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FELIX DAHN

FELICITAS

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RGL e-Book Cover 2015©

HISTORISCHER ROMAN AUS DER VÖLKERWANDERUNGSZEIT: A.D. 476



Published by Breitkopf & Härtel, Leipzig, 1882
This e-book edition: Roy Glashan's Library, 2015
Produced by Roy Glashan

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"Felicitas"



INHALTSVERZEICHNIS



Vorwort

Vor vielen Jahren hatte ich in Salzburg zu arbeiten: im Archiv, in der Bibliothek, in dem Museum der römischen Altertümer.

Meine Studien galten besonders dem V. Jahrhundert: der Zeit, da die Germanen in diese Landschaften drangen, die römischen Besatzungen, mit oder ohne Widerstand, abzogen, während gar viele römische Siedelungen im Lande blieben: Bauern, Handelsleute, Handwerker, die ihre Heimstätten nicht räumen, ihr einträgliches Geschäft nicht aufgeben wollten, nicht weichen von der liebgewordenen langgepflegten Scholle auch unter Herrschaft der Barbaren; diese, war der Sturm und Kampf der Eroberung vorüber und die Landteilung vollzogen, thaten ihnen nichts zuleide.—

War die Arbeit des Tages gethan, streifte ich in der schönen, altvertrauten Landschaft des Salzachthales: die warmen Juni-Abende verstatteten langes Umtreiben bis zu späten Stunden.

Gedanken und Träume waren mir erfüllt von den Bildern des Lebens und der wechselnden Geschicke dieser spätesten Römer in den Alpenländern.

Gerade in und um Salzburg forderte die reiche Fülle von Inschriften, von Münz- und Gerät-Funden, von römischen Denkmalen jeder Art die Phantasie zu eifriger Gestaltung auf: denn diese Stadt, mit dem ragenden Kastell, dem »Capitolium«, auf dem hohen Felsenkopf, Fluß und Thal beherrschend, war unter dem stolzen Namen » Claudium Juvavum« jahrhundertelang nicht nur ein Hauptbollwerk römischer Herrschaft, auch eine Stätte blühender und glänzender Entfaltung römischer Kultur: Zweimänner der Rechtsprechung, Dekurionen, Ädilen für Markt und Spiele, Luxusgewerbe, auch Kunsthandwerker und Künstler, sind durch Inschriften als Richter, Verwalter, Einwohner und Verschönerer der Stadt bezeugt.

Was mir den Tag über die Gedanken der Forschung beschäftigt hatte, erfüllte mir die Spiele der Einbildung, wann ich im Abendschein zum Thore hinauswanderte: Fluß und Straße, Hügel und Thal sah ich alsdann mit Bildern römischen Lebens bevölkert: aber fernher, von Nordwesten, zogen drohend, wie die unaufhaltsamen Wolken, die oft von der bayrischen Ebene heraufstiegen, die eindringenden Germanen.—

Am häufigsten, am liebsten schlenderte ich entlang dem Ufer des Flusses in der Richtung der großen Römerstraße, die sich gegen den Chiemsee hin und über dessen Ausfluß, die Alz, bei Seebruck (Bedaium) und über Pfünz (Pons Oeni), hier den Inn (Oenus) überschreitend, nach Vindelicien hinzog und nach dieser Provinz glänzender Hauptstadt: Augusta Vindelicorum, Augsburg.

Sehr zahlreiche Münzen, Thonscherben, Urnen, Grabsteine, Hausgerät jeder Art waren hier gefunden worden in den jetzt zum großen Teil von Wald und Buschwerk bedeckten, zumal von dichtem Epheu überwucherten Niederungen zu beiden Seiten der alten Hochstraße, wo offenbar Colonengehöfte, aber auch stattliche Villen der reicheren Bürger, häufig bis weit außerhalb der letzten Umwallung der Festungsstadt verstreut, das weite Thal erfüllt und geschmückt hatten.

Auf den Resten dieser noch deutlich wahrnehmbaren Römerstraße oder zu ihren Seiten hin wanderte ich oft, der sinkenden Sonne entgegenschauend und träumend, wie wohl den Bewohnern dieser Villen zu Mut gewesen sein mag, als nicht mehr stolze Legionen von hier nach der Römerstadt am Lech marschierten, sondern umgekehrt von dem eroberten Vindelicien aus die ersten schwachen Reiterhaufen der Germanen, vorsichtig spähend, heransprengten, bald aber immer stärkere Massen anzogen, kecker oder vielmehr in wohlbegründeter Zuversicht, das Land nur noch schwach verteidigt zu finden und sich darin neben den schutzlos zurückgebliebenen Römern als deren Herren dauernd niederlassen zu können.—

In solchen Träumereien, nicht ohne den leisen Wunsch, selbst einmal irgend ein kleines Andenken der Römerzeit aufzulesen aus dieser erinnerungsreichen Erde, verlor ich mich eines Abends immer tiefer in das Buschwerk rechts von der Römerstraße, das schmale Geriesel einer Quelle aufwärts verfolgend, über einem von zerbröckeltem Gestein und von Scherben häufig bedeckten Untergrund, den Moos und Epheu dicht übergrünt hatten.

Aber unterhalb der Moosdecke krachte es nicht selten bei meinen Schritten: Ziegel und Thonscherben hob ich dann manchmal auf. Waren es römische? Kein sicherer Anhalt ließ sich ihnen entnehmen.

Ich beschloß, heute dem Rinnsal höher hinauf als sonst entgegenzuschreiten, bis ich etwa seinen Ursprung erreicht hätte, den ich an der sanft abfallenden Halde eines mäßigen Hügels vermutete. Denn ich wußte, daß die Römer bei friedlichen Villen wie bei militärischen Anlagen gern sich an fließende Gewässer bauten.—

Es war sehr heiß gewesen an jenem Sommertag. Ich ward fußmüde und kopfmüde und kam in der völlig unwegsamen Richtung, die ich, dem Wässerlein entlang, einhielt, durch das oft dichte Buschwerk nur langsam und mühsam vorwärts mit Hilfe meines Bergstockes, den ich mitführte, da ich oft auch die Berge hinaufklomm bei meinen Wanderungen. Gern hätte ich mich schläfrig auf das weich einladende Moos gestreckt; doch bezwang ich die Anwandlung und beschloß, diesmal zu dem schon früher gesteckten Ziel, dem »Ursprink« des Quells, durch und emporzudringen.

Nach einer halben Stunde war die Halde erreicht: der »Heiden-Schupf« hieß die Höhe im Volk.

Auffallend zahlreich und groß waren auf der letzten Strecke die Steintrümmer jeder Art gewesen: darunter auch rötlicher und grauer Marmor, wie er in der Nähe gebrochen wird seit ungezählten Jahrhunderten: und wirklich war's, wie ich vermutet: dicht unter der Krone des Hügels sickerte der Quell aus der Erde. Er war, so schien es, einst in Stein gefaßt gewesen: zum Teil war dies noch wahrnehmbar: sorgfältig geglätteter hellgrauer Marmor umschloß ihn hier und dort in schöner Fassung und ringsherum verstreut lagen ungezählte Ziegel: das Herz schlug mir lebhaft: nicht nur infolge des angestrengten Steigens: wohl auch, ich gestehe es: vor hoffender Erwartung,—ich war noch sehr jung!—ob mir heute und hier Mercurius, der römische, oder Wodan, der germanische Wunsch- und Fund-Gott, das lang ersehnte Andenken an die Römer von Juvavum in die Hand spielen möchte: der Name des Ortes: »Heidenschupf« ging unzweifelhaft auf die römische Besiedlung—denn »Heidenstraße« heißt hier die Römerstraße—: dazu kamen ermutigend der Ursprung der Quelle, die Spuren einer Marmorfassung, die vielen Ziegel—: da brach die Sonne, kurz vor dem Versinken, quer durch das Gebüsch und zeigte mir an der vor mir liegenden Ziegelplatte:—Mörtel. Ich hob den Scherben auf und prüfte ihn: es war zweifellos jener römische Mörtel, der, steinhart werdend im Lauf der Jahrhunderte, so bezeichnend ist für die Bauten der ewigen Roma. Ich drehte die Fläche um: da, o Freude! zeigte sich eingebrannt der zweifellose Stempel der XXII. Legion: primigenia pia fidelis!

Und wie ich mich, hoch erfreut, bücke, den nächsten Ziegel zu prüfen, fällt ein noch schärferer Sonnenstrahl auf ein Stück eigenartigen hellgrauen Steines: es ist Marmor, seh' ich nun, und auf der Mittelfläche drei römische Buchstaben, ganz deutlich:

hic ....

da war der Stein zersprungen, aber dicht neben ihm ragte mit der brüchigen Kante ein Stück gleichen grauen Gesteines schief aus Moos und Epheu: lag die Fortsetzung der Inschrift hier unter der Moos- und Rasendecke begraben? Ich zog an dem noch ungehobenen Stein: aber er war allzuschwer, sei es zu hoch von der Erde belastet, sei es zu wuchtig durch die eigene Größe. Nach vergeblichem Zerren erkannte ich, daß ich erst die ganze Rasen- und Moosschicht entfernen müsse, bevor mir der Marmor sein Geheimnis vertraue. Hatte er ein solches zu erzählen? Gewiß! den Anfang hielt ich ja in Händen: »hic«, »hier«—: was war »hier« geschehen oder bezeugt?

Ich hielt die Bruchfläche des ersten Stückes, nachdem ich sie von Erde und Wurzelfasern mit meinem Taschenmesser gereinigt, an die aus dem Boden ragende Bruchfläche der noch verdeckten Platte: beide paßten genau ineinander. Nun machte ich mich an die Arbeit: sie war nicht leicht, nicht kurz: mit Hand, Messer und der Spitze des Bergstocks mußte ich wohl zwei Fuß Rasen, die aufgerissene Erde, das Moos und—das zäheste Hemmnis—den mit ungezählten Kleinwurzeln angeklammerten Epheu fortscharren und -reißen: auch in dieser Kühle und obzwar die Sonne schon im Versinken war, machte mir die Mühe heiß; von der Stirn troff mancher Tropfen auf den alten Römerstein, der sich als eine ziemlich lange Platte erwies.

Endlich war sie so weit bloßgelegt—schon nach den ersten Minuten hatte mir die zweifellose Wahrnehmung weiterer Buchstaben den Eifer geschärft—, daß ich sie mit beiden Händen an den beiden Seitenrändern fassen und mit manchem kleinen Ruck völlig zu Tage fördern konnte: ich hielt den abgesprengten Stein mit dem entzifferten »hic« daran: so ergab sich sofort die Richtung, in der weiter zu lesen war.

Hastig schabte ich Erde, Steinchen, Moos aus den Vertiefungen der Buchstaben: denn es ward nun rasch dunkler und ich wollte doch sogleich das so lang vergrabene Geheimnis deuten. Es gelang: zwar mit Anstrengung, aber doch völlig zweifellos las ich die beiden, untereinander geschriebenen Zeilen der Inschrift:


Hic habitat Felicit...
Nihil Intret mali.


Nur die beiden letzten Buchstaben des dritten Wortes fehlten: der Stein war hier abgebrochen und das dazu gehörige Stück nicht zu finden; doch verstand sich die Ergänzung—as—von selbst: die Inschrift bedeutet auf deutsch:


Hier wohnt das Glück:
Nichts Böses trete ein!


Offenbar hatte die graue Marmorplatte die Eingangsschwelle des Gartens oder Vorhofs der Villa gebildet: und der sinnige Spruch sollte alles Böse von der Thüre fernhalten. Vergeblich suchte ich nach weiteren Spuren, nach Resten von Gerät. Vergnügt und begnügt beruhigte ich mich denn bei dem Funde des hübschen Spruches.—Ich setzte mich, die heiße Stirn trocknend, auf das schwellende Moos neben meiner Wühlarbeit, wieder und wieder die Worte bedenkend; den Rücken gelehnt an eine uralte Eiche, die aus dem Schutt des Römerhauses, vielleicht aus dem guten Humus seines Gärtleins, emporgewachsen war.

Wundersame Stille waltete auf dem durch Bäume und Büsche ganz von der Welt geschiedenen Hügel. Nur ganz leise, leise vernahm man das Sickern der dünnen, spärlichen Wasserader, die dicht neben mir aus der Erde kam und nur manchmal, wann sie rascheres Gefäll fand, stärker rieselte. Einst hatte sie wohl, stattlich zusammengefaßt in dem hellgrauen Marmor, lauter geredet. In der Ferne sang aus dem Wipfel einer hohen Buche die Goldamsel ihr flötendes Abendlied, das stets tiefster Waldeinsamkeit gemahnt, weil der Hörer den Ton des »Pirols« kaum je anders als in solch' grüner Stille vernommen hat. Hier und da summten Bienen über die Moosdecke hin, aus dem dunkelnden Dickicht heraus, nun die wärmere Lichtung suchend: schläfrig sie selber und einschläfernd in ihrem Surren.

Ich sann: wessen »Glück« hat einst hier gewohnt? Und ist der Wunsch der Steininschrift erfüllt worden?—War der Spruch mächtig genug, alles Böse fernzuhalten? Der Stein, der ihn trug, ist zerschlagen:—ein übles Zeichen! Und welcher Art war dieses Glück?—

Oder halt!—in jener Zeit begegnet »Felicitas« bereits als Frauenname; wollte der Spruch vielleicht, in anmutvollem Doppelsinne spielend, sagen: »Hier wohnt das Glück, das heißt: meine Felicitas; nicht Böses komme über ihre über unsere Schwelle?« Aber »Felicitas«,—wer war sie? Und wer war der, dessen Glück sie gewesen! Und was ist aus ihnen geworden? Und diese Villa, wie...?————Das war wohl das letzte, das ich wachend dachte. Denn mit diesen Fragen war ich entschlafen. Und lange hatte ich geschlummert. Denn als mich der Ruf der Nachtigall dicht an meinem Ohre, laut erjubelnd, weckte, war es finstere Nacht: hell lugte nur ein Stern durch die Wipfel der Eiche; ich sprang auf: »Felicitas! Fulvius!«—rief ich,—»Liuthari! wo sind sie?«

»Felicitas!« scholl das Echo von der Hügelwand leise wieder. Sonst alles still und dunkel.

So war es ein Traum? Nun: ich meine, diesen Traum will ich festhalten. Felicitas! ich halte dich! Du sollst mir nicht entschweben. Poesie allein vermag dich zu verewigen. Und ich eilte nach Hause und zeichnete noch in der Nacht die Geschichte auf, die ich geträumt auf dem Schutt der alten Römervilla.


Erstes Kapitel.

Es war ein schöner Juniabend. Die Sonne ging zu Golde: sie warf von Westen, von Vindelicien her, ihre vergoldenden Strahlen auf den Mercuriushügel und die bescheidene Villa, die ihn krönte.

Nur gedämpft drang hierher das Geräusch von der großen Straße, auf der hier und da ein zweirädriger Karren, mit norischen Rindern bespannt, aus dem Westthore von Juvavum, der porta Vindelica, nach Hause zog: Colonen, Landleute, die an dem eben geendeten Markttage auf dem Forum des Herkules Gemüse, Hühner, Tauben feilgeboten hatten. So war es still und ruhsam auf dem Hügel; außerhalb der nicht mannshohen Steinmauer, die den Garten umfriedete, vernahm man nur das lebhafte Geriesel des kleinen Quellbachs, der, an seinem Ursprung zierlich in grauen Marmor gefaßt, nachdem er den Springbrunnen in der Mitte gespeist und dann den wohl gepflegten Garten in kunstvoll gewundenem Rinnsal durchwandert hatte, nahe dem wohlgefügten, von Hermen überragten, aber offnen, thür- und gitterlosen Thoreingang, unter einer Mauerlücke durch, in einer Steinrinne hügelabwärts eilte.

Nach der Stadt zu, nach Südosten, lagen am Fuße des Hügels sorglich gepflegte Gemüse- und Obstgärten, Wiesen in saftigstem Grün und Getreidefelder mit üppigem Spelt, welche Frucht die Römer in das Barbarenland getragen. Hinter der Villa, nach Norden, aber ragte und rauschte, die Berghalde hinansteigend, schöner Buchwald: und aus seiner Tiefe scholl von fern der metallische Ruf des Pirols. Es war so schön, so friedlich; nur von Westen her—und nicht minder auch von Südosten!—stiegen drohende Wetterwolken auf.

Von dem offnen Thor führte durch den weitgedehnten Garten ein schnurgerader Weg, mit weißem Sand bestreut, zwischen ragenden Steineichen und Taxusbüschen hin, die, entsprechend lang herrschender Mode, mit der Schere in allerlei geometrische Figuren zurechtgeschnitten waren:—ein Geschmack oder Ungeschmack, den das Rokoko nicht erfunden, nur aus den Gärten der Imperatoren neu entlehnt hat.

Auf der langen Wegstrecke von dem Thor zu dem Eingang des Wohnhauses waren in regelmäßigen Abständen Statuen angebracht: Nymphen, eine Flora, ein Silvan, ein Merkur—: schlechte Arbeit, aus Gips; der dicke Crispus machte sie nach dem Dutzend in seiner Werkstatt auf dem Vulkanusmarkt zu Juvavum; und er ließ sie billig ab: denn die Zeiten waren nicht gut für die Menschen und schlecht für die Götter und Halbgötter; aber diese hier waren vollends geschenkt. Denn Crispus war ja der Vatersbruder des jungen Hausherrn.

Von dem Thor des Gartens her schollen, an der Steinmauer der Umhegung widerhallend, ein paar Hammerschläge; nur leise, denn behutsam, von Künstlerhand waren sie geführt: es schienen die letzten, nachbessernden, abschließenden Mühungen eines Meisters.

Nun sprang der Hämmernde auf: er hatte dicht hinter dem Thore gekniet, neben welchem, aneinander aufrecht geschichtet, etwa ein Dutzend noch unbearbeitete Marmorplatten die Behausung eines Steinmetz bekundeten: er steckte den kleinen Hammer in den Ledergürtel, der das Schurzfell über der blauen Tunika zusammenhielt, schüttete aus einem kleinen Ölfläschlein ein paar Tropfen auf ein Wolltuch, rieb damit den Marmor, gerade in der Inschrift, sorgfältig spiegelglatt, drehte den Kopf etwas seitwärts, gleich einem Vogel, der etwas recht genau besehen will, und las nun, wohlgefällig nickend, von der Eingangsplatte ab: »Ja, ja! Hier wohnt das Glück: mein Glück, unser Glück—: so lang als meine Felicitas hier wohnt—glücklich und beglückend hier wohnt. Niemals schreite Unheil über diese Schwelle: gebannt von dem Spruch mache jeder böse Dämon Halt!—Nun ist das Haus erst schön vollendet, durch diesen Spruch. Aber wo ist sie denn? Sie muß es sehen und mich loben. Felicitas,« rief er, gegen das Haus gewendet, »komm doch!«

Er wischte den Schweiß von der Stirn und richtete sich auf: eine geschmeidige Jünglingsgestalt, schlank, nicht über Mittelgröße, dem Mercurius des Gartens nicht unähnlich, den Crispus, nach alter Überlieferung der Gliedermaße, geformt; dunkelbraunes Haar überzog, ganz kurzgekraust, fast wie eine wollige Kappe, den ungedeckten runden Kopf; unter starken Brauen lachten zwei dunkle Augen lustig in die Welt; die nackten Füße und Arme zeigten schöne Bildung, aber wenig Kraftübung: nur im rechten Arm hoben sich kräftiger die Muskeln; das braune Schurzfell war von Marmorabfall weiß besprengt. Er schüttelte den Staub ab und rief nochmals lauter: »Felicitas!«

Da erschien auf der Schwelle des Hauses eine weiße Gestalt, wie ein Bild eingerahmt in die zwei Wandpfeiler des Eingangs, den dunkelgelben Vorhang zurückschlagend, der, an Ringen schiebbar, von einer Bronzestange gerade herabhing, ein ganz junges Mädchen—oder war es ein junges Weib?—Ja, es mußte schon Weib geworden sein, dieses Kind von kaum siebzehn Jahren: denn ohne Zweifel war es die Mutter des Säuglings, den es mit dem linken Arm an den Busen schmiegte: nur die Mutter hält ein Kind mit solchem Ausdruck in Bewegung und Antlitz.

Zwei Finger der rechten Hand, die Innenfläche nach außen gekehrt, legte die junge Mutter warnend an den Mund: »Stille!« mahnte sie—»unser Kind schläft.« Und nun schwebte die noch kaum vollreife Gestalt die vier Steinstufen hinab, die von der Schwelle in den Garten herabführten, vorsichtig das Kind auf dem linken Arm noch etwas höher schiebend und enger andrückend, mit der Rechten aber leise den Saum des ganz weißen Faltengewandes bis an die seinen Knöchel hebend, das tadellos schön geformte Oval des Hauptes vorsichtig leise senkend: es war ein Anblick von vollendeter Anmut: jugendlicher, kindlicher noch als die Madonnen Rafaels: und nicht demütig und doch zugleich mystisch verklärt, wie die Mutter des Christuskindes; da war nichts Wunderhaftes, nur edelste Einfachheit und doch königliche Hoheit in ihrer unbewußten Würde und Unschuld; wie Wohllaut der Musik umfloß es bei jeder der maßvollen, nie das Bedürfnis überschreitenden Bewegungen diese Gestalt einer muttergewordenen Hebe: Weib und doch ewig Mädchen; rein menschlich, vollendet glücklich, abgeschlossen und befriedet in der Liebe zu dem Jüngling-Gemahl und dem Kind an ihrer Brust: rührend, lieblich und ehrwürdig zugleich bei aller vollendeten Schönheit des Wuchses, des Antlitzes, der Farben so keusch, daß, wie vor einer Statue, jedes Verlangen in dieser Nähe schwieg.

Sie trug keinen Schmuck: das Haar, lichtbraun, wann es die Sonne küßte, in leisem Goldglanz leuchtend, floß in natürlicher Wellung von den offnen, edel geformten Schläfen zurück, die gar nicht hohe Stirne frei gebend, im Nacken in einen losen Knoten geschürzt: ein milchweißes Gewand von feinster Wolle, auf der linken Schulter mit einer schön geformten, aber schmucklosen Silberspange gefestet, umschloß in fließenden Falten die ganze Gestalt bis auf die Knöchel und die zierlichen roten Ledersandalen, den Hals, den oberen Teil des zart gewölbten Busens und die glänzenden, aber fast noch kindlichen, deshalb beinah ein wenig zu lang scheinenden Arme zeigend: unter der Brust war ein Zipfel des Gewandes durch den handbreiten Bronzegürtel geschlungen. So glitt sie, unhörbar, wie eine unmerkliche Welle, die Stufen herab und schwebte auf den Gemahl zu. Das längliche, schmale Antlitz trug jenes wunderbare, fast bläulich schattierte Weiß, das nur den Töchtern Ioniens eignet und das keine Mittagssonne des Südlands zu bräunen vermag; die im Halbkreis, streng regelmäßig, wie mit dem Zirkel, gezogenen Brauen hätten dem Antlitz fast etwas Lebloses, Statuenhaftes gegeben: aber unter den langen, langen, leise nach oben gekrümmten, ganz schwarzen Wimpern leuchteten die dunkelbraunen Antilopenaugen, wie sie sich nun auf den Geliebten richteten, in seelenvollstem Leben.

Dieser flog ihr mit raschen Schritten entgegen, löste, sorglich, zärtlich, das schlummernde Kind aus ihrem Arm und legte es in den länglichen flachen Strohdeckel, den er von seinem Arbeitskorbe herabhob, unter den Schatten eines Rosengebüsches: eine voll erblühte Rose warf im Abendwind duftige Blätter auf den Kleinen; er lächelte im Schlummer.

Der Hausherr führte nun, den Arm um die fast allzuschmalen Hüften schlingend, das junge Weib vor die eben vollendete Eingangsplatte und sprach: »Jetzt ist der Spruch fertig, den ich vor dir geheimgehalten, bis ich ihn, rasch fortarbeitend, vollenden konnte; nun lies, und wisse und fühle«—und er küßte sie zärtlich auf den Mund: »Du—Du selber bist das Glück—: Du wohnest hier.«

Das junge Weib hob die Hand vor die Augen, sich vor den durch den offenen Eingang nun fast schon horizontal einfallenden Strahlen der Sonne zu schützen; sie las und errötete: eine Blutwelle stieg sichtbar in die zart weißen Wangen, ihr Busen wallte, ihr Herz schlug lebhaft: »O Fulvius! Du Guter. Wie liebst du mich! Wie sind wir glücklich!« Und sie legte nun beide Hände und Arme auf seine rechte Schulter, auf die andere ihr wunderschönes Haupt.

Innig drückte er sie an sich. »Ja, überschwenglich, ohne Schatten ist unser Glück,—ist ohne Maß und Ende.« Rasch, mit leisem Beben, wie fröstelnd, richtete sie sich auf, und sah ihm bang ins Auge. »O fordere nicht die Heiligen heraus. Man flüstert,« sagte sie, selber flüsternd, »sie sind neidisch.« Und sie hielt ihm die Hand vor den Mund.

Aber er drückte einen lauten Kuß auf die schmalen Finger und rief: »Ich bin nicht neidisch, nur ein Mensch, wie sollten die Heiligen neidisch sein? Das glaub' ich nicht. Nicht von den Heiligen glaub' ich's—wie nicht von Heidengöttern, falls sie etwa doch noch leben und Gewalt haben.«—»Sprich nicht von ihnen! Sie leben freilich—: aber sie sind Dämonen, und wer sie nennt—der ruft sie nahe: so warnt der Presbyter der Basilika.«—»Ich fürchte sie nicht. Viele Geschlechter hindurch haben sie unsere Ahnen geschützt.«—»Ja, wir sind aber abgefallen von ihnen! Sie schützen uns nicht mehr. Nur die Heiligen sind unsere Schirmer—gegen die Barbaren. Wehe, wenn sie hierher kämen, unsere Blumen im Garten zerstampften, unser Kind davonführten.« Und sie kniete nieder und küßte den kleinen Schläfer.

Doch der junge Vater lachte: »Die Germanen, meinst du? die stehlen keine Kinder! Sie haben mehr davon als sie füttern können. Aber es ist wahr—: die könnten wohl einmal ihren Schildruf anstimmen vor den Thoren von Juvavum.«

»Ja, das können sie bald!« fiel eine ängstliche Stimme ein und der dicke Crispus trat, mächtig schnaufend nach erhitzendem Gang, in den Garten.

»Ave, Pheidias in Gips,« rief ihm Fulvius entgegen. »Willkommen, Oheim,« sprach Felicitas, ihm die Hand reichend. Crispus warf den breitrandigen Filzhut, den er, sein weingerötetes, von Fett glänzendes, sehr gutmütiges Gesicht und seine Stumpfnase gegen die Sonne zu schützen, in die Stirn gerückt hatte, in den Nacken, daß er nun am Lederband herabhing auf seinen breiten Rücken: »Möge Hygiea niemals von dir weichen, mein Töchterchen—: die Grazien verlassen dich ohnehin nie, ihre vierte Schwester. Ja, die Germanen! Ein Reiter kam heute Nacht mit ganz geheimer Meldung für den Tribunus. Aber ein paar Stunden darauf wußten wir es alle, wir Morgengäste des Bades der Amphitrite. Der Reiter ist ein Wascone—kein Wascone schließt den Mund, gießest du ihm Wein hinein. Ein Treffen ist geschlagen an der Furt der Isara: die Unseren sind geflohen, der Wartturm bei Vada ist verbrannt. Die Barbaren sind über den Fluß gefolgt.«

»Bah!« lachte Fulvius, »das ist noch weit weg. Geh, Goldkind, bereite dem Oheim den Kühltrank—du kennst seine Mischung: ja nicht zu viel Wasser!—Und wenn sie kommen—werden sie uns nicht fressen. Es sind grimme Giganten in der Schlacht—: Kinder nach dem Sieg. Habe ich doch Monate als ihr Gefangener unter ihnen gelebt. Ich fürchte nichts von ihnen.«—»Nichts für dich:—aber für dies holde Weib?«

Felicitas hörte diese Frage nicht: sie hatte das Kind aufgenommen und war mit ihm in das Haus gegangen. Fulvius schüttelte die krausen Locken: »Nein! Sie thun ihr nichts, das ist nicht ihre Art. Freilich: wäre ich gefallen,—man ließe sie wohl nicht lange Witwe bleiben. Aber es giebt Leute,—nicht im Bärenfelle der Barbaren!—die rissen sie gern dem Ehemann aus den Armen.« Und er umfaßte zornig den Hammergriff in seinem Gürtel. »Sie darf nichts davon ahnen, das reine Herz!« fuhr er fort. »Gewiß nicht. Aber du sei auf der Hut. Ich traf den Tribunus neulich in der Geldstube des alten Argentarius.«—»Des Wucherers! des Blutsaugers!«

»Ich konnte ihm—glücklicherweise!—meine kleine Schuld bezahlen—der Sklave meldete mich: ich mußte hinter dem Vorhang warten: da hörte ich eine tiefe Stimme deinen Namen nennen—und Felicitas. Ich trat ein: der Tribun stand vor dem Wechsler. Sie verstummten rasch, da sie mich erkannten. Und jetzt eben, auf dem Weg hierher,—wen treffe ich auf der großen Straße hierher? Leo den Tribun und Zeno, den Argentarius! Der wies mit seinem Stab nach deinem Haus, dessen kleine Göttergestalten von dem Flachdach aus dem Grün ragten. Ich erriet ihr Gespräch—und ihres Weges Ziel. Ungesehen sprang ich von der Heerstraße in den Graben und eilte den kürzeren Weg, den Wiesensteig, ihnen voraus, dich zu warnen. Gieb acht—bald werden sie da sein.«

»Er soll nur kommen, der Geizhals! Mühsam verdient und sorglich gespart liegt der Betrag, den ich ihm schulde für gelieferten Marmor aus Aquileja und für die städtische Steuer. Alle meine anderen Gläubiger habe ich gebeten, zu warten, lieber erhöhten Zins zugesagt und alles Geld zusammengelegt für diesen Würger. Was aber will mir der Tribun? Ich schulde ihm nichts: als für jeden seiner Blicke, mit denen er mein goldrein' Kind verschlingt, einen Messerstich.«—»Hüte dich! Sein Messer ist stärker: es heißt Schwert. Und hinter ihm stehen die wilden Maurusier, die Reiter, und die isaurischen Söldner, die wir mit teurem Geld bezahlen müssen, uns gegen die Barbaren zu schützen.«—»Wer aber schützt uns gegen die Schützer? Der Kaiser? Im fernen Ravenna! Der ist froh, wenn die Germanen nicht zu ihm über die Alpen steigen—: er kümmert sich längst nicht mehr um dies so lange Zeit römisch gewesene Land.«—»Außer, um in unerschwinglichen Steuern unsern letzten Blutstropfen uns abzupressen.«

—»Bah! die Staatssteuer! Sie ist viele Jahre nicht mehr erhoben worden. Kein kaiserlicher Beamter wagt sich ja mehr über die Berge. Sitze ich doch hier auf kaiserlicher Scholle: wie mag aber wohl der Mann heißen, der jetzt Kaiser ist und dem dieses Stuck Erde gehört, von dem er nie erfuhr? Alle paar Jahre wird ein anderer Kaiser uns bekannt:—aber nur durch die Münzen.«—»Und diese werden immer schlechter!«—»Nun, noch schlechter können sie kaum werden: das ist ein Trost.«—»Aber die Steuern werden immer unerträglicher, ließ mir ein Vetter sagen aus Mediolanum, wo man noch Büttel und Soldaten hat, sie mit Gewalt zu erheben.« »Uns kann's gleich sein,« lachte der Junge. »Wer weiß, wie viel ich schon schulden mag von diesen paar Joch Landes.«—»Und die Legionenstraßen überwächst das Gras, ja das Buschwerk des Waldes.«

—»Und die Truppen erhalten keinen Sold.«—»Aber sie machen sich durch Plünderung der Bürger bezahlt, die sie verteidigen sollten.«—»Und die Wälle von Juvavum zerfallen, die Gräben liegen trocken, die Schleusenwerke verdorben—: die reichen Leute ziehen davon—: nur arme Schlucker, die nicht fort können, wie wir, bleiben.«

—»Mich wundert, daß der Argentarius nicht schon lange mit seinem großen Geldsack über die Alpen davon gezogen ist.« »Ich ginge nicht, Oheim, auch wenn ich könnte. Und weshalb, am Ende, könnte ich nicht? Meine Kunst, mein Handwerk wird noch überall geehrt, solang Römer in Steinhäusern wohnen, nicht in Holzhallen, wie die Germanen. Aber ich bin mit meiner Seele festgewachsen hier an diese Scholle. Viele, viele Geschlechter hindurch haben meine Väter hier gehaust: man sagt, seit der Gründung der Kolonie durch den Imperator Hadrian. Sie haben den Urwald gelichtet, den Sumpf getrocknet, Straßen gebaut, Furten erhöht, Haus und Garten angelegt, Edelfrüchte auf die wilden Apfel- und Birn-Bäume hier gepfropft: das Klima selbst und der Himmel sind milder geworden: ich kenne Italien, ich habe Marmor in Venetien gekauft: aber ich wohne lieber hier, auf meiner Väter altem Erbe.«—»Doch wenn die Barbaren kommen! Willst du auch dann? ...«—

