allesamt sollen trachten, das Löwentum in uns niederzuwerfen und in Demut zu verharren, daß wir einen nojen Bund schließen und unsere Bitten erhöret werden—hier zeitlich und dort öwiglich.

Und was du gesehen und gehört gestern morgens dort am Weiher, das vergiß; —ös war nicht Wirklichkeit,—war teuflisch Gaukelspiel dös bösen Feines! Anathema!

Eines noch, mein Sohn! Heiraten ist gut, und ös wird dir die finsteren Dünste des Fleisches vertreiben, die den Teufeln ein Wohlgefallen sind, so freie denn die Jungfrau Scholastika Cöterum und sei zahlreich wie der Sand am Meere.«

Er hob seine Augen zum Himmel,—»das wird dir helfen des Fleisches Bürde zu tragen und—(hier wurde seine Rede zum Gesang):


lär—nee zu lei—deen
oh—näh zu klaa—geen!«


Und dann schritt er von hinnen.

Alois' Augen standen voll Tränen.

Drei Tage lang sprach er keine Wort, reinigte nur rastlos sein Inneres von allen Schlacken, und als ihm eines Nachts im Traum eine Löwin erschien, die angab, der Geist seiner Mutter zu sein und verächtlich dreimal vor ihm ausspuckte, da trat er erhobenen Hauptes vor den Herrn Pastor jauchzend, daß nunmehr die Blendwerke der Hölle von ihm abgelassen hätten und er von nun an das Denken wolle ganz und gar sein lassen, um sich um so blinder der Leitung des Herrn Pastors hinzugeben.

Der Herr Pastor aber hielt in beredten Worten Fürsprache für ihn um die Hand der Jungfrau Scholastika bei ihren Eltern.

Zwar wollte Herr Ceterum anfangs nichts hören, war sehr wild und rief immer »Er is nix, er hat nix«, aber schließlich fand seine Ehegattin den Schlüssel zu seinem Herzen:

»Schnucke«, sagte sei, »Schnucke, was willst de eigentlich, was hast de gegen Alois? Schau—er is doch blond.«—

Und tags darauf war Hochzeit.

Bäh.


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Der Saturnring

Erstveröffentlichung: Simplicissimus, 1907, Jg. 11, Heft 44, Seite 707

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Die Jünger kamen tappend Schritt um Schritt die Wendeltreppe herauf.

Im Observatorium quoll die Dunkelheit, und an den blanken Messingrohren der Teleskope rieselte in dünnen kalten Strahlen das Sternenlicht herab in den runden Raum.

In Funkelbündeln konnte man es an die metallenen Pendel spritzen sehen, die von der Decke hingen, wenn man sich langsam hin und her wandte und ließ die Augen schweifen. Die Finsternis des Fußbodens schluckte die glitzernden Tropfen, die von den glatten, blinkenden Maschinen rannen.

»Der Meister nimmt heute den Saturn auf«, sagte Wijkander nach einer Weile und wies mit dem Finger auf das große Fernrohr, das wie der steife, nasse Fühler einer goldenen Riesenschnecke aus dem Nachthimmel herein durch die Luke ragte. Keiner der Jünger widersprach; nicht einmal erstaunt waren sie, als sie nah zum Glase traten und fanden Axel Wijkanders Worte bestätigt.

»Mir ist es ein Rätsel;—wie kann ein Mensch nur—in halber Dunkelheit so aus der bloßen Stellung des Fernrohrs erkennen, auf welchen Stern das Glas zeigt?« meinte einer bewundernd. »Wie wissen Sie es so bestimmt, Axel?«

»Ich fühle, das Zimmer ist voll von dem erstickenden Einfluß des Saturns, Doktor Mohini. Glauben Sie mir, die Teleskope saugen aus den Sternen, auf die sie gerichtet sind, wie lebendige Trichter, und ziehen die Strahlen, die sichtbaren wie die finstern, herab in die Wirbel ihrer Brennlinsen!

Wer—wie ich seit langem—mit sprungbereiten Sinnen die Nächte durchlauert, der lernt nicht nur den feinen unmerklichen Hauch der Gestirne fühlen und sondern und stimmt ihr Fluten und Ebben wahr und wie sie sich unseres Hirns bemächtigen mit lautlosem Griff, unsere Vorsätze verlöschen, um andere an ihre Stelle zu schieben—wie sie haßerfüllt schweigend miteinander ringen, diese tückischen Kräfte, um die Vorherrschaft, das Schiff unseres Geschickes zu lenken—, der lernt auch wachend träumen und sehen, wie um gewisse Nachtstunden die seelenlosen Schemen der abgestorbenen Himmelskörper lebensgierig sich in das Reich der Sichtbarkeit schleichen und durch fremdartig zögerndes Gebärdenspiel, das ein unbestimmtes namenloses Grauen in unserer Seele weckt, rätselhafte Verständigung tauschen—. Doch machen wir Licht, leicht können die Gegenstände verrücken auf den Tischen—so im Finstern—, und der Meister hat es nie geliebt, daß man die Dinge stört auf ihren Plätzen.«—

Einer der Freunde trat zur Wand und tastete nach den elektrischen Lampen. Man hörte das leise zischende Suchen seiner Fingerspitzen, die an der Mauervertiefung umherfuhren,—dann wurde es mit einem Schlage Licht, und der messinggelbe Glanz der Metallpendel und Teleskope lachte grell auf im Raum.

Der Nachthimmel, der eben noch seine weiche sammetene Haut schmeichelnd an die Fenster geschmiegt, war plötzlich zurückgefahren und verbarg sein Antlitz jetzt weit, weit droben in dem eisigen Raume hinter den Sternen.

»Das ist die große runde Flasche—, dort, Doktor«, sagte Wijkander, »von der ich Ihnen gestern sprach und die dem Meister zu seinem letzten Experiment diente.

Und von diesen beiden Metallpolen an den Wänden—sehen Sie hier —gingen die Wechselströme aus, die sogenannten Hertzschen Wellen, und hüllten die Flasche in ein elektrisches Feld.

Sie haben uns gelobt, Doktor, über alles, was Sie sehen und erfahren werden, unverbrüchliches Stillschweigen zu bewahren und uns mit Ihren Kenntnissen als Irrenarzt beizustehen, so gut es eben geht.

Glauben Sie nun wirklich, wenn der Meister jetzt kommen und in der Meinung, unbeobachtet zu sein, Dinge vollführen wird, die ich Ihnen wohl andeutete, unmöglich aber weiter enthüllen darf, daß Sie durch seine äußern Handlungen unbeeinflußt bleiben und bloß durch stumme Beobachtung seines ganzen Wesens feststellen können, ob Irrsinn ganz ausgeschlossen ist?

Werden Sie ihre wissenschaftlichen Vorurteile so weit unterdrücken können, daß Sie, wenn es sein muß, offen eingestehen: Ja, es ist ein mir fremder Geisteszustand, vielleicht jener hochschlafähnliche, der Turya-Trance heißen soll—, es ist etwas, das die Wissenschaft nie gesehen hat—, Irrsinn aber ist es nicht?

Werden Sie den Mut haben, das offen einzugestehen, Doktor?—Sehen Sie, nur die Liebe, den Meister vor Verderben zu schützen, hat uns den schweren Schritt wagen lassen, Sie hierher zu führen und vielleicht Dinge sehen lassen zu müssen, die noch niemals das Augen eines Uneingeweihten erblickt hat.«

Doktor Mohini sah vor sich hin. »Ich werde ehrlich tun, was ich vermag, und auf alles Rücksicht nehmen, was Sie verlangten und mir gestern anvertrauten;—wenn ich aber alles wohl überlege, so möchte ich mir an den Kopf greifen.—Gibt es denn wirklich eine Wissenschaft, eine wahrhaft verborgene Weisheit, die ein unübersehbar weites Feld von Dingen erforscht haben will und beherrscht, von deren bloßer Existenz wir nicht einmal gehört haben sollen?!

Sie reden da nicht nur von Magie,—von schwarzer und weißer Magie; ich höre Sie von den Geheimnissen eines grünen, verborgenen Reiches reden und von unsichtbaren Bewohnern einer violetten Welt!

Sie selbst treiben—violette Magie, sagen Sie, gehören einer uralten Bruderschaft an, die aus grauer Vorzeit her diese Geheimnisse und Arkana zu bewahren hat.

Und von der ›Seele‹ reden Sie wie von etwas Erwiesenem! —Ein feiner stofflicher Wirbel soll das sein, der Träger eines präzisen Bewußtseins?!

Und nicht nur das,—Ihr Meister soll eine solche Seele in diesem Glasbehälter dort eingesperrt haben, indem er die Flasche mit dem Hertzschen Oszillator umspült hält?!—Ich kann mir nicht helfen, aber das ist doch, weiß Gott, hellichter—«

Axel Wijkander stieß ungeduldig seinen Stuhl zurück, trat verstimmt an das große Fernrohr und blickte hinein.

»Ja, was können wir Ihnen wohl sonst sagen, Doktor Mohini«, meinte endlich zögernd einer der Freunde. »—Es ist eben so;—der Meister hat durch lange Zeit in dieser Flasche eine menschliche Seele isoliert gehalten, hat die hemmenden Hüllen von ihr gelöst, eine nach der andern, wie man wohl die Hüllen von einer Meerzwiebel löst, hat ihre Kräfte verfeinert und eines Tages war sie eben entwichen, hatte die Glaswand und das isolierende elektrische Feld durchdrungen,—war entflohen!«—

In diesem Augenblick unterbrach ein lauter Ruf Axel Wijkanders den Sprecher, und alle blickten erstaunt auf.

Wijkander rang nach Atem: »Ein Ring, ein gezackter Ring. Weißlich durchbrochen, es ist unglaublich, unerhört«, schrie er. »Ein neuer Ring, ein neuer Saturnring hat sich gebildet!«—

Einer nach dem andern sah in das Glas und konnte sich vor Staunen kaum fassen.

Doktor Mohini, der nicht Astronom war und das Auftreten eines Phänomens wie das der Bildung eines neuen Saturnringes weder zu deuten noch in seiner ungeheuren Tragweite zu würdigen wußte, hatte kaum einige Fragen zu stellen begonnen, als man schwere Männertritte die Wendeltreppe heraufkommen hörte.