»Bleiben! Ich habe darüber meine ganz eignen Gedanken. Für uns kleine Leute ist es unter den Barbaren besser als—«—»Sage nicht: als unter dem Imperator. Du bist ein Römer!« Ganz ernsthaft sagte das der Dicke: aber der andere lachte: allzuwenig glich der gute Oheim einem Römerhelden: seine Nachbarn meinten, er forme nach dem eignen Bilde seine Silenusgestalten. »Halbblut! Meine Mutter war eine norische Keltin: Induciomara! Das klingt nicht sehr quiritisch. Und nicht unter dem Imperator stehen wir, sondern unter seinen Henkersknechten von Fiskalbeamten und unter der Mordfaust maurischer und isaurischer Soldknechte:—muß ich Barbaren dienen, ziehe ich die Germanen vor.«—»Sie sind aber Heiden.«—»Zum Teil. Vor hundertfünfzig Jahren waren wir das alle. Mein Großvater hat noch heimlich dem Jupiter geopfert. Und es sind auch Christen darunter.«

»Arianer! Ketzer! schlimmer, sagt die heilige Kirche, als Heiden.«—»Vor wenigen Jahrzehnten waren unsere Kaiser auch Ketzer. Und die Germanen fragen keinen, was er glaubt: wie schwer aber haben unsere Väter leiden müssen, wenn sie nicht just des jeweiligen Imperators Glauben richtig trafen.«—»Du stellst dir's doch zu glimpflich vor, wenn die Barbaren kämen. In so manche Stadt haben sie Feuer geworfen.«—»Ja: aber Stein brennt nicht. Gar bald haben die Römer die verbrannten Balken neu eingefügt in die unzerstörten Mauern. Denn kein Germane setzt sich ja in eine Stadt! Auf dem Lande weiden sie ihre Herden, zu dem Bauer in sein Gehöft legen sie sich. Ein Drittel nehmen sie ihm freilich von Acker und Weide. Aber das Land lebt auf dabei: ist es doch traurig entvölkert, fehlt es doch überall an freien Bauern auf freier Scholle. Für den Herrn, den sie nie gesehen, der in Neapolis oder Byzantium praßt, bearbeiten den Boden—Sklaven. Oder vielmehr—sie bearbeiten ihn nicht. Nur so viel arbeiten sie, daß sie nicht gerade verhungern. Was sie mehr erarbeiten, nimmt ihnen doch der Sklavenmeister fort. Da geht das anders her mit Pflug und Sichel, wenn hundert Germanen in den Pagus rücken, jeder mit ungezählten weißköpfigen Kindern.—Denn so viele Kinder als dieses Volk hat, habe ich nie herumrutschen und springen geglaubt auf dem ganzen Erdkreis!—Und in wenigen Jahren baut sich jeder der heranwachsenden Söhne sein eignes Holzgehöft in dem gerodeten Wald, dem getrockneten Sumpf. Wie die Ameisen wimmeln sie über die Furchen! Und bald werfen sie ihre alten Holzpflugscharen fort und bilden dem Colonen die eiserne Schar nach. Und das Land trägt in wenigen Jahren so unvergleichlich mehr als zuvor, daß es Sieger und Besiegte reichlich nährt.«

»Ja, ja,« nickte Crispus, »das haben wir erlebt in dem Grenzland, wo sie sich seßhaft gemacht. Sind der Söhne zu viele herangewachsen, so werfen sie das Los und der dritte Teil, der die Wanderung erlost, zieht weiter, wohin Falke oder Wolf sie weist. Aber nie zurück, nie nach Norden!«—seufzte Crispus, »so rücken sie uns immer näher.«—»Aber sie lassen uns unser Recht, unsere Sprache, unseren Gott, unsere Basiliken: und viel, viel weniger verlangen sie an Zins als der Sklavenmeister des Herrn oder der Steuererheber des Kaisers.«—»Gut, daß dich Severus nicht hört, der alte »armaturarum magister in Juvavum. Der würde dich—!«—»Ja, der meint, es seien noch die alten Zeiten und es lebten noch die alten Römer, wie etwa zu den Tagen des Germanenbändigers, des Kaisers Probus, zu dessen Geschlecht er sich zählt. Aber bei den Heiligen und den Halaunen! Er irrt sich. Warum sollte ich mich für den Imperator ereifern? Er, dieser Imperator, ereifert sich wahrlich nicht für mich: fern, im festen Ravenna, sitzt er und ersinnt neue Steuern und neue Strafen für die, welche keine Steuern zahlen, weil sie nichts haben.«—»Der alte Severus übt lange schon Freiwillige ein, sie gegen die Barbaren zu führen, falls solche bis hierher schweifen. Ich bin darunter seit ein paar Tagen. Mühsam trag' ich Schild und Speer bei dieser Hitze. Dich, so viel jünger, kräftiger, habe ich nie gesehen auf unserm »campus Martius«, wie er's nennt.« Fulvius lachte: »Ich hab's nicht nötig, Oheim. Ich habe mit den Waffen umgehn gelernt als Gefangener der Germanen lange genug. Und gilt es, die Stadt und den eignen Herd zu schirmen, ich werde nicht fehlen—der Ehre halber! Nicht in der Meinung, viel auszurichten. Denn glaube mir: wenn sie ernstlich wollen, das heißt, wenn sie müssen, weil sie unsere Äcker brauchen, die Germanen,—dann hält sie Severus nicht ab mit seinen altmodischen Feldherrnkünsten und seinen neumodischen »Legionarien des juvavischen Kapitols,« unter dem von ihm geschenkten goldnen Adler. Aber der Tribunus auch nicht mit seinen Reitern aus Afrika und seinen Söldnern aus Isauria. Doch siehe, da winkt der alte Philemon, der Sklave: in dem kleinen Portikus sehe ich den Mischkrug auf dem Schemel blinken: der Tisch ist bestellt. Nun trink von unserem herben Räterwein: schon Augustus wußte ihn zu schätzen: und er steht bereits ein Jahr im Keller, seit ihn von Teriolis her das Saumtier gebracht. Laß uns Felicitas anschauen und das Kind an ihrer Brust und vergessen Kaiser und Barbaren.«


Zweites Kapitel.

Unterdessen näherten sich der kleinen Villa, langsam auf der Legionenstraße heranwandelnd, die beiden von Crispus vorverkündeten Männer; sie blieben oft stehen, in eifrigem Gespräch das Vorschreiten unterbrechend. »Nein, nein,« warnte der Argentarius, den kahlen Kopf, den er trotz der Sonne ungedeckt trug, bedächtig schüttelnd und mit dem langen Stab auf die harte Straße stoßend, »so rasch, so gewaltthätig, so zufahrend geht das nicht, o Freund Tribune, wie deine ungestüme Lust begehrt. Laß mich nur gewähren! Wir sind auf dem rechten, dem sichern Wege.« »Dein Weg ist ein krummer, langweiliger Umweg, ein Schneckenweg!« rief der Soldat ungeduldig und warf das stolze, behelmte Haupt zurück, daß der schwarze Helmbusch auf die Ringe des Rückenpanzers rieselte. »Wozu die Umstände? Dir freilich eilt es nicht, das kleine Gütchen deinem ungemessenen Landbesitz einzufügen. Aber ich! Ich kann nicht mehr schlafen, seit mich der Anblick dieses jungen Weibes entzündet hat. Das Blut schlägt mir ins Herz zum Springen. Nachts treibt mich 's aus dem heißen Lager. Bei der gürtellosen Astarte von Tripolis! Noch nie hab' ich ein Weib entbehrt, des mich verlangte. Ich will sie haben, diese schlanke Felicitas! Und ich muß sie haben:—sonst bersten mir die Adern.« Und seine lodernden schwarzen Augen blitzten. »Du sollst sie haben, nur Geduld.«—»Nein! keine Geduld. Ein Schwertstoß macht den Milchbart von Ehemann kalt, auf diesen Armen heb' ich die sich Windende auf Pluto, mein schwarzes Roß, und hui! hinauf ins Kapitol, mögen die Marktweiber von ganz Juvavum dahinter her zetern.« »Mord und Frauenraub! Du kennst die Strafe.«—»Bah! tritt wirklich ein Kläger auf? Und der Kaiser?—Der Kaiser von Juvavum—der bin ich. Laß sehen, wer über die Wälle meines Kapitoliums steigt.«—»Das Kreuz, mein brüllender Leo, das Kreuz und der Presbyter! Nein, nein, keine himmelschreienden offenen Sünden. Es ist wahr: der Richter und seine Liktoren sind schwach in diesen von Rom fast aufgegebnen Landen. Aber die Kirche ist desto stärker. Spricht der hag're Weißbart, der Johannes, über dich die Ausstoßung, so bist du ein verlorener Mann. Kein Pfund Fleisch, keinen Krug Wein verkaufen dir mehr die Juvavenser,«—»So hol' ich, was ich brauche, mit meinen Lanzen!«—»An deinen Lanzen sind aber befestigt Maurusier:—und diese sind fromme Christen; der Presbyter hat sie getauft, soweit sie's noch nicht waren. Sieh zu, ob sie dir noch folgen, hat dich der Alte verflucht.« »Ich schlag' ihn tot, nach oder besser vor dem Fluch!« rief der Offizier und that einen raschen Schritt voran: sein langer dunkelroter Mantel flog im Wind.

Aber der Wechsler blieb wieder stehen, mit den knochigen Fingern die gelbe Tunika zurechtziehend: »Wie nutzlos! Weißt du denn nicht, daß die unsterblich sind? Schlägst du Einen tot, schickt der Bischof einen andern. Und sie sind alle gleich—viel mehr als deine Soldaten einander gleich sind. Und ich—ich sehe dich nicht mehr über die Straße an, bist du ausgestoßen von der heiligen Kirche.«

Jetzt aber machte der Soldat Halt und lachte laut: »Du! Zeno von Byzanz! Du glaubst so wenig an die heilige Kirche wie Leo, meiner Mutter Sohn. Und ich meine, dein seelenwürgender Zinswucher steht nicht besser angeschrieben bei den Heiligen denn mein bischen Liebeslust und Mordlust. Was hast du mit der Kirche zu thun!«—»Das will ich dir sagen, du kurzdenkender Sohn des Mars: ich fürchte sie! Sie ist die einzige Macht in dieser Zeit, in diesen Landen. Der Kaiser ist fern, seine Beamten sind alle zu kaufen; die Barbaren sind wie das Gewitter: sie brausen heran, man duckt sich, sie brausen wieder davon; aber die Kirche ist überall, wo auch nur ein einziger Priester im halbzerfallenen Bethaus die Messe hält. Und der Priester ist—nicht zu kaufen!—Der Elende darf ja gar nicht leben wie ein Mensch: so braucht er nichts—: und alle, die auf den Himmel hoffen, folgen ihm, das will sagen: alle Narren. Wehe aber dem Mann, der die Narren wider sich hat—: er ist verloren. Nein, nein! Mit dem Presbyter dürfen wir's nicht verderben.« »Ich brauche ihn noch, den Schleicher!« knirschte Leo leise durch die Zähne mit einem zornigen Blick auf seinen Begleiter und schob ungeduldig sein kurzes breites Schwert in dem schöngearbeiteten Wehrgehäng zur Seite. »Deshalb hab' ich ja,« fuhr der Kaufmann fort, »dir zu dienen—« »Gegen gute Bezahlung,« warf Leo verächtlich ein.

»Die ich aber—leider!—erst zur Hälfte empfangen!«—»Die andere Hälfte, nachdem ich die Rehäugige in meiner Kammer habe.«—»Deshalb hab' ich ja mir all' diese Mühe gegeben, all' diese Maschen gestrickt und in meiner Hand versammelt:—ein Ruck und das Netz schlägt über des Steinmetzen Kopf zusammen: er und die süße Puppe zappeln wehrlos, machtlos und, was das Beste, rechtlos darunter. Kaiser und Kirche können dabei zusehen, wie du das Vögelein greifest und ich das Land. Nicht, als ob das wertvoll wäre: aber es rundet meine Felder hier ab. Ich verkaufe dann leichter das Ganze an einen großen Herrn in Italien.«

»Auch ich habe nicht vor, das zerbrechliche Geschöpf lange zu behalten: nur Herbst und Winter über. Kommen im Sommer die Sklavenhändler wieder von Antiochia, schlag' ich sie los um hohen Preis. Dies halb bläuliche Weiß des Auges ist gesucht. Wo hat sie's her?«—»Aus Hellas oder aus Ionien. Ihre Eltern waren Sklaven eines griechischen Purpurhändlers, der hier starb auf der Rückreise aus Pannonien. Sie behaupteten, der Alte habe sie freigelassen vor seinem Tod; sie trieben nun einen kleinen Salzhandel. Als auch sie gestorben, ward das Kind das Weib des Nachbarsohnes, des Steinmetz, der mit ihr aufgewachsen. Ich bin gespannt, ob sie den Freilassungsbrief verwahrt haben. Wenn nicht,—dann gute Nacht, Felicitas!—Wir sind nun gleich am Ziel—hier lenkt der Fußpfad abwärts von der großen Straße nach dem Mercuriushügel. Mäßige, ich bitte, dieses Ungestüm und die Gier in deinen Blicken—: du verdirbst uns sonst alles!«—»Ich bin nicht geboren und nicht geschult, zu warten.« Damit trat der Tribun in den offnen Eingang des Gartens. Zeno folgte langsam der volle Guß der sinkenden Sonne fiel auf den Schwellenstein und die frisch eingelassene Inschrift. »Hic habitat Felicitas!« las der Tribun,—»Wie lange noch?« frug er lachend. »Nihil intret mali!« schloß der Kaufmann. »Gut, daß Wünsche keine Riegel sind.« »Sonst kämen wir nicht herein!« meinte der andre und trat höhnend, mit raschem Schritt, auf die zierlichen Buchstaben: diese waren spiegelglatt gesalbt mit frischem Öl—: Leo's Fuß glitt aus, er strauchelte, suchte sich zu halten, stürzte und schlug mit einem Schrei des Schmerzes, schwer rasselnd mit Helm und Harnisch, auf die Steinplatte nieder.


Drittes Kapitel.

Sofort, noch bevor sein Begleiter eine Hand nach ihm ausstrecken konnte, ihm aufzuhelfen, hatte der Zornmütige sich erheben wollen: aber mit einem wilden Fluch sank er wieder zu Boden und wehrte nun heftig den Versuch des andern ab, ihn aufzurichten. »Laß mich liegen, der Fuß ist gebrochen! Oder der Knöchel ausgerenkt. Nein! es ist das Knie! Ich weiß es nicht. Aber ich kann nicht stehen. Ich muß mich tragen lassen.«—»Ich will die Hausleute rufen! da kommt schon der Steinmetz aus dem Hause!«—»Tot stech' ich ihn, rührt er mich an. Ich will keine Hilfe von dem! Jenseit der Straße, links, auf dem Übungsplatz, sah ich einige meiner Leute Speere werfen. Die rufe mir! die sollen mich fortschaffen.«

So geschah es. Während der Wechsler die Söldner von dem nahen Exerzierplatz herbeiholte, versagte der Liegende, sich von dem herbeigeeilten Steinmetz abwendend, diesem jede Antwort; schweigend, seinen Schmerz verbeißend, ließ er sich dann von den starken Mauren bis in die Stadt tragen, wo ihn bald eine Sänfte aufnahm und auf das Kapitolium führte.—

Einstweilen hatte Fulvius den Kaufmann an dem Eingang festgehalten. »Nicht über die Schwelle, Vortrefflichster!« sprach er den vorwärts Drängenden zurückschiebend. »Ich bin abergläubisch! du hast den bösen Blick! Sowie ich deiner ansichtig ward und des Tribunus, eilte ich euch entgegen, das Geld, das wohlgezählt in diesem Säckel für dich bereit liegt, ergreifend: hier«—und er fing an, die Silbermünzen auf dem breiten Gesims der nicht mannshohen Mauer aufzuzählen—»hier: zähle nach! Ganz genau gerechnet:—fünfzig Solidi Kapital und, bei dreißig Prozent Zinsen, noch einmal fünfzehn Solidi! Und hier—denn ohne Quittung ist mit dir nicht zu verhandeln!—hier habe ich auf dies Wachstäfelchen die Quittung geschrieben—nimm den Griffel—setze deinen Namen darunter und geh' deiner Wege:—auf Nimmerwiederkehr.«

Aber unwillig schob Zeno mit der magern Hand die Silberstücke zurück, daß etliche klirrend auf die Steinplatte fielen und hier umherrollten. »So rasch kommen wir nicht auseinander, gastlicher Hausherr und dankbarer Schuldner.«—»Dankbar! dreißig Prozent sind, meine ich, Dankes genug. Und gastlich ist man nicht gegen Harpyien und Lemuren. Nimm, was dir hier gehört, und geh!«

»Wenn ich genommen haben werde, was mir hier gehört,« erwiderte der Byzantiner nun grimmig,—»dann gehst du, nicht ich, aus diesem Haus, aus dieser ganzen Besitzung.«—»Was soll das heißen?«—»Das soll heißen, daß es sich nicht nur handelt um die elenden fünfzig Solidi nebst Zinsen. Du bist mein Schuldner für mehr als den zwanzigfachen Betrag: mein ist das Haus, mein diese gesamte Possessio: höchst wahrscheinlich bist auch du in diesem Augenblick schon mein mit allen Knochen, die du im Leibe trägst: mein auch jene Sklaventochter, die dort zwischen den Vorhängen ängstlich lauscht, das Kind an ihrer Brust:—Mutterschaf und Lämmchen sind mein eigen.«

So bösartig wurden diese Worte zuerst leise gezischt, dann, in steigender Wut, immer lauter und drohender hervorgestoßen, daß Fulvius erschrocken zurückblickte, ob auch sein junges Weib nichts von diesem Unheil vernommen. Aber Felicitas war schon wieder hinter den Vorhängen verschwunden, beruhigt, daß der wilde Offizier, den sie fürchtete, sie wußte nicht warum, nicht mehr da war. Daß das Geld für den Wucherer bereit lag, wußte sie ja. So verabschiedete sie lächelnd ihren Gast, der seinen Becher geleert hatte und nun dem Ausgang zuschritt. Kein Wölkchen beschattete ihre weiße Stirn, da sie sich nun auf die Kline niederließ, das mädchenhafte Antlitz mit wunderbar holdem Lächeln über das eben erwachte Kind herabbeugte, verschämt die Brustfalten ihres Gewandes zurückschob—sie errötete dabei—und die Lippen des Kindes an den sanft geschwellten Busen führte.——

Einstweilen hatte ihr Gatte, im Schreck und Zorn, den zögernd Weichenden mit dem Ellbogen einen Schritt weiter hinweg von dem Eingang gedrängt; die Muskeln seiner nackten Arme spannten sich, seine beiden Fäuste ballten sich; drohend, aber sprachlos, stand er vor dem Mann, der so furchtbare Worte gesprochen hatte. Jetzt trat Crispus heran: er faßte seinen jungen Neffen fest am Handgelenk des rechten Armes, den dieser eben, langsam drohend, zum Schlag erhob. »Was bedeutet das?« rief der dicke Oheim besorgt. Fulvius brachte kein Wort hervor.

Aber Zeno antwortete: »Das bedeutet, daß ich vom kaiserlichen Fiskus dies Gut gekauft habe: und die ganze alte Steuerforderung des Staates dazu, daß nach den Steuerbüchern dieser Erbpächter und sein Vater seit Jahrzehnten mit dem inzwischen vom Kaiser versiebenfachten Pachtzins im Rückstand sind, d.h. mit den Strafzinsen zusammen über siebentausend Solidi schulden.«

Crispus überrechnete im Augenblick, daß er, wenn er sein ganzes Vermögen geben wollte, den Neffen zu retten, noch nicht den siebenten Teil dieses Betrages zusammenbrachte.—

»Das bedeutet,« fuhr Zeno fort, »daß ich, bei der zweifellosen Zahlungsunfähigkeit des Schuldners, diesen mir als Schuldknecht zusprechen und mich morgen vom Magistratus in den Besitz einweisen lassen werde.« »O Felicitas!« stöhnte Fulvius. »Sei ruhig,—ich nehme, bis der Prozeß entschieden, Mutter und Kind zu mir,« tröstete der gutmütige Oheim. »Prozeß?« lachte Zeno. »Ein Prozeß, der mit der Vollstreckung anfängt, ist rasch entschieden. Zweifellos bewiesen ist mein Anspruch durch die kaiserlichen Steuerlisten—: sie machen vollen Beweis. Und jenes junge Geschöpf—« »Willst du vielleicht auch die Gattin, wegen der Schuld ihres Mannes, dir zusprechen lassen? das giebt es nicht im Recht der Römer,« rief Crispus.

»Bleibe bei deinen Gipsfratzenbildern und lehr' nicht du mich das Recht und seine Wege! Das junge Weib ist ein Sklavenkind, ist Eigentum des Herrn ihrer Eltern. Dieser Herr starb ohne Testament, ohne nachweisbare Familienerben. Sein Nachlaß fiel, als erbloses Gut, an den Fiskus: dem Fiskus gehörten die Eltern und gehört das Kind.«—»Der alte Krates ließ die Eltern und das Kind vor seinem Tode frei.«—»Wo ist der Freilassungsbrief?« Und da beide verstummten, fuhr der Wechsler triumphierend fort: »Ihr schweigt? So ist es, wie ich vermutet: mit dem Brand ihres Elternhauses, bei dem Aufstand der Colonen gegen die Steuerpächter, ist der Papyrus mit verbrannt. Die unfreie Geburt steht fest—: die Freilassung ist nicht zu beweisen—: also her mit der Sklavenbrut!«

Da übermannte der Zorn, mit Angst gemischt, den jungen Gatten: er stieß den Bösartigen mit der Faust vor die Brust, daß dieser zurücktaumelte. »Hast du denn, alter Sünder, vielleicht, wie mich und mein Haus, vom Fiskus auch im voraus schon mein Weib erhandelt?« »Nein,« grinste der Erbitterte, »die schöne Griechin wird eines schönern, jüngern Herrn, der besser zu ihr paßt: bald schleppt sie in seine Löwenhöhle ein Löwe. Du weißt ja wohl, in welcher Art der Löwe um Liebe wirbt.« »Der Tribun!« schrie Fulvius. »Ich erwürge ihn vorher mit diesen Fäusten. Und du, Kuppler, nimm ...—«

Aber Crispus schlang beide Arme um seine Brust, ihn festhaltend. So gewann der Argentarius Zeit, sich davon zu machen; eilfertig stieg er den Stufenpfad hinauf, der zu der Legionenstraße empor führte; als er die Höhe erreicht, wandte er sich um und blickte durch die grünen Büsche auf die Villa zurück: drohend erhob er die Faust und rief den beiden Männern zu: »Wehe den Besiegten!«


Viertes Kapitel.

Crispus wollte umkehren, in das Haus zurück. »Was willst du thun?« fragte Fulvius. »Felicitas fragen, ob denn keine Abschrift, keine Zeugen der Freilassung ...«—aber der junge Gatte hemmte ihn. »Nein, nein! Sie darf nichts davon ahnen! Das arme, zarte, hilflose, so glückliche Kind! Es würde sie zerknicken! dieser scheußliche Anschlag.«—»Wie willst du verhüten, daß sie ihn erfahre, wenn er ausgeführt wird, schon morgen? Denn ich zweifle nicht: es ist alles richtig, was der Wucherer sagt von der Steuerschuld und von seinem Kauf des Gutes. Das ist auch noch nicht das Schlimmste! Du kannst flüchten, wie so viele Tausende von Steuerschuldnern, auf die Berge, in die Wälder, zu den Barbaren meinetwegen. Laß ihm hier den Haufen Steine!«—»Das Haus meiner Eltern! die Räume, wo wir so glücklich waren!«—»Ihr könnt auch anderwärts glücklich sein, wann ihr wieder beisammen seid. Aber Felicitas mit dem Säugling,—sie kann noch deine Flucht nicht teilen—: sie muß bleiben, bei mir bleiben können. Und das, hoffe ich, ist zu erreichen; denn die Freilassung ist mir unzweifelhaft: die Alten haben sie nicht erlogen. Nur den Beweis also gilt es! Den Beweis!«

»Der Freibrief ist verbrannt, das ist richtig. Verbrannt mit den wenigen Schmucksachen und Spargeldern der Alten. Oft haben sie es uns erzählt: sie hatten alle ihre wertvollste Habe in einem kleinen Schrein von Cedernholz, im Ehegemach, unter den Lagerkissen. Als damals in der Nacht der Aufruhr der verzweifelten Steuerschuldner und der Bacauden, der bäuerlichen Lasttiere der großen Grundherrn, ausbrach, eilten die Alten mit dem Kind erschrocken auf die Straße, den Grund des furchtbaren Lärmes zu erforschen: sie liefen vorwärts an die Ecke des Vulkanus-Marktes. Sofort wälzte sich von rückwärts ein anderer Haufe von fechtenden Bauern und Soldaten in ihre Straße, sperrte ihnen den Rückweg. Die hölzernen Vorratshäuser der kleinen hier lebenden Höker gingen in Flammen auf. Als sie am folgenden Tage zurückkehren konnten in ihr Haus, war dasselbe fast völlig ausgebrannt; unter den halb verkohlten Kissen des Ehebettes fanden sie ein paar Goldstücke, geschmolzen, die Eisenbeschläge des Cedernkistchens noch glühend, ringsum aber verbrannte Asche—: vom Holz des Kästleins und von seinem Inhalt.«—»Abschrift war nicht vorhanden?«—»In ihrem Elternhause gewiß nicht. Das haben wir völlig ausgeräumt, bevor wir's verkauften nach der Alten Tode.«—»In den Akten der Kurie?«—»Die Freilassung war geschehen durch Freibrief, nicht durch Testament. Nur das Testament wäre etwa dort hinterlegt worden. Aber Krates ward vom Tod überrascht, bevor er das geplante Testament errichtet hatte.«—»Zeugen?«—»Gab es nicht! Ich sage dir ja: die Freilassung geschah nur durch Brief.«—»So fehlt es an jedem Beweis! Es ist furchtbar.«—»Es ist zum Verzweifeln!«—»Aber welcher Leichtsinn auch! Jahrelang dahin leben, ohne ...«—»Jahrelang? Noch nicht ein Jahr nenne ich sie mein. Vorher war es der Eltern Sorge. Aber auch diese guten alten, hier fremden Leute:—was konnten sie thun? Den toten Herrn konnten sie nicht auferwecken, die Freilassung zu wiederholen.«—»Hatten nicht andere Leute den Freibrief gelesen?«—»Möglich! Aber diese könnten doch nur bezeugen, daß sie ihn gelesen, nicht, daß er echt war.«—»Ich sehe keinen Ausweg—als Flucht, rasche Flucht.«

»Rasche Flucht ist mit dem Säugling, mit der noch kaum hergestellten jungen Mutter unmöglich. Und fliehen!—es ist nicht meine Art. Lieber Widerstand mit Gewalt!«—»Du und ich und der lahme Philemon Gewalt gegen die Soldlanzen des Tribuns? Denn der steckt dahinter.«—»Ich glaube: ja! Ich sah seine heißen Blicke an ihr hangen, an ihrem Nacken, an——ich erdroßle ihn.«—»Du bist ein Mann des Todes, bevor du die Hand gegen ihn erhoben.«—»Es ist dunkle, hoffnungslose Nacht um uns her. Ach, wo Rat finden, wo einen Strahl der Hoffnung, des Lichtes?« »In der Kirche«, sprach da sanft, aber bestimmt, eine liebliche Stimme. Felicitas schlang den Arm um des Geliebten Hals. »Du!«—»Du hier!«

»Ja. Da du nicht wieder kamst, suchte ich dich:—das ist doch immer so zwischen uns! Der Sohn schläft, ich legte ihn in mein Bett. Da fand ich euch beide so vertieft in Gespräch, daß ihr meine Schritte auf dem weichen Gartensand gar nicht vernahmt.« »Was hast du gehört?« rief Fulvius voller Schrecken. Aber das strahlend heitere Antlitz, die glatte Stirn, das selige Lächeln seines jungen Weibes beruhigten sofort seinen fürchtenden Zweifel. »Ich hörte nur, daß ihr in dunkler Nacht Licht sucht. Dabei fiel mir sofort, wie stets, das Wort: ,Kirche', der Name ,Johannes' ein.«

Fulvius war schon beruhigt, fast froh! Weil sie nur nichts gehört hatte von dem lauernden Unheil! Er strich mit der Hand zärtlich über ihren schön gewölbten Kopf und sprach: »Du bist doch sonst keine von den Gebetabrutscherinnen, denen die Frömmigkeit—oder die Heuchelei—durch die auf den Altarstufen abgeschabten, durchstoßenen Kniestücke des Gewandes guckt.« »Ach nein, ich bin leider gar nicht fromm genug. Aber es hilft mir nichts, auch wenn ich öfter zum Sündenbekenntnis gehe Johannes lächelt immer, wann ich zu Ende bin und sagt: Du hast nur eine Sünde: die heißt—Fulvius. Aber wenn ich von Nacht und Licht höre, muß ich stets an die Kirche denken und an Johannes.—Es ist ein Erlebnis aus der frühesten Kinderzeit,« sprach sie langsam, nachsinnend.

»Welches Erlebnis?« forschte Crispus, aufmerksam werdend.

»Ich hatte wegen einer Augenkrankheit lange, lange Wochen eine Binde tragen, im Dunkeln sitzen müssen: ich weiß nicht wie lange—ich war kaum sechs Jahre. Da hört ich die Stimme von Krates, dem Patronus, der, der Heilkunst kundig, mich selbst behandelt hatte. »Nehmt sie nur mit heut' Abend in die Basilika, sprach er: ihren Augen wird es nicht mehr schaden. Und sie muß dabei sein, so will es das Gesetz.«

»Was sagst du? Wobei zugegen sein?« fragten beide Männer in atemloser Spannung. »Das weiß ich nicht. Ihr vergeßt,—: ich war ein Kind. Aber das steht noch klar vor mir: abends nahmen mich Vater und Mutter in ihre Mitte, jedes faßte eine meiner Hände: und auch der Patronus war dabei: und sie führten mich mit verbundenen Augen—denn der rauhe Abendwind des Spätherbstes könne mir schaden, meinte der Patron,—nach der nahen Basilika. Hier nahm man mir die Binde ab und«—

»Nun und?«—»Was sahst du? was geschah?«

»Zum erstenmal seit Monden sog ich schmerzlos wieder Licht, glänzendes, aber mildes Licht in meine Augen. Vor dem Altar, den viele Wachskerzen erhellten, stand Johannes in glänzend weihen Gewänden: der Patronus schob uns alle drei auf die unterste Altarstufe und sprach dann eine Menge Wörter, die ich nicht verstand: der Priester segnete uns: die Eltern weinten—aber ich merkte, es war vor Rührung, nicht vor Schmerz—und küßten des Patronus Kniee; man legte mir wieder die Binde über die Augen und aus dem Licht der Kirche ging es wieder in das Dunkel. Seither ist mir Licht und Kirche und Johannes eins. Fragt nur Johannes, wenn ihr Rates darbt.«

Felicitas konnte nicht ganz verstehen, was nun mit ihr geschah. Ihr Gatte küßte ihr glühend Stirne und Augen, ihr Oheim zerdrückte ihr fast die Hand. »Zurück! geh' ins Haus,« rief endlich ihr Mann. »Wir müssen gleich fort in die Kirche—du hast recht—: wie immer. Du—du hast uns allen den besten, den rettenden Rat gezeigt.« Und er führte sie eifrig, mit einem letzten Kuß, zurück in den Garten.

»Kein Zweifel,« rief Crispus, da Fulvius wieder erschien,—: »sie sind nicht nur durch Freibrief, zur größeren Sicherheit sind sie auch nochmals, in der Kirche, freigelassen, vor dem Priester, nach aller Form Rechtens. Und das ahnungslose Kind hat es uns aufgedeckt in der höchsten Not!«

»Und der Priester ...«—»War Johannes selbst!«—»Er lebt noch—Dank den Heiligen! Er kann es bezeugen.«—»Und er soll es: noch vor Nacht! Vor Zeugen, vor der Kurie soll er's beurkunden! Auf in die Kirche!«—»Zu Johannes!« Und beide Männer eilten, so rasch sie die Füße trugen, auf der Legionenstraße gegen die Stadt zu, nach der Porta Vindelica.——

Einstweilen ging Felicitas in das Haus zurück, langsam, oft Halt machend, dem Geliebten immer wieder nachblickend, so lange sie seine Gestalt noch auf der hohen Straße sich abheben sah vom Horizont.

»Was sie nur haben mögen?« sprach sie leise, das schöne Haupt einmal hin- und herneigend. »Nun, sie sind ja gut: die Heiligen sind mit ihnen.—Die Sonne ist nun ganz gesunken gen Vindelicien hin. Aber aus dem Bergwald flötet noch der süße Vogel seinen Abendsang: wie friedlich! wie still! Ich will an das Bett des Kleinen. Dort warte ich am ruhigsten: Fulvius kommt vor Nacht zurück. Denn er liebt uns,—ja er liebt uns sehr, mein Söhnchen!«—Damit trat sie in das Haus.


Fünftes Kapitel.