»An eure Plätze, um Gottes willen,—dreht das Licht ab, der Meister kommt«, befahl Wijkander in wilder Hast, »und Sie, Doktor, bleiben in Ihrer Nische verborgen, was auch immer geschehen möge, hören Sie! Sieht Sie der Meister, so ist alles verloren.«

Einen Augenblick später war das Observatorium wieder völlig dunkel und totenstill.

Die Schritte kamen näher und näher, eine Gestalt in weißem Seidentalar betrat den Raum und zündete eine winzige Lampe auf dem Tische an, die einen blendenden engen Lichtkreis warf.

»Es zerreißt mir die Seele«, flüsterte Wijkander seinem Nachbarn ins Ohr, —»der arme, arme Meister, wie der Gram seine Züge durchfurcht hat.«

Jetzt trat der Alte zum Teleskop, sah lange hinein und wankte wie gebrochen zum Tisch zurück.

»Von Stunde wächst der Ring—jetzt hat er sogar Zacken bekommen, es ist furchtbar«, hörte man den Adepten verzweifelt klagen und sah ihn in heißem Schmerze das Gesicht in die Hände vergraben.

Eine lange, lange Zeit sah er so, und die Jünger in ihren Verstecken weinten leise vor sich hin.

Endlich sprang er auf in wildem Entschlusse, rollte die Flasche herbei in die Nähe des Fernrohrs und legte drei Gegenstände, deren Form nicht zu unterscheiden war, daneben auf den Boden.

Dann kniete er sich steif hin in die Mitte des Zimmers und bildete mit den Armen und dem Oberleib seltsame Stellungen, die geometrische Figuren und Winkelmaßen glichen;—zugleich murmelte er eintönige Sätze, aus denen von Zeit zu Zeit langgezogene heulende Vokale hervorklangen.—

»Allbarmherziger Gott, beschirme seine Seele, es ist die Beschwörung des Typhon«, flüsterte entsetzt Wijkander den andern zu,—»er will die entflohene Seele aus dem Weltall zurückzwingen.—Mißlingt es, ist er dem Selbstmord verfallen;—Brüder, achtet scharf auf mein Zeichen und dann springt zu. Und haltet eure Herzen fest, die Nähe schon des Typhon macht die Herzkammern bersten!«

Der Adept kniete immer noch unbeweglich, und die Vokale wurden lauter und heulender.

Die kleine Flamme auf dem Tisch warf trüben Schein, begann zu schwelgen und glomm wie ein glühendes Auge durch den Raum, und es schien, als nehme ihr Licht nach und nach unter kaum merklichem Zucken eine grünlich violette Farbe an.

Das Murmeln des Beschwörers hatte ganz aufgehört, nur in langen, regelmäßigen Pausen gellte seine Stimme die Vokale hervor, die markerschütternd die Luft durchschnitten.

Sonst kein Laut. Eine Stille, so furchtbar und aufregend wie nagende Todespein.—

Das Gefühl, als seien alle Dinge ringsum zu Asche zerfallen—und als sinke der Raum mit rasender Schnelle irgendwohin in einer unerklärlichen Richtung, immer tiefer hinab und hinab in das erstickende Reich der Vergangenheit, legte sich auf alle.

Dann plötzlich ein tappendes, schlammiges Klatschen quer durch das Zimmer wie von einem nassen, unsichtbaren Geschöpf, das sich in kurzen hastigen Sprüngen vorüberschnellt.

Violett schimmernde Handflächen erscheinen auf dem Fußboden, rutschen unschlüssig tastend hin und her, wollen sich erheben aus dem Reiche der Fläche zu Körpern und fallen kraftlos wieder zurück. Fahle schemengleiche Wesen—die hirnlosen, grauenhaften Überbleibsel der Toten haben sich von den Wänden gelöst und gleiten umher, ohne Sinn, ohne Ziel, halbbewußt, mit den taumelnden, schlendernden Bewegungen idiotischer Krüppel, blasen unter geheimnisvoll blödsinnigem Lächeln die Backen auf, langsam, ganz langsam und verstohlen, als wollten sie irgendein unerklärliches verderbenbringendes Vorhaben bemänteln—oder stieren tückisch ins Weite, um plötzlich vorwärts zu schießen—blitzartig gleich Vipern—, eine kleine Strecke.

Geräuschlos fallen von der Decke blasige Körper, rollen sich auf und kriechen umher:—die weißen gräßlichen Spinnen, die die Sphären der Selbstmörder bevölkern und aus verstümmelten Kreuzesformen das Fangnetz der Vergangenheit weben, das unaufhörlich wächst und wächst von Stunde zu Stunde.

Eisiger Schrecken weht im Raum,—das Unfaßbare außerhalb alles Denkens und Verstehens Liegende, die würgende Todesangst, die keine Wurzel mehr hat und auf keiner Ursache mehr fußt—: das formlose Muttertier des Entsetzens.

Da dröhnt dumpfes Fallen über den Boden hin, Doktor Mohini ist tot niedergestürzt.

Sein Gesicht steht im Nacken, der Mund weit aufgebrochen. »Haltet die Herzen fest, der Typhon—« hört man noch Axel Wijkander schreien, dann bricht von allen Seiten eine Flut entfesselnder Geschehnisse herein, eines das andere überstürzend.—Die große Flasche zerspringt in tausende, seltsam geformte Splitter, die Wände geben phosphoreszierenden Schein.

An den Rändern der Luken und Fensternischen setzt eine fremdartige Verwesung ein, die den harten Stein in eine gedunsene Masse wie blutleeres entartetes Zahnfleisch verwandelt,—sich mit der Schnelligkeit leckender Flammen weiterfrißt, Decke und Mauern ergreifend.

Taumelnd ist der Adept aufgesprungen,—hat in Geistesverwirrung ein spitzes Opfermesser erfaßt und hat es sich in die Brust gestoßen.

Wohl sind ihm die Jünger in den Arm gefallen, die tiefe Wunde jedoch, aus der jetzt das Leben sickert, können sie nicht mehr schließen.

Die strahlende Helle der elektrischen Lampen ist wieder Siegerin im runden Raum des Observatoriums, und verschwunden sind die Spinnen und die Schemen und die Fäulnis.

Zersplittert aber liegt die Flasche, deutliche Brandspuren bedecken den Boden, und der Meister verblutet auf einer Matte. Nach dem Opfermesser haben sie vergeblich gesucht. Unter dem Teleskop, mit verkrampften Gliedern, liegt die Leiche Mohinis auf der Brust, und das Gesicht—nach oben gedreht —grinst verzerrt im Todesschrecken zur Decke empor.

Die Jünger umstehen des Meisters Lager, und ihrem Flehen, sich zu schonen, wehrt er mild: »Lasset mich zu euch sprechen und grämt euch nicht. Mein Leben hält keiner mehr, und meine Seele ist voll der Sehnsucht, zu vollbringen, was sie im Körper vermocht.

Habt ihr nicht gesehen, wie der Hauch der Verwesung durch dieses Haus schritt! Ein kurzer Augenblick noch, und er wäre stofflich geworden, wie sich Nebel niederschlägt zu bleibendem Reif,—und die Sternwarte und alles darinnen, ihr und ich, wir wären jetzt Schimmel und Moder.

Die Sengspuren dort auf dem Fußboden, sie stammen von den Händen der haßerfüllten Bewohner des Abgrundes, die vergeblich nach meiner Seele griffen. Und so wie ihre Male hier eingebrannt stehen in Holz und Stein, wäre auch ihr anderes Werk bleibend und sichtbar geworden, hättet ihr euch nicht mutvoll dazwischen geworfen.

Denn alles, was auf Erden ›bleibend‹ ist, wie es die Toren nennen, ist vorher Spuk gewesen,—Spuk, sichtbar oder unsichtbar —und ist nichts mehr als erstarrter Spuk.

Deshalb, was es auch sei, Schönes oder Häßliches, Erhabenes, Gutes oder Böses, Heiteres mit dem verborgenen Tode im Herzen oder Trauriges mit der verborgenen Heiterkeit im Herzen,—immer haftet etwas von Spuk daran.

Wenn auch nur wenige das Gespenstische fühlen in der Welt, so ist es doch da, ewig und immerwährend.

Es ist die Grundlehre unseres Bundes, daß wie die steilen Wände des Lebens emporklimmen sollen zur Spitze des Berges, wo der gigantische Magier steht und mit seinen Blendspiegeln die Welt da unten hervorzaubert aus trügerischen Reflexen!

Seht, da habe ich gerungen um das höchste Wissen, habe nach einem menschlichen Wesen gesucht, um es zu töten, der Erforschung meiner Seele wegen. Einen Menschen wollte ich opfern, der wahrhaft unnütz ist auf Erden; und ich mischte mich unter das Volk, unter Männer und Weiber, und wähnte ihn leicht zu finden.

Mit der Freude der Gewißheit ging ich zu Rechtsanwälten, zu Medizinern und Militär—; unter Gymnasialprofessoren hatte ich ihn beinahe schon gefaßt—beinahe!

Immer nur beinahe, denn stets war ein kleines, oft nur winziges Zeichen an ihnen, und zwang mich loszulassen.

Dann kam die Zeit, wo ich endlich darauf stieß. Nicht auf ein einzelnes Geschöpf—nein, auf eine ganze Schicht.

Wie man unversehens auf ein Heer von Mauerasseln stößt, wenn man im Keller einen alten Topf vom Boden hebt.

Die Pastoren›weibse‹!

Das war es!

Ich habe eine ganze Schnur von Pastorenweibsen belauscht, wie sie rastlos sich ›nützlich machen‹, Versammlungen abhalten ›zur Aufklärung von Dienstboten‹, für die armen Negerkinder, die sich der göttlichen Nacktheit freuen, warme scheußliche Strümpfe stricken, Sittlichkeit verteilen und protestantischbaumwollene Handschuhe;—und wie sie uns arme, geplagte Menschheit belästigen: man sollte doch Stanniol sammeln, alte Korke, Papierschnitzel, krumme Nägel und anderen Dreck, damit —›nichts verkomme‹!—

Und gar als ich sah, daß sie sich anschickten, neue Missionsgesellschaften auszuhecken und mit den Abwässern ›moralischen‹ Aufklärichts die Mysterien der heiligen Bücher zu verdünnen, da war die Schale meines Grimmes voll.

Eine,—ein pinselblondes ›deutsches‹ Biest, ein echtes Gewächs aus wendisch-kaschubischem Obotritenblut, hatte ich schon unter dem Messer, da sah ich, daß sie—gesegneten Leibes war, und Mosis uraltes Gesetz bot mir Halt.