Aber Fulvius sollte diese Nacht nicht zurückkommen,—Als er mit Crispus die Porta Vindelica durchschritten hatte und in die Via Augustana einbog, in der die Basilika des heiligen Petrus und das daran gebaute kleine Priesterhaus lag, bemerkten sie Zeno, der am andern Ende der Straße an das Thor eines stattlichen Gebäudes pochte. Es war das Haus des Richters.

»Er hat es eilig,« meinte Crispus. »Gut, daß wir auch schon zur Stelle.« Und er rührte an den Klopfhammer, der in Kreuzesgestalt an der schmalen Pforte des Priesterhauses hing.

»Er wird wohl alles durchsetzen bei dem Richter; der ist sein Schwager,« sorgte Fulvius. »Und dem Wucherer tief verschuldet. Das hält alles zusammen: wie zäher Kot.«

Da ward die Pforte aufgestoßen und ein Ostiarius führte die beiden durch einen langen, engen, von einer Öllampe in einer kleinen Mauernische spärlich erhellten Gang an das Gemach des Priesters, schlug den Vorhang zurück und schob beide Gäste hinein. Das halbdunkle Gemach war fast leer an Gerät: eine große Truhe diente mit ihrem Deckel als Tisch, darauf stand Schreibgerät; an den Wänden sah man ein Lamm, einen Fisch, eine Taube in sehr rohen Umrissen mit roter Farbe gemalt. Johannes, obwohl im Gespräch mit zwei Priestern, wandte sich ihnen sofort zu: eine hagere Gestalt, nicht gebeugt durch siebzig Jahre, aufrecht gehalten durch starken, begeisterungsvollen Willen; eine graue Kutte, mit einem Strick um die Lenden geknotet, war all' sein Gewand; das Haupt umzog nur ein schmaler Silberreif von weißen Haaren: das glänzte wie ein Heiligenschein. Ein langer weißer Bart wallte bis tief auf die Brust.

»Geduld einen Augenblick, liebe Freunde,« winkte er den beiden zu. »Das Geschäft dieser meiner Brüder hier eilt:—ihr sehet: sie tragen Reisehut und Stab—doch ist ihre Antwort schon erledigt. Du also, Timotheus, wanderst noch heut' Nacht zurück auf deinen Posten; es ist gut, daß du gewarnt hast: aber nur der Mietling verläßt seine Herde, der gute Hirt harrt bei ihr aus.« »Ich gehe,« sprach der Angeredete, ein noch junger Subdiakonus, beschämt errötend: »Ich wollte auch nicht gerade mich flüchten vor den Barbaren:—ich wollte nur ...«—»Warnen, gewiß. Und dann vielleicht—das gab dir der böse Feind der Feigheit ein—dabei abwarten, ob Johannes dich nicht doch hier behalte, in den sichern Mauern dieser Feste. Aber ich sage dir: wo der Herr nicht das Haus behütet, da wachen die Wächter auf der Zinne umsonst. Und kommt die Kriegesnot über die Armen da draußen, ist dein Zuspruch unentbehrlich. Gehe mit Gott, mein Sohn, zurück in deine Cella bei Isunisca.« »Sind die Barbaren schon so nahe? Bis Isunisca!« rief Crispus erschrocken. »Wahrscheinlich: wenigstens hörte Bruder Timotheus vor drei Nächten Reiter an seiner Cella vorbeijagen mit unbeschlagenen Rosseshufen. Das waren keine Römer.« »Das waren die Nachtreiter, die Götter der Heiden, geführt von Wodanus, der Teufel Oberstem, den unsere Väter Teutates nannten, die Römer aber Mercurius!« sprach Bojorix, der Diakonus, ein älterer Mann, und bebte vor Grauen. »Diesmal schwerlich,« lächelte Johannes milde, »da eines dieser Nachtgespenster, am hellen Tag darauf, mit lang wehendem Graubart, von einem Wolfsfell umflattert, bei der Brücke des Önus ganz allein in einen Zug bewaffneter Kaufleute hineinsprengte, den dicksten Weinschlauch vom Wagen riß, auf sein Roß warf und davonjagte. Gespenster trinken nicht heurigen Räter.—Mehr als diese Botschaft, die von Westen her kam, beunruhigt mich, daß von Osten her, von Ovilava und Lentia, jede Botschaft ausbleibt! Wohl kamen von dort, von Osten, durch die Porta Latina, ein paar Bauern auf den Markt: aber ich kannte sie nicht: sie sind mir verdächtig. Nun, wir stehen im Schutze des Herrn, im Aufgang wie im Niedergang seiner Sonne! Du aber Stephane... «—

Der Angeredete hörte nicht.

Sanft verweisend faßte ihn der Presbyter am Gewand: »Ei, Stephane, Stephane! Hörst du immer noch nur auf deinen barbarischen Namen Bojorix?—Du, mein Stephane, sage den Kindern der Witwe zu ad Fontes: ich werde den vorletzten Silberbecher der Basilika verpfänden und mit dem Erlös den Argentarius befriedigen, die Schuldknechtschaft von ihr zu wenden. Ich bringe ihr morgen das Geld oder übermorgen.«—»O Herr, sie banget sehr! Warum nicht schon heute Nacht?«—»Heute Nacht muß ich die Wunden frisch verbinden dem armen aussätzigen Juden, den die weltlichen Ärzte nicht mehr anrühren wollen, und bei ihm wachen. Gehet nun beide, meine Brüder: und der Engel des Herrn, der Tobias geleitet hat, schwebe über euren Wanderstäben. Fürchtet euch nicht, wiewohl es Nacht ist: ihr wandelt im Licht.« Ehrerbietig verneigten sich die beiden und gingen; Johannes wehrte dem Kuß, den sie auf seine Hand drücken wollten.

»Und nun zu euch, meine Lieben,« sprach der Alte, »was kann ich für euch thun?« Rasch und erregt brachten die beiden, sich gegenseitig ergänzend, ihr Anliegen vor. Ernst, aufmerksam hörte der Priester zu. »Es ist,« sprach er dann, »wie mein liebes Beichtkind gesagt. Krates, ihr Herr, hat die Eltern und das Kind freigelassen: vor mir, in dieser Basilika.« »O so sind wir ja sicher vor dem Ärgsten!« jubelte Fulvius. »So lang ich lebe—: aber ich bin ein alter Mann: über Nacht kann mich der Herr abrufen. Eile thut not gegenüber jenem gewaltthätigen Wüstling. Ihr habt Galla gekannt, des Colonen Gaudentius, nahe an der Zollstätte, achtzehnjährig Kind. Wenige Tage sind's. Der Arge sah sie am Mittag:—vor Nacht war sie verschwunden:—am Morgen darauf lag sie, zerschmettert, am Fuß der Felsen des Kapitols—: sie sei verunglückt beim Beerensammeln, hieß es—: aber ein Fischer, der bei Tagesanbruch seine Netze hob, hat mir vertraut, er habe gesehen, wie sie sich kopfüber aus dem Turmfenster stürzte.« »Dort wohnt der Tribun!« schrie Crispus. Fulvius griff stumm nach dem Hammer in seiner Tunika.

»Kommt! Der Richter, die Kurie wird so spät keine Erklärung mehr zu den Akten nehmen. Sie schmausen und zechen. Wir wollen sofort die Ältesten der Gemeinde aufsuchen: vor ihnen beschwöre ich meine Kenntnis der Freilassung. Und noch heute abend will ich mit ihnen beraten, ob wir nicht, wie deines Weibes Unschuld, auch dich selbst, wackerer Steinmetz, schützen können auf deinem Erbe vor diesem Wucherer. Folget mir.« Sie eilten alle drei auf die Straße. Dort war es noch ziemlich hell: nur leise begann die Dämmerung des langen Junitages.

Als sie an das Haus des Richters gelangten, öffnete sich nach außen dessen Thor: heraus trat der Hausherr, dem Argentarius das Geleite gebend. »Ich denke,« sprach jener, »morgen in aller Frühe hinauszuschicken. Dein Recht ist zweifellos, auch die Fluchtgefahr des Schuldners wahrscheinlich und so kann ich den Haftbefehl ...——aber da steht er selber vor uns.«

Auch Zeno wandte sich nun gegen die Straße und sah die drei Männer heran kommen; es mißhagte ihm, sein Opfer in Begleitung des Priesters zu finden, den die Bürger liebten, den er fürchtete und haßte. Er grüßte den Angesehenen scheu: es waren noch andere Leute auf der Straße: es hätte ihm geschadet, hätte er dem Allverehrten den Gruß verfügt: doch wollte er sich rasch an ihm vorüberdrücken. »Halt, Zeno von Byzanz!« rief da der Priester laut—und man hätte dem Greife diese Gewalt der Stimme nicht zugetraut. »Ich habe dich zu warnen, dich und jenen Tribun der Wollust. Ich weiß allzuviel von euren Sünden: das Maß ist voll. Wenn ihr nicht Buße thut, kann ich euch nicht mehr dulden in der Gemeinschaft der Heiligen.« Da erbleichte der Kaufmann. »Ein Wucherer bist du: und er—er ist ein Mörder des Leibes und der Seelen. Ich weiß von eurem neuen Anschlag. Ihr werdet ihn nicht vollführen. Wisse: ob der Freibrief verbrannt ist—das reine Weib wird euch nicht verfallen. Sie ist frei—freigelassen vor mir, in der Kirche.« »Das kannst du leicht sagen!« meinte Zeno, mit lauerndem Blick. »Ich gehe, es vor Zeugen zu beschwören.« »Also weiß es noch niemand außer dem Alten,« dachte der Andere. »Du aber, der du dreißig vom Hundert nimmst und mehr, ich ziehe dich zur Rechenschaft vor der Gemeinde. Und nicht deshalb allein! Gedenke deiner armen syrischen Sklavin! Für sie klage ich auch vor dem weltlichen Gericht.« Der Byzantiner erbebte. »Und kannst du dich und kann sich jener Feldhauptmann der Lust und der Gewalt nicht reinigen vom Blute der Galla:—ausstoße ich euch am nächsten Sonntag aus der Gemeinde.«

Bevor Zeno antworten konnte, klirrten Waffen und schwere Schritte und ein Zug von den Isauriern des Tribuns bog um die Ecke. Der Centurio eilte auf den Kaufmann zu: »Dich such' ich! Von deinem Hause wies man mich hierher, zum Richter. Lies!—Vom Tribun.« Zeno nahm das Wachstäfelchen an sich. »Offen?« frug er mißtrauisch. »Für uns gesiegelt,« lachte der Soldat. »Wir lesen nicht: wir schlagen nur.« Zeno las: »Es war nur das Knie. Mein griechischer Sklave hat mich geknetet, morgen steig' ich wieder zu Roß. Das Dreifache, schaffst du morgen das Weib.« Der Grieche tauschte einen raschen Blick mit dem Richter—: dann drückte er mit der Rückseite des Griffels das Geschriebene platt, wandte den Griffel und schrieb: »Der Priester allein weiß, daß sie freigelassen. Sonntag spricht er den Bann über dich. Tote Hunde bellen nicht.« »Bring das deinem Tribun,« winkte er dem Centurio. »Ich kann nicht:—ich ziehe auf Wache ans vindelicische Thor. Aber hier, Arsakes, geht zurück aufs Kapitol.«—Er gab das Täfelchen einem der Söldner; der neigte sich und verschwand.

»Ans vindelicische Thor? Warte noch!« Und Zeno flüsterte dem Richter ein Wort zu. »Halt, Centurio!« rief dieser. »Ich habe meine Carcerarii nicht zur Hand—: im Notfall darf ich über euch Krieger verfügen, nach des Kaisers Diokletian Reskript. Ergreife diesen fluchtverdächtigen Schuldner des Kaisers und führe ihn in den Thurm für die Steuerschuldner: er steht neben dem vindelicischen Thor.« Fulvius war im Augenblick umringt—: der Centurio legte die Hand auf seine Schulter, vier Mann ergriffen seine Arme. »O Felicitas!« seufzte der Wehrlose. »Ich rette sie! ich fliege hinaus!« schrie Crispus und eilte davon. Er wollte um die Ecke biegen: aber er konnte nicht mehr: denn da erschollen plötzlich Hufschläge eines in rasender Eile heranjagenden Reiters: dahinter her aber wälzte sich brausendes Stimmengewoge, bald Menschengewoge heran—: Soldaten, Bürger, Frauen, Kinder, alles durcheinander. »Einer unserer maurischen Reiter!« rief der Centurio und fiel dem Roß in die Zügel: »Jarbas! Waffengenoß! Was ist's?« Der Reiter, der von Wasser troff, richtete sich hoch auf im Sattel: Helm und Schild hatte er verloren: einen zerbrochenen Speer hielt er in der Rechten: Blut strömte über seinen nackten linken Arm. »Meld' es dem Tribun!« schrie er mit heiserer Stimme wie aus letzter Kraft. »Ich kann nicht mehr—der Pfeil im Nacken!—Sie sind da!—Schließt die Thore!—Die Germanen stehen vor der Stadt!« Und den Zügel fahren lassend, stürzte er rücklings vom Pferd. Er war tot.


Sechstes Kapitel.

War es wirklich so? Standen in der That die Germanen vor den Thoren von Juvavum? Darüber zerbrachen sich die Bürger mit peinigenden Schwankungen die Köpfe.

Zunächst erfuhr man gar nichts mehr von allem, was draußen vorgegangen war oder nun vorging; der Mund, der weiteres hätte berichten können, war verstummt auf immerdar. Die Thore wurden folglich verschlossen gehalten. Leo der Tribun freilich oben auf dem Kapitol war auf die erste Meldung sofort von seinem Lager gesprungen: »Zu Pferd,« hatte er gerufen, »hinaus vor die Wälle!« Aber mit einem Schrei des Schmerzes war er wieder zurückgesunken in die Arme seines Sklaven; und der Führung eines andern wollte er das gefährliche Wagnis einer nächtlichen Erkundung vor den Thoren gegenüber einem gewiß sehr überlegnen Feind nicht anvertrauen. Severus, der Befehlshaber der Freiwilligen unten in der Stadt, hatte nur Fußvolk zur Verfügung. Mit diesem allein wollte und konnte er nicht den Barbaren zur Nacht entgegenziehen. Er begnügte sich, die Türme und Thore zu besetzen. Von den Wällen herab lugten und lauschten die verstärkten Wachen scharf in die laue Nachtluft hinein: aber nichts, gar nichts Außergewöhnliches war zu entdecken, kein Licht in der Nähe, auch keine Lagerfeuer in der Ferne, wie sie die mit Weib und Kind, mit Knechten und Mägden, mit Herden, Wagen und Karren einherziehenden Germanen gar nicht entbehren konnten und aus Klugheit oder Furcht zu verlöschen nicht gewohnt waren. Kein Geräusch vernahm man, weder Waffenklirren noch Hufschlag von Pferden: nur das gleichmäßig leise ziehende Rauschen des Flusses, der von Süden nach Norden das Thal durcheilt, drang zu den Ohren der Wachen: einer der Bürger meinte zwar einmal von dem Fluß her ein Geräusch zu vernehmen wie das leise Wiehern eines Rosses und ein Emporschlagen der Wellen, wie wenn ein schwerer Körper in den Fluß gefallen oder gesprungen—: aber er versicherte selbst, er habe sich getäuscht, da darauf hin alles still blieb. Nur die Nachtigallen sangen in den Büschen um die Villen: ihr unverstörtes Lied bezeugte, wie man richtig hervorhob, daß dorther nicht Wagen, Rosse, Krieger im Anzug Waren.

So wandte man sich, Auskunft zu erraten, wieder der Leiche des Reiters, seinem noch immer am ganzen Leibe bebenden Tiere zu. Man sah, das Roß hatte den Fluß durchschwommen, Mann und Roß troffen von Wasser: warum hatte der Flüchtling nicht die Brücke unterhalb der Stadt benützt? Weil er nicht gekonnt, weil sie besetzt war? oder weil er nicht gewollt, weil er seine Botschaft aus geradestem Weg zu bringen getrachtet hatte?

Er trug keine andere Wunde, als die des tödlichen Pfeilschusses im Nacken, aus welcher das Blut über Schulter und linken, schildlosen Arm gerieselt war. Man zog den Pfeil heraus: es war ein Geschoß wie es allerdings die Germanen führten: die dreischneidige Spitze war sehr tief eingedrungen, der Schuß war in großer Nähe abgegeben: der mäßig lange Schaft von Ellernholz war beschwingt mit dem Gefieder des grauen Reihers: leer hing die lange Lederscheide,—des langen Reiterschwertes Klinge fehlte—an der rechten Seite des Gurtes: der Speer, den noch die geschlossene Rechte umfaßt hielt, war gerade da durchhauen, wo der vordere Eisenbeschlag, der von der Spitze nach hinten zu ging, aufgehört hatte; der Hieb, wohl einer Streitaxt, nicht eines Schwertes, war sehr stark geführt: so hatte der Reiter wohl im Nahekampf Helm, Schild, Schwert und Speer verloren und auf der Flucht den Pfeilschuß des Verfolgers erhalten. Mehr war dem Toten nicht abzufragen.—

Wo aber waren seiner Wacht Genossen geblieben? Fünf »maurusische« Reiter hatte Leo der Tribun am Tage zuvor ausgesandt gehabt, den »Hügel der Halaunen«, ein paar Stunden nordwestlich der Stadt, zu besetzen, von dem aus man weithin die Landschaft überschaute, bis der dichte Urwald im Norden den Blick hemmte. Dort ragte ein halb verfallener Wartturm, den Kaiser Valentinian I. zum letztenmal—es waren nun hundert Jahre!—wieder hatte ausflicken und ständig besetzen lassen. Was war aus den vier andern Mauren geworden? Niemand wußte es.

Eine bange Nacht durchwachten die Bürger. Auf den Wällen hielten die Wachen fleißig Rundgang mit Fackeln, auch kleine Feuer brannten auf den Stellen, wo breite Quadern die Erd- und Rasenfläche deckten. Erst als der frühe Junimorgen hellere Dämmerung brachte, ließ man die Feuer erlöschen; scharf spähten die Wachen nun bei vollem Morgenlicht in die Landschaft hinaus: nirgends war eine Spur des Feindes zu sehen. Alsbald kamen, wie jeden Morgen, Landleute von allen Seiten der Umgebung, in der Stadt zu verkaufen oder zu kaufen: sie staunten, die Thore auch bei hellem Tage geschlossen zu finden; vorsichtig that man auf, nur Einzelnen, scharf prüfend, ob es wohlvertraute Leute oder Späher, vielleicht gar verkleidete Barbaren seien. Aber die Harmlosen waren sehr erschrocken über diese ungewohnte Schärfe der Thorbewachung; sie auszufragen hatte weder Sinn noch Erfolg: sie wußten offenbar von gar nichts und waren vielmehr eifrig und angstvoll beflissen, in der Stadt zu erforschen, was geschehen wäre. Gerade vom Nordwesten, von Vindelicien her, von wo man den Heranzug der Barbaren erwartete, waren die Landleute in gleicher Menge wie immer erschienen; nichts Verdächtiges hatten sie bemerkt.

Nur vom Südosten her kam fast niemand: es fiel nicht auf, wenige Villen und Colonenhäuser lagen hier; selten kam von daher ein Besucher des Marktes. Man hätte den Schrecken des vorigen Abends für Traum gehalten, wenn nicht der tote Reiter als stummer Zeuge die Wirklichkeit erwiesen hätte.

Als nun die ersten Morgenstunden sonder irgend drohendes Anzeichen verstrichen waren, und man weithin keinen Feind gewahrte,—auch die Brücke über den Ivarus unterhalb der Stadt (eine zweite verband innerhalb der Mauern beide Ufer) war unbesetzt zu sehen,—befahl Severus—den Tribun hielt, wie es schien, die Prellung des Kniees noch auf dem Kapitole fest—das vindelicische Thor zu öffnen: er rückte mit einer Schar bis an die Brücke, ließ das Brückenende am linken, westlichen Ufer mit Felsstücken und Ballen verrammeln und von dreißig Speerträgern und Schleuderern besetzen und kehrte, nachdem er sich überzeugt, daß nirgends eine Spur vom Feind zu sehen war, in die Stadt zurück.—Doch ließ der alte Soldat in der Wachsamkeit nicht nach: er gebot die Thore geschlossen, die Türme besetzt zu halten und ihm von jedem Vorfall sofort Meldung zu bringen in das Bad der Amphitrite, wohin er sich nun begab, die Sorge der Nacht und den Schweiß und Staub des Marsches abzuspülen.

Nach vollauf genossenem Bade saß er jetzt behaglich auf der mit weichem Wollfließ belegten Marmorbank des halbrunden Porphyrbeckens, bald die Arme, bald die Beine von den Hüften bis zu den Knieen reibend; der Mann von etwa fünfundfünfzig Jahren war ein Bild von gesunder noch vollrüstiger Kraft: Arme, Schenkel und Waden zeigten, daß die Übung der Jagd, der Gymnastik diesen stark angelegten Leib stark erhalten hatte. Nun hielt er inne in der Bewegung und versank allmählich in immer tieferes Sinnen. Sein Haupt glitt immer tiefer und tiefer gegen die Brust: endlich streckte er den rechten Arm ganz herab und sing an Figuren zu zeichnen in den reinlichen weißen Sand, der den Rundgang zwischen den Marmorbänken und dem Rande des Wasserbeckens bedeckte.

»Noch tiefer die Glieder stellen gegen den germanischen Keil?« murmelte er vor sich hin. »Zehn Mann hoch—zwölf Mann? Sie können schon jetzt kaum schwenken. Und doch! Es muß eine reine Rechenaufgabe sein, diese Germanen zu schlagen. Es ist nur ein Problema! des Stoßes und des Widerstoßes. Wer es löste! Das Beste wäre, ...« »Das Beste wäre,« fiel eine melancholische leise Stimme ein, »wir lägen in jenem dunkeln Schlafe, wo es weder Stoß mehr giebt noch Widerstoß.«

Severus wandte sich: hinter seinem Rücken war der weiße Wollvorhang des inneren Bades in leichter Bewegung: ein schöner Mann in reifer Jugendkraft und in vollen Waffen stand hinter ihm.

»Du, Cornelius.—Was meinst du?«—»Du kennst meine Meinung. Gar nicht geboren zu sein, ist den Menschen das Beste.«—»Schäme dich! dreißig Jahre und schon so lebensmüd'.«—»Schäme du dich. Bald sechzig Jahre und noch so lebensthöricht.«—»Was bringst du?«

—»Einen Rat: räume die Stadt, alle Bürger aufs Kapitol. Ein eilender Bote um Hilfe über die Alpen.«

—»Du siehst Larven und Lemuren!«—»Sähe ich nur die! Aber ich sehe die Germanen!«—»Niemand sieht eine Spur von ihnen weit und breit.«—»Das ist gerade das Unheimliche. Sie müssen nahe sein, ganz nahe: und keiner von uns weiß, wo sie sind,«—»Warum müssen sie nahe sein?«—»Weil der graue Reiher im Juniusmonat noch nicht nach Süden zieht: und weil er nie so niedrig fliegt.«—»Was will das sagen?«—»Das will sagen: ich führte um Mitternacht die Runde, die Wachen auf dem Turm der Porta Latina abzulösen. Von der Turmzinne spähte ich scharf in die Nacht: nichts war zu sehen: und auch zu hören nichts als der Gesang der Nachtigall. Da, plötzlich, hörte ich den Ruf des grauen Reihers.« »Er ist nicht häufig hier,« meinte Severus, »aber er kommt doch vor in den Altwassern und auf den Sumpfwiesen des Ivarus.«—»Gewiß: aber der Ruf kam nicht vom Fluß: er erscholl diesseit des Flusses, aus dem Bergwald her.«—»Er horstet dort vielleicht.«—»Es war aber sein Wanderruf. Und sie wandern erst im August. Und auf den ersten Ruf gab ein zweiter, dritter, vierter Antwort: bis die Stimmen immer leiser, immer ferner verhallten.«—»Das Echo von den Waldbergen!«—»Das wäre denkbar.—Aber der Ruf kam nicht hoch aus der Luft: er kam von unten, vom Erdboden, zu mir empor in die Höhe der Turmzinne. Der Reiher Fischt nicht zur Nacht!«—Behaglich lächelte der Alte. »Doch, mein Cornelius! Glaube dem älteren Weidmann. Er fischt auch zur Nacht, wenn er die Brut zu füttern hat. Ich habe selbst einen in der Fischreuse gefangen, die ich abends gestellt und morgens aufhob.«—»Aber jener Pfeil war gefiedert mit den Federn vom—grauen Reiher. Und ebenso oft als der graue Reiher rief, antwortete, noch tiefer aus dem Ostwald, der schrille Schrei des Steinadlers von den Felsbergen herab.«

»Zufall! Und wie sollten die Germanen von Osten her drohn? Von Westen, von Vindelicien her allein können die Alamannen kommen, die uns nächsten Germanen. Wie sollten sie unvermerkt von uns über den Fluß gedrungen sein, wenn sie nicht Flügel haben, wirklich wie der graue Reiher selbst? Vorsicht ist ganz löblich, mein junger Freund, und du siehst, ich lasse es nicht an Wachsamkeit fehlen. Aber du bist allzu besorgt: Jugend und Alter haben die Rollen getauscht!—Ich weiß,« beeilte sich Severus fortzufahren, da ein zorniges Zucken über das schöne Antlitz des Jünglings wetterleuchtete—»ich weiß: Cornelius Ambiorix banget nur für Rom, nicht für sich.«—»Weshalb bangen um ein Leben, das keinen Reiz und Wert hat?« fragte der andere sich nun wieder beruhigt neben dem Alten niederlassend. »Die alten Götter hat uns die Philosophie der Skeptiker zerstört: an den Juden von Nazareth kann ich nicht glauben. Ein blindes Fatum lenkt die Welt. Rom—mein Stolz, mein Traum—sinkt, sinkt unaufhaltsam.« »Darin eben irrst du,« erwiderte gelassen der Alte. »Ich stürzte mich heute noch in dieses Schwert«—er griff nach der Waffe, die auf einem Polster neben ihm lag, »wenn ich diesen Glauben teilte. Aber dieses Schwert,—es ist das Erbe meines kaiserlichen Ahnherrn Probus—verheißt mir stets neuen Trost. Neun Germanenkönige knieten vor seinem Zelt, als er dies Schwert aus der Scheide zog und den Zitternden befahl, nach ihrer eignen Sitte bei diesem Schwert ihm Treue zu schwören. Und sie schwuren.«—»Das ist lange her.«—»Und mit diesem Schwert vererbt in unserem Geschlecht das Orakel: Sieger in jeder Schlacht bleibt dieses Schwert. Wohlan, es ist erprobt in vielen Generationen unseres Hauses. Ich selbst, so lang ich dienen durfte, in zwanzig Schlachten und Gefechten habe ich die Germanen geschlagen—mit diesem Schwert.« Und der Alte drückte die Waffe zärtlich an die Brust.

»Vergieb, daß ich dich berichtige,« lächelte der Junge traurig: »nicht mit diesem Schwert, mit Isauriern, Mauren, Illyrikern und—zumeist mit Germanen—hast du—andre—Germanen geschlagen. Rom, Latium, Italien hat keine Männer mehr. Keltisches Blut fließt in meinen Adern,—dakisches in den deinen. Und warum darfst du nicht mehr dienen? Gerade, weil du oft gesiegt hast, nahm dir der mißtrauische Kaiser den Feldherrnstab aus den Händen und schickte dich, zum Dank für deine Thaten, hierher, in ehrenvolle Verbannung.« »Es war sehr—unverdient,« sprach Severus aufstehend, »aber gleichviel! Auch hier kann ich dem Staat der Römer nützen.« »Zu spät!« seufzte der andere. »Fuimus Troes!« Es ist aus mit uns. Den Parthern Asien, den Germanen Europa, und uns—der Untergang. Jedes Volk, scheint es, lebt sich zu Tode, wie jeder Mensch. Über zwölf Jahrhunderte sind vergangen, seit Romulus an der Wölfin sog. Man muß es ihr lassen, dieser ehrwürdigen Bestie,—sie hatte gute Milch: und lang hat es vorgehalten, das Wolfsblut in unsern Adern. Jetzt aber ist es krank. Und das Taufwasser hat es vollends zerfetzt. Wie soll man die Weltherrschaft behaupten, wenn fast kein Römer mehr heiratet, wenn fast keine Römerin Kinder bringt, ganz gewiß aber ihr Kind nicht säugt, während diese breithüftigen Germanenweiber, nachdem sie geworfen, aufstehen, als wäre nichts geschehen, und uns in zehn Monaten wieder mit Zwillingen beschenken. Sie fressen uns auf, buchstäblich, diese Waldleute: sie verdrängen uns von der Erde, durch ihre keusche Fruchtbarkeit noch viel mehr als durch ihren lachenden Todesmut. Dreimalhundertvierzigtausend Goten hat Kaiser Claudius vernichtet—in vier Jahren darauf standen viermalhunderttausend im Feld. Sie wachsen nach, wie die Häupter der Hydra. Und wir sind nicht mehr herkulisch. Ich hab' es satt. In der nächsten Schlacht mach' ich ein Ende. Man leidet nicht lang, traf ein Germanenhieb.«

Severus erfaßte die Hand des jungen Mannes, der so bitter gesprochen. »Ich ehre deinen Schmerz, Cornelius. Aber du solltest selbst nach deinen Worten thun: dein Thalamos steht leer: du muht wieder den Hymenaios ertönen lassen unter den grauen Säulen.«

»Ha,« lachte der junge Mann grimmig, »daß mir ein zweiter Kaiser die zweite Frau verführe, wie ein Bischof mir die erste Braut, ein Kaiser die erste Gattin verführt hat? Nein! Wahrlich, es giebt keine Römer mehr: aber noch viel weniger Römerinnen. Wollust, Putzlust, Herrschlust, das sind die drei Grazien, die sie anrufen. Hast du je gehört, daß bei diesen Barbaren die Priester die Jungfrauen bethören und ihre Könige den freien Männern die blonde Ehefrau vom Herde locken? Ich nicht! Ein Volk aber ohne Götter, ohne eingeborne Krieger, ohne richtige Weiber, ohne Kinder:—ein solches Volk kann nicht mehr leben.—Ein Volk, das vor seinen zehnmal zahlreicheren Sklaven zu zittern alle Ursache hat!—Hättest du nur die mörderisch drohenden, finstern Mienen gesehen, mit denen soeben die Sklaven des Argentarius ihren Herrn und den Sklavenmeister bedrohten, da sie in Ketten durch die Stadt getrieben wurden!—Ich aber selbst?—Wie steht es um mich? Alles bin ich gewesen und überall: in Rom, in Ravenna, in Byzanz: Soldat, Beamter, Schriftsteller—alles mit Erfolg: und doch fand ich alles—eitel, hohl. Alles Hab' ich erprobt:—nichts ist es damit! Jetzt heimgekehrt nach meiner Vaterstadt Juvavum find' ich sie beherrscht von einem Wucherer aus Byzanz und einem Lüstling und Raufbold aus Mauretanien: und der Einzige, der diesem sauberen Bündnis noch etwas Widerpart hält, bist nicht du und bin nicht ich—wir sind ja beide nur ehrenhafte Römer!—nein: ein Christenpriester, dessen Vaterland, wie er sich rühmt, nicht das Römerreich, sondern der Himmel ist.—Ich hab' es satt!—Nochmal sag' ich's: ein Volk ohne Götter, ohne Weiber, ohne Mütter, ohne Kinder, ein Volk, dessen Schlachten geworbene Barbaren schlagen:—ein solches Volk kann nicht mehr leben. Sterben muß es. Und das bald. Kommt doch, kommt, ihr Alamannen! Ich mag nicht Schierling schlucken. Ich will fallen bei dem Klang der Tuba und mir einbilden, ich falle unter Camillus oder Scipio!«

Severus faßte den Wilderregten an beiden Schultern: »Versprich mir, den Tod nicht eher zu suchen, bis du die nächste Schlacht verloren siehst, und leben zu wollen, wenn wir siegen.« Trübselig lächelnd nickte Cornelius: »Das glaub' ich kecklich versprechen zu können. Du und dein Siegesschwert,—ihr haltet es nicht mehr auf, das ehern schreitende Verderben.«

In diesem Augenblick schlug gellendes Tubageschmetter an ihr Ohr: der Vorhang des Innen-Bades ward aufgerissen:—ein bewaffneter Bürger stürmte herein und rief: »Eile, Severus, jetzt sind sie da: aus dem Westwald, jenseit des Flusses, sprengen germanische Reiter heran!«


Siebentes Kapitel.

Hastig hatte sich der Alte von dem Boten und von den Badesklaven wappnen lassen; er eilte, begleitet von Cornelius, an das vindelicische Thor, dort den hohen Wall zu besteigen, der weithin Aussicht gewährte. Es ward ihm heiß dabei: denn nun war es voll Mittag geworden: senkrecht schickte die Sonne ihre glühenden Pfeile auf den schweren Helm. An dem Thore traf ihn ein Centurio des Tribuns; dieser hatte vom Kapital herab früher schon als die Wächter auf den Mauern Reiter aus dem Westwalde schwärmen sehen: er ließ sagen, es seien nur etwa hundert Germanen: sofort werde er selbst seine Reiter vor die Thore führen: denn er könne wieder zu Pferd steigen.

Severus befahl dem Söldner, ihm einstweilen auf den Wall zu folgen. Scharf schaute er mit Cornelius auf die Ebene, die jenseit, links, des Flusses bis zu dem Westwald sich hinzog. Nach langer Betrachtung wandte er sich: er wollte zu Cornelius sprechen: aber sein Blick traf auf zwei Colonen, die ängstlich in die gleiche Richtung blickten.

»Nun,« sagte er, »Geta! Was seid ihr doch einfältig. Ihr beschwort, bei allen Heiligen und bei den Halaunen, daß ihr keine Spur vom Feinde wahrgenommen. Eure Hütten liegen noch jenseit, westlich des Westwalds, Und nun steckten die Barbaren zwischen euch und der Stadt! Wart ihr blind und taub?« »Oder wolltet ihr es sein?« fiel Cornelius mißtrauisch ein. »Bedenke,« warnte er, »sie haben alle Ursache, es mit den Barbaren zu halten. Rauh und jähzornig sind diese: aber sie quälen den Hörigen nicht das letzte Mark aus den Knochen wie die kaiserlichen Fiskale.«

Aber der ältere der beiden Colonen nahm nun das Wort: »Nein, Herr, ich bin kein Verräter: ich halte es nicht mit den Barbaren: habe ich doch gedient unter dem großen Aetius und ehrenvollen Abschied und jenes Gütlein empfangen. Glaubt einem alten Legionär—und wenn Ihr mir nicht glaubt, behaltet mich hier als Geisel bis zur Entscheidung:—ich habe noch gestern mit diesem meinem Neffen Pech gesotten im Westwald:—hohen Preis zahlen dafür die Händler aus Ravenna—der ganze Westwald ist keine fünf Millien breit: wären es viele Barbaren gewesen, die im Walde sich bargen, wir hätten sie merken müssen. Keinesfalls ist es ein Wanderzug, ein Volksheer: Abenteurer sind es, wenige Reiter, die einstweilen das Land erkunden, wie es wohl gehütet sei.«

»Wir wollen ihnen zeigen, wie es gehütet ist,« rief Severus, drohend die Rechte hebend. »Der Veteran hat recht, Cornelius. Ich glaube ihm. Es ist nur die Handvoll Reiter, die da gegen den Fluß her tänzelt. Wollen wir ihnen diese Unverschämtheit eintränken. Himilko, zurück zum Tribun. Ich verbitte mir jede Hilfe seiner Mauren—: hörst du, ich verbitte mir sie: es ist Ehrensache, diesen Räubern zu zeigen, daß die Bürger von Juvavum allein Manns genug sind, sie zu züchtigen.« »Ich muß dir beipflichten,« meinte Cornelius. »Es kann wohl nur eine Streifschar sein.«—»Gleichwohl will ich vorsichtig handeln und mit erdrückender Übermacht angreifen: diesmal muß ich siegen:—um deines Gelübdes willen, mein Cornelius.« Er schlug ihm in väterlicher Freundlichkeit mit der Hand auf die Schulter und stieg die schmale Treppe von dem Wall hinab. Unten am Thor angelangt befahl er den Tubabläsern, durch alle Quartiere zu eilen, die gesamte Bürgerschar mit dem Ausfallsignal hierher, an das vindelicische Thor, zu entbieten: in einer Viertelstunde sollte der Angriff geschehen. Laut schmetterten alsbald die mahnenden Töne in allen Vierteln der Stadt und aus allen Gassen strömten die gewaffneten Freiwilligen an das nordwestliche Thor.

Einer der ersten, der aus seiner nahen Werkstätte herankeuchte, war der dicke Crispus: er schleppte einen ungeheuren Speer mühevoll auf der Schulter, der schwere Schild belastete ihn: es war heiß und Crispus war alt und beleibt. Auf dem Haupt trug er statt des Helmes ein Küchengerät, in dem die alte Ancilla ihm in friedlichen Zeiten die—nur allzufetten!—Festkuchen zu backen pflegte: es war jetzt zwar recht blank gescheuert: aber es war etwas zu weit und klapperte ihm bei jedem Schritt um die Ohren: er bot keinen sehr kriegerischen Anblick.

Kopfschüttelnd betrachtete ihn Severus: »Nun, der Wille ist gut.—« »Und das Fleisch ist nicht schwach!« spottete Cornelius. »Aber,« fuhr Severus fort, »lieber sähe ich deinen schlanken Neffen, den Steinmetz. Was weigert er seinen Arm dem Vaterland? Immer bei seinem jungen Weibe? Wo steckt er?«

»Hier steckt er!« rief, bevor Crispus erwidern konnte—nur mit der Hand hatte er auf den Turm neben dem Thor gedeutet—hoch auf ihre Häupter herab eine bittende Stimme. Und hinter der vergitterten Luke des zweiten Turmstockwerkes ward Fulvius sichtbar, der beide Hände eifrig emporreckte. »Laß mich heraus, o Feldherr, hilf mir herunter, und mit dem Speer will ich dir danken.« »Severus,« bat nun der dicke Crispus den verwundert Blickenden, »befiehl dem Wärter,—da steht er in der Thür,—ihn herauszugeben. Zeno der Wucherer hat ihn einsperren lassen.« »Gieb den Mann heraus, Carcerarius!« befahl der Alte. »Ich brauche so jugendstarke Arme. Er zahle vorerst seine Schuld dem Vaterland: fällt er, ist er aller Schulden quitt: überlebt er, wandert er wieder in den Turm.« Der Carcerarius zögerte: aber ein Rippenstoß, den ihm Cornelius ungeduldig versetzte, stimmte ihn um. »Ich weiche der Gewalt!« rief er und rieb sich die getroffene Stelle. »Welch' eiserne, pflichtstrenge Römerseele!« meinte Cornelius. Gleich darauf sprang Fulvius über die Schwelle, ergriff Schild und Speer, die ihm von dem Waffenvorrat auf dem Wall herabgebracht wurden, und rief: »Hinaus, hinaus vors Thor!« Wohlgefällig ruhte des Feldherrn Blick auf ihm: »Solchen Eifer lob' ich! Du sehnst dich nach dem Kampf?« »Ach nein, Herr,« antwortete der junge Mann aufrichtig, »nur nach Felicitas.« Während jener sich unwillig abwandte, tröstete Crispus den Neffen. »Ich habe stets dein Haus im Auge behalten vom Wall aus: beruhige dich, kein Barbar hat noch den Fluß überschritten.« »Und der Tribun?« flüsterte der junge Ehemann. »Hat noch das Kapitol nicht verlassen.«—»Und Zeno?«—»Ist vollbeschäftigt, seine Schätze in die Stadt hereinzubringen und zu verstecken.«

Da kehrten die Tubabläser von ihrem Rundgang zurück, die letzten Bürger von den entlegensten Häusern trafen nun ein. Severus und Cornelius gliederten sie in zwei Haufen, jeden etwa zu dreihundert Mann; nun trat der alte Held vor und sprach: »Römer! Juvavensische Männer! Folgt mir! Hinaus vors Thor und wehe den Barbaren!« Er erwartete laut lärmenden Beifallsruf: aber alles blieb still. Nur ein Mann trat aus dem Glied und sprach ängstlich: »Darf ich eine Frage stellen?« »Frage!« erwiderte Severus unwillig. »Wie viele Barbaren mögen's wohl sein da draußen?«—»Kaum hundert.« »Und wir sind sechshundert!« meinte der Tapfre behaglich lächelnd und sich zu den Bürgern wendend. »Auf!« schrie er plötzlich und sein Schwert an den Schild schlagend. »Auf das Thor! Und wehe den Barbaren!« »Wehe den Barbaren!« rief nun die ganze Schar. Das Thor ward aufgezogen und über die Zugbrücke, die sich gleichzeitig über den Wallgraben niederließ, eilten die Männer aus der Stadt. Nur spärliche Wachen waren auf dem ganzen Umkreis der Mauern zurückgelassen worden; Weiber und Kinder eilten nun aus den Häusern, erstiegen die Wälle und blickten den Ihrigen nach, die in raschem Marschschritt auf die Brücke unterhalb der Stadt zu eilten, deren Westende, wie wir sahen, seit dem Morgen verrammelt und von einer kleinen Schar besetzt war.


Achtes Kapitel.

Um Mittag, als die alamannischen Reiter zuerst sichtbar wurden, lag Leo der Tribun in seinem reich eingerichteten Gemach in dem hohen Turm des Kapitols auf der weichen Kline, über die ein Löwenfell gespreitet war. Er fühlte sich in bester Stimmung. Der Fuß schmerzte und hemmte ihn nicht mehr. Behaglich streichelte er den reichen schwarzen Rundbart, welcher sein bronzebraunes, schmales, ursprünglich edel gebildetes, aber lange schon von Leidenschaften durchfurchtes Antlitz umrahmte. Vor ihm, auf dem Tische von Citronenholz, stand, halbgeleert, ein Hochkrug feurigen Siculers und eine silberne Trinkschale.

Zwei griechische Sklaven, Vater und Sohn, waren mit seiner Bedienung beschäftigt. Der ältere Sklave brachte, warnend den Finger erhebend, den Mischkrug. Aber lachend wies ihn sein Herr hinweg: »Nördlich der Alpen,« meinte er, »mischt die Natur von selbst allzuviel Kälte in unser Blut: wir brauchen nicht den Wein noch zu verdünnen. Nicht wahr, mein spröder Antinous? Da trink!« Und er bot die Schale einem dritten Diener, einem bildschönen Knaben von etwa fünfzehn Jahren. Dieser kauerte am Boden in der äußersten Ecke des Turmgemaches, so fern wie möglich von Leo diesem seinem Herrn den Rücken zuwendend. Er trug nur einen purpurnen Schurz um die Hüften. Das übrige Gewand hatte ihm der Tribun abgestreift, die Augen an den herrlichen Gliedern zu weiden. Der Gefangene schüttelte, ohne das schöne, traurige Antlitz zu wenden, das Haupt, das langflutendes Goldhaar umwallte.

Trotzig, drohsam sprach er dann: »Ich heiße nicht Antinous:—Hortari heiß' ich. Gieb mich frei: laß mich zu den Meinen zurück, in den rauschenden Wald des Danubius! Oder töte mich: denn das wisse, schändlicher Mann: niemals willfahr' ich deinem Dienst.« Unwillig warf ihm Leo den schweren Burgschlüssel, der vor ihm auf dem Schemel lag, in die Rippen: »Hebe dich von hinnen, störriger Hund! Davus,« herrschte er den jüngeren Sklaven an, der beschäftigt war, die Waffen des Tribuns bereit zu legen, »schleppe ihn in den Roßstall: und häng' ihn dort in Ketten auf! Will der Balg nicht seines Herrn Gespiel sein,—fort mit ihm zu den Bestien!« Der Knabe sprang auf, und warf seinen Wollmantel um. Davus riß ihn mit fort, hinaus; den Blick voll tödlichen Hasses, den der junge Germane unter dem Vorhang des Gemaches, sich rasch wendend, zurückwarf, bemerkte Leo nicht. Rasch kehrte ihm die gute Laune wieder.

»Morgen hab' ich bessere Gesellschaft hier im Thalamos,« lächelte er, wieder den dunkeln Bart streichelnd, »als einen nicht zu bändigenden jungen Bären! Felicitas! Das trink' ich unsrer ersten Umarmung!« Und er trank die Schale leer. Dann richtete er sich auf. »Ich brauche keine Stütze mehr!« Damit wies er den zweiten, älteren Sklaven zurück, trat an die Fensteröffnung des Turmes und blickte hinaus. »Es sind ihrer nicht hundert, dieser kecken Barbaren. Welche Frechheit! Und nur die wenigsten führen stoßfeste Schutzwaffen! Und ihre Trutzwaffen find alle erbärmlich. Wie viele ihrer Wurfpfeile, Speere, Streitäxte sind mir schon machtlos an Helm und Harnisch zersplittert. Sie kommen mir gerade recht! Mich lüstet nach Kampf und Sieg!—Da unten, auf den Straßen der Stadt wird es lebendig. Severus sammelt seine Schuster und Kesselflicker. Die werden aber doch nicht fertig mit den raschen Feinden. Ich aber, wenn der Alte, der den Feldherrn spielt, im ärgsten Gedränge—eine gute Weile will ich ihn zur Strafe zappeln lassen!—dann will ich hinausfahren wie der Sturm der Wüste mit meinen Reitern und sie vor mir hinwegfegen. Vorher aber zu dem Priester. Kein Mensch in der Stadt achtet jetzt auf anderes als auf die Barbaren draußen vor den Thoren. So geschieht es unvermerkt. Die Gefahr durch jenen Priester muß scharf drohend gestiegen sein,—wenn der feige Geldsack selbst zu blutigem Mittel riet. Er hat mir schon immer gedroht, der Psalmenplärrer. Erst die Sicherung und die Rache—: dann die Wollust des Reitersieges: und zum Lohn—: Felicitas! Laß Pluto satteln,« befahl er dem alten Sklaven, »und hilf mir, mich waffnen.« Der Greis brachte den Befehl in den Hof hinab und kehrte in das Turmgemach zurück, wo er dem Herrn, der schon den vom schwarzen Roßschweif umflatterten hohen Helm aufgesetzt und die schönen Beinschienen angelegt hatte, diese sowie den prachtvollen Brustharnisch, den gar manche Auszeichnung schmückte, über der dunkelroten Tunika festschnallen und einhaken half. Während nun Leo das Schwert umgürtete und nach dem Erzschilde, mit dem langen starken Stachel in der Mitte, griff, holte der Alte sorglich aus einem Elfenbeinkästchen, das neben der Kline in der Ecke stand, einen dünnen Lederriemen mit zwei winzigen, aber glänzenden Anhängseln hervor und reichte die Schnur bittend, stummen, eindringlich beredten Blickes seinem Herrn dar. Es war ein kleines, häßliches Götzenbild aus Bernstein und eine schmale Silberkapsel. »Nimm, o Herr!« bat der Grieche, da Leo alles verächtlich zurück schob. »Was soll ich damit? Was sind das für ...—?«

»Schilt sie nicht,« beschwor der Alte, »sonst werden sie böse und schützen nicht mehr. Kennst du sie nicht mehr, die schirmenden Kleinodien? Das eine ist ein ägyptisch Götterbild des Phta und die Kapsel schließt ein Barthaar ein des Apostels Paulus. Hilft das erste nicht, so hilft das andere. Trage heute beide—ich hatte diese Nacht einen bösen Traum.«—»So trage du sie!«—»Nicht mir,—dir, o Herr, drohte der Traum. Ich sah dich Hochzeit halten ...—!«—»O, das siehest du oft! Diesmal mit Felicitas?«—»Nein, mit Persephone, der Königin der Schatten.« »Sie soll sehr schön sein,« lachte der Tribun, die kräftigen Arme ausbreitend, »sie nahe nur, sie ist willkommen!« »Fern sei das Omen!« rief der Sklave. »Du hast wirklich Sorge um mich! Dir liegt an meinem Leben? Warum? Sage, weshalb?«—»O Herr, du warst niemals gegen Chrysos so böse wie ...—« »Wie gegen alle anderen, willst du sagen?« lachte der Maure. »Nur Selbstsucht, Alter: ich brauche dich: das heißt deine heilkundigen Gedanken und Finger.«—»Wenn du nur beten wolltest! Und irgend ein Geschöpf auf Erden lieben—irgend einen Namen ehren! Dir wäre wohler!« Aber grell lachte der Soldat: »Lieben? Liebe ich doch jeden Monat ein ander Weib!«—»Du vernichtest, was du liebst!« »Und beten? Zu welchem Gott sollte ich wohl beten? Ich sah mit gleicher Inbrunst und mit gleichem Erfolge beten zu Astarte und zu Artemis, zu Osiris und Jupiter, zu Christus und Jehovah. Ehren aber? Was soll mir heilig sein? Kaum so alt wie jener Germanenjunge raubten mich vandalische Reiter. Da verlor ich Heimat, Eltern für immerdar—! Als Sklave den Römern verkauft litt und genoß ich als Knabe schon Unsägliches—verhätschelt, geküßt, gefüttert, gepeitscht erschlug ich meinen letzten Herrn, entlief in die Wälder Calabriens, ward Räuber, Räuberhauptmann, ward eingefangen, zum Cirkusspiel verurteilt, vom Kaiser, als schon mein Blut die Arena rötete, begnadigt, unter die Söldner gesteckt, bald durch wilden Mut Centurio und Tribun. Zu welchem Gotte soll ich beten? Sie haben mich alle verlassen, so lang ich an sie glaubte. Seit ich aber alle verhöhne, dient mir das Glück wie eine verliebte Dirne. Und was soll ich lieben und ehren? Meine palmenrauschende Heimat? Sie dient vandalischen Barbaren! Rom? Rom hat mich erst mißhandelt wie ein gefangenes Raubtier und hetzt mich jetzt, wie einen gezähmten Löwen, gegen seine Feinde. Wohlan: dieses meines grimmigen Landsmannes Art wie Name habe ich mir gekoren« und er klopfte dem Wüstenkönig auf seinem Lager das stolz ummähnte Haupt.—»Beute—Genuß—Kampf! Weinrausch—Waffenrausch—Weibesrausch! Das allein ist des Lebens wert! Und nach dem letzten Rausch—: kein Erwachen—: ewige Nacht in der schweigenden Wüste des Todes.« Damit ergriff er beide Amulette, warf sie zum Turmfenster hinaus, faßte seinen Wurfspeer, der an der Wand lehnte und stürmte klirrend die steile Turmtreppe hinab. Seufzend und kopfschüttelnd folgte der Grieche.

Im weiten Hofraume angelangt ließ der Tribun seine ganze Ala aufsitzen: er befahl dem Geschwader, ihm in die Stadt hinab zu folgen und, auf dem Forum des Herkules aufgestellt, auf ihn zu warten, bis er sie zum Ausfall führen werde. Dem Centurio Himilko gebot er, mit den isaurischen Fußknechten auf dem Späheposten vor dem Eingange des Kapitols zu halten, den Gang des Gefechtes vor den Thoren sowie etwaige Vorgänge in der Stadt zu beobachten, jedenfalls aber, wenn ein Eingreifen in der Stadt oder vor dem Thor notwendig scheine, vorher das feste Thor der Burg zu schließen und zwei Wachen darin zu belassen. Seine beiden Sklaven aber, den alten Griechen und dessen Sohn, bestellte er—leise—mit der geschlossenen Sänfte an den Fuß des Kapitols: »Für alle Fälle,« überlegte er. »Ein widerstrebend Weib zu Roß den Steilweg heraufschleppen—das könnte mich nötigen, ihr sehr weh zu thun—wie jener Galla!«

Und nun, mit allen seinen Anordnungen zu Ende, stieg er in den Bügel, sich auf Pluto, seinen prachtvollen spanischen Rapphengst zu schwingen, der ungeduldig mit dem Vorderhuf Funken aus dem Granitpflaster des Hofes hieb. Kaum saß er im Sattel, da fiel sein Blick durch die offene Stallthür auf den Knaben Hortari, der, an beiden ausgebreiteten Armen zwischen zwei eisernen Pferderaufen angekettet, an der Wand hing: in der Ecke des Stalles lag ein blauer germanischer Rundschild, ein Speer und eine Streitaxt: die Waffen, die man dem Knaben bei seiner Ergreifung abgenommen. »Ha, der künftige Antinous!« lachte er, den Wurfspeer in die Seite stemmend. »Kettet ihn los! Er soll auf die Mauer treten, die Vernichtung seiner Germanenhelden zu schauen. Zur Nacht ketten wir ihn zusammen mit einer ganzen Koppel solcher Bären.« Und er gab dem Rappen die Sporen, daß dieser laut wiehernd stieg. »Hüte dich,« rief Hortari, nun entfesselt an die Stallthür tretend, funkelnden Auges, »vor den Bären des Urwalds. Ihre Tatzen werden dich zerschlagen!« Aber lachend rief der Tribun: »Auf! auf das Thor! Und wehe den Barbaren!« Und brausend und klirrend sprengte, dem kraftvollen Führer folgend, der glänzende Reiterzug zu Thal.


Neuntes Kapitel.

Minder guten Mutes als der Tribun hatte inzwischen sein Verbündeter Zeno die ersten Nachrichten von dem Erscheinen der Germanen vor der Stadt aufgenommen Eignete er doch vor den Thoren gar manche Possessio, bewirtschaftet von Sklaven und Sklavinnen, die diese Gelegenheit erfassen mochten, wie es die schwer Gequälten gar oft in solchen Fällen thaten, zu den Barbaren zu entlaufen, mit diesen das Weite zu suchen. Auch bargen seine Villen, war er auch just kein Kunstfreund und zu vorsichtig, Schätze außerhalb der Festung zu belassen, gar manches wertvolle Gerät und Geschirr, auch Herden von Rindern, Schafen und Schweinen, das der Wirtsame ungern den Räubern gegönnt hätte. So hatte er denn in den ersten Morgenstunden, da sich noch nichts von den Alamannen hatte blicken lassen, als Severus zur Kundschaftung und zur Besetzung der Ivarusbrücke auszog, unter dem Schutz dieser Truppen seinen Sklavenmeister, einen Freigelassenen, ausgesendet mit einem Troß von bewaffneten Knechten, um wenigstens aus den diesseit des Flusses gelegenen Landhäusern das Wertvollste hereinzuschaffen, namentlich aber die zu jenen Gütern gehörigen Sklaven—nötigenfalls mit Gewalt—in die Stadt zu führen. Diese, Bauern und Hirten, von je roher, wilder, unbotmäßiger als die städtischen Diener, hatten nur widerstrebend Folge geleistet: in zwei Besitzungen hatten sich die Unglücklichen zur Wehre gesetzt, waren aber von der Überzahl bewältigt und mit Ketten aneinander gebunden worden: unablässig hatte der Sklavenmeister die vielsträngige Ledergeißel über den Fluchenden geschwungen, sie zur Eile zu treiben, zur Aufbürdung immer schwererer Lasten, die sie im Gleichgewicht auf den Köpfen trugen. In langem Zuge, die Gefesselten in der Mitte, die Rinder und Schafe voran, bewaffnete Sklaven an den Seiten, die Freigelassenen an Haupt und Ende der Reihe, kehrten sie nun durch das vindelicische Thor zurück, das sich eben hinter ihnen geschlossen. »Vorwärts, Thrax, du alter Hund!« schrie Calvus, der Freigelassene,—er galt für Zenos Sohn von einer Sklavin—einen weißhaarigen Greis an, der unter der Last der ihm aufgelegten Bronzegeschirre wankte: und da der Zitternde den Schritt nicht zu beschleunigen vermochte, schlug er ihm über den nackten Rücken mit der flachen Schwertklinge einen grausamen Streich. Laut schrie der Alte und taumelte zu Boden. Da machte ein riesiger Rinderhirt, der besonders schwer gefesselt war,—er hatte sich grimmig gewehrt und blutete aus mehreren Wunden,—Halt: er hemmte damit den Schritt aller an ihn Gefesselten. »Ich flehe dich an, Calvus, schone meines Vaters! Lege mir seinen Korb noch auf.« »Warte Keix, verfluchter Thraker, ich will dir auflegen, was dir gebührt,« schrie Calvus und hieb ihn mit der Schärfe des Schwertes über Kopf und Schulter, daß das Blut hochaufspritzte. Der Getroffene schwieg: nicht ein Ruf des Schmerzes entfloh seinen zusammengepreßten Lippen. Calvus aber fuhr fort: »Du hast dich empört, Sklave, in offener Gewalt: vierteilen könnten wir dich lassen dafür. Aber man verliert zu viel Kapital, krepiert solche Bestie, die man dreißig Jahre gefüttert hat. Geduld, mein Söhnchen! Ich werde die neuen Folterwerkzeuge an dir versuchen, die der Patronus aus Byzanz hat kommen lassen. Das wird meine Feierabend-Erholung heute.«—Der starke Thraker erbleichte: aber nicht aus Furcht: aus Wut. Er warf nur einen Blick auf seinen Peiniger und schritt wieder vorwärts.—Während nun andere Knechte die Herdentiere unter die städtischen Stallungen Zenos verteilten, wurden die Gefesselten behufs ihrer Bestrafung von Calvus in den Hof des Herrenhauses in der Via Augustana geführt. »Thu' mit ihnen wie du willst,« hatte Zeno zu dem Freigelassenen gesprochen, das Verzeichnis des geflüchteten Inventars in seinem Schreibgemach durchlesend, »nur sorge, daß Leben und Wert das heißt Arbeitskraft der Faulpelze nicht darunter leide. Auch müssen wir, nach dem Gesetz des frommen Constantin, für Verstümmelung vorher den Spruch des Richters einholen. Ich werde meinen Schwager Mucius fragen,« lächelte er, »aber, mit leiser Änderung des Gesetzes, nachträglich. Nun gehe ich in das Bad der Amphitrite, Neuigkeiten zu erfragen.« Während er, von Calvus begleitet, durch den Hof schritt, fiel sein Auge auf den alten Thrax, der auf Stroh in einer Ecke lag: erschöpft war er in tiefen Schlaf gesunken: neben ihm lehnte an der Mauer, schwer gefesselt, sein riesiger Sohn: Blut lief aus dessen Wunde auf den Vater nieder. Zeno stieß nach dem Schläfer mit dem Stabe: der Greis öffnete die müden Augen: »Ach, daß ich noch lebe! Mir hatte geträumt, der Herr hätte mich schon abgerufen! Ich wandelte im Paradiese! Aber auch auf Erden bin ich des Herrn Christus!« »So soll dein Herr Christus dich auch füttern,« höhnte Zeno. »Calvus, der Alte da ist nichts mehr wert. Entzieh ihm Wein und Speck. Man mästet ihn umsonst.«—Da begegnete sein Blick dem Auge des Sohnes, der mit den Fäusten in seine Fesseln griff. Zeno erschrak. »Höre, Calvus,« flüsterte er, »diesen da, nachdem er gefoltert, verkaufe bald. Er ist mir unheimlich. Er blickt wie unser schwarzer Stier blickte, gerade bevor er wütend ward. In die Bergwerke des Fiskus mit ihm! Dort brauchen sie solche starke Lümmel—und das Blei vergiftet sie bald.—Nun in das Bad!« Damit schritt er zum Hofe hinaus. Kaum hatte er die Schwelle seines Hauses überschritten, als ein lahmer Sklave hereinhinkte, der dem gliedergewaltigen Keix sehr ähnlich sah: es war dessen älterer Bruder. Doch schien er weder des alten Vaters noch des bluttriefenden Bruders zu achten, humpelte gerade auf Calvus zu und sprach, tief sich verneigend: »Mein Herr, Mucius der Richter, sendet dir dies Schreiben. Zeno und du, ihr seid bei ihm verklagt von Johannes dem Priester, weil ihr die Syrerin gegeißelt habt, daß das ungeborne Kind starb. Er meint, er werde euch auch diesmal nur schwer freisprechen können.« Die Schrift war lang: während Calvus sie stirnrunzelnd las, glitt der Lahme unhörbar zu seinem Bruder hinüber und drückte ihm eine Feile in die Hand: sie war in einen Papyrusstreif gewickelt: Keix las: »Nach dem Mittagsmahl.« Er führte mit der gefesselten Hand den schmalen Streifen an den Mund und verschluckte ihn. Der Lahme stand wieder hinter Calvus: »Welche Antwort, Herr?« Unwillig gab ihm der Freigelassene die Anklageschrift zurück: »Der Orkus verschlinge diesen Priester! Er weiß alles, was ihn nicht angeht. Ich muß selbst mit deinem Herrn reden. Geh' voran!—Du hinkest ja häßlich, Kottys,« lachte er. »Aber es hat geholfen das Mittel. Wir haben dich als unverbesserlich dem Richter verkauft. Seit aber dein neuer Herr dir die Sehne hat durchschneiden lassen, hast du das Entlaufen nicht wiederholt und bist zahm geworden, ganz zahm.« Damit verließen beide den Hof.

Nach einer Stunde kehrte Zeno von dem Bade zurück; als er den Hof durchschritt, saßen die Sklaven sämtlich, auch die ungefesselten, bei dem kargen Mittagsmahl von winzigen Stücken rohen Gerstenbrots, Zwiebeln und schlechtem, zu Essig verdorbenem Wein. Er begab sich in seine Schreibkammer, zu rechnen. Dort durfte ihn—das wußte man—niemand stören. Dies Gemach allein im Hause hatte, statt des Vorhangs, eine verschließbare starke Holzthüre. Das niedere Fenster mündete in eine enge Gasse, nicht in die Hauptstraße. Bald fiel ihm auf, daß ungewöhnlich lebhaftes Geräusch, wie von Schreien und Laufen vieler Menschen, von weitem an sein Ohr schlug. Da öffnete sich leise die Thüre. Staunend, unwillig über den Störer wandte sich Zeno. Er staunte noch mehr: der alte Thrax stand auf der Schwelle, zog die Thür vorsichtig an, drehte den Schlüssel um und legte warnend den Finger auf den Mund, Schweigen bedeutend: denn sein Herr hatte zornig einen Ruf des Ärgers ausgestoßen. »Flieh, o Herr! Rasch! Durch das Fenster! Du bist des Todes, greifen sie dich.«—»Wer? Sind die Barbaren in der Stadt?«—»Deine Sklaven! Sie sind verschworen, alle, in der ganzen Stadt. Gleich brechen sie los.« Entsetzen ergriff den Byzantiner. Er war sich bewußt, welche Rache er heraufbeschworen. Schon drang vom Hofraum her wüstes Geschrei an sein Ohr. Er packte einen großen Sack voller Goldstücke und einen kleinen Beutel voller Edelsteine, die vor ihm auf dem Rechentische von Schiefer lagen—eben hatte er sie nachzählen wollen: der Greis rückte einen Schemel an das Fenster, ihm das Aufsteigen zu erleichtern. Zeno stutzte: mit Staunen sah er den Alten eifrig um seine Rettung bemüht. »Weshalb thust du das für mich?« Da antwortete der Sklave feierlich' »Das thu' ich um des Heilands willen: Johannes hat mich gelehrt, mein Herr Christus hat gesagt: vergeltet Böses mit Gutem.«—»Aber wohin! Wohin soll ich fliehen?«

»In die Basilika! Dort ist Asyl. Johannes wird dich schützen.«—»Johannes!« Zeno überlegte, ob wohl der Tribun seinen blutigen Rat schon ausgeführt habe? Seine Kniee schlotterten. Er vermochte nicht, die niedere Fensterbrüstung zu ersteigen. Schon näher und näher drang der Lärm vom Hofe her. Er hörte des Calvus Stimme: »Gnade! Gnade!« schrie dieser. Gleich darauf vernahm man einen dumpfen Fall.

»Wehe!« stöhnte Zeno, nun von dem Alten endlich an das Fenster gehoben. »Wenn sie erraten—mein Versteck!—«—»Herr, niemand weiß davon als ich! Und ich—« »Du sollst mich nicht verraten!« rief der Byzantiner, riß seinen Dolch aus der Tunika, stieß ihn dem Alten bis an das Heft in den Hals und schwang sich auf die Straße hinaus.


Zehntes Kapitel.

Einstweilen war draußen vor den Thoren die Entscheidung gefallen. Die Barbaren, etwa achtzig Reiter, hatten sich zwar auf der ganzen Lange des Flusses manchmal, aber immer nur auf Bogenschußweite, genähert, waren auch wohl so weit gegen die verrammelte Brücke angetrabt, hatten aber keinen Angriff auf diese feste Stellung versucht. Alle Augen des Volkes auf den Wällen und der Ausfallenden waren gespannt auf diese Feinde, nach Westen, gerichtet. Da, als die Brücke erreicht war und Severus eine schmale Öffnung in der Verrammelung ausheben ließ, durch welche nur zwei Mann auf einmal auf das linke Ufer gelangen konnten, und als nun in langem Zuge die letzten beiden Bürger die Barrikade durchschritten hatten—die Brücke blieb von ihrer ursprünglichen Bewachung besetzt,—da scholl, laut gellend, hoch vom Bergfels des Ostwalds her, vom rechten Ufer, der Ruf des Steinadlers.

Cornelius wandte rasch das behelmte Haupt; er spähte nach Osten: »Hortest du den Adlerschrei?« Severus nickte: »Ein gutes Omen römischen Kriegern! Siehst du, wie unser goldner Adler auf der Fahnenstange die Flügel zu heben scheint?« Aber Cornelius sah nicht auf den Adlerträger, er sah nur nach dem Ostwald: »Eine Rauchsäule steigt dort vom Gemsenfels empor.«—»Ein Kohlenbrenner! Wende das Antlitz! Im Westen steht der Feind. Fällt die Speere! Vorwärts.«

In zwei Reihen nebeneinander, weit auseinandergezogen, jede drei Glieder tief, rückte nun die Übermacht gegen die flinken Reiter vor, die eilig von dem Fluß zurückgejagt waren, als diese Masse von Fußvolk die Brücke überschritt: sie hatten sich halbwegs zwischen Fluß und Westwald in zwei dünnen Streifen hintereinander aufgestellt. Nur noch eines Speerwurfs Weite trennte die Feinde.

Da, als Severus und Cornelius, ihren Vordersten voranschreitend, eben mit den Wurfspeeren ausholten, ritten zwei Germanen langsam, im Schritt, ihnen entgegen, die Spitzen ihrer Lanzen feierlich senkrecht nach unten kehrend. »Halt!« rief Severus den Seinen zurück. »Sie wollen verhandeln. Hören wir sie an!« Die beiden Reiter kamen nun ganz nah an Severus und Cornelius heran; die Schlachtreihen auf beiden Seiten hielten sich harrend zurück.