Eine zweite fing ich ein, eine zehnte und hundertste, und immer waren sie —gesegneten Leibes!

Da legte ich mich auf die Lauer Tag und Nacht—wie der Hund mit den Krebsen—, und so gelang es mir endlich, im richtigen Augenblick eine direkt aus dem Wochenbett herauszufangen.

Eine glatt gescheitelte Betthäsin mit blauen Gänseaugen war es.

Neun Monate lang hielt ich sie noch eingesperrt aus Gewissensgründen, vorsichtshalber, ob nicht am Ende doch noch etwas nachkäme oder eine Art jungfräulicher Vermehrung einträte, wie bei den Mollusken der Tiefsee durch ›Abschnürung‹ oder dergleichen.

In den unbewachten Sekunden ihrer Gefangenschaft hat sie damals noch heimlich einen dicken Band geschrieben: ›Herzensworte als Mitgabe für deutsche Töchter bei ihrer Aufnahme in den Kreis der Erwachsenen.‹ —

Aber ich habe das Buch rechtzeitig erwischt und sofort im Knallgasgebläse verbrannt—!

Als ich schließlich ihre Seele vom Körper losgetrennt und in der großen Glasflasche isoliert hielt, ließ mich eines Tages ein unerklärlicher Geruch nach Ziegenmilch Böses ahnen, und ehe ich noch den Hertzschen Oszillator, der offenbar einen Augenblick versagt hatte, wieder in Ordnung bringen konnte, war das Unglück bereits geschehen und die anima pastoris unwiederbringlich entwichen.

Augenblicklich wandte ich wohl die stärksten Lockmittel an, legte ein Paar Frauenunterhosen aus rosa Barchent (Schutzmarke ›Lama‹) aufs Fensterbrett, einen elfenbeinernen Rückenkratzer, ja ein Poesiealbum aus giftblauem Sammet mit goldenen Geschwüren—aber alles umsonst!

Wandte nach den Gesetzen okkulter Telenergie magische Fernreize an, —vergebens!!

Eine destillierte Seele ist eben kaum zu fangen!

Nun lebt sie frei im Weltenraum und lehrt die arglosen Planetengeister die infernalische Kunst der weiblichen Handarbeit.

Und heute hat sie sogar um den Saturn—einen neuen Ring gehäkelt!!

Und das war zuviel für mich.

Ich habe wohl alles durchgedacht und mein Hirn zermartert,—es blieben nur zwei Wege; der eine: Reizungen anwenden,—glich der Skylla, der andere, Reizungen unterlassen, war die Charybdis.

Ihr kennt ja die geniale Lehre des großen Johannes Müller, die da lautet: ›Wenn man die Netzhaut des Auges belichtet oder drückt, erhitzt oder elektrisiert oder Reize auf sie ausübt, welche immer, so tauchen nicht etwa den verschiedenen objektiven Reizen entsprechende Empfindungen von Licht, Druck, Wärme, Elektrizität auf, sondern niemals andere als Sehempfindungen, und wenn man die Haut belichtet oder drückt, betönt oder elektrisiert, nie tauchen andere als Tastempfindungen auf mit allen ihren Folgen.‹

Und dieses unerbittliche Gesetz waltet auch hier, denn:

Wird auf den Wesenskern der Pastorenweibse ein Reiz ausgeübt, —welcher immer—so—häkelt sie, und bleibt er ungereizt—« des Meisters Stimme wurde leise und unirdisch »—, so—so vermehrt sie sich—bloß

Tot sank der Adept zurück.

Erschüttert faltete Axel Wijkander die Hände:

»Lasset uns beten, Brüder. Er hat das Land des Friedens betreten; es bleibe seine Seele froh für und für!«

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Die Pflanzen des Doktors Cinderella

Erstveröffentlichung: Simplicissimus, 1905, Jg. 9, Heft 43, Seite 422

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Siehst du, dort die kleine schwarze Bronze zwischen den Leuchtern ist die Ursache aller meiner sonderbaren Erlebnisse in den letzten Jahren.

Wie Kettenglieder hängen diese gespenstischen Beunruhigungen, die mir die Lebenskraft aussaugen, zusammen, und verfolge ich die Kette zurück in die Vergangenheit, immer ist der Ausgangspunkt derselbe: Die Bronze.

Lüge ich mir auch andere Ursachen vor,—immer wieder taucht sie auf wie der Meilenstein am Wege.

Und wohin dieser Weg führen mag, ob zum Licht der Erkenntnis, ob weiter zu immer wachsendem Entsetzen, ich will es nicht wissen und mich nur an die kurzen Rasttage klammern, die mir mein Verhängnis frei läßt bis zur nächsten Erschütterung.

In Theben habe ich sie aus dem Wüstensande gegraben,—die Statuette,—so ganz zufällig mit dem Stock, und von dem ersten Augenblick an, wo ich sie genauer betrachtete, war ich von der krankhaften Neugier befallen, zu ergründen, was sie denn eigentlich bedeute.—Ich bin doch sonst nie so wissensdurstig gewesen!

Anfangs fragte ich alle möglichen Forscher, aber ohne Erfolg.

Nur ein alter arabischer Sammler schien zu ahnen, um was es sich handle.

»Die Nachbildung einer ägyptischen Hieroglyphe«, meinte er; und die sonderbare Armstellung der Figur müsse irgendeinen unbekannten ekstatischen Zustand bedeuten.

Ich nahm die Bronze mit nach Europa, und fast kein Abend verging, an dem ich mich nicht sinnend über ihre geheimnisvolle Bedeutung in die seltsamsten Gedankengänge verloren hätte.

Ein unheimliches Gefühl überkam mich oft dabei: ich grüble da an etwas Giftigem—Bösartigem, das sich mit hämischem Behagen von mir aus dem Banne der Leblosigkeit losschälen lasse, um sich später wie eine unheilbare Krankheit an mir festzusaugen und der dunkle Tyrann meines Lebens zu bleiben. Und eines Tages bei einer ganz nebensächlichen Handlung schoß mir der Gedanke, der mir das Rätsel löste, mit solcher Wucht und so unerwartet durch den Kopf, daß ich zusammenfuhr.

Solch blitzartige Einfälle sind wie Meteorsteine in unserem Innenleben. Wir kennen nicht ihr Woher, wir sehen nur ihr Weißglühen und ihren Fall. —

Fast ist es wie ein Furchtgefühl—und dann—ein leises—so—so, als sei jemand Fremder—Was wollte ich doch nur sagen?! —Verzeih, ich werde manchmal so seltsam geistesabwesend, seitdem ich mein linkes Bein gelähmt nachziehen muß;—ja, also die Antwort auf mein Grübeln lag plötzlich nackt vor mir:—Nachahmen!

Und als hätte dieses Wort eine Wand eingedrückt, so schossen die Sturzwellen der Erkenntnis in mir auf, daß das allein der Schlüssel ist zu allen Rätseln unseres Daseins.

Ein heimliches automatisches Nachahmen, ein unbewußtes, rastloses, der verborgene Lenker aller Wesen!!

Ein allmächtiger geheimnisvoller Lenker,—ein Lotse mit einer Maske vor dem Gesicht, der schweigend bei Morgengrauen das Schiff des Lebens betritt. Der aus jenen Abgründen stammt, dahin unsere Seele wandern mag, wenn der Tiefschlaf die Tore des Tages verschlossen! Und vielleicht steht tief dort unten in den Schluchten des körperlosen Seins das Erzbild eines Dämons errichtet, der da will, daß wir ihm gleich seien und sein Ebenbild werden —Und dieses Wort »nachahmen!« dieser kurze Zuruf von »irgendwoher« wurde mir ein Weg, den ich augenblicklich betrat. Ich stellte mich hin, hob beide Arme über den Kopf, so wie die Statue, und senkte die Finger, bis ich mit den Nägeln meinen Scheitel berührte.

Doch nichts geschah.

Keine Veränderung innen und außen.

Um keinen Fehler in der Stellung zu machen, sah ich die Figur genauer an und bemerkte, daß ihre Augen geschlossen und wie schlafend waren.

Da wußte ich genug, brach die Übung ab und wartete, bis es Nacht wurde. Stellte dann die tickenden Uhren ab und legte mich nieder, die Arm- und Handstellungen wiederholend.

Einige Minuten verstrichen so, aber ich kann nicht glauben, daß ich eingeschlafen wäre.

Plötzlich war mir, als käme ein hallendes Geräusch aus meinem Inneren empor, wie wenn ein großer Stein in die Tiefe rollt.

Und als ob mein Bewußtsein ihm nach eine ungeheure Treppe hinabfiele —zwei, vier, acht, immer mehr und mehr Stufen überspringend, so verfiel ruckweise meine Erinnerung an das Leben, und das Gespenst des Scheintodes legte sich über mich.

Was dann eintrat, das werde ich nicht sagen, das sagt keiner.

Wohl lacht man darüber, daß die Ägypter und Chaldäer ein magisches Geheimnis gehabt haben sollen, behütet von Uräusschlangen, das unter Tausenden Eingeweihter auch nicht ein einziger je verraten hätte.

Es gibt keine Eide, meinen wir, die so fest binden!

Auch ich dachte einst so, in jenem Augenblick aber begriff ich alles.

Es ist kein Vorkommnis aus menschlicher Erfahrung, in dem die Wahrnehmungen hintereinander liegen, und kein Eid bindet die Zunge, nur der bloße Gedanke einer Andeutung dieser Dinge hier—hier im Diesseits —und schon zielen die Vipern des Lebens nach deinem Herzen.

Darum wird das große Geheimnis verschwiegen, weil es sich selbst verschweigt, und wird ein Geheimnis bleiben, solange die Welt steht.

Aber all das hängt nur nebensächlich zusammen mit dem versengenden Schlag, von dem ich nie mehr gesunden kann. Auch das äußere Schicksal eines Menschen gerät in andere Bahnen, durchbricht sein Bewußtsein nur einen Augenblick die Schranken irdischer Erkenntnis.

Eine Tatsache, für die ich ein lebendes Beispiel bin.

Seit jener Nacht, in der ich aus meinem Körper trat, ich kann es kaum anders nennen, hat sich die Flugbahn meines Lebens geändert, und mein früher so gemächliches Dasein kreist jetzt von einem rätselhaften, grauenerregenden Erlebnis zum andern—irgendeinem dunklen, unbekannten Ziele zu.

Es ist, als ob eine teuflische Hand mir in immer kürzer werdenden Pausen immer weniger Erholung zumißt und Schreckbilder in den Lebensweg schiebt, die von Fall zu Fall an Furchtbarkeit wachsen. Wie um eine neue, unbekannte Art Wahnsinn in mir zu erzeugen—langsam und mit äußerster Vorsicht —eine Wahnsinnsform, die kein Außenstehender merken und ahnen kann, und deren sich nur ein von ihr Befallener in namenloser Qual bewußt ist. In den nächsten Tagen schon nach jenem Versuch mit der Hieroglyphe traten Wahrnehmungen bei mir auf, die ich anfangs für Sinnestäuschungen hielt. Seltsam sausende oder schrillende Nebentöne hörte ich den Lärm des Alltags durchqueren, sah schimmernde Farben, die ich nie gekannt.—Rätselhafte Wesen tauchten vor mir auf, ungehört und ungefühlt von den Menschen, und vollführten in schemenhaftem Dämmer unbegreifliche und planlose Handlungen. So konnten sie ihre Form ändern und plötzlich wie tot daliegen; glitschten dann wieder wie lange Schleimseile an den Regenrinnen herab oder hockten wie ermattet in blödsinniger Stumpfheit in dunklen Hausfluren.

Dieser Zustand von Überwachsein bei mir hält nicht an,—er wächst und schwindet wie der Mond.

Der stetige Verfall jedoch des Interesses an der Menschheit, deren Wünschen und Hoffen nur noch wie aus weiter Ferne zu mir dringt, sagt mir, daß meine Seele beständig auf einer dunklen Reise ist—fort, weit fort vom Menschentum. Anfangs ließ ich mich von den flüsternden Ahnungen leiten, die mich erfüllten,—jetzt—bin ich wie ein angeschirrtes Pferd und muß die Wege gehen, auf die es mich zwingt. Und siehst du, eines Nachts, da riß es mich wieder auf und trieb mich, planlos durch die stillen Gassen der Kleinseite zu gehen um des phantastischen Eindruckes willen, den die altertümlichen Häuser erzeugen.

Es ist unheimlich in diesem Stadtviertel wie nirgends auf der Welt.

Nie ist Helle und nie ganz Nacht.

Irgend ein matter, trüber Schein kommt von irgendwo, wie phosphoreszierender Dunst sickert es vom Hradschin auf die Dächer herab.

Man biegt in eine Gasse und sieht nur totes Dunkel, da sticht aus einer Fensterritze ein gespenstischer Lichtstrahl plötzlich wie eine lange boshafte Nadel einem in die Pupillen.

Aus dem Nebel taucht ein Haus,—mit abgebrochenen Schultern und zurückweichender Stirn—und glotzt besinnungslos aus leeren Dachluken zum Nachthimmel auf wie ein verendetes Tier.

Daneben eines reckt sich, gierig mit glimmernden Fenstern auf den Grund des Brunnens da unten zu schielen, ob das Kind des Goldschmiedes noch drinnen, das vor hundert Jahren ertrank. Und geht man weiter über die buckligen Pflastersteine und sieht sich plötzlich um, da möchte man wetten, es habe einem ein schwammiges, fahles Gesicht aus der Ecke nachgestarrt, —nicht in Schulterhöhe—nein, ganz tief unten, wo nur große Hunde die Köpfe haben könnten.—

Kein Mensch ging auf den Straßen.

Totenstille.

Die uralten Haustore bissen schweigend ihre Lippen zusammen. Ich bog in die Thunsche Gasse, wo das Palais der Gräfin Morzin steht.

Da kauerte im Dunst ein schmales Haus, nur zwei Fenster breit, ein hektisches, bösartiges Gemäuer; dort hielt es mich fest, und ich fühlte den gewissen überwachen Zustand kommen.

In solchen Fällen handle ich blitzschnell wie unter fremdem Willen und weiß kaum, was mir die nächste Sekunde befiehlt.

So drückte ich hier gegen die nur angelehnte Türe und schritt durch einen Gang eine Treppe in den Keller hinab, als ob ich in das Haus gehöre.

Unten ließ der unsichtbare Zügel, der mich führt wie ein unfreies Tier, wieder nach, und ich stand da in der Finsternis mit dem quälenden Bewußtsein einer Handlung vollbracht ohne Zweck.

Warum war ich hinuntergegangen, warum hatte ich nicht einmal den Gedanken gefaßt, solch sinnlosen Einfällen Einhalt zu gebieten?! Ich war krank, offenbar krank, und ich freute mich, daß nichts anderes, nicht die unheimliche rätselhafte Hand im Spiele war.

Doch im nächsten Moment wurde mir klar, daß ich die Türe geöffnet, das Haus betreten hatte, die Treppe hinabgestiegen war, ohne nur ein einziges Mal anzustoßen, ganz wie jemand, der Schritt und Tritt genau kennt, und meine Hoffnung war schnell zu Ende.

Allmählich gewöhnte sich mein Auge an die Finsternis, und ich blickte umher.

Dort auf einer Stufe der Kellertreppe saß jemand.—Daß ich ihn nicht gestreift hatte im Vorbeigehen?!

Ich sah die zusammengekrümmte Gestalt ganz verschwommen im Dunkel.

Einen schwarzen Bart über einer entblößten Brust.—Auch die Arme waren nackt.

Nur die Beine schienen in Hosen oder einem Tuch zu stecken.

Die Hände hatten etwas Schreckhaftes in ihrer Lage;—sie waren so merkwürdig abgebogen, fast rechtwinklig zu den Gelenken.

Lange starrte ich den Mann an.

Er war so leichenhaft unbeweglich, daß mir war, als hätten sich seine Umrisse in den dunklen Hintergrund eingefressen, und als müßten sie so bleiben bis zum Verfall des Hauses.

Mir wurde kalt vor Grauen, und ich schlich den Gang weiter, seiner Krümmung entlang.

Einmal faßte ich nach der Mauer und griff dabei in ein splittriges Holzgitter, wie man es verwendet, um Schlingpflanzen zu ziehen. Es schienen auch solche in großer Menge daran zu wachsen, denn ich blieb fast hängen in einem Netz stengelartigen Geranks.

Das Unbegreifliche war nur, daß sich diese Pflanzen, oder was es sonst sein mochte, blutwarm und strotzend anfühlten und überhaupt einen ganz animalischen Eindruck auf den Tastsinn machten.

Ich griff noch einmal hinein, um erschreckt zurückzufahren: ich hatte diesmal einen kugeligen, nußgroßen Gegenstand berührt, der sich kalt anfühlte und sofort wegschnellte. War es ein Käfer?

In diesem Moment flackerte ein Licht irgendwo auf und erhellte eine Sekunde lang die Wand vor mir.

Was ich je an Furcht und Grauen empfunden, war nichts gegen diesen Augenblick.

Jede Fiber meines Körpers brüllte auf in unbeschreiblichem Entsetzen.

Ein stummer Schrei bei gelähmten Stimmbändern, der durch den ganzen Menschen fährt wie Eiseskälte.

Mit einem Rankennetz blutroter Adern, aus dem wie Beeren Hunderte von glotzenden Augen hervorquollen, war die Mauer bis zur Decke überzogen. Das eine, in das ich soeben gegriffen, schnellte noch in zuckender Bewegung hin und her und schielte mich bösartig an.

Ich fühlte, daß ich zusammenbrechen werde, und stürzte zwei, drei Schritte in die Finsternis hinein; eine Wolke von Gerüchen, die etwas Feistes, Humusartiges wie von Schwämmen und Ailanthus hatten, drang mir entgegen.

Meine Knie wankten, und ich schlug wild um mich. Da glomm es vor mir auf wie ein kleiner glühender Ring: der erlöschende Docht einer Öllampe, die im nächsten Augenblick noch einmal aufblakte.

Ich sprang darauf zu und schraubte den Docht mit bebenden Fingern hoch, so daß ich ein kleines rußendes Flämmchen noch retten konnte.

Dann mit einem Ruck drehte ich mich um, wie zum Schutz die Lampe vorstreckend.

Der Raum war leer.

Auf dem Tisch, auf dem Lampe gestanden, lag ein länglicher, blitzender Gegenstand.

Meine Hand fuhr danach wie nach einer Waffe.

Doch war es bloß ein leichtes, rauhes Ding, das ich faßte. Nichts rührte sich, und ich stöhnte erleichtert auf. Vorsichtig, die Flamme nicht zu verlöschen, leuchtete ich die Mauern entlang.

Überall dieselben Holzspaliere und, wie ich jetzt deutlich sah, durchrankt von offenbar zusammengestückelten Adern, in denen Blut pulsierte.

Grausig glitzerten dazwischen zahllose Augäpfel, die in Abwechslung mit scheußlichen, brombeerartigen Knollen hervorsproßten und mir langsam mit den Blicken folgten, wie ich vorbeiging.—Augen aller Größe und Farben. —Von der klarschimmernden Iris bis zum hellblauen toten Pferdeauge, das unbeweglich aufwärts steht. Manche, runzelig und schwarz geworden, glichen verdorbenen Tollkirschen. Die Hauptstämme der Adern rankten sich aus blutgefüllten Phiolen empor, aus ihnen kraft eines unbekannten Prozesses ihren Saft ziehend.

Ich stieß auf Schalen—gefüllt mit weißlichen Fettbrocken, aus denen Fliegenpilze, mit einer glasigen Haut überzogen, emporwuchsen. Pilze aus rotem Fleisch, die bei jeder Berührung zusammenzuckten.

Und alles schienen Teile, aus lebenden Körpern entnommen, mit unbegreiflicher Kunst zusammengefügt, ihrer menschlichen Beseelung beraubt, und auf rein vegetatives Wachstum heruntergedrückt.

Daß Leben in ihnen war, erkannte ich deutlich, wenn ich die Augen näher beleuchtete und sah, wie sich sofort die Pupillen zusammenzogen.—Wer mochte der teuflische Gärtner sein, der diese grauenhafte Zucht angelegt!

Ich erinnerte mich des Menschen auf der Kellerstiege.

Instinktiv griff ich in die Tasche nach irgendeiner Waffe, da fühlte ich den riesigen Gegenstand, den ich vorhin eingesteckt.—Er glitzerte trüb und schuppig,—ein Tannenzapfen aus rosigen Menschennägeln!