Der eine der beiden Germanen, eine jugendliche, hochragende, herrliche Gestalt, auf milchweißem Roß, war durch Schmuck und Glanz seiner Waffen als ein Führer gekennzeichnet; er mochte mehr denn zehn Jahre jünger als Cornelius sein. Aber mit Neid betrachtete dieser die sehnige Kraft des nackten rechten Armes des Barbaren, den breite goldne Armringe schmückten zugleich und schützten; den linken Arm deckte ein kleiner runder Schild, ganz rot bemalt: dessen Mitte zierte ein goldenes Rad, ohne Speichen: eine Rune oder ein Bild der Sonne. Seine Brust schützte ein vortrefflich gearbeiteter Harnisch—: ach! mit Ingrimm erkannte Severus an den angehängten Ehrenzeichen, daß es einst der römische Panzer eines vornehmen Führers, eines Legaten oder Magister Militum gewesen war:—die Oberschenkel staken in kurzen Lederhosen: vom Knöchel aufwärts waren die nackten Waden von zierlichen Lederriemen umschnürt: der linke der beiden engpassenden Holzschuhe trug einen Sporn; der Reiter verschmähte wie Steigbügel so Sattel; in seinem Gürtel stak eine kurze Doppelaxt, vom Rücken flatterte ein weißer Wollmantel, der, durch eine Schnur zusammengeschürzt, keine Bewegung hemmte: es war wohl die Hand der Mutter,—denn dieser Jüngling war gewiß noch unbeweibt—, welche die schönen, breiten hellroten Streifen an den Rändern eingewirkt hatte: das strahlend schöne, mädchenhaft weiße Antlitz umrahmend fluteten auf die Schultern prachtvolle, goldblonde, lang sich rollende Locken: und aus dem erbeuteten, stolzgeschweiften Römerhelme ragten, statt des latinischen schwarzen Roßschweifes, die Schwungfedern des grauen Reihers.

Der zweite Reiter, ein gewaltiger, hünenhafter Greis von etwa sechzig Jahren, vom weit im Winde wehenden Graubart bis auf die Brust umwallt, schien der Führer der Gefolgsmannen des Vornehmen: schlicht gekleidet und gewaffnet, hatte er doch, wie der Jugendliche, Mähne und Schweif seines mächtigen Schlachtrosses, eines braunen Hengstes, mit roten und gelben Bändern zierlich durchflochten: um die Schultern trug er ein Wolfsfell, dessen geöffneter Rachen von seiner Sturmhaube herab dem Feind entgegengähnte: mit roten und gelben Kreisen war auch sein Schild bemalt: um die unbewehrte Brust trug er ein mächtig Hifthorn vom Wisent des Urwalds.

Der Anführer hatte nun den gesenkten Speer wieder erhoben, ihn in die Zügelhand geworfen und bot vom Roß herab Severus die Rechte, welche dieser zögernd nahm und gleich wieder fahren ließ. »Erst Handschlag,« rief der Germane mit weicher, wohllautreicher Stimme in ganz vortrefflichem Vulgärlatein, »erst Handschlag: dann, wenn ihr's so wollt, Schwertschlag.—Du bist, das weiß ich, Severus, der tapfre ehemalige Magister Militum, der wacker fortkämpft auf verlornem Posten, für verlorne Sache. Ich aber rühme mich zu sein des Helden Liutbert Sohn, der ein König ist der Alamannen: Liuthari heiß' ich und noch hat mich kein Mann besiegt.« Severus furchte finster die Stirn: »Ich hörte deines Vaters Namen und den deinen: Augusta Vindelicorum habt ihr erstürmt.«—

»Aber nicht behalten,« rief der Königssohn und die hellgrauen Augen glänzten lustig. »Wer wird in ummauerten Gräbern wohnen! Auch in euer Juvavum hinein setzen wir uns nicht.«

»Dafür ist gesorgt,« drohte Severus. Aber Liuthari warf lachend die Locken zurück. »Wart' es ab!—Aber sage vorher: für wen führst du diese Bürger ins Feld? In wessen Namen verteidigst du Juvavum?«—»Für den Imperator zu Ravenna, der des ersten Königs und des ersten Kaisers Namen verheißungsvoll vereint: für Romulus Augustulus, den Herrn des Erdkreises.« Da griff der Germane in den Gürtel, zog eine Papyrusrolle heraus und warf sie Cornelius zu: »Dacht' ich's doch!« sagte er. »Ihr wißt weniger als wir Barbaren, was in eurem Italien, in eurer eignen Reichshauptstadt, geschieht. Lies, was mir Einer schrieb, der es wissen kann. Es giebt keinen Kaiser des Westreiches mehr! Romulus Augustulus,—ja freilich hieß er verheißungsvoll, der Knabe: aber verheißungsvoll für uns!—ist abgesetzt: er lebt fortab auf einer Insel und füttert Pfauen; auf seinem Thron aber sitzt mein Schwäher, meiner schönen Schwester Gemahl: Odovakar, der viel kühne Mann. Er hat's uns selbst geschrieben.«

Cornelius hatte die Schrift durchflogen: er erbleichte; stumm gab er sie Severus, der sie zitternd las. »Kein Zweifel!« sprach dieser dann tonlos. »Ich kenne den Mann: er hat unter mir gedient. Odovakar lügt nicht.« »Und wir lügen auch nicht,« rief der graubärtige Begleiter Liutharis, trieb sein Pferd heran und nahm Severus den Brief aus der Hand. »Schilde spalten, nicht Runen fälschen, hab' ich König Liutberts Sohn gelehrt.«—Man mußte ihm das glauben, dem Alten: bevor er die Rolle in den Gürtel steckte, sah er hinein, mit wichtiger Miene: es störte ihn nicht, daß die Buchstaben verkehrt standen.—Severus stützte sich auf seinen Speer. Cornelius blickte finster vor sich nieder. »Ich hab' es gewußt,« sprach dieser dann. »Ich hab' es fast herbeigewünscht, da ich es doch unvermeidlich sah—: und nun es geschehen, schmettert es mich nieder.« »Kein Imperator mehr in Rom!« stöhnte Severus.

»Italien in der Barbaren Hand!« seufzte Cornelius. »Ihr weckt mein tiefes Mitleid, wackre Helden,« sprach der Königssohn mit ernstem Ton. »Aber nun seht ihr wohl ein—: der Kampf muß zu Ende sein, noch bevor er begann. Für wen, für was wollt ihr noch kämpfen?« »Für die Zukunft!« rief Severus. »Für die Vergangenheit, für die Ehre!« rief Cornelius. »Für die ewige Roma,« sprachen beide. »Noch herrscht Byzanz—bald schickt Byzanz einen neuen Kaiser,« drohte Severus. »Mag sein,« meinte Liuthari achselzuckend. »Aber einstweilen brauchen wir Boden, Ackerland, Weideland, wir Germanen. Und deshalb bringe ich euch Botschaft in meines Vaters Namen: So spricht Liutbert, der Alamannenkönig: in seinem Namen und in dem seiner Bundesfreunde—« »Wer sind diese Bundesfreunde?« unterbrach Cornelius forschend. »Ihr werdet's rascher erfahren, als euch lieb ist,« antwortete brummig der Begleiter Liutharis. Dieser aber fuhr fort: »Bleibe im Lande, wer friedlich bleiben will: wer nicht bleiben will, ziehe friedlich ab: die Zwingburgen räumt, sie müssen nieder: zwei Drittel des Bodens bleibt euch—ein Drittel für uns. Das ist billig geteilt.« Aber zornig fuhr Severus auf, den Speer erhebend. »Verwegner Barbar! So wagst du zu reden, mit achtzig Barbaren gegen Juvavums Bürgerschar? Du hast gelernt, lateinisch sprechen, aber nicht römisch denken!« »Ich sollte meinen,« fiel Cornelius ein, »euer Land reicht noch für euch, ihr Alamannen, wenn ihr nur achtzig Reiter schicken könnt, Juvavum zu erobern. Ihr seid mir zu wenige, euch zu weichen!« Da spielte ein ganz eigenartig Lächeln um des Alamannen schönen, vom ersten Flaumbart lieblich umkräuselten Mund: »Hüte dich, Römer! Sind wir dir zu wenig? Bald könnten wir dir zu viele scheinen. Aus wenigen weckt viele der wundernde Wodan!—Zum letztenmal—: räumt die Burg dort—teilt friedlich das Land!« »Niemals! Zurück, Barbar!« riefen die beiden Römer zugleich.

Da warf Liuthari das Roß herum. »Ihr habt's gewollt. So seid ihr denn verloren. Wodan hat euch alle!« Beide Reiter sprengten zurück zu den Ihrigen. »Haduwalt, stoß ins Horn!« Der alte Waffenmeister führte das Horn zum Mund und ein lautbrüllender Ton schlug an das Ohr der Römer.

Und ehe diese noch, dem Befehl der Führer folgend, gegen die Reiter vorstürmen konnten, erscholl in ihrem Rücken, aus Osten, vom Fluß, von der Stadt her, nun ganz nahe, der laute Ruf des Steinadlers und gleich darauf plötzlich ein so furchtbares Getöse von Kampfruf und Angstgeschrei und von klirrenden Waffen, daß alle sechshundert Mann, auch beide Führer, sich mit Entsetzen umwandten.—

Grauen und Verzweiflung erfaßte sie: aus dem Ostwald und von allen Berghängen und aus den Hügelgebüschen herab brachen Germanen, Germanen ohne Zahl, wie es den Erschrockenen schien: ein starker Streithaufe flog auf die Brücke zu: andere, in aufgelösten Schwärmen, zu Pferd und zu Fuß, stürzten sich in den Fluß oberhalb und unterhalb der Brücke: der größte Teil aber, mit Leitern und Baumstämmen beladen, umschloß die Stadt von allen den Ausgefallenen sichtbaren Seiten: und mit grimmigem Schmerz sahen die Ausgesperrten, wie, fast ohne Widerstand der wenigen Wachen, ganze Klumpen der Stürmer, aneinandergeballt, wie Ameisen, sich gegenseitig hoben, stützten, auf den Leitern, Balken und Stämmen, denen, um Leitern zu ersetzen, die wagerechten Äste belassen waren, emporklommen und an vielen Orten zugleich die Mauerkrone gewannen. Juvavum, die Stadt, war erobert, bevor seine Verteidiger einen Schwertstreich hatten führen können. Hinausgelockt war die Besatzung, abgesehen von den Söldnern des Tribuns. Waren diese noch auf dem Kapitol? Angstvoll blickten die Führer auf den Turm: noch flatterte auf dessen Höhe das kaiserliche Vexillum. Aber der laute Jubelruf der alamannischen Reiter, der den Erfolg ihrer reckenhaften Bundesbrüder begrüßte, rief den Römern erst wieder die von diesen nächsten Feinden drohende Gefahr in Erinnerung. Severus befahl doppelte Frontstellung: etwa hundert Mann, unter Cornelius, sollten die Alamannen aufhalten, während er selbst mit dem größeren Teil der tief entmutigten Bürger nach der Brücke umkehren wollte, deren Besatzung soeben von der unverschanzten, offnen Ostseite her angegriffen ward.

Da hörte er nochmals das Stierhorn Haduwalts schmettern: Severus wandte sich: »Ergebt euch!« rief der Königssohn. »Ihr seid verloren!« »Niemals!« rief Cornelius und warf den Speer gegen den auf ihn Einsprengenden. Liuthari schlug den Wurf mit dem Schildarm zur Seite: im nächsten Augenblick stürzte Cornelius rücklings nieder, von der eingelegten Lanze des in vollem Lauf anjagenden Alamannen durch Schild und Harnisch ins Herz gestoßen. »Ich räche dich!« rief Severus und wollte sich gegen den Königssohn wenden. Aber im selben Augenblick rief ihn das Wehegeschrei wieder ostwärts. Die Feinde hatten die Besatzung der Brücke überwältigt: schon vorher hatten viele der Schwimmer, Reiter und Fußvolk durcheinander gemischt, des Severus Schar erreicht: behende Jünglinge, deren gelbes Haar vom unbedeckten Haupt im Winde flatterte, liefen, an die Mähnen der Rosse geklammert, in gleichem Schritt mit den Reitern: und so, von Fußvolk und Reitern zugleich angegriffen, stoben die Bürger von Juvavum, die ihre Stadt, die Ihrigen schon in des Siegers Gewalt wußten, die Waffen wegwerfend, nach allen Seiten auseinander. Zugleich ritten die Alamannen von Westen her die hundert Mann des Cornelius nieder.

Severus stand allein: der Speer entsank seiner Hand. Da schritt der Anführer jener Feinde, die so überraschend von Osten her gekommen waren, auf ihn zu: ein Mann von etwa vierzig Jahren: er war, all' den Seinigen voran, hoch zu Roß auf die Brücke gesprengt: dort war ihm das Pferd erstochen worden: so kam er jetzt zu Fuß heran: ein Riese von Wuchs: des Steinadlers mächtige Schwingen drohten gesträubt von seinem Helm herab: das rote Haar, gegen den Wirbel hinauf gekämmt, floß, in einen langen Streif vereint, hinten aus dem Helm: ein ungeheures Bärenfell wogte um seine Schultern: drohend hob er die steinerne Streitaxt: »Wirf das Schwert fort, alter Mann,« rief der Gewaltige auf Latein, »und lebe.« »Dies Schwert? Fortwerfen?« antwortete Severus tonlos. »Ich will nicht leben!« »So stirb!« rief der andere und schleuderte die Steinaxt. Severus stürzte: seine Harnischplatte war mitten entzwei gesprungen: in zwei Stücken fiel sie von seinem Leib. Er stützte sich mühsam auf den linken Arm: das Siegesschwert hatte er aber nicht aus der Faust gelassen. Der Sieger bog sich über ihn, die Steinaxt wieder aufhebend. »Sage mir, bevor ich sterbe,« sprach Severus mit schwacher Stimme, »in wessen Hände ist Juvavum gefallen? Welches Stammes seid ihr? Seid ihr Alamannen?« »Nein, Römer, die Alamannen haben uns nur gerufen. Wir kommen nicht von Westen: wir kommen von Osten den Danubius herauf. Wir haben alle Römerstädte genommen von Carnuntum bis hierher: die letzte Legion diesseit der Alpen haben wir erschlagen bei Vindobona. Wir teilen uns in die Lande mit unsern Vettern, den Alamannen: der Licus wird die Grenze. Schau her: dort von den Ostbergen herab flutet schon unser Volk in das Land: Weiber und Kinder, Wagen und Herden, das heißt: der Vorschub, morgen kommt der große Haufe.«—»Und wie heißt ihr?«—»Wir hießen ehedem Markomannen: jetzt aber nennt man uns: ›die Männer aus Bajuhemum‹: die Bajuvaren: unser ist all' dies Land für immerdar, soweit man nach Mitternacht schaut von den Alpenkämmen. Ergieb dich drein, Graukopf. Dir bleibt noch ...« »Dies Schwert,« sprach Severus und stieß sich das Siegesschwert des Kaisers Probus in das Herz bis an das Heft. Der Riese zog es heraus. Ein Blutstrom schoß nach. »Schade um den Alten,« sprach der Bajuvare. »Er ist tot. Und schade,« fuhr er langsam fort, das Schwert betrachtend, »um diese gute Klinge, ging sie verloren. Komm, wack're Waffe, diene fortab dem neuen Herrn des Landes.—Aber nun muß ich Liuthari danken. Trefflich griff alles zusammen. Ja, diese Alamannen! Sind fast klüger als wir! Hojo, Sigo! Heilo!« rief er, beide Hände gehöhlt vor den Mund haltend: »Liuthari! Lieber, wo weilst du? Garibrand ruft, der Bajuvaren Herzog! Hojoho! Sigo! Heiloho! Nun laßt uns Beute teilen und Land!« Liuthari sprengte heran und reichte dem Herzog die Hand: »Willkommen in eurer neuen Heimat! Willkommen im Siege!« rief er mit fröhlicher Stimme.

Aber da scholl aus der Stadt her aufs neue Waffenlärm und Kampfgetöse. »Noch ist der Sieg nicht voll,« meinte Garibrand, mit der Axt auf das Kapitolium deutend. Nun hörte man durch das Schlachtgeschrei der Bajuvaren in der Stadt den hellen kriegerischen Ruf der Tuba schmettern. »Das ist der Römerfeldherr und seine eherne Schar!« rief der Herzog. »Er brach aus der Hochburg nieder in die Stadt auf die Meinigen. Rasch! Bringt mir ein andres Pferd! In die Stadt! Zu Hilfe meinen Helden!«


Elftes Kapitel.

Außer den beiden Führern hatten nur sehr wenige Römer in dem kurzen Handgemenge den Tod gefunden: denn der Bajuvaren Herzog hatte vor Beginn des Angriffs gerufen: »Heute: Gefangene! keine Toten! Bedenkt, ihr Männer, jeder Tote ist ein verlorener, jeder Gefangene ein gewonnener Knecht der neuen Herren des Landes.« Unter den Scharen, welche Severus gegen die Bajuvaren gewendet, hatten sich auch Fulvius und Crispus befunden. Als ihre Reihen gesprengt waren, rief der Neffe dem Oheim zu: »Zu Felicitas! Durch die Furt!« und nun liefen beide, wie sie nebeneinander gestanden, nebeneinander auf den Fluß zu, in der Richtung unterhalb der Brücke: denn diese war von den Bajuvaren besetzt. Aber alsbald blieb der dicke Crispus, obwohl er wie den Speer so den Schild sofort weggeworfen hatte, weit hinter dem flinken Steinmetz zurück. Ein alamannischer Reiter, begleitet von einem zu Fuß neben ihm herspringenden Jüngling, verfolgte beide. Bald war Crispus eingeholt. Der Reiter gab ihm mit dem Schaft des Speeres einen Hieb auf das helmähnliche Becken auf seinem Kopf, das den Humor freilich geradezu herausforderte: das Kochgeschirr fuhr dem laut Schreienden bis über Augen und Nase, aus der ein Blutstrom schoß: er fiel zu Boden: er hielt sich für tot. Aber er kehrte sofort zur behaglichen Gewißheit des Lebens zurück, als der Fußkämpfer, der bei ihm stehengeblieben, ziemlich unsanft die Kasserolle ihm über das Haupt zurückriß: Crispus sprang, Luft schnappend, auf: der Alamanne lachte ihm in das dicke, fette, höchlich erstaunte Gesicht: »Ei! dieser Römerheld ist in gutem Futter gestanden! Und diese Nase ist nicht vom eignen Blut so rot: aber auch nicht vom Wasser. He, Freund, ich gebe dich frei, verrätst du mir, wo in Juvavum der beste Wein geschenkt wird. Mich deucht: du bist der Mann, das zu bezeugen.« Crispus, so gutartig angeredet, erholte sich rasch, zumal er nun fest überzeugt war, nicht gestorben zu sein und auch nicht sterben zu müssen für das Vaterland. Er holte tief Atem und sprach, die Hand zum Schwur erhebend: »Ich schwöre als römischer Bürger—den süffigsten hat Jaffa, der gute Jude, neben der Basilika. Er ist nicht getauft:—aber sein Falerner auch nicht.« »Trefflich!« rief der Alamanne. »Heran, ihr Freunde!«—ein ganzes Rudel von Alamannen und Bajuvaren traf sich, händeschüttelnd, dicht neben ihm—»Zu Jaffa, dem Juden, Gott Ziu Dank zu trinken für lustigen Sieg! Du aber, dicker Schlauch, du führst uns hin—und ist er, gegen deinen Eid, sauer, der Judenwein, ersäufen wir dich darin.« Das machte nun Crispus nicht bang: er freute sich im Gegenteil, von dem teuersten, dem lang abgelagerten Kyproswein, den er immer nur Reichere hatte trinken sehen müssen, diesmal ohne Bezahlung nach Genüge zu schlürfen. Daß es dem Gotte Ziu zu Ehren geschehen sollte, machte den Wein nicht schlechter. Und endlich sagte er zu sich: es ist immer noch gottgefälliger, wir trinken des Juden Schläuche leer, als die eines Rechtgläubigen.« Um sein Haus sorgte er nicht: »Meiner alten Ancilla thun sie nichts:—die schützen ihre Runzeln sicherer denn viele Schilde. Das bischen Geld ist vergraben. Die Gipsstatuen werden sie nicht davonschleppen: nur die Nasen schlagen sie ihnen, mit unbegreiflicher Vorliebe und Regelmäßigkeit in dieser Beschäftigung, ab: thut nichts: man klebt sie wieder an.«—

Aber ihm bangte um Fulvius, um Felicitas. Er schaute sich nach dem Flüchtling um, sah ihn aber weder tot liegen, noch gefangen eingebracht: er schien vom Erdboden eingeschluckt: der Reiter, der ihn verfolgt hatte, tummelte sein Roß schon wieder in ganz anderer Richtung hinter fliehenden Römern her. Crispus hoffte also, der junge Gatte sei entkommen: Felicitas aber vermochte er nicht zu helfen: denn sein Besieger nahm ihn mit festem Griff an der Schulter und schob ihn gegen die Brücke. »Vorwärts! Du ahnst nicht, Römer, wie alamannischer Durst brennt. Und neben der Basilika, sagst du? Recht so! Da finden wir doch Gold- und Silber-Schalen für den Trunk obenein.«

Und vor dem ganzen lärmenden, lachenden, jauchzenden Schwarm stapfte nun, so rasch ihn die kurzen Beine tragen wollten, der dicke Crispus, ein unfreiwilliger Zechbruder, durch das Thor hinein, das er vor kurzem, ein stolz behelmter Legionär, durchschritten. Das Becken hatte er liegen lassen, wo es lag. Denn schon bei der Erinnerung daran schmerzte ihn die Nase.

Fulvius war inzwischen wirklich verschwunden. Er hatte Schild und Speer nicht weggeworfen wie sein beleibter Genoß: er war jung, stark, nicht furchtsam und er gedachte des Versprechens, das er bei seiner Befreiung dem wackern Severus gegeben. Er hatte nun den Fluß erreicht und stand hart an dem sumpfigen Uferbord. Als er den Hufschlag des galoppierenden Rosses näher und näher heran dröhnen hörte, machte er entschlossen Kehrt, sah dem Feind grimmig ins Auge, hob den Wurfspeer, zielte scharf und entsandte ihn mit aller Kraft seines Armes gegen das Antlitz des Alamannen. »Gut gezielt!« rief dieser, ließ den Zügel fallen und fing den scharf sausenden Speer mit der Linken. Wenig würde jetzt Fulvius der Schild gefrommt haben, den er vorhielt: denn der heransprengende Reiter zielte nun mit beiden Speeren, dem eignen und dem aufgefangenen, nach des Römers Haupt und Unterleib zugleich. Aber bevor die tödlichen Lanzen flogen, war deren Ziel plötzlich verschwunden.

In unwillkürlicher Bewegung rückwärts tretend vor dem schnaubenden Roß, das ihn im nächsten Augenblicke niederwerfen mußte, verlor Fulvius das Gleichgewicht, rutschte in dem glatten Ufergras aus und stürzte rücklings in den Fluß, dessen Wellen hoch aufspritzend über ihm zusammenschlugen.—Der Alamanne sah ihm, vom Gaul herab sich vorbeugend, lachend nach, wie er fortgerissen ward. »Grüße mir den Danubius!« rief er, »wann du ihn erschwommen,« wandte sein Roß und sprengte querfeldein.


Zwölftes Kapitel.

Inzwischen hatte in der Stadt Zeno in eiligem Lauf die Ecke der engen Straße erreicht. Lautes Geschrei scholl ihm nach: er blickte um: prasselnd schlug die Flamme aus dem Dach eines nahen Hauses: es war das des Richters, seines Schwagers. Voll neuer Angst eilte er vorwärts. Nach wenigen Schritten hielt er vor der Pforte des kleinen Hauses des Priesters. Sie stand geöffnet. Er sprang über die Schwelle, flog den schmalen, halbdunklen Gang entlang: kein Ostiarius, kein Subdiakonus zeigte sich. Er drang in das Gemach des Priesters ein, in welchem wir diesen aufgesucht haben.

Es war verlassen. Die Thüre, die in die anstoßende Basilika führte, war nur angelehnt. Hastig trat der Flüchtling hinein und eilte in dem schwach erleuchteten weiten Raum auf den Altar zu, der, Apsis und Mittelschiff trennend, das Asyl der Kirche in heiligster Steigerung gewährte. Hier, auf den Stufen des Altars, regungslos ausgestreckt, lag Johannes, auf dem Antlitz, mit beiden Armen den Reliquienschrein auf der Kronfläche des Altars umschlossen haltend. Neues Grauen ergriff in seiner Todesangst den harten Byzantiner. War er ermordet?—Er, der ihn vielleicht noch hätte schützen können? »Wehe mir!« stöhnte er. Sein Entsetzen stieg, als der Totgeglaubte sich langsam aufrichtete und ihm schweigend sein bleiches, ehrwürdiges Antlitz zukehrte.

»Ha, stehen die Toten wieder auf?« rief Zeno: er wich zurück. »Warum glaubtest du mich tot?« frug Johannes, den in die Seele dringenden Blick auf das verstörte Antlitz richtend. »Ich nicht—ich nicht!—Aber der Tribun wollte...—«—»Ich ahne!—Was suchst du hier?« »Rettung! Rettung!« jammerte der Wechsler. Er dachte jetzt wieder nur noch an die ihm auf den Füßen folgende Gefahr. »Meine Sklaven! Alle Sklaven sind empört. Das Haus des Richters brennt.« Da schlug heller Feuerschein durch die offenen Logenfenster der Basilika, und Waffen klirrten von ferneher. »Hörst du? Sie suchen mich! Sie kommen! Rette mich! Decke mich mit deinem Leibe. Hier all' dies Gold«—er warf auf den Altar den schweren Sack: er barst—: einzelne Goldstücke sprangen klirrend über die Stufen auf den Estrich. »Ach wehe—es entspringt mir treulos! All' dies Gold—oder die Hälfte!—nein: alles, das Ganze schenke ich dir—nein: nicht dir: ich weiß ja, du weihst es dem heiligen Petrus, eurer Kirche, den Armen. Nur rette mich!« Und er stürzte dem Priester zu Füßen, das Beutelchen mit Edelsteinen sorgfältig im Busen verbergend.

Johannes hob ihn auf. »Ich will dich retten—: um Christi willen, nicht um Goldes willen.« »Du bleibst bei mir?« rief der neu Hoffende. »Das kann ich nicht! Mein Platz zu dieser Stunde ist auf dem Schlachtfeld, der Verwundeten zu warten. Meine Brüder habe ich schon dahin entsendet. Ich holte mir nur noch Stärkung in einem letzten Gebet.« »Nein, nein, ich lasse dich nicht fort!« schrie jener, sich an ihn klammernd.

Aber mit unerwarteter Kraft machte Johannes sich los: »Ich muß, sage ich dir. Mich ruft der Herr. Vielleicht kann ich sogar dem Würgen Einhalt thun. Du aber—deine Grausamkeit hat die Unseligen so erzürnt, daß einige von ihnen nicht den Altar, nicht meine Fürbitte scheuen würden ...« »Ja, ja!« stimmte Zeno bei. Er dachte an Keix,—den rasend gewordenen Stier.

»Du sollst geborgen sein,—wo dich niemand findet als Gott der Herr. Sieh her!« Mit diesen Worten bückte er sich und hob eine Platte des Marmorbodens neben dem Altar auf: eine kurze Leiter ward sichtbar, die in einen dunkeln ziemlich geräumigen Kellerraum führte. »Da hinab! Niemand weiß von dieser alten Gruft als ich. Hier warte, bis ich dich heraushole: ich komme, sobald die Gefahr für dich vorüber.«—»Aber wenn—und wenn ...—« »Du meinst, wen ich umkomme? Sieh, so hebt man von unten den Deckstein empor. Eile!«—»Mir graut—lebendig begraben!—Sind Totenknochen—Skelette, verzeih': sind Heiligtümer in der Gruft?«—»Fürchte du fortan den lebendigen Gott, nicht tote Menschen! Hier—nimm die Öllampe! Und nun hinab. Hörst du? Das Geschrei dringt näher.« Da sprang Zeno, die Lampe in der Hand, hinunter.—

Johannes ergriff den Geldsack und warf ihn nach:—bei aller Todesangst bemerkte der Geizige doch, daß der Priester vorher eine Handvoll Solidi aus dem Sack genommen hatte—: jener schloß den Stein über ihm, dann streute er die entnommenen Goldstücke von dem Hauptportal der Basilika, das er von innen verriegelte, bis an den Altar und von da bis an und über die Schwelle der Nebenthür, die von der Kirche in sein Haus führte. Nun eilte er durch diese Nebenthüre und aus seinem Haus ins Freie.

Nach einigen Minuten hörte Zeno, mit verzagendem Herzen, wütende Beilhiebe an die Hauptthüre der Basilika donnern. Sie barst: eine große Schar von Menschen, nach den Stimmen und den Fußtritten zu schließen, drang herein. Zeno hielt den Atem an, vor Furcht: er drückte das Ohr an die Platte, schärfer zu hören. Er vernahm zuerst die Stimme eines Weibes:

»Nicht in der Kirche ihn töten! Nicht im Asyl der Heiligen! Er hat mich fast zu Tode gegeißelt und mein Kind gemordet:—aber nicht in der Kirche! Ehret das Haus des ewigen Gottes!« »Eher noch in dem Hause Gottes, als in dem Hause des frommen Johannes!« mahnte eine andere Stimme. »Asyl ist nur auf dem Altar, nicht in der ganzen Kirche!« schrie ein Dritter. Aber da hörte Zeno den furchtbaren Keix schreien: »Vor den Füßen des Himmelsvaters würd' ich ihn erdrosseln! Er hat zuletzt noch meinen alten Vater gemordet. Der hatte mich angefleht, des Scheusals zu schonen. Als es nichts fruchtete, stahl er sich von meiner Seite. Ich fand ihn erst wieder, als wir des Alten Thür erbrachen—und sein Dolch stak in meines Vaters Halse! Ich möchte ihn siebenmal ermorden!« »Einmal ist genug,« lachte Kottys, »wenn man so langsam mordet, wie wir meinen Herrn abgethan. Wir haben den Richter Mucius im Feuer seines eignen Hauses lebendig verbrannt.«—»Halt! Sieh hier, Bruder Kottys: das ist des Flüchtlings Spur. Die wunde Hyäne schweißt blutig: der fliehende Geizhals schweißt in Gold. Seht ihr—hier—vom Hauptportal hebt es an—da ist er herein—hat hinter sich den Riegel eingeworfen—hierher, am Altar vorbei, ist er gelaufen und da—durch diese Thür in des Priesters Haus! Dort hält er sich versteckt. Nach!«

»Nach! Nieder mit ihm!« brüllte der ganze Haufe und rannte mit dröhnenden Schritten über die Platte, über Zenos Haupt hinweg in das anstoßende Haus.

Der Verborgene war, sinnlos vor Todesangst, in den letzten Winkel zurückgekrochen: lang kauerte er so—: kalter Schweiß rann von seiner Stirn. Aber alles blieb ruhig:—der letzte Ton verhallte: die Verfolger hatten sich, nachdem sie das Priesterhaus durchsucht, in die Straße ergossen. Er sagte sich: »Bald muß der Tribun den Brand, den Aufruhr in der Stadt bemerken. Er hat schon wiederholt solche Empörungen niedergeworfen. Er stellt in wenigen Stunden mit seinen Lanzen die Ordnung her.« Da kehrte dem Kaufmann langsam die Besinnung, ja ein gewisser Mut wieder. Er sah sich nun bei dem Scheine der Öllampe um in der kellerähnlichen Gruft. Er stieß auf eine Truhe. Seltsame Neugier, mit Grauen gemischt, trieb ihn unwiderstehlich, sie zu öffnen: barg hier der alte Schlaukopf die Schätze seiner Kirche? Er hob den Deckel auf: die Kiste enthielt nichts als Papyrusrollen und Pergamente. Darüber gebreitet lag ein weißes Priestergewand mit einer Kapuze, genau das gleiche, wie es Johannes am Leibe trug.

Ein Gedanke durchblitzte den Flüchtling.