Schaudernd ließ ich ihn fallen und biß die Zähne zusammen: nur hinaus, hinaus, und wenn der Mensch auf der Treppe aufwachen und über mich herfallen sollte!

Und schon war ich bei ihm und wollte mich auf ihn stürzen, da sah ich, daß er tot war,—wachsgelb.

Aus den verrenkten Händen—die Nägel ausgerissen. Kleine Messerschnitte an Brust und Schläfen zeigten, daß er seziert worden war.

Ich wollte an ihm vorbei und habe ihn, glaube ich, mit der Hand gestreift. —Im selben Augenblick schien er zwei Stufen herunter auf mich zuzurutschen, stand plötzlich aufrecht da, die Arme nach oben gebogen, die Hände zum Scheitel.

Wie die ägyptische Hieroglyphe, dieselbe Stellung—dieselbe Stellung!

Ich weiß nur noch, daß die Lampe zerschellte, daß ich die Haustür aufwarf und fühlte, wie der Dämon des Starrkrampfes mein zuckendes Herz zwischen seine kalten Finger nahm.—

Dann machte ich mir hellwach irgend etwas klar—der Mann müsse mit den Ellenbogen an Stricken aufgehängt gewesen sein, nur durch Herabrutschen von den Stufen hatte sein Körper in die aufrechte Stellung geraten können—und dann—dann rüttelte mich jemand: »Sie sollen zum Herrn Kommissär.«—

Und ich kam in eine schlecht beleuchtete Stube, Tabakspfeifen lehnten an der Wand, ein Beamtenmantel hing an einem Ständer.—Es war ein Polizeizimmer.

Ein Schutzmann stützte mich.

Der Kommissär saß vor einem Tisch und sah immer von mir weg—er murmelte: »Haben Sie sein Nationale aufgeschrieben?«

»Er hatte Visitenkarten bei sich, wir haben sie ihm abgenommen«, hörte ich den Schutzmann antworten.

»Was wollten Sie in der Thunschen Gasse—vor einem offenen Haustor?«

Lange Pause.

»Sie!« mahnte der Schutzmann und stieß mich an.

Ich lallte etwas von einem Mord im Keller in der Thunschen Gasse.—

Darauf ging der Wachmann hinaus.

Der Kommissär sah immer von mir weg und sprach einen langen Satz.

Ich hörte nur: »Was denken Sie denn, der Doktor Cinderella ist ein großer Gelehrter—Ägyptologe—und er zieht viel neuartige, fleischfressende Pflanzen,—Nepenthen, Droserien oder so, glaube ich, ich weiß nicht,—Sie sollten nachts zu Hause bleiben.«

Da ging eine Tür hinter mir, ich drehte mich um, und dort stand ein langer Mensch mit einem Reiherschnabel—ein ägyptischer Anubis.

Mir wurde schwarz vor den Augen, und der Anubis machte eine Verbeugung vor dem Kommissär, ging zu ihm hin und flüsterte mir zu: »Doktor Cinderella.« —

Doktor Cinderella!

Und da fiel mir etwas Wichtiges aus der Vergangenheit ein,—das ich sogleich wieder vergaß.

Wie ich den Anubis abermals ansah, war er ein Schreiber geworden und hatte nur einen Vogeltypus und gab mir meine eigenen Visitenkarten, darauf stand: Doktor Cinderella.

Der Kommissar sah mich plötzlich an, und ich hörte, wie er sagte: »Sie sind es ja selbst. Sie sollten nachts zu Hause bleiben.«—

Und der Schreiber führte mich hinaus, und im Vorbeigehen streifte ich den Beamtenmantel an der Wand.

Der fiel langsam herunter und blieb mit den Ärmeln hängen.

Sein Schatten an der kalkweißen Mauer hob die Arme nach oben über den Kopf, und ich sah, wie er unbeholfen die Stellung der ägyptischen Statuette nachahmen wollte.

Siehst du, das war mein letztes Erlebnis vor drei Wochen. Ich aber bin seitdem gelähmt: habe zwei verschiedene Gesichtshälften jetzt und schleppe das linke Bein nach.

Das schmale hektische Haus habe ich vergeblich gesucht, und auf dem Kommissariat weiß niemand etwas von jener Nacht.

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Das--allerdings

Erstveröffentlichung: Simplicissimus, 1904, Jg. 9, Heft 33, Seite 322

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Mein lieber Freund Wärndorfer!

Leider traf ich Sie nicht zu Hause, konnte Sie auch anderwärts nirgends finden und muß Sie daher schriftlich bitten, sich doch heute abends mit Zavrel und Doktor Rolof bei mir einzufinden.

Denken Sie nur, der berühmte Philosoph Professor Arjuna Zizerlweis aus Schweden (Sie haben doch von ihm gelesen?) hat gestern mit mir eine Stunde lang im Vereine »Lotos« über spiritistische Phänomene debattiert, und ich habe ihn für heute eingeladen—und er kommt.—

Er ist begierig, Sie alle kennen zu lernen, und ich denke, wenn wir ihn gehörig ins Kreuzfeuer nehmen, können wir ihn für unsere Sache gewinnen und damit der Menschheit einen vielleicht unschätzbaren Dienst erweisen.

Also, nicht wahr, Sie kommen bestimmt?—(Doktor Rolof soll nicht vergessen, die Photographien mitzubringen).

In Eile Ihr aufrichtiger Gustav


Die fünf Herren hatten sich nach dem Souper in das Rauchzimmer zurückgezogen.—Professor Zizerlweis spielte mit dem Kopf eines Igelfisches, der als Streichholzbecher auf dem Tische stand:

»Was Sie mir da erzählen, Herr Doktor Rolof, klingt ja recht wunderlich und für Laien verblüffend, aber die Umstände, die Sie zum Beweise anführen, man könne quasi die Zukunft photographieren, sind durchaus nicht zwingend. Im Gegenteil lassen sie eine viel näher liegende Erklärung zu.—Fassen wir zusammen:—Ihr Freund also, Herr Zavrel, gibt an, er sei ein sogenanntes Medium,—das heißt, seine bloße Nähe reiche bei gewissen Personen hin, um Phänomene ungewöhnlicher Art zu erzeugen, die dem Auge zwar unsichtbar sind, sich jedoch photographisch festhalten lassen.

Sie haben nun, meine Herren, eines Tages einen scheinbar völlig gesunden Menschen photographiert und beim Entwickeln der Platte—«

»Jawohl, beim Entwickeln der Platte kamen auf dem photographieren Gesicht eine Menge Narben zum Vorschein, die erst zwei Monate später, bitte, zwei Monate, auf der Haut der betreffenden Person als Folge eines durchgemachten Blatternfalles entstanden«,—unterbrach Doktor Rolof.

»Gut, gut, Herr Doktor, bitte, lassen Sie mich nur ausreden. Angenommen nun, es läge wirklich kein Zufall vor—Pardon, meine Herren, ich meine nur—also—kein Zufall vor, wie wollen Sie aus diesen Umständen beweisen, man habe hier —die Zukunft photographiert?! Ich sage (übrigens ist Ihr Versuch keineswegs neu), die optische Linse zeichnete nur schärfer, sah einfach mehr als das menschliche Auge, sie sah die Blattern im Keime, dieselben Blattern, die ein bis zwei Monate später erst, wie wir es nennen, zum ›Ausbruch‹ kamen, das heißt akut wurden!!« Triumphierend blickte Professor Zizerlweis im Kreise umher, weidete sich einen Moment an der Verblüffung seiner Gegner und begann dann eifrig an seiner halberloschenen Zigarre zu saugen, unter gierigem Schielen ihr Anglimmen belauernd.

»Möglich!—Wie erklären Sie dann aber folgendes, Herr Professor?« nahm jetzt Zavrel das Wort.

»Eines Tages photographierten wir einen jungen Mann;—wir wußten übrigens nichts Näheres über ihn und kannten ihn nur flüchtig—eine Kaffeehausbekanntschaft—wir wären wohl gar nicht auf die Idee gekommen, mit ihm zu experimentieren, wenn nicht Gustav, eigentlich ohne jeden Anhaltspunkt,—in diesem Fall etwas ganz Besonderes, eine wissenschaftliche Ausbeute in unserem Sinne, gewittert hätte. Also wir machen die Aufnahme, ›entwickeln‹, und auf dem Bild zeigt sich mitten auf der Stirn ein deutlicher kreisrunder schwarzer Fleck.«

—Eine kurze Pause Stillschweigens.

»Na—und?« fragte der Philosoph.

»Und?—vierzehn Tage später tötete sich der junge Mann—durch eine Schuß in die Stirne.

Sehen Sie, hier genau an dieser Stelle,—hier haben Sie beide Photographien,—die da als Leiche und diese vierzehn Tage früher.

Vergleichen Sie selbst!«

Während einiger Minuten versank Professor Zizerlweis in tiefes Nachdenken, und sein Auge wurde glanzlos wie blaues Zuckerpapier.

»Diesmal haben wir's ihm gegeben«, flüsterte Wärndorfer und rieb sich die Hände.—Da erwachte der Professor aus seinem Brüten und fragte:

»Hat der junge Mann die photographische Platte mit dem Fleck auf der Stirne je zu Gesicht bekommen?—Ja?—Nun, da liegt die Sache doch ganz einfach: der Mensch trug sich schon damals mit Selbstmordideen. Sie zeigten ihm das Bild, und er, der sehr wohl wußte, daß es sich hier um ein mediumistisches Experiment handle, trug infolgedessen, ›unterbewußt‹ eine Suggestion davon.

Nicht etwa, daß er sich dessentwegen umgebracht hätte,—nein; aber durch die Stirne schoß er sich, ohne natürlich sich bewußt zu sein, daß die Idee dazu bereits durch den Anblick des Bildes in ihm geboren war.

Hätte er die Platte damals nicht gesehen, würde er vielleicht eine ganz andere Todesart gewählt haben,—Ertränken, Erhängen, Gift oder dergleichen.«

»Und der Fleck,—wie kam der Fleck auf die Platte, Herr Professor?«

»Der Fleck?—wird eben ein Schatten, ein Stäubchen im Objektiv, ein vorbeifliegendes Insekt vielleicht, möglicherweise auch ein Plattenfehler oder etwas dergleichen Grobsinnliches gewesen sein.—Kurz und gut, mit solchen Beweisen dürfen Sie einem Forscher wie mir nicht kommen, —diese Fälle sind alle nicht zwingend.«

Betrübt saßen die Freunde und ließen die Flut der Beredsamkeit des Professors Zizerlweis über sich ergehen, der in seinem Sieg förmlich schwelgte.