Hastig streifte er das weite Priesterkleid über sein Gewand: »Hier ist meines Bleibens doch nicht mehr lang. Und am sichersten deckt—besser als ein Harnisch—dieses Kleid.« Nach einiger Zeit, da alles noch still blieb, ward es ihm in der dumpfen Luft der Grube höchst unbehaglich: der Atem verging ihm, er fürchtete zu ersticken: er hob deshalb vorsichtig die Platte halb empor, stieg auf die oberste Staffel der Leiter und schaute in die leere Kirche. Da fiel sein Auge auf die blinkenden Goldstücke, die im Glanz der Altarampel leuchteten. Einige, aber lange nicht alle, hatten die Verfolger aufgelesen: sie dürsteten mehr nach Blut als nach Gold. Längst hatte den Geizhals gereut, dem Priester so viel versprochen zu haben. »Er hat es übrigens verschmäht:—so bin ich nicht mehr gebunden. Und diese verstreuten Stücke ...—Schade, verfielen sie den Schurken.« Er hob nun die Platte ganz empor—und horchte nochmals ängstlich. Alles still. Da legte er bedächtig Geldsack und Beutel mit Edelsteinen in die Truhe, schloß deren Deckel, kletterte behend heraus und las die Solidi auf. Zuerst die Nächstliegenden, dann die auf dem Altar—: da sah er auch rechts vom Altar einen ganzen Haufen beisammen liegen, wie sie aus dem geborstenen Sacke gesprungen waren. Er ging nun vom Altar hinweg von links nach rechts, bückte sich—da, Entsetzen!—hörte er von dem Priesterhause her Schritte nahen: zwar nur eines Mannes—: aber das war nicht Johannes. Ehern klang der Tritt. Rasch wollte er in sein Versteck zurück. Allein bevor er den Altar hatte umgehen können, stand ein schwarzer Schatten auf der dunkeln Schwelle des Ganges. Zeno konnte nicht mehr unbemerkt in die Gruft springen. Die Kniee brachen ihm. So warf er sich denn in der Stellung, in der er Johannes gefunden, die Kapuze rasch von hinten über das Haupt schlagend, auf den Altar, beide Arme um den Reliquienschrein geschlungen. Im Augenblick darauf fuhr ihm kalter Stahl in den Wirbel, der Hals und Rückgrat scheidet. Er war tot, bevor er noch das Wort vernommen: »Stirb, Priester!«


Dreizehntes Kapitel.

Dem Mörder deuchte aber nun die Gestalt nicht mehr ganz die hochragende des Presbyters: er beugte sich nieder, daß ihm vom hohen Helm der schwarze Roßschweif sich nach vorwärts sträubte, und bog das Haupt des Ermordeten samt der Kapuze zurück.

Mit kurzem Aufschrei ließ er es wieder fallen: »Dummheit des Zufalls! Der Wechsler! Wie kommt er hierher? Wie in diese Vermummung? Wo ist der Priester?«

Aber noch ehe der Tribun über diese Fragen irgend sinnen konnte, ward seine ganze Merksamkeit durch Lärm höchst überraschender Art nach dem erbrochenen Hauptportal abgelenkt. Leo hatte seine Reiter, auf dem Forum des Herkules aufgestellt, verlassen, mit dem Befehl, hier seine Rückkehr zu erwarten: er war abgesprungen und hatte seinen Rappen einem der Reiter übergeben: zu Fuß wollte er, auf Umwegen, minder auffällig, durch enge Gassen in das Haus des Priesters dringen. Er hatte gestutzt, da er auf halbem Wege die Flammen aufsteigen sah und den Lärm der empörten Sklaven von ferne hörte. Er blieb stehen.

Da eilte ihm verhüllten Hauptes ein fliehend Weib entgegen: er vertrat ihr den Weg. »Du bist es, Tribun!« rief die Flüchtende. »Wie? Du, Zoe! Des Richters Gattin! was ist geschehen?«—»Die Sklaven! Unser Haus brennt! Rette! Hilf!«—»Dort hinab! Auf dem Forum des Herkules stehen meine Reiter! Gleich kehr' ich selbst dorthin zurück. Dann werd' ich helfen.« Er war nun rasch an das leere Haus des Priesters geeilt, hatte es mit gezogenem Schwert durchstürmt, war in die Basilika gelangt und hatte statt des Gesuchten seinen Verbündeten tödlich getroffen.

Kaum aber hatte er dies zu entdecken vermocht,—da schmetterten von der Richtung des Portales her die Zinken und Trompeter seiner Reiter, zum Angriff blasend, herüber. »Sie sind im Gefecht mit den Empörten,« dachte der Tribun und wollte zum Portale hinaus. »Schurken von Sklaven! während die Barbaren vor den Thoren stehen!« Jedoch auf der Schwelle machte er plötzlich Halt: denn ein ganz anderer Schall: nicht das Wutgeheul rasender Sklaven, nein—der ihm wohlbekannte Schildruf, der Schlachtruf, das Siegesgeschrei von Germanen drang, schon aus nächster Nähe, an sein erschrocknes Ohr.

»Germanen in der Stadt? Undenkbar!«

Aber schon sah er, behutsam auf die Schwelle der Basilika tretend, um die Ecke des großen Platzes ganze Scharen, Dutzende, ja wohl mehr als ein Hundert Germanen, zu Fuß—nicht die lang beobachteten wenigen Reiter—heranwogen: gerade auf die Kirche zu. »Sich durchschlagen? Unmöglich! Zurück! Durch des Priesters Haus!« Er flog durch das Schiff der Basilika an der noch aufgehobenen Steinplatte vorbei, in das Haus des Johannes.

Da drang ihm ebenfalls von der Thüre und der engen Gasse her barbarischer Laut entgegen: Helles Lachen und Schreien: er sah ein Rudel Germanen, einen dicken Römer an der Spitze, den sie mit Weinschläuchen schwer beladen hatten, sich ihm entgegenwälzen. So rasch seine schweren Waffen es verstatteten, kehrte er zurück in die Basilika, sprang—dies erschien die einzig mögliche Rettung—in die geöffnete Gruft, riß die Steinplatte herab und hörte sofort, wie von beiden Eingängen her ganze Haufen von Germanen in die Kirche drangen.

Lärmend und jauchzend begrüßten sich die Sieger über dem Kopfe des eingesperrten Kommandanten von Juvavum.


Vierzehntes Kapitel.

Wir schließen uns lieber den zechenden Germanen oberhalb, als dem in ohnmächtiger Wut Zürnenden unterhalb des Marmorbodens an.

»Willkommen, ihr tapfren Bajuvaren, im Sieg!«—»Den wir euch danken, ihr klugen Alamannen.« »Nicht wahr, wir haben sie gut herausgelockt?« meinte sein Waffengenoß. »Zuerst haben wir, das heißt Liuthari, unsres ruhmvollen Königs ruhmvoller Sohn und zwei seiner Gefolgen, einen Posten von fünf maurischen Reitern beschlichen, die der Tribun des Kapitols auf Spähe gegen uns ausgeschickt. Aber wir kennen doch die Wälder besser noch als jene braunen Afrikaner. Vier waren tot oder gefangen, ehe sie sich's versehen hatten. Einer entwischte—leider! Aber es scheint: er hat nicht mehr viel erzählen können. Dann glitt ein Häuflein von uns lautlos durch den Fluß—ein Alamannenroß muß schwimmen wie ein Schwan—und sprengte euch Bajuvaren entgegen, in die Ostberge hinein, auf daß zu rechter Zeit der Ruf des Reihers und des Adlers Schrei sich kreuze.« »Und diesmal seid ihr auch, ihr Schwerhinschreitenden, gegen eure Art und Gepflogenheit, wirklich zu rechter Zeit dagewesen,« neckte Suomar, ein andrer Alamanne. Grimmig fuhr der Bajuvare mit der Hand an die Streitaxt im Gürtel: »Was will das sagen, du suavischer Dickkopf? Ich meine, wir sind fast stets noch früh genug gekommen, euch zu hauen—: euch, so gut wie alle andern, wenn sie nur lang genug darauf warteten! Oft schon waren euch Gedankenbehenden und Wortgeschwinden, wann ihr vor uns, den Wortlangsamen, flohet, Gedanken und Beine zur Flucht nicht flink genug!«

Der so Angefahrene wollte zornig erwidern, aber begütigend fiel der erste Alamanne, Vestralp, ein: »Laßt's gut sein, beide, du, mein Suomar, und du, starker Markomanne! Sind sie einmal da, die Bajuvaren, so schlagen sie so herrlich drein, daß sie die Stunde wett machen, um die sie sich etwa verspäten.« »Das haben sie oft gezeigt!« rief Rando, ein dritter Alamanne. »Zuletzt wieder,« fuhr Suomar fort, »jetzt gerade: auf dem Marktplatz und auf dem Steilweg zu der Hochburg—an den Reitern des Tribuns.«

»Horch! was war das?«

»Ja! Drang da nicht ein Stöhnen aus der Erde?«—»Dort! links neben dem Altar.«

»Seht nach! Hinter dem Altar? Etwa ein Verwundeter?« Ein paar Krieger eilten an den verdächtigen Ort und sahen hinter den Altar: sie fanden nichts »Aber was liegt da vorn auf den Stufen?«—»Ein Toter.«—»Ein Römer.«—»Ein Priester, wie es scheint.« »Das haben Wohl die Sklaven gethan, die empörten, die sich uns anschlossen,« sprach Helmbert, ein bejahrter Gefolgsführer der Bajuvaren, »als wir über die Mauern gestiegen waren. Sie sind jetzt die Wegweiser zur reichsten Beute.« »Schafft die Leiche fort! Auf den Steinstufen da ist am besten sitzen und trinken,« meinte Helmdag, sein Sohn. »Wag' es, du Frevler! Das ist der Tisch des höchsten Himmelsherrn,« drohte Rando. »Nicht wahr ist's,« schrie Helmdag dagegen, »du bist wohl ein Katholischer, ein Gottverdammter? Das hier ist ja eine Ketzerkirche der Römischen, ärger als jeder Greuel. So lehrte mich mein gotischer Taufpate, der Bischof zu Novi.« »Du stinkender Arianer!« erwiderte Rando. »Du Christleugnender Teufelssohn, dich will ich schon lehren, dem Herrn Christus gleiche Ehre geben wie seinem Alten: dir füll' ich den Mund mit meiner Faust. Und mit deinen eigenen Zähnen—als Zuspeis!« »Bei uns tritt der Sohn allemal hinter den Vater zurück,« grollte Helmdag. »Haltet Fried' alle beide,« mahnte Vestralp, »füllt euch beide den Mund, aber mit Römerwein! Her mit dem Schlauch! Crispus, Römerheld! Nicht erst aufschnüren! Ein Hieb mit dem Schwert. So! das spritzt wie rotes Blut aus Wunden! Nun Helme herbei und hohle Schilde, bis sich der edle Römer aus Bockshaut verblutet hat.—Und was den Streit angeht um jene paar Steinstufen dort:—so glaubt mir, ein rechter Mann ehrt alles, was einem andern heilig ist: drum wollen wir alle, ihr Brüder, von jenen Stufen weichen.« »Aber das Gold und Silber an den Wänden, an den Säulen und Steintruhen?« sprach Helmdag, der Arianer.

»Soll das vielleicht den plündernden Sklaven verbleiben?« meinte Rando, der Katholik. »Nein,« rief der aufgeklärte Heide, der vorhin schon zum Frieden gesprochen hatte: es war Vestralp, des helmumflatterten Crispus Bezwinger, »das wäre schade! Das teilen wir unter uns alle: für Gott Zius, für des römischen Bischofs und für des Arius Verehrer.« Und sie machten sich sofort ans Werk: die eherne Sturmhaube oder das Leder der Wildschurkapuze voll roten Weines in der Linken, die Streitaxt in der Rechten brachen sie, während der Arbeit herzhaft trinkend, was irgend von Metallschmuck oder Edelsteinen oder von den sehr häufigen Halbedelsteinen wertvoll war oder auch nur das Auge durch bunte Farbe blendete, aus den Sarkophagen, gestifteten Weiheschreinen und aus den Säulen selbst heraus.

Einer heiligen Anna hob Garizo, ein junger, schlank aufgeschossener Bajuvare, mit zierlicher Verneigung ihr Halsband von schwerem Gold und von Saphiren über den Kopf herab:—»Mit Verlaub, heilige Göttin oder Idise oder was du sonst sein magst. Aber du bist arg häßlich und von totem Stein: gelb ist, was man von deinem Busen sieht: meine Braut Albrun aber ist lebendig und jung und wundersam schön: und gar lieblich werden auf ihrer weißen Brust die blauen Steine strahlen.« »Ja: aber wo habt ihr sie denn, eure Weiber und Kinder und sonstig unwehrhaft Volk?« fragte Vestralp den beflissenen Bräutigam. »Die kommen meist erst morgen: die Ostberge herab,« gab Garizo Bescheid. »Denn das haben wir nun endlich doch auch ausgefunden,—›schwerhinschreitend‹, wie wir sind, wie dein wortgeschwinder Stammgenosse vorhin meinte—das haben wir nun doch gelernt, daß wir die Männer allein voraus in den Kampf schicken und die Unwehrhaften erst nachkommen lassen, wann Sieg und Land gewonnen.« »Es muß doch was dran sein,« lachte Vestralp, »an dem ›Schwerhinschreiten‹, weil es euch gar so wurmt. Wenn einer euch feig nennte,—ihr lachtet bloß und schlügt ihn nieder. Ihr seid seltsame Leute! Kein anderer Stamm so geruhig, und so furchtbar zugleich im Zorn.« »Das will ich dir sagen, Suave,« sprach bedachtsam Helmbert, der Weißbart. »Wir sind wie die Berge: die stehen ruhig, wieviel an ihnen herumkraucht. Wird's ihnen aber endlich zu arg, so werfen sie um sich mit Fels und mit Feuer.« »Jedoch diesmal habt ihr gezeigt, daß ihr auch recht verschlagen schlau sein könnt,« rief Suomar! »Mit welch listiger Sorgfalt haben sie verhütet, daß die Feinde Wind bekommen konnten von ihrem Heranzug! So scharf haben sie alle Straßen und selbst die Saumpfade und die Gangsteige der Gemsenjäger bewacht, daß keinerlei Kunde vom Aufgang her nach Juvavum gelangen mochte.« »Um aber die Römer nicht durch das Ausbleiben jeder Nachricht argwöhnisch zu machen,« ergänzte Helmbert, »haben wir unsere eigenen römischen Colonen als Bauern und Handwerker, als wären es Leute von Ovilava und Laureacum, nach der Stadt geschickt, dort zu verkaufen und einzukaufen.« »Und wenn diese alles aufdeckten?« frug Suomar. »Traf ihre zurückbehaltenen Gesippen der Tod. Das war ihnen deutlich genug gesagt. Aber die kleinen Leute halten ohnehin lieber zu uns als zu ihren römischen Peinigern.« »Auch die Bürger der Stadt gaben ihren Widerstand bald auf—: sie finden sich in die neue Herrschaft, da sie sehen, wir fressen sie nicht,« lachte Helmdag. »Ja: tapfer und erbittert haben sich nur die Reiter und die Fußkämpfer des Tribuns geschlagen,« sprach Rando. »Erzählt doch,« mahnte Vestralp: »wir, die wir jenseit des Flusses fochten, wissen noch immer nicht genau, wie es innerhalb der Wälle herging, wie die Hochburg so rasch fiel.«

»Das ging seltsam, bei dem Schwerte Zius,« hob Rando wieder an.—»Dort, auf dem großen Platz, wo der Christenheilige steht mit Löwenfell und Keule ...—«—»Das ist der rechte Heilige! Das ist ja ein Heidengott!«—»Nein, ein halber Gott.« »Mir gleich,« fuhr Rando fort. »Geholfen hat er den Römern nicht, ob Heiliger, Gott oder Halbgott. Aber überrascht sahen wir drein auf jenem Marktplatz. Nachdem wir, etwa zwanzig Alamannen, mit den herbeigerufenen Bajuvaren—wie die Eichkatzen können sie klettern, diese Bergjäger von Bajuhemum!—über die Mauern geklommen waren, meinten wir, nun sei alles zu Ende. Aber als wir auf den offenen Markt kamen, sprengten mit schmetterndem Tubaschall des Tribuns Reiter geschlossen auf uns ein—: er selbst war nicht zu sehen: er sollte krank liegen auf der Hochburg: aber auch da hat man ihn nicht gefangen.—Wir waren anfangs gar wenige und nur mit Mühe hielten wir Stand. Allmählich drängten wir sie doch zurück: Schritt für Schritt mußten sie aufwärts nach dem Kapitol. Allein dort kamen ihnen des Tribunen Isaurier zu Fuß zu Hilfe: und es galt nun erst recht ein grimmiges Ringen Mann an Mann. Da hab' ich sie wieder einmal kämpfen sehen in ihrer Wodanswut, die Bajuvaren.«

»Sag' du: Löwenmut!« fiel stolz Helmdag ein, der Bajuvare, »denn wir tragen den Löwen in der Heerfahne und Löwenmut im Herzen.«

»Wie kommt ihr zu dem Südlandtier? Der Bär, meine ich, steht euch näher und—ähnlicher.«

»Das meinst du halt, du scherzwitziger Suave,« so kam der alte Helmbert seinem Sohn zu Hilfe, »weil ihr zwar viel mehr wißt, als wir Behäbigen: aber doch nicht alles. Wohl dreihundert Jahre sind's. Da hatte man noch der Alamannen Namen nie gehört. Unsere Ahnen aber, die Markomannen, hatten sich schon lange mit den Römerhelden grimmig gestritten. Und damals wiegte sich noch der Sieg auf den Flügeln der goldenen Adler. Da war am Tiberstrom in dem goldnen Hause Neros ein großer, weiser, zauberkundiger Kaiser. Der hatte durch seine Zauberkunst gefunden: wenn er zwei Löwen über den Danubius schwimmen lasse, werde in der bevorstehenden Schlacht das tapferste Volk der Erde siegen. Aber unsere Väter, die Markomannen, sprachen: ,Was sind das für gelbe Hunde?' schlugen die Löwen mit Knitteln tot, und erschlugen darauf das Heer des Kaisers und seinen Feldherr«: zwanzigtausend Römer lagen da tot auf ihren Schilden. Nun wußte also der kluge Kaiser in Rom, welch Volk das tapferste auf Erden ist.—Wir aber führen seitdem zwei Löwen in der Heerfahne. So singen und sagen unsere Sänger. Nun rede weiter, Suave.«

»Das will ich: zu eurem Ruhme! Wie die Katzen—oder wenn du, Helmdag, es lieber hörst, wie die Löwen—sprangen die Bajuvaren den maurischen Rossen an den Hals und ließen sich eher schleifen, als daß sie losgelassen hätten. ›Gieb auch Loge, was ihm gebührt‹, sagt ein Sprichwort, das ich einst bei den Angelsachsen vernommen: verzweifelt fochten Mauren und Isaurier, Mann für Mann den engen Steilweg deckend, der nur für zwei Rosse Raum bot. Endlich kam der Herzog von draußen uns zu Hilfe: er führte frische Mannschaft zu und nun sprengten wir, mit gefällten Speeren, in plötzlichem Anlauf zwischen die Pferde eindringend, den ganzen Knäuel auseinander. Furchtbar wütete jetzt im Nahkampf das kurze Messer der Bajuvaren: sie unterliefen die langen Lanzen der Isaurier, sprangen zu den maurischen Reitern auf den Sattel, stießen den ganz Gepanzerten, sonst Unverwundbaren, ihre Dolchklingen in Gesicht und Gurgel: zu beiden Seiten, nach rechts und nach links, stürzten die Feinde, Roß und Mann, über die niedere Brüstung der Römermauer hinunter, auf das Felsgezack, in den Abgrund. Gleichwohl hätte der Kampf um die Burg selbst noch lange währen mögen, ja gewiß hätte nur der Hunger jene Felsmauern bezwungen, wären die Reste der Feinde, die nun endlich flohen, noch in das Thor gelangt. Aber sie gelangten nicht mehr hinein! Eine hohe That geschah durch eines bajuvarischen Knaben Hand. Ich sah es deutlich: denn ich hatte, von den Bajuvaren überholt, zuletzt nicht mehr selbst kämpfend, nur das Thor der Burg, hoch über mir deutlich wahrnehmbar, im Auge. Da sah ich, wie von zwei Isauriern, die dort Wache standen, der eine den Seinigen entgegenlief: offenbar bedeuteten seine Bewegungen, die Hintersten, dem Thore Nächsten, zu eiliger Flucht in die Burg zu mahnen, bevor die Barbaren mit eindrängen. Der andere Isaurier stand auf der Schwelle des Thors, den ehernen Riegel des einen Flügels in der Hand, bereit das Halbthor von innen zuzuwerfen und den Riegel vorzuschieben, sowie die Flüchtlinge hereingeströmt waren. Da plötzlich stürzte der Mann, wie vom Blitz niedergestreckt von hinten nach vorn auf das Antlitz nieder: er stand nie mehr auf: das Thor ward von innen zugeworfen:—gleich darauf erschien ein Knabe in blondem Gelock auf dem Turm oberhalb des Thores, schlug mit der Streitaxt die kaiserliche purpurne Standarte herunter und pflanzte an hohem Speer, weithin leuchtend, einen blauen Schild an die Stelle des gestürzten Paniers.

›Mein Hortari‹, rief da Garibrand, der Herzog, ›meines Bruders Sohn, der vor vielen Wochen geraubte, tot geglaubte! Sein Schild, unseres Hauses, unserer Sippe sieghafter Blauschild! Vorwärts, ihr Bajuvaren! Nun haut Hortari heraus!‹

Aber da war nichts mehr herauszuhauen: der Tribun lag nicht darinnen: auch die Sklaven des Tribuns waren nicht in der Burg zu finden: das kühne Kind war der einzige Mensch innerhalb des Kapitols. Der Kampf vor dem geschlossenen Thor war nun auch gleich zu Ende: die Feinde, ausgesperrt, unfähig, obzwar einer auf des andern Rücken sprang, die turmhohen Mauern zu ersteigen, von uns unablässig bedrängt, warfen die Waffen weg und ergaben sich. Einzelne spornten freilich, an Gnade verzweifelnd oder sie verschmähend, lieber ihre Rosse rechts vom Steilweg in den Abgrund. Nun sprang von innen das Thor der Hochburg von Juvavum auf: und jung Hortari flog in seines Oheims Arme: der junge Knabe der Bajuvaren hat seinem Volt das Kapitol von Juvavum gewonnen.—Heil Hortari dem Jungen! Die Sänger werden sein gedenken!«

»Heil Hortari dem Jungen!« scholl es laut durch die weiten Hallen der Basilika.

Als der frohe Ruf verhallt war, vernahm man abermals Zankworte aus dem Hintergrund des Gebäudes. Da war in der Apsis hinter dem Altar ein weingerötet Paar in lauten Streit geraten. Aus einer aufgesprengten Truhe hatten zwei der Männer unter anderen römischen Denkmälern, die der eifrige Johannes seinen immer noch stark heidnischen Schäflein weggenommen hatte, allerlei Aberglauben abzuschneiden, den sie damit trieben, ein kleines, zierlich gearbeitetes Marmorrelief, die drei Grazien, die sich zärtlich umschlangen, darstellend, erbeutet. Jeder hatte das Stück an einem andern Ende gepackt: und schreiend und lärmend zerrten und zogen sie sich nun durch die Kirche bis dicht vor Vestralp und Helmbert hin. Da ließ der eine der Streitenden den Marmor fahren und zückte das kurze Messer wider seinen Gegner, der sofort die Beute fallen ließ und das Handbeil aus dem Gürtel riß. »Halt! Agilo!« rief Vestralp, seinem Stammgenossen in den Arm fallend. »Stich du Römer, wenn du stechen mußt, nicht Alamannen,« schalt Helmbert und drückte seines Landsmanns Messer nieder. »Wohl! Ihr sollt entscheiden,« riefen beide Streitende aus einem Mund.

»Ich hab's zuerst gesehen,« rief der Alamanne. »Ich wollt' es meinem Lieblingsroß vorn als Brustplatte vorhängen.« »Ich aber hab's zuerst genommen,« entgegnete der Bajuvare. »Es sind die drei schicksalspinnenden Schwestern. Ich hänge sie auf ob meines Kindes Schildwiege.« »Der Streit ist leicht schlichten,« sprach Vestralp, hob die drei Grazien vom Boden auf, nahm dem Alamannen das Beil aus der Hand, zielte scharf und schlug das Relief genau in der Mitte durch. Helmbert aber ergriff die beiden Stücke und sprach: »Nicht Forasitzo, Wodans Sohn, der da Recht spricht auf Heligoland, könnte gerechter teilen: da hat jeder von euch anderthalb Göttinnen. Jetzt geht und trinkt Versöhnung.« »Wir danken auch schön,« sagten wieder einstimmig, hochbefriedigt, die Streitenden.

»Aber es ist ja kein Wein mehr da,« klagte der Alamanne. »Sonst hätt' ich ihn längst getrunken,« seufzte der Bajuvare. »He, Crispe, Sohn des Mars und der Bellona,« rief Vestralp, »wo ist noch Wein?« Crispus schleppte sich keuchend herbei: »Oh Herr! Es ist unglaublich! Aber sie haben wirklich alles ausgetrunken. Jaffa, der kluge,« flüsterte er, »hat wohl noch ein klein Schläuchlein vom allerbesten: aber der ist nur für dich allein, weil du meines Lebens geschont hast.« Laut fuhr er wieder fort: »Hier ist ein großer Thonkrug voll Wasser: mischt man den mit dem letzten Spülrest in den Schläuchen, giebt's noch ein breit Getränk.« Aber Vestralp holte aus mit dem Speerschaft und zerschlug den weitbauchigen Mischkrug, daß das Wasser stromweise floß: »Der Mann sei ausgethan vom Stamm der Alamannen,« rief er, »der jemals Wasser mischt in seinen Wein,—Den Sonderschlauch,« fuhr er leise zu Crispus fort, »soll der arme Jude behalten: er soll ihn selber trinken—auf all' den Schreck.«

Da scholl von draußen der Ruf des Auerhorns. Und gleich darauf ward die zerbrochene Hauptthüre der Kirche aufgerissen: ein riesiger Bajuvare stand auf der Schwelle und rief mit lauter Stimme herein: »Da sitzt ihr und sauft in seliger Saumsal, als sei alles schon zu Ende: und doch neu in den Straßen entbrannte der Streit. Die Knechte der Römer! Sie brennen und sengen! während doch unser die Stadt! Schützt euer Juvavum, bajuvarische Männer! So gebeut Garibrand, der Herzog.«

Im Augenblick hatten sämtliche Germanen ihre Waffen ergriffen und mit dem lauten Ruf: »Schützt das Juvavum der Bajuvaren,« stürmten sie aus der Kirche.

Als der letzte Fußtritt lange verhallt, ward die Marmorplatte behutsam aufgehoben: hervor stieg der Tribun: der tapfere, kriegsfreudige Mann hatte bitterste Qualen der Demütigung erduldet diese lange Zeit. War er auch kein Römer und kannte er auch keine Pflicht—: es brannte ihm doch auf seiner Soldatenehre, daß er, blind seinen Leidenschaften folgend, nur seinen Zwecken nachjagend, den Barbaren den Sieg so sehr erleichtert hatte. Er blickte finster: er biß die Lippe: »Meine Reiter! das Kapitol! Juvavum! die Rache an dem Priester! der Sieg! Alles verloren! bis auf—Felicitas! Ich hole sie mir:—und fort, fort mit ihr über die Alpen!—Wo mag mein Pluto geblieben sein?«

Leo bog durch das Haus des Priesters in die enge Gasse ein und suchte vorsichtig den Schatten der Häuser. Es begann nun zu dunkeln: so lange hatte ihn das Gelage der über seinem Haupte Zechenden festgehalten!—Wie ein schleichend Raubtier, sich duckend an jeder Ecke und rasch die andere Seite der Querstraße im Sprung gewinnend, mied er die großen freien Plätze und die breiteren volkreicheren Straßen. Da vernahm er in der Ferne brausenden Lärm verworrener Stimmen: er blickte zurück: Feuerschein stieg dort lohend in den rauchverfinsterten Himmel.

Der Tribun eilte, die Nordseite des Walles zu gewinnen: das vindelicische Thor selbst unbesetzt zu finden, durfte er sogar von germanischer Sorglosigkeit nicht erhoffen: aber er kannte das Geheimnis, ohne Schlüssel den Mechanismus eines Ausfallpförtchens zu öffnen, das ebenfalls auf die Heerstraße nach Vindelicien mündete. Dieses Pförtchen trachtete er nun hastig zu erreichen.

Unangerufen, ungesehen erstieg er den Wall, die Stufengänge vermeidend, öffnete das Pförtchen, schloß es sorgfältig wieder, glitt die steile Böschung hinab und gelangte in den Graben, der, ehemals unter Wasser zu setzen, nun—das Schleusenwerk war verdorben—seit Jahrzehnten trocken lag. Unkraut und hohes Gebüsch, über Manneshöhe ragend, wucherten darin.

Kaum hatte er die Sohle des Grabens betreten, als ihn aus dem Weidengebüsch lautes Gewieher begrüßte: sein treuer Rappe trabte ihm kopfnickend entgegen. Zwei andere Rosse antworteten aus dem Gebüsch. Gleich darauf krochen zwei Männer, platt auf die Erde sich duckend, auf allen Vieren aus dem Dickicht—Himilco war's, der Centurio, und noch ein Maure.—Sie winkten ihm schweigend, in das Versteck zu folgen. Sie waren nach der Zersprengung ihrer Schar durch die Bajuvaren fliehend in den Wallgraben herabgesetzt: der Rappe, dessen Hüter gefallen, war den anderen beiden Rossen gefolgt. Einstweilen hatten sie sich hier im tiefsten Dickicht des Grabens versteckt.

»Der erste Lichtstreif glücklichen Zufalles an diesem schwarzen Tage,« meinte der Tribun. »Wir fliehen selbdritt! Kommt! Dort links reicht der Fluß fast an den Graben. Die Gäule können ihn springend leicht erreichen—dann schwimmen! Ich muß noch auf den Mercuriushügel—die vindelicische Straße hinab! Dann—über die Berge!« »Herr,« beschwor ihn Himilco, »warte die Nacht ab! Schon zweimal suchten wir so auf diesem Wege zu entkommen—: beidemal entdeckten uns die alamannischen Reiter, die unablässig vor den Thoren streifen, Flüchtlinge aufzugreifen: beidemal entkamen wir nur mit knapper Not wieder hierher. Nur im Dunkel der Nacht läßt sich's wagen.« Widerwillig mußte der Tribun diesen Rat als vollbegründet anerkennen: auch sagte er sich, daß zur Nacht der Frauenraub leichter auszuführen sein werde.—So entschloß er sich, ungeduldig genug, den Einbruch der vollen Finsternis in diesem Versteck abzuwarten.


Fünfzehntes Kapitel.

Weit hinter dem Rücken der verborgnen Flüchtlinge, in der Südostseite der Stadt, tobte indessen der Lärm und Streit fort.

Hier hatten sich die wildesten der empörten Sklaven,—viele warfen nun, nachdem sie an ihren Herren die Rache gestillt, die Waffen weg—von den Bajuvaren von weiterem Brennen, Morden und Rauben abgehalten und, sofern sie sich widersetzten, mit Gewalt von Straße zu Straße getrieben, zusammengedrängt zu letztem Widerstand. Hier lagen die großen kaiserlichen Magazine für den Nachen- und Floß-Bau der Fahrt, zumal des Salzhandels, auf dem Ivarus: ungeheure Vorräte von wohl getrocknetem Holz, von Segeltuch, von Pech und Teer: diese Lieblinge des Feuergottes wollten die Wütenden in Flammen setzen: sie hofften in ihrer blinden Zerstörungswut, von da aus werde bald Brand unhemmbar über die ganze Stadt seine roten und schwarzen Fittiche spreiten. Die Magazine waren aber auf den Flachdächern mir Schieferplatten gedeckt, von hohen Steinmauern geschützt, die starken Eichenthore gesperrt: die wenigen Wachen ringsum waren zwar längst entflohen: aber auch unverteidigt leisteten Stein und eisenbeschlagen Holz eine Zeitlang den Tobenden Widerstand. Doch nun kam Keix, der Führer der Schar, von der nächsten Brandstätte her, dem Bad der Amphitrite, angestürmt, in jeder Faust schwingend eine blau- und eine grünbrennende Pechfackel, wie sie bei Illuminationen des großen Weihers in diesen Prunkgärten aufgesteckt wurden: »Hei!« schrie er. »Nun gebt acht! Das wird heute das reichste Feuerwerk! Die Saturnalien haben zwar die Christenkaiser verboten, aber wir führen sie wieder ein. Doch diesmal dem Vulkan zu Ehren—und dem Chaos!« Und er stemmte beide Fackeln an die Eichenplatten des Hauptthores, die sofort zu schwelen begannen.

Allein nun hatten auch die verfolgenden Bajuvaren diesen Platz erreicht. Die über mannshohen Verrammelungen in den einmündenden Straßen hatten sie nach kurzem wilden Kampf mit den Verteidigern niedergerissen: und jetzt stürmten sie im geschlossenen Keil heran, an der Spitze Garibrand der Herzog. »Haben wir euch, Mordbrenner? Nieder die Waffen! Augenblicklich löscht jenes Thor. Oder, beim Speere Wodans, kein Mann unter euch bleibt lebendig.« Statt aller Antwort hob Kottys die schwere Eisenstange, den langen Riegel, den er von seinem eignen Sklavenzwinger abgerissen hatte, und schrie: »Meinst du, wir wollen nur unsere Herren tauschen? Frei wollen wir sein! Und selber Herren! Und alles soll vernichtet werden auf dem ganzen Erdball, was an die Zeit unserer Knechtschaft gemahnt. Kommt heran, ihr Barbaren, gelüstet's euch, mit Verzweifelten zu kämpfen.«

Und nun drohte ein grimmig Wüten loszubrechen.

Da rief eine laute, machtvolle Stimme: »Haltet ein. Friede sei mit euch allen!« Zwischen die Streitenden trat des Johannes ehrwürdige Gestalt: hinter ihm erschienen seine geistlichen Genossen: sie führten, von Bürgern Juvavums unterstützt, auf Tragbahren und in Sänften verwundete Sklaven, Mauren, Isaurier, auch einige Germanen mit sich. »Gebt uns die Straße frei!—Laßt uns diese Verwundeten—sie gehören euch allen an, die ihr hier streitet—in meine Kirche führen.« Dieses Wort, der Anblick schon wirkte beschwichtigend, versöhnend:—die Bajuvaren senkten auf ihres Herzogs Wink die erhobenen Waffen: auch die meisten der Sklaven.

Furchtlos schritt Johannes in deren dichtesten Haufen hinein: ehrerbietig wichen alle zurück: die Weiber,—denn auch gar manche Sklavin war unter der Rotte,—knieten nieder und küßten den Saum seines Gewandes. So schritt er gerade auf das Thor zu, das eben Feuer zu fangen begonnen hatte: Nur Kottys wollte ihm wehren: »Zurück, Priester!« schrie er und schwang die Stange: und da Johannes ruhig vorwärts schritt, traf ihn das Eisen schwer auf die Schulter: er sank: sein Blut floß auf die Erde.—»Wehe dir, Bruder!« rief Këix, »du hast den einzigen Beschirmer der Armen und Elenden, unseres Vaters besten Freund hast du ermordet!« Und der Wilde kniete neben den Priester, ihn mit beiden Armen umfangend. Er mußte dabei den ehernen Dreizack, seine furchtbare Waffe, die er soeben einem Neptunus auf dem Brunnen aus der Faust gerissen hatte, von sich werfen. Diesem Beispiel folgten fast alle seine Genossen: Auch Kottys warf die Stange zu Boden und bat: »Verzeih' mir, Vater Johannes!« Dieser aber erhob sich: »Du hast bereut—so hat dir Gott vergeben! Wer bin ich Sünder, daß ich zu vergeben hätte?«

Er schritt nun ungehindert auf das Thor zu, stieß die Fackeln um, hob einen der weggeworfenen breiten Schilde auf, preßte ihn mit der Rechten auf die noch kleine Flamme in dem Thor, erhob beschwörend die Linke gegen den Himmel und sprach: »Kreatur des Feuers! Auch du dienst Gott dem Herrn! Ich befehle dir:—ich beschwöre dich, höllischer Dämon der Flamme:—weiche von hier in die Hölle.«

Da war das Feuer erloschen.—

Johannes ließ den Schild sinken und kehrte sich wieder der Menge zu: die fromme Verklärung tiefster Überzeugung leuchtete aus seinem Antlitz. »Ein Wunder! Ein Mirakel des Herrn durch die Hand des frommen Johannes!« So scholl es aus der ganzen Sklavenschar: auch die Trotzigsten warfen nun die Waffen weg und sanken, sich bekreuzend, auf die Knie: auch unter den Bajuvaren bekreuzte sich mancher und bog das Knie: Këix und Kottys aber hoben wie anbetend die Hände zu Johannes empor.

Da schritt Garibrand der Herzog auf den Presbyter zu und sprach langsam: »Das hast du gut gemacht, Weißkopf. Hier, meine Hand.—Aber sprich,« fuhr er fort und ein schlaues Lächeln zuckte um seine Lippen:—»wenn du dem Zauber deiner Runenworte, die du in das Feuer rauntest, voll vertrautest,—weshalb noch den Schild daneben brauchen?« Hoch richtete sich der so Gefragte auf und sprach: »Weil wir Gott nicht versuchen sollen. Wollte aber der Herr das Feuer löschen, brauchte er nicht meines Armes noch des Schildes.«

»Das war wohl noch nie,« sprach der Herzog, bedächtig kopfnickend, »seit ihr Christenpriester Runen ritzet, daß einer von euch auf irgend eine Frage verstummte.—Ihr habt und besonders du hast Gewalt über die Seelen,—mehr als mein Schwert über die Besiegten: brauche sie immer wie diesmal. Ich kenne es wohl, wie mächtig ihr seid, ihr Männer des Kreuzes. An dem Danubius waltet Einer—Severinus heißt er—: der ist gewaltiger mit seinem Wort als Rom und die Barbaren. Wir wollen gute Freundschaft halten. Ich scheue dich!—Aber das eine höre: ich werde euch zu Christus beten lassen, wie ihr wollt: hüte auch du dich, den Meinen zu wehren, zu opfern wie sie wollen.—Nein, nein, Alter—schüttle nicht das Haupt. Ich dulde keine Widerrede!« Und er hob drohend den Finger. Aber unerschrocken sprach Johannes: »Wenn der Herr die Verirrten zu sich rufen will durch meinen Mund,—wird Furcht vor dir ihn mir nicht schließen. Deine Herzogin ist schon dem Herrn gewonnen—wahrlich, ich sage dir: du und dein Volk—ihr werdet ihm nicht entrinnen.—

Ihr aber, erhebt euch«—so wandte er sich zu den Sklaven.—»Ich werde für euch bitten bei den Siegern, die nun die Herrscher dieses Landes sind. Ich werde sie lehren, daß auch ihr, nach dem Ebenbild Gottes geschaffen, ihre Brüder seid und auch eure unsterblichen Seelen erlöst sind durch Christi Opfertod. Ich werde sie lehren, daß, wer seine Sklaven frei läßt, sich in des Himmelvaters Herzen den wärmsten Platz gewinnt.«

»Wer aber auszuharren hat in der Knechtschaft,« fiel der Herzog ein, »der wisse, daß wir Germanen hochherzige Herren sind: wir belasten und strafen den Knecht nicht nach Willkür oder Laune des Herrn: nein, wie über unsere Freien das Gericht der Freien, so richtet über unsere Unfreien der Spruch ihrer eigenen Genossen: im Hofgericht nach Hofrecht. Ihr steht fortab unter dem Schutz der stärksten Rechtsburg: des Rechts und des Gerichts eurer eigenen Genossen! So seid getrost: ihr dienet edeln Herren!«


Sechzehntes Kapitel.

Bald nachdem der Sklavenaufstand in der geschilderten Weise gedämpft war, wanderten durch das vindelicische Thor hinaus auf der großen Legionenstraße in der Richtung des Mercuriushügels zwei Germanen.

»Siehe, schon steigen über dem verlöschenden Abenddämmer empor die Sterne,« sprach der eine, und, den Speer auf der Schulter wagrecht tragend, hob er beide Hände zum Himmel empor. »Ich grüße euch, ihr Wächter von Asgardh, ihr allschauenden Augen. Sendet mir bald das Glück!—ich ahne, ihr wißt,« fügte er, seinem Begleiter unhörbar, bei—»welch' Glück mein Herz verlangt. Es schmerzt dies Herz: ich glaube, weil es leer ist.«

Dann faßte er wieder des Speeres Schaft und schritt voran, die Augen wie suchend und sehnend in die duftverschleierte Ferne gerichtet: der weiße Mantel flog im Winde. Er war sehr schön, der junge Königssohn: und seinen edeln ernsten Zügen gab dies verträumte Sinnen herzgewinnenden Reiz.

»Wenn mir die Sterne was Liebes zeigen wollen,« brummte, das Wolfsfell zurückschlagend, sein Begleiter, »sollen sie mir bald eine Weinschenke zeigen. Ich habe noch lange, lange nicht, was ich brauche. Mich schmerzt die Gurgel: weil sie leer ist, glaub' ich. Vestralp und die Seinigen, die haben's gut getroffen! Ein Paar Kreuzgläubige sind bei seiner Schar: die hat nun der Kreuz-Paltar, wohl zum Lohn ihres Glaubens, in seinen Tempel geführt: da oder dicht daneben haben sie eine ganze Sintflut von Wein gefunden und gezecht wie in Donars Halle. Ich aber habe nur ein paar Tropfen geschluckt in einem verlassenen Hause, wo just das Mahl aufgetragen ward, als die Bajuvaren in die Stadt drangen.—Höre, ihr Herzog hat ganz recht: es ist übertrieben streng, wie du deinen Eid auslegst.«—»Kann man einen Eid, eine Pflicht, zu streng deuten, Alter? Du selbst hast mich das besser gelehrt.«—»Nun ja! Wenn du auch deinem Vater schwören mußtest, nie eine Nacht in einer römischen Stadt zu schlafen, Fanggruben für Edelwild, mit Netzen umgarnt, nennt sie der König,—Juvavum ist, wie Garibrand richtig sagte, nun eine Stadt der Bajuvaren.«—»Nur König Liutbert selbst könnte mir verstatten, den Eid so zu deuten. Aber tröste dich: du sollst noch Wein trinken, so viel du willst.«—»Wo?«—»Nun: in dem Hause, wo wir einsprechen werden.«—»In welchem aber?«—»Meinetwegen in dem allernächsten, deinen Durst zu stillen. Siehe, dort, rechts von der Straße, liegt ein Hügel, und darauf ein Haus: man sieht noch die weißen Götterbilder auf dem Dach aus den Gebüschen blinken.«—»Aber da drüben, links von der Straße, liegt auch eines: das scheint größer, stattlicher, mehr verheißend.«—»Mir gilt's gleich.«—»So wählen wir das größere, das zur Linken.«—»Aber siehe: da schoß ein Stern vom Himmel! Und gerade über dem Dache des Hauses zur Rechten, auf dem Hügel, fiel er nieder! Das ist ein Wink der Götter! Ich folge gern den Sternen! Wir gehen ins Haus zur Rechten.« Damit sprang er von der Legionenstraße hinab auf den Fußsteig, der zu des Steinmetz Hause führte.

»Auch bei der Beuteteilung kommen wir nun vielleicht zu kurz, wegen deiner thörichten Eidstrenge,« brummte der Alte, ihm nachsteigend.

»Nein,« rief Liuthari, »Herzog Garibrand läßt mich morgen früh dazu entbieten. So versprach er, als er Abschied von uns nahm im vindelicischen Thor. Übrigens die Hauptgewinne dieses Sieges sind für uns nicht ein paar Goldgeschirre oder Streifen Landes, sondern daß wir fortan im Aufgang statt der Römer nun die treuen Bajuvaren als sichere Marknachbarn erhalten. Diesen aber ward es schon lange allzu enge am Danubius, seit die Ostgoten unter den Amalungenkönigen so gewaltig um sich griffen. So wichen sie aus nach Mitternacht und nach Niedergang. Agilolf, ein anderer ihrer Herzoge, Garibrand versippt, zog, sowie dieser sich gegen Juvavum aufmachte, durch den Bojer-Wald gegen Regina Castra, das stärkste Römerbollwerk, da, wo der Danubius zu höchst gen Norden steigt. Ob er es wohl schon gewonnen hat?«

»Die Siegesbotschaft wird sich kaum mehr lang erwarten lassen. Und mit dieser Botschaft kommt wohl auch ein Bescheid, der dich nah' angeht, Liuthari.« Der Jüngling errötete und senkte schweigend das Haupt. »Herzog Agilolfs Tochter, Adalagardis, ist die schönste Jungfrau, die ich je gesehen,« fuhr der Alte eifrig fort. »Ihr Vater und König Liutbert beraten schon lang, aus euch ein Paar zu machen. Der stolze Bajuvare will aber, scheint es, dem Königshaus sich nur verschwägern, kann er's mit ebenbürt'gem Glanz. Drum schickte er mich von meiner Werbefahrt nach Hause mit den Worten: ›Aus der eroberten Römerburg sende ich Bescheid.‹ Und ich meine: es wird Zeit für dich, mein Bub! Du stehst in der Vollblust deiner Jugend: und du hast Blut, nicht Wasser, in deinen Adern.« »Ich meine oft—Feuer loht darin,«—sagte der Schöne leise, wie verschämt. »Meinst du, ich hab' es nicht gesehen, mit welchen Augen du in dem eroberten Juvavum jedes Römermädchen beschaut, das zu dir aufsah? Gar manche, mein' ich, hätte sich nicht gar arg gesträubt in deinen Armen.«—»Wie, Alter, Gewalt! Gewalt gegen ein Weib?«—»Ei, bei Berahta und Holda! es braucht nicht viel Gewalt. Und eine Zeit lang wehren sie sich alle, auch lang verlobte Bräute. Aber diese schwarzhaarigen, gelbhäutigen, magern Katzen sind nichts für meinen Königssohn: sie würden die ganze Zucht verderben. Doch, Adalagardis! Heil dir und uns wird sie dein Weib. Die Schildjungfrauen Wodans denk' ich so! Kaum eines Fingers Breite kürzer gewachsen als du, von lichtem Haar bis auf die Knöchel, wie von goldenem Königsmantel, umwallt, die Arme rund, voll und weiß wie Alpenschnee, freudig blitzende Augen, hell wie die Frühlingshimmel, und hochwogend die herrlich gewölbten, die stolz aufragenden Brüste. Bei Fulla, der Kraft- und Schöne-Strotzenden! Das ist die richtige Königsfrau der Alamannen! Was rittest du nicht längst und freitest sie?«

»Du vergißt: nie hab' ich sie gesehen. Ihr Vater sprach: ›Ich lade dich erst, wann ich Hof halte zu Regina Castra.‹ Doch mag wohl sie das Glück sein, das ungewisse und doch heiß ersehnte, die Sälde, die ich suche.—Halt! Wir sind am Ziel. Dies ist der Eingang. Aber was ist das? Ungastlich scheint dies Haus. Verrammelt, mit lauter Steinplatten, ist der Eingang.« »Ha, nun,« lachte der Alte. »Es ist ihnen nicht zu verargen, den Hausleuten, sperren sie nach Kräften solche Gäste aus, wie Haduwalt und seinen Durst. Aber die lassen sich beide nicht so leicht aufhalten! Nicht Haduwalt, Hadumars Sohn: und noch weniger sein Durst. Nieder mit den Steinen!« Und schon hatte er mit starker Hand eine der aufeinander getürmten Marmorplatten gefaßt, sie nach innen zu werfen. »Halt,« rief da Liuthari, »schau—! auf der allerobersten Platte der Verrammelung ist etwas eingeritzt: vielleicht der Name des Hauses? Ich denke, ich kann es gerade noch lesen.« »Ich könnte es nicht lesen,« lachte der Alte, »und stünde die Sonne im Hochmittag. Was sagen die Runen?« Und Liuthari las: langsam, mühsam, Buchstabe um Buchstabe entziffernd:

»Hic—habitat—felicitas— Nihil—intret—mali.«

Betroffen, regungslos schwieg der Jüngling eine Weile. Sein Herz klopfte: das Blut stieg ihm siedend in die Schläfe. »Wie seltsam!« sprach er dann vor sich hin, »hier wohnt das Glück?—das Glück, welches ich suche? und der schießende Stern—: lenkte er deshalb hierher meinen Schritt?« »Nun, bei dem wundernden Wodan,« sprach Haduwalt,—»hat dich der Runenspruch verzaubert?«

»Ei wohl: zum Zweck segnenden, schützenden Zaubers mag er wohl eingeritzt worden sein.« Da faßte der Alte hastig den Königssohn bei der Schulter und wollte ihn zurückziehen. »Dann laß uns weichen!« flüsterte er ängstlich. »Lieber dring' ich durch zwei Reihen Römer, als durch einen Zauberspruch hindurch! Siehe: schon scheinst du festgebannt vor dem Eingang: was ist der Sinn der Rune?«—»Wie soll ich dir's deuten, Alter? Nun, etwa so:

›Wunschgott hier wohnen und Sälde selbander: Niemals nahet, widrige Wichte!‹

Diese Frau Sälde will ich sehen—die hier hauset!« Und rasch entschlossen stieß Liuthari die mittlere Platte, mit Schild und Knie nachhelfend, nach innen, so daß der ganze Aufbau der Steine laut krachend in den Garten stürzte. Der Jüngling trat nun rasch über die Schwelle: »Das ist kein Spruch, der abschreckt: er ladet und lockt herein: hier wohnt das Glück, hier wohnt die Sälde. Der Wunschgott selber leitet mich hierher. Und wir dürfen nah'n: denn wir sind doch wahrlich nicht widrige Wichte.« »Wer weiß, ob wir dem Wirt des Hauses nicht solche dünken,« meinte der Alte, bedachtsam, den langen Speer geschultert, seinem jungen Freunde folgend, der ungestüm, wie von einem Gott dahingerissen, gerade auf die innere Thür des Hauses zuschritt, hinter welcher—nur ein dunkelgelber Vorhang, der im Winde schwankte, schloß sie—ein matter Schimmer roten Lichtes heranzuwinken schien.

Trotz aller Eile bemerkte Liuthari doch, wie ein Rosenbusch, vom haltenden Stabe gelöst, hilflos in den Sandweg hing. Sorgsam bog er die Zweige zurück, »Schade, würden sie zertreten.«


Siebzehntes Kapitel.

Nun sprang Liuthari die vier Stufen in einem Satz hinauf und schlug den Vorhang zurück.

Aber weiter gelangte er nicht: wie verzaubert, wie in den Erdboden gewurzelt blieb er stehen, bei dem Anblick, der sich ihm bot. Ja, er setzte, wie erschrocken, den rechten Fuß, das Knie leise biegend, zurück: der auf die Erde gestoßene Speer drohte dem Erstaunten aus der Faust des nach rückwärts ausgestreckten rechten Armes zu entgleiten.

Denn auf den Königssohn zu schwebte mit edelstem Schritt, vergleichbar einer von ihrem Marmorpiedestal herabschreitenden alabasternen Hebe—Felicitas.

Sie trug ihr schlummerndes Kind zärtlich auf dem linken Arm, es an den Busen drückend—: ihr wunderschönes Antlitz war noch bleicher, in der Aufregung des Augenblicks: in der Rechten aber trug sie eine flache silberne Schale, gefüllt mit rotem Wein. »Willkommen heiß' ich euch, oh Fremdlinge, als unsere Gäste, am Herde meines Gatten. Er ist fern. Ich bin ganz allein in diesem Hause. Schützet mich und mein Kind.«

Liuthari fand kein Wort: mit weitgeöffneten Augen, heißklopfenden Herzens blickte er das schöne Wunder vor ihm an. Aber der alte Haduwalt sah, an seiner Seite vorschreitend, mit Besorgnis diesen Blick seines jungen Herrn. Er sprach in hohem Ernst: »Sei getrost und gewiß, Römerin,—ich eide dir's, beim Ruhm der Ehre König Liutberts und seines Sohnes Liuthari, der hier steht und seltsam schweigt,—ich schütze dich, als wärst du meine Tochter, und er soll dich ehren, als wärst du seine Schwester.—So! und nun trink Liuthari,—was man dir so wirtlich darbietet,« rief er zu diesem gewendet, ihm, der noch immer wie verzückt dastand, den Speer aus der Hand nehmend.

Der Jüngling nahm die Schale, führte sie an den Mund, nippte und gab sie zurück—all' das, ohne ein Auge von ihrem Antlitz zu wenden: »Wie heißest du?« fragte er mit leiser, zitternder Stimme.

»Felicitas.«

Lebhaft trat er einen Schritt vor: »Das Glück! Die Sälde!—das heißest du: das bist du.«—»Ich verstehe dich nicht.« »Ist auch nicht nötig,«—brummte Haduwalt. »Gieb mir nun aber auch zu trinken.« Und er nahm ihr die Schale ab und trank sie in einem Zuge leer. »Wahrlich,« fuhr er nun fort, »der wundernde Wunschgott scheint hier zu wohnen: wie hättest du sonst gleich mit gefüllter Schale uns, meinem Durst entgegenschreiten können?«—»Ich sah euch kommen, durch das Krachen der Steinplatten aufgeschreckt; der alte Philemon, unser greiser Sklave, hat sie aufgetürmt.—Wie sollte er mich schützen, der lahme, halb blinde Alte?«—»Und dadurch, durch einen Haufen Steine, ohne Verteidiger, wähntest du dich gedeckt?«—»Ich nicht! Ich weiß mich durch den guten Himmelsgott gedeckt und meinen heiligen Schutzengel, meinen Genius. Aber, als ich den Greis abermals zur hinteren Pforte hinaus entsendet, zu suchen nach meinem Gatten—er wollte mich durchaus nicht allein lassen und wiederholt mußte ich befehlen—: so meinte er mich doch einigermaßen geborgen, wenn er den weithin sichtbaren Eingang versperrte.« »Dein Gatte?« frug Liuthari, stirnrunzelnd, und setzte sich, der Wirtin Beispiel folgend. »Er hat dich verlassen? In dieser Gefahr?«

»Nicht doch!« verwies die junge Frau. »Er ging schon gestern Abend, vor jedem Anschein von Gefahren, in die Stadt. Er kam seither nicht zurück. Doch lebte er noch vor wenigen Stunden, und war frischauf:—Philemon hat ihn von der Straße aus gesehen, wie er mit Schild und Speer über die Ivarusbrücke zog.« »Tröste dich,« warf der Waffenmeister gutmütig ein, »es sind im Gefecht dort nur ganz wenige der Eurigen gefallen.«—»Ich weiß es sicher, daß er lebt. Glaubt ihr, ihr sähet mich sonst so ruhig? Der gütige Gott im Himmel kann nicht geschehen lassen, daß dem besten, trefflichsten Mann auf Erden unverschuldet Leid widerfahre. Ich vertraue fest auf Gott und bin getrost.«

Haduwalt dachte zwar in seinem Sinn: »Ich habe schon gar manchen wackern Mann schuldlos fallen sehen.« Aber er behielt diese Erfahrungsweisheit für sich und erwiderte vielmehr: »Gewiß! Er wird höchstens gefangen sein. Und dann sei getrost! hier, der mächtige Königssohn, wird,« so fügte er bei, mit bedeutungsvollem Blick auf Liuthari, » diesen Gefangenen sich erbitten und ihn freigeben:—als Gastgeschenk für dich.«

Liuthari holte tief Atem: »Wie lange seid ihr vermählt?«—»Elf Monde sind's.«—»Elf Monde—voller Glück!« sprach Liuthari langsam vor sich hin.—»Ja: voll unaussprechlichen Glückes! Da du es weißt,—bist auch du vermählt.«—»Ich? Nein! Aber ich—ich kann es ahnen.«—Felicitas erwiderte offen und ruhig den Blick, der ehrerbietig auf ihr ruhte. Sie fühlte, daß er ihre Schönheit bewunderte. Aber es störte sie nicht: sein Blick war rein. Unwillkürlich mußte sie, des Gegensatzes wegen, der unheimlichen Flamme in den schwarzen Augen des Tribunen denken, die sie oft erschreckt hatte. Aber in dieses edle, ernste Antlitz, in diese tiefgründigen grauen Augen sah auch sie gern. Sie erhob sich nun langsam. »Wohl hab' ich mich,« lächelte sie, und das stand ihr gar sehr anmutig, »stets arg gefürchtet vor—vor—nun vor euch, die man ›Barbaren‹ nennt. Und wie erschrak ich, als ich die Steine übereinander fallen hörte! Angstvoll spähte ich hinaus. Aber als ich sah, wie ihr so säuberlich den schmalen Weg einhieltet, die Blumen gar nicht zerstampftet—was ich sehr gescheut hatte!—ja, wie der im weißen Mantel sorgsam einen Rosenstrauch aufrichtete, der auf den Kiesweg niedergesunken war—da sprach ich zu meinem Söhnlein auf dem Arme: ›Fürchte dich nicht, mein Augapfel, die thun auch uns kein Leid.‹ Und furchtlos füllte ich die Schale.—Jetzt aber vollends, da ich in eure gutblickenden Augen gesehen,—jetzt fühle ich mich so sicher, gerade weil ihr beide da seid. Und ich weiß gewiß: ihr führt mir morgen meinen Gatten zu. Ich gehe, das Kind dort in unser Schlafgemach zu legen.«

Sie wies mit dem Finger auf eine schmale, nur durch einen roten Wollvorhang verhängte Pforte im Mittelgrund. »Dann schaff' ich das Wenige bei, was an Speise im Hause.« »Vergiß den Wein nicht,« rief ihr Haduwalt nach.

Als sie, einer sanfthinrauschenden Welle vergleichbar, in das Schlafgemach schwebte, sprang Liuthari ungestüm auf. »Bleib'—o bleib',« rief er hastig, zwei Schritte ihr folgend.

Aber Haduwalt hielt ihn am Mantel fest. »Sie hat es nicht mehr gehört! Dank den Göttern.« Liuthari machte sich heftig los: »Sie soll aber hören, daß ich ...«—da faßte er sich und schlug die rechte Hand vor die Stirn.

»Nun, nun, nun—nun!« sprach der Alte langsam mit großen Zwischenräumen. »Hat jung Liuthari jetzt zum erstenmal das Ding gesehen, welches statt der Brünne des Mannes zwei angewachsene Brustbuckel trägt und Kinder daran säugt und welches man Weib nennt? Ich fürchte wirklich, der Runenspruch hat dich ganz verzaubert! Denn in dem Weine war kein Zaubertrank:—ich verspüre nichts Absonderliches in mir. Auch fing der Spuk gleich an, wie du das Kalkgesicht erschaut.—Wie? du willst ihr nach? Halt da!—Jetzt thut mir wirklich leid, daß ich all' die heftig tönenden Übelnamen vergessen habe, mit denen Herr Hadumar, mein Vater, mich schalt, wann er mich erwischte, wie ich in des Nachbars Garten stieg, dessen Süßbirnen zu naschen, welche die Römer dereinst auf die Holzbirnen des Illarawaldes gepfropft. Er walkte mich weidlich. Aber die Koseworte sind mir entfallen:—es ist schon zu lange her. ›Du Mausemarder, du Birnen-, Nacht- und Tage-Dieb! du Schleichfuchs! du Gieregauch!‹ das waren noch die zärtlichsten!—Jetzt könnt' ich sie alle trefflich brauchen. Was stierst du noch immer sprachlos, sinnlos eines andern Mannes Eh'weib nach? Hat dich solche Zucht Frau Lindgardis gelehrt, deine herrliche Mutter? Gedenkst du denn gar nicht Adalagardens, deiner Braut?«

»Alter Hüne! polternder Brummbär—jetzt ist's genug mit deinem Schimpfen! Ganz genug hab' ich's! Adalagardis meine Braut? Ein Name ist sie! Ein Wunsch meines Vaters! Kann ich einen Namen umarmen und herzen und küssen? Dies Weib aber ist lebendig Fleisch und Blut! Wohl fühlte ich die süße Wärme ihres Arms, da ich ihn streifte. Heiß durchschoß es mich! Sie ist so schön—so wunderzauberschön! Elfenschön ist sie. Nein, nein; das sagt es alles nicht! Nicht Walhalls Göttinnen sind schön wie sie. Wo hab' ich ihresgleichen doch geschaut?« fuhr er träumerisch sinnend fort. »Unter wärmerem, schönerem Himmel, glaub' ich, war's! Ach ja: nun weiß ich's klar: im Sold des Kaisers fuhr ich von Byzanz auf hochbordigem Schiff durchs blaue Griechenmeer: dort auf einem Eiland, von Myrtengrün und Lorbeer ganz verdeckt, stand einer Griechengöttin weißes Bild: das hat mir's beinah' angethan, wie heut' dies Weib.« Er schwieg und legte die Hand auf das mächtig wogende Herz.

»Da hab' ich nichts dawider, Liuthari, wenn du sie, wie ein steinern Bild, bewunderst, wenn einmal dein Geschmack so irregeht. Meiner suchte anderes von jeher. Da lob' ich mir Adala——ich schweige ja schon! Diese schmalhüftige Kleine, schnurgerade wie ein Wurfpfeil und nicht viel länger, mit ihren dünnen Kindesarmen,—sie bleibt dir ja unter der Hand, wann du sie das erste Mal herzhaft anrührst.« »Was weiß der Bär vom Harfenschlagen!« rief Liuthari ziemlich grob. »Mag wohl sein, Herr Königssohn, daß ich nicht viel verstehe von Puppenzeug für Knabenspiel aus weißem Griechengestein. Aber das weiß ich, besser, scheint's, als Frau Lindgardens Sohn, wie man anderer Männer Ehefrauen aus seinen brennheißen Gedanken draußen läßt. Ja, hättet ihr euch früher schon einander begehrt und du fändest sie jetzt in eines andern Gewalt und sie trüg' dich noch immer heimlich im Herzen:—dann spräch ich: brauche die Übergewalt, die dir Wodan gewährt hat. Aber so!——Da kommt sie wieder! Arglos, ahnungslos, vertrausam. Auf deinen Schutz baut sie, das liebe Kind:—denn ich kann ihr auch nicht böse sein, weil sie so harmlos ist und so viel unschuldig: ich sage dir, wenn du sie nur durch Blick oder Wort aus ihrer Ruhe aufstörst, sorg' ich dafür, daß Vater und Mutter daheim dich recht niederträchtig schlecht bewillkommnen, wann du von dieser Fahrt nach Hause kehrst und dich an deiner Frau Mutter ehrbaren Herd setzen willst.«

Aber Liuthari war nun auch zornig. »Viel werd' ich mich fürchten vor deinem Geschwätz! Und Frau Lindgardens Rute reicht schon lange nicht mehr auf meinen Rücken hinauf. Was schwatzest du da, du Ohnesinn? Als Sieger steh' ich hier im Haus: mein ist all' dies: ich brauche nur zu wollen. Das Haus und die Herrin dazu. Ihr Mann ist tot oder ein gefangener Knecht: sie selbst Witwe oder doch meine Magd, sobald ich sie so nenne.«—»Sauber gehst du um in deinen Gedanken mit deiner griechischen Göttin! Wärest du jetzt mein Bub statt meines Königs—gar rasch flögest du, aber unsänftlich, aus diesem Hause.—So aber—werde ich wachen, ich Haduwalt, Hadumars Erbe, daß ein Königssohn der Alamannen nicht Unfug treibe, wie ein Honig naschender Knabe.«

Da erschien die Wirtin des Hauses, stellte einen zierlich geflochtenen Korb voll weißen duftigen Brotes, dann Butter, frischen Ziegenkäse und eine Schinkenkeule auf den Eßtisch. »Gleich, gleich!« antwortete sie dann auf die stumme Frage von Haduwalts durstigen Augen und erschien alsbald wieder, auf dem Haupt eine mächtige Amphora voll Weines.

Alles ließ ihr so anmutvoll:—so jetzt die Haltung und Bewegung, in welcher sie, den linken Arm in die Hüfte gestemmt, den rechten zu dem Henkel des Kruges erhoben, um der schwanken Last willen ruhig vorschreitend, hoch aufgerichtet und ganz gerade über die Schwelle trat.

Liuthari sprang hastig auf, ihr die Last abzunehmen. Aber Haduwalt hielt ihn am Arme: »Laß sie, mein Sohn! Sie allein wird ihren Wein sicher nicht verschütten—: was geschieht, wenn du mit hilfst—das möcht' ich nicht erleben.« Liuthari atmete schwer: er schnallte den lastenden Panzer auf und legte ihn ab, wie er den mächtigen Römerhelm vom glühenden Haupte hob. Er langte mechanisch nach den Speisen: aber er aß kaum und verwandte dabei das Auge nicht von dem wunderschönen Antlitz. Doch bald erhob sich Felicitas vom Mahle: »Ich bin sehr müde,« sagte sie. »Ich habe, seit Fulvius schied, nicht Schlaf gefunden. Auch zieht es mich zu unserem Kinde: höre ich sein ruhiges Atmen, werde ich ganz beschwichtet. Ich bringe euch Polster hierher und Decken: ihr müßt hier vorlieb nehmen. Wir haben keinen andern Raum, der solcher Gäste würdig.«

»Laß nur, was mich betrifft,« rief Liuthari aufspringend. »Ich kann nicht schlafen. Oder ich schlafe im Garten, auf dem weichen Rasen, das Haupt auf dem Schilde,—komm mit, Alter.« »Nein, ich schlafe lieber hier,—gerade hier!« erwiderte dieser, schlau in seinen Bart schmunzelnd. »Aber mein Wolfsfell genügt mir, freundliche Wirtin:—Du hast doch die Hinterthür geschlossen, die, wie du sagtest, aus dem Garten in dein Schlafgemach führt?«—»Ja.—Denn Philemon kommt nun doch wohl erst morgen aus der Stadt zurück.« »Sicher nicht früher. Die Thore werden gesperrt mit Einbruch der Nacht.—Ich liege hier ganz bequem: siehst du: da, gerade auf der Schwelle, vor dem Vorhang, der dein Gemach schließt. Schlafe ganz ruhig,« rief er der nun die Speisen Verwahrenden durch den Vorhang zu. »Nicht ein Mäuschen könnte zu dir gelangen, ohne mich zu wecken. Siehst du: ich fülle die ganze Breite des Eingangs. So! Nun noch den Weinkrug neben mich: heia, der ist ja noch ganz voll! Und vortrefflich mundet der firne Trank. Dein Gatte versteht sich drauf. Den trinke ich noch leer.—Aber ich schlafe nicht. O nein!«

»Ruhet wohl, ihr Gäste,« sprach sie und verschwand.