»Wenn man dem Kerl nur irgend etwas entgegnen könnte auf seine Hypothesen«, raunte der Hausherr Doktor Rolof zu, »schau nur, wie er ekelhaft ist, wenn er so salbadert;—sieht er nicht aus mit seinem kurzen Kinn- und Schnurbart, als ob ihm ein schwarzes Vorhängeschloß unter der Nase hinge? —widerlicher Bursche;—ist vielleicht gar kein Schwede. Zizerlweis! Professor Arjuna Zizerlweis!!«—»Rede dich nicht in Wut«, beruhigte Rolof seinen Freund,—während Wärndorfer sich im Schweiße seines Angesichtes abmühte, dem Professor wenigstens halbwegs anständige Begriffe von Kunst, wenn er schon nicht an Spiritismus glauben wolle, beizubringen—, »reg dich nicht auf, vielleicht—doch, Herrgott, sind wir denn alle verrückt?!—Wir haben doch die Hauptsache noch gar nicht erzählt!—Kinder! das Bild ohne Kopf!«

»Hurra, das Bild ohne Kopf«, riefen alle, »das war doch unser erster und bester Versuch,—Sie, Herr Professor, hören Sie«—

»Laßt mich, mich laßt erzählen!« rief Gustav jubelnd.

»Kennen Sie hier in der Stadt einen gewissen Chiçier, Herr Professor? —Nein?

Das macht übrigens nichts, er ist jetzt Oberleutnant, damals aber war er noch Kommis in einem Zichoriengeschäft.—Jetzt sind es etwa so sechzehn Jahre her, und wir begannen gerade mit unseren mediumistisch-photographischen Experimenten.

Weiß der Teufel, wie wir gerade auf diesen Kommis, den Chiçier , verfielen —aber kurz und gut, wir hatten ihn aufs Korn genommen und beschlossen, ihn, so sehr er sich auch wehrte—er war schon damals ein Mordsfeigling,—inmitten einer spiritistischen Sitzung bei Magnesiumlicht zu photographieren.

Während der Sitzung selbst war gar nichts vorgefallen, nicht das geringste Phänomen hatte sich gezeigt,—desto seltsamer war das Resultat auf der Platte.—Ich werde dann das Bild heraussuchen, damit Sie sich selbst genau überzeugen können.—Das Negativ ›kam‹ rasch in der Hervorruferflüssigkeit, aber—wir waren sprachlos—der Kopf fehlte;—keine Spur davon;—fehlte einfach.«

—»Wahrscheinlich«—unterbrach Professor Zizerlweis »Hören Sie doch nur zu, was jetzt kommt;—wir raten also hin und her, und da wir zu keinem Schlusse gelangen, packen wir die Platte sorgfältig ein und tragen sie am nächsten Tage zu Fuchs—Berufsphotograph, gleich gegenüber ... Obstgasse.

Na, und der wendet denn auch die schärfsten chemischen Entwickler an, um aus dem Negativ noch möglichst viel ›herauszuholen‹.

Und richtig, immer deutlicher und deutlicher zeigen sich im Kreise gerade über dem Hemdkragen des Bildes, dort wo der Kopf hätte sein sollen, dreizehn gleich große Lichtflecken; sehen Sie, so angeordnet: eins—zwei; ein —zwei, vier, vier und eins! genau die typische Anordnung der Himmelskörper im Sternbild des ›großen Schöpsen‹.

Nun, sind Sie jetzt überzeugt, Herr Professor?!

Das Symbol ist doch wohl nicht mißzuverstehen!«

Professor Zizerlweis sah etwas verlegen drein: »Ich verstehe nicht ganz, was soll das mit der Zukunft zu tun haben, die sie doch behaupten zu photogr...«

—»Aber, aber, Herr Professor, haben Sie denn nicht begriffen?« riefen alle durcheinander, »der Mann schlug doch später die Militärkarriere ein, ging zur Infanterie,—ließ sich ›aktivieren‹, wie man das in Österreich nennt.«

Da ließ der Gelehrte in größter Überraschung seine Zigarre fallen; vor Staunen konnte er kaum ein Wort finden:

»Hm, hm,—das allerdings, das allerdings!«—

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Das Wachsfigurenkabinett/a>

Erstveröffentlichung: Simplicissimus, 1907, Jg. 12, Heft 35, Seite 556

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»Es war ein guter Gedanke von dir, Melchior Kreuzer zu telegraphieren!—Glaubst du, daß er unserer Bitte Folge leisten wird, Sinclair? Wenn er den ersten Zug benutzt hat«—Sebaldus sah auf seine Uhr—»muß er jeden Augenblick hier sein.«

Sinclair war aufgestanden und deutete statt jeder Antwort durch die Fensterscheibe.

Und da sah man einen langen schmächtigen Menschen eilig die Straße heraufkommen.

»Manches Mal gleiten Sekunden an unserm Bewußtsein vorbei, die uns die alltäglichen Vorgänge so schreckhaft neu erscheinen lassen,—hast du es auch zuweilen, Sinclair?—Es ist, als sei man plötzlich aufgewacht und sofort wieder eingeschlafen und habe währenddessen einen Herzschlag lang in bedeutsame rätselvolle Begebnisse hineingeblickt.«

Sinclair sah seinen Freund aufmerksam an. »Was willst du damit sagen?«

»Es wird wohl der verstimmende Einfluß sein, der mich in dem Wachsfigurenkabinett befiel«, fuhr Sebaldus fort, »ich bin unsäglich empfindlich heute,—als soeben Melchior von weitem herankam und ich seine Gestalt immer mehr und mehr wachsen sah, je näher sie kam,—da lag etwas, was mich quälte, etwas—wie soll ich nur sagen—Nicht-Heimliches für mich darin, daß die Entfernung alle Dinge zu verschlingen vermag, ob es jetzt Körper sind oder Töne, Gedanken, Phantasien oder Ereignisse. Oder umgekehrt, wir sehen sie zuerst winzig von weitem, und langsam werden sie größer,—alle, alle,—auch die, die unstofflich sind und keine räumliche Strecke zurücklegen müssen. Aber ich finde nicht die rechten Worte, fühlst du nicht, wie ich es meine? —So scheinen alle unter demselben Gesetze zu stehen!«

Der andere nickte nachdenklich mit dem Kopfe.

»Ja, und manche Ereignisse und Gedanken, die schleichen verstohlen heran, —als ob es ›dort‹—etwas wie Bodenerhebungen oder dergleichen gäbe, hinter denen sie sich verborgen halten könnten. Plötzlich springen sie dann hinter einem Versteck hervor und stehen unerwartet, riesengroß vor uns da.«

Man hörte die Türe gehen und gleich darauf trat Dr. Kreuzer zu ihnen in die Weinschenke.

»Melchior Kreuzer—Christian Sebaldus Obereit, Chemiker«, stellte Sinclair die beiden einander vor.

»Ich kann mir schon denken, weshalb Sie mir telegraphiert haben«, sagte der Angekommene.—»Frau Lukretias alter Gram!? Auch mir fuhr es in die Glieder, als ich den Namen Mohammed Daraschekoh gestern in der Zeitung las. Haben Sie schon etwas herausgebracht? Ist es derselbe?«

Auf dem ungepflasterten Marktplatz stand der Zeltbau des Wachsfigurenkabinetts, und aus den hundert kleinen zackigen Spiegeln, die auf dem Leinwandgiebel in Rosettenschrift die Worte formten:


MOHAMMED DARASCHEKOHS ORIENTALISCHES PANOPTIKUM,
VORGEFÜHRT VON MR. CONGO-BROWN


glitzerte rosa der letzte Widerschein des Abendhimmels.

Die Segeltuchwände des Zeltes, mit wilden aufregenden Szenen grell bemalt, schwankten leise und bauschten sich wie hautüberspannte Wangen aus, wenn im Innern jemand umherhantierte und sich an sie lehnte.

Zwei Holzstufen führten zum Eingang empor und oben stand unter einem Glassturz die lebensgroße Wachsfigur eines Weibes in Flittertrikot.

Das fahle Gesicht mit den Glasaugen drehte sich langsam und sah in die Menge hinab, die sich um das Zelt drängte,—von einem zum andern; blickte dann zur Seite, als erwarte es einen heimlichen Befehl von dem dunkelhäutigen Ägypter, der an der Kassa saß, und schnellte dann mit drei zitternden Rucken in den Nacken, daß das lange schwarze Haar flog, um nach einer Weile wieder zögernd zurückzukehren, trostlos vor sich hinzustarren und die Bewegungen von neuem zu beginnen.

Von Zeit zu Zeit verdrehte die Figur plötzlich Arme und Beine wie unter einem heftigen Krampfe, warf hastig den Kopf zurück und beugte sich nach hinten, bis die Stirne die Fersen berührte.

»Der Motor dort hält das Uhrwerk in Gang, das diese scheußlichen Verrenkungen bewirkt«, sagte Sinclair halblaut und wies auf die blanke Maschine an der andern Seite des Eingangs, die, in Viertakt arbeitend, ein schlapfendes Geräusch erzeugte.

»Electrissiti, Leben ja, lebendig alles ja«, leierte der Ägypter oben und reichte einen bedruckten Zettel herunter. »In halb' Stunde Anfang ja.«

»Halten Sie es für möglich, daß dieser Farbige etwas über den Aufenthalt des Mohammed Daraschekoh weiß?« fragte Obereit.

Melchior Kreuzer aber hörte nicht. Er war ganz in das Studium des Zettels vertieft und murmelte die Stellen, die besonders hervorstachen, herunter.

»Die magnetischen Zwillinge Vayu und Dhanándschaya (mit Gesang), was ist das? Haben Sie das gestern auch gesehen?« fragte er plötzlich.

Sinclair verneinte. »Die lebendigen Darsteller sollen erst heute auftreten und—«

»Nicht wahr, Sie kannten doch Thomas Charnoque, Lukretias Gatten, persönlich, Dr. Kreuzer?« unterbrach Selbaldus Obereit.