Liuthari warf einen eigentümlich spöttischen Blick auf den alten Waffenmeister, wie dieser sich in die Thürecke kauerte, und auf den ungeheuren Weinkrug an seiner Seite. Dann sprang er lachend die Stufen hinab in den Garten. »Was?« sagte er, halb vergnügt, halb trotzig zu sich selber, »der Brummbär wähnt, mich abzuhalten, wenn ich wirklich jene Schwelle überschreiten will? Der will Wache halten?« Bevor er den schweren Wein zur Hälfte geschlürft, schnarcht er wie Donar in der Halle des Riesen. Ich hätte es vielleicht unterlassen:—aber nun, da er vermeint, mich zu zwingen—nun gerade! Was ich thun werde, wann ich vor der herrlichen Schläferin stehe—: ich weiß es noch nicht.—Doch an ihr Lager dringe ich, dem Schelter zum Trotz.« Die heiße Erregung des Jünglings machte sich Luft in diesem trotzigen Zorn gegen den alten Freund. Dieser sah ihm blinzelnd nach. Als die raschen Schritte schon ferne klangen, rief er leise: »Junge Frau!«

—»Was willst du noch?«—»Hast du nicht einen Knäuel Garn im Hause?«—»Gewiß: hier ist einer.«

—»Sehr gut. Reiche mir das Ende durch den Vorhang. So! Siehst du! Ich binde hier den Faden an meinen Schwertgurt. Und du—du nimmst den Knäuel in die Hand: und hältst ihn tapfer fest, auch im Schlaf, verstehst du? Und wenn du etwa einen bösen Traum hast,—ziehe rasch.«—»Wozu das! Ich kann dich ja rufen.« »Darauf verlaß dich doch lieber nicht,« meinte der Alte, sich die müden Augen reibend. »Sie sagen, wann ich einmal den Weinschlaf halte, könne mich aller Alamannen Schlachtgeschrei nicht erwecken: aber was mich am Gürtel zerrt, das merk' ich doch. Dann wach' ich auf—falls ich nämlich etwa doch eingeschlafen sein sollte—und springe dir zu Hilfe.«—»Wie du willst. Aber es ist unnötig: dein Begleiter hält ja im Garten Wache.« »Oh der! Glaube nur das nicht! Der ist so schlafgierig wie ein Murmeltier. Auf den ist kein Verlaß! Also halte den Knäuel fest. Und nun gute Nacht, liebes Geschöpf!

—Sie gefällt mir selber,« brummte er. »Sogar sehr stark gefällt sie mir. Aber ich muß sie doch dem Knaben verleiden! Er hat noch nie eines andern Weibes als seiner Mutter Wange gestreichelt und er strotzt von Feuer und Kraft, wie ein junger Edelhirsch. Und nun trifft er gerade auf diese zarte, weiße Hinde! Schade, wenn sie auch nur einen kleinen Schreck erlitte in ihrer ahnungslosen Seele. Ich muß sie hüten—und ihn. Noch ein Schluck und dann: Haduwalt, nüchtern und wachsam.«

Schwach glimmte das Lämpchen in dem Schlafgemach: nur matter Schimmer drang durch den roten Vorhang. In dem Vordergemach aber ging die Lampe aus.

Stille waltete im ganzen Hause. Nur vom Garten her vernahm man das einschläfernde Geriesel des Brünnleins: aus dem Schlafgemach hörte der Alte bald die tiefen gleichmäßigen Atemzüge des schlummernden jungen Weibes. Haduwalt zählte sie: er zählte tapfer bis hundert.

Da legte er die Hand, unsicher tastend, an den Faden an seinem Gürtel. »Alles richtig,« dachte er noch. »Und ich schlafe ja nicht! Beileibe! Hunderteins!«

Dann zählte er nicht mehr.


Achtzehntes Kapitel.

Über dem schweigenden Garten aber lag der ganze Zauber der warmen, der herrlichen Sommernacht. Die zahllosen Sterne leuchteten prachtvoll am wolkenlosen Himmel. Und nun stieg auch von Osten her, über den Wall von Juvavum, der ihn bisher verdeckt hatte, glanzausgießend der Vollmond herauf, das weihe Haus, die dunkeln Büsche, die hohen Bäume in seinem so hellen, und doch vom Tageslicht so ganz verschiedenen phantastischen Lichte zeigend. Zahllose nachtliebende Blumen in den Gärten der Villen, in den Wiesen draußen öffneten jetzt die bei Tage geschlossenen Kelche und hauchten ihren Duft in die weiche Luft:—der junge Germane durchmaß mit aufgeregten Schritten den Garten. In den Rosen des Nachbargartens sang die Nachtigall: so laut, so schmetternd, so heiß, so leidenschaftlich: Liuthari hätte lieber es nicht gehört! Und doch mußte er dem liebebrünstigen Ton immer wieder lauschen. Der Nachtwind spielte in seinem langwallenden Gelock. Denn er hatte wie die Brünne, so den Helm in dem Saale gelassen, nur den Speer, als Stab ihn zu brauchen, mitgenommen und den runden Schild, den Kopf darauf zu legen, wann er etwa doch ruhen wollte.

Aber er fand keine Ruhe. Er ging weit von dem Hause, das ihn so mächtig anzog, mit festem Entschluß hinweg, auf den Eingang zu, wo noch die Steinplatten durcheinandergeworfen umherlagen. Der alte Sklave hatte, da die Quadern des Vorrats nicht ausgereicht, den Eingang zu füllen, mit dem Pickel noch ein paar Steinplatten an der Schwelle, darunter auch die, welche den Spruch trug, aufgerissen und aufgerichtet. Auf diese übereinander geworfenen Platten setzte sich nun Liuthari, hart hinter dem Eingang, und blickte, traumversunken, in die Sterne, in das sanft quellende Licht des Mondes.

Er zwang sich, an seine Eltern daheim, an den heutigen Tag und seinen Sieg, an die Tochter Agilolfs zu denken, mit dem schönlautenden Namen:—wie sie wohl aussehen mochte?—Ach, es half nichts: er betrog sich nur selbst: durch alle Bilder seiner Gedanken drang, sie zurückschiebend, daß sie wie Nebel zerflossen, jenes edle marmorbleiche Antlitz,—das rhythmische Ebenmaß dieser Gestalt. »Felicitas!« hauchte er leise vor sich hin. Lange, lange saß er so.

Da verstummte plötzlich, verstört, die Nachtigall.

Scharf ward Liuthari aufgeweckt aus seinem Sinnen und Träumen: in rasender Eile sprengten—laut schollen die eisernen Hufe auf dem harten Pflaster der Legionenstraße—von Juvavum her mehrere Rosse heran: deutlich unterschied des geübten Reiters Ohr zwei, vielleicht drei Pferde. Der Jüngling sprang auf und ergriff den neben ihm ruhenden Speer. »Das sind nicht alamannische Reiter,« sagte er sich. »Was sonst können es sein? Flüchtige Römer? Oder gar—ihr Gatte?« Er trat hinter den Eingangspfeiler zur Rechten, der seine Gestalt, auch seinen Schatten, verbarg, während ihm das Mondlicht die Straße und den Fußpfad, der von ihr herab zu der Villa führte, taghell darwies. Der Hufschlag verstummte nun. Deutlich sah der Späher, wie an der Absenkung des Fußpfades drei Reiter von den Rossen sprangen und dieselben an einem steinernen Meilenzeiger anbanden.

Der eine, der größte, trug einen Römerhelm mit wehendem dunklen Roßschweif, die beiden andern die Schuppenhauben der maurischen Reiter: ihre weißen Mäntel flogen im Nachtwind.

»Schwerlich ist das ihr Gatte. Und das sind nicht Sklaven dieser Villa. Und doch dringen sie hierher. Was mögen sie suchen? Soll ich Haduwalt rufen? Bah, König Liutberts Sohn hat schon öfter drei Feinde zugleich bestanden.« In diesem Augenblick hatte der Behelmte den Eingang erreicht. »Wartet hier,« gebot er, den kurzen Wurfspeer hebend, »ich hole das Weib allein: brauch' ich euch, so ruf' ich. Aber ich denke ...—« »Halt, steh', Römer!« rief Liuthari, mit gefälltem Speer, nun in den Bereich des Mondlichts, mitten in die Thüre vorspringend. »Was sucht ihr hier?«

»Ein Germane! Nieder mit ihm,« riefen drei Stimmen zugleich. Aber im selben Augenblick taumelte der Führer zwei Schritte zurück. Liuthari hatte ihm den Speer mit aller Kraft gegen den Brustharnisch gestoßen. Hätte die Panzerfabrik zu Lorch nicht so vortreffliche Arbeit geliefert,—die Spitze wäre dem Manne durch und durch gedrungen. So aber prallte sie ab und—brach. Zornig ließ der Germane den nun wertlosen Schaft fallen. »Beim Tartarus, das war ein mörderischer Stoß,« sprach der Getroffene grimmig. »Hier braucht's Vorsicht.—Hebt die Speere! Wir werfen zugleich.«

Die drei Lanzen flogen auf einmal: alle drei fing der Alamanne mit dem Schild auf: eine, mit besonderer Wucht und Wut geschleudert, durchdrang das Gefüge der dreifachen Auerstierhäute und das Eschenholz des Schildes und ritzte den Arm nahe der Schulter. Die leichte Wunde spürte der Kraftvolle kaum: aber er konnte den Schild, von drei Speerschäften beschwert, nun nicht mehr behend gebrauchen.

»Haduwalt!« rief er jetzt mit lauter Stimme, »Waffenâ! Feindiô! zu Hilfe!« Gleichzeitig packte er eine der drei Lanzen in seinem Schilde, riß sie heraus und warf:—der Maure zur Rechten des Tribuns schrie auf und fiel tot zu Boden. »Ich werfe ihn nieder: du, Herr, stichst ihn ab!« rief da der Zweite:—es war Himilco, der Centurio. Er sprang nun mit dem Satz des Panthers seiner heimatlichen Wüste dem Alamannen an die Gurgel. Jedoch dieser hatte blitzschnell das kurze Messer aus seinem Wehrgehäng gerissen: er stieß es dem Angreifer zwischen den Augen in die Stirn: die braunen, sehnigen Arme, welche die beiden Schultern Liutharis gepackt hatten wie mit Krallen des Raubtieres, lösten sich: lautlos stürzte der Afrikaner auf das Hinterhaupt. Aber Liuthari blieb nicht einmal Zeit, die tief eingedrungene Dolchklinge wieder herauszuziehen. »Haduwalt! zu Hilfe!« rief er laut. Denn schon hatte der dritte Feind, ein höchst gefährlicher Gegner, sich auf ihn geworfen. Mit gewaltigem Schwertstreich spaltete er Liutharis Schild, daß derselbe, in zwei Hälften geborsten, links und rechts samt den darin haftenden Speeren ihm vom Arme fiel. Zugleich aber hatte der Römer den scharfen Eisenstachel auf dem Nabel seines gewölbten Schildes tief in den nackten rechten Arm des Königssohns gestochen: hochauf spritzte sein Blut. Er prallte, von der Wucht dieses Stoßes schwer getroffen, mehrere Schritte zurück, nahezu stolpernd über die Steinplatten zwischen seinen Beinen. Der grimmige, ganz in ehernen Schutz- und Trutzwaffen starrende Feind trat sieghaft mitten in den Eingang, mit dem Fuß die beiden Schildhälften nach außen schleudernd, auf daß sein Gegner die darin haftenden Speere nicht herausziehen könne.

Mit scharfem Blick maß der Römer seinen Gegner, der nun seine letzte Waffe, die kurzstielige Streitaxt, aus dem Gürtel gezogen hatte und drohend damit ausholte: furchtbar mußte wohl der viel höher gewachsene Germane dem Eindringling unerachtet der überlegenen Waffen erscheinen. »Wofür zerfleischen wir uns, Barbar? Weshalb verteidigst du so todesgrimmig dieses Haus? Ich will dir's nicht bestreiten! Ich laß es dir, sobald ich ein einzig Gut daraus geholt.«—»Was für ein Gut? Ein dir gehöriges? Du bist der Herr des Hauses nicht.«—»Ich lasse dir ja das Haus. Ich hole nur—ein Weib.«—» Dein Weib? Felicitas? Nein! Die ist nicht dein.« Wütend schrie der andere: »Wie? Du bist ja schon ganz vertraut hier im Hause! Aber auch nicht dein Weib ist Felicitas. Und soll's nicht werden. Mein wird Felicitas.« »Niemals!« rief Liuthari, sprang vor und schmetterte seine steinerne Streitaxt auf den prachtvollen ehernen Helm, daß er, wo der Helmbusch angefügt war, zerbarst, und in Stücken vom Haupte seines Trägers fiel. Aber ach! Unversehrt war dieses Haupt geblieben, während die Streitaxt, mit höchster Kraft in die Erzwölbung geschlagen, am Schaft abbrach. Einen Augenblick stand der Getroffene wie betäubt von dem Gedröhn dieses Streiches. Aber sogleich ersah er, wie sein Gegner, nun völlig wehr- und waffenlos und doch das Antlitz nicht zur Flucht wendend, vor ihm stand. Mit einem wildgellenden, tigerhaften Aufschrei, in welchem Mordlust und Rachefreude schrill zusammenklangen, ließ er den Schild gleiten, holte mit dem kurzen breiten Römerschwert zum Stoß aus und sprang mit dem Ruf: »Mein ist Felicitas!« auf den Germanen. Aber bei jenem ersten Aufschrei hatte Liuthari rasch, mit beiden Händen vorgebeugt, die Ferse des zurückgenommenen linken Fußes leicht erhebend, eine der vor ihm liegenden Marmorquadern ergriffen: und nun warf er sie, über seinem Haupte einmal hoch sie schwingend, mit dem Rufe »Felicitas!« mit beiden nervigen Fäusten, wohl gezielt, dem Heranspringenden gegen die helmlose Stirn. Dumpf stöhnend, klirrend in seinen Waffen, stürzte der Angreifer auf den Rücken: das Schwert entfiel seiner Hand.

Schon kniete Liuthari auf seiner Brust, faßte die entsunkene Klinge und zückte sie, ihm die Kehle zu durchstoßen. Aber der Gefallene atmete nicht mehr: er war tot.—

Liuthari erhob sich, warf das Schwert von sich und sah stolz auf die drei erschlagenen Feinde: »Für Felicitas!« sprach er. »Jetzt—zu ihr: ich glaub',—ich hab's verdient.«—

Er kniete an dem neben ihm rinnenden Brünnlein nieder, wusch die schmerzende, stark blutende Wunde des rechten Arms, riß von dem Linnenmantel des toten Centurio einen breiten Streifen ab, band ihn fest über die Wunde und schritt leisen, elastischen Ganges den langen Weg durch den Garten zurück nach dem Hause.


Neunzehntes Kapitel.

Angelangt schob er vorsichtig den gelben Vorhang der äußeren Thüre zur Seite, das Mondlicht in den dunkeln Speisesaal fallen lassend. In dem Eingang zu dem Schlafzimmer, vor dessen rotem Vorhang, lag Haduwalt—schnarchend: neben ihm, auf die Seite gelegt, leergetrunken, die Amphora.

Leise, leise auf den Zehen trat der Jüngling, klopfenden Herzens, vor ihn und teilte behutsam die beiden Hälften des roten Vorhangs auseinander. Da gewahrte er—mit Lächeln sah er's—die kunstvolle Vorrichtung des ausgespannten Fadens: wohl haftete er noch an des Wächters Ledergurt: aber die Hand der Schläferin hatte sich geöffnet: der Knäuel lag auf dem Schemel vor ihrem Lager.

Mit hohem Schritt trat Liuthari über den Alten hinweg, in das Schlafgemach hinein. Oberhalb des Kopfendes des Lagers, in einer Wandnische, stand die kleine thönerne Lampe: sie goß ihr mildes Licht über das Pfühl. Bei ihrem rötlichen Schimmer erblickte er den Säugling neben dem breiten Ehebett in strohgeflochtner Wiege. Die wunderschöne Schläferin aber hatte das reiche, hellbraune Haar gelöst: es flutete über die beiden nackten Schultern und den herrlich gewölbten, obzwar so zarten Busen, unter welchen die Wolldecke halb herabgeglitten war. Den blendend weißen linken Arm hatte sie zwischen Hinterhaupt und Nacken geschoben: die rechte Hand deckte, wie beschützend, die linke Brust. Ganz dicht trat nun der Lauscher heran.

So hinreißend schön hatte er die Wache nicht gesehn—: und die strenge Hut, die diese ernsten Augen, wenn voll aufgeschlagen, übten, war ja nun entschlummert.—Die vollen Lippen waren halb geöffnet: er sog den süßen Atem ihres Mundes. Der Jüngling bebte vom Wirbel bis zur Sohle. »Nur Einen Kuß!« dachte er. »Und sie soll nicht davon erwachen.«

Schon beugte er sich sacht auf ihr Antlitz nieder: da bewegten sich die schönen Lippen im Schlaf und zärtlich sprach die Schlummernde: »Komm, o mein Fulvius, küsse mich!«—

Wie vom Blitz getroffen wandte sich Liuthari, sprang mit einem leisen Satz über die Schwelle und den Schläfer hinweg, mit einem zweiten die Stufen hinab in den Garten, schlug beide Hände vor die Augen und flüsterte: »O welchen Frevel hätt' ich fast begangen!« Er glitt nieder auf ein Knie und barg das fieberheiße Haupt in dem tauigen Grase: Reue, Schmerz, ungestillte Sehnsucht wogten in ihm zusammen und lösten sich alsbald wohlthätig in einem Strom von Thränen.

Lang lag er so.

Endlich machte die Jugend des Erschöpften, Verwundeten sich heilsam geltend: er sank in tiefen, traumlosen Schlaf.


Zwanzigstes Kapitel.

Als am andern Morgen die Sommersonne prachtvoll aufstieg über Juvavum und die Goldamsel ihr flötend Tagelied begann, sprang jung Liuthari empor:—ein genesener Mann: und ein reiferer. Die Wunde im Arm schmerzte nicht mehr und seine Phantasie, die unvergleichlich stürmischer als sein Herz erregt gewesen, war beschwichtet. Nicht mehr unzufrieden mit sich selbst, freudig, gefaßt schritt er, nachdem er in dem Gartenbrunnen das Antlitz gekühlt, sorgfältig die verbundene Armstelle unter dem weißen Mantel verbergend, die Stufen des Vorsaals hinauf. Hier empfing ihn Haduwalt, gähnend beide Arme gen Himmel reckend, mit den Worten: »Aber du hast lang geschlafen! Und ich—ich glaube, ich habe die ganze Nacht kein Auge zugethan.« »Aber vielleicht die Ohren!« lachte Liuthari. »Wo ist die Hausfrau? ich habe Hunger.« »Hier bin ich!« rief Felicitas. »Gleich bring' ich frisch gelegte Eier und Milch und Honig. Philemon melkt schon die Kuh auf der Wiese hinter dem Haufe. »Denkt nur,« sprach sie, nun aus dem Vorhang tretend und jedem der beiden Gäste eine Hand reichend, »in aller Frühe, sobald die Thore wieder geöffnet waren, kam der alte Sklave aus der Stadt auf dem Wiesenweg zurück und weckte mich, an die Hinterthüre pochend. Ich hatte so fest geschlafen.« »Und Wohl süß geträumt?« lächelte Liuthari. »Ja: wie immer, wenn ich träume: von Fulvius. Philemon hat zwar den Herrn nicht gefunden: aber ich bin doch guten Mutes: die Toten und die Verwundeten alle hat der fromme Johannes zusammenbringen lassen: jene vor, diese in der Kirche: Philemon hat sie genau gemustert: Dank dem Himmelsgott, den Heiligen und den guten Genien: mein Fulvius ist nicht darunter.« Und sie setzte sich zu den Gästen.

Philemon brachte die schäumende, warme Milch im bauchigen Kruge: er warf verwunderte Blicke auf die beiden Germanen, welche die Herrin ihm als Schützer, nicht als Feinde, bezeichnet hatte und ging wieder in das Hinterhaus. Felicitas folgte ihm, das Kind, das erwacht schien, zu holen.

»Sage 'mal, grimmer Lehr- und Waffenmeister,« hub jetzt Liuthari an, »willst du in deinen alten Tagen noch weibliches Geschneider lernen? Und die Künste des Garns? Was hast du denn da an deinem Gürtel für einen Knäuel nachschleifen?« Ganz betroffen sah der alte Hüne auf seinen Bauch hinab und auf den langen, langen Faden, der sich, mäandernd, um seinen ungeschlachten Fuß gewickelt hatte.

»Das? Oh, das ist nur etwas zwischen der Hausfrau und mir, sie hat mich so lieb gewonnen—viel lieber als dich!—und damit ich ihr nicht entliefe, hat sie mich festgebunden an ihrem Lager.«—»Du wolltest mich ja bei meiner Mutter verklagen—!«—»Ja, wenn ich nicht gewacht hätte, wer weiß ...—!«

»Nun werde aber ich dich bei deiner Hausfrau Grimmtrud, der gestrengen, beschuldigen, daß du dich an das Lager junger Schönen binden laßt.« Der Jüngling bückte sich, riß den Knäuel ab und steckte ihn in sein Wams. »Den Faden verwahr' ich,« fuhr er ernst fort, »als Andenken an eine Stunde, da Haduwalt schlief, der Faden lose zu Boden lag, Liuthari aber wachte—für drei.«

Da trat Felicitas, das Kind auf dem Arme, wieder ein. »Der Tag steigt,« seufzte sie, »und mit ihm steigt doch meine Angst. Mein Fulvius, wo magst du sein?« »Hier bin ich,« rief eine fröhliche helle Stimme und durch den Außenvorhang flog der Ersehnte herein. Mit einem seligen Schrei sprang Felicitas auf: er schloß zärtlich Mutter und Kind in die Arme.

Liuthari erhob sich: er sah ohne Schmerz auf die beiden und offnen, frohen Blickes auf den heimgekehrten Gatten. Staunend trat dieser einen Schritt zurück, den schönen Jüngling mit den Augen messend: heißer Schreck durchzuckte ihn einen Augenblick: aber die Furcht schwand, flüchtig wie ein Wolkenschatte, da er in seines Weibes ruhiges, glückverklärtes Antlitz sah.

»Wie es mir ergangen, Geliebte? Vorgestern in den Schuldturm gesperrt,—gestern früh durch Severus befreit—mit zum Kampfe geführt,—mit geschlagen, mit geflohen, mit verfolgt, in den Fluß gefallen,—fortgerissen, halb betäubt endlich ans Ufer gelangt—von andern Reitern gefangen, in die Stadt geführt und heute morgen—gerettet durch ein Wunder des Herrn oder des heiligen Petrus: ich weiß es nicht.«—»Ein Wunder? O Dank der Gnade des Himmelsgottes. Er hörte mein Gebet! Aber welch' Wunder?«—»Johannes, der nimmer in Sorge für die Seinen ermattet, bat den Herzog der Barbaren schon gestern Abend, er möge alle kriegsgefangenen Bürger von Juvavum freigeben. Der Gewaltige erwiderte, gern wolle er ledig lassen die auf seinen Teil an der Beute Fallenden. Aber seinen Kriegern könne er die ihnen gehörigen Gefangenen nicht nehmen, nur etwa abkaufen—ganz anderes Recht gilt doch bei Germanen als bei uns!—und er habe nicht Lust, dazu seinen Hort auszuschöpfen. So wurden denn schon in der Nacht manche von uns frei: ein viel größerer Teil aber blieb, wie ich, verknechtet. Da erschien bei Morgengrauen Johannes abermals auf dem Kapitol, wo der Herzog seinen Sitz aufgeschlagen und—kaufte uns alle frei! Du staunst: du fragst, woher der Mann, dem nichts zu eigen als Rock und Stab, so viel des Geldes nahm? Ja, das ist eben das Wunder! Als er, betrübt über der Gefangenen Los, in seine Basilika zurückkehrte, fand er in einer alten Gruft unter dem Kirchenboden einen Sack voller Goldstücke und zumal ein Beutelchen mit Edelsteinen, reich genügend, uns alle loszukaufen. Woher aber dieser Schatz kam? Niemand weiß es. Der Engel des Herrn hat offenbar des Johannes Gebet erhört und die Schätze gebracht. Ganz Juvavum staunt das Wunder an. Und ich gelobe dir, du Fromme, fortab will auch ich gläubiger als bisher auf des Johannes Worte hören. Aber dir, Geliebte! welche Schrecken drohten dir!« »Doch hat mich nichts betroffen, dank dem Himmel, dank diesen unsern Gästen und vielleicht,« fügte sie lächelnd bei, »dank deinem Spruch in der Eingangsplatte: er hielt das Unheil ab.«

»So weißt du, wer sie überschreiten wollte?«—»Wie sollte ich? Ich habe das Haus nicht verlassen.«—»Dann ahnst du nicht, wie wahr du sprachest! Höre und atme auf: als ich soeben, von der Stadt her fliegend, mich dem Hügel nähere, find' ich an dem Meilenstein drei Rosse angebunden und darunter—ich kenne ihn allzugut,—den Rappen des Tribuns! Voll Schreck spring' ich an unser Thor: da liegen,—o höchst grauenvoll!—erschlagen zwei Mauren und—gerade über der Schwelle, auf dem Rücken, hingestreckt, der furchtbare Tribun mit zerschmettertem Schädel! Sein Gesicht war halb verdeckt von der Inschriftplatte, und tief in seinem Schädel stak, abgesprengt, das Eckstück des Steins! Den Niebezwungenen hat dieser Stein gefällt. Aber wessen Arm hat ihn geschleudert?«

Da zog der alte Habuwalt, der bei der ersten Erwähnung des Kampfes, ahnungsvoll, in seines jungen Herrn abgewandtes Gesicht geschaut hatte, den weißen Mantel von dessen Schulter, wies auf das blutige Band und sprach, »Dieser Arm!—Und ich—! o Liuthari, mein Liebling,—ich lag derweil und schlief.« »Ziemlich fest,« lächelte dieser und fuhr zu dem Hausherrn gewendet fort: »Ja: ich habe ihn erschlagen, jenen sehr tapfern Mann. Er wollte hier eindringen und ...—« »Felicitas rauben!« rief der Gatte, die nun furchtbar Erschrockene an sich schließend. »O Herr, wie können wir dir danken!« schloß er.

Felicitas aber versagte das Wort: sie richtete nur einen in Thränen schwimmenden Blick auf ihren Retter: so schön war sie auch in der Nacht nicht gewesen. »Dank!« lachte Liuthari, »ich focht für mein Leben! Aber horch! Wer kommt da?« Schritte von Gewaffneten ertönten im Garten und herein trat, begleitet von fünf Gefolgen, Garibrand der Herzog.

»Ein gut Stück Arbeit habt ihr beiden aufgehäuft da draußen, vor dem Eingang. Der Tribun, den wir überall gesucht, er fiel—gewiß von deiner Hand. Find' ich dich endlich, junger Held? Willkommene Kunde bring' ich dir. Ein Bote deines Vaters sucht dich. Gefallen ist die Römerburg am Regenfluß: mein Vetter, Herzog Agilolf, und dein Vater haben die Verlobung abgeschlossen: Agilolf lädt dich in seine Halle: dein harrt Adalagardis, das schönste Fürstenkind Germaniens.« »Heil dir, mein Königssohn, das ist dein Lohn für diese Nacht,« rief Haduwalt. »Verlobung? Ich sah sie nie!« meinte Liuthari zögernd. »Verlobung—nun—wenn ihr euch gefallt!« sprach der Herzog. »Er wird ihr schon gefallen,« lachte Haduwalt, dem Errötenden auf die Schulter klopfend. »Und ich hoffe—jetzt erst recht,« flüsterte er heimlich in sein Ohr, »sie: die Schöne, die du lieben darfst!—auch dir.« »Wähle nun,« fuhr der Herzog fort, »was von der Beute du verlangst. Euch Alamannen—dir vor allem—danken wir den Sieg.« »Ich folge dir,« sprach Liuthari, mit raschem Entschluß sich erhebend. Hilf mir, alter Freund!« Der Waffenmeister half ihm die Brünne schnallen: der Jüngling hob den stolz geschweiften Römerhelm mit den ragenden Reiherfedern auf das schöne Haupt.—Prachtvoll, von edlem Hochgefühl das freudige Antlitz verklärt, stand der Königsjüngling da. »O nun ist alles gut,« jubelte Fulvius. »Erschlagen liegt der Tribun: tot ist, von unbekannter, wohl seiner Sklaven, Hand ermordet, Zeno der Wucherer: so sagte mir Johannes. Kein Kaiser sitzt mehr zu Ravenna: so versicherte uns schon gestern Morgen dieser junge Held. Jetzt bin ich aller Schulden an den Fiskus frei.«

»Dieses nun zwar weniger,« lachte Liuthari. »Hier, jener mächtige Herzog, ist an des Kaisers Statt getreten:—sein Schuldner bist du nun.« Da griff Fulvius ängstlich hinter das rechte Ohr und sah verzagt zu dem Gewaltigen hinauf. »Bange nicht!« fuhr Liuthari fort. »Ich erbitte, als ein Stück meines Beuteteils, hier diese Villa, Herzog Garibrand, und was dazu gehört an Land. Und frei von jeder Schuld.« »Es sei, wie du gesagt,« antwortete der Bajuvare. »Und euch beiden, Fulvius und Felicitas, schenk' ich dies freie Eigen vor diesen sieben freien Männern als Zeugen. Ihr Eid soll euch helfen, bestreitet euch jemand Recht und Gewere.«—»Dank, Herr, Dank.« »Du bist doch Fulvius, der Steinmetz?« fiel der Herzog ein. »Der Priester Johannes hat mir dich als treu und brav empfohlen: bewährst du dich, will ich dich zum Verwalter setzen über meine Hufen vor diesem Thor.«

Da trat Felicitas, nach kurzem Flüstern mit ihrem Gatten, das Kind auf dem Arm, vor Liuthari hin, errötete leicht und sprach: »Herr, wer so viel giebt wie du,—der muß noch mehr geben. Unser Söhnlein hier darbt noch des Namens. Nächsten Sonntag sollte ich ihn Johannes an das Taufbecken tragen in die Basilika. Wie soll der Knabe heißen?« »Felix Fulvius,« sprach der Königssohn, gerührt die Hand auf das winzige Köpflein legend, »und:—Liuthari: damit doch mein Name manchmal noch an euer Ohr schlage. Aber, wer einen Namen,—der giebt auch ein Geschenk: so will's Germanenbrauch. Hier, junge Hausfrau, nimm diesen Ring. Ich streifte ihn vor Jahren einem Patricius vom Finger, den ich im Kampf erschlug. In Augusta Vindelicorum sagten die Händler, er sei so viel wert, wie ihre halbe Stadt. Das ist ein Schatzstück für den Fall der Not!—Und nun lebt beide wohl.«

»Halt!« rief da Haduwalt,—»so nimmt man nicht Abschied—: Abschied fürs Leben. Du fragtest, Steinmetz, wie du dem Helden danken kannst? Laß dein junges Weib ihm einen Kuß geben:—glaub' mir:—er hat's verdient—: er ist ein wackrer Bub!«—Fulvius führte die Errötende ihm zu. Liuthari drückte einen Kuß auf die weiße Stirn und rief: »Leb wohl, du Holde, auf immerdar!«—Und schon war er hinaus: der Vorhang rauschte hinter ihm. Die übrigen Germanen folgten: vor dem Garteneingang stiegen alle auf die mitgeführten und die römischen Rosse und eilig sprengten sie zurück nach dem vindelicischen Thor.—

Das erste, was Fulvius that, nachdem er mit Philemon die drei Toten zur Seite geschafft, war, daß er den Stein mit der Inschrift sorgfältig wieder in den Estrich des Eingangs fügte: die abgesprengte Ecke ließ er unersetzt: »Sie soll uns,« sagte er, »als ein Wahrzeichen mahnen immerdar, wie wirkungsreich der Spruch gewesen ist.«

Und der Spruch,—er hat sich bewährt der Gatten ganzes Leben lang. Kein Unheil drang über diese Schwelle, so lange beide hier wohnten. Blühende Söhne und Töchter wuchsen noch hinter Felix Fulvius Liuthari heran. Niemals befiel sie, Eltern und Kinder, Krankheit, ob böse Seuchen in Juvavum wüteten und in den Villen des Vorlands. Der Ivarus trat gar oft aus, seine Wogen und das Verderben über Menschen, Tiere, Häuser, Saaten schüttend: vor diesem Thore, vor dem Mercuriushügel machte er jedesmal Halt. Ein Bergrutsch verschüttete die Nachbargärten links und rechts: ein mächtig Felsstück prallte dabei bis auf den Spruchstein:—und zerbrach hier harmlos in tausend Splitter.—

Fulvius aber ward »Villicus« aller herzoglichen Güter um Juvavum und stand wegen Einsicht und Treue hoch in Gunst bei Herzog Garibrand. Als er und seine Felicitas ganz alte Leute geworden, wohl achtzig Jahre, aber frisch und rüstig, saßen sie eines Juniabends Hand in Hand im Garten: sie hatten sich eine Bank zimmern lassen dicht hinter dem Garteneingang, so daß ihre Füße auf dem Spruchsteine ruhten.

Da saßen sie und dachten vergangener Zeiten. Sanft sang die Goldamsel im nahen Buchwald. Aber allmählich verstummte sie. Denn es war schwül geworden' ein Gewitter zog auf. Es blitzte heftig und donnerte. Die Kinder wollten ihre greisen Eltern in das Haus führen.

Aber da Felix Fulvius Liuthari, vor den andern, sie erreichte, fand er beide tot. Ein Blitzstrahl hatte beide getötet. Sie hielten sich noch Hand in Hand und lächelten: als wollten sie sagen: »Dieser Tod, der also kam, war kein Unheil, sondern ein Heil.«


ENDE


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Non sibi sed omnibus
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