»Gewiß, wir waren jahrelang Freunde.«

»Und fühlten Sie nicht, daß er etwas Böses mit dem Kinde vorhaben könne?«

Dr. Kreuzer schüttelte den Kopf.—»Ich sah wohl eine Geisteskrankheit in seinem Wesen langsam herankommen, aber niemand konnte ahnen, daß sie so plötzlich ausbrechen würde.—Er quälte die arme Lukretia mit schrecklichen Eifersuchtsszenen, und wenn wir Freunde ihm das Grundlose seines Verdachtes vorhielten, so hörte er kaum zu.—Es war eine fixe Idee in ihm!—Dann, als das Kind kam, dachten wir, es werde besser mit ihm werden.—Es hatte auch den Anschein, als wäre dem so. —Sein Mißtrauen war aber nur noch tiefer geworden, und eines Tages erhielten wir die Schreckensbotschaft, es sei plötzlich der Wahnsinn über sie gekommen, er habe getobt und geschrien, habe den Säugling aus der Wiege gerissen und sei auf und davon.

Und jede Nachforschung blieb vergeblich.—Irgend jemand wollte ihn noch mit Mohammed Daraschekoh zusammen auf einem Stationsbahnhof gesehen haben.—Einige Jahre später kam wohl aus Italien die Nachricht, ein Fremder namens Thomas Charnoque, den man oft in Begleitung eines kleinen Kindes und eines Orientalen gesehen, sei erhenkt gefunden worden.—Von Daraschekoh und dem Kinde keine Spur.

Und seitdem haben wir umsonst gesucht!—Deshalb kann ich auch nicht glauben, daß die Aufschrift auf diesem Jahrmarktszelt mit dem Asiaten zusammenhängt.—Andererseits wieder der merkwürdige Name Congo-Brown!? —Ich kann den Gedanken nicht los werden, Thomas Charnoque müsse ihn früher hie und da haben fallen lassen.—Mohammed Daraschekoh aber war ein Perser von vornehmer Abkunft und verfügte über ein geradezu beispielloses Wissen, wie käme der zu einem Wachsfigurenkabinett?!«

»Vielleicht war Congo-Brown sein Diener und jetzt mißbraucht er den Namen seines Herrn?«—riet Sinclair.

»Kann sein! Wir müssen der Fährte nachgehen.—Ich lasse es mir auch nicht nehmen, daß der Asiat in Thomas Charnoque die Idee, das Kind zu rauben, geschürt, sie vielleicht sogar angeregt hat.—

Lukretia haßte er grenzenlos. Aus Worten zu schließen, die sie fallen ließ, scheint es mir, als habe er sie unaufhörlich mit Anträgen verfolgt, trotzdem sie ihn verabscheute.—

Es muß aber noch ein anderes viel tieferes Geheimnis dahinter stecken, das Daraschekohs Rachsucht erklären könnte!—Doch aus Lukretia ist nichts weiter herauszubekommen, und sie wird vor Aufregung fast ohnmächtig, wenn man das Gebiet auch nur flüchtig berührt.

Überhaupt war Daraschekoh der böse Dämon dieser Familie. Thomas Charnoque hatte vollständig in seinem Bann gestanden und uns oft anvertraut, er halte den Perser für den einzigen Lebenden, der in die grauenvollen Mysterien einer Art präadamitischer geheimer Kunstfertigkeit, wonach man den Menschen zu irgendwelchen unbegreiflichen Zwecken in mehrere lebende Bestandteile zerlegen könne, eingeweiht sei. Natürlich hielten wir Thomas für einen Phantasten und Daraschekoh für einen bösartigen Betrüger, aber es wollte nicht glücken, Beweise und Handhaben zu finden.—

Doch ich glaube, die Produktion beginnt.—Zündet nicht schon der Ägypter die Flammen rings um das Zelt an?«

Die Programmnummern »Fatme, die Perle des Orients« war vorüber und die Zuschauer strömten hin und her oder sahen durch die Gucklöcher an den mit rotem Tuch bespannten Wänden in ein roh bemaltes Panorama hinein, das die Erstürmung von Delhi darstellte.

Stumm standen andere vor einem Glassarg, in dem ein sterbender Turko lag, schweratmend, die entblößte Brust von einer Kanonenkugel durchschossen, —die Wundränder brandig und bläulich.

Wenn die Wachsfigur die bleifarbenen Augenlider aufschlug, drang das Knistern der Uhrfeder leise durch den Kasten, und manche legten das Ohr an die Glaswände, um es besser hören zu können.

Der Motor am Eingang schlapfte sein Tempo und trieb ein orgelähnliches Instrument.

Eine stolpernde, atemlose Musik spielte,—mit Klängen, die, laut und dumpf zugleich, etwas Sonderbares, Aufgeweichtes hatten, als tönten sie unter Wasser.

Geruch von Wachs und schwelenden Öllampen lag im Zelt. »Nr. 311 Obeah Wanga-Zauberschädel der Voudous«, las Sinclair erklärend aus seinem Zettel und betrachtete mit Sebaldus in einer Ecke drei abgeschnittene Menschenköpfe, die unendlich wahrheitsgetreu—Mund und Augen weit aufgerissen mit gräßlichem Ausdruck aus einem Wandkästchen starrten.

»Weißt du, daß sie gar nicht aus Wachs, sondern echt sind!« sagte Obereit erstaunt und zog eine Lupe hervor,—»ich begreife nur nicht, wie sie präpariert sein mögen.—Merkwürdig, die ganze Schnittfläche der Hälse ist mit Haut bedeckt oder überwachsen.—Und ich kann keine Naht entdecken!—Es sieht förmlich so aus, als wären sie wie Kürbisse frei gewachsen und hätten niemals auf menschlichen Schultern gesessen.—Wenn man nur die Glasdeckel ein wenig aufheben könnte!«

»Alles Wachs, ja, lebendig Wachs, ja, Leichenkopf zu teuer und riechen —phi—«, sagte plötzlich hinter ihnen der Ägypter. Er hatte sich in ihre Nähe geschlichen, ohne daß sie ihn bemerkt hatten; und sein Gesicht zuckte, als unterdrücke er ein tolles Lachen.

Die beiden sahen sich erschreckt an.

»Wenn der Nigger nur nichts gehört hat; vor einer Sekunde noch sprachen wir von Daraschekoh«, sagte Sinclair nach einer Weile.—»Ob es Dr. Kreuzer wohl gelingen wird, Fatme auszufragen?!—Schlimmstenfalls müßten wir sie abends zu einer Flasche Wein einladen. Er steht immer noch draußen und spricht mit ihr.«

Einen Augenblick hörte die Musik auf zu spielen, jemand schlug auf einen Gong, und hinter einem Vorhang rief eine gellende Frauenstimme:

»Vayu und Dhanándschaya, magnetische Zwillinge, 8 Jahre alt,—das größte Weltwunder.—Ssie ssingen!«

Die Menge drängte sich an das Podium, das im Hintergrunde des Zeltes stand.

Dr. Kreuzer war wieder hereingekommen und faßte Sinclairs Arm. »Ich habe die Adresse schon«, flüsterte er, »der Perser lebt in Paris unter fremdem Namen,—hier ist sie.«

Und er zeigte den beiden Freunden verstohlen einen kleinen Papierstreifen. »Wir müssen mit dem nächsten Zug nach Paris!«

»Vayu und Dhanándschaya—ssie ssingen«—kreischte die Stimme wieder.

Der Vorhang schob sich zur Seite und, als Page gekleidet, ein Bündel im Arm, trat auf das Podium mit wankenden Schritten ein Geschöpf von grauenhaftem Aussehen.

Die lebendig gewordene Leiche eines Ertrunkenen in bunten Samtlappen und goldenen Tressen.

Eine Welle des Abscheus ging durch die Menge.

Das Wesen war von der Größe eines Erwachsenen, hatte aber die Züge eines Kindes, Gesicht, Arme, Beine,—der ganze Körper—selbst die Finger waren in unerklärlicher Weise aufgedunsen.

Aufgeblasen, wie dünner Kautschuk, schien das ganze Geschöpf.

Die Haut der Lippen und Hände farblos, fast durchscheinend, als wären sie mit Luft oder Wasser gefüllt, und die Augen erloschen und ohne Zeichen von Verständnis.

Ratlos starrten sie umher.

»Vayu, där gressere Brudär«, sagte erklärend die Frauenstimme in einem fremdartigen Dialekt; und hinter dem Vorhang, eine Geige in der Hand, trat ein Weibsbild hervor im Kostüm einer Tierbändigerin mit pelzverbrämten, roten polnischen Stiefeln.

»Vayu«, sagte die Person nochmals und deutete mit dem Geigenbogen auf das Kind. Dann klappte sie ein Heft auf und las laut vor:

»Diese beiden männlichen Kindär ssind nunmehr 8 Jahre alt und das greßte Weltwunder. Sie ssind nur durch eine Nabelschnur verbunden, die 3 Ellen lang und ganz durchsichtig ist, und wenn man den einen abschneidet, mißte auch der andere sterben. Es ist das Erstaunen aller Gelehrten. Vayu, er ist weit über sein Alter. Entwickelt. Aber geistig zurückgeblieben, während Dhanándschaya von durchdringende Verstandesschärfe ist, aber so klein. Wie ein Säugling. Denn er ist ohne Haut geboren und kann nichts wachsen. Er muß aufgehoben werden in einer Tierblase mit warmem Schwammwassser. Ihre Eltern sind immer unbekannt gewesen. Es ist das greßte Naturspiel.«

Sie gab Vayu ein Zeichen, worauf dieser zögernd das Bündel in seinem Arm öffnete.

Ein faustgroßer Kopf mit stechenden Augen kam zum Vorschein.

Ein Gesicht, von einem bläulichen Adlernetz überzogen, ein Säuglingsgesicht, doch greisenhaft in den Mienen und mit einem Ausdruck, so tückisch haßverzerrt und boshaft und voll so unbeschreiblicher Lasterhaftigkeit, daß die Zuschauer unwillkürlich zurückfuhren.

»Me—me—mein Bruder D—D—Dhanándschaya«, stammelte das aufgedunsene Geschöpf und sah wieder ratlos ins Publikum.

»Führen Sie mich hinaus, ich glaube, ich werde—ohnmächtig Gott im Himmel«, flüsterte Melchior Kreuzer. Sie geleiteten den Halbbewußtlosen langsam durch das Zelt an den lauernden Blicken des Ägypters vorbei.

Das Weibsbild hatte die Geige angesetzt, und sie hörten noch, wie sie ein Lied fiedelte und der Gedunsene mit halb erloschener Stimme dazu sang:


»Ich att einen Ka—mee—la—den
ei—nen—bee—seln finx du nit.«


Und der Säugling—unfähig die Worte zu artikulieren—gellte mit schneidenden Tönen bloß die Vokale dazwischen:


»Iiii ha—ejheeh—hahehaa—he
eiije—hee—e jiii hu ji.«


Dr. Kreuzer stützte sich auf Sinclairs Arm und atmete heftig die frische Luft ein.

Aus dem Zelte hörte man das Klatschen der Zuschauer.

»Es ist Charnoques Gesicht!!—Diese grauenhafte Ähnlichkeit«, stöhnte Melchior Kreuzer,—»wie ist es nur—ich kann es nicht fassen. Mir drehte sich alles vor den Augen, ich fühlte, ich müsse ohnmächtig werden.—Sebaldus, bitte—holen Sie mir einen Wagen. —Ich will zur Behörde.—Es muß irgend etwas geschehen, und fahren Sie beide sogleich nach Paris!—Mohammed Daraschekoh—Ihr müßt ihn auf dem Fuße verhaften lassen.«

Wiederum saßen die beiden Freunde beisammen und sahen durch die Fenster der einsamen Weinstube Melchior Kreuzer eiligen Schrittes die Straße heraufkommen.

»Es ist genau wie damals«, sagte Sinclair,—»wie das Schicksal manchmal mit seinen Bildern geizt!«

Man hörte das Schloß zufallen, Dr. Kreuzer trat ins Zimmer und sie schüttelten einander die Hände.

»Sie sind uns eigentlich einen langen Bericht schuldig«, sagte endlich Sebaldus Obereit, nachdem Sinclair ausführlich geschildert, wie sie zwei volle Monate in Paris vergeblich nach dem Perser gefahndet hatten, »Sie sandten uns immer nur so wenige Zeilen!«

»Mir ist das Schreiben bald vergangen,—beinahe auch das Reden«, entschuldigte sich Melchior Kreuzer.

»Ich fühle mich so alt geworden seit damals.—Sich von immer neuen Rätseln umgeben zu sehen, es zermürbt einen mehr als man denkt.—Die große Menge kann gar nicht erfassen, was es für manchen Menschen bedeutet, ein ewig unlösbares Rätsel in seiner Erinnerung mitschleppen zu müssen! —Und dann, täglich die Schmerzensausbrüche der armen Lukretia mit ansehen zu müssen!

Vor kurzem starb sie,—das schrieb ich euch—, aus Gram und Leid.

Congo-Brown entsprang aus dem Untersuchungsgefängnis und die letzten Quellen, aus denen man hätte Wahrheit schöpfen können, sind versiegt.

Ich will euch später einmal ausführlich alles erzählen, bis die Zeit die Eindrücke gemildert hat,—es griffe mich jetzt noch zu sehr an.«

»Ja, aber hat man denn gar keinen Anhaltspunkt gefunden?« fragte Sinclair.

»Es war ein wüstes Bild, das sich da entrollte,—Dinge, die unsere Gerichtsärzte nicht glauben konnten oder durften.—Finsterer Aberglauben, Lügengewebe, hysterischer Selbstbetrug, hieß es immer, und doch lagen manche Dinge so erschreckend klar dar.

Ich ließ damals alle kurzerhand verhaften. Congo-Brown gestand zu, die Zwillinge,—überhaupt das ganze Panoptikum von Mohammed Daraschekoh als Lohn für frühere Dienste geschenkt bekommen zu haben.—Vayu und Dhanándschaya seien ein künstlich erzeugtes Doppelgeschöpf, das der Perser vor acht Jahren aus einem einzigen Kinde (dem Kinde Thomas Charnoques) präpariert habe, ohne die Lebenstätigkeit zu vernichten.—Er habe nur verschiedene magnetische Strömungen, die jedes menschliche Wesen besitze und die man durch gewisse geheime Methoden voneinander trennen könne, zerlegt und es dann durch Zuhilfenahme tierischer Ersatzstoffe schließlich zuwege gebracht, daß aus einem Körper—zwei mit ganz verschiedenen Bewußtseinsoberflächen und Eigenschaften geworden wären.

Überhaupt habe sich Daraschekoh auf die sonderbarsten Künste verstanden. —Auch die gewissen drei Obeah Wanga-Schädel seien nichts anderes als Überbleibsel von Experimenten, und—sie wären früher lange Zeit lebendig gewesen.—Das bestätigen auch Fatme, Congo-Browns Geliebte, und alle andern, die übrigens harmloser Natur waren.

Ferner gab Fatme an, Congo-Brown wäre epileptisch, und zur Zeit gewisser Mondphasen käme eine sonderbare Aufregung über ihn, ihn der er sich einbilde, selber Mohammed Daraschekoh zu sein.—In diesem Zustand stünden ihm Herz und Atem still und seine Züge veränderten sich angeblich derart, daß man glaube, Daraschekoh (den sie früher öfter in Paris gesehen) vor sich zu haben.—Aber mehr noch, er strahlte dann eine solch unüberwindliche magnetische Kraft aus, daß er, ohne irgendein befehlendes Wort auszusprechen, jeden Menschen zwingen könne, ihm sofort alle die Bewegungen und Verdrehungen nachzuahmen, die er vormachte.

Es wirke wie Veitstanz ansteckend auf einen,—unwiderstehlich. Er besäße eine Gelenkigkeit sondersgleichen und beherrschte zum Beispiel alle die sonderbaren Derwischverrenkungen vollkommen, vermittelst derer man die rätselhaften Erscheinungen und Bewußtseinsverschiebungen hervorbringen könne —der Perser habe sie ihn selbst gelehrt—, und die so schwierig seien, daß sie kein Schlangenmensch der Welt nachzuahmen imstande sei.

Auf ihrer gemeinsamen Reise mit dem Wachsfigurenkabinett von Stadt zu Stadt sei es auch zuweilen vorgekommen, daß Congo-Brown versucht habe, diese magnetische Kraft zu verwenden, um Kinder auf solche Art zu Schlangenmenschen abzurichten. Den meisten wäre aber dabei das Rückgrat abgebrochen, bei den andern habe es wieder zu stark auf das Gehirn gewirkt und sie seien blödsinnig geworden. Unsere Ärzte schüttelten zu Fatmas Angaben natürlich den Kopf, was aber später vorfiel, muß ihnen wohl sehr zu denken gegeben haben. —Congo-Brown entwich nämlich aus dem Verhörzimmer durch einen Nebenraum, und der Untersuchungsrichter erzählt, gerade als er mit dem Nigger ein Protokoll aufnehmen wollte, habe ihn dieser plötzlich angestarrt und befremdliche Bewegungen mit den Armen gemacht. Von einem Verdacht ergriffen, hätte der Untersuchungsrichter um Hilfe läuten wollen, aber schon sei er in Starrkrampf verfallen, seine Zunge habe sich automatisch in einer Weise verdreht, an die er sich nicht mehr erinnern könne (—überhaupt müsse der Zustand von der Mundhöhle aus seinen Anfang genommen haben—) und dann sei er bewußtlos geworden.«

»Konnte man denn gar nichts über die Art und Weise erfahren, wie Mohammed Darascheko das Doppelgeschöpf zustande brachte, ohne das Kind zu töten?« unterbrach Sebaldus.

Dr. Kreuzer schüttelte den Kopf. »Nein. Mir ging aber vieles durch den Kopf, was mir früher Thomas Charnoque erzählt hat.

Das Leben des Menschen ist etwas anderes, als wir denken, sagte er immer, es setzt sich aus mehreren magnetischen Strömungen zusammen, die teils innerhalb, teils außerhalb des Körpers kreisen; und unsere Gelehrten irren, wenn sie sagen, ein Mensch, dem die Haut abgezogen ist, müsse aus Mangel an Sauerstoff sterben. Das Element, das die Haut aus der Atmosphäre auszieht, sei etwas ganz anderes als Sauerstoff.—Auch saugt die Haut dieses Fluidum gar nicht an,—sie ist nur eine Art Gitter, das dazu dient, jener Strömung die Oberflächenspannung zu ermöglichen. Ungefähr so wie ein Drahtnetz—taucht man es in Seifenwasser—sich von Zwischenraum zu Zwischenraum mit Seifenblasen überzieht.

Auch die seelischen Eigenschaften des Menschen erhielten ihr Gepräge je nach dem Vorherrschen der einen oder andern Strömung, sagte er.—So wäre durch das Übergewicht besonders der einen Kraft das Entstehen eines Charakters von solcher Verworfenheit denkbar,—daß es unser Fassungsvermögen übersteige.«

Melchior schwieg einen Augenblick und hing seinen Gedanken nach.

»Und wenn ich mich daran erinnere, welch fürchterliche Eigenschaften der Zwerg Dhanándschaya besaß, wodurch sich überhaupt die Quelle seines Lebens verjüngte, so finde ich in all dem nur eine entsetzliche Bestätigung dieser Theorie.«

»Sie sprechen, als ob die Zwillinge tot wären, sind sie denn gestorben?« fragte Sinclair erstaunt.

»Vor einigen Tagen!—Und es ist das beste so,—die Flüssigkeit, in der eine den größten Teil des Tages schwamm, trocknete aus, und niemand kannte ihre Zusammensetzung.«

Melchior Kreuzer starrte vor sich hin und schauderte. »Da waren noch Dinge,—so grauenvoll, so namenlos entsetzlich,—ein Segen des Himmels, daß Lukretia sie nie erfuhr, daß ihr das wenigstens erspart geblieben ist!—Der bloße Anblick des fürchterlichen Doppelgeschöpfes schon warf sie zu Boden! Es war, als sei das Muttergefühl in zwei Hälften zerrissen worden.

Lassen Sie mich für heute von all dem schweigen! Das Bild von Vayu und Dhanándschaya—es macht mich noch wahnsinnig—.« Er brütete vor sich hin, dann sprang er plötzlich auf und schrie: »Schenkt mir Wein ein—ich will nicht mehr daran denken. Schnell irgend etwas anderes.—Musik—irgend was—nur andere Gedanken! Musik—!«

Und er taumelte zu einem polierten Musikautomaten, der an der Wand stand, und warf eine Münze hinein.

Tsin. Man hörte das Geldstück innen niederfallen.

Es surrte der Apparat.

Dann stiegen drei verlorene Töne auf. Einen Augenblick später klimperte laut durchs Zimmer das Lied:


»Ich hatt' einen Kameraden,
Einen bessern findst du nit.«


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ENDE


